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Full text of "Der Querschnitt. Vol. 7/2"

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MSG1LL 

UNIVERSITY 

LIBRARY 













DER 

QUERSCHNITT 


Band 7/2 
1927 


KRAUS REPRINT 

Nendeln / Liechtenstein 
1970 


Ui3y 


Reprinted by permission of Verlag Ullstein GmbH., Berlin 

by 

KRAUS REPRINT 

A Divison of 

KRAUS-THOMSON ORGANIZATION LIMITED 
Nendeln/Liechtenstein 
1970 

Printed in Germany 


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GALERIE 

FERD. MÖLLER 

BERLIN JV3S, SCHONEBERGER UFER 38 

(an der Bendlerbrü cke) 

Fernsprecher : Lüttow 98 12 


* 


Die erste Ausstellung in Jen neuen 
Räumen ist eröffnet; gezeigt wird eine 
Sammlung zeitgenössischer Kunst mit 
Sonderausstellungen und E-inzelwerken 


"t- 


Geöffnet täglick von 9 - 6 Ulir 


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£33RE 



PORTAL DES KUNSTPALASTES 


DÜSSELDORF, DIE SCHÖNSTE MODERNE GROSSSTADT 

AM RHEIN 


GROSSE DEUTSCHE KUNSTAUSSTELLUNG / DÜSSELDORF 1928 






DER QUERSCHNITT 

VII. Jahrgang Heft 7 

INHALTS-VERZEICHNIS 

Florent Fels 1827—1927: Victor Hugo 

und die französische Romantik 

Zita Jungman-Guinness English Girls 

Benjamin James Die spanische Frau 

Otto Cartellieri . Vom Hofe der Herzoge von Burgund 

Augusta v. Oertzen Das Nebelderby von 1927 

Maurice Dekobra . . . Psychologie der Eisenbahnen und 

Metaphysik der „Palace-Hotels“ 

Thomas Schramek Zwei indianische Märchen 

Peter Supf Gedichte 

Bernhard Schroeder-Wieborg .... Jagd in Südamerika 
Dorothea Hofer-Dernburg .Junge Tiere im Berliner Zoo 
Mattheo Quinz Die Rechenmaschine Emanuel Steiner 

Alain de Leche Maurice Chevalier 

Tilla Durieux Meine Haustiere 

Bücher-, Schallplatten- Querschnitt 

Marginalien 

Mit vielen Abbildungen 
im Text und auf Tafeln 


Beilagen: Die wichtigsten Auktionspreise (Verzeichnis 11) 

* 


Umschlagbild nach einer Radierung von Renee Sintenis 
(Mit Genehmigung von Fritz Gurlitt) 

PREIS DES HEFTES 1,50 GOLDMARK 


Verantwortlich für die Redaktion: H. v. Wedderkop. Berlin. — Verantwortlich für 

die Anzeigen: Hans Scheffler, Berlin 

Verantwortlich ln Österreich für Redaktion: Ludwlß Klinenberger. für Herausgabe: Ullstein <t Co.. G.m.b H.. 
Wien. I.. Rosenbuxsenstrabe 8. - ln der tschechoslowakischen Republik: Wilhelm Neumann, Prag 



32Ct 


Wenn der Mensch nicht täglich gegen die Naturgesetze durch Ernährungs- und Genußsünden 
verstoßen würde, hätte er sein Lebensschicksal bis ins hohe Alter ganz in der Hand. Das 
Lebensalter des Menschen beträgt naturgesetzlich das Sechsfache seines Wachstums von 
25 Jahren, also 150 Iah re. Als Folge unserer täglichen Kultursünden drückt sich der Stempel 
in Form vorzeitiger Alterssymptome auf den äußeren und inneren Menschen deutlich ab. 

Der Mensch ist alt - schon in der Jugend - wenn das Blut mit Selbstgiften beladen, 
die Verdauung träge, der Körper mit Darmgiften verunreinigt ist, wenn das Drüsen- 
System schwer belastet und das Herz geschwächt ist. In unseren Gesichtszügen 
finden wir das Spiegelbild von Ursache und Wirkung. 

Der Mensch ist iung - auch im Alter - wenn der Körper, das Blut, der Darm rein, 
das Herz gesund ist, wenn die Drüsen frei und funktionstüchtig sind. Die Schilddrüse, das 
Geschlechtsdrüsensystem, Leber, Nieren usw. können in einem verunreinigten Körper nicht 
normal funktionieren. Wer die Richtigkeit dieser Binsenwahrheit erkannt hat, der verjüngt sich 
auf natürlichem Wege mit 

einer indischen Beerenfrucht mit ausgesprochenen Reinigungs-, Entgiftungs- und Verjüngungs- 
eigenschaften. Die Beere wird instinktiv von alternden Tieren der Wildnis (Elefanten, Papageien) 
aufgesucht. Man führt das hohe Alter dieser Tiere auf den Genuß der Lukutate-Beere zurück. 
Lukutate verjüngt die Blut- und Geschlechts - Drüsen ; hebt dadurch die sexuellen Kräfte auf 
natürliche Art; unterstützt wie kein anderes Mittel die entgiftenden Funktionen der Leber, Galle 
und Nieren; stärkt die Herztätigkeit; verjüngt und entgiftet den ganzen Organismus. Lukutate 
ist Natur, keine »Kunst*, und dient als einfache Vor- und Nachspeise und als Brotaufstrich. 
Man wählt je nach Geschmack oder wechselt: 

1. Lukutate-Gelee-Früchte, die sulie Geschmacksform . . . . M 3.60 

2. Lukutate^ Bouillonwürfel, für den, der .süß. nicht mag. 


sowie für Korpulente und Diabetiker M 3.60 

5. Lukuiate-Mark, Marmelade als Brotaufstrich etc. . . M 3.60 

4. Lukutate-Bccrensaft, (mit indischem Rohrzucker) M 2.60 


In allen Apotheken, Drogerien, Reformhäusern erhältlich. Literatur durch die Fabrik kostenfrei 

WILHELM HILLE ! R / HANNOVER 

CHEMISCHE UND NAHRUNGSMITTEL« FABRIK 

zugleich Hersteller der Brolella-Darm-Diät nach Prof. Dr. Gewecke. 


























Julius Elias t 


l’hoio d’( >ra, W ien 



Nowak 


1827-1927 
VICTOR HUGO 

UND DIE FRANZÖSISCHE ROMANTIK 

Von 

FLORENT FELS 

J oseph Leopold Sigisbert Hugo wurde 1774 in Nancy geboren. Er 
war der Sohn eines Schreiners, wurde 1788 Soldat und war mit der 
Armee am Rhein, in der Vendee und in Italien. Er war es, der die be- 
rühmte kalabresische von Fra Diavolo angeführte Räuberbande zer- 
sprengte. Er war der Autor eines Romanes, „Abenteuer in Tirol“, und 
zahlreicher militärischer Werke. Er war auch der Autor dreier Söhne, 
dreier Schriftsteller: Abel, ein Memoirenschreiber Eugen, und ein Poet 
Victor . . . 

Victor Hugo kam in Besangon im Jahre 1802 zur Welt und starb 
1885 in Paris. Sein Vater schleppte ihn von Feldlagern in Garnisonen. 
Man bestimmte ihn für die militärische Karriere. Im Alter von 
13 Jahren hatte er Oden, Satiren Episteln und eine Tragödie ge- 
schrieben. 


487 


Er veröffentlichte sein erstes Buch ,,Les Ödes“ 1822. Im Jahre 
1827 das Drama „Cromwell“. Seine Vorrede wurde das Manifest der 
romantischen Kunst in Frankreich. 

* 

Für die Menschen meiner Generation (zwanzig Kriegsjahre, gnädige 
Frau) war Victor Hugo ein ziemlich langweiliger, ziemlich spruch- 
reicher, bärtiger alter Herr, der sich mit allem abgegeben hatte: Philo- 
sophie, Roman, Theater, Politik, und dessen Absichten unter einem 
Schwall von Bänden verschwanden. 

Heute erscheint er uns als einer jener Männer, wie sie es nicht mehr 
gibt. Man findet noch Blumen, aber die Wälder sind gefällf. 

Da ich mit einigen großen Persönlichkeiten unserer Zeit: Maurice 
Barres, Marcel Proust, Guillaume Apollinaire, Henri Matisse, Maurice 
de Vlaminck, Andre Derain und Picasso verkehrt habe, kann ich be- 
haupten, daß solche Musterexemplare des Menschengeschlechts wie 
Balzac, Alexandre Dumas und Victor Hugo einer Gattung anzugehören 
scheinen, deren Ausmaß, deren vitale und schöpferische Potenz außer- 
halb unserer jetzigen Größenverhältnisse ist. Es waren die letzten 
Riesen. Vielleicht existieren noch Heroen. Aber sie wenden sich 
anderen Betätigungen zu, und manchmal nur stellen wir Wirkungen ihrer 
Aktivität fest, in der Luftschiffahrt, in den Trusts, den Revolutionen 
und den Kriegen. Sie übermitteln nicht den wägbaren Ausdruck ihrer 
Mächtigkeit auf eine leicht faßliche Art. Sie bleiben im Abstrakten der 
Formeln und Ziffern. Ein Städte-Erbauer ist vielleicht ebensoviel wie 
ein Dichter. Aber er fällt noch nicht in die Kapazität unserer Sinne, 
und wir lassen uns weiter von dem Glauben fesseln, daß die Schöpfung 
des Geistes vor allen materiellen Realisationen den Vorrang habe. 

Hugo hat die Romantik nicht geschaffen. Aber sein Oeuvre ist ihr 
populärer Ausdruck. Er arbeitet im lebenden Material, und von allen 
Menschen seiner Zeit ist er derjenige, der die Epoche mit ihren Vor- 
zügen und mit ihren Schwächen am treuesten spiegelt. 

* 

,,Die Vorrede zu Cromwell“, hat Theophile Gautier gesagt, „strahlte 
in unseren Augen wie die Gesetzestafeln auf dem Sinai, und gegen seine 
Argumente gab es nach unserer Mei-nung keinen Widerspruch.“ 

Das Manifest ist ganz geladen mit jenem groben, gesunden 
Menschenverstand, den Victor Hugo bei einem Gegenstand, der ihn 
lockt, niemals zu bekunden verfehlt. Dadurch ist er dem Mann aus dem 
Volke liebenswert, der für einfache Gedanken schwärmt, auch wenn sie 
falsch sind. Der Dichter führt die Kunst auf drei Phasen zurück: die 


488 


Urzeit, die in der Genesis zum Ausdruck gelangt, die Antike, die in der 
Ilias ihre Form findet, und die Neuzeit, die sich im Christentum ver- 
körpert. Die christliche Religion „ist vollständig, weil sie wahr ist“ (?); 
sie lehrt den Menschen, daß er zwei Leben zu leben hat, ein vergäng- 
liches und ein unsterbliches. Sie zeigt ihm, daß er „doppelt ist wie sein 
Schicksal.“ Und das ist die ganze Ethik der französischen Romantik! 



Irene Hirsch-Patzelt 


Eine geliebte Frau wird je nach Zeit und Umständen ein Engel oder 
ein Dämon sein. Im allgemeinen ein Engel vorher . . . ., und ein Dä- 
mon, wenn Herr Hugo ermüdet ist, was übrigens ein recht, recht 
schwieriges Unternehmen für seine Partnerinnen ist. Als er schon Pair 
von Frankreich war, feierten seine Kollegen noch seine „Mannheit“ 
und neideten sie ihm. Als er nach 1870 nach Paris zurückkommt, 
wählt er mit Vorliebe das Omnibusverdeck für Spazierfahrten. Be- 
trachtet der Poet Paris? Seine Freunde geben zu, daß er hinaufstieg, 
um den Grisetten zu folgen, und daß er nach den niedlichen Beinen 


489 



unter den hübschen Unterröcken schielte, wenn sie die kleine Treppe 
emporkletterten. Unterwegs schnitt er dann diesen Mädchen die Cour 
und blieb nicht dabei, sondern ging in seiner Unternehmungslust recht 
weit. 

Er hatte seiner Braut versprochen, ihr „einen reinen Körper und ein 
jungfräuliches Herz“ mit in die Ehe zu bringen. Mit zwanzig Jahren 
schrieb er ihr: „Ein junges Mädchen, das einen Mann heiratet, ohne , 
dank der Prinzipien und des ihr bekannten Charakters dieses Mannes, die 
moralische Sicherheit zu haben, nicht nur, daß er solide ist, sondern auch 
jungfräulich — ich gebrauche das Wort ausdrücklich in seiner vollsten 
Bedeutung — , ebenso jungfräulich wie sie selbst .... ein solches Mädchen 
zväre für mich nur eine ordinäre, uni nicht zu sagen vulgäre Frau.“ In 
Adele, seiner Zukünftigen, sieht er „einen Engel, eine Fee, eine Muse“. 

Als im Jahre 1832 Adele mit dem Kritiker Sainte-Beuve einen 
kleinen Seitensprung gemacht hat, zögert der Dichter nicht, seine 
Fesseln zu lösen. Er verbindet sich, und zwar für fünfzig Jahre, mit 
der Schauspielerin Juliette Drouet. „Der Kopf von Fräulein Juliette“, 
schreibt Theophile Gautier, „zeigt eine regelmäßige und delikate 
Schönheit, die sie für das Lächeln der Komödie geeigneter macht als 
für die Verkrampfungen desDramas.“ Hugo hatte sie auf einem Künstler- 
ball getroffen. Aber er verliebte sich erst richtig in sie während der 
Proben zu seiner Lucretia Borgia im Theater de la Porte Saint-Martin, 
wo sie die Prinzessin Negroni verkörperte. Ihre erste Liebesnacht war 
im Carneval. Draußen hörte man Paris lachen und singen und die 
Masken tollten vorbei. 

Die Hitze seiner lyrischen Begeisterung hindert Victor nicht, grau- 
sam gegen seine Maitresse zu sein. Er peinigt sie mit ihrer Vergangen- 
heit, mit der Erinnerung an ihre Liebhaber, den Bildhauer Pradier, den 
Fürsten Demidoff, der sie ausgehalten hatte. „Ich werde dich mit einem 
einzigen Worte charakterisieren, meine arme Freundin. Ein Engel in 
einer Hölle!“ Weint sie? Jedenfalls nennt er ihre Tränen die „Perlen 
der Liebe“ und — ist getröstet. 

Bis in sein spätes Alter bewahrt er sich seinen Appetit. Eine junge 
Frau von achtzehn Jahren kommt, ihn flehentlich um seine Intervention 
zur Rettung ihres Mannes zu bitten. Er geht darauf ein, aber nachdem 
er sich unter den Tränen der Frau mehr genommen hat, als man im 
allgemeinen einem Wohltäter bewilligt. 

Als Greis schnitzt er Möbel, ißt für vier und setzt seine Enkel in Er- 
staunen, weil er sich eine Orange im ganzen in den Mund stopft und 
mit seinen Kiefern zermalmt, seinen „Löwenkiefern“, wie die roman- 
tischen Dramaturgen sagten. 

* 


490 



Julius Kroll 

1826 veröffentlichte Victor Hugo einen Roman, den er im Alter von 
sechzehn Jahren geschrieben hatte, ,,Bug-Jargal“, ferner die ,,Oden und 
Balladen“. Er arbeitete an seinem Cromwell, von dem er mehrere 
Szenen dem großen Tragöden Talma vorlas, der die Rolle nach seinem 
Wüchse fand. Im Cromwell will Hugo, ganz verliebt in Shakespeare, 
„das Dunkel mit dem Lichte, das Groteske mit dem Erhabenen, den 
Körper mit der Seele und das Tierische mit dem Geistigen“ vermischen. 
Das alles in einer schönen Unordnung, die das Charakteristikum der 
französischen Romantik ist. Sie hat nicht jenes Maß, zu dem die nicht 
weniger lyrischen aber kälteren germanischen Schriftsteller mit Leich- 
tigkeit gelangen. Das Gleichgewicht zwischen dem Erhabenen und dem 
Grotesken stellt sich schwer her, und noch die Heroen erliegen leicht 
dem letzteren. Man muß übrigens die Werke Hugos leidenschaftlich 
wälzen, um plötzlich, nach mühsamer Lektüre, auf Stücke von reiner 
Empfindung und unleugbarer Schönheit zu stoßen wie La Tristesse 
d’Olympio oder Oceano Nox. 

Cromwell erschien Dezember 1827. Das Stück folgte nur der Mode. 
Wenn es gälte, die wirkliche Aesthetik der französischen Romantik zu 
suchen, würde man sie viel eher bei klaren, glänzenden und weniger 
umwölkten Geistern als bei dem Gewitterkopf Victor Hugo finden, bei 
Madame de Stael und bei Stendhal. 

Die französische Romantik ist wesentlich deklamatorisch. Ihre 
Menschen sind mit maßlosen Gefühlen aber einer geringen Sensibilität 
ausgestattet. Auf ästhetischem Gebiet brüstet sich die Romantik mit 
zwei Genies: Gericault und Baudelaire. Aber sie hat sie nicht hervor- 
gebracht. Sehr lange vor den Programmen der Aesthetiker haben sie 


491 


sich an jenem grandiosen Wiederaufleben des Barockgeistes entzündet, 
das der Romantik eigentümlich ist. 

Selbst in dem Enthusiasmus unserer zwanzig Jahre und unter der 
Verzauberung des letzten der großen französischen Tragöden, Mounet- 
Sully, gaben uns Hugos Dramen leicht \ eranlassung zum Gelächter. 
Mit einer gewissen Ironie erwarteten wir in ,,Ruy Blas“ oder ,,Hernani 
die klappernden Alexandriner: 

,,Yous etes mon lion superbe et genereux“ 
oder noch besser: 

„Te ne soupqonnais pas ce cabinet, Madame“ 

Uebrigens gewinnt uns die Romantik ein wenig gerade durch ihren 
grotesken Zug wieder für sich. Wir spürten darin ein berichtigtes 
Vergnügen, eine glückliche Entspannung in einer ganz auf den In- 
tellekt, auf die kritische Prüfung, auf die psychologische Spannung 
gestellten Epoche. Seine Biederkeit bezauberte uns, namentlich die 
seiner Dramen ,,La Tour de Nesles“ und ,,La Jeunesse des Mousque- 
taires“, und ich setzte niemand in Erstaunen, als ich die vehementesten, 
warmherzigsten unserer Maler mit Vlaminck als Oberhaupt unter der 
Bezeichnung „Neuromantische Schule“ zusammenfaßte. Diese Roman- 
tiker, Vlaminck, Ronault, Soutine, Per Krogh, Terechkovitsch und 
Gromaire, sind Brüder Ihrer Expressionisten. 

Und zahlreich sind die jungen Schriftsteller, die die rote Weste der 
Löwen der Hernani-Premiere gern hissen würden, an ihrer Spitze Jo- 
seph Delteil, der einen Hugo hat beschreiben können: 

„Ich sehe ihn groß, den Hals zu den Sternen gereckt, mit Kon- 
quistadorenschritt, einer Statur wie Karl der Große und einer Stirn wie 
Herkules, einer Stirn für die Stirnbinden der Antike. Er hat die Seele 
Gargantuas — hat er nicht auf einer herrlichen Seite Rabelais zum 
Leben erweckt? — , einen Körper zum Verschlingen gemacht, einen 
Geist zum Verdauen. Er ist niemals schöner, als wenn er eine Welt zu 
Füßen hat oder eine Nachtigall auf der Hand. Er lacht, er gröhlt, er 
ist einer der seltenen Poeten, die zu lachen verstehen. Er hält die Erde 
um die Taille gefaßt, und ihre Kinder, das Wasser und das Feuer, sind 
seine Enkel.“ 

Henri de Montherlant, der doch romantischen Geistes ist, schreibt: 
„Hugo ist ein Ruhm Frankreichs, aber ich bin der Meinung 
Doumics“, schreibt der Autor der „Bestiaires“, „was seine repräsen- 
tative Geltung betrifft — repräsentativ wofür auch immer — , so ver- 
stehe ich nicht recht, was das heißen soll.“ 

Vorbehalte in der Bewunderung findet man bei Franqois Duhourcan. 
in dessen Augen ,,\ ict.or Hugo allzuoft eher ein geschwollener Dichter 
ist als ein großer.“ 


492 


„Ich lese sehr gern wieder in Victor Hugo'*, schreibt Marcel Arland. 
„Uebrigens: Hat Victor Hugo existiert? Ist er nicht vielmehr ein My- 
thos, ein Symbol, das Symbol des französischen Publikums mit seinen 
Neigungen und Wünschen?“ 

Hätte der Poet nicht existiert, so „würde unserer Literatur etwas 
fehlen“, versichert Henri Duvernois. 

Der Dichter Ferdinand Divoire ist seiner Bewunderung weniger 
sicher: 

„Mit vierzehn Jahren hatte ich Hugo ganz gelesen, von der ersten 
Zeile bis zur letzten“, bekennt er. „Ich möchte lieber meine ersten 
Eindrücke behalten. Verbrennen, was man angebetet hat: Das ist 
traurig. Und Gefahr zu laufen zu lachen .... nein, vermeiden wir das!“ 

Während Andre Maurois, Verfasser des köstlichen „Disraeli“, er- 
klärt: „Ich betrachte Hugo als sehr repräsentativ für eine gewisse Seite 
des französischen Geistes. Wenn ich ihn nicht wieder lese, so haupt- 
sächlich deshalb, weil ich ihn auswendig weiß.“ 

Angesichts so vieler sich widersprechender Meinungen, die offen- 
bar in der Regellosigkeit des Genies Hugos ihren Grund haben — 
Hugos, der das Verdienst hat, die französische Romantik durchgesetzt 
zu haben — , fragt man sich, ob es nicht an der Zeit ist, eine Scheidung 
vorzunehmen zwischen dem Oeuvre des Poeten und dem des Roman- 
ciers mit ästhetischen Prätentionen. Das könnte nicht ohne die Be- 
fürchtung geschehen, daß Hugo einen Teil seiner souveränen Stellung 
verliert und an den gekanntesten und verkanntesten französischen Li- 
teraten vom Anfang des neunzehnten Jahrhunderts abgeben muß, an 
das Weltgenie: Alexander Dumas den Aelteren. 

(Deutsch von Frans Leppmann.) 



Rudolf Schlichter 


ENGLISH GIRLS 

Von 

ZITA JUNGMA N- G UINNESS 

E s ist vielleicht einzig in England so, daß junge Mädchen in ihrer Unab- 
hängigkeit den verheirateten Schwestern vollkommen gleichgestellt, ihre 
Stellung in der Gesellschaft wie abgeschlossene und bestimmt ausgesprochene 
individuelle Persönlichkeiten einnehmen. Ob diese Aktionsfreiheit der Ent- 
schlossenheit der Töchter zuzuschreiben ist oder der Laxheit der Eltern, die von 
ihren eigenen Angelegenheiten in Anspruch genommen sind, oder ob es das 
instinktive Vertrauen beider, der Mutter wie der Tochter, in die Zuverlässigkeit 
des normalen jungen Engländers ist, läßt sich schwer sagen. Wahrscheinlich 
halfen alle diese Tatsachen zusammen, in Verbindung mit der durch den Krieg 
erfolgten Lockerung der althergebrachten Konventionen, der Existenz des eng- 
lischen girls die Freiheit zu verschaffen, deren es sich jetzt erfreut. 

Wir erinnern aber zunächst daran, daß Society in London in ihrer Zu- 
sammensetzung nicht mit der Gesellschaft des Kontinents verglichen werden 
kann. Hier ist es gewöhnlich ein ganz fest umrissener, aus Aristokratie und 
Diplomatie gebildeter Kreis, während bei uns fast jeder Aufnahme finden kann: 
ärmster Adel, reiche Juden, Industrieriesen, Schauspielerinnen, Schauspieler 
und amerikanische „climbers“. Die Gesellschaft setzt sich hier aus Hunderten 
von Zirkeln zusammen, die alle ineinandergreifen, und obwohl jede „Clique“ 
um eine bestimmte Gruppe von Personen kreist, quirlen sie auf den ver- 
schiedenen Bällen, Partien, Routs und Veranstaltungen während der Saison 
und auch sonst im Laufe des ganzen Jahres alle durcheinander. 

Jeder Zirkel hat seine eigene Nuance, und das Debüt eines jungen Mädchens 
steht natürlich unter dem Einfluß von Brauch und Ton des Kreises, dem ihre 
Eltern angehören. Trotzdem kann jedes Mädchen, gleichviel ob ihre Eltern 
sich in der fashionabelsten oder der bohemehaftesten Gesellschaft bewegen, bei 
ihrem Eintritt in die Gesellschaft, ihre Stellung irgendwo unter Gleichaltrigen 
finden und mit Leichtigkeit ihr Leben so vollkommen von dem ihrer Eltern 
emanzipieren, daß sie ihnen jahrelang in Gesellschaft nicht zu begegnen braucht. 
Allerdings geht heute die Neigung der Mütter wieder weit mehr auf strenge 
Behütung als vor drei oder vier Jahren, und man gewöhnt sich allmählich 
wieder daran, an den Wänden des Ballsaales eine Linie von „dowagers“ sitzen 
zu sehen. Im Mai und Juni werden die Debütantinnen dem König und der 
Königin bei Hofe vorgestellt, und dann folgt eine Reihe von Bällen, zu denen 
die jungen Mädchen sich ihre Partner mitbringen müssen. Wenn die erste 
Saison vorüber ist, besuchen die jungen Mädchen und ihre Partner die Bälle 
ohne die Mütter, und in diesem Falle werden die jungen Leute „pooled“, d. h. 
der ganze Trupp zieht geschlossen von Ball zu Ball wie ein Schwarm Vögel. 
Tagsüber finden sich die „jungen Damen“ zu gemeinsamem Lunch, Kinobesuch, 
Bummel zusammen, oder sie sausen in ihren Zweisitzern durch London, ganz 
auf sich allein angewiesen; der größte Teil von ihnen niemals von den Müttem 
ausgefragt und im tatsächlichen Besitz völliger Unabhängigkeit von elterlicher 
Ueberwachung. 


494 



Berlin, Sammlung v. M.-B. 


Juan Gris, Bauernfrau. 1926 



Juan Gris + 


Photo Man Ray, Paris 



Lugano, Sammlung Dr. Reber 










I 



Entwurf eines Manifestes Victor Hugos gegen Napoleon III. 
(Zum ersten Male veröffentlicht) 






Photo G. Nadasz, Paris 


Nach diesem ersten Jahr mehr oder weniger konventionellen Lebens, wo 
Nachtklubs noch nicht gestattet und nur die üblichen Bälle besucht werden 
dürfen, beginnt das junge Mädchen, sich ihr Leben zu gestalten. In den fol- 
genden Jahren gewinnt sie immer mehr an Freiheit, und die ursprünglich 
strengen Regeln, die ihr Aufblühen bewachten, werden fallen gelassen. Die 
Mütter haben gelernt, daß es besser ist, ihre Töchter so früh wie möglich von 
der eigenen Klugheit Gebrauch machen zu lassen, und ebenso, daß es die jungen 
Mädchen glücklich macht, ihren Takt und ihre Vertrauenswürdigkeit hinsichtlich 
ihrer Führung beweisen zu können, indem man ihnen möglichst großes Ver- 
trauen schenkt. 

So kommt es, daß englische Mädchen, wenn sie das Alter von zwanzig Tahren 
erreicht haben, im allgemeinen ein unabhängiges Leben führen, Nachtklubs und 
jede Art von Veranstaltungen, ausgenommen Rennen, besuchen dürfen; sie 
haben ihre eigenen Zirkel von Freundinnen und Freunden und bilden oft neue 
und amüsante Cliquen unter sich, und ihre Mütter und älteren Geschwister sind 
entzückt, wenn sie zu ihnen eingeladen werden. Mädchen, bei denen die 
strenge Ueberwachung fortgesetzt und denen es verboten wird, an den ver- 
schiedenartigen Vergnügungen teilzunehmen, die ihren Altersgenossinnen er- 
laubt sind, suchen ihre Eltern auf jede nur mögliche Art zu täuschen und 
werden darin von den Jungen und Mädchen ihrer Bekanntschaft unterstützt. 
Um nicht von den Alltagsvergnügungen ausgeschlossen zu sein, und in der 
Furcht, die F'reunde zu verlieren, wenn immer eine langweilige Anstandsdame 
miteingeladen werden muß, schrecken sie nicht vor Lügen zurück, und gerade 
sie werden oft das, was man unter einem „modern girl“ versteht, und zügelloser 
als all die andern, die tun und lassen dürfen, was sie wollen, ohne Furcht vor 
Fragen oder Tadel. 

Der Erfolg dieser Freiheit ist, daß Heiraten immer mehr an Bedeutung zu 
verlieren scheinen. Wenn ein Mädchen sich nicht beeilt und in ihrem ersten 
oder zweiten Jahr heiratet, ist anzunehmen, daß sie ihre Unabhängigkeit liebt, 
und daß sie es ablehnen wird, ohne sehr gute Gründe sich in eine Ehe hetzen 
zu lassen. Das ist nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, wie angenehm und 
leicht das Leben für ein junges Mädchen ist, das in seiner eigenen Wohnung 
lebt, frei von jeder Art von Rechenschaft, frei zu kommen und zu gehen, wie 
es ihr paßt, umgeben von einem großen Bekanntenkreis, der sich aus ihren 
eigenen wie ihrer Eltern Freunde zusammensetzt. 

Sie kann ihr Dinner oder Lunch allein mit jedem beliebigen Mann nehmen. 
Sie kann Nachtklubs besuchen, ohne daß es als unschicklich angesehen würde, 
sie spielt Golf, Tennis, Bridge, hält sich über Week-end in ihrem geräumigen, 
schönen Landhause auf; oft ist sie Studentin: der Philosophie, der Geschichte, 
der Musik. Im allgemeinen ist sie Besitzerin eines Autos, in dem sie das ganze 
Land nach allen Richtungen hin bereist; sie kann sogar in der alleinigen Be- 
gleitung eines anderen jungen Mädchens das Ausland bereisen, ohne daß sich 
ihre Eltern einen Augenblick darüber beunruhigen. Ihre Mutter ist ihre 
Freundin, die selten irgendwelche Einwendungen macht. Warum also sollte sie 
sich mit der Ehe beeilen, wenn sie schon jetzt genau das gleiche Leben führen 
kann wie eine verheiratete Frau? 


495 


Ein anderer Zug des Lebens englischer Mädchen ist seine Ausgefülltheit 
ohne männliche Gesellschaft. Während des Tages, wo die Männer natürlich 
beschäftigt sind, entwickelt sich ein gesondertes, strenges und erfülltes Leben 
unter den Mädchen selbst. Zu zweit oder dritt gehen sie morgens „shopping“ 
oder spielen Tennis, zu acht und zehn lunchen sie zusammen ohne Männer und 
diskutieren dabei den Ball der vergangenen Nacht, bevorstehende Gesell- 
schaften, ihre Angelegenheiten, das Leben selbst — sie sind sehr interessiert 
für Literatur und Malerei, die Oper, Politik, verschiedene Philosophien. Und 
alle diese Gegenstände werden mit ihrem Für und Wider erörtert, wenn die 
jungen Mädchen an Winternachmittagen vor dem Kamin beieinander sitzen 
oder im Sommer, wenn sie nach dem Tee gemeinsam durch die Parks ziehen. 
Sobald sie aber Dinner-dress angezogen haben, beginnt das Leben in Männer- 
gesellschaft. Im ganzen finden sich in diesem großen Kreis junger Mädchen, 
die ihr Leben so sehr auf eigene Faust leben, ganz wenige, die sich ein irgend- 
wie ungehöriges Benehmen gestatten. Man sieht selten ein Mädchen übermäßig 
trinken oder rauchen, selten spielen und nur in der harmlosesten Weise wird 
geflirtet. Das liegt zum Teil daran, daß ihre männlichen Freunde ebenso ruhig 
und leidenschaftslos, ebenso vorbildlich in ihrem Benehmen sind wie sie selbst, 
und es ist immer eine Ausnahme und nur in bestimmten Kreisen möglich, wenn 
Zügellosigkeit und Ausschweifung bei der Jugend der englischen Gesellschaft 
angetroffen werden. (Deutsch von B. Schiratski.) 

DIE SPANISCHE FRAU 

Von 

BENJAMIN J ARNES 

I n« schlecht benannten „Spanien des Tamburins“ — dieser Name ist 
nichts als ein Exportprodukt der Kunst-Industriellen — pflegt man 
drei Quellen der Freude, der leuchtenden Verzücktheit, des Lebens zu 
zählen: Wein, Sonne, Weib. Drei goldene Nägel, die im Sinne des 
Fremden die Erinnerung an Sevilla und mit ihr die an Spanien fest- 
halten. Es wird ihm leicht, die Frau als malerisches Element zu defi- 
nieren. Zwei glühende Kohlen, die zwischen den Nelken einer Reja 
blinzeln. Oder zwei Hände, die sich über einer von Dolchstichen durch- 
bohrten Brust kreuzen je nachdem man die Erinnerung in einem 
mystischen Sinn oder im Sinn der Eroberung sucht, beide durchdringend 
sinnlich. 

Sogar die spanische Tänzerin, die auf den europäischen Bühnen 
triumphiert, bestätigte oftmals diesen doppelten Sinn. Das rein 
Plastische, Peripherische dieses Weiblichen hat Gold und Beifall ge- 
erntet. Der Mann mit dem Kodak und der Mann vom Kabarett pflegen 
sich stets mit der Schale der Dinge zu begnügen. Und Spanien selbst 
half mit, diese Schale unmäßig zu polieren, die verborgene geistige 
Substanz der Frau unbesonnener Weise vergessend. Der legendäre 


496 


spanische Student riß, wenn diese stolze, herausfordernde Frau vorbei- 
ging, seine Capa zu Boden und machte aus dem anmutigen Kleidungs- 
stück einen bescheidenen Teppich. Der Dichter ließ die Luft von den 
silbernen Glöckchen seiner Reime erzittern, welche die Verachtung 
seitens seiner Schönen besangen. Und alle erfanden Schmeichelworte, 


Knospen des Madri- 
gals, um sie wie er- 
schauernde Tauben an 
den Busen der vorüber- 
eilenden Herrlichen 
zu lassen. Nur der Mo- 
ralist murmelte seinen 
alten Fluch. — Wenn 
sich auch zweifellos 
schon weniger Capas 
entfalten, Rondos 
schmiegen. Und das 
Schmeichelwort — die 
Taube hat sich die 
Flügel mit Kot be 
fleckt — verwandelte 
sich langsam in Luft- 
schlagen oder in Pfeile, 
die an der Glut drän- 
gender Geilheit ent- 
zündet wurden. Die 
spanische Frau steigt 
nach und nach von 
ihrem Götzen-Piede- 
stal herab und gewinnt 
den schönen Rang des 
Kameraden vom 

Mann. Mit jedem 
Fenstergitter, das ab- 
gerissen wird, um 
einem Wolkenkratzer 
den Weg zu bahnen, 
und mit jedem neuen 
Fensterbrett ohne 
Blumentöpfe klärt 
sich die unschlüssige 
Bewertung, welche 



Picasso 


497 


die Frau in der Welt männlicher Träume genoß. Auf dem Weg 
vom maurischen Bogenfenster zum Kontor oder zur kosmopoliti- 
schen Teestube verliert sie ihre Legende, aber ihre Wirkungskraft in 
der unbedeutenden Geschichte des Alltags wächst. Von der dramati- 
schen Eroberer-Gesinnung, welche die zahllosen spanischen Don Juans 
vor einem Fenstergitter erbeben ließ, bleiben kaum mehr Reste in ab 
gelegenen Provinzstädten, wo noch der alte Moralist brummelt und 
vor dem sich sehnenden Weib die traditionellen Mauern höher steigen. 
Für viele neugierige Fremde war Spanien eine Brücke zwischen den 
Dancings Europas und den Huris des Propheten. Aber von der Brücke 
steht gerade noch ein Bogen, geborsten, wunderschön, in dem süßen 
Andalusien. 

Es schadet nichts, daß Spanien beim Niederreißen des Götzen Gefahr 
läuft, eines seiner anziehungsreichsten Exportprodukte zu verlieren. 
Die Tamburin-Industriellen sollen sehen, wie sie fertig werden. Im 
wirklichen Spanien, das nicht nach den kosmopolitischen Bazaren ver- 
pflanzt werden kann und von jeder zweifelhaften Aureole entblößt 
dasteht, ist die Frau etwas Tieferes als jene Träumerin Dona Ines, 
die durch die Gänge des Sevillaner Klosters irrt oder in den Armen 
des Verführers Don Juan zittert. Im wirklichen Spanien ist die wirk- 
liche Frau: Teresa la bien Plantada (Teresa de Jesus, die Voll- 
kommene) — wie sie Eugenio d’Ors nennt — , das heißt: Gleichgewicht, 
Standhaftigkeit, Ordnung. Teresa hat Formeln für die Leitung der 
Küche und der Provinz. Einstmals hieß Teresa: Isabella und besaß 
Rezepte für die gesamte Nation, und durch Isabella fing Spanien an 
zu sein. 

Der spanische Mann zog immer vor, sich dem Meer und dem Wind 
anzuvertrauen, um junge Kontinente zu suchen, statt auf dem seinen 
zu bleiben, der alt war, und der Liebe und des ständigen Opfers be- 
durfte. Der spanische Mann träumte, erfand; stürzte sich einmal in 
den Krieg, das andere Mal auf die Kunst. Aber durch seine Nachlässig- 
keit und hundertjährige Faulheit wären beinahe alle seine Eroberungen, 
seine Träume, seine kühnen Abenteuer in Kunst und Krieg mißlungen. 
Viele mißlangen auch, aber immer harrte sie zu Hause und wartete 
darauf, im Gemahl oder im Sohn einen Moment der Müdigkeit zu 
erspähen, um das Werk des Mannes aufzumuntern und zu stärken. 
Oder wenigstens, um ihm Liebkosungen und Balsam zu schenken. 

Das ist die spanische Frau. Hausfrau. Schöne Genossin des Helden, 
stolz auf die Taten des Geliebten; aber in der Stunde der Niederlage 
versteht sie weise die Wunden zu heilen. 


VOM HOFE DER HERZOGE VON BURGUND 


Von 


OTTO CARTELLIER1 


ährend des Hundertjährigen Krieges entstand das neuburgundische Reich, 


zwischen Frankreich und Deutschland. Das alte Zwischenreich, das viel 
umstrittene Lotharingien schien in veränderter Form und Gestalt von neuem ins 
Leben zu treten. Schon der erste Herrscher, Philipp der Kühne, ein fran- 
zösischer Prinz von Geblüt, erstrebte größtmögliche Unabhängigkeit. In der 
Formel: „Car ainsi nous plaist-il estre fait“, die in seinen Urkunden er- 
scheint, liegt ein tieferer Sinn. Unabhängig gegenüber Frankreich, damals 
dem gefährlichsten Gegner, gegenüber England und endlich gegenüber dem 
Deutschen Reich, damals dem ungefährlichsten Gegner, unabhängig gegenüber 
allen! lautete der Leitsatz für Philipp den Guten (1419 — 1467), der mit beson- 
derem Geschick die Politik des Großvaters fortsetzte. Souverän wollte der Fürst 
sein, der außer der Bourgogne sein eigen nannte Brabant, Limburg und Luxem- 
burg, die Freigrafschaft, Holland und Seeland, Namur, Artois und Charolais 
und Flandern, zumal zusammen mit Mecheln und Antwerpen, die reichste, 
edelste und größte Grafschaft der Christenheit. Souverän mußte er sein, mochte 
ihn auch die Königskrone nicht schmücken, mochten ihn auch Lehnsfesseln 
noch stören. Souveränität verkündete der Orden des Goldenen Vließes, den 
er noch mitten im Kampfe mit Frankreich gründete: nicht nur die auserwählten 
burgundischen Ritter, auch Kaiser und Könige sollten zu Ehren des burgun- 
dischen Hauses die Toison d’Or tragen. Zum größten Aerger des fran- 
zösischen Königs, der mit immer steigender Unruhe den trotzigen Vasallen 
betrachtete, nannte sich Philipp der Gute „von Gottes Gnaden“ — wie sein 
Lehnsherr. 

Ein Nimbus umgab das französische Königtum, man kann von einer 
Religion des Königtums in Frankreich sprechen. Auch die burgundischen 
Prinzen, die in ihrem Wappen die Lilie führten, hatten den Glauben an die 
göttliche Mission des Herrschers. Herzog Philipp der Gute beanspruchte eine 
Verehrung, die sich bis zur Vergottung steigerte. Sprüche der Heiligen 
Schrift, die Gottes Ruhm verkünden, ließ er seine Untertanen zu seiner Ver- 
herrlichung gebrauchen. Er schrieb sich selbst sein Sittengesetz vor. Morali- 
sierende Chronisten hätten auch ihm die Lebensweise eines Jupiter oder Sa- 
lomo vorwerfen können. Der Herzog schenkte zahlreichen Frauen seine Gunst, 
mochte auch seine Devise: „autre n'aray (n’aurai)“ stolz der Gemahlin Treue 
versprechen. Diese Nebenfrauen traten allerdings aus dem geheimnisvollen Halb- 
dunkel der Kemenate nicht hervor; keine von ihnen hat eine Rolle gespielt 
wie des Königs Karl VII. Geliebte Agnes Sorel, mit der die Reihe der fran- 
zösischen maitresses attitrees beginnt. Die Kinder der freien Liebe aber wur- 
den neben den ehelichen mit aller Sorgfalt erzogen. Die Bastarde spielten als 
Diplomaten, Generäle oder als Kirchenfürsten eine glanzvolle Rolle. Die un- 
ehelichen Töchter beglückten mit ihrer Hand einen ehrgeizigen Höfling. Nur 
der Schrägbalken im Wappen verriet die illegitime Abkunft. 



499 


So schwer es den Hoftheologen fallen mochte, sie mußten sich in Philipps 
Lebenswandel schicken und sich mit anderen Eigenschaften des F ürsten trösten, 
die ihnen Anlaß zu begeistertem Lobe gaben. Als Kämpe der Kirche und 
Schild des Heiligen Stuhls ward der Herzog gerühmt. Jederzeit lieh er der 
Kirche seinen Arm zur Ausrottung der Ketzer; auch in seinen Landen verbrei- 
tete die Inquisition Furcht und Schrecken, loderten die Scheiterhaufen. Zahl- 
reiche Gotteshäuser, auch solche in Palästina, erhielten reiche Geschenke. V or 
allen anderen Heiligen wurde der Heilige Andreas verehrt: ,,Nostre Dame de 
ßourgogne et Montjoie Saint-Andrieu“ war die Losung. Auch die Leben- 
den, die im Gerüche der Heiligkeit standen, erfreuten sich der Gunst des 
Herrscherpaares. 

Nach strengster Etikette verlief das Leben am burgundischen Hofe. Der 
Herrscher unterwarf sich ihr willig und verlangte es erst recht von seinen 
Dienern, von dem höchsten bis zu dem niedrigsten, vom Kanzler bis zum 
Küchenjungen. 

Ein großer Meister führt in einer wundervollen Miniatur eine feierliche 
Audienz vor Augen: Herzog Philipp geruht von Jean Wauquelin die 
Chroniques du Hainaut in Empfang zu nehmen. Eine eisige Luft weht in 
dem Raum. Aus farbenprunkendem Damast der Baldachin. In elegantem 
modischem Gewand und Chaperon der Herzog in majestätischer Isoliertheit, 
Herrscher vom Scheitel bis zur Sohle, hoch erhaben über die anderen 
Sterblichen. Zu seinen Füßen gehorsam das Windspiel. Der Sohn, der 
Kanzler, Beamte, Höflinge in gebührender Entfernung, seines Winkes gewärtig. 

Als oberster Grundsatz galt: nichts schändet, was im Dienste des Herrschers 
geschieht. Es war eine besondere Ehre und Gnade, dem Fürsten in den vertrau- 
lichsten Angelegenheiten zu dienen: man denkt an das Lever am Hofe 
des Sonnenkönigs! Bei dem um die kleinsten Kleinigkeiten sich kümmern- 
den Zeremoniell nahm man unbedenklich kirchliche Ordnungen zum 
Muster. Manches scheint der Messe abgelauscht zu sein. Auch die Ver- 
giftungsgefahr, das Schreckgespenst jener wilden Zeiten, wurde niemals 
außer acht gelassen. Die Serviette, an welcher der Fürst sich die Hände 
abtrocknete, wurde vor der Ueberreichung geküßt. Ebenso führte der Knappe 
an seine Lippen die Hefte der beiden großen Messer, die der Herzog be- 
nutzte. Häufig knieten die Knappen bei den Handreichungen nieder. 

Peinlich war der Tafeldienst bei dem erhabenen Schauspiel der fürst- 
lichen Mahlzeit geregelt. Wie ein Räderwerk griffen die einzelnen Hand- 
lungen ineinander. Karl der Kühne, Philipps des Guten Sohn, speiste allein. 
Aber adlige Herren, Knappen, Pagen, Ungezählte waren als Akteure be- 
teiligt. Zuletzt erschien der Hofstaat, der nach Rang und Stand geordnet 
für sich gegessen hatte, zur Begrüßung des Fürsten, pour luy donner gloire. 

Auch in der Küche herrschte die strengste Ordnung, in dieser gewaltigen 
Halle, wie sie mit ihren sieben Herdstellen heute noch in Dijon zu sehen ist. 
Auf einem hohen Stuhle zwischen Buffet und Kamin thronte der Koch, um 
alles zu sehen, was vorging. Wehe dem Unberufenen, den vorwitzige Neu- 
gier in die Nähe des Machthabers trieb: der große Löffel, den die Rechte 
hielt, diente nicht allein zum Kosten der Suppe. Bei besonderen Anlässen 


500 


durfte auch der Koch, der erst nach peinlicher Untersuchung seinen Ver- 
tiauensposten erhalten hatte, vor dem Antlitz seines Herrn erscheinen: 
kniend überreichte er die ersten Trüffeln, die ersten Heringe. 



Nach der Eroberung von Konstantinopel durch die Türken im Jahre 
1453 plante Herzog Philipp der Gute einen Kreuzzug. Wie ein anderer 
Herzog von Brabant, wie Gottfried von Bouillon, der noch in aller Munde 
lebte, wollte er die Ritter und Mannen des Abendlandes auffordern, ihm zum 
Kampf gegen die Ungläubigen zu folgen. Es galt, die gesamte Ritterwelt 
zu entflammen. Andere Mittel waren notwendig als einst, da Papst Urban II. 
auf der weiten Ebene von Clermont durch eine schlichtgeniale Rede 
Tausende und abermals Tausende in berauschte und berauschende Be- 
geisterung erhoben hatte. Der hehre Kreuzzugsgedanke war abgenutzt, 
war profaniert worden: im schillernden Gewände der Ritterromantik sollte 


er von neuem ent- 
stehen. 

Ein großartiges 
Fest, vvie nur das 
Barock es wieder 
gesehen hat, ward 
in Lille veranstal- 
tet. Zwei Bankette, 
die des Außer- 
gewöhnlichen schon 
viel boten, dien- 
ten zur Einleitung, 
zur Vorbereitung 
der Stimmung. Dann 
das Fasanenfest, 
welches am 17. Fe- 


Maria, Gemahlin Karls des Kühnen 
von Burgund. Medaille 


bruar 1454 statt- 
fand. Zunächst eine 
Tjost: auch dies- 

mal unterließen es 
die Ritter nicht, 
angesichts der an- 
gebeteten Herrin 
Proben von Mut 
und Tapferkeit, Ge- 
wandtheit und Un- 
erschrockenheit ab- 
zulegen. Der 

Schleier, der Hand- 
schuh der Dame 
des Herzens, der 
am Harnisch flat- 


terte, rief in Augenblicken der größten Gefahr den honigsüßen Atem und 
den sanften Milchduft der Haut in Erinnerung, um mit dem Troubadour 


zu sprechen. 

Am Abend die eigentliche Feier, die zu einer Haupt- und Staatsaktion 
wurde: auch Kanzler und hohe Beamte gehörten dem Festausschuß an. 


Im Lichte ungezählter Kerzen und Fackeln erstrahlten die Gemächer. 
An den Wänden des Hauptsaales die Teppiche mit den Taten des Herkules, 
der als Ahnherr der Könige von Burgund gepriesen wurde. Auf den Borden 
des Schautisches schimmerte Kristall, leuchtete perlen- und juwelenge- 
schmücktes Glas aller Farben und Formen. Auf den Tafeln Seidendamast, 
wappenverzierte Kissen auf den Bänken. Ueber dem Sitz des Herzogs ein 
Baldachin aus Goldstoff. 

An einem Pfeiler lehnte eine nackte Frauenfigur, im Schmuck des herab- 
wallenden blonden Haares. Um ihre Lenden war ein Schleier mit violetten 
griechischen Buchstaben geschlungen. Aus der rechten Brust floß Ge- 
würzwein. Als Wächter lag ihr zu Füßen ein prächtiger lebender Löwe: 
der flandrische Leu wollte für die kaiserliche Stadt am Bosporus eintreten. 


Auf den Tafeln standen gewaltige Schaustücke, die beliebten entremets. 
Seltsames, Drolliges, Aufregendes, Bekanntes, Fremdes in buntem Durch- 
einander. In einer Kirche und in einer Pastete ließen Musikanten ihre 
Weisen ertönen. Auf dem hohen Turm des Schlosses Lusignan sonnte Me- 
lusine ihren Fischschweif. Von einem Felsen sprudelte ein nacktes Knäblein 
Rosenwasser auf die natürlichste Art und W eise der Welt herab. Wilde 
Tiere, durch ein Uhrwerk belebt, trieben in exotischen W äldern ihr Un- 
wesen. Andere entremets, die \olkstümliche Sprichwörter in Erinnerung 
riefen, hätten einem Brueghel als Vorbild dienen können ! 

Während des Gastmahls Darbietung auf Darbietung. Sehr viele \ ariete- 
Stücke für einfachere und anspruchslosere Gemüter, Gaukler, abgerichtete 
Tiere, Automaten, Schwebemaschinen. Dazwischen die drei Akte einer 
Pantomime zur Verherrlichung des Goldenen Vließes: Jason auf Kolchis. 
Mit der größten Realistik wurden die Abenteuer des Helden vorgeführt. 
Zwischendurch Musik in Hülle und Fülle, Gesang und die verschieden- 
artigsten Instrumente. 

Endlich die beiden Hauptstücke. 

Auf einem Elefanten erschien die Heilige Kirche und heischte von dem 
grand duc d’occident Hilfe in ihrer Not. Von Wappenherolden geleitet, 
brachte der Wappenkönig vom Goldenen Vließ einen Fasanen herein; war 
es doch alte Rittersitte, einen Schwur von besonderer Bedeutung auf einen 
edlen Vogel abzulegen. Herzog Philipp der Gute erhob sich und gelobte 
Gott, seinem Schöpfer, der glorreichen Jungfrau Maria, den Damen und dem 
Fasanen, das Kreuz zu nehmen. Sein Sohn, Ritter und Herren folgten dem 
Beispiel. Noch ein Nachspiel, noch ein Ball! Der Morgen war schon an- 
gebrochen, als sich der Hof zurückzog. 

Wie ärgerlich, daß kein Maler, kein Miniaturist sich das Fasanenbankett 
zum Vorwurf genommen hat. Welch unersetzlicher Verlust, daß von allen 
den großartigen Palästen der burgundischen Herzoge in Paris, in den 
üppigen Niederlanden und in der weinfrohen Bourgogne, in Brüssel und 
Brügge, in Arras und Hesdin, in Argilly und in Germolles auch nicht ein ein- 
ziger den Stürmen der Zeit widerstanden hat. 

Welche Ueberraschungen bot den Gästen das Schloß in Hesdin, in 
welchem Philipp der Gute mit Vorliebe weilte. In einem Zimmer schilderten 
Fresken die Abenteuer des Jason. In Erinnerung an Medeas magische 
Künste ahmten geheimnisvoll verborgene Maschinen Blitz und Donner nach, 
ließen regnen und schneien. Auch derbere Späße wurden getrieben. Unver- 
sehens wurden die Besucher mit Mehl bestreut oder mit Wasser bespritzt, 
Leitungen waren angelegt, ,,pour mouiller les dames par dessouz“. 

Gute Zeugen all der verschwundenen Pracht sind die noch erhaltenen 
Teppiche, mit denen die Räume geschmückt wurden. Die Herzoge führten 
sie von Residenz zu Residenz mit sich. Auch bei Reisen in das Ausland 
trennten sie sich nicht von ihnen. Welche Bewunderung erregten die Stücke, 
die Karl der Kühne zu seiner Zusammenkunft mit dem Kaiser Friedrich III. 
nach Trier mitgenommen hatte. 

Die Bildteppiche wurden für den Gebrauch sorgfältig ausgewählt, wie 


502 


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von 


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Antwerpen, Museum 

Unbekannter Meister, Herzog Johann Ohnefurcht 



Avignon, Museum 

Unbekannter Meister, Karl der Kühne 


Französischer Wandteppich. 



Um 1505. New York, Privatbesitz 







Paris, T-ouvre 


Niederländischer Wandteppich nach Bernhard van Orley’s Entwurf: Wildschweinsjagd. Um 1530 










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Liebesgarten. Miniatur aus: Guillaume de 


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i\t fiUtGCiUicfo <r tvufmw 

London, British Museum 

Lorris et Jean de Meung, Roman de la Rose 




die Gelegenheit es jeweils erforderte. Der symbolischen Bedeutung wurde 
großer Wert beigelegt. Als französische und englische Gesandte einmal 
über einen Waffenstillstand verhandelten, bat der Vertreter des englischen 
Königs, die Teppiche mit Schlachtenbildern zu entfernen: wer Frieden er- 
strebe, dürfe nicht an Krieg und Zerstörung erinnert werden! 

Auch in der Mode gab der Herrscher den Ton an. Als Herzog Philipp 
der Gute sich einmal krankheitshalber genötigt sah, das Haupthaar ab- 
schneiden zu lassen, soll er allen Adeligen den Befehl gegeben haben, das 
gleiche zu tun. Einige Jahre später schrieb die Mode als Reaktion den 
Männern lang herabhängende Haare vor, die ihnen tief in die Augen fielen. 
Die Männer legten unanständig kurze, ausgestopfte Pourpoints aus Samt und 
Seide an: wie Aeffchen, murrt ein Chronist; durch die geschlitzten Keulen- 
ärmel sah das Hemd heraus. Die Mütze war übertrieben klein und hoch, 
die Schnabelschuhe von lächerlicher Länge. Zur Abwechslung trug man ein 
sinnlos langes, bis zu den Knöcheln herabfallendes Gewand. Die Männer 
schmückten den Hals mit goldenen Ketten, ließen am Gewand Glocken und 
Schellen läuten. Die Frauen verzichteten auf die lange Schleppe, verzierten 
dafür ihr Kleid mit goldenen Bändern, mit einem Seidengürtel und einem 
breiten Pelzsaum. Auf dem runden, mützenartigen Kopfwulst saß der hohe 
Hennin, von dem Schleier lang herabfielen. 

Die kostbarsten Stoffe wurden getragen, Gold- und Silberbrokat in allen 
Farben, Samt, Seide, Atlas, Taft, Damast, Serge, die seltensten Pelze, Gold- 
und Silberschmuck, Federn. Herzog Philipp der Gute trug gern an seinem 
Chaperon glitzernde Juwelen; Karl der Kühne ließ bei einem Turnier seinen 
karmesinroten Samtrock und auch den Harnisch des Pferdes mit Edelsteinen 
und Perlen besetzen. 

Zu der burgundischen, französischen und italienischen Mode kamen unter 
dem Einfluß der portugiesischen Gemahlin Philipps des Guten und der 
englischen Karls des Kühnen portugiesische und englische Trachten hinzu. 

II te fauldra de vert vestir 
C’est la livree aux amoureulx, 

heißt es in einem Volksliede. Wollte jedoch ein unglücklich Liebender seiner 
Melancholie Ausdruck verleihen, so legte er Rot und Schwarz an und 
brachte am Waffenrock oder an der Roßdecke Akeleien an. 

Ein nicht versiegender Goldstrom scheint sich vom burgundischen Hofe 
aus zu ergießen. Feste auf Feste, Turniere, Bälle, Bankette, Jagden lösten 
sich in rascher Folge ab. Kaum verstummte der Donner der Geschütze, so 
packte ein wahrer Vergnügungstaumel die Gesellschaft. Aber den Herren 
und Damen, die nach dem Freudenbecher gierig langten, wurde die bittere 
Neige nicht erspart. Kein Jubelschrei einer aurea aetas ertönte. Die wilde 
stürmische Zeit ließ die Welt nicht zur Ruhe kommen. 

Alle Menschen, die im Buche der Zeit zu lesen verstanden, spürten und 
erfuhren es, daß der Kampf zweier Welten begann. Eine alte, verbrauchte 
Welt sank in Trümmer, Humanismus und Renaissance führten herauf eine 
neue Welt. 


51 Vol. 7 


503 



F. Grunenberg 


DAS NEBELDERBY VON 1927 

( 1 . Juni) 


Von 

ÄUG US TA v . OERTZEN 


D en ungeheuren Ausmaßen von London entspricht der größte Festtag der 
Nation, das „Derby“ (sprich Darby) in Epsom; es ist unerhört zu er- 
leben, was an Menschen, an Gefährten, an Polizeiaufgebot an diesem Tage 
auf die Beine gebracht ist! 

Ein Volksfest in einem Riesenausmaß, wie es wohl kein anderes Land sich 
leisten kann, nicht zuletzt in der schauerlichen Eintönigkeit der Stimmung, der 
brutalen Lustigkeit der Masse, der unsäglichen Armut der Mitspieler... 

Das Rennen an sich, die Auffahrt der königlichen Autos, alles wird be- 
deutungslos angesichts der Menschenhorden, die sich auf die Rasenflächen 
von Epsom ergießen; mit grauendem Morgen beginnt diese ungeheuerliche 
Völkerwanderung; die frühsten sind die ganz Armen, die schon die Nacht dort 
kampierten, um einen Platz zu ergattern; später rollt sich die endlose Schlange 
der Autos auf, mit Menschen vollgepfropft, eine unermeßliche Kette von Aus- 
sichtstürmen reiht sich mit diesen „bussen“ aneinander, besetzt bis zum Rande 
mit Zuschauern. Man sieht alles in Rot, ein Autobus am anderen mit den schrei- 
enden Plakaten aller Londoner Firmen in Riesenlettern auf dieser einen Grund- 
farbe, dem dominierenden Rot des Londoner Straßenbildes! 

Diese Einfarbigkeit der Gefährte, die zu Tausenden hintereinander die 
Straßen nach Epsom blockieren, wirkt schwindelerregend, man meint schließ- 
lich, alles doppelt zu sehen . . . 

An diesem Derbytag, dem sogenannten „Nebelderby“, dem ersten seit drei 
Jahren, an dem es nicht geregnet hat, war der Ansturm ein geradezu immenser; 
unter dem grauen Schleier, der am i. Juni über London hing, wirkte diese 


5°4 


ganze wilde Angelegenheit wie ein Schattenspiel; als man die Stadt im Motor- 
car verließ, war alles grau, grünlich, gelblich . . . schauerlich die Monotonie der 
baumlosen, vollständig eintönigen Vorstadtstraßen, wie mit einem grauen Pinsel 
hingewischt auch die Parks, schließlich die Felder mit den Hecken, dem phan- 
tastisch üppigen Baumwuchs; gespenstisch dieser Morgen in seiner grandiosen 
Einförmigkeit und Farblosigkeit. „Schattenreich der Kimmerier“ hat Taine 
einmal England genannt . . . 

Für den Eingeborenen ist dieser größte Sportplatz der Welt ein Riesen- 
picknick, geschlossene Gesellschaften mieten sich die großen ,,busse“ und ver- 
setzen auf diese Weise ihr „Comfortable home“, was der Engländer nun mal 
nicht missen kann, auf den Rennplatz! Sie lunchen auf den Dächern ihres im- 
provisierten Hauses! Ein Volk, das niemals aus seiner Ruhe kommt, auch 
wenn Hunderte von Pfunden auf dem Spiele stehen, denn der Engländer wettet 
wie toll; er braucht starke Sensationen, mit Whisky und Soda allein ist es nicht 
getan! (Der übrigens unausgesetzt getrunken wird.) 

Ohne Pause drehen sich die Karusselle, schwirren Menschen an langen 
Seilen durch die Luft, eine dumpfe, traurige Musik begleitet das Vergnügen 
dieses Volkes; Schotten mit dem unvermeidlichen Dudelsack machen den 
größten Lärm. Ueberall diese eigentümliche Monotonie, diese Dumpfheit, auch 
in der Freude! Man zankt sich an den Buden, wo es Tee, Kuchen und sonst 
noch die entsetzlichsten Dinge zu essen gibt, aber man bleibt gehalten, es gibt 
keine Prügeleien, wie in München auf der Oktoberwiese, keine Ausgelassen- 
heit, wie in Wien beim Heurigen. 

Ein sonderbares Volk, wie aus Erz und Stein, unbeweglich und dumpf! 
Dieses größte Picknick der Welt vollzieht sich ruhig, gemessen, auch hier die 
„dullness“, die sich einem immer wieder in England lähmend auf Seele und 
Sinne legt. Keine Musik, keine Heiterkeit . . . was nennt der Engländer eigent- 
lich Vergnügen?! 

„After this the judgment“, „now is the day of the Salvation“, „prepare thou, 
to meet thy god“. . . Plakate der Heilsarmee, von Gesang begleitet, werden vor- 
übergetragen, dazwischen Suzanne Lenglen oder „Sporting Life“. 

Mit dem Schlage drei Uhr ist der Kulminationspunkt des Tages erreicht, 
der Start zum eigentlichen „Derby“; jetzt sind plötzlich die traditionellen 
Gentlemen da, die seit Generationen die Physiognomie dieses Platzes 
bestimmten, die Lords mit den schwarzen und den grauen Zylindern, den 
weißen Gamaschen und den gestreiften Hosen, und die „beautiful ladies“; die 
königliche Familie, in neun Autos angekommen, hat ihren lunch beendet, alles 
ist in Form! Captain Lindbergh ist da, und die Masse auf dem Rasen und 
die Flieger in der Luft bringen ihm stürmische Ovationen dar. Der „king“ 
spielt eine nebensächliche Rolle, niemand nimmt Notiz von ihm, und erst aus 
der Zeitung erfährt man, was die königlichen Hoheiten taten, und was sie an- 
hatten. 

Es wird heller, Farben tauchen auf, prachtvoll der Aufgalopp der bunten 
Jockeys! In dem Moment, als „Call Boy“ das blaue Band gewann, war London 
mit der ganzen Erdoberfläche in Kontakt, Kabel mit dem Ruhm des Siegers 
liefen durch den Weltenraum. Alles in Epsom bewegt sich im Zeichen des 


505 


Enormen, Ungeheuerlichen: von den Summen, die gewettet werden, bis zu den 
Hüten, die durch die Luft wirbeln; in einem einzigen Augenblick ist alles 
Superlativ: Gesten, Geschrei, Gelächter! 

Schauerliche Kontraste zwischen Mensch und Tier: hier die wild gewordene 
Bestie, dort das auf Rasse, Leistung gezüchtete, edle Geschöpf, hier Maßlosig- 
keit, dort vollendete Form! 

Alles Spätere ist flau; noch ein paar Rennen, dann beginnt der Abbau. Diese 
Auflösung wirkt gigantisch; was fest schien, wird beweglich, alles scheint sich 
zu drehen, die Tribünen, alias Autobusse, setzen sich in Bewegung, die Motor- 
cars, die Privatautos, die Lastwagen; wie ein Gespenst erscheint in diesem 
fauchenden Autopark eine Coach mit vier lebenden Schimmeln bespannt . . . 

Ein ungeheurer Trümmerhaufen bleibt Epsom zurück, besät mit schmutzigen 
Papierfetzen, verlassenen Buden, ein scharfer Wind wirbelt den Abschaum, den 
Kehricht dieses größten Picknicks der Welt durcheinander, schauerliches Bild 
der Vergänglichkeit; eine Schicht von schwarzem Staub lagert über Menschen 
und Rasen, der eine graue Färbung angenommen hat; Verdrossenheit, Er- 
schöpfung auch in der Natur. 

ln drei Reihen schiebt sich die unermeßliche Autoschlange London zu, man 
braucht die vier- bis fünffache Zeit als am Morgen, man „steht“ eine viertel, 
eine halbe Stunde, ein wilder Flirt beginnt von Wagen zu Wagen, immer 
wieder trifft man sich, jagt erlöst weiter, bleibt wieder stehen... 

Aus den Staubwolken tauchen unwahrscheinlich lichte Geschöpfe, fromme 
Schwestern in schneeigen Hauben, sie sammeln Geld. Krüppel, Kranke auf 
Bahren versuchen die Mitleidsschleusen zu rühren. 

In der Vorstadt von London nimmt die Bettelei Formen an, die dem 
Gigantischen dieses Tages entsprechen, Tausende und aber Tausende von 
Kindern schreien um Geld; es ist, als hätte sich das Elend der gesamten Welt 
hier zusammengefunden, um seinen Tribut zu fordern . . . 

Zwei Stunden ist man diesem Gebrülle ausgesetzt, wehrlos in den ewig stop- 
penden Autos, man ist vollständig ausgepumpt, selbst ein Trümmerfeld. . . 


PSYCHOLOGIE DER EISENBAHNEN 
UND METAPHYSIK DER „PALACE-HOTELS“ 

Von 

MAURICE DEKOBRA 

I ch weiß nicht, ob ich meinen Reisefimmel nicht dem Umstande verdanke, daß 
ich beinahe im Wartesaal des Pariser Ostbahnhofes zur Welt gekommen bin, 
aber es scheint mir, als müsse der moderne Mensch zwei Behausungen haben: 
die eine, die offizielle, wohin man ihm seine Steuerveranlagung schickt, und 
die andere, die offiziöse, die auf Räder montiert ist, und die man „sleeping-car“ 
nennt . . . Ein Lebehoch den europäischen Eisenbahnen, die noch kein draht- 
loses Telephon haben! 

Auch Henri Bergson, der „recordman“ der Philosophie des Werdens, hat 
seine Theorie des im Flusse befindlichen Ichs auf vier Räder montiert, während 


506 


Baudelaire „die Bewegung, die die Linien verrückt“, haßte ... Er hat recht, 
solange es sich darum handelt, einen schönen Vers zu bauen, er hat unrecht, 
weil er die Bewegung nicht schätzte, die die Gepäckstücke von der Stelle bringt. 

Unsere Zeitgenossen scheiden sich in den Möwen-Typ und den Schnecken- 
Typ. Die Anschauungen der Möwen-Menschen sind gut durchlüftet, weitherzig, 
liberal und von jenem liebenswürdigen Skeptizismus gefärbt, den ein langer 
Umgang mit allen Rassen der Erde verleiht. Das Gehirn der Schnecken- 
Menschen ist beschränkt, verengt und fanatisch. 

Mit den Möwen ist immer eine Verständigung möglich, seien sie Polen, 
Italiener oder Skandinavier. 

Unter Schnecken versteht 
man sich nicht. Der Stoß der 
Ideen zerbricht die Muschel. 

Wenn alle Möwen-Menschen 
ihre Flügel über Locarno 
spielen lassen könnten, würde 
der Chauvinismus erlöschen 
wie eine Krankheit, deren 
Bazillus verschwunden ist, 
und es gäbe keinerlei Kon- 
fliktstoff zwischen den 
Völkern. 

* 

Es gibt in der Welt nur 
vier große Hauptstädte: New 
York, London, Berlin und 
Paris. Alle anderen sind 
Dörfer, manchmal reizende, 
an Kunstschätzen reiche 
Dörfer, aber schließlich doch 
Dörfer, wo alle Welt sich 
kennt, wo ein Ehemann seine 
Frau nicht betrügen kann, 
ohne sofort bemerkt und ge- 
brandmarkt zu werden. 

Diese vier großen Gemeinwesen sind das Paradies der Liebesbeflissenen. 
Um 1910 herum habe ich in Charlottenburg eine entzückende Berlinerin ge- 
kannt. Sie war mit einem Bankier verheiratet. Lange Zeit wußte der Ehe- 
mann von nichts. Dasselbe Abenteuer in Rom, in Madrid oder in Budapest 
wäre in drei Wochen entdeckt worden und hätte ein Paar gekreuzte Säbel oder 
zwei Pistolenschüsse zum Nachspiel gehabt. Aber zwischen dem Spittelmarkt 
und dem Kurfürstendamm gibt es zwei Millionen Menschen! 

Ein Philosoph hat gesagt: Das Universum gleicht einem großen Buche, von 
dem man nur die erste Seite gelesen hat, wenn man nur in seiner Geburtsstadt 
gelebt hat. Ich füge hinzu: Wenn man nur eine Frauenrasse geliebt hat. 



Maurice Dekobra 


507 


Wie oft hat man mich gefragt, an Bord der Dampfer oder in den tea-rooms 
der Palace-Hotels: 

„Welche Frauen lieben am besten nach Ihrer Meinung?“ 

Und ich habe geantwortet: 

„Erstens täuschen Sie sich, wenn Sie mich für sachverständig halten. Das 
wäre eine Frage für Don Juan, der seinen letzten Schlaf im Caridad-Hospital 
in Sevilla schläft. Er war qualifiziert, um darauf zu antworten. Der Mann, 
der bei Yaldes Leal das berühmte Bild bestellte, wo man einen Prinzen und 
einen Prälaten im Sarge liegen und schon die Würmer an ihnen nagen sieht, 
hätte Ihnen nach seinen tausendundeinen Abenteuern gut Bescheid gesagt. Ich 
bin nichts als ein bescheidener Reisender, der die beiden Geschlechter ein wenig 
zu beobachten gesucht hat. Erlauben Sie mir zu schweigen.“ 

Und wenn man darauf bestand, sagte ich: „Ich werde Ihnen die Ansicht 

eines Amerikaners über die Liebe zitieren. Er nannte die Frauen Mimi-Wodka, 
Mimi-Pilsen, Mimi-Chianti, Mimi-Whisky oder Mimi-Punsch, je nachdem er 
mit einer Russin, einer Deutschen, einer Italienerin, einer Engländerin oder 
einer Schwedin zu tun hatte . . . Wie alle seine Landsleute trank dieser Yankee 
wie ein Loch und beurteilte die Frauen nach den „drinks“, die sie bevorzugten.“ 

„Und was denken Sie von den deutschen Frauen?“ 

„Unter uns: Die Franzosen und viele andere Ausländer kennen sie schlecht 
und wissen ihre Qualitäten nicht zu schätzen. Wenn sie gesagt haben: „Ein 

Gretchen“, haben sie alles gesagt! Oberflächliches und lächerliches Urteil... 
Ebenso gut könnte man alle Pariserinnen für Kokotten und alle Englände- 
rinnen für Plättbretter erklären und von den Spanierinnen sagen, sie stießen 
einem das Messer zwischen die Rippen, während man ihnen die Lippen küßte . . . 
William James, der Apostel des Pragmatismus, der eine Serienphilosophie ist 
wie der Fordwagen ein Serienwagen, hat verkündet: „Vom sozialen Gesichts- 

punkte aus hat das Falsche den Vorrang vor dem Wahren.“ 

Was soll man dann vom Gesichtspunkt der Liebe aus sagen? Nirgends 
wurden mehr Irrtiimer für Wahrheiten ausgegeben als über dieses ewige 
Kapitel. Unzählige deutsche Frauen sind leidenschaftlicher als die Italiene- 
rinnen und romantischer als die Schottinnen. Die Anpassung der deutschen 
Frau an die modernen Zeiten ist sehr rasch und sehr vollständig erfolgt. Wenn 
es die Natur der deutschen Frau liegt, sentimental zu sein, so hat sie der Natur 
befohlen, indem sie ihr gehorchte, getreu dem Ausspruche Bacos: „Nemo 

naturae nisi parendo imperat.“ 

* 

Ich habe niemals vergessen, was mir eines Tages eine schöne Amerikanerin 
aus New-Orleans sagte, die ihre Freunde in ihrem Schwimmbassin empfing 
und ihnen von einem Tauchen zum andern Konfidenzen machte. Ich sehe sie 
noch vor mir, so gut wie nackt in ihrem eng anliegenden Trikot; sie hatte den 
Körper einer den Wellen entsteigenden Juno. Wir saßen auf dem Rande des 
„swimming-pool“. In ihren feuchten Fingern hielt sie eine Zigarette. Ich 
hatte sie gefragt: 

„Was tut in Amerika eine Frau, wenn sie einen Mann loswerden will, der 
ihr gar zu sehr den Hof macht?“ 


508 


Worauf die Najade mir erwiderte: 
„Sie heiratet ihn.“ 

* 


Die literarische Kritik in allen Ländern ist eine sehr amüsante Einrichtung. 
Irgendein Schiffbrüchiger der Literatur kann irgendwann irgendwo bei irgend- 
einer Gelegenheit einen Ukas erlassen, gegen den es keine Berufung gibt. 

„X. hat Talent... Z. ist ein Genie... W. ist unter jeder Kritik.“ 

Wenn noch ihre Urteile immer geistreich wären wie das von Dumas über 
Flaubert. 

„Flaubert? Ein Riese, der einen Wald niederlegt, um eine Schachtel 
Streichhölzer zu machen.“ 

Aber leider fehlen solche Pointen meistens. Und was die Verschiedenheit 
der Urteile betrifft, so überschreitet sie an Komik alles, was man sich vor- 
stellen kann. Ich werde eines Tages die verschiedenen Würdigungen, die meine 
Romane gefunden haben, nebeneinander veröffentlichen. Beispielsweise schrieb 
ein belgischer Kritiker über die „Gondole aux Chimeres“: „Ueber Venedig 

äußert sich Herr Dekobra ohne jede Originalität.“ Hingegen meinte ein 
Schweizer Kritiker: „Seit D’Annunzio ist die Dogenstadt nicht mit solcher 

Meisterschaft geschildert worden.“ Konflikt zwischen der Schweiz und Belgien... 

Ein gewisser polnischer Kritiker wirft mir vor, daß man mich zu viel liest 
in der Welt, und daß ich der Bibel Konkurrenz mache! Ein italienischer 
Kritiker bewirft mich im Neapler „Mattino“ mit so viel Rosen, daß ich er- 
sticke. Petronius, wo bist du? . . . 

Hier einen Löffel voll Kot auf die Schuhe, dort einen Blumentopf auf den 
Kopf . . . Die Relativität ihres großen Einstein ist niemals besser in Erscheinung 
getreten. Nun, beeilen wir uns, darüber zu lachen, denn binnen kurzem werden 
wir allesamt tot sein, und unsere Kadaver werden auf dem Wege nach dem 
Jenseits mit derselben Geschwindigkeit (150 Km. die Stunde) vertrocknen. 


(Deutsch von Franz Leppmann.) 



Carl Rabus 


ZWEI INDIANISCHE MÄRCHEN 


or vielen Jahren verließen elf junge Irokesen das Dorf ihrer Väter. Sie 


wollten Kriegstänze üben und sich auf den Kampf mit ihren Feinden 
vorbereiten. 

Bevor sie aufbrachen, sagte ihr Anführer: „Eure Eltern müssen euch mit 
Lebensmitteln versorgen, damit wir bei Kräften bleiben.“ 

Dann zogen sie singend davon, während ihr Führer die Trommel schlug, 
sie zu Mut und Ausdauer aneifernd. 

Sie streiften durch den Wald, bis sie zu einer Stelle kamen, die für ihre 
Uebungen geeignet war; dort ließen sie sich nieder und errichteten eine Hütte 
zum Schutz vor Wind und Wetter. 

Sie blieben viele Tage und übten den leichten Schritt des Jägers, der sanft 
und leise wie ein fallendes Blatt den Boden berührt. Oder sie tanzten wild 
zum Wirbelschlag der Trommel die Tänze des Krieges. 

Aber schließlich wurden sie müd und schwach, denn Tag um Tag verging, 
und aus den Hütten der Väter wurde ihnen keine Nahrung nachgesandt. 

Einen der Jünglinge schickte der Führer zu ihren Angehörigen zurück, der 
diesen erzählte, die jungen Männer wären schwach und müd und hätten 
nichts zu essen. Aber die hartherzigen Väter sandten keine Nahrung, und der 
Bote kehrte matt und mit leeren Händen zurück. 

Trotzdem setzten die jungen Krieger ihre Tänze fort, denn in ihren Herzen 
brannte Mut, und junge Irokesen sind stark und zäh. Wieder schickten sie 
um Nahrung, aber man gab ihnen nichts. 

Vergebens opferten sie dem Himmel und der Erde Gras und was sie hatten 
und sangen: 


O Erde, du Mutter, o Himmel, du Vater! 

Eure Kinder sind wir, 

Mit müden Rücken 
Bringen wir euch Gaben, 

Die ihr liebt. 

Mag das Gewebe das weiße Licht Tag sein. 
Mag das Gespinst das rote Licht Abend sein, 
Mögen die Ränder fallender Regen sein, 

Möge der Saum ewig ein Regenbogen sein — 
Ihr webt für uns ein Gewand des Lichts, 

Daß wir am liebsten hingingen, 

Wo die Vögel singen, 

Daß wir am liebsten hingingen, 

Wo die Gräser grün klingen — 

O Erde, du Mutter! O Himmel, du Vater! 


Nacberzählt von 

THOMAS SCHRAMEK 


I. DIE TANZENDEN STERNE 



Vergebens ! 



Maurice Dekobra und die Photos seiner Leserinnen 


Photo Meurisse 






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Orangenverkäufer in Damaskus 


Photo Krehan 




Photo J. Söhn, Düsseldorf 

Der Düsseldorfer Malkasten (Eduard v. Gebhardt und Kollegen) 



Die Dolly Sisters in Paris 


Wide World Photo 



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Photos Nini & Carry Heß 




Photo Frau Ottmar Strauß 

Die Maler Fritz Kronenberg und Hubert Wilm in Cannes 



Photo M. Krajewski 

Alfred Flechtheim in seiner neuen Galerie mit dem Architekten 
Paul Mahlberg, Renee Sintenis und E. R. Weiß 


Noch ein letztes Mal baten sie ihre Väter um Nahrung, aber wieder ver- 
gebens. 

In der Nacht dann, als sie ganz erschöpft in ihrer Hütte lagen, erwachte 
ihr Führer und vernahm lieblichen Gesang. Leise und lockend tönten die 
sanften Stimmen, die hoch über der Erde zu schweben schienen. 

Der Führer weckte seine Gefährten. Sie lauschten, und ein Jüngling nach 
dem andern erhob sich traumumfangen vom Lager. Neue Kraft durchströmte 
ihre Adern, neuer Mut füllte ihre Herzen, tanzend folgten sie den Klängen des 
Gesanges. Weiter und weiter schritten sie, und bald schienen sie losgelöst vom 
Bocken; doch sie tanzten immer schneller, je höher sie stiegen. Ueber die Wipfel 
der Bäume kamen sie, über die Gipfel der Berge, und dann hoch in die Wolken. 
Lind weiter lockte sie die himmlische Musik, und sie tanzten wild und immer 
wilder den Kriegstanz ihres Volkes. 

Der Nachtwind sah sie. „Sie folgen dem Gesang der Himmelshexen,“ 
heulte er bestürzt, raste davon, um sie einzuholen und zur Rückkehr zu bewegen. 
Aber sie hörten nicht auf den Nachtwind, denn der Gesang der Himmelshexen 
hatte sie betört, und sie folgten tanzend ihren Stimmen. 

Als die Leute ihres Dorfes die jungen Indianer hoch über ihren Köpfen dem 
Himmel zustürmen sahen, liefen sie aus ihren Hütten und riefen: „Kommt 

zurück! Kehret zurück!! Seht nieder auf uns, und der Bann wird brechen. 
Glaubt nicht dem Gesang der Himmelshexen!“ 

Aber die Jünglinge flogen weiter — alle, bis auf ihren Führer; der hörte 
die Stimme seiner Mutter, wandte das Haupt und sah zurück. Da brach der 
Zauber der Himmelshexen, und nieder glitt er, nieder, zurück zur Erde. 

Die andern zehn flogen weiter, und der Vater Mond, ganz schwindlig vom 
Anblick ihres Tanzes, bog ab aus seiner ständigen Bahn und flehte sie an, auf 
ihn zu hören. 

„Die Hexen des Himmels suchen Opfer für ihre Feste!“ rief er ihnen zu 
„Kehrt um, kehrt um! Sie werden euch vernichten!“ 

Doch ohne auf seine Warnung zu achten, folgten sie bezaubert der 
rauschenden Musik. Da rief der Mond: „Ich werde euch, selbst gegen euern 
Willen, vor dem bösen Zauber bewahren!“ Dann furchte der Vater Mond sein 
Silbergesicht, winkte mit seinem Wolkengürtel, und die zehn Jünglinge wurden 
in Fixsterne verwandelt und für immer am Himmel befestigt. 

Sieben dieser Jünglinge waren groß und stark, drei klein und nicht so 
kräftig — und wie sie waren, so wurden sie alle auch als Sterne. 

Als die Leute ihres Dorfes wieder in den Himmel sahen, erblickten sie 
sieben helle Sterne, die über ihnen tanzten und ihnen zuzwinkerten; Scharf- 
sichtige aber konnten in klaren Nächten zehn sehen. 

Und bis zum heutigen Tage tanzen und blinzeln diese Sterne — und dies 
hier ist die irokesische Geschichte ihres Ursprungs. 

Wir nennen diese Sterne die Plejaden, aber bei den Irokesenzauberern 
heißen sie Die tanzenden Sterne. 


II. WARUM DER WIND WEHKLAGT 


V or vielen, vielen Jahren hatte der Häuptling der Algonkin eine schöne, 
schöne Tochter. 

„Sie soll den stärksten Krieger heiraten“, sagte der Häuptling, „und den 
besten Jäger. Dann wird sie gut beschützt, und ich werde glücklich sein.“ 

Eines Tages nun, als der Häuptling in der Tür seiner Hütte sali, kam plötz- 
lich ein raschelndes Geräusch heran, und ein Jüngling stand vor ihm. Es war 
der Wind, der sich sichtbar gemacht hatte, um mit dem Häuptling sprechen 
zu können. 

Nachdem er ihn begrüßt hatte, sagte er: „Großer Häuptling, ich liebe deine 
Tochter. Darf ich sie als Ehefrau in meine Behausung mitnehmen?“ 

Der Häuptling sah den Wind an und antwortete: „Nein. Meine Tochter 

ist nicht für deinesgleichen. Du bist kein Krieger. Du bist kein Jäger. Du 
liebst es, einem Possen zu spielen. Du kannst meine Tochter nicht heiraten.“ 
Betrübt verließ ihn der Wind, denn er liebte das Indianermädchen. 

Am nächsten Tag kam das Mädchen, zu ihrem Vater und sagte: „Vater, ich 
liebe den Wind mehr als irgendeinen jungen Krieger des Stammes. Darf ich 
mit ihm gehen und seine Frau werden?“ 

Der Häuptling sah seine Tochter an und sagte: „Nein. Der Wind ist kein 

Gefährte für dich. Er ist kein Krieger. Er ist kein Jäger. Er liebt es. einem 
Streiche zu spielen. Du darfst ihn nicht heiraten.“ 

Betrübt verließ ihn die Tochter, denn sie liebte den Wind. 

Am nächsten Tag, als das Mädchen fortging, Schilf zu pflücken, um daraus 
Körbe zu flechten, hörte sie plötzlich ein raschelndes Geräusch über ihrem 
Kopf. Sie sah auf, und wie sie noch schaute, schwebte bereits der Wind her- 
nieder und trug sie in seinen Armen fort, weit weg zu seiner Hütte. 

Dort lebten sie glücklich miteinander, denn das Mädchen wurde seine Frau. 
Aber der große Häuptling war voller Zorn. Er suchte das Land nach der 
Hütte des Windes ab, konnte sie aber viele Monate lang nicht finden. Dennoch 
wollte er seine Suche nicht aufgeben, denn sein Herz kochte vor Wut. 

Eines Tages hörte der Wind ein Knistern unter den Bäumen in der Nähe 
seiner Hütte, und sein Atem stand still. 

„Es ist dein Vater“, rief er und verbarg die Häuptlingstochter unter einem 
Dickicht und machte sich selbst unsichtbar, um in ihrer Nähe bleiben zu 
können. 

Der große Häuptling sah in die Hütte des Windes, aber er fand sie leer. 
Dann durchstreifte er das Gebüsch, schlug mit seiner schweren Keule nach 
links und nach rechts und rief: „Wo bist du, Tochter? Wo bist du?“ 

Und als die Frau des Windes ihres Vaters Stimme hörte, antwortete sie: 
„O Vater, schlag nicht! Wir sind hier.“ 

Aber ehe ihn noch ihr Wort erreichen konnte, schwang der Häuptling seine 
große Keule noch einmal, und sie sauste auf den Kopf des unsichtbaren Windes 
nieder, der, ohne einen Ton von sich zu geben, bewußtlos zu Boden sank. Und 
da er unsichtbar war, wußten weder der Häuptling noch seine Tochter, was ihm 
zugestoßen war. 


512 


Der Häuptling schloß seine Tochter in seine Arme und eilte dann zurück 
mit ihr zu seinem Stamm. Aber sie wurde von Tag zu Tag bekümmerter, sie 
sehnte sich zurück nach ihrem Gatten, dem Wind. 

Einige Stunden lang lag der Wind bewußtlos neben seiner Hütte. Als er 
erwachte, waren der Häuptling und seine Tochter fort. Gramerfüllt stob er 
davon, seine Frau zu suchen. Er gelangte zu ihres Vaters Stamm, und dort 
fand er sie schließlich. Aber sie war mit ihrem Vater in einem Kanu weit 
draußen am See. 

Da rief der Wind: „Komm zu mir, Geliebte“, und seine Stimme schwebte 
über dem Wasser. 

Der Häuptling sagte: „Der Wind bläst“, aber seine Tochter wußte, daß es 
die Stimme ihres Gatten war. Sie konnte ihn nicht sehen, denn er war noch 
unsichtbar, aber sie erhob sich im Kanu und streckte die Arme aus — gegen 
die Küste hin. In diesem Augenblick wühlte ein Windstoß das Wasser auf, 
und das Kanu überschlug sich. 

Die Tochter des Häuptlings hob ihre Arme empor, und der Wind versuchte 
sie zu umfassen, um mit ihr zu entfliehen, aber es war zu spät. Der „Große 
Geist“ trug sie empor zum Himmel und gab ihr ein Heim; sie lebt nun für 
ewige Zeiten auf dem Mond. 

Der große Häuptling ertrank in den Wellen des Sees. 

Nacht um Nacht blickt seine Tochter zur Erde nieder; sie hofft auf ein 
Zeichen von ihrem verlorenen Geliebten. Aber obgleich der Wind noch immer 
auf der Suche nach seiner Frau über der Erde umherstreift, hat er, seit des 
Häuptlings Schlag sein Haupt getroffen, nicht mehr die Kraft, für die Men- 
schen sichtbar zu werden. 

Jetzt werdet ihr auch verstehen, warum die Stimme des Windes so traurig 
klingt, wenn er über den Wigwams wehklagt; und warum des Mondmädchens 
blasses Antlitz immer der Erde zugekehrt ist. 



AUS „MENSCH UND MANN“ 


Von 

PETER SUFF 

O Mensch in Mann und Weib! — Du bist beim Feste, 
Das Mann und Weib im Glanz der Leiber eint, 

Der schwarze Ritter in dem Schwarm der Gäste, 

Der ungebeten, störend, stumm erscheint. 

Und jeder dreht sidi, dir nicht zu begegnen. 

Und jeder eilt von deiner Nähe fort. 

Mit wem du schweigst, der wendet sich verlegen. 

Mit wem clu sprichst, dem stirbt im Mund das Wort. 

Taut Morgen, wölkt der Tag, im kalten Wagen 
Darf man sich fröstelnd dies und das gestehn — 

Hört man im Frühwind leise Stimme klagen, 

Sieht man clidi Arm in Arm mit einem gehn, 

Dem du den Mantel trostreich umgesddagen. 

* 

O Mensdi in Mann und Weib! — Du weißt um beide, 
So wie ein. Fechter weiß um Hieb und Stidi. 

Du weißt um jene Frau: So zart sie leide, 

Sudit sie den Mann, den Mann in dir, nidit clidi. 

Da bist du Mann und donnerst ihr Befehle. 

Du spannst clen Bogen, bis er reißt, 

Madist deine Brust weit statt cler Seele 
Und läßt die Schenkel spielen statt den Geist. 

Dein Griff ist hart. Dein Wort ist rüde. 

Nun weißt du, Schwachweib , wer idi bin! 

Dodi ist sie deines starken Mannseins müde, 

Steht ihr nadi Mensdisein cler verstiirmte Sinn, 

Da trittst du sanft und gütig vor sie hin. 


5i4 


JAGD IN SÜDAMERIKA*) 

Von 

BERNHARD SC II RO EDER-WI EBO RG 

5 0 fuhr ich wieder mit dem Dampfer flußabwärts, bis zu der aufbliihenden 
Stadt Resistencia im Chaco, um mich von hier, als Jumper, bis nach Buenos 
Aires zu mogeln. 

Hier händigte man mir nach eingehender Unterredung eine größere Summe 
Geldes aus und schickte mich als Fellaufkäufer nach Formosa zurück. 



Bernhard Schroeder-Wieborg 


Von dort aus sandte ich dann die eingekaufte Ware nach Buenos Aires. 
Neue Geldmittel wurden mir auf meine Anfragen stets sofort telegraphisch 
überwiesen. 

Später ging ich dann auch für die Firma jagen. Sechs Kreolen und ein Auf- 
seher begleiteten mich. Die Hauptjagd galt der Nutria und der Fischotter. 
Wir arbeiteten hauptsächlich mit Fallen — Tellereisen — . 

Die Nutria — Biberratte — ist fast so groß wie der Biber und ähnelt diesem 
sehr. Sie besitzt aber anstatt des breiten Biberschwanzes einen solchen wie die 

*) Aus dem demnächst bei S. Fischer, Berlin, erscheinenden Werke: ,,Als Jumper, Flieger und 
Jäger in Südamerika“ des gleichen Autors. 


52 Vol. 7 


515 



gewöhnliche Wasserratte. Wenn man sich unsere Wasserratte fünfmal ver- 
größert denkt, hat man das Bild der Nutria. 

Selbst unter gebildeten Menschen findet man immer wieder die irrige An- 
sicht vertreten, die Nutria sei eine Art Fischotter. Dieses ist grundfalsch. Die 
Otter gehört zu den Raubtieren, und die Nutria ist ein ausgesprochenes Nagetier. 


Das kostbare Pelzwerk dieses Tieres gewinnt immer mehr an Bedeutung. 
Infolge dieser hohen Wertschätzung hat sich in Südamerika eine schonungs- 
lose Raubjagd gegen die Nutria entwickelt. 

Vor zwei Jahren noch gab es Gegenden, wo die Biberratte ungestört lebte. 
Heute gibt es nur vereinzelte, unzugängliche Urwaldsümpfe, wo der Nutria- 
jäger fehlt. 

Es ist merkwürdig, daß dieser Nager nur in der gemäßigten und subtropi- 
schen Zone zu Hause 
ist. In der Trope findet 
man ihn selbst in den 
ausgedehntesten Sümp- 
fen nicht. Unter gün- 
stigen Lebensbedingun- 
gen tritt er stets in 
Massen auf, da seine 
Fortpflanzungsfähig- 
keit bedeutend ist. 

Das weibliche Tier 
wirft mehrere Male im 
Jahre drei bis acht 
Junge. 

In den letzten 
Jahren entwickelten 
sich große Campamen- 
tos, die mit einigen 
hundert Indios Nutria 
jagen und oft über mehr als tausend Tellereisen verfügen. Die Nutria 
ist verhältnismäßig leicht zu fangen. Deshalb gelingt es auch den 
•Nutriajägern, große Sümpfe buchstäblich nutrialeer zu machen. Ja in 
trockenen Jahren hat man im Chaco Argentiniens — ein mir sehr bekannter 
Pelzjäger war dabei — Feuer in die fast wasserleeren Sümpfe geworfen und 
die Nutria mit Knüppeln totgeschlagen. Das Tier ist auf dem Lande unbe- 
holfen und langsam. 

Logischerweise ist die Biberratte jetzt seltener geworden, und wenn nicht 
ganz radikale Jagdgesetze dieser Raubjagd Einhalt gebieten — was allerdings 
schwer durchzuführen ist — , so wird dieses Pelztier in absehbarer Zeit aus- 
gerottet sein. 



Bernhard Schrocder-Wieborg 


Das Nächstliegende wäre nun der Gedanke, die Nutria zu züchten, wie man 
es schon seit etwa vierzig Jahren mit den Edelfüchsen in Nordamerika, Kanada 
und neuerdings auch in Europa macht. 


5*6 


Wirklich versuchen hier und da auch Estancieros, die Nutriabestände ihrer 
oft sehr großen Sumpf ländereien mit der Kugel gegen Raubjäger zu schützen. 
Sie schonen ein Jahr, um dann Ernte zu halten. So gibt es in Südbrasilien 
Estancieros, die in einem Jahre mehr Kapital aus Nutriafellen schlugen, als 
ihnen ihre Rinderherden in zwei Jahren einbrachten. 

* 

Ein ähnliches Los, wie das der Nutria, trifft auch die Edelreiher Süd- 
amerikas, nur daß sich bei diesen Vögeln, der besonderen Kostbarkeit ihrer 
Federn wegen, die Verfolgung in unverhältnismäßig krasserer Form ausgewirkt 
hat. Die drei hauptsächlich in Frage kommenden Arten sind: der graue Reiher, 
der große und der kleine weiße Edelreiher. 

Es tut einem denkenden Europäer weh, wenn er auf großen Seen und 
Sümpfen in den herrlichsten Naturbezirken kaum noch die schneeweißen und 
zierlichen Edelreiher erblickt. 

Freilich hat man noch Regionen, wo man diese Schmuckträger noch zu 
Tausenden sieht. Ich selbst habe sie gesehen! 

Am häufigsten sind sie noch im tropischen Innern Brasiliens. 

Die Edelreiher aber werden immer seltener. Ihre Verfolgung greift immer 
mehr um sich. 

Die abstoßendste Jagd auf diesen Vogel ist die an der .sogenannten Reiher- 
kolonie ausgeübte, der Abschuß am Nest. Immer wieder erscheinen die von 
der Liebe zu ihren Jungen getriebenen Alten an der Brutstätte — und immer 
wieder knallt es. 

Im nächsten Jahre aber bleibt die so beschossene Ansiedelung leer, die 
Reiher kehren nicht wieder. 

Das weiß auch der Estanciero. Und nicht selten schießen seine von ihm 
beauftragten Knechte die ohne Erlaubnis den Reihern nachstellenden Jäger wie 
Tiere über den Haufen. 



Bernhard Schroeder-VVieborg 


517 




Wie bei den Diamantensuchern, so geht es auch bei den Reiher jägern. 
Manche kehren nicht wieder. 

Mas drei zusammenraffen, bringt für einen mehr! 

Der Urwald schweigt. — 

Von Formosa wurde ich später, als die Otter- und Nutriafelle im Preise 
fielen, nach Buenos Aires zurückgerufen. 

Hier mußte ich etwa sechs Wochen lang jeden Tag an den großen Fellmarkt 
gehen, um auch diesen kennenzulernen. Und dann schickte man mich nach 
Brasilien in den heißen Tropenstaat Matto-Grosso. 

Hier war ich abermals als Jäger und Aufkäufer tätig. Und ich will aus 
dieser Zeit noch einige interessante Erlebnisse erzählen. 

Zuerst will ich von dem Jaguar berichten, von welchem der Expräsident 
von den Vereinigten Staaten, Theodore Roosevelt, in einem Buch über Jagd- 
erlebnisse in Südamerika sagt, daß die Jagd auf diese Großkatze zu den mühe- 
vollsten und gefährlichsten Jagden überhaupt zu rechnen sei. 

Es gibt in der Natur tatsächlich ansehnliche Burschen unter diesen L rwald- 
schrecken, wie man sie in den Zoologischen Gärten kaum zu sehen bekommt. 
Wog doch ein von mir erlegtes Exemplar zweihundertvierzig Pfund und maß 
von der Nase bis zur Schwanzspitze 2,50 Meter. 

Den Lieblingsfraß des Jaguars bilden Krokodile, Wild- und Wasserschweine. 
Wo er noch in der Nähe menschlicher Siedlungen zu Hause ist, wird er, wenn 
ihn der Hunger plagt, ein gefährlicher Räuber. Ein- und zweijährige Rinder 
schlägt er mit Leichtigkeit. Selbst Kühe fallen ihm zum Opfer, auch das kleine 
Kreolenpferd ist — wenn es nachts angepflockt war — nicht selten von ihm 
zerrissen worden. 

Dem Menschen weicht er in den allermeisten Fällen aus, wo er irgend kann. 
Trotz meines mehrjährigen Aufenthaltes im tropischen und subtropischen Innern 
Südamerikas sind mir nur ganz vereinzelte Fälle bekannt, wo einwandfrei nach- 
gewiesen werden konnte, daß der Jaguar einen Menschen aus dem Hinterhalt 
angriff und tötete. 

Es ist auch immer schwierig, bei solchen Vorkommnissen die Ursache des 
Angriffs zu erfahren. Der Mensch kann z. B. in die Nähe einer Jaguarmutter 
geraten sein, die ihre Jungen säugte usw. 

Stets wird ein besonderer Grund vorliegen. Man kann viele Jahre im Ur- 
wald leben und jagen, ohne einen Jaguar zu Gesicht zu bekommen, obwohl man 
vielleicht jeden Tag seine Spuren sieht. Es passiert aber — wenn auch höchst 
selten — , daß ein Jäger den Jaguar bei seiner Beute überrascht. In diesem 
Falle entschließt er sich fast immer zum Sprunge. 

So kenne ich zum Beispiel junge, unerfahrene Jäger, die mir selbst frei- 
mütig erzählten, daß sie bei einem solchen Zusammentreffen, durch den uner- 
warteten Anblick und durch das Gebrüll des Tieres — das Gebrüll des Jaguars 
im stillen Urwald ist fürchterlich — so erschrocken waren, daß sie die Büchse 
fortwarfen und in einen Baum kletterten. Hier warteten sie, bis der Ergrimmte 
seinen Raub verzehrte und abzog. 

Verfehlt der Jaguar seine Beute im ersten, gewaltigen Sprunge, so läßt 
er das flüchtige Tier ruhig fahren. Für die Verfolgung ist sein gedrungener, 


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Gustave Gourbet, Der Wald von Fontainebleau. 1870. Berlin, Galerie Flechtheim 


Photo Bernheim Jeune, Paris 




Dresden, Galerie Arnold p ar ; Si p 0 uvre 

Cezanne. Zeichnung nach nebenstehender Skulptur Fuget (1622 — 1694), Perseus und Andromeda. Marmor 



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E. R. Weiß, Die Gefangene. Oelgemälde 


Wilhelm Lehmbruck, Der verliebte Charon. Oelgemälde 



Bei T i l / a D u r i e u x 



Die jungen Krokodile 



Prinzessin Locki aus Siam 


zuweilen fast plumper Körperbau nicht geeignet. Er geht ohne Scheu ins 
Wasser und durchquert reißende Ströme. 

Der Brasilianer im Staate Matto-Grosso jagt diese Großkatze mit Hunden. 
Er zieht, mit seinem vertrauten Winchester bewaffnet, das lange Buchmesser 
an der Seite und von einem alten, erfahrenen Indianer und den Hunden be- 
gleitet, in den Wald. 

Der Indianer führt als Waffe, mit der er schon manchen Jaguar aufgespießt 
hat, und die er auch mit keiner modernen Waffe eintauscht, die Zagaya. Diese 
ist eine 2,25 Meter lange Stoßlanze, deren Stoßmesser am unteren Ende mit 
einem Ouerstück versehen ist. 

Trifft einmal der Schütze schlecht, sei es vor Aufregung, sei es, daß der 
Jaguar sich zur Flucht wandte, oder daß die Hunde einen sicheren Schuß nicht 
möglich machten, so steht der Indianer wie aus Stein gehauen und läßt das 
angeschossene Tier in die Lanze springen. 

Es gibt auch Jäger, die allein mit den Hunden den Jaguar jagen, doch das 
sind Ausnahmen. 

Nun ist schon mancher Jäger mit sechs bis acht Hunden in den Wald ge- 
zogen und hat sich nachher allein gefunden. Die Hunde hatten den Jaguar 
gewittert und waren lautlos mit gesträubtem Haar und eingeklemmtem Schwanz 
iri das Lager zurückgeeilt. 

Da hat man jedoch einen Catchoro maestre — Meisterhund — , dieser folgt 
seinem LIerrn auf dem Fuße oder geht kurz vor ihm her. Mag die Meute 
toben und einen Hirsch oder ein anderes Tier verfolgen, er bleibt bei seinem 
Herrn. Dann kann es Vorkommen, daß ein Meutehund an dem Herrn vorbei- 
und zurückläuft, ein anderer folgt, alle verschwinden. Der Jäger geht ruhig 
weiter. Aber der Meisterhund ist plötzlich wie elektrisiert vorgesprungen — 
schon erschallt sein Hetzlaut vorn im Dickicht — , er liegt auf der frischen 
Fährte des Jaguars. Heftiger ertönt das schnell sich entfernende, heisere 
Bellen. Da kommt auch die flüchtige Meute, durch die Stimme des Leithundes 
ermutigt, zurück. Jetzt liegen die ganzen Hunde, laut Hals gebend, auf der 
Spur des fliehenden Jaguars. An der Spitze der erfahrene Meisterhund. 

Am bequemsten ist nun der Abschuß, wenn es den Hunden gelingt, den 
Jaguar auf eine Waldblöße oder gar auf den Kamp zu treiben und zu stellen. 
Gern erklettert die verfolgte Großkatze auch einen schrägen Baum. Hier ist 
der Abschuß für einen ruhigen Jäger spielend leicht. 

Oftmals jedoch flieht der Jaguar, bis sich der Jäger durch den verschlun- 
genen Urwald herangearbeitet hat. So kann er auch den ganzen Tag genarrt 
werden, ohne zum Schuß zu kommen. 

Der deutsche Schäferhund ist vielfach sehr scharf auf den Jaguar, ja, zu 
scharf, denn nicht selten setzt er diesem so blindlings nach, daß ein einziger 
Prankenhieb des Raubtieres ihm das Leben nimmt. Dagegen hat man 
durch Kreuzung von Meute- und deutschen Schäferhunden ausgezeichnete 
Mcisterhunde erhalten. 

Der schwarze Jaguar ist sehr selten, wenn man auch immer wieder hört, 
er soll hier und dort recht häufig Vorkommen. Es ist nicht wahr. Interessant 


519 


ist das schwarze Fell, auf welchem dennoch die rundlichen Augenflecken mar- 
kiert sind, die genau das bunte Gemälde des gemeinen Jaguars ahnen lassen. 

Der Silberlöwe ist ebenfalls, wie der bunte Jaguar — je nach der Gegend — , 
verschieden gebaut und gefärbt. E,s gibt einen schlanken, hochbeinigen Typ 
mit schmalem Kopf und einen, der mehr dem gedrungenen, starken Bau des 
Jaguars ähnelt. Der Farbe nach möchte ich drei Hauptarten hervorheben: dei 
einfarbig hellgraue, der rotbraune und der in Matto-Grosso häufige hirschrote, 
welcher merkwürdigerweise, besonders an der Bauchseite, schwach gezeichnete 
Augenflecken wie der Jaguar aufweist. Noch seltener als der schwarze Jaguar 
ist der Silberlöwe mit den dunklen Streifen am Kopf. 

Ich hatte Gelegenheit, in Südamerika dreizehn Wildkatzenarten — ohne die 
Variationen - — kennenzulernen, doch würde die Finzelbehandlung derselben 
hier zu weit führen, und ich will jetzt etwas über Schlangen plaudern. 


JUNGE TIERE IM BERLINER ZOO 

Von 

DOROTHEA IlOTER-DERNBURG 

D ie jungen Tiere sind Gott am nächsten. Frisch geschnitzt kommen sie aus 
seiner Hand, noch duftend nach ihr, neu, und so prall in tadellose, wusche- 
lige Wollbeziige gestopft, von einem soliden Tapezier, der seine Sache versteht. 

Kleine Löwen fühlen sich an wie geschorene Wollblumen auf Biedermeier- 
kissen. Champagnefarben bis Beige. Breit, beinahe flach, als wären sie knochen- 
los, aber warm, atmend, gewichtig und voll von der kreaturisch überlegenen 
Gleichgültigkeit der Bestie, die wächst, immer nur wächst. Mit riesenhaft 
darauf hinweisenden Pranken, sind sie dieser ihrer einzigen Tätigkeit restlos 
hingegeben. Ihre Augen, goldgelb wie Honig, und so gleitend und zäh fließend 
im Blick, antworten auf niemandes Frage. Sie verhandeln nur unter sich. 
Manchmal stoßen sie mit kleinen, dicken Nasen zusammen — besehen sich 
aus nächster Nähe, affektieren Kurzsichtigkeit, legen die Ohren, große, runde, 
neue Kochlöffel, nach vorn — und gehen weiter. Fast schon mit der nutzlosen 
und traurigen Gelassenheit ihrer Väter. 

Eine kleine zierliche Hündin ist Amme im Dienst dieser Dynastie. Arglos, 
mit braun gesprenkelten Augen, ausgesogen und tiefsinnig, bettelt sie subaltern 
um Kakes. Dann jagt sie auf Spatzen und Fliegen. Sehr flink ist sie. Die 
Herren Löwen in spe sehen ihr mißbilligend nach. Ab und zu marschieren sie 
byzantinisch in einer Reihe auf, und greinen in nicht recht ernst zu nehmender 
Weise, beleidigt und herrisch, indem sie ihr ,,mrrau“ noch einige Male tief 
gurgelnd durch die Kehle ziehen. Sie wissen, daß es nutzlos ist, hinter dieser 
sonderbaren Mutter herzustolpern. Das Pelzchen ist so heiß und die Luft so 
durstig und schläfrig. Ein bißchen gestohlene Milch wäre so gut. Und traurig 
lassen sie sich nieder auf ihre Hinterteilchen und warten. Dann schließlich 
kommt einmal der große Moment und der scharmante Wärter mit der rot ver- 
brannten Nase: „Nu kommt alle her, kommt zu Pappa“ sagt er, und packt 

das Fräulein Amme beim Kragen. Vier Mäuler, vier Paar Pranken, stürzen 


520 



sich über sie, begraben sie unter warmen Körpern und saugen sie aus, selig 
und erbarmungslos. 

Dann nach der Vesper liegen sie abgeklärt zwischen spärlich blühenden 
Gräsern, an einem harmlosen Ententümpel und schlecken die Milch aus den 
neuen Schnauzhaaren, und die Augen werden so weich, und die Sonne scheint 
mitten hinein. — Ein bißchen kann man auch auf dem Rücken liegen und 
spielen, und dann schläft man ein, die kleinen Flanken rasch angegriffen vom 
sommerlichen Atem, und den schönen milden Geräuschen ringsum, mit richtigen, 
schlummernden Babyangesichtern, unschuldig und schnurchelnd, als sollte man 
zu Füßen eines Luinischen Jesuskindes figurieren, mit sechs Lederflickern 
unter den gelösten Wollpfoten, die im Traum leise zucken. 

Die alte Bärenmutter — bucklig und etwas stumpf, hütet ihre vier Komiker 
selbst. Es macht ihnen nichts, denn sie sind der alten Dame überlegen, diese 
runden struppigen Kugeln auf vier Untersätzen — ein bißchen weißer Besen 
am Nacken eingestückt. Der Kopf, ganz dick und ganz vorn, besteht aus einer 
übertrieben runden Stirn und Himmelfahrtsnase aus Pappmache. Die jungen 
Leute sind flink und so rund, daß sie sich notwendig einmal um sich selbst 
kugeln müssen, um irgendeine Bewegung zu machen. Immer tätig, immer 
sinnlos wacker unterwegs, sind sie von der herrlichen Sorte Albernheit, die 
Albernheit für einen ernsthaften Lebensberuf hält; und infolgedessen imponiert 
ihnen nichts. Sie hoppeln herum und erklimmen den kahlen Baum im Ge- 
schwindschritt, ehe die alte Dame kommt und sie herunterholt. Sie bellen sie 
an wie Hunde. „Bis wir einmal solche dicke, schwere Madam sein werden,“ 
sagen sie — „so eine, die kleine Bärenkinder am Popo vom Baume beißt wie 
Früchte, weil sie selber drauf sein will, — aus lächerlichem Autoritäts- 
fimmel . . .“ und dann liegen sie unten. 

Es muß sehr traurig sein, einen Zoo zu besitzen. Es muß sehr melancholisch 
machen, für 1,50 Mark Entree den Löwenkäfig hygienisch zementieren zu 
lassen! Mindestens sollte man ihnen dazu oberbayerische Nagelschuhe an- 
messen lassen, den armen entlöwten Löwen. Aber es müßte wundervoll sein, 
einen sanften Garten zu haben, mit Hügeln, die in der Sonne schwellen, und 
am Rand einen Stall, groß und still, wie der von Bethlehem. Alle melancho- 
lischen Tiere müßten darin wie wandernde Blumen gehen, zwischen seltsamen 
Bäumen und gewärmten Büschen. Ein See müßte darin sein und dieser 
Wärter vom Zoo mit seiner roten Nase und seiner Vaterwürde. 

„Kommt her, kommt alle her zu Pappa!“ würde er auch hier abends rufen, 
und um die seltsamen Bäume und warmen Büsche bögen sie, träge und satt. 


521 


Die junge Elenantilope mit dem zierlichen Namen, aber groß, wie eine Kuh, 
mit schimmernd blauem Fell. Unter edelgewellten Hörnern ginge der große 
Blick ihrer Glaskugelaugen vor ihr her in den abendlichen Stall, schwarz und 
blank wie von Tränen. Die jungen Giraffen kämen, apathisch, töricht, schöne 
Orchideen aber ohne Ruchlosigkeit, gefleckt und mit etwas derangierten Woll- 
fransen am langen seidenen Nacken. Und das uralte Kamel käme, denn das 
möchte ich gern. Wiegend, gedunsen der Leib und im alten, alten Behang 
andeutungsweise ein paar Flocken ehemaligen Fells. Traurig wie ein abge- 
tretener Bettvorleger, würde es sich in den Stall legen und über das Dromedar- 
baby seufzen. Das Dromedarbaby aber wäre das schönste Spielzeug im Garten. 
Es ist so liebebedürftig. Ein schlacksiger Backfisch wäre es, mit verrenkten 
Gliedern, und ganz so ungeeignet käme es sich vor. Seine langen Hinterbeine, 
viel zu lang, um auch nur den Versuch zu machen, etwas damit anzufangen, 
stecken eng in dem runden Bauch. Es tut ganz, als sei es eins von den scherz- 
haften Tieren, die Zeitschriften abbilden, um zu selbstgefertigten Tafeldekora- 
tionen aus Kartoffeln und Stückchen anzuregen. — Um es zu ermutigen und 
gleichzeitig ihre Ausbildung zu vervollkommnen, würden diese emsigen, alt- 
jüngferlichen Kindergärtnerinnen von bestem Herkommen, diese ewig „Häschen 
Hupf“ übenden Känguruhs um den Hügel spielen. Und mit blöden, schwarz- 
braunen Augen würde es hinstarren und denken: „Ach, ihr b räuleins Känguruh.“ 

Auch einen Leoparden müßte man eigentlich im Garten haben, aus dekora- 
tiven Gründen einmal, und dann als memento mori. Dieser lauernde Tod, ver- 
lockend schön wie eine gefleckte Schlange von einem breiten Ast hängend, das 
wäre reizvoll. Und herrlich wäre der schwarze Panther mit den erbarmungslos 
grünen Augen. Aber besser ist es, große sanfte und milde Tiere in diesen 
Garten zu setzen, neben die ganz kleinen wilden. Nur jung müßten alle sein 
— außer dem alten Kamel natürlich — und stark riechend, nach nassem Fell, 
das in der Sonne dampft, nach Schöpfung, nach Schellack und nach unbe- 
griffener Welt. 

Und Gott sprach: „Die Erde bringe hervor lebendige Tiere ein jegliches 

nach seiner Art.“ Das war am 5. 1. Da hatte er seinen guten Tag. — „Und 
er sah, daß es gut war.“ — Da wurde er übermütig, denn Erfolg verdirbt die 
Distanz — und schuf den Menschen, — und er wurde danach. 



Rudolf Grossmann 


DIE RECHENMASCHINE EM ANUEL STEINER 


Von 

MA TTIIEO Q UINZ 
Vor dem Auftreten 

E r kommt aus dem Büfett und steuert, den fetten Nacken gesenkt, über den 
Höf der Scala auf den Bühneneingang zu, an Okitos, dressierten Enten und 
dem Auto des Ausbrecherkönigs vorbei. Die Unterlippe, wie von einem Schlagfluß 
gelähmt, hängt noch läppischer nach 
unten als während seiner Produktion auf 
der Bühne, und der Blick der Augen 
schwimmt desperat ins Leere. Er hat 
die schwammigen Hände geballt und 
verdreht, in der übertriebenen und ver- 
krampften Art, in der Damenimitatoren 
auf schlechten Tingeltangelbühnen 
schüchterne Jungfrauen darstellen. Ich 
spreche ihn an, und während der 
nächsten Minuten, in denen wir uns für 
später verabreden, hält seine molusken- 
haft weiche, warme Tatsche meine 
Hand umklammert, läßt sie nicht los, als 
wäre ich ein alter, lieber Freund, von 
dem er Abschied zu nehmen hat auf 
lange Zeit, und dessen physische Nähe 
er auskosten will bis zur letzten Sekunde. 

Dabei starren die Augen verschwommen 
und ausdruckslos weit weg ins Nichts. 

Nach dem Auftreten 

Gegenüber der Scala ist eine kleine 
Bierkneipe, in der die Artisten nach der 
Vorstellung verkehren; auch das inter- 
nationale mondäne Tanzpaar, seines ele- 
ganten Nimbus entkleidet, erholt sich 
hier vom Black-Bottom bei Patzen- 
hofer, Eisbein und Sauerkohl. Emanuel 
Steiner sieht aus, als hätte er selbst so eine Kneipe irgendwo in Galizien, mit 
Fremdenzimmern im ersten Stock mit Damenbedienung und allem östlichen 
Komfort. Es gäbe sicher gutes Essen bei ihm, vielleicht ein wenig fett, und 
sehr gutes Bier, das er selbst besonders gern und in großen Quantitäten trinkt. 

„Gerechnet habe ich schon als Bub von vier Jahren, das ist eine Begabung, 
ererbt, mütterlicherseits. Mein Vater konnte nicht rechnen, der nicht. Aber 
mein Großvater war Sprachgelehrter, hat vierundzwanzig Sprachen gesprochen 
— in Agram in Kroatien. Aufgewachsen bin ich in Ungarn, und darum können 



Grossmann 


Emanuel Steiner 


523 


Sie nirgends so einen Paprika bekommen wie bei mir.“ (Er zieht eine silberne 
Streudose aus der Tasche, gibt Kostproben, bietet allen Leuten Sendungen an, 
frei ins Haus.) „Ich bekomme oft Briefe: Herrn Emanuel Steiner, Paprika- 
reisender und Rechenkünstler. Brauchen Sie keinen Paprika? — Ich habe als 
Bub schon alle Zahlen nicht gewußt, sondern gesehen. Das ist so: das Bild 
der Tafel schiebt sich vor mein Auge, und ich lese es ab. Ich arbeite aber auch 
akustisch, und dann höre ich den Klang der Zahl wieder. Alle Zahlen bleiben 
mir dann 14 bis 17 Tage im Gedächtnis, wenn ich will, auch länger, und ich 
kann sie nicht loswerden, ob ich will oder nicht. Ich kann sie nicht loswerden. 
Heute zum Beispiel waren die Zahlen“ . . . 

L*nd mechanisch schnurrt die Maschine ab: „7 Milliarden, 8 Millionen 

sechsmal hunderttausendvierhundert“ . . . 

„Anstrengend ist mir nur das Sprechen, nicht das Rechnen; ich rede oft un- 
deutlich, weil ich alle Energie zusammennehmen muß, um durch das Pensum 
durchzukommen, und da treibt mich dann oft etwas wie Angst, schneller zu 
reden. Uebrigens Mathematiker im wissenschaftlichen Sinne bin ich nicht, ich 
rechne nur. Und weil es mich gegiftet hat, daß die Leute mich als ,nur Rechen- 
künstler“ über die Achsel angesehen haben, bin ich hergegangen und habe 
Schlossers Weltgeschichte und noch ein paar historische Werke von vorn nach 
hinten mit allen Zahlen auswendig gelernt und meine Nummer erweitert.“ 

Ein Varieteagent kommt an den Tisch, bietet ein Engagement nach Aegypten 
an, mit garantierter Vorstellung bei Hof, bei König Fuad und in Steppards 
Hotel. Sofort verglast sich Steiners Blick, die Unterlippe hängt. „Ja, da könnten 
Sie mich brauchen, beim Tut-en-chamon“, und er pladdert alle Zahlen der 
Geschichte Ägyptens herunter, 4000, 3000, 2000 vor Christus; ohne Bremsen. 

„Herr Steiner, ich habe Sie einmal in Zürich gesehen“ . . . 

„Ja, das war am 12. November 1912, da bin ich um 10.27 bei dem Erdbeben 
auf der Bühne gestanden; hinter mir standen halbnackt die vier Armstrongs, 
die Akrobaten. Das Publikum wollte in Panik aus dem Theater heraus, die 
nackten Akrobaten sind auf und davon auf die Straße, ich habe aber weiter 
gerechnet und gesagt: , Meine Herrschaften, wenn Sie diese Zahl ausgerechnet 
haben, ist auch das größte Erdbeben vorüber.“ Es waren gerade 5 Billionen, 
7 Milliarden . . . dran . Mein erstes Auftreten sollte übrigens am 
8. Dezember 1881 stattfinden, im Wiener Ringtheater, während der Pause; der 
Abschluß klappte aber nicht, und ich trat woanders auf. Das Ringtheater ist 
an diesem Abend abgebrannt. 449 Tote“ . . . Und er brummelt eine Billionen- 
zahl hinterher. 449 miteinander multiplizierte Leichen. 

„Nein, ich bin der einzige derartige Fall, den die Wissenschaft kennt. 
Forell hat mich oft untersucht und gemessen, auch Wundt, und über mich 
geschrieben. Wo es sitzt, weiß man nicht. Ich habe eben diese Begabung und 
die Energie, sie auszuführen. Trainieren tue ich jeden Tag vier Stunden; dann 
rechne ich mit dem Bleistift in der Hand auf dem Papier, aber nach der 
Methode, wie ich sonst im Kopf rechne. Auch einer der größten Psychologen 
der Welt hat mich oft untersucht, mein guter Freund Lombroso, der Cesare. 
Aber darauf gekommen, wo es sitzt, sind sie alle nicht.“ 


524 


Ach, er sagt das gar nicht stolz, der größte Rechenkünstler der Welt, son- 
dern er glotzt dabei verzweifelt in einen großen Wirrwarr von Zahlen, der vor 
seinem Auge herumschwirrt und das hellgelbe Bierglas umtanzt. Verzweifelt 
hängt die Lippe herunter, bis ihn wieder eine Stimme aus der Lethargie weckt 
und den Mechanismus anknipst: „War es heute schwer, Herr Steiner?“ „Nein, 
gar nicht, heute waren die Zahlen 7 Milliarden, 7 Millionen sechsmal“ . . . 

Und wenn der Kellner die Zeche berechnet, bekommt er als Extratrinkgeld 
das Resultat 4 mal potenziert von seinem Gast dazu serviert, der verzweifelt 
die 26 Stufen zu seiner Pension hinaufsteigt. Er weiß, daß es 26 Stufen sind: 
26 X 26 = 676. 676 X 676 = . . . 

MAURICE CHEVALIER 

Von 

ALAIN DE LECIIE 

A ls die Comtesse de Noailles Maurice Chevalier zum erstenmal sah, rief sie 
aus ihrer Proszeniumsloge : ,,Das ist Hippolyte!“ 

Maurice Chevalier soll ihr herrliches „Poeme de l’amour“ inspiriert haben, 
aber dieser Glückspilz: Madame de Noailles liebt nur die Götter. 

Aus der Geschichte wissen wir, daß Phidias die Bewegungen, die Gewandt- 
heit und die Kraft in seine Skulpturen zu bannen verstand, Chevalier er- 
scheint auf der Bühne wie eine dieser Statuen, wie gerade aus dem Block her- 
ausgemeißelt. Ein geschickter und gleichzeitig unbeholfener Körper, sein 
Schlenkern eines großen verzogenen Jungen, entfesselt unwiderstehlich das 
Lachen. Wie der Sohn des Theseus gegen seinen Willen von seiner Stiefmutter 
geliebt wird, wird Maurice Chevalier irgendwie von der Menge geliebt und mit 
Beschlag belegt. Seine etwas hängende Unterlippe, sein provozierender Blick, 
seine gleichzeitig schwere und geschmeidige Figur, seine weiche Hüftlinie, 
seine heisere, aber angenehme Stimme und ein nicht zu definierendes, schalk- 
haftes und kühnes Aussehen verschaffen ihm eine ganz ungewöhnliche Popu- 
larität. Uebrigens ist sich Chevalier seiner wenn auch einfachen, so doch ent- 
zückenden Kunst, die gleichzeitig von einer überlegenen Intuition sensibel, 
intelligent und geistreich ist, bewußt und beherrscht mit ihr sein Publikum. 

Man muß einer seiner Proben beigewohnt haben, um zu wissen, welche An- 
strengungen ihn die Ausführung jeder Nummer kostet: Schritte, Inkarnationen, 
selbst Bewegungen werden tausendmal wiederholt; nichts wird dem Zufall über- 
lassen: er ist einer der fleißigsten Artisten der Music-Hall, die ich kenne. 

In den Revuen ganz großer Aufmachung, in denen er während der letzten Jahre 
in Palace und im Casino de Paris aufgetreten ist, trat er der Reihe nach als 
Sänger, Komiker, Boxer und Akrobat auf. Er trägt, ohne je Müdigkeit zu zeigen, 
die Kosten der ganzen Vorstellung; die Logen nicht weniger als die überfüllten 
Promenoirs (die heute an Stelle der Galerien getreten sind) bieten diesem un- 
ermüdlichen Anreger spontan ihre Mitarbeit, während er mit der Geste, mit den 
Beinen und mit der Stimme das Theater in Atem hält. 


525 


Andre Rivollet, der in diesem Monat die „Memoiren Maurice Chevaliers“ 
veröffentlicht, hat die Music-Hall das Warenhaus des Vergnügens genannt; 
ich möchte sagen, daß Maurice die Rolle der unwiderstehlichen Verkäufer 
darin spielt. 

Dabei ist seine Eigenart, daß er stets das Menschlich-Allzumenschliche in 
uns rührt, und hinter diesem unerschöpflichen Talent erraten wir mehr 
als einmal Ergriffenheit. Ganz mit Recht hat man Chevalier den französischen 
Scharfrichter genannt. Er löst in uns die gesunde Fröhlichkeit der Vorstadt, 
die niemals ganz ungemischt ist. 

Wenn er, in Schweiß gebadet, mit triefendem Gesicht die Bühne verläßt 
und in seine Loge kommt, in der er sich umkleidet, fragt er in den Pausen 
seine Freunde aus. Dabei erinnere ich mich, mit welcher Unruhe er mich über 
das Auftreten von Georges Carpentier aushörte. Als ich aus der Generale kam, 
wollte ich Chevalier sofort darüber berichten. Ich war erschüttert: „Carpentier 
auf den Brettern, sagte ich, das ist Jean d’Arc, die ihr Baccalaureat-Examen 
ablegt!“ Ach, sagte Chevalier, glauben Sie nicht, daß ich auf seinen Erfolg 
neidisch bin. Ich wollte nur wissen, ob es in Frankreich außer mir noch einen 
anderen Music-Hall-Künstler gibt.“ 

Chevalier liebt die Popularität. Auf dem Maskenball am Gründonnerstag 
in Magic City war sein Erscheinen in Begleitung eines Trupps von Getreuen 
eine richtige Sensation. Die kleinen Leute von Paris, die ihn als einen der 
ihren wiedererkannten, riefen ihn zu „ihrem“ König aus. Junge Mädchen, 
Kinder sprechen ihn auf der Straße an. Er kriegt haufenweise Liebesbriefe. 
Aber dieser fleißige Junge geht mit einer anerkennenswerten Hartnäckigkeit 
seiner Arbeit nach. Der bestbezahlte Artist Frankreichs vergißt nie die 
schweren Zeiten, in denen er als junger Bursche von Menilmontant mit 
schwerer Mühe seine fünf Franken in einem „beuglant“ verdiente. 

Jetzt möchte ich noch von Maurice Chevalier als Privatmensch sprechen. 
Er liebt ein häusliches Leben: ein ausgeprägter Realitätssinn, Freude am 
Verdienen, die den Franzosen eigene Sparsamkeit sind seine hervortretendsten 
Eigenschaften. 

„In meiner Jugend hatte ich mir drei Dinge vorgenommen, an deren Ver- 
wirklichung ich nicht glaubte,“ sagte er selbst; „ein Pelz, ein Auto und ein 
Haus.“ Maurice besitzt heute mehr: er ist der Besitzer einer Garage in 
Paris, hat sein Haus in Vaucresson, einem bewaldeten Vorort, wo er sich 
gern von seiner fieberhaften Tätigkeit erholt: diese „villa quand on est 
deux“ verdankt ihren Namen einem berühmten Chanson aus seinem Repertoir. 
Hier lebt er mit Yvonne Vallee, seiner graziösen Music-Hall-Partnerin. 

Maurice besitzt außerdem Blumenfelder an der Cöte d’Azur bei Cannes, 
wo er sich sein Sommerhaus gebaut hat. Tiere, die Landwirtschaft, das 
Auto, große Fußmärsche, Schwimmen bilden seinen bevorzugten Zeitvertreib. 

Er gefällt ganz ungemein, dieser große Junge, der geliebt wird, ohne es 
zu wissen, und der ein Leben führt wie ein Turnier: Wir sehen in ihm nicht 
den Artisten, wir glauben einen Champion, einen jugendlichen Athleten vor 
uns zu sehen. (Deutsch von Berta Schiraizki.) 


526 



Photo The New York Times 

Die Filmschauspielerin Marie Louise Tribe-Renoir (Pierre Renoir’s Gattin) 







und Yvonne 


Photo d’Ora, Wien 


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Photo A. Travcrso, Cannes 






Am Strand 



Photo Manuel, Paris 


Chevalier, der Bastler 







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dem W uppertal 


Frhr. Dr. Eduard v. d. Heydt 


Paßfoto 


Dr. h. c. G. F. Reber 


Photo Rieß 



MEINE HAUSTIERE 


Von 

TILLÄ DU RIEUX 

P rinzessin Locki aus Siam ist die Regentin meines Hauses. Streng und 
ungerecht hackt sie ihre feinen spitzen Krallchen in Seide, Wolle, Holz, 
Menschenhaut und Polsterstühle. Nicht jeder hat die goldene Medaille und 
den ersten Preis, nicht jeder ist so schön, so blauäugig, mit rauchfarbenen 
Strümpfen und rauchfarbener Larve. — Neben ihr führt Klein Sirdar — auch 
aus Siam — sein schüchternes Dasein, gekränkt oft, weil man ihn Minkusch 
ruft. Friedvoll zärtlich, jung und äußerst gefräßig, muß er die Launen der 
stolzen Schönen ertragen. Eines Tages verlangte, nein schrie die Prinzessin 
heftig nach einem Gemahl, und als ihre Haltung immer würdeloser wurde, ihre 
Schreie immer dringender, als sich Sirdar ratlos in seiner großen Jugend der 
Tobenden gegenüber sah, da wurde unter den Söhnen des Landes Siam Um- 
schau gehalten, und die Wahl fiel auf Düssei, lebend in Wien bei Herrn Kom- 
merzialrat Lesti. Ein Flugzeug brachte den feurigen Freier nach Berlin, doch 
Prinzeß Locki hatte keine Gnade für ihn. Sein heißes, klangvolles Werben war 
rührend und dramatisch, er sang die kunstvollsten Arien, sprang die geschmei- 
digsten Sprünge, aber Locki blieb Stein. Doch in finsterer, stiller Nacht, un- 
gesehen und ungehört, muß sie doch den Pfeilen Amors erlegen «ein, denn wenn 
auch ihre blauen, kalten Augen jungfräulichen Stolz weiter behaupten, scheint 
es doch, als sollten in einigen Wochen kleine Prinzen und Prinzessinnen um 
sie herumspielen. In den Stunden ihrer kratzenden Sprödigkeit fanden sich, in 
eine dunkle Ecke geflüchtet, Jung Sirdar und Diissel in tröstender Freundschaft. 
Die Wunden, die ihnen die herbe Dame schlug, glätteten sie sich gegenseitig 
mit Tränen in den Augen. Ein Platz aber vereint alle drei in Frieden, es ist das 
Vivarium, in dem die Alligatoren Pharao, Ramses und Rupsipos nebst dem Nest- 
häkchen „Lieschen mit der schwachen Brust“ ihr feuchtfröhliches Leben krabbeln. 
Da sitzen Jung Sirdar, Prinzeß Locki und Diissel eng aneinandergedrückt auf dem 
Glasdeckel, nach dem Unerreichbaren spähend, die ganz nahe und doch unüber- 
windlich fern durch ein Nichts getrennt sind von den haschenden Pfoten. Es 
faucht hinauf, Siam faucht hinunter — sieben rosa Mäulchen öffnen sich gegen- 
einander — aber sie verstehen eines des andern Sprache nicht, nur ein Gemein- 
sames besteht: die Fische. Sie schwimmen nebenbei im Aquarium, harmlos 
gesichert, die schönen goldenen Schwanzflossen schwingend. Und alle sieben 
können sie nicht erreichen. Flui — geht ein Bote ab zum sprudelnden Wasser — 
aber abgeschlagen ist der Angriff durch das glatte Glas. Erneutes Aufreißen 
der Mäulchen, heißt es auf Wiedersehn oder heißt es Lumpenpack? — Ach, 
könnte ich doch das Kraut finden, das die Gabe verleiht, die Tiersprache zu 
beherrschen! Dann würde ich mir von ihnen erzählen lassen, tagelang und 
jahrelang und würde lernen, den Feind zu wittern und den Freund zu erkennen. 
Ich würde lernen, gut und schön und einfach mein Leben zu leben, nur bedacht 
auf einen fetten Bissen und einen Platz an der Sonne. 


527 


Bücher Querschnitt 

KARL VON H O LT E I , Christian Lammfell. Roman. 6. Auflage. — Verlag 
J. Heege, Schweidnitz. 

So schwer zunächst die weitausspinnende Erzählungsart uns noch lesbar erscheint, 
so ist dieser Roman doch durchaus wert, daß man sich die Mühe nimmt, sich 
hineinzulesen. Das Weiterlesen kommt dann schon von selbst. A. B. 

B E X G T BERG , Mit den Zugvögeln nach Afrika. 7. Auflage. Verlag Dietrich 
Reimer (Ernst Vohsen), Berlin. 

Nach dem herrlichen Abu Markub-Film Bengt Bergs ist es ein wirklicher Genuß, 
seine verliebte und doch ganz unsentimentale Schilderung der afrikanischen Tier- 
welt nachzulesen, die an plastischer Eindringlichkeit durch keine noch so schnei- 
dige Jagdgeschichte zu überbieten ist. Bengt hat mit der Kamera gejagt und 
überzeugendere Trophäen nach Haus gebracht. A. B. 

G. K. CHESTERTON, Ein Pfeil vom Himmel. Kriminalnovellen. Berlin, 
Verlag ,,Die Schmiede“. 

Der Sherlock Holmes dieser Geschichten — als Essays entzückend, als Detektiv- 
novellen überspitzt — ist ein katholischer Priester, Pater Brown. Darin liegt 
Sinn, Tendenz, tieferer Humor. Wahre Gläubigkeit, soll es besagen, ist mit hell- 
ster, erdsicherster, polizistischster Vernunftkraft identisch, hat mit den okkulten 
Verschwommenheiten, wie sie gerade der Unglaube liebt, nichts gemein. So 
blamiert denn der aus Gottesfurcht gezogene Rationalismus des Priesters jeweils 
die mystische Deutungssucht der andern. Das wird voll einer Ironie dargetan, 
die der Shawschen um soviel voraus ist, als sie nicht den Saft, sondern die Haut 
der Tatbestände bildet; und sie geht soweit, daß Seine Hochwürden der Detektiv 
die einzelnen Mordfälle nie verhindern kann, sondern sie immer nur post festum 
aufs Schlüssigste erklärt. Leider nur fehlt dem gläubigen Chesterton der Glaube 
an seine Kolportage. Das ist schade ; von einem bestimmten Punkt der Geist- 
reichheit angefangen nämlich, verliert man die Gabe, andern das Gruseln beizu- 
bringen. -uh. 

Methode Trachtenberg. Lehrbuch der russischen Sprache. Verlag J. Trachtenberg, 
Berlin-Charlottenburg. 

Ich lerne russisch. Schuld daran ist kein politisches, geistiges, privates Ver- 
langen, sondern die zufällige Bekanntschaft mit diesem Lehrbuch. Es baut sich 
nämlich nicht grammatikalisch, sondern infantil auf, bombardiert den Leser sofort 
mit den neuen Sprachklängen und zerrt ihn, statt ihn die unübersichtlichen, ge- 
pflegten Wege einer Systematik entlang zu führen, mitten in den Urwald der 
zyrillischen Lettern. Do svidanje! -uh. 

Eine neuartige Autokarte ist die B. Z. -Karte Groß-Berlin Durchfahrten und Um- 
fahrten. Sie ist eine Sonderkarte der B. Z. -Karten, die jetzt auf 24 Blättern 
Nord-, Mittel- und Süddeutschland erfassen. Die B. Z. -Karte Groß-Berlin zeigt 
im Maßstab 1 142500 das Gebiet von Wannsee bis Köpenick, von Falkenberg 
bis Tegel. Sie hebt die großen Autowege im Straßengewirr hervor und zeigt 
durch besonders deutliche Markierungen die Ausfallstraßen sowie die Verbin- 
dungen von einem Stadtteil zum andern. Die Durchfahrten durch Potsdam und 
Spandau sind auf besonderen Plänen dargestellt. Außerdem sind die wichtigsten 
Berliner Verkehrsvorschriften abgedruckt, soweit sie für Automobilisten und 
Motorradfahrer wesentlich sind. Die Karte bringt ferner einen großen Ueber- 
sichtsplan nebst Verzeichnis der Verkehrsstraßen erster und zweiter Ordnung, 
der Einbahnstraßen und der Plätze mit Kreisverkehr. 


528 


Die Luisenstadt. Ein Heimatbuch. Deutscher Verlag für Jugend und Volk. Berlin- 
Leipzig. 

Der Kern Berlins durch zahlreiche Aufsätze in seiner Entwicklung geschildert, 
wie aus dem winkligen Nest bürgerlicher Beschaulichkeit die von Schnellbahn 
und Auto durchsauste City entstanden ist. Diese radikale Umkrempelung Berlins 
im Verlauf von ein paar Jahrzehnten, die fast jede Spur früherer Zeit vernichtet 
hat, ist so gründlich erfolgt, daß es verdienstlich und zeitgemäß ist, dem Ge- 
wesenen in derartigen Werken eine Erinnerungsstätte zu schaffen. Dr. 

KURT HELMRICH, Ponte Alle Grazie. Ernst Guenther Verlag, Stuttgart. 
Erlebnis eines sanften Menschen in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, der 
letzten romantischen Zeit, deren Atmosphäre auflebt. Das Italien von damals 
und Alt-Wien ergeben reizvolle Schauplätze für eine kultivierte Erzählung, deren 
sorgfältige Sprache nur leider manchmal ins Gekünstelte abirrt. Dr. 

B R U N O L D SPRINGER, Die genialen Syphilitiker. Verlag der neuen 
Generation. 

Der Mut dieses erbarmungslosen Buches erschüttert. Ausführlicheren Bio- 
graphien folgt ein Verzeichnis, das die größten Menschen aus fünf Jahrhunderten 
ohne Gnade in den großen Totentanz der Rettungslosen einreiht. Inbrünstig 
und von der Wichtigkeit seines Kampfes durchdrungen, zeigt Springer ein 
Spiegelbild der Zivilisation, dessen Strahlungen, das Herz zerschneidend, in das 
furchtbarste, von Kultur kaschierte Inferno hineinleuchten. Dr. 

Blätter aus Prevorst. Herausgegeben von Hermann Hesse (Merkwürdige Ge- 
schichten und Menschen). S. Fischer Verlag, Berlin. 

Die hier mitgeteilten Geschichten stammen alle aus einer Reihe von außerordent- 
lich selten gewordenen Heften, welche Justinus Kerner von 1831 an unter diesem 
Titel herausgegeben hat. Der Herausgeber hat den Glauben der Spiritisten in 
keiner Fassung angenommen, er will jedoch zeigen, daß die okkulten Phänomene 
zu Kerners Zeiten reiner und tiefer angeschaut wurden als heute. Dr. 

Tusculum-S ehr Uten. Verlag Ernst Heimerau, München. 

Eine ganz einzigartige Sammlung geschmackvoller kleiner Bändchen, die in 
ihrer Kürze ein anschaulicheres Bild der Antike geben, als es mancher dicke 
Wälzer vermag. Jedes der Themen interessiert und ermöglicht Parallelen zur 
heutigen Zeit, wodurch die Lektüre leicht und angenehm wird. Es wird über 
Gaukler im Altertum erzählt, über antike Frauen und Künstler, über die Mode 
der Antike, über Freundschaft und Knabenliebe. Sogar die antike Küche ist 
behandelt. Einzelne der Bändchen sind kleine Meisterwerke und Musterbeispiele 
für die Möglichkeit, dem gehetzten Leser von heute wissenschaftlich und kultur- 
historisch Wertvolles in einer ihm angenehmen Form zu bieten. Dr. 

D E S I D E R KOSZTOLANYI, Der blutige Dichter. Aus dem Ungarischen 
übersetzt von Stefan J. Klein. Die deutsche Ausgabe eingeleitet von Th. Mann. 

•’ Iris- Verlag, Frankfurt a. Mt 

Historischer Roman, beides Belastungsmomente für Lesestoff, der geeignet sein 
soll, den heutigen Menschen zu fesseln, und doch ein Buch, das kaum einer, der 
es zu lesen angefangen hat, zumachen wird, bevor ihn der Autor mit dem letzten 
Wort entläßt. Die Gestalt Neros wird in einem fast szenisch-plastischen Milieu 
psychologisch wie physiologisch lebendig. Der dramatische Moment ist in der 
Darstellung dem epischen durchaus gleich stark, der Stil knapp und gegenständ- 
lich, und die Tragik dieses besonderen Schicksals mit all seinen Begleitumständen 
wächst überzeugend und erschütternd bis zur Katastrophe. Die Uebersetzung ist 
ausgezeichnet. B. Sch. 


529 


Dantes Göttliche Komödie mit Bildern von Gustav Dore, übersetzt von Philalethes, 
erläutert von Edmund Kauer. Verlag Th. Knaur Nachf., Berlin. 

Wenn man diese Neuausgabe auch nicht der Philalethesschen Uebersetzung wegen 
sich anschaffen wird, so hat sie doch neben den Reizen des sehr angenehmen 
Druckes, des handlichen Formats und der würdigen Ausstattung den ausschlag- 
gebenden Vorzug der ebenso gründlichen wie sachlich ausgesprochenen An- 
merkungen von Kauer, die im Anhang den Sinn jedes Gesangs erschließen und 
mit dem ausführlichen Namen- und Ortsregister die Ausgabe zu einem äußerst 
sympathischen Studien- und Nachschlagewerk machen. B. Sch. 

B E E B E , Galapagos. Das Ende der Welt. Leipzig, F. A. Brockhaus. 

Der Galapagos-Archipel liegt 950 Kilometer von Equador entfernt am Aequator 
im Stillen Ozean. Dorthin wurde 1923 eine Expedition ausgeschickt, deren 
wissenschaftlicher Leiter über Galapagos ganz herrlich zu berichten weiß. Mit 
den prachtvollen Photos und bunten Tierbildern ist so eine der schönsten Reise- 
beschreibungen entstanden, besonders schön durch die Tierschilderungen und vor 
allem interessant durch das Kapitel ,,Die Galapagosinseln in der Geschichte“. 

A. B. 

H E R M. MUTHESIUS, Landhaus und Garten. F. Bruckmann A. G., 
München. 

Diese Bildbeispiele neuzeitlicher Landhäuser mit den vortrefflich aufklärenden 
Grundrissen und Abbildungen von Innenräumen und Gärten sind für die bei uns 
doch eigentlich erst im Anfang stehende Landhauskultur von grundlegender 
Wichtigkeit. Der Text ist ausgezeichnet, vor allem, weil ein Kenner wie 
Muthesius das Ausland zum Vergleich heranziehen kann, um auf den eigentlichen 
Zweck immer wieder zu verweisen, der kein Luxus- sondern ein Zivilisations- 
bedürfnis befriedigen will. A. B. 

Die Geschwister Brentano. Herausgegeben von Herbert Levin-Derwein (Merk- 
würdige Geschichten und Menschen). S. Fischer Verlag, Berlin. 

Das geistige und seelische Leben der deutschen Romantik wird durch dieses Bild 
einer ihrer maßgebendsten Familien gezeigt. Die Brentanos, Clemens, Christian 
und Bettina und ihr Kreis werden in einer umfassenden Aneinanderreihung von 
Briefen und Tagebuchblättern aus der Zeit zu neuem Leben erweckt und er- 
schließen ein Bild der Idylle, das trotz der kurzen seither abgelaufenen Zeit oft 
nur mehr sagenhaft herüberklingt. Dr. 

Griebens Reiseführer. Grieben Verlag Berlin. Berlin, Wien, Prag, Dalmatien. 

Es gibt keinen besseren Maßstab für den Wert von Reiseführern, als das Nach- 
lesen der Daten über eine Stadt, die man selbst genau kennt. Der Führer durch 
Berlin und Umgebung bietet dem alteingesessenen Berliner soviel Ueberraschen- 
des und Wissenswertes in praktischer Anordnung und sachlicher Form, daß man 
schon daraus den Wert für den Stadtfremden ermessen kann. So verhält es sich 
auch mit den anderen Bänden der Sammlung, die sich namentlich durch ihr 
Schritthalten mit dem Vorwärtsgehen der Zeit auszcichnen. Dr. 

J A ROS LAW HA SEK , Von Scheidungen und anderen tröstlichen Dingen. 
Humoresken. — Uebcrtragen von Grete Reiner. — Verlag Adolf Synek, Prag. 
Selbst wenn man von der elenden Uebersetzung absieht, sind diese Geschichten 
vom großen Dichter des .braven Soldaten Schweyk* doch nur zu genießen, wenn 
man sie als Vorübungen und Studien zum Schweyk liest. Dann wird man später 
Vollendetes hier im Embryonalzustand wiederfinden. A. B. 


53 <> 


Veröffentlichungen des Kunstarchiv. Werkkunst-Verlag, Berlin. 

In diesem Verlag ist eine Reihe von kleinen, ausgezeichneten, reich illustrierten 
Monographien erschienen, wie die für Rudolf Levy mit Beitragen von Carl 
Scheffler, Hans Siemsen und von ihm selbst, für Maurice de Vlaminck mit Bei- 
trägen von Daniel Henry, Teriade und Gedichten des Malers, über die Bronzen 
von Edgar Degas mit Aufsätzen von Curt Glaser und Wilhelm Hausenstein, für 
Tang-Skulpturen und chinesische Holzschnitte , die Walter Bondy herausgab, für 
Südsee-Skulpturen (Slg. Flechtheim), die Einstein katalogisierte, für Dix , Mopp , 
Schmidt-Rottluf und viele andere. — Am beachtenswertesten sind die beiden 
Bildhauer-Monographien, die für Ernesto de Fiori und die der Renee Sintenis, 
die beide den Oeuvre-Katalog und sehr viele schöne Abbildungen der Skulpturen 
und Zeichnungen bringen. Die Fiori-Monographie bringt Beiträge von Alten, 
Bernhard Guillemin, Emil Szittya und H. von Wedderkop. Für Renee Sintenis 
schreiben Moritz Heimann, Marie Laurencin, Julius Meier-Graefe, Joachim 
Ringelnatz, Hans Siemsen und Philippe Soupault. Des letzteren Worte dienen 
als Vorwort für die Sintenis-Ausstellung, die in Bälde in der Galerie Barbazanges 
in Paris stattfindet. Sz. 

August Wilhelm und Friedrich Schlegel im Briefwechsel mit Schiller und Goethe. 
Herausgegeben von Josef Körner und Ernst Wieneke. Insel-Verlag, Leipzig. 

Es ist schon ein ganz besonderes Verdienst des Insel-Verlages, daß er sich 
solcher besonderen Dokumente deutschen Geisteslebens annimmt, wie es diese 
Briefwechsel sind. — Nach dem frühen Tode Wienekes hat Körner die umfang- 
reiche Arbeit zu gutem Ende geführt, nachdem er die Beziehungen der Brief- 
schreiber schon 1924 in einem eigenen Werk kritisch dargestellt hatte. Unver- 
gleichlich lebendig, ohne den philologischen Apparat zu verachten, aber sind 
allein die Briefe selbst, und wenn man auch über manches hinwegliest, der 
großartige Schwung der großen Epoche ist mitreißend wie vor hundert Jahren. 

A B. 

D. NEU MANN-NEURODE, Kindersport. Quelle & Meyer, Leipzig. 

Der bekannte Schöpfer methodischer Säuglingsgymnastik gibt hier eine Fülle von 
Turnübungen für das Kindesalter von 1 — 6 Jahren an; jede Uebung ist durch 
eine anschauliche photographische Wiedergabe illustriert. Voran geht eine kurze, 
aber beachtenswerte allgemeine Einleitung und eine Beschreibung des eigens für 
das Kinderturnen konstruierten „Wolmrecks“. D . 

Dr. ERICH KLOSE, Die Seele des Kindes. Verlag Ferdinand Enke, 
Stuttgart. 

Die kleine Broschüre gibt auf knappem Raum ein reichliches Material zum Ver- 
ständnis der geistigen Entwicklung des Kindes. Besonderen Raum nimmt die 
Behandlung der spiachlichen und zeichnerischen Entwicklung des Kindes ein; die 
beigebrachten zahlreichen Beispiele wirken überzeugend und instruktiv. Die 
Abschnitte über Spiel, Phantasie, kindliche Lüge und Scheinlüge werden vielen 
Eltern und Erziehern manches Neue zu sagen haben und sie manches vermeintlich 
Bekannte verstehen lehren. D. 

SCHUBART, Dokumente seines Lebens. Herausgegeben von Hermann Hesse 
und Karl Isenberg. S. Fischer Verlag, Berlin. 

Der Verlag S. Fischer gibt eine von Hermann Hesse besorgte kleine Bibliothek 
„Merkwürdige Menschen und Schicksale“ heraus. Die Dokumente über und von 
dem verfütternden Genie Schubart geben das Bild einer „strahlenden kindlichen 
und zugleich gefährlichen Persönlichkeit“, deren Extravaganz und hinreißende 
Wärme den Leser von der ersten bis zur letzten Seite bannt. Dr. 


531 


HANS JA N N O W I TZ , Jazz Verlag Die Schmiede, Berlin. 

In dem Erlebnis von fünf Jazzband-Bovs soll ein Bild der Epoche gegeben wer- 
den. Ich kann mir nicht vorstellen, daß der Autor ein guter T änzer ist. sonst 
hätten sich Rhythmus und Tempo des Jazz eindringlicher auf seinen Roman 
übertragen. Trotzdem gelingt es ihm, ein amüsantes Bild unserer Tage zu geben. 

Dr. 

HENRI DE REG NI ER, „Fiirstengunst'' und „Die zwiefache Liebe des 
Herrn von Calandot“ , Brunsverlag. Minden. 

Der Brunsverlag hat einmal für die deutsche Literatur eine Mission erfüllt, indem 
er das Gesamtwerk von Baudelaire in guter Uebersetzung vermittelte. Aber wie 
alle nur auf Vornehmheit aufgebauten Verlage, hatte der Brunsverlag den Fehler 
der Einseitigkeit : er blieb im französischen Symbolismus stecken. Die zwei 

Romane von Regnier sind für Deutschland um 30 Jahre zu spät gekommen. Die 
Romane wirken wie eine Lektüre für altmodisch gebliebene, ferne alte Fräuleins 
der Normandie. Emsci. 

HERMANN STEPHANI , Grundfragen des Musikhörens. Verlag Breit- 
kopf & Härtel. Leipzig. 

Das Grundproblem dieses Buches läßt sich auf die Formel bringen: Musikhören 
bedeutet aktives Mutschaffen. Stephani geht aus von dem Zeitalter der Klassik 
mit seinem Genießen erdenwüchsigen Klanglebens und kommt über die Poly- 
phonie Bachs zur modernen Polytonalität. So wie wir in unserem übrigen Erleben 
die Umwelt umschaffen, hören wir zunächst mit dem Willen, erst dann mit dem 
Ohr. Deshalb sind wir imstande, die Einzelklänge im Sinne ihres musikalischen 
Zusammenhangs bis zu kleinen Bruchteilen eines Ganztons umzuwerten. Relativi- 
tät unseres inneren Gehörs wird im Zeitalter der Relativität ausgesprochen und 
nachgewiesen. Dieses Buch deutet in die Zukunft. B. B. 


Neue Novellenbücher aus dem Propyläen- Verlag. 

Die Reihe der kleinen „Propyläen-Biicher“ wird mit fünf Bänden wiedei 
aufgenommen, die wesentliche Gaben junger Dichtung umfassen. Leonhard 
Franks Erzählung ,,Karl und Anna“ schildert den Kriegsgefangenen, dem 
aus der maßlosen Sehnsucht das Bild einer Frau aufsteigt, so daß er sie er- 
schleichen und besitzen muß — seltsamer Kameradschaftsdiebstahl, gerecht- 
fertigt durch die einfache Größe seiner Liebe. Unvergeßlich ist die Frauen- 
gestalt, die sich von dem Hintergründe des Arbeiterhauses abhebt. Carl 
Zuckmaycr schreibt von Tieren, von Wachstum, auch die Menschen seiner 
Geschichten führen im wesentlichen ein athmosphärisches Dasein. Farbe 
und Puls des animalischen Lebens schaffen den vielfältigen Begebenheiten 
eine eigenartig erregende und anziehende Wirkung. Hertha von Gebhardt, 
ein neuer Name, wird sich mit den zwei Novellen des Bandes ,,Das singende 
Knöchlein“ rasch einprägen. Eine nicht gewöhnliche Gestaltungskraft bringt 
den kühnen Stoff, die scharf gesehenen Gestalten aus dem L T mkreis einer 
Wiener Kartenschlägerin wie das Wesen einer Künstlersfrau nahe. Willi 
Seidel liefert eine sehr witzige Typenschilderung aus München mit spiritisti- 
schem Beiwerk „Alarm im Jenseits“. Schließlich sind die sieben Novellen 
von Heinrich Mann, unter dem Gesichtspunkt und Titel „Abrechnungen“ zu- 
sammengefaßt, wieder sehr schön zu lesen. 


532 



MARGINALIEN 

Davis-Cup: Tennismatch Landmann — Kleinschroth (Heini) (Deutschland): 
Raymond — London (Südafrika). 

Szene: erste Reihe, Korbsessel, Dialog zwischen zwei deutschen Spiele- 
rinnen. 

„5 : 2 für Deutschland.“ 

„Jetzt müssen sie es machen!“ 

„Match ball!“ 

„Der Heini muß mehr ans Netz, flüster’ es ihm zu!“ 

„Um Gottes willen nicht, das macht ihn nervös.“ 

„Südafrika holt auf, 5 : 3.“ 

„Siehst du, jetzt fangen die an! Immer so!“ 

(Südafrika schlägt out): „Ich danke dir, mein Süßer! 5 : 4.“ 

„Laufen kann der Landmann!“ 

„Immer in die Mitte, wunderbar! Das sind die schwersten!“ 

„Ne, ne, Heimchen — “ 

„Ei schade!“ 

„Sie dürfen dem Condon nichts zuwerfen, ich würde dem Condon nie 
etwas zuwerfen, nie machen die ’nen Doppelfehler!“ 

„Das gibt’s nicht in Südafrika. Das wissen die gar nicht, was ’n Doppel- 
fehler ist.“ 

„Dem Landmann gelingt nichts mehr.“ 


533 



Ein Herr, früher Engländer — Strichwächter — , fällt auf durch seine 
großartige Verschlafenheit und zugleich eminente Wachsamkeit, mit der er 
wie ein bissiger Köter auf die Außenlinie bohrt, die er zu bewachen hat. 
Kaum ist ein Ball drüber, bellt er auch schon: „aus!“ 

„Der Landmann wird nicht noch mal aufgestellt.“ 

Kleinschroth smasht einen Ball. 

(Entzückt): „Sieh mal, den Heini, sieh mal das kleine Kerlchen, wenn der 

smasht, ist der Ball tot, Landmann 
tötet nicht!“ 

(Kalt): „Der Landmann kann 

ja nicht gewinnen, der läßt sich ja 
von Kozeluh nichts sagen. Kaes 
(Trainer des Blau-Weiß-Clubs) hat 
auch gesagt: 

,Der kann nich gewinne, der läßt 
sich ja nicht von mir masseere.'“ 

„Ei wei, ei wei, warum denn 
nicht die einfachsten Bälle?!“ 

„Bravo, Heinichen, ach Heim- 
chen, mach ’nen Satz, ganz allein 
einen, ganz allein!“ 

„Aber Landmännchen!“ 

„Ach was, ist kein Land- 
männchen!“ 

„Aber Heinichen, Spitzmäuschen, 
das war ja schlimm, das hat er ver- 
korkst!, ist aus, ganz aus!“ 

„Out!“ 

„Ich danke dir Raymond! Aber 
der Kerl besteht nur aus Energie 
und Gehirn! Einstand, deuce!“ 

„Ach, ist das entsetzlich, jetzt 
führen die schon wieder mit einem 
Punkt!“ 

„Ist doch! (h ütend) : „Der Landmann tötet den Ball nicht — geht weiter, 
der hat auch keinen Schnitt, der cuttet nicht.“ 

„Sage ich doch immer; er blüht nicht!“ 

„Aber Heini blüht.“ 

„Ob der blüht!“ 

„Weit drüber raus! Der hätte mich beinah ins Gesicht geschlagen.“ 

„Dein Hut ist aber auch zu groß.“ 

„Können sie nicht mal 5 : 3 machen, die Affen?!“ 

„(Zu Raymond) Süßer, mach doch mal ’nen Doppelfehler!“ 

„Kennen die gar nicht, unbekannt in Südafrika.“ 



534 




Photo Suse Byk 


Der Erstgeborene von Frau Baronin Schey (Else Eckersberg) 





Jan Kozeluh 


Irma Kallmayer und Jan Kozeluh 


Tilden und Froitzheim 


Tilden’s Back 





B 


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-To 


urnaments 



Kronprinz und Kronprinzessin 



Rot -Weiß 



Photo Pcrschke 

Der Boxer Max Schmeling, der erste deutsche Europameister 



Photo Kuipers, Paris 

Der Judomeister 6. Grades, Prof. Aida aus Tokio 



,,Aber Landmann, in den Ball hineingehen, hobbi, hobbi, — hinein, 
h — i — n — ei — n ! ! Wie oft hat der Kozeluh das gesagt!“ 

„Der Landmann geht nie auf den Ball los, läßt ihn rankommen, aber laufen 
kann er! Gott, der Unglücksmensch! Jetzt muß er den wieder einholen! 
Kinder, es ist ein Trauerspiel! Es ist vom Schicksal bestimmt.“ 

„Was heißt Schicksal! Die sind einfach besser. Die sind besser eingespielt 
als Tilden-Hunter. — Nie geschlagen, und wie der richtig voliert! Wie die 
Boumann! Geht sie vor?“ 

„Wenn sie kann. Hält das Racket wie’n Mann.“ 

„40 : 15.“ 

„L'ff, das war der entscheidende Ball, das war die Chance, jetzt ist sie 
vorbei.“ 

„Das fünftemal Einstand, ich kann nicht mehr.“ 

„Das sechstemal Einstand, Kinder, es ist nicht wahr.“ 

„Das war die letzte Chance! Jetzt bloß nach Hause und zu Bett!“ 

„Grete, ich guck nicht mehr hin, ich guck auf deine Schuhe! Fabelhaft 
mit den schwarzen Punkten auf dem Weiß.“ 

Kleinschroth schlägt schwierigen Ball, den Raymond verfehlt. 

„Bravo, Heini, Donnerwetter, ist ja ’n Raffineßchen, der Heini!“ 
„Märchenhaft.“ 

„Vorbei, die können es nicht! Ist ’ne Nervenfrage. Der Landmann hat 
den besten Trainer der Welt und will nicht lernen.“ 

„Heini, Heini! Aber Spitzmäuschen! Ist zu klein für den hohen Ball, kann 
nicht mehr wachsen.“ 

„Ich kann nicht mehr hinsehen, ich werde immer elender.“ 

„Der erste Doppelfehler bei den Südafrikanern, der erste!! Das sind ja 
richtige Menschen!“ 

„Paß auf, 11 : 9 gewinnen die Deutschen, ich habe prophetischen Blick.“ 
„Verflucht, hat der ’n Dusel, der kleine Raymond!“ — „Weil sie keine 
Nerven haben. Nur Leute ohne Nerven haben Dusel.“ 

„Süßer Condon, mach ’nen Doppelfehler, süßer Afrikaner!“ 

Drei Match. „Pause“? 

„Ausgeschlossen, niemals bei Doppel! Weiter.“ 

„Weißt du, warum die sonen Dusel haben?“ 

„Weil das Glückshundchen da seitwärts am Netz sitzt und dran riecht.“ 

„5 : 1 für die Südafrikaner. Jetzt kommt’s drauf an, wenn die’s jetzt nicht 
kriegen, hat’s geklingelt!“ 

„Können nicht mehr, erschossen.“ 

„Paß auf, der Heini macht den Punkt, ich riech’s.“ 

„Du riechst verkehrt.“ 

„Ach, du meine Güte! Kinder, ist das ein Elend! Zum Weinen, ich geh 
zu Bett. 


54 Vol. 7 


535 


Le Francais tel qu’on le parle ä Berlin 

Madame, 

Je vais vous faire un propos : nous irons d a n s u n local oü il y a 
beaucoup de « cocottes ». 

A moins que je ne vous emmene dans une societe. 

Excusez moi, les vocables me manquent pour vous parier. J’ai oublie 
t o u t mon Franqais. Et aussi la grammatic est si difficile! 

Mais vraiment, je s u i s r a v i s e de vous. 

II faut vous dire que je ne suis pas enthousiastique de la 
P r u s s i e. Je ne suis ni nationalistique ni Chauvinist e. Et je 
suis pour la societe communis tique et contre la societe capi- 
t a 1 i s t i q u e qui developpe le sentiment individualistique des enfants. 

Je suis atheiste et je ne suis pas m o r a 1 i q u e. 

En art, je suis naturalistique. Et, dans la vie, je ne suis ni 
animalesque, ni materialistique, ni sadiste. 

Et je n’ai pas « une philosophie » de s n o b i s t e. 

Je trouve cela trop i d i o t i q u e. 

Tout cela n’est pas purement theoretique ! 

Et pas davantage protestantique ! 

Etes vous cocai niste oumorphiniste? 

Ah Madame! Je parle volontierement avec vous de tous «ces 
problemes» parce que vous etes un homme objectiviste 
comme moi, et non subjectiviste. 

Vous comprenez tous : vous etes tres « prudente » (intelligente). 

Je vous g r a t u 1 e. 

J’aimerais vous entretenir de mes affaires privates : j’ai eu beaucoup 
de dif f icultes financielles, mais, heureusement, j’ai un grand nombre 
de connections et Monsieur le professeur m’a fait des 
offerts : il veut travailler ensemble avec moi. 

Ma femme etait tres fächee que je travaille avec lui : eile m’a fait u n 
grand spectacle! 

Je voudrais bien aller me promener a u p a y s (ä la Campagne) avec vous. 
J’ai ecoute qu’il y a beaucoup des hommes qui font des 
sports : c’est un besoin p h y s i c a 1. 

Madame la Docteur X est morte. J’ai ete faire une visite de 
tristesse ä leur mari. 

Connaissez-vous « le poete » B? Il travaille tres severe. 

Je n’aime pas quand on travaille lourde; c’est ennuyant. J’aime 
quand on travaille leger. 

« C’est ma philosophie »! 

Connaissez-vous le c r i t i c i e n X? Il a beaucoup de p 1 a t e s de 
gramophone. Et des livres avec des dedication,s. 

Il a une grande influence c u 1 1 u r e 1 1 e. 

Je suis ete chez lui. Mais il y avait si beaucoup de gens que j e 
m’en suis alle. 


536 



Etes-vous m u s i c a 1 e ? C’est le p r i n c i p i e 1. 

T'attends c e q u’o n m’appelle, et j’irai voir si l’eau b o u i 1 1 e. 

Hier soir j’ai eu beaucoup de «chagrin» (desagrements), l’electricite ne 
marchait pas chez moi. 

Mr. X est d r 6 1 a t i q u e. Me. X est sans chaque qualite et saus 
c h a q u e beaute. 

Neanmoins eile a une grande influence erotique. 

Je suis heureux d’aller ä le restaurant. 

J’ai du soif. Nous mangerons des delicatesses et une 
p 1 a t e de legumes. 

Comment qagoüte? Qagoutebon? 

Ah! les vocables me manquent. 

J’ai oublie t o u s. 

Vous voulez t o u s entendre. 

Vous allez b o n ? 

Au m o m e n t tout va b o n. 

Ah Madame! Ne riez pas! Ne me prenez pas comme experimente. 
C’est criminaliste. Ne suis-je qu’un material pour vos articles! 
Je n’aime pas vos moeurs journalistiques. Vous etes sans chaque 
indulgence! Je ne veux pas avoir une disputation avec vous, mais je 
dois vous dire qtte je suis o f f e n d u. 

Pourquoi ne faites-vous pas la correcture de mes fautes? 

« Je vous salue.» 


537 


Monsieur, 

Je ne fais pas « la correcture » de vos fautes, parce que j’aiine infiniment 
votre faqon de parier le Fran<;ais. 

Vous introduisez dans la langue Francaise un element de fantaisie qm 
m’enchante. 

Mon oreille est arrivee ä un tel degre de perversite que je trouve sans 
saveur le langage approuve par l’Academie. 

Je trouve que vous exprimez votre pensee d’une faqon plus forte que je ne 
saurais le faire lorsque vous me dites : « c’est trop idiotique!» 

Je trouve votre langage plus plastique que le mien lorsque vous m’entretenez 
du film « naturalistique » et de vos idees « moraliques ». 

II me semble que c’est beaucoup plus amüsant d’etre « animalesque » que 
d’etre « animal ». 

Et beaucoup moins ennuveux de faire « une visite de tristesses » que de faire 
« une visite de condoleance ». 

Et d’etre « prudente » que d’etre « intelligente ». 

Et beaucoup plus dröle d’etre « drölatique » que d’etre « dröle ». 

Et si ravissant que vous soyez « ravise » de moi! 

«Je vous salue.» 


A Berlin on discute « des problemes ». 

Chacun dit quelle est « sa Philosophie ». 

Certains d’entre eux sont tres « differencies ». 

. . . C’est leur « complexe ». 

A Berlin, ces Messieurs vont ä des « Conferences » de la meme facon que 
ces messieurs, ä Paris, vont ä des diners d’affaires. 

L’atmosphere est tres « erotique ». 

«Je vous salue». Jeanne Bailhache. 


Ich biete Ihnen Einheirat in: Speditionsgeschäft, Dame 24 Jahre; Möbel- 
Fabrik, Dame 25 Jahre; Restaurant, Dame 26 Jahre; Pensionat, Dame 26 
Jahre; Hof (6 Pferde), Dame 28 Jahre; Herrengarderoben-Haus, Dame 
30 Jahre; Spirituosen-Fabrik, Dame 28 Jahre; Modesalon, Dame 33 Jahre; 
Stellmacherei, Dame 34 Jahre; Tageszeitung, Dame 34 Jahre; Export-Ge- 
schäft, Dame 35 Jahre mit 150000 M. Vermögen; Hotel, Dame 38 Jahre; 
Marschhof (9 Pferde), Dame 40 Jahre; Restaurant. Dame 45 Jahre; Dro- 
gerie, Dame 46 Jahre; Kaffeehaus, Dame 47 Jahre; Restaurant, Dame 
48 Jahre; Hotel, Dame 48 Jahre; Hotel, Dame 49 Jahre; Dame mit 150000 
Mark Vermögen usw. Näheres durch Fritz Dunkler. Erstes und größtes In- 
stitut, Kurzestraße 123, Hochparterre. Sprechzeit 11 — 1, 5 — 8 Uhr. 

( Hamburger Fremdenblatt.) 

Unser diesjähriges Kind ist heute angekommen und heißt Paul Gert 
Dies melden hocherfreut Hans H. und Frau Maria, geb. W., Köln. 


538 


Judo-Weltmeister Prof. H. Aida. 


Die „Times“ schreibt: „Professor Aida ist unzweifelhaft der 
erfolgreichste Judoist der Welt, und kein Weißer kann ihm oder 
seinen Schülern länger als 30 Sekunden Widerstand leisten.“ 

Prof. H. Aida selbst schreibt an Baronin Wöllwart Wesendonck: „Dear 
Baroness, Sie wünschen etwas über Judo und meinen Auftrag, Europa mit 
diesem, von Prof. Kano, dem Präsidenten von Kodokwan, begründeten System 
des vervollkommn eien Jiu-Jitsu bekanntzumachen, zu hören. 

Ich bin halb offiziell von Kodokwan als einziger Vertreter dieses Systems 
nach Europa geschickt worden. Mir sind für Judo sechs Grade verliehen 
worden, das heißt, man erklärt mich als einen „großen Champion“. Aber eigent- 
liche Champions gibt es ja bei uns in 
Japan, wo es keine Matches zur Fest- 
stellung der Meisterschaften im europäi- 
schen Sinne gibt, nicht. Wer fünf 
Grade und darüber hat, nimmt an den 
öffentlichen Turnieren nicht mehr teil; 
für die Inhaber von vier Graden und 
darunter finden Turniere sechs- bis 
achtmal jährlich statt. Japan hat für 
diese Dinge ein ganz anderes System als 
Europa. In Europa habe ich nirgends 
so große und bedeutende Schulen für 
Boxen, Ringen oder Fechten kennen- 
gelernt, wie unser Kodokwan es für Judo 
ist. Und unsere großen japanischen 
Champions sind ausnahmslos aus Kodok- 
wan hervorgegangen und gehören ihm 
an. Sie üben fast täglich und studieren 
und trainieren an- und miteinander. Es H. Bieling 
gibt da keine geheime Vorbereitung zu 

Turnieren und keine Reklame. Es gibt eben Turniere im europäischen Sinne 
gar nicht, bei denen das Publikum entscheidet, wer besser und stärker ist. 
Während die europäischen Boxer und Ringer ihren Sport für Geld ausüben, 
studieren wir Japaner unseren Sport zu unserem eigenen Vergnügen und der 
Kunst wegen. Und ich bin sicher, daß, wer vier Grade in Judo erhalten hat, 
jeden europäischen Champion besiegen kann. Ich selbst habe, seitdem ich 
Japan verließ, keinen Gegner getroffen, der den Kampf mit mir hätte auf- 
nehmen können; daher kann ich nicht von „ Weltmeisterschaft “ sprechen. Aber 
komische Leute haben mich so genannt. Richtiger wäre es vielleicht, mich 
(wie einige englische Zeitschriften) den erfolgreichsten Judo-Champion der 
Welt zu nennen. Das ist alles . . . 

Ihr ergebener 

H. Aida. 



539 


Briefe an einen Zirkusdirektor. 

Geehrter Herr Direktor. Dorch zu viele Schwierigkeiten, um mit die von 
Ihnen gekannte meine Braut, zu heiraten, muste ich alle Geschäfte aufgeben. 

Jetzt bin ich in Paris mit neue Familie von mir — meine krau und 
Schwegermutter, — vorhier Frl. und Fr. Knaak — und eine uns geburne 
Dochter von 2 K Monate. 

Ich wollte Sie fragen, ob Sie mir helfen wollen, für Ihnen eine sehr gute 
Truppe, wie Sie es haben wollen, wieder ausstellen? 

Wenn die Truppe in America war nicht ganz gut, war es nur wegen dem 
anderen Kolegen. 

Er hat immer die Kolegen sein weise überzeugt. 

Ich verbleibe mit Hochachtung Ihr ergebener Hadj Brahim Ben Said. 

Herrn Direktor Hans Stosch-Sarrasani. Ich offeriere Ihnen meine Arbeit. 
Meine Frau Tscherkesen Voltige af Direktions Pferd, und gute Luftnumer 
Transformation gengenden am Haltz Lira und zum schlus Looping the Loop. 
Fille gipsche Kostüme. 

Und ich August fir gantzen abend Antres und Riprisen. Hage 1000 Mark 
per Monot. Tarif Fortrag ab Sofort frei. 

Hochachtungsfoll Jan und Anvisa Richter. 

Monsieur le Directeur du cirque Sarrasani. Monsieur, ayant lu dans la 
Noite que vous aviez besoin d’une femme pour prendre soin de la menagerie 
je veux vous offrir mes Services. J’ai a Paris travaille dans les parcs d’amuse- 
ments et je suis süre de vous satisfaire. Je ne demande rien prenez moi a 
l’essai tout ce qui peut m’arrivee de pire et d’etre devore et je suis bien cer- 
taine que cela ne m’arrivera pas. En deux mots je vous explique ma Situation, 
je suis seule au monde. Je suis nee a Jujny Republique Argentine, j’ai 
33 ans. Je vais faire 34 au mois de Decembre. J’ai de la force et du courage, 
mais malheureusement pas de chance. J’ai deja couru un peu le monde, je 
parle lis ecris 3 langues differentes, Anglais, Francais et Portugais. J’ai dans 
l’idee que je pourrais vous etre utile de rester toujours a la meme place. Ca 
m’agace. On dirait que je suis nee saltimbanque. Je dois vous aviser pour 
etre franche car malgre qu’il en coüte un peu il faut dire la verite, que mon 
unique occupation pour le moment est de faire ce qu’on appelle vulgairement 
une filie de joie mais croyez bien que le nom n’est pas appoprie a la fonction, 
fille de larmes serait mieux. Enfin, Monsieur le Directeur, je me propose 
et vous avez de dispose, je n’ai de compte a rendre a personne car comme j’ai 
deja dis plus haut je suis seule au monde. Je suis plutöt grosse que maigre 
mais avec un bon regime je perds ce que j’ai de trop. J’ai lu dans le journal 
que vous etiez un homme tres bon. Ca me donne le courage de vous adressez 
ces quelques lignes. De vive voix je pourrais vous donner tous les renseigne- 
ments convenables. Je n’ai rien en fait de vetements ou d’argent mais je sais 
coudre moi-meme mes effets. 

Esperant que vous voudrez bien me prendre en consideration agreez Mon- 
sieur mes meilleurs salutations. Bertha Leonarrage, 

98, Rite Baitra Aranjo, Rio de Janeiro. 


540 


Das Ekel von Capri. 

Von Paul Morgan 

Wer jemals in Capri war, kennt es. Es vergällt einem den Aufenthalt 
auf diesem herrlichen Fleck Erde. Es ist aufdringlicher als die blaue Grotte, 
deren überwältigender Anblick ohnehin durch die vielen „Ah!“-, „Oh!“- 
,,Wonderful [“-Ausbrüche der Reisenden schon genügend beeinträchtigt wird. 
Das Ekel von Capri . . . einen Augenblick, Sie werden gleich d’raufkommen, 
was ich meine. 

Man steigt ans Ufer und fährt nach dem oberen Teil der Insel. Der Fahr- 
stuhl speit die Fremdlinge aller Herren Länder auf den Hafenplatz. Das Herz 
klopft ... das Auge weitet sich ... da: was ist das? Breitspurig, affektiert, 
aufdringlich bläht sich eine gewollt malerische Erscheinung vor dir; ein Kerl 
mit einem scheußlichen weißen Fußsack im Gesicht, neckisch bis zum Nabel 
dekolletiert, eine niederträchtig rote Mütze in penetranter Absichtlichkeit 
möglichst nonchalant aufgestülpt, eine lange Pfeife, wie sie sonst kein anderer 
Mensch auf der Welt raucht, im stets lächelnden Maul ... es ist „Pescatore 
Spada'ro“, die „Type” von Capri! Seit Jahrzehnten fallen alle Touristen auf 
ihn ’rein. Er stolziert wie ein Pfau umher, stellt sich in den Weg, blickt, 
malerisch an eine Balustrade gelehnt, gegen das Meer und schielt dabei listig 
nach den gezückten Kodaks. Das ist nämlich sein Beruf : sich photographieren 
lassen!! Jeder richtet das Objektiv auf ihn und schenkt ihm dann etwas, be- 
vorzugten Dummköpfen gibt er auch sein Autogramm auf das Bild. Dafür hat 
er allerdings einen besonderen Tarif. In allen Schaufenstern Capris, in jeder 
Verkaufsbude . . . überall dieser gräßliche Vollbart. In Oel, Aquarell und Pa- 
stell, auf Muscheln, Federhaltern, Aschbechern, Schachteln, Tintenfässern . . . 
immer und immer wieder: ,,il pescatore“!! Kein Mann in ganz Italien geht so 
läppisch angezogen wie er, kein Italiener trägt eine so schreiende rote Mütze, 
keiner so ein Maskenballhemd und solche Theaterhosen. Er ist das personifi- 
zierte ,,Wie-sich-der-kleine-Moritz-Capri-vorstellt“. Er tut nichts, arbeitet 
nichts, nichts, nichts . . . den ganzen lieben Tag lungert er im Hafen herum, 
läßt sich photographieren und neppt . . . 

Meine Frau ist eine leidenschaftliche Kodak-Knipserin. Sie ärgerte sich 
grün und blau, denn jedesmal, wenn sie ein schönes Motiv gefunden hatte... 
bums, da stand schon wieder mitten im Sucher: das Ekel! Sie wird immer 
tückischer. Hält den Apparat gegen den Bart ... er stellt sich siegesgewiß und 
kokett in Positur . . . aber im letzten Moment dreht sie sich nach einer anderen 
Richtung: Tagelang macht sie das . . . il pescatore beginnt sich zu ärgern. Ein 
stummer Kampf ist entbrannt, aus dem schließlich meine Frau als Siegerin 
hervorgeht. Er weicht ihr brummend aus, murmelt Flüche, wenn er sie von 
weitem kommen sieht. Als wir von Capri abfuhren, hatte sie vier Dutzend 
Aufnahmen gemacht und auf keiner einzigen war das Ekel von Capri zu sehen! 
Ha!!... 

Der Portier des Hotel Cocumella in Sorrent schrieb uns zum neuen Jahre 
eine Postkarte mit den besten Wünschen und der Frage, wann wir wieder- 
kämen. Die Karte haben wir wütend weggeschleudert. Sie zeigte: das Ekel 


Katzenausstellung. „Mein Name ist Mulili-Maus, ich bin der Liebling 
der Familie.“ — „Ich habe ein Ringelschwänzchen; mein Name ist Lumpen- 
liesel.“ 

Wäre die Ausstellung in einem Garten, so ständen allenthalben tönerne 
Zwerge und Glaszierkugeln. Hier ist jeder einzelne Käfig ein trautes Heim. 
Mit allerliebsten Blümchengardinen. Jedes Kätzchen hat sein klein Häus- 
chen, es fehlt nicht an Glückspilzen und Schlummerrollen. — Der erfüllte 
Wunschtraum des Kleinbürgers. Die Katze das heilige Tier des Lauben- 
kolonisten. 

Und eines Tages fällt das Licht 
der großen Welt in den Laden: 
Erste Internationale Katzenaus- 
stellung. Schnully sitzt in einem 
öffentlichen Saal. Ihm zu Häupten 
schweben aus Stukkaturträumen 
Putten. Die Herren vom Ehren- 
komitee tragen Erkennungsmedail- 
len, die Damen vom Ausschuß 
verkaufen reizende Spiegelchen, 
Gummikätzlein und andere Sächel- 
chen. Schnully ist mit einer Num- 
mer versehen und katalogisiert, als 
sei er aus Terrakotta. Die Familie 
sitzt wechselweis auf dem Stuhl 
neben Schnully. Man hat ihm ein 
Bärchen und eine Kinderklapper 
mitgegeben, wie einem lieben Toten 
ins Grab. Auch kann man Hand- 
tasche und Kaffeeflasche zu 
Schnully hineinstellen; zur Be- 
quemlichkeit trägt man Leisetreter. 
— Wieviel gibt es zu beantworten! Die Herrschaften können nicht genug 
fragen. Fünf Tage im Mittelpunkt der Großstadt, im Brennpunkt des Inter- 
esses. Es gilt, diese Tage festlich zu begehen. 

Der Kunstwille des Kleinbürgers ruht nicht. Es ist nicht damit getan, 
daß er sein Katzenwerk in die Oeffentlichkeit setzt, im Interesse der Rassen- 
forschung, der Ordnung halber, gleichsam („Eigener Import aus Siam. Ein- 
getragen im Schutzbuch. X., Regierungsrat a. D.), — für den Kleinbürger 
fordert dieser Schritt in die Oeffentlichkeit ein Zeremoniell, wie jeder Akt 
von unirdischem Gehalt. Derselbe Stil, der die Babydecken mit Blümchen 
und Schleifchen benäht, der in die Grabsteine Medaillons mit gläsernen Ver- 
gißmeinnicht einläßt, schlingt hier papierne Heckenrosenranken durchs 
Gitter, taucht den ganzen Käfig in violette oder rosa Beleuchtung. Er schafft 
Namen, die, wie die Ausschmückung der Käfige, den Wunsch nach der 
großen, von Jupiterlampen erhellten Welt bezeugen. „Axel von der hohen 
Lilie“, „Schöne Strandnixe“, „Prinzessin Schöne von Siam“. 



542 



Zita Jungman als Romeo 


Photo C. Moffat u. O. Wyndham 




Lord Tweetmouth, Earl of Sefton und Mr. Montague machen Witze 



Die Buchmacher 


Photos Sport & General 





Hamburger Zimmerer auf der Wanderschaft 






Auto-Rennen in Atlantic City 



Strand-Yachten in Fahrt 

Fashionable Ferienunterhaltung in den Seebädern Nord-Frankreichs 


Fox Photo 


Diese Katzen sind nicht mittelmäßig. Sie sind ausgewählt vor vielen. 
Ihre Fähigkeiten übersteigen die anderer Katzen; der Besitzer, Urheber des 
Wunders, fühlt sich berufen, es zu verkünden: „Kommt auf den Pfiff seines 
Herrn und kann apportieren.“ — „Springt über den Stock, gibt Pfötchen, 
öffnet sich die Tür.“ — „Kann schön bitten und bringt einen Papierball, 
wenn er ihm geworfen wird.“ — 

Einigen Katzenzüchtern ist es gelungen, die Natur zu regulieren. Katzen, 
dem heutigen Stand ihrer Rasse nach, andere Tiere mordend und essend, sind 
auf ihre paradiesische Beschaffenheit zurückgeführt, sanft und mit Pflanz- 
lichem zufrieden. „Unser Goldkerl lebt mit Kanarienvögeln, Buchfink, Hänf- 
ling, Grasmücke und Rotkehlchen zusammen. Mit auszustellen ist aus anderen 
Gründen nicht möglich.“ — 

Fünf Tage des Glanzes, fünf hohe Tage. Zuschauer aus allen Bereichen, 
Bilder und Aufsätze in allen Zeitungen. Am sechsten Tag werden die 
Heckenrosenzweige und Blümchengardinen abgenommen. 

Und eine Woche später liegt Schnully in der Sofaecke hinter dem Laden. 
An der Wand hängt, unter Glas, ein Diplom, vom Preisrichterkollegium 
unterzeichnet. Und daneben, im Vergißmeinnichtrahmen, eine Photographie: 
Schnully, auf seidenem Kissen, in geschmücktem Käfig. 

M arianne Kamnitzer-M arschak. 

Testament. Der kürzlich verstorbene Advokat Charles Miller in Toronto 
(Canada) hat folgende Legate testamentarisch festgesetzt: 

Dem Oberstaatsanwalt, einem erbitterten Feind jeder Wette, 40 Prozent 
der Anteile des Jockeiklubs in Toronto. 

Einem Senator aus Toronto, der Vorkämpfer für die Trockenlegung 
Amerikas gewesen war, ein Paket Brauereiaktien. 

Zu Testamentsvollstreckern ernannte er zwei Kollegen, die sich haßten wie 
die Pest. 

Den Rest seines Vermögens vermachte er Miß Wanterton, die ihn zum 
glücklichsten Menschen igemacht hatte, weil sie vor 20 Jahren seine Hand 
zurückwies. Canadian Reviews. 

Todkrank. Der berühmte Chirurg Lord Joseph Lister (1827 — 19 12 ) 
wurde eines Nachts zu einem sehr reichen Mann gerufen. Der empfing den aus 
dem ersten Schlaf gerissenen Chirurgen mit vielen Seufzern und den Worten: 
„Ach, Herr Doktor, mir geht es sehr schlimm, ich glaube, ich sterbe.“ 

Lord Lister untersucht den Kranken und sagt schließlich unbarmherzig: 
„Haben Sie schon Ihr Testament gemacht?“ 

„Nein,“ erwiderte erbleichend der Patient, „Sie glauben also . . 

„Wie heißt Ihr Notar?“ 

„M. X. Aber lieber Herr Doktor . . .“ 

„Lassen Sie ihn rufen.“ 

„Aber ich bitte Sie, Herr Doktor, ich bin doch noch so jung!“ 

„Lassen Sie ihn rufen und auch Ihren Vater und Ihre beiden Söhne.“ 

„Also muß ich sterben?“ 

„Nein, aber ich will nicht der einzige Dummkopf sein, den Sie heute nacht 
aus den Federn gejagt haben.“ ( Eingesandt von Draco.) 


543 


Die neue Galerie Flechtheim in Berlin. 

Der Umbau nat das früher aus wenigen dunklen Zimmern bestehende 
Lokal am Lützowufer erhellt und mehr als verdoppelt, und jetzt trägt es den 
Titel Galerie mit Recht. Das Galeriehafte gehört nun einmal zum Berliner 
Geschäft. Pariser Kunsthändler wie Vollard, der in der Rue Laffitte in einem 
einzigen Raum vom Umfang einer bescheidenen Epicerie mit zwei Küchen- 
stühlen als Mobiliar und mit einer verwahrlosten Bonne als Personal seinen 
Handel trieb, einen Handel, der lange Zeit die ganze Produktion der Cezanne, 
Gauguin, Maillol und viele andere bedeutsame Werke unter die Leute, will 
sagen in alle Länder brachte, sind in Berlin undenkbar, und daraus ließen sich 
manche Schlüsse auf die psychologischen Unterschiede zwischen dem Berliner 
und dem Pariser Liebhaber gewinnen. Unter den großen deutschen Händlern 
bildete Flechtheim bisher eine Brücke zu der scheinbar voraussetzungslosen, 
in Wirklichkeit voraussetzungsreichen Pariser Art, und der Umbau des 
Architekten Mahlberg hat diese Nuance beibehalten. Kein Luxus, helle, ange- 
nehme Wandbekleidung, Seitenlicht. Das andere müssen die Bilder besorgen. 
Auch die Ausstellung, mit der soeben das neue Haus eingeweiht wurde, deutet 
nach Paris, und zwar nicht nur mit den Namen der Künstler. Flechtheim hat 
alle ihm erreichbaren Improvisationen Cezannes in Aquarell und Zeichnung 
zusammengestellt, über sechzig Blätter aus deutschem und französischem 
Besitz, und obwohl gerade aus Berlin einige von der Konkurrenz besetzte, 
besonders typische Aquarelle fehlen, genügt die Auswahl reichlich, um in die 
Intimität des großen Wirklichkeitskünders einzuführen, der in dieser Materie 
wohl nicht die überwältigende Statik und Pracht seiner Gemälde erreicht, 
aber die geheimsten Mittel seiner Realisierung sehen läßt. In den relativ 
vollendeten Aquarellen, z. B. in den beiden kleinen Blättern mit Gruppen 
nackter Männer, die von der Familie Renoir beigesteuert wurden, spürt man 
das Element dieser Kunst, und die verlockende Farbe, die allein schon den 
Zauber genügend erklärt, verführt den Betrachter, das Element im Dekorativen 
zu suchen. Aber in viel summarischeren Andeutungen fast ohne Farbe und 
jedenfalls ohne Palette, in denen das Aquarell dem Bleistift kaum merkbare 
Akzente hinzufügt, bleibt dieselbe Art von Schwingung wirksam und erzielt 
mit dem Nichts von Materie beschwingte Farbigkeit. Manchmal erkennt man 
kaum den Baum, das Haus, den Umriß des Berges, und dabei fühlt sich das 
Auge im Bann einer ganz gesicherten Räumlichkeit und spürt die Atmosphäre 
um den Baum, das Haus und über dem Gebirge. Unter den Blättern stehen 
ein paar der besten Bronzen von Degas. 

Im Empfangsraum begrüßt den Besucher die Arlesienne von van Gogh; 
nicht eine der Varianten gleichen Titels, sondern das berühmte Hauptwerk im 
Besitz der Frau Marie Anne von Goldschmidt-Rothschild, mit dem unnachahm- 
lichen goldgelben Grund und dem Stilleben aus Schirm und Handschuhen auf 
dem Tisch, ein Bildnis, in dem sich Okzident und Orient begegnen, der stärkste 
persönliche Ausdruck eines Menschen unserer Zone und Zeit und die hier- 
atische Pracht eines Sharaku. 

In dem neuen Saal am Ende der Flucht: Munch und meist jüngere Fran- 
zosen und die Deutschen, die zum Hause gehören, Hofer, Weiß, Levy, die 


544 


Sintenis, Fiori und andere. Wie ich hörte, kommt nächstens Max Beckmann 
dazu, und Berlin wird endlich den Maler, der ihm eigentlich der nächste sein 
sollte, kennenlernen. 

Flechtheim unterscheidet sich vorteilhaft von vielen seiner anspruchsvollen 
Kollegen durch seine Bereitwilligkeit, auch mit nicht arrivierten Künstlern zu 
handeln. Hoffentlich bleibt er dieser Tendenz im neuen Haus treu. Auch sie 
läßt sich erweitern. Julius Meier-Graefe in der Frankfurter Zeitung“. 

Allerlei E — rosinen: 

Bierulkige Wissenschaft. 

Uns ist ganz kanibalisch wohl — 

All — Alles Sexualsymbol. 

Wie's uns treibt, so geht’s. 

Es bildet ein Komplex sich an der Stelle, 

Wo uns ein Trauma traf im Strom der Welt. 

Der springende Punkt. 

Es war von je der Weisen Art, 

Seit Faust, Galen und Eisenbarth, 

Den Schmerz in Kopf und Steiß, in Herz und Nieren 
Aus einem Punkte zu kurieren. 

Kammerlatein. 

Seine Mutter liebt jener, die Tochter dieser — 

Wie nennt man das wissenschaftlich — präziser? 

Für die Reihe der Oedipus-Inceste 

Scheint mir ,,M ischpochalcomplex“ das Beste. 

John Höxter. 

Wie aus dem Anzeigenteil ersichtlich, tritt der Verein „Germania“ auf viel- 
seitigen Wunsch hin wieder mit einem Theaterstück vor die Oeffentlichkeit. 
Das Stück betitelt sich „Der Meineidbauer“ von L. Anzengruber. Der Ver- 
fasser ist mit seinen Stücken sehr bekannt und seine Werke werden gern ge- 
hört. Der Verein hat in seiner schon jahrelangen Theatertätigkeit wohl ge- 
zeigt, daß er Kräfte besitzt, die die Worte voll und ganz wiederzugeben ver- 
mögen, so daß ein guter Eindruck hinterbleiben wird. In letzter Zeit wurde 
das Stück an größeren Bühnen, so in Weimar, aufgeführt. In feinsinniger 
Weise hat der Verein auch dafür Sorge getragen, daß die Kostüme dem Orte 
der Handlung (Gebirge in Oberösterreich) vollkommen angepaßt sind und da- 
durch das Bühnenbild, gemeinsam mit den vorkommenden Effekten etwas wirk- 
liches darstellen wird. Das Stück ist nicht zu verwechseln mit dem vor Jahres- 
frist aufgeführten Theaterstück „Der Goldbauer“. 

Allen denen, die sich einige genußreiche Stunden auf schriftstellerischem, 
sowie auf theatralischem Gebiete verschaffen wollen, wird der Besuch an- 
gelegentlichst empfohlen. (Helmstedt er Anzeiger) 


Cantate-Essen. Sämtliche Buchhändler und Buchverleger versammelt 
im Buchhändlerhaus in Leipzig. Eine Welt für sich, eine papierne Welt, von 
der der Dutzendmensch nicht die geringste Ahnung hat. Der Sonntag Cantate 
ist nach altem Brauch dazu da, daß sich Verleger und Sortimenter Grobheiten 
an den Kopf schmeißen, sich gegenseitig der Farce und des Satirspiels be- 
schuldigen, diesmal alles wegen der berühmten 5 Prozent, die der Verleger 
dem Sortimenter nicht gönnt. Aller Streit löst sich dann auf in einem solennen 
Festessen, von wo aus man sich gewohnheitsgemäß in den Kaffeebaum begibt, 
um dort Pilsner Bier zu trinken. 

„Haben Sie Orden und Ehrenzeichen.'“ wurde ich gefragt, „dann tun Sie 
sie bitte an!“ Die Buchhändler sind streitbar und klirrend, es herrscht ein 
frisch-fröhlicher Ton in der Papiergilde, was einen überrascht, wenn man sie 
einzeln kennt. Einzeln wirken sie ganz besonders friedlich. 

Das ist eine Welt, die man gesehen haben muß, diese Mittler des Geistes. 
Sie haben es nicht leicht als solche. Sie dürfen nicht verweilen bei ihren eigenen 
Lieblingen, dürfen — wenigstens offiziell — keine eigene Meinung haben (ob 
sie das etwa durch Gesinnung ausgleichen? Wie man den Hunger durch 
stramme Haltung ersetzt.), dürfen nicht etwa dem Publikum sagen: Kaufen 
Sie den Dreck nicht, sondern müssen ihn empfehlen. Es ist nicht immer an- 
genehm, mit Geist (sog.) Geschäfte zu machen. 

Eine der markantesten Persönlichkeiten ist unser Freund Dr. Jolowicz, 
Inhaber des Weltantiquariats Fock. Er geht herum wie ein Veteran des Buch- 
handels, mit dem großartigen Gesicht eines Yankee (von der Sorte Lincoln), 
auf den man Häuser bauen kann, und hat ein Antiquariat, das eine Wunderwelt 
ist. Sämtliche Doktordissertationen kann man bei ihm haben (selbstverständlich 
auf den ersten Griff die gewünschten), sämtlicher fauler Zauber aller jemals 
aufgeworfenen Doktorfragen ist dort zu haben, eine grandiose Möglichkeit, die 
nur der zu bewerten weiß, der an dieser gewissen Art Xußknackerthemen (der 
Vertrag mit den Bergsteigern oder Haltung des Samariterhundes usw.) mal 
mitgearbeitet hat. Zettel, Zettel — nichts als Zettel — , die ganze Riesenfirma 
besteht aus nichts als Zetteln, in Kästen geordnet, und aus Gehirnen, die in 
Zetteln denken. Fielen die Zettel weg, würde der Betrieb Stillstehen. Ich 
möchte den Jahrgang 1886 der Voce della Calabria haben — schon liegt er 
auf dem Tisch. Dr. Jolowicz hat soeben eine Artilleriekaserne gepachtet, um 
seine Millionen Bücher unterzubringen. Das ist noch mal eine hübsche Ver- 
wendung. h. v. W. 

Apfeltorte. 1 Pfund Mehl, 3 ganze Eier, 190 Gramm Butter, 190 Gramm 
Zucker, davon einen Mürbeteig bereiten. 4 Pfund Aepfel werden geschält, der 
Länge nach geschnitten, mit 125 Gramm Butter, Rosinen, Zucker, geschnittenen 
Mandeln und Rum nach Geschmack, auf dem Feuer gedünstet. Die Aepfel 
müssen stückig bleiben. Alles kommt in eine Springform, Backzeit eine Stunde. 
Diese Apfelscharlotte reicht für 8 bis 10 Personen. Ehe die Aepfel dem Teig 
beigegeben werden, müssen sie erkaltet sein! E.G. 


546 


Annoncen-Querschnitt des „Artist“ 

Jazz - Trompeterin und Pianist , 
Solisten. Hot style. Wünschen sich 
zu verändern, am liebsten zusammen. 

Prima Damen - Stimmungskapelle 
„Fidelio“, drei junge hübsche Damen, 
zwei Herren. Chantant mit Effekt- 
instrumenten. Vornehmes Auftreten 
in Schwarz. Verkauf gestattet. Frau 
Kapellmeisterin im Hotel Reichshof, 
bis i Uhr nachts. 

T emperamentvolle Stehgeigerin, 
Ia, strichfest, tadellose Erscheinung, 
Gage nicht übertrieben. Offerten 
„Nelly“, Düsseldorf. 

Damen - Quartett (ausschließlich 
Damen), jung und hübsch, per sofort 
gesucht. Gage täglich io M. ein- 
schließlich Verpflegung. Volle Reise- 
vergütung 4. Klasse. Entsprechend 
der hohen Gage werden sogenannte 
Kanonen verlangt. Offerten von 
Damen, welche bestimmt eintreffen, 
an Schultze, Fliederdiele, Höchst. 

Gesucht humorvoller Kellner für 
Schenke, prima Vortrag, Alter fünf- 
undvierzig Jahre. Angebote an Harzer, 
Schweinfurt. NB.: Bescheidene, ältere 
Dame, welche sich häuslich nieder- 
lassen will, wolle Lebenslauf ein- 
senden. 

Stehgeiger gesucht. Wo, wie lange 
studiert und Alter muß angegeben 
werden. Ist nicht genügend Routine 
da, wird etwas Rücksicht genommen. 
Muß verstehen, die Gäste dauernd 
durch Komik zu fesseln. Wenn Be- 
dingungen, welche gestellt, da sind, 
vornehme Dauerstellung, sonst frist- 
lose Entlassung ohne Kündigung. 
Offerten unter RV2R, postlagernd. 

Pianist, erfahrener Koch, und 
junge temperamentvolle Stehgeigerin, 
Dirigentin, frei ab sofort für kleines, 
feines Hotel oder Weindiele. F. Hauke, 
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55 Vol. 7 


547 


Der Verbrecher 
(Mil geteilt von „Hof“ -Sänger Fr. Beyer) 


In Wien , im Großstadtleben , 

Da trieb ich mich umher , 

Mit Zittern und mit Beben , 

Hab keine Heimat mehr. 

Des Nachts spielt ich Verbrecher , 
Am Tage den Baron, 

Und dieses Doppelleben 
Führ ich seit Jahren schon. 

Noch einmal will ich's wagen, 

Den letzten kühnen Streich, 

Will den Verbrechern sagen, 

Wir werden wieder reich. 

Beim Schein der Blendlaterne, 
Der Einbruch mir gelang, 


Der Kasse vor mir stand. 

Da gal : es kein Zurück mehr, 

Und rasend ward mein Blick , 

Und ich versetzt 1 dem Armen 
Dann plötzlich Stich auf Stich, 
Raffte zusammen Banknoten 
Und das gestohVne Gut, 

Warf einen Blick auf den Toten , 
Befleckt waren die Hände mit Blut, 
Zum Mörder bin ich geworden, 
Jetzt ist mir alles egal, 

Seht nur, die Häscher kommen , 
Lebt wohl, es war einmal, 

Ja, es war einmal. 


Bis plötzlich der Besitzer 

Die Anfänge. 1912 oder 1913 hielt Meier-Gräfe seinen Vortrag bei Cassirer 
„Wohin treiben wir?“ Ich war damals noch Sammler und ein angesehener 
Mann. Ich telegraphierte an Marc nach München: „Meier-Gräfe mit Vortrag 
, Wohin treiben wir“ morgen bei Caspari. Auspfeifen, totschlagen usw.“ Die 
Sekretärin bei Cassirer zeigt das Telegramm, da sie irgend etwas meiner 
Hieroglyphen nicht lesen konnte, Meier-Gräfe, und dieser sagt: Absenden. Und 
als Marc und Macke, mit Hausschlüsseln und faulen Eiern bewaffnet, bei 
Caspari saßen, da hielt Meier-Gräfe einen Vortrag über Dostojewski, und von 
Hausschlüsseln und faulen Eiern konnte kein Gebrauch gemacht werden. 


Vier Wochen Berlin an der Nordsee ist der Inhalt des neuen Romans des 
Querschnitt-Herausgebers H. v. Wedderkop, der im August im S. Fischer- 
Verlag erscheint. Er beschäftigt sich liebevoll mit dem Aufenthalt verschie- 
dener prominenter und nicht prominenter Berliner an der Nordsee und ist nicht 
ein Roman im üblichen Sinne mit konstruiertem Schicksal, sondern hält sich 
an das Leben, wie es sich tatsächlich abspielt. 

Dekobrisme. « En Italie II Secolo de Milano a ouvert une enquete parmi 
ses lecteurs pour connaitre quel etait, dans le- temps present, l’auteur le plus lu. 
Apres depouillement des votes Maurice Dekobra sortit vainqueur aux 61 % des 
voix. Entre temps un ami, le Redacteur en chef du « Mattino » de Naples venu ä 
Paris nous dit: « Je crois que l'Italie cst actuellement svphilisee au 3 me degre 
de Dekobrisme. » 

In den Ausstellungsräumen des Verlages Bruno Cassirer, Berlin, wird 
Anfang Juli zu Ehren des 80. Geburtstages von Max Liebermann eine um- 
fangreiche Pastellausstellung eröffnet. Die Ausstellung wird bis Mitte August 
dauern und werktäglich von 9 — 6 LIhr, Sonnabends von 9 — 2 L’hr geöffnet sein. 


Alfred Flechtheim. 


548 


Ibu — die Wundermischung. Eines Tages faßte mich Mr. Charlie Peysar, 
Mixer der Grandhotelbar in Wien und Mitglied der „Internationalen Bar- 
meisterunion" (I. B. U.), unterm Arm. 

„Kommen Sie übermorgen in die Reißbar; wir veranstalten eine inter- 
nationale Cocktailkonkurrenz. Erstklassiges Publikum. Der türkische Gesandte 



wird da sein, der englische Konsul, der französische Militärattache und der 
Vertreter von der , Chicago Tribüne“.“ 

Diese sonderbarste aller Veranstaltungen fand kürzlich statt. 

Die Reißbar, wiewohl kaum mehr als 25 Quadratmeter groß und eher einem 
hübsch möblierten Wohnzimmer als einem Raum für orgiastische Betätigung 
ähnlich, war mit Recht zu ihrem Schauplatz berufen. Es ist der „Schwannecke“ 


549 


Wiens. Lokal der gut angezogenen, id est: gewaschenen Boheme. (Daher frei- 
lich reicher an Voyeurs als an Akteurs.) 

Der türkische Gesandte, der englische Konsul, der französische Militär- 
attache und der Vertreter von der „Chicago Tribüne“ waren schon da. 

Es brodelte und wimmelte von Alkohol und Sachverständigkeit. 

„What’s the matter?“ fragte mich ein Amerikaner, den das Gerücht anti- 
prohibitiver Begebenheiten herbeigelockt hatte. 

Ich erklärte ihm die matter. Es handle sich darum, aus 120 aus der ganzen 
Welt eingesandten neuen Cocktailrezepten (Sidnev, Kopenhagen, Baku, Duis- 
burg war geographisch vertreten) durch Jury- 
Gruppen von je sechs Mann — und zwar 
zwei Barbesitzern, zwei Mixern und zwei 
Laienrichtern — das Beste zu ermitteln und 
dieses Beste auf die internationalen Getränke- 
Karten zu setzen. Der Preisträger erhalte 
überdies ein goldenes Etui, während dem 
Nächstprämiierten ehrenvolle Verlesung nebst 
Frucht- und Likörkörben winke. 

Charlie, in dessen Kopf der Einfall auf- 
geblüht war, hatte die Hände voll zu tun. 

Ein Glockenzeichen. „Zwölfte Jury! . . . 

Bitte nehmen Sie Platz, meine Herren!“ 

Die Herren saßen aber schon: sehr ernst- 
haft, jeder einen Zettel mit Punktevermerk 
zur Seite (von Null bis Zehn) und voll be- 
sinnlichen Austauschs über Geschmack und 
Erlesenheit der Mischung. Zwölfte Jury — 
das hieß: 72stes bis 78stes Glas Cocktail. Da 
vier solcher gemischter Gruppen in Betracht 
kamen, hieß es weiter: i8tes bis 22stes Glas 
pro Kopf . . . 

Das Tablett, auf dem der Kellner die 
Mischungen reicht, wechselt blitzschnell. 

Coktail? — Hahnenschweif? Es müßte ein 
Sehr exotischer Hahn Sein, dessen Gefieder SO Rudolf Grossmann Chamberlin 

eindeutig, bald giftgrün, bald perlgrau, bald 
orangerot schimmert wie diese Substanzen im Glase. 

Zwischen „Good look“ und „Rosenkavalier“ — wie die Kennworte der 
nächsten Rezepte heißen — verliest Charlie ein an Senator Andrew Volstead, 
den Führer der amerikanischen Prohibitionsbewegung, nach Washington 
gerichtetes Spottelegramm folgenden Wortlauts: 

„Internationale Barmeisterunion in fröhlicher Versammlung vereinigt, 
mit dem Zweck, die Zusammensetzung neuer Cocktails zu fördern, sendet 
Ihnen die dankbarsten und herzlichsten Glückwünsche für Ihre Bemühung, 
welche die amerikanischen Getränke in Europa populär machten und wo- 
durch diese Konkurrenz als notwendig sich erwies.“ 



550 


Three Cheers for Charlie! . . . 

Die Uhr rückt vor, Ginfizz, Curaqao, Wermut, Orangebitter leuchtet 
aus hundert Pupillen, des Amerikaners Sehnsucht hat sich erfüllt, er sitzt in 
einer Kommission, ich berechne eben, ob sich mit fortschreitender Alkoho- 
lisiertheit die Sachverständigkeit steigert oder abschwächt, resp. : ob sie die 
Mitglieder der ehrenwerten Jurys milder oder strenger stimmt, — da schallt 
der lang erwartete Ruf an mein Ohr: 

„90. bis 96. Jury! Bitte, Mister Kuh!“ Hier gilt es, gerecht zu sein! 

11 Uhr nachts: Gewählt erscheint mit einem Vorsprung von zwei Punkten 
Essen an der Ruhr. Deutschland hat die Cocktailweltmeisterschaft. Der Name 
des glücklichen Essener Mixers ist Jonnie Hensen, sein Merkwort lautete 
„Valencia“, das Rezept gibt an: 

2 Spritzer Orangebitters, 

Saft einer halben Orange, 

1 Likürgläschen Aprikosenbiandy. 

Auffüllen mit Sekt und Früchten 

Aufruf an alle Dichter und Denker! Einladung zur Mitarbeit für sämt- 
liche nichtberufsmäßige Poeten beiderlei Geschlechtes. Unter dem Protek- 
torate: Henny Porten, Richard Tauber wird ein Werk in Buchform erscheinen, 
welches — eine absolute Neuheit auf literarischem Gebiete — die dichterische 
Begabung aller Kreise der deutschsprechenden Bevölkerung prüft, indem es 
jedem, bisher unbekannt gebliebenem Talente Gelegenheit gibt, mit vollem 
Namen in die Oeffentlichkeit zu treten. 

Erwünscht sind Einsendungen von Gedichten beliebiger Form und Tendenz 
gegen gleichzeitige Ueberweisung eines Kostenbeitrages von zwei Reichs- 
mark pro Gedicht. Mit Rücksicht auf die Raumverhältnisse soll die Länge 
der Gedichte nicht mehr als sechzehn Verszeilen betragen; andernfalls erhöht 
sich der Beitrag um fünfzehn Pfennig für jede weitere Zeile. Einsendungen 
in Prosa, unter den gleichen Bedingungen, dürfen den Umfang von siebzig 
Worten nicht überschreiten. Die Drucklegung des Werkes: „Volk der Dichter 
und Denker“ erfolgt nach dem Muster der Separatausgabe aus dem 
„Deutschen Nationalschatz“ von Schillers sämtlichen Werken. Die Bände sind 
einzeln käuflich. Für Autoren 25 Prozent Preisnachlaß. Im Anschluß an 
das Erscheinen des Werkes wird eine Zeitung herausgegeben werden, zu deren 
ständiger Mitarbeit die Einsender eingeladen sind. 

Jeder Einsender muß einen an sich selbst adressierten, mit Rückporto ver- 
sehenen Briefumschlag zu eventuellen Aenderungsvorschlägen oder sonstigen 
Mitteilungen beilegen, da nach Möglichkeit kein Manuskript zurückgewiesen 
werden soll. Der Verlag behält sich das Recht vor, besonders interessante 
Einsendungen noch vor dem Erscheinen des Buches zu veröffentlichen. Die 
Einsendungen sollen möglichst bald, spätestens aber Ende kommenden Monats, 
nur an die Neuzeit-Verlagsgesellschaft m. b. H. „Dichterdank“ Berlin-Wil- 
mersdorf, Uhlandstraße 140, gerichtet werden; die gleichzeitig zu leistenden 
Einzahlungen dagegen haben nur an die Commerz- und Privatbank, Depositen- 


55 ' 


Kasse N, Berlin W 9, Potsdamer Straße i, auf das Konto der Neuzeit- Ver- 
lagsgesellschaft „Dichterdank“ zu erfolgen. 

Männer und Frauen Deutschlands, Oesterreichs, der Schweiz, sowie Aus- 
ländsdeutsche! Man hat uns das „Volk der Dichter und Denker“ genannt. 
Gebt euer Bestes und zeigt der Welt, in welchem Grade wir diesen stolzen 
Titel verdienen! Neuzeit — Verlags-Gesellschaft in. b. H. 

«Marie-Louise Tribe-Renoir qui fut l’inoubliable Tanit-Zerga de l’atlantide 
et qui anima tant de films d’un regard jailli d’yeux trop grands, dans un petit 
visage brulant d’intelligence. Marie-Louise Tribe qui porte, par alliance, le 
110m du grand peintre Renoir vient de preter ä « Marquitta » son äme, et. 

« Marquitta » vivra, cinematographiquement, d’une vie ardente sur les ecrans du 
monde, apres avoir ete la chanson populaire des rues d’Europe et d’ Amerique.» 

Pierre Destringelt. 

Hugo. Heft 2/3 der Zeitschrift für Mikroskopisch- Anatomische Forschung 
bringt eine umfangreiche wissenschaftliche Veröffentlichung aus der Ana- 
tomischen Anstalt der Universität Halle a. d. S. Verfaßt ist diese von dem 
Vorstand der Anstalt Prof. Dr. med. et phil. H. Stieve, der auch als Heraus- 
geber der Zeitschrift zeichnet. Die Abhandlung ist „Herrn Prof. Dr. A. Held 
in Dankbarkeit und Verehrung zu seinem 60. Geburtstage am 8. Erntemond 
gewidmet“ und ihr Titel: „Ein 13A Tage altes in der Gebärmutter erhaltenes 
und durch Eingriff gewonnenes menschliches Ei.“ 

Befruchtete menschliche Eier, besonders solche, deren Alter einwandfrei " 
festzustellen ist, sind äußerst selten der Forschung zugänglich. Hier handelt 
es sich um einen solchen seltenen Fund. Eine 34 Jahre alte Frau, die bereits 
zwei gesunde Kinder geboren hat, kam mit schweren Lhiterleibsbeschwerden 
zu dem berühmten Gynäkologen Prof. Hugo Sellheim. Ein operativer Eingriff 
erwies sich als notwendig; die Gebärmutter wurde im ganzen nebst den beiden 
Eileitern und dem linken Eierstock entfernt. Nach der Operation war die 
Frau bald vollkommen wiederhergestellt und erfreut sich jetzt voller Gesund- 
heit und Leistungsfähigkeit. 

Sellheim vermutete bei der Stellung der Diagnose das Bestehen einer 
Schwangerschaft, die einwandfrei von einer Kohabitation 13 Vi Tage vor dem 
chirurgischen Eingriff herrühren mußte. Die Untersuchung der entfernten 
Gebärmutter im Anatomischen Institut bestätigte diese Annahme. Prof. Stieve 
fand das befruchtete Ei. Und nun schreibt er in seiner Abhandlung: „Auch 
diesen ungemein wertvollen Fund verdanke ich nur dem Zusammenarbeiten 
mit dem früheren Vorstand der Hallenser L T niversitäts-Frauen-Klinik, Herrn 
Geheimrat Prof. Dr. Hugo Sellheim, der jetzt leider nach Leipzig übergesiedelt 
ist. Als Zeichen meines besonderen Dankes habe ich den Keimling nach ihm 
HUGO benannt.“ 

Eine Tat, die Stieve nicht hinderte, nach verschiedenen Prozeduren Hugo 
in Zelloidin-Paraffin nach Peterfi (1921) gebettet zwecks wissenschaftlicher 
Untersuchung in 10 dicke Schnitte zu zerlegen. — dach. 


552 



Haus mit Haremserkern in Damaskus 


Photo Krehan 




Photo Paul D. Miller 


M orgenunterhaltung 



Verkaufsstand eines Schuhhändlers in China 


Photo Galloway 






Topical-Photo 


Strandgymnastik 


Sonnenschirme gefällig? Schirmverleiher bei englischen Wettspielen 


Fox-Photo 




Photo Agencc Trampus 

Schule für rhythmischen Tanz von Melle Joly in Paris 


Sant’ Apollinare nuovo in Ravenna 




TI tut* o u$ öcrn ^uclH>olffUßclo0/JHün4ett 

DerRoman des weißen Giftes 

MAX PULVER 

JjimmcIpfoEtgaffc 

In Ganzleinen gebunden RM. 7. — 

Der Roman des Lasters unserer Zeit, der Roman des berauschenden Giftes, 
das von Hand zu Hand geht, des Kokains. Drei große deutsche Hauptstädte 
geben den Hintergrund ab. Und dort spielt die Handlung, die der Autor 
in eigenartiger Sprache machtvoll aufzubauen weiß. Ein neues, ein fes- 
selndes, ein starkes Buch. 8 - Uhr- Abendblatt 

Das Buch ist prall geladen mit Wissen undErkenntnis um Leid und Lust 
des Lebens, eine reiche schmerzlich-süße Arbeit. Die Himmelpfortgasse 
bleibt ein Unikum in unserer Literatur. Unbürgerlich, dreist. Voll neuer 
Möglichkeiten, ein Schlager meinetwegen. Aber ein Schlager mitten ins 
Herz. Luzerner Neusten Nachrichten 

JOHN ERSKINE 

Dn$ priüaüeben ticc fronen Helena 

Roman aus dem Amerikanischen / In Ganzleinen gebunden RM. 7.50 
Dieses Buch hat in Amerika 
und England einen Sen- 
sationserfolg und wird ihn 
sicher auch in Deutschland 
erleben: Die Fürstin Lich- 
nowsky schreibt darüber in 
der Pfingstnummer der 
Frankfurter Zeitung: „Das 
Buch ist so leicht, daß man 
kaum sieht, wie schwer es 
ist, und so schwer, daß man 
es nur mit beglücktem 
Lächeln lesen kann.“ 

Und Fritz Philipp Baader 
sagt in der Westfälischen 
Zeitung u. a. : „Unter allen 
Büchern , die ich in letzter 
der auf die guten alten Griechen, als auf die amerikanische Gesellschaft 
mit ihrem Heuchlertum nach außen, ihrem „Allerlaubt“ nach innen. 

DURCH JEDE GUTE BUCHHANDLUNG ZU BEZIEHEN 



Z eit las , eines der köstlich- 
sten! Hier ist ein diskreter 
anglikanischer Humor mit 
hohem Ernste und zugleich 
mit einem erfreulichenFrei* 
mut außerordentlich glück- 
lich gemischt. Eine Offen- 
bachsche Operette ohne 
Musik in der Form eines 
dialogisierten Romans. Nur 
ist der Geist, der dahinter 
steht, nicht der destruktive 
desJeanJacques, sondern der 
eines anglikanisch-amerik. 
Kopfes, der bei Bernhard 
Shaw gelernt hat. Und die 
Satire geht natürlich min- 


553 


LIA. Die emsigen kleinen Herren, die den südlichen Teil der Friedrich- 
Straße bevölkern und sich gerne Filmindustrielle nennen hören, waren schon 
immer groß im Prägen neuer Worte, die sich zwar mit Ausnahme von „Ufa“ 
nie durchgesetzt haben, aber den an die Zeitungen versandten Waschzetteln ein 
seriöses Gepräge gaben, als versteckten sich hinter den „Dafu, Defu, Ifag 
Bebag“ a tutti quanti seriöse Gründungen, zum mindesten Firmen von den 
Ausmaßen einer Hapag oder A. E. G. Vor kurzem durchbrauste die Stamm- 
lokale dieser Herren ein neuer Heilsruf: LIA. „Waren Sie schon bei Lia? 
Schlagen Sie die Sache Lia vor! Vielleicht läßt sich das Ding mit Lia drehen!“ 
Außenstehende zerbrachen sich den Kopf. Es konnte sich nicht um Lya Mara, 
den Liebling des Volkes, handeln, nicht um Lia de Putty, auch um keine neue 
Lia (denn welche neue Lia hätte heute, ohne daß ganz Berlin es wüßte, einen 
so potenten Freund, daß er es wagen könnte, einen Film zu finanzieren?) Lia, 
das große Zauberwort, das „Sesam öffne dich“, auf das die geschäftigen Herren 
ihre ganzen Energien konzentrierten, hatte auch gar nichts mit einer weiblichen 
Beaute zu tun, sondern bezeichnete den Wallfahrtsort aller, die mit Film- 
wünschen beladen waren: „Lubitsch Im Adlon“. 

Wenn in diesem Haus ein Potentat absteigt, wird als äußerlich sichtbares 
Zeichen am Eingang gleich hinter dem Windfang ein besonders gut gewachsener 
und extra pomadisierter Galadiener in Eskarpins und weißen Strümpfen auf- 
gebaut, der nichts zu tun hat, als dekorativ dazustehen, eine Säule mehr, um die 
sich das Leben der Hall herumtrudelt. Sicher ist diese Nuance noch keinem 
der Könige aufgefallen, die es ja sowieso nicht anders gewöhnt sind. Den 
Habitues hat es aber jedesmal wohl getan und ihr Selbstbewußtsein gehoben. 
Daß man Lubitsch diese Ehre vorenthielt, erscheint fast unbegreiflich. Dafür 
hatten aber während seines Aufenthalts die Boys mehr zu tun, als wenn ein 
ganzer Locarnokongreß im Adlon getagt hätte. Vor allem hatten sich alle Be- 
sucher darauf geeinigt, in diesem Einzelfall LIA die Sitten und Gebräuche 
Amerikas, wie sie in deutschen Filmen so hübsch gezeigt werden, in die 
Praxis umzusetzen. Die schöne Verpflichtung des Präsidenten der U. S. A., 
für jeden Bürger seines Landes einen Händedruck bereit zu haben, wurde auf 
Lubitsch übertragen und machte das korrekte Anmeldungssystem des Adlon, das 
es dem illustren Bewohner sonst so schön ermöglicht, sich verleugnen zu lassen, 
zunichte. Daß jeder dieser Besuche einem der weltbewegendsten Finanzprojekte 
galt oder ein Filmmanuskript nach sich zog, versteht sich von selbst. Zu LIAs 
Unglück hatte sich's aber auch noch herumgesprochen, daß er, aller Masken- 
macherei im Film abhold, Naturtypen suche. Nicht der schöne Mann ist mehr 

Trumpf, sondern die Charaktertype. Der Effekt war eine Wallfahrt aller 

Choleriker, Kretins, Makro- und Mikrozephalen, der Dicken und Dünnen, der 
Dämonischen und der sanft lächelnden Riesensäuglinge. Dazu kamen die 
Volksmassen, die einmal bei der Maenz am Tisch nebenan gesessen hatten 
„Wissen Se, Herr Lubitsch, an dem Tag, wo der olle Duff die Platte hin- 
schmiß“, also die ganz intimen Bekannten. Bei alledem hat sich heraus- 

gestellt, daß die Männer viel mehr Penetranz entwickeln können als Frauen, 
denen allerdings Eitelkeit die Anpreisung als Type verbot. Was sich an Frauen 
als filmtauglich, also als schön, empfand, schlug daher einen anderen Weg ein. 


554 


Noch nie hat das Adlon in seiner Halle so viele Mauerblümchen versammelt 
gesehen wie in den Lubitsch-Tagen. Stundenlang und unentwegt saßen sie, 
dreißig bis vierzig Bubiköpfe hoch, auf den Sofas herum, die Lippenstifte 
immer aufs neue abwetzend und versuchend, die Nachbarin durch verächtliches 
Lächeln zu vertreiben. „Einmal muß er ja doch durchkommen!“ Jede gab 
sich ein Air, als sei sie per Rohrpost herbestellt, und starrte ungezwungen nach 
der Treppe und dem Gang, der vom Lift herführt. 



Bis dann Lubitsch kam. Ach, er warf keinen Cäsarenblick im Kreise 
herum! Er stürzte auf keines der armen Mädchen zu und schrie auch nicht: 
„Ha, nach Ihnen suche ich nun schon seit Monaten den Globus ab!“ Er tat 
nichts dergleichen, sondern lutschte nur an seiner Zigarre und schmuste mit 
einem sehr dicken Herren, dessen Wiege auch eher am Hausvogteiplatz ge- 
standen haben mag als unter den Palmen Kaliforniens, was auch ein gold- 
gefaßtes Monokel kaum zu verbergen vermag. Und dann ging die Hoffnung 


555 


der armen Mauerblümchen durch die Drehtüre ab, unbekümmert um die in 
Herrn Adlons weichen Klubsesseln zusammensinkenden Hoffnungen, als ob er 
so gar nichts anderes wäre als irgendein Herr Sowieso aus Beuthen oder 
Meseritz, der auch mal im Adlon wohnen wollte, wobei nur auffiel, daß die 
Aermel seines Anzuges etwas länger geraten waren als die des Ueberziehers, 
was sich in diesem Milieu nicht sehr vorteilhaft ausnimmt. Matheo Quinz. 

Roman- Angebot: ,,In dieser barbarischen, materialistischen Welt sind die 

Menschen geistig total verkümmert, das Leben beginnt jedoch erst nach dem 
Absterben des Körpers, und ist das kurze irdische Leben bloß eine Feuerprobe. 
Man kann die Errungenschaften der Wissenschaft entgegenhalten zum Beispiel 
Elektrizität, Radio usw. ist jedoch bloß eine Einmischung in die Arbeit Gottes, 
aber woher dies alles kommt, haben die Herren Beelzebuben keine Ahnung, sie 
wissen nämlich nicht, wenn sie sich in einen elektrischen Wagen setzen, daß sie 
damit auf ihre Urgroßmütter reiten, nämlich, daß die entflohene Kraft ihrer 
Urahnen sie als Elektrizität in die Wägen spannten, denn die Erde brachte bei 
ihrer Geburt keine Elektrizität mit sich, bloß Lebenskeime und was jetzt Elek- 
trizität ist, kann man sich aus diesen paar Worten zusammenräumen, sogar 
einen schönen Vers daraus machen.“ 

(Das Angebot liegt dem Verlag vor.) 

Anrede, die Andrä Hofer, Oberkommandant vor. Tirol, bei seiner Ankunft 
den 15. August 1809 um 12 Uhr Mittag aus dem Fenster seines Zimmers von 
dem Gasthofe zum goldenen Adler in Innsbruck an eine große Menge Landes- 
vertheidiger und viele Stadtbewohner nachstehenden Inhalts gehalten hat: 

„Grüeß enck Gott meine lieb’n S’brucker, weil ös mi zun Oberkommedanten 
g'wöllt hobt, so bin I holt do, es seyn ober a viel Andere do, dö koani S’bru- 
cker seyn. Alle dö unter meine Waffenbrüder seyn wöll’n, dö müeßten für Gott, 
Koaser und Voterland, als tapfre, rodle und brave T’roler streiten, dö meine 
Waffenbrüder wern wöll’n; dö ober dös nit thüen wöll’n, dö soll’n haim gien, 
I roth encks, und dö mit mir gien, dö soll’n mi nit verlass’n, I wer enck a nit 
verlass’n, so wohr I Andere Hofer hoaß; g’sogt hob I encks, g’söchen hob’s 
mi, bfied enck Gott.“ (Innsbrucker Ansichtskarte.) 

Chamberlin und Levine in der amerikanischen Botschaft 

Fast noch sympathischer als Chamberlin scheint Levine. Chamberlin ist noch 
entgegenkommend, freundlich — konventionell, bei dem ewigen Unterschreiben. 
Levine ist schlechthin muffig und gibt sich nicht die leiseste Mühe, das zu ver- 
bergen, was er denkt. Mit äußerster Antipathie setzt er immer von neuem 
seinen vielfach verschnörkelten Namenszug auf die Ansichtspostkarten, irgend- 
wie hat der Namenszug etwas Persisches, sieht aus wie ein persisches Schrift- 
nest mit unentwirrbaren Schnörkelzügen. Ein Photograph übernimmt die voll- 
ständige Herrschaft über die beiden, baut sie auf, rückt sie zurecht, sagt, sie 
sollten freundlich gucken, und legt ihnen die Hände, die 40 Stunden das Steuer 
gehalten haben, zurecht. Sie lassen alles geschehen, entzückende Leute. Wir 
taten unser möglichstes, um sie gähnend auf die Platte zu bringen. 

H. v. IV. 


556 



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557 


Einweihung des Modesalons Irfe, Pariser Platz 3 

Ein glänzend gelungenes Fest. Im rückwärtigen Zimmer stand Prager, 
unser deutscher Humorist, und erzählte Witze, ein herziges Wiener Künstler- 
paar sang sich in deutsche Herzen hinein. Es gab Leute, die das hörten. Aber 
es gab auch ganze Regionen, ganze Scharen, die ohne den geringsten Konnex 
mit den Vortragenden blieben und keine Ahnung hatten, daß derartiges sich in 
dem hinteren Zimmer ereignete. Man saß und redete eben in allen Zimmern 
weit entfernt. Man sah und hörte nichts und wurde gequetscht, aber — das 
muß man sagen — artig aufgereiht und wartend. Auf Ehepaare war die Ver- 
anstaltung nicht angelegt, sie hatten kein Glück. Kaum eingetreten, wurden sie 
auseinandergerissen; die Frau erhielt eventuell einen Stuhl, der Mann wurde 
weggedrängt. Es war ein schönes, bewegtes Fest. Das ganze Tout-Berlin, 
hübsche Mannequins (wer die Sorte liebt) und schöne Kleider. P>este Glück- 
wünsche ! H. v. W. 



Heiratsgesuch. Wie der Sturm draußen, wie der Sturm in meinem Innern, 
wie der Inflationssturm meine einstige Mitgift fortgefegt hat, so möchte ich 
mir im Sturm das Herze eines lieben herzensgebildeten charaktervollen 
Mannes erobern. Bin 29 Jahre alt, besitze einen Reichtum an inneren 

Werten und äußeren Vorzügen, habe einen sonnigen Humor 

(Neue Badische Landes-Zeitung.) 

Der Tod des Juan Gris. Am 11. Mai 1927, bei Sonnenuntergang, starb in 
Boulogne bei Paris mein lieber Freund Juan Gris. Er war am 23. März 1887 
in Madrid zur Welt gekommen. Nach Paris kam er mit zwanzig Jahren. 
Seine ersten Oelgemälde stammen aus dem Jahre 1910. 

Kein Künstler unserer Zeit war reiner als er. Er war lauter und edel. 
Sein Weg war gerade. Und die Klarheit seines Werkes war nicht Mangel an 
Tiefe oder an Wucht. Nein, diese Ruhe war erkämpft durch einen starken 
Willen gegen ein leidenschaftliches Temperament. Vernunft forderte er von 
allem. Zweideutigkeit war er feind. Nichts Undeutliches, Verschwommenes 
ließ er zu. Kahnweiler. 


558 


Pf. tß. H rii.Fashcnder A.-G. , fterlm 



Linie 5! 

Roseneck 0 

A Wilbolmsauo C 
B Potsd, Plate B 
C Rbf. Sdienh. All« A 
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Linie B4E 

- Wilheimsaue B 

A Luisenpl. A 
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LinSo 73 

- Rosenöck D 
A Hobrechtstr. C 


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1 1 2 1 3 1 

4 


Printer ä fcoute Neri t/aasäftlsdbl« 

Vorderseite eines Marseiller Fahrscheins 

+- 


Unio 5? 

- Roseneck 
A EmserPL 
8 Potsd.Pl. 

C Stettin. Bf. 

D Poöbieiskistr, 

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C 

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A 

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~ Hnndefcahle 

0 

A Liitzowpl. 

C 

ß Spitteim. 

B 

C Strausfe. PI. 

A 

B Lückstr. 

- 

Linie 79 


* R»if. -Halens. 

T5 

A Lützowplatz 

C 

B Sohloßplatz 

B 

C _Schör<h. Tor 

A 

ü Ncrdkapstr. 

- 

Linie 191 

- Rosenöck 

D 

A Witheimsaue 

C 

B Potsd. PI. 

B 

C Briickenstr. 

A 

D Gört Bf. 

• 


ng des Reiseziels auf 
nmaligea Umskigen 
innerhalb J 1 ^ Stunden nadi (Ser durdi die 
Lochung gekennzeichneten Zeit rst zu- 
lässig. Rüdefahrt nicht gestauer. 

Keine Gewähr für die Afisdilussfahrl 
Für nicht -äusgeftulzte Fahrlherecbtigting 
wird Fahrgeiderstaüung nicht gewährt 
Zerrissene, i-erUnittexte oder sonst in der 
Erkennbarkeit der Konirollmerkinale be- 
eilt rädttigte Fahrscheine sind ungültig. 
Bei Antritt der zwei teil Fahrt isLder habe.- 
jfdiein dem Schaffner z. Lochung anszuhAai 

ßTil 


Berliner 
Fahrschein 
Vorder- und 
Rückseite 


Jeber crljält 

===== 1 .-RM. 

auf alle Partrettplätze pergütet. 

Parkettplätze oon 2 .- Kill. an. 

Neues Theater am Zoo 

Fernruf Steinplatz 5371 

Sfaölwhn — S Uhr — Uete'grufltMft 
SkaßfnbahtHfrrjfindung D3Ä afkn Ridrtuö^en 


ii 


Grösster Üpereftenerfatg 

ich bab’ Diel) lieb 


II 


Nächste Operettea-Novital Mitte November 


Les journees sont longue* 
et les annecs eourtes pour 
Fhomme oisif. 

Diderot. 


La rue qui sappelle (lc- 
main , conduit ä la place 'ja- 
mais. 

Proverbe Espagnol. 


1 


Rückseite von Marseiller Fahrscheinen 


559 



Julius Elias t 

Nicht nur ein Freund ist uns über Nacht verlorengegangen, sondern ein 
wirklicher Alliierter, was mehr besagen will nicht nur aus praktischen Gründen, 
sondern weil eine Athmosphäre des Nur-Persönlichen ausscheidet. 

Leute wie Elias gibt es nicht mehr. Ein Mensch, der trotz seiner Chaplin- 
beine sich nie im Schritt bewegte, sondern immer nur flog. Kam er mit diesen 
Beinen die langen Ullsteingänge heruntergeschlürft, begrüßte er links und 
rechts Freunde und Bekannte, drückte einem eine neue, in unwegsamen 
Gegenden entdeckte Zigarre in die Hand, hatte nie Zeit und immer, inter- 
essierte sich für keinen und jeden, für nichts als seine Spezialaufgabe und für 
alles, stellte sich mit einem Dutzend Ohren auf sämtliche Wellenlängen ein 
und hatte einen Gehirnapparat, der es ihm ermöglichte, alle, auch die kleinsten 
Anregungen in sich aufzunehmen und zu verarbeiten. 

Was bedeutet angesichts solcher Persönlichkeit Rasse! Er war Deutscher 
mit der Heftigkeit seiner Ueberzeugung, Gallier von Esprit, Jude mit seinem 
hervorragenden Organisationstalent und seiner steten Aufnahmebereitschaft. 
Mit diesen hervorragenden Eigenschaften eines wahrhaft Internationalen war 
er der geborene Vermittler zwischen Deutschland und Frankreich. Wo man 
antippte, waren genaue Kenntnisse und persönliche Erlebnisse. Es war ein 
Geist, der in einer durchaus sublimen Weise das Konservative mit dem Neuen 
vereinte, der in der alten wunderbaren französischen Komödie des Theätre des 
Varietes mit Granier, der göttlichen Lavaliiere, die jetzt seit Jahren krank 
liegt, Prince, Brasseur, Dearly zu Hause war und davon erzählte, als ob er 
gerade aus der Vorstellung käme, der Spezialkenntnisse auf seinem Lieblings- 
gebiet, dem Zirkus, hatte wie niemand sonst, und der gleichzeitig seinem 
Verlag die modernsten und heftigst umstrittenen Autoren brachte. 

Daß er inoffiziell war, inoffiziell, das heißt lebendig wirkte, darin lag sein 
großer Wert, darin bestanden die großen Dienste, die er seinem Verlage leisten 
konnte. Darin best, and auch sein großer Wert für uns. Schwierigkeiten auf 
geistigem Gebiet: Man wandte sich an Elias, der intuitiv die besten Wege fand, 
um die härtesten Tatsachen umzulegen. 

Daß er Sammler war, als solcher die feinste Nase für den Dauerwert hatte, 
mag nebenbei erwähnt werden. Bei anderen hätte diese Begabung gelangt, um 
ein Leben auszufüllen. Ebenso wie sein Sinn für das Kulinarische, dies unter 
anderem dank dem gleichfalls vielgestaltigen Genie seiner Frau, die in allem 
und jedem seine Leidenschaften teilte. Nur bei der Seltenheit, vielmehr Ein- 
maligkeit dieser Art des Zusammenlebens war ein Salon möglich, wie ihn 
Julius und Julie Elias machten, in dem das Materielle wie das Geistige ebenso 
unterschiedslos wie selbstverständlich gleich hoch entwickelt war. Nichts, was 

560 


dieser Mensch anfaßte, machte er halb. Und der geistige, geschäftige Motor 
dieses ganzen Lebens ließ auch bis zuletzt nicht im leisesten nach, bohrte sich 
durch eine zähe, schmerzhafte Krankheit durch, die andere zur Verzweiflung 
gebracht hätte. 

Es ist ein Verlust, den das ganze öffentliche Leben Berlins erst merken wird, 
wenn es sich nach der Pflege des Körpers in der Sommerfrische darum 
handeln wird, dieser Stadt aufs neue den geistigen Unterbau zu geben, dessen 
sie bei ihrer Entwicklung dringend bedarf. 

H. v. Wedderkop . 

Pfirsich „Christiane“. Sechs schöne Pfirsiche werden einen Augenblick in 
kochendes Wasser getaucht, worauf sich die Schale leicht abziehen läßt. Dann 
kocht man sie einige Minuten in Zuckerwasser und stellt sie in dem Saft 
auf Eis. 

Ein Pfund Walderdbeeren werden verlesen und durch das Haarsieb 
getrieben; Y Pfund gesiebter Zucker wird mit dem Brei gemischt, dem man 
ein Gläschen Kognak und zwei Töpfchen Creme Gervais beigibt. Diese Creme 
stellt man ebenfalls auf Eis. 

Vor dem Servieren nimmt man die Pfirsiche aus dem Zuckerwasser und 
überstreicht sie mit der Erdbeercreme. Hat man genug Creme, so setzt man 
die Pfirsiche in die Creme und garniert sie noch damit. Zum Schluß überstreut 
man die Speise mit fein geschnittenen Mandeln oder Haselnüssen. M . S. 



56l 


„Im Prater blüh’n wieder die Bäume.“ 

(Aus der Osternummer des Neuen Wiener Journals) 


CORRES POND ENZEN 


Einsame 
sucht Einsamen 
zwecks ehrbarer, heite- 
rer Zweisamkeit. Unter 
„Idealistin 363“ Admin. 

Zwei Junggesellen 
suchen ehrb. Bekannt- 
schaft zweier guter 
Violinspielerinnen. Un- 
ter „Quartett 369“Adm. 

Stud. Opernsänger 

sucht ehrbare Freund- 
schaft mit reicher Dame. 
Unter „Radames Nr. 6“ 
Admin. 

Herzliche Ostergrüße. 
Komme Sonntag vor- 
mittag zu Deiner Toch- 
ter. 

T emperamentvolle 
Zauberin 

elegant, kurzhaarig, un- 
eigennützig. schreibe 
ehrb. unter „Gefunde- 
ner Freund 146“ Adm. 

Einsamer 
sucht Jüngling 

zwecks gemeinsamer 
Radpartien, Theaterbe- 
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„Freundschaft 243“ 
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der Gesellschaft kennen- 
lernen, zählt dreißig 
Jahre, ist arm, doch 
auch im Frieden Re- 
serveoffizier geblieben. 
Ehrb. unt „Schwester- 
seelen 164“ Admin. 

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zu bequemsten Bedin- 
gungen. Unter „Privat- 
station 412“ Adm. 

Freundschaft hübscher 

Dame wünscht ehrbarst 
nicht alltäglicher Intel- 
ligenzler. Unt. „Diskret 
873“ Admin. 


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ehrbarst Anschluß an 
Herrn. Unter „Nicht- 
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Warum Frau Marianne 

schweigen mein Schrei- 
ben Sie tot? Habe ich 
kein Recht auf Liebe 
und Ihr leuchtendes 
Morgenrot? Unter 

„End’s well, all’s well 
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Wünschelrutengänger 

40 Jahre, sucht ehrbare 
Freundschaft mit sehr 
vermögender Dame. 
Unter „J. R. 775“ Adm. 

Verarmtes, gebildetes 
besseres Fräulein in Not 
ginge als Modell. Unter 
„Vollschlank 644“ Adm. 

Kenner des Südens 

begleitet seriöse Dame, 
auch durchs Leben. 
Unter „Azurblau 869“ 
Admin. 

Ehrbare Bekanntschaft 

mit gebild. Dame von 
bedeutender Erschei- 
nung und Tatkraft ge- 
sucht. Unter „Fridolin 
693“ Adm. 

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schöne Wohnung, so- 
fort seriös gebot. Unter 
„Abreisender Wiener 
Nr. 902“ Admin. 


562 


Die Weltmeisterschaft in Jazzmusik wird das vor kurzem gestartete 
Boulanger Jazz-Orchester ohne Zweifel bald erobern und behaupten. Es ist 
erstaunlich, was dies Elitefähnlein von 14 Aufrechten unter suggestiver Be- 
feuerung seiner Führer G. Boulanger und H. Bik in wenigen Monaten 
erreicht hat. 

Strenge Auslese der Tüchtigsten, strenge Probenarbeit, strengste Kontrolle 
aller Plattenaufnahmen (vergl. Platten-Querschnitt). Oberstes Gesetz: jede 
Jazzpiece muß bei schärfster Rhythmisierung stets melodisch — konkortant 
bleiben. 

Boulanger improvisiert ein Thema, irgend eine Weise, ein paar Melodie- 
brocken, der stark begabte Balte H. Bik (die Trinität des Komponisten, 
Pianisten, Dirigenten in einer Person konzentrierend) formt, gestaltet, rhyth- 
misiert, instrumentiert, schreibt Partituren, Stimmen, studiert die haar- 
sträubendsten Schwierigkeiten ein, läßt in den Proben einen Ersatzmann seinen 
Klavierpart spielen, während bei der Aufnahme er am Flügel sitzt und jener 
den eingeimpften Takt fuchtelt. 

Boulangers Zauberfidel hebt das Blasniveau, durchglutet die Synkope, ver- 
menschlicht virtuos gehandhabtes Schlagzeug. Ist ein Werk auf der Scheibe 
fixiert, so erhält es einen Titel, z. B. Cintra oder Schiras, Champagne Frappe 
oder Jakuska: umgekehrte Programmusik. 

Wir wünschen, daß die beiden unnachahmlichen B.’s, bedrohliche Kon- 
kurrenz aller Jazzbands, nächstens ihre Kunst nicht nur auf Platten servieren 
mögen ... L. Th. 




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der Schleimhäute, Frauenleiden, Drüsenaffektionen, Skrofulöse, Arteriosklerose, nicht- 
tuberkulösen Katarrhen der Luftwege, Asthma, Hautkrankheiten wie Ekzema, Akne, 
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schlossen). — Neu eingerichtet Kinderstation, Privatbäder, Zimmer mit fließendem Wasser. 


563 


Variationen über ein österreichisches Thema 


L 

Beinfleisch mit Krenn. 

Tafelspitzsauce gemischt, 

Bröselfleisch .garniert. 

Schwarzes Scherzl-Spinat, 

Weißes Scherzi mit Tüllensauce und ge- 
röstete Kartoffel, 

Palisadenfleisch mit Schwammerlsauce 
und geröstete Kartoffel, 

Kruspelspitz mit eingebrannte Erdäpfel, 
Rieddeckel mit Gurcensauce und ge- 
röstete Kartoffel, 

Portion Cafe mit Milch, 

Schale Cafe weiß, 

Schale Cafe mit Schlag, 

Schale Cafe mit Haut, 

Schaleschwarz, 

Schale Mocca, 

Schale Mocca Obers gespritzt, 

Schale Mocca mit Schlag, 


Kieferschwanzl mit Bratensaft und ge- 
röstete Kartoffel, 

Lungenbraten, 

Rindsschnitzl mit Häuptelsalat, 
Rindsfilet, 

Faschierter Lungenbraten, 

Rostbraten mit Zwiebel, 

Rostbraten mit Vanille (— Knoblauch), 
Rostbraten mit Rahmsauce, 

Rostbraten gedünstet, 

Rindsbraten mit Nockerln. 

Kapuziner (Schwarzer Obers gespritzt), 
Schwarzer Rum gespritzt, 

Schale Melange, 

Glas Melange, 

Schale Melange mit Schlag, 

Schale Cafe verkehrt. 

Glas Melange mit Schlag. 

Mit geteilt von Dr. A. B. 


Bovril- Verse. 

Gesammelt 


Ban those books of Aristotle’s, 

Fill vour brain from Bovril bottles. 

* 

All the wise „Bovrilise“. 

* 

When that sinking feeling’s chronic, 
Bovril is the proper tonic. 

4c 

Feeling down, depressed and sore? 
Let Bovril confidence restore. 


von Mark Neven. 

Bovril daily, Life goes gaily. 

♦ 

Bovril is the stuff you wish 
For an appetisting dish. 

4c 

Bovril keeps athletes fit, 
Records are made on it. 

* 

What a healthy race we’d be 
If we drank Bovril constantly. 


Die Temperenzbibel. In Amerika wird im Frühjahr eine sorgfältig be- 
arbeitete Neuausgabe der Bibel erscheinen, an der zwei Professoren lange 
gearbeitet haben. Sie soll dem Prohibitionsgesetz entsprechen und alle Wörter 
ausscheiden, die mit dem Wort „Wein“ in Verbindung stehen. Dieses ge- 
fürchtete Wort wird in der Neuausgabe durch „Rosinenkuchen“ ersetzt. Der 
3. Vers der 1. Chronik, Kapitel 16, wird in Zukunft folgendermaßen lauten: 
„Und er teilte aus, jedermann in Israel, Männern und Weibern, ein Laib 
Brot und ein Stück Fleisch und Rosinenkuchen.“ (Anstatt % Maß Weins). 
Wie sie die Geschichte der Hochzeit zu Kana bearbeiten wollen, ist nicht 
ganz klar. ( Draco.) 


564 


SCHALLPLATTEN- QUERSCHNITT 


Vox. 8483. „Stambul“, türkischer Foxtrott, gespielt vom Boidanger- Jazz-Orchester 
in der originellen Bearbeitung von H. Bik: Zu östlichem Kreis gefaßte, espritvoll 
begleitete Klavierparaphrase ä la Liszt über prägnante Themen, mit spannendem 
Wirbel im Anfang und am Schluß. — „Pretty little Baby“. Interessante Foxtrott- 
Kombination: Passagen-Klavieristik, melodiöse Blasinstrumente und Schlagzeug. 

Parlophon. 9104. „Old folks at home“ und zwei russische Volkslieder in der ge- 
schickten Bearbeitung Kreislers: Ungewöhnlich volltönendes Spiel von Edith 
Lorands Geige, treffliche Klavierbegleitung Raucheisens. 

Odeon. 8310. „O Rosemarie, ich lieb’ dich“ und „Lieber die Prärie“ aus der Operette 
„Rosemarie : Zwei typische Konfektschmarren, hörenswert purifiziert und geadelt 
durch des Mozart-Belcantisten Tauber beseeltes Singen. 

Columbia. 4271. „Hello, Bluebird“ , „Reaching for the Moon“ : Zwei amerikanische 
Foxtrotts, gesungen von jungen, weichen Tenorstimmen mit amüsanter Musik- 
geräusch-Begleitung. 

Columbia. 4 ^ 98 - >>I d love to meet that old sxveethearl of tnine“ : Sentimentales 

Quintett, zart folkloristisch gefärbt . . . Gemütstiefes Summen wohlklingender 
Stimmen im Wettstreit mit Saxophonen. 

Grammophon. 62376. „ Hamlet -Monolog “ sozvie Goethes „Der Gott und die Baja- 

dere“, gesprochen von Josef Kainz: Unerhörte Modulationsfähigkeit einer stets 
menschlich schwingenden Stimme, die bis in feinste Nuancen gekonnt und be- 
herrscht ist. 

Odeon. A4312. „Wliere do you work — a John?“, „Bridget o’Flynn“: Europäische 
Melodiebrocken, marschartig rhythmisiert, illustratives Parlando des O Keh-Kut- 
Ups-Duos (Tenor und Bariton nebst Klavier). 

Columbia. 4017. „Always“ : Zärtliche kleine Liebesweise, anmutiger Text, warm 
timbrierte Stimmen: Frühlingsillustration des „Immer“ ... — Rückseite: 

„Oh, Miss H annah !" : Prächtiges Pianissimo. 

Grammophon. 859 084. „Largo al Facto tum' “ aus Rossinis „Barbier von Sevilla “. 
Bariton: Titta Ruffo : Verblüffende Virtuosität, fantastisch-schnelles Parlando — 
wie es nur ein Lateiner zustande bringt! — Rückseite: „ Valentins Gebet“ aus 
Gounods „Margarethe“ : Echt operistische Phrasierung, hochdramatische Ge- 
staltung. 

Polydor (Grammophon). II 70 006/7. „Sch’ma Kolenu“, Oberkantor S. Pinkasovicz: 
Lehrreich für Atonale und Vierteltöner die haarscharf vibrierten Tonabweichun- 
gen. Einzelnes der schwermütigen Rhapsodie erinnert an die Rufe sizilianischer 
Arbeiter. 



C COLUMBIA 



Die Schallplatte 


565 


Salabert. „Un bon mouvement" , ,,Mon Coeur“, „Je ne dis pas non " und „Je l’sens' : 
Vier entzückende Platten Chevaliers, des berühmten Lieblings sämtlicher Pariser 
und Pariserinnen. 

Pathe. ,£a c’est Paris“ , gesungen von Mistinguett, mit dem bekannten Schmiß der 
nicht endenwollenden Diva. 

Salabert. „Black Bottom“, gesungen von Layton und Johnson: Der berühmte Tanz 
wunderbar vorgetragen und synkopiert. 

Electrola. E. G. 377- „Baby Face“. Multikolorierte Flüsterplatte Jack Smiths: 
Pausenloser Vortragsfluß, etwas beeinträchtigt durch zu starke Klavierbegleitung. 
— „I’m on my way home“ (Jack Smith): Kontrastreicher Wechsel von Bariton- 
tiefe und tenoraler Höhe. 

Electrola. D.B. 983. „Liebesleid“ und „Liebesfreud“ . Violine (Fritz Kreisler) mit 
Klavier: Zwei charmante — jedes Gesellschaftserfolges sichere — Kreisleriana. 

Electrola. „Serenata I“ (Rimpianto) von Toselli. „ Serenata II“ von R. Drigo für 
Tenor (Benjamino Gigli) und Orchester: Jedem Lagunen- und Caprifahrer mehr 
oder weniger angenehm im Gedächtnis. Glühend zu beneidender Kitsch geseg- 
neten Klimas, südlichen Kehlkopfes, klingender Vokalisierung. Vorzügliche Auf- 
nahme. 

Electrola. E.G. 433. „Slie’s still my Baby“ und „Don’t sing Aloha when I go‘ : 
Komische Kombination von Almatmosphären und kunstvollem Männergesang- 
quartett. 

Columbia. 9186. „Platoffs Lied“ (alte Kosakenmelodie), „ Lobgesang “ (Tschai- 
kowski), gesungen vom Kosaken-Chor unter Leitung S. Jaroffs: Hinreißendes 
Accelerando folgt auf schwerrhythmisches Wiegen. Glanzvolle Disziplin des 
variabelsten aller Chöre. 

American Record (Lindström). A4313 „ Yankee Rose “ und „Blue Skies‘ (Sani 

Lanin): Unbekümmert fröhliches Drauflosjazzen mit schmalzigem Tenorsolo. 

Columbia. 4256. „Pack up your tr o übles“ , „ It’s a long ivay to Tippcrary “ , ,, God 
save the King“ (14000 Stimmen) : Moderne Tohuwabohu-Aufnahme von National- 
begeisterung: Polyphonie der Straße mit Stimmengewirr, Gröhlen, Jubeln, Klat- 
schen, Marschtritten usw. usw. 

Vox. 08473. „ Fridericus Rex-Grenadiermarsch“ (Radek), „Preußens Gloria-Marsch 
(Piefke), gespielt vom Blasorchester und Spielleutechor des Obermusikmeisters 
a. D. Becker: Tüchtige Pfeifer, hervorragende Bläser, zündender Rhythmus. 

Grammophon. 61961. „Szene aus der Ringerzählung “ (Nathan der Weise) und „Max, 
bleibe bei mir“ ( Wallenstein ), gesprochen von Adolf Ritter von Sonnenthal : 
Seltene Klangfülle des Organs. Welche Atemtechnik! 

Odeon. O 4006- „Y ou know — J knoiu ev’rything’s made for love“ ; .Amerikanische 
Groteskszene mit zahlreichen thematischen Anleihen der alten Welt, mit Klingeln, 
Zischen, Sirenenheulen, Pfeifen und großem Jazzrummel in Schnellzugstempo. 

Polydor (Grammophon). H 70022/23. ,, Kraudau ", gesungen von Oberkantor S. Pin- 
kasovicz: Gewaltige Tenorstimme, bravouröser Vortrag der uralten hebräischen 
Melodie, unterstützt durch fabelhaft klangschattierten Chor. 

Vox. 8457. „Juanita“ und „ Singapore “ der Ette-Kapelle : Einschmeichelnder Tango 
von schmissiger Lässigkeit. Gut equilibriertes Ensemble. 

Odeon. O 2134. „Black Bottom“ und „Ca cest Paris!“: Zwei Tanzschlager mit 
handfester Rhythmik. 

Odeon. O 6526. „Judith“ (Hebbel): Tilla Durieux gestaltet visionär mit nuancen- 
reicher Stimme die Traumerzählung. 


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Goethe, Götz v. Berlichingen, Frank- 


furt 1774, 2. Druck 30 ,, 

R. Haym, Hegel und seine Zeit, Ber- 
lin 1857 25 „ 

W. Heinse, Sämtl. Schriften, hrsg. v. 

H. Laube, 10 Bde. in 5, Leipz. 1838, 

I. Gesamtausgabe 35 ,, 

Jean Paul, Ausgew. Werke, Berlin 

1847 ff., 16 Bde. in 8 24 „ 

Lafontaine, Fabies, illustr. v. G. Dore, 

Paris 1868 43 ,, 

Lessing, Sämtl. Schriften, 30 Bände, 
Berlin 1791—94 45 „ 

Ad. Menzel, Die Armee Friedrichs d. 

Gr., Auswahl v. 100 Tafeln, Faksi- 
mile-Reproduktion 60 „ 

* 


81 


BÜCHER 


BÜCHER 


27 — ’ 9 - April. Sotheby, London. 
Bob. Burns, Poems, Kilmarnock-Aus- 


gabe, 17SG 730 £ 

Dickens, Sketches by Boz, 1. Ausg. 

in Oktav, 1837-39 200 „ 

0. Goldsmith, The Vicar of Wakeüeld, 

1. Ausgabe, 1766 350 „ 

H. Alkens, National Sports of Great 
Britain, 1821 155 „ 


G. B. u. F. Piranesi, Opere, vol. I bis 
XXXII in 18 Bdn., 1748— 1808 ... 250 „ 

* 

28. — 29. April . Max Perl , Berlin 

CI. Brentano, Gockel, Hinkel, Gacke- 

leia, 1838, 1. Ausg 410 „ 

Eob. Browning, Some Poems, Lon- 
don, 1904, Perg.-Druck 125 „ 

Diderot u. dA.lerabert, Encyelopcdie, 
1751—80, 35 Fol.-Kalbld.-Bde. ... 600 „ 
Goethe, Werke, Sophien-Ausg., 143 

Halbld.-Bde 810 „ 

G. Hauptmann, Ges. Werke, 6 Bde., 

1. Ges. -Ausg., 1906 38 „ 

Ei T. A. Hoffmann, Ges. Schriften, 
ill. v. Hosemann, Berlin, 1871 ff., 

12 Bde. in 6 65 „ 

Alfr. Kubin, Von verschiedenen Ebe- 
nen, Berlin, 1922 50 „ 

Nagler, Künstler-Lexikon, Leipzig, 

1924, 25 Bde 80 ., 

* 

9. — 10. Mai. L. Liepmannssohn & Henrici, 
Berlin 

(Musik-Sammlung Hey er, 2. Teil ) 
(Musikbücher) 

Fr. C. Arauxo, Libro de tientos y dis- 
corsas de Musica pratica (1626) . 720 M 
P. Aron, Toscanello in musica (1529) 300 „ 
Adr. Coelicus, Compendium musices 

(1552) 215 ,, 

Eene Descartes, Musica Compendium 

(1650), 1. Ausg 40 „ 

Fr. Cafori, Theorica Musice (1492) 500 „ 

., Practica Musice (1496) . . 1450 „ 

„ de Harmonia Musicorum 
Instrumentorum Opus 

(1518) 750 „ 

Vinc. Galilei, Dialogo (1584) .... 420 „ 
Ph. Galle, Encomium Musices (1595) 360 ,, 
B. Kuchler, Ecpraesentation der 
fürstl. Aufzug u. Eitter-Spil(1611) 130 ,. 


M. Vitruvius, de Architectura libri 

Aeccin (1552) 30 M 

J. Chr. Wagenseil, De Civitate No- 
ribergensi coraraentatio (1697) . . 100 „ 

Fra Sim. Zappa, Eegulette de canto 

feruso (1535) 230 „ 

Jacopo Peri (e Caccini, Giulio), 
L’Euridice (1600) 100 „ 

(Praktische Musik) 

Angelini, II primo libro de madri- 

gali (1583) 280 „ 

Const. Antegnati, Salmi a otto voei 

(1552) 205 ,, 

Giov. M. Asola, Liber secundus 

missas tres (1588) . . 300 „ 

„ Vespertina omnium 
solemnitatum psalmo- 

dia (1582) 205 „ 

Ipp. Baccusi, II secondo libro de 

madrigali (1572) 410 „ 

Adr. Banchieri, Saimi a cinque voci 

(1598) 430 „ 

C. Berti, Magnificat (1593) 225 „ 

G. Contini, Introitus et Halleluja 

(1560) 325 „ 

Nie. Dorati, Le stanze della Sigra 

Vittoria Colonna (1570) 490 ,, 

Gail. Dressier, Opus sacrarum can- 

tionum (1577) 180 „ 

Andr. Falconieri, Sacrae modulatio- 

nes quinque voces (1619) 285 „ 

Andr. Gabrieli, II terzo libro de 

madrigali (1589) 300 „ 

Tom. Gratiani, Missa cum introitu 

(1587) 335 „ 

P. Hoffhaimer, Harmoniae poeticae 
(1539) 500 „ 

( Insirumentalwerke) 

‘d Angelbert, Pieces de Clavecin 

(Paris 1689) 580 „ 

Joh. Seb. Bach, Dritter Teil der Cla- 

vier-Cbung (1739) 710 „ 

A. Corelli, Sonate ä tre (1689) ... 230 ,. 

»♦ Sonate a Violino e Violone 

(1700) 200 , 


Gottfr. Finger, Sonatae XII. pro 
diversis Instruraentis (1688) ... 385 „ 
Gio.rd. Frescobaldi, II primo libro 
delle canzoni ad una, due (1628) . 290 „ 
W. A. Mozart, Sonates pour le Cla- 
vecin (Paris, 1764), op. 1 (Mozarts 
erstes im Druck erschien. Werk) 205 


82 


AUTOGRAPHEN 


AUTOGRAPHEN 


Jannequin, 11 secondo libro de can- 

zon francese (15G0) 320 M 

Orl. di Lasso, Patrocinium musices 
(1573 — 1570), (5 Teile in 5 gr.-fol.- 
Bänden) 7C00 ,, 


Hans Gerle, 1. Musica Teusch. 

(1532), 2. Tabulatus auff die 

Laudten etli-ches Preambol (1533) 5500 „ 


Jan. Matelart, Intavolatura de 

Leute (1559) 620 „ 

Es. Reusner, Erfreuliche Lauten- 

Lust (1697) 480 „ 

Vallet, ,,Le Secret des Muses“ (Am- 
sterdam, 1618/19) 760 „ 

S. Verovio, Cantzonette a quattro 

voci (In Roma 1591) 600 „ 

J. B. Sully, Prosperisse (1707) . . . 105 „ 


AUTOGRAPHEN 

2 g. — jo. April . Stargardt, Berlin 

E. M. Arndt, E. Albumblatt m. U. 24 M 

Bett. v. Arnim, E. Br. (4 S.) . . . . 24 „ 

CI. Brentano, 6 eigh. Zeilen 100 „ 

„ E. Br. m. U. „Clemens“ . . 120 „ 
Wilh. Busch, Eigh. Federzeichnung, 
dazu eigh. Gedicht m. U., 1 Bl. . 265 „ 
R. Dehmel, E. Gedicht m. U 26 „ 

F. Freiligrath, E. Br. m. U 19 „ 

„ E. Br. m. U. (London) . . 40 „ 

„ Eigh. Gedicht m. U 95 „ 

Goethe, Eigh. Br. m. U. (1 S.) . . . 400 ,, 

Kl. Groth, E. Br. m. U 17 „ 

Hebbel, E. Br. m. U 280 „ 

Heine, Eigh. Gedicht „Lass ab“(lS.) 165 „ 
,, Eigh. Schriftst. „Musikalische 

Saison“ (8 S.) 185 „ 

„ 2 eigh. Gedichte (2 S.) 215 „ 

L. H. Hölty, Eigh. Schriftst. (1 S.), 

sehr selten 56 „ 

Arno Holz, E. Br. m. U., 4 eigenh. 

Gedichte 29 „ 

K. Immermann, E. Br. m. U. (1 S.) 205 „ 
Jung gen. Stilling, E. Br. m. U. . . . 50 „ 

Leconte dß Lisle, E. Br. m. U. (1 S.) 15 „ 

Lenau, E. Br. m. JJ. (2 S.) 4o 

H. Longfellow, E. Br. m. U. (4 S.) 60 „ 

Th. Mann, E. Br. m. U. (IX S.) . . 20 ,, 

Nestroy. E. Br. m. U. ( 2 ^ S.) . . . 38 „ 

Wilh. Raabe, E. Br. m. U. (3 S.) . . 20 „ 

ff E. Br. m. U. (IS.).... 16 „ 

Fr. Reuter, Eigh.. .Albumblatt ,m. U. 90 ,, 


R. M. Rilke, Eigh. Br. m. U. (3 S.) 28 M 

Max Schenkendorf, E. Br. m. U. 

(3 Seiten) 50 ,, 

Sir W. Scott. E. Br. m. U. (1 S.) . . 29 „ 

Adalbert Stifter, Eigh. Albumblatt 

m. U 33 „ 

„ Eigh. Schriftst. m. U. 

(1 Seite) ^4 „ 

Theod. Storm, E. Br. ra. U. (X S.) . 3® „ 


W. M. Thackeray, E. Br. m. U. (1 S.) 115 ,, 

Voltaire, E. Br. ohne U. (2 S.) . . 91 ,, 

K. Wetzel, Eigh. Gedicht (3% S.) . 42 „ 

Fr. H. Baader, E. Br. m. U. (1 S.) . 20 „ 


Louis Blanc, E. Br. m. U. (3 S.) . . 21 „ 

J. G. Fichte, Eigh. Mskr. (4 S.) . . 51 „ 

F. W. Schelling, E. Br. m. U. (1 S.) 16 „ 

A. Schopenhauer, E. Schriftst. m. 

U. (engl.) (IS.) 325 „ 

Mor. Schwind, E. Br. m. U. (1 S.) . 25 „ 


Beethoven, Eigh. Br. m. U. (3 S.) . 1150 „ 
Joh. Brahms, E. Br. m. U. (3 S.) . 68 ,, 

Fr. Chopin, Visitenkarte mit 5 eigh. 


Zeilen (polnisch) 75 ,, 

Fr. v. Liszt, E. Br. m. U. (2 S.) . . 13 ,, 

F. Mendclssohn-Bartholdy, E. Br. m. 

U. (1 S.) 68 

W. A. Mozart, E. Br. m. U. (2 S.) . 1250 „ 
Fr. Schubert, Eigh. Musikmskr. (6 S. 

Quer-Fol.) 1345 ,, 

Rieh. Wagner, E. Br. m. U. (1 S.) . . 40 „ 

K. M. von Weber, E. Br. m. U. 

(1X> S.) 68 „ 

(Geschichte) 

Bismarck, Eigh. Br. m. U. (1 S.) . 465 ,, 
Christine von Schweden, Urkunde 
m. U. „Christina“ (IX S.) . . . . 40 „ 

Wilh. Liebknecht, E. Br. m. U. (3 S.) 25 „ 

Pierre Proudhon, E. Brief m. U. 

(1K S.) 27 „ 

Wallenstein, E. Br. m. U. (Par.) 

(1 Seite) 300 ,, 

Wilhelm I., E. Br. m. U. „Wilhelm“ 

(3 Seiten) 24 „ 

Wilhelm II., Br. m. U. u. E. (1 S.) . 60 „ 


* 

IO. Mai. L. Liepmannssohn & Henrici, Berlin 
(Musiker-Autographen der Sammlung Heyer 
2. Teil) 

Pietro Aron, Eigh. Brief m. U. . . . 425 M 

Ran. da Casalbigi, Eigh. Br. m. U. 170 ,, 

G. Caccini,. Eigh. Brief m. U. . . . 320 ,, 

G. B* .Cimador, Eigh. Brief m. U. . 35 „ 


83 


KUNSTGEWERBE 


KUNSTGEWERBE 


Are. Corelli, Eigh. Brief m. U. . . 620 M. 

A. G. Dragoni, Schriftst. m. eigh. U. 165 ,, 
Gior. Frescobaldi, Eigh. Br. m. U. 750 „ 
Michelang. Galilei, Eigh. Br. m. U. 560 

B. Galuppi, Eigh. Musik-Mskr. m. 

N. (1706-1785) 260 „ 

(Geigenbauer) 

Amati, Antonio u. Girolamo, Schrift- 
stück m. eigh. Bestätigung u. U. 

beider Brüder 1280 

Cas. Bertolotti gen. Casparo da Salö 
(1543—1609), Eigh. Schriftstück 

mit Namensnennung 1500 ,, 

Giov. P. Maggini, Eigh. Schriftst. 

m. 3mal. Namensnennung 1400 ,, 

Ant. Stradivari, Eigh. Brief m. U. . 5100 ,, 


Golddose (Neuber-Dose), ca. 1790, 

Gewicht 230 gr 2000 M 

Andreas Riccio (1480—1566), Knien- 
der Satyr, Bronze, 

Höhe 9 cm 2000 „ 

,, Sitzender Faun, 

Bronze, 17% cm . . . 3400 „ 
Giov. da Bologna, Vogelsteller, 

Bronze, 26 cm 2650 „ 

Berliner Eisenguß, Friedrich der 

Große, ca. 1800, 15 cm 155 , 

Schreitender Hirsch, silbervergoldet, 
Trinkgefäß, Augsburg, Meister 
Melchior Beyr, geb. 1550, Höhe 
47 cm, Gew. 2080 gr 12000 „ 


Joh. Kepler, Eigh. Br. m. U 

Orlando di Lasso, Eigh. Stammbuch- 
blatt m. LI 

J. B. Lully, Schriftst. m. U 

Martini, Msk. m. Namen 

T. Merula, Eigh. Schriftst. m. U. . . 
P. Metastasio, 2 eigh. Br. m. U. . . 

Monteverdi, Eigh. Br. m. U 

Palestrina, Eigh. Schriftst. m. U. . 

U. Piccini, Eigh. Brief m. U. . . . 

O. Rimiccini, Eigh. Ged. -Msk. . . . 
J. J. Rousseau, Eigh. Br. m. U. . . . 
Cyriacus Schneegass, Egh. Br. m. U. 
G. Spataro, Eigh. Br. m. U 


270 „ 

590 „ 
185 „ 
320 „ 
115 „ 
100 „ 
1710 
2150 „ 
200 „ 
100 ., 
340 „ 
120 „ 
850 


KUNSTGEWERBE 

24. März. Berlin, Henrici 
Humpen, silbervergoldet, Nürnberg 
1594, Meisterzeichen David Lauer, 

17 cm hoch, Gewicht 540 gr. . . 3100 M. 
Prunkkanne, silbervergoldet, Augs- 
burg ca. 1600, Meisterzeichen Joh. 
Lencker. Höhe 19 cm, Gewicht 


2700 gr 6400 „ 

2 Kunkel-Rubinglasflaschen, Ende 

17. Jahrh., Höhe 33 cm 2000 „ 

Rubinglas mit Deckel, silbervergol- 
dete Fassung, ca. 1680 480 „ 

2 kleine Kunkel-Rubinglasflaschen, 

Höhe 24 cm 1010 „ 

Renaissance-Dose, messingvergoldet, 
Durchm. 7,6 cm, süddeutsch, Ende 

16. Jahrhundert 270 „ 

Chodowiecki - Dose, Emailledeckel 
mit Goldbronzemontierung. Auf 
den Deckeln Emaillemalerei-Origi- 
nale von Ch., ca. 1760 1450 „ 


3. — 6. Mai. Sotheby, London 


(Waffen und Rüstungen) 

Schwert des 14. Jahrh., reich ver- 
ziert (sog. Dreux-Schwert) . . . 420 £ 

Vollständige deutsche Rüstung, ca. 

1540 720 „ 

Rüstung, ca. 16, mit Handwerks- 
zeichen v. Ant. Peffenhauser, 

Augsburg, 1525 — 1603 900 ., 

Schwert des Ambrogio Spinola 

(1570—1630) 3000 

Geschlossen. Helm, deutsch, ca. 1500 410 .. 

Visier-Helm, italien., ca. 1480 .... 920 .. 

Italien. Helm-Haube, spätes 14. 

Jahrhundert 420 „ 

Schild, hervorr. franz. Metallarbeit 

d. 16. Jahrh 640 „ 

Turnier-Helmhaube, deutsch (Nürn- 
berg, ca. 1450) 1250 

Italien. Schwert d. 16. Jahrh 500 ,, 

Arquebuse, dat. 1583, m. Gravierun- 
gen v. Jagd-, mytholog. u. bibl. 

Szenen 1050 „ 

Vollständ. Rüstung aus Greenwich 

von 1568 1250 „ 

Parade-Rundschild, Ital ien, Mitte 

des 16. Jahrhunderts 1900 „ 

Span, vollst. Rüstung, ca 1470—80 . 3900 „ 


GRAPHIK 

2 . — 3. Mai . Boerner, Leipzig 

Albrecht Altdorfer, Die Landschaft 

m. d. 2 Fichten, Rad. . 7900 M. 
„ Der Kindermord zu 

Bethlehem, Holzschn. . 500 „ 


84 


GRAPHIK 


GRAPHIK 


Albrecht Altdorfer, Der heilige 

Georg zu Pferd, Holzschn. 1060 M 
Hans Sebald Behara, Das Bauernfest 650 ,, 
Lukas Cranach, Der heilige Georg 
zu Pferd 560 ,, 

Kupferstiche 

Albrecht Dürer, Adam und Eva, 1. 

Zust. (schönster Abdr,) 42000 .. 
,, Die Geburt Christi . . . 3800 .. 

,, Die Passion 7800 .. 

„ Christus am ölberg . . . 4600 ,, 

♦, Das Schweißtuch .... 3800 ,, 

„ Der verlorene Sohn . . . 1500 ,, 

.. Die Jungfrau mit lan- 
gem Haar 1800 „ 

Die Jungfrau mit Ster- 
nenkrone und Szepter . 590 ,, 
., Die Jungfrau mit kur- 

zem, gebundenem Haar 1000 „ 
Maria mit dem Kinde . . 9400 ,, 
Die Jungfrau m. d. Kind 1650 „ 
Maria, das Kind stillend 1300 ,, 
„ Die heilige Jungfrau . . 950 „ 

,, Die Jungfrau, von zwei * 

Engeln gekrönt 1100 

.. Maria an der Mauer . . . 2450 

„ Maria mit der Birne . . . 1900 .. 

„ Die Madonna mit der 


Meerkatze 7400 „ 

Die heilige Familie . . . 1250 „ 

Der heilige Georg zu 

Pferde 5150 ,, 

Der hl. Antonius, lesend 2500 ., 

Der hl. Hieronymus in 

der Zelle 6100 ,, 

Der heilige Hierony- 
mus in der Wüste .... 1100 .. 
Die heilige Genovefa . . 3000 .. 

Die drei Genien 1300 

Die Satyrfamilie 1800 .. 

Der Raub der Amyraone 6100 
Die Wirkung der Eifer- 
sucht 1150 .. 

Die Melancholie 6800 .. 

Der kleine Kurier .... 800 „ 

Die Dame zu Pferd . . . 1700 .. 
Der Fahnenträger .... 1250 ., 

Das kleine Pferd 1500 ,, 

Das große Pferd 1600 ,, 


Ritter, Tod und Teufel 15000 „ 


Holzschnitte : 

Albrecht Dürer, Simson tötet den 

Löwen 3300 M 

,, Die Anbetung 1800 ,, 

,, Christus als Schmerzens- 
mann 1000 

.. Die Gefangennahme . . . 2100 .. 

Das Abendmahl 500 ., 

Das Titelblatt zur Apo- 
kalypse 3700 

Das Marienleben 9500 ,, 

Die Jungfrau mit den 

vielen Engeln 800 .. 

,, Der heil. Christophorus 3100 

„ Der heilige Hierony- 
mus in der Zelle 1700 

„ Herkules 3300 

Anton van Dyck, Peter Breughel 

der Jüngere 5400 ,, 

Claude Gellte, Der Rinderhirt . . . 1100 ., 
Augustin Hirschvogel, Der Burghof 3^00 „ 
,, Die Flußlandschaft . 4400 

,, Landschaft mit hob. 


Felsen 2600 ,, 

Hans Sebald Lautensack, Landschaft 1110 ,, 
„ Landschaft, rechts 

eine Kirche 900 ,, 

Lucas van Leyden, Die Taufe .... 800 ., 


,, Virgil im Korbe .... 1550 „ 
,, Die Dame im Walde . 800 ,, 
Israel van Meckenem, D. Orgelspieler 2800 ,, 
,, Die spielend. Kinder 3300 „ 
Robert Nanteuil, Ludwig XIV. . . . 500 „ 
Adrian van Ostade, Mann und Frau . 620 ,, 
D. Schweineschlachten 1050 ,, 
,, Der Tanz i. Wirtshaus 1200 ,, 

,, Das Frühstück .... 2100 ,. 

Rombrandt, Selbstbildnis mit der 

Schärpe . 1100 

Selbstbildnis mit dem Säbel 550 ,, 

Rembrandt mit Saskia, 1. 

Zustand 2200 „ 

„ Das Selbstbildnis mit dem 

aufgestützten Arm, 1. Zu- 
stand 15500 ., 

Dasselbe Blatt, 2. Zustand 1700 

,, Selbstbildnis mit d. Feder- 
busch (Abdruck von der 

ovalen Platte) 4200 ., 

„ Abraham mit Isaak sprech. 650 „ 

„ Abrahams Opfer 2050 „ 

,, Verkündigung an die 

Hirten 3400 


57 Vol. 7 


85 


GRAPHIK 


GRAPHIK 


Rembrandt, Die Bettler an d. Haus- 
tür, 1. Zustand 4600 M 

,, Die Landschaft mit d. drei 
Bäumen, Exemplar aus 
der Sammlung Kalle . . 28000 ,, 
„ Die Landschaft mit den 
drei Hütten, vollendeter 


Zustand 36500 „ 

Die Hütte und der Heu- 
schober 9000 „ 

„ Faust, 1. Zustand 7000 „ 

„ Jan Lutma der Ältere, 

1. Zustand 34500 „ 

.. Jan Asselyn, 1. Zust. . . 16500 „ 

„ Ephraim Bonus 6000 „ 

„ Jan Uijtenbogaert .... 5400 „ 

„ Rerabrandts Mutter mit 


dem schwarzen Schleier 11000 .. 
Jacob Ruisdael, Das Getreidefeld 600 „ 
Prinz Ruprecht von der Pfalz, Krie- 
ger mit Lanze 2200 „ 

Martin Schongauer, Die Geburt 

Christi, früher Abdruck 9400 „ 

Cornelis Y isscher, Gellius de Bouma 800 ,, 
Martin Zasinger, Die Umarmung . . 2300 „ 

Bücher: 

G. Braun u. Fr. Hogenberg, Be- 


schreibung ... der .. Stät .der 
Welt, 2 Bde., Köln 1572—1618 . . 1100 „ 

Chronik von Köln, 1499 840 

Merian-Zeiller, Topographien, 31 
Bde. in 16, 1640 — SO, kompl. . . . 2050 f , 
Schedel, Hartmann, Liber chronico- 
rum, 1493 1250 „ 


j. — 4. Mai. Boerner , Leipzig 

Kupferstiche : 

Albrecht Altdorfer, Die Madonna in 

einer Landschaft . . . 1100 M 
„ Der bethlehemitische 


Kinderraord 820 „ 

Die Enthauptung Jo- 
hannis 1150 „ 


,, Der heil. Hieronymus 1020 „ 

„ Das große Taufbecken 1550 

•• Las Urteil des Paris 110 ,, 

nans Baidung, Lukrezia 2950 

Jacopo de* Barbari, Die Viktoria . . 1500 „ 


Hans SebaJd Beham. Holzschnitte, 


Die heilige Familie . 840 M 

, , Badestube C20 „ 

Domerico Campagnola, Die Land- 
schaft 550 M 

Lukas Cranach, Die heilige Familie 580 ,, 

„ S. Jacob der größere . . 640 „ 

„ Aus der Folge der Apo- 
stelmartern 520 „ 

,, Die Predigt Johannis . . 700 „ 


,. Die Kreuzigung .... 20000 , , 

„ Christus am ölberg . . 27000 ,, 

Albrecht Dürer, Die Passion .... 2000 ,, 
,, Maria, von zwei Engeln 


gekrönt 1650 „ 

Maria an der Mauer . . . 500 ,, 
Die Madonna mit der 

Meerkatze 1650 „ 

Der Raub der Amymone 1400 „ 

Die Melancholie 1750 „ 

Der Spaziergang .... 1400 
Willibald Pirkheimer . . 1200 „ 


Holzschnitte : 

Albrecht Dürer, Die A_nbetung der 


Könige 1050 „ 

Die Kreuztragung . . . 1500 „ 

». Die kleine Holzschnitt- 

Passion 1450 „ 

„ Die Offenbarung des 

Johannes 2750 „ 

„ Die Madonna 1300 „ 

„ Die Ruhe auf der Flucht 1550 „ 

Hendrik Goltzius, Die Pieta 620 „ 

Augustin Hirschvogel, Seelandschaft 2000 „ 
.* Flußlandschaft . . . 1250 „ 
Hans Sebald Lautensack, Die Land- 
schaft 620 „ 

Lucas van Leyden, David vor Saul 650 „ 
„ Christus in Gethse- 
mane 1550 „ 


Das große Ecce Homo 5200 „ 

Andrea Mantegna, Die Geißelung . . 850 „ 

„ Die Kreuzabnahme . . 2800 „ 

Israhel van Meckenem, Das Liebes- 
paar 3300 „ 

Meister E. S. Querfüllung mit Blatt- 
werk 16000 „ 

,. Querfüllung mit sechs 

• Vögeln 16000 „ 


86 


GRAPHIK 


GRAPHIK 


Rembrandt, Der Triumph des Mar- 

dochäu9 4600 M 

„ Die Verkündigung .... 2100 „ 
,, Christus, predigend .... 1400 „ 
„ Die Kreuzabnahme .... 1100 ,, 
„ Der heil. Hieronymus . . 3900 ,, 
„ D. Landschaft m. d. Jäger 1100 ,, 
,, Die Landschaft mit Hütte . 1800 ,, 


Der Obelisk 2200 „ 

Die Windmühle 3400 ,, 


Sammelnummern 

Albrecht Dürer, 29 Blatt Original- 
stiche 1100 M 

Rembrandt, ca. 50 Blatt Original- 
radierungen 2100 „ 


♦ 


4- — 6. Mai. ßoerner, Leipzig 


„ Faust 1800 „ 

Marlin Schongauer, Die Verkündi- 
gung 3000 ? , 

„ Die Gefangennahme . 1550 ,, 

., Die Dornenkrönung . 1150 „ 

Der Tod der Maria . 1300 „ 

Eine der törichten 

Jungfrauen 2500 ,, 

„ Der Greif 1150 

,. Wappenschild mit dem 

Einhorn 1200 „ 

„ Hochfüllung mit einer 

Eule 7500 „ 

., Gotisches Blattorna- 
ment 7000 „ 

, Ähnl. Blattornament . 5200 ,, 

„ Ein drittes Blattorna- 
ment 7500 „ 

,, Dünner, aufwärts ge- 
richteter Ast 6400 „ 

., Querfüllung mit Ran- 
ken 5400 „ 

„ mit Papageien 8500 „ 

„ „ mit Hopfen- 
ranken .... 7200 „ 

„ auf hellem 

Grund .... 5200 „ 

Dirk Vellert, Christus und die Sa- 
mariterin 900 ,, 

Martin Zasinger, Die Umarmung . . 1600 ,, 


Holzschnitte : 

Albrecht Altdorfer, Der Sündenfall . 540 ,, 
„ Adam und Eva .... 520 „ 
Jost Amman, gr. Allegorie auf den 

Handel 560 „ 

Anonyme Meister des XV. Jahrhun- 
derts, Christus am 

Kreuz 4400 ,, 

„ v, Kreuzanheftung . . . 2300 „ 

,, „ Das Schweißtuch . . 2300 „ 

„ ,, Schmerzensmann . . . 2600 ,, 

„ „ Madonna m. Engeln 10000 „ 

„ . ,, Heil. Brigitte .... 1050 ,, 

„ „ Johannes wirft sich 

dem Engel zu Füßen 2900 ,, 


„ „ Heil. Nikolaus .... 6800 .. 

,, ,, Schmerzensmann . . 1700 ,, 

„ ,, Heilige Anna .... 1400 „ 

„ „ Christus am Kreuz . 1200 ,. 

Hans Baidung, Heil. Sebastian . . . 1600 „ 

„ Parzen 1100 „ 

,, Heil. Anna 3600 ,, 

Leonh. Beck, Weißkunig 1200 ,, 

Hans Burgkmair d. Ältere, Simson . 720 ,, 

„ Simson und Delila . . 520 „ 

,, Madonna 4600 „ 

„ Bildnis des Conrad 

Celtis 740 „ 


, # Aristoteles u. Phyllis 1150 „ 

„ Qruppe von vier 

Landsknechten .... 750 ,, 

Der Meister von Zwolle, Die Ma- 
donna 22500 ,, 

Francesco Bartolozzi, Miß Farren . 1400 „ 

Louis Philibert Debucourt, La Pro- 
menade publique 3800 „ 

Nach Sir Joshua Reynolds, Homble 
Mr. Leicester 2800 ,, 


Clair-Obscur -Holzschnitte : 

Burgkmair, H., Junges Paar .... 3300 
L. Cranach d. Ältere, Ruhe auf der 

Flucht 2150 „ 

„ Heil. Christophorus . . 4700 „ 

H. Wechtlin, Ritter 9500 „ 

„ Pyrgoteles, stehende 

männliche Figur .... 2100 „ 


87 


GRAPHIK 


H. Weiditz, Stehender Schmerzens- 


R. Goltzius, Bildnis des Haarlemer 


Kupferstechers 920 „ 

„ Arkadische Landschaft . . 540 ,, 

Marine 540 „ 

Chr. de Jegher, Ruhe in Ägypten . . 700 ,, 


J. Livens, Brustbild eines Mannes . 1250 ,, 
H. Vries, Perspektivische Ansicht . G00 ,. 

Anonyme Meister, eine reiche 
Sammlg. Clair-Obscur-Holzschnitte 520 ,, 
Jacob Cornelisz van Oestzanen, 

Grablegung 1500 ,, 

i , Passionsdarstellungen 2000 „ 

„ Die sieben Tugenden . 1900 ,, 
Lucas Cranach, Christus v. Kaiphas 540 „ 
,, Christus vor Herodes . . 660 ,, 


,, Geißelung 560 „ 

,, Christus, die zwölf Apo- 
stel und Paulus 4000 ,, 

„ Folge d. Apostelmartern 2100 ,, 

,, Heil. Christophorus . . . 4200 „ 

„ Heil. Georg 900 „ 

Der große heilige Georg 

zu Fuße 780 ,, 

, f Heil. Barbara 620 ,, 

„ Heil. Michael 1600 v 

„ Maria 1900 „ 

,, Landsknecht 3000 „ 

„ Luther 2900 „ 

,, Profilbildnis Luthers . . 660 ,, 

„ Christus 4000 

Lucas Cranach der Jüngere, Bild- 
nis des Johannes Schey- 

ring 700 ,, 

„ Brustbild Philipp Me- 

lanchthons 700 „ 

Albrecht Dürer, Kain erschlägt Abel 1000 ,, 

„ Große Passion 650 ,, 

,, Kleine Passion 810 ,, 

Apokalypse 1150 „ 

,, Heil. Familie m. d. Has. 900 „ 

österr. Schutzheilige . . 580 ,, 

„ Triumphwagen 1810 ,, 

,, Kaiser Maximilian I. . . 1350 ,, 

,, Brustbild Albr. Dürers . 1050 „ 

,, Christus am Kreuz . . . 3500 ,, 


Christus am Kreuz zwi- 
schen Maria u. Johann. 1100 „ 


GRAPHIK 


Peter Flötner, Ornamentleiste . . . 720 M 

Flugblätter: Anathomia 1150 „ 

Porträts 510 „ 

Mathias Gerung, Darstellungen a. 

einer Apokalypsenfolge 950 ,, 

Urs Graf, Zwei Landsknechte .... 560 „ 
Hans Holbein d. J., Daß Altweyb . . 600 „ 

ff Kauffmann 520 „ 

,, Edelfraw 540 „ 

„ Hertzoginn 560 ,, 

„ Kraemer 680 „ 

,, Ackermann 620 „ 

„ Ablaßhandel 920 „ 

Wolfgang Huber, Geburt Christi . . 540 „ 

„ Beschneidung 520 ,, 

„ Parisurteil 850 „ 

„ Pyramus 1900 ,, 

Lucas van Leyden, Isaaks Opferung 1050 ,, 
„ Jahel und Sissara . . . 660 .. 

„ D. Tocht. d. Herodias 2100 ., 

,, Die Nachzügler .... 2850 .. 
,, Folge d. neuen Helden 900 .. 


Jan Livens, Brustbild eines bärti- 


gen Mannes 1650 „ 

Nikolaus Meldemann, D. Stadt Wien 

Belagerung 1680 „ 

Monogrammist H. W. G., Die Land- 
schaft mit dem heiligen 

Hieronymus 800 ,, 

,, Die Hirschjagd 820 ,, 

„ J. D. (H. D?.) Banner- 
schwingen 540 ,, 

Jost de Negker, Der kaiserl. Adler 2300 ,, 
Michael Ostendorfer, D. neue Kirche 620 ,, 


Wolfgang Resch, Das Profilbildnis 

des Jakob Fugger 2500 ,, 

Hans Schaeufelein, D. Kreuztragung 600 ,, 
„ Die heil. Veronika . . 2700 ,, 
,, Pyramus und Thisbe . 555 ,, 

„ Der Fahnenträger . . . 550 ,, 

,, D. große Kreuzigung 510 ,, 
„ Christus am Kreuz . . 750 ,, 
Schorpp, Madonna i. Strahlenkranz 10500 ,, 


Wolf Traut, Der Schmerzensmann 

und Maria 580 „ 

Verlags- und Druckerzeichen, ca. 

1200 Blatt 1300 „ 

Wolgeraut (Schule), Die Heiligen 
Petrus und Paulus 560 „ 


BFJLAGE ZUN »QUERSCHNITT« / JULI - HEFT 1937 



EUROPÄISCHE 

KUNST 


RER GEGENWART 


ZENTENAR -AUSHEILUNG 
DES KUNSTVEREINS 

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DIE 

KÖLNER 

WERK 

SCHULEN 


stellen sich die Aufgabe, die Gestaltungskraft ihrer Schüler zu entwickeln 
und zu steigern. Der Unterricht umfasst das ganze Gebiet der bildenden 
Künste, ohne einem Teil den Vorrang einzuräumen. Alles Lernen u. Lehren 
ist von Anfang an an praktische und verwertbare Arbeit gebunden und 
alles Cntwerfen zielt auf das Ausführen hin bis zur vollständigen Fertig- 
stellung. Das wird ermöglicht durch ein Zusammenarbeiten mit den 
Werkstätten der Schulen, mit dem städtischen Hochbauamt und durch 
eine wirtschaftliche Abteilung,die um Arbeitsgelegenheit bemüht ist.Gine 
Abteilung für religiöseKunst ist neu ungegliedert. • Die entscheidendeVor- 
aussetzung für die Aufnahme in die Schulen ist der Nachweis künstlerischer 
Begabung.# Beginn des Herbsttrimesters am i. Okt. Das Schulgeld be- 
trägt für das Trimester 75 Mk.# Weitere Auskunft durch die Geschäfts- 
stelle der Költier Werkschulen, Ubierring 40. Der Direktor: Riemerschmid 



THEATER-AUSSTELLUNG 

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DARMSTADT 


JUNI BIS SEPTEMBER 


ZWEI ^ 27 

KUNSTAUSSTELLUNGEN 


ALTE KUNST 
AM MITTELRHEIN 

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NEUE KUNST 



BERLIN / DARMSTADT 
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PORTAL DES KUNSTPALASTES IN DÜSSELDORF 

DIE AUSSTELLUNG DES NÄCHSTEN JAHRES: 


DEUTSCHE KUNST DÜSSELDORF 1928 

EIN ÜBERBLICK ÜBER DAS KUNSTSCHAFFEN 

DER GEGENWART 




DER QUERSCHNITT 

VII. Jahrgang Heft 8 

INHALTS-VERZEICHNIS 


Arno Schirokauer 
Francis Hackett .... 

Anton Kuh 

Gisela Werbezirk . . . 
Magnus v. Wedderkop 

Georg Britting 

Heinrich Zille 

Emil Szittya 

Benno Bardi 

Anton Mayer 

Sherwood Anderson . 

Mattheo Quinz 

Carolus Cracas 

Albert Dreyfus 

Max Osborn 


Völkerbund der Bücher 

Mussolini 

Gisela Werbezirk 

. W ir Komiker haben es besser 

Paul Louis Courir 

Zwei Gedichte 

Der schöne Adolf 

(Akademie -Erinnerungen) 
Ernesto de Fiori, der Porträtist 
. . . Aus der ägyptischen Suite 

Sonderbare Lokale 

Dunkles Lachen 

Oskar Fried in Paris 

Kardinal Piffl 

. Ismael Gonzales de ia Serna 
Straßenbahnhof 


Sammel-, Bücher-, Schallplatten- Querschnitt 

Marginalien 


Mit vielen Abbildungen 
im Text und auf Tafeln 


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Umschlagbild nach einer Zeichnung von Marc Chagall 
Aus Coquiot, Suite provinciale (Ed. Delpeuch, Paris) 

PREIS DES HEFTES 1,50 GOLDMARK 


Verantwortlich für die Redaktion: H. v. Wedderkop, Berlin. — Verantwortlich für 

die Anzeigen: Hans Scheffler, Berlin 

Verantwortlich ln Österreich für Redaktion: Ludwig Klinenberger, für Herausgabe: Ullstein <fc Co., G.m.b H„ 
Wien, I. ( Rosenbursenstrabe 8. — In der tschechoslowakischen Republik: Wilhelm Neumann, Prag 


i£aJLLUaic 

Verjüngung*- frucht 



Wie kann man sich verjüngen? 

Nimmt man den heutigen Kulturmenschen unter die Lupe, dann findet man kaum 
einen Vollgesunden. Der Stempel der Lebensgifte, Berufsschäden, Nahrungs - und Genuß- 
sünden und Gesundheitsstörungen drückt sich in der Form vorzeitiger Alterssymptome 
auf den äußeren und inneren Menschen deutlich ab. 

Jungsein ist der Zustand, in dem unser Körper frei und rein ist. A 1 1 s e in ist 
der Zustand, schon des Jugendlichen, der vorzeitig müde, dessen Körper vergiftet ist, 
dessen Blut verunreinigt, dessen Verdauung schwach und träge, dessen Drüsen System 
belastet und daher funktionsuntüchtig ist. Die Verjüngung muß naturgemäß vorsich- 
gehen und gleichzeitig vom Blut, von der Verdauung, vom Darm und von den Drüsen 
aus erfolgen . Verjüngen heißt — Reinigen ! 

Lukutate ist eine in Indien heimische Beerenfrucht, die wegen ihrer besonderen 
reinigenden, entgiftenden V er jüngung s- Eigenschaften soeben auch in Deutschland 
Aufsehen erregt. — Die Beere wird instinktiv von alternden Tieren der Wildnis (Ele- 
fanten, Papageien) aufgesucht und wird als ein Gottesgeschenk der Natur, als das na- 
türliche Verjüngungsmittel für Mann und Weib gepriesen. Die Hauptwirkung der Luku- 
tate liegt in der Befreiung, Entgiftung, Stärkung und Verjüngung der Drüsen (Schild- 
drüsen, Keimdrüsen, Leber, Galle, Nieren usw.) und in der daraus folgenden Stärkung 
der Nerven- und Herztätigkeit und der Entgiftung des ganzen Organismus. Lukutate 
ist für die Drüsentherapie von großer Bedeutung. 

Lukutate ist Natur, keine >Kunst< und dient als einfache Vor - und Nachspeise, 
als Brotaufstrich oder Beerensaft usw. — Man wählt je nach Geschmack oder wechselt : 

1. Lukutate- Gelee-Früchte, die süße Geschmacksform . . M 3.60 

2 . Lukutate -Bouillonwürfel, für den, der >süß< nicht 

mag, sowie für Korpulente und Diabetiker Dl 3,60 

3 . Lukutate-Mark, Marmelade als Brotaufstrich etc. . ....M 3.60 

4. Lukutate-Beerensaft, (mit indischem Rohrzucker) .... FI H..60 

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zugleich Hersteller der BR OTELLA-DARM-DJÄ T nach Prof. Dr. Ge wecke 



Richard Seewald Lithographie (Verlag Fritz Gurlitt) 


VOLKERBUND DER BÜCHER 

(GLOSSEN ZUR INTERNATIONALEN BUCHKUNST- 
AUSSTELLUNG LEIPZIG i 9a7 ) 

Von 

ARNO SCHIROKAUER 

N atürlich ist diese Ausstellung nicht für die spärlichen Fähnchen der paar 
hundert Bibliophilen gemacht. Und natürlich ist es Unsinn, ihre biblio- 
philen Intentionen immer wieder zu betonen. Tag für Tag durchpilgern diese 
Ausstellung über dreihundert Leute, Sonntag für Sonntag sind die Räume von 
reichlich tausend Schaugierigen vollgestellt. Dreitausend Bibliophile die 
Woche? Ist das goldene Zeitalter angebrochen? Hat jeder dritte Deutsche 
sein Lesekabinett zu Hause, und liegen da zu Rudeln die Handpressendrucke 
und die köstlichsten Graphiken? Diese Ausstellung der Buchkünstler hat einen 
Sinn, der weit über den bibliophilen Anlaß hinausgeht. Daß der Bücherlieb- 
haber, nach dieser Augenweide lechzend, hinfährt, ist klar; aber wer noch? 
Wem noch gilt diese Völkerschau etwas? 

Tagtäglich liest der Mittelständler in seiner Zeitung von den Albanern, 
von den Spaniern, von den dicken Yankees, von den kleinen Japsen, von Auf-, 
und Abrüstung, von Stunk und Versöhnung, von Rachereden und Verbrüde- 
rung, von Paneuropa und Lippe-Detmolds Staatsräson. Vielleicht sagt er 
.-sich da folgendes: Die Zeitungen schwindeln, und wenn die nicht, die 


567 


Diplomaten schwindeln, ihre Visagen in den illustrierten Blättern schwindeln. 
Wenn sie in Genf am Tisch herumsitzen oder Kaffee trinken, haben sie alle die 
gleichen Anzüge an, darin ihre Eigenart versteckt ist. Ihre Reden hören sich alle 
so französisch an, und leider übersetzt sie die Regierung anders als die Oppo- 
sition. Aber da kommt mir ein Gedankel Im Museum in Leipzig sind die 
repräsentativen Bücher von 19 Staaten versammelt, da tagt das Paneuropa des 
Buches! Die Männer, die diese Bücher ausgestattet haben, haben nichts 
anderes tun wollen, als ihre Meinung, ihren Glauben, ihren Geschmack in 
diesem Fall, mit den Mitteln ihres Gewerbes ausdrücken. Zweifellos sind die 
Physiognomien dieser Bücher ehrlicher als die einer Gesellschaft von Bot- 
schaftern. Und zweifellos ist es eher möglich, aus den pergamentenen, sumach- 
gegerbten Runzeln ein ehrliches Bild von der Seele einer Nation zu bekommen, 
als aus dem eingeübten Stirnrunzeln eines Ministers. Denn ich, immer noch 
Idealist, immer noch für die prästabilierte Harmonie, immer noch gläubig, 
immer noch dem Kausalsatz hörig, ich bin überzeugt, daß an der handwerk- 
lichen Form des Buches, an seiner Drucktype, an seiner Satzordnung, an 
seinem Einband, ar. den Hoch- und Querverhältnissen seines Formates der 
Geist einer Nation wesentlich beteiligt ist. 

Im Rauch schlechter Zigarren, im Dunst unechten Pilseners, auf dem Wege 
durch einen schlechten Magen verliert dieser Gedanke * natürlich einiges an 
Klarheit; aber es ist doch vielleicht politische Neugier und ist sicherlich 
politisches Mißtrauen, was den Mittelständler in die Versammlung der euro- 
päischen Bücher treibt. 

Und er sieht: Die Kleider aller Bücher haben gleichen Schnitt; die Stoffe 
sind die gleichen überall, die Formate sind immer dieselben, Gesetze scheinen 
überall und über alle nationalen Grenzen in Geltung, die Materialien werden 
von Griechenland bis Norwegen gleich behandelt: es ist ganz sicher, Europa 
ist hier eine Einheit, und nicht der Roßapfel einer Idee kann in einem Lande 
zu Boden fallen, ehe ihn nicht zwanzig Nachbarn berochen hätten. Bei jedem 
Volk aber gibt es Temperamente mit rascherem und wilderem Puls, mit 
heißerem Blut, deren Strich, deren Farbe üppiger, fester ist, deren Werk 
kühner und erregbarer ist; der Regenbogen eines Einbands, der Umriß eines 
Lithos, die Struktur einer Schrift verrät ein Genie und gibt die selige Gewiß- 
heit: in Europa leben immer noch Wilde. Deutschland zeigt Corinth und 
Gulbransson, Liebermann und Orlik, Belgien Masereel, England Will Ovens; 
ja, an Kerlen fehlt es nirgends. Europa lebt noch! In den mürben Adern 
des Abendlandes rauscht noch, brandet noch das Blut. 

* 

Vor dreizehn Jahren gab es in Leipzig die ,,Bugra“. Der Revolverschuß 
von Sarajewo (dem ein paar Billionen grundloserer, aber wirksamerer nach- 
knallten) jagte sie auseinander. Nun beschwört diese neue Ausstellung ganz 
absichtlich den Vergleich mit 1914 herauf. Buchkünstler, die vor dreizehn 
Jahren aufbrachen, einen neuen Stil des Buches zu erschaffen, sehen sich 
heute durch einen ungeheuren Erfolg bestätigt. 

Eine Generation von Künstlern, die das Buch aus einem häßlich und lieblos 


568 


fabrizierten Massenartikel wieder zu einem Kunstwerk wandelte, sieht nun in 
der Vollkraft ihres Schaffens und auf der Höhe ihres schöpferischen Wirkens 
auf das Geleistete zurück. Der Krieg sinkt unter die Bewußtseinsschwelle, 
die Inflationen sind verdämmert; der beruhigte Blick überprüft das Ganze. 
Und da ergibt sich ganz klar, daß in gemeinsamer oder getrennter Arbeit die 
Schaffenden aller Nationen in gleicher Richtung am Werk waren. Das schöne 
Buch, das ist das werkgerechte, das materialgerechte Buch, das ist das Buch, 
dessen Inhalt durch die Schrift, 
dessen Schrift durch das Papier, 
dessen Papier durch den Einband, 
dessen Einband durch den Titel- 
satz, dessen Gesinnung, dessen 
Immaterielles durch das Materielle 
bekräftigt wird. Das Buch ist 
wieder ein Organismus, weil die 
vielen an ihm schaffenden Hände 
wieder ein Geist lenkt. 

Maßlos und ganz einsam steht 
in dieser Versammlung europäi- 
scher Bücher der Raum der 
Russen , und jeder Besucher fühlt, 
welche Grenze er überschreitet, 
wenn er hier eintritt. Ein Fremder 
ist im Völkerbundl In das Ge- 
flüster besonnener Staatsmänner 
schreit ein religiöser Fanatiker. 

Wir sind auf der Straße, Plakate 
brüllen, Phototechnik ersetzt 
Handarbeit, wir sind in eine 
Volksversammlung geraten, es 
geht laut und wirr zu, in grellen 
Farben lodert die Broschur. Das 
ist keine private Bibliothek, das 
sind Litfaßsäulen, die Graphik 
ist Photo geworden, das Buch 

ist Flugblatt geworden, der Lederrücken ist Fanfare aus buntem 
Papier geworden, das Bücheizimmer ist mitten auf den Marktplatz 
gesetzt, und nun branden die Leidenschaften einer noch unbeendeten 
Revolution in d.e Bücher, die wie Bomben rauchen. Die Graphik 
schreit und i.-t massig, an Stelle der Zeichnung dominiert der grobe und harte 
Holzschnitt. Das Bild der Massen (Photo) im Buch der Massen erscheint in 
Massen. Scharenweise liegen und hängen die Plakate, Umschläge, Einband- 
deckel, die Einzelleistung verwischt sich zu einem starken Kollektiveindruck. 
Das russische Buch ist schön, denn es hat das Gesicht seiner Lehre. Und ist 
schrecklich, lärmt unerträglich; furchterregend wie ein Amokläufer stößt es 





88 : 

Christian Allers 


569 



wild um sich. Man flüchtet aus diesem Raum voll Besorgnis für das Schicksal 
Europas. Aber wo ist Trost? 

Was man von den Franzosen sieht, ist nobel, auch geistreich, ich meine, de: 
Schwall der klugen Bekenntnisse reißt gar nicht ab, es stockt nie und nirgends 
einer; die ,, Entwicklung" vom häßlichen und vernachlässigten Buch zum 
schönen geht auf einem laufenden Band vor sich, die Materialien werden 
immer erlesener und ihre Komposition immer nebensächlicher, man macht 
Bücher mit Geld und aus dem Handgelenk, und sie sehen dann pikfein aus. 
aber blutarm. Leber ihr müdes Näseln brüllen die Russen hinweg. 

Auch mit Geid, aber aus bestem Geist, stellen die Engländer ihre Bücher 
her. Aus Bildern machen sie sich nichts, dem Text wird alles andere unter- 
geordnet, und jegliche Dekoration spielt nur als Begleitmusik um den Orgel- 
punkt des Textes. Diese Bücher sollen einfach gelesen werden. Sie sehen 
kerngesund und behäbig aus; ordentliche Enkel, eifern sie Großvätern nach, 
für das Geschrei der Russen haben sie keine Ohren. Ihr Stoffwechsel leidet nicht. 

Die Nationen von 1918, die Polen, die Tschechen, die Finnen sind die 
lautesten, denn sie möchten gern überzeugen, daß sie existieren, sie haben sich 
kolossal angestrengt und zeigen wirklich gute Sachen. Aber unter all der 
Pracht und Liebenswürdigkeit der viven Tschechen fällt mir ein, daß das 
technisch miserabelste Buch dieses Jahrzehnts ganz sicher Haseks „Schwrejk" 
ist; der Tschechen größtes Buch ist haarsträubend gedruckt: also was soll die 
Pose ihres anmutigen Kabinetts. 

* 

Angesichts dieser Ausstellung von 40 — 50jährigen denke ich am liebsten 
dieses: Ein 20 — 25jähriger wird in das Museum am Augustusplatz ver- 

schlagen. Seine abendfüllenden Vokabeln sind Chaplin, Baker, Tunney, Golf 
aber seine Mokkastunde gehört Kipling und Sherwood Anderson. Bodoni 
und Doves Press sind ihm so geläufige Worte wie Bergius-Yerfahren oder 
Neutrodvne. Er kennt Renner und Flechtheim, Anna Simons hat ihm seinen 
Führerschein Illb gebunden; auf dem Nachttisch, neben dem er einige seiner 
Nächte zu verbringen pflegt, liegen Nummern des Querschnitts. Mit dem 
Schmutz einer längeren und sehr schnellen Autofahrt kommt er in die Aus- 
stellung, schlendert verhaltenen Schrittes an Vitrinen und köstlichen Schränken 
vorbei, hält sich bei Steiner-Prag, bei Liebermann, dem großen Werk Ehmke> 
nicht lange auf, schielt bei Weiß, Grüner und Mathey mal schnell rein, 
streift den wunderbaren Wandbehang von Graphik mit nachlässigem Gesicht, 
steht aber plötzlich hingerissen. Denn die Stuckgreuel des Museums sind ver- 
schwunden, keinerlei Kaisermanöver-Reminiszenzen finden hier statt. In die 
alten Räume sind grau-weiße Würfel aus Rupfen gestellt, man steht, scheint 
es, inmitten mächtiger Rechtecke aus Beton; klar, hart, kantig zerhauen sie 
den Raum in Quader, brechen den Raum in Würfel; hinter ihnen horcht man 
auf das Stampfen der Maschinen, hinter ihnen müßten sich Dynamos schwärz- 
lich zitternd decken. Und nun läßt unser Jüngling seinen Schritt 
hart dröhnen, wartet auf das schmetternde Toben angeworfener Propeller, 
marschiert durch Montagehallen, einen Negergesang pfeifend, überall sind 


570 


Bücher montiert, aber was geht ihn das an. Der Geist von heute in diesem 
Raum hat ein starkes Gesicht, und der Geist von gestern in diesen Büchern 
schweigt. Die Architektonik ist sein größtes Erlebnis. Freilich möge es diesem 
Jüngling nicht passieren, daß er auf Rudolf Kochs handgewebte Schriftteppiche 
trifft. Da hat Larisch wie im 15. Jahrhundert den „Faust“ in Schwarz und Gold 
mit der Hand geschrieben, da ist mit Hanf und Seide ein Kapitel der 
Passionsgeschichte gewebt, da sind Fanatiker am Werk, Hintergründige und 
Abseitige, und handwerken, als sei die Sonne über dem Osten stehengeblieben. 



Karl Holtz Lithographie 


tausend und mehr Jahre. In dem Knirschen dieser Inbrunst könnten dann die 
Maschinen matt verhallen, und auch dieser Jüngling würde zwischen Rußland 
und Amerika den Glauben glauben lernen, der bei dieser glaubensstarken Aus- 
stellung waltend gewesen ist. 

* 

Da ist der Gerhart-Hauptmann- Raum. Beim Anblick seiner frühesten 

Bücher übergruseln uns die Namen Piloty und Makart, dann defilieren die 
Naturalisten, die Symbolisten, die Neuklassizisten, und dabei werden die 
Bücher immer schöner und anmutiger; man sieht schon an manchen, daß die 
Liebe von Hunderttausenden an ihrer buchgewerblichen Form mitgewirkt hat — 
denn natürlich sieht ein vielgehaßtes Buch anders aus als ein vielgeliebtes — , 
immer deutlicher wird das Buch mit dem einen Namen repräsentativ für das 


58 Vol. 7 


571 


ganze Land. Diese 40 Jahre des deutschen Buches, an einem verbindlichen 
Beispiel gezeigt, sind schon ein Aufstieg. Das deutsche \ olksbuch von heute 
hält wirklich die Spitze in Europa. 

Der Deutsche Hauptraum transponiert das Bekenntnis des Hauptmann-Raums 
aus dem Bürgerlichen ins Monumentale. Während man noch durch die Vor- 
höfe des Deutschen Buches schlendert, wird man in ein heftigeres und 
innigeres Licht gesogen und befindet sich unversehens in dem riesigen Würfel 
des Hauptraumes. Ein warmer, goldmattierter Stoff zieht den Blick auf die 
klaren Flächen der Wände, als Fries läuft ein vierfarbiges Schriftband rings; 
eine ruhige Antiqua schließt in dreifacher Reihe die Fläche entschieden und 
unbezwinglich ab. L T eberall liegen und hängen die Buchgraphiken. 

Das Problem der Buchillustration ist recht umstritten; von dieser Dis- 
kussion schweigt die Ausstellung leider. Die Fundamente der Buchkunst sind 
erschüttert. Das bemäntelt die Ausstellung leider. Eine Generation von 
Künstlern, deren Morgen ein Aufbruch und deren Mittag ein großer Sieg war, 
macht Vesperpause und sieht zurück. Neues kommt sichtlich herauf, aber diese 
Ausstellung deckt Wolken darüber, leider. 

Nur hin und wieder, von der Raumarchitektonik unterstrichen, wird ein 
neuer Formwille bemerkbar, der einfacher, fester, straffer ist als irgend 
etwas in den vergangenen 40 Jahren. In irgendeiner Vitrine sehen wir etwas 
„kurz Angebundenes“, eine einfache Linie, einen Titel, eine Schrift, eine 
Graphik, gar nicht mehr üppig und anspruchsvoll ; — aber der köstliche, feine 
und phantasievolle Plunder rings ist noch viel stärker. Uebrigens strengt es 
auch weniger an, ihn zu betrachten, womit die dreitausend „Bibliophilen“ der 
Woche gleich erklärt wären. 


MUSSOLINI*) 

Von 

FRANCIS HACKE TT 

I ch hatte eine lange Unterhaltung mit Mussolini. Es war kein Inter- 
view und ich kann nicht wörtlich zitieren. Aber das Gespräch warf 
ein Licht auf seine Persönlichkeit und ermöglichte es mir, sie so zu 
zeigen, wie ich sie fand. 

Es ist eine aufregende und im höchsten Grad interessante Persön- 
lichkeit; eine der geschlossensten und zugleich vielfältigsten, die mir 
begegnet sind. Sie ist ein italienisches Meisterstück, mit allem Schat- 
ten und Sonnenlicht — dicht, greifbar und kühn. Es lohnte, den Mann 
zu treffen. 


Ich hielt es für die Hauptsache, ein Thema zu finden, das Mussolini 
als Menschen interessierte. Deshalb schien es mir ratsam, anfangs die 
Politik zu vermeiden. Ich hatte gerade eine seiner Geschichten gelesen, 

*) Aus der „March Graphic Survey“, New York. 


572 



die er ziemlich zu Beginn seiner Laufbahn geschrieben hatte, und die 
etwas wie literarisches Genie zeigte. Sie war hart, gewaltsam, zynisch, 
stolz, stark und wild. Ich sagte ihm das mehr oder weniger, und sagte 
auch, daß ich nicht sicher wäre, ob er keinen Fehler begangen habe, als 
er die Literatur aufgab. 

Das reizte ihn. Er fragte, warum. Es war leicht, ihn daran zu er- 
innern, daß die größten Namen Italiens schließlich diejenigen schöpfe- 
rischer Künstler wären — Dante, Michelangelo, Leonardo und, in 
seiner Art, Machiavelli. 

Das Erhoffte geschah. Er ging darauf ein. In der Ruhe war er 
mir schauspielerhaft vorgekommen. 

Ein (ebenso wie der Kiefer) mäch- 
tiges und sogar abschreckendes 
blaues Kinn, ein unsympathischer, 
verschlossener, barscher Ausdruck. 

Vor solch einem Gesicht würde ein 
Angestellter zittern, der seine Ent- 
lassung fürchtet. Unerbittlich. Er- 
barmungslos. Ein Gesicht, der 
Menschheit zum Trotz geschaffen! 

Ein Gesicht, in dem Kälte und Eitel- 
keit und aggressive Härte liegen. 

Wahrhaftig, kein angenehmes Ge- 
sicht. Aber als die Sache ihn zu in- 
teressieren begann, als er sich vor- 
wärtsbewegte undsich wirklich mit- 
teilte, da war er ein anderer Mensch. 

Das Gesicht war keine Maske mehr. 

Es nahm den gewinnendsten Aus- 
druck von der Welt an — den Aus- 
druck leuchtender Intelligenz, den 
Ausdruck forschenden und durch- 
dringenden Interesses an einem Qskar Berger 

anderen Menschen. Es war so 

offen wie ein offenes Fenster, und man konnte in einen freien und 
prächtig bunten Raum blicken, in dem Luft, Bewegung und Glanz war. 
Ich merkte bald, daß ich an kein einziges Vorurteil oder Mißverständ- 
nis, an keine einzige geistige Schranke stieß. Mussolini war imstande, 
sich den Typus des Fragenden vorzustellen, sich auf ihn einzustellen, 
ihn zu erfassen. Und das mühelos. Seine journalistische Schulung, 
seine Tätigkeit als Lehrer, als Redakteur des ,, Klassenkampf“, seine 
Kämpfe mit den Schweizer und den österreichischen Behörden, seine 


573 


zahlreichen Gefängnisstrafen — all das hat viel dazu beigetragen, 
seinem Geist eine wunderbare Geschmeidigkeit zu verleihen. 

Salvemini**) hatte mir in London gesagt, daß Mussolini, wenn ich 
ihm etwas in pazifistischer Beleuchtung darstellte, mich beobachten 
würde, um zu seherf, was ich erwartete, und daß er mir dann dement- 
sprechend antworten würde; und wenn ich dann der Sache geschickt 
einen militaristischen Dreh gäbe, würde er mir sicherlich auch mili- 
taristisch beistimmen. Ich ging aber nicht ganz in der Weise vor. Ich 
bin nicht sicher, daß Mussolini weiß, was die Wahrheit ist. Ich meine, 
ich weiß nicht recht, ob er kein Chamäleon ist. Er ist geistig derart 
behende, daß man sich äußerst genau kennen müßte, um es mit ihm auf- 
zunehmen. Aber das weiß ich nach diesem Gespräch, daß Mussolini kein 
Narr, kein Clown, kein Marktschreier und kein schlechter Witz ist. 
Mussolini 1926 ist, rein als Persönlichkeit betrachtet, unverfälschter 
Wein. Daß er gefährlich, skrupellos und bösartig ist, scheint mir freilich 
auch sicher. Aber um ihn zu verstehen, muß man ihm ganz gewissen- 
haft gerecht werden. Der Mann ist ein Problem, das nicht mit Gewalt 
zu lösen ist. 

Vom Kriege sprach er in der Art, wie uns Norman Angell***) davon 
zu sprechen gelehrt hat. Er erklärte, er sei zwar der verdächtigste 
Mann Europas, aber trotzdem sei es für ihn ausgemacht, daß kein 
großes Volk, das angriffe, hoffen dürfe, den Krieg zu gewinnen, und 
daß außerdem sich kein großes Volk einen Krieg finanziell leisten 
könne. All das sagte er in der gemäßigtesten und vernünftigsten Art 
— obwohl natürlich kein Wort von alledem seine felsenfeste gefühls- 
mäßige Ueberzeugung ausschloß, daß jedes Volk, das sich wirtschaftlich 
und geistig ausdehnen will, im Grunde imperialistisch sei. 

Aber wenn man auf Salvemini zu sprechen kommt oder auf die 
Liberalen, schrickt man zusammen. Wenn man diesen Nerv berührt, 
wird er sofort zum Mann, der eine Mission hat. Seine Vorstellung von 
dieser Mission ist ganz einfach: Italien war ein Schiff ohne Steuer. Er 
ist der Kapitän. Widerstand gegen ihn ist Verrat. Die Tugenden, die 
er empfiehlt, sind die, die man von Kindern verlangt: Disziplin, Gehor- 
sam, ehre deinen Vater und deinen Duce, sei fleißig, und wenn es so 
weit ist, sei fruchtbar. ,,Ich errichte ein Gebäude“, versicherte er ernst, 
„und mittendrin kommen sie und sagen: Jenes Ornament ist zu schwer.“ 

Und dennoch war dieser erstaunliche Mann nicht böse, als ich ihm 
folgende Frage stellte: „Was wäre aus Ihnen selbst geworden, wenn 

**) Italienischer Universitätsprofessor, der wegen seiner Feindschaft gegen den 
Faschismus Italien verlassen mußte. 

***) Englischer Pazifist. 


574 



Heinrich Zille 


Photo Ilcluiy Hurt 





Atlantic Photo 


Mussolini inspiziert eine römische Kaserne 


i 

Photo Riba 


Mussolini bei der Landarbeit 




Der Duce spricht in Villa Glori 



Photos Cav. Uff. Americo Petitti 
Mussolini und d’Annunzio in Gardone 






Photos Cav. Uff. Americo Petitti Photo Paul de Frcncs 

Benito Mussolini Kardinal Piffl 



jemand Sie zu .Disziplin', .Gehorsam' und .Treue' angehalten hätte?'* 
Einen Moment überlegte er seine Antwort, dann sagte er, daß eine neue 
Epoche — die nach dem Kriege — einen neuen Geist verlange. Was 
mich erstaunte und zur Bewunderung zwang, war nicht diese dürftige 
Antwort. Es war die Schlichtheit, mit der er eine Frage beantwortete, 
deren Billigkeit seinem Wirklichkeitssinn einleuchtete. Wäre er ein 
kleiner Egoist, so wäre er wütend aufgebraust. Nichts davon! Und 
zwar deshalb nicht, weil er in seinen Augen eine endgültige Unantast- 
barkeit gewonnen hat — die Unantastbarkeit einer furchtlosen, heißen, 
leidenschaftlichen Natur — , die nur leider in einer fast unsinnigen 
Weise versucht, sich als ungeheuerer Egoismus auszuwirken. 

Mussolini ist eine vulkanische Natur. Ihm kann das Blut zu Kopf 
schießen, ihn kann eine turmhohe Wut überkommen, eine Sturzwelle 
dämonischer Besessenheit, die in Rausch, Lava und Zerstörung endigen 
können. Corfu war ein Ausbruch dieser Art. Corfu war ein Symptom. 

Für gewöhnlich aber wird diese vulkanische Natur bewußt be- 
herrscht. Mussolini sitzt sich selbst ironisch und guter Laune gegen- 
über; er kennt die wilden Pferde in seinem Innern sehr wohl, und ist 
entzückt über den Sturm, in dem er dahinbraust. Er kann im Scherz 
sagen, daß er seinen Schädel den Kriminal-Anthropologen überlassen 
werde. Er nimmt sein Wesen ruhig hin und an, solange man ihm nicht 
widerstreitet. ✓ 

Wenn man zu ihm spricht, kann man sehen, daß sein Drama im 
Grunde als das Drama eines Ausgestoßenen begonnen haben muß. Er 
erblickte das Licht der Welt in einem unterlegenen und erniedrigten 
Lande, und sein Vater, der Dorfschmied, war einer jener hitzigen 
Rationalisten, deren Worte Feuer sind. Mussolini hat von klein auf 
Feuer geschluckt, und es wurde ihm zur Gewohnheit. Selbst jetzt, in 
dem prächtigen Palazzo, ist der Mann im wesentlichen unverändert. 
Wenn man ihm das Wort „Sozialismus“ sagt, flammt sein Auge auf. 
„Ich glaube“, sagt er, „mein Sozialismus hat mir gut getan.“ Man 
kommt zur Erkenntnis: Er gehörte nicht dem Sozialismus. Der 

Sozialismus gehörte ihm! 

Mit einem Wort: Es ist ein ungeheures Ich. Und doch, als ich mit 
ihm in diesen 40 Minuten sprach, fühlte ich, daß es ein ungeheuer 
wertvolles Ich sein könnte. Zerrissen und unversöhnt, ist es imstande, 
seine Befriedigung auf Kosten der Wirklichkeit zu finden. Aber zu- 
sammengeschweißt und mit der Wirklichkeit ausgesöhnt, ist es die 
Sorte von Ich, aus der große Laufbahnen allein gemacht werden. 

Er sah aus wie ein gesunder Mann. Seine Gesichtsfarbe ist reines 
Oliv, seine Augen sind blank, sein Gesicht elastisch. Seine weißen und 
wohlgepflegten Hände waren nicht nervös beschäftigt. Der Eindruck 


575 


inneren Gleichgewichts und unverbrauchter Kraft wurde durch seine 
Geduld verstärkt. Er trieb seinen Besucher nicht zur Eile. Er tat sich 
nicht wichtig. Er ist nicht der Mann dazu, Anekdoten zu erzählen 
oder seinen Besuchern aufs Knie zu schlagen. Aber er hat auch keine 
der üblen Angewohnheiten galliger Magnaten, unfroher Intellektueller 
oder zweckbedachter Angelsachsen. Als soziales Wesen mochte ich 
ihn gern. 

Daß er sich nicht in Sympathie an andere verlieren kann — das 
gehört zu seinem inneren Drama. Er zieht sich unbarmherzig zurück. 
Er ist unpersönlich. Er läßt die Zugbrücke hochgehen, um sich zu ver- 
gewissern, daß sie intakt ist. Sein Ich ist ewig wachsam. 

Den besten Grund dafür, daß er Italien so völlig als Objekt seiner 
schöpferischen Kraft behandelt, kann man in seinem fundamentalen 
italienischen Nationalstolz finden. Mussolini ist in seinem \ erhältnis 
zu Italien nicht ungeheuerlicher als irgendein großer Industrieller, der 
nie etwas von den verrückten demokratischen Methoden der „Betriebs- 
räte“ oder sonstiger „Vertretungen“ gehört hat. Mussolini ergreift 
Italien als ein Ganzes. Diese Vorstellung ist zeitweilig ganz spezifisch 
die eines Schaffenden. Er hält das Land in der Hand. Und dann, wenn 
es unter dem Druck jenes ungeheuren Ich, dessen Wächter er ist, sich 
von ihm losmachen will, bekommt er es fertig, das Baby auf den 
Schädel zu hauen, damit es still hält, wenn er ihm Abendbrot gibt. Ich 
sehe das nicht in erster Linie als Grausamkeit und Brutalität an. Ich 
halte es für eine der Tragödien dieser vielleicht unbeherrschten Natur. 

In diesem Kampf, den Mussolini unternommen hat, um seinen 
Willen durchzusetzen, hat er seinem Ich ohne Zweifel die Rechte und 
Vorrechte eines über gewöhnliche Maßstäbe erhabenen Genies gegeben. 
Um sich nun selbst zu beweisen, daß er diese erhabene Unantastbarkeit 
besitzt, schwankt er dazwischen, zu glauben: „Alles ist erlaubt“ — und 
dann, wenn andere ihm sagen: „Es ist nicht erlaubt“, plötzlich seine 
Wutanfälle zu bekommen. 

Ein Mann von dieser ungewöhnlichen Art müßte von Leuten um- 
geben sein, die einigen Respekt vor der Wahrheit haben. Seine eigene 
Klugheit, so groß sie ist, genügt doch nicht. Mussolini gehört zu jenen 
Männern, die sich viel zu leicht in das luftige Reich der Theorie ver- 
lieren, und die durch ruhige und prosaische Ratgeber daran erinnert 
werden müssen, daß die Staatskunst nicht auf eine psychologische 
Pantomime hinauslaufen kann. Der Mann braucht dringend Kritiker 
und hat keine. Er fängt an, in der unwirklichsten aller Welten zu leben. 
Unter „unwirklich“ verstehe ich auch, daß nicht mit der Schwäche der 
menschlichen Natur gerechnet wird. Mussolini denkt in runden Ziffern, 
wie die Verfasser von Prospekten. Er hat den Charakterzug, der Lloyd 


576 



George Grosz 


George dazu verführte, während der Friedensverhandlungen seine 
dicken Finger irgendwo auf die Karte von Kleinasien zu setzen und zu 
sagen: „Das muß ich haben“ — als ob es eingewickelt und am nächsten 
Morgen abgeliefert werden könnte. 

Diese Fähigkeit zur Theorie ist für einen Italiener, der im Welt- 
kriege und durch ihn zu seinem politischen Programm kam, nur 
natürlich. Und doch muß ich gestehen: Bei der Erwähnung Lloyd 

Georges huscht ein Lächeln um Mussolinis Lippen, und er murmelt: 
„Nikotinfreier Sozialismus“, und dann ein Wort, das merkwürdig 
ähnlich wie „Mosley“ klingt. 


577 


Es ist dieses Spiel und Verhältnis der Kräfte, das einen seinen 
heißen Kopf vergessen und einen glauben läßt, er könne für Italien 
nutzbringend sein. Aber er versteht sich gar zu gut auf die Kunst der 
Schwarzen Hundert, die Knebelung der Presse, das Spitzel wesen, den 
Pogrom. Es gibt nur wenige Anzeichen für ein wirkliches Vorgehen 
der Kirche, der Krone oder der Armee gegen diese Entwicklung. Sein 
Apparat ist zu mächtig. Seine Berechnung und Kühnheit zu glänzend. 
So gesunden Sinnes er auch scheint, wenn man mit ihm spricht: unter 
seinen braunen Augen schlüpft der Held von .,Rot und Schwarz“ hervor 
und enthüllt sich: nicht als hinterlistig, noch schwach, noch lasterhaft 
— aber wie er ständig in den Massen Italiens die Tragikomödie eines 
Egoismus aufführt. Deutsch von Dr. A. Prinz. 


Auch wer Klangtüfteleien nicht leiden mag, wird gestehen, daß dieser 
Name so barock und trivial zugleich wirkt wie seine Trägerin; er ist Christian- 
Morgenstern - Erfindung (abwandelbar durch sämtliche Fälle) und gemeine 
Realität; kündet einen Bezirk — und welchen andern, als jenen bestimmten, 
Leopoldstadt genannten, den Kaiser Joseph II. den Wiener Juden als Domizil 
zuwies? — , stellt ihn aber durch die Vorsilbe wieder unbestimmbar in Frage. 
Das ist die ganze Werbezirk, dieser hinreißende faux pas der Schöpfung, dieses 
Jargonwunder an Leib, Seele und Stimme! 

Die Leopoldstadt hat der deutschen Nation schon eine Menge großer 
Naturen geschenkt: den Zauberer Reinhardt-Goldmann, den Dämon Kohn- 
Kortner, das Rautendelein Berger-Bergner, den Weltenzimmerer Bronner- 
Bronnen, die Königin Massary-Masarik — aber, wer von ihnen war so 
unverfälscht, so zügellos, so urfärbig wie Frau Werbezirk? Und bei wem 
stammt das Unwahrscheinliche, auf das es doch ankommt, so wie bei ihr aus 
der Selbstentblößung statt aus der Bemäntelung? 

Wenn man dieser Frau mit ihrem verzogenen Vollblutprofil, aus' dem 
desungeachtet ein himmelblaues, heiteres Aug’ blickt — „Nee,“ hat Else 
Lehmann neulich zu ihr gesagt, „wie kann sich ’ne Frau, die solche Augen hat, 
nur so karikieren lass’n?“ — , wenn man ihr gegenüber sitzt, sie mit ihrer 
unbetonten Gackerstimme treppauf, treppab plaudern hört, jede Silbe ein 
lapsus linguae, jeder Ton ein Exzeß, wenn man Zeuge dieser Selbstgesättigt- 
heit wird, die einen wie Unverschämtheit anknallt — dann könnte man über 
den Spezialfall hinaus das Wesen des Komikers erfassen: als ein Phänomen 
des „Scheuklappen“-Trägers. Nämlich des unverdrossenen Geradausgehers, 
nicht rechts noch links Blickers, mit dem Kopf durch die Wand Spazierers, der 


GISELA WERBEZIRK 


Von 


AK TO K KUH 



erbezirk . . . 


578 


vollkommen kontaktlos seine Rede abspulen ladt und auch niemals aus dem 
Trab kommen kann, weil ihn eben die Natur mit der Unfähigkeit, seinen Neben- 
mann zu sehen oder zu hören, begnadet hat. Gelangt dieses Talent an einen 
Menschen von der Stäminigkeit, der Unsymmetrie und dem unterspickten 
Phlegma der Werbezirk, dann versöhnen sich Frosch und Nachtigall; die Welt 
wird ruhig, der Hader schweigt, und es singt die Disharmonie der Sphären. 

Ein ruhender Pol ist Frau Werbezirk im Leben wie auf der Bühne; von 
ihr strahlt eine Luft aus wie von einem ausgekühlten Küchenherd. Sie dankt 
dem Schicksal, daß es ihr Anmut versagt hat. ,,Was war’ sonst aus mir ge- 
worden? ... Ich war’ in Preßburg geblieben als Liebhaberin. Oder bei Jarno: 
ein Dienstmädchen — Frau Werbezirk. So aber bin ich herausgefallen“ — sie 
kreischt es ein zweitesmal — „herausgefallen! . . 

Apropos: alle Beschränkten sprechen mit den anderen wie mit Schwer- 
hörigen — eine Oktave Eindringlichkeit höher. 

Wenn das Frau Werbezirk tut, ist es Selbstparodierung; sie hat sich ja 
auch den Gesichtskreis der kleinen Leopoldstädtischen Geflügelfrauen zu eigen 
gemacht, die um das Fett der Gans feilschen und über ihre Bretterbude hinaus 
kein Stück der Welt sehen; das ist ihre geniale, sachliche Unromantik. Einmal 
war sie in Venedig. „Hören Sie mir auf mit dem Venedig!“ sagte sie bei der 
Heimkehr. „Wer halt das aus? Die ganze Nacht streiten sich die Einspänner 
(Droschkenkutscher) von die Gondeln herum. L T nd wenn etwas ans Haus 
klatscht, so ist es keine Woge, sondern eine tote Katz’!“ Daß eine Gondola 
eine Droschke ist — allen Hochzeitsreisenden und Romantikern ein- 
zuschärfen! — , weiß ich erst von der Werbezirk. Aber ich verdanke ihr 
noch einiges: 


„Ein Couplet darf man nur aufsagen — wenn man es vorträgt, 
merkt jeder, daß es blöd ist.“ 

„Der Reinhardt will, ich soll die Marthe Schwerdtlein spielen — 
ich bin ka Klassikerin.“ 

„Je mehr die Leut’ lachen, desto mehr schimpft die Kritik." 

L'nd zu allem neigt sinnend und zustimmend Herr Piffl . . . 

Richtig, Frau Werbezirk hat vor sechzehn Jahren einen Cafetier geheiratet; 
•er heißt Piffl, aber sooft man ihn im Scherz oder Ernst nach dem „Herrn 
Onkel, dem Kardinal“, fragt, lenkt er auf ihren, den anderen Onkel hinüber, 
„den Oberrabiner von Warasdin“. 

Dem Bund entsprang ein Knabe. Er ist heute fünfzehn Jahre alt, der 
Mutter aus dem leiblichen und seelischen Gesicht geschnitten, nachgeborener 
Held jenei Anekdoten, die mit den Worten beginnen: „Der Lehrer fragt in 
der Schule . . .“ Als er mit sechs Jahren einer Vorstellung des Ischler Kur- 
theaters beiwohnte, in Erwartung, seine Mutter auftreten zu sehen, statt dessen 
aber erfuhr, daß Strindbergs „Vater“ in Szene gehe, verließ er mit den Worten 
das Haus: 

„Oje, Strindberg? ... Da geh’ ich!“ 


579 


WIR KOMIKER HABEN ES BESSER... 

Von 

GISELA WERBEZIRK 

Die Wiener Komikerin, die im Metropoltheater gastiert, 
empfing den Lokalreporter in ihrer Garderobe zu einem Inter- 
view. Was ihm vor allem auffiel, war, daß auf ihrem Toiletten- 
tisch, auf dem farbigen Kattundeckchen, auch nicht eine einzige 
Stange Schminke zu sehen war. 

N aa, außer dem bisserl Trockenrouge und dem Heferl Fett brauche 
ich nix zu meiner Spielerei. Der Direktor Jarno in Wien, bei dem 
ich angefangen hab, ein sehr gescheiter Theatermann, hat einmal gesagt, 
der Schauspieler darf sich das Gesicht nicht verschmieren. Gleich, wenn 
er auftritt, will das Publikum wissen: Aha, das ist der und der, und 
nicht erst im Programm nachblatteln müssen und Rätsel raten. Einen 
Schauspieler wie Girardi hat man nie mit einem Bart gesehen. Der hat 
schon gewußt, warum. Der ist herausgegangen mit seinem dalketen Ge- 
sicht, wie es war. Wir Komiker haben es ja leichter, als wie die Tragiker, 
weil w i r nämlich wissen, ob wir einen Erfolg haben oder nicht, die 
anderen haben aber keine Ahnung und müssen erst auf die Kritik 
warten. Wenn die Leut lachen, war man gut, das weiß man sofort, und 
wenn in der Kritik dann — unberufen toi toi toi! — was anderes steht, 
dann schadet’s auch nix. Mir ist es ja hier in Berlin immer gut gegangen, 
wo sie doch hier in meinem Fach ganz große Schauspielerinnen haben: 

Eine Yaletti, eine Griining, das ist 
schon was! Aber ich spie! auch gern 
in Berlin. Wissen Sie, hier ist das 
Publikum viel naiver als anderswo, 
lachfreudiger. Viele Gesten und 
Witze wirken erst hier oder wirken 
viel stärker. Ich habe doch dasselbe 
Stück schon oft auch in Wien ge- 
spielt, aber hier — das ist kein 
Schmus! — ist das Publikum wun- 
derbar lachfreudig. Nicht wie in 
Wien, wo sie bei jedem Witz noch 
überlegen ,,Oi weh, dös ham ma 
doch schon da und da vor fünf 
Jahren gehört.“ Hier lachen’s und 
wenn sie es noch so oft gehört 
haben, wenn es nur komisch ist. — 
Ich bin ja eine Ensuiteschauspie- 



580 


lerin, und da fällt es einem daher hier noch leichter als anderswo, 
seine Gspassetteln hundertmal zu machen. Naa, die Tragiker 
haben’s wirklich schwerer: so hundertmal en suite aus 

Kummer sterben — ich danke für die Ehr! Und dann noch 

das ganze Gesicht mit Fett verschmiert! Wird auch schlechter bezahlt 
als komisch. Mit meinem Rouge und meinem Fettheferl lang ich das 
ganze Jahr. Und diese Hasenpfote, die hab ich, seit ich beim Theater 
bin. Freilich, eitel bin ich ja gerade nicht. Aber einen Sport habe ich: 
z. B. der Kamm hier als Garnitur auf dem Hut oder diese Brosche! Das 
ist mein Sport! Solche fabelhaften Geschmacklosigkeiten pflege ich und 
denk ich mir aus, da hab ich einen Rekord. Das ist so eine Spezialität 
von mir. Groß braucht eine Rolle auch nicht sein, damit sie mir Spaß 
macht, drei Szenerln, ein Couplet, — aber das bisserl muß dann S o sein! 
Das ist die Hauptsach, dann lachen die Leut schon, und zum Lachen- 
machen sind wir Komiker halt auf der Welt. nmm 


PAUL 


LOUIS COURIER 

i yyZ — i8a5 
Von 

MAGNUS ». WEDDERKOP 



W enn man ein profunder Courierkenner auf Grund des Studiums 
seiner Schriften werden möchte — in längstens zwei Stunden 
ist ’s getan; nimmt man noch seine gesammelten Briefe hinzu, so dauert 
es etwas länger. Denn 
kaum zum zweiten Male 
auf der Welt gibt- es 
ein solches Mißverhältnis 
zwischen Berühmtheit 
und Quantität wie im 
Falle Courier. Seine 
Werke bestehen aus fünf 
bis sechs politisch-satiri- 
schen Bagatellen, was 
man in ihrer Ent- 
stehungszeit, also 1815 
bis 1825, Pamphlete 
nannte. Sie sind nicht 
viel länger als ein Zei- 
tungsartikel, aber aller- 
beste französische Marke 
und gute Tradition des 


Charles Hug 



XVIII. Jahrhunderts. Voltaire hat auch hier Pate gestanden. Sie geben 
sich als Petitionen eines Provinzialen an die Kammern oder eine Behörde, 
und indem sie scheinbar Tyrannei und Gewalttätigkeit der örtlichen 
Autoritäten in Couriers kleiner Heimatsgemeinde in der Touraine zum 
Gegenstand haben, spiegeln sie, für jeden verständlich, die allgemeinen 
Zustände im Frankreich der Restauration. Die Angriffe sind von beispiel- 
loser Schärfe, aber in der Form völlig beherrscht. Man fühlt den Zorn 
und die Empörung des Autors, aber sie machen sich nie ungehemmt Luft 
und sind stets nur in der Metastase des Witzes und der Bosheit vor- 
handen. Das so gebändigte und sublimierte Temperament wirkt 
dadurch mit vervielfachter Stärke. 

Freilich erklären diese Qualitäten allein nicht den ungeheuren Ein- 
druck, den die Schriftchen machten, und den Ruhm, den sie dem Autor 
brachten. Zum Genie kam Glück, hier wie immer unanalysierbar inein- 
ander verschlungen: Couriers Auftreten und der psychologische Mo- 
ment, in dem die Nation nach ihm verlangte, trafen zufällig zusammen, 
und als reine Glücksfälle kamen dann noch hinzu seine Ermordung und 
der Tintenklecks auf dem Longus-Manuskript. Diesen machte er 1807, 
und da ein europäischer Riesenskandal daraus entstand, war Couriers 
Name schon in aller Munde, als er sich als politischer Kämpfer meldete. 
In Florenz hatte er eine unbekannte Handschrift des in Frankreich zu 
allen Zeiten höchst populären kleinen, griechischen Romans „Daphnis 
und Chloe“ von Longus entdeckt, das vollständig war und die großen 
Lücken in allen vorhandenen Ausgaben ergänzte. Ueber dies Manu- 
skript goß Courier versehentlich Tinte. Die Bibliothekare der Lauren- 
tiana erhoben ein Zetergeschrei und bauschten die Sache maßlos auf. 
Der Haß der Italiener gegen ihre damaligen Herren, die Franzosen, 
flammte gewaltig auf, ganz Europa tönte wider von dem Streit um 
Couriers Tintenfleck. In Deutschland nahm sogar Goethe das Wort zur 
Sache. In Paris wurden höchste Behörden in Bewegung gesetzt, und es 
fehlte nicht viel, so hätte der Herr der Welt selber eingegriffen. 

Dann Couriers Ermordung im Jahre 1825, gerade als er auf der 
Höhe seiner Popularität stand. Sie war von undurchdringlichem Ge- 
heimnis umgeben. Die gerichtliche Untersuchung blieb erfolglos, aber 
allgemein war der Glaube verbreitet, seine politischen Feinde hätten 
ihn ermordet. So fügte sich die Aureole des Märtyrers um Couriers 
Haupt zur großen und dauernden Mehrung seines Ruhmes. 

Courier war Soldat, Philologe, Patriot und Politiker, alles auf seine 
eigene, sehr persönliche, unzünftige Art. Sein erster Feldzug war der 
<ler Revolutionsarmee im Rheinland, 1793 — 1794. Er war der Meinung, 
er könne Frankreichs Interessen dort am besten dienen, wenn er in 
Schlössern und Klöstern nach griechischen Manuskripten herumstöberte. 


582 



Mit Genehm, v. J. B. Neumann 


Max Beckmann, Strandleben. Oelgemälde (Städelsches Institut, Frankfurt a. M.) 




Photos Zander & Lahisch 

Oskar Fried Georg Kaisers „Papiermühle“ in den Kammerspielen 

(Lothar Miithel und Otto Wallberg) 




Photo Krnst Schneider 





Bucheinband von Viktor Aftröm (Schweden) 



Von der Intern. Buchkunstausstellung, Leipzig 

Bucheinband von Franz Weiße, Hamburg 



Die Laufbahn des Offiziers hatte er seinem Vater zuliebe ergriffen, 
zugleich von dem Gedanken geleitet, daß der militärische Beruf philolo- 
gische Studien wie kein anderer begünstige, da man als französischer 
Soldat und Eroberer in ganz Europa herumkäme und einem solchen 
sich keine Bibliothek verschlösse. Couriers Erfindung des bewaffneten 
Philologen erwies sich als außerordentlich fruchtbringend. Von Kind- 
heit an hatte er eine leidenschaftliche Neigung zur Literatur, vor allem 
zur griechischen. Er besaß glänzende Kenntnisse und zählte zu seiner 
Zeit als Gelehrter mit, wenn er auch nicht in Reih und Glied stand. 
Andererseits war er ein mutiger, aber unordentlicher Soldat. Am Rhein 
und später bei der Armee in Kalabrien liebte er es nicht nur, sich 
häufigen und ausgiebigen Urlaub zu erteilen zwecks bibliothekarischer 
Streifzüge, sondern er quittierte auch gelegentlich den Dienst in aller 
Form, um dann bald darauf wieder einzutreten; auch desertierte er zu- 
weilen, was man damals, wenigstens in den Armeen der Republik, nicht 
tragisch nahm. Denn Courier war der Ansicht, daß selbstverständlich 
jeder anständige Mensch sich fürs Vaterland von den kalabresischen 
Franktireurs bei langsamem Feuer zu Tode braten lassen müsse, aber 
sich fürs Vaterland zu langweilen oder sich in Gegenden ohne grie- 
chische Manuskripte länger aufzuhalten, das konnte man von nieman- 
dem verlangen. 

Courier war der Typus eines Franzosen, wie er nicht häufig vor- 
kommt. Ein leidenschaftlicher Unabhängigkeitstrieb beherrschte ihn, 
und jede Art von Servilität, auch die in Frankreich erlaubte, die nicht 
mehr als übertriebene Höflichkeit ist, war ihm zuwider, und besonders 
seine militärischen Vorgesetzten hatten oft darunter zu leiden, die er 
in diesem Punkte äußerst knapp hielt. Ganz besonders charakteristisch 
für ihn ist sein höchst reizbares Gerechtigkeitsgefühl und eine Idiosyn- 
krasie gegen jede Art von Tyrannei und Herrschaftsmißbrauch. Diese 
Seite seines Temperaments hat ihn schließlich zum politischen Schrift- 
steller gemacht. Aber schon viel früher zeigen seine Briefe aus Italien, 
wie tief er die Leiden eines wehrlos dem Bedrücker preisgegebenen, 
gequälten, ausgeplünderten Volkes mitfühlte, das seine Monumente zer- 
stört, seine Kunstschätze geraubt und ins Ausland verschleppt sehen 
mußte. Rückhaltlos äußerte er sich über diese Zustände und mit einer 
Objektivität, über die wir heutzutage staunen. Freilich gehörte er einer 
Generation an, die in den zwanzigjährigen Kriegen der Republik und 
Napoleons in ganz Europa heimisch war und die Schranken ihrer Natio- 
nalität mehr übersah als irgendeine spätere oder frühere . . . 

Courier, schon lange übersättigt mit Krieg, Ruhm, Napoleon und 
Heldentum, saß abgebaut auf seinem Weingut in der Touraine über 
seinen griechischen Büchern, als die Wellen des neugeschaffenen Bour- 


583 


bonenregimes auch seine abgelegene Provinz erreichten. Kein Wunder, 
daß er wie eine Rakete aufflammte. Denn man stellt sich bei uns dieses 
mit der besänftigenden Etikette „Restauration« versehene Regierungs- 
system meistens anders vor, als es war, und macht sich kaum klar, daß 
es für das damalige Frankreich eine unerträgliche Tyrannei, eine 
monströse Mißregierung und, was schlimmer war, eine grausame und 
gewalttätige Mißverwaltung darstelltc, die alle Schrecken des verhaßten 
ancien regime wiederholte. Man muß sich, um das zu begreifen, gegen- 
wärtig halten, was die große Revolution für die Nation bedeutete. Sie 
war nicht etwa ein gelungener Putsch, von irgendeiner Interessenten - 
gruppe inszeniert, nicht der Sieg einer politischen Partei, nicht der 
Triumph der Guten über die Bösen oder je nach Standpunkt der Bösen 
über die Guten, wie sie vielfach noch bei uns aufgefaßt wird. Vielmehr 
war diese ganz einzigartige Umsturzbewegung das spontane Werk einer 
ganzen und einigen Nation. Besonders in den Anfängen trat das deut- 
lich hervor, wo sogar die Stände, gegen die die Revolution sich richtete, 
ihr zum großen Teile zufielen. 

Einhellig wünschte die Nation, die Errungenschaften ihrer Revolution 
zu erhalten. Für sie hatte sie alle Opfer gebracht, im Felde gegen ganz 
Europa gekämpft, für sie hatte sie alle Schrecken des Terrors geduldig 
und hoffnungsfroh ertragen, für sie sich Napoleon gefügt, weil er sich 
als Sohn und Erbe der Revolution zu gebärden verstand, und dem Volke 
zu suggerieren wußte, daß er ihr Palladium, die Früchte der Revolution 
gerettet und erhalten habe. 

Jetzt, nach seinem Fall, hatten die Feinde des Volkes, die verhaßten 
Emigranten, gesiegt, und ihr verabscheuter Führer, der Graf von Pro- 
vence, war als Ludwig XVIII. Frankreichs König, von den äußeren 
Feinden der Nation aufgezwungen. Seine Regierung, völlig ideenlos, 
hatte nur das eine Ziel vor Augen, die Zustände vor 1789 wiederherzu- 
stellen und alles, was die Revolution geschaffen, wieder zu beseitigen. 
Ein dumpfer Druck lastete auf dem besiegten, geknechteten, ein- 
geschüchterten Volk. Widerstandslos ertrug es die Mißregierung. Nie- 
mand wagte ernstliche Opposition. 

So war die Lage und die Stimmung in Frankreich, als Courier auftrat. 
Prasselnd gingen die Petarden seines „Simple discours“, seiner „Lettres 
au Censeur“, seiner „Petition aux deux chambres“ über seine und des 
Volkes Feinde nieder. Sein Wort elektrisierte die Apathischen, wirkte 
wie eine Erlösung. Alles jubelte ihm zu, und er war mit einem Schlage 
der populärste Mann im Lande. Selbst Paris war in Aufregung. Die 
Regierung sah die Gefahr und versuchte mit allen Mitteln, den Gegner 
zu beseitigen, womöglich ihn in ihr Lager herüberzuziehen. AberCourier, 
starrköpfig wie er war, widerstand selbst dem Huldlächeln der Minister. 


584 


Diese einzigartige Wirkung Couriers beruht wohl außer auf den 
Stilqualitäten dieses großen Schriftstellers darauf, daß seine spezifisch 
französische Mischung von „Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeu- 
tung“ dem Bedürfnis und Geschmack des Publikums besonders ent- 
gegenkam, dann aber vor allem darauf, daß er für die Gesamtheit der 
Nation das Wort ergriff. Er war Franzose und nicht mehr — kein Welt- 
verbesserer, und nicht weniger — kein Parteimann. Von Rousseau steckt 
viel in ihm, nur daß er den Satz „Die Menschen sind gut“ auf seine 
Nation umbog. Das Volk ist gut, seine Instinkte sind immer richtig, 
seine eigensten Wünsche 
immer zu seinem Besten. 

Sein Wille geschehe. Er 
wollte es weder erziehen 
noch in ein Parteipro- 
gramm oder eine Weltan- 
schauung zwängen. Es 
sollte frei sein. Er sah in 
ihm eine Einheit, und sein 
Wille lag deshalb für 
jeden klar zutage. Eine 
starke Führung wünschte 
er ihm nicht. Das war er- 
klärlich, nachdem er Nach- 
teile und Gefahren des 
Napoleonischen Regi- 
ments zwanzig Jahre lang 
mit angesehen hatte. Er 
war kein Mensch der Theo- 
rien, und an die Grund- 
vorstellungen, in denen er 
aufgewachsen war, die 
Anschauungen der Revolution, legte er keine Kritik an. Daher der Ein- 
druck des Ganzen, Unzerrissenen, Positiven, den er macht. Er war kein 
großer Staatsmann, aber er hatte einen klaren Blick für das, was seinem 
Lande im Augenblick nottat, was das Volk wollte und wünschte. Weiter 
sah er nicht, und das war für ihn Gesetz. Diese vertrauensvolle, blinde 
Hingabe an sein Volk, vor allem aber, daß er der erste war, der mit Ge- 
fahr seines Lebens die Nation aufrüttelte und antrieb, die Bourbonen- 
wirtschaft abzuschütteln, daß er sozusagen die Keimzelle der Julirevo- 
lution wurde, ist sein Verdienst, das in Frankreich bis heute lebendig ge- 
fühlt und dankbar anerkannt wird. 



585 


ZWEI GEDICHTE 

Von 

GEORG DRITTING 

I. Gras 

Fettes Gras. Der Panzerkäfer klettert 
Schillernd halmempor. 

Beuge dich! Ganz tief das Ohr! 

Hörst du, wie es klirrt und schmettert? 

Wie sich die Eisenringe wetzen! 

Gelbes Gold das Schuppenhemd. 

Die gestielten Augen widersetzen 
Sich den Menschenaugen fremd. 

Blau der Stahlhelm. Und die Fühler 
Tasten jeder Rispe Rand. 

Weht ein Wind von fernher. Kühler 
Trifft er deine griffbereite Hand. 

Flügel sdiwirrn. Er fliegt davon. 

Fernhin in sein gräsern Käferland. 

II. Abend 

Wenn der Dämmerung schwarzes Licht 
In der Stube liegt, 

Der Ledersessel, schief vor Gicht, 

Dreimal schnattert, fliegt 

Der Abendvogel bald, ein stummer 

Geier, Kahlhals, Flederflaumgespenst, herein. 

Schweigend hockt er, schnabelruhig, schwarz wie Kummer 
Auf dem Schranke, daß cler Ofenspalt, ein krummer, 
Zahnlosdummer 
Feuermund aus Kohlenstein, 

Fängt an zu schrein, 

Fängt wie besessen an zu schrein. 


586 


DER SCHONE ADOLF 

AKADEMIE -ERINNERUNGEN 

Von 

HEINRICH ZILLE 



E s war um 1877 herum, Anton von Werner regierte, als Direktor, 
die Berliner Akademie der Künste. Der Zulauf der jungen Krinstler 
aus allen Ländern war groß. Da war gar strenges Arbeiten, aber auch 
viel Jubilieren, Lebensfreude und Jugendübermut in allen Unterrichts- 
sälen. 

Na, unser lieber, alter Maler, der Spreehans, Hans Fechner, der da- 
mals, wie seine Freunde: Kruse, Brütt, die Brüder Koch, Doepler d. J. 
und so viele, von denen so viele nicht mehr leben, auch ein lustiger, 
feuriger Jüngling (er hatte auch peinlich rötliches Haar) war, er hat 
uns das ja in seinen Erinnerungs- 
büchern beschrieben, aber den nun fol- 
genden humoristischen Vorgang nie 
erwähnt. 

In der Abendaktklasse wurde sechs 
Tage lang, jeden Abend zwei Stunden, 
nach einem stillstehenden nackten 
Mann gezeichnet, am Montag kam Ab- 
lösung. Weibliche Modelle, ganz nackt, 
waren nicht erlaubt, nur entblößte 
Brust (Bruststück) und auch nur in 
den Meisterateliers, also von ganz 
wenig Kunstjüngern geübt. 

Auf einem Akademischen Fest der 


Schüler war unter vielen Vorführungen 
auch eine „Pythia“, eine „Hellseherin“. 
Sie wurde gefragt: 

„Wann bekommen wir einen weib- 
lichen Akt?“ 

Antwort: „Nie nackt!“ 

Na, um so 1900 ist’s denn endlich 
anders geworden, aber nur in Privat- 
Malschulen, die Akademie sträubte sich 
noch lange. 

Wenn nun im Abendakt der „schöne 
Adolf“ Modell stand, dann war’s ge- 
rammelt voll, „Adolf“ verstand die 
„sehr geehrten Herren Maler“ und die 


587 



„sehr geehrten Herren Bildhauer“ mit 
seinen Akrobaten-Kunststiickchen, Er- 
zählungen und Vorträgen zu fesseln, 
dabei brauchte er nicht stillzustehen, 
wurde mit Apfelsinen und anderen Ge- 
genständen beworfen, bekam Zigarren 
— alles Vorteile. 

Der „schöne Adolf“, von allen 
Künstlern begehrt, um Rat und Hilfe 
angegangen, war wirklich nicht nur 
körperlich ein Prachtmensch, er hatte 
auch Gemüt, Liebe zur Kunst und so 
vieles. Brauchte ein Maler, wie der 
alte Knaus, alte, abgetretene Holz- 
dielen, um sein Bild „Jägerheim“ fer- 
tig zu malen, Adolf holte solch Holz 
von irgendeinem Hausabbruch. Wollte 
jemand „Böcklinsch“ malen, Adolf 
wußte, wer in Berlin noch ’ne Ziege 
oder Kaninchen hatte, er holte ran. 
Der Historienmaler lieh sich von ihm 
eine alte Lutherbibel, und den „einzi- 
gen“ Esel, den damals Berlin hatte, sah 
ich oft hinter ihm hertraben, um 
irgendeinem Maler im zweiten Ouer- 
gebäude im Norden Berlins zu einem 
„italienischen“ Bilde die Staffage zu 
geben. Auch rote Dachziegel brachte 
er den Malern, die nur Schieferdächer und Pappdächer um sich sahen. 

Manche Frau sagte: „Von dem möchte ich ein Kind haben“ (nicht 
als Modell), und mal soll er auch deswegen auf einige Zeit nicht Modell 
gestanden, sondern gesessen haben. 

Also der „schöne Adolf“ — und wenn er seine „Requisiten“ zum 
„ Taucher “ (von Fr. v. Schiller) mitbrachte, waren selbst die ältesten 
Professoren, die sonst gar nicht den Aktsaal betraten, und doch Lehrer 
waren, als Hörer da. 

Da wurde der Zeichen-Akt-Saal zur Arena. Auf den Fußboden streute 


Heinrich Zille 


Der schöne Adolf 


Adolf große und kleine Muscheln, bunte kleine und große Kieselsteine, 
stellte selbsterfundene Seetiere aus Pappe und getrocknete Fische in den 
Sand, und greuliche Masken und Larven lugten aus den Winkeln 
des Raumes — trockenes Seegras mit Matratzenfedern (Spiralen) 
machte den Strand anschaulich. Adolf, „Der Taucher“, stand auf 


588 


seinem Podium, seinen geschmeidigen, straffen Körper zierte nur 
eine alte, abgetragene, schwarze Sammetweste, die er vom alten 
Historienmaler Camphausen zum Andenken erhalten hatte — dies war, 
laut Gedicht, „sein Mantel“. Seine roten Hosenträger, um den Bauch 
gewickelt, waren der „Gürtel“. 

So ausgerüstet, deklamierte er das herrliche Gedicht, markierte die 
Stimmen der verschiedenen Personen, vortrefflich gelang ihm das Er- 
röten und Bitten der Jungfrau, denn — das will ich noch einflechten — 
Adolf mußte manchmal auch als Weib Modell stehen bei Malern, die 
zänkische Frauen oder kunstfremde Mütter hatten. 

Bei den Worten — den Gürtel wirft er, den Mantel weg — , da fliegt 
beides auf den alten, wackeligen, eisernen Ofenschirm. Aber den Kopf- 
sprung hat er nicht gemacht, trotz allem Zureden und Anfeuern. Wenn 
er dann zu der Stelle kam: ,,Da hing auch der Becher an spitzen Korallen“ 
— dann langte er so’n kleinen Blechbecher von der alten, krummen, 
verrosteten Ofentürklinke, dazu hingehängt, herunter — und: „ sonst 
war er ins Bodenlose gefallen — dazu diente ihm als Requisit eine alte 
Hose von irgendeinem berühmten Maler, der sich den Professor darin 
ersessen hatte. Die Hose war bodenlos, morsch, löcherig — und „Adolf“ 
ließ den Becher, zum Beweis, durchfallen. 

Kurz gesagt — er brachte alles mit Sprache und Gebärden, immer 
wieder Neues einflechtend, zum Gaudium der Zuhörer, zum Gehör. 

Man dankte und belohnte ihn mit Brüllen — das sollte das grollende 
Meer sein. 

Und schön ist noch, daß der schöne Adolf allen Ernstes glaubte, er 
hätte den unerfahrenen jungen Leuten einen naturwissenschaftlichen 
Vortrag gehalten. — 

(Zur Berichtigung: ich, der Schreiber, war kein Akademiker, nur ein 
geduldeter Hospitant — ganz armer Mensch!) 


ERNESTO DE FIORI, DER PORTRÄTIST 

Von 

EMIL SZITTYA 

I. 

I ch mache mir oft Notizen, wenn ich mit Fiori zusammen bin. Keine Notizen 
darüber, was er sagte (das wäre ja Rilke plagieren), sondern welchen Ein- 
druck dieser Bildhauer in verschiedenen Situationen auf den Beobachter macht. 

Möglich, daß das Zigeunerhafte, das man heute irrtümlich den „genialen 
Wurf“ nennt, unsere heutige Kunst zum größten Teil charakterisiert und ihr 
einen gewissen Zeitwert gibt. Abgesehen davon, daß immer nur Mittelmäßig- 
keiten den „genialen Wurf“ haben, und bei jeder wirklichen Kunst alles nur 
die organische Folge einer Missionserfüllung ist, hat Fiori, obgleich er ein 


589 


Gemisch von einem Italiener und einer Oesterreicherin ist, absolut nichts 
Bohemehaftes, keinen „genialen Wurf“, sondern hier bildete sich etwas ganz 
Sonderbares, ein übereuropäischer Dandy, der sich in London Anzüge machen 
läßt, die ihm merkwürdigerweise niemals passen, und dabei doch elegant aus- 
sieht. Dieses paßt auf Fiori nicht nur äußerlich und innerlich, sondern charak- 
terisiert auch seine Bildhauerei. Da aber die Menschen mit Mittelgewichts- 
bildung immer Angst vor komplizierten Naturen, wie Fiori, haben, so prägten 
sie das Wort „veristisch“, vergaßen aber, daß dieser Bildhauer niemals ab- 
stempelbar ist. Dadurch ist es erklärlich, daß er selten einen zeitlichen, be- 
stimmt aber einen überzeitlichen Erfolg haben wird. 

Ich sitze manchmal mit Fiori zusammen, und wir schweigen oder, wenn wir 
sprechen, fällt es uns schwer, einander etwasi zu sagen. (Ich glaube, fast jedem 
Menschen geht es mit diesem Bildhauer ebenso wie mir.) Ich kenne nur wenige 
Menschen, mit denen es sich so prätentionslos schweigen läßt wie mit ihm, weil 
das Schweigen zu seinem Grundcharakter gehört. Er kann seine Erlebnisse nur 
im Ton formen und hat Angst, daß das Erlebnis im Kautschukhaften zerfließt. 
Er hält alles Erlebte für so wichtig, daß er es nicht fortschwingen lassen will, 
sondern es darf nur als etwas Einmaliges seine scharf geschnittenen Formen 
haben. Ich habe mir öfters mit Fiori Kunstwerke angeschaut (auch seine 
eigenen), aber obgleich ich immer die Empfindung hatte, daß er wie wenige 
(manchmal mir sogar verwandt) die Gegenstände verstand, so hatte er bei 
jedem wirklichen Kunstwerk immer ein merkwürdiges Staunen, das aus ängst- 
lichen Fragen bestand, und diese ängstlichen Fragen, die nicht an mich, sondern 
an das Kunstwerk gerichtet schienen, schufen in Fiori periodische Krisen, in 
denen er keinen Mut hatte, seine Erlebnisse zu bejahen, das Modell zu seinen 
Erlebnissen nicht zu finden glaubte und sogar in seinen Wegfreunden Weg- 
feinde sah. In diesem sonderbaren Staunen und in diesen sonderbaren Krisen 
gestaltete sich Fiori, der wirkliche Künstler, und hier eröffnet sich die Per- 
spektion, aus der man diesen Bildhauer betrachten darf. 

II. 

Es war ein großer Fehler der Nachrenaissancebildhauerei, daß sie immer zu 
prononciert irgendwoher kam und man bei ihr, wenn sie auch manchmal 
Beachtenswertes schuf, immer in erster Linie die Schule erkannte. Es ist nicht 
der Zweck meines Essays, die Bildhauerei unter eine kritische und Werturteils- 
lupe zu nehmen, sondern ich will nur aus Objektivität einige Bildhauer, Rodin, 
Jef Lambeau, Meunier, Maillol, erwähnen, die in ihrem Schaffen nicht den 
Stempel der Schule, sondern ihrer Persönlichkeit versinnbildlichten. Auch 
Fioris Stärke liegt in der Egozentrik. Er geht immer von sich selbst aus, und 
wenn er selten (das kann auch ein Fehler sein) bei jemandem etwas lernte 
(Maillol), so waren es auch nur egozentrische Erlebnisse und Erinnerungen. 
Selten erinnert sich Fiori an die Griechen, von denen sich italienisches Blut 
nie wird befreien können, weil die Griechen uns die Formliebe vermittelten. 
(In irgendeiner griechischen Stadt hat man einmal einem Jüngling nur deshalb 
ein Denkmal gesetzt, weil er schön war, und das ist auch die Tendenz jeder 
Fiorischen Plastik.) 


590 



Max Liebennann 


Photo Suse Bvk 




Louise Dumont Gustav Lindemann. Bronze 





Generaldirektor Fahrenhorst. Bronze 


Generaldirektor Schwab 







Andrea della Robbia, Weiblicher Kopf. Terrakottafragment 



Photos Ar. Bcck & II. Macgregor 

Elfenbein-Maske aus Benin. London, Britisches Museum 




III. 

Und jede Fiorische Plastik ist schön, und schön sind seine Porträts. Durch 
die Pleite, die die Portätmalerei durch die altgewordenen deutschen Impressio- 
nisten, durch den Beutezug, den der Ungar Lazio, der Russe Sorin, der Eng- 
länder John und der Schweizer Roche in Deutschland bei den Pluto- und 
Aristokraten gemacht haben, durch allerhand „Porträtmanufakturers“ 
schlechter als Dorfphotographen, erlitten hat, hat sie abgewirtschaftet. 

Die Sehnsucht geht heute nach Plastik. (Als Liebermann den neuen 
Reberschen Picasso neulich sah, sagte er, das ist ja keine Malerei, das ist ja 
Plastik.) Schon die impressionistischen Bildhauer haben Porträts gemacht; 
man kennt die von Rodin und die beiden Frauenköpfe von Degas, die Flecht- 
heim neulich zeigte. Der große Maillol porträtierte Renoir, und Renoir selbst 
seine Frau und seinen Sohn. Die zeitgenössischen Bildhauer schufen eine Reihe 
wichtiger Porträts. Lehmbntck modellierte die Baronin Friedländer-Fuld, Fritz 
v. Unruh, die Familie Falk in Mannheim, Dcspiau u. a. die Frauen Derains und 
Hodeberts, Kolbe sich selbst, Slevogt, den alten Thyssen und Paul Cassirer, 
Scharff u. a. den Kunsthändler Haberstock und Hindenburg, Haller seine Frau 
Chichio und die ganze Familie Hugo Simon und die schöne Frau Israel und Alfred 
Flechtheim und dessen Frau, Huf hat hundertmal seine Frau, den alten Lieber- 
mann und Walter Rathenau, Edzard ein paar Grafen und Valentino modelliert. 
Auch die Sintenis hat eine Reihe Porträts geschaffen, sich selbst zweimal, die 
Dichter Ringelnatz, Toller und Siemsen. 

Die schönsten plastischen Porträts sind aber die von Fiori, die charakte- 
ristisch für das Modell und ihn selbst sind. Auch er dringt, wie man es von 
Kokoschka behauptet (da seine Porträts oft unähnlich sind), in die Seele seiner 
Auftraggeber ein. Sie sind alle verschieden, und trotzdem wird jeder, der sich 
ein wenig damit beschäftigt, sehen, daß sie von derselben Hand modelliert 
sind. Man vergleiche seinen Dempsey mit dem Generalkonsul Baschwitz, sein 
Selbstporträt mit Gigli, die Frau Jacobson mit Carina Ari, die Bergner mit der 
Mme. de Margerie, die englische Sammlerin Mrs. Workman mit der Baronin 
Laroche. 

Zuletzt hat er eine Reihe Porträts von rheinischen Großindustriellen und 
Großkaufleuten gemacht. Da sieht man zum erstenmal, daß diese Düsseldorfer 
nicht nur „Schlotbarone“ sind, deren einziger Lebenszweck ist, Geld auf Geld 
zu legen, sondern, daß in diesen Leuten noch etwas anderes steckt, das nur 
geweckt zu werden braucht, etwas, das an die Medici erinnert. Und dies 
weckte dieser deutsch gewordene Römer bei diesen Dickschädeln. 

So schuf er den Generaldirektor Schwab und den Generaldirektor Fahren- 
horst, den Bankier Heinberg, den Architekten Fahrenkamp, die Bergrätin 
Behrens, die junge Frau Schaurte, die junge Frau Carp, den alten Flechtheim 
und endlich, für das Foyer des Düsseldorfer Schauspielhauses, Luise Duinont 
und Gustav Lindemann. 

IV. 

Und jetzt geht Fiori nach Köln. Das alte, deutsche Rom holt sich den 
deutschen Römer. 


60 Vol. 7 


591 


A us der ägyptischen Suite 

(nacli atnkanisclien o nginalmotiven gearbeitet) 


i) LIEBE5KLAGE 


Benno Bard i 





592 


2 ) BEDUINENRITT 


Benno ßardi 


Marschtempo 


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Copyright 1926 by Dr. Benno Bardi, Berlin W 15 

Nachdruck verboten. Aufführungs-, Arrangements- und Vervielfältigungsrechte für 
alle Länder Vorbehalten 


5$3 


SONDERBARE LOKALE 

Von 

ANTON M AYE R 

I nternationale Lokale jeder Art können sehr angenehm sein; man ist auf 
der ganzen Welt sofort in ihnen zu Hause und weiß ganz genau schon 
vorher, wie die Tournedos Rossini oder die Soles ä la bonne Femme schmecken 
werden; die Hotelzimmer sind sich völlig gleich, so daß man beim Aufwachen 
unmöglich wissen kann, ob man in Frisco, Rom oder Sidney ist. Das hat alles 
seine Vorzüge; aber auf die Dauer kann es enorm langweilig werden. 

Es ist also ganz amüsant, gelegentlich abseits von der großen Straße 
liegende Orte aufzusuchen, in denen man noch alles mögliche Unerwartete 
antreffen kann. Man braucht zu diesem Behufe gar nicht in weit entfernte 
oder exotische Länder zu reisen; man kann schon zum Beispiel in Griechen- 
land allerlei ganz Merkwürdiges finden. 

Am Langadapaß im Peloponnes liegt ein kleines Nest mit Namen Trypi 
(Akzent auf der letzten Silbe), in dem man übernachten muß, wenn man über 
den Taygetos von Sparta nach Kalamata reiten will. Als ich mich mit einem 
Freunde, dem Dichter Rudolf G. Binding, vor Jahren in dieser schönen Gegend 
herumtrieb, hatte unser herrlicher, nur englisch- sprechender Dragoman 
einige Tage vor unserer Ankunft in besagtem Trypi einen Boten 
dorthin gesandt, der ein Huhn zum Abendessen für uns bestellen 
sollte, da es gewöhnlich nur wochenaltes, aufgebackenes Brot, Oliven und 
dergleichen gibt. Wir freuten uns während des ganzen Rittes durch 
die Berge auf das gebratene Vieh; es stellte sich aber leider sogleich 
heraus, als es serviert wurde, daß es einige Jahre zu spät gestorben 
war, und nur mit Hilfe einer starken Kreissäge zerlegt werden konnte. In 
dem glasveranda-ähnlichen Raum des kleinen sogenannten Gasthofes, den wir 
bewohnten, standen zwei Feldbetten; der Dragoman suchte unter ihnen herum, 
zog nach einer Weile einen zerbrochenen „Potschamber“, wie man in Württem- 
berg sagt, hervor und rief triumphierend: „Yes, you liave got a laratory!“ — 
Trotz dieser ungemein prächtigen Gelegenheit waren wir am nächsten 
Morgen vor dem Abreiten genötigt, einen — sagen wir einmal seßhafteren Ort 
aufzusuchen; wir fanden ihn schließlich am Ende einer schmalen Holzgalerie, 
die frei über dem Langada- Abgrund schwebte; etwa fünfhundert Meter tiefer 
unten stürzt der Fluß durch die Schlucht. Am Ende dieser Galerie also stand 
ein kleiner Verschlag, und in diesem Verschlag eine niedrige Kiste, mit dem 
Boden nach oben, — in den ein höchstens für fünfjährige Kinder berechnetes 
Loch geschnitten war. Blickte man hindurch, so sah man im Abgrund den 
Schaum des reißenden Flusses; saß man darauf, so verschwand alles ins 
Bodenlose ... Es war wohl das sanitärste W. C., das ich je getroffen habe, 
nur daß das W. hier in ziemlicher Tiefe die Spülung besorgte . . . L T nd 
amüsanter als die marmorgepflasterte Morgenandachtshalle im Plaza oder im 
Savoy war es ganz bestimmt. 

Es ist bekannt, daß der offene griechische Wein zum Zwecke der besseren 
Konservierung mit Harz versetzt wird — man nennt ihn Rezinatwein. Man 


594 


muß lernen, ihn zu trinken, es ist nicht ganz leicht; aber wir hatten es mit 
Ausdauer und Beständigkeit bald zu einer ansehnlichen Fertigkeit gebracht. 
Nur eine richtige Kneipe, einer italienischen Osteria entsprechend, hatten wir 
noch nicht zu Gesicht bekommen. In Nauplia endlich fanden wir sie, irgendwo 
in der Nähe des Hafens. Ein verräuchertes, schmales und enges Lokal, 
der Wein floß direkt aus den an der Wand hängenden Fässern in die Gläser. 
Es mußte sich bald herumgesprochen haben, daß Fremde, „Lordoi“ dort seien; 
denn in kurzer Zeit war in der Kneipe kein Platz mehr zu finden: man saß auf 
und unter den Tischen. Jeder aber, der eintrat, lud uns ein, jeden mußten wir 
wieder einladen. Es dauerte nicht lange, bis die Gesellschaft dionysisch wurde; 
trotzdem es Karfreitag war und weltliche Lieder nicht gesungen werden 
durften, tobte bald alles in völliger Selbstvergessenheit singend und selig 
durcheinander: Arbeiter, Studenten, Bauern, Soldaten, Fischer . . . Nie 



habe ich auf der Bühne ein Bild so entfesselter und natürlicher Freude gesehen, 
wie es die kleine Hafenspelunke Nauplias bot, in der das Dasein plötzlich außer 
Rand und Band geraten schien . . . Und es war merkwürdig: als wir am über- 
nächsten Tage in die Gegend der Stadt kamen, welche das Lokal beherbergen 
mußte, suchten wir es vergeblich; wir konnten es nie wieder finden. Als ob 
nur für die eine Nacht ein sonderbares und spukhaftes Leben in den 
geschwärzten Räumen aufgezuckt wäre, um nach unserem Weggang zugleich 
mit den Weinfässern und dem ganzen Hause wieder zu verschwinden. Aber 
ich würde viel darum geben, wenn ich noch einmal dort sein könnte . . . 

Auch was den Tanz anbetrifft, bekommt man manchmal Dinge zu sehen, 
die sehr viel aufreizender und merkwürdiger sind, als der beinverrenkendste 
Charleston oder Black Bottom. In einem kleinen Cafe an der Grenze Ober- 
ägyptens und des Sudans konnte ich einmal einen sehr sonderbaren Trance- 
Tänzer beobachten, dessen Produktion irgendeine okkulte oder religiöse Be- 
deutung hatte, die mir nicht erklärt wurde; ich weiß also bis heute nicht, was 


595 


das Ganze eigentlich war. Das Milieu war düster, schweigende Araber, Sudanesen 
und andere, undefinierbare Gestalten saßen mit gekreuzten Beinen da, vor sich den 
unvermeidlichen Mokka, lange Pfeifen rauchend. Ich wurde vorsichtig hinter 
einen Vorhang gestellt und durfte zusehen; da ich im Umkreis von vielen 
Kilometern der einzige Weiße war, schien die Echtheit des Ganzen garantiert. 
In der Mitte des Raumes stand ein völlig nackter Sudan-Neger und hielt, voll- 
kommen bewegungslos, mit ausgestreckten Armen einen Stock vor sich hin. 
Seine Augen waren geschlossen, sein Gesicht erhoben. Nach einer Weile lief 
ein Zittern über seine Haut, von den Fingerspitzen an beginnend, und bewegte 
die Epidermis, wie wenn ein Pferd eine Bremse mit einem Zucken des helles 
vertreibt. Die Bewegung lief wellenförmig rhythmisch über den ganzen Körper 
des Mannes bis in die Fußspitzen, wallte wieder zurück und wiederholte 
ihren Weg einige Male; dann fiel der Neger plötzlich vollkommen steif um 
und blieb regungslos liegen. Im gleichen Moment wurde ich fortgezogen und 
mußte mich wegführen lassen; was weiter mit dem Trancetänzer geschah, weiß 
ich nicht; vermutlich erfolgten einige fakirhaft-sadistische Mysterien, die zu 
sehen mir als Ungläubigem nicht gestattet wurde. Ich kann aber versichern, 
daß dieser Haut-Tanz des Sudanesen eine der erregendsten Sachen war, die 
ich je erlebt habe. Die schweigende Konzentration der Versammlung, die 
durch eine arabische Musik von wenigen Instrumenten nur noch eindrucks- 
voller wurde, mußte sogleich in ihren Bann ziehen, und die körperliche, er- 
wartungsvolle Atemlosigkeit teilte sich dem Empfinden ohne weiteres mit; 
es war, als würde ich von dem dumpfen, alle Anwesenden beherrschenden 
Willen widerstandslos mitgerissen. 

War hier trotz der Unklarheit, welche die Bedeutung des fraglos mit 
sexuellen Motiven verknüpften Vorganges verschleierte, die Luft voller Er- 
regungen, so mußten alle derartigen Gefühle in einem Lokale sofort in Nichts 
zusammenfallen, dessen Bedeutung keinen Augenblick lang mißverstanden 
werden konnte. Es war eine „dem Vergnügen der Einwohner“ geweihte 
Stätte in Trinidad; allerdings eine solche nicht eben hohen Ranges. Die Ein- 
richtung war bemerkenswert; das einzige Zimmer des ganzen Etablissements 
wurde kurz und einfach durch zwei Vorhänge geteilt, hinter denen zwei 
bettähnliche Gestelle standen; zwischen ihnen eine Lavatory nach Langada- 
Muster. Einige schwarze Mädchen bevölkerten die Sündenhöhle, denen man, 
da sie sehr jung waren, wohl einen gewissen Reiz nicht absprechen konnte; 
indessen strömten sie einen durch die ansehnliche Hitze der Nacht verstärk- 
ten kräftigen Duft aus, der eine nähere Bekanntschaft durchaus unratsam 
erscheinen ließ. Die zahlreichen Kunden der vermutlich beliebten Oertlichkeit 
ließen sich durch unsere Anwesenheit nicht im geringsten stören, so daß wir 
infolge der mannigfachen hinter den Vorhängen ertönenden Ausrufe, Seufzer 
und Schreie ein anschauliches Bild das farbigen Temperaments bekamen, das 
bei besonders heftigen Ausbrüchen auch durch entsprechende Bewegungen des 
ersten Vorhanges verstärkt wurde. Es gab übrigens einen recht guten Whisky 
dort, so daß man einige Zeit in angeregter Unterhaltung verbringen konnte. 

Es ist also doch in jedem Falle besser, an die Quellen und Gründe alles 
Bestehenden zurückzukehren! 


596 


DUNKLES LACHEN 

Von 

SII ER WO ODA NDER SON 

H itze! Bruce Dudley ist gerade den Fluß herabgekommen. Juni, 
Juli, August, September in New Orleans. Man kann aus einem 
Platz nicht etwas machen, was er nicht sein will. Es war langsam ge- 
gangen, den Fluß herab. Wenig oder keine Boote. Oft tagelanges Her- 
umtreiben in Flußstädten. Man kann ja einen Zug nehmen und fahren, 
wohin es einem gefällt, aber wozu die Eile? 

Bruce hatte um diese Zeit, wo er gerade Bernice und seine kleine 
Beschäftigung an einer Zeitung verlassen hatte, immerzu seine Ge- 
danken auf etwas gerichtet, was sich etwa mit den Worten ausdrücken 
ließe. „Was soll deine Eile?“ Er saß im Schatten von Bäumen am Fluß- 
ufer, machte eine Fahrt auf einem Boot, fuhr auf den kleinen Paket- 
booten des Ortes, saß an den Lagerplätzen in Uferstädten, schlief und 
träumte. Die Leute unterhielten sich in einer trägen, gedehnten Sprech- 
weise, Nigger stapelten Baumwolle, andere Nigger fischten im Fluß. 

Die Nigger waren etwas, womit Bruce sich beschäftigte, er be- 
obachtete sie, dachte über sie nach. So viele schwarze Menschen, die 
langsam braun wurden. Dann kam ein helles Braun, die samtfarbenen 
Brauntöne. Kaukasische Gestalten. Die braunen Frauen hatten es 
darauf abgesehen, die Rasse heller und heller werden zu lassen. Weiche 
Südlandnächte, v/arme, dunkle Nächte. Schatten, die an den Rändern 
der Baumwollpflanzungen dahinflitzten, auf dunklen Landstraßen bei 
Sägemühlenortschaften. Lachen sanfter Stimmen. 

Oh, ma banjo dog, 

Oh, ho ma banjo dog. 


An’ I ain’t go’na give you 
None of ma jellv roll. 


So viel von dieser Art Dingen in amerikanischem Leben. Ist man ein 
denkender Mann — und Bruce war einer — macht man halbe Bekannt- 
schaften — halbeFreundschaften — Franzosen, Deutsche, Italiener, Eng- 
länder — Juden. Die intellektuellen Kreise des mittleren Westens, an 
deren Peripherie Bruce gespielt hatte — dabei beobachtet, wie Bernice 
kühner darin eintauchte — waren voller Menschen, die ganz und gar 
nicht amerikanisch waren. Da gab es einen jungen polnischen Bildhauer, 
einen italienischen Bildhauer und einen französischen Dilettanten. War 


597 


da etwas wie ein Amerikaner dabei? \ ielleicht war Bruce selbst etwas 
Derartiges. Er war unbekümmert, ängstlich, kühn und scheu. 

W enn man eine Leinwand ist, zuckt man dann vielleicht einmal zu- 
sammen, wenn der Maler vor einem steht? Alle die anderen geben ihm 
von ihrer Farbe ab. Eine Komposition entsteht. Er die Komposition. 

Konnte er es jemals wirklich wissen, ob Jude, Deutscher, Franzose 
oder Engländer? 

Und jetzt Nigger. 

Das Bewußtsein brauner Männer, brauner Frauen drang mehr und 
mehr in amerikanisches Leben — unter diesem Zeichen auch in sein 
Leben. 

Williger einzudringen, gieriger einzudringen als je der Jude, der 
Pole, der Deutsche, der Italiener. Herumstehend, lachend — durch die 
Hintertür hereingekommen — mit schiebenden Schritten, einem Lachen 

— einem Tanz im Körper. 

Feststehende Tatsachen sollten manchmal ins Auge gefaßt werden 

— von Einzelpersonen — , wenn sie vielleicht in einer intellektuellen 
Kerbe sitzen — wie Bruce gerade eben. 

Als Bruce nach New Orleans kam, fand er die langen Docks dem 
Flusse gegenüber liegen. Als er die letzten zwanzig Meilen vor sich 
hatte, lag vor ihm ein kleines Hausboot, das gerade einen Gasmotor bekam. 
Die Zeichen darauf: „Dein Wille geschehe.“ Irgendein Wanderprediger 
vom oberen Strom, der flußabwärts zog. um die Welt zu retten: „Jesus 
wird erretten.“ Der Prediger, ein bleicher Mensch mit schmutzigem 
Bart, barfuß, auf dem Rand des Bootes. Sein Weib, ebenfalls barfuß 
in einem Schaukelstuhl. Ihre Zähne waren schwarze Stumpen. Zwei 
nacktbeinige Kinder lagen auf dem schmalen Deck. 

Die Docks der City dehnen sich in einem großen Halbmond. Große 
Ozeanfrachtdampfer laufen ein, bringen Kaffee, Bananen, Früchte, 
Waren, laden Baumwolle, Holzstämme, Getreide und Oel. 

Nigger in den Docks, Nigger in den Straßen der City, Nigger, die 
lachen. Dauernd in einem trägen Tanz begriffen. Deutsche Kapitäne, 
Franzosen, Amerikaner, Schweden, Japaner, Engländer. Schotten. Die 
Deutschen segeln jetzt unter einer anderen als ihrer eigenen Flagge. 
Die Schotten segeln unter der englischen Flagge. Saubere Schiffe, 
schmutzige Vagabundenschiffe, halbnackte Nigger — ein Schattentanz. 

Wieviel kostet es, ein tüchtiger Mann zu sein, ein ernster Mann? 
Wenn wir nicht tüchtige, ernste Männer hervorbringen können, wie soll 
man je zu einem Fortschritt kommen? Zu nichts können wir es bringen, 
wenn wir nicht bewußt — ernstlich bewußt sind. Eine braune Frau, 
die dreizehn Kinder hat — zu jedem Kind einen anderen Mann — geht 
zur Kirche, singend, tanzend, breite Schultern, breite Hüften, sanfte 


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Der neue Straßenbahnhof in Berlin. Architekt Jean Krämer 


Photo E. Leitner 




Amari-Tempel in Kyoto (Japan) 


Photo l ndcrwood 



Burg Runkel im Lahntal 


Photo Aur. R u PI 





Wohnhausfassaden des Berliner Straßenbahnhofs. Architekt Jean Krämer 


Photo E. Leitner 


Augen, eine sanfte, lachende Stimme — empfängt Gott in der Sonntag- 
nacht — empfängt — was — in der Mittwochnacht? 

Mann, du mußt früh aufstehen und etwas tun, wenn du vorwärts- 
kommen willst. 

Wiiiam Allan White, Heywood Broun schreiben Kritiken über die 
Künste — warum nicht? — Oh, ma banjo dog — Van Wyck Brooks, 
Frank Crowninshield, Tululla Bankhead, Henry Mencken, Anita Loos, 
Stark Young, Ring Lardner, Eva Le Galliene, Jack Johnson, Bill Hey- 
wood, H. G. Wells schreiben gute Bücher, nicht wahr? The Literary 
Digest, The Dial Book of Modern Art, Harry Wills. 

Sie tanzen im Süden — vor der Stadt — Weiße in einem Pavillon 
in dem einen Feld, Schwarze, Braune, Tiefbraune, Samtbraune in einem 
Pavillon in dem nächsten Feld — bis auf den letzten Mann. 

Wir sollten mehr ernste Männer in diesem Lande haben. 

In einem Felde dazwischen steht Gras. 

Oh, ma banjo dog! 

Gesang in der Luft, ein träger Tanz. Hitze. Bruce hatte damals 
etwas Geld. Er hätte eine Anstellung bekommen können, aber wozu? 
Well, er hätte in die Oberstadt gehen und den New Orleans Picayune 
ankriegen können! Oder den Item oder die States um eine kleine 
Beschäftigung. Und warum eigentlich nicht, Jack Mc. Clure besuchen, 
den Balladenschreiber vom Picayune? Schenk uns ein Lied, Jack, 
einen Tanz — den Gumbo-Wirbe). Komm, die Nacht ist heiß. Wozu 
aber? Er hatte ja noch etwas von dem Geld, das er sich in die Tasche 
gesteckt hatte, als er Chicago verließ. In New Orleans kann man eine 
Bodenkammer zum Schlafen haben für 5 Dollar monatlich, wenn man 
es versteht. Man versteht es, wenn man nicht arbeiten will, wenn man 
schauen will und hören — wenn der Körper faul sein soll, während der 
Geist arbeitet. New Orleans ist nicht Chicago. Es ist nicht Cleveland 
oder Detroit. Gott sei Dank. 

Niggermädchen in den Straßen, Niggerweiber, Nigger. Eine braune 
Katze streicht durch den Schatten eines Gebäudes. „Komm, braune 
Miez, komm, hol dir deine Sahne!“ Die Männer, die in den Docks von 
New Orleans arbeiten, haben schlanke Flanken, wie Rennpferde, breite 
Schultern, lockere, schwere Lippen, die herabhängen — Gesichter wie 
alte Affen, manchmal — Körper wie junge Götter, manchmal. Am 
Sonntag, wenn sie zur Kirche gehen oder zu einer Taufe, können sich 
die braunen Mädchen nicht genug tun in Buntheit — prunkende 
Niggerfarben auf Niggerfrauen lassen die Straßen aufflammen, tief- 
purpurne, rote und gelbe Töne, grün wie junge Getreideschößlinge, 
flammen auf. Sie schwitzen. Die Hautfarben braun, goldgelb, rotbraun 
und purpurbraun. Wenn der Schweiß die schlanken, braunen Rücken 


599 


hinunterrinnt, treten die Farben her- 
vor und tanzen vor den Augen. Das 
solltet ihr aufleuchten lassen, ihr 
dummen Maler, fangt es im Tanz. 
Singtöne in Worten, Musik in Wor- 
ten — in Farben nicht weniger. 
Dumme, amerikanische Maler! Sie 
jagen einem Gauguinschatten bis 
zu den südlichen Seen hinunter nach. 
Bruce hat ein paar Gedichte ge- 
schrieben. Bernice ist sehr fern ge- 
rückt — in wie kurzer Zeit. Gut, 
daß sie es nicht wußte. Gut, daß 
keiner weiß, wie unwichtig er ist. 
Wir brauchen ernste Männer — die 
sollten wir haben. Wer wird es der 
Welt zeigen, wenn wir keine von 
dieser Art bekommen? Für Bruce 
gab es zurzeit keine sinnliche Emp- 
findung, die Ausdruck durch seinen 
Körper suchte. 

Komisches Geschäft, Bruce versuchte, Gedichte zu schreiben. Als er 
diese Beschäftigung an der Zeitung hatte, wo man doch eigentlich 
schreiben soll, hatte er niemals die geringste Lust dazu. Weiße Männer 
aus dem Süden pumpen sich, bevor sie Lieder schreiben, erst mit Keats 
und Shelley an. 

I am giving out of the richness of myself to manv mornings. 

At night, when the waters of the seas murmur I am murmuring. 
I have surrendered to seas and suns and days and swinging ships. 
My blood is thick with surrender. 

I shall be let out through wounds and shall colour the seas and 
the earth. 

My blood shall colour the earth where the seas come for the 
night kiss, and the seas shall be red. 

Was bedeutete dies? Oh, lache ein wenig, Mann. Was liegt daran, 
was es bedeutet? Oder dies: 

Give me the word, 

Let my throat and my lips caress the words of your lips. 



Heiße Tage. Süße Mutter! 


600 


Give me the word. 

Give me three words, a dozen, a hundred, a history. 

Give me the word. 

Ein hilfloses Kauderwelsch von Worten in seinem Kopf. Im alten 
New Orleans sind die engen Straßen voller Eisengitter, die hinweg- 
leiten an feuchten, alten Mauern entlang nach kühlen Patios. Das 
ist reizend — alte Schatten tanzen über entzückende alte Mauern. 
Aber eines Tages wird dies alles niedergerissen werden, um Raum zu 
schaffen für Fabriken. 

Bruce lebte fünf Monate lang in einem alten Hause, wo die Miete 
niedrig war, und wo die Schwaben die Wände auf und nieder rannten. 
Niggerfrauen wohnten in dem Gebäude in der engen Straße gegenüber. 

Man liegt nackt im Bett, an heißen Sommermorgen und läßt den 
träge kriechenden Flußwind herankommen, wenn er will. Gegenüber 
in der Straße, in einem Zimmer, erhebt sich eine Niggerfrau von zwanzig 
Jahren um fünf Uhr früh und reckt die Arme. Bruce rolltherum und guckt. 
Manchmal schläft sie allein, aber manchmal schläft ein brauner Mann 
mit ihr. Dann recken sich alle beide. Schmalflankiger, brauner Mann, 
Niggergirl mit schlankem, biegsamem Körper. Sie weiß, daß Bruce 
schaut. Was macht es? Er schaut, wie man auf einen Baum sieht oder 
auf junge Füllen, die auf einer Weide spielen. 

Bruce stand auf und ging eine enge Straße entlang in eine andere 
Straße in der Nähe des Flusses, wo er Kaffee und eine Stange Brot 
für 5 Cents bekam. An Nigger den- 
ken! Was für ein Geschäft ist das! 

Wie kommt er dazu? Menschen aus 
dem Norden werden oft häßlich, 
wenn sie über Nigger nachdenken, 
oder sie werden sentimental. Bieten 
Mitleid, wo keins verlangt wird. Die 
Männer und Frauen aus dem Süden 
haben vielleicht besseres Verständ- 
nis dafür. „Zum Teufel, habt euch 
nicht! Laßt die Dinge strömen! Laßt 
uns in Frieden! Wir wollen strö- 
men!“ Braunes Blut strömt, weißes 
Blut strömt, tiefer Fluß strömt. 

Ein träger Tanz, Musik, Schiffe, 

Baumwolle, Getreide, Kaffee. Ge- 
dehntes, träges Lachen der Nigger. 

Bruce erinnerte sich an einen Satz, 



3 ' 


601 


den er einmal von einem Neger geschrieben sah: „Könnte ein weißer 
Dichter jemals wissen, warum mein Volk so sanft schreitet und bei 
Sonnenaufgang lacht?“ 

Hitze. Die Sonne steigt in einem senffarbigen Himmel empor. Trei- 
bender Regen, der gezogen kam, sprengte ein halbes Dutzend Blocks 
der City-Straßen, und in zehn Minuten war keine Spur von Senf mehr 
übrig. Zu viel feuchte Wärme, als daß ein wenig mehr feuchte Wärme 
etwas zu sagen hätte. Die Sonne leckte es auf, nahm einen Schluck für 
sich. Hier könnte man einen klaren Kopf bekommen. Einen klaren Kopf 
wofür? Well, nur keine Eile. Laß dir Zeit. 

Bruce lag träge im Bett. Des braunen Mädchens Körper war wie ein 
dickes, schwankendes Blatt einer jungen Bananenpflanze. Wenn man 
jetzt ein Maler wäre, könnte man das — vielleicht — malen: Ein 
braunes Niggermädchen in einem breiten, schwankenden Blatt, und es 
nach dem Norden senden. Oder warum es nicht einer Dame der 
Gesellschaft von New Orleans verkaufen? Ein wenig Geld bekommen, 
um noch eine Weile herumzulungern. Sie würde es nicht wissen, würde 
es niemals ahnen. Eines braunen Arbeiters schmale, geschmeidige 
Schenkel wie den Stamm eines Baumes malen. Und es dann in das Art 
Institut in Chicago schicken. Es den Anderson Galleries in 
New York schicken. Ein französischer Maler ist an die Südsee gegangen. 
Freddy O’Brien ist heruntergegangen. Erinnert ihr euch, wie das braune 
Weib versuchte, ihn zugrunde zu richten, und er sagte, wie er entwischt 
ist? Gauguin hatte sein Buch stark gepfeffert, aber man hat es für uns zu- 
rechtgemacht. Niemand hat sich viel darum gekümmert, auch nicht, 
als Gauguin tot war. Man bekommt so eine Tasse Kaffee für fünf Cents 
und dazu eine große Stange Brot, kein Spülwasser. In Chicago ist der 
Morgenkaffee an billigen Stellen wie Spülwasser. Nigger wollen gute 
Sachen, gute, große, süße Worte, Fleisch, Getreide, Zucker. Nigger 
wollen eine freie Kehle haben zum Singen. Ist man ein Neger im Süden 
drunten, so hat man ein bißchen weißes Blut in sich. Noch ein bißchen, 
und noch ein bißchen. Die Reisenden von Norden helfen dazu, sagen 
sie. O Himmel, o my banjo dog! Erinnert ihr euch an die Nacht, in der 
Gauguin nach Hause kam zu seiner kleinen Hütte und hier im Bett 
das schlanke, braune Mädchen auf ihn warten fand? Lest lieber das Buch. 
Noa-Noa nennen sie es. Brauner Mystizismus in den Wänden eines 
Zimmers, in dem Haar — eines Franzosen, in den Augen eines braunen 
Mädchens. Noa-Noa. Erinnert ihr euch an das Gefühl der Fremdartig- 
keit? Ein französischer Maler, der im Dunkeln auf dem Boden kniet, 
und die Fremdartigkeit riecht. Das braune Mädchen, das die Fremdartig- 
keit riecht. Liebe? Weiß man’s? Der Geruch der Fremdartigkeit. 

Geh sachte, hab keine Eile. Was soll all das Herumstürzen? 


602 


Ein bißchen mehr Weiß, ein kleines bißchen mehr Weiß, ins Graue 
gehendes Weiß, trübes Weiß, dicke Lippen — manchmal wülstig. Wir 
gehen ineinander über! Etwas geht auch verloren. Der Tanz der Körper, 
ein träger Tanz. 

Bruce auf einem Bett in einer fünf-Dollar-Kammer. Drüben, breite 
Blätter junger Bananenpflanzen, die sich wiegen. „Weißt du, warum 
mein Volk am Morgen lacht? Weißt du, warum mein Volk sanft 
schreitet?“ 

Schlaf wieder, weißer Mann. Keine Hast. Dann eine Straße entlang 
nach Kaffee und einer Stange Brot für fünf Cents. Matrosen von den 
Schiffen, trübäugig. Alte Niggerweiber und weiße Frauen gehen zum 
Markt. Sie kennen einander. Weiße Frauen und Niggerfrauen. Geh 
sachte, keine Hast. 

Gesang — ein träger Tanz. Ein weißer Mann liegt noch in den 
Docks auf einem Fünf-Dollar-pro-Monat-Bett. Hitze. Keine Hast. Wenn 
du dich von dieser Hast freimachst, arbeitet dein Verstand vielleicht, 
vielleicht wird es auch in dir zu singen beginnen. 

Mein Gott, es wäre nett, mit Tom Wills hier unten. Soll ich ihm 
einen Brief schreiben? Nein, besser nicht. Ein wenig später, wenn kühle 
Tage kommen, treibt man wieder nach Norden hinauf. Kommt dann 
eines Tages hierher zurück. Bleibt ein paar Tage hier. Schaut und hört. 

Gesang — Tanz — ein träger Tanz. Deutsch von B. Schiratzki. 

OSKAR FRIED IN PARIS 

EIN INTERVIEW 

Von 

MAT TIIEO QUINZ 

I. 

O skar Fried am Telephon: Sie wollen zu mir kommen, um mich zu inter- 
viewen? Das macht Ihnen doch nur Ungelegenheiten ! ... So, das ist Ihr 
Metier? Na, können Sie denn das Interview nicht ohne mich machen? . . . 
So? Geht nicht? Das ist aber ein Jammer. Na, worüber wollen Sie mich 
denn fragen? . . . Ueber Paris? ... Na also: Paris ist eine sehr schöne 
Stadt, wunderhübsch. Das wissen Sie doch auch, nicht wahr? Na also, 
sehn Se, jetzt können Sie den Rest doch ohne mich schreiben? . . . Wirklich 
nicht? Tjaaa, dann müssen Sie mich morgen ganz früh noch mal anrufen. 
Aber gaanz früh. Was? Sie stehen auch ganz früh auf? Das tut mir aber 
leid. Ach nee, ich hatte gehofft, Sie schlafen lange. Ja, was machen Sie 
denn so früh auf? . . . Was? Wie? Sie haben einen Garten? So! Na, das 
ändert die Sache ja gewaltig. Ich habe nämlich auch einen Garten. Ta, 
dann dürfen Sie kommen. Um io Uhr? Gut, gut, ich erwarte Sie mit Ver- 
gnügen. Können Sie auch Unkraut ausrupfen ? 


603 


II. 


In der Teutonenstraße in Nikolassee steht zwischen hochachtbaren 
Bürger-Villen mit prima Stuckfassaden ein nettes, kleines oberbayerisches 
Försterhaus. Zieht der Besucher an der Klingel, so erschreckt ihn nicht das 
übliche seelenlose Schnarren eines Apparates, sondern wohltuendes Ge- 
bummere einer veritablen Kuhglocke größten Formates begrüßt ihn mit der 
Sanftmut, die ihren großäugigen Trägerinnen auf den Almen eigen ist. Der 
Hausherr, nicht ganz so bajuvarisch wie sein Geläute, aber braungebrannt, 
sperrt selber auf, in weiten, gerippten Manchestersamthosen, Wollspenzer 
und Haferlschuhen. 

,, Schade, daß Sie gekommen sind! Ich habe schon gehofft, Sie hätten auf 
das Interview vergessen. Also, was soll ich Ihnen sagen? Gar nichts werde 
ich Ihnen sagen! Haben Sie auch solche Aepfel? Nä, haben Sie nicht! Die 
werden so groß wie die Kinderköpfe! Und wenn das alles voll hängt und 
die Sonne darauf scheint, könnte man fast denken, man sei im Süden! 
Wissen Sie eigentlich, wieso Menschen auf die verrückte Idee gekommen 
sind, sich ausgerechnet hier mitten im Sand unter diesem tristen Himmels- 
strich anzusiedeln? Sehn Se, das wissen Sie auch nicht! Darüber sollten 

Sie ein Interview machen! Aber über Paris und mit mir? Hier ist 

übrigens mein Komposthaufen, der Stolz des Landmanns. Das ist viel wich- 
tiger. Und heute essen wir Erdbeeren, das heißt, erst wenn Sie weg sind! 
Was sagen Sie, dirigieren? Ob ich . . . .? Kennen Sie diese Erbsen? Zucker- 
erbsen, herrlich ! Ja, ins Haus können Sie auch reinkommen. Bitte — schön. 
Aber die Schuhe gut abwischen.“ 


III. 

Die Holztür zum Haus ist mit dem Reliefbild eines Dackels geziert und 
darüber die Inschrift 

MIR SAN MIR. 

(Für nichtbayerische Leser sei erklärt, daß dies der Wahlspruch der Feld- 
mochinger Bauern ist, welche in ihrer Heimat als die ,.großkopfetsten“ gelten. 
Im ganzen heißt der Spruch: „Mir san mir und schreim uns uns,“ auf 
norddeutsch: „Wir sind wir und schreiben uns uns.“ Auf Berlinisch-kurz: 
„Als wie icke.“) 

„Bei mir im Haus ist nämlich alles vom Ammersee, meine Frau und 
meine Kinder, ich bin allerdings nicht vom Ammersee.“ 

In einem Verandazimmer im ersten Stock. Große Pause! 

„Tja. Wollen Sie mich noch immer interviewen? Daß Paris wunder- 
hübsch ist, habe ich Ihnen doch schon am Telephon gesagt. Mit meinen alten 
guten Freunden, Herriot und Painleve — seit 20 Jahren sind wir befreundet 
— das war schon prachtvoll. Und dann die Pariser Gesellschaft, so etwas 
von Gastfreundlichkeit, von Freude . . . Meine Concierge ist aus dem Zittern 
über die Visitenkarten gar nicht mehr herausgekommen. La Princesse de . . . 

604 


Le Comte de . . . Eine Einladung zur Duchesse de Clermont-Tonnere . . . 
Tonnere, herrlicher Name, so wie bei uns Donnersmark! Aber viel älter! 
Zur Zeit der Kreuzzüge, da waren die Tonneres sicher schon dabei. Also die 
Duchesse de Clermont-Tonnere hat ihr Palais oberhalb Paris. Man sieht 
vom Park aus über die ganze Stadt — so gegen Abend, das hat schon etwas. 
In den Salons verkehrt alles Mögliche, auch Boheme gibt es in Paris noch, 
so richtig mit Schlapphüten und Lavallieres. Ich habe als erster Deutscher 
wieder in der Großen Oper dirigiert, Strawinsky, Sacre du Printemps und 
die Neunte... Dieses Gesellschaftsbild... Ob es ein Erfolg war? Weiß ich 
nicht. Das müssen Sie besser wissen! Ich fand es herrlich . . . Riechen 
Sie mal! Riechen Sie mal! Nach was riecht es? Es gibt heute Schweine- 
braten! Bekommen Sie heute auch 
Schweinebraten ?“ 

„Noch was über Paris wollen Sie 
wissen? Aber Menschenskind, lesen 
Sie doch ’ne Zeitung, ich habe keine 
Eindrücke gehabt. Und über mein 
Gastspiel waren alle Zeitungen voll, alle 
Größen von Artikeln finden Sie da. 

Auch angegriffen bin ich worden, von 
L’Intransigeant, mit Recht! Und 
der Lokalanzeiger hat es nachgedruckt, 
auch mit Recht. Und Herriot hat mich 
in die Sorbonne zu einem Vortrag 
über Berlioz mitgenommen. Kennen 
Sie den großen Saal der Sorbonne mit 
den Fresken von Puvis de Chavannes 
und den Säulen? Wie wir einmal schiert 
sind, ist alles rechts und links auf- 
gestanden und hat sich vor dem 
Minister verbeugt. Mich ging es ja gar 
nichts an, aber es war doch sehr 
schön. — Pläne? Nö, hab ich nicht! 

Kennen Sie Leute vom Film? Wissen Sie, so die Leute, die in kleinen Büros 
sitzen und wirklich die Filme machen. Filmmusik möchte ich gerne mal 
schreiben. Nicht zu „Araukaria, die verkaufte Gaucho-Braut“, aber zu 
einem guten Film. Ob das zuviel Arbeit für eine Eintagssacne wäre? Sehen 
Sie mal, die Geschichte ist doch so: Bach z. B. brauchte als Kantor jeden 
Sonntag zum Gottesdienst für seine Leute eine neue Kantate, und da hat 
er eben für jeden Sonntag so eine Kantate geschrieben, nur für diesen 
Zweck, wie man eben ein regelmäßiges Pensum erledigt. Zufällig war nun 
dieser Bach ein Genie. Wissen Sie jetzt genug für Ihr Interview? Wenn 
Sie wieder mal herauskommen, reden wir nämlich nur über den Garten! 
Nicht wahr? Wenn Sie nicht auch einen Garten hätten, hätte ich Sie gar 
nicht hereingelassen. Ueberhaupt . . . ich glaube gar nicht, daß Sie auch 
einen Garten haben. 



KARDINAL PIFFL 

Von 

CAROLUS CRACAS (WIEN) 

B ei der Wiener Beethovenfeier, da die österreichische Hauptstadt 
nach langer Zeit wieder einmal eine große internationale Gesell- 
schaft in ihren Mauern vereinte, zog ein roter Kardinalsmantel die 
allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Die Gesandten der fremden 
Staaten verneigten sich vor ihm, der gewesene Jakobiner Herriot wie 
der Repräsentant des protestantischen Deutschlands, der sozialistische 
Bürgermeister Wiens wie der liberale Präsident des Landes. Die 
Reverenz galt dem ungekrönten Herrscher des Katholikenlandes, dem 
Fürsterzbischof von Wien, Kardinal Piffl. 

Im alten Oesterreich führten verschiedene Wege zum fürst- 
erzbischöflichen Stuhl: Kardinal Schwarzenberg war ein Kavalier aus 
dem alten böhmischen Adelsgeschlecht. Fürsterzbischof Skrbensky kam 
von der k. und k. Kavallerie, der Olmützer Erzbischof Dr. Kohn ent- 
stammte einer kleinen jüdischen Familie. Kardinal Piffl ist ein Bauern- 
sohn aus Oberösterreich, augenblicklich aber einer der wenigen Kirchen- 
fürsten auf deutschem Boden, die als ,, große Kardinäle“ anzusprechen 
sind. Man hat ihn mit dem Kardinal Ganganelli verglichen, dem späte- 
ren Papst Klemens XIW, von dem Josef II. an seine Mutter, die Kaise- 
rin Maria Theresia, schrieb, der neue Papst werde ,,da und dort viel- 
leicht nicht genehm sein“, er sei bescheidener Abkunft, ein Bruder des 
Papstes sei Tischler, ein Neffe Geigenspieler in den Osterien, aber er 
selber ,.ein Mensch von hohem, geistigem Flug und ein bedeutender Ka- 
suist“. Kardinal Piffl knüpft sehr gern an diese Zeit an. da Josef II., 
achtundzwanzig Jahre alt, „bescheiden angezogen wie ein gewöhnlicher 
Tourist“, zum erstenmal nach Rom kam, Museen, Bibliotheken, Kirchen 
besuchend und auch die schöne Fürstin Marianne Colonna Este, von der 
ein Zeitgenosse sagte: „Questa superba amazone del cor saettatrice“. 

Hundertfünfzig Jahre bedeuten nichts dem zeitlosen Blick eines Man- 
nes, der den Wandel der Dinge als Folge höherer Fügung betrachtet. 
Damals verlangten die streng katholischen bourbonischen Höfe die Auf- 
hebung des Jesuitenordens. In der Kirche II Gesü, wo der Jesuiten- 
general Ricci Josef II. den Silbersarkophag des Heiligen Ignatius zeigte, 
fragte der Kaiser den Jesuiten: „Auf welche Weise habt ihr einen so 
großen Schatz gesammelt?“ „Aus frommen Spenden“, gab der Jesuit 
zur Antwort. „Sollten nicht auch“, bemerkte der Kaiser, „die Profite 
in Indien dazu beigetragen haben?“ Auch der Wiener Hof war den 
Jesuiten nicht hold. Und der Papst schwächer als die Habsburger. 
Klemens XIII. mußte der Opposition gegen die Jesuiten nachgeben. 


606 





Photo R. Mahrenholz Photo Rieß 

Margo Lion in den „Hetärengesprächen“ und als Madame de Pompadour 





Galerie Paul Guillaume, Paris 




T n t e r nationale A usstellu n q ' H a m ly u r 


s > 


1927 




SIg. Roher, Lugano 

Picasso, Der Harlekin. Oelgemälde 


Photo Vollard, Paris 

Aristide Maillol, Frauengruppe. ßronze 




N 



Soldaten mit Rundgewichten 



G. H. Wolff, Holzrelief 




Aber er wollte die Aufhebung des Ordens nicht allein verfügen, sondern 
das Konsistorium entscheiden lassen. Einen Tag zuvor starb er. Josef II. 
kam gerade zumKonklave. Die drei regierendenKardinäle überschütteten 
ihn mit Aufmerksamkeiten. Hundertfünfzig Lakaien, so erzählt ein Zeit- 
genosse, schleppten die kostbarsten Gaben herbei, „die für eine ganze 
Armee von Feinschmeckern genügt hätten“, blumengeschmückte Fleisch- 
schüsseln, Fäßchen mit marinierten Fischen, Früchte, Pfauen, Fasanen, 
Ferkel, acht Faß römischen, siebzehn Faß kanarischen Weins, zwei 
Fäßchen Rosoli-Likör und mit Edelsteinen besetzte, goldgefaßte Reli- 
quien. Die Reliquien, die der Vatikan dem Feind der Kirche zu Füßen 
gelegt, sind heute noch in der Wiener Schatzkammer des ehemaligen 
Kaiserhauses erhalten. Sie stehen unter der Obhut der Republik. 

Im erzbischöflichen Palais auf dem Stefanplatz, dessen damast- 
behangene Fenster auf siebenhundert Jahre alte Steine schauen, ist der 
Thron von der Zeit unberührt geblieben. Sein Fürst, der Bauernsohn 
aus Oberösterreich, hat nur einen Blick: nach Rom. Er ist in einer Zeit 
aufgewachsen, da der Wiener Hof längst zur Demut zurückgekehrt war, 
der Kaiser sich vor allem als Diener der Kirche fühlte; aber die Kirche 
als Macht supranaturaler Ordnung verdammt grundsätzlich keine Re- 
gierungsform, vorausgesetzt, daß ihre alte Haltung und Freiheit nicht 
beschränkt werden. Unter der Monarchie und unter der Herrschaft des 
Konkordats erkannte der Staat die Förderlichkeit der Religion für das 
Staatswohl an. Die Kirche galt als staatliche Einrichtung; der Staat 
übertrug ihr die Sorge um das religiöse Leben. Die Schule war ihr 
untertan. Solange die Republik unter der Hand der Christlichsozialen 
Partei bleibt, wird der Statthalter Roms auch mit der Republik in 
Frieden leben. Streit erwächst nur dort, wo die Gemeinde Wien, unab- 
hängig vom Staat, die Schule nach eigenem Ermessen gestalten darf. 
Hier läßt Kardinal Piffl seine ganze Macht spielen: das feinste Instru- 
ment der Wirkung auf die Frauen, die Beichte, das donnernde Wort 
der Kanzel von Tausenden von Predigern gesprochen, den großen Pomp 
des Gottesdienstes, der seinen barocken Charakter erhalten hat. 

Der Fürst, dem die augenblicklichen Lenker des Staats widerspruchs- 
los gehorchen, und dem eine Armee von Klerikern zur Verfügung steht, 
er selber lebt ein anonymes Leben. Er zeigt sich nur selten, bei den 
großen Festen der Kirche, bei offiziellen Anlässen. Die Mauern des erz- 
bischöflichen Palais sind undurchdringlich. Niemals hat ein Außen- 
stehender den schlanken, blassen Sekretär, der auf dem Bock des erz- 
bischöflichen Wagens Platz nimmt, sprechen gehört. Vielleicht hat 
diese Abgeschlossenheit die Legendenbildung gefördert. Wien gleicht 
darin dem Kirchenstaat des achtzehnten Jahrhunderts: die von Barock- 
architektur und Kirchenmusik angeregte Phantasie dichtet. Sie verlangt 


nach Figuren, wie es Kardinal Nicoli Coscia gewesen, von dem Rom 
soviel sprach. Coscia beschloß, dem Papst zu beweisen — es war Be- 
nedikt XIII. — , daß die Volksphantasie dichte. Auf seine Veranlassung 
wurde dem Papst gemeldet, daß ein wegen seiner Schönheit wie seiner 
Sitten wegen bekannter Jüngling zu einer bestimmten Stunde beim Kar- 
dinal zu treffen sein würde; der empörte Papst ging selber in Coscias 
Zimmer, öffnete die Tür hastig — und fand ihn knieend in tiefem Gebet 
vor dem Kruzifix. 

Die Volksphantasie dichtet. V ill sie den Wiener Kardinal mit einem 
der berühmten Kardinale Roms vergleichen, dann müßte sie auf Papa 
Lambertini zurückgehen, der zu seinen Freunden im Konklave gesagt 
hat: ,,Es ist schade, die Zeit mit müßigen Betrachtungen zu verlieren; 
wollt ihr einen Heiligen, so wählt den Kardinal Gotti, soll es ein Poli- 
tiker sein, so gebt eure Stimmen Aldobrandini, wenn ihr euch aber mit 
einem ehrlichen Kerl zufriedengebt (se volete un buon caglione), so 
findet ihr ihn in mir“. 


ISMAEL GONZALEZ DE LA SERNA 


an ist kunstmüde geworden: die Festlichkeit ist aus den Werken, die 


freudige Unbefangenheit aus deren Betrachtung verschwunden; 
Wesentliches, nämlich das Irrationale in der Kunst, wird ausge,,merz“t. 

Da tritt in Paris ein junger spanischer Künstler, Ismael de la Serna, 
auf, der nicht mehr zerlegt und grübelt, der einfach malt, nichts als malt. 

Er greift zum Pinsel wie der Zigeuner zur Geige. Er schleudert seine 
Ergriffenheit auf die Leinwand in einem wilden Rhythmus, der an die Fla- 
mencolieder seiner Heimat (Serna stammt aus Granada) erinnert, an Lieder, 
die nichts sind als Fiorituren, als harte, spitze Wiederholungen eines langen, 
süßen oder wehen Aufschreis. Sernas Malerei ist eben solche Improvisation. 
Einwände gegen die Form, vielmehr die Formlosigkeit der Improvisation 
liegen auf der Hand. Man kann aber mit ihnen nicht heran an die innere 
Wahrheit von Sernas visuellem Erlebnis, das aus ihm heraus muß, das sich, 
wenn auch einstweilen nicht immer mit zureichenden plastischen Mitteln zum 
Ausdruck gebracht, spontan dem Beschauer mitteilt. 

Ismael Gonzalez de la Serna ist 1898 in Granada geboren. Sein maurischer 
Einschlag ist unverkennbar. Mit siebzehn Jahren malte er eine große Wand- 
dekoration in Granada, Länder und Lebensalter darstellend, die solches Auf- 
sehen erregte, daß man ihm ein Stipendium zum Besuch der Akademie in 
Madrid bewilligte. Aber dort verboxte er, verfußballspielte er das Geld. Sport 


Von 


ALBERT DREYFUS 



608 


wurde seine Hauptbeschäftigung. Er verpflanzte als einer der ersten das 
Fußballspiel aus dem spanischen Norden nach dem Süden. Welcher Aufruhr 
in Granada, welcher Protest der Aficionados der Toros, als der Stierzirkus 
durch Fußballspieler entweiht wurde, statt der seidenen Strümpfe, der gold- und 
silberbestickten Chaquetillas nackte Knie und gestreifte Trikots in Aktion 
traten! Die Modernisierung gelang. Sie war bezeichnenderweise der nach- 
haltigste Eindruck des jungen Serna. 

1920 übersiedelte er nach Paris, wo er ein Atelier für Dekorierung, eine 
Werkstätte für Reparatur von Möbeln und Bibelots aufmachte. 

Ich habe Serna bei der Arbeit beobachtet. Er malt bei Tag und Nacht. Ist 
tags bedeckter Himmel, so ist das Oberlicht durch gelbes Papier verhängt. „Bei 
mir,“ so sagte er, „ist immer schönes Wetter.“ — Nachts malt er bei elek- 
trischem Scheinwerfer, ein alter, weißer Hutkarton dient als Reflektor. Seine 
Vision packt ihn so stark, daß er der schnellsten Niederschrift bedarf. „Er 
hat das Bild fertig in seinem Auge“ (ein Wort Cezannes über Courbet), was 
ihn befähigt, die Leinwand auch noch so großen Formats, damit die Farbe 
nicht abrinnt, flach über zwei Stühle zu legen und zu malen. Mit nässestem, 
breitestem, eiligstem Pinsel trägt er die Farbe auf, die er meist nicht von 
der Palette, sondern aus Töpfen herholt. (Er kommt vom Handwerk her, 
nicht von der Akademie!) Der inneren Spannung entspricht die Steigerung 
der Ausdrucksmittel. Er malt mit Oelfarben, aber auch, wenn er einen be- 
stimmten Effekt erreichen will, mit Autolackfarben, mit Ripolin, mit Astra- 
lein, und wenn er ein leuchtendes Schwarz braucht, sogar mit dem gefähr- 
lichen, weil mit Alkohol angemachten japanischen Lack. Er malt mit 
Anthrazitstaub, mit pulverisiertem Granit, mit Sand. Er malt wirklich damit. 

* 


Ismael de la Serna steht der jungfräulichen Leinwand unbefangen gegen- 
über. Ihn erzog kein akademisches Studium zu Respekt und Vorbehalt. Er 
„violiert“ die Leinwand im wahrsten Sinn des Worts. 

Er ist Dilettant, wenn man Dilettant mit Liebhaber übersetzen will. 

„Malerei und Liebe ist dasselbe,“ sagte er zu mir. 

„Sind Sie verheiratet?“ fragte ich im Lauf des Gesprächs. 

„Man muß zu zweit sein, um malen zu können,“ antwortete er. 

* 

Was am meisten an Serna frappiert, ist sein Lachen: das Lachen eines der 
Gegenwart sicheren Menschen. Schwer nur läßt sich seinen Reden wegen der 
spanischen Aussprache seines Französisch folgen. Aber dieses Lachen ver- 
steht man. Es zeugt von Gesundheit, Stärke des Herzens, Vertrauen zu sich. 
Solange Serna so lacht, glaube ich an ihn. 

* 


609 


STRASSENBAHNHOF 


Von 

MAX OSBORN 

L ängst hat die Berliner Pheripherie begonnen, die Innenstadt zu beschämen. 

Gesündigt wurde, versteht sich, auch hier über Bedarf. Von den Villen, 
die zurzeit der in Gott ruhenden Inflation zu Westend oder zu Dahlem ent- 
standen (wo nach des Bankdirektors Fürstenberg klassischem Wort „der 
Wiederaufbau Deutschlands“ begann), von den Siedlungen und Wohnblocks 
der folgenden Jahre ist vieles himmelschreiend. Der Zorn des Wanderers wird 
nur durch die Heiterkeit gemildert, die mancher Anblick in ihm auslöst. Von 
dem „Haus um des Daches willen“ bis zu den Stilinseln aus Alt-Nürnberg und 
Alt-Lübeck sind alle komischen Typen vertreten, die Bruno Taut in seinem 
köstlichen Buch von der neuen Baukunst in grimmigen Bildunterschriften auf- 
marschieren läßt. Aber daneben hat sich rings um die Riesenstadt eine 
lebendige und dauernde Demonstration neuer Baugedanken entwickelt, die 
in ihrer Mannigfaltigkeit und Ausdehnung kaum mehr übersehbar und wahr- 
haft großartig ist. Ein Tummelplatz in ungeheurer Kreisform für sämtliche 
moderne Architekturmöglichkeiten ist entstanden. 

In diesem kolossalen Rechenschaftsbericht der Raumkunst unserer Tage 
hat der neue Straßenbahnhof Jean Krämers in der Müllerstraße, oben im 
Berliner Norden auf noch fast jungfräulichem Gebiet, einen Anspruch auf 
Sonderstellung. Denn es ist eben gar nicht nur ein „Straßenbahnhof“, sondern 
eine ganze kleine Straßenbahn-Stadt. Ein mächtiger Komplex, der die beiden 
Enden der wichtigsten Bauprobleme von heute aneinander knüpft: eine An- 
lage rein technischen Charakters und ein weitgedehntes System von Wohn- 
stätten für Plünderte von Familien. Zwei völlig getrennte Dinge sollten in 
unmittelbare Berührung gebracht und zu einer Einheit zusammengeschmolzen 
werden. Wie das gelang, ist ungewöhnlich. 

Ausgangspunkt, Zentrum und Hauptstück ist der Bahnhof. Drei Hallen 
wuchsen zusammen, durch schlanke Eisenstützen getrennt und verbunden. In 
freier Entfaltung empfängt uns lichte Weite, der freie Rhythmus eiserner Ver- 
schraubungen, ein vielgestaltiges System interessanter Ueberschneidungen. 
Rings um uns ist und wirkt der Zauber mathematischer Präzision, die durch 
scharfsinnige Berechnung, durch Reduktion schwierigster Zusammenfügungen 
auf einfachste Formeln die Wucht des gewaltigen Gerippes zu einem Eindruck 
fast graziöser Leichtigkeit auflöst. 320 Wagen wollen hier übernachten, ge- 
säubert, beklopft und nötigenfalls kuriert werden. Darunter, im Keller, das 
gesamte Riesenviereck einnehmend, die „Kleiderkammer“ der dazugehörigen 
Straßenbahner, ein Schauspiel für sich in der praktischen Aufteilung und 
Munterkeit des Raumes. 

Aber nun mußte der breitgelagerte Kern der Tripelhalle mit den Bau- 
werken in Verbindung gebracht werden, die ihn umziehen. So erhielt er einen 
Mantel aus Eisenklinkern, die in den Sockelstreifen der Nebenbauten und der 
Wohnhaustrakte wiederkehren. Ein bräunlich-rötlicher Gesamtton grüßt von 


6lO 


allen Seiten und bindet die verschiedenartigen Teile des Komplexes. Keiner 
davon wird vergewaltigt, aber jeder als Verwandter der Nachbarn kenntlich 
gemacht. Die Korresponsion wird gestützt durch einzelne Motive, die in 
Varianten, entsprechend dem jeweiligen Sinn der Bauten, wiederkehren, so 
durch das leichte Hervorziehen von Flächenteilen zwischen den Fensterachsen 
zu feinen, scharfen, vertikalen Kanten. 

Als Verbindungsglieder zwischen Bahnhof und Siedlung schieben sich 
Verwaltungsflügel ein. Dabei auch die Fahrschule mit ihrer „Schreckens- 
kammer“, wo die Anwärter der Fahrerwürde durch raffinierte Vorrichtungen 
auf die Eignung ihrer Nervenkraft und Schlagfertigkeit vorgenommen 
werden. Durch diese Partien, dazu durch absondernde Mauern, die Innen- 
höfe umschließen, werden die Wohnblocks, die im Viereck gleichsam den 
Außenbezirk von Krämers Straßenbahn-Stadt bilden, vor allzu enger Berüh- 
rung mit dem Mordsspektakel des Bahnhofsbetriebes bewahrt. Die 380 Fa- 
milien, für die Wohnungen untergebracht sind, jede mit Loggia, jede mit Bad, 
können frei aufatmen. Der Kasernencharakter ist weit verbannt. An der 
Straßenseite, den breiten Zugang mit dem Schienengewirr der Einfahrt flan- 
kierend, wachsen turmartige Aufbauten empor, nicht Schmuckstücke, sondern 
Träger der großen Wasserbassins im hohen Obergeschoß für den Bedarf der 
Hallen. 

Wie die langgereckten Fassaden gegliedert sind, indem die Treppen- 
häuser zu vorgezogenen Pfeilern wurden, wie belebende Farbe, mit guter 
Laune abwechslungsreich gewählt und verteilt, freundliche Stimmung in die 
Massenquartiere bringt, wie durch technische Einfälle immer wieder Prak- 
tisches und Dekoratives zugleich erreicht wurde, wie jede Einzelheit bedacht 
ist und aus sachlicher Einfachheit ein machtvoller Eindruck im großen auf- 
ragt, ist immer neu erstaunlich. 


ls Ende Juni in Paris die berühmte Sammlung Poles zur Versteigerung 


kam, ereignete sich ein kleiner Zwischenfall, der es verdient, bei uns 
registriert zu werden. Die Direktion des staatlichen Petit-Palais machte 
offiziell Mitteilung, daß sie einen Schreibsekretär des Rokoko für 310000 Fr. 
kaufen würde. Der Respekt vor dem Wunsch des Museums führte dazu, daß 
kein französischer Händler diesen Preis überbot, und als ein Schweizer zu 
treiben begann, stellten einige französische und ein amerikanischer Händler 
dem Museum sofort Geld schenkungsweise zur Verfügung, so daß das Museum 
doch zu seinem Sekretär kam. — Die bei dieser Auktion erzielten Preise waren 
sehr hoch, sie zeigen, daß die Vorliebe für gutes französisches Rokoko weiter 
im Ansteigen begriffen ist, so daß die an sich durchaus hohen Taxpreise noch 
erheblich überboten wurden. Am erstaunlichsten waren die Preise für kleinere 
Rokokomöbel. Ein Sekretär aus der Zeit Ludwigs XVI. kostete rund 500 000, 
ein Lackbüro von Carlin 170000, eine Vitrine, auch von Carlin, 133000 Fr. 


5AMMEL-QUER5CHNITT 


Von 

ALEXANDER BESSA1ER TN1 



6ll 


Wenn, wie berichtet wurde, ein Schrank von Cressent im Jahre 1894 i'und 
40000 Fr. gekostet hat und jetzt 260000 Fr. brachte, so ist bei Berechnung 
der Frankenentwertung auf ein Sechstel, der Preis für dies Stück fast derselbe 
geblieben. Am höchsten bezahlt wurden, wie immer, die großen W andteppiche. 
hast eine Million Franken kostete ein Beauvois-Gobelin mit Darstellung eines 
Flötenpastorales nach Boucher. Auch Möbel mit Gobelinbezügen wurden ent- 
sprechend hoch bewertet, z. B. acht Sessel mit alter Rokokobespannung mit 
320000 und ein einzelner Sessel sogar mit 225000 Fr. Unter den Käufern 
bemerkte man außer den großen Händlern auch den Agenten des Königs von 
England. Im ganzen brachte die Sammlung der Madame de Poles einund- 
zwanzigeinhalb Millionen Franken. 

Kurz vor dieser großen Versteigerung fand eine andere statt, die bei uns 
auch Beachtung verdient, und zwar die der Sammlung des Herrn Jakob 
Zubaloff. Besonders interessant sind die Preise für Bilder neuerer Maler, so 
kosteten: Renoir „Porträt einer jungen Frau“ 56000 Fr.; seine „Odaliske 
100000 Fr.; sein „Kind mit Hampelmann“ 250000 Fr.; seine „Junge Frau“ 
130000 Fr.; die „Frau Heunot“ 240000 Fr. Sehr gut bezahlt wurden 
Cezannes „Badende“ mit 475 °°o Fr., sein kleineres Bild „Venus mit 
86000 Fr.; Monets „Blumenstilleben“ mit 280000 Fr. Von den recht häufigen 
Aquarellen Rodins w r urde eins bis auf 9000 Fr. getrieben, während eine Blei- 
stiftskizze Picassos sogar fast 20000 Fr. brachte. Picassos Gemälde „Badende“ 
kostete 17000 Fr., und ein Akt von Matisse 350000 Fr. Im ganzen erzielte 
die Sammlung Zubaloff viereinhalb Millionen Franken. 

Auch bei der Versteigerung der Sammlung Bureau Ende Mai hatte sich das 
Pariser Publikum sehr kaufkräftig gezeigt. Hier waren es die ausgezeichneten 
Daumiers, die die Sammler und Händler anzogen. Am höchsten bewertet 
wurde ein „Don Quichote und Sanchc Pansa“ mit 1 290000 Fr. Das Louvre- 
Museum kaufte für 700000 Fr. „Die Wäscherin“. Ein Aquarell „Der einge- 
bildete Kranke“ erreichte 400000 Fr. Die Preise für die guten Gemälde waren 
sämtlich sehr hoch. Die Gesamtsumme der Verkaufspreise ergibt fast acht- 
dreiviertel Millionen Franken. Alle diese französischen Preise bleiben wieder 
weit zurück hinter den Preisen, die man am 20. Mai bei Christies für Por- 
träts von Romney aus der Sammlung Raphael zahlte, so für das Porträt 
Mrs. Prescott 19200 Guineas, also rund 400000 M. und 10000 Guineas für 
Romneys Lady Hamilton als (zahme) Bacchantin. Der Gesamterlös belief sich 
auf rund 135 000 f, also rund 2 700 000 M. — 

Ueberraschend hoch war das Ergebnis einer anderen Londoner Ver- 
steigerung bei Sotheby, bei der eine frühe Evangelienhandschrift ausgeboten 
w'urde. Es handelte sich um ein Evangeliar des 11. Jahrhunderts aus dem 
Besitz des Herzogs von Anhalt. Die Nachrichten über den Verkauf und 
die Beschreibung der Pergamenthandschrift in der Tagespresse waren meist 
unrichtig. Das Manuskript war keine deutsche, sondern französische Arbeit 
in Art der Wänchester-Schule. Es war auch durchaus kein besonders schönes 
Beispiel früher Miniaturmalerei, die Miniaturen und Initialen waren vielmehr 
durchaus nicht hervorragend und weit unter dem Niveau wirklich hervor- 
ragender bekannter Museumsstücke dieser Art. Daher war das Evangeliar 


612 


von einer anerkannten Berliner Autorität, dem Direktor Degering der Hand- 
schriftensammlung der Staatsbibliothek, auch nach ausführlicher Beschreibung 
nur mit 75 000 M. eingeschätzt worden, einem Preis, der für ein so seltenes 
andererseits aber künstlerisch zweitrangiges und vor allem durch den defekten 
Einband im Wert gemindertes Stück durchaus angemessen war. Der Preis 
von 9000 £, also von rund 180000 M., den das Evangeliar in London erzielte, 
war eine außerordentliche Ueberraschung für alle Eingeweihten und ist auch 
aus der wirklich besonderen Seltenheit so früher, illuminierter Plandschriften 
nicht allein zu erklären. 

Bei dem Schadensersatzprozeß, den eine Berliner Kunsthandlung gegen den 
Herzog von Anhalt führt, weil er ihr das zum Verkauf übergebene Evangeliar 
nebst anderen Stücken wieder abgenommen hat, dürfte die Höhe des in London 
erzielten Preises wie die Tatsache des Verkaufs überhaupt noch eine wichtige 
Rolle spielen. — In Amerika soll ein noch höherer Preis, als der für das anhai- 
tische Evangeliar erzielte, für das Manuskript von Edgar Allan Poes, „Rabe“ 
mit 10 000 £ gezahlt worden sein. Poe erhielt für das Gedicht 10 Dollar Honorar 
von einer New-Yorker Zeitung, er schenkte das Manuskript seinem Schul- 
freund Dr. S. A. Whitaker. Aus dem Besitz der Eamilie Whitaker soll ein 
Händler diese einzig existierende Niederschrift von Poes berühmtestem Gedicht 
erworben haben. — Bei den letzten deutschen Autographen-Auktionen zeigte 
sich ein recht lebhaftes Interesse. Bei der unter Leitung von J. M. Fraenkel 
von Poseck veranstalteten Versteigerung kaufte ein schwedisches Privatmuseum 
ein eigenhändiges Musikmanuskript von Mozart, „Sonate für Klavier und 
Violine, B-dur“ (14 Seiten zu je 12 Linien) für 10000 M.; ein recht billiger 
Preis. Das Manuskript müßte schon mit 15 000 M. mäßig geschätzt erscheinen. 
Es stammte aus der Sammlung Ascot Kurtz in London, der es 1872 bei 
Sotheby gekauft hatte, wohin es aus der englischen Sammlung Stumpff- 
London zum Verkauf gekommen war. — Sehr gut waren die Preise, die das 
Antiquariat Leo Liepmannssohn bei seiner letzten Versteigerung erzielte, so 
z. B. 2300 M. für eine eigenhändige, aber unsignierte Niederschrift Goethes 
von seinem Gedicht „Wenn die Liebste zum Erwidern Blick auf 
Liebesblicke beut“. — Liepmannssohn und Henrici bereiten die dritte Auktion 
aus dem Heyer-Nachlaß vor, die vor allem Porträts von Musikern umfassen 
wird, während J. A. Stargardt eine Autographen-Auktion in Aussicht stellt, die 
vor allem kostbare Musik-Manuskripte bringen wird. 

In Paris starb vor kurzer Zeit der sonderbarste Typ unter den Auto- 
graphensammlern, ein kleiner alter Herr, der bei den Antiquaren bekannt war, 
nicht nur weil er sehr wählerisch war, sondern auch weil er jedes Stück, das 
er gekauft hatte, sofort zerriß. Erst kurz vor seinem Tode erklärte er sein 
Geheimnis: „Ich kaufe nur Briefe, in denen von oder über berühmte Leute 
Kompromittierendes oder Beleidigendes steht. Vernichte ich dann diese 
Schriftstücke, so diene ich dem Andenken und dem Ruf dieser Größen und 
damit der Menschheit. Und das ist mein einziges Vergnügen.“ — Der- 
gleichen puristischer, aber etwas geistesschwacher Heroismus, durch Zerstörung 
von Dokumenten die Helden der Menschheit fleckenlos den kommenden 
Generationen zu überreichen, wird als Legende auch von der Großherzogin 


613 


Sophie von Weimar und auch von einem Berliner Antiquar erzählt: Die 
Großherzog m soll den Direktor des Goethe-Archivs gezwungen haben, ein un- 
eröffnetes Paket mit angeblich stramm erotischen Manuskripten Goethes zu 
verbrennen; der Berliner Antiquar soll Liebesbriefe von Ludwig II. an Kainz 
nach dessen Tod von der Witwe gekauft, mit einigen Freunden gelesen und 
dann auch verbrannt haben. Was an diesen Geschichten von solchen Rein- 
machefrauen der Weltgeschichte wirklich wahr ist, konnte noch nicht fest- 
gestellt werden. 

Unter den Bücherauktionen war die wichtigste die Londoner Auktion bei 
Sotheby, bei der 120000 M. für vier Folio-Ausgaben der Werke Shakespeares 
aus dem Besitz von Lord Leigh gezahlt wurden. Der kostbarste Band war 
die berühmte erste Folio-Ausgabe, und zwar das Exemplar, das in der von 
Sidney Lee aufgestellten Liste der erhaltenen Exemplare mit Nummer 82 ver- 
zeichnet ist. Dieses Exemplar Nummer 82 hatte einige Fehler, unter anderem 
fehlte der Titel und das Blatt mit den Widmungsversen Ben Johnsons, sonst 
aber soll es ein „gesundes“ Exemplar gewesen sein. Es waren außer 
diesem ersten Folio die zweite Ausgabe des zweiten Folio, der zweite Druck 
des dritten Folio und die vierte Folioausgabe vorhanden. Bei der gleichen 
Auktion wurde für das zweite bekannte Exemplar von Painters „Palace of 
Pleasure“ aus dem Jahre 1566 die hohe Summe von 36 000 M. gezahlt. Bei 
Gelegenheit der Erwähnung dieser englischen seltenen Drucke muß verzeichnet 
werden, daß die Bibliothek des verstorbenen Eisenbahnkönigs Henry 
E. Huntington aus Pasadena in Kalifornien als Stiftung für die Bürger 
der U. S. A. die größte und schönste Privatsammlung, vor allem eng- 
lischer Drucke und Handschriften, öffentlicher Besitz geworden ist. Huntington 
besaß mehr Inkunabeln als die Universitätsbibliothek in Cambridge, unter 
anderem gehörte ihm eine vollständige zweiundvierzigzeilige Gutenberg-Bibel. 
Sein Tod wird sich auf dem Inkunabelmarkt sehr fühlbar für die Antiquare be- 
merkbar machen, denn wenn es auch in den angelsächsischen Ländern eine große 
Reihe jener bedeutenden und echten Bibliophilen gibt, die von keinem spekula- 
tiven, sondern lediglich von einem bibliophilen Gesichtspunkt aus sammeln, 
so ist doch eben der kaufkräftigste Konkurrent unter den Inkunabelkäufern 
mit Huntington ausgeschieden. Daß es in Deutschland überhaupt keine Biblio- 
philen von der Art und vor allem von der Kaufkraft der amerikanischen gibt, 
ist bekannt genug, aber wie elend es im Grunde mit den wirklich bibliophilen 
Interessen bestellt ist, zeigt ein beachtenswerter Aufsatz des Antiquars 
S. M. Fraenkel in der „Frankfurter Zeitung“ vom 1. Juli, in dem Fraenkel auf 
das Ergebnis der Auktion der Barockbibliothek Mannheimer hinweist. „Erzielt 
wurden (einschließlich der unverkauften Stücke) sage und schreibe 30000 Mark, 
das ist zwei Drittel von dem, was in letzter Zeit mehrfach Dürer-Blätter, und 
ein Dreißigstel von dem, was gute Bilder älterer, aber auch neuerer Maler 
erzielten Diese Barockliteratur ist so selten, daß sie an Seltenheit wert- 

vollen Stichen und Bildern kaum nachsteht.“ Vielleicht ist es die grundsätz- 
liche Einstellung zum Produkt des Künstlers, die heute in Deutschland dazu 
geführt hat, daß es kaum noch große Sammler, wohl aber um so mehr Kunst- 
spekulanten und amateurs marchands gibt. 


614 




Karin Evans Käthe Wilczynski 



Berlin 


Polo 


Turnier 


F r o 


Ji 


n a u 



Die Wiener Mannschaft (Capt. Welsch, Graf M. Kinski, Fürst Fugger, 

Graf Rud. Kinski) 


$ 



Photos Zander & Labiseh 

Die Berliner Mannschaft (Baer, v. Mumm, Dr. Fromme, Graf Montgelas) 







Graf W. Hohenau beim Gattersprung 


Photo Otto N. Voß 



Heinz Rühmann 


Photo Zander & Labiseh 



Grete Mosheim 


Photo Hänse-Herrmann 


AUKTIONSERGEBNISSE 


BÜCHER 

Paul Graupe , Berlin , 23. — April 


Goethe, Iphigenie 1G00 M 

, , Faust, 2 Bd 4G00 „ 

Stefan George, Das Jahr der Seele, 
erste Ausg 180 ,, 


Paul Graupe , Berlin, 27. April 
(Bibliothek Köpke) 

Amis de Livres Baudelaire, 12 


Histoires. d’Edgar Poe 

1005 M 

42zeilige Gutenbergbibel, Faks.-Aus- 


gabe, Herausg. P. Schenke, 2 Bd. 

430 „ 

Doves Press, Faust, London 1906-10, 


2 Bände 

4600 „ 

Goethe, Iphigenie, Lon- 


don 1912 

1600 „ 

,, Goethe, Leiden des jun- 


gen Werther, London 


1911 

320 „ 

„ Milton, Paradise lost, 


1902 

3500 „ 

Milton, Paradise re- 


gained 

2400 .. 

,, Shakespeare, Sonnets 

2400 „ 

,, The Tragedy of An- 


thony and Cleopatra . . 

1500 ,, 


Ernst-Ludwig-Presse, Die Psalmen 


(Insel 1911) 500 „ 

Flaubert, Oeuvres completes, 18 Bd. 1250 ,. 
Friedrich der Große, Oeuvres de 
Frederic le Grand, 33 Bde., Für- 
stenausgabe 2250 ,, 

Victor Hugo, Notre-Dame de Paris, 

Edition Nationale, 2 Bde., 1889 . . 250 ,, 
Kipling, Works Bombay Edition, 

25 Bde., 1913—17 9G0 „ 

Louys, Les Chantons de Bilitis, 190G 375 ,, 
Maupassant, Oeuvres completes, 

29 Bde 415 „ 

Me'imee, Carmen, 1917 550 ,, 

Hotel Drouot, Paris, 30. April 

Goethe, Le Roi des Aulnes, 

Erlkönig 3100 Frs. 

Walther Christiansen & Co., Hamburg, 14 . Mai 

Goethe, Wilh. Meisters Lehrjahre, 

1795 100 M 

Brüder Grimm. Deutsche Sagen, 

181G— 18 110 „ 

Geßner, Salomon, Werke mit Kup- 
ferstichen, 1777 . 165 ,, 


GmrÄLDE UND CRAPHLK 

Hotel Drouot, Paris, 9 und 10. Mai 

Whistler, La vieille au loques . 4300 Frs. 
Magnascom, Wunderbarer Fisch- 
zug, Zeichnung 2000 ,, 

Forain, Double braconnage .... 1355 ,, 

Otto Helbing, München, //. Juni 


A. Achenbach, Ausfahrt, 78 : 103 . . 900 M 
Grützner, Frater Kellermeister, 

43 : 2G 2500 „ 

v. Marees, Entwurf für Volkmanns 
Amazone, Rötelzeichn., 57 : 43 . . 1700 ,, 
C. Spitzweg, Flucht nach Ägypten, 

15 : 22 4000 „ 

Anachoret, 15 : 32 4550 ,, 

v. Uhde, Alter Mann, 150 : 105 . . . 3750 ,, 
F. Gg. Waldmüller, Der alte Gei- 
ger, 32 : 27 7100 „ 


Hotel Drouot, Paris, 31. März 
Modigliani, Junger Frauenkopf 7 500 Frs. 

Pissarro, Die Amme 28 500 ,, 

Renoir, Cagnes 15 000 ,. 

Henri Rousseau, Vier Jahres- 
zeiten, zusammen 132 000 ,, 

Van Dongen, Der Hut 14 100 ,, 

American Art Gallery , New York, 22. April 
(Collection Fitzgerald) 

Monet, Abendsonne über der Seine 

im Winter 3500 $ 

,, Dans la France campagnarde 5000 „ 

Fischerboote in Etretat . . . G000 ,, 

,, Mme. Monet mit Kind .... 12000 ,, 
,, Die Hügel von Vetheuil . . 8100 ,, 

Renoir, Stilleben 9500 ,, 

Sargent, Das Geständnis G000 ,, 

Karl Ernst Henrici, Berlin, 16. Mai 
Morland, nach Gosse, The Country 


Butcher, fbg 2G00 M 

Pastell, Franz Krüger, Friedrich 
Wilhelm III 2500 ,, 


Christie, London, 20. Mai 
G. Romney, Portrait od Mrs. Grif- 
fith, 1786 für 40 Guineen gemalt 

(Fielding) 5460 £ 

G. Romney, Portrait of Mrs. Lam- 
barde (Mason) 8925 ,, 


6l 


Ol 


GEMÄLDE UND GRAPHIK 


MÖBEL UND TAPISSERIEN 


Hotel Drouot, Paris , I. — 3. Juni 
( Sammlung Sevadjian) 

Daumier, Frau und Kind, 

Zeichnung (12 mal 14 cm) . . 8050 Frs. 

Delacroix, Pferde, Aquar. (18 

mal 30 cm) 3800 „ 

C. Guys, Orientalische Typen, 

Aquarell (20 mal 33 cm) . . . 14200 ,, 
Degas, Tänzerinnen (33 : 47 cm) 5800 „ 
Laurencin, Blumen in einer 

Vase (62 mal 50 cm) 8900 ,, 

Pissarro, Das Bad (rückseitig), 

Pontoise (54 mal 38 cm) . . . 25100 ,, 

Renoir, Kinderbild (28 : 32 cm) 43000 ,, 

Vuillard, Junge Frau im Salon 

(44 mal 38 cm) 32500 ,, 

Kopf des Gottes Amon XX. 

Dynastie, Basalt (H. 20 cm) 18500 „ 
Junger stehender Faun, grie- 
chisch, 3. Jahrh. v. Chr., 
weißer Marmor (H. 166 cm) 115000 ,, 


Runde Platte, blauer Grund 
mit Blumen (Damascener 

Fayencen) 60000 „ 

Runde Schüssel mit Tulpen 

(Fayencen aus Rhodos) . . . 10100 „ 
Schüssel mit Kanne und Blu- 
men geschmückt 19100 „ 


Hotel Drouot, Paris , 9 . Juni 
(Sammlung Bing) 

Toulouse - Lautrec, Lesende 
junge Frau (72 mal 64 cm) 129000 Frs. 
Renoir, Apfel (21 mal 30 cm) . . 16100 „ 
Renoir, Junges Mädchen mit 
roter Blume (41 mal 33 cm) 40100 „ 


American Art Galleries, New York , 1. u. 2. April 
Sammlung des Prof. Volpi, italien. 
Kunstgegenstände : Geschnitzter 

Walnußbücherei tisch, Umbrisch, 

16. Jahrhundert 6100 $ 

Jac. Hecht, Berlin, 10. Mai 
( Kunstsammlung Blancke-Dahlem) 

Nordd. Barockschrank 1450 M 

Brüsseler Gobelin, Königin Arte- 
misia, sign. Cordys, 340 : 292 . . . 7500 „ 
Aubusson - Garnitur, neunteilig, 

Louis XVI 4000 „ 

Bureau-Plat, Louis XVI 1900 ,, 

AUTOGRAPHEN 

Karl Ernst Henrici, Berlin, 27. und 28. Mai 

Grabbe, Brief, 3 Seiten 280 M 

Hebbel, Brief (ungedr.), 1847, 3 S. . 475 ,, 

Kant, Brief, 1 S., 1786 265 „ 

Luther, Brief, latein., IS 1050 „ 

Reuter, 43 Zeilen, z. Schluß ,,Kein 


Hüsung“, mit 12 Federzeichn. . . 170 „ 
Schopenhauer, Brief, 3 S., 1857 . . . 505 „ 
Ifflands Stammbuch, mit 235 Eintra- 
gungen 5000 „ 

Schiller, Brief, 2 S., an seine Braut, 

1789 810 „ 

J. S. Bach, Unvoll. Cantate „Ehre 

sei Gott“, 4 S 2050 „ 

Beethoven, Fünf Takte und Text 

,,Ars longa vita brevis“ 1350 ,, 

R. Wagner, Ouvertüre zu ,, König 
Enzio“ von Raupach, für Piano- 


forte, Titel und 7 S., 1832 .... 2400 „ 

MÜNZEN 


Christie, London, 23. Juni 

J. M. W. Turner, Caub und 
Schloß Gutenfels a. Rhein 12 
mal I 6 V 2 Zoll (Leggatt) 1102,10 £ 

Gutekunst & Klipstein, 15. — 17. März 

König, Le Retour des Alpes und La 

Familie labourieuse 3720 M 

,, Collection complete de Costu- 

mes et occupations suisses . . 3000 ,, 

Hotel Drouot, Paris, 29. April 

Pissarro, Winterlandschaft in 
Erasny 19000 Frs. 

Henri Rousseau, Landschaft bei 
Pontoise 27000 „ 


Adolph Heß Nachf., Frankfurt a. M., 21. Juni 

Proberubel, 1723, Peter 1 1000 M 

Revaler Taler, 1536, Livländ. Orden 2375 ,, 
Ovaler goldener Gnadenpfennig, 

1621, Georg Wilh. v. Brandenburg 1275 ,, 
Solms, Halbtaler, 1624, Philipp . . . 405 ,, 
Frankfurter Goldgulden, 1611 . . . 900 „ 

FAYENCEN 

Hotel Drouot, Paris, 9 . u. 10. Mai 
Faenza, Pokal auf Fußgestell . . 52 000 Frs. 
„ Krug mit zwei gegen- 
einander gekehrten Män- 


nerköpfen 45 000 „ 

Robbia, 16. Jahrh., Flachrelief, 

Die Jungfrau mit Kind und 
Johannes 35 000 „ 


6l6 


BUCHER-QUERSCHNITT 

MARCEL PROUST, „Im Schallen der jungen Mädchen ( A L'hombre des 
jeunes filles en fleur)". Verlag Die Schmiede, Berlin. 

Nach dem etwas mäßig geglückten Versuch der Uebersetzung von „Du Cote de chez 
Swann“ bringt der Verlag nunmehr diesen Band heraus. Die Namen von Ueber- 
setzern von der hohen Qualität wie Walther Benjamin und Franz Hessel garan- 
tieren eine vollendete Nachgestaltung. Es ist nach „Du Cote de chez Swann“ 
zweifellos der für Proust bezeichnendste Roman. W. 

H. D. LAW REN CE, Jack im Buschland“ . Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart. 
Der Roman führt uns in das unbekannte Wunderland Australien, das Australien 
der achtziger Jahre. Die Schicksale, die außerordentlich typisch sind, lassen uns 
Australien als das Land der Verheißung erkennen. Wir erleben die sämtlichen 
Ereignisse im Leben eines Auswanderers, der sich selbst seine Existenz zurecht- 
zimmert. Dieses Leben ist ungewöhnlich plastisch geschildert. W. 

KNUD RAS MUSSEN, „ Rasmussens Thulefahrt“. Zwei Jahre im Schlit- 
ten durch unerforschtes Eskimoland. Frankfurter Sozietätsdruckerei. 

Diese Forscherfahrt durch bisher vollkommen unerforschtes Eskimoland gehört 
zu den aufregendsten Erlebnissen, die man haben kann. Wir lernen diese von 
aller Zivilisation freien Menschen aufs genaueste kennen. Abgesehen von den 
großen Forschungsergebnissen, insbesondere dahingehend, daß die gesamten 
Eskimostämme die gleiche Sprache, den gleichen Glauben, die gleichen Gesänge 
und die gleichen Sagen haben, ist vor allen Dingen die Heimat der Ureskimos 
gefunden. Neben wunderbaren Photos ist einer der Hauptreize des Buches die 
darin verstreuten Märchen und Poesieproben. Die ausgezeichnete Bearbeitung 
und Uebersetzung stammt von Friedrich Sieburg. IV. 

PETER PANTER, „Ein Pyrenäen-Buch“ . Verlag Die Schmiede, Berlin. 
Ein sehr frisch geschriebenes Buch, in dem besonders Verhältnisse wie in Lourdes 
außerordentlich lebendig geschildert sind. Eine inoffizielle Schilderung der 
Pyrenäen, die keine anderen Voraussetzungen kennt als die des persönlichen Er- 
lebnisses. VE. 

EUGEN HOLLÄNDER, Anekdoten aus der medizinischen Weltgeschichte. 
Ferd. Enke Verlag, Stuttgart. 

Das war ein glänzender Einfall, diese wunderbar lebendigen Anekdoten aus ihrer 
Verstaubtheit ans Licht zu ziehen. Sie kommen aus allen Zeiten, besonders auch 
aus dem Altertum, aber auch aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Schöne Repro- 
duktionen nach alten Stichen. W. 

FRITZ STAHL, Weg zur Kunst. Einführung in Kunst und Kunstgeschichte. 
Rudolf Mosse, Buchverlag, Berlin. 

Der Nestor der deutschen Kunsthistorie schenkt uns den Weg zur Kunst, einen 
neuen Weg der Synthese, die sich bei ihm gebildet hat aus dem täglichen Schauen, 
so daß ihn nicht nur sein Beruf, sondern auch seine Leidenschaft zwingt. Wir 
sind in Deutschland mit den lückenlosesten Wälzern bekannt, so daß ein derartig 
aufgelockertes und geistreiches Werk geradezu als eine Erlösung wirkt. Man 
lese z. B. die Renaissancierung des Nordens. IV. 

C U RT M O REC K , Sittengeschichte des Films. Paul Aretz Verlag, Dresden. 
Der Film, noch heute in künstlerische und wirtschaftliche Krisen des Anfangs 
verstrickt, auch technisch noch nicht vollendet, hat keine „Geschichte“ aufzu- 
weisen. Wohl kann die kurze Phase seit der Erfindung und das Gegenwarts- 
stadium als Material registriert und subjektiv ein Urteil gefällt werden, 


617 


wie es Moreck tut, der damit dem späteren Geschichtschreiber willkommenes 
Material bietet und dem heutigen Filmpublikum ein reich illustriertes und ge- 
schickt geschriebenes Buch, das der Verlag in Bild, Schrift und Ausstattung in 
ebenso großzügiger Weise bedacht hat wie die anderen vorzüglichen Bände seiner 
sittengeschichtlichen Werke. ^ r • 

HARALD BEYER, Norwegische Literatur. Ferdinand Hirth, Breslau. 

Die Ivonzentriertheit, welche alle Bände der im Verlag Hirth erscheinenden Mono- 
graphien-Sammlung auszeichnet, ist auch Vorzug dieses sorgfältigen Ueberblicks, 
der neben den ganz großen Beherrschern der letzten Literaturepoche Kenntnis 
von uns unbekannten Namen und Werken gibt und die Entwicklung der nor- 
wegischen Literatur veranschaulicht. Dr. 

Russische Filmkunst, Vorzvort von Alfred Kerr, mit 14 f Tafeln. Ernst Pollack 
Verlag, Berlin-Charlottenburg. 

Kerr gibt in Schlaglichtern alles Wesentliche über russische Filmkunst im Wort. 
Die Tafeln aus etwa dreißig zum Teil hier bekannten und sehr geschätzten 
Filmen sind gut gewählt und lassen die Größe dieser nationalen Filmkunst ahnen. 

B. Sch. 

RACHILDE: Der Liebesturm. Verlag I. C. C. Bruhns, Minden. 

Der Verlag gibt sämtliche Romane dieser eigenartigen französischen Schrift- 
stellerin heraus. Bisher sind außer dem erstgenannten erschienen: „Der Wölfinnen 
Aufruhr“, „Die Messertänzerin“, „Die Mordmühle“ und „Die Gespensterfalle“. 
„Der Liebesturm“ gehört zu den für ihre Art charakteristischsten Büchern. Eros 
ist der normalen Erlebniswelt entrückt: aus schärfstem Intellekt mit den 

realistischsten Mitteln aufgebaut, wie nur ein wirklicher Künstler gestalten kann, 
erscheint ein anderer Eros, qualvoll erschütternd, aber zauberhaft. Die Ueber- 
setzung von Bertha Huber ist ausgezeichnet. B. Sch. 

KARL HERMA, „Brautnacht und andere Novellen”. Verlag Ernst Pollack, 
Berlin-Charlottenburg. 

Der Autor, der wohl halb Russe, halb Deutscher ist, wählt die Gegenstände seiner 
Novellen im wesentlichen russisch-drastisch und bearbeitet sie deutsch-sentimental. 
Absicht und Erfolg fallen dadurch etwas auseinander. Die Brautnacht in der 
Steppe mit mystischer Personifizierung der Steppe und ihrer Kultansprüchc an 
die Menschen ist so schauerlich-schön, daß sie wie all die anderen Novellen durch 
etwas weniger wortreiche, etwas lakonischere Schilderungen nur gewonnen hätte. 
Aber dies ist wohl doch ein versprechender Anfang. B. Sch. 

MARTHA O S T E N S O , „Erwachen im Dunkel”. F. G. Speidelsche Verlags- 
buchhandlung, W T ien. 

Die stilistische Eigenart der Autorin, die sich etwa mit Beherrschtheit, Verhalten- 
heit gegen die Schicksale ihrer Gestalten ausdrücken läßt, macht ihre Werke so 
sympathisch. Die Fremdartigkeit, aber auch die Enge der Welt, in der sich ihre 
Farmer kulturell und geistig bewegen, geben dem Gegenstand einen besonderen 
Reiz. Gerade der anspruchslose Erzählerton, mit dem Martha Ostenso — oft mit 
fast unmerklich leiser Ironie — in die Tiefen leuchtet, gibt dem Roman das 
Fesselnde. Die Uebersetzung von Alice Schmutzer ist an dieser Wirkung zweifel- 
los beteiligt. B. Sch. 

ALEXANDER N EW EROW , „ Das Antlitz des Lebens”. Verlag für 

Literatur und Politik, Berlin. 

Ganz nackt liegt die Seele des russischen Bauern, des russischen Großstadtprole- 
tariers vor Newerow. Die ungeheuren Erschütterungen, die Revolution und 
Sowjet-Regime heraufbeschwören, die den einzelnen schleudern, daß seine 


618 


Instinkte bloßgelegt werden, sieht Nevverow. Die Auswahl der Schicksale, die er 
aufzeigt, ist sehr bunt; keines bleibt hinter anderem zurück in der ehrlichen Sach- 
lichkeit der Darstellung, in der Konzentriertheit und der Stärke des Ausdrucks. 
Die Uebersetzung von Maria Einstein ist sehr gut. B. Sch. 

JURIJ LIBEDINSKI, „Eine Woche”. Verlag Carl Hoym Nachf. Louis 
Cahnbley, Hamburg 8. 

Roman, der nicht losläßt, konzentrierteste, durchaus künstlerisch geschlossene 
Gestaltung einer einzigen Woche. In dieser Zeit Aufgaben, seelische Wandlungen, 
Kämpfe und Opfer verschiedenster Menschentypen für die Sache des Volkes, 
gegen den Widerstand des gleichen Volkes. Gewissen gegen Trägheit und Selbst- 
sucht. Ein starkes Buch. Die Uebersetzung von Eduard Schiemann ist adäquat. 

B. Sch. 

T H E O D O R L E S S 1 N G , Rudolf Hans Bartsch. L. Staackmann Verlag 
Leipzig. 

Ein Philosoph zeichnet auf seine Art das Lebens- und Schaffensbild eines Künst- 
lers. Also keine trockene Monographie, sondern feinste Beobachtung aller Re- 
gungen, die zum Schaffen des Dichters führten und aus großem Wissen geschöpfte 
Parallelen mit den Werken gleichartiger und entgegengesetzter Geister, wie 
Hölderlin, Proust, die Brüder Mann, Rosegger. Sinn und Natur allen Dichter- 
tums ist selten so fesselnd und klar dargestellt worden, so daß Lessings Schrift 
Wert über den Einzelfall hinaus erhält. Dr. 

R A O U L AUERNHEIMER, Die linke und die rechte Hand. S. Fischer 
Verlag. 

Auernheimer verfügt über eine besonders intime und lebendige Kenntnis der 
Wiener Gesellschaft. Eine kurzweilige und amüsant geschlungene Liebeshand- 
lung voll österreichischer Anmut ist der Inhalt des Romans, in dem sich Auern- 
heimer mit den Anschauungen der konservativen und der fortschrittlichen Parteien 
auseinandersetzt. Dr. 

PAUL B U S S O N , Sylvester. F. G. Speidelsche Verlagsbuchhandlung, Wien. 
Eine Seelengeschichte, zwischen Mann, Frau und der Dritten spielend. Sehr 
schön sind die Naturschilderungen, die die Geschehnisse der Liebe und Schmerzen 
umranken. Natur, Tiere und Wald spielen in menschliches Erleben des hellsichti- 
gen, weißblonden Knaben Sylvester hinein und erheben diesen reifen Roman zu 
einer zeitlosen Dichtung. Dr. 

RUDOLF HANS BARTSCH , Vom Glück des deutschen Menschen. 
L. Staackmann Verlag, Leipzig. 

Resümee des Schaffens eines dichterischen Menschen. Mit der bezwingenden 
Schlichtheit, die seine Romane auszeichnet, gibt Bartsch ein formvollendetes Bild 
der Sehnsucht seines Lebens und Dichtens nach Glück und Menschlichkeit. Seine 
innige Verwachsenheit mit der Natur und einer — heute entschwundenen — 
Idylle tritt nirgends in seinen Werken so schmerzhaft und innig zutage wie in 
diesem mit Herzblut geschriebenen kleinen Brevier. Dr. 

EMILE B A U M A N N , Der heilige Paulus. Verlag Josef Kösel und Friedrich 
Pustet, München. 

Zwar liebt der kirchen- und paulusgläubige Baumann seinen großen, der Kirchen- 
gläubigkeit entbundenen Landsmann Ernst Renan nicht, obgleich seine Gefühls- 
inbrunst wie auch seine meisterlich wuchtige Darstellungsart immerzu an diesen 
erinnern läßt. Dies sagt genug, um das geistige Format dieses Buches anzu- 
deuten, dem in der vorliegenden Uebersetzung durch M. A. Freiin von Godin in 
Deutschland sicherlich ein ebenso großer Erfolg werden wird wie in Frankreich. 


619 


So sehr man das einem, der an sein Werk spürbar verpflichtet war, auch gönnen 
mag, muß man doch eine solche Verbreitung vom Standpunkt eines zwar unkirch- 
lichen, aber recht verstandenen Christentums aus bedauern. Denn Baumann, 
ganz hingegeben einem heroischen Apostel Paulus, weiß nichts davon, daß dieser 
Paulus ein Christi Mißverstehender war, der nicht die Lehre des Nazareners (so 
dieser überhaupt eine Lehre hatte) verwirklichte, sondern seine, die in seiner 
eigenen altjüdischen Unerlöstheit ihren Ursprung hatte. Jesus von Nazareth aber 
war ein von seinem Volk und dessen Anschauungen politischer und moralischer 
Art Losgelöster, der in herrlicher Einmaligkeit in Bezug lebte zur kosmischen 
Welt. Nicht wie Paulus ihn sah, sondern wie Johannes von Ephesus, der vierte 
Evangelist, ihn begriff, als der Logos, der unter uns Dumpfgewordenen in dem 
den Menschen verlorengegangenen Bewußtsein zeltete: unverlierbares Teil des 
ewigen Kosmos zu sein: also müßte er uns wiedergeboren werden als Zielweisung 
zu neuer Allverbundenheit, der wir durch unsere Geistentwicklung entfielen. Sie 
ist aber vorbei, die Zeit, in der vergottete Menschenvorstellungen in das ent- 
standene Nichts hinaufprojektiert werden können. Seit einer Generation wieder 
belehrt von der Natur, wollen wir wieder eins werden mit ihr, die nicht nur von 
dieser Erde, sondern allüberall im Weltenraum ist, den wir durchkreisen, ohne 
uns dessen zu erinnern. W. Dünmvald. 

L. SPÄTH, Gärten, Sport- und Spielplätze. 

Ein überaus interessanter Querschnitt durch das Tätigkeitsfeld des heutigen 
Gartenarchitekten. Hier findet man Grundrisse und Ansichten von Park- und 
Gartenanlagen, Obstgärten, Teichanlagen, Rosen- und Staudengärten, Dach- 
gärten, Felsanlagen, Sport- und Flugplätzen. In Wahrheit das Arbeitsgebiet 
einer Weltfirma. A. F. 

ANTON ADOLF H O F M A N N , Der schwarze Jobst. Heimat-Verlag, 
Leipzig-Graz. 

So also ist es in der deutschen Vergangenheit zugegangen? Ich habe mir es 
etwas anders vorgestellt, aber der Autor muß es ja wissen. Seine Soldaten und 
Obristen, die nur derart lachen können, „daß die Wände dröhnen“, oder „die 
Mauern erzittern“, sind so lebfrisch und sangeslustig, machen dem beschaulichen 
Leser so bang, daß er sich freut, wenn edle und beschauliche Bürger und heitere 
Greisengestalten in die Handlung eingreifen und er beruhigt in dem Gedanken, in 
friedlicheren Tagen zu leben, das Buch beiseite legen kann. Dr. 

Die „Societe anonyme“ in New York, begründet von Frau Catherine S. Dreier, 
der amerikanischen Tochter des Waldenschen „Sturms“ und ebenso falsch eingestellt 
wie dieser, der Delaunay, Metzinger und Gleizes für die Meister hielt und nicht Picasso, 
gibt einen schön ausgestatteten Katalog heraus, der ein Durcheinander von wirk- 
licher Kunst und Nachäfferei zeigt, so daß den Amerikanern ganz schwindlig vor 
den Augen werden muß. Alle Länder sind vertreten, sogar Georgien und Island, 
von deutschen Malern folgende: Marc, Campendonc, Molzahn, Schwitters, Max 
Ernst, Seivert, Baumeister, Buchmeister, Kesting, Kuethe, Vordemberge und Kaethe 
Steinitz (Klee und Itten gelten als Schweizer). Sehr amüsant, was Frau Dreier 
über Hannover schreibt: 

„Anyone who knows Hannover and has known it for long receives a distinct 
curious reaction in contemplating that the soil from which Queen Victoria sprang 
is the same soil which has produced a Kurt Schwitters and a Nietzschke, such strong 
Modernists as to draw unto themselves a Kaethe Steinitz a Kestner Gesellschaft 
and a Frau Küppers.“ 

Der Katalog ist vorzüglich ausgestattet und Kandinski gewidmet. E. S. 


620 



MARGINALIEN 

Tennis in Wimbledon. 

Von unserm Sonderberichterstatter. 

Eine seltsam unwirkliche Atmosphäre lag dieses Jahr über den 
Lawn-tennis-Meisterschaftsspielen in Wimbledon, und wenn man zurückschaut, 
ist es schwer, genau festzustellen, was eigentlich passiert ist. 

W. T. Tildens Einzug erfolgte unter erschütternden Trompetenstößen. Er 
hatte das Gerücht vorausgeschickt, daß es ziemlich unwahrscheinlich sei, daß 
er jemals in die Reihen der Professionals eintreten würde; aber vorher hatte 
er schon zu verstehen gegeben, daß er beabsichtige, aus den Einzelkämpfen in 
Wimbledon als Sieger hervorzugehen, und damit zu beweisen, daß er der größte 
Tennis-Champion der Welt sei. Aus früheren Berichten hatten wir von den 
erstaunlichen Ausbrüchen von Temperament — was ja in Wirklichkeit in 
diesem Falle nur ein anderer Ausdruck für Laune ist — gehört, die er an den 
Zuschauern ausließ. Er hatte schon vorher in England an verschiedenen 
Matches teilgenommen, bevor er nach London kam, und besonders in Man- 
chester, wo Amerika England geschlagen hat, soll sein Benehmen jedermann 
abgestoßen haben. 

Wir waren infolgedessen natürlich neugierig darauf, wie dieser theatra- 
lische Amerikaner sich bei einem Treffen betragen würde, das schließlich doch 
das größte Lawn-tennis-Turnier der Welt ist. Ein einziges Mal schleuderte er 
sein Racket quer über den Tennisplatz, aber im allgemeinen hat er sich keiner 

621 


Ungehörigkeiten im Betragen schuldig gemacht, abgesehen von der Heftigkeit 
seines Spieles selbst, aber ich habe mir erzählen lassen, daß sein allgemeines 
Verhalten gegen die Autoritäten in Wimbledon impertinent im höchsten Grade 
war. Dies in einem Maße, daß die gequälten Veranstalter viele Flaschen 
Champagner auf öffentliche Kosten tranken, als sie seine sensationelle Nieder- 
lage durch Henri Cochet in der Vorschluß-Runde feiern durften. 

Dieses Match wird noch lange in aller Munde sein. Aber es läßt sich nicht 
bestreiten, daß während der ersten beiden Sätze und im dritten, wo er 5 : i 
führte, Tilden hervorragend spielte, ein Tennis, wie ich, der in Wimbledon seit 
mehr als 20 Jahren jedes Spiel gesehen, mir keines hätte träumen lassen. 
Plötzlich, als das Match sozusagen schon vollkommen gewonnen, brach Tilden 
zusammen. Cochet, der zweifellos der beste Turnierspieler der Welt ist, 
ergriff die Gelegenheit und biß sich fest wie eine kleine französische Bulldogge. 
Tilden haßt einen langsam gegebenen Ball, und Cochet reduzierte mit äußerster 
Klugheit das Tempo seiner Schläge derartig, daß der Amerikaner hilflos da- 
gegen war und in endgültiger Niederlage zusammenbrach unter Jubelschreien, 
wie ich sie in Wimbledon noch nicht gehört habe. 

„Was hat er wohl dafür bekommen, daß er das Match verkauft hat?“ 
meinte ein berühmter Spieler, als das Spiel beendet war. Daß er es verkauft hat, 
glaube ich natürlich nicht, weil es zu viel für Tilden bedeutete, hier zu gewinnen. 
Aber das^ englische Publikum hat nie das unglückliche Match von 1921 ver- 
gessen, wo der junge Südafrikaner Brian Norton gegen Tilden spielte und mit 
zwei Sätzen Vorhand, mit einem Punkt in der Meisterschaft war und sie dann 
plötzlich aufgeben mußte, und dann Tildens taktlose Freudenausbrüche darüber, 
daß er so in letzter Minute der Niederlage entgangen war. Tilden mag in den 
Vereinigten Staaten ein Held sein, aber hier haben wir endgültig festgestellt, 
daß er vielleicht ein Ritter ohne Furcht, aber nicht ohne Tadel ist. 

Tildens Kollege, F. T. Hunter, zeigte sich durchaus als Gentleman, aber 
S. B. Wood junior, ein junger Amerikaner, der erst 15 Jahre alt sein soll, 
war ein äußerst krasses Beispiel für das unsympathischste aller menschlichen 
Wesen, nämlich den amerikanischen Jungen. Er spielte in der ersten Runde 
gegen Rene Lacoste und trat dazu — zur Verblüffung des gesamten Stadions — 
in weißen „plus-ifours“ und Strümpfen an, wie sie von den besseren Ver- 
brechern in Sing-Sing getragen werden. Seine Manieren entsprachen seinen 
Strümpfen. Die allgemeine Empfindung war, daß sein Auftreten in Wimbledon 
als Ausgleichsposten gegen Englands Schuld an die Vereinigten Staaten ge- 
dacht war, in welchem Falle aber die Amerikaner sehr stark in unsere 
Schuld geraten wären. 

Tildens Niederlage entzog natürlich dem Finale so sehr alles Interesse, 
so daß man sich kaum mehr darum kümmerte, ob Cochet oder Jean Borotra 
Sieger wurde. Ich weiß, daß viele Leute große Summen auf Cochet gesetzt 
hatten in der Ueberlegung, daß die Franzosen, nachdem Borotra schon einmal 
die Meisterschaft davongetragen hatte, der Meinung waren, daß diesmal 
Cochet an der Reihe sei. Und so wurde es; aber es ist nur fair, zu sagen, daß 
Borotra hervorragend schön spielte, und die Art, in der die beiden um den 
letzten Punkt kämpften, bei einem Stand von „2 Sätze beide, 5 Spiele beide“, 


622 



Bronzebüste von Marg. Kennedy, Verfasserin der „Treuen Nymphe“ 
Daneben der Bildhauer hr. Dobson 



Photos M. Beck & H. Macgregor 

Edgar Wallace, Verfasser des erfolgreichen Kriminalstückes 

„Der Hexer“ 




Thotos Sport & General 

Lacoste 


Borotra 



Medgves, Tennis. Oelgemälde 


Coli. Lcigh Ashton, London 


Tennisturnier in 


w l Jll lleJ o n 




Photos Tclna 

Betty Nuthall 


Lily d’Alvarez 


Cilly Äußern 


Helen Wills 


Photos Rassano 





Maria Koppenhöfer Mr. Antoine 




war ein glänzendes Beispiel von französischem Temperament. Als Komödiant 
hat Borotra in Wimbledon stets hervorragende Erfolge zu verzeichnen gehabt, 
aber wenn er die Masse weiter damit fesseln will, so ist es höchste Zeit, daß 
er sich wieder einmal neue Späße ausdenkt. Es fiel auf, daß die Leute dieses 
Mal nicht annähernd so viel lachten, wenn er mindestens einmal in jedem 
Match ins Publikum fiel, oder nicht annähernd so herzliche Cheers hören 
ließen, wenn er mit einer ritterlichen Geste überlegene Netzbälle gab. Seine 
Handküsse an die Damen, wenn er vorgestellt wird, finden immer Applaus. 
Aber der Baske sollte wirklich ein paar neue Tricks einstudieren. 

Bei der Damenmeisterschaft war Miß Helen Wills von allem Anfang an 
die anerkannte Siegerin. Gegen die Schnelligkeit ihrer Schläge kamen ihre 
Gegner niemals auf, aber ihre Fußarbeit, ohne die man keinesfalls ein großer 
Spieler genannt werden kann, ist sehr arm. Eine anziehende Spielerin ist sie 
nicht, weil sie offenbar an dem ganzen Spiel keinen Spaß hat und dahintrottet, 
als ob sie da eine unangenehme Arbeit leistete, mit der sie so schnell wie 
möglich zurandekommen möchte. Sie hat zweifellos sehr wenig von der be- 
rühmten Lebhaftigkeit, die, wie man sagt, ein so hervorragendes Charakteristi- 
kum der amerikanischen Frauen sein soll. Sie bewegt sich wie bei einem 
Leichenbegängnis, aber nicht wie bei einem Lawn-tennis-Match. 

Gewisse englische Tennis-Kritiker hatten in den French Hard Court Cham- 
pionships mit einem bedauerlichen Mangel an Kenntnis Fräulein Aussem als 
die deutsche Lenglen bezeichnet, so daß wir natürlich viel zu viel von ihr er- 
wartet hatten. Sie ist jedoch noch sehr jung und hat noch viel Zeit vor sich. 
Ihre Persönlichkeit und ihre Erscheinung haben einen ausgezeichneten Ein- 
druck gemacht. Sie wurde in der ersten Runde von Miß Betty Nuthall, einem 
16jährigen Mädchen, geschlagen, auf die England mit Recht stolz ist. Fräulein 
Aussem und Miß Nuthall gaben ein ungewöhnlich reizvolles Bild auf dem 
Spielplatz. 

Jeder freute sich, Froitzheim und Kreuzer, die wir vom alten Wimbledon 
vor dem Krieg so gut in Erinnerung hatten, hier wiederzusehen. Einer meiner 
lebhaftesten Eindrücke von früher ist das Finale, in welchem Froitzheim so 
nahe daran war, die Meisterschaft gegen Brookes zu gewinnen, und so un- 
glücklich war, daß es ihm schließlich doch nicht ganz gelang. Er spielte so 
stilisch wie je, und wenn er einen Ball tötete, erwies er sich als der ausge- 
zeichnete Spieler, der er immer gewesen ist. Dreizehn Jahre allerdings ändern 
doch sehr viel an der Behendigkeit eines Menschen. 

Käte Kollwitz feierte im Juli ihren 60. Geburtstag. Eine Würdigung ihres 
Werkes erfolgte durch die Herausgabe eines Verzeichnisses ihrer Arbeiten von 
1912 — 1927 mit 75 Abbildungen bei Emil Richter, Dresden. — Eine Reihe ihrer 
stärksten Blätter hat sie in der im Propyläen-Verlag erschienenen Mappe „Ab- 
schied und Tod“ vereinigt. 

„Dunkles Lachen“ ist ein Kapitel aus dem gleichnamigen Roman von 
Sherwood Anderson, erschienen bei Boni & Liveright, Publishers, New York. 


63 Vol. 7 


623 


Aberglaube der Cracks . . . Ueberdurchschnittsleistungen bedingen einen 
gewissen Grad von Verrücktheit, im besten Sinn natürlich — aber im auf- 
fälligen! Jeder „Champion“ hat seinen „Tick“, seinen „Spleen“, hinter welchen 
er sich versteckt, mit dem er sich wie mit einem Mäntelchen umhüllt, der ihn 
schützt und gegebenenfalls — entschuldigt. Eine Art Aberglaube, den man 
kultiviert, züchtet und umzärtelt. 

Individualität ist Trumpf. „Jedem das Seine“ — je ausgefallener, je 
besser! Dort spielt der von Beifall umtoste „Big Bill“, der Riese Tilden, 
seine matches mit grell violetten Saiten — eine andere Farbe hält er für 
unglückbringend und seiner Person widerstrebend. Der beste Professional 
der Erde, der Mann mit dem interessanten Gesicht, alias Karel Kozeluh be- 
hauptet seinerseits, daß die Farbenverbindung Schwarz-Rot eigens ihm prä- 
destiniert wäre, und daß es sozusagen Verpflichtung sei, Krawatten, Anzüge, 
Klubjacken, Hosenträger, Strumpfhalter in diesen Schattierungen aus- 
zuwählen. Bei ganz schweren Kämpfen wählt er eine schwarz-rot eingefaßte 
weiße Strickjacke, auf welcher ein Hundepaar von zarter Hand gestickt ist, 
und welche ihren Dienst noch nie versagt haben soll. Sprichwörtlich ist 
Najuch mit der lila „Dreizehn“ um den Hals und dem „Pückel“ als Ball- 
buben, einem körperlich untersetzten, aber gerissenen und amüsanten 
Jungen, der seit seinem 5. Jahr bei „Rot-Weiß“ Bälle sammelt. 

Landmann fühlt sich ganz besonders „fit“, wenn er vor den Gefechten 
seiner Feder oder seinem Blei freien Lauf gelassen hat. Er zeichnet ebenso 
charmant wie naiv — künstlerisch beachtlich. Wenn man an seinem Schreib- 
tisch stöbert, findet man eine Menge origineller Selbstbiographien, die ihn 
oft als Langbein mit Brille wiedergeben. Wundervoll war eine illustrierte 
Label mit Versen „Kampf gegen den Affen“. Unter anderem kommt darin 
ein Orang-Utan im Tennisdreß vor, gegen den er anzutreten hat, dem er die 
Hand reicht, was von einem Photographen vorschriftsmäßig geknipst wird. 
Der Kampf geht los, Landmann meint 100 Arme des gelenkigen Affen mit 
Schlägern zu sehen, die von allen Seiten die Bälle erwischen. In ganz ge- 
fährlichen Situationen springt der Affe auf einen Baum, um von dort aus 
besser smashen zu können. 

Etwas anderes ist es mit dem Aberglauben, der zur Gewohnheit ge- 
worden ist — wir beobachten den dänischen Meister Axel Petersen, der bei 
jedem return dreimalige Armbeuge vorführt, hören erstaunt aus Fieten 
Rahes Tasche zartes Geklimper von Geldstücken und denken entsetzt: „Mein 
Gott, wie nervös muß diese dauernde Musik machen.“ Im Gegenteil — der 
Rostocker kann ohne Geldmünzen in der rechten Hosentasche kein schwie- 
riges Spiel gewinnen. Nelly Neppach geht mit ungeheurer Vorliebe auf dem 
Strich und lutscht dabei am kleinen Ringfinger — eine Beobachtung, die 
schon viel Amüsement erregt hat. Ilse Friedleben behauptet, nur in einem 
seidenen Faltenkleid in großer Form zu sein, und eine Menge anderer 
Spieler und Spielerinnen pflegen die Sage der: „Verlier-“ und „Gewinn- 
Hosen und Kleider. 

Borotra, der allumschwärmte „fliegende Baske“, muß trotz aller Hitze 
ein wollenes, blaues Mützchen auf dem Kopf haben. Je schwerer das 


624 


Gefecht, je mehr Mützchen zum Wechseln. In Wimbledon in der Schlußrunde 
waren es 17 Stück, ein Zeichen, daß es sehr ernst war! Ich persönlich meine, 
daß ein nicht allzugroßes Loch auf der rechten Schuhseite Schlußrunden- 
chancen verspricht ! 

Allmählich gehen alle diese allerliebsten Scherzchen und Mätzchen auch 
auf die angestrengten Zuschauer über. — Das Zusehen ist oft aufregender, 
zermürbender als das Selbstspielen, und irgendwie versucht man natürlich 
seiner Nervosität Herr zu werden. In Wimbledon war eine Schar Pensio- 
närinnen entzückend zu beobachten, die alle, wie auf Kommando, mit ein- 
gepreßtem Daumen dasaßen, solange 
ihr Favorit schlug, und die Daumen 
blitzartig ausstreckten, solange der 
andere Gegner returnierte. Zuerst 
wußte man überhaupt nicht, was los 
war, und glaubte, eine Reihe taub- 
stummer Girls wollte sich gegenseitig 
verständigen. 

Schimpfen wir nicht über den 
Aberglauben — solange sich die Ent- 
spannung der Cracks auf diesem Ge- 
biet bewegt — wollen wir nachsichtig 
alle beide Augen zudrücken . . . 

Paula von Reznicek. 

Vernunft in Versen. 

Von Max Epstein.*) 

Ich will ein Führer sein von einer Art, 

Die unerhört ist, unpathetisch frei. 

Ich blase Euch die Flöte, leicht und zart, 

Damit der Weg Euch leicht und heiter sei. 

Ich geb’ Euch Spiel mit würd’gem Ernst gepaart, 

Ich lehre Weisheit in der Spielerei. 

Ich wünschte, solche Mischung würde Mode. Barna 

Es wäre Tollheit, doch es hätt’ Methode. 



Ich leite Euch in eine lichte Ferne, 

In jene ew’ge Harmonie der Sphären. 

Ich zeig’ Euch, wie der Mensch erkennen lerne, 

Im Geisterreich bescheiden zu verkehren. 

Den Menschen grüßen in der Nacht die Sterne, 

Im Traum nur lauscht er sel’gen Himmelschören, 

Die reinen Töne, die dem Ohr sich nahten, 

Erklingen heut' als schönste der Kant-Taten. 

•) Aus: Immanuel Kant „Kritik der reinen Vernunft“; in deutschen Stanzen von Max Epstein, 
Wertbuchhandel, Berlin. 


625 


Die Metaphysik ist der Tummelplatz, 

Wo stets die Geister aufeinander rannten. 

Jetzt ist sie nur ein übler Rummelplatz 
Für philosophisch faule Spekulanten. 

In alten Zeiten war’s ein Bummelplatz 

Für miiß’ge Köpfe, die den Kant nicht kannten. 

Dogmatik herrschte, bis die Skepsis kam 
Und zur Kritik sich ein’ge Freiheit nahm. 

Das Volk wird sich hinfort nur amüsieren, 

Wenn Philosophen schwärmerisch sich üben, 

Man lasse sie unsterblich sich blamieren, 

Wenn sie sich in Unsterblichkeit verlieben. 

Der Staat müßt’ hier ein wenig reformieren 
Und seine Professoren tüchtig sieben, 

Wenn schlechte Lehrer Hirngespinste malen, 

So braucht das Volk sie nicht noch zu bezahlen. 

Die leichte Taube teilt die Luft im Aether 
Und glaubt vielleicht, sie flog’ auch ohne Luft. 

Der sel’ge Plato war der Attentäter, 

Der seinen Geist in die Ideen verpufft . . . 

Lernt man die Leere solcher Lehren später, 

So steht man ratlos vor der eig’nen Gruft, 

Doch in der Furcht vor baldigem Begräbnis, 

Ertüftelt man sich rasch noch ein Ergebnis. 

„Vieillesse verte.“ 

Motto: Marginalien — Papierkorb. 

Warum ich mich in diesem Einsteinschen Weltlinien-Schnittpunkt (zu Deutsch: 
,, Moment“) glücklich fühle: 

W eil in diesem Moment- 

1. die Fahrdrahtleitungen des S.B.B. -Netzes unter Spannung, auch für die Ost- 
schweiz, gesetzt werden ; 

2. soeben ein reizend gebobbtes Girl vorüberging, das ich bei Haut und Haar 
nicht kenne; 

3. meine lb. Frau und ich gesund sind und meinem Bub der erste Milchzahn 
unter griechischem Heldengebrüll gezogen wurde; 

4. meine „Swan Self-Filling Pen“ tatsächlich nicht klext; 

5. der Mai-Querschnitt an Obenstehendem schuld ist; 

6. drei Dezi „Spezial Walliser“ an meinen eidgenössischen Hirtenhemmungen 
zu nagen beginnen. 

Warum in obbemeldete Freuden ein Wermutstropfen fiel: 

Weil ich aus dem Maiheft des Querschnitt ersehe, daß die „Arabesques de la 
vieillesse verte“ nicht einmal vor einem so entzückenden Paar wie Flechtheims 
Goldhochzeiter haltmachen! 

Himmelherrgottsternechaib ! — Warum gratulierten Sie Tutanchamon nicht auch 
mit diesem gräßlichen Satz zur Wiederausgrabung ? 

Ernst R. Baerlocher, St. Gallen. 


626 



DREI WELT-ROMAN-ERFOLGE1 

JOHN ERSKINE 

£)os prfoatfefeett i>er 
frönen freiem 

Roman aus dem Amerikanischen / In Ganzleinen geb. Rm.7.50 

Dieses Buch erlebt in Deutschland den gleichen Sensationserfolg wie in 
Amerika und England. Fritz Philipp Baader schreibt in der Westfälischen 
Zeitung u. a.: Unter allen Büchern, die ich in der letzten Zeit las, 
eines der köstlichsten ! Hier ist ein diskreter anglikanischer Humor mit 
hohem Ernste und zugleich mit einem erfreulichen Freimut außerordentlich 
gemischt. - Eine Offenbachsche Operette ohne Musik in der Form 
eines diagolisierten Romans. 

Im 21. — 30. Tausend erscheint der neue grobe Roman von 

ROMAIN ROLLAND 


3Jlufler unö ©otjn 

Halbleinenband Rm. 7.50, Ganzleinenband Rm. 8.50 

Kölnische Zeitung über Mutter und Sohn: Mit reifer Meisterschaft hat der Dichter in Annette 
eine Frauengestalt geschaffen, die zu den schönsten gehört in der ganzen Weltliteratur: 
voll Reinheit und Gröfje, voll Güte und Mütterlichkeit, und so ganz Natur, datj man ihr 
das Übernatürliche, Übermenschliche glaubt, das sie vollbringt. Universitätsprof. Eugen Lerch 


MARGARET KENNEDY 

Die treue ftttntplje 

Roman aus dem Englischen von E. L. Schiffer / Ganzleinenband Rm. 8.— 

Das Buch ist in alle bedeutenden europäischen Sprachen — sogar in die russische — übersetzt 
worden und heute in mehr als einer halben Million von Exemplaren verbreitet. - Auch 
die deutsche Kritik ist des Rühmens voll: Mit Begeisterung nenne ich den Namen Margaret 
Kennedy 1 Es ist ein Roman mit wahrhaft begeisternden Gestalten, rührenden und 
erheiternden. Diese Tessa — in den letzten Jahren habe ich nichts dergleichen gelesen ! 

Wilhelm Speyer in der „Literarischen Welt" 

Es ist selten, daß englische Bücher gut sind. Wenn aber, dann sind sie schlechtweg aus- 
gezeichnet, und in diesem speziellen Fall darf man ruhig sagen, daß es sich um ein belle- 
tristisches Meisterwerk erster Ordnung handelt! Doris Wittner im »Neuen Wiener Journal" 

Das amüsanteste Buch, das ich seit langem las ! Bei einer Abstimmung über das unter- 
haltendste Buch würde ich unbedingt für Margaret Kennedy stimmen. Stefan Grobman im .Tagebuch" 

In allen Buchhandlungen erhältlich ! 

KURT WOLFF VERLAG * MÜNCHEN 



627 


Friedrich Sigismund. Prinz von Preu&en +. Er trug seinen Titel nicht 
nur als Sinnbild ererbter Würde, sondern empfand tief die Verpflichtungen, 
die ihm diese Würde auferlegte. Denn er hatte wirkliche prinzliche und adlige 
Eigenschaften, den selbstverständlichen Elan, der ihn das letzte hergeben ließ 
an Energie und Disziplin, wenn es galt, an der tete zu reiten, zu siegen. Dieses 
traditionelle Pflichtgefühl gab ihm die Fähigkeit, so Außerordentliches zu 
leisten, ließ ihn vier Tage vor seinem Todessturz in der Olympiade-Vielseitig- 
keitsprüfunng des Luzerner Reittourniers auf „Heiliger Speer“ den ersten 
Preis davontragen, im Wettkampf gegen die besten Reiter von acht Nationen. 
Er sah seinen Lebenszweck darin, zusammen mit einigen Gleichdenkenden, die 
Tradition des deutschen Kavallerie-Offiziers zu wahren und fortzuführen, 
Schneid, Verwegenheit und vorbildliche Eleganz in seiner Person vereinend. 
Die drahtige Reitererscheinung und der Charme der Persönlichkeit prädesti- 
nierten ihn zu diesem exponiertesten Posten deutschen Reitsports, auf dem er 
die glänzenden Qualitäten, die in dem Kavallerieoffizier der alten Armee 
steckten, bewies. 

Meist lebt das Andenken auch an den erfolgreichsten Reiter zu bald nur 
noch legendarisch in kleinen Zirkeln von Interessierten fort. Das Andenken 
an Friedrich Sigismund von Preußen wird weit über diese gesellschaftliche 
Sphäre hinaus lebendig bleiben, denn sein Tod bedeutet nicht nur für sie, sondern 
für die gesamte Sportswelt einen unersetzbaren Verlust, für die deutsche in 
Sonderheit aber die schmerzliche Einbuße einer sicheren Siegeschance auf der 
kommenden Olympiade, von der der Prinz als einer der populärsten und erfolg- 
reichsten Vertreter deutscher Farben zurückgekehrt wäre, er, der Kavalier im 
eigentlichsten Sinne des Wortes. E. W . v. d. Lanken. 


Der Umzug von Andreas. Die Galerien Dr. Jaffe und Dr. Becker & New- 
man in Köln haben ihre bisherige Verbrecherhöhle zur fetten Henne ver- 
lassen und eine sehr gepflegte und prominente Etage am Wallrafplatz 2 be- 
zogen. Links wohnt Andreas Becker mit sehr schönen tibetanischen Wand- 
bildern, die man in ihrer bewegten Farbigkeit bisher viel zu wenig geschätzt 
hat, mit chinesischen Grabfiguren von seltener Qualität, Keramiken aus 
früheren Epochen und ausgewähiten Jadestücken; rechts haust Dr. Jaffe 
zwischen seinen alten Bildern, darunter eine kleine, niederländische Madonna 
aus dem Kreis der Gerard David, ein Golfbild des Esaias van de Velde und 
eine Gewitterlandschaft mit Galgen von de Momper. In dem großen 
Mittelraum aber begegnen sich die beiden zu gemeinsamen Veranstaltungen 
aus dem Gebiet gegenwärtiger Kunst; hier werden augenblicklich u. a. einige 
Utrillos, ein großer Slevogt, eine überraschende Landschaft von Hofer und 
eine Reihe plastischer Arbeiten von Haller und der Sintenis gezeigt. Bei der 
Eröffnung war die gute Gesellschaft Kölns, soweit sie sich um die Kunst 
bekümmert, beinahe vollzählig erschienen. Für die nächste Zeit werden 
folgende Ausstellungen vorbereitet: Otto Dix, Richard Seewald, Oskar Ko- 
koschka, Jankel Adler, Neue Sachlichkeit, Fritz H. Kronenberg, Carl Hofer. 

I. S. E. 


628 


Nell Walden-Heimann und ihre Sammlungen.*) Keine Frau in Berlin 
ist so blond und hat solch weiße Haut wie diese Schwedin, die seit 15 Jahren 
ungefähr in Berlin lebt und Else Lasker-Schülers Nachfolgerin gewesen ist, 
nicht sehr lange, aber lange genug, um aus Herwarth Waiden und seinem 
„Sturm“ eine europäische Angelegenheit zu machen. Selbst eine begabte 
Malerin: Blumen, Wasser, viel Wasser, ganz fraulich, keine Männerimitation, 
und eine Sammlerin, wie es wenige in der weiten Welt gibt. 

Sie und W aiden waren die ersten, die sich Kokoschkas annahmen, als der 
junge W iener nach Berlin kam und bei Cassirer Mopp Platz machen mußte, 
und als Chagall aus dem Witebsker Ghetto nach Europa kam, kam er zu Nell; 
Marc, Macke, Klee, Kandinsky und Archipenko fanden bei ihr ihr erstes Heim. 

1912 zeigte Herwarth Waiden die „blauen Reiter“ und die Futuristen, 
die die ganze Welt in Aufregung brachten, und im nächsten Jahr den Herbst- 
salon, der als Nachfolger der Kölner Sonderbundausstellung dem sterbenden 
Akademismus den Gnadenstoß gab. 

Werke all der Künstler, die in den Räumen des „Sturm“ ausgestellt waren, 
hat Nell W r alden in erlesenster Qualität gesammelt, dazu Glasbilder aus 
Schweden und Bayern, dann, ehe sie große Mode wurden, Skulpturen aus 
Oceanien und Afrika, und aus Peru uralte Töpfe und Stickereien, die sie selbst 
mit großer Geduld renoviert hat. 

Ich habe das große Glück, Nell Waiden und ihre Sammlungen bei mir 
zeigen zu dürfen und bin meiner Freundin für ihr Entgegenkommen dankbar. 

A. F. 

Hans und Franz. Der junge Dichter Hans Kafka leidet schwer 
unter andauernden Verwechslungen mit seinem verstorbenen, großen Namens- 
kollegen Franz Kafka. Er ist immer wieder genötigt, ihm nicht gebührenden 
Ruhm schmerzlich abzulehnen. Eines Abends wird er bei Schwanneke einer 
jungen Dame vorgestellt. „Ach,“ ruft sie erfreut, „sind Sie der berühmte 
Kafka?“ Schon wieder, denkt er und gibt trüb zu, nein, der wäre er leider 
nicht. „Schade“ meint die junge Dame, „also Sie sind nicht der, der die 
netten Geschichten im Börsencourier schreibt.“ 

*) September-Ausstellung bei Flechtheim. 



ÄUimilLILyNI© MyßüCHiN 
1fl7 

DAS BAYERISCHE HANDWERK 


ZEIGT DAS ENTSTEHEN DES QUALITÄTSPRODUKTES 
DEUTSCHEN HANDWERKS IN 75 IN BETRIEB BEFIND- 
LICHEN WERKSTÄTTEN. DIE HISTOR. ENTWICKLUNG 
DES HANDWERKS VOM MITTELALTER BIS HEUTE 


MAI -OKTOBER 


629 





Ein Abend mit Chaplin*) 

Par Paul Morand 

Cette soiree comme ä la Campagne; atelier, ombre, fleurs, livres, dans 
New York apaise par la nuit. Chaplin, mince, si bien habille : une lame 
dans son fourreau; si heureusement proportionne qu’il a raison d’etre petit. 
Jeunesse aux tempes grises, avec un eclat que des tas de pudeurs viennent 
voiler. Soleil qui retient ses rayons. Acteur au jeu constant mais invisible. 
Aucune publicite dans les propos ni dans les gestes. Nous dinons ä six: il 
est en face de moi. C’est le premier moment de la journee oü il detend, dans 
cette maison a l’ombre fraternelle oü il se refugie pour avoir 

confiance et pour esperer. Car cette gloire a besoin desperer. Tout 
le jour, il a ete la proie de cette broyeuse d’individus qu’est la justice ameri- 
caine et que n’importe quelle main de femme, meme la plus perfide, peut 
mettre en mouvement. Il a couru, couru comme dans les reves, inassignable, 
echappant aux procedures, sautant par dessus les pieges des detectives prives, 
des le matin, faisant semblant d’etre mort (tout habille, sans doute, dans son 
lit) quand sont arrives les premiers exploits d’huissiers. Puis il a saute par la 
fenetre, remonte son pantalon trop large qui tombait, gratte sa tignasse, et, 
le derriere efface mais fretillant, ä droite et ä gauche protege par les mouiinets 
invisibles de sa canne, il a tenu ä distance jusqu’au prochain coin de rue les 
maitres-chanteurs, les echotiers, les compulseurs de dossiers secrets. 
les chats-fourres qui, quand ils flairent un revenu de cinquante millions, 
n’ont pas l’habitude de lächer le morceau. Charlie a dü monter jusqu’ici sans 
qu’on le voie, ou arriver par les toits. Il a repris Souffle. Sa moustache 
est tombee sans qu’il la ramasse. Il a pu se doucher, se vetir. Ses souliers 
perces, sa petite jaquette noire, son melon doivent etre roules en un baluchon 
dans un coin de l’atelier. Maintenant, il dine en paix, pense ä l’avenir. 

Dejä Hollywood c’est le passe. Le voilä qui se ramasse pour un dernier 
bond, dernier ressort, par-dessus la toute puissante betise de ce Middle-West 
qui ecrase le cinema americain. Cette culbute l’amenera jusqu’en Europe, 
jusqu’en France, surtout, oü il reve de venir s’installer, travailler, oü il 
compte vider avec nous les dernieres bouteilles d’un vieux vin de liberte. 
encore oubliees au fond des caves. Quant ä ce public puritain et «classe 
moyenne» qui se rejouit aujourd’hui de voir Chaplin traque, quant a ces 
«babittiens» trafiquants d’une morale immonde que sont les tenanciers de 
petits cinemas de Memphis ou de Salt Lake City, quant ä tous ceux qui boy- 
cottent en ce moment LA RULE VERS L’OR et autres epopees, ils ne 
s’apercevront meme pas que le seul genie qu’ait jamais produit le monde 
des images mouvantes leur a ete enleve; leurs fils ne l’apprendront que beau- 
coup plus tard, comme ils apprennent tout, par la voie de la grande et libre 
Europe. Mais en attendant, que d’heures ameres, que de nouvelles calbutes 
douloureuses en perspective! 

Charlie Chaplin s’assombrit, ne dit plus rien? 

*) Vorwort zu Henry Poulaille , »Charles Chaplin“» Verlag Grasset, Paris. Autorisation für die 
deutsche Uebersetzung Lina Frender, Berlin. 

630 




Photo A. Binder Photo Suse Byk 

Szöke SzakaJl Wolf gang Zilzer 



Photo Sport & General 

Rückkehr vom Morgenritt. An der schottischen Küste 



Frankfurt a. M.» Kunst verein 

Gertei Stamm-Hagemann, Die Egoisten. Glasbild 


Alors Ralph Barton, Americain francophile, Barton qui a epouse notre 
gracieux ange musicien Germaine Taillefer, lui qui nous defend par la plume 
et le crayon partout et toujours, lui qui a la seule voiture franqaise de New- 
York, cette Voisin devant laquelle on s’attroupe, Barton, le dernier et le plus 
fidele ami de Chaplin, sort la surprise qu’il nous avait, ce soir, preparee. 
Sont-ce des gäteaux, des confitures, ces boites rondes et plates? Ce sont des 
films, les premiers de Charlot, UNE VIE DE CHIEN, L’BMIGRANT, 
LA CURE, etc. . . . 

Devant nous le petit ecran; derriere, le menton de Barton, eclaire par 
en dessous . . . De ja sur la toile blanche, des images se meuvent. Un terrain 
vague, un paquet humain s’endort derriere les planches; de l’autre cöte de la 
palissade, un vieux Juif, marchand de «hot dogs»; au lever du jour, ces 
saucisses parfument l’air du matin; alors, le tas de hardes noires soudain 
s’anime . . . 

Tout pres de moi, un rire eclate dans l’atelier obscur : c’est Charlie qui 
s’est reconnu! Cet enfant rit de la creation de son univers. Et n’a-t-il pas 
raison de rire puisque la massue de gros policeman yankee qui le guette 
derriere les planches ne l’a jamais serieusement tue? 

Appetit-Lexikon. Poularden: Im älteren und eigentlichen Sinne sind 

weibliche Kapaune hoffnungsreiche Hühnerjungfrauen, denen die unheilvolle 
Schere alle Aussichten auf das Vergnügen der Mutterschaft abgeschnitten hat. 
Da das Fett sich aber auch unabhängig von der Liebe entwickelt, begnügt man 
sich neuerdings mit einer einfachen Klausur der Tierchen. Das Fettwerden 
ist die Hauptsache; denn „das Fett ist der Stolz der Poularde, wie die Schwind- 
sucht der Stolz des lyrischen Dichters ist“. 

Schalet: ist wie das Schicksal der Juden, nicht gekocht und nicht gebraten, 
nicht zünftig, — aber dennoch nahrhaft, ausgiebig und ergreifend. Zum Ein- 
tritt in die hohe internationale Küche fehlt dem Sabbat-Gericht eine Wichtig- 
keit: ein hübscher französischer Titel. 

Hase: Der Hase schadet niemandem. Aber eben deshalb hackt alle 
Welt auf den armen Lampe los, und nur der brennende Eifer, mit dem er 
sich dem Fortpflanzungsgeschäfte widmet, hat seine Ausrottung noch immer 
hintangehalten. Bei der bedauerlichen Vernachlässigung der Naturwissen- 
schaften in unseren Schulen wird der wahre Hase vorzugsweise in den 
Städten und Gasthäusern mit einem anderen, ebenso großen Vierfüßler ver- 
wechselt, der auf den Dächern zu lustwandeln pflegt und den Zoologen als 
Felis domestica oder Hauskatze bekannt ist. Die Verwechslung ist in der 
Regel für die Katze tödlich, und eine stark gepfefferte Sauce tut dann das 
übrige. (Aus einem historischen Appetit-Lexikon.) 

Eingesandt von Stanhope. 

Die Kleine aus Lüneburg. Versehentlich ist es unterblieben, ihren Namen 
zu nennen: Sie heißt Karin Evans und ist so sympathisch und begabt, daß wir 
ihr Bild nochmals bringen, diesmal in Zivil. 


Material! Material! 

,,Es gibt nichts so Widerwärtiges, als einen polemisierenden 
Schriftsteller, der „Quousque tandem . . .?“ sagt, wenn er Mate- 
rial in seiner Lade hat.“ 

(Anton Kuh, „Essays in Aussprüchen ", Verlag E. P. Tal ) 

Als ich diese Worte niederschrieb, loderte gerade ein grimmiger Streit 
zwischen zwei Berliner Schriftstellern; der eine war Cicero, der andere Ca- 
tilina. Und ich weiß nicht, wie es geschah: Catilina war mir damals lieber. 
Cicero, klein, emsig, pedantisch, schusselig, schleuderte seine Material-Pfeile. 
Du hast im Jahre 16 . . . Ich habe Beweise, daß du im Jahre 23... Dein 
Referat vom 7. Oktober . . . usw. Catilina, genießerisch, weich, bequem, ließ 
alles das an seiner krötenfeuchten Haut abgleiten. Hinten herum liefen 
Verhandlungen . . . 

Nein, sagte ich mir damals, so darf man nicht Cicero sein; es sollte ein 
internationaler Kodex für Polemiken geschaffen werden, wonach nur der die 
Angriffstribüne besteigen darf, der auf seinen Gegner nichts weiß; denn 
dieses „auf Jemanden etwas wissen“ allein ist so unendlich kläglich, daß 
der Ankläger sein Recht damit verwirkt hat; die große ethische Gebärde 
wirkt um so abscheulicher, je mehr sie aus einer kleinen Spitzel-Informiert- 
heit geholt ist. Und dann: wozu überhaupt etwas wissen? Hat Börne etwas 
auf Wolfgang Menzel, Lassalle auf Julian Schmidt, Lessing etwas auf Pastor 
Götze wissen müssen, damit jeder von ihnen seinem Feind auf die pracht- 
vollste, unwiderstehlichste Art den Garaus machte? Darf es einen anderen 
Grund und Behelf zur polemischen Niedermetzlung geben, als die Physio- 
gnomie, den Geruch, den Tonfall des andern, als kurz gesagt: die Ueber- 
zeugtheit? Wo die nicht auslangt, da ist der Besitz von Material nur odios. 

Sage das einer den Literaten! 

Sie leben fast von nichts anderem. Material-Besitz gehört — sofern sie 
nicht gerade Voltaire. Diderot, Emerson, Nietzsche heißen — zu ihrem 
geistigen Inventar. Ich will es zu erklären versuchen, warum: 

Der Literat (im herkömmlichen Sinne) ist ein physiologischer Feigling; 
ein Mann, dessen ganzes Streben stilistisch, rhetorisch, moralisch darauf ge- 
richtet ist, sich keine Blößen zu geben; er ist der typische Nichts-Riskierer — 
im Gegensatz zum Dichter und Exzedenten; dieser negative Besitzstand: 
nichts zu wagen, in keine Arena zu steigen, keinen faux pas zu begehen, 
nichts Unüberlegtes zu tun, sich nicht durch ein Wortfenster in die Arm- 
seligkeit seines Privatlebens blicken zu lassen — das ist sein großes Gut- 
haben; daraus läßt er seine Ironien quellen, seine Unwiderruflichkeiten, 
seinen sittlichen Dünkel. Ich sehe, wenn ich mir diesen Unterschied zwischen 
Künstler und Literat vergegenwärtigen will, immer Peter Altenberg und 
seine vorsichtig kichernden, zehntausendfach sanierten Kaffeehaus-Traban- 
ten vor mir: wie er, der verehrungswürdige Tollhäusler seine Genie-Affekte 
ausspuckte, ohne jeden Bedacht, ob er sich damit nütze oder schade, und wie 
sie mit fast hämischem W ohlwollen dabei saßen, mit Augen, die sich schon 
jetzt damit beschäftigten, wie und wodurch später die Reparierung ihres 


632 


Selbstbewußtseins gelingen würde. (Denn bekanntlich beneidet Thersites den 
Achill um nichts so sehr, als um dessen Ferse.) 

Je peinlicher so die Eitelkeit des Schreibers über die vermiedenen eigenen 
Unvorsichtigkeiten Buch führt, desto genauer trägt sie — weiß Gott, wie 
man’s einmal brauchen kann! — die Unüberlegtheiten der anderen ein. Statt 
zu sehen und anzuerkennen, daß es nichts Rühmlicheres gibt und nichts 
mehr für die Reinheit, Naturwüchsigkeit und Selbstherrlichkeit eines Men- 
schen spricht, als daß er sich von allen Seiten in sein Leben hineinschauen, 
ja fast bis an die Grenzen der Don Quichotterie seine Schlafzimmertüren 
offen stehen läßt — machen sie einen Punkt in ihr Merkbuch. Ihre Seele ist 



für einen geheimen Ueberwachungsdienst eingerichtet; bei der Entrierung von 
Freundschaften oder Kameradschaften geht ihrer Herzlichkeit die Zukunfts- 
sicherung immer einen Schritt voraus; wenn sie dich zum ersten Mal um- 
armen, haben sie daheim im Schreibtisch schon ein Schlechtpoint für dich in 
Vorbereitung; wenn du ihnen die Hand reichst, denken sie: „Aha, hängt 
schon“, wenn du sie um etwas ersuchst, zuckt ihnen der Satz durch den 
Kopf: „Herr N. kam damals gekrochen“; sie wissen etwas auf dich, eh’ sie 
dich wissen; schreibst du ihnen einen Brief, wird er als Gunstbuhlerei ein- 
registriert; läßt du dich vor ihnen in Wort und Schrift irgendwie gehen, so 
steht es schon in der Geheimmappe; sie haben Archiv-Seelen, wo du für den 
unvermeidlichen Tag der Entzweiung im voraus festpickst. Es nützt dir dann 
nichts mehr — die Materialspinne hat sich von deinen Unterlassungen einen 
Bauch angemästet. Und das große Heer der unbenannten Feiglinge und 


633 


Traumirnichte, aller der lebensfernen Kreaturen, die statt in der Welt im 
luftleeren Raum der Intellektualität leben, huldigen diesem Bauch voll Ge- 
nugtuung . . . sie wissen jetzt, wofür sie solang neideten und darbten . . . 

In Wien, der blühenden Gespensterstadt, wo Moder von Wiesengrün 
nicht mehr zu unterscheiden, genießen diese Aufpasser und Mitschreiber ein 
besonderes Ansehen; dort verehrt man den literarischen Geheimdetektiv 
als Ethiker. Leichname wandeln leisetretend, nobeltuend umher und halten 
Gericht über Lebende. Das trieb mich, den Widersinn an einem von ihnen 
(ihrem Führer sozusagen) in einem Vortrag zu erläutern. Was tat er? Er 
ließ sich’s nicht gefallen und verklagte mich auf Ehrenbeleidigung. Und 
was brachte er im Prozeß vor, was sollte meine Behauptung entkräften ? ... 
Material! Ein technisches Versehen des „Querschnitt“ (die Leser erfahren 
es an einer anderen Stelle) durchbohrte mich als Sündenpfeil. Der Anwalt 
feixte; man hatte mich in der Schlinge. 

. . . Nun frage ich, welche Gesetze in der neuen Strafrechtsreform jenen 
Literaten gegenüber vorgesehen sind, die Material haben? Anton Kuh. 

(Siehe hierzu auch die Notiz Seite 637.) 

Reichsverband der deutschen Modenindustrie: Ein Druckfehler im 

Mai-Heft in dem Bericht des Lokalreporters des „Querschnitt“ über den Ber- 
liner Modesalon Irfe aus Paris hat den „Reichsverband der deutschen Moden- 
industrie“ mobil gemacht. Es hieß da, daß man in Berlin „nur 

am Sonntag“ verkaufen könne, wenn die Männer Zeit zur Beglei- 

tung ihrer Damen haben. Nicht nur die gesetzlichen Bestim- 
mungen über die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe würden damit kraß über- 
treten, sondern auch das Recht jedes Berliner Ehemannes wäre verletzt, sich 
am Sonntag keinen Strapazen zu unterziehen und seien sie noch so galanter 
Natur. Es muß also heißen „Samstag“, der Tag, der auch von den Berliner 

Modehäusern als der für den Verkauf günstigste angesehen wird. Der „Reichs- 

verband“ und sein Leiter Dr. Leon Zeitlin hat hierüber und über den Aufstieg 
der Modebewegung in Deutschland interessantes Material gesammelt, das er 
auf einer großen Modenausstellung im Herbst in den Berliner Ausstellungs- 
hallen vorführen will. Es ist nicht zum wenigsten sein Verdienst, daß man sich 
heute auch bei uns viel besser anzieht als noch vor wenigen Jahren, und daß 
eine Anzahl deutscher Firmen, die im Rahmen des geltenden Weltgeschmackes 
selbst schöpferisch arbeiten, heute wieder mit in der Reihe der prominenten 
Modekünstler stehen, die als internationale Gesetzgeber von den Frauen aller 
fünf Erdteile anerkannt sind. Draco. 

Max Liebermann schreibt in dem Vorwort seiner Ausstellung zu seinem 
80. Geburtstag folgendes: 

„Haben denn Schinkel oder Schadow, Rauch oder Menzel — um nur in 
Berlin tätig gewesene Meister zu nennen — neue Formen entdeckt?“ 

Warum nennt Deutschlands Altmeister gerade Berliner und keine Fran- 
zosen. A. F. 

„Die Galerie Zickel München, Berlin W, Genthiner Straße 19, ist vom. 
1. 7. bis 15. 9. geschlossen.“ 


634 



Photo Fr. Lange 

Renee Sintenis auf ihrem fünfjährigen Hannoveraner „Horaz“ 



Photo A. Menzcndorf 


„Torero“, der Hengst der Herren Blumenfeld und Samson, Hamburg 



Julius Bretz, Bei Godesberg. Oelgemälde 



Dn> Isartal bei dem Sanatorium Ebenhausen 



Das Erbsenmesser 



The Findash Safety Pea Knife 

Why Not Eat in Comfort? 


■pWERY pea on the blade of the Findash Safety Pea Knife is sure to reaeh 
i-J its destination. When eating peas with the ordinary table knife the peas 
will slip and slide in spite of the most expert handling, which is most untidy 
and also very annoying. 


A Pea on the Knife is Worth Two in the Lap 
Nö refined home should be without the Findash Safety Pea Knife. 
You Can Drop Your H’s, But Why Drop Your P’s? 


A testimonial from John Applegate, Blankville, Vermont: 

The Findash Safety Pea Knife Co., 

New York, N. Y. 

Dear Sirs : I have been troubled with palsy and find it very hard to get a good 
knifeful of peas up to my mouth. I was compelled to use a spoon, but some- 
how they don’t taste the same. I saw your advertisement in the Blankville Echo 
and I bought a Safety Pea Knife and I want to teil you it’s solid comfort. I can’t 
shake them off. God bless you. John Applegate. 


Der Park für alle. Der Luna-Park wird schon deswegen immer 
ein großer Erfolg bleiben, weil wir dort nicht nur im Alter von sechs bis 
sechzehn, sondern auch darüber hinaus von siebzehn bis siebenzig ungeniert 
spielen können, ein Komfort, den uns das tägliche Leben nur in höchst be- 
schränktem Umfange bietet. 

Weiterhin wird man — um die Stunde des Hochbetriebs, gegen neun Uhr 
abends — gewahr, daß der Luna-Park den Rummel unseres ganzen Daseins 
auf eine äußerst temperamentvolle Weise persifliert, eine Genugtuung, die mich 
dazu bringen könnte, jeden Abend zwischen seinen Zäunen zu verweilen. 
Zeigen wir Details!: Die neue Attraktion des ,, Radio- Autos' - ist, trotz des 
kurzen, doch teuren Vergnügens, dicht umschwärmt von Mücken, die einmal 
Elefanten werden wollen. Wähnt man sich hier doch — durch Handhabung 
eines Miniatur-Steuerrades und eines schnelligkeitsregulierenden Fußhebels — 
als Besitzer eines fulminanten Hispano-Suiza (oder je nach Geschmack Mer- 
cedes, Rolls Royce, Packard usw.), inmitten eines Verkehrsgetriebes, das den 
Potsdamer Platz nach Kottbus degradiert. Also ist Radio-Auto für jeden 
Ladenschwengel genau so ein Blick in die Zukunft wie die io-Pfennig-Briefe 
des gefärbten Inders drei Buden weiter. Nur viel greifbarer. 

Auch das Wellenbad („Planschetarium !“) ist kein schlechter Witz, in dem mail 
gemütlich beim Sturm baden kann. Windstärke 8, ohne daß sich ein Lüftchen regt. 


64 Vol. 7 


635 



Das Volk der Musikfreunde ferner schart sich andächtig- um den Pavillon 
des Blasorchesters, dessen athletische Darbietungen vom Gebimmel der An- 
reißer, von verschiedenartigen Jazzbands und vom niedergehenden Wolken- 
bruch übertönt werden. 

Bleiben noch die hysterischen Schreie engagierter Lachtauben, die entweder 
auf der Shimmy-Treppe skeptischen Familien ihre Beine oder in bemalten 
Rotunden unschlüssigen Liebespaaren markerschütterndes Vergnügen vormachen. 

Dann entleert sich (nach dem Feuerwerk) langsam der Park, und man 
zieht sich, einen Barstuhl erklimmend, melancholisch ins Privatleben zurück. 

Günter Mamlok. 

The Prince of Wales buys a tie in 47th Street just near 5th av. 

Did you see him, the Prince of Wales, 

He just went in this shop, 

Drängend, stoßend, stürzend rennen die Massen 
Durch die Gassen, 

Drücken die Nasen gegen die Fenster, 

Pressen fiebernde, trunkene Körper 
Gegen das Erker 

Von W. C. Flinch, shirtmaker and ties. 

Sämischlederbeschuht, blauäugig und blond: 

What is the price? Three-fifty, rather expensive. 

Georgie only paid three, 

And not the right blue, too bad, 

Fm sorry, but what is there to do. 

Drei Porter öffnen das Tor 
Mit drohend gerunzelten Brauen, 

Ohnmächtig schlagen zu Boden 
Einhundert republikanische Frauen, 

Doch dann — ein smile — verlegen und scheu 
Isn’t he sweet, the darling boy. 

Ein letztes Lächeln, versunken in Polster 
Versucht er zu denken, 

Wohin nun die Schritte zu lenken. 

My kingdom for the one, who finds the right blue, 

My kingdom und Papa und Mama, the whole nation, dazu, 

It must match my shirt, 

It must match my suit, 

It must match the color of the stone in my ring, 

I have to find it — God save the king. Jose Alessandro. 

Miniatur-Toggenburg. Vor Tau und Tag im Garten — da stehen die 
Blumen sanft wie nie — vom hoffnungslosen Warten verging ich in Melan- 
cholie — — — Die Liebe läßt mich leiden vor Tau und. Tag — in Frost 
und Wind ... — Willst du dich billig kleiden, nimm Ullstein-Schnitte, liebes 
Kind! Nimm Ullstein-Schnitte . . . Jan Barda. 


636 


Behörden und Künstler. Die Städtische Deputation für Kunst und 
Bildungswesen hat Renee Sintenis folgendes hektographierte Schreiben ge- 
sandt, in welchem die Stunden mit Tinte ausgefüllt waren: 

„Am Freitag, den 24. Juni, nachmittags, etwa zwischen 12 und 1 Uhr, 
wird ein Ausschuß der Deputation für Kunst und Bildungswesen unter 
Führung des Herrn Oberbürgermeisters Ihr Atelier besichtigen. 

Wir ersuchen Sie, sich um die angegebene Zeit, die wir innezuhalten 
hoffen, hierfür bereit zu halten. ge z. Böß. 

Beglaubigt: Unterschrift.“ 

Im Jahre 1924 erschien im Querschnitt ein Aufsatz „Die Geliebte des 
Kaisers Joseph“, der unterzeichnet war mit dem Namen Anton Kuhs. Dieser 
Aufsatz war von der Redaktion des Querschnitt der Wiener „Stunde“ ent- 
nommen und irrtümlicherweise mit dem Namen Anton Kuhs anstatt mit 
dem Egon Friedells unterzeichnet, da Friedells Name dem Originaldruck 
jenes Aufsatzes nicht beigegeben, sondern in der weggebliebenen Einleitung 
enthalten war. Die Redaktion hatte nach dem Inhalt des Aufsatzes fälsch- 
licherweise ohne weiteres angenommen, daß er von Anton Kuh stamme. 
Sie hielt die Berichtigung seinerzeit für unerheblich, trägt diese aber jetzt 
auf ausdrücklichen Wunsch Anton Kuhs nach. 



<337 


’s G’müat. 

(Aus dem Drama „Arme Leut“ von Karl Schönherr.) 

Tanzmusik hinter der Szene. Brigitt wird vom Hollerer hereingeschleppt. 

Hollerer: Da. 

Brigitt: Bist no immer gach wie vor zehn Jahr, du — Gacher? 

Hollerer: Gach oder nit gach, Weib. Heut wird tanzt. 

Brigitt: Tanzt . . . 

Hollerer: Oder magst leicht — mit ein andern — tanzen — heut nacht? (auf 
sie zu) Red, Weib. Oder — 

Brigitt: Oder was' — Oder was? (sie umkreist ihn und betastet seinen Arm.) 
Die Muskeln! Schier lauter Stein und Stahl. (Sich an ihn schmiegend) 
Da hat eine einmal was zum Anhalten dran. 

Hollerer: (lauernd) Hat auch Muskeln — der Sepp. 

Brigitt: Warum redest du vom Sepp? (Auflachend.) Kenn ihn nit — den Sepp. 
(Draußen Lärm.) 

Hollerer: Kennst ihn nit? Um so besser. (Langsam) Hörst den Lärm? Da 
bringens einen um! Weißt, wens umbringen? Den Sepp bringens um! 

Brigitt: (schreit auf.) 

Hollerer: (packt sie am Genick) Dablieben wird; Kennst ihn ja nit, den 
Sepp. (Volksgemurmel hinter der Szene.) 

Brigitt: Was ist das? Loslassen, Hollerer. 

Hollerer: Bleib, Weib. (Der Lärm kommt näher.) 

Brigitt: Was ist das? 

Hollerer: Tanzt wird! 

Brigitt: Sepp! 

Hollerer: Kennst ihn jetzt? Tanzt wird! (Er faßt sie und wirbelt sie im 
Kreis.) So tanzt der Mensch — und so ist die Welt. (In der Tür er- 
scheint die Tanzgesellschaft mit einer Bahre.) 

Brigitt: Da — bringens' — ihn schon. (Lange Pause. Ferne Glockenklänge.) 

Hollerer: Horch! Was ist das? 

Die Tanzgesellschaft : (murmelnd) Die Totenglocken . . . 

Hollerer: Da — schweigt — all’s. B’hüt dich Gott, Weib — wennst noch 
einen Gott hast. I geh nach Amerika. Dort gibts auch Madeln — und 
Kernigkeit (zum Gehen gewandt, düster) Und wenn einmal vielleicht der 
Wind — ein verwehten Jodler herüber tragt in — mei Heimattal — dann 
denkt an einen, der vielleicht etwas Besseres hätt werden können — wenn 
— B’hüt euch Gott, i^eut. (Ab.) 

Die Tanzgesellschaft: (Murmelnd) In Ewigkeit . . . 

(Ferne Glockenklänge) 

Vorhang 

(N achempfunden von R. Neumann.) 

d’Ora, Paris. Durch ein Versehen der Redaktion wurde unter den beiden 

Abbildungen des letzten Heftes Julius Elias und Chevalier als Photograph 

d’Ora, Wien angegeben. Es sei ausdrücklich vermerkt, daß die Aufnahmen aus 

dem Atelier d’Ora, Paris stammen. 


638 


Die Galerie Ferdinand Möller hat ihre neuen Räume, Schöneberger Ufer 
Nr. 38, mit einer umfangreichen deutschen Ausstellung eröffnet. Es werden 
Sonderausstellungen von George Mosson und im Oberlichtsaal von Max 
Kaus gezeigt, außerdem alte und neue Werke von Heckei, Kirchner, 
Mueller, Pechstein, Rohlfs, Schmidt-Rottluff, Crodel, und Plastiken von 
Georg Kolbe, W. Lehmbruck und Richard Scheibe. 

Zu den Katastrophen des Weltkriegs gehörte es auch, daß Egon Friedeil 
vor der Musterungskommission erscheinen mußte. Beim Namensaufruf: Egon 
Friedmann erscheint er, wie ihn Gott geschaffen. Der Oberst faßt ihn scharf 
ins Auge: „Sagen Sie, nennen Sie sich nicht auch Friedell?“ „0 ja“, waf 
die Antwort, „wenn ich was anhab’.“ 

Sehnsucht. 

Sieh, das ist meiner tiefsten Sehnsucht Ziel: 

Einmal in stiller, menschenferner Stunde, 
wenn keines anderen Auge uns erspäht, 

Kein fremdes Ohr uns hört — und nur das Schlagen 
der eigenen Herzen machtvoll zu uns spricht, 

Mit dir allein zu sein. — — — 

Und dann, befreit von äußerm Trug und Schein, 
nichts mehr zu wissen von dem kühlen Lächeln 
mühselig angelernter Höflichkeit. 

Erlöst vom Zwang gesellschaftlicher Lüge, 
die Masken fallen lassen vom Gesicht, 
und endlich einmal — froh und stark und frei 
die klaren Quellen reinsten Menschentumes 
ausströmen lassen in des anderen Seele. 

Und so uns geben, wie wir wirklich sind! 

Einander das zu sein, was wir ersehnen, 
weit aufzutun des Herzens goldnen Schrein 

und seinen Reichtum jauchzend zu verschwenden. Ilse von Bogen. 



Kurhaus Bühlerhöhe, 800 m ü. d. M., Baden-Baden im Schwarzwald: Die Diele 

639 



DAS AUSLAND 

AMERIKA: 

Saison morte am Broadway. 

Von Jose Alessandro. 

Wer den Broadway zwischen der 42. und 52. Straße nicht während der 
Hochsaison kennt, wird sich kaum vorstellen können, daß das, was er in den 
Monaten Mai bis Mitte August zu sehen bekommt, die Saison morte des 
„White light district“ genannt wird. Es spielen doch immerhin noch all- 
abendlich über 50 Theater, die großen Erfolge des Winters laufen fast stets 
durch den Sommer, die Lichtreklamen scheinen ebenso grell als bisher, das 
Gedränge ist anscheinend — vielleicht auch nur infolge der gesteigerten Tem- 
peratur — ebenso unerträglich, und in Grays Drugstore, Ecke der 43. Straße, 
schlägt man sich nach wie vor um die Billetts zum halben Preis, die dort feil- 
geboten werden; es gibt nämlich in New York eine Masse Leute, die lieber 
ein schlechtes Stück für den halben, als ein gutes für den ganzen Preis sehen. 
Für den Neuling muß es also begreiflicherweise wie Hochkonjunktur aus- 
sehen, während der Broadway-Roue ganz genau weiß, daß hier unter den 
Klängen des letzten Schlagers die Saison 1926/27 zu Grabe getragen wird, 
und das Minimum von Leben, das leicht verfrüht aus den Ruinen blüht, 
bereits dem zukünftigen 1927/28 angehört. 

Manager von Wichtigkeit wie Belasco, Shubert, Woods, Hopkins, Selwyn 
und — last not least — Morris Gest probieren rasch noch in Omaha oder 
Minneapolis ein paar Stücke, die sie in der nächsten Saison herausbringen 
wollen, auf ihre Chancen aus, und schiffen sich dann eiligst auf den 
Homerics, Olympics, Majestics usw. ein, um noch zur rechten Zeit bei den 
verschiedenen Seasons in London, Paris und am Lido „among those present“ 
in der Pariser Ausgabe des New York Herald vermerkt zu werden. 

Anstatt der fünfzehn Premieren wöchentlich, die der Winter oft bringt, gibt 
es mit Mühe und Not nur eine, und die meistens unbedeutend; das kann der 
dritte Mann der Zeitung mit Leichtigkeit machen, dazu brauchen Woolcot 
von der „World“, Gabriel von der „Sun“ oder etwa gar ein George J. Nathan 
nicht in dem heißen, stickigen New York zu bleiben. „La saison est morte, 
man lege sie zu den übrigen,“ sagen diese Könige der Kritik, und ziehen sich 
unter diesen Worten nach den diversen Long-Island Landgütern zurück. Für 
den aber, der zwar auch zu dieser Welt gehört, aber vom Schicksal weniger 
begünstigt ist, ist der langersehnte Moment der Muse gekommen — es ist 
ungefähr das am meisten paradoxe Wort, das mir im Zusammenhang mit 
New York einfällt — und versehen mit einem kühlen Ginfizz (homemade, 
brrr) läßt er die vergangene Saison Revue passieren. 

Wenn das Wort „De Mortuis, nisi bene“, berechtigt ist, müßte aller- 
dings die vergangene Spielzeit totgeschwiegen werden. Nur zwei wirklich 
bedeutende neue Stücke hat sie uns gebracht; beide vom gleichen Autor, 
Sidney Howard, und beide von der unübertrefflichen Theatre Guild, 
Amerikas einzigem literarischem Theater, wundervoll herausgebracht, „Ned 
McCobbs Daughter“ und „The Silver Cord“. 


640 


Howard wurde vor zwei Jahren für sein „They knew what they wanted“ 
mit dem Pullitzer Preis ausgezeichnet, und es ist unbegreiflich, daß dieser 
Autor, der neben O’Neill Amerikas stärkster Dramatiker ist, in Europa noch 
fast unbekannt ist. Die Theatre Guild, die in diesem Jahre außerordentlich 
erfolgreich gearbeitet hat und ihre Subskribentenliste auf beinahe zwanzig- 



tausend erhöht hat (was jedem Stück mindestens sechs Wochen garantiert), 
hat sich immer mehr zu einem beherrschenden Kulturfaktor im ameiikani- 
schen Kunstleben entwickelt. Durch ein selten fähiges Management gelingt 
es ihr sowohl artistisch, als finanziell in höchstem Maße zu reüssieren. Neben 
Howards beiden Stücken brachte sie unter Jean Copeaus Regie eine wunder- 
volle Aufführung der „Brüder Karamasow“, Pirandellos „Right you are, lf 
you think you are“, und eine vorzügliche Einstudierung des noch immer 


641 


jugendlichen „Pygmalion“; „Maximilian und Juarez war ein Achtungs- 
erfolg; eine schwache Regie versäumte, Werfels Drama die U nterstützung zu 
geben, die es für das amerikanische Theater benötigt hätte. 

Für die nächste Saison verspricht die Guild 0 ‘Neills „Marcos Millions , 
das wohl nach dem „Mirakel“ eine der größten und kostspieligsten Produk- 
tionen darstellt, und aus diesem Grunde zwar schon oft versprochen, aber 
immer wieder im letzten Momente zurückgestellt wurde. O Xeills letztes 
Stück „Lazarus Laughs“, das seine Uraufführung in Chicago erleben sollte, 
muß wohl auch bis nächstes Jahr warten, so daß man außer Xeu-Einstu- 
dierungen von „Emperor Jones“ und „Beyond the Horizon“ nichts in den 
letzten Monaten von Amerikas größtem Dramatiker gesehen hat. 

Seit dem großen Erfolg von Michael Arlens „Grünem Hut" waren sich 
alle Manager darüber einig, daß man lediglich einen „bestseller" irgendwie 
zu dramatisieren brauche, um die Garantie für einen Theatererfolg zu haben. 
Dreisers unerfreulicher Wälzer „An American Tragedy“ war auf der Bühne 
noch unerfreulicher, und Magaret Kennedys „The constant nymph" hatte 
auf dem Wege zur Bühne viel von seinem ursprünglichen Charme verloren; 
auch war die Besetzung nicht so glücklich wie in London, wo man Noel 
Coward und Edna Best zur Verfügung hatte. „Gentlemen prefer Blonds" 
war dagegen ein großer finanzieller Erfolg, und wird diesen auch wohl in 
London wiederholen, nachdem der Lord Chamberlain insistiert hat, daß sämt- 
liche Anspielungen auf den Prince of Wales und die Hüte der Queen Mary 
gestrichen werden müssen. 

Das Problem der Besetzung von Rollen bietet überhaupt immer größere 
Schwierigkeiten, seitdem der Film mit seinen so viel größeren Gagen 
und der so viel sichereren Verdienstmöglichkeit alle großen Namen, die 
sich auch nur einigermaßen gut photographieren lassen, nach Kalifornien 
lockt und dort behält. So sind zwei der stärksten amerikanischen Schau- 
spieler, Lionel und John Barrymore, voraussichtlich der Sprechbühne für die 
nächsten Jahre vollkommen verloren. Das dritte Mitglied der „royal family“, 
Ethel Barrymore, die nach ihrem großen Erfolg in Zofe Atkins' „Declasse“ 
jahrelang vergeblich nach dem richtigen Stück gesucht hatte, erschien 
schöner und jünger als je unter dem alten Frohman-Banner in W. Somerset 
Maughams „The constant wife“ und hatte einen success fou. Ein leichtes, 
typisch englisches Konversationsstück, das mit Ethels Kunst und ihrem herr- 
lichen „sense of humour“ steht und fällt (wie sich an dem Fiasko zeigt, daß 
das gleiche Stück mit Fay Compton in der Titelrolle in London hatte). 

L T eberhaupt hatten die Frohmans unter der Direktion von Gilbert Miller, 
der als Regisseur ein würdiger Sohn seines im letzten Jahre verstorbenen 
\ aters Henry ist, eine sehr günstige Saison. Bourdets „Gefangene“ wurde 
in einer sehr feinen Uebersetzung von Arthur Hornblow jr. glänzend heraus- 
gebracht. Leider mußte das Stück nach 22 Wochen geschlossen werden, ob- 
wohl es noch ein ganzes Jahr hätte laufen können, und zwar — man höre und 
staune — aus moralischen Gründen. Die Zusammenhänge sind überaus 
amüsant, aber zu weitläufig, als daß ich im Augenblick darauf eingehen 
könnte. Auch „Spiel im Schloß“ ist ein Frohmanscher Erfolg. 


642 


Der größte Kassenerfolg war „Broadway“, das seit letztem September zu 
wöchentlich dreißigtausend Dollar spielt. Nachtleben am Broadway, Cho- 
rusgirls, Small-Time Vaudeville, zwei Morde, Leben hinter den Kulissen, all 
dies synkopiert nach dem Rhythmus einer Gershwinschen Rhapsodie, ge- 
schrieben mit intuitiver Kenntnis der hamburgischen Dramaturgie und einer 
grandiosen Psychologie, einer Kenntnis des Publikums, die ans Fabelhafte 
grenzt. Eine Sache, die nicht schief gehen kann, „Sure Fire“. 

Als zweites das Kriminalstück „The Spider“; während es dunkel ist, wird 
ein Mann im Publikum ermordet; alle werden verhaftet, niemand darf das 
Theater verlassen; für zwei Stunden liegt über dem Haus eine Gänsehaut, 
und an der Kasse hängt allabendlich das Wunderzeichen: S. R. O., d. h. Stan- 
ding Room only! 

Wenn man’s trifft, ist es überhaupt eine große Sache. Anne Nichols, die 
Verfasserin von „Abies Irish Rose“, das seit sechs Jahren im Republic 
Theatre läuft, sechs Kompagnien in den Provinzen, drei in England, zwei in 
Australien hat, verkaufte in diesen Tagen die Filmrechte ihres Erfolges an 
Paramount für eine Million Dollar in bar und fünfzig Prozent des Rein- 
gewinns. Lubitsch sollte Regie führen, hat aber, wie man hört, abgelehnt. 
Miß Nichols schreibt bereits das Folgestück „Abies Children“. „Abie“ gehört 
heute fast schon zu den amerikanischen Klassikern; alle jüdischen Witze, 
alle irischen Witze, alle irisch-jüdischen Witze, die je gemacht worden sind, 
viel Menschlichkeit, unfehlbare Sentimentalität und Humor ergeben zu- 
sammen den größten Erfolg, den das Theater je gekannt hat. 

Florenz Ziegfeld konnte im Februar sein seit langem avisiertes, eigenes 
Theater einweihen, das, wie man erwartet hatte, le dernier cri in allem dar- 
stellt. Die schönsten Frauen, die fabelhaftesten Kostüme, das größte 
Orchester, das smarteste Publikum, herrliche Gemälde, alles von Joseph 
Urban entworfen, und — „Rio Rita“, die neue Revue, in der Komödie zwar 
etwas dünn, aber „who cares“, wenn sich vierhundert von Zieggy ausgewählte 
Frauenbeine zu den Tönen von Rio Rita (auf das sich dann später Senorita 
reimt) allabendlich verrenken. 

Im übrigen sind aber die Ausstattungs-Revuen an einem Punkt angelangt, 
wo sie nicht mehr weiterkönnen. Das Publikum hat zu viel Gold und Marmor, 
zu viel Pleureusen, zu viel Juwelen, ja vielleicht sogar zu viel Nacktheit ge- 
sehen. Außerdem sind die Unkosten für eine große Revue heute so enorm, 
daß sie wöchentlich über vierzigtausend Dollar einbringen muß, um sich zu 
rentieren. Dillingham hat seine letzte Monstre-Revue „Lucky“ schließen 
müssen, weil sie zu „nur“ 35 tausend Dollar wöchentlich spielte, und er 
dabei Geld zusetzte. Die große Revue — abgesehen von Ziegfelds Produk- 
tionen, die heute wie der Sandwich von Reubens beinahe eine nationale Ein- 
richtung geworden sind — ist am toten Punkt angelangt. Der kleinen, 
intimen Revue, so wie sie Andre Charlot vor drei Jahren aus London mit- 
brachte, gehört die Zukunft; man verlangt Witz und Esprit; dabei ist es 
absolut nicht notwendig, auf Schönheit zu verzichten; können doch auch zu 
einem geistvollen Kopf ein Paar schöner Beine gehören! 


643 


Das amerikanische Theater, wie wohl überhaupt das Theater dei ganzen 
Welt, steht vor einem der größten Probleme, dem es je gegenübergestellt 
war: der Film. Es hat die volle Bedeutung dieses Rivalen erst in den beiden 
letzten Jahren realisiert; heute ist ihm die Beantwortung der Frage vielleicht 
schon um ein Geringes über den Kopf gewachsen, aber es ist doch noch nicht 
zu spät. 

Zuerst kam man dem neuen Konkurrenten mit viel W ohlwollen entgegen, 
denn der Verkauf der Filmrechte eines Stückes half manchem Manager aus 
einem Verlust einen Gewinn machen, oder wenigstens sein Geld wieder- 
bekommen. Viele Stücke, die auf der Bühne aussichtslos erscheinen, ent- 
halten hervorragendes Filmmaterial. Diese Erwägung spricht aber heute 
kaum noch mit, da für die Filmrechte von Stücken — wenn es sich nicht um 
ganz starke Erfolge handelt — meistens keine großen Summen mehr bezahlt 
werden, auf der anderen Seite aber in einer guten W oche am Broadway 
über eine Million Dollar von den Movies an Eintrittsgeldern eingenommen 
wird, alles Geld, das früher zum großen Teile den Theatern zufloß. Tn den 

letzten drei Monaten sind zwei neue Filmpaläste 
am Broadway eingeweiht worden, das Roxy 
und das Paramount, das eine mit etwas über 
6000, das zweite mit etwas weniger als 4000 
Sitzplätzen. Die Programme, die in diesen The- 
atern sowie im Capitol, Strand, Rivoli Rialto 
usw. für 75 oder 99 Cents geboten werden, sind 
oft reichhaltiger als die der großen Revuen, 
für die man mindestens 5 - 5 ° Dollar bezahlt. 
Man kann also leicht begreifen, daß die Durch- 
schnittsfamilie heute ihr Movie dem Theater 
vorzieht. 

Das Theater kann im Augenblick seine Ein- 
trittspreise nicht herabsetzen; die Gagen für 
Stars, sowie auch für alle sonstigen Schau- 
spieler mit gutem Namen sind größer als je, 
da man mit den Gehältern, die die Filmkompag- 
nien mit Leichtigkeit auswerfen können, mitkonkurrieren muß. Die Mieten für 
gute Theater sind höher als früher, da Filmgesellschaften, die keine eigenen 
Theater besitzen, jeden Preis zahlen, um einen Schauplatz für ihre Produk- 
tionen zu bekommen, und ihnen auf diese Weise für die Provinzen den 
Stempel ,, Direkt vom Broadway'* verleihen zu können. 

Ob ein Zusammengehen von Film und Bühne die Lösung bringen wird, 
scheint fraglich; die bisherigen Versuche, Fox mit Robert Milton und Sam 
H. Harris, Famous Players und Frohman, waren Fiaskos. Ein Nebenein- 
andergehen, so wie es momentan der Fall ist, scheint der Sprechbühne nicht 
gut zu bekommen, obwohl sie viel zu viel innere Kraft hat, um je daran zu- 
grunde zu gehen. Es wird also wohl irgendwie zu einem Kompromiß kommen 
müssen, wie man es schon oft in Industrien, die einer verwandten Nachfrage 
entsprechen, erlebt hat. 



644 


SC HALLPLATTEN -QUERSCHNITT 


Tanzplatten 


Vox. Nr. 8499. „La Mascota“ und „ Hasta Dempsey“. Gespielt von der Argentini- 
schen Tangokapelle Manuel Romeo: Besonders straff präzisierte Tangos, obsti- 
nate Begleitung, argentinischer Elan, reizvolle Herbheit. 

Vox. Nr. 8495. „Lady Helen“. Gespielt vom Orchester Jenö Fesca: Galoppieren- 
der, witzig pointierter Onestep über soldateskem Schlagzeug. „Miami“ : Gesang- 
voller Tango in der Maske eines festlich-heiteren Andante con moto. 

Vox. Nr. 8496. „Wiener Zugvögel“, Walzer von Translateur. Orchester Jenö 
Fesca: Wienerische dolcezza, gespornt und modernisiert durch ungarischen 

Steppenwind. 


Electrola. DA 817. „Du leichter Schatten“ aus „ Dinorah “ (Meyerbeer). Gesungen 
von Amelita Galli-Curci : Treffliche Aufnahme einer stupenden Gesangsleistung, 
die um so sensationeller wirkt, als puristische Koloraturkunst sozusagen ausge- 
storben ist. Wettstreit von Flöte und Menschenstimme. 

Electrola. DA 105. „In dieser feierlichen Stunde “ aus „Die Macht des Geschickes“ 
(Verdi), Duett: Enrico Caruso (Tenor) und Antonio Scotti (Bariton). Rück- 
seite: Duett „Ach, Geliebte, nie kehrst du wieder “ aus „Boheme“ (Puccini): Die 
schönste „Amati“, die kostbarste „Stradivari“ von Meistern beherrscht und be- 
seelt. Diese Stimmen adeln selbst puccineske Sentimentalismen. 

Electrola. DB 102. „Nächtliche Parade“ (Glinka), „Die beiden Grenadiere “ (Schu- 
mann). Gesungen von Feodor Schal japin: Technisch hervorragende Platte. 

Aeußerst lehrreich, wie Schal japins geniale Gestaltungskunst visuelle Bilder von 
einzigartiger Glut, Kraft und Dämonie zu übermitteln vermag. 

Polydor -Grammophon. H 701 14. „Ki k’simcho“ ( Lewandowski), gesungen von 

Oberkantor Moris Gordon (mit Chor): Seltsame Zwiesprache zwischen tenoraler 
Baritonstimme von großer Ausdruckskraft und jeder Nuance folgendem Chor. 

Polydor-Grammophon. H 70 005. „Kaddosch l'Schabath“ . Mit Klavierbegleitung. 
Gesang: S. Pinkasowicz : Dieser einschmeichelnde und originelle „Lobgesang auf 
den Wein am Sabbath“ wirkt besonders faszinierend, weil Oberkantor S. Pinka- 
sowicz (ein Gesangsphänomen) im Bezirk von vier Oktaven (!) mit stets schön 
klingender Stimme die schwere Kunst melismatischer Ausschmückungen vorbild- 
lich meistert. 


Gesangsplatten 



ODEON 


Der Reiseappewat 



Die Schallplatte 


COLUMBIA 


645 


Orchester 

Grammophon. 66 532. Vier deutsche Tänse (Mozart). Nr. 1 Tanz. Nr 2 Trio „ Der 
Kanarienvogel'. Nr. 3 Trio „Der Leiermann“ . Nr. 4 „Die Schlittenfahrt . 
Dirigent; Generalmusikdirektor E. Kleiber : Entzückende Genrebilder von höchster 
musikantischer Delikatesse und illustrativer Eindringlichkeit. 

Grammophon. 66384. „Oberon“ -Ouvertüre (C. M. von Weber). Dirigent: Gene- 
ratmusikdirektor Leo Blech; Wundervolle Aufnahme dieser leider viel zu selten 
gehörten Musik. Präzision der Bläser (fabelhafte Hörner), Subtilität und 
Transparenz des gesamten Orchesters. Jugendliche Beschwingtheit und Wärme! 

Diversa 

Electrola. DB 851. „Adiago“ nach Bach. Cello: Pablo Casals mit Klavierbegleitung : 
Orchestrale Fülle des Cello-Tones, prächtige Klangentfaltung, selbst im leisesten 
Piano. — Rückseite : „Goyescas“ (Granados). Cello: P. Casals mit Klavier- 
begleitung: Matte Impression, die den anspruchsvollen Titel nicht rechtfertigt. 

Odeon. O — 2151. „ Kasbek “ (kaukasische Weise) und „ Mondschein “ (russische 
Volksweise mit Variationen). Balalaika mit Klavierbegleitung. Gespielt von 
Nikolai Sinkowsky : Unerhörte Variabilität in Farbe und Stärke! Unglaubhaft, 
daß diese imponierende Leistung ein So/ovirtuose hervorbringen kann! 

Grammophon. 62 567. „Ay-ay-ay“ (Serenata criolla). Blues Gespielt von Vasa 
Pfihoda (Violine mit Klavierbegleitung) und „ Walzer " (Dvorak-Prihoda) : Die 
tänzerische Serenata und der „erschwerte Walzer“ zeigen die geigerischen Hexen- 
kunststücke des jungen Pfihoda im Scheinwerfer der Sensation . . . 

Brunswick, Grammophon. A 5000. „The Merrymakers Carnival“ mit Klavier- 
begleitung I. und II. Teil sowie 

Brunswick, Grammophon. A152. „My Castle in Spain“ und Rückseite: „Sweet 
Child“. The Merrymakers mit Klavierbegleitung: Das Simmelsammelsurium von 
Bekanntem und Improvisiertem ergötzt mit seiner naiven Buntheit. Die Qualität 
des Gebotenen ist sowohl stimmlich als auch instrumental durchaus erstklassig. 
(Verblüffendes Saxophon-Solo.) 

Chorplatten 

Columbia. L 1768. „Messiah“ (Haendel). Mitwirkende: Haendel-Festspiel-Orchester 
und Chor. Dirigiert von Sir Henry I. Wood: Klanglich vorzüglich ausbalancierte 
Choraufnahmen. Bewunderungswürdig, wie deutlich das Piano der Streicher und 
Stimmen hörbar ist. 

Columbia. D 1568. „O Signore che dal tetto natio " aus „I Lombardi“ (Verdi) Chor 
und Orchester der Mailänder Scala: Gute Choraufnahme aus der kaum bekannten 
Oper von echt verdischem Bühnenschmiß und überzeugender Melodik. — Rück- 
seite: „Chorus of Cigarette girls “ aus „ Carrten “ (Bizet): Ausgezeichnete Repro- 
duktion. vielfarbig, schwungvoll rhythmisiert, hübsche Stimmen . . . 

Klavier 

Electrola. DA 761. Walzer in Des-dur, Op 64, Nr. 1 und Walzer in Ges-dur, Op. 70, 
Nr. 1 (Chopin), gespielt von Wladimir de Pachmann (mit kleiner englischer An- 
sprache an das Publikum) : Amüsanter Beitrag für Liebhaber Pachmannscher 
Konzert-Improvisierung in Rede und Chopin-Spiel. 

Electrola. E.H.2Q. Polonaise A-dur, Op. 40 Nr. 1 (Chopin), gespielt von Mark 
Hambourg: Bravoureuser Klavierklang in Secco-Manier (zuweilen auf Kosten 
der Egalität). — Rückseite: Cis-moll-Präludiutn, Op. 3, Nr. 2 ( Rachtnaninoff ): 
Prächtige Dynamik, wirksame Kontraste. 


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zum Schicksal geworden ist. Dieses Buch durchlichtet 
in der stillen Intensität seines Erlebens das ewige Rätsel 
zwischen Mann und Frau. Im Mittelpunkt steht die Ge- 
stalt eines Mannes, der nach zwei flüchtigen Erlebnissen 
mit Frauen von einer sein ganzes Wesen erfassenden 
Passion erfüllt wird, die das Höchste bedeutet, was 
ein Mensch erleben kann. Diese Höchstspannung 
des Gefühls, dieses aufs äußerste gestellte Glück, muß 
in einer Welt nüchterner Tatsachen zur Katastrophe 
führen. Liebe als Diesseitswunder leuchtet als unver- 
lierbare Erkenntnis aus all den Wirrnissen und Leiden, 
durch die uns ein Dichter erschütternd geführt hat 


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DER QUERSCHNITT 

VII. Jahrgang Heft 9 

INHALTS-VERZEICHNIS 


J. Meier-Graefe Renoirs Alter 

Gerald Reitlinger Shaw, Arien und Galsworthy 

Wilhelm Flam Wie Du atmest, so lebst Du! 

Kammersänger Walter Kirchhoff . . . Wenn ich singe . . . 
Alain de Leche .... Leon Blum, der große französische 
Sozialistenführer 

Joachim Ringelnatz Olaf Gulbransson 

Alexander Levy . Liberias ( Aus einer galiläischen Reise) 

P. H. N Die Puttkamers 

Maurice Dekobra Un Quart d’Heure avec 

Adolf Feulner Das höfische Möbel 

Allred Flechtheim Pommern 

August Münsterland Europäische Kunst 

der Gegenwart in Hamburg 
Stan. Fr. Osiakowski . Belletristik im heutigen Rußland 

Frank Arnau Die Arbeit am fließenden Band 

Max Rychner Helvetische Literatursatire 


Auktions-, Bücher-, Schallplatten- Querschnitt 

Marginalien 

Mit vielen Abbildungen 
im Text und auf Tafeln 

* 

Umschlagbild nach einer Zeichnung von Auguste Renoir 
( Aus Vollard, La vie et l’oeuvre de Renoir. Verlag A. Vollard, Paris ) 


PREIS DES HEFTES 1,50 GOLDMARK 


Verantwortlich für die Redaktion: H. v. Wedderkop, Berlin. — Verantwortlich für 

die Anzeigen: Hans Scheffler, Berlin 

Verantwortlich in Österreich für Redaktion: Ludwig Klinenberger, für Herausgabe: Ullstein <fc Co., G. m. b H„ 
Wien, I., Rosenbursenstrabe 8. — In der tschechoslowakischen Republik: Wilhelm Neumann. Prag 



PORTAL DES K U N ST PA L AST E S IN DÜSSELDORF 


DIE AUSSTELLUNG DES NÄCHSTEN JAHRES: 

DEUTSCHE KUNST DÜSSEUDORF 1928 

EIN ÜBERBLICK ÜBER DAS KUNSTSCHAFFEN 

DER GEGENWART 






RENOIRS ALTER 

Von 

J. MEIER- GRAEFE 

^^icherstes Kriterium für den genialen Menschen ist sein Alter. Große 
AJ Meister steigen bis zuletzt. Da sie Zeit braudien, erreichen sie meist 
hohe Jahre. Nur Talente sterben in der Jugend. Die Regel hat bekannte 
Ausnahmen, dagegen gilt der Satz von dem relativen Maximum unbedingt. 
Genies sind keine Wundertiere und entziehen sich nicht den physischen 
Konsequenzen, mit denen jeder Sterbliche zu rechnen hat, werden mit den 
Jahren klapprig. Nur der Geist bleibt intakt, und auf ihn allein sind sie 
angewiesen. Mit seiner Hilfe machen sie ihren Beruf unabhängig von den 
Altersgebrechen und lernen, sich von der Materie zu lösen. Da diese 
Lösung wesentlichstes Ziel der Kunst ist, hilft ihm das Alter. Sie erlangen 
mit achtzig eine Beweglichkeit, die sie nicht mit zwanzig besaßen. Man 
kann sagen, sie werden als Künstler jung. 

Dafür liefert Renoir einen erstaunlichen Beleg. Mehr als anderes quälte 
ihn schon früh eine besonders infame Gicht, und sie warf sich gerade auf 


647 



die Glieder, deren nach allgemeiner Ansicht der Künstler am meisten 
bedarf. Er mußte schon als Sechziger im Rollstuhl fahren und hatte sozu- 
sagen keine Hände mehr. Die Knochen verdünnten, verbogen sich, 
nahmen phantastische Formen an. Die Finger glichen Spiralen und ver- 
sagten jede Aktion. Man steckte den Pinsel in die verschrumpfte Faust. 
So malte er und malte in den beiden letzten Jahrzehnten seines Daseins 
mehr als je, brachte es zu dem größten Umfang des Oeuvre, das ein Maler 
je erreicht hat, und realisierte in dieser letzten Epoche so restlos die Mög- 
lichkeiten seiner Vision, daß man die vorhergehenden Stadien trotz ihrer 
Fruchtbarkeit als Vorbereitung anzusehen hat. Damit war es ihm nicht 
genug. In dem letzten Jahrzehnt, während seine Malerei den unvergleich- 
lichen Reichtum und die Flüssigkeit des Farbigen, die man mit geschmol- 
zenen Edelsteinen vergleichen könnte, erreicht, hat der Krüppel seine 
Plastiken geschaffen. Das erste Stück, 1907 entstanden, war ein kleines, 
rundes Relief in primitiver Technik, mit dem Gesicht seines spät geborenen 
jüngsten Sohnes. Ein paar Jahre darauf entstanden größere Reliefs von 
komplizierter Komposition, dann Vollplastiken von keineswegs primitiver 
Modellierung, darunter lebensgroße Figuren. Die Entstehungsgeschichte 
dieser Werke hat einen Beigeschmack von Kino, und wenn sie nicht sicher 
belegt wäre, mit den denkbar sichersten Dokumenten, nähme sie keiner 
ernst. Renoir hat diese Plastiken geschaffen und hat sie sozusagen nicht 
berührt. In Ermangelung eigener Glieder, die den Ton zu kneten ver- 
mochten, bediente er sich der Hand eines gewissen Guino, eines braven 
Bildhauers, der auch außerhalb seines Dienstes bei Renoir gewirkt hat und 
noch weiter wirkt. Vollard, der Herausgeber der meisten Bronzen Renoirs, 
bewahrt eine lebensgroße Statue von Guino, um die Bedenklichen von der 
Belanglosigkeit des Gehilfen zu überzeugen. 

Es gibt plastische Reproduktionen von Gemälden. Die bekannteste. 
Produkt des Engländers Lucas, wurde Lionardo getauft und führte zu 
einem der Lustspiele des vergangenen Regime. Könnte man Renoirs 
Plastik eine Wiederholung seiner Malerei nennen, brauchte man sich nicht 
damit aufzuhalten. Sie ist Schöpfung eines Bildhauers und bleibt von 
Formen der Malerei unberührt, besteht im Raum mit derselben Selbstherr- 
lichkeit wie das Bild in der Fläche und hat mit den Bildern Renoirs nur 
Renoir gemein. 

Renoir verlor nicht seine Zeit mit dem Idealismus unseres Hans von 
Marees, der auf die Zugänglichkeit und Stärke seiner Doktrin baute und 
seine Schüler frei walten ließ, hoffend, aus Pygmäen meisterliche Bild- 
hauer machen zu können. Renoir diktierte. Erst zeichnete er nach der 
Figur, die er im Geiste vor sich sah, Ansichten nach allen Richtungen, um 
die eigne Vorstellung zu sichern und dem Gehilfen Vorlagen zu geben. 
Dann hatte Guino die Massen aufzubauen, und sobald sich das Gebilde in 


648 


Sebba 


Renoirs Haus in Cagnes 


wurfs haben größere Bedeutung als die Details des Körpers. Dieser wurde 
mit Sorgfalt geglättet, und dies war die heikelste Seite des Diktats und 
zwang zu vielen Korrekturen. In den prachtvollen Kleinbronzen mit 
hockenden Gestalten blieb die Modellierung ganz summarisch, und wieder 
erkennt man, um wie vieles wichtiger die Form zwischen den Gliedern 
als der Körperteil ist. Renoir achtete nur auf die Flächigkeif der Model- 
lierung Guinos, um die Formen nicht zu rund und spielerisch werden zu 
lassen. Im übrigen hat der Gehilfe hier leichte Arbeit gehabt. 

Die Selbständigkeit des Bildhauers wird da am deutlichsten, wo er 
sich eines Motivs des Malers bedient. Das bekannteste Beispiel ist das 
Paris-Urteil, das wir als Gemälde und als Bronzerelief besitzen. Das Ge- 
mälde entstand 1905 und ging der Plastik um zehn Jahre voraus. Beide 
Stücke befanden sich in der Thannhauser- Ausstellung in diesem Winter, 
und mancher Besucher übersah die Verwandtschaft der Motive, weil die 
Formen des Ausdrucks so verschieden sind. Ein zweites fast noch merk- 
würdigeres Beispiel ist die Mutter mit dem Kind, als Bild im Jahre 1885 
entstanden und damals unvollendet geblieben. Die sehr zeiohnerische Form 
des frühen Bildes schrie förmlich nach der Plastik, und man versteht, daß 
Renoir selbst Hand anlegte. Er behielt selbst in Aeußerlichkeiten die 
Situation des Gemäldes und machte trotzdem ein ganz neues, dem Bilde 
unendlich überlegenes Werk daraus. Der Maler hatte sich sehr eng an 
die Zeichnung gehalten und versäumt, das Volumen zu sichern. Da die 
Farbe die neutralisierende Hülle um das derbe Geschöpf nicht hinreichend 
gewährte, geriet die junge Mutter ins Unförmliche. Der Bildhauer findet 
sofort die dem Motiv gemäße Form. Die Entscheidung liegt in dem 
frontalen Aufbau und der kaum merkbaren Verschiebung der Lage des 


653 



Kindes auf dem jetzt solide konstruierten Schoß. Man spürt unter dem 
Kleid die Schenkel. Damit erhielt die ganze Gruppe die sichere Struktur, 
und das Unförmige der Gestalt wird restlos überwunden. Auch der Kopf 
wirkt ganz anders. Die Mutter dreht das Gesicht nicht wie im Bilde dem 
Betrachter zu, wodurch die fragwürdige Form noch betont wurde, sondern 
schaut mit leicht geöffnetem Mund gradaus, nur ihrer höchst unpsycho- 
logischen Funktion hingegeben. Die Züge haben sich vereinfacht und sind 
der knappste Ausdruck des Renoirschen Frauentyps. Man könnte ohne 
Metapher sagen, das ganze Werk sei jünger geworden. Es steckt in ihm 
etwas von der derben Lebensfreude, die van Gogh den Bauern Millets ein- 
zukerben wußte. Nur bleibt das Runde der großen Tradition, das sich 
van Gogh versagte, erhalten. 

Ein Nachspiel. Renoir hatte mit dieser Rettung nicht genug, nahm 
dasselbe Motiv auf seine Staffelei, und nun entstand es auch noch einmal 
als Gemälde, eins der schönsten der letzten Jahre. Renoir muß es kurz 
vor oder nach der Plastik gemalt haben, womöglich am gleichen Tage. 
Sein Auge hatte die Delektation, wie Poussin sagte. Was die Hand 
daraus machte, ergab sich von selbst. In letzter Instanz sind die Bilder, 
trotzdem er sie vom ersten bis zum letzten Strich selber gemacht hat, nicht 
eigenhändiger als die Plastiken. 


SHAW, ARLEN UND GALSWORTHY 

Von 

GERALD REITLIXGER 

S haw, Arien und Galsworthy sind, scheint es, ein Triumvirat, das unsere 
moderne Literatur in Deutschland vertritt, und Deutschland ist schließlich 
die einzige Nation in Europa, die uns ernst nimmt. Offenbar müssen diese 
drei Schriftsteller, die in bezug auf Geschmack und Ansichten so sehr diffe- 
rieren, etwas Gemeinsames haben. Hier in England, wo wir der Neigung zum 
Bücherlesen im allgemeinen nur ungern folgen, hat jeder sein spezielles, fest 
umgrenztes Publikum. \\ ie kommt es denn nun, daß man sie als so zusammen- 
gehörig betrachtet? Vielleicht, weil sie eine Einstellung vertreten, die auf dem 
ganzen Kontinent für typisch englisch gehalten wird: ihre Kunst „d’epater le 
bourgeois“, ihr Snobismus — diese große Offenbarung — und vor allen Dingen 
ihre gottgewollte Mission, die Welt ins richtige Gleis zu rücken. Schon seit dem 
Vertrag von Amiens, als „Mylord Anglais“ zum erstenmal nach einer langen 
Zeit der Zurückgezogenheit in seiner Postchaise von Calais nach Paris kam, 
bringen wir es fertig, diesen Ruf ständig aufrechtzuerhalten. Und auch unsere 
kiirzliche Einmischung in die Kontinent-Fragen hat die Ansicht der Welt über 
uns nicht ändern können. Wahrscheinlich werden diese drei Autoren in 
Deutschland mehr gelesen, um eine vorgefaßte Meinung zu bestätigen, als uni 
neue Eindrücke von unserer Insel zu erhalten. Wenn meine Annahme stimmt, 


654 


Mme. Renoir. 1882 


Das Ehepaar Renoir. 1914 



Auguste Renoir. 1905 

(Unveröffentlichte Photos aus dem Besitz der Söhne Renoirs) 




Auguste 



Mme. Renoir, die Gattin des Künstlers 


Renoir 



Mit Gen. d. Galerie Flcchtheim 
Selbstbildnis. Besitzer Pierre Renoir 


t e Renoir 



**W' 




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JV'K 


Mutter und Kind. Oelgemälde, 1885. Slg. Pierre Renoir 


Verlag der Galerien Hodebert, Paris, Flechtheim, Berlin 

Mutter und Kind. Bronze, um 1915. Photo nach einem Abguß 




Slg. Claude Renoir, Cagncs Slg. Bernheim, Paris 

Frau am Brunnen. Um 1910—15 Frau am Toilettentisch. Um 1910 


so ist es wirklich jammerschade, daß man sie so ernst nimmt; denn nur in den 
entlegeneren Teilen Englands wird noch immer „Tante Sally“ gespielt. Tante 
Sally ist der Inbegriff einer alten Jungfer — das Sinnbild unseres nationalen 
Lebens — , die eine Pfeife raucht. Der Sinn des Spiels ist, ihr die Pfeife aus 
dem Mund zu schlagen. Auf diese Weise lenkt sie die gesamte Aufmerksam- 
keit auf sich. Zurzeit wird das Spiel wenig gespielt; wenn man aber Mittel- 
punkt der allgemeinen Aufmerksamkeit werden will, muß man sich eben zu 
einer Tante Sally machen. Daher sind unsere bösen Taten so viel zahlreicher 
und amüsanter als die anderer Länder. Aber unsere Tante Sally ernst zu 
nehmen, fiele uns zuallerletzt ein. Jene selbstlosen Menschen, die so tapfer 
den erbitterten Angriffen der Oeffentlichkeit standhalten, bieten uns etwas 
Ablenkung, für die wir gern und nicht zu teuer in unseren Leihbibliotheken 
subskribieren, und nach kurzer Zeit sind sie so belanglos wie der vorjährige 
Schnee. Wenn sie dann so leidlich in der Vergangenheit begraben sind, wenn 
alle Welt von ihnen gehört hat, aber sich niemand mehr erinnert, sie gelesen 
zu haben, dann kommen sie nach dem Kontinent, als eine erschütternde Offen- 
barung all dessen, was sich wahrhaftig schon jeder gedacht hatte. Was für 
ein entsetzlicher Irrtum ist das! Ein Irrtum, den wir in England immer ver- 
mieden haben. Wenn wir auch selten fremde Bücher lesen, so sind wir doch 
Kontinent-Fragen gegenüber niemals provinziell eingestellt. Ein wundervolles 
System, das wir der Unzulänglichkeit unserer Uebersetzer und den Lücken 
in unserer Schulbildung zu verdanken haben. 

Diese Betrachtungen werden dem Leser wahrscheinlich als eine Ab- 
schweifung erscheinen, da er nach dem Titel des Aufsatzes erwartet hat, etwas 
über unsere drei Schriftsteller zu hören. Also: 

Bernard Shaw ließ sich zu uns herab wie ein Komet an der Jahrhundertwende, 
zu einer Zeit, als die Jugend Englands, glücklich und stolz im Bewußtsein ihrer 
Kraft, Norfolk-Anzüge und Zahnbürsten-Schnurrbärte trug und ohne Hut per 
Rad rund um Kent sauste. Zuerst, als wir seine Stücke sahen und dann 
die Vorreden lasen, wurde uns ein wenig bewußt, daß auch wir manchmal 
Frauen in Smithfield verkaufen, daß wir oftmals einen Sozialisten den Löwen 
in Albert-Hall vorwerfen könnten, daß wir täglich das Fleisch des gemarterten 
Kalbes verschlingen. Fromme Vorsätze erfüllten uns, und wir waren bereit, 
wollene Gewänder zu tragen, uns von Kräutern zu nähren, auf Wohlstand, 
Kirche, Regierung, Polizei und Titel zu verzichten. Im Laufe des Abends, 
wenn diese Illusionen zerstört wurden, irgendwo im vierten Akt, hatten wir 
plötzlich das Gefühl, daß Shaw an unseren Beinen gezerrt, ein Gefühl, das 
unsere Rasse sehr liebt. So kam es, daß er allgemein anerkannt wurde, sogar 
von unseren Bürokraten, die die Stücke — besonders, wenn sie die Einleitung 
nicht gelesen haben — absolut harmlos und sehr vergnüglich finden. 

Derjenige von unseren drei Autoren, der am ehesten verdient, ernst 
genommen zu werden, ist Galsworthy. Ein freigelassener Sklave, irgendwo 
aus West-Indien, sagte einmal, für ihn bedeute Freiheit nichts als ein Gefühl 
der Verlorenheit. Ich bezweifle sehr, daß uns Engländern dies Gefühl jemals 
vor den Neunzigern bewußt wurde, bis uns Galsworthy als erster junge, amü- 
sante Menschen vor Augen führte, die für diese Freiheit die unangenehmsten 


66 Vol. 7 


655 


Dinge taten. Harmlose und stumpfe W esen, wie Bauern, Zuchthäusler und 
Juden, wurden immer die Beute roher Gewalten. Ueberall steckten Männer in 
mittleren Jahren zusammen und brüteten Unheil. Im hohen Rat, bei Behörden, 
Kabinetts und Komitees der Westend-Clubs wurde die Freiheit Englands ge- 
knebelt. Unser Leben ist — bedingt durch das Klima — ein sehr beherrschtes. 
Die Riesenmengen Tee, Brot und Butter, die wir konsumieren, ersticken den 
teuflischen Funken in uns und lassen uns die Welt in einer Art grauem Zwie- 
licht erscheinen. W r enn wir die Bücher Galsworthys lesen, erkennen wir erst 
den Hemmschuh, der uns gehindert hat, unsere ehrgeizigen Jugendträume zu 
erfüllen, erkennen wir klar die Ungerechtigkeiten, die unser Leben vergiften, 
und mit geschärftem Blick für die Wirklichkeit kehren wir Montag früh an 
unsere Arbeitsstätte zurück. 

So war unsere geistige Kost in der fernen Vorkriegs-Aera. 

Heute aber ist Idealismus nicht mehr modern. Heute, da die sozialistischen 
Bestrebungen unserer Fabian-Jugend mit der Vier-Stunden-Woche der Maurer 
realisiert worden sind, begrüßen wir freudig die zwar zynischen, doch er- 
frischenden Desillusionen der Restauration und der Regentschaft. Arien zieht 
den Vorhang zur Seite und zeigt uns das verruchte London, wie Manchester es 
lange geargwöhnt hatte, obgleich ihm klar war, daß es sich gestern dessen noch 
nicht bewußt war. In diesem wunderbaren „Mayfair“ gehen Künstler und 
Abenteurer Arm in Arm mit Gräfinnen und Diplomaten; die Luft des Amphi- 
theaters mischt sich mit Houbigant und dem Duft der Henry Clay. Der 
Hispano-Suiza saust die Pont Street hinunter, und jeden Mittwoch abend wird 
die Tanzkonzession bis 2 Uhr nachts ausgedehnt. Die Schilderung von Arlens 
Welt ist noch feiner als die der Luxuszüge von Maurice Dekobra, wo Lady 
Diana Wyndham ihre Seidenpyjamas entfaltet. Nirgends eine Spur von 
Grobem, Aufdringlichem, außer einem schwachen Geruch von Lysol. Wenn wir 
uns aber mehr in „Mayfair“ vertiefen, uns von Brompton Road nach Westen 
wenden, merken wir mit Unbehagen, daß Mr. Arlens Aristokraten — anders 
als die des Earl of Beaconsfield — Geschlecht sowohl wie Stammbaum haben. 

Da wir, wie gesagt, unsere Tante Sally nicht ernst nehmen, hat auch 
das große Publikum eigentlich keine Veranlassung zu einer anderen Beurtei- 
lung. Sie haben eben eine mehr konservative Tradition des Geschmacks, die 
noch von den Tagen Clarissa Harlowe’s herrührt. Für sie bleibt Tugend eben 
Tugend, und die Liebe singt ewig ihre süß-traurige Weise. Einen wirklichen 
Begriff von den großen, wahren und bleibenden Werten der englischen 
Literatur kann man sich erst machen, wenn man die Werke von Elynor Glyn 
und Ethel M. Dell kennenlernt. 

In den Werken dieser Autoren sucht man vergebens eine Spur von Irland 
oder Armenien. Es sind Sachsen aus Sachsen. Wo immer Shakespeares 
Sprache gesprochen wird — von Bordighera bis Oklahoma und von Valparaiso 
bis Schanghai — zählen ihre Auflagen schon nach Hunderttausenden, wenn 
andere Ladenhüter noch bei der ersten sind. Echte Weltumsegler, und es ist 
wahrhaftig hohe Zeit, daß sie auch zu den hinterwälderischen Europäern 
kommen, um ihnen eine vollkommen neue und weit weniger irrige Anschauung 
von englischer Wesensart beizubringen. (Deutsch von Eva Maag.) 


656 



Wilhelm Morgner 


WIE DU ATMEST, SO LEBST DU! 

Von 

WILHELM FLAM 

Der Gesangspädagoge Wilhelm Flam, von großen Sängern 
als ihr Mentor, in vielen Fällen als Retter gepriesen, erklärte 
einem Mitarbeiter de9 „Querschnitt“ in einem Interview die 
Grundzüge seiner Methode. 

N ur der wird die große Masse in Atem halten können, der selbst den 
Atem beherrscht. Es ist auffallend, daß gerade diese Funktion von 
den meisten Menschen als etwas Selbstverständliches hingenommen und viel 
weniger kultiviert wird als jede andere; je mehr die Menschheit durch tech- 
nische Fortschritte der Natur entfremdet wurde, desto weniger achtete sie 
auf die Pflege des natürlichen Atmens, das doch der Anbeginn alles Lebens 
und Erlebens ist. Als Gott dem Menschen eine Seele geben wollte, blies er 
ihm den Atem ein; aus dem Atem aber entsteht der Ton, der tönende Seele 
ist, höchste Ausdrucksform aller Erlebnisse. 

Ein ängstlicher, zaghafter Mensch atmet anders als ein erfolgreicher, 
dessen sicherer „Brustton“ bezaubert, hinreißt, siegt. Materiell veranlagte 
Naturen atmen anders als Idealisten, Gelehrte und Phantasten. Erstere haben 
meist eine ausgeprägte Bauch- und Zwergfellatmungsart, die anderen 
Schlüssel- und Brustbeinatmung. Gemütsstarke, lebensfrohe Menschen 
weisen stark ausgeprägte Flankenatmung auf. Eine große Rolle spielt der 
Rhythmus und die Tiefe des Atmens. Hastige, unruhige, erfolglose Menschen, 


657 


ewig sorgende, kleinliche, schwarzsehende Naturen atmen flach, unruhig, 
kurz und unrhythmisch. Melancholiker atmen seicht, Angst wagt kaum zu 
atmen, Schreck raubt den Atem. Mut und Freude lassen die Brust hoch auf- 
schwellen. Die Natur zwingt den Menschen bei seelischem oder körper- 
lichem Schmerz durch Seufzen oder Stöhnen zu einem befreienden Atmen. 

Große Freude, Jubel, Glück lassen den Atem volltönen, zum Gesang 
werden. Gesang ist nichts anderes als tönender Atem, tönende Seele. Nur 
wer, von innen getrieben, Lust zum Singen hat, wird singen können, und 
hier liegt der Ausgangspunkt für die schwere, verantwortungsvolle Aufgabe 
des Gesangsmeisters. Er muß gleichzeitig Seelen- und Charakterbildner 
seines Schülers sein. Nicht eine Kehle hat er zu bilden, sondern einen ganzen 
Menschen. Denn Gefühl und Ton müssen beim Sänger ein engverbundenes 
Ganzes sein, sein Innenleben muß mit seinem Gesang harmonieren, wenn er 
die bezwingende Kunstschöpfung bieten will, die die Menge hinreißt. Dieses 
Innenleben, das sich in Ton, Gebärde und Gesichtsausdruck widerspiegelt, 
unterscheidet den Künstler vom Chorsänger, der stumpf eine technische 
Fertigkeit produziert. Von allen anderen Künstlern unterscheidet sich der 
Sänger dadurch, daß er seine Kunst nicht mit Mitteln aus dritter Hand aus- 
üben kann — wie der Geiger, der Pianist, der Maler, der Bildhauer — ; 
er ist sein eigenes Instrument, und die Sorge um die Erhaltung dieses nur 
für ihn spielbaren Instrumentes erfüllt sein Leben. Er muß es selbst auf- 
bauen, seine physiologischen Veränderungen beobachten und sein Leben 
ihnen immer wieder anpassen. Das einmal Erlernte genügt nie, denn immer 
wieder ist das Instrument verändert. Tut er das nicht, so ruiniert er das 
Instrument derartig, daß er die Lust am Singen verliert. Wohl ist er noch 
der gleiche Künstler geblieben, aber die Freude, die Triebfeder alles Singens, 
ist zerstört, die ebenso wichtig ist wie alles sogenannte technische Können. 

Natürlich muß der Künstler auf seinem Instrument erst spielen lernen. 
Es ist aber nicht gleichgültig, welche Begriffe ihm am Anfang eingeprägt 
werden. Wenn alle Vorbedingungen vorhanden sind, ist es leicht, eine junge 
Stimme auszubilden. Die wirkliche Arbeit beginnt erst damit, den Sänger 
durch alle Stufen der Durchgeistigung zu führen, den Ton gleichzeitig mit 
dem Innenleben herauszubilden und ihn zu einem von tönender Lebens- 
freude überquellenden Menschen zu machen. Das war das Herrliche, diese 
Harmonie der Stimme und des Menschen, die an Caruso erschütterte. Da 
kann der Gesangsmeister aufbauen, er kann aber auch zertrümmern. 

Als Leo Slezak zu mir kam, galt er, zur Zeit seines Auftretens in der 
James-Klein-Revue, für erledigt. Wie bei so vielen Sängern hieß es, er habe 
seine Stimme verloren. Das ist etwas, was es ganz einfach nicht gibt. Wenn 
eine Stimme einmal da ist, kann sie nicht verlorengehen. Jeder ist zu retten. 
Heute feiert Slezak Triumphe wie fast nie früher, seitdem er weiß, daß Ge- 
danken, Seele und Atem die Mittel sind, durch die der Körper beherrscht 
wird, und somit die Grundpfeiler, auf denen sich das feste Gefüge der Stimme 
aufbaut. Hutt, Kirchhoff und viele andere sind mir auf diesem Wege ge- 
folgt, der sie zu V/ elterfolgen nach einer Zeit großer Enttäuschungen geführt 
hat. Sie sind innerlich und auch äußerlich andere Menschen geworden. 


658 



Basis alles Lebens ist Atmen. Die Alten haben das mehr erkannt 
als wir. Nicht nur zufällig kennen die Griechen für Seele und Atem nur 
ein Wort: Pneuma. Die Wunder an Energie der Fakire und Yoghis be- 
ruhen auf ihrer genauen Kenntnis von der Macht des Atems. Tschuang Tse 
sagt tausend Jahre vor Christus: „Reiner Menschenatem geht tief und 
schwer, der Gemeinen Atem sitzt in den Kehlen“. Auch Kant wußte um die 
Zusammenhänge zwischen Atem und 
Willen des Menschen. Der genauen 
Kenntnis des Atems verdankt er die 
Festigung seines in der Jugend kränk- 
lichen Körpers und die Stärkung seines 
Willens. Durch Atem heilt er „sich selbst 
von Schnupfen und Husten“ und „löscht 
starken Durst ohne Wasser“. In dem 
Schreiben an Hufeland „Von der Macht 
des Gemütes, durch bloßen Vorsatz seiner 
krankhaften Gefühle Meister zu sein“ sagt 
er, daß das dort beschriebene Atmen eine 
Gemütsoperation sei, zu der ein recht 
großer Grad des festen Vorsatzes erforder- 
lich sei, der aber darum auch desto wohl- 
tätiger sei. Er wußte also genau, daß 
Atem und Willenskraft eins sind. 

Kraft des Atems und Kraft der Emp- 
findung hängen eng miteinander zu- 
sammen und bilden die Grundlage des 
Tones. Auf dem Atem baute sich der alt- 
italienische Beicanto auf. Der berühmte 
Sänger Farinelli übte täglich einige Stun- 
den den Atem, und seine Uebung (Fari- 
nelli-LTebung) verschaffte ihm meister- 
hafte Beherrschung der Stimme. 

Leider sind die Lehren des 
Deutsch - Amerikaners Koffler, 
dessen Werk über die „Kunst 
des Atmens“ grundlegend in . 
wissenschaftlicher Beziehung ist, 
noch nicht Allgemeingut aller 
Tonbildner. Viele glauben, 

auch ohne dem Atem besondere Aufmerksamkeit zu schenken, eine physiologisch 
richtige Tonbildung herbeiführen zu können, und „verwerfen“ deshalb separate 
Atemübungen als „schädlich“. Andere wieder, welche die Notwendigkeit 
der Atemübung zwar anerkennen, schalten das wichtigste seelische Ele- 
ment aus und trainieren den Atem mechanisch, was schädigend für Seele, 
Körper und somit Ton ist. Aeußerste Vorsicht ist bei der Atemschulung 
geboten. Einseitiges Hyperentwickeln der Muskeln, die nicht mit dem Ton 


Wilhelm Wagner 


659 



eng verwachsen sind, wirkt schädigend. Herz und Nerven dürfen nicht 
überanstrengt werden, vielmehr sollen sie daran gesunden. 

Das rein physiologische Erfassen der Tonproduktion, das mühselige Be- 
folgen unzähliger, an sich übrigens richtiger Regeln, wie z. B. bewußte 
Einstellung des Kehlkopfes, der Zunge, der Lippen, ohne gleichzeitiges 
inneres Erleben führt zu einem Klang, der mit wirklichem Gesang nichts 
zu tun hat. Zu viele Einzelheiten machen den Sänger konfus, er verliert 
durch die vielen Regeln die Unbefangenheit und steht plötzlich ratlos da. 
Der Ton wurde durch den Verstand entwurzelt, das Herz zum Schweigen 
gebracht. Ein körperlicher, seelischer und geistiger Zusammenbruch ist die 
Folge dieser Untat. Es beginnt ein mühevolles Suchen nach dem „Ton- 
ansatz“, ein Wechsel des Lehrers, der Methoden, der Aerzte, eine Kette der 
Enttäuschungen, bis schließlich die Jahre vergehen und mit ihnen die Jugend 
samt der Stimme. 

Technische Kehlfertigkeit erhält auch nie das Organ frisch und reizvoll. 
Ohne Seele muß ihr die Wirkung auf die Zuhörer versagt bleiben, und auch 
der sinnliche Zauber des Organs muß bald verblassen. Kehlfertigkeits- 
übungen wie Solfeggien, Concone und dergleichen, bei denen nur Ohr und 
Kehle beteiligt sind, nicht aber die Seele, bringen das Heil nicht. Was du 
nicht fühlst, sollst du nicht singen. Tust du es aber trotzdem, so begehst 
du an dir, an deinem Organ ein Verbrechen. Leere Pose und Routine kann 
nur verblüffen, aber nie erwärmen, nie von Dauer sein. Große Sanges- 
künstler wie Lilli Lehmann, Farinelli, Albert Niemann, Heinrich Vogel oder 
Battistini blieben innerlich jung und bewahrten sich ihre frische jugendliche 
Lust zum Singen, deren Ausdruck die Stimme ist. 

Eine große Gefahr für viele Sänger bildet auch der allzu rasche Erfolg. 
So viele Sänger, die eine Karriere gemacht haben oder infolge ihrer stimm- 
lichen Qualitäten im Begriffe waren, eine solche zu machen, gehen plötzlich 
zugrunde. Die Welt sagt stets: „Schade, wieder ein Beweis einer mangel- 
haften Tonbildung.“ Die wahre Ursache aber übersieht man. Der allzu 
schnelle Erfolg, der Ruhm verflacht und verdirbt so manchen jungen Künst- 
ler. Statt sich immer mehr zu vertiefen, von innen heraus zu schaffen, zu 
singen, beginnt er auf Effekte hinzuarbeiten, will mit äußeren Mitteln, 
„strahlenden“ hohen Tönen, geläufiger Technik imponieren und entfernt 
sich immer mehr vom Ursprung jeder Kunst, von der Seele, von der Natur. 
Wohl ist die Technik da, der „hohe Ton“ gelingt, die Stimme ist sogar 
stärker als je, aber das Publikum bleibt kalt. Es respektiert zwar noch eine 
Zeitlang den Liebling von gestern, bis es sich endlich ganz von ihm ab- 
wendet, da auch seine äußeren Mittel versagen. — Verflachung des Gefühls 
ist Verflachung des Tones. 

Sich in den jeweiligen Klang der Stimme des Künstlers hineinzuhorchen, 
zu versenken, aus ihm die Körper- und Charaktereigenschaften herauszu- 
finden, die Phasen seiner Entwicklung stufenweise zu überwachen und zu 
fördern, bis als Enderfolg der Sänger sich nicht nur sichtlich äußerlich- 
körperlich, sondern auch innerlich-seelisch und geistig in seinem ganzen 
Wesen verändert hat, ist oberstes Gesetz des Tonbildners. Er muß nicht nur 


660 


Lehrer und Meister, sondern auch väterlicher Freund und Führer auf dem 
schweren Wege zur Vervollkommnung sein. 

Der Gesangsmeister wirkt somit erzieherisch, wenn er die momentane 
Atmungsfähigkeit erfaßt, sie individuell fortentwickelt, den Charakter und das 
Gemüt vertieft und den Geist vervollkommnet. Er wirkt jedoch zerstörend, 
wenn er diese Basis unbeachtet läßt, den Ton nicht bei seiner Quelle im Atem 
und im Herzen anfaßt und ihn nicht auf natürliche Weise heranreifen läßt. 

Würde man diese Tatsache schon beizeiten in der Jugend erkennen, in 
den Schulen berücksichtigen, den Atem zielbewußt und sorgfältig pflegen, 
hätten wir viel mehr frohe, gesundempfindende, leicht auffassende und 
glückliche Menschen. 

Leben ist Atem! Wie du atmest, so lebst du! 



WENN ICH SINGE... 

Von 

KAMMERSÄNGER WALTHER KIRCHHOFE 

M eine erste Lehrzeit war in Mailand 1905-06. Ich singe also jetzt über 
20 Jahre, und meine ganze Karriere hat aus Lehrern bestanden, aber 
keiner hat mir so unendlich viel geholfen wie Wilhelm Flam. Zu ihm gekommen 
bin ich ... da muß ich erst erzählen: Der Krieg, das war der große Ein- 

schnitt in meinem Leben, künstlerisch und privat. Jahrelang draußen, ich 
konnte nicht üben, nicht an mir arbeiten. Als Infanterist habe ich die letzte 
Marneschlacht mitgemacht, die mir gesundheitlich besonders schlecht bekam, 
so daß ich sogar lange Zeit ohne rechte Lunge singen mußte. Bei uns Sängern 
ist das auch außerdem so: Man singt sich in einen Kanal hinein, verdtimpft 
irgendwie, versackt, konstruiert technische Dinge in sich hinein, die hemmen 
und lustlos machen. Ich versuchte es, als ich aus dem Felde kam, mit zwei 
Gesangsmeistern von großem Ruf und Können, ohne die ersehnte Befreiung 
aus diesem Kanal, in den ich geraten war, zu finden. Da kam der Antrag nach 





Amerika. Was das für einen Sänger bedeutet, ist ja bekannt. Mir war klar, 
ich wollte und mußte mich gründlich aufpolieren, wenn ich Erfolg haben wollte. 
Da hörte ich von Flam und ging zu ihm. In den ersten Stunden haben wir 
keinen Ton gesungen, nur gesprochen. Und schon aus diesen Gesprächen kam 
es wie eine Offenbarung über mich; glauben Sie mir, es ist ein Experiment, es 
in meiner Karriere mit einem neuen Lehrer zu versuchen. Aber hier war einer, 
der keine „Methoden“ dozierte, sondern hier war einer, der mir Dinge sagte, 
die mir in den zwanzig Jahren vorher noch kein Lehrer gesagt hatte. Flam 
ist ein Mensch, der durch eigenes Erleben — man kann wohl sagen Leiden 
zu Erkenntnissen gekommen ist, die mich und viele andere wirklich zu neuen 
Menschen gemacht haben. Es war wie eine Wiedergeburt; was ich bekommen 
habe, ist diese kindliche Freude am Singen, und damit die Sicherheit über 
meine Stimme. Ich fühle mich heute wie vor zwanzig Jahren, losgelöst von 
Methoden und Ueberlegungen. Ich muß nicht mehr ängstlich daran denken, ob 
ich nun bei dem und dem Ton den Kehlkopf heben oder senken muß oder die 
Zunge so oder so zu stellen habe, seitdem ich weiß, daß bei richtiger Atem- 
führung das Einstellen der Organe sich ganz von selbst reguliert. Ich brauche 
nicht mehr an verschiedene „Register“ zu denken, ich singe. L T nd auch nicht 
mit großer Anstrengung, damit es nur schallt. Flam hat mich gelehrt, den Ton 
im Körper abzufangen, ungefähr so wie man ein Flugzeug, das heruntersaust, 
in halber Höhe abfängt. Alle Räume im Körper sind mit Atem gefüllt und 
geben eine klingende Resonanz. Allerdings muß man sich Flam und seiner 
Lehre mit offenen Armen und voll Vertrauen hingeben, sich ihm überantworten 
wie einem guten Anwalt oder Arzt, mit einem hundertprozentigen Wollen, ihm 
zu folgen. 

Die Losgelöstheit von Methoden gibt dem Sänger, der vom Kapellmeister 
und der Musik und tausend anderen Dingen viel abhängiger ist als jeder andere 
Künstler in seinem Spezialbereich, auch die Möglichkeit, sich ganz in die Ge- 
fühlswelt der Rolle, die er singt, hineinzuleben. Wenn ich Lohengrin singe, 
dann bin ich Lohengrin, mit jeder Faser meines Seins und Gefühls, meiner 
ganzen Persönlichkeit. Oder, modern ausgedrückt: um Gefühle hundert- 

prozentig auszudrücken, muß man sie hundertprozentig empfinden, hundert- 
prozentiges Glücksgefühl, hundertprozentiges Schmerzgefühl. — Das ganze 
Singen ist ja ein ewiger Kampf zwischen Gefühl und Intelligenz. Opern 
sind Lyrismus, und jeder moderne Mensch muß die Wände hochgehen, wenn 
er die Worte der Gesangspartie nun auch noch gefühlsmäßig ausdrücken sollte. 
Diese endlosen Ketten von aneinandergereihten lyrischen Phrasen sind anachro- 
nistisch. Und da hat mir Flam die Sicherheit gegeben, so über der Situation zu 
stehen, daß sich mir auch diese Worte sinnvoll in Klang und Gefühl auflösen. 
Ich studiere zum Beispiel jetzt den Propheten für New York in französischer 
Sprache. Die Traumerzählung ist so eine lyrische Stelle — wie auch die 
ganze Partie, von der ich heute nicht wüßte, wie ich sie ohne Flam bewältigen 
sollte. Mit ihm fällt sie mir leicht. 

Die posierenden Bewegungen, die man uns Tenören so gerne ankreidet, 
resultieren ebenfalls aus diesen langen, lyrischen Sätzen. Wenn ich singe, 
beobachte ich mich immer ganz genau, und zwar immer von rechts. Ich 


66 2 



Neger- Maske (Baonle) 


Pennsylvania, Barnes Foundation 



Photo M. Bcck & H. Macgregor 


Michael Arien 



Mit Gen. des Verlages Albert Langen, München 
Max Dauthendey (gest. 1917) 






John Galsworthy Bernard Shaw in Madeira 





Wilhelm Mengelberg (rechts) als Posaunist auf seiner Schweizer Besitzung 



Photo Rolf Lantin 


Prof. Hans Kohlschein als Fahnenschwenker des Düsseldorfer Schützenfestes 


stehe sozusagen rechts von mir noch ein zweites Mal auf der Bühne. Und da 
sehe ich dann manchmal mit Schreck, wie so ein Satz: „Atmest du nicht die 
linden Düfte“ mir die Hand zu einer richtigen Tenorbewegung hochzieht, die 
nicht gerade erfreulich ist. Das ist es aber, daß Flam es mir ermöglicht hat, 
mich nicht in der Gesangsphrase und der Pose zu verlieren, mich selbst zu 
sehen und zu — hören. Zur Erkenntnis bringt Flam den Schüler durch das 
Summen. Wenn ich summe, vibriert alles an und in mir. Der freudig 
erfaßte Atem erfüllt alle nur erreichbaren Räume: Leib, Brust, Kopf, ja selbst 
das Hirn muß in erwartungsvoller Luft schwingen. Wenn ich dann diesen 
Lebensatem in feinstes Summen auflöse, ohne an Technik zu denken, wohl aber 
an unendliches Glück, so berauscht mich dieses Summen, das schon für andere 
von sinnlichem Reiz ist. Das wahrhaft freischwingende Summen macht das 
Hirn durch seine Vibration erzittern. Durch Festhalten des Tons an dem Sitz 
dieses Summens wird mit Hilfe des Atems ein gesangsfähiger Ton daraus. Dieser 
Ton muß nach Flam so fein aufgebaut sein wie ein statischer Bogen bei einer 
Brücke. Je feiner ich ihn konstruiere, um so sicherer wird der Ton klingen. 

Mein nächstes Konzert gebe ich in New York in Carnegie-Hall vor 4000 
Personen. Aber glauben Sie mir, ich werde so ruhig und freudig sein wie 
hier im Zimmer, mich nicht anstrengen, eben nur freudig singen. In Berlin 
ist mir das ja leider nicht vergönnt. Ich bedaure das sehr, da ich Berliner 
bin und die meiste Zeit meiner Karriere hier verbracht habe; trotzdem habe ich 
augenblicklich keine Chance, an eines der Berliner Opernhäuser geholt zu werden. 


L £ O N BLUM 

DER GROSSE FRANZÖSISCHE SOZIALISTENFÜHRER 

Von 

ALAIN DE l£.CII£ 

L eon Blum ist eine der interessantesten Figuren der gegenwärtigen Kammer. 

Erst seit 1919 ist er Mitglied des Parlaments, aber schon seit 1899 ist er 
Mitglied der sozialistischen Partei, dem Leben der Partei tiefverbunden, streit- 
bar, aktiv, und die Tätigkeit, die er ausübt, hat aus ihm zugleich eines der 
wichtigsten Mitglieder der parlamentarischen Gruppe und den repräsentativsten 
Chef der französischen sozialistischen Partei gemacht. 

Die intellektuelle Schulung Leon Blums ist von Hause aus rein literarischen 
Charakters. Geboren im Jahre 1872 im Herzen des volkstümlichen Paris — 
Rue St. Denis — in eben dem Wahlkreis, den er heute als Deputierter vertritt, 
macht er seine Gymnasialstudien am Lycee Charlemagne und vollendet sie am 
Lycee Henri IV. Im Jahre 1890 geht er zur ,,£cole normale superieure“, 
literarische Sektion, über und wird im Jahre 1891 Lizentiat der Philosophie. 
Während er seine juristischen Studien betreibt, arbeitet er mit an den jungen 
Zeitschriften der Avantgarde. Im Jahre 1895 tritt er in den Staatsrat ein und 
bleibt darin bis 1919, immer seine Zeit teilend zwischen seiner juristischen 
Arbeit und der Literatur, die er niemals aufgibt. 


663 


Sein erstes Buch „Die Unterhaltungen Goethes mit Eckermann“, das 1901 
unter dem Schutz der Anonymität erscheint, berührt moralische und philoso- 
phische Fragen wie auch Fragen der Literatur und Kritik. Unter dem Deck- 
mantel Goethes, der sich mit seinem Schüler unterhält, sagt der Autor den 
Zeitgenossen seine Meinung über ihre Werke und Ideen, und wie der Philosoph 
von Weimar sammelt er sich zuweilen und bringt seine Meinung über Gegen- 
stände von allgemein-menschlicher Bedeutung zum Ausdruck. Man spürt 
bereits den humanitären Sozialisten, der zwanzig Jahre später vom Gedanken 
zur direkten und repräsentativen Aktion übergehen wird. 

Nacheinander Literatur- und Theaterkritiker in der „Revue blanche“ in 
der „Grande Revue“, der „Comoedia“, dem „Matin“, veröffentlicht er mehrere 
Bände: „En lisant“ (1903), „Im Theater“ (1905 und 1909, 1910, 1911). 

Ein Buch von ihm, dem ein lebhafter Widerhall bestimmt war, erscheint 1907 
unter dem Titel „Vom Heiraten“ (Du mariage). 

In diesem Buche macht Leon Blum der Eheschließung den Prozeß, so wie 
sie gewöhnlich gehandhabt wird. Der Autor stellt fest, daß im Menschen zwei 
entgegengesetzte Triebe wirksam sind, der polygame und der monogame. 

Man gelangt erst zur monogamen Geistesverfassung, wie sie der Ehe ent- 
spricht, wenn man den polygamen Zustand — die freie Liebe — durchlaufen 
hat. Der junge Mann und das junge Mädchen, die in das Leben treten, werden 
zunächst ihre Gefühlcerfahrungen machen und ihren polygamen Instinkt be- 
friedigen müssen. 

Um seine These zu stützen, gelangt Leon Blum zu einigermaßen gewagten 
Ausführungen: „Das junge Mädchen“, schreibt er, „das von seinem Lieb- 

haber kommt, kehrt abends in derselben Stimmung in ihr elterliches Heim zu- 
rück, als wenn sie von ihren Vortragskursen käme.“ Das Buch erregte seiner 
Zeit einen Skandal. 

Einen Monat vor dem Kriege erschien von Leon Blum ein Band großer 
literarischer Kritik: „Stendhal und der Beylismus“, in dem er so beredt wie 

gelehrt der Neigung, die er sein ganzes Leben für Henri Beyle gehegt hat, 
Ausdruck verleiht. 

Leon Blum ist kein geborener Schriftsteller. Durch seine Klugheit vor 
allem sind seine Bücher bemerkenswert. Aber sein politisches Ansehen ist 
beträchtlich. In allen Augenblicken seines Lebens und in den kritischsten 
Zeitläuften hat Leon Blum die Sache der Gerechtigkeit verteidigt und die der 
jüdischen Rasse, der anzugehören er stolz ist. Während der Dreyfus- Affäre 
hat er, obgleich Beamter — er war damals Beisitzer im Staatsrat — unter 
dem Titel „Briefe eines Juristen“ (Revue blanche) ein feuriges und bündiges 
Plädoyer zugunsten des Verurteilten von der Teufelsinsel veröffentlicht. 
Jedesmal, wenn die Gelegenheit sich bietet, unterstützt er mit seiner Intelligenz 
und seinem Einfluß die Sache des Judentums. In diesen letzten Jahren arbeitet 
er zusammen mit Doktor Weizmann an der erfolgreichen Entwicklung des 
Zionismus, und zu wiederholten Malen hat er in der Deputiertenkammer seine 
Eigenschaft als Jude stolz und laut betont. 

Es geschah während des Krieges, daß Leon Blum zum ersten Male Mit- 
glied eines Ministeriums wurde. Durch Marcel Sembat wird er an die Spitze 


664 


der Oeffentlichen Arbeiten berufen und bleibt von August 1914 bis Dezember 
1916 dessen Mitarbeiter. Von dieser Epoche an ergreift er das Wort auf 
allen Kongressen der sozialistischen Partei. Bei den Wahlen von 1919 bittet 
man ihn, seine Kandidatur aufzustellen. 

Der Tod von Jaures, dessen Schüler und späterer Freund Leon Blum ge- 
wesen ist, und die große in der Partei und im Lande nach einem solchen 
Kriege zu erfüllende Aufgabe geben diesem glühenden Sozialisten das Gefühl, 
daß die Stunde zum Handeln gekommen ist; er fühlt, daß es eine Pflicht er- 
füllen heißt, wenn er das bis dahin immer ausgeschlagene Abgeordnetenmandat 
annimmt. Ohne diese zwiefach tragischen Umstände hätte er es ohne Zweifel 
nicht angenommen. Und Leon Blum präsentiert sich den Wählern im zweiten 
Wahlkreis seiner Vaterstadt Paris. Er wird gewählt, und bei den letzten 
Wahlen noch einmal gewählt. 

Während der vergangenen Legislaturperiode hat man Leon Blum das Wort 
zu sehr umfänglichen Erörterungen ergreifen hören, sogar von seinen Gegnern 
im Parlament sehr aufmerksam verfolgt, über Eisenbahn- und Budgetfragen 
und solche der äußeren und inneren Politik. Seine energische Stellungnahme 
gegen die Ruhrbesetzung hat aus ihm den gefürchteten Gegner Poincares ge- 
macht. Auf allen nationalen und internationalen Kongressen führt er die 
Debatten. In Tours macht er verzweifelte Anstrengungen, um die Einheit der 
Partei zu retten. Aber so sehr er sich bemüht, den alten sozialistischen Einheits- 
bau zu wahren, es gelingt ihm nicht, die andern gehen in die Ferne, nach 
Moskau, um dort ihre Befehle zu empfangen und die kommunistische Partei zu 
bilden. 

Leon Blum hat sich über diese Spaltung, die für seinen Glauben und für 
sein System einen so schweren Schlag bedeutet, nicht getröstet. In dieser Zeit 
schrieb er die „Briefe über die Regierungsreform“, seine „Gedanken zu einer 
Jaures-Biographie“ und eine Broschüre „Wenn man Sozialist ist“, in der er 
Ursachen, Art und Ausmaß seines Sozialismus beweglich auseinandersetzt. Dem 
wäre noch die fast tägliche Mitarbeit an der Zeitung „Le Populaire“ und die 
unaufhörliche und feurige Propaganda durch das gesprochene Wort hinzu- 
zufügen. 

Aber ein solches Aposteltum kennt auch Stunden der Entmutigung. Ich 
habe Leon Blum Krisen durchmachen sehen, aus denen er übrigens siegreich 
hervorgegangen ist. Eines Tages sprach er mit mir von der Schwierigkeit, die 
ein junger Mensch habe, seinen wahren künftigen Beruf zu erkennen: „Ich 

zum Beispiel habe mein ganzes Leben gebraucht, um zu begreifen, daß ich hätte 
Arzt werden sollen; ich interessiere mich wenig für die Menschen, um so neu- 
gieriger bin ich auf ihre Krankheiten. Und was das Erschreckende ist: Bei 
den Wesen, die ich liebe, ist meine Diagnose unfehlbar.“ 

Am Boulevard Montparnasse wohnt Leon Blum im selben Hause wie 
Philippe Berthelot, der eine im ersten Stock, der andere im Erdgeschoß, eine; 
moderne, hohe und geräumige Wohnung, hinausgehend auf Gärten, die zu 
stillem Studium locken — die geistigste Atmosphäre, die ich kenne. 


665 



Joachim Ringelnatz 


O i A F GULBRANSSON 

Von 

JOA CH IM RINGE LN A TZ 

In der freien Sonne, angesidits 
Sdi öner T enn iss pielerinnen, 

Steht ein Stier. 

Nur ein sdimales Linnen 

Bammelt ihm vorm Baudi und verdeckt nichts. 

Goldig blinken kleine Einzelhärdien 
Auf der nackten, braunen Haut. 

Etwas brummt behaglich. Und ein Märdien 
Wädist ringsum aus Gras und Kraut. 

Etwas rund und blank wie Billardglatze 
Wendet sidi. Man sieht: 


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Eine undressierbar wilde Katze. 

Die beugt sich zurück und zieht — 

Gott weiß wie — wunderliche, 

Unvergleichbar sidire Zauber striche. 

Breitbeturbant geht ein Riesenkind 
In dem schon geschilderten Gewände 
Grinsend durch die Wiese und den Wind 
Nach dem Strande. 

Einen dreisten Seehund sieht man in dem kühlen 
Wasser draußen sich zu Hause fühlen. 

Echter Whisky strömt durch echte Kehle. 

Irgendein beschissner Tropf 

Will sich über Großes lustig machen. 

Eine Flasche fliegt ihm an den Kopf. 

Es ertönt ein echtes Lachen. 

Leise seitwärts sdireitet eine zarte Weltallseele. 


TIBERIAS 

(AUS EINER GALILÄIjSCHEN REISE) 

Von 

ALEXANDER LEVY 

I n der Farm Kinereth hatte unser Chauffeur von einem Araber einen 
ganzen Sack voll frischer Gurken erstanden, wahrscheinlich um ein 
Nichts. Die Früchte, klein und fest und noch mit dem vollen Aroma des 
fruchtbaren Bodens an sich, mundeten uns als Dessert zu unserm heutigen 
Mittagsmahl vorzüglich. Das war nun schon der vierte „Gang“. Zweimal 
Tomaten vom Felde von Daganiah, einmal Brot von dem arabischen 
Chausseearbeiter und einmal Gurken. Der Chauffeur und sein Freund 
machten sich einen Spaß daraus, uns so lange mit Gurken aus dem Sack zu 
stopfen, bis wir nicht mehr konnten. Es war eine lustige Fahrt, immer hart 
an dem wundervollen Bergsee entlang. Man empfand die große Hitze kaum, 
obwohl es in der Sonne an 60 Grad Celsius gab. Im Mai ist ja die Luft noch 
nicht derart durchglüht wie später im Sommer, wo sie einen mit heißen Wellen 
streift, auch beim Autofahren. 

Ein paar Minuten vor Tiberias gibt es noch zwei Berühmtheiten. Der 
tote Rabbi Meir Baal-Haneß, der Wundertäter, und die lebendigen Heil- 
quellen von Tiberias, denen dieser Ort wahrscheinlich seine Entstehung, 
jedenfalls aber seinen Ruhm verdankt. Der Rabbi mag in seinem 


67 Vol. 7 


667 


schönen, kuppelgekrönten Mausoleum ruhen bleiben. Die heißen Quellen 
aber, voll überaus heilkräftiger Mineralien, sollten schon endlich zu neuer 
Herrlichkeit auferstehen. Jetzt sind sie von einem häßlichen Schuppen um- 
faßt. Oben auf dem Berge, im neuen Stadtteil von Tiberias, neben dem (von 
Erich Mendelssohn entworfenen) Elektro-Kraftwerk, ist allerdings bereits 
ein modernes Sanatorium im Bau. Das wird die Heilwasser durch Druck- 
rohre hinaufleiten. Dann sollen oben Wannenbäder mit modernstem 
hygienischen Komfort an die Sanatoriumsgäste verabfolgt werden. Man 
hätte wohl lieber, statt so vielen unnützen sozialen Geschwätzes, aus diesem 
großen Schatz Palästinas unten ein großes Yolksheilbad machen sollen. Das 
wäre vielleicht sogar ein besseres Geschäft, auch für den Dnternehmer und für 
das Land, geworden, als ein Luxussanatorium, denn die Quellen sind sehr 
beliebt im Volke. Was wir allerdings jetzt, im Yorbeifahren, von den be- 
rühmten heißen Bädern, den „Chamej-Twerijah“, sahen, war auch für min- 
derbemittelte Europäer nicht sehr zur Kur einladend. Doch gehört die fast 
fabelhafte Heilwirkung dieser Schwefelthermen zu den wenigen Dingen in 
Palästina, die nicht Legende sind. Sie werden bereits in der Bibel erwähnt 
Um ihretwillen hat Herodes Antipas, der königliche Gatte der blutigen Hero- 
dias, hier eine römisch-griechische Luxusstadt mit Amphitheater und Renn- 
bahn aus dem heißen Boden gezaubert und sie nach seinem prachtliebenden 
Kaiser Tiberius benannt. 

Tiberias, Tab'ariyeh, Twerija, Mittelpunkt dieses unheimlichen, messias- 
gebärenden Galiläa, das bist du! — Das Auto hält. Es ist etwa drei Uhr 
nachmittags. Ein ziemlich großer Platz, vom Gewirr aller möglichen Bau- 
lichkeiten umgeben und trotz der heißen Stunde sehr belebt. Wir steigen 
aus. Selbstverständlich sieht man uns sofort an, daß wir Ortsfremde sind und 
überfällt uns in hellen Scharen. Gepäckträger, Führer, Hotel, Autobus; 
Schuhputzen, Bootfahren, Limonadetrinken gefällig, wie das im Orient so ist. 
Man gewöhnt sich rasch daran und nimmt nicht mehr Notiz von dem ganzen, 
sich überall wiederholenden Rummel, als von den überall massenhaft vor- 
handenen Fliegen auch. Ich frage einen europäisch gekleideten Juden, wegen 
Anjas zerwandertem Fuß, nach einem guten Arzt oder nach dem Hadassah- 
Krankenhaus. Es ist aber ganz unmöglich, einem Fremden in Tiberias den 
Weg zu zeigen, auch wenn man ihn selbst sehr gut kennt. Das half also 
nichts. Wir mußten uns auf gut Glück durchschlagen. 

Es war ein schlimmer Weg durch die engen, schmutzigen und holprigen 
Gäßchen des alten Tiberias. Wie Anja es überhaupt geschafft hat mit ihrem 
kranken Fuß, ist ein tiberianisches Wunder. Als der große Schwarm der 
Offertmacher vom Autoplatz sich allmählich verlaufen hatte, blieben noch 
immer zwei jüdische Jungen an uns kleben. Nur dem Umstand, daß sie all- 
mählich in einen ernsten Konflikt darüber gerieten, wem von beiden wir nun 
endgültig ,, gehören“ sollten, haben wir es zu danken, daß wir sie schließ- 
lich doch noch loswurden. 

* 

Jetzt soll also eine „Beschreibung“ der Altstadt von Tiberias geliefert 
werden. Ich gestatte mir zu streiken; es übersteigt meine schildern- 


668 


den Fähigkeiten. Was nützen Wortanhäufungen? Ich fühle, daß man dies 
Aroma von Farben, Gerüchen und Bewegungen nicht wiedergeben kann, 
jedenfalls für keinen Europäer. Es gäbe für ihn keine Anhalts-, keine Ver- 
gleichspunkte, keine geläufigen Begriffe, die er als Maßstab hier anlegen 
könnte. Neapel, Schimonoseki, ein Kaffernkral sogar: das steht noch alles 
einigermaßen begriffsfest da, hat einen geistigen Rahmen, in den man es hin- 
einstellen kann. Auch Damaskus, Kairo, Bagdad selbst, das geht noch alles, 
das ist Marke „Orient“, 

das kennt man. Aber 1 
Tiberias? Tiberias, nein, 
das geht nicht in ein euro- 
päisches Hirn hinein. Das 
ist einfach das Chaos, das 
Wilde, das Ungegliederte, 
das Alles gleichzeitige, das 
unvorstellbare Tohuwabohu. 

Ihr wollt dennoch? 

Gut, versuchen wir ein 
paar verrückte Pinsel- 
striche. Mehr kann ich 

nicht versprechen. 

Bunter Schmutz; ein 
Rad, das sich unaufhör- 
lich dreht, auf dem alle 
wildschreienden Farben 
schließlich zu einem un- 
wahrscheinlichen Grau ver- 
schwimmen; ein Haufen zer- 
schlagener brauner Töpfe, 
ein altes Fischfaß voll 
wimmelnder Wesen, die 
eher an Maden als an 
Menschen erinnern; ein 
stinkendes Labyrinth, ver- 
stopft mit beweglichen 

Ehniscn 

Körpern, die an der Sonne 
zerfließen; etwas, das 200 
Meter unterhalb des Meeresspiegels und doch in der tollsten Sonne 
der Welt ist. Ein Lumpenorient unterhalb des untersten Orientes, 
sowie es unterhalb des Proletariates ein Lumpenproletariat gibt, ver- 
soffene Taschendiebe, die die Finger nicht mehr lang machen können, 
zerfressene alte Huren, die am hellen Tage Laternen meiden. — Kein 
Mensch weiß, warum das gerade hier sein muß, in der Stadt der Herodias. 
Aber es ist nirgendwo auf der Welt etwas Aehnliches zu finden, auch in 
Palästina nicht, auch in der Jerusalemer Altstadt nicht, die doch gerade toll 
genug ist. 



669 


Die riechenden, wirbelnden, sonnenzerfetzten Menschengespenster hier 
leben jedes, scheints, zwölf Leben in diesem Mauerfraß von Stadt. Sie sind 
alle gleichseitig alles, was der schäumende Schoß des Orients auswirft: 
Syrier, Levantiner, Palästinenser, Griechen, Armenier, Türken, Juden, 
Araber, Kopten, Drusen, Christen aller Sekten, das sind schon elf Sorten 
Dasein, die du jedem von ihnen in jedem Augenblick geben kannst. Dann 
aber sind sie plötzlich alle deutsche Juden und polnische Juden aus der 
finstersten Blüte des Mittelalters, von der Zeit der Kreuzziige her, als Tiberias 
an einem höllischen Julitage in die Hände des gewaltigen Salah-ed-din fiel, 
von der Zeit des schwarzen Todes her, der Geißler, der Hexen, der Scheiter- 
haufen, der Inquisition, der Magier, Kabbalisten, Astrologen und Zeichen- 
deuter. Dann auch ganz gewöhnliche polnische Juden von heutzutage, so, 
als ob sie eben erst aus ihrem „Städtel“ hier angekommen wären. Als hätte 
gestern Exzellenz Ludendorff an ihre Adresse sein Manifest gerichtet „Zu 
meine liebe Jiden!“ Die vorgestrigen, die gestrigen, die heutigen, die 
ewigen Juden, alles auf einmal. 

Neben uns ist ein ehemals türkischer Konsulatskawaß aus dem schmutzigen 
Boden gewachsen, mii goldstrotzender Uniform und Stock, er ist schon, mit 
Würde im Backschischblick, unser Führer. Man kann nicht zu ihm reden. Er 
ist ein Geist. — Eben war er noch ein levantinischer Straßenbengel. — Da sitzt 
er schon in seinem Warengewölbe mit untergeschlagenen Beinen, ein wür- 
diger, arabischer Kaufmann aus Bagdad, ein Weißbart. — Hier steht er, ein 
Jüdchen aus der Jeschiwa von Susljawecz, verkauft listig, mit schütterem 
Ziegenbärtchen, Schnaps, — sitzt im Krämel, handelt mit Bleistiften und 
Wichse, Bleiglanz und Knöpfen, mit triefenden Augen, im speckigen, langen 
Chalat, die runde „Jarmolke“ auf dem Hinterschädel. Da schnappt der 
Spuk schon über in die Wirklichkeit: während ein wunderschönes, armeni- 
sches Mädchen eine Spinne von einem Kind säugt, verkauft mir der Trief- 
äugige einen Bleistift. „Schwanbleistiftfabrik Nürnberg“ steht darauf gra- 
viert. Und am oberen Ende trägt er als Schmuck einen schwarzweißroten 
Ring. Ich habe mir diesen Bleistift als „Andenken aus Tiberias“ aufbewahrt, 
neben einem fürchterlichen Oeldruck: „Hindenburg in voller Generals- 

uniform“, den ich im Votivgäßchen neben der Kirche vom heiligen Grabe in 
Jerusalem erstanden habe. 

Der Kawasse weicht nicht von meiner Seite, stumm, aber beherrschend. 
Bei fünf Schustern haben wir schon vergeblich nach Sandalen gefragt, für 
Anja, sie rutscht aus in ihren an der Ferse aufgeschnittenen Halbschuhen 
über all diesem Unflat auf den schwarzen, basaltenen Pflastersteinen, Jauche, 
Gedärme von geschlachtetem Vieh, Oel, das aus den fürchterlichen, schwar- 
zen, prallgefüllten Tierbälgen der Lastträger auf die Gassen trieft, Küchen- 
abwässer. — Eine katholische Schwester rauscht aus dem Himmel vorbei. 
Ich frage sie nach dem jüdischen Krankenhaus. Sie lispelt englisch, daß sie 
kein Hebräisch verstehe. — Kinder unbestimmbarer Nationalität kriechen 
unter unseren Beinen durch, beschmieren sich mit Straßenschmutz, als ob 
sie noch nicht genug davon an sich hätten. — Dieser hundertjährige Greis 
im Totenhemd, mit dem tscherkessischen Gürtel und der galizischen Fuchs- 


6/0 



Straße in Rio de Janeiro 



Photo v. Dühren & Henschel 

Die neueröffnete Galerie Ferdinand Möller. Berlin 



Photo Dr. P. W’olff, Frankfurt 


Musikausstellung in Frankfurt a. M. 





Slg. Nell Waiden 
Bali-Figur 


Nell Waiden, Japanischer Garten 
Oelgemälde 



Slg. Nell Walrlen 


Peruanisches Gewebe 



Herwarth Waiden und seine Büste von William Wauer 





Photo Manuel Photo Choumoü 

Leon Daudet Leon Blum 


pelzmütze, wird uns Ledersandalen verkaufen. Der Kawaß paßt auf. Um 
fünfzehn Piaster, es sind riesige Latschen aus Mumienhaut. Anja zieht sie 
an (sie kann es nicht mehr aushalten in ihren Schuhen, ist halb ohnmächtig). 
Sie sind ganz vertrocknet, reißen trotz der Größe sofort in allen Nähten. 
„Oih weih, hat doch die Dame mir die guten Schuh verdorben!“ wimmert 
der Hundertjährige. — Ich gehe um die Ecke (es gibt hier nichts als Ecken). 
Muß endlich den Kawassen loswerden, was will der? Kaufe bei dem 
Schnapsjuden aus Susljawecz für einen Piaster Schnaps. Der ist ein sehr 
großer Herr, denke ich. An seinem „Laden“ hängt ein Schild der Firma. 
„Carmel Oriental, Vins et Liqueures des caves du Baron Rothschild ä Richon- 
le-Zion“. Ich sage ihm auf jiddisch, daß er den Kawassen fortjagen muß. 
Er zwingt nur mit den listigscharfen Augen, und das große Gespenst ist 
verschluckt von der süßstinkenden Luft, von dem verdreckten Boden. — 
Komme zum Alten zurück. Um einen halben Piaster jammert er, damit er 
bei einem der fünfhundert Schuster dieser unheimlichen Gassen die Sandalen 
nähen lassen kann. — Statt der katholischen Schwester ist es jetzt eine große, 
dicke, wahnsinnig elegante Dame aus Paris, Lodz oder Damaskus, die mit 
Bonne und Girltöchterchen uns im Vorbeischweben zulächelt „Vous excusez, 
Madame, peut-etre vous savez iqi l’höpital juif?“ „Au regret, au grand regret, 
je ne le sais pas“ lächelt sie so süß wie der fade Atem dieser durchseuchten 
Stadt am klaren Bergsee Genezareth. Wo ist der? Der ist unsichtbar, begraben 
vom Dunst’ tausender Scherbenhäuser, Bazargruben, von dem widerlichen Odem 
all dieser wimmelnden Wesen. — Dreimal noch reißen die Mumiensandalen. 
Dreimal noch wiederholt sich die Tragikomödie mit dem halben Piaster. 
Der Hundertjährige ist vor Kummer schon tausend Jahre alt geworden. 
Diese Sandalen und er selbst stammen aus der Höhle jener Hexe von Endor 
in Galiläa, die vor dem sterbenden Saul den toten Samuel heraufbeschwor. 

Ein Griechlein mit der kurzen Jacke, der reichgestickten Weste, den 
Bauschhosen, will uns einen Kanarienvogel im Holzbauer verkaufen. Der 
Vogel ist aber ein verzauberter persischer Dichter. Da schwebt der Schatten 
Lord Byrons vorüber, Firdusis, wir sind in Griechenland, in Persien, nein, 
im Hades; dort stößt Charon den Nachen über den Styx, den schwarz- 
gewordenen See von Tiberias, schwarz vom Giftatem der Stadt. 

Es geht nicht weiter mit diesen verhexten Sandalen. Sie fallen ihr von 
den Füßen. — Dunkle Drusen drücken sich in Haufen vorüber im kargen 
Schatten der Steinwände. Werden wir sterben müssen im Irrgefängnis 
dieser Gassen? — Ein ganz munterer, menschlicher, arabischer Schuster 
hämmert drauf los zur Singsangmusik aus dem Grammophon des Kaffee- 
hauses gegenüber. „Mach uns unsre Schuh!“ Er näht sie schon. Es ist 
Hans Sachs. Das Grammophon plärrt die Meistersinger, und jenen Juden 
hat Nürnberg hierher ausgespien, daß er uns Schwanbleistifte verkauft. 
Sei mir gegrüßt, du lieber Schwan! Es ist Lohengrin, nicht Hans Sachs 
oder Charon oder die Hexe von Endor, das ist eine fette fränkische Jüdin, 
diese Schauben trug man vor ein paar hundert Jahren in Deutschland. So, 
jetzt halten die Schuhe auf einmal! Welch Wunder! Zur Feier kreischen 
fünfzig arabische Grammophons plötzlich ihre monotonen Tanzlieder aus 


671 


allen Cafes der Stadt, es ist ein ohrenbetäubender Lärm. Eine Schar stummer 
Beduinen zieht hinter ihrem edlen Scheich durch diese vermoderte Wüste. — 
Peer Gynt tanzt wild zu all den Grammophonen mit Herodias, der blutigen 
Stadtmutter. — Römische Legionäre stempeln Ziegel zum Bau der Mauer, 
da steht sie ja, vor unseren Augen. — Die Beduinen kaufen rote Taschen- 
tücher für die Mädchen ihres Stammes: „Krimmitschauer vereinigte mecha- 
nische Webereien“ steht auf der Pappschachtel. Die Fatmes sind eine gute 
Kundschaft für Krimmitschau. 

Schon zweimal sind wir nun an der Hadassa vorbeigelaufen, ohne das 
Schild unter den vielen andern hebräischen Aufschriften zu bemerken. — 
W'arum ist in dieser Stadt Bleiglätte ein so begehrter Handelsartikel? Sie 
sagen, es sei für die Augen der Frauen. Alle diese Völkerschaften handeln 
hier mit Bleiglanz. Aber es ist wohl der Ausdruck dieses schwarzglitschigen 
Ortes. Eine vulkanische Formation, Basalt, Lava, ausgespien aus der tief- 
sten Hölle, ist dies alles. Erstarrte Glut. Gräber. Rabbi Jochanan ben 
Sakkai, der große Maimonides-Rambam, Rebb Meir Baal-Haneß, der selt- 
same Wundermann, Rabbi Akiba, der nichts Neues finden konnte unter 
dieser Sonne von Tiberias, alle liegen sie rund um diese Höllenstadt be- 
graben. Oeffnet es sich? Wir sind zweihundert Meter unterhalb des 
Meeresspiegels. Flutet es schon über uns? — Da geht ein „Mops“, das ist 
eine Genosse der „Mifleget Poalim Sozialistim“, der kommunistischen Ar- 
beiterpartei Palästinas Moskauer Observanz. Aber er schleicht geduckt wie 
die Drusen. Der britische Geheimpolizist ist ihm auf den Fersen, der Ar- 
beiter verbirgt sich hinter den bauschigen Röcken einer daherwatschelnden 
Jüdin aus Buchara. Das gehört heut auch schon zu Sowjetrußland. Die 
Frau ist über und über mit Schmuck behängen aus dem innersten Asien, 
aus Pamir, der Wiege der Menschheit. Sollen wir alle miteinander hier 
wieder versaufen? Nadja, Anja, kommt; hier, diese entsetzlich enge, steile, 
glitschige Treppe, die geht in die Welt hinauf, kommt, kommt! ! 

Sie kommen, steigen; das dünstende Tiberias sinkt, versinkt unter 
uns. — Es riecht nach Karbol. Eine große, stille, steinerne Halle. Bänke 
zum Ausruhen. Es werden gewaschene Handtücher abgezählt. Wir sind im 
Wartesaal der Hadassa. Man sagt uns, daß gleich nach vier der Arzt 
kommen wird. Wo waren wir diese Stunde? Sind wir wirklich wieder unter 
Lebendigen? 

* 

Wir sitzen mit geschlossenen Augen, vertreiben mit den Händen noch 
immer blasse Schemen. Fliegen gibt es hier nicht, Gctt sei Dank. Aber war 
da nicht eben wieder der Erbauer dieser irrsinnigen Stadt, der „Landes- 
herr“ des Gekreuzigten, der König der Juden? Oder war es seine perverse 
Königin, die den Kopf des Jordantäufers begehrte, den sie liebte, „anders 
wär ja unerklärlich das Gelüste jener Dame, — wird ein Weib das Haupt 
begehren eines Manns, den sie nicht liebt?“ Die und keine andere ist die 
Stammutter der versunkenen Stadt dort unten, die auch noch in die sauberen, 
stillen Räume der „american jewish medical organization Hadassa“ ver- 
flogne Flocken ihres Gischts hinaufspritzt. Da steht solch ein uraltes Kind, 


672 


ein achtjähriges, tiefbraunes, schmächtiges Judenmädchen aus Südarabien, 
an der Tür zur Augenklinik. Will wohl einen Angehörigen sehen. Einige 
Male hat die diensthabende Schwester sie schon hinausgedrängt. Immer wieder 
schlüpft die Kleine durch eine ganz enge Spalte hinein. Ist stärker, stärker 
als Amerika, Medizin, Disziplin, Erwachsenheit. Spricht keinen Laut. Nur 
die Augen leuchten. Zuletzt bleibt sie hinter jener Tür verschwunden; sie 
hat gesiegt, diese rechtmäßige Urenkelin der tollen, toten Herodias. 

„War vielleicht ein bißchen böse 
Auf den Liebsten, ließ ihn köpfen; 

Aber als sie auf der Schüssel 
Das geliebte Haupt erblickte 

Weinte sie und ward verrückt, 

Und sie starb in Liebeswahnsinn. 

(Liebeswahnsinn ! Pleonasmus! 

Liebe ist ja schon ein Wahnsinn!) 

Nächtlich auferstehend trägt sie, 

Wie gesagt, das blut’ge Haupt 
In der Hand, auf ihrer Jagdfahrt — 

Doch mit toller Weiberlaune 

Schleudert sie das Haupt zuweilen 
Durch die Lüfte, kindisch lachend, 

Und sie fängt es sehr behende 
Wieder auf, wie einen Spielball. 


Warum hast du mich so zärtlich 
Angesehn, Herodias?“ 

Wir gingen ein wenig neugierig umher, besorgt, nirgends zu stören, hier 
nicht aufzufallen. Eine leichte Zigarette scheuchte dann den letzten Rest 
des tollen Traums von da unten hinweg. Der Doktor kam. Ein gut- 
angezogener Wiener Herr. Bat Anja hinein, zeigte der Schwester, was sie 
zu tun hatte. In einer Viertelstunde war alles in bester Ordnung und unsere 
Wandergefährtin frei von Schmerzen. Wir hatten einige Piaster an die Kasse 
zu entrichten. Es war halb fünf. Jetzt galt es, so schnell wie möglich ein Auto 
nach Kfar Gileadi aufzutreiben, um zur Nacht bei unsern Freunden und 
an unserm nördlichsten Reiseziel zu sein. Wir hatten heut noch 75 Kilometer 
vor uns. Steigen diese sonderbaren Treppen wieder hinunter... Jetzt hatte 
aber der Spuk seine Macht verloren. Gleich um die Ecke war wieder der 
große Autohalteplatz und ganz gewöhnlicher orientalischer Alltag. Die Reise 
konnte weitergehen. 


673 


DIE PUTTKAMERS 



E in Zeitgenosse Casars, Fürst Leszek III. hatte achtzehn Söhne. Er führte 
im Wappen den Greifen, den noch heute die Puttkamer führen. Er 
herrschte über Dazien, das jetzige Serbien. Einer seiner achtzehn Söhne hieß 
Jagsa. Dieser begründete die Dynastie der Jagsa, und ein Nachkomme war 
der Graf Vrs (sprich: Wrsch) von Schreckenstein. Sie kamen später nach 
Böhmen hinauf und waren Mitregenten und ein berühmtes Geschlecht in 

Böhmen, nach denen noch 
heute ein Stadtteil von Prag 
benannt ist. Ein Graf Vrs 
hofierte die Königin Libussa 
von Böhmen, diese zog es 
aber vor, nicht den vorneh- 
men Vetter zu heiraten, son- 
dern einen Bauern, Namens 
Przemysl, wodurch die Prze- 
mysliden auf den Thron 
kamen. Dadurch entstand 
großer Familienkrach und 
Fehde und die Vrs, die die 
Sache satt hatten, gingen in 
fremde Länder, teils nach 
Pomerellen, damals wendisch- 
kassubisches Gebiet, das 
unter dem Zepter eines 
Vetters vom König Swatop- 
luk, dem Böhmen gehörte, 
stand. Es kam auch hier zu 
Familienzwistigkeiten und 
König Swatopluk wurde von 
Nägele Radierung (Verlag F. Gurlitt) dem Großvater des ersten 

deutschen Vrs im Zwei- 
kampfe mit der Axt erschlagen. Daraufhin verschwand obiger Großvater, der 
der erste deutsche Ahnherr der Puttkamer ist, aus Pomerellen und erst sein 
Enkel kam wieder nach Pomerellen zurück, er führte den Namen Jesko Jan und 
war Palatin von Danzig. Die Geschichte sagt von ihm, daß er ein ganz hervor- 
ragender Staatsmann und Städtebegründer gewesen sei. 

Seine Söhne Svendso und Lorenz waren Burggrafen von Schlawe, Stolp 
und anderen größeren Orten. Seit dieser Zeit führen die Städte Schlawe, Stolp, 
Zannow und Rügenwalde das Wappen der Leszek, Vrs, Jagsa und Puttkamer 
— nämlich den gekrönten Greifen — oberhalb ein Adler, unterhalb ein Fisch- 
schweif. Pod komoro ist Unterkämmerer = Kronkämmerer. Dieser Name ist 
ursprünglich nur ein Titel gewesen, aus dem sich später der Name Puttkamer 
entwickelt hat. Die Puttkamers in Russisch-Polen führen immer noch den 
Namen eines Grafen Vrs Puttkamer. 


674 



Ursprünglich haben die Vrs gegen die deutschen Markgrafen von Branden- 
burg gekämpft und sich lange tapfer gehalten, wurden aber später mit ihren 
Besitzungen germanisiert und so aus slawischen Dynasten deutscher Adel. 
Sie sind ein trotziges, eigenwilliges Geschlecht, das zähe an seinem ererbten 
Boden und an seinen alten Ueberlieferungen hängt. Sie sind fast ausnahmslos 
schöne große blonde Männer und ebensolche Frauen, ganz wenige, so die 
Fürstin Bismarck, waren brünett. Sie sind in allen Zeitläuften Grundbesitzer 
und Soldaten gewesen, und im letzten Kriege 1914 waren nicht weniger als 
150 Puttkamer im Felde, von 
denen neunzehn den Helden- 
tod fanden. Sie waren jeder- 
zeit bereit, sich mit Gut und 
Leben für ihr Vaterland ein- 
zusetzen. Von höfischem Dienst 
hielten sie nichts. Sie haben 
eine zu starke Wirbelsäule, die 
sich schwer zu höfischen Kom- 
plimenten eignet. Sie lieben 
Jagd, Frauen, Wein und Spiel. 

Seitdem eines ihrer Fa- 
milienmitglieder, der bekannte 
Gouverneur von Kamerun, 

Jesko von Puttkamer, in deut- 
schen Kolonien tätig war, sind 
sie sehr kolonial veranlagt und 
in aller Herren Länder zu 
finden. Ein Zweig dieser Fa- 
milie blüht in Polen, einer in 
Rußland, ein dritter in Oester- 
reich und einer in Australien. 

Ein Robert von Puttkamer war Meseck Holzschnitt (Verlag F. Gurlitt) 

Kultusminister und brachte die 

neue Orthographie auf, nach welcher die Worte Tor, Tal, Tür ohne „h“ ge- 
schrieben werden. Der vorgenannte Gouverneur Jesko v. P. nahm ein soge- 
nanntes Cousinchen mit nach Afrika, woraus das schöne Lied entstand: „Willst 
du mein Cousinchen sein?“ Man nahm es ihm übel, daß er angeblich einige 
Negerweiber hatte aufhängen lassen, man beriet am grünen Tisch im Kolonial- 
amt und versuchte ihm Unannehmlichkeiten zu machen. Vermutlich waren 
andere Anwärter vorhanden, die gerne General-Gouverneur von Kamerun ge- 
worden wären und auch ihrerseits ein Cousinchen mitgenommen hätten. Dies 
gelang ihnen jedoch nicht, und im darauffolgenden Prozesse konnte man dem 
Gouverneur Jesko nichts am Zeuge flicken. Man bat ihn, weiter seinen Posten 
auszufüllen, doch Jesko von Puttkamer sagte: „Ihr könnt mir sonstwo und 
nahm eine Anstellung bei einer großen englischen Kolonialgesellschaft. 

Sein Kammerherr, Herr von Kramsta, war Verbindungsoffizier zwischen 
dem Palais des Gouverneurs und den Salons der berühmten Marie Madeleine, 



675 



Gemahlin des alten Generals Heinrich von Puttkamer. Marie Madeleine war die 
erste und größte erotische Dichterin ihres Zeitalters. Ihre Dichtungen gleichen 
den Zeichnungen des Baron de Bayros, mit dem sie auch in seinen letzten 
Lebensjahren zusammen arbeitete. Marie Madeleine dichtete ganz intuitiv 
und produktiv. Eine Cousine ihres Mannes, Baronin Adelaide Puttkamer- 
Schack besuchte sie einmal und bat sie, ihr großes Talent in den Dienst 
höherer Ideen zu stellen, worauf Marie Madeleine antwortete: „Das kann 

ich ja nicht, denn ich schreibe es in der Nacht und weiß am Morgen selber 
nicht, was ich geschrieben habe.“ Baronin Adelaide war selbst ein großes 
Talent, das dichtete, malte, bildhauerte, alles in der Perfektion autodidakt. 
Eine weitere Dichterin in der Familie Puttkamer war Alberta von P., Ge- 
mahlin des Staatssekretärs Maximilian von Puttkamer. In der jüngsten Zeit ist 
eine Thea von Puttkamer — die lange in Konstantinopel lebte — ebenfalls als 
Dichterin vielgenannt. In Prag lebt noch eine Baronin Puttkamer unter dem 
N amen Nora Hollo-Puttkamer, die ausgezeichnet dichtet und Silhouetten schneidet. 

Zu erwähnen ist noch, daß ein großer Teil der Familie in Pommern lebt, 
ihren Kohl baut und jedes Jahr einen Familientag abhält, einmal in Berlin 
und einmal in Stolp. Dieser Zweig ist wenig international, eher national und 
zwar deutschnational, welchen Sport sie sehr oft auf die Spitze treiben. Weit 
kosmopolitischer sind die Puttkamer, die in Luxemburg auf zwei schönen 
Schlössern, Bettendorf und Möstroff, ansässig sind. Der Schloßherr von 
Bettendorf, Baron Adolf von Puttkamer, war der liebenswürdigste, gütigste 
und originellste Mensch, den man sich denken kann. Seine erste Frau war eine 
Reichsgräfin zu Ingelsheim, seine zweite eine belgische Gräfin Eugenie Borch- 
graf d’Altena. Nach dem Kriege wurde dieser Dame ein in Belgien gelegenes 
Gut vom belgischen Staate konfisziert, weil sie die Frau eines Deutschen war. 
Ein Sohn Gustav Puttkamer hat die bekannte Champagnerfabrik Chateau 
Möstroff und verfertigt in den Kellern seines alten Schlosses ausgezeichneten 
Champus. Er ist lustig und charmant, wie es sich für einen Champagner- 
fabrikanten gehört. Das Etikett der Hausmarke trägt das freiherrlich von 
Puttkamersche Wappen und das Bild des alten Schlosses 
Möstroff. Viele der Familienmitglieder beziehen nun 
ihren Champagner aus Schloß Möstroff von dem 
luxemburgischen Vetter und trinken ein Gläschen oder 
zwei, oder auch mehrere 
auf das Wohl der Fa- 
milie, die da blühen und 
gedeihen möge. 

P. H. N. 





Paul Kleinschmidt 


Radierung 


UN QUART D’HEURE AVEC 

MAURICE DEKOBRA 


m den Erfinder der „Madone des Sleepings“ zu interviewen, muß man im 


„Fahrplan“ nachsehen, im „Indicateur franqais“, im englischen „A.B.C.“, 
im italienischen Führer der „ Ferrovieri “ und in den spanischen „Coches 
Camas“. Man zieht die Stunde der großen Expreßzüge vom Mondviertel ab, 
multipliziert mit drei und hat eine Chance gegen sieben, Dekobra zu treffen. 

Gestern habe ich ihn in seinem Aufzuge entdeckt. Ich fuhr hinauf. Er 
fuhr hinunter. Fünfundvierzig Sekunden sind wir hin und her gefahren, und 
schließlich befand ich mich in seiner Bibliothek, die neben andern Merkwürdig- 
keiten ein Exemplar der „Fleurs du Mal “ enthält, gebunden in Frauenhaut, 
eine Zigarettenschachtel aus Kristall, ein Geschenk des Königs von Aegypten, 
und ein Gemälde von Dekobra selbst, eine nackte Frau darstellend, gemalt mit 
Gelbei, roter Tinte und Jodtinktur. Aber ich ziehe seinen garantiert echten 
Van Ostade und seinen Coypel vor. 

Das Fragenmaschinengewehr beginnt zu spielen: 

Mein Herr Romancier, der Sie Millionen von Lesern in allen Sprachen — 
das Japanische, Hebräische und Arabische mit inbegriffen — amüsieren, Sie 
lesen gewiß viel Frivoles. Welches sind Ihre Lieblingsbücher? 

Meine frivole Lektüre besteht aus: Biologischem, Metaphysischem, Okkult- 
Wissenschaftlichem, historischen Memoiren . . . Ich lese niemals meine Zeh- 




genossen, besonders keine Romanciers . . . Das widert mich an. Die Zucker- 
bäcker mögen ihre Kuchen nicht. Ich kann das Marzipan der andern nicht 
essen. Bei meinen eigenen Romanen wird mir schon übel genug. 

Aber unter den Klassikern? 

Also da will ich Ihnen meine Bewunderung für Swift, Voltaire und Goethe 
gestehen. Ich habe sogar den Mut gehabt, Haeckel mit Interesse zu lesen . . .1 
Kant und Fichte begeistern mich viel mehr als der selige Gustav Freytag . . . 
Wenn ich die Wahl habe zwischen „Soll und Haben und dem kategorischen 
Imperativ, so wird mir die Entscheidung nicht schwer. Ich weiß ein paar 
Stücke von Shakespeare auswendig, denn die Gouvernante, die mich englisch 
lehrte, als ich sieben Jahre, alt war, war eine frühere Souffleuse vom Drury 
Lane Theater in London. 

Was denken Sie vom Völkerbund in Genf? 

Das ist eine Hagenbeck-Menagerie, wo die in Diplomaten verwandelten 
Raubtiere Zuckerwasser trinken, solange sie noch keine Gelegenheit haben, sich 
zu beißen . . ., falls es nicht eine Krippe für die Greise ist, deren sich zu ent- 
ledigen die verschiedenen Staaten den Wunsch haben. 

Unsere Unterhaltung wird unterbrochen durch eine junge Engländerin, die 
sich, schüchtern errötend, hineinführen läßt und Dekobra bittet: 

„ Sir . . . Mama hat mir verboten, „La madone des Sleepings“ zu lesen. 
Aber ich habe heimlich ein Exemplar gekauft und möchte, daß Sie mir eine 
kleine Widmung hineinschreiben.“ 

Dekobra nimmt lächelnd die Feder und schreibt: 

„Für Miß X. diesen Roman, den ihre Mama lesen w r ird, w r enn sie älter 
sein wird. Maurice Dekobra.“ 

Verwirrt verläßt uns das junge Mädchen, Dekobra sieht mich an und sagt: 

„Gentlemen prefer blonds" . . . Ich bin kein Gentleman, weil ich die Brü- 
netten bevorzuge! Sie erinnern sich an die Geschichte vom Herzog von Saint- 
Simon, den eine große Dame im Jahre 1735 fiagte: „Herr Herzog, lieben 

Sie die Braunen mehr oder die Blonden?“ Da schwang der Autor der 
Memoiren seine Tabaksdose und versetzte mit seinem eleganten Zynismus: 
„Madame, in Kupidos Hause ist die Braune der Keller, und die Blonde der 
Boden . . . Ich ziehe das Entresol mit einer kleinen Roten vor.“ 

Da Sie nun bei dem immer aktuellen Thema der Liebe angelangt sind, 
geben Sie mir Ihre Definition von der Liebe! 

Die Liebe ist eine geometrische Gleichung mit zwei Unbekannten: dem 
Mann und der Frau... Uebrigens wird das Buch, das ich noch nicht ge- 
schrieben habe, und das ich schon lange im Schilde führe: „Versuch einer 

sensualistischcn Geometrie “ heißen mit einem Anhang: „Vierundzwanzig Lehr- 
sätze der Wollust im Raume“. Meiner Meinung nach tut man Unrecht, die 
Liebe bald als ein Späßchen für das Chambre separee, bald als eine Elegie in 
G-Moll für das Allerheiligste der Demi-Vierge zu betrachten. Niemand hat 
die Geheimsprache Euklids genau verstanden. Man hat seine Postulate in einem 
Zirkelkasten eingeschlossen. Wollen Sie ein paar wissenschaftliche Definitionen 
als Wegzehrung für die Reise nach Cytliera? 


678 



Kolberg, Dom (Westbau) 



Aus „Pommern“ (Deutscher Kunstverlag, Berlin) 

Stargardt, Rathaus und Hauptwache 





r • 











Hamburg, Kunsthalle 

Caspar David Friedrich, Wiesen bei Greifswald 



Auf dem Weg zur Schwemme 




Photo Staatl. Bildstelle 

Stralsund, Rathaus und Nikolaikirche am Markt 



Soldaten bei der Erntearbeit in Pommern 



Hamburg, Kunsthalle 

Philipp Otto Runge, Selbstbildnis (geh. in Wolgast. 1777 — 1810) 



Rudolf Levy (geb. in Stettin 1875) 


Photo Rieß 




Kurtisane: Pyramide mit auswechselbaren Dreiecken, deren Seiten sich in 
Höhe des Betthimmels schneiden. 

Anständige Frau: Kugelförmiger, zweidimensionaler Körper in Gleich- 

gewichtslage zwischen den beiden Senkrechten des Ehemanns und des Lieb- 
habers. 

Wahrhaftig! Dem Professor Dekobra fehlt nur noch eine schwarze Tafel 
und ein langer Gehrock! Ich finde bei ihm die Phantasie des Autors von 
„Der Philosoph und die Dirne“ wieder 

Man hat von Ihnen gesagt, Sie seien der Inspirator einer neuen Schule 
des Neu-Romantizismus. 

Ich pfeife auf die Schulen, die Strömungen, die literarischen Gruppen. Ich 
gehöre keiner geheimen Gesellschaft an. Ich gehe allein vor und will weder 
Korporal noch General sein. Um zu schreiben, muß man nur sein Auge in alle 
Milieus werfen. Alsdann bringe man sein Auge zum Augenarzt! Man braucht 
nicht die Schriftsteller, die Kritiker, die Tintenfresser zu frequentieren. Die 
großen Damen und die Kokotten, die Ladies und die Demimondänen, die 
Prinzen von Geblüt und die Bettler, die Mörder und die Heiligen sind ihnen 
vorzuziehen. 

Sie sprechen von den literarischen Kritikern, was denken Sie von ihnen? 

In Frankreich muß man, um literarischer Kritiker zu sein, ein Gescheitester 
sein, ein armer Schuft, der das Blut der Schriftsteller saugt wie der Floh, der 
auf dem Hund sitzt. Niemals würde es mir einfallen, Seiten über das Werk 
eines Schriftstellers zu veröffentlichen und die Meriten dieses Schriftstellers 
mit Noten von o bis 20 zu versehen. Man muß die Seele eines kleinen Dorf- 
schulmeisters und keinerlei Sinn für das Lächerliche haben, um dieses Metier 
auszuüben. Ich sage das ebensosehr von den Kritikern, die einen mit Blumen 
überschütten, wie von denen, die einen in den Kot zerren. 

Man behauptet, daß Sie viele Briefe von Frauen bekommen. Warum 
schreiben sie Ihnen? 

Um Bücher zu bekommen, ohne zu bezahlen. 

Und außerdem? 

Um mir ihr Herz zu öffnen und mir zu sagen: Die Madone des Sleepings, 
das bin ich ganz und gar! Aber Spaß beiseite, die Briefe, die ich aus allen 
Ländern bekommen habe, sind für mich kostbare Dokumente, die ich mit Ver- 
gnügen lese. Vergessen Sie nicht, daß die Briefe, die man niemals hätte 
schreiben sollen, die einzigen sind, die es sich lohnt aufzuheben. 

Die Frau welcher Nationalität ist Ihnen am liebsten? 

Mir ist diejenige Frau am liebsten, die ich morgen treffen werde. 

Unsere Unterhaltung wird unterbrochen durch eine elegante Dame von un- 
gefähr vierzig Jahren, die das Dienstmädchen hereinführt und die Dekobra bittet: 

„Sir . . . Ich habe heimlich vor meiner Tochter Ihre , Madone des 
Sleepings ' gekauft, weil das keine Lektüre für ein Girl von neunzehn Jahren 
ist. Wollen Sie mir eine Widmung in mein Exemplar schreiben?“ 

Dekobra nimmt lächelnd die Feder und schreibt: 

„Für Mrs. X . . . diesen Roman, den ihre Tochter ihr bald auswendig her- 
sagen wird. Maurice Dekobra.“ (Deutsch von Franz Leppmann.) 


679 


DAS HOFISCHE MÖBEL*) 


Von 


ADOLF FEULXER 


an kann eine Geschichte des Möbels nicht in die gleichen Perioden ein- 


teilen wie eine allgemeine Geschichte der Kunst. Die stilistischen Ver- 
änderungen graben nicht so tiefe Einschnitte, die als Grenzscheiden fühlbar 
wären, wie die gesellschaftlichen Evolutionen. Die Entwicklungsgeschichte 
des europäischen Möbels bis zum Hochbarock ist ein einheitlicher Strom, der 
immer noch mittelalterliche Rudimente mit sich schleppt. Erst mit dem Beginn 
des Spätbarocks wird das Mittelalter überwunden. Es beginnt eine neue 
Epoche, die bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts dauert. Sie bildet die Grund- 
lage für die Neuzeit. Man könnte sie die Periode des höfischen Möbels nennen. 
Die Charakteristika der neuen Zeit auf dem Gebiete des Möbels, der Ersatz 
des Schnitzmöbels durch das furnierte Möbel, die Einführung des stabilen 
Möbels, die Trennung zwischen höfischem und bürgerlichem Möbel, weiter das 
Verschwinden der Truhe, die feste Polsterung sind Zeichen einer tiefgreifenden 
Aenderung des Charakters. Die zweckliche Nutzform verliert an Bedeutung 
gegenüber der Kunstform, die im Dienste einer bestimmten Absicht steht, der 
gesellschaftlichen Repräsentation. Gewiß hat es Luxusmöbel von jeher gegeben. 
Die Steigerung des individuellen Möbels durch stofflichen Prunk ließ aber der 
Nutzform immer ihr Recht. Es bedeutet einen Unterschied, wenn jetzt bei ein- 
zelnen Gattungen der Zweck nebensächlich, der dekorative Wert wichtiger wird, 
wenn das Möbel allgemein vom Gebrauchsobjekt zum Gegenstand des Luxus 
wird, mit dem ein bestimmter Ausdruck verknüpft ist, das herrschaftliche Prestige. 

Diese Aenderung in der Anschauung deckt sich mit einer Aenderung der 
Gesinnung im weiteren Umkreis. Sie steht in unmittelbarem Zusammenhang 
mit einer neuen gesellschaftlichen Konstellation, mit der Entwicklung des 
politischen Absolutismus, der eine neue soziale Rangordnung mit sich brachte. 
Repräsentant der neuen Zeit ist der Monarch, der als Typus, als Vertreter der 
Machtidee, als Inhaber des Gottesgnadentums über menschliche Dimensionen 
hinausgehoben ist. Er steht an der Spitze der Gesellschaft, die als höhere 
Einheit dem Sonderdasein übergeordnet ist. In Frankreich sind die absolu- 
tistischen Ideen zuerst verwirklicht worden. Während in Italien die patrizische 
Renaissancekultur ihre Steigerung in prunkendem Reichtum fand, in Deutsch- 
land die fürstliche Lebenshaltung potenziertes Bürgertum blieb, und nur wenige 
Fürsten Ansätze zu weltmännischer Geltung machten, erreicht in Frankreich 
die ererbte dynastisch-feudale Kultur ihren Höhepunkt. Der Beginn des per- 
sönlichen Regimes Ludwigs XIV. bringt zugleich eine Verschiebung des 
geistigen Schwerpunktes Europas von Rom nach Paris. In rascher Entwick- 
lung gewinnt Frankreich, das bisher von den Nachbarstaaten Italien, Nieder- 
lande, Deutschland abhängig gewesen war, auch in der Kunst eigenen, boden- 
ständigen Ausdruck, der bald für alle europäischen Staaten Vorbild wird, der 
unter dem Einfluß der französischen Weltpolitik Allgemeingeltung erhält. Das 

*) Aus der soeben erschienenen ..Kunstgeschichte des Möbels" von Adolf Feulner 
(Propyläen-Verlag, Berlin). 



680 


Land, das von jeher Vorbild der verfeinerten Lebenskultur gewesen war, 
marschiert an der Spitze Europas und wird Diktator in Fragen des Geschmack'. 

Die Kunst wird in den Dienst des Absolutismus gestellt. Die Verbindung 
von Politik und Kunst zeigt sich in erster Linie in der Steigerung des Kunst- 
betriebes, in der grandiosen Bautätigkeit an Schlössern von unerhörtem Aus- 
maße, wie sie die Welt seit dem Altertum nicht mehr gesehen hatte. Sie zeigt 
sich in der Konzentrierung aller Kunstbestrebungen, in der Zentralisierung 
der Künstler am Hof. Schon vorher, unter Heinrich IV. war durch Ein- 
richtung der Künstlerwerkstätten 
in der Galerie des Louvre (1608) 
und durch die Errichtung der 
Akademie (unter Le Brun, 1647 
bezw. 1654) die Konzentration 
vorbereitet worden; jetzt werden 
Künstler und Kunsthandwerker 
ausschließlich mit Arbeiten für 
den Hof beschäftigt. 1662 bezw. 

1667 ist durch Colbert die Manu- 
facture royale des Meubles de la 
Couronne begründet worden. Die 
systematische Pflege ist be- 
gründet auf der Ansicht der Er- 
lernbarkeit, die rationalistische 
Anschauung vergißt, daß die 
Blüte der Kunst natiiilich heran- 
wachsen muß. Zweck dieser un- 
erhörten Konzentration von Ma- 
lern, Bildwirkern, Goldschmieden, 

Gießern, Steinbildhauern, Möbel- 
schreinern in einem Institut, das 
mit ungemeinen Mitteln organi- 
siert, sogar mit einem Seminar 
zur Heranbildung der nach- 
w'achsenden Kräfte ausgestattet 
wurde, ist einzig und allein, für 
die Bedürfnisse des Hofes zu 
sorgen. Der König ist der wich- 
tigste Auftraggeber, der größte Bauherr. Erst am Ende der Regierung tritt 
ein Rückschlag ein, und die Gesellschaft übernimmt einen Teil seiner Rolle. 

Das fürstliche Prunkmöbel, das meuble d’apparat ist für den königlichen 
Hof erfunden und dann später, mit der allgemeinen Steigerung der Lebens- 
haltung, von der höfischen Gesellschaft übernommen worden. Das Möbel ist 
ein Mittel der Repräsentation. Ueber die Gebrauchsobjekte wird der Glanz 
eines verschwenderischen Luxus gebreitet, der nicht immer vom besten Ge- 
schmack diktiert ist, auch nicht vom Komfort gefordert ist, sondern von dem 
Gedanken, die Macht zu dokumentieren, die Würde zu steigern, die Persönlich- 



Hans Purrmann (1911) 



keit in das Uebermenschliche zu erhöhen. Es beginnt ein Luxus, der nicht 
vor äußerlichen Mitteln zurückscheut, der oft nur die Fassade ist vor einer 
geistigen Leere, der als Ganzes doch etwas Grandioses an sich hat. Verbreitet 
ist dieser Prunk schon seit der Spätrenaissance; jetzt erhält das Möbel neuen 
Inhalt und neue Bedeutung. Den Gradmesser für die Absichten und Ansprüche 
der neuen Lebenshaltung gibt immer die Statistik der Räume und der Möbel- 
arten. Man kommt dem Kern nahe, wenn man Gleichartiges zusammenstellt, 
wenn man die Räume eines Palazzo der Renaissance mit den Sälen eines 
spätbarocken Schlosses vergleicht. Der wichtigste Raum ist nach wie vor das 
Schlafzimmer, der Herd der Familie, zunächst noch immer das Besuchs- 
zimmer, Empfangszimmer, wie in der gotischen Zeit. Aber wie hat sich die 
Bedeutung geändert. Die patriarchalische Intimität ist der Repräsentation ge- 
wichen. Auch die nebensächlichen Aktionen menschlichen Daseins werden mit 
dem Nimbus einer Staatsaktion umkleidet. Das Lever und Coucher sind perio- 
dische Schaustellungen mit bestimmtem Zeremoniell. Selbst die intimsten 
Vorgänge, die bisher als heilige Handlungen in der Enge der Familie blieben, 
wie die Geburt eines Kindes, sind der Oeffentlichkeit preisgegeben. Der neuen 
Würde entspricht auch die Ausstattung, die im lit de parade gipfelt. Aus dem 
Wohnzimmer ist der Salon geworden, in der neuen Bedeutung des Wortes, das 
den Begriff der Etikette in sich birgt. Daran schließen sich appartements de 
parade, appartements de commodite, monotone Fluchten von Sälen, die zur Ent- 
wicklung und Steigerung des festlichen Lebens notwendig sind, ohne wichtige 
Unterschiede in der architektonischen Gestaltung, charakterisiert durch Decken- 
gemälde, durch den Inhalt der Dekoration, einseitig auf Prunk, Eindruck, 
Pathos gestellt, unwohnlich, unbequem, erst durch die Möbel einer Bestimmung 
zugeführt. Sie sind in letzter Absicht nichts anderes, als „die dauernden 
Kulissen, an denen das höfische Leben vorüberrauscht“. 



F. M. Jansen Laufenburg am Oberrhein (Radierung) 

682 



CU* 'yiWvij ' ! 


Rud. Levy 


POMMERN 


Vo o 

ALFRED FLECHTHEIM 


Motto : „Pommerland ist abgebrannt.“ 

W as weiß man, am Rhein zum Beispiel, von Pommern? Nichts, 
außer diesem Kinderlied und den pommerschen Gänsebrüsten 
und den Knochen der pommerschen Grenadiere. 

Die erste Stadt Pommerns, die ich entdeckte, hieß Pasewalk. Pase- 
walk ist nicht etwa ein neuer Tanz, der Black-Bottom ersetzen soll, 
sondern eine kleine Stadt mit einer schönen Kirche aus dem 14. Jahr- 
hundert und einer Kaserne, die größer und eleganter ist als die ganze 
Stadt. Darinnen lagen einst die Königin-Kürassiere, eines der fein- 
sten Regimenter der Christenheit, weiß mit rosa, Vanille- und Himbeer- 
eis. An die alte Glorie erinnern noch Plakate in dem recht guten Hotel 
, .Täglich Eintreffen von frischen Importen“. 

Dann Greifswald. Das, was in Pasewalk die Kürassiere waren, das 
sind noch für Greifswald die evangelischen Theologen. Greifswald hat 
sehr schöne Kirchen und Häuser und einen kleinen Hafen und Wiesen, 
die Caspar David Friedrich, Greifswalds größter Sohn, verewigt hat. 


683 


In Wolgast ist Runge geboren und ioo Jahre später Rudolf Levy in 



Stettin. 

Stralsund. Einst Hansestadt, dann lange schwedisch und kaum 
ioo Jahre pommersch, mit sehr schönen Kirchen und Klöstern und 
Giebelhäusern; gegenüber Rügen, mit vielen kleinen Residenzstädten, 
das verträumte Puttbus, Hiddensee, die Residenz Geriiart Hauptmanns, 
und Binz. Residenz von Hans Breitensträter. Am Strande von Binz 
viele kleine schwarz-weiß-rote Fähnchen, der Ausdruck derjenigen 
sehnsuchtsvollen Träumer, die sich nach „die Hände an die Hosennaht 

zu nehmen sehnen. — Anders 
Bansin. Ein Strand mit einem Flag- 
genwald, schwarz-weiß-rot, Kriegs- 
marineflaggen, Hakenkreuzfahnen, 
eine Flaggenparade, die den Ber- 
liner Stahlhelmtag an Glanz über- 
trifft. Bansin ist der Ausdruck jener 
sehnsuchtsvollen Träumer, die sich 
nach „die Hände an die Hosennaht“ 
nehmen zu lassen sehnen. — 
Dann Heringsdorf, der Kurfürsten- 
damm an der Ostsee und Swine- 
miinde, der Lido Pommerns. 

Und dann durch endlose 'menschen- 
leere Wälder und Felder, auf denen 
barbeinige Weiber und barfüßige 
Bauern Heu machen, auf denen 
Schwadronen von Riesenackergäulen 
pflügen, an Seen vorbei, mit Pfer- 
den, die Knechte in die Schwemme 
reiten, und halbnackten Fischern, 
auf schnurgeraden, ausgezeichneten 
Chausseen, ohne Shellpumpen, mit 
Gäulen, die noch vor dem Auto scheuen und Bauern, die es grüßen. 
Hinterpommern. 

Durch kleine Städte mit gotischen Toren und gotischen Kirchen — 
alles Backstein — , Cammin, Treptow, Greifenberg, Schievelbein (Vir- 
chows Geburtsstadt). Und dann Kolberg, dessen herrlicher Dom seltene 
Schätze enthält. 

Und endlich Stettin. Die Oder geht mitten durch die Stadt wie die 
Maas durch Rotterdam; zwar fahren keine Transatlantiks darauf, aber 
eine Reihe netter Dampfer, und in einem kleinen Restaurant am Kai, 
„Zu den drei Ankern“, das von der Gattin eines Kapitäns geleitet wird, 


684 


gibt es Spickaale und Schiet loat em, Stout und Stilton und, wie überall 
in Pommern, die besten Krebse der Welt. Das Museum liegt hoch oben 
auf einem Berge, overlooking the Oder, vielleicht die schönstgelegene 
Galerie der Welt. Ein Prachtbau, ein Labyrinth, verkorkst, mit viel 
zu hohen Oberlichtsälen. Was aus diesem Bau zu machen war, hat 
Dr. Riezler gemacht. Er hat gut gesammelt: Daumier, van Gogh, 

ausgezeichnete Corinths, Liebermanns letztes Selbstbildnis, die ganze 
deutsche Malerei von heute, mit einem Fresko von Hofer und Bildern 
der ,,Brücken“-Leute und der „Dömiers“, einem lebensgroßen Bronze- 
jungen von de Fiori, und vor allen Dingen zwei Meisterwerke von 
Frans Hals. Das Männerporträt - lohnt allein schon eine Reise nach 
Stettin. Diese beiden Bilder sind dem Museum geschenkt worden, 
ebenso wie von dem Ehepaar Döring die ganze klassisch gewordene 
deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts gestiftet wurde, in Qualitäten, 
nach denen sich mein Freund Haberstock die Finger lecken würde. 


EUROPÄISCHE KUNST DER GEGENWART 

IN HAMBURG 


er Hamburgische Kunstverein besteht seit 100 Jahren. Er feiert 


dieses Ereignis mit einer Zentenar-Ausstellung, nicht etwa mit 
einer retrospektiven Ausstellung mit einem Ueberblick über alles das, 
was dieser verdienstvolle Kunstverein in 100 Jahren geleistet hat, in 
einer Stadt, in der Runge und Lichtwark gelebt haben, sondern mit 
einer internationalen Ausstellung der Kunst von heute und der Kunst 
von morgen. 

Seit der Sonderbund-Ausstellung 1912 in Köln, die den Begriff der 
neuen Kunst festgelegt hat, indem sie das Ende des Impressionismus 
dokumentierte, und ein Zeichen war dafür, daß ein neuer Stil im An- 
marsch ist, hat keine Ausstellung mehr stattgefunden, die so wertvoll ge- 
wesen wäre wie die Hamburger. Sie übertrifft die viel zu große, zu 
sächsische Dresdner Schau aus dem vergangenen Jahr an Klarheit, denn 


„Maikäfer fliege, 

Dein Vater ist im Kriege, 

Deine Mutter ist im Pommerland, 
Pommerland ist abgebrannt.“ 


Von 


AUGUST MÜNSTERLAND 


I. 



685 


sie ist bewußt und rücksichtslos gemacht von Männern, die wissen, was 
sie wollen, um was es sich handelt, von Professor Dr. Pauli, Hofrat 
Brodersen und dem Maler Friederich Ahlers-Hestermann, der zu den 
besten Leuten des ehemaligen Pariser Döme-Kreises gehört, und der jetzt 
Hamburg verläßt, um nach Köln zu übersiedeln, was für Köln Gewinn, 
für Hamburg Verlust bedeutet. 


II. 

Julius Meier-Gräfe nannte eine Cezanne-Mappe, die die Marees- 
Gesellschaft herausgab: „Cezanne und seine Ahnen“, und ebenso zeigt 
die Hamburger Ausstellung nicht etwa nur die Kunst von heute, son- 
dern auch ihre Ahnen: Spätwerke von Renoir (die der älteste Sohn des 
Meisters lieh und die heute noch billig sind, eines schönen Tages ein 
ähnliches Schicksal haben werden, wie Rembrandts späte Werke), das 
Schönste an Werken von Cezanne, die Dr. Reber in Lugano lieh, Bilder 
von Gauguin und Seurat aus der Sammlung Koehler, Rousseaus aus der 
Suermondt-Sammlung, van Gogh aus der Pinakothek, Odilon Redon und 
einige schöne Spätbilder von Lovis Corinth. 

III. 

Die Sonderbund-Ausstellung dokumentierte das Ende des Impressionis- 
mus. Noch war die neue Kunst nicht geklärt, noch kannte man nicht den 
neuen Stil. Man glaubte, daß Meister, wie Matisse (dessen Wand herrlich 
ist) und Munch Vertreter des neuen Stils seien. Es ist jetzt durch die 
Hamburger Ausstellung klar geworden, daß jene großen Meister nicht 
Anfang waren, sondern Ende. Der Impressionismus starb in Schön- 
heit und Größe. 

Matisse und Munch vertreten aber viel mehr Gegenwart als ihre 
Schüler, jene Dome-Maler (deren Stärkste merkwürdigerweise drei Juden 
sind, ein Deutscher, Rudolf Levy, ein Schwede, Isak Grünewald, und der 
Spagnole Pascin), die Brückenmaler (Nolde, Heckei, Pechstein, Kirchner) 
und Kokoschka. Friedrich Mellinger schreibt über Nolde: ,,Eine edle 

Farbe kann Nolde beglücken. Er hat von einer seiner großen Reisen, aus 
Aegypten, ein glasiertes Tonfigürchen mitgebracht. Eine jener Grab- 
figuren — mit schwarzem Haar und leuchtend-cölinblauem Gewände. 
Er zeigt dieses Blau, eine Farbe, die es heute nicht mehr gebe, wie eine 
kostbare Reliquie.“ — In Kokoschka feiert man Wiedersehen mit Klimt, 
Tintoretto, Nolde, Turner und Dufy. 

IV. 

In der Kunst der Gegenwart und mithin in der Kunst der Zukunft hat 
die Form aber die Farbe abgelöst. Cezanne war der Erste, der begriff, daß 


686 



Landschaft bei Pasadena vom Mount Lowe gesehen (Kalifornien) 


Russische Dichter 






«WM 




Boris Pilnjak (geb. 1894) 


Leonid Leonow (geb. 1899) 


Photos Telna 


Russische Dichter 



Andrej Sobol (1888 — 1926) 


Photos TeJna 

Isaak Babel (geb. 1894) 



Photo I Mi rar« I. 

Andre Perain, Italienerin. Oelgemälde Emile Bonrdelk*. Kopf des Herakles. Bronze 



es mit dem Impressionismus zu Ende sei. („Der Sieg der Farbe“ ist prokla- 
miert durch die Mappe, die Adolf Behne bei der Photographischen Gesell- 
schaft herausgegeben hat )..Die Kunst von heute will die Form. 

Picasso, auf Cezanne aufbauend, hat das als größter von heute, als 
Schöpfer, erfaßt und mit ihm die anderen Kubisten, Braque, der leider zu 
früh gestorbene Gris, und Leger. Die Bilder dieser Meister, die fast alle 
aus der Reberschen Sammlung stammen, sind in einem Saal vereinigt, 
der der eindruckvollste und verheißungsvollste der Ausstellung ist. 

Aehnliche Prinzipien wie jene Kubisten, mit anderen Mitteln nur, ver- 
sucht Derain, der mit außerordentlich schönen Werken, darunter dem 
Bildnis der Catherina Heßling, der Frau von Jean Renoir, vertreten ist. 
(Szittya schreibt in seinen ,, Maler-Schicksalen“: ,, Derain verkleinert die 
Menschen, weil er sich leider oft, wie jeder Franzose, nach einer idealen 
Landschaft sehnt. Die Franzosen lieben die Menschen mit gefalteten Hän- 
den. Derain behauptet, daß man nur in der Verkleinerung die absolute 
Farbe finden kann.“) — Utrillo (vertreten mit einem seiner schönsten 
Bilder aus Korsika und einem weißen Straßenbild aus der Sammlung von 
der Heydt), de Vlaminck, Dufy, Friesz sind noch Impressionisten. Siege- 
hörten in ihren Anfängen um 1905 allemal, auch Derain und Braque, 
(Picasso malte damals seine blauen Bilder) zu den fauves, deren Gott nicht 
Cezanne, sondern van Gogh war. (Damals stritt man sich noch, wer 
größer sei, van Gogh oder Cezanne.) Die meisten Deutschen blieben 
fauves; Expressionisten = Impressionisten mit veränderter Technik. 

V. 

Die deutschen Maler, die die Kunst von heute und morgen verstehen, 
sind Max Beckmann, Groß, Carl Hofer und Paul Klee. Von Max 
Beckmann hängen da ,.Die Barke“, (die Freunde von Julius Meier-Gräfe 
anläßlich seines 60. Geburtstages der Xational-Galerie geschenkt haben, 
denn Meier-Gräfe liebt Beckmann und tritt für ihn ein, obwohl Beckmann 
das Liebste, was Meier-Gräfe hat, den Impressionismus, für den er ge- 
kämpft und den er zum Siege geführt hat, abschlachtet,) und das sehr 
schöne Frauenbildnis, das Direktor Gosebruch für sein Museum in Essen 
erworben hat, von Hofer ein frühes römisches Bild aus dem V interturer 
Museum und ein neues Werk, „Ein Paar am Fenster“, welches am 
stärksten die Kunst von heute zeigt. Groß ist nur mit einem Werke ver- 
treten, welches vielleicht das am meisten versprechende Bild, nicht das am 
besten gemalte (am besten gemalt ist die „Gliederpuppe“ von E. R. Weiß), 
der deutschen Abteilung ist, das „Bildnis des Dichters Walter Mehring“. 
Klees Visionen und Marie Laurencins Spielereien hängen in einem Kabi- 
nett zusammen. — Die neue Sachlichkeit ist als Abortus schon gestorben. 


69 Vol. 7 


687 


VI. 


Düsseldorf ist nur durch Werke von Nauen und Campendonk vertreten. 
— Es ist schade, daß, je kunstänner ein Land ist, wie München z. B., es 
um so zarter angefaßt wurde. — Unter den Polen, \\ ienern, Ungarn, 
Holländern ( Hollands europäische Künstler sind seine Architekten), Dänen, 
fast nichts von Belang, unter den Belgiern nur der auch etwas verstaubte 
Ensor, unter den Schweden noch der Bildhauer Milles, unter den Böhmen 
Filla und der Bildhauer Gutfreund, der vor kurzem, zu jung noch, ertrank, 
die Russen und Spanier sind nur durch ihre, in Paris und in Deutschland 
lebenden Landsleute vertreten, (aus Moskau und Madrid holte man sich — 
vielleicht glücklicherweise — nichts; der junge, sehr persönliche und viel- 
versprechende Serna lebt auch in Paris) ; Hodler, Kandinski, Jawlenski, 
1912 noch interessant, interessieren heute nicht mehr. — Chagall war 1912 
russischer, jüdischer und amüsanter; heute ist er pariserisch-abgeklärt. 


VII. 

In der Plastik gibt es noch keinen Picasso. Die gewiß guten Arbeiten 
von Beding, Brancusi und Laurens sind mehr Kunstgewerbe als die kleinen 
Tiere der Renee Sintenis. Der bedeutendste Bildhauer unserer Zeit ist und 
bleibt Maillol, der, Carpeaux und Rodin ablösend, für die Bildhauerei von 
heute das gewesen ist, was Cezanne für die Malerei war. Er ist mit einer 
großen Reihe sehr schöner Bronzen vertreten. Dann Bourdelle Despiau. 
Kolbe, Edzard, de Fiori (mit einem überlebensgroßen Jungen, einer der 
verheißungsvollsten Skulpturen), Kogan und Haller, der Schweiz bester 
Künstler, Bildhauer aus aller Herren Länder, die im Maillolschen Sinne 
arbeiten und Maillolsche Tendenzen fortsetzen. Dazu Lehmbruck. (Er, 
Marc, Macke, Morgner, Weißgerber, Künstler, die, zu früh gestorben, 
noch nicht das geschaffen haben, was sie zu unsterblichen Meistern ge- 
macht hätte, aber alle, für deutsche Verhältnisse, Verheißungen stärksten 
Kalibers, und Barlach , der Munch unter den Bildhauern, der barocke 
Minne.) 

Während die ganze deutsche Malerei, mit Ausnahme einiger merk- 
würdiger Sonderfälle, wie Schreyer, einen internationalen Wert nicht hat 
(ein Bild von Menzel würde, wenn ein Deutscher nicht zufällig zugegen 
wäre, auf einer Versteigerung im Hotel Drouot nicht so viel erzielen, wie 
ein Utrillo), ist zu erwarten, daß die deutsche Bildhauerei internationalen 
Wert erhält. In Frankreich ist außer Maillol nichts sehr Beachtliches und 
eine Ausstellung deutscher Bildhauer würde in Paris und in der ganzen 
Welt großen Erfolg haben. 


688 


BELLETRISTIK IM HEUTIGEN RUSSLAND 

(Skizze zu einer Revue) 

Von 

ST AN. FR. OSIAKO WSKI 


D as ist nicht zu bestreiten. Man braucht nur in Ziffern zu vergleichen, 
was von Russen und was von Nichtrussen im Sowjetlande ge- 
druckt und gelesen wird. Der Vergleich fällt entschieden zuungunsten 
der Russen aus. Warum? 

Maxim Gorki antwortet darauf im „Journalisten“: „Man liest bei 

uns lieber Jack London, Joseph Conrad und O. Henry als die russischen 
Schriftsteller, weil die ersteren „romantischer“, fabelmäßiger und über 
Unbekanntes schreiben. . . . Der Leser will den Romantismus, das ist 
zweifellos. Er verlangt, daß man ihm über Bekanntes in einer inter- 
essanten, unbekannten Weise erzähle, daß man das von ihm Erlebte und 
Erlebende vertiefe, verschönere. Er sieht, daß die reale Gegenwart 
interessanter ist als ihre Schilderung in den Büchern, und er ahnt, daß 
die Bücher etwas nicht voll und rund heraussprechen und manche selbst 
etwas verstecken . . . Die Gegensätze zwischen neu und alt werden 
meist in grober Form gehandhabt und Schlußfolgerungen voreilig ge- 
zogen.“ Soweit Gorki. 

Wenn man nun ganz allgemein die russische Belletristik der letzten 
Jahre betrachtet, so fällt einem gleich auf, wie sehr darin mit der 
„couleur locale“ herumgewirtschaftet wird. Das provinzielle, und be- 
sonders das ländliche und bäuerliche Milieu wird mit einem geradezu 
kleinmalerischen Eifer in den winzigsten Nuancen und Maßstäben ge- 
schildert. Man schwelgt mit Gustus in der rohen Kern- und Bildhaftig- 
keit der bäuerlichen Mundart.. So sehr — daß man nur allzuoft das 
„denouement“ vergißt und nicht vom Flecke weiterkommt. Meist gibt 
es überhaupt keinen Problemknoten zu lösen, keinen „plot“, wie ihn die 
Engländer nennen. Konstruktions- und perspektivlos — der Roman, die 
Erzählung degeneriert in eine stilistisch-idiomatischen Schreibübung. Und 
als Resultat sehen wir bestenfalls ein Genrebild, dooh flach, ohne Tiefe. 

Zum großen Teil ist diese lokale Kleinmalerei eine bewußte Reaktion 
gegen die abstrakt-deklamatorische Art der ersten Revolutionsjahre, 
gegen kosmische Eisenbetonmysterien. Insofern bedeutet sie einen Fort- 
schritt. 

Doch forderte das umwälzende, umwertende, zentrale Ereignis — die 
Revolution — einen adäquaten Ausdruck, ein literarisches Gesicht. Es 
sollte, wie gesagt, zuerst kein realistisches Gesicht erhalten. 

Wer sollte und konnte es denn federzeichnen? Die alte Intelligenz 
war beinahe ausgerottet. Die siegreichen Arbeiter und Bauern waren 


689 


kulturlos. Die sie führende und mit ihnen fühlende Intelligenz war ent- 
weder literarisch nicht gebildet, oder viel zu schwach, oder politisch ab- 
sorbiert. Und es gab eine Zeit, wo nicht nur die schöngeistige (nicht 
politische) Literatur, sondern auch all die übrigen Künste besonders 
die bildenden — sich auf eine dünne und raffinierte Intelligenzschicht 
der beiden Metropolen stützte. Was ihr dekadentes Bohemetum, ihre 
Treibhausatmosphäre bedingte. Das waren die letzten aus der großen 
vorrevolutionären Sturm- und Drangperiode des russischen Futurismus, 
mit all ihren Sektanten. Und da sie nun plötzlich zur Rolle dei Stützen 
der schönen Künste berufen waren, sind sie bis hinein in 1923 lite- 
rarisch-aktuell geblieben (Feodor 
Sollogub, Andrej Belyj u. a.). 

Sie standen, mit wenigen Aus- 
nahmen, „außerhalb des revolutio- 
nären Oktobers“, und die Jungen* 
Oktoberleute, aus den kosmischen 
Höhen auf die graue Erde gefallen, 
kullerten sich hilflos in der „loka- 
len Farbe“, breit und seicht. 

Hier finden wir den markante- 
sten unter den Junigen* — Boris 
Pilniak, der über bolschewistische 
Lederjoppen noch im Jahre 1919 
pathetisch wird und thematisch zer- 
rissene, liebevolle Ansichtskarten 
aus dem „Reiche der bäuerlichen 
Auslage in die Welt druckt. Von 
der Sorte „two pence coloured“. 

Groß ist die Schar derer, die 
„außerhalb des Guten und Bösen“ 
der Revolution zu schaffen ver- 
suchen. Hierzu gehören in erster 
Linie die sogenannten „alten“, wohlbekannten Schriftsteller und einePlejade 
der „Mitreisenden der Revolution“ (nach Trotzkis geflügeltem Worte), die 
sich in derselben noch nicht zurechtgefunden haben. So haben z. B. 
Maxim Gorkis neue Arbeiten meist vorrevolutionäre oder selbstbio- 
graphische Themen, die jedoch keine neue Problematik aufweisen. Der 
akademische Alexej Tolstoi, aus der Berliner Emigration zurückgekehrt, 
druckt z. B. einen Abenteurerroman (Hyperboloid des Ing. Garin), und 
sein ähnlich angehauchtes Theaterstück über Rasputin wurde kürzlich 
aufgeführt. Wenn er endlich die Gegenwart berührt, klingt er pessi- 
mistisch aus. Seine immerhin lesenswerten „Blauen Städte“ zeigen das 



690 


allmähliche Aufsaugen des revolutionären Romantikers durch das 
spießige Kleinstädtertum. Der auch in Deutschland bekannte Ilja 
Ehrenburg, der in den „Dreizehn Pfeifen“ und im „Julio Jurenito“ 
sich als geschickter, obschon feuilletonhafter Erzähler und Satiriker er- 
wies, wird in der „Liebe der Jeanne Ney“ verdammt melodramatisch. 
Seine verzwickte Groschenphilosophie auf das Leierkastenthema der 
(revolutionären) Pflicht und Liebe läuft auf das selige Endegut der 
„alles besiegenden Liebe“ hinaus. Reiselektüre gefällig? 

Doch gibt es auch Versuche, ein 
tieferes, synthetisches Bild des 
heutigen Rußland zu geben. Eine 
breitangelegte Komposition, bis 
jetzt nur teilweise erschienen, ist 
P. Romanoffs „Rußland“. Er be- 
absichtigt, verschiedene Gesell- 
schaftsgruppen vor und in der Re- 
volution darzustellen. Der bisher 
erschienene Teil schildert die länd- 
liche „gentry“, das äußerlich kul- 
turelle, gutmütige, nichtstuende 
und nichts ahnende Gutsbesitzer- 
tum vor dem Kriege. Das Ganze 
etwa als genetisches Vorspiel zu 
der folgenden Katastrophegedacht. 

Das Thema ist nicht neu, doch die 
Behandlung ist voll Kraft und Ein- 
druck und erinnert manchmal an 
Leo Tolstois epische Art. Die kon- 
temporäne „freie Liebe“ auf dem 
revolutionären „background“ wird 
in Romanoffs „Liebeserzählun- 
gen“ in äußerst artistischer Form, scharf und klug beobachtet. 

In Konstantin Fedin ist eine meisterhafte Handhabung einer kompli- 
zierten Fabel mit einer tiefen Empfindung der Tragik unserer Zeit ver- 
eint. In seinem 1924 erschienenen Roman „Städte und Jahre“ werden 
in einer durchdachten Weise und einfacher, ausdrucksvoller Form die 
verschiedenen Aspekte der Revolution dargetan: in der russischen Pro- 
vinz, in der Hauptstadt und in der deutschen Kriegsgefangenschaft. Be- 
sonders stark wirkt das Bild der kleinbürgerlichen Existenz im hungern- 
den und kämpfenden Petrograd. 

Wsewolod Iwanoff und Sejfulina zeigen uns das sibirische Dorf in 
den furchtbaren Jahren 1918 — 20, der erstere in einer ornamentalen 



691 


Prosa, die zweite — rein und stark realistisch. Iwanoffs kernige Bauern 
sind sowjetistisch erst durch die Uebeltaten der Weißen geworden, doch 
bewahren sie ihre starke, selbständige Ideologie und sind durchaus nicht 
veranlagt, immer und unter allen Umständen hinter den Arbeitern zu 
schreiten. Ebenso zeigt Sejfulina die spezifisch bäuerliche Auffassung 
der Revolution. Im prachtvollen Bilde der Bäuerin Wirineja (im gleich- 
namigen Roman) wird tief und wahrhaft die eingewurzelte Psychologie 
des , alten* Dorfes in Berührung mit der , neuen* städtischen Kultur auf- 
gedeckt. 

Meister der Form, lakonisch, doch mit Inhalt gesättigt ist der junge 
Babel. Insonderheit in seiner wohlbekannten „Reiterarmee“. Prägnant 
wird hier die refraktive Wirkung der Revolution auf die rohe Psychik 
und Lebensart der halb partisanenhaften Bauernreiter des roten Gene- 
rals Budenny gezeigt. Hauptsächlich in Episoden aus dem Feldzug gegen 
die Polen im Jahre 1920. „Die Geschichte meines Taubenhauses“ ist 
eine ergreifende, mit Herzblut geschriebene Erzählung aus Babels 
furchtbarer Jugenderfahrung in einem Progrom, dem auch sein Groß- 
vater zum Opfer fiel. 

Unter den sogenannten proletarischen Prosaisten, die uneingeschränkt 
auf parteikommunistischem Boden stehen, ist sicherlich Jurij Libedinski 
einer der begabtesten. Sein Bestes sind „Die Kommissare“, ein breit- 
umrahmtes, buntfarbiges Bild aus dem Partei- und Privatleben der 
selekten kommunistischen Avantgarde, der politischen Armee- 
kommissare. Auf dem realen Fond der kommunistischen Parteikurse, 
wohin die Kommissare zu Ausbildung und Parteitraining gesandt sind, 
werden psychologisch und ideologisch ausgehaltene Typen geschildert: 
die orthodoxen , Idealisten* und die nur rot angestrichenen, die kon- 
sequent , Neuen* und die nur , Haibundhalben*. Oder metaphorisch: die 
Auslese der sturmvollen Jahre 1917 — 1920 wird in die neuen Schläuche 
der Friedensproduktion gegossen und , dialektisch* filtriert. Das Pro- 
dukt ist brauchbar und wohl genießbar, auch nicht nur für rituelle Zwecke. 

Frei, offen und formvoll berührte 1925 L. Grabar ein aktuelles 
Thema — Zerlegung und Verfall gewisser Kommunisten unter dem 
Einfluß der neokapitalistischen Elemente, der sogenannten Nepleute. 

Die zahlreichen „Allerjüngsten“ sind — literarisch — noch viel zu 
jung und zahlreich, um in dieser komprimierten Uebersicht selbst ge- 
nannt zu werden. — Ob in der bunten Schar der postrevolutionären 
Schriftsteller ein neuer Tolstoi oder Dostojewski bald erscheinen wird, 
bleibt eben abzuwarten. Einstweilen, kritisch betrachtet, kann man und 
soll man wohl den neueren russischen Belletristen empfehlen in der Weise, 
wie Tschechoffs Alioscha (in den „Kindern“) plädiert: „Schlagt ihn nicht 
— er hat vielleicht kleine Kinder“. 


692 



DIE ARBEIT AM. FLIESSENDEN BAND 

Von 

FRANK ARNAU 

D as moderne Problem der Fließarbeit, der Arbeit am laufenden Band, ist, 
auf eine kurze Formel gebracht, weiter nichts als die ökonomistische Ab- 
stimmung von Leistung und Gegenleistung zwischen Fleisch und Metall, Ver- 
stand und Rederei. 

Am schärfsten ausgeprägt ist die neuzeitliche Lösung des Arbeitsproblems 
in der Automobilindustrie, wie dies z. B. in den modernsten Einrichtungen der 
Adlerwerke zu Frankfurt a. M. zur Geltung kommt. Der Kenner weiß es 
jedoch, daß die Serienfabrikation, die Fließarbeit, das laufende Band nicht 
allein bei der Automobilindustrie eine dominierende Rolle spielen — dort nur 
für die breite Oeffentlichkeit klarer zutage tretend, weil dies Fabrikations- 
gebiet im Mittelpunkt des stärksten Interesses weitester Kreise ist — , vielmehr 
spielen diese neuzeitlichen Arbeitsmethoden und Fabrikationsprobleme auch be- 
deutungsvollste Rollen bei allen anderen Produktionsstätten, genau so gut in der 
allgemeinen Maschinenfabrikation wie in der Holzbearbeitung, wo die Firma 
Heinrich Zeiß (Union-Zeiß) vorzügliche Einrichtungen schuf, die ganz außer- 
ordentliche Preissenkungen ermöglichten, oder etwa in einer dem Laien sonst 
entlegeneren Fabrikationsstätte, der Hausschuhindustrie, wo die ebenfalls in 
Frankfurt a. M. domizilierenden Firmen J. & C. A. Schneider und Adler & 
Neumann durch ihre neuzeitlichste Fabrikation im Wege der Fließarbeit der- 
zeit bereits die höchste Produktion der Hausschuhindustrie der ganzen Erde 
mit einer täglichen Leistungsfähigkeit von weit über 30 000 Paaren an sich 
gerissen haben. 


693 


Vereinfacht dargestellt: Früher mußten die Arbeiter zu dem zu bearbei- 
tenden Objekt hingehen, sie führten und begleiteten es von Arbeitsstätte zu 
Arbeitsstätte, und derselbe Monteur, der ein hederauge montierte, war mög- 
licherweise auch der Monteur der heterogensten anderen Teile. Heute steht 
der Arbeiter möglichst still, er ist auf einen engen Platz gestellt, der ausreicht, 
um jede notwendige Bewegungsfreiheit zu gewähren, andererseits aber jegliche 
überzählige und damit überflüssige Bewegung ausschließt. Das zu bearbeitende 
Objekt wird ihm zutransportiert, sei es an einem Kran hängend oder auf 
einem kleinen Wagen rollend; es besucht ihn, hält gerade so lange inne, als er 
braucht, um seine vereinfachten Griffe auszuführen — und es rollt weiter zum 
nächsten, der seinerseits nur abgezirkelt die Bewegung ausführt, die mit einem 
Mindestmaß von Kraft-, Energie- und Konzentrationsaufwand die schnellste 
und bestmöglichste Lösung seiner Tätigkeit gewährleistet. 

Es wird viel darüber gestritten, ob diese schematische Arbeitsweise, dieses 
Herunterdrücken der Individualität, der Einwirkung der Intelligenz, schlechter- 
dings der Persönlichkeit also, nicht etwa verdummend und einschläfernd wirkt. 
Ein abschließendes Urteil darüber ist nicht möglich. Die Arbeiter selbst 
kommen dem Wirken in der Fließarbeit immer näher; das Vorurteil schrumpft 
zusammen; die immer stärkere Mechanisierung und Versachlichung unseres 
gesamten Lebens läßt die allzu krassen Unterschiede verschwinden. Da in 
Wirklichkeit die Arbeit des Durchschnittsarbeiters auch früher ganz und gar 
mechanisiert war und für Intuition keine Möglichkeiten bestanden, so erscheint 
der Uebergang zum rein bewegungsmäßigen Arbeiten nur im äußeren Bild 
schroff. Tatsächlich ist in dem Griff eine Aenderung eingetreten; wohl auch 
ist dem „Meister“ ein engerer Raum gezogen; aber es zeigt sich, daß die 
eigentliche Initiative unter der Vereinfachung und Vereinheitlichung nicht 
leidet. Die großen modernen Maschinensäle zeigen heute viel Licht, viel 
Maschinen und weniger Menschen. Während früher etwa zur Verrichtung von 
zehn Arbeitsvorgängen ebensoviel und oft sogar noch mehr Maschinen nötig 
waren, besorgt heute oft eine Maschine solch eine gesamte Reihe von einzelnen 
Arbeitsvorgängen. Eine der großen Bohrmaschinen ist imstande, zwei und drei 
Dutzend ganz genau der Oertlichkeit nach präzisierte Löcher mit einer Genauig- 
keit in ein und derselben Sekunde an- und durchzubohren, die nur der Mikro- 
meter mit jener Feineinstellung zu messen vermag, die ein zehntausendstel 
Teil des Millimeter noch registriert. 

Ein moderner Automat produziert heute in der Gesamtheit der von ihm 
ausgeführten Arbeitsgänge zum Beispiel bei der Zahnradfabrikation bis zu 
hundertfünfzigmal so viel wie sein alter Kollege. Dieser alte Kollege braucht 
aber nicht älter als zehn Jahre zu sein. Während früher ein Dutzend Arbeiter 
und auch noch mehr zum vollkommen paßmäßigen Formen von Stahlblechteilen 
nötig waren, preßt heute die Zweikolbenstahlpreßmaschine mit dem ungeheuren 
Druck, wie ihn ein Eisenbahnzug mit Lastlokomotive und 64 Wagen repräsen- 
tiert, aus dem weißglühenden Metall eine Automobilhinterachsbrücke buch- 
stäblich in drei Sekunden! Die fünfte Sekunde sieht bereits das noch rötlich 
glühende Stahlpreßstiick am rollenden Transportband weiter befördert. 

Die Fließarbeit, die Fabrikation am laufenden Band, bedeutet im Grunde 


694 






Erich Kleiber und Frau Richard Tauber 



Photo Zander & Lab i sch 

Kammersänger Walter Kirchhoff mit seinem Gesangsmeister Wilh. Flam 



Die Rüpelszene des Sommernachtstraums im Heidelberger Schloßhof 

(Regie G. Hartung) 



Photos Nini & Carry ließ 

Paul Öllers und Ludwig Achaz nach einer Nachtprobe des Macbeth für die Heidel- 
berger Festspiele 




van Dongen, Avenue des Accacias. Oelgemälde 



Photo A«IU rwcrkc 

Bohrmaschine für vielfache, gleichzeitig auszufiihrende Bohrgänge 
(Rechts vorn rollendes Transportband) 



genommen nichts anderes als Rationalisierung. An Hunderten und Tausenden 
von Arbeitern werden durch ihre Festbannung an einen Ort und durch das 
Vorbeischieben des zu bearbeitenden Stückes anstatt des Aufsuchens desselben 
Hunderte und Tausende von Schrittkilometern erspart — unglaubliche Zeit- 
mengen werden aus dem unproduktiven Herumlaufen in produktives, geld- 
bringendes und geldtragendes Arbeiten verwandelt. Eine bisher ungeahnte 
Vollkommenheit und Zweckmäßigkeit in der Bewegung des Einzelnen ist 
erreicht. Eine ebenso vollkommene Placierung der Maschinen, Einstellung der 
Werksanlagen, Verkürzung der Transportwege und Zweckdienlichmachung 
aller manuellen und maschinellen Einzelvorgänge gestattet es, daß heute zur 
vollkommenen Fertigstellung eines Automobils nur ein geringer Bruchteil jener 
Effektivzahl von Arbeitern nötig ist, die noch vor einem Jahrzehnt für die im 
Endresultat vollkommen gleiche Arbeit benötigt wurden. 

Die Fließarbeit und Fabrikation am laufenden Band ist die immer weiter 
und stärker vervollkommnete Zusammenfassung menschlicher und maschineller 
Kraft, menschlicher Eingriffe und maschinellen Vollendens. Mit der geringsten 
Anstrengung die größtmögliche Leistung zu bewirken: das ist ein Arbeits- 
prinzip, das auch dem Arbeiter selbst, eben durch Verminderung der An- 
strengung und Erhöhung der durch die erhöhte Leistung bedingten besseren 
Entlohnung, in hohem Maße zugute kommt — und dessen Endergebnis, dem 
wohl alles dient, durch die rationellere Auswertung der Arbeit billigere Ver- 
kaufspreise ermöglicht. 


HELVETISCHE LITERATURSATIRE 

Von 

MAX RYCHNER 

Muse, setz dich zu mir, und hexe aus mir ein paar Verse, 

Schalkig sollen sie sein, nicht dumpf, nicht amtlich langweilig, 
Nicht voll tierischen Ernstes, obschon er uns Schweizern ja lieb ist, 
Lieb und vertraut, dieser Ernst, der treu uns durchs Leben geleitet 
Und die Gesichter uns lang in die Länge zieht und sie versauert — 
Also ich bitte: nicht so, sondern lockerer töne die Leier, 

Wenn auch das Lachen verpönt, der Aerger indessen beliebt ist. 

* 

Hast du dich prostituiert? Warum denn in unseren Gauen 
Wütet die Schreiblustseuche, ergreift die Jungen und Greise? 
Tintenbefleckt erscheint die ehemals züchtige Jungfrau, 

Und der Umgang mit dir, Muse, tut ihr nicht gut. 

Aber die Männer mit Brillen und sachte lehrhaften Gemütern, 
Siehe, sie lernten nicht viel, sie säen auch kaum und sie ernten 
Wenig, den Lilien gleich, doch unser Herrgott erhält sie. 


695 


Jeder hat ein Problem und runzelt deswegen die Stirne, 

Ist es auch ohne Belang, ist es ja dodi ein Problem. 

Oder sie stecken voll Ahnung, das wäre wohl nicht zu verargen, 
Aber damit nicht genug: sie greifen nadi Feder und Tinte, 
Krümmen sidi über den Tisdi und sdireiben und sdireiben und 
sdireiben . . . 

Sieh! wie sie sdireiben! L nd sdiwitzen! Es kugeln und kegeln die 
W Örter 

Auf das sdineeweiße Papier wie ins Grab; tot bleiben sie liegen. 
Teufe Romane entstehen wohl so; sie erzählen wie einer 
Anfangs ein Knabe war, dann ein Jüngling, und sdiließlidi ein 
Mann ward. 

Adi! die Kindheit, wie sdiwierig! wie jammervoll! oftmals ge- 
prügelt, 

Niemals verstanden, so ging’s ihm. Als Jüngling wurde er trotzig, 
Klotzig und stotzig mit eins, noch unverstandener, finster, 

Haute die Türe ins Sdiloß, das Mütterlein weinte gar oftmals, 
Denn der so sdiwierige Sohn, rauhsdialig, clodi edel im Kernholz, 
W urde sidi selber Problem . . . Das gab er audi deutlidi zu spüren. 
Nun kommt ein Mädchen. Sie ist ein Lehrerstöditerdien oder 
Eine Saaltoditer — gleichviel. Aus der biedersten Biirgersdiidit 
stammt sie. 

Herb ist sie, bockig und sdieu. Er flieht sie. Sie flieht ihn. Sie 
fliehen sidi. 

Sieht er sie, wird er gleidi grob und mault und flegelt und riipelt; 
Hartholz sdieint er zu sein, dodi weich ist die Seele wie Grießbrei. 
Sie aber merkt vorerst nidits und findet ihn fast gar absdieulidi. 
Adi, was weiß sie vom Leben! wie sduver es die Gottsudier haben! 
Jeder Tag ein Problem, das Problem: was fang ich mit mir an? 
Oder: warum ist Gott? und: wie nun soll idi ihn sudien? 

Ist nidit vorauszusehen, daß so einer frühe zum Greis wird, 
Dumpf und vertrackt und verkauzt, ohne Frisdie und lebige 
Sdiwungkraft, 

Dämmerig, selbstiiberheblidi, mißlaunig und audi nicht sehr geist- 
voll? — 

Als Liebhaber jedodi wird er erst redit kompliziert. 

Kosmisdi empfindend, ist er einem Mädchen nicht völlig gewadisen. 
Denn er nimmt es nidit hin, sondern er deutet und sinnt; 

Deutet daraufhin die Deutung, sinnt hinter sinnigem Sinn nadi, 

Bis clie Bedeutung zerrinnt, bis der Bedeutende spinnt. 

Oh, wie bereit wäre sie! Das ist ihm indessen gleidi gültig, 

Denn er denkt nur an sidi, wehleidig, unfähig zur Freude, 


696 


Streng gewillt, sich selbst und andern das Dasein zu säuern, 

Kleine Konfliktdien zu hegen und pflegen und grenzenlos Mitleid 
Mit sidi zu haben, zu knurren und murren mit sidi und dem 

Sdiicksal. 

Und so erhebt er denn stracks zur Weltanschauung die Trübsal, 
Nur in sich selber verknäult fristet er Tage und Jahr. 

Manchmal ist er besoffen (adi, schließlich, wenn man s so sdiwer 
hat . . .), 

Bubenhaft wird er sodann, rauflustig, und wirft mit dem Bierglas, 
Oder er klagt zu den Sternen und flennt einem Freund in die Weste. 
Weldi ein Brausekopf! so denken wir staunend, wir Leser, 

Welch ein Gigäntdien! Ein Herrgottsdonner! Potzhundert! Potz- 
tausend! 

Ei, ei, ei, ei! Wenn der nidit Talent hat! Auf den darf man stolz 

sein. 

Ebenso denkt auch die Sdiöne. Nadidem sie genugsam gewartet, 
Fällt* s ihr wie Schuppen vom Haar. Sie erkennt seinen tiefen 

Charakter. 

Ihm ist es endlidi gelungen, sie so in V erwirrung zu bringen, 

Daß sie nicht aus und nicht ein weiß. Auch sie wurde sidi proble- 
matisch. 

Jeder gerade Instinkt in ihr ist nun glücklich verbogen, 

Ihre Weiblidikeit hat er verplempert. Sie soll mit ihm brüten, 
Dumpf wie ein Huhn, über Dinge, nadi denen kein Hahn kräht. 
Liebe, das ist nicht so einfach, vor allem: er will sie nidit einfach, 
Menschlich soll sie nicht sein, sondern allermindestens kosmisch. 
Sterne sollen erzittern und Sonnen ins Wackeln geraten, 

Wenn sidi Herr Bünzli, viersdirötigen Schritts, doch innerlich zag- 
haft, 

Seiner Holdseligen naht. Er naht sidi. Sie sieht ihn, errötet. 
Hoffnung grünt ihr im Herzen. Ein Ja will sie allenfalls wagen. 
Er aber legt sofort los, er sei halt zerrissen, er leide 
An seiner Dualität, in ihm sei nicht alles organisch, 

Und erst die Polaritäten, sie machten ihm dauernd zu sdiaffen, 

Ob sie das nachfühlen könne, das Seelische sei dodi gar seltsam, 
Und das V erdrängen oft sdiwer, er stecke schon voller Komplexe, 
Bis an den Kragen, daher auch der Kropf, und daher die Trübsal. 
Nun wird sie gleidi falls beclenklidi . Ja, ja, das sei alles sehr 
traurig, 

Und sie weine oft stark, wenn sie sehe, wie er so tief ringe, 

Wie er ein Gottsucher sei und zu täppisch, um jemals zu finden, 
Oh, sie bedaure ihn tief! Ach, er sei halt ein Genie! 


697 


Immer schon hab sie gesagt, Herr Bünzli sei mehr als die andern, 
Aufgeknöpft seien die andern und pfiffig, aber es stecke 
Halb nidit soviel in ihnen wie in dem ringenden Bünzli, 

Dem jeder Tag ein Problem sei, vor allem er selber, 

Und sie wäre ja gern bereit, mit ihm drüber zu sinnen. 

Mit ihm zu deuten und mit ihm zu suchen; sie sei auch nidit 

glücklidi; 

Oftmals frage sie sidi geradezu: was ist das Leben r 

Diese Frage, sagt er darauf, sei ihm aus dem Herzen gesprodien, 

Ja, audi er, er habe darunter gelitten, gezweifelt, 

Ja, ja, er wolle die Frage erneut redit reiflidi erwägen; 

Er aber frage sidi stets: weshalb ist die Natur? 

Ha, das sei audi zu ergründen! Man komme damit nidit zu Rande. 
Sdiließlidi finden sie sidi, zwei Seelen und so viele Gedanken, 

Und Herr Bünzli wird bald ein gar wackerer Mann. 

Milde und mahnend wirkt er und segensreidi für die Betroffenen. 
Pflanzt seinen Kabis und Kohl und erweitert die eigene Be- 
schränktheit. 

Von der Welt will er nidits mehr wissen, und dieses gelingt ihm. 
Ihm ist am wohlsten in muffiger Luft, alle Fenster gesdilossen. 
Temperatur mittelmäßig, Geruch eine Mischung von vielem; 

Selb st genügsam und selbstgeredit, in den Händen das Tagblatt, 
Fühlt er sidi an dem Nabel der Welt und verblödet in Züchten. 
Soldie Lebensläufdien: wie fleißig hat man sie besdirieben, 

Und ich bin überzeugt, nodi langehin wird es betrieben, 

Denn der Sdiollenroman erfreut sich bereditigter Schätzung, 

Nidit bei clen Lesern, das nidit, um so mehr bei ihren Verfassern. 
Hundert mögen es sein, wie die Schlangenköpfe der Hydra, 

Und gar manchem wiinsdite man hundert Köpfe statt einen, 

Aber nur eine Hand zum Schreiben, und diese mit Sdireibkrampf . 
Krampfhaft sdireiben ja viele, mit hundert Händen, so scheint es. 
Doch was sidi daraus ergibt, hält einem Kopfe nicht stand. 

Andere wenden sich flugs ans Herz des trefflidien Lesers, 

Und in Strophe und Reim besingen sie Leiden und Freuden. 
Manche haben das Wort „Gott“ immer im Mund, in der Feder, 

Und sie verwenden es gern, häufig und hemmungslos flink. 
Freundlich laden sie uns zur Teilnahme an dem Privaten, 

Wessen ihr Busen geschwellt, wessen der Kamm ihnen schwillt. 
Gütige Pantheisten ergreifen, ergreifen die Leier. 

Anthroposophen versammeln im Zirkus den Leu und den Adler, 
Stiere und Lamm obendrein, vereint vor dem Steinersdien Schatten, 
Fehlt nur cler Pegasus, doch dieser hält weislidi sidi ferne. 


69 8 


Diese Dichtung , sie gibt statt Brot uns Steinerne Bissen, 

Für den Astralleib bestimmt, schmecken sie seifig und lind. 
Lassen mir das. Es gibt noch andere, gibt ja noch viele, 

Männer und Frauen, ein gemischter Chor, dirigiert von Apollo. 
Zartes W esen und feine Stimmung mebt mandimal vernehmlich, 
Wehe Klagen zumal und sittlich-rüstiges Walten, 
Selbstbesdieidung wohl audi und Selbstüberhebung zumeilen, — 
Wie es im Leben so geht, mie es in Versen so steht. 

Anmut ist bei solchem Bemühen nidit stets das Ergebnis, 

Tut aber nidits, dafür ist’s tief, mitunter gar kosmisch. 

Mitleid mit armen alten Frauen kommt oftmals zum Durdibruch, 
Fällt einem sonst nidits mehr ein, fühlt er noch tief sozial. 

Epen merden gekleistert, und Versfüße trampeln in Heeren, 

Aber dein Meister Apoll hält sie sich fern vom Olymp . . . 

Muse, verhülle dein Antlitz. Der Schabernack geht nun zu Ende. 
Bleib mir gemogen, du meißt, selten besdimöre ich clidi. 

Zeige dich strenger fortan, besuchst du helvetisdie Gaue, 

Bleibe den menigen treu, die deine Dienste erfüllen. 

Siehe, die W ürdigen merden es dir nadi Kräften vergelten. 

Sende die Scharen der kleinen Schmätzer unter die Obhut 
Deiner ältesten Tante. Sie hüte die Dilettanten 
Treu mit Brille und Strickstrumpf und lasse sie niemals entmischen. 
Heerde und Hüterin mögen in trautem Vereine verkinden . . . 



Ottmiiar Starke 



70 Vol. 7 



AUKTIONSERGEBNISSE 


LONDONER VERSTEIGERUNGEN 

Viscountess Har court bei Christie am 22. Juni 
Porzellan 

Ein Meißner Teeservice m. Land- 
schaften bemalt, Küsten- und 
Schiffahrtsszenen, 'aus 39 Stük- 
ken bestehend (Rosenau) . . 215,5 £ 

Eine Fuldaer Gruppe: Drei Fi- 
guren von kostümierten Kin- 
dern unter einem Baum. 10 Zoll 
hoch (W. Carpenter) .... 441, — ,, 

DER NACHLASS DER KAISERIN 
EUGENIE 

CJiristie f I. Juli 

W. Bouguereau 1863: Madonna 

und Kind mit dem Kinde Jo- 
hannes 54X42% Zoll (Sampson) 325,10 £ 
Vigee Le Brun: Portrait der Kö- 
nigin Karolina von Neapel. 

32%x25 Zoll (Leggatt) . . . 210, — ,, 
A. Calame 1855: Der Vierwald- 
stätter See. Aus dem Tuillerien- 


Palast. (Skilleter) 399, — ,, 

A. Canalletto: Zwei Ansichten 

von Venedig. 17X23% Zoll 

(Sampson) 567, — ,, 

Jan van der Capelle: Küstenland- 
schaft mit Booten. Aus dem 
Tuillerien-Palast. 18% X 23 Zoll 

(Colnaghi) 819,— „ 

J. B. Greuze: Porträt eines Kna- 
ben, vielleicht des Dauphin 
Oval 21X17 Zoll (Swaine) . . 651,— „ 
Francesco Guardi: Zwei Bilder 

von Inseln bei Venedig. 11X 


15% Zoll (Spink) 1050, — ,. 

Sir Thomas Lawrence: Porträt 

einer Dame in weißem Musse- 
lin-Kleid, unt. Bäumen sitzend. 

55x43 Zoll (Westmore) . . . 997,10 ,, 

Aus dem Besitz des Prinzen Victor Napoleon 
Acht Queen Anne-Walnußstühle 
und ein Lehnstuhl, gepolstert 

(Permain) 4200,— £ 

Ein Chippendale - Mahagonilehn- 
stuhl (F. Partridge) .... 325,10 £ 
Eine William III. Marqueterie- 
Truhe, aus d. Mulliner-Kollek- 
tion 1924. (Pawsev & Payne) . 609,— ,, 


Zwölf Beauvais-Tapisserie-Fau- 
teuils m. vergoldet. Louis XV.- 
Eolzwerk (E. Jones) .... 2205, — £ 
Eine Chippendale-Mahagoni-Kom- 
mode, 46 Zoll breit (M. Harris) 735,— ,, 

PARIS 

Sammlung Mme. PoUs, 22., 23. und 24 . Juni, 
Galerie Georges Petit 

Stiche des J8. Jahrh. 
de Ducourt Zwei Pendants: 

Adieu am Morgen, Der zer- 
brochene Krug. 2. Zustand 

(38X29) 160 000 Frs. 

Janinet, Schweres Geständnis, 
nach Lavreince. 1. Zustand. 

Die Indiskretion, nach La- 
vreince. 1. Zustand . . . 150 000 ,, 

Aquarelle, Zeichnungen , Gouaches und Pastelle 

Borei. Psyche und Kupido, 

Folge von Aquarellen für 
das Gedicht von La Fon- 
taine 1671 260 000 Frs. 

Ch. Coypel, Bildnis v des Künst- 
lers (98X80) Pastell . . . 178 000 ,, 

Alte Bilder 

Boucher, Die Mühle, Der Fisch- 
fang (46X66) 450000 Frs. 

Fragonard, Junges Mädchen 

(39X30) 200 000 

Hoppner, Angebl. Porträt der 
Lady Fitz Herber (75X63) . 192 000 ,, 
Mme Labille-Guiard, Bildnis 
d. Comtesse de Selve (91X71) 510 000 „ 
Lancret, Opernszene .... 205 000 
Th. Lawrence, Angebl. Porträt 
der Miß Fitz Gerald (76x62) 800 000 ,, 
Mme. Vigee - Le Brun, Bildnis 
der Marguerite Bandard de 
St. James, Marquise von 
Puysegin (104X75) .... 350 C00 ,, 

Miniaturen 

Hall. Frauenporträt .... 86 000 Frs. 
,, Männerporträt (12X10) . 74 000 ,, 

Vitrinenobjekte 

Goldene Dose, graviert, mit 
Gouaches von Van Blaren- 
berghe geschmückt . . . 110 000 Frs. 

Gold. Dose, farbig. Louis XV. 61500 ,, 


700 


Porzellane 

Garnitur v. drei alten Sevres- 
Vasen mit Deckel .... 68 000 Frs. 
Zwei Leuchter, Alt-Meißen . 35 000 „ 
Zwei Vasen, Alt-Meißen (H. 37) 86 000 ,, 
Zwei alte Seladon-Vasen, China 

(H. 36) 127 000 „ 

Zwei Achat-Schalen, auf Bronze 
montiert, Gouthiere zugeschr. 

Ende Louis XVI. (H. 27, 34) 140 000 „ 
Zwei Medici-Vasen, Gouthiere 
zugeschr. (H. 24) .... 142 000 „ 

Salon-Mobiliar 

Sechs große Fauteuils mit 
Beauvais Tapisserie . . . 375 000 Frs. 
Vier Fauteuils, G. Jacob, ge- 
stickt, mit Beauvais-Tapisse- 

rie L. XVI 220 000 „ 

Kanapee u. acht Fauteuils, Ta- 
pisserie Aubusson. L. XVI. . 175 000 „ 


Möbel 


Entre-deux-Möbel, 

M. 

Carlin 

gest 


. . .390 000 Frs, 

Damen-Lesetiscli , 

gest. 

R. V. 

L. C 


. . . 350 000 „ 

Große Kommode, 

gest. 

J. F. 

Dubut. L. XV. 

. . 

. . . 200 000 „ 

Damenschreibtisch 

mit 

einge- 


legten Blumen. Louis XV. 

R. V. L. C. zugeschr. . . 706 000 ,, 

Schreibtisch. J. H. Riesener, 

gest. Louis XVI 155 000 „ 

Schreibtisch mit Schubfächern 
auf 8 Füßen. David Roent- 

gen sig 290 000 ,, 

Große Konsole, J. H. Riesener 
ge z. Louis XVI. ..... 165 000 ,, 


Tapisserien, Teppiche 
Beauvais Tapisserie nach F. 

Boucher (310X450 cm) . . . 975 000 Frs. 
Teppich de la Savonnerie, 
schwarzer Grund (263X252) 450 000 ,, 

* 

Am 16. u. iy. Juni wurde in der Galerie Georges 
Petit die Sammlung Zoubaloff versteigert . 

Aquarelle, Pastelle, Zeichnungen usw. 
Guys, In der Oper. Aquar. 

(17X28 cm) 6 200 Frs. 

Guys, Dame mit Muff. Aquar. 

(27X26 cm) 8 100 ,, 


Guys, Dame d. zweiten Kaiser- 
reiches. Aquar. (27X18) 5 300 Frs. 

„ Auf d. Hofball. Aquar. 

(18X16 cm) 10 200 „ 

Jongkind, Schiffe, den Hafen 
verlassend. Aquar. (14x30) 7 500 „ 

Picasso, Badende. Zeichnung 

(73X103 cm) ... . 19500 „ 

,, Badende. Zeichnung 

(73X100 cm) ... . 17500 „ 
Redon, Blumen. Pastelle (70 

X92 cm) 27 200 „ 

Renoir, Badende (23X35 cm) . 8 000 „ 

„ Mutter u. Kind (61X46) 10 400 „ 

,, Studie zu einer Ver- 

suchung des hl. Anto- 


nius (32X55 cm) . . 7 000 „ 

Moderne Bilder 

Cezanne, Venus und Amor 

(21X22 cm) 86 000 Frs. 

— Badende (51X61 cm) . . . 475 000 ,, 

Dufy, Strand von Trouville 

(54X65 cm) 8100 ,, 

Degas, Tanzstunde (46X61 cm) 41 000 ,, 
Laurencin, Spazierritt (73X92) 32 000 ,, 

Leger, Stilleben (54X65 cm) . 6 000 ,, 

Matisse, Strand von Etretat 

(40X47 cm) 43 000 „ 

Monticelli, Besuch im Schloß 

(47X67 cm) 14 600 „ 

CI. Monet, Blumen in einer 
Vase (100X82 cm) ... . 280000 „ 
Renoir, Junge Frau (32X24) 130 000 ,, 


— Schlafende Odaliske (50X53) 100 000 ,, 

— Bougival (55X41 cm) . . . 238 000 ,, 

— Madame Henriot (41X33 cm) 240 000 „ 

— Kind mit Kasperl (35X27) 249 000 „ 

Skulptureji von verschiedenen Künstlern 

Carpeaux, Erste Skizze des 
Giebels am Stadthaus von 
Valenciennes. Terrakotta 

27x33 cm) 9 000 Frs. 

Maillol, Der Schmerz. Wachs 
(17X13 cm) 14 500 „ 

— Ruhende Nymphe. Terra- 
kotta (15X19 cm) .... 12500 „ 

— Junge Frau. Terrakotta 

(42X13 cm) 22100 „ 

— Nymphe. Gips (67X15 cm) . 25 000 ,, 
Rodin, Ewiges Idol. Bronze 

(17X13 cm) ....... 51100 „ 

— Junges Mädchen m. Schlange 

Bronze (38X17 cm) ... . 35250 „ 


7 oi 


BÜCHER - QUERSCHNITT 

FRIEDRICH E 1 S E N LO H R , Das gläserne Netz. Hören-Verlag, Berlin. 
Vorspruch! Wir wenigen, die im Weltkrieg anderes, als Mitmenschen morden, 
als zu plündern, sengen, brandzuschatzen, zu vergewaltigen taten, die wir durch 
glücklichen Zufall hinter den Fronten praktische Nächstenliebe in jeder Form 
treiben, Folgen des Irrsinns rasend gewordener Kommandierender nach Kräften 
mildern durften, Reste der billig gewordenen Menschenwürde auf Flaschen zogen, 
bewundern in Friedrich Eisenlohrs strikt gültigem Roman aus Europas „größter 
Zeit“ des Dichters bewußt über den kunterbunten Ivulturereignissen steilstehenden 
Ekel. Während die mechanisierten Europäerhorden sich im Konkurrenzkampf 
gegenseitig auszurotten suchten, was durch technische Unbeholfenheit, die in- 
zwischen glänzend abgestellt ist, erst teilweise gelang, hatte Eisenlohr schon das 
hellere Bewußtsein, Krieg und sein Schelerscher „Genius“ sei das Resultat des 
fortzeugenden Systems riesiger Mechanismen, die einzig zur \ernullung des Men- 
schen, zur Anbetung des in Grund und Boden verblödeten Maschinenwärters, des 
vertierten Rekordschaffers führen müßten. Für die winzig kleine Gruppe der auf 
dem Erdball bei einigem Verstand Gebliebenen ist „Das gläserne Netz“ geistiges 
Geländer gegen Fall in das Latrinental der Vielzuvielen, das ich nicht laut genug 
empfehlen kann. Uttwil, am i. Juli 1927* Carl Sternheim. 

HARRY GRAF KESSLER hat auf der Cranach-Presse in Weimar des 
Vergilius Eclogen und Georgica drucken lassen in der Ursprache und in der 
Verdeutschung von Rudolf Alexander Schröder, mit Holzschnitten von Aristide 
Maillol. Das Buch war vor dem Kriege begonnen und ist erst jetzt beendet 
worden und im Inselverlag erschienen. — Es ist das schönste Buch, das seit der 
„Daphnis und Chloe“ von Bonnard (bei Vollard) erschienen ist. 

Der Querschnitt ist so glücklich, von den Holzschnitten Maillols den einen oder 
anderen reproduzieren zu dürfen. Maillol zeigt hier, daß er, der größte Bildhauer 
unserer Zeit, auch einer ihrer vorzüglichsten Zeichner ist. A. F. 


WA L D E M A R GEORGE, Picasso, Zeichnungen. Paris Edition Quatre 
Chemins. 

Ein wundervolles Buch, das den größten Maler unserer Zeit als Zeichner doku- 
mentiert. Ausgezeichnete Abbildungen mit meist unbekannten Blättern. — Die 
Galerie Flechtheim veranstaltet im Herbst d. Js. mit Unterstützung der Galerien 
Simon und Rosenberg in Paris eine Ausstellung von Zeichnungen, Gouachen usw. 
Picassos, zu der auch aus den Sammlungen Reber (Lugano), Frau Huldschinski 
(Bad Kreuth), Suermondt (Düsseldorf) usw. beigesteuert wird. Diese Ausstellung 
wird auch Deutschland die ungeheure Bedeutung dieses großen Malers einhäm- 
mern. Der Querschnitt wird aus dem Picasso-Buche Zeichnungen reproduzieren. 

s. z. 


Künstler-Monographien im Ausland! 


MARCEL RAY, George Grosz, Cres & Cie, Paris. Soeben erschien in dem aus- 
gezeichneten Pariser Kunstverlag G. Cres & Cie., der von Salmon eine Rousseau-, 
von Cousturier eine Seurat-Monographie herausgab, von Marcel Ray eine Mono- 
graphie über George Grosz. Diese ist die erste wirklich vollständige Monographie 
über einen deutschen Künstler, die im Ausland erschienen ist. Der Text von Ray 
liest sich wie ein Roman. Voran setzt er Goethes Worte aus dem Geisterchor: 
„Weh, weh“. Das Buch enthält 30 Abbildungen nach Oelgemälden, Aquarellen und 
Zeichnungen und ist ein Beweis für die Wertschätzung dieses deutschen Künstlers 
in Paris. 


702 



Aus \. bculner, K imstgcsdiielite des Möbels 

I'ranzttsischcT Dressoir. Anfang d. 16. Jahrh. Paris, Muscc dt* Cluny 





Spätrenaissancebett aus Amberg. Sog. Bett der Herzogin Susanna, Gemahlin von 

Ottheinrich. München, Nationalmuseum 





Aus A. bculner, Kunstgeschichte des Möbels 

Sekretär mit Einlagen von Sevrcs-Porzellan. Gefertigt von A. Weisvveiler für 
Marie Antoinette. London, Wallace Collection 




Aus A. Fculncr, Kunstgeschichte Möbels 


Ankleidezimmer des Königs Max I. in Nymphenburg. Aquarell von Fr. Ziebland (i8-»o) 

München, Wittelsbacher Bibliothek 




In der Serie der „Arte moderna italiana“, die ein wenig an die Biermannsche „Junge 
Kunst“ erinnert, und in der eine Monographie über Modigliani erschienen ist. 
erscheint jetzt eine solche über Ernesto de Fiori, die Giovanni Scheiwiller schreibt. 
Diese Monographie enthält 20 Abbildungen, Biographie und einen Oeuvre-Katalog 
und erscheint in einer Auflage von 1000 Exemplaren. S. Z. 

ALFRED KUHN, Der Bildhauer Hermann Haller. Orell Füßli, Verlag, Zürich. 
Alfred Kuhn hat sich die moderne Plastik zur Spezialität gemacht, nach einer 
schönen Monographie über diese, einem Buch über Maillol, das schöner ist als das 
des Maurice Denis, jetzt dieses außerordentlich fein illustrierte Buch über den 
einzigen Schweizer Künstler. Er teilt das Buch in- ein Vorwort, eine Lebens- 
beschreibung und einen Dialog mit dem Bildhauer. Das Wichtige an dem Buch 
ist, daß der Text nicht zu lang und nicht zu kunstphilosophisch geraten ist, sondern 
kurz und bündig das Wesentliche sagt. S. Z. 

BERT BRECHT, Die Hauspostille. Propyläen-Verlag, Berlin. 

Lesen Sie: Viele Leute haben es ihm angetan, besonders solche wie Francois 
Villon und Arthur Rimbaud, aber es bleibt bei allem sehr viel Bert Brecht. Da, 
wo er von seinen großen Vorbildern am freiesten ist, ist er am besten, von einer 
höchst unwirklichen, surrealistischen Nüchternheit. So bringt er das Kunststück 
fertig, ein großer Balladendichter und gleichzeitig modern zu sein. H. v. IV. 

ERY H. GULDEN , Kreislauf der Liehe. Roman in zwei Episoden. Rudolf 
Kaemmerer, Verlag. Berlin. 

Zweierlei ist in diesem Erstlingswerk bemerkenswert: Einmal die Kunst der Ver- 
fasserin, in drei Episoden verschiedener gesellschaftlicher Verknüpfung uns mit 
einem sympathischen untrivialen Herrn unserer Tage vertraut zu machen, in 
proletarisiertem und mondänem Lebenskreis und am besten in jener verkoxten, 
schwulen Atmosphäre rauschgiftsüchtiger, halbkrimineller Homosexuellen, die ich 
nirgends so gut geschildert fand wie hier. Und das zweite, was so gefällt, ist. 
daß dies so sehr begabte Buch interessant und unterhaltend bleibt, ohne das sonst 
in neuerer Literatur häufige heimliche Wasserzeichen auf jeder Seite: Seht, was 
ich, der Schriftsteller, alles kann und weiß. — Wer dies Buch gelesen hat, wird 
auf jedes neue Werk von Frau Gulden gespannt sein. A. B. 

Geist und Gesellschaft. KURT B R E Y S I G zu seinem 60. Geburtstag. I. Band 
Geschichtsphilosophie und Soziologie. Breslau, M. & H. Marcus. 1927. 

Diese Festschrift enthält einige wertvolle Beiträge. Driesch behandelt das Thema: 
„Theoretische Möglichkeiten der Geschichtsphilosophie und ihre Erfüllung“, be- 
sonders interessant durch seine eigene eingestandene Meinung, heute alles Evolu- 
tionale aus der eigentlichen Geschichte als solcher zu entfernen und ihren Lauf 
kumulativ, also psychologisch verständlich erklärbar zu fassen. — Sombart gibt 
ein Kapitel „Die Bedarfsgestaltung im Zeitalter des Hochkapitalismus“ mit sonder- 
baren Werturteilen wie z. B. über den Wert der Zeit: „Goethe hatte Zeit, drei 
Stunden bei Tisch zu sitzen, der Clerk in New York nicht, weil er Besseres zu 
tun hat als Goethe.“ — Eduard Wechssler bemüht sich: „Die Generation als 
Jugendgemeinschaft“ in einer, zum Allgemeinproblem der Gemeinschaft überhaupt 
und zum Verständnis heutiger geistig wirkender Quellpunkte sehr bemerkens- 
werten Abhandlung zu erfassen. A. B. 

HANS NATONEK, Schminke und Alltag, bunte Prosa. F. Krick, Verlag, 
Leipzig. 

Eine Menge gedrängter Skizzen, die jede in ehrlicher, aber auch gütiger Sachlich- 
keit einen Charakter und damit ein Leben zeichnen. Ein wenig windstill, ein 
wenig zeitlos, aber dafür voller Einsicht und beruhigtem Humor. B. Sch. 


703 


DR. TH. H. VAN DE VELDE, „Die vollkommene Ehe“. Eine Studie 
über ihre Physiologie und Technik. Benno Konegen, Medizinischer Verlag, 
Leipzig-Stuttgart. 

„Die Ehe ist eine Wissenschaft.“ Von diesem Fundamentalsatz Balzacs aus- 
gehend, fordert der Verfasser eingehendes Ehestudium, das ihm heute besonders 
dringlich erscheint, weil die wirtschaftlichen und seelischen Nöte der Nachkriegs- 
zeit jugendliche und junge Generationen a priori zur gefürchteten „Ehezerrüttung* 
drängen. Auch die tragische „Frigidität“, die laut ärztlicher Statistik einen ver- 
blüffend hohen Prozentsatz aufweist, glaubt er durch Belehrung bessern zu können. 
Merkwürdigerweise gibt Dr. v. d. V. die Hauptschuld am Ehe-I' rigidarium dem 
Mann, wie denn überhaupt dieser in dem gewichtigen Wälzer recht schlecht weg- 
kommt: Rücksicht, Altruismus, Verständnis und kontinuierlich „befriedigende“ 
Leistungen zu üben, versteht sich für den Hochehe-Gatten von selbst! Seme 
Partnerin hingegen erhält jederzeit mildernde Umstände zugebilligt. Das so 
eminent wichtige, ja für Dasein und Arbeit des geistigen — oder gar schöpfe- 
rischen — Mannes ausschlaggebende Verständnis der Frau, ihre Anteilnahme und 
Rücksicht, ihre tägliche (und nächtliche) Verantwortung bleiben unerwähnt. 
Keine Hochehe ohne „vaginale Disziplin“ (wir vermissen diesbezügliche Hin- 
weise), sie ist genau so notwendig wie der Rcinlichkeitskodex. Der Abschnitt 
über Gehörsinn und erotisierende Wirkung der Musik muß angefochten werden. 
Unmöglich, daß in einem ernstgemeinten Werk über das Thema aller Themen 

noch immer „Tristan und Isolde“ als Liebesgipfel statuiert wird 

Sehr vernünftig des Verfassers Gebot, Hochehe mittels virtuoser Variabilität des 
Genusses zu stabilisieren. Jedoch: Meisterung technischer und anderer Probleme 
ist ohne Talent nicht denkbar. Wahrhaft Talentierte, geborene Liebeskiinstler 
also, benötigen nicht papierene Vorschriften und noch weniger die Fülle von 
literarischen Zitaten, welche der fleißige Kompilator anhäuft, um seine Thesen 
zu bekräftigen. Laien — und solchen ist das Buch gewidmet — werden dadurch 
nur verwirrt. Dr. v. d. V. sollte einen konzentrierten medizinischen Leitfaden 
für „Begabte“ schreiben! 

Die hohe Auflage dieses Bandes ist wohl in erster Linie auf die eingehenden 
Positions-Schilderungen zurückzuführen ... L. Th. 

BENNO VIGNY, „Amy Jolly“, die Frau aus Marakesch. Weltbücher-Verlag, 
Berlin-Friedenau. 

Ein Kolonialroman, aus dessen Milieudarstellungen sehr gründliche Kenntnis der 
Abenteurer spricht, die für solche Gebiete charakteristisch sind. Auch daß den 
Menschen und Dingen ihre eigenen Namen und Bezeichnungen gelassen sind, 
erhöht die Echtheit des Buches und damit seinen Reiz. Doch die Menschen sind 
in ein zu grelles Licht gerückt, es gibt zu viele Superlative der Charakteristik, der 
die Haltung nicht entspricht. Aber vielleicht wollte der Autor und Held (?) des 
Romans nicht ganz mit der Wahrheit heraus. Das ist der Fehler des Buches. 

B. Sch. 

ALB.A, Das Beinbuch (Ein Wade-mecum). F. Krich, Verlag, Leipzig. 

Hätte der Autor es über sich gebracht, etwas weniger Witze zu machen, so wäre 
dies ein witziges Buch ; die vielen, recht bezeichnenden Anekdoten allein hätten es 
dazu gemacht. Auch die Vielseitigkeit der Behandlung des Gegenstandes ist reiz- 
voll. Aber ein arbiter elegantiarum sollte sich doch hüten, kostbaren Stoff durch 
so billige Applikation zu beleidigen. B. Sch. 

FRITZ BON DY , Die schönste Frau. Rembrandt-Verlag, Berlin-Zehlendorf. 
Nach ästethischen Gesichtspunkten im allgemeinen und einer Kombination aus 


704 


den Venusgestalten der größten Künstler aller Zeiten werden die Maße und 
Formen fixiert, denen das Ideal entsprechen muß. Es wird von Berufenen in 
allen Erdteilen gesucht, die fast sämtlich an Teilschönheiten ihre eigenes Ideal 
finden und der Aufgabe verloren gehen, bis das Ideal endlich dicht am Ausgangs- 
punkt der Expedition gefunden wird, aber nun seinerseits so viel unsachliche 
Leidenschaft entfesselt, daß es sich in ein bürgerliches Schicksal und Verborgen- 
heit retten muß, um sein Persönlichstes zu wahren. Ueberlegener Humor und 
Echtheit im Sinne des Zeitgeistes machen die Novelle zur amüsanten Lektüre. 

B. Sch. 

Illustrierte Geschichte der Russischen Revolution in ca. 20 Lieferungen, davon 5 er- 
schienen. Mitarbeiter: Bucharin, Juroslawski, Krupskaja, Lenin, Lunatscharski, 
Rykow, Stalin, Trotzki usw. mit 200 Originalphotos, Kunstbeilagen und wichtigen 
historischen Dokumenten. Neuer Deutscher Verlag, Berlin. 

Die sehr detaillierte, dabei aber knappe Darstellung aller wichtigen Ereignisse 
schafft hier ein außerordentlich interessantes Dokument der Geschichte. B. Sch. 

REUTER, Brachliegende Arbeitskraft. Verlag von L. Schwann, Düsseldorf. 
Unter diesem Titel, des Problems der Rücküberführung Erwerbsloser in eine 
rationierte Wirtschaft, hat im Aufträge der Stadtverordnetenversammlung der 
Stadt Düsseldorf der Beigeordnete Reuter eine sehr wichtige, gut illustrierte 
Broschüre veröffentlicht. A. F. 

POMMERN. Aufgenommen von der Staatlichen Bildstelle, eingeleitet von 
Martin Wehrmann, beschrieben von F. Adler, C. Friedrich und O. Schmitt. 
(Deutsche Lande, deutsche Kunst, herausgegeben von Burkhard Meier, 
Deutscher Kunstverlag, Berlin. 1927.) 

Du mein verschlafenes Pommerland, es hilft dir nichts, du bist jetzt ent- 
deckt. Zwar lagst du immer ,,vor den Toren“ der Reichshauptstadt, zwar waren 
deine Gänse und deine Kartoffeln ebenso berühmt, wie deine Bäder am Ostsee- 
strand von Zingst bis Leba besucht, aber mit deiner Kunst und deiner Kultur 
haperte es gehörig. Du warst nur „Land“ und weiter nichts. Daß einstmals 
auch in deine Wenden-Dörfer die Mönchsorden mit ihren Kirchen und Klöstern 
vordrangen, daß auch in deinen Küstenstädten die Hansa ihre selbstbewußten 
Bürgerbauten erstehen ließ, das erfahren wir erst heute. Der Deutsche Kunst- 
verlag hat die Photographen der Bildstelle als Pioniere hinausgeschickt, und 
von ihrer Ausbeute gibt der Pommernband einen Rechenschaftsbericht. Stral- 
sund (das pommersche Lübeck), Grimmen, Greifswald, Wolgast, Bergen auf 
Rügen (mit einer entzückenden kleinen Klosterkirche), Pasewalk, Kammin, 
Stargard, Kolberg, was hinter diesen und vielen anderen Namen Sehenswertes 
sich verbirgt, wir erfahren es in diesen Bildern. Manches Schöne und Be- 
achtenswerte, das glücklichere Provinzen längst in Kunstgeschichten verwertet 
sahen, manches Vergessene und Uebersehene, das reizvoll genug wäre, von 
Kunstfahrern bestaunt zu werden, ist hier zusammengetragen. Du bist nicht 
reich an Schätzen, du hast lange abseits gestanden, du gutes Pommernland, 
und deine rundschädeligen Dickköpfe werden weiterhin Rüben bauen und sich 
reaktionär gegen jeden Fortschritt sträuben und sperren, aber du kannst es 
nun nicht mehr hindern, daß du von der allgemeinen Kunstgeschichte aus 
deinem Dornröschenschlaf geweckt bist. C. F. R. 


705 


AUS DEM PROPYLÄEN -VERLAG 

I m Propyläen- Verlag sind zwei neue Bände aus dem Gebiet der Kunstliteratur 
erschienen, die eine willkommene Ergänzung zu der großen Propvläen- 
Kunstgeschichte darstellen. Gustav Adolf Platz behandelt in einem umfang- 
reichen Band von 600 Seiten die Baukunst der neuesten Zeit, das ist die 
Architektur der letzten drei Jahrzehnte. Das Buch ist historisch und syste- 
matisch zugleich. Der Text gibt einen geschichtlichen Ueberblick über die 
Entwicklung der neuen Bewegung in der Baukunst und behandelt dann die 
Elemente der Stilbildung und die Gesetze der architektonischen Komposition. 
Ein kritisch besonnener Architekt zeigt mit sicherer Hand, welche Absichten 
und Ziele die junge Generation bewegen und welche Leistungen und Taten sie 
aufzuweisen hat. Auf breiter Basis und ohne jede hemmende Einseitigkeit ver- 
folgen wir die Entwicklung von Olbrich, Messel, van de Velde über Theodor 
Fischer, Jos. Hofmann, Behrens, Kreis, Bonatz, Elsässer, Schumacher zu 
Poelzig, Mendelsohn, Tessenow, Kaufmann, Hoeger, Taut, Gropius usw. Weit 
über 100 Architekten mit ihren Schöpfungen sind in den 54 ° Abbildungen ver- 
treten. Geschäftshäuser, Fabriken, Verwaltungsgebäude, Ausstellungsbauten, 
Museen, Theater, Schulen, Kirchen, Wohnhäuser, Villen, Landhäuser, Sied- 
lungen, Innenräume, Brücken, Hallen, Bahnhöfe, Stadtanlagen usw. geben ein 
umfassendes Bild der Gesamtarchitektur unserer Zeit, bei der auch die In- 
genieurkunst und der Städtebau nicht zu kurz kommen. 

Das zweite, nicht minder bedeutsame Werk, dessen Fertigstellung wir an- 
zeigen können, ist eine Kunstgeschichte des Möbels seit dem Altertum von 
Adolf Feulner, dem Direktor des Münchener Residenzmuseums. Auch dieses 
Buch ist sehr reich illustriert. 500 Abbildungen zeigen die wichtigsten und 
schönsten Beispiele der verschiedenen Möbelgattungen in den einzelnen Ländern 
Europas. Seinen besonderen Wert und seine eigene Note erhält das Buch durch 
seinen umfangreichen und ausführlichen Text. Die Fragen des Stils und da- 
mit der Datierung der erhaltenen Stücke, die Fragen der Künstlerpersönlich- 
keiten und ihrer Arbeiten und damit der Zuschreibung bedeutender Schöpfungen 
an namhafte Kunsthandwerker sind ebensosehr Thema des Buches, wie die 
großen Zusammenhänge dieses Teilgebiets des Kunstgewerbes mit der allge- 
meinen Kunstgeschichte und die Gestaltung und Entwicklung der Formen der 
Möbel im Laufe der Jahrhunderte. Da eine zusammenfassende moderne Ge- 
schichte des Möbels nicht existiert, so wird dieses Handbuch der Möbelkunde 
für alle unentbehrlich sein, die sich aus Neigung oder Beruf mit diesem viel- 
gestaltigen Gebiet beschäftigen. 

Außer diesen beiden gewichtigen Bänden erschien im Propyläen-Verlag die 
dreiaktige Gerichtskomödie von Sling „Der dreimal tote Peter“. Es ist ein 
lustiges, sehr wirksames Theaterstück voll von subtilen Einfällen und simplen 
Späßen, nicht ohne tiefere Bedeutung amüsant. Eine Episode des alten Pitaval 
gibt den Durchschuß für ein buntfädiges Gewebe von Advokatenschlauheit und 
Familienschacher, bestechlicher Justiz und unbestechlicher Liebe. Dieser Peter 
Mege, der sich begraben läßt, eine Erbschaft macht, und vor den Lasten der 
Bürgerlichkeit durchbrennt, ist ein Kerl, der Eindruck macht. 

706 



MARGINALIEN 

Pariser Weekend. 

Von Rudolf Grossmann. 

Tropenhitze, totale Windstille macht sie noch unerträglicher, einzige 
Möglichkeit, sich Luft zu fächeln: Taxie! und Rasen! Nach Clamart! Schnur- 
gerade geht’s durchs Quartier Vaugirard zur Porte de Versailles. 

Jedes Quartier fügt sich mit eigenem Gesicht zum Zentrum. Es führt 
provinzmäßig sein Leben für sich im Unterrock. Es bleibt, wie es immer 
gewesen ist, verstaubt und alt und wird nie Spekulationsterrain. Langsam 
steigt von der Porte de Versailles die Route de Clamart mit links und rechts 
silbergrauen Gärten — Paris beginnt langsamer zu atmen. 

Hier steht die Villa von Henri Matisse, grün beschattet. Seine Anhänger 
— er hat mehr Schule gemacht als Picasso — beziehen von diesem leuchtend 
farbfrohen Scarabäus künstlerischen Bedarf fürs ganze Leben. Seine Bilder 
sind von überlegendem, geschmacklich raffiniertem und doch wieder von ganz 
spontan anregendem Vortrag. Die Farbe äußerst differenziert, sensibel über die 
Leinwand zitternd. Bei seinem Nachahmer wird sie oft zum wahren Farbjodler. 

Der Meister erscheint atmosphärisch helläugig, mit starker fleischiger Nase, 
mit geblähten, ein wenig schon gesackten Wangen, — man denkt an Orlik — . 
Doch hat trotz äußerem, fast deutschprofessoralem Anblick der Kopf bei 
näherer Betrachtung ein abgeklärt ruhiges, lateinisches Gefüge, in sich selbst 
ruhend, ohne hastige deutsche Ausdrucksfurchen. Im Garten ein rechteckiger, 


707 


Zu Haustrinkkuren 


I NahlrbcHcs -HtörxoHösaa 

•^— — • 

Dieser in rein natürlichem Zustande 
abgefüllte Mineralbrunnen ist ein 
anerkanntes 

Heilwasser 

von größter Bedeutung 

und findet erfolgr. Anwendung bei 

Gicht, Rheumatismus, 
Zucker-, Nieren-, Bla- 
sen-, Harnleiden(Harn- 
säure), Arterienverkal- 
kung , Magenleiden , 
Frauenleiden usw. 

Man befrage den Hausarzt! 

Dieser Naturbrunnen von größtem 
Wohlgeschmack, dessen Heilkraft 
vonTausenden aller Stände u. Berufe 
unzählige Male erprobt wurde, ist 
infolge seiner günstigen Zusammen- 
setzung auch ein altbewährtes Vor- 
beugungsmittel gegen Festsetzung 
schädl. Bestandteile im Organismus. 

Fachingen erhält 
Körper und Geist 
frisch und gesund. 

Brunnenschi .i sowie ärztliche 
Anerkennunge: . werden auf W unsch 
jederzeit unentgeltlich versandt 
durch das Fachinger Zentralbüro, 
Berlin W 66, Wilhelmstraße 55. 

Erhältlich ist das Heilwasser 
in Mineralwasser-Handlungen, 
Apotheken und Drogerien usw. 


Fachingen verlängert das Leben! 



mit rosa Backsteinen ausgelegter 
Goldfischteich. — Darauf zartgrüne, 
blütenlose Seerosenblätter, deren hell- 
grüne Stengel sich im Wasser 
brechen und mit goldroten, schnell- 
flossigen Fischen ein Matissesches 
Ornament bilden. 

Seine Altersbilder sind zarter, 
sublimierter, ohne die starken Con- 
trastes du couleur der früheren Jahre. 
„Nach zehn Jahren haben wir eine 
ganz andere Kunst“, meinte er; dann: 
„On ne peut pas etre toujours revolu- 
tionnaire et negatif, on ne peut pas 
toujours avoir des contrastes; une 
revolution ne peut jamais durer. Ce 
qui viendra, c’est le classicisme.“ 

Er fragt mich nach Deutschlands 
Kunstentwicklung und hört beruhigt, 
daß der Expressionismus, das deutsche 
Surrogat während des Krieges bei ge- 
schlossenen Grenzen, schon eingesargt 
sei. Dem Intellekt Matisse, der alle 
Relationen gleichmäßig umgreift, ist 
es unverständlich, daß von den fran- 
zösischen Malern, von denen doch der 
eine auf dem anderen stehe, einer in 
den Himmel gehoben wird und die 
anderen um ihn herum in der Kette 
vergessen sind. So, sagt er, haben die 
Jungen Cezanne verlassen; Renoir ist 
ihr Gott und Bonnard ist obenauf - 
gerückt. 

* 

Die Pariser Gerüche, Straßenteer, 
schwitzende Camelots, Benzinwolken. 
Marchands de vins, Bureaux de tabac 
mit ihren englisch süßlich duftenden 
Sorten werden penetrant. — Ich biege 
im Luxembourg-Garten um eine Ecke; 
ein junger, blondgelockter Kerl mit 
schäbiger Hose, den ich von fern auf 
einem Stuhl sitzen sah, neben ihm ein 
halb ausgetrunkener vin gris, fährt 
wie im Paroxysmus auf, schreit, krallt 


die Hände in die Luft und fährt ein 
paarmal dicht an meinem Gesicht vor- 
bei, mit den Armen ins Leere greifend. 
Ein Wahnsinniger? Oder spielt er ihn, 
um in ein Asyl zu kommen? Ich mache 
schnell ein paar ähnliche Bewegungen, 
für alle Fälle — um ihn nicht zu 
reizen, und gehe vorbei. Dann steht 
er gesenkten Kopfes wie im katatoni- 
schen Krampf unbeweglich. Man läßt 
ihn gewähren. „C’est un fou“, sagen 
dazugekommene Passanten; er wird 
sich beruhigen, man sperrt ihn nicht 
ein. Romanische Freiheit! Ungehindert, 
vollsinnig darf Persönliches sich er- 
füllen! Ein sozialmenschlich Ganzes 
fordert jeden Outsider von selbst zu- 
rück. — Kein überflüssiger Raum; er 
würde die Massensuggestion der Soli- 
darität stören. Ein Berliner mit Ell- 
bogen- und Kurfiirstendamm-Expan- 
sionen wäre hier schlecht einzufügen. 
Die Pariser Menschen-Bataillone mar- 
schieren gedrängt nach ein und der- 
selben Richtung. In Deutschland gibt es 
nur einzelne Soldaten, und die mar- 
schieren gut, aber jeder in verschiede- 
ner Richtung. 

Abends auf dem Trottoir, das zu 
meinem Hotel führt, lag wieder die 
alte Betrunkene im Schatten, wo sie 
gewöhnlich übernachtet. Sie hat nur 
einen Mantel an, man sieht die nackte 
Brust und Stiche von Wanzen und 
Läusen. Wenn sie einen halben Tag 
so geschlafen hat, holt man endlich 
einen Sergeanten, der sie mit Fuß- 
tritten aufscheucht. Diese will nicht 
in ein Asyl, sie brennt da immer 
durch; man kennt sie schon. Er wirft 
ihr ihre paar Fetzen nach, sie schleicht 
leise wimmernd weg, um, wie eine 
Katze, sich wo anders wieder hinzu- 
legen. 

Im eleganten Viertel der Champs- 
Elysees sitzt, wie ein Pascha, auf tür- 


FRANZ ROSENZWEIG 

JEHUDA 

HAT EVI 

92 Hymnen und Gedichte. Deutsch 
Ein Urteil über die Übersetzung von: 

ARNOLD ZWEIG 

Von vornherein mache man sich klar, 
daß diese Arbeit in ihrer wunderbaren 
Gewissenhaftigkeit und Treue, der Hin- 
gabe ans Original und der Andacht zum 
Deutsch mit dem heutigen Übersetzungs- 
betrieb nur noch den Namen gemein hat. 
Diese Übersetzung ist die Überwälti- 
gung einer außerordentlichen Summe 
von Widerständen durch einen auf das 
Richtige gerichteten Willen. Nichts gibt 
von der Schwierigkeit des Textes einen 
klareren Begriff als diese intensive Nach- 
bildung, die jede der einzelnen Strophen 
dem Leser dicht vor Augen hält . . . 

Die Anmerkungen Franz Rosenzweigs 
und sein Nachwort sind die klügsten, um 
nicht zu sagen weisesten Bemerkungen 
zu einzelnen Gedichten, zum Problem 
des Übersetzens, des Sprechens, Dich- 
tens, die heute in deutscher Sprache 
überhaupt niedergelegt wurden. Eine 
genaue hingabevolle Lektüre dieser An- 
merkungen und des Nachwortes ist 
imstande, ebensoviel vom Wesen des 
Gedichtes und seiner Atmosphäre an 
Einsichten zu vermitteln als sämtliche 
Kritiken heute bekannter Rezensenten, 
mit denen freilidi Franz Rosenzweig, 
dieser geschulte und bedeutende Den- 
ker, auch nicht einmal zum Zwecke des 
Lobes zusammen genannt werden darf. 

Das Werk wurde in der Offizin 

Poeschel & Trepte in der 

Winckelmannantiqua gedruckt 

Preis in Ballonleinen RM 15.— 

Luxusausgabe in Ganzleder RM 30.— 

VERLAG LAMBERT 
SCHNEIDER / BERLIN 


709 


kischen Teppichen, umgeben von Federwedeln und phantastisch gekleideten 
Wachspuppen, der Modekünstler und Maitre-tailleur Poiret. Der gallische, 
sonst liebenswürdig bewegliche Hahnenkamm ist bei ihm zu einem prätentiös- 
feierlichen Riesenkamm angeschwollen, der ganz unfranzösisch wirkt. Unter 
saturiertem Fett zittert eine solennelle Melancholie, als ob allzu Rundliches, 
Wabbliges den Genius in seinen Aspirationen zu sublim-phantastischen brauen- 
kleidern resigniere. 

30 Grad Hitze! Auch die Mannequins nebenan schwitzen. Sie ziehen sich 
aus und an. Aus klassisch phantastisch geblümten Gewändern biegen sich vom 
Aermelansatz an nackt schlankweiche Arme; das ewige Wechseln des Ge- 
fieders für andere verdirbt den Charakter und macht sie zu Schemen. 

Die Hitze wächst. Der Zug spie uns gegen des Meeres blendend-flim- 
mernden Horizont aus. In Dieppe sieht man ausschließlich Söhne und Töchter 
Albions! Sie essen in lichten Speisesälen; frische Meeresluft dringt herein; 
hier ist es erträglicher. Sie erobern die Hotels, anglisieren sie. Ihrer eng- 
lischen Methodik ist der leicht erregbare französische Hahn ebensowenig ge- 
wachsen, wie der italienische. Aus den Italienern wenigstens werden sie mit der 
Zeit sicher noch englische Sklaven machen. Noch ist es ziemlich leer, und die vor- 
nehm-weite, mondän-elegante Digue beherrscht noch der heimische Bourgeois. 

Nur Samstag und Sonntag kommen Pariser mit ihren Autos herüber. Gestern 
war ein kleines Kitschauto-Rennen. Den prämiierten Wagen steuerte ein zum Ver- 
wechseln ähnliches Paar. Am Steuer saß ein blondgelockter Mädelkopf, halsfrei, 
hellgelbe Bluse und schwarze Krawatte, daneben ein schwarzer Bubikopf. Allzu 
plumpe Geschlechtsgegensätze zwischen Mann und Frau wären unfranzösisch; 
Paradies der Frau! Das Ewig-Weibliche hat den Mann schon aufgesogen. 

Vom Meer aus gesehen, gespenstert die Hotelfront noch. Ein Kreuz mit 
mittelalterlich Rettung bringendem Heiligen für Schiffer, weithin sichtbar. Da- 
neben moderne Signalmasten, Radiostationen. Ein weidender Schimmelhengst, 
der sich überlebensgroß gegen den Himmel zeichnet, ungehindert seine Brunst 
wiehernd auslebt. Ueber der breiten Steinbrüstung unten im Hafen liegt ein be- 
trunkener Matrose unbeweglich auf der Nase. „Es ist Samstag“, sagen die 
Umstehenden. Er feiert hier jede Woche sein Weekend. Man läßt ihn liegen 
und seinen Rausch ausschlafen. In Frankreich gibt es noch Schutzengel. 

Vom Hafen führt die Hauptgeschäftsstraße zur alten Burg. Rechts und 
links am Trot'toirrand fließen, nein stehen Wasser. Keine süddeutschen, 
sauberen „Murmelbäche“. Hierin wimmelt es von Mahlzeitresten, verfaulten 
Artischocken, Wursthäuten, Papieren, zerbrochenen Gläsern, übelriechend, grau- 
schwarz oder auch lichtblau, wenn gerade der Flimmel hineinlacht. Die große 
Kulisse dieser Straße ist die St.-Jacques-Kathedrale, Frühgotik, im XII. Jahr- 
hundert begonnen, 1195 wieder ganz zerstört, in den folgenden Jahrhunderten 
wieder an- und aufgebaut, nach englisch-flämisch-französischen Kämpfen. 

Das Gestein steht weißgrau schimmernd mit ehrwürdig überirdischer 
Transparenz, weithin sichtbar, an italienische Dome erinnernd; steinig zer- 
borsten, wie Austernschalen, ragen Zacken und Gesimse zum Himmel wie 
Seeigel, Seesterne, als ob das Meer sie ausgespuckt hätte. 


710 


1 





Aus G. A. Platz, Die Baukunst der neuesten Zeit 

Färberei der Hutfabrik Steinberg, Hermann & Co. in Luckenwalde (Architekt Erich 

Mendelsohn) 





Reihenhäuser in Magdeburg, Harbkerstraße (Architekten Konr. Riihl und Gerh. Gauger) 





Das Alte stürzt... Ein Wahrzeichen unseics geräumigen, von alten 
Patrizierhäusern und stattlichen Linden umsäumten Marktplatzes, die Markt- 
pumpe, ist der neuen Zeit zum Opfer gefallen. Nachdem sie jahrzehntelang 
den Umwohnern des Marktplatzes ihr köstliches, kühles Naß gespendet, auch 
manchem fahrenden Gesellen erquickende Labung geboten hat, ist sie durch 
die vor kurzem erfolgte Anlegung einer Wasserleitung überflüssig geworden 
und, da sie ihren Dienst seit einiger Zeit ohnehin schon eingestellt hatte, 
nunmehr abgebaut. Sie war gerade keine Zierde des Marktplatzes, aber immer- 
hin erinnerte sie an geruhige alte Zeiten, wo die Frauen und Mädchen sich 
mit ihren Eimern gegen Abend um die Marktpumpe sammelten, um die Ge- 
legenheit zu benutzen, die Tagesneuigkeiten gegenseitig auszutauschen. Gar 
mancher wird ihren Anblick entbehren und fragt sich: Was tritt an ihre Stelle? 
W ird der Wunsch vieler unserer Einwohner in Erfüllung gehen, die unseren 
wirklich schönen Marktplatz mit einem idealen Marktbrunnen geziert sehen 
möchten? (Ludzvigsluster Tageblatt.) 

Folkwangschulen. ln Essen wird am i. Oktober d. J. eine neuerrichtete 
Fachschule für Musik, Tanz und Sprache eröffnet werden. Sie untersteht der 
Gesamtleitung von Max Fiedler und Rudolf Schulz-Dornburg und ist als 
Schule für Ausdruckskunst der von Prof. Alfred Fischer geleiteten Schule für 
Gestaltung (Stadt. Kunstgewerbeschule) gegenübergestellt. Als Folkwang- 
schulen-Essen vereinigt, werden beide zum ersten Male die gesamten kunst- 
erzieherischen Disziplinen zu umfassender Einheit zusammenschließen. 

Aus Mecklenburg. Fräulein oder Witwe, auch mit Töchterchen, die über 
etwas festes Einkommen oder kleines Vermögen verfügt und Neigung hat, 
sich mit 42jährigem Herrn auf dem Lande (kein Vieh), in der Nähe von 
Schwerin zwecks gemeinschaftlicher Wirtschaftsführung zusammenzulegen, 
wird gebeten, ihre Adresse an die „Meckl. Z.“ Schwerin zu senden. 

(Meckl. Ztg.) 

Elefanten auf Kredit. Die Londoner Firma Chapman hat jetzt eine eigene 
Abteilung eingerichtet, um Elefanten auf Kredit abzugeben. Die neue Ge- 
schäftsform ist aus dem schon üblicher gewordenen Elefanten-Verleih ent- 
standen. Die Tierfänger haben die Erfahrung gemacht, daß viele kleinere 
Gemeinden und Geschäftsunternehmungen sich Elefanten anschaffen, wenn 
ihnen die Möglichkeit der Teilzahlung geboten wird. (Gr.-Wbger Anz.) 

Adieu Berlin! heißt der Roman H. v. Wedderkops, der dieser Tage bei 
S. Fischer erscheint. Dieser Roman versucht, mit der deutschen Gegenwart, so 
wie sie ist, auszukommen. Das heißt kein Filmstar bestimmt durch seine Beine 
die Handlung, kein dialektsprechender Hochstapler macht Rügen unsicher und 
interessant, auch „Tempo, Tempo“ gibt es nicht darin. Sondern das Problem: 
Wie stellt sich der Kurfürstendamm, der Tiergarten, das Theater, die Philo- 
sophie, der Salon, der moderne Stiltanz, das Kabarett dritten Ranges, der 
Dirigent, der Baron und was alles es gibt in unserer fluktuierenden Gegen- 
wart zum Seehund (den Renee Sintenis zeichnete), seinem Sand und seinem 
Salzwasser. 


Ich und der Fremdenverkehr. 

München, Kunststadt, gemütliche, anregende, beruhigende,, aufregende 
Fremdenstadt, ja, „Fremden-Stadt“, denn alle diese Eigenschaften sind haupt- 
sächlich und allererstens für die „Fremden“ da. — Lnd wir? Ja, wir sind 
auch für die Fremden da, das heißt, es wird dies von uns erwartet. \ on ganz 
Fremden nicht so sehr als von Bekannten, ungeliebten Verwandten, Freunden 
unserer Freunde, was man so Beziehungen nennt. Da sind erstens die, die 
nicht neugierig sind, denn diese brauchen uns zum Zeitvertreib für den einen 
Tag, den sie durchreisend notgedrungen einmal im Jahre hier verbringen. 
Zweitens solche, die neugierig sind und wissen wollen, wann die Pinakothek 
offen ist und wie man zum Deutschen Museum kommt. Oder gar solche, die 
etwas lernen wollen, Protektion und Anstellung oder eigene Ausstellungen suchen. 

Sie alle verwandeln sich, besonders wenn’s regnet, bei Ankunft im Haupt- 
bahnhof München in „alte Freunde“, die sich doch so „furchtbar freuen, uns 
wiederzusehen“. Ein Telephonbuch hängt schon als Kuppler neben der 
Telephonzelle auf dem Perron. Der Ankömmling fragt sofort an: „Wer glauben 
Sie wohl, wer spricht.“ Man sagt auf seine Frage: Ich habe natürlich „keine 
Ahnung“. „Also, Sie würden nie darauf kommen, erinnern Sie sich nicht an 
X. Y. — ich führte Sie doch zu Tisch bei Soundsos in Berlin, nein, es war 
ein so reizender Abend, und ich bin eben angekommen, ja, gerade eben. Wissen 
Sie, ich bin in Geschäften hier, aber heute abend bin ich frei. Was tun Sie 
heute abend? Ich möchte Sie so gerne besuchen, Sie sollen doch so ein schönes 
Haus haben und so viele Tiere . . .“ Weiter kommt er nicht, denn ich 
bin „eingeladen, heute abend“. 

„Ach, sagen Sie ab, und wenn Sie lieber ausgehen, so essen Sie doch mit 
mir, ich bin allerdings nicht angezogen, denn ich fahre 9.40 Uhr wieder ab 
nach Berlin.“ 

Also eingeladen war ich nicht, das war eine Notwehrlüge gewesen, aber die 
Aussicht, diesen Jemand bei mir bis zur Unendlichkeit sitzen zu haben, in 
meinem „reizenden Haus“, reizte mich nicht. Hm, 9.40 Uhr reist er, das geht, 
ich lasse mit mir handeln. Ganz unvermittelt sage ich zu und freue mich heim- 
lich aufs gute Essen. Taxi zum Rendez-vous 3,50 Mark, und dann kommt — 
das Wiedersehen. 

9 Uhr 5 Minuten steigen wir beide in ein Auto und fahren zur Bahn. 



jimiriEniLm© MmciniiE 


DAS BAYERISCHE HANDWERK 


mi 


ZEIGT DAS ENTSTEHEN DES QUALITATSPRODUKTES 
DEUTSCHEN HANDWERKS IN 75 IN BETRIEB BEFIND- 
LICHEN WERKSTÄTTEN. DIE HISTOR. ENTWICKLUNG 
DES HANDWERKS VOM MITTELALTER BIS HEUTE 


MAI -OKTOBER 


7 12 






denn was soll ich nun tun, auf der Maximilianstraße um 9 Uhr 5 Minuten? Aus 
Zeitüberfluß bring’ ich ihn an den Zug, dort trifft er einen Geschäftsfreund, 
der mich zwinkernden Blickes streift, „aha“ denkt und sich diskret verdrückt. 

9.45 Uhr stehe ich vor dem Bahnhof. Soll ich nun auch irgendein Opfer 
anrufen? Nein, das geht nicht, ich bin ja kein „Fremder“. Es regnet. — Taxi nach 
Hause: drei Mark fünfzig. Für sieben Mark hätte ich zu Hause besser gegessen. 

Ganz angenehm sind die Autogäste. Ich erhalte Donnerstag ein Telegramm: 
„Hoffe Freitag abend München zu sein.“ Unterschrift: unlesbar, verstümmelt. 
Der Aufgabeort Budapest. 

Wer „hofft“, Freitag abend München zu sein, und was geht es mich an, 
daß er hofft? Ich privatim hoffe nichts, denn Freitag abend habe ich Gäste 
bei mir. Es geschieht auch Freitag abend nichts Außerordentliches, meine 
Gäste bleiben ungestört. Samstag muß ich unbedingt arbeiten, schon weil 
ich Freitag nicht dazu kam, denn ich möchte Sonntag früh in die Berge fahren 
zum Skilaufen. 

Kaum an der Arbeit, läutet das Telephon. „Du also, das ist herrlich, 
daß du da bist, ich habe schon gefürchtet, ich treffe dich nicht, ich muß näm- 
lich Montag nach Paris weiter, aber heute habe ich den ganzen Tag für dich 
Zeit. Ich komme nachher herunter, Servus, ich muß mich erst rasieren lassen.“ 

Die Zeit, die man zum Rasieren braucht, bleibt mir zur Arbeit. Dann ist 
es aus. Kann ich einem ernsthaiten Geschäftsmann sagen, daß ich keine Zeit 
habe, weil ich ein Meerschweinchen modellieren muß? 



713 



Ganz gerne habe ich ja auch den Gast, der an einem Eisregentag' im I-e- 
bruar, mein Schnitzel verdauend, das meine Gott sei Dank radfahrende Köchin 
in letzter Minute holen mußte, sich nun vor mir ausmalt, wie das morgen sein 
wird, wenn er über den Brenner kommt und auf der anderen Seite die Mandel- 
bäume blühen. Aber er fährt gleich weiter, in Morenz ist die Sache mit dem 
Frühling nicht ganz sicher, nein, nein, gleich Palermo, da gibt’s schon Man- 
darinen, und die Orangen duften. Ich bin müde, möchte mich ausruhen vom 
vielen Reden, — aber er, — • oh, er hat Zeit, hat ja in München sonst nichts 
zu tun. 

Im Frühjahr sind's wenigstens müde Menschen, die Erholung brauchen, 
da habe ich noch etwas Geduld, aber im Herbst sind sie alle gesund, dick und 
jung — der Teufel soll sie holen. 

Sehr böse und mißtrauisch sind alle Fremdenverkehre!', wenn es am Tele- 
phon heißt, ich sei krank. Das ist eine persönliche Beleidigung und eine 
furchtbare Unfreundlichkeit von mir. 

Aber das ist ja alles noch gar nichts. Ich zähle auch nicht die Tanten, 
deren Nichten hier malen oder modellieren, deren Talente ich bewundern und 
deren Tugend ich bewahren soll, zähle auch nicht die ausgerissenen Ehegatten, 
die mich brauchen, um im Fasching ,, auszugehen“. Die bringe ich meistens 
bald an. Auch vergesse ich alle Jünglinge, die „berühmte“ Leute durch mich 
kennenlernen wollen, diese Dinge gibt es in anderen Städten auch, aber die 
positiven Verluste sind's, die ich beklage, nämlich an wirklichen Freunden. 

Es war so: Ich habe Freunde: Papa, Mama und junger Sohn. Sie haben 

ein herrliches Schloß in der Schweiz, ein bißchen abseits vom großen Weg, 
mit südlichem Garten, herrlichem kleinen See — ein Glück — für ihre Gäste. 
Sie selbst sind dort hauptsächlich glücklich, wenn ihre Gäste sie beneiden. 
Haben Sie keine Gäste, so langweilen und streiten sie sich. 

Unvorsichtigerweise sprach ich von meinem Leben in München, und sie 
beschlossen, einen Winter hier zu verbringen. Sie mieteten eine kleine möblierte 
Etage ohne Portier. Ich sage extra „ohne Portier“, denn wenn sie in einem 
Hotel gewohnt hätten, wäre vielleicht alles gut gegangen. — So aber 

Mama wollte eine gute Schneiderin wissen, Papa fragte, wo man Theater- 
billetts bestellt, Sohn wollte Tanzstunden haben. Alle drei zusammen mußten 
einen guten Zahnarzt wissen und dies alles stückweis einzeln am Telephon. 
Und vieles andere noch, womit die ersten Tage vergingen. 

Dann kam die große Enttäuschung. „Du hast doch gesagt, man könnte vor 
Weihnachten Ski laufen?“ 

„Hatte ich das gesagt?“ 

„Du hast doch gesagt, der Fasching sei so amüsant, wir drei fanden es 
gestern beim Baltenball sehr langweilig.“ 

„Du hast doch gesagt “ Ich hänge ein. 

Als sie abreisten, haben sie keinen Abschied genommen, und diesen Sommer 
haben sie mich nicht mehr eingeladen. 

Wenn ich nun in Kyritz an der Knatter wohnen würde . . . 

Christa Hatvany-lVinsloe. 


71 4 


Emil Nolde, einer der Führer der deutschen Expressionisten, feierte am 
7- August seinen sechzigsten Geburtstag. Er hat seine Jugend — in Mögel- 
tondern am Meer, bei der Brücke, in Paris und Ozeanien und in Krachs mit 
Max Liebermann — mit so viel Grazie und Esprit verbracht, daß wir uns auf 
die Arabesken seiner verte vieillesse freuen. 

Ihn zu ehren, hat die Kunsthandlung Fides in Dresden eine Ausstellung 
zusammengebracht, die nun durch Deutschland reist, und eine Festschrift er- 
scheinen lassen, in der u. a. die Museumsdirektoren Fischer aus Stuttgart, 
Gosebruch aus Essen, Hartlaub aus Mannheim und Sauerlandt aus Hamburg 
mitgearbeitet haben. 

Die Firma Schiedmayer, Pianofortefabrik, Stuttgart, die im Frühjahr den 
Grand Prix auf der Internationalen Musikausstellung in Genf bekommen hat, 
wurde auf der großen Internationalen Musikausstellung in Frankfurt a. M. 
mit der höchsten Auszeichnung, der Goldenen Staatsmedaille des Deutschen 
Reiches, ausgezeichnet. 

Die Goethebuchhandlung hat ihre Geschäftsräume nach der Leipziger 
Straße 120 verlegt und wird sich künftig auch mit Buchauktionen befassen. 

In den Ausstellungsräumen von Johannes Hinrichsen im Künstlerhaus, 
Bellevuestraße 3, findet vom 3. bis 30. September 1927 eine Sonderausstellung 

des Malers Albert Birkle statt. 



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715 


Oeffentlicher Dank. Wir Bürger von Wölkersdorf sprechen hiermit 
unserem allseits geschätzten Herrn Rauchfangkehrermeister Stöger in \\ olker>- 
dorf für die tüchtige und aufopferungsvolle Betreuung unserer Kamine unseren 
besten Dank öffentlich aus. Nur seiner sachkundigen, stets zur richtigen Zeit 
eingreifenden Vorsorge, sowie allen jenen, welche dazu beitragen, ist es zu ver- 
danken, daß unser Ort seit langer Zeit vor größerem Unglück bewahrt bleibt. 

(Volksscitung Wien.) 

Olympiaden der Kunst. Die im Jahre 1928 in Düsseldorf stattfindende 
Ausstellung „Deutsche Kunst Düsseldorf 1928" soll das erste Glied einei Kette 
von Ausstellungen sein, welche sich in zweijährigen Abständen wiederholen 
und den Titel „Deutsche Kunst“ tragen sollen. Diesem Titel soll dann jeweils 
der Name der Stadt beigefügt werden, in deren Bereich die Ausstellung statt- 
findet. Also zunächst wie oben „Deutsche Kunst Düsseldorf 1928 , dann evtl. 
„Deutsche Kunst Berlin 1930 *1 München 193 2 usw. Auf diesen Ausstellungen 
sollen nur die wesentlichsten und qualitätvollsten zeitgenössischen W erke ge- 
zeigt werden. Nach Kunstrichtungen soll nicht gefragt werden. 

Als Vergleich sei auf die Olympiaden der sportlichen \ eranstaltungen hin- 
gewiesen. W enn dort die Höchstleistungen der Nation auf sportlichem Gebiet 
gezeigt werden, so soll hier das Höchste und Bedeutsamste ausgestellt werden, 
was in dem jeweiligen Abschnitt in der Kunst geschaffen wurde. Neben 
Werken anerkannter Meister, welche auf die Entwicklung von Einfluß waren 
und sind, soll dem Werdenden und Jungen, soweit es eigene Bedeutung hat, 
breiter Raum gegeben sein. — Hindenburg übernahm das Protektorat. 

Autographen- Versteigerung bei J. A. Stargardt, Berlin, am 23. 9., u. a. 
von Mine. Dubarry, Friedrich II., Goethe, E. T. A. Hoffmann, Hölderlin, Kant, 
Kleist, Mendelssohn, Napoleon I„ Paganini, Jean Paul, Voltaire, Wallenstein, 
Washington. 

Deutsche Kunst Düsseldorf 1928. In Düsseldorf wird bildlich schon ge- 
hämmert, getüncht, gehängt. Auch hängen Maler Maler auf — wieder bildlich. 
Wird im Mai eröffnet, zeigt sich das olympische Wunder: nur alle zwei Jahre 
eine gesamtdeutsche Kunstausstellung, die erste eben in Düsseldorf in dem von 
Wilhelm Kreis umgebauten Kunstpalast im Rheinpark. Der Querschnitt wird 
nicht verfehlen, diese Ausstellung, mit der das dankbare Düsseldorf den 50. Ge- 
burtstag von Alfred Flechtheim begeht, seinen Lesern im Bilde vorzuführen. 

M. 


Romane für Anspruchsvolle. Wie oft werden Romane als ewige Kunstwerke 
angepriesen, wie viele Namen 'werden in den Himmel gehoben — und cs sind doch 
nur Eintagsfliegen. Alle paar Jahre aber taucht ein Name auf, der nicht so schnell 
wieder vergessen 'wird, und hiereu gehört Martha Ostenso, die junge, aus Nor- 
wegen stammende, amerikanische Lehrerin, die durch einen Literatur preis aus- 
geeeichnet, sehr schnell in der ganzen Welt berühmt wurde durch ihren Roman 
„Der Ruf der Wildgänse“. ( Leinenbd. M. 7,50.) Einige Monate später, nachdem 
diesem Buche überall Lobeshymnen gesungen wurden, erscheint nun der zweite 
Roman „Erwachen im Dunkel“ (Leinenbd. M. 7. — ) und rechtfertigt , ja übertrifft 
alle in die junge Dichterin gesetzten Erwartungen. 

Hamburger Fremdenblatt vom 9. 7. 1927. 

Die Werke der Martha Ostenso erscheinen in der F. G. Speidel’schen Verlags- 
buchhandlung, Wien und Leipzig. 


716 



Heilspezialist, Selbsterzeuger, Sechziger, wünscht Wiederheirat. Eintausend 
Bareinlage. Pensionärin angenehm. (Lok. Anz.) 


Zirkus-Syndikus. Wegen plötzlichen Ablebens meines langjährigen Syndikus 
(Geheimer Regierungsrat Illgner) suche ich sehr befähigten, in Steuer- und 
Versicherungsangelegenheiten (Haftpflicht, Kasko usw.) vollkommen bewan- 
derten Volljuristen, der seine ganze Arbeitszeit meinem Unternehmen zur Ver- 
fügung stellen könnte. Ständige Anwesenheit beim Zirkus Voraussetzung. 
Angebote mit Lebenslauf, Referenzen erbeten an: 

Direktor Stosch-Sarrasani, z. Zt. Elberfeld-Sonnborn 
4. — ro. 7. Mülheim (Ruhr) 

( Juristische W ochenschrift. ) 


717 


Andre Germain. Wenn Flechtheim mit Bernhard durch das sommerliche 
Land fährt, um sich die tiefbraune Edelfarbe seiner Vorfahren auf unserem 
arischen Boden wiederzuholen, wen trifft er in Mecklenburg, wo es am 
finstersten, d. h. am echtesten, ist? Unseren Freund Andre Germain. Wen 
trifft man, wenn man auf die Botschaft zu den Bolschewiken geht? Mit dem 
Notizbuch in der Hand, ein fleißiges Lieschen, von Tisch zu Tisch herüber- 
flitzend? Andre Germain. W er ist das reizende Philinchen, das aus und ein 
schlüpft in Berliner Salons, das plötzlich bei Scheler, la gloire de Cologne, auf- 
taucht und dann wieder bei Stresemann? W er pirscht in den brandenburgischen 
Wäldern, wo sie am dichtesten sind. - ' Wer singt die schönsten Lieder auf die 
preußischen Tunker? Andre Germain. W er kennt die intimsten Geheimnisse 
von Unruh, Sternheim, Rilke, und wer ist, nach echter, schlechter Literatenart. 
plötzlich bös mit den beiden ersteren. - ' Wer liebt die deutsche Seele und sagt. 
„Die deutsche Seele ist der deutsche Wald“? Wer versteht es, unsere besten 
und edelsten, geheimsten und offenbarsten Schauten herauszufinden.'' Wer 
widmet sich dem allen ohne Unterschied, mit immer gleicher Liebe? Man 
muß gestehen, es grauste einem etwas vor dieser alles umfassenden Liebe 
und — wenn man immer wieder im vergangenen Winter auf seine Spuren 
stieß — vor allzu viel Heinzelmann-Geschäftigkeit. Aber wir wollen nicht un- 
dankbar sein und keine Heuchler, wir wollen nicht die Mittel tadeln, wenn wir 
die Zwecke loben. Wir alle wollen die Indiskretion, die Entblätterung, die 
Wahrheit oder die Sensation, je nachdem, wie man dies Bedürfnis nennt. Das 
ist unser Lebenselement, weil es das ist, was den Leser bestimmt, die Zeitung 
oder die Zeitschrift von heute zu kaufen. Nur dem Bienenfleiß, der Emsigkeit 
und der stets mit Bleistift und Notizbuch bewaffneten Empfänglichkeit unseres 
Freundes gelingt es, den teuren, guten Stoff, dessen die kultivierte Welt be- 
darf, ans Licht zu ziehen. Daß er oft hereinfällt, allzusehr nach Namen geht, 
mit lieblichen Tönen den oder die Schaute umkreist, ist sein Fatum, sein Pech. 
Dies macht ihn uns speziell nicht unsympathischer, da wir reich genug sind, um 
Nachsicht zu üben, und wir obendrein an Schautereien einen gewissen Spaß haben. 

Sein neues Buch „Chez nos voisins“ (Editions Rieder, Paris), in dem er 
sein Herz für unsere Mark entdeckt, von da nach Florenz, nach Holland und 
Dänemark zieht, in dem er Max Scheler, den Philosophen der neuen Zeit, be- 
singt (etiquettiert als „der Weise von Köln'*, ,,le philosophe de Cologne“), auf 
den Spuren Bismarcks wandelt, in Schönhausen zartestes Rokoko statt Blut und 
Eisen findet, in dem er Liebermann, Stresemann und Marx querdurcheinander 
interviewt — dies Buch, das außerdem durch einen höchst ergötzlichen Essai 
ergänzt ist: „Wie sich berühmte Deutsche in Paris benehmen“, dies Buch ge- 
hört zu der Lektüre, die uns fehlt und notwendig ist, weil wir mit fremden, 
unbestochenen, wenn auch vielleicht etwas milden, voreingenommenen Augen 
gesehen werden. Was uns, die wir schon wieder anfangen, reichlich mono- 
manisch zu werden, nicht genug passieren kann. 

Milde, unendlich milde fließt diese vielfarbige Schilderung Andre Germains 
in uns hinein, nur ganz leicht gewürzt durch seinen abgeklärten Sarkasmus. 

Er steht uns trotz einigem, was wir mehr zu unserem Pläsier auszusetzen 
haben, sehr nahe: Durch seine Klugheit, seinen Witz und seine Kultur. 

H. v. W . 


7i 8 



Aus G. A. Platz, Die Baukunst der neuesten Zeit 

Doppelwohnhaus für Bauhaus-Meister in Dessau, Kühnauer Allee (Architekt Walter Gropius) 







Lagerhalle der Rheinstahl Handelsgesellschaft in Düsseldorf (Architekt Emil Kahren kamp) 



Aus G. A. Platz, Die Baukunst der neuesten Zeit 


Wohnhausblock in Berlin-Pankow (Architekt Erwin Gutkind) 



Der bittere Beigeschmack. Trotz seines für viele Patrioten „bitteren 
Beigeschmacks“ kann ein neuzeitliches Restaurant, das den Anforderungen 
eines internationalen Publikums genügen will, des „echten Pilseners“ nicht 
entbehren, da die Nachfrage nach diesem edlen Gebräu in stetem Wachstum 
begriffen ist. W er aber den goldgelben Stoff aus der Pilsener Genossenschafts- 
Brauerei in Pilsen, wie er hier im Restaurant Neumeyer zum Ausschank ge- 
langt, sich zum Trünke auserkoren hat, der braucht sich denselben aus patrio- 
tischen W allungen nicht verbittern zu lassen, da die Pilsener Genossenschafts- 
Brauerei an der sogenannten Deutschenhetze, die man vor Jahren wohl einmal 
einer böhmischen Brauerei zum Vorwurf machte, in keiner W'eise beteiligt 
war, so daß jeder deutsche Patriot diesen echten Pilsener Gerstensaft ohne 
Gewissensskrupel schlürfen kann, zumal sein Magen bei diesem anerkannt be- 
kömmlichen Stoff erst recht keinen Schaden leidet. (Restaurant-Prospekt .) 


N a c h r u f. 

Am Montag, dem 21. März, starb unser langjähriger 
Freund und Kegelbruder 

JEAN LAENDER. 

Einer unserer Besten ist von uns geschieden, dessen 
lauterer Charakter und allzeit freundliches Wiesen, gepaart 
mit edler Herzensbildung und würzigem Humor, uns unver- 
gessen sein wird. 

Ehre seinem Andenken. 

Kegelklub „ Brav Junge am Nümaat", 

Köln, Peterstraße 41. 

Die Beerdigung findet statt am Donnerstag, dem 24. März 
1927, nachmittag 4 X A Uhr, von der Leichenhalle des Fried- 
hofes Melaten aus. 


(Kölner Stadt-Anzeiger.) 

Christ, 33 Jahre, 1,80 groß, mit langen, blonden Haaren, Wald, Gesang 
liebend, sucht Gehilfin, am liebsten dienende Magd, welche große Sehnsucht 
hat nach Obst, Blumenzucht, Licht, Siedlung, Lebensreform. Erbitte Zu- 
schrift Friede, Zehlendorf-Mitte, Mühlenstraße, Laube. 

(Zehlendorfer Anzeiger.) 

Der Rhein-Verlag, Zürich, fügt diesem Heft einen Prospekt über das dem- 
nächst erscheinende Werk von James Joyce „Ulysses“ bei. 

Macht der Musik. Anläßlich der Erstaufführung von Alban Bergs Oper 
„Wozzek“ im tschechischen Nationaltheater in Prag kam es zu lebhaften 
Demonstrationen des Publikums. Infolge der allgemeinen Erregung wurde 
der Prager Vizebürgermeister Wanek vom Schlage getroffen und war sofort tot. 

(Prager Tagblatt.) 


719 


Ableben des Rechtsanwalts Max Epstein. (Ein Nachruf.) Vor mehreren 
Jahren schied der Rechtsanwalt und Notar Max Epstein aus dieser Wirklich- 
keit. Bescheiden, wie er seine Existenz als Rechtsanwalt und Notar geführt 
hatte, unbekannt bei der großen Menge, verschwand er eines Tages. Nur der 
Kammergerichtspräsident und der Vorsitzende der Anwaltskammer hatten ihm 
die letzte Ehre gegeben. Ich selbst verlor in ihm ein zweites Ich, einen Ge- 
nossen, der an mir hing wie kein anderer Mensch, einen wahren Angehörigen, 
der mir auch manche schwere Stunde bereitet hatte. Ich glaube sogar, daß er 
nicht freiwillig aus dem Leben schied. Er beklagte sich darüber, daß die große 
Menge und vor allem übelwollende Kritiker ihn beargwöhnten, wenn ich ein 
literarisches Werk geschaffen hatte. Er konnte es nicht verwinden, daß man 
uns beide verwechselte und mich als Dilettanten behandelte, während er an der 
Schöpfung ganz unschuldig war. Er hatte von seinem Dasein keine Freude. 
Seine Klienten waren Theaterdirektoren, die keine Gebühren zahlten und Schau- 
spieler, die Honorare durch längere Unterhaltungen im Büro abzugelten 
pflegten. Dazu litt er an Regressen, die ihm sein geringes Interesse für seinen 
Beruf einzubringen drohte. So beschloß er eines Tages, seine Existenz aufzu- 
geben und mir gleichsam das Feld zu überlassen. Ich konnte die Gründe, die 
ihn zu so tragischem Schritt veranlaßten, nicht mißbilligen. Auch ein anderes 
trieb ihn in den Untergang. Man hatte ihm angedichtet, er sei ein Garderoben- 
Pächter und nehme von dem Publikum allzuhohe Gebühren dafür, daß sie ihre 
Kleider ablegten. Man hatte da wieder ihn mit seinem Vater und eine Erb- 
schaft mit einem Beruf verwechselt. Man hatte nicht gewußt, daß seit dem 
Durchbruch von Gorlice im Mai 1915 die Berliner Theater allzu glänzend 
standen, um einen so wichtigen Teil ihrer Einnahmen zu verschenken. Ich habe 
immer begriffen, daß solche Verwechslungen ihn verstimmen mußten. So fand 
sein Dasein eines Tages ein jähes Ende. Da er aber so lautlos erlosch, so 
konnte sich die Nachricht von seinem Ableben nicht verbreiten. Ich selbst litt 
am meisten daran, daß man in der Oeffentlichkeit nicht wußte, wie sehr der 
Rechtsanwalt und Notar Max Epstein verschieden war. Jahrelang hatte ich 
geschwiegen. Gewiß ist der Beruf des Rechtsanwalts kein unehrenhafter. Es 
spricht auch an sich nichts dagegen, daß ein solcher Mensch Talent hat. Auch 
Goethe war Rechtsanwalt. Außerdem kann man bei Heine darüber nachlesen, 
daß die erhabensten Geister aller Zeiten Juristen waren. Die Zeiten haben 
sich aber geändert. Heutzutage verlangt man, daß ein Mensch, der zum Dichter 
oder Denker berufen ist, keinen Beruf habe. Wir leben in einer Zeit, wo die 
gültige Literatur aus dem Kaffeehaus kommt. Darum widme ich dem ver- 
storbenen Lebensgefährten diesen Nachruf zugleich als letzten Gruß an meine, 
wie ich hoffe, schlechtere Hälfte. Max Epstein. 

Die Bibliothek Victor Werner, Luxus- und Pressendrucke, illustrierte 
Bücher, Hamburgensien, darunter hervorragend schöne Handeinbände der 
berühmtesten Buchbinderwerkstätten, Drucke der Bremer-Doves-Ernst-Ludwig- 
Presse, Hundertdrucke in seltener Vollständigkeit, wird am 24. und 26. Sep- 
tember 1927 durch die Bücherstube Hans Götz, Hamburg, Gr. Bleichen 31, 
versteigert. 


720 


Robert. Nachricht erhalten, innigen 
Dank. Bleibe dem Vagabunden treu. 
Hoffe ein Widersehen 1928. Herz- 
lichstes Gedenken 16. August, 14. Sep- 
tember. Herzensgrüße Mariechen. 

( Lok. Ans.) 

Ein Rätsel von Usch. 

Wir saßen sehr vergnügt beisammen 
Und fühlten kaum, daß „eins-zwei“ kam, 

Weil’s uns zu sehr gefangen nahm 

Wir sahen „drei“ noch einmal flammen, 
Und lasen noch vom „eins-zwei-drei“, 
Die ganz kuriose Dichterei. 

('uudisiwSxoffl ) 

Neffe Bubikopfhasser, etwas über 
40, in einem Vorort Dresdens tätig, 
sucht liebevolle, verständige und ge- 
bildete Nichte nicht unter 28, mit 
langem Haar und ebensolchem ge- 
füllten Bargeldsäckchen , die ihm 
seine „negativen“ vertilgt, ein trautes 
Heim bereitet und eine treue Be- 
gleiterin auf seinen Oberlchrerferien- 
rcisen sein soll. Auch Witwe mit 
Kind sehr lieb, wenn die nötigen Bei- 
gaben vorhanden. 

(Dresdener Anseiger.) 

Geh. Rat Arthur Achleitner, unser 
geschätzter Mitarbeiter, feierte am 
16. August seinen 70. Geburtstag. Er 
hat im ganzen 178 Bände und mehr 
als 5000 Zeitungsartikel veröffent- 
licht. Geheimrat Achleitner hat seine 
Jugend mit soviel Grazie und Esprit 
verlebt, daß wir uns auf die Arabesken 
seiner vieillesse verte freuen. 

Altkunst G. m. b. H. Freiburg 

veranstaltet am 18., 19. und 20. Ok- 
tober 1927 in den Räumen des Casino- 
Wintergarten eine Versteigerung des 
Nachlasses und der Sammlung des 
verstorbenen Baron von Schönebeck, 
Schloß Feldkirch. Die Sammlung um- 
faßt Zinn, Fayencen, Bronzen. Tex- 
tilien usw., ganz besonders Gotik und 
Renaissance. 


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EI11 neues Werk: 

MATWEJ 
KO SHEM JAKIN 

Roman in zwei Bänden 

1. DER SOHN EINER NONNE 

2. IM BANNE DER KLEINSTADT 

820 Seiten. In blau Leinen Mark 10. — 
(Bände XI und XII der Gesamtausgabe) 


Eines der abgeklärtesten Werke des 
großen Dichters. Erschütternd in seiner 
schlichten Ehrlichkeit, ein Dokument des 
russischen Menschen — seiner sehnsüch- 
tigen Zerrissenheit, seiner Flucht in die 
Einsamkeit, seines Glaubens an den 
schließlichen Sieg des Guten im Menschen. 


MALIK- VERLAG / BERLIN W50 


721 




Offerten an das „Kabarett der Namenlosen", im Monbijou, Berlin. 

Im Gegenwärtigen Ihres Inserates der Morgenpost für weiter hin, junger 
Talente zum Cabarett, gestatte ich mir Ihnen einige Zeilen zu schreiben. Zwar 
habe ich ein volles Talent zur Bühne, bin 22 jahr alt, möchte mich nun Ihrer 
Gelegenheit weiter ausbilden und stehe Ihnen gern bereit als Sächsischer- 
Komiker. Habe schon in größeren \ ereinen auf den Brettern was die Welt 
bedeuten gestanden und als gut gearbeitet. Ebenfalls bin ich im Jahre 1922-23 
in Halle a./S. Kochs-Künstler-Spiele als Bühnenmeister tätig gewesen. Sollten 
Sie nun näheres von mir zu beabsichigen, so bitte ich Sie höflichst um 
schnellste benachrichtigung. 

Hochachtungsvoll 

Berlin-Siemensstadt, d. 10. 7 - 26. Kurt B., Siemenstadt. 

* 

Sehr geehrter Herr! 

Da Sic wohl vergebens auf meinen besuch, am Montag den 21. dieses 
Monats gewarten haben. Leider hat’s Mir leid getan aber es ging bei besten 
willen nicht, es hatte sich in meiner Familie ein kleiner zwischen Fall er- 
geigcnet mein kleines Töchterchen hat sich am Sonntag früh plötzlich gelegt. 
Nun lieber Herr da können Sie sich doch in meiner Lage stellen, da Sie doch 
selbst Familienvater seien nun soll man hier helfen ohne Geld, da kann man 
laufen zu I’unszius Pilastus ehe man hier ein paar groschen von der Er- 
werbslosen-Fürsorge bekommt. Meine Frau ist auch den ganzen Tag unter- 
wegs mit Zeitungen früh u abends. So ruht die ganze sache eben auf Mich. 
In der Hoffnug das Mich Herr J. zum Januar wann der Film beginnt nicht 
vergessen wird, so will ich mich noch gärne bis dahin geduldigen. 

Da Ich stets doch als Manegen Claun gearbeitet habe es ist eben eine sehr 
schlechte zeit in der wir sind, Wir konnten uns nur am Sonnabend nicht 
richtig unterhalten in der Lage wie Sie standen da es doch zu viel Men- 
schen waren, und alles schnell gehen mußte da alle augenblicke neue Leute zu 
kamen, und Ich weiß was das heißt jeden abzuvertigen. bei so vielen Leuten. 

Also noch mals wird mich Herr J. nun doch nicht vergessen so bald der 
Film sein Anfang nehmen wird denn auf allen Sachen bin ich zum Filmen 
geeignet so als Leiermann, Bettler, Kriegsbeschädigter, Appache in dem 
rollen bin ich knorke. Die Sache habe ich vor dem Kriege betrieben im Am- 
brosius Film. 

Seien Sie tausend mal gegrüßt in Hoffnung das mich Herr T. einst mal 
angagieren wird. 

Mit Hochachtungsvoll 

Wilhelm Sch., Berlin O. 

Sommernachtstraum am Spiegelsee, Roman von Oskar Gluth: Hochauf- 
gerichtet im vollen Rüstschmuck ihrer bedeutenden Körperlichkeit, stand sie 
wie ein aus schwellendem Hefenteig gefertigtes Modell der Bavaria neben der 
letzten Bank, eingekeilt in das Fähnlein der unentwegt Zuspätgekommenen. 

( Gartenlaube.) 


722 


Bansin. 

(Zu singen nach der Melodie: 


Durch den grasgrünen Wald, 
Wo keine Bäume stehn, 

Fährt eine Eisenbahn 
Vorne mit Dampf. 

Ostern ist längst vorbei, 

Und auch der Februar, 

Und in der Eisenbahn 
Sitzt eine Frau. 


Ach, wie ist’s möglich dann“) 

Sie schiebt an einer Bank, 

Damit es schneller geht, 

Plötzlich ruft der Schaffner laut: 
Alles aussteigen ! 

Und die alte Frau steigt aus, 
Nimmt zwanzig Pfennig raus, 
Geht an den Automat, 

Kauft sich Bonbons. 


Und in der Asgard-Diel' 

Tanzt man, so lang es geht, 

Kauft sich ’nen Schwedenpunsch, 

Und macht Bum-Bum. Z. v. G 


In der Düsseldorfer Gesolei-Ausstellung hatte der Bildhauer C. M. Schreiner 
zwei große Steinfiguren aufgestellt, die keinen Beifall fanden. Es wurde be- 
schlossen, ihnen eine neue Haut zu geben, und für viel Geld machten sich 
Steinmetze an die Arbeit. Wäre es nicht praktischer gewesen, da die Gesolei 
doch eine Ausstellung für Gesundheitspflege war, sie zu einem Dermatologen 
zu geben? S. Z. 


Ob 

Ob 

Und 

Neid und Mißgunst uns zu trennen suchen, 
Lästerzungen unser Glück verfluchen, 
ob um uns auch Sturm und Wetter tobt, 


Wi r sind verlobt! 


Den 

Den 

Freunden und Gönnern senden Grüße — 
Neidern und Lästerern ein Schloß aufs 

nicht faul, 
M . . . ! 


Hedwig und Paul. 
Marienwerder, 

am Fest der Erscheinung des Herrn 1927. 



( IVeichscl-Ztg.) 


Korrespondenz Fremder. Wien, io., Schönbrunner Straße 666, Oester- 
reichisches Postsparkassen - Konto 147, Postscheckamt München 8753. 
P. T.! Gestatten Sie die höfliche Anfrage, ob Sie für folgende aktuelle Ar- 
tikel Interesse haben: 

Frau Ava, die erste deutsche Dichterin. (Gestorben 1127. 800. Todestag.) 
Die unsterbliche Geliebte. (Zu Beethovens 100. Todestag im März.) 
Wenn ja, geht Ihnen der Artikel sofort zu. Preis eines Artikels 3 Mark. 

Hochachtend August Schultze. 

( Gedruckte Originalofferte.) 


72 Vol . 7 


723 


DAS AUSLAND 

SCHWEIZ: 

Um alles zu genießen, wie es wirklich ist, muß man mitten drin wohnen, 
d. h. nicht etwa in einem veritablen Dorf, sondern in der neu entstandenen 
Fremdenkolonie. („Oberhalb“). Man beginnt die Nacht mit der herzhaften 
Unterhaltung von der Gaststube her, anschließend erzählen sich Schweizerinnen 
nebenan ihre kleinen Tagesfreuden, dann fommen die Leute vom Apachenball zu- 
rück, und wer früh aufsteht, den Morgen liebt, kurbelt um fünf schon an, immer 
wieder, denn die Nacht ist kühl. Dann kommen die späteren, und schließlich 
gegen Morgen (für den 2. bis 17. Schlaf) der breite Strom, der irgend etwas 
nötig hat im Laden gegenüber, Ansichtskarten, Andenken usw., wo man stehen- 
bleibt und überlegt und nach Paul, Oskar, Lotte ruft oder „Mutti, sieh mal!“ sagt. 

Allmählich ist alles fertig und aufgezogen, um langsam abzurappeln. Leute 
vom Kurfürstendamm gehen hier genau wie dort spazieren, mit Lackschuhen 
und Sportdreß. Dazwischen Schweizer und ihre Kühe. Ungemein frische, 
herausfordernd frische Leute, bei denen man die ärgerliche Empfindung hat, 
daß sie die Welt negieren, wenn sie nur frisch und rot und olank aussehen. 
Die blecherne Bimmelei der Kühe ist sicher auf Almen, besonders wenn man 
die Tiere nicht sieht, stimmungsvoll. Hier unten wirkt dies Gebimmel geradezu 
snobbish. Es ist wahr — die Schweiz unterscheidet sich deutlich von Tirol 
und Bayern: Man sieht hier keine „Dirndl“. Dazu hat man es nicht vorzu- 
treiben gewagt. Aber was mindestens ebenso reich an Invasionsschrecken ist: 
die Bluse scheint wiederzukommen. Es schien eine Zeitlang, als ob sie dran- 
gegeben sei. Manchem mag das sfhwer geworden sein, denn das Kleidungs- 
stück scheint wie Loden tief im deutschen Charakter verwurzelt. Tatsächlich 
taucht die Bluse hier in allen möglichen, kaschierten und unkaschierten Varia- 
tionen wieder auf, besonders mit russisch-männlicher Variante, d. h. als Sack, 
aber auch mit der vollendeten Schamlosigkeit eines sichtbaren (meist aufge- 
repelten) Gummibandes. 

Die Sache steht so, daß die Schweiz an gewissen Vollkommenheiten leidet. 
Vom Standpunkt des Durchschnittsmenschen ist einfach alles vollkommen. Da- 
bei ist es furchtbar z. B., wie so eine dicke, sechskantige Eichenuhr auf einer 
weißgetünchten Wand sitzt, als einziger „Schmuck“. Nichts drum herum, keine 
Atmosphäre. Das Schweizer Gemüt hat etwas von einem seiner berühmten 
Exportartikel, diesen Uhren, angenommen: es ist stets in Ordnung, duldet bei 
sich keine Verstöße, geht niemals falsch. Hervorragende Ticktacks, Regula- 
toren des Lebens, nicht mit diesem zu verwechseln. 

Andere Vollkommenheiten, wie Reinheit der Luft, Rechtschaffenheit und 
Einfachheit des Charakters, sind restlos wohltuend. Sie werden daher auch 
von den anderen Nationen kurzerhand benutzt, um sich hier zu erholen und 
sich in dieser ihnen fremden Atmosphäie gesund zu baden. Nur von diesem 
beschränkten Gesichtspunkt aus interessiert die Schweiz. Schweiz ist Aussicht, 
Metermaß, Ozongehalt, Hotel. Was sie sonst treibt, wie sie sich ohne Fremde 
ausnimmt, interessiert in keiner Weise. 


724 


Schweizer Schriftsteller könnten sich rächen für diese einseitige Ausbeutung 
des Landes zu sanitären Zwecken. Hoteliers, „Concierges“, Telephon- und 
Stubenmädchen müßten schreiben lernen, das wäre eine Goldgrube, wenn sie er- 
zählen könnten. Statt dessen gibt es — außer Zahn, der ein ausgezeichnetes 
Hotel in Göschenen besaß, aber dies auch nicht im querschnittlichen Sinn aus- 
genutzt hat — nur Zünftige. Der selbständige Schweizer Schriftsteller scheint 
sich mehr oder weniger von Natur wegen für verpflichtet zu halten, stets treu, 
wahr, klar und hart zu schreiben. (Wie der Holländer danach stets breit und 
butterig sein müßte). Es könnte auf die Weise eine sozusagen kernige Literatur 
entstehen, aber man scheint allzu einfach vorzugehen und sich allzusehr auf 
gewisse, festgelegte nationale Grundstimmungen zu beschränken. 



Die Schweizer Schriftsteller schreiben wenigstens in deutsch und französisch, 
im Gegensatz zu anderen kleinen Ländern, die aus ihrer Sprache nicht heraus- 
können. Sie hätten also alles Zeug zum Internationalismus, aber sie ziehen 
vor, beiseite zu stehen und lassen von den schönen Qualitäten ihres Landes, 
von Firnenglanz, Mattenduft und Würzigkeit auch in ihren Büchern nicht. Der 
Begriff der Echtheit wäre also vielleicht zu revidieren. 

Um wahrhaft international zu sein, muß man Journalist sein, wie es das 
Beispiel der Neuen Züricher Zeitung beweist, ein Blatt, das diese Tugend be- 
sitzt, ohne die offiziellen Tugenden dranzugeben. 

Uebrigens ist das Fehlen von Hunden in der Schweiz auffallend. Hunde 
scheinen nicht schweizerlieb zu sein, das schweizerische Temperament scheint 
sie nervös zu machen, oder jedenfalls ihnen nicht genehm zu sein. 

H. v. W. 


72 5 


SCHALLPLATTEN-QUERSCHNITT 

Kammermusik 

Odeon. Nr. O 6273. „Molto- Allegro" aus dem Streichquartett in G-Dur Nr. 12 
(Mozart) gespielt vom Roth-Quartett: Jugendliche kecke Auffassung, Mozartisehe 
Tranzparenz und durchseelte Dramatik. — Rückseite : „Andante aus dem Streich- 
quartett in C-Dur opus 19 ( Busoni) : Strahlende Melodielinie wird von grüble- 
rischem Contrapunkt leicht beschattet. 

Columbia. L 1788. „Siciliano and Rigaudon" (Francoeur-Kreißler), Violine ( Joseph 
Ssigeti) und Klavier: Vibrierende Großzügigkeit in Vortrag, Ton und Technik 
(diskrete Klavierbegleitung) steigern diese Fin de Siecle-Kleinigkeiten zu treff- 
lichen Konzertnummern. — Rückseite : „Zephir' (J. Hubay opus 30 Nr. 3), Geige 
und Klavier. 

Columbia. Nr. D 1557. „Nigun" -Improvisation (aus „Baal Shem" , Bilder chassidi- 
schen Lebens von E. Bloch). Violine (Joseph Szigeti) und Klavier: Französierte 
Orientthemen, dem pompösen Stil eines Violinkonzertes angeglichen und eminent 
geigerisch absolviert. 

Electrola. Nr. DE 947. Trio Nr. 1 in B-Dur, opus 99 (Schubert). Alfred Cortöt 
(Klavier), Jaques Thibaud (Geige), Pablo Casals (Cello): Anti-sentimentale, ge- 
schmacksichere und vitale Wiedergabe durch drei kultivierte Meister. Ihre Quali- 
tät stuft sich folgendermaßen aufwärts: Klavier, Violine, Cello. 

Electrola. Nr. DA 833. „ Melodie “ in F. (Rubinstein) und „ Träumerei " (Schu- 
mann). Cello (Pablo Casals) mit Klavier: Traditionslose Schlankheit; trotz 

üppiger Tongebung keinerlei pathetisches Schwellen .... 

Grammophon. Nr. 66193. Duo, Es-dur für Viola und Violincello (Beethoven) mit 
zwei obligaten Augengläsern. Gespielt von Gebr. Paul und Rudolf Hindemith: 
Modern gelockertes Spiel. Interessanter Dialog zwischen zwei gleichwertig be- 
handelten Streichinstrumenten. 


Tanzplatten 

Vox. Nr. BB 1840. „Puppenwalzer" aus „Die Puppenfee" (J. Bayer), gespielt von 
Jenö Fesca und seinem Orchester: Ein Schuß echter Tokayer würzt die sym- 
pathische Interpretation dieses leicht wienerischen Stückes. 

Brunswick. N. 3452. „ Yankeerose " ( Holden-Frankl), Harry Archer-Orchestra: 

Tänzerische Verarbeitung preußischer Marschrhythmen und Fanfarensignale. — 
Rückseite: „High-High- High up in the hills ", Foxtrot (Lewis- Jung- Abrahams), 
Harry Archer-Orchestra mit Bonnie Laddies Trio: Illustratives Gesangsinter- 

mezzo des „High-High“ — apartes Finale. 

Vox. Nr. E 48 038. „La Cumparsita" und „Donna Vatra" (Tangokapelle Bernard 
Ette): Einlullende Wechselrede männlicher Sonorität und schmelzender Weib- 
lichkeit. Technisch besonders gelungene Tangoplatte. 

Brunswick. Nr. A 190. „Hallo Bluebird" , Foxtrot. Vincent Lopez-Orchestra mit 
Vokaltrio: Amüsant contrapunktierendes Terzett mit anspruchsvoll orchestrier- 
tem Nachsatz. — Rückseite: „I’m on my way home", Foxtrot (Berlin): Dyna- 
misch ausbalanzierte, treffliche Imitation der durch J. Smith verbreiteten Berlin- 
schen Weise. 

Electrola Nr. EG 183. „Spaventa" -Tango (Pares, van Parys), Rio grande-Tango 
Band. — Rückseite: „Confession" -Tango (Sinclair): Zärtliche französische Chan- 
sons mit Bläsereffekten, die vollkommene Illusion eines Leierkastens erreichen. . . 


726 


I ot. Nr 1795 BB. „Sirenensauber (E. Waldteufel), gespielt vom, Orchester Jenö 
Fesen: Erfreuliche Wiederbegegnung mit einem alten Bekannten, der uns zeigt, 
daß es durchaus nicht leicht ist, einen „richtigen“ Walzer zu fabrizieren. 

Brunswick. Nr. A 248. „The Sphinx “, Foxtrot (King Warren), Katsman’s Anglo- 
Persian-Orchestra und „Delilah“ Rose Fisher: Kleine operistische Anleihen er- 
höhen den Charme orientalisierter Themen, die geschickt zu schmeichlerischem 
Tanz verwebt sind. 


Diversa 

Electrola Nr. EG 461- „Wir leben — wir lieben “ (Egen und Bransen, Text von 
Fritz Rotter), gesungen von Austin Egen: Von angenehmer Baritonstimme ge- 
sungene kleine Trostweise über schnellschwindendes Leben, Lieben und Trinken. 
Hübsche deutsche Imitation J. Smith’schen Stiles . . . 

Electrola. Nr. E G 179. „Some other Bird whistled a tune“ (Bryan, Schäfer, Fisher). 
Vortragender: Jack Smith. — Rückseite: „Are you sorry?“ (Milton Anger): 
Gehört zu den besten Pfeif-Mezzavoce- und Parlando-Leistungen des Publikum- 
lieblings. 

Beka-Lindström. B 6147. „ Menuett “ G-Dur (Beethoven). Münchener Guitarre- 

Kammer-Trio. — Rückseite : „ Moment musical“ (Schubert, opus 94): Virtuose 
Beherrschung und Klangfülle des sonst dünnlichen Instrumentes, im Nebenzimmer 
ist die Täuschung, ein altes Spinett zu hören, vollkommen. (85 — 90 Umdrehungen, 
Lauttonnadel.) 

Columbia. Nr. 4037. „La Cinquantaine“ , Saxophonsolo by Rudy Wiedoeft mit 
Klavier: Cellistische dolcezza eint sich mit verblüffender Technik. Resultat: 

Einzigartige Leistung. „Sax-o-Phun“ (fun) lacht wie ein lebender Mensch — 
unfehlbare Wirkung .... 

Columbia. Nr. 4363. „La Paloma“, Saxophon (Rudy Wiedoeft) und Klavier: Spiri- 
tualisierung napolitanischen Schmachtfetzens, pralles Staccato. — Rückseite: 
„Song of the Volga-Boatsmen“ : Ueppigkeit eines Streichorchesters. 

Orchester 

Electrola. Nr. E J 94. Ouvertüre zu „Der Zigeunerbaron“ (Joh. Strauß). Mitglieder 
der Kapelle der Staatsoper Berlin, unter Generalmusikdirektor Blech: Die klang- 
schöne Platte beweist aufs neue, daß diese sogenannte „Operette“ Meister 
Straußens sich des öfteren zu vollgereifter Oper entfaltet. 



727 



Grammophon. Nr. 66456. „Ballettmusik“, Csardas aus „Ritter Paßmann' (Joh. 
Strauß). Mitglieder der Staatsoper Berlin, Dirigent Robert Heger: Prächtig 
aufgebaute, einfallreiche Rhapsodie mit elektrisierendem Czardas. — Rückseite : 
„ Furientanz “ aus „Orpheus“ (Gluck): Unerhört gestaltete, nie nachlassende 

orchestrale Bewegung. Reiche Akzente, lauteres Vorbild Wagnerscher Steige- 
rungen. 

Parlophon. Nr. P 9111I12. „ Danse macabre“ (C. Saint-Saens opus 40). Eduard 

Mörike mit großem Staatsopernorchester : Distinguiert popularisierte Totentanz- 
Bilder, ebenso klarflüssig wie raffiniert instrumentiert. — Rückseite von Nr. 9112: 
,, Allegro appassionato“ (C. Saint-Saens).' Cellosolo (Emanuel Feuermann). 

Chor 

Grammophon. Nr. 66436. „T ranseamus“ und „Ave Verum ' (Mozart). Basilica- 
Chor, St. Hedwig Berlin, Regens chori: Pius Kalt: Goldklare, dynamisch vor- 
züglich gestufte Aufführung des berühmten Basilica-Chores der Hedwigskirche 
untei seinem überlegenen Führer. 

Columbia. Nr. 9154. „The imprisoned Cossacks “ (Nistschensky). Don-Kosacken- 
Chor (dirigiert von S. Jaroff): Alle stimmlichen, rhythmischen und gestaltenden 
Fähigkeiten dieses vielseitigen Chores gipfeln in der packenden Dramatisierung 
des (Rückseite) : „Signal-Marsch der Kavallerie“ (Kolotolin). 

Electrola. Nr. E J 66. „ Crucifixus “ (Antonio Lotti) und „Adoramus te“ (Giuseppe 

Corsi). Staats- und Domchor unter Leitung Prof. Riidel’s: Diese Vereinigung 
kirchlich und operistisch trainierter Chöre ergeben reizvoll timbrierte Mischung. 

Gesang 

Polydor. Nr. H 70 ooo. „Jechadschehu“ und „Kulom ahurim“ (Tenor: S. Pinka- 
sowicz) und Klavier. 

Polydor. Nr. H 70 024. „ Haschiwenu “ und „ Ma-tauwu “ (Tenor: S. Pinkasowicz), 
Harmonium und Chor: Interessanter Vergleich zwischen durchlichteter Ensemble- 
musik des Abendlandes und dem clair-obscur dieser Rembrandschen Klangbilder. 
Pinkasowicz meistert gleichermaßen Farbe, Umfang, Vibration und melismatische 
Technik. 

Electrola. Nr. D B 132. „ Flohlied “ (Mussorgsky), Baß: F. Schal japin mit Orchester : 
Für Auge, Ohr und Gemüt unvergeßliche Gestaltung des Flohliedes. Welche 
Skala ausdrucksreichsten Gelächters! — Rückseite: „V erläumdungsarie“ aus 
Rossinis „Barbier“ : Ungewohnt grotesk-dämonische Charakterisierung des langen 
Don Basilio. 


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VII. Jahrgang Heft 10 


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Mattheo Quinz Der Korpshund 

Homer Der Hund des Odysseus 

Giuseppe Biancardi Der Variete-Hund 

H. U. Sverdrup Polar-Hunde 

Franz Werfel Der Hund 

Anton Amsel Zecken 

E v.Otto, Bensheim Der chinesische kaiserl Palasthund 
Walter Bondy . . . Der Hund in der chinesischen Kunst 

Auguste Henschke Zieh-Hunde 

Heinrich Paalzow Skipperkes 

Anatole France Gedanken Riquets 

Erna Pinner . . Der Pekingesen- Zwinger of Murmelhof 

Anton Kuh Der Hund als Stammgast 

Anton Tschechoff Kaschtanka 

Bruno Pawlick Der Hundefänger 

Marie Laurencin Le Chien 

Gustav Schallhorn | n , 

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Hauptmann breitkreuz ) 

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Karl Woltskehl Mops und Herr 

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die Anzeigen: Walter Mattheß. Berlin 

Verani wörtlich in Österreich für Redaktion: Ludwig Kiinenberger, für Herausgabe: Ullstein <fc Co., G. m. b H., 
Wien, I.. Rosenbursenstrabe 8. — In der tschechoslowakischen Republik: Wi.helm Neumann, Prag 


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Pieter van Laer (1600—1650) Radierung 


ATMA SCHOPENHAUER 

Von 

S. FRIEDLAENDER 

I I me requt bien,“ erzählt Challemel-Lacour von Schopenhauer, „sans 
cesser de caresser de la main, d’une maniere presque injurieuse pour les 
hommes, un bei epagneul noir. Voyant que je le remarquais, il me dit qu’il 
l’avait appele ,Atma‘ (äme du monde en sanscrit), qu’il aimait les chiens parce 
qu’il ne trouvait qu’en eux l’intelligence sans la dissimulation humaine.“ Jeden 
Nachmittag ging Arthur mit seinem Hunde spazieren und unterhielt sich mit 
ihm laut in englischer Sprache. Resultat seiner Reflexion über die Intelligenz 
des Tieres war der Gedanke, daß wir besser daran getan hätten, vom Hunde 
als vom Affen abzustammen. Der Wolf, sagt er, raube manchmal Menschen- 
kinder, um sie mit seinen Jungen zu erziehen. (Man denke an Mussolinis Ahn- 
herren Romulus und Remus.) Solchen Wolfmenschen habe es mal in einem 
Menageriekäfig gegeben. Zur Belohnung habe der Mensch eine Art Wolf 
humanisiert, den Hund, der nach Cuvier die kostbarste Eroberung der 
Menschen sei. Das einzige Tier, das ein Analogon zum menschlichen Lachen 
zeige, im Wedeln: „Wie vorteilhaft sticht doch diese, ihm von der Natur ein- 
gegebene Begrüßung ab gegen die Bücklinge und grinsenden Höflichkeits- 
bezeugungen der Menschen, deren Versicherung inniger Freundschaft und Er- 
gebenheit es an Zuverlässigkeit, wenigstens für die Gegenwart, tausendmal 
übertrifft.“ Mit dem spanischen Wort: el que no ha tenido un perro, no sabe 
lo que es querer y ser querido — empört er sich über Spinoza, der behauptet, 

73 Vol. 7 

729 




in der ganzen Natur habe der Mensch keinen Freund als den Menschen . . . 
„Hunde scheint er ganz und gar nicht gekannt zu haben“, brummt Schopen- 
hauer, der es allerdings für eine Torheit hielt, Hunde, geschweige Menschen 
wissen zu lassen, wie sehr man sie liebe; wie ein \ erbrechen solle man es eher 
verhehlen. Wirklich war dieser \\ eise mehr tier- als menschenlieb. „Das 
gemeine Volk sieht wie Menschen aus; etwas diesem Gleiches hab ich nie 
gesehn“, zitiert er gern. „Woran sollte man sich von der endlosen \ erstellung, 
Falschheit und Heimtücke der Menschen erholen, wenn die Hunde nicht wären, 
in deren ehrliches Gesicht man ohne Mißtrauen schauen kann? . . „Der 
Hund ist, mit Recht, das Symbol der Treue.“ 

Wer an Schopenhauers Fenster vorbeiging, sah gewöhnlich den Pudel 
hinausgucken; man wohnte ja auch zur schönen Aussicht. Im Münchener 
Zeitungs-Abendblatt vom io. Januar 1860 (Schopenhauers Sterbejahr) wird 
Schopenhauer geschildert als „umgeben von einem ganzen Rudel Hunden". 
Darob amüsiert er sich: „Dies sind die 16 Kupferstiche von Hunden in meinem 
Zimmer, welche die Tradition allmählich belebt hat: — lehrreich für die Ge- 
schichte.“ Die Stiche an den Wänden, an denen sonst nur noch die Bilder 
großer Geister hingen, waren Hundebilder von Ridinger, Woolett u. a. Die 
Lagerstätte des lebenden Hundes bot ein schwarzes Bärenfell. Während der 
Anblick des Menschen fast immer Schopenhauers Widerwillen erregte, ging 
ihm bei dem des Hundes das Herz auf. Das Tier benahm seiner Einsamkeit 
die Oede, heiterte ihn auf, befriedigte ihn durch seine intellektuellen und 
moralischen Eigenschaften. Sogar spielt der Hund in seiner Philosophie eine 
gewisse Rolle, indem er an dessen Verhalten exemplifizierte, daß das Gesetz 
der Kausalität apriorischen Ursprungs ist: ein junger Hund springt nicht vom 
Tische, weil er die Wirkung der Schwere seines Leibes vorhersieht. Als 
Schopenhauer, an der Schnur des Fenstervorhangs ziehend, diesen in der Mitte 
teilt, bemerkt er, daß sein „sehr kluger Pudel ganz verwundert dastand und 
sich, aufwärts und seitwärts, nach der L'rsache des Phänomens umsah, also die 
\ eränderung suchte, von der er a priori wußte, daß sie vorangegangen sein 
müsse . . .“ „.Sehr kluge Hunde, welche bekanntlich einen Teil der mensch- 
lichen Rede verstehen, legen, wenn ihr Herr zu ihnen spricht und sie sich 
anstrengen, den Sinn seiner Worte herauszubringen, den Kopf abwechselnd 
auf die eine und auf die andere Seite . . .; welches ihnen ein höchst intelli- 
gentes und ergötzliches Ansehen gibt.“ Er beklagt, daß besonders Hunde 
gern viviseziert werden, „das moralisch edelste aller Tiere“, — „welchen über- 
dies sein sehr entwickeltes Nervensystem für den Schmerz empfänglicher 
macht“. In der Tat ist Schopenhauer einer der vorzüglichsten Patrone des 
Tierschutzes geworden, er, der sein Lebtag nie vergaß, daß ihn ein Orang- 
L'tan einst umarmt hatte! 

Desto größer war sein Schmerz, als Atma starb: „Meinen teuren, lieben, 
großen, schönen Pudel habe ich verloren: er ist vor Altersschwäche gestorben, 
nicht ganz zehn Jahre alt. Hat mich inniglich betrübt und lange.“ Aber — 
le chien est mort, vive le chien! „Viel wichtiger,“ als alle Diskussionen über 
Herbart, Lotz, Botz und Waitz ist ihm. „daß mein brauner Pudel, jetzt 


730 


i/ Monate alt, ganz so groß und genau so gewachsen ausfällt wie der selige, 
den Sie gekannt haben, dabei aber der lebhafteste Hund ist, den ich jemals 
gesehn.“ Dieser Atma überlebte denn auch seinen Herrn um manches Jahr. 
Denn testamentarisch hatte Schopenhauer ihn mit einer netten Rente bedacht. 
Margarethe Schnepp, die Haushälterin des Philosophen, nahm nach dessen 
Tode Atma II. mit sich nach Pleidelberg. Als mehrere Jahre später der Stadt- 
rat Beck, Schopenhauers Freund, Heidelberg auf suchte, sprang plötzlich der 
Pudel freudig an ihm hoch, und die gerührte Schnepp schluchzte dazu weh- 
mütig: Schopenhauer wäre launisch und heftig gewesen, hätte oft mit ihr ge- 
schrien, aber im Grund hätte 
er's gut gemeint. Mit den 
Tieren wenigstens bestimmt, 
kann man ihr beipflichten. 

Schopenhauer gehört zu den 
Seltenen, die zu Tieren mensch- 
lich sind: „Seinen treuesten 

Freund, den so intelligenten 
Hund, legt der Mensch an 
die Kette! Nie sehe ich einen 
solchen ohne inniges Mitleid 
mit ihm und tiefe Indignation 
gegen seinen Herrn, und mit 
Befriedigung denke ich an den 
vor einigen Jahren von der 
Times berichteten Fall, daß 
ein Lord, der einen großen 
Kettenhund hielt, sich beigehen 
ließ, den Hund liebkosen zu 
wollen, darauf dieser sogleich 
ihm den Arm von oben bis 
unten auf riß, — mit Recht! 

Er wollte damit sagen: ,Du 

bist nicht mein Herr, son- 
dern mein Teufel, der mir 
mein kurzes Dasein zur Hölle 
macht.“ Möge es jedem so 
gehn, der Hunde ankettet.“ — 

Alles in allem genommen, tut ein Hund, der reputierlich behandelt sein 
möchte, wohl daran, sich einen (ob auch noch so bissigen) Phdosophen zu 
halten. Denkt man sich eine Leine zwischen Herrn und Hund, so wäre, 
1 elativistisch mit dem berühmten A. Einstein gerechnet, nicht mehr zu 
unterscheiden, ob der Herr den Hund oder der Hund den Herrn zöge. Wie 
dem auch sei, im Gegensatz zu Goethe, der in seinem Distichon den Hund so 
brutal brandmarkt, dichtet Schopenhauer die Antistrophe: „Wundern darf es 
mich nicht, daß manche die Hunde verleumden; denn es beschämt zu oft leider 
den Menschen der Hund.“ 



Schopenhauer mit seinem Pudel. Holzschnitt von Ettl 
(1888). Mit Genehmigung des Verlages Piper, München 


731 



Edwin Landsccr 


Radierung 


LONDONS HUNDE-MODE 

Von 

H. £. CHE ES EM AN 

"Y,»7”ieder einmal wechselt die Hundemode in England. Bis vor wenigen 
VV Wochen besaß Seine Hunde-Hoheit der Pekingese die Alleinherrschaft 
und das Privileg der Vorliebe der englischen Gesellschaft. Seine garstige 
Majestät war an die Stelle der größeren Hunde gerückt — des schönfelligen 
Bernhardiners und der granitfarbigen dänischen Dogge — , jetzt aber ist der 
Schoß der schönen Frauen nicht länger sein Thron. 

Es hat eine Revolution gegeben, und Seine Hunde-Majestät mußte zu- 
gunsten einer intelligenteren Herrschaft, des klugen White West Highland 
und des eigenartigen Papillon, abdanken. 

Dieser große Wandel mußte kommen, denn jedermann weiß, daß Frauen 
von jeher von Zeit zu Zeit ihren Geschmack geändert haben. Einen tatsäch- 
lichen Grund für den Sturz der Pekingesenherrschaft gibt es gar nicht, wenn 
man das nicht als Grund ansieht, daß die extravagante und supermoderne Frau 
glaubt, sie müsse ihr Hundespielzeug zuweilen wechseln wie ihre Hüte und 
Kleider, ihren Lieblingsautor, ihren Bühnenschriftsteller und die Farben in 
ihrem Heim. Daher sieht man heute den kühnen, kleinen White West High- 
land an einer fadendünnen Leine oder auf dem Arm, wo eine andere Kategorie 
Frauen-Handtaschen, die die Form von Tieren haben, trägt. 

Auch im Heim hat Seine entthronte Majestät nicht mehr den Lieblingsplatz 
inne, und in wenigen Monaten schon wird sicher einer der beiden Hunde, die 
jetzt den Pekingesen von seinem Vorzugsplatz verdrängt haben, wieder über- 


732 



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Dolbin 


holt sein, vielleicht von dem 
rauhhaarigen Dachshund, einer 
Rasse, die sich gerade in die 
Gunst mancher Kreise einzu- 
schmeicheln scheint. 

Nun liegt die Frage auf der 
Hand, was wohl an den anderen 
Hunderassen, die niemals Lieb- 
ling des Publikums werden, 

Häßliches oder Verkehrtes sei. 

Niemals wird man eine hübsche 
Frau der guten Gesellschaft z. B. 
mit einem Mops sehen. Seine 
ganze Haltung und sein Aus- 
sehen würden unmöglich zu einer 
eleganten Erscheinung passen. 

Ob jung, ob alt, jede Frau 
muß heutzutage ihren Hund da- 
nach wählen, ob er mit ihrer Erscheinung harmoniert. Ihr Hunde-Spielzeug 
muß die richtige Nuance haben, muß so aussehen, als wäre es gerade für diesen 
einen Zweck geschaffen. 

Was aus den entthronten Favoriten wird, kann man nur vermuten. Manch- 
mal gehen sie zum Züchter zurück, oder sie werden vielleicht einem Dienst- 
boten geschenkt, gerade wie andere abgelegte Sachen auch, Mäntel, Hüte, 
Schuhe, Strümpfe oder sonstiger Krimskrams. 

Man kann es kaum glauben, und doch ist es Tatsache, daß jährlich für 
Hundespielzeug gerade so viel Geld ausgegeben wird wie für Theater. 25 Gui- 
neas ist der Durchschnittspreis, den Frauen für solche Puppe zum Spielen, 

deren Luxus- und Schoß-Leben 
nicht länger dauert, als die Laune 
ihrer Herrin anhält, bezahlen. 

Aber inmitten all dieses 
Wechsels gibt es ein Mitglied der 
großen Pekingesenfamilie, das 
sich keine Sorgen zu machen 
braucht, und das sich als den 
glücklichsten Hund Englands 
schätzen kann. Er gehört Lord 
Lambourne, dem Nachbarn des 
Chesterfield House, das das Heim 
der Prinzessin Mary ist. Und 
dieses beneidenswerte Tier darf 
sich in königlichem Bereich tum- 
meln und mit den beiden Kindern 
der Prinzessin spielen. 

(Deutsch von Eva Maag.) 



733 


RIN-TIN-TIN 

Von 

GEORG VICTOR MER DEL 

H ier ist nicht der Ort, filmästhetische Probleme zu erörtern. Hier wollen 
wir uns vielmehr nur mit einer kleinen Nebensächlichkeit befassen, die 
oft schon den gerechten Zorn so manchen Tierfreundes und Tierkenners erregt 
hat, da er immer wieder sieht, wie falsch die Filmleute seinen Liebling, den 
Hund, in ihren Werken behandeln und auswerten. Natürlich haben auch sie 
gemerkt, welche unendlichen Gemütswerte die Verwendung von Tieren für 
den Film bedeutet. Sie machen deshalb auch überall, wo es nur irgend an- 
geht, ausgiebigen Gebrauch von Viehzeug aller Art, bringen es mit Vorliebe 
noch im Zusammenspiel mit Kindern und kommen so ganz automatisch fast — 
auf den Hund, der bei seiner Intelligenz und leichten Dressurfähigkeit das 
Nächstliegende bleibt. 

Aber wie tun sie das? Wir müssen da vorerst eine Trennungslinie ziehen 
zwischen Filmen, in denen der Hund lediglich episodenhaft oder gar nur als 
Staffage aufzutreten hat, und solchen, in denen ihm die tragende Rolle zuge- 
dacht worden ist. Im ersten Falle kann man wenig aussetzen; wo der über- 
schlanke elegante Barsoi der Dame von Welt das Relief gibt, wo der Schäfer- 
hund lediglich als treuer Wächter die verfolgte Unschuld beschirmen, das tap- 
sige Puppy ein amüsantes Gegenspiel zu kindlicher Niedlichkeit bieten soll, 
da werden selten nur einmal grobe Böcke gegen die Psychologie des Hundes 
geschossen werden. Und selbstredend gibt es auch Fälle, wo wirkliche Kenner 
reine Kulturfilme über den Hund im Dienste des Menschen gemacht haben, sei 
es als Blindenführer, Jagdgenosse oder Polizeigehilfe. Daß hier alles stimmt, 
darf hier im vorhinein angenommen werden. 

Ebensowenig soll man sich beklagen, wenn der Hund in den köstlichen 
amerikanischen Grotesken Aufgaben zugemutet bekommt, die zu seinem eigent- 
lichen Wesen recht wenig passen; denn da entschuldigt ja die gesteigerte 
Komik ohnehin jede Unwahrscheinlichkeit im voraus. 

Schlimm wird die Sache erst, wenn der Hund der Titelheld eines Films 
wird. Denn dann soll er mit eigenen Taten die ganze Handlung ausfüllen, die 
gespickt voll ist mit wilden Sensationen. In derartigen Sensationsfilmen 
halten sich schon die Menschen nicht allzusehr an die strengen Gesetze der 
Logik — siehe Harry Piel und Genossen — , obwohl doch gerade ihnen 
menschenmögliche Taten in Ueberfülle zur Verfügung stehen. Lim wieviel 
weniger aber kann ein Hund mit seinem immerhin doch recht engen Gedanken- 
und Körperkomplex einen ganzen Sensationsfilm ausfüllen! Trotzdem ver- 
sucht man es, äußerlich sogar mit einem Scheinerfolg, innerlich jedoch unter 
völliger Vergewaltigung der Psychologie und Physiologie des Hundes. 

Das typische Beispiel sind die zahlreichen „Rin-Tin-Tin“-Filme. Zu was 
allem dieses schöne und zweifellos auch hochintelligente Tier schon mißbraucht 
worden ist, schreit zum Himmel. Man hat vor allem aus einem Hund eine . . . 
Katze gemacht! Niemals wird er seinen Gegner nach biederer Hundeart 
geradeswegs anfallen; nein, er schleicht sich viele Meter — auch Film- 


734 


nictcr natürlich lang an den Feind heran, um endlich den befreienden 
Sprung zu tun. Aber auf diese Filmmeter eben kam es ja dem Regisseur auch 
an! Sie erhöhen die Spannung , die ihm nun einmal oberstes Gesetz ist. Um 
der Spannung willen dauert auch das Eingreifen des Hundes in allen anderen 
hüllen so lange, wie kein echter Hund seinen Herrn im Ernstfälle in Lebens- 
gefahr schweben ließe. 

Andererseits dichtet man ihm Fähigkeiten an, wie sie kein Hund jemals 
körperlich oder gar geistig besitzen kann. Man vergißt vollkommen, daß Hunde 
doch in erster Linie Nasentiere sind, daß ihnen umgekehrt das Auge herzlich 
geringe Dienste leistet. Bei Rin-Tin-Tin ist es gerade umgekehrt. Er wird 



Jakob Jonckhecr (17. Jahrh.) 


Radierung 


niemals wittern, dagegen vermag er auf Meilen hinaus- noch besser zu sehen 
als wir mit einem Scherenfernrohr. Würde nicht die fast natürliche Witterungs- 
gabe des Hundes eigentlich uns Menschen weit sensationeller erscheinen? 
Würde nicht gerade sie weit öfter zur Lösung dramatischer Konflikte und 
Spannungsmomente dienen können? 

Geradezu lächerlich mutet es an, wie dieser Hundestar mit seinen mensch- 
lichen Gegnern fertig werden muß. Stets richtet sich sein Angriff auf die 
. . . Hosenbeine; krampfhaft ist er bemüht, dem Bösewicht diese wohl wattierten 
Kleidungsstücke herunterzureißen. Jeder halbwegs „auf den Mann“ dressierte 
Hofköter bei uns wirft den Feind mit seinen Pranken zu Boden, stellt sich 
mit geöffnetem Gebiß über ihn und packt erst dann — und dann aber 
richtig — nach dessen Hals, wenn der Bedrohte sich zu wehren versuchen 
sollte. Da auf diese, bei einem gut abgerichteten Hund sogar ganz ungefähr- 


735 


liehe Art, solch ein Film bereits im zweiten Akt sein natürliches Ende fände, 
weil ja der Missetäter sehr schnell unschädlich gemacht wäre, so darf eben 
der Hund nicht wirklich Hund sein! 

Die Kette der Beweisführung kann noch seitenlang fortgeführt werden, 
nicht nur gegen Rin-Tin-Tin, sondern gegen alle seine Konkurrenten, mögen 
sie nun Barry, Strongheart oder sonstwie heißen. Alle diese Hundestars sind 
zu Rollen verdammt, die ihrer armen Hundeseele gar nicht liegen. Das Glück 
bei der Sache ist schließlich nur, daß sie keine Ahnung von dem haben, „was 
gespielt wird“. Wie könnten sie auch wissen, daß ein Leuchtfeuer um Himmels 
willen nicht ausgehen darf, so daß sie es dann eigenpfötig wieder anziinden 
müssen; wie sollten sie ahnen, daß bei einer Gerichtsverhandlung heftigste 
Wünsche nach einem ausgebliebenen Zeugen wach werden, die sie dann durch 
zwangsweise Vorführung des Säumigen erfüllen? 

Ach nein! Sie spielen ihre Soloszenen zumeist schon, lange bevor über- 
haupt das Manuskript zum Film vorliegt. Tausende von kleinen Aufnahmen 
werden von ihnen in allen möglichen Bewegungen gemacht, vom verschmitzten 
Kopfdrehen und grimmigen Knurren bis zum klagenden Heulen und sanften. 
Schlafen. Und erst, wenn der Regisseur über eine überreiche Auswahl an 
solchen „Großaufnahmen“ verfügt, wenn er bestimmt nicht in Verlegenheit 
kommen kann, sobald er irgendeine Gemütserregung „einschneiden“ muß, 
dann erst stellt man auf Grund des vorliegenden Materials das Manuskript 
zusammen. Natürlich wird auch dieses sich noch so manche grundlegende 
Aenderung gefallen lassen müssen, weil der Hund irgendwo nicht so recht 
mitmachte, wie es das Szenarium vorschrieb; oder, weil er umgekehrt irgendwo 
ein „Extempore“ einlegte, das besonderen Effekt machte und auf das hin man 
einige neue Szenen hinzudichten konnte. 

Es ist wirklich keine Kleinigkeit, Hundefilme zu machen; das sei hier 
ausdrücklich anerkannt. Ob man sie aber dennoch nicht mit ein wenig mehr 
Verständnis für die Hundeseele hersteilen könnte, ob sie nicht gerade dann 
weit eher noch für die Liebe zum Tier werben könnten, eben weil es echt 
und unverfälscht bleiben darf, das bleibt die große Frage. 



Erna P inner 



> C. n..Ii.,n 


Knglischc Bulldogge. Champion Bedgehnrv Lion 



Japanischer Chin. Champion Hisa 




V* 




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285 




**-~. 




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Mexikanischer Nakthund 


Photos G. Bolton 






Chinesische Marmorplastik der Sung-Dynastie 


Bes. E. Worch 



Samojeden-Spitze (Polar- oder Nordlandhunde) 


Photo Stephen Cribb 





DER KORPSHUND 

Vo n 

J IA TT II El) QU1NZ 

In einer Nebenstraße der Karlstraße, unweit der Charite, be- 
treibt Herr Franz Schüttehelm eine Gastwirtschaft. Bis vor 
20 Jahren, Herr Schüttehelm zählt heute 72, war Herr Schütte- 
helm Fax bei einem der feudalsten Korps in Bonn. Heute 
betreut er in seinem Lokal die Angehörigen mehrerer kleiner 
Verbindungen, die sich eigene Heime nicht mehr leisten können. 
Als Kenner der Materie war er so freundlich, unserem Bericht- 
erstatter einige Auskünfte zu geben. 

U nseren guten alten Studentenhund hat der Fiskus verschluckt. Das ist 
eine traurige Wahrheit. Aber welcher Student sollte heute das Geld für 
die Steuer aufbringen, wo der Monatswechsel kaum so viel ausmacht wie ein 
Steuerquartal? Ganz allein ist der Fiskus auch nicht schuld, sondern das Aus- 
sterben der wirklichen Zimmervermieterinnen, die sich des Hundes annehmen, 
und die Gastwirte, die heute gleich 30 Pfennig für eine Portion Knochen 
fordern. 

Nur noch in Erlangen gibt es Studentenhunde wie früher, weil da der Ma- 
gistrat ein Einsehen hatte und Hunde von Immatrikulierten steuerfrei gelassen 
hat. Aber ihre Künste können sie dort auch nicht mehr zeigen. Ist es doch 
vorgekommen, daß ein Studiosus wegen Unfugs angezeigt worden ist, weil er 
sich von seinem Hund das Bierglas hat nachtragen lassen. Dazu ist doch der 
Hund da? Oder nicht? Nur mit Sport ertüchtigt man die Jugend nicht, auch 
die alten Bräuche hatten ihr Gutes. Wie richtig hat der Hund früher seinen 
Herrn ins Kolleg geführt, hat ihn vorher geweckt, am Abend vorher richtig 
nach Hause gebracht. Das waren alles Dinge, die das Leben erheiterten. 

In Norddeutschland gab es eigentlich nie Korpshunde, was daran liegt, daß 
in allen Lokalen von Kellnern bedient wird, während der Hund bekanntlich auf 
die Kellnerin dressiert ist und es gar keinen Fez macht, wenn er einen Kellner 
jagt. 

Ich selbst habe viele berühmte Hunde gekannt. Die Bonner Borussen hatten 
lange Zeit ’ne Dogge, die direkt von der Bismarckschen abstammte, und be- 
rühmt war der ,, Methusalem“ der Saxonen, der ein biblisches Alter erreichte 
und seinen Namen von dem Karl Mayschen „Blauroten Methusalem“ her hatte. 
Methusalem konnte bis zu 12 Liter Bier vertragen und hat Jahre hindurch 
diesen Rekord gehalten. Er starb an Nierenschrumpfung, sonst die Gastwirts- 
krankheit genannt, und wurde mit solennen Ehren begraben. Uebrigens war 
er nicht nur ein fester Trinker, sondern auch ein erstklassiger Läufer, der bei 
dem alljährlichen Hunderennen oft siegte; allerdings wußte er, daß ihn am 
Ziel eine große Molle Bockbier erwartete, das er besonders liebte. Ein anderes 
Korps hatte mal einen weißen Pudel, der das volle Bierglas auf dem Kopf 
balancieren konnte und auch auf zwei Beinen, das Glas im Maul, in die Kneipe 
spazierte. Die Sensation dauerte aber nur einige Tage, Methusalem biß den 


737 


Pudel, als er ihn das erstemal sah, kaputt, so hatte ihn der geschniegelte Fatzke 
geärgert. Wie viele Forderungen daraus entstanden, weiß ich nicht mehr. 

Also: wenn Sie noch mehr über Korpshunde wissen wollen, müssen Sie 
nach Erlangen fahren, wo noch ein menschenfreundlicher Magistrat ist. Meine 
beiden Töchter, die dort verheiratet sind, natürlich beide an Akademiker, haben 
beide Prachtexemplare von deutschen Doggen, die Ihnen alle Künste eines 
echten deutschen Studentenhundes vorführen können. 



Johann Adam Klein Radierung 


DER HUND DES ODYSSEUS 

Doch ein Hund lag da, der Kopf und Ohren emporheb, 

Argos, den der Dulder Odysseus selber erzogen, 

Aber der Zug ins heilige Troia ließ ihn des Hundes 
Sich nicht lang erfreun. Vorzeiten, da führten die jungen 
Männer ihn wider wilde Ziegen und Hasen und Rehe, 

Dann aber lag er verachtet, als sein Gebieter clavonzog, 

Auf einem Haufen Dünger, der vor den Pforten von Rindern 
Und von den Eseln geschichtet, bis ihn die Knechte des Herrsdiers 
Feldwärts schafften, die weiten Triften des Königs zu düngen. 
Und da lag nun Argos, der Hund, von Läusen gepeinigt. 

Aber sobald er nur das Nahn des Odysseus bemerkte, 

Wedelte er, und seine Ohren senkten sidi leise, 

Dodi er vermodite nidit mehr, sidi seinem Herrn zu nähern. 


73 8 





Der aber blickte beiseite, damit Eumaios nicht sähe, 

Wie eine Träne ihm rann, und schnell begann er zu fragen: 

„ Wunderbar , Eumaios, ist doch der Iluncl auf dem Dünger, 
Prächtig ist seine Gestalt, doch kann ich natürlich nicht missen, 
Ob er bei solchem Wuchs auch schnell im Laufen gewesen 
Oder nur so wie Hunde, clie um die Tische cler Herren 
W edeln, und die man nur des Prunkes wegen sich großzieht .“ 
Drauf erwidertest clu, o göttlicher Sauhirt Eumaios: 

„O, clu würdest erstaunt die Kraft und Schnelle bewundern, 

W äre der Hund, der jenem Fernhingesdiiednen gehörte, 
i\och so prächtig und rüstig wie damals, als ihn Odysseus 
Vor cler Fahrt nadi Troia uns hier im Lande zurückließ. 

W elches Wilcl er auch jagte, im tiefen Dickicht des Waldes 
Könnt' es nie entfliehn, denn sicher fand er die Fährte. 

Nun verkommt er im Elend, seit sein Gebieter im fernen 
Lande gestorben; clie lässigen Mägde versäumen die Pflege. 

Ist kein Herrscher mehr da, mit Kraft und Stärke zu walten, 
Wollen clie Knechte auch nicht clie schuldige Arbeit verrichten. 
Nimmt doch der allüberschauende Zeus clie Hälfte des Wertes 
Jedem Mann, sobald die Stunde der Kneditschaft ihm nahte.“ 
Also spradi er und ging hinein in clie prächtige Wohnung, 

Sdiritt dann sogleidi in den Saal in die Mitte der trotzigen Freier. 
Aber clen Argos erfaßte das finstere Sdiicksal des Todes, 

Als er Odysseus nadi zwanzig Jahren wiedergesehen. — 

(Odyssee, 17. Gesang, Deutsch von Thassilo v. Scheffer, im Propyläen-Verlag.) 


DER VARIETE-HUND 

Von 

GIUSEPPE BIANCARDI (,-on Den „RlcorDlnl-Brolber/j 

E igentlich betreiben mein Bruder und ich heute das als Beruf, was wir früher 
aus Langweile und nur zum Zeitvertreib gemacht haben. Unser Vater, 
Munizipalbeamter in Mailand, hat uns gewiß nicht zu Artisten bestimmt. Mein 
jüngerer Bruder sollte in eine Anwaltskanzlei eintreten, ich selbst sollte 
studieren. Aus den Resultaten der Langweile der Vorbereitung auf diese 
Berufe ist unsere ganze Nummer zusammengesetzt. Den Trick, drei fliegende 
Bälle und später fünf so klapp-klapp mit dem Hut zu fangen, konnte ich schon 
als kleiner Bub. Wenn man mich zur Erledigung meines Schulpensums ins 


739 


obere Zimmer einschloß, übte ich ihn stunden- 
lang und habe für diese Uebung manche väter- 
liche Ohrfeige bezogen. Uebrigens war meint; 
damalige Uebung wesentlich komplizierter als 
das, was ich heute mit großem Erfolg vor- 
fiihre; damals arbeitete ich mit Papierkugeln, 
Radiergummi, und was mir sonst zur Hand 
war, während meine jetzigen Bälle im Ge- 
wicht gleich sind. Das muß aber so sein, 
wegen der Sicherheit vor dem Publikum. Vom 
Studium erlöst hat uns der Krieg, und hier 
zeigte sich, daß einem jungen Mann, wenn es 
um die liebe Haut geht, die Schulweisheiten 
gar nichts nützen. Mir haben meine artisti- 
schen Fertigkeiten über den Isonzo hinweg- 
geholfen: ich war bald als komischer Jongleur 
in allen Offizierskasinos bekannt und beliebt 
und wurde geschont wie ein kostbares 
optisches Instrument. Mein Begleiter war ein 
Hund internationaler Weltkriegsmischung, der 
wegen seiner langen Nase den Namen Cyrano 
hatte. Wiederum aus Langweile fing ich mit 
ihm zu experimentieren an und kam so auf 
meinen Hundetrick, mit dem ich jetzt rund 
um die Welt segle. Cyrano ist durch Pinchi 
ei setzt, unseren lieben Kollegen. Wir haben 
oft daran gedacht, auch mit anderen Tieren 
zu reisen, wollen aber beide nicht im allgemeinen Sinne Tiere dressieren, 
sondern sie lieber nur als Figuranten für unsere kleinen Geschicklichkeits- 
komödien verwenden, und dafür scheinen uns Hunde am geeignetsten ; sie sind 
am menschenähnlichsten. Für alle Tierdarbietungen bleibt der Bergsonsche 
Grundsatz Gesetz: „Man lacht über ein Tier, weil man in ihm eine gewisser- 

maßen menschliche Haltung oder Mimik entdeckt.“ Auch wollen wir aus noch 
einem Grund nicht andere Tiere in unsere Truppe auf nehmen: die ewige Sorge 
um diese Partner ist so groß. Der Artist hängt am Tier mehr als an seiner 
Frau. Es ist ihm das, was einem anderen Menschen das Zuhause repräsentiert. 
Wie wir im Vorjahr im September in New York waren, erlebten wir eine er- 
schütternde Tragödie. Yay Epstein, einer der besten Tierdresseure, ver- 
brannte bei dem Versuch, seine dressierten Tauben, Katzen und Enten aus 
einem brennenden Hause des Varieteviertels zu retten. — Hunde haben noch 
einen Vorzug: sie sind nicht hysterisch, sondern präzis und zuverlässig in 
ihrer Produktion. Also bleiben wir bei Pinchi. 

Entscheidend für unseren Entschluß, zum Variete zu gehen, war erstens 
unsere Unlust, uns in Büros oder ähnliches klemmen zu lassen, und zweitens 
der Eindruck, den auf uns der berühmte Clown Porto machte, als wir ihn zun 
ersten Male sahen. Das war das Ereignis, das den ganzen Krieg in uns aus- 



Dolbir». 




740 


wischte, so haben wir gelacht. Auf einmal war alles andere für uns erledigt: 
wir fingen an, Clowns und Komiker zu studieren, die Technik ihrer Komik, 
verkehrten in Artistenbars und hatten bald heraus, was für uns richtig war: 
ganz einfache kleine Tricks mit ernstester Sachlichkeit vorzuführen, ohne 
Pointen und Effekte. Gerade die mißverstandenen Selbstverständlichkeiten 
wirken. Dazu nutzten wir natürlich unsere körperliche Erscheinung aus: wir 
sind nämlich beide fest überzeugt, daß wir zwei fabelhaft elegante und schöne 
Gentlemen sind. Das ist unser stärkster Trick, der aber wiederum aus Lang- 
weile geboren ist: denn aus diesem edlen Grunde haben wir uns immer recht 
viel Zeit gelassen, unsere äußere Erscheinung zu pflegen. Auf sie stutzen wir 
nun die Einfälle zurecht, die uns immer wieder durch den Kopf gehen. In der 
Beziehung ist mein Bruder Meister. Nur hat er die schlechte Angewohnheit, 
seine neuen genialen Einfälle zuerst einmal an mir auszuprobieren. Falle ich 
herein, so ist er selig. Das ergibt allerdings für mich das fatale Risiko, daß ich 
bei keinem Gegenstand, bei keiner Begegnung, die mit meinem Bruder 
zusammenhängt, sicher bin, nicht geblufft zu werden. Außerdem sind die 
Lieblingsideen meines Bruders immer so ausgedacht, daß ich als Pointe ent- 
weder einen Schlag auf den Kopf bekomme oder ähnlichen Zärtlichkeiten aus- 
gesetzt bin. Die verschluckten Stecknadeln in der Ausführung, wie ich sie 
exekutiere, stammen aus seinem Gehirn. Ich habe ihn sehr im Verdacht, daß 
das seine Lieblingsnummer ist, weil er weiß, daß sie nicht ganz schmerzlos ist. 

Manchmal, wenn wir einen ganz großen Erfolg haben, schäme ich mich vor 
den anderen Kollegen, die schwer arbeiten, Abend für Abend ihr Leben riskieren, 
während wir den Applaus abschöpfen. Ich weiß ja nicht, was beim Variete 
wichtiger ist: dem Publikum eine Gänsehaut über den Rücken laufen zu lassen 
oder sein Zwerchfell zu kitzeln. 

International ist beides: die Sen- 
sation und das Lachen. Mir be- 
kommt das Lachen besser, und mei- 
nen Zuschauern vielleicht auch. Auf 
alle Fälle aber meinem Hund: er 
ist jetzt siebzehn Monate beim 
Variete, aber irgendwelche hals- 
brecherische Produktionen kann er 
noch nicht sehen; dann klemmt er 
sein Schwänzchen ein und verkriecht 
sich gesträubten Haares und wim- 
mernd hinter einem Dekorations- 
stück, dagegen lacht er mit Leiden- 
schaft, so wie seine Herren. 

Draco. 




7 4i 


POLARHUNDE 

Von 

H. U. SVERÜRUP 

Professor der Meteorologie, Geopliysisclies Institut, Bergen 

U nter Polarhunden versteht man meistens die Grönlandhunde. Mit diesen 
erreichte Peary den Nordpol, Amundsen den Südpol, und mit ihnen reiste 
Knud Rasmussen von Grönland bis zur Beringstraße. Herrliche Schlittenhunde, 
treu, ausdauernd und genügsam, aber streitbare Raufbolde. Es gibt mehrere 
Polarhundrassen: die großen, langbeinigen Alaskahunde, die kleinen, zottigen, 
aber klugen Samojedenhunde, die prächtigen, hochgebauten Hunde aus dem 
Jenisseygebiet, die den Grönlandhunden näher stehen, die schmächtigen, 
schnellen IColymahunde, die grauen, wolfsähnlichen Hunde aus Anadyr und 
die kleinen, zausigen, verhungerten und ausgemagerten Hunde, mit welchen 
die Tschuktschen, die Eskimos Sibiriens, unglaublich lange Strecken zuruck- 
legen. 

Persönlich habe ich nie mit Grönlandhunden zu tun gehabt, aber ich kenne 
alle die sibirischen Polarhunde durch die langen Jahre, die ich an den Küsten 
Sibiriens und draußen im Treibeis zugebracht habe. Ich brauche nur die 
Augen *zu schließen, und die Bilder aus jener Zeit ziehen an mir vorbei. 

Ich stehe fertig gerüstet da zur langen Fahrt nach Norden bei Kap Tschel- 
juskin, der Nordspitze Asiens. — Unsere großen, weißen Jenisseyhunde stehen 
da und zerren an den Leitseilen; sie zittern am ganzen Körper aus Eifer und 
Ungeduld, die Ohren stehen steif, und die Schweife wehen im Sturm wie 
Federpuschel. 

Oder ich sehe sie im tiefen, lockeren Schnee dem schweren Schlitten voran- 
eilen. Die Schweife sind längst über den Rücken hinabgeglitten, denn es ist 
harte Arbeit. Die Tiere keuchen und pusten, sie plagen sich um jeden Fuß 
breit, sie werfen sich gestreckt nach vorn und ziehen mit aller Macht. Aber 
sie lieben ihre schwere Arbeit und würden sie niemals aufgeben. — Wenn 
der Abend kommt und die Zelte aufgerichtet werden in der todeseinsamen 
Schneew'üste, sind sie oft nicht einmal aufgelegt, sich hinzulegen. Sie schlucken 
die Pemmikanstücke, die sie zugeworfen bekommen, und rollen sich zu- 
sammen, das Schwanzende über die Nase gelegt. Aber am nächsten Morgen, 
wenn man das Zelt abdeckt, erheben sie sich steifbeinig, wedeln freudig und 
strecken Kopf und Hals vor, um angeschirrt zu werden, um eifriger noch als 
gestern die neue Tagesarbeit zu beginnen. 

In einer Nacht wachte Planssen auf, denn ,Rex‘, unser größter Zughund, 
knurrte draußen wie rasend. Hanssen guckte hinaus und wurde Zeuge eines 
köstlichen Schauspieles: Am Abend hatte ,Rex‘ nicht seine ganze Pemmikan- 
ration aufgefressen. Nun lag da ein Eisbär flach auf dem Bauch vor ,Rex‘ 
und versuchte, mit den Tatzen das Fleischstück zu erwischen. Aber so oft 
der Bär eine I atze vorsichtig ausstreckte, fing Rex wie rasend an zu knurren 
und seine Zähne zu zeigen, worauf der Bär sofort die Tatze zurückzog, als 
ob er sich verbrannt hätte. 


742 



Aber Rex war angebunden; hätte der Bär seine Aufmerksamkeit von dem 
Fleischstück abgewendet, dann hätte Rex nicht seine blitzartige Geschwindig- 
keit gegen ihn ausniitzen können. Ein wohlgezielter Schlag mit der schweren 
Tatze — und wir hätten unsern kostbarsten Hund verloren. Darum griff Hanssen 
leise nach der Büchse, ein Schuß krachte, und durch den Kopf getroffen sank 
der Bär zusammen. 

Gute Bärenhunde waren eigentlich unsere Jenisseyhunde nicht. Sie hatten 
nicht, wie die Grönlandhunde, gelernt, dem Bären standzuhalten, ihn aufzu- 
halten, bis der Jäger kommt, ihn 
von rückwärts anzugreifen, mit 
Schnappen und Beißen zu reizen 
und wie der Blitz zu verschwinden, 
wenn der Bär sich endlich um- 
ständlich umdreht und nach allen 
Seiten blinzelt. — Unsere Hunde 
waren nicht furchtsam, sie fürchteten 
sich nur bei einer wilden Jagd übers 
Eis. Aber sie waren ausgezeichnete 
Wachthunde. Und später, als wir 
mit ihnen entlang der Küste bei der 
Beringstraße reisten, von einer 
Tschuktschenniederlassung zur an- 
dern, erlaubten sie keinem Unbe- 
fugten, an unseren Sachen zu rühren. 

Ich erinnere mich an eine 
Episode: Wir haben haltgemacht bei 
einem Tschuktschenzelt, um uns mit 
einer Tasse heißen Tees zu wärmen, 
die uns gastfreundlich angeboten 
wurde. Da ertöntvon draußen einver- 
zweifelter Schrei. Ein Tschuktsche 
hatte unseren Schlitten näher unter- 
suchen wollen, hatte sich über ihn 
gebeugt, um die Schnüre zu lösen, 
aber im nächsten Augenblick hatte 
er ein rasendes Bellen gehört und 




Käte Wilczynski 


Bamses scharfe Zähne in seinem Hinterteil gefühlt. Nun lag er auf dem Bauch 
über dem Schlitten und schrie um Hilfe. Er wurde befreit, aber es dauerte 
lange, bis er wieder sitzen konnte. 

Die Tschuktschen sind an solche temperamentvollen Hunde nicht gewöhnt, 
und sie werden sicher an sie noch dann denken, wenn sie uns selbst schon 


längst vergessen haben. 

Ein anderes Bild: Unsere Hunde in wilder Rauferei; Eintritt frei für 
alle! Sie unterscheiden nicht zwischen Freund und Feind; plötzlich über- 
schlägt sich einer, und schon stürzen sich die anderen über ihn. Ritterlichkeit 
gibt es nicht in diesem Kampf, alle Raubtierinstinkte sind erwacht; wehe dem 


743 


Besiegten! — Da stürzen ein paar Männer herbei, schlagen links und rechts 
in die heulende Meute, greifen hinein und packen den einen beim Nacken, 
schleudern ein paar andere zur Seite und retten den armen Kerl, der drunter 
liegt. Kaum steht der wieder auf seinen vier Beinen, da wirft er sich schon 
auf den ersten besten und fängt wieder zu raufen an. Nur dei kleine, zausige 
Samojedenhund Lasse ist zu klug, um sich einzumischen. Mit anderen Samo- 
jedenhunden könnte er sich messen, aber er weiß aus trauriger Erfahrung, 
daß er sich im Streit mit den großen Jenisseyhunden mehr Hiebe holen würde, 
als er zählen kann. Fletscht einer von den großen Herren nach ihm die 
Zähne, dann rollt er sich sofort auf den Rücken, streckt seine vier kurzen 
Beine in die Luft und wedelt energisch und unbedingt in tiefster Untertänig- 
keit. Er weiß, daß kein Hund, der Selbstachtung besitzt und nur zum 
Sport rauft, ihn anrühren wird. — 

Ein neues Bild rollt sich ab: Ich fahre vornehm über den Kolyma-Elf, 
vierzehn schnellfüßige Hunde vor den Schlitten gespannt. Das Wetter ist 
herrlich, der Schlitten leicht und der Weg hartgefahren. Die Hunde laufen 
in sausender Fahrt, die wehenden Schwänze hoch über dem Rücken. Mein 
Schlittenjunge sorgt dafür, daß keiner seine Pflicht vernachlässigt, er schont 
keinen, der sich von der Arbeit drücken will. 

Helfen ein paar scharfe Zurufe nichts, dann saust der schwere Bremsstock 
durch die Luft, der Sünder heult auf und legt sich im nächsten Augenblick- 
flach in die Sielen. 

Die Spur teilt sich; ein Ruf vom Schlittenführer, und das Gespann biegt 
auf den richtigen Weg ein. — Es liegt etwas auf dem Weg — ein neuer 
Zuruf, und das ganze Gespann steht still. Man bewundert die glänzende Dressur 
und die Fähigkeit des Leithundes, auf die verschiedenartigen Zurufe richtig 
zu reagieren. 

Hier, wo sich die sibiriakischen Nachkommen der Kosaken gemischt 
haben mit den Pelzjägern, die vor 300 bis 400 Jahren durch Sibirien bis zu 
den abgelegensten Strecken vorgedrungen sind, hat sich das Fahren mit 
Hunden bis. zu einer Kunst entwickelt. 

Wenn man sein eigenes Gespann kutschiert, so lernt man eine Menge 
Menschenkenntnis, indem man seine Hunde studiert. Es sind nicht zwei von 
ihnen gleich! Einer ist träge und unlustig, wenn die Tagesarbeit beginnt, und 
muß die harte Hand fühlen, damit er seine Pflicht tut. Ein anderer ist über- 
eifrig und gibt sich im Laufen schon in den ersten Stunden aus. Bei einem 
muß man sehr vorsichtig sein mit Schlägen; hat er sic nicht verdient, wird 
er scheu und gekränkt. Ein anderer ist wieder ein Lump, den man beständig 
in den Augen behalten muß. Einer hört wieder nur auf den Schlittenjungen, 
einem wieder fehlen alle liebenswürdigen Seiten. Jeder hat seinen individuellen 
Charakter; aber wenn cs auch große Verschiedenheiten gibt und die guten 
Eigenschaften bei den Polarhunden in verschiedenem Maße entwickelt sind, 
eine ist jedem von ihnen im höchsten Grade eigen: die Treue. 

Wochen und Monate, ja oft Jahre sind sie dem Polarreisenden Freunde 
und Helfer, Diener und Kameraden. Er ist auf sie angewiesen und sie auf 
ihn. Kein Wunder, daß sie treu und fest Zusammenhalten! — 

Deutsch von Olga Fetter. 


744 



Prince Charles. (T oy-Spaniel) 



Photo-Press 


Piqueur und Meute 



Schottische Terrier 



Altchinesisches Fabeltier. 13. Jahrh. Bes. E. Worch 



Photo Harder, Celle 

Skye-Terrier. Fiselian Prinzeß v. Schloß Bork. Bes. Gräfin Kainein. Celle 






Fox Photo Schwerin, Museum 

Lloyd ( icorgc mit seinem C how-Chow ,.('hong“ Carel Fabrizius, Soldat auf Wache. 1624 



DER HUND 


Von 

FRANZ WERFEL 

Horch, der böse Hund bellt! 

Wie er sidi die Gurgel wund bellt, 

Und mit Stößen, ungefügen wilden, 

Worte sich, Urklötze bilden, 

Die, wenn qualvoll sie dem Maul entrollen, 

Hunger, Angst und Wollust heißen sollen. 

Aus dem Lebens-Tort 
Rollt und kollert Wort. 

Horch, der Hund bellt! 

Wie idi hier am Tisdi bin, 

Iddos aufgelöst und träumerisch bin, 

Möcht ich leis midi mit den Dingen tausdien, 

Tanne werden, Rabe, Ab endr ausdien. 

Dodi idi kann midi schaffend nicht erhellen, 

Audi aus mir keudit nur ein hehres Bellen. 

Nimmer kann ich fort. 

Gebe Wünschen Wort. 

Hordi, der Hund bellt! 

Keudit audi er, des Haudi erhub den Urtag ? 

Stammelt er noch immer den Naturtag? 

Sind wir alle, Stern, Mensch, J ähr zeit zier den 
Nichts als Laute seiner Gottbegierden? 

Du und idi und diese ganze Rundwelt 
Nur hervorgebellt . . . Ha . . . (Hordi der Hund bellt!) 
Endlich ist der Ort. 

Aller Ort ist Wort. 

Und weil Alles Wort ist, herrsdit der Tod. 

(Aus dem Band „Verschwörungen", Kurt Wolff Verlag.) 


745 



Edwin Landseer 


Radierung 


ZECKEN 

Von 

ANTON AMSEL 

nr .yissen Sie überhaupt, was das bedeutet — „Zecken“? Das sind solche 
W kleinen Dinger zum Aufknacken, rund und dick; je nach der Rasse 
von rotblonder bis aschgrauer Hautfarbe. Wir sagen dazu Gnitzen, obwohl 
Gnitzen eigentlich etwas anderes sind. Vielleicht rührt diese Bezeichnung von 
jenem eigenartigen Geräusch her, das ihr etwas gewaltsames Ableben zwischen 
zwei Daumennägeln — 

Ich will Ihnen erzählen, wie ich ihre Bekanntschaft machte. Meine Frau, 
sonst ziemlich vernünftig, schaffte sich einen Hund an. Rasse ist Neben- 
sache, jedenfalls hatte er einen tüchtigen Schuß Dackel, sah wirklich süß 
aus, und das Schönste — er hatte Locken. Bessere macht Antonie in Paris 
auch nicht. Dieses kleine schwarze Luder, das wir „Schnack“ getauft hatten, 
war unsere ganze Freude. Bis — 

Schnack wurde nach Verlauf von einigen Monaten so weit gesellschafts- 
fähig, daß er zwar immer noch Sofafransen als Kaugummi benutzte, aber doch 
gewisse Dinge, anstatt sie auf den Teppichen zu erledigen, dem Parkettboden 
anvertraute. 

Das war der Zeitpunkt, um ihm die große Welt zu zeigen. Schnack wurde 
trotz übler Späße der Liebling unserer ganzen Bekanntschaft. Bis eines Tages 
das schreckliche Verhängnis über ihn und uns> hereinbrach. 

Schnack läßt sich wieder einmal gehörig bewundern und betätscheln. Bei 


746 


diesem Geschäft hält unsere Tante Emma plötzlich inne und dreht etwas 
zwischen ihren Fingern, das sich weich und doch prall anfaßt. Da sie nun 
einmal gern lästert, macht sie sogleich eine anzügliche Bemerkung über 
Sauberhalten und so! Dabei hält sie triumphierend den Krümel auf der 
flachen Hand. Meine Frau, empört, erklärt, Schnack werde jede Woche 
gebadet. — Die Tante beäugt das Körnchen mit großer Ausführlichkeit durch 
die Brille, springt auf und schreit entsetzt: ,,Eine Laus — !“ Das ist zuviel! 
Meine Frau nimmt ihren Hund und zerplatzt — 

Zu Hause untersuche ich jede Locke einzeln — ich finde nichts. Gräßliche 
Rachepläne steigen in mir auf gegen das alte Möbel, dessen verleumderisches 
Mundwerk um ein Haar unser eheliches Glück zerstört hätte. 

Die Wellen der Aufregung glätteten sich indessen bald — meine Frau ließ 
ihren Hund anderwärts bewundern, alles schien in bester Ordnung. 

Schnack nahm plötzlich die üble Gewohnheit an, sich mit seltener Aus- 
dauer zu kratzen. Zuerst mit der Hinterpfote am Ohr, dann schubberte er 
sich das Fell an jedem erreichbaren Gegenstand, vornehmlich meinen Hosen, 
schließlich wälzte er sich in recht unmanierlicher Weise auf der Erde herum. 
Ich wurde mißtrauisch, besichtigte seinen Pelz, fand nichts. Das Kratzen er- 
folgte in immer mehr Variationen. Als ich mit ihm eines Abends allein zu 
Hause war, ergriff ich kurz entschlossen meinen Staubkamm und fuhr ihm 
durchs Fell. 

Ich erstarrte! Ein einziger Strich ließ das Instrument unter einem Klumpen 
großer, kleiner und kleinster rundlicher Dinger fast verschwinden — offenbar 
zahllose Generationen einer mir noch unbekannten Rasse. Ich knackte, zer- 
drückte, zerstampfte, was ich kriegen konnte — sie nahmen kein Ende. Meine 
Frau zerfloß in Tränen, verfluchte ihr Schicksal und — knackte mit. Jeden 
Tag unternahmen wir die Prozedur, täglich waren mehr da. 



747 


Ich hatte weder Hunger noch Durst; im Morgenkaffee, in der Suppe, 
überall glaubte ich Gnitzen zu entdecken. Ich sondierte stets so lange, bis 
mir der Appetit völlig vergangen war. Wir gingen nicht mehr aus, empfingen 
keinen Menschen und kamen sehr bald in den Ruf, eingebildet, ungeschliffen 
und geizig zu sein. 

Die Gnitzen aber vermehrten sich von Stunde zu Stunde. 

In meiner Ratlosigkeit sperrte ich endlich ein paar Hundert es war 
sehr schnell geschehen — in eine Aspirinröhre und ging schweren Heizens 
und etwas verlegen zum Tierarzt. 

Der Mann grinste, als ich mein Gläschen zeigte, sagte nur „Zecken , 
schrieb auf einen Zettel „Kreolin“ und liquidierte zehn Mark. 

Kreolin ist eine braune Soße zum Baden. — 

Alles Weitere ist belanglos; daß Kreolin unglaublich stinkt, aber hilft, daß 
ich noch immer nicht esse, weil mein Frühstück, mein Kaffee, meine Gabel 
nach Kreolin duften. — Schlimm ist nur, daß selbst die Zigaretten, mein 
letztes Labsal, anzichcn. 

Aber die Gnitzen werden weniger zahlreich, und ich finde, daß nur mehr 
kleinere Sorten vorhanden sind. 

Das letzte Mammut, sicher eine betagte Großmutter, ermordete ich meuch- 
lings mittels einer Nadel und steckte es zur ewigen Erinnerung mit diesem 
Speer im Leibe auf einen weißen Karton. 

Er trägt die Inschrift „Ixodes ricinus — die gemeine Hundszecke“ und 
darunter ganz zart wie auf einem Trauring: Schnack: io. 12. 26. 


DER 

CHINESISCHE KAISERLICHE PALASTHUND 

Von 

E. v. OTTO, BENS HEIM 

D ie kostbarste Hunderasse, von der überragende Champions in England und 
Amerika mit märchenhaften Preisen von 20 — 40 000 Mark bezahlt werden, 
ist der Pekingese, der ehemalige Kaiserliche Palasthund, in Deutschland heute 
in etwa 300 reingezüchteten Exemplaren vertreten. Seine Haltung, angeblich 
schon seit mehr als 2000 Jahren in genau derselben Form wie heute, war aus- 
schließliches Vorrecht der Kaiserlichen Familie. Auf Ausfuhr stand Todes- 
strafe, wie vor 500 Jahren noch in Rußland auf Ausfuhr von russischen Wind- 
hunden, die nur Fürsten halten durften. Der erste Palasthund, der europäischen 
Boden betrat, war der durch General Dünne der Königin Victoria überbrachte 
weißgelbe „Looly“. Für geleistete Dienste erbat der General als Geschenk für 
seine Königin ein solches Tier, was ihm offiziell abgeschlagen werden mußte. 
Im Begriff das Schiff zu besteigen, drängte sich an ihn ein Unbekannter, der 
ihm ein verhülltes Körbchen, in dem der aus dem Sommerpalast in der Nähe 
Pekings stammende Hund verborgen war, geheimnisvoll in die Hand drückte. 
Eine poetische Beschreibung dieser Tiere „Perlen von den Lippen Ihrer 
Majestät Tye Hei, Kaiserin von China, dem herrlichen Blumenland“ lautet: 


748 


„Der Löwenhund soll klein sein; um den Hals soll er eine schwellende Würde 
bedeutende Haarkrause tragen. Auf seinem Rücken die wallende Fahne, die 
Pomp bedeutet. Sein Gesicht soll schwarz sein, seine Stirne gerade und nieder 
wie die eines wirklichen Kaiserlichen Boxers. Seine Augen seien groß und 
leuchtend. Seine Ohren sollen die Form des Segels eines großen Kriegsschiffes 
zeigen. Seine Nase soll sein wie die des Affengottes der Hindus. Seine Vor- 
derbeine sollen gebogen sein, so daß er keine Lust verspürt, weit zu wandern 
oder die Kaiserliche Grenze der heiligen Stadt zu überschreiten. Sein Körper 
soll die Form eines auf Beute lauernden Löwen haben. Seine Füße sollen 
buschig sein, mit viel Haar, damit sein Tritt geräuschlos sei, und was seine 
Rute anbetrifft, so soll sie pompös sein, um die Fliegen und andre Insekten aus 
den kaiserlichen Räumen zu vertreiben. Er soll lebhaft sein, damit man sich 
an seinem Spiel erfreuen kann, 
er soll furchtsam sein, damit 
er sich nicht in Gefahr begibt. 

Er soll verträglich sein, damit 
er mit andren Tieren des Pala- 
stes, Fischen und Vögeln, in 
Freundschaft lebe. Seine Farbe 
sei wie die eines Löwen, gold- 
farben, um im Aermel einer 
goldenen Robe getragen zu 
werden, oder wie die eines 
roten Bären oder eines schwar- 
zen oder weißen Bären oder 
gestreift wie ein Drache, so 
daß für jede Farbe der Kaiser- 
lichen Gewänder ein passender 
Hund da sei. Er soll seine 
Vorfahren verehren und an 
jedem Vollmond auf dem 
Hundefriedhof der verbotenen lred Goldberg 
Stadt Opfer bringen. Er soll 
sich würdevoll betragen. Lehre ihn, die fremden Teufel (Europäer) fortwäh- 
rend zu beißen. Er soll wählerisch sein in seiner Nahrung, damit man ihn an 
seiner Vornehmheit sofort als Kaiserlichen Hund erkennt. Haifischflossen und 
Schnepfenlebern, auch Wachtelbrüste soll man ihm als Nahrung geben. So soll 
er seine Reinheit und Selbstachtung bewahren. In seinen kranken Tagen salbe 
man ihn mit dem Fett eines geweihten Leoparden, setze ihm farbige Blutegel 
an. So wird er seine Gesundheit wiedererlangen; wenn er aber sterben sollte, 
dann denke daran, Mensch, daß auch du sterblich bist.“ 

So ward er vor mehr als 1000 Jahren geschildert und so steht er heute noch 
vor uns als echt orientalisches Produkt, als Verkörperung und Sinnbild von 
orientalischen Ideen. Er wirkt grotesk, würdig, geheimnisvoll und unergründ- 
lich mit einem seltsamen Leuchten in den Augen, wie rätselhafte Gedanken, 
die sich aus dem Herzen des Tieres einen Weg zum Menschen suchen. 



749 




DER HUND IN DER CHINESISCHEN KUNST 

Von 

WALTER BONDY 

E s gibt in China schier unzählige Darstellungen von Hunden, die sich auf 
mindestens zwei und einhalb Jahrtausende verteilen. Die frühesten Tier- 
darstellungen in China finden wir vor der christlichen Zeitrechnung. 
Als Material kommt zuerst bloß Stein oder grauer weichgebrannter Ton in 
Betracht. Der häufigste Typus des frühen chinesischen Hundes ist ein Fabel- 
wesen, ein Mittelding zwischen Hund und Löwe. Er ähnelt mit seiner breiten 
abgeplatteten Nase, seinen heraustretenden Glotzaugen und seinen gefletschten 
Zähnen stark dem englischen Bulldog. Was ihn von diesem unterscheidet, ist 
seine Mähne, sein buschiger Schwanz und die gewaltigen Pranken, die wieder 
dem Löwen entnommen sind. Der Buddhahund behält diesen Grundcharakter 
bis in die neueste Zeit. Er erstarrt nach und nach zum Schema und erscheint 
in unzähligen Varianten in Stein, Ton, Eisen, Bronze, Jade und anderen 
Halbedelsteinen, und schließlich in Porzellan. Wer kennt nicht die drolligen 
bunt bemalten Porzellanhündchen, das Männchen mit einer Kugel spielend, 
das Weibchen mit seinem Jungen, das an seinem Körper emporklettert; ihnen 
ist der frühere dräuende Ausdruck zu einer sympathischen Fratze geworden. 
Diese Fohunde haben mehr das Aussehen reizender chinesischer Zwerghünd- 
chen als das des ursprünglichen Wächters buddhistischer Tempel. Neben dem 
Fohund erscheint in der Han-Zeit, 206 v. Chr. bis 220 n. Chr., die natura- 
listische Hundedai Stellung. Die Grabkeramik kennt eine große Zahl der ver- 
schiedenartigsten Hunde. Die frühen sind einfach in der Form und stark 
stilisiert, aber schon in der Wei-Zeit, also im dritten Jahrhundert nach Christo, 
finden wir naturalistische Abbilder aller möglichen Hunderassen, die sich, was 

Beobachtung und stilistische Reife 
betrifft, mit den besten Tierdarstel- 
lungen der Antike messen können. 
Man gab den Leuten ihren Lieblings- 
hund mit ins Grab, und der Besteller 
verlangte keine allgemeine Hunde- 
darstellung, sondern die Charakter- 
züge einer bestimmten Rasse. Trotz 
stilistischer Uebersetzung sind die 
Hunde der Gräberkunst von großer 
Natürlichkeit und Lebendigkeit. Ihre 
Bewegungen sind in allen Zügen der 
Wirklichkeit abgelauscht. Alle Stel- 
lungen und alle Hundetätigkeiten 
finden wir wieder, sogar den Köter, 
der seine Hinterpfote ans Ohr führt, 
um sich zu kratzen. In der Samm- 
lung Paul Steiner, Berlin, befindet 
sich eine Hündin aus rotem Ton, 



J. Pascin 


Porträt W. Bondy 


750 


die ihre vier Jungen säugt. 

Wir setzen sie in die Anfänge 
der T’angzeit, also etwa in das 
VII. Jahrhundert. Die Tier- 
darstellung der T’angzeit bildet 
den Höhepunkt dieser Art 
chinesischen Kunstschaffens. 

Ein fühlbarer Rückgang setzt 
am Ende der T’ang ein. Das 
Interesse wendet sich auf 
Kosten der Plastik immer 
mehr der Gefäßkunst zu. Auch 
unter den Mingkaisern ist 
mehr der Hang zum Dekora- 
tiven da, und bedeutende Tier- 
darstellungen sind nicht häufig. 

Die Tiere auf den Dachziegeln 
z. B. sind meist recht sche- 
matisch. Erst unter der Man- 
dschudynastie erfährt die Tier- 
darstellung eine neue Be- 
lebung. Das bevorzugte Ma- 
terial ist jetzt das Porzellan. 

Unter Kang-Nsi finden wir 
wieder ausgezeichnete Hunde- 
plastiken, die sich noch dazu durch eine dezente Bemalung in Schmelzfarben 
auszeichnen. Zu neuer Blüte entwickelt sich dieser neue Stil aber unter 
Kien-Lung, also erst im 18. Jahrhundert. Die Tierplastik unter Kien-Lung 
verdiente wirklich, daß man ihr ein eigenes Werk widmete, denn was jetzt 
geleistet wird, ist bei der großen Reichhaltigkeit von Typen oft ausgezeichnet 
in Erfindung und plastischer Erfassung. Die Manufakturen von Kin-te-Tschen 
und Te Hua wetteifern in der Herstellung neuer Typen. Hier sind es die 
aus weißem transparenten Porzellan geformten, unbemalten Modelle, dort die 
mit farbigen Glasuren überzogenen. Wir finden jetzt alle Rassen wieder, 
vom rundlichen lang- und kurzhaarigen Schoßhündchen bis zum schlanken 
Jagdhund. Oft sind diese Hunde zart bemalt, gestreift oder gefleckt mit 
blauen, roten oder goldenen Halsbändern, dann wieder dunkelbraun, schwarz oder 
leuchtend rot. Die Zahl der verschiedenen Modelle ist unerschöpflich. Sie 
sind sicher plastisch nicht mit den Darstellungen der T’angzeit zu vergleichen, 
doch gibt ihnen das edle Material und die geschmackvolle Bemalung einen 
dekorativen Reiz, der sie zu Lieblingsobjekten für den macht, der bei Kunst- 
gegenständen das einschmeichelnde Material und die liebenswürdige Auffassung 
dem herberen Reiz der aus gewöhnlichem Ton geformten Plastiken der Früh- 
zeit vorzieht. Was im 19. Jahrhundert an Hundedarstellungen gemacht wurde, 
reiht sich der übrigen Produktion dieses traurigsten aller Kunst-Jahrhunderte 
würdig an. 



751 


ZIEH-HUNDE 


Von 


AUGUSTE HENSCHKE 

Noch über den Berliner Wedding hinaus, am äußersten Ende 
der Müllerstraße, hat Fräulein Auguste Henschke ihr Geschäfts- 
lokal. In der Gegend bekannt und geehrt unter ihrem Firmen- 
namen „Pintscher- Juste“, verkauft und verleiht sie Ziehhunde. 
Sie wohnt in einer komfortablen Laube, in der sie für sich und 
ihre Handelsobjekte kocht, die hinter Drahtzäunen rund um die 
Laube untergebracht sind. M. Qu. 


ine blühende Branche hatten wir früher, und nach den kleinen Städten 


in der Mark geht es ja auch heute noch etwas; und, nun werden Sie 
lachen, uns hat nicht der moderne Verkehr mit Autos und so die Puste ausgehen 
lassen, sondern ganz einfach die Eitelkeit der Menschen. Der Mann mit dem 
Hundewagen ist die schlechtest geachtete Figur auf der Straße. Ob er noch 
so gut zu seinem Biest ist, er wird scheel angesehen als ein Tierquäler, wo er 
es doch wirklich gar nicht ist. Wird sich schwer hüten, seinen Hund zu 
quälen, denn der weiß viel besser als ein Pferd Bescheid, wie er dem Fuhr- 
herrn die Fuhre verleiden kann. Meistens geht man doch rechts vom Wagen. 
Sobald Sie nun mal, nur einmal, einen Hund von rechts getrietzt oder ge- 
schlagen haben, so wird er sofort ein Linkser, d. h. er zieht Ihnen die Karre 
ständig halblinks hinüber und bleibt einfach bei der Richtung, sooft Sie ihn 
einspannen. So ein Linkser ist das Wertloseste, was es überhaupt gibt, und nur 
noch gut für den Abdecker. Also, ob er will oder nicht, der Fuhrherr muß 
gut zu seinem Hund sein, der gerne und ehrgeizig arbeitet, aber tückisch und 
halsstarrig sein kann, wie ein Muli. Und dabei guckt er einen so treu an, als 
ob er gar nicht wüßte, wo Gott wohnt. Nein, Tierquäler sind die Fuhrherren 
vom Fach alle nicht und sogar meist besser als der Kutscher zum Pferd, weil 
doch beim Pferd meist ein Knecht fährt, während es beim Hundewagen der 
Besitzer selber ist. Aber was glauben Sie, was so ein Hundewagenfahrer von 
den Behörden mit Verordnungen gepiesackt wird? In jedem Regierungsbezirk 
ist es anders, und wenn Sie mit dem Erlaubnisschein von unserem Bezirk mal 
über die Straße witschen in den andern, schon haben Sie eine deftige Strafe am 
Bein, weil da irgendein anderer Erlaß ist. Wissen Sie, daß die Ziehhunde 
unter dieselben Strafparagraphen fallen wie Löwen und Tiger? Hier können 
Sie lesen: „Wer ohne polizeiliche Erlaubnis gefährliche wilde Tiere hält oder 
wilde und bösartige Tiere frei herumlaufen läßt . . .“ Vor ’m Gesetz ist jeder 
gleich: unsere Amis und Hektors so wie dem Kapitän Schneidern seine Löwen 
Und nun geht es weiter, über 20 Paragraphen runter und noch ein paar Zentner 
Zusätze und in Pritzwalk anders als in Neuruppin. Nur im Schritt darf ge- 
fahren werden, wenn der Hund auch noch so gerne rennen will, auf jeden An- 
ruf halten, solange ein anderes Fuhrwerk vorbeikommt, und wenn es eine Mist- 
karre ist, und auf so und soviel Wegen ist das Hundefahren überhaupt ver- 
boten. Ich will ja nichts gegen die Damen vom Tierschutz sagen, die das alles 



752 



West Highland-Terrier 


Photo Daily Mirror 








Renee Sintenis, Junger Hund. Bronze 


Photo Gal. Flechtheim 


Mannheimer Zwergspitz. 


Photo Sport & General 
Champion Perivale Dainty Jane 





Sealyham-Terrier. 

Bes. Frau Lotte v. Mendelsohn 


Französischer Zvvergbully. 
Bes. Frau Pribam 



r » 

Bes. Frau Polly Ricard, Auerbach 
Pung Cong of Alderbourne (Zwinger van Märchenhaus) 


Chinesischer Palasthund. 





Lebendes Bild mit weißen Pudeln in der Scala 


Photo Keystone View 




Photo G, Riebieke 


Meldehunde der deutschen Armee 


eingerührt haben, aber wie sinnlos das alles ist, hat unser Herr Gohlisch be- 
wiesen, der vorne die Zigarrenbudike hat und nur ein Bein. Dem habe ich 
einen von meinen Besten verkauft, und Herr Golisch hat sich ein Wägelchen 
gekauft und ist abends um 7 Uhr immer ein bißchen herumgefahren. Dem Hund 
hat es eine große Freude gemacht, den Herrn Golisch zu fahren; galopp ist 
es dahin gegangen. Was glauben Sie, was der Herr Golisch für Scherereien 
mit der Polizei gehabt hat? Alles war verkehrt, nichts vorschriftsmäßig, Geld- 
strafen hat es gehagelt, einmal haben sie ihn sogar gewogen, weil doch die 
Last nur viermal so schwer sein darf wie der Hund. Schließlich hat er den 
Kampf aufgegeben, und nun ist er schon seit Monaten nicht mehr aus seiner 
Bude herausgegangen, und der Hund ist verkauft worden und ist im Milch- 
transport in Lehnitz und hat es wirklich schwer. 

Ich fahre ja nicht mehr selber. Früher mal habe ich in der Mark mit 
Kurzwaren gehandelt, habe es aber auf- 
gegeben, weil sie einem immer nach- 
schreien auf der Straße, und wenn mal 
’ne Schule vorbeigeht, dann zeigen die 
Lehrer mit Fingern auf das Hunde- 
fuhrwerk, als ob wir den Hund schin- 
den, bis er kaputt ist. Ich möchte nicht 
wissen, wer mehr schinden kann, ein 
Lehrer oder ein Mann mit dem Hunde- 
wagen. Aber mich hat das Geklöhne 
geärgert, und weil ich mit Hunden groß 
geworden bin, habe ich mich auf den 
Handel verlegt, und mit Zughunden bin 
ich, glaube ich, die letzte in Berlin. Es 
ist ein großes Risiko dabei. Was glau- 
ben Sie, wie oft ich schon einen Hund 
gekauft habe und bar bezahlt, von ehr- 
lichen Leuten gekauft, und am andern 
Tage hat ihn die Sipo geholt, weil er 
geklaut war? An der Hehlerei geht es 
dann immer knapp an der Kante vorbei. 

Wer aber mal mit einem Hund ge- 
fahren ist, so monatelang und in seinem 
Gewerbe, der kann kaum' mehr mit was 
anderem fahren. Einen Hund kennt 
man, und er hat ein Gesicht -wie ein 
bekannter Mensch, viel mehr als ein 
Pferd. Was meinen Sie, wie oft ein 
alter Kunde zu mir kommt und sagt: 

„Pintscher-Juste, ich brauch einen 
neuen Hund, aber einen, mit dem man 
sich auch richtig aussprechen kann.“ 



Pierre BonnarJ 


753 


SKIPPERKES 


Von 


HEINRICH PAALZOW 


ie wichtig ein Skipperke für unsere Flußfahrerei ist, zeigte der Proteö 
von Willem Döke aus Dansin im vorigen Jahr. Da hatten sie auf der 


Zille ein Skipperke, das Schäckes hieß; es war strubbelig, wie es sein muß, hatte 
Schlitzaugen wie ein Eskimo, kläffte bei den kleinsten Kleinigkeiten, und auf 
der einen Seite war sein Fell abgewetzt bis aufs Leder wie bei einem Pferd 
unter dem Geschirr. Weil nämlich die Skipperkes, wenn sie den Kahn hinauf- 
laufen und hinunterlaufen, immer so am Bord entlangrennen, daß sie das Ufei 
rechts haben, d. h. nur wenn man durch ein enges Gewässer fährt. Bei einem 
See dagegen bleiben sie ruhig an der Spitze des Bootes sitzen, bis das Land 
wieder nahe ist. Das ist, weil sie aufpassen müssen, ob das Boot nicht zu nahe 
an Land kommt, weil man es beim Treideln selbst nicht so beobachten kann. 
Das Skipperke von Dökes war in seinem Beruf sehr gut, bis der Schiffseigner 
eine zweite Familie auf das Boot setzte, die auch ihren Hund hatte, der aber 
nicht von der richtigen Rasse war, eine üble Stadtmischung, mit der die neuen 
Treidelleute, Lübkes, keinen Staat machen konnten, weil er auch gar nicht von 
der schlitzäugigen Rasse war, die Sinn für Schiffahrt hat. Schäckes ließ den 
Neuen nicht aufkommen, es kam Zank zwischen Dökes und Lübkes. Beiden 
saß das Messer lose, und so kam es zu dem Prozeß in Brandenburg vor dem 
Schwurgericht. Da hat dann der Verteidiger durchgesetzt, daß Sachverstän- 
dige über den Wert eines Skipperkes vernommen würden, damit die Geschwore- 
nen einsähen, wie gerecht der Zorn von Döke wegen des fremden Hundes war. 
Und der Lübbenauer Kreis-Tierarzt Dr. Hellwig sagte klar aus: ein Skipperke 
heißt so, weil belgische Schiffer es zuerst verwendet haben, als Schutz gegen 
das Anrammen, und so ist die Mode unter dem Alten Fritz zu uns herüber- 
gekommen. Dem Schiffseigner spart es einen Mann auf dem Boot. Nicht, 
wie die Leute auf den Brücken annehmen, zu seinem Pläsier bellt der Hund, 
wenn zum Beispiel durchgeschleust wird, sondern er warnt vor der Mauer oder 
dem Nebenkahn, und der Schiffer kann sich ohne hinzusehen nach dem Bellen 
richten. Wenn man so stundenlang langsam fährt, wird man so stumpf, daß 
man zum Beispiel ein Paddelboot oft übersehen würde. Da kläfft dann Skip- 
perke und tanzt wie besessen. Das Skipperke hat nämlich eine ganze Tonleiter 
von verschiedenen Signalen. Aber, und das hat der Tierarzt ausdrücklich ge- 
sagt, nur auf die eine einzige Rasse, welche fast dieselbe ist wie bei den Nord- 
polfahrten, kann sich der Schiffer wirklich blind verlassen. Die anderen haben 
das nicht, was man einen Instinkt fürs Wasser nennt. Zwei auf einem Boot 
geht auch nicht, wie man ja auch nicht auf zwei Kapitäne hören kann, und man 
kann verstehen, wenn Döke einen Zorn hatte und die fremde Töhle über Bord 
warf und den Lübke beinahe totstach. Der Alte Fritz hatte den Wert der 
Skipperkes erkannt gehabt und hat, bei Königswusterhausen, einen Zwinger 
angelegt mit Hunden aus Rußland, die dann billig an die Schiffer abgegeben 
wurden; es war sogar gesetzlich, daß jeder Oderkahn einen Hund haben mußte. 



754 


Heute, wo viele, die gar nichts mit der Schifferei zu tun haben, auf den 
Flüssen und Kanälen fahren, ist das alles anders geworden. Es gibt sogar 
sogenannte Schiffer, die meinen, sie hätten den Hund nur zur Bewachung 
gegen Diebe mit. Auf Kähnen, wo richtige Schiffer fahren, wird nie ge- 
stohlen, und wenn sie auch stundenlang alleine an Land liegen. 

Händler mit Skipperkes gibt es nicht. Das geht so von Boot zu Boot. Aber 
es gibt ein paar Schiffseigner, die eine große Zucht haben und wo man schon 
immer auf einen guten Hund vorgemerkt ist. Aber diese Hunde sind sehr 
teuer, bis zu 35 Mark ein Männchen. Sind aber ihr Geld wert und brauchen 
nicht abgerichtet zu werden, weil sie sofort, wenn sie auf den Kahn kommen, alles 
von selbst wissen, wie ein guter Kapitän. Schwer ist es, den Hund, wenn er 
einmal an einen Kahn gewöhnt ist, auf einen anderen überzusiedeln. Das echte 
Skipperke liebt nicht den Schiffer, sondern das Schiff, und ist ihm treu, wohl 
weil es an Futter fast gar nichts braucht und also seine ganze Freude nicht 
vom Menschen bekommt, sondern vom Kahn. Es kann sich darum auch nie 
wieder an Land eingewöhnen. Da heult es und läuft davon, bis es wieder am 
Kanal ist; oder es geht jämmerlich vor Sehnsucht ein. Wenn der Kahn einmal 
ein paar Wochen stille liegt, dann ist das eine schwere Sache. Ein paar Tage 
geht es ja; dann sitzt das Skipperke an dem Loch, wo das Tau hindurch zum 
Ufer führt, und paßt auf, daß sich das Schiff nicht losreißt. Muß das Schiff 
aber auf die Werft in Reparatur und das Skipperke herunter, ans Land, ins 
Haus, der Jammer ist nicht zu beschreiben. Kommt dann das Schiff frisch 
lackiert wieder auf den Fluß, in seiner neuen Schönheit kaum mehr wiederzu- 
erkennen, Skipperke erkennt seinen Kahn auch nach Wochen wieder und tollt 
wie wahnsinnig herum. Auch ist es schon vorgekommen, daß ein verkaufter 
Hund, auf dem neuen Kahn fahrend, dem alten begegnet und ins Wasser 
gesprungen ist, um auf seine alte Zille wieder heimzukehren. 



Fred Goldberg 




GEDANKEN RIQUETS 

Von 

ANA TO LE FRANCE*) 

Riquet ist der Hund des beschaulichen und weisen Herrn 
Professor Bergeret, des Helden des ,,Anneau d’Am£thyste“ und 
anderer Romane. 

1. Die Menschen, die Tiere und die Steine werden größer, wenn sie näher 
kommen, und ganz enorm, wenn sie über mir sind. Ich nicht. Ich bleibe 
überall, wo ich bin, gleich groß. 

2. Wenn der Herr mir unter dem Tisch seine Nahrung reicht, die er in 
seinen Mund stecken wird, so geschieht das, um mich in Versuchung zu 
führen und mich zu bestrafen, wenn ich der Versuchung unterliege, denn 
ich kann nicht glauben, daß er sich meinetwegen beraubt. 

3. Der Geruch der Hunde ist köstlich. 

4. Mein Herr hält mich warm, wenn ich hinter ihm in seinem Fauteuil 
liege. Und das kommt daher, daß er ein Gott ist. Vor dem Kamin ist 
auch eine warme Fliese. Diese Fliese ist göttlich. 

5. Ich spreche, wenn ich will. Auch aus dem Munde des Herrn kommen 
Töne hervor, die Bedeutungen haben. Aber diese Bedeutungen sind weit 
weniger deutlich als die, die ich mit den Tönen meiner Stimme ausdrücke. In 
meinem Munde hat alles einen Sinn. In dem meines Herrn ist viel leerer 
Lärm. Es ist schwierig und notwendig, zu erraten, was der Herr denkt. 

6. Essen ist gut. Gegessen haben ist besser. Denn der Feind, der auf der 
Lauer liegt, um einem das Essen fortzunehmen, ist schnell und voller Tücke. 

7. Alles geht vorüber und löst sich ab. Ich allein bleibe. 

8. Ich bin immer im Mittelpunkt von allem, und die Menschen, die Tiere 
und die Dinge sind, feindlich oder freundlich, rings um mich aufgestellt. 

9. Man sieht im Schlaf Menschen, Hunde, Männer, Bäume, angenehme und 
schreckliche Formen. Und wenn man aufwacht, sind diese Formen ver- 
schwunden. 

10. Meditation: Ich liebe meinen Herrn Bergeret, weil er mächtig ist und zum 
Fürchten. 

11. Eine Handlung, für die man geschlagen worden ist, ist eine schlechte 
Handlung. Eine Handlung, für die man Liebkosungen empfangen hat 
oder etwas zu essen, ist eine gute Handlung. 

12. Wenn die Nacht sinkt, schleichen schädliche Mächte um das Haus. Ich 
belle, damit der Herr, gewarnt, sie verscheuche. 

13. Gebet: O mein Herr Bergeret, Gott der Fleischnahrung, ich bete dich an. 
Schrecklicher, sei gepriesen! Sei gepriesen, freundlich Gesinnter! Ich 
krieche zu deinen Füßen, ich lecke dir die Hände! Du bist sehr groß und 
sehr schön, wenn du vor dem gedeckten Tisch üppige Fleischgerichte ver- 
schlingst. Du bist sehr groß und sehr schön, wenn du aus einem kleinen 
Hölzchen die Flamme hervorzauberst und die Nacht in Tag verwandelst. 

*) Aus: „Crainquebille, Putois, Riquet et plusieurs autres r£cits profitables 4 * (Paris, Calmann- 

Levy). 


756 


14 - 

15 - 

i6. 


i /• 


18. Man weiß niemals, ob man sich 
gegen die Menschen richtig ver- 
halten hat. Man muß sie an- 
beten und nicht suchen, sie zu 
verstehen. Ihre Weisheit ist un- 
erforschlich. 

19. Anrufung: O Furcht, erhabene 
und mütterliche Furcht, heilige 
und heilsame Furcht, dring in 
mich ein, erfülle mich in der 
Gefahr, auf daß ich ‘meide, was 
mir schaden könnte, und mache, 
daß ich nicht von meiner Unvor- 
sichtigkeit zu leiden habe, wenn 
ich mich auf einen Feind stürze. 

20. Es gibt Wagen, die von Pferden durch die Straßen gezogen werden. Sie 
sind schrecklich. Es gibt Wagen, die von selbst gehen und dabei ein 
starkes Geräusch machen. Auch diese sind voller Feindschaft. Die Men- 
schen in Lumpen sind hassenswert und auch die, welche Körbe auf ihrem 
Kopfe tragen oder welche Fässer rollen. Ich liebe nicht die Kinder, welche 
laufen, sich haschen und ein großes Geschrei auf der Straße machen. Die 
Welt ist voller feindlicher und furchtbarer Dinge. 

(Deutsch von Franz Leppmann.) 



Behalte mich in deinem Hause und schließe jeden andern Hund daraus 
aus. Und dich, Köchin Angelique, sehr gute und sehr große Gottheit, 
fürchte und verehre ich, auf daß du mir viel zu essen gibst. 

Ein Hund, der keine Ehrerbietung gegen die Menschen hat und die im 
Hause des Herren versammelten Fetische verachtet, führt ein unstetes 
und elendes Leben. 

Eines Tages machte ein mit Wasser gefüllter Krug, der ein Loch hatte, 
das gehöhnte Parkett naß, als er durch den Salon kam. Ich denke mir, 
daß dieser nicht stubenreine Krug geprügelt worden ist. 

Die Menschen besitzen jene 
göttliche Kraft, alleTüren öffnen 
zu können. Ich kann allein nur 
eine kleine Anzahl aufmachen. 

Die Türen sind große Fetische, 
die den Hunden nicht gern ge- 
horchen. 

Das Leben eines Hundes ist 
voller Gefahren, um dem Leiden 
aus dem Wege zu gehen, muß 
man immer, immer wach sein, 
während des Essens und selbst 
während des Schlafens. 


Edwin Landseer 


Radierung 


757 



Erna Pinner Radierung 


DER 

PEKINGE5EN-ZWINGER OF MURMELHOF 

Von 

ERNA PINNER 

I n Baden-Baden, links der Oos, auf einer Anhöhe, liegt, durch eine ungeheure 
weiß gekalkte Mauer eingekapselt, der Murmelhof. Im inneren Torbogen 
steht die terrakottarote Silhouette eines aufrecht sitzenden Murmeltiers. 

Hier hat eine elegante und weltkluge Frau, den glücklichen Ungehemmt- 
heiten ihrer Nation folgend, sich eine eigene Welt geschaffen. Einen aparten 
Teil dieser wahrhaft luxuriösen und unsnobistischen Atmosphäre bilden die 
kleinen Paradiese, in denen erlesenste Hunde gezüchtet werden. Seit einem Jahre 
besteht selbst vor der Wissenschaft der Pekingesen-Zwinger (Of Murmelhof). 

Es gibt in Deutschland wenige, die wirklich etwas von Pekingesen ver- 
stehen. Diese Frau nun, welche die halbe Welt bereist hat, in Kenntnis aller 
maßgebenden Zwinger, hat sich die kostbaren Hunde aus der berühmten Züch- 
terei: ,,Ashton-Moore“ und ,, Sutherland-Avenue“, beide in England, geholt. 

Jene Tiere, deren Erhaltung und Aufzucht das sorgfältigste Studium ver- 
langt, sind zuerst bei Niederwerfung des Boxeraufstandes, durch Erstürmung 
der Mauer Pekings, von Europäern aus dem inneren Palasthof aufgegriffen 
worden, wo sie, nach Hunderten zählend, heiser bellend, in gekränkter Majestät, 
sich der Eindringlinge zu wehren suchten. Nur den Engländern gelang es, diese 
Zucht erfolgreich fortzusetzen. Die Hunde wurden nunmehr Pekingesen genannt. 

Diese ältesten Rassehunde der Erde, von denen die chinesische Sage weiß, 
daß sie aus der Leidenschaft eines Löwen zu einer Aeffin entstanden, deren 
Vereinigung der Schöpfer nur durch einen Kompromiß zustimmte, indem er 
die Seele des Löwen und die schwarze Affenmaske in der Gestalt des Hundes 
vereinigte, sind erlesene Tiere. 

Ihr Fell ist locker und angeblasen, der Kopf gereckt, und von der Rute, 
die, im Halbbogen fest an den Körper gepreßt, wie eine Standarte steht, fallen 


758 


lang und pleureusenartig die mit besonderen Wassern gepflegten, schleppen- 
den Haare. Die Tiere dürfen nur mit Hammel- oder Kalbfleisch gefuttert 
werden, die Züchtung ist sehr schwer, weil Tiere, die aufeinander reagieren, 
kaum gefunden werden können. Gelegentlich wird vom Murmelhof eine 
Hündin zum Decken nach England gesandt. 

Bei den Mahlzeiten wird jeder Hund mit seiner Schüssel in seine Box 
gesperrt, denn so zart an Bau diese Tiere sind, so heftig ist ihr Charakter. 
Pekingesen kämpfen mit Wollust, und bei der Exponiertheit ihrer Augen 
passiert es leicht, daß sie sich ein Auge ausschlagen, mit derselben Haltung der 
Pranken, mit welcher die Löwen ihre Wappenschilder halten. Auch auf dem 
Murmelhof gibt es zwei solcher Wotane, die ihre Einäugigkeit allerdings nicht 
gegen die Weisheit eingetauscht haben. 

Die größeren Tiere werden täglich ins Freie geführt, und bei warmem 
Wetter sausen sie in einer Schar von ofc mehr als zwanzig die großen schönen 
Rasenflächen des Parks herunter, den Enten nach. Exotische Bäume und 
seltene Blumen sind ihnen eine angepaßte Umgebung. 

Im Hause sind zwei große Räume für sie allein eingerichtet, der eine als 
Zwinger für die Rüden, der andere für die Hündinnen. Kleine Ställe, anein- 
andergereiht mit weißlackierten Stäben, halbhoch vom Boden, stehen auf 
spiegelblankem Linoleum. Jeder hat seine eigene Decke, seine eigene Schüssel, 
seine eigenen Bürsten, sein eigenes Spielzeug. In einem besonderen Raum findet 
morgens mit allen Zeremonien die Toilette statt. Einer nach dem anderen 
wird frisiert, bekommt die Zähne geputzt und die Augen ausgewaschen. 

Große Ereignisse sind stets die Geburten, und die Aufregung ist immer 
enorm, ob die Neuankömmlinge die niederen Beine, die tief versenkte Nase, den 
runden flachen Kopf und den breiten Kiefer haben, welche die Zeichen der 
besten Rasse sind, und ob sie jene ganz helle Beige-Farbe besitzen, die sie so 
besonders wertvoll macht. 

Erst im zweiten Jahre. ist ein solches Tier in voller Form, und seine 
pflanzenartige fremde Schönheit ist im Grunde dieselbe wie die einer groß- 
artigen Orchidee. 



Erna Pinncr 


DER HUND ALS STAMMGAST 

Von 

ANTON KUH 

M an erlebt jede tragische Geschichte, für deren Erfassung man noch 
nicht reif ist, in seinem Leben zweimal: das eine Mal als Wetterleuchten, 
das andere Mal als Blitz. 

So kommt es, daß dieser kleine Ausschnitt aus einer Hundebiographie 
eigentlich einem großen Frauenroman angehört; ich sehe den Hund, der mir 
da ebenso mysteriös zugelaufen war, wie er mir abhanden kam, immer als 
Vorläufer der Frau, mit der mir später ein gleiches passierte. 

Findlingsgeheimnis war um seinen kleinen Kopf; woher kam er, wohin 
zog es ihn? War ich für ihn Endziel oder Station? Die Ungewißheit lag wie 
schwarzer Schatten über unserer Beziehung. Zuerst von seiner Seite (wie bei 
ihr!); er heulte zum Erbarmen, wenn ich ihn einen Augenblick im Stich ließ, 
sein Winseln sagte: „Schon wieder . . . zurück ins Nichts!“, ich mußte ihn 
auf die kleinsten Gänge mitnehmen. Später, wenn er mir auch nur auf eine 
Stunde entwischte, war es umgekehrt; Vorwürfe bestürmten mein Herz: 
Warst du phantasievoll genug? Hast du seine Angst nicht zu leicht ge- 
nommen? Botest du ihm, was er brauchte? . . . 

Sein Kopf sah aus wie der eines süßen Wolfes. Darum nannte ich ihn, 
instinktlos, wie ich dem weiblichen Geschlecht gegenüber bin, Wolfi. Es 
schmeichelte ihm, und er überschätzte daraus sofort mein Verständnis. Doch, 
als ich eines Tages, im Kriege, an einem offenen Fouragewagen mit ihm vor- 
beiging, auf dem Soldaten saßen, und einer von ihnen herunterrief: „Gretel! 
Gretel!“ — da machte er einen stürmischen Satz nach dem Wagen hin, wollte 
hinaufspringen, überlegte sich’s aber im Hinblick auf das neue, zahmere Glück 
an meiner Seite und lief mit mir. „Also Grete!“ dachte ich. Er hatte von Stund 
an bei mir Oberwasser . . . 

Welche Stunden der Hysterie ich neben ihm durchmachte, wie Freunde 
meinen Umgang seinetwegen mieden, wie er tagelang mit dem Gedanken 
spielte, mich zu verlassen, und dann pudelnaß, doppelt leidenschaftlich zu mir 
heimkehrte, das gehört auf ein anderes Blatt. Nur ein Zwischenfall bleibt 
daraus aufschreibenswert: Eines Sonntags, als er durch die geöffnete Tür 

des Vorzimmers durchging — ich bewohnte zum ersten- und letztenmal eigene 
Räume — , gab ich in allen Zeitungen, von denen ich voraussetzte, daß sie von 
Hausbesorgern, den Durch-und-Durch-Blickern der Häuser, gelesen würden, 
eine Notiz auf — so recht für Hausmeisterherzen: 

(Bitte eines Einsamen.) Ein einsamer Mann, dessen einzige Freude auf 
Erden sein Hund bildet, wendet sich auf diesem Weg an edle Menschenfreunde, 
ihm auf der Suche nach dem innigst geliebten Tier behilflich zu sein. Das- 
selbe . . . usw. 

Am nächsten Tag — meine Tür stand immer sperrangelweit offen — hörte 
ich in den Traum hinein die Blechstimme eines Schulmädchens: 

„Bittä, wohnt hier där einsamä Härr?“ 


760 



Englische Bulldogge. Champion Rodney 




Photo Keystone View 


Schoßhunde 


e£m 



Edouard Manet. Tama. Oel/^emälde 




Bes. Frau Hugo Simon, Berlin 

Marie Laurencin, J’aime les chiens, celui-ci est rose. Oelgemälde 



Photo Badekow 

Mistinguett mit ihren Pekingesen 





Photo Th. Fall, London 

Alter englischer Schäferhund (Sheepdog). Champion Home Farm Sheperdess 



Dalmatiner. Champion Illustrious 


Photo Owen & Tcar 


Im nächsten Augenblick lag etwas Nasses auf meiner Brust, ein zärtlicher Alp- 
druck; die Demütigkeit seines Wedeins zuckte bis ins kreisrunde Aug’ hinauf. 

Meine Nerven hielten das tollkühne Spiel nicht lange aus; ich wurde 
schwächer, ging in ein steirisches Sanatorium. Den Hund übergab ich der Be- 
dienerin meiner Pension, die Humor hatte und Mörderinnenaugen. Der Hund 
haßte sie, sie den Hund. Ich versprach ungeheure Trinkgelder; schärfte ihr 
ein, vor allem keine Türen offen zu lassen. 

Ich muß hier bemerken, daß das Tier im Zusammenleben mit mir eine Un- 
tugend angenommen hatte: leidenschaftliche Vorliebe für Kaffeehausbesuch. 
Wenn ich zu ihm sagte: „Central!“, war es so, wie wenn ein anderer Hund 
das Wort „Wald“ hört oder „Wiese“. 

In einer Juninacht kam ich nach Wien zurück. Es war halb eins. „Jetzt 
ist das .Central“ noch offen“, dachte ich, „mach’ einen kleinen Umweg mit 
dem Wagen und schau’, wer drin ist.“ 

„Oh, wieder hier, Herr Kuh?“ sagte der Jean bei meinem Eintritt. „G’rad 
war Ihr Hund da.“ 

„We — wer war da?“ 

„No, Inner Hund!“ 

„Mein Hund? Mit wem?“ 

„Allein.“ 

„Wieso? . . . Was heißt das?“ (Sechs Wochen Erholung zerstäubten auf 
meinem Gesicht zu Kreide.) 

„Aber er kommt ja jeden Abend eini’. So umma neun, halb zehn is er da, 
und um zwölf lauft er wieder weg.“ 

Neun bis zwölf — meine Kaffeehausstunden. 

„Und was tut er hier?“ 

„Na nix. Er bettelt die Leut’ an, setzt sich zu dem und zu dem — es g’fallt 
ihm recht gut!“ 

Meine Lebensweise! 

Ich taumelte in den Wagen zurück. „Rasch — Löwengasse 8!“ 

Das ist kein kleiner Weg; er führt kreuz und quer durch die engen Gassen 
der inneren Stadt, dann den belebteren Kai entlang, über den weiten Aspern- 
platz . . . Autos sind da, Straßenbahnen, Wachleute . . . o Himmel, was 
geschah meinem Hund? . . . 

Vor dem Haus Nummer acht. Ich läute. Die Hausbesorgerin erscheint, 
ich gebe ihr die obligaten zwanzig Heller. 

„’tschuldigen, Herr Doktor, ich krieg noch ein’ 

Gulden . . 

„Einen Gulden? Wofür?“ 

„Na, glauben S’, das Hund-Aufsperren ist um- 
sonst?“ 

„Das Hund . . .??“ 

„Na ja, jede Nacht setzt er sich um zwölfe vors 
Haustor und weint und treibt so lang, bis ich ihm 
aufmach’, das Mistvieh . . . Grad zuvor hab’ ich 
ihm wieder aufg’sperrt !“ 


761 



76 Vol. 7 


KASCHTANKA 

Von 

ANTON TSC II EC HOFF*) 

E in junger rotbrauner Hund — eine Kreuzung von Dachs und Dorfköter — , 
dessen Schnauze der eines Fuchses sehr ähnelte, lief auf dem Trottoir hin 
und her und schaute sich unruhig nach allen Seiten um. Zuweilen blieb er 
stehen, hob winselnd bald die eine, bald die andere seiner frierenden Pfoten 
und suchte sich darüber Rechenschaft zu geben, wie es doch passieren konnte, 
daß er sich verirrt hatte? 

Er entsann sich sehr wohl, wie er den Tag verbracht hatte, und wie er dann 
endlich auf dieses unbekannte Trottoir geraten war. 

Der Tag hatte damit begonnen, daß sein Herr, der Tischler Luka Alexan- 
dritsch, sich seine Mütze aufgesetzt, irgendein hölzernes, in rotes Tuch ge- 
hülltes Ding untern Arm genommen und dann gerufen hatte: 

— Kaschtanka, komm! 

Als die Kreuzung von Dachs und Dorfköter diesen Ruf vernommen, war 
er unter der Hobelbank, wo er auf den Spänen geschlafen hatte, hervorgekommen, 
hatte süß seine Glieder gereckt und war dann seinem Herrn nachgelaufen. Die 
Kunden von Luka Alexandritsch wohnten furchtbar weit, so daß dieser, ehe er 
zu ihnen gelangte, unterwegs mehrere Mal in den Wirtschaften einkehren und 
sich stärken mußte. Kaschtanka erinnerte sich, daß er sich unterwegs sehr 
unanständig aufgeführt hatte. Vor Freude, daß man ihn mit spazieren 
genommen hatte, sprang er umher, stürmte bellend den Pferdebahnwagen 
nach, lief in die Höfe hinein und tollte mit Hunden umher. Der Tischler 
verlor ihn immerwährend aus den Augen, blieb stehen und schrie ihn wütend 
an. Einmal packte er sogar Kaschtanka mit gierigem Gesichtsausdruck am 
Fuchsohr, zauste ihn und sprach langsam und abgerissen: 

,,Daß dich . . . der . . . Teufel . . 

Nachdem er seine Geschäfte erledigt, hatte Luka Alexandritsch auf einen 
Augenblick seine Schwester besucht und dort einen kleinen Frühschoppen ge- 
macht. Von der Schwester ging er zu einem bekannten Buchbinder, von dort 
in ein Wirtshaus, aus dem Wirtshaus zum Gevatter u. s. w'. Mit einem Wort 
— als Kaschtanka auf das fremde Trottoir geraten v r ar, fing es schon an zu 
dunkeln, und der Tischler war bezecht wie ein Schuster. Er fuchtelte mit den 
Armen, seufzte tief und murmelte: 

„In Sünden hat mich meine Mutter geboren! Sünden, nichts als Sünden! 
Jetzt spazieren wir, Kaschtanka, mit dir so einher und sehen uns die La- 
ternen an, und sind wir tot — braten wir in der Hölle . . .“ 

Oder aber er verfiel in eine gutmütige Stimmung, rief Kaschtanka zu sich 
heran und sagte ihm: 

„Du, Kaschtanka, bist ein Insekt und sonst nichts. Im Vergleich zu uns 
Menschen bist du so ... so wie ein Zimmermann im Vergleich zum Tischler . . .“ 
Während er sich so mit dem Hunde unterhielt, ertönte plötzlich Musik. 
Kaschtanka sah sich um und erblickte ein ganzes Regiment Soldaten, das 

*) Aus „Ein bekannter Herr“, Verlag Eugen Diederich, Jena. 


762 


gerade auf ihn zukam. Da er seiner Nerven wegen Musik nicht vertragen 
konnte, so begann er sich zu drehen und zu heulen. Zu seiner größten Ver- 
wunderung aber war der Tischler gar nicht erschrocken und bellte und 
kiümmte sich nicht, sondern stand „stramm“ und salutierte, seine fünf Finger 
an die Mütze legend und übers ganze Gesicht grinsend. Da Kaschtanka sah, 
daß sein Herr an einen Protest gar nicht dachte, so begann er noch lauter 
zu heulen und stürzte fassungslos über die Straße auf das andere Trottoir. 

Als er wieder zur Besinnung gekommen war, spielte die Musik nicht mehr, 
und das Regiment war vorüber. Er lief über die Straße zurück an die Stelle, 
wo er seinen Herrn verlassen hatte, aber 
siehe da, der Tischler war schon weg. 

Kaschtanka stürmte vorwärts, dann wieder 
zurück, lief noch einmal über die Straße, 
aber der Tischler war wie in die Erde 
versunken . . . Kaschtanka begann das 
Trottoir zu beschnuppern in der Hoff- 
nung, die Spuren seines Herrn zu er- 
kennen, aber kurz vordem war irgendein 
Schuft in Gummischuhen über das Trottoir 
gegangen, und jetzt .vermischten sich alle 
feinen Gerüche mit dem Gummigestank. 

Da etwas herauszuriechen war ganz un- 
möglich. 

Kaschtanka lief hin und her, ohne 
seinen Herrn zu finden, und unterdessen 
wurde es dunkel. Zu beiden Seiten der 
Straße wurden die I.aternen angezündet, 
und in den Fenstern der Häuser wurde es 
hell. An Kaschtanka vorbei, ihm immer- 
fort den Gesichtskreis verdeckend und ihn 
mit den Füßen tretend, gingen ohne Unter- 
brechung fremde Kunden. — Kaschtanka 
teilte nämlich die gesamte Menschheit in 
zwei etwas ungleiche Teile: in Meister und 
Kunden; zwischen diesen und jenen be- 
stand ein wesentlicher Unterschied: die Meister hatten das Recht, ihn zu schlagen, 
und bei den Kunden besaß er selbst das Recht, sie in die Waden zu beißen. 

Als es ganz dunkel geworden, überfielen Kaschtanka Verzweiflung und 
Schrecken. Er drückte sich an eine Haustür und begann bitterlich zu 
weinen. Der auf den ganzen Tag ausgedehnte Spaziergang mit Luka Alexan- 
dritsch hatte ihn ermüdet, seine Ohren und Pfoten froren ihm, und außerdem 
war er auch furchtbar hungrig. Den Tag über hatte er nur zweimal etwas in 
den Magen bekommen: beim Buchbinder hatte er etwas Kleister gegessen und 
in einer Wirtschaft ein Stückchen Wurstschale gefunden — das war alles. 
Wenn er ein Mensch gewesen wäre, so hätte er sicher gedacht: 

„Nein, so kann man nicht weiterleben! Ich muß mich erschießen!“ 



763 



DER HUNDEFÄNGER 

Von 

BRUNO PAWLICK 

E s gibt keinen unbeliebteren und gehaßteren Beruf als Hundefänger. Ich 
habe in den Jahren, seitdem ich die Stelle inne habe, noch nie einen Hund 
gefangen, ohne daß ich Saures zu hören bekommen habe. Am wichtigsten 
haben sich dabei immer die Umstehenden, die keine Ahnung haben, was ein 
Hund ist, und von der Fangordnung keinen Schimmer haben. Daß ein Hund 
nicht ohne Maulkorb gehen darf, sollte jeder Mensch schon wissen, und wann 
er an die Leine muß, und daß er Steuer kostet. Deswegen sind wir Fang- 
beamten noch lange keine herzlosen Rohlinge, und wenn wir auch manchmal 
ein Auge zudrücken möchten, so dürfen wir es nicht tun, weil wir nicht privat 
angestellt sind, sondern von der Polizei bezahlt; natürlich nehmen wir Rücksicht 
auf das Publikum und würden viel lieber, wenn wir einen Hund in der Schlinge 
haben* unbemerkt weiter gehen. Nur die Zusammenrottungen, die es dann 
gleich gibt, machen es uns unmöglich, wobei es dann womöglich auch noch 
Püffe für uns absetzt, was nicht erfreulich ist. Und wenn wir schon mal einen 
Hund übersehen würden, dann werden wir durch das schadenfrohe Grienen 
der Passanten auf ihn hingewiesen, die im Grunde eine diebische Freude haben, 
wenn ein lieber Mitmensch mal wo reinschliddert. So geht es also mit den 
Hunden, die einen Besitzer bei sich haben, die wir mitnehmen in den Wagen, 
bis er dann gegen Bezahlung der Strafe im Asyl ausgelöst wird, ebenso wie 
die herrenlosen Hunde. 

Ist der Hund im Wagen, so geht er uns nichts mehr an, sondern ist ab 
Wagen dem Tierschutzverein unterstellt, der ihn vier Tage lang in seinem Asyl 
in der Schicklerstraße verwahrt. Dort wird der Hund nach dem Fundgesetz 
behandelt, genau wie ein verlorener Gegenstand, nur daß er eben vom Verein 
verpflegt wird. Als Fundsache werden sie dann jeden Mittwoch und Sonn- 

^6 4 



abend um 'Aio Uhr auf dem Hof versteigert, und das ist natürlich oft traurig, 
wenn einer seinen Hund nicht selbst einsteigern kann und vom Händleu über- 
boten wird. Aber meist sind die Preise sehr klein; es kommt auf die Rasse an. 
Am meisten Aufregung ist immer, weil die Frauen denken, die Hunde kämen 
zur Vivisektion. Aber ich weiß, daß dafür Hunde kaum mehr genommen 
werden, weil sie zu teuer sind. Oder glauben Sie, ein Händler wird 8 bis 
y Mark auf der Auktion zahlen, um ihn dann für 1,50 Mark an ein Institut 
weiter zu verkaufen? Dann ist ja auch ein Vertrauensmann vom Verein bei 
den Auktionen, der mitbietet, wenn er meint, das Tier kommt in Unrechte 
Hände. Wer natürlich gar keinen Käufer findet, hat Pech, weil er dann, 
wenn ihn der Verein nicht kauft, gleich nach der Auktion vergiftet werden muß. 

Anders kann das alles nur werden, wenn die Hunde einmal gesetzlich keine 
Fundsache mehr sind und der Maulkorbzwang usw. aufgehoben wird. Wir 
Fangbeamten können das aber nicht ändern, und wenn wir einmal nicht so 
freundlich sind, wie es das Publikum möchte, so liegt das nicht an den Tieren, 
die nichts gegen uns haben, sondern an der Unvernunft des Passanten. 


LE C H I E N 


Paar RE Nit E SINTENIS 


En touies saisons 
Ce diien si rare 
Si bon 

Tue le cafard 
De ceux qui Tont. 


Maitresse , battez des mains. 
Je suis un diien marin. 


Maitresse tremble et se cadie. 
Je suis un chien de diasse. 


Marie Laurencin 



Ren£e Sintenis 


POLIZEIHUNDE 


GUSTAV SCH A L L HÖR X, Wachtmeister a. D. 

I. ERZIEHUNG 

D ie wichtigsten Persönlichkeiten deiner eigenen Jugend, deine Mutter, dein 
Lehrer, dein Unteroffizier mußten Geduld mit dir haben und deinen 
Schwächen. Um wieviel mehr kann sie dein Hund von dir verlangen, der ein 
Tier ist, ohne die Sprache, die den Menschen auszeichnet. Es gilt also, sich 
nicht mit Stock und Peitsche einen unwilligen Sklaven zu dressieren, sondern 
einen Kameraden heranzubilden, der Gefahren mit dir teilt und für dich sein 
Leben einsetzt. Soweit das Seelische. Außerdem darfst du nur eine Pfeife 
verwenden, die sich deutlich von den Pfeifen unterscheidet, die Knaben oder- 
andere Leute im Gebrauch haben, damit der Hund sich daran gewöhnt, nur auf 
eine Pfeife zu hören. 

In seinem vorbildlichen Lehrbuch hat Robert Gersbach nicht weniger als 
70 Uebungen zusammengestellt, die dem Hund in Leib und Seele übergehen 
müssen, wenn er dienstgeeignet sein soll. Jedem gewesenen Soldaten wird 
dieses Reglement viel Bekanntes aus der eigenen Ausbildung bringen. Wie der 
Anfang beim Rekruten das ,, Stillgestanden“ war, ist es hier das ,, Setzen“ in 
ungezählten Variationen. Denn es ist ein großer Unterschied, ob sich der Hund 
am gewöhnten Ort setzt oder an einem fremden und vor allem, ob er sitzen 
bleibt, auch wenn sein Herr sich entfernt. Ebenso ist es mit dem Down machen, 
das bei Beobachtungen und Situationen die äußerste Ruhe verlangt. Kriech- 
übungen sind sehr anstrengend für Mann und Hund. Wesentlich weniger 
anspannend sind die zahlreichen Apportierübungen, verbunden mit Sprung- 
iibungen, die mit dem Strohwisch beginnen und ihren Höhepunkt im Finden 
eines vergrabenen Gegenstandes haben. 

Der Polizeihund muß auch Meldegänger sein und so sicher arbeiten, daß eine 
l ebergabe der Meldung in fremde Hände nicht zu befürchten ist. In diesen 
Ausbildungskreis fällt auch die eigentlich für jeden Hund selbstverständliche 
Pflicht, niemals aus fremder Hand Futter zu nehmen. Auch das Spurver- 
folgen ist nicht die schwerste Aufgabe, weil sie dem Hund offenbar Spaß 
macht. Aufgabe des Beamten ist es, Abweichungen aus Laune zu beobachten. 
Vom Spurverfolgen bis zum Stellen des Verbrechers ist nur ein Schritt. Hier 
ist der Punkt, wo die Arbeit für den Gehilfen des Dresseurs sehr aufreibend 
wird. L m ihn vor \ erletzungen zu schützen, muß er einen roßhaargepanzerten 
Lebungsanzug aus festestem Stoff tragen in Art der Ausrüstung zum Bajonett- 
fechten, das leider ganz aus den L T ebungen für die Mannschaft verschwunden 
ist. Dann ist noch an die Arbeit im Wasser zu denken und an das Heraus- 
suchen der richtigen Witterung unter verschiedenen anderen. 

Das Pensum, das Hund und Herr zu erledigen haben, ist also ein ganz 
gewaltiges, und man wird erst nach sehr langer Zeit einen Hund wirklich als 


766 



Jean le Dueq (1629 — 1676) 


Radierung 


Polizeihund bezeichnen können. Dazu kommt, daß die Reglementsvorschriften 
natürlich nicht auf jeden Hund passen, und daß viele Hunde verdorben in die 
Hand des Dresseurs kommen. Die Arbeit ist doppelt so groß, wenn der Hund 
überdressiert ist, ein schlechter Apporteur, land- oder wasserscheu, nicht hieb- 
und schußfest und von Natur unfolgsam. Das Abgewöhnen von Unarten ist 
auch sehr wichtig. Der Polizeihund muß geflügelfromm sein, darf Wagen 
nicht anbellen und verfolgen, nicht raufen, nicht auf Sofas springen usw. 

Grundsatz soll es sein, zum Polizeidienst nur rassereine Hunde zu ver- 
wenden, da bei ihnen mit größerer Wahrscheinlichkeit ein Fehlen böser Cha- 
raktereigenschaften zu erwarten ist. Der Fixköter und Bastard bietet in 
dieser Beziehung nur wenig Gewähr. 


II. IM DIENST 

HAUPTMANN BREITKREUZ, Führer der Hundestaffel 
der Berliner Polizei, gab dem Berichterstatter des „Querschnitt“ 
die folgenden Auskünfte; 

D er Publikumsglaube, jeder Schäferhund sei ein „Polizeihund“, ist falsch. 

Da bei uns das Angebot an Schäferhunden am größten ist, werden diese am 
häufigsten verwendet und bilden etwa 90 Prozent unseres Hundebestandes. 
Geeignet sind aber auch Rottweiler, Dobermanns, Boxer, Airedale und Riesen- 
schnauzer. Daß die eine oder andere Rasse größere Fähigkeiten habe, kann 


767 


man nicht sagen. Es ist Launensache der Hunde, und ein heute erfolgreicher 
Hund kann am nächsten Tage versagen, vielleicht aus Liebeskummer oder 
anderen Störungen, die wir nicht erkennen können. Man weiß ja zu wenig, 
was in einem Hunde vorgeht. Eine Unfehlbarkeit, wie sie das Publikum dem 
Polizeihund andichtet oder von ihm erwartet, wenn die Aufklärung eines Ver- 
brechens der Oef fentlichkeit am Herzen liegt, gibt es nicht. Nur einer ist 
meist von der Unfehlbarkeit des Hundes überzeugt: der Verbrecher. Oft kommt 
es vor, daß ein Delinquent, wenn man den Hund bringt und auf die Spur an- 
setzen will, es vorzieht, lieber gleich zu gestehen. Auch die artistischen Kletter- 
künste unserer Hunde werden sehr übertrieben geschildert. Höher als 2,5 Meter 
darf ein Hindernis nicht sein, das ein Hund nehmen soll. 

Vor allem muß der Polizeihund hieb- und schußfest sein. Nur wenn sich 
in Versuchen herausstellt, daß ein Schuß ihn nicht irritiert, daß er auf Schläge 
auch auf den Kopf nicht zurückweicht, kann er als geeignet gelten. Diese Ver- 
suche werden in Eichkamp auf unserem Uebungsplatz angestellt. Die Hunde 
selbst bekommen wir aus Grünheide geliefert. 

Unser Bestand in Berlin ist zurzeit 450 Hunde, die mit Beamten nachts 
in den Vororten Streife gehen. Dazu kommen 45 sogenannte „Landposten“ in 
den Außenbezirken. Die Beamten gehen in Zivil und lassen den Hund das 
Gelände abrevieren. Der Hund verbellt jede Person, die er mit der Nase 
wittert, *er verbellt aber nur, so daß dem Passanten, wenn er auf den nun 
erfolgenden Zuruf des Beamten stehen bleibt, keinerlei Gefahr droht. Nur 
beim Angriff wird der Hund beißen. 

Als Stöberhunde zum Aufsuchen einzelner Gegenstände scheinen mir die 
Rottweiler besonders geeignet. Soll ein Gelände abgesucht werden, so wird es 
in einzelne Parzellen geteilt, die der Hund nun abreviert. Er bringt alles, was 
nach Mensch riecht, an, und die Ausbeute eines Suchens im Grunewald ist 
meist mit großen Ueberraschungen verbunden: da kommen zum Vorschein: 
Milchflaschen, Schuhe, Hüte, Handschuhe, Bücher, Strumpfbänder, Steh- 
kragen, seidene Schlüpfer und die in der Berliner Natur obligaten Stullen- 
papiere. Man glaubt gar nicht, was alles verloren wird! Der Wert des Stöber- 
hundes liegt eben darin, daß er wirklich alles bringt, was er wittert. 


DER SCHOSSHUND 

UND SEINE WIRTSCHAFTLICHE BEDEUTUNG 

Von 

HANS HYAN 

K omische Idee, nicht wahr? Was sich so die Hundeleute und Kynologen 
alles einbilden! Aber wenn ich mir gestatten darf, festzustellen, daß ein 
Zwergbullie, die französische Miniaturzüchtung des englischen Riesen- 
bulldogs, wenn er bei Spannlänge trotzdem typisch ist, mit achthundert bis ein- 
tausend, ja mit noch mehr englischen Pfunden bezahlt wird, so bekommt die 
Sache mit der wirtschaftlichen Bedeutung wohl schon etwas mehr Hintergrund. 


768 



Schwarzer Schnürenpudel. Champion Achilles 






Photo The Dog Bulletin 

Collie (Schottischer Schäferhund). Champion Laund Lukee 



, '{ 

Thoto A. Dauer, München 

Deutscher kurzhaariger Vorstehhund. Argo von Samborn. Bes. Ferd. Beissel. Aachen 





Photo J. & J. Brown 

Afghanische Windhunde. (Barukhzy-Hunde) 



Charlie Chaplin in „Goldrausch“ 



Photo A. Dauer, München 
Gräfin Kanitz mit ihrer Zwergschnauzer-Zuchtgrnppe (Zwinger 
v. Ahbagamba. Podanger) 



Frau Ines M. H-oehne mit ihrem Pekingesen (Zwinger Murmel- 
hof, Baden-Baden) 



Schoßhunde sind uralt. Auf einer athenischen Vase aus dem zehnten Jahr- 
hundert vor Christi ist ein sehr lang behaarter, kurzläufiger kleiner weißer 
Hund mit Stehohren abgebildet, darüber steht das Wort „Melitae“. 
Plinius erwähnt diese Vase, die ihm in antiker Darstellung Vor- 
gelegen haben muß. Er spricht von dem Melitaeischen Hunde, der ein vor- 
zügliches Mittel gegen Magenschmerzen sei, wenn man ihn öfters auflegt; und 
er beruft sich auf den Schriftsteller Kalimachos, der die Herkunft des Hundes 
von der Insel Melita herleitet. Wir nennen ihn heute Malteser. Er ist ein 
wunderbares, reizendes weißes Seidenknäuel mit schwarzem Näschen und 
dunklen Augen, gescheit und zutunlich. Der englische Schriftsteller Brown 
schreibt 1829 von ihm: er sei der kleinste Rassehund, selten länger als ein 
Fuß, gemessen von der Nase bis zur Schwanzspitze. Man nannte ihn damals 
Comforter, und seine Beliebtheit hat sich seitdem nicht verloren. Die Preise, 
die heute für einen Malteser gezahlt werden, sind außerordentlich verschieden; 
von zweihundert Mark bis zu dem zehnfachen Betrage. 

Diese Sucht, die Hunde zu diminutivieren, ist wohl in dem Superlativismus 
zu erklären, der die Menschen bei allen ihren Liebhabereien leitet. So hat 
man den Zwergpudel hergestellt, der besonders schwarz gewünscht wird, und 
so werden auch die Pinscher, glatthaarige wie rauhhaarige, in den lächerlich 
kleinsten Formen hingestellt. Diese Tendenz ist nicht ungefährlich für die 
Rasse, aber sie ist außerordentlich lukrativ für d p n Geldbeutel der Händler. 
Vor ein paar Jahren wurde auf einer Ausstellung in Birmingham ein Japan- 
Tschin gezeigt, der den erstaunlichen Preis von 2700 Pfund erzielte. Der 
Hund war das fabelhafteste Exemplar seiner Rasse. Sein Haar war wie ge- 
sponnenes Silber mit goldenen Flecken. Er hatte einen Kopf wie eine kleine 
Kugel, aus welcher Nase und Maul kaum hervorragten; er besaß also, wie der 
Engländer sagen würde, den phänomenalsten ,,Stop“. Das Hündchen stand 
wundervoll viereckig, und der kleine Körper war, obwohl nur eine Spanne lang, 
wie aus Stacheldraht gearbeitet. Aber dazu kam, daß dieses kleine Wunder- 
bild der Natur die hohe Intelligenz seiner soviel größeren Vorfahren bewahrt 
hatte. Daß seine Bewegungen die eines schnellen Vogels, und daß selbst Mut 
und Angriffslust ihm erhalten geblieben waren. 

Denn hier liegt die unendliche Gefahr der Minimalzüchtung: schon bei 
der Geburt sind die Welpen äußerst gefährdet. Die Aufzucht ist äußerst 
schwierig, und hat man so ein Hündchen groß gezogen, offenbart es einen 
lahmen Willen, einen fatalen Mangel an Schneid, ja es wankt so kraftlos 
durchs Leben, daß kaum die Freude an der Kuriosität aufkommen kann. 
Trotzdem versucht der Züchter immer wieder sein Heil in dieser Richtung. 
Die Toy-Spaniels, in den vier Arten: Bienheim (Marlborough), King 

Charles, Prince Charles und Ruby vorhanden, waren im sechzehnten Jahr- 
hundert in England Jagdhunde. Karl II. soll die früher rein schwarzen Tiere 
bereits black and tan gezüchtet haben, d. h. also schwarz mit lohfarbigen 
Extremitäten. Er besaß verschiedene Meuten dieser reizenden kleinen Hühner- 
spezialisten, und der König, ein leidenschaftlicher Jäger, soll von der Jagd auf 
Grouse-Hühner nicht nach Hause zu bringen gewesen sein. Die Varietät 
aber, die heute am meisten in Gunst steht, sind die Bienheims, die der Earl von 


769 


Marlborough auf seinem Bienheim Castle stets weiß mit roten Flecken 
züchtete. Leider ist diesen Hündchen jetzt der Arbeitscharakter verloren- 
gegangen. Man verkleinert sie, züchtet den Stop fort, so daß der Kopf immer 
runder, der Fang verschwindender wurde, und nichts als ein Schoßhund bleibt 
schließlich übrig. Aber gerade wie bei Menschen der Mangel an Arbeit mit 
den unschönsten Begleiterscheinungen für die Körperlichkeit sowie für den 
Charakter verbunden ist, so hat auch das Tier, wenn man ihm seine Tätigkeit 
nimmt, wenn man es zum Spielzeug degradiert, keine Aussicht mehr, Kraft 
und Schönheit zu behalten und seine Rasse intakt fortzuführen. 

Es sind leider keine genauen Zahlen über die bedeutenden Einnahmen 
vorhanden, die Deutschland aus der Hundezucht, und besonders der Schoß- 
hundezucht, hereinbringt. Wir haben auch vorläufig noch nicht genug ein- 
wandfreies Zuchtmaterial und sind daher gezwungen, aus England und 
gelegentlich aus Frankreich andauernd hochwertige Tiere einzuführen. Als 
Beispiel dafür kann man den in letzter Zeit sehr in Mode gekommenen 
Scottish-Terrier, den man jetzt besonders im Westen Berlins sehr häufig zu 
sehen bekommt, anführen. Die Hunde sind etwa seit neunzehnhundert hier 
bekannt. Aber während der ersten zehn Jahre wurde mit nur wenigen und 
keineswegs einwandfreien Tieren in Deutschland gezüchtet. In den 
letzten Jahren ist erstklassiges Material über den Kanal gekommen. Und 
wir haben heute schon Hunde eigener Zucht, die mit den englischen in Kon- 
kurrenz treten können. 

Allerdings ist das Letzte in der Mode nicht mehr der Schotte, sondern der 
Sealyham-Terrier. Colonel Edwards und sein Bruder, England, haben diesen 
fabelhaften, auf kurzen Beinen stehenden Rauhhaar-Terrier, der mehr Klapp- 
ohren als sein hochgestellter Vetter hat, geschaffen. — Wie? Das ist ihr Ge- 
heimnis geblieben. Denn nicht allein, daß unter den Händen dieser Meister- 
züchter eine neue, an Schönheit und Adel verblüffende Rasse hervorgegangen 
ist, sie haben es auch verstanden, diese Rasse konstant zu machen. Die Hunde 
sind weiß mit wenig gelben Flecken und sind in ihrem Charakter, in ihrem 
Mut und Drangang ungeheuerlich. Der bedeutendste Züchter ist Herr 
M. B. Meyer, Den Haag-Voorborg. Aber der Stolz, so ein kleines Wunder zu 
besitzen, ist nicht eben billig. Ein gutes Tier, das auf der Ausstellung einen 
Preis holt, wird man immer mit fünfzig Pfund bezahlen müssen. 


MOPS UND HERR 

Von 

EINEM DARM STÄDTER 

J a, so war die Reihenfolge. Ich kam durchaus in zweiter Linie, solange — er 
mich hatte. ,,Der Mensch ist der treueste Begleiter des Hundes“ hörte ich 
mich öfters stoßseufzen. Noch dazu in München, dieser doch ausgesprochenen 
Hundestadt, wo sich die Pforten der Elektrischen jeglichem Vierfußgetier 
brummig verschließen — selbst den so urbajuvarischen Dack’ln. Um wie 
viel mehr etwas so Fremdrassigem, Absonderlichem, heute schon fast mythisch 


770 


Gewordenem wie einem Mops, einem echten, letzten Repräsentanten ver- 
schollener Straminkissenwelten. Denn das war er. Kein Spätling, nein, ein 
wahrhaftiger Endling, prangend in allen Abzeichen des Mopsadels, und so fein 
dabei, so zart, so wählerisch, so apart in seinen Neigungen und Leidenschaften. 
Christa von Hatvany, die ihn dem erlesenen Kreis raffiniertester Tiermodelle 
für mich entzog, befürchtete, unvertraut mit der erotischen Sachlage, ihre ver- 
meintlich noch edlere, jedenfalls noch winzigere, schwarze britische Möpsin 
möchte einmal mit ihm fehltreten. Sie kannte ihn doch zu wenig, Gigi oder 



Joh. Elias Ridinger Radierung 


Pienz, wie ich ihn seiner Wehleidigkeit halber auf Darmstädtisch nachtaufte — 
den Ultimops, den bewußt letzten, den Schlußstein seines Stammes. 

Ich weiß etwas von Möpsen. Wie ein freilich nur in Spezialfällen roter 
Faden zieht sich eine Kette von linksgelegten Ringelschwänzchen durch meine 
Tage, und ich hatte immer Respekt vor dem hervorragend entwickelten Liebes- 
eifer der Art. Davon erglühte auch Pienz. Aber in welch distinguierten Flammen! 
Unter seinesgleichen, ich meine Hunden überhaupt — denn wo hätte er, der 
allüberall ob seiner Rarität bestaunte, verhätschelte Sonderling, auf Münchens 
Straßen einen Mitmops treffen sollen — hielt er sich durchaus ans eigene Ge- 
schlecht, mit einer bis ins Unhöfliche gehenden Abneigung gegen jeden Ver- 
such, ihn zum gemeinen, zeugerischen Eros hinzulocken. Er hätte dabei sehr 
viel Erfolg bei den feinsten Hündinnen haben können: ich habe die ent- 

771 


zückendsten chinesischen Zotteldamen, habe Seidenpudelweibchen, ja einmal 
eine ägyptisch nackte Windspielin ihn bis zur Selbstentwürdigung umbuhlen 
sehen. Und innerhalb des eigenen Sexus hielt er, wie sich s verstand, dem 
Kühnen und Lebensvollen zu, den ,, guten Klang“ der Paarung von stark und 
mild zu sichern. Vor allem die Riesen hatten es ihm angetan, die gigantischen 
Ueber-Doggen, die schwertrottenden sogenannten, es gibt ja fast nur noch dem 
Namen nach Bernhardiner, die edlen Jagdrüden, zumal die so selten gewordenen 
gold- oder kupferroten fahnenberuteten irischen Setter. „Soll i eam a Leiter 
bring’n?“ fragte bei einer solchen Gelegenheit ein mitleidiger Münchner. Aber 
er war sehr begabt. 

Glaube man darum nicht an seine Urfeindschaft gegen das Weib! Außer- 
halb seiner zoologischen Spezies wußte er Frauentum durchaus zu schätzen. 
Schönen Stuten habe ich ihn interessiert nach-steigen und -schnüffeln sehen 
und Menschinnen gegenüber war er, der Geschmäckler, fast zu unwählerisch, 
jeder einzelnen wedelnd, ja katzenhaft schmiegend, motorisch manchmal gar 
zu eindeutig zugetan. Auch fürchte ich, der tiefste Grund seines eben doch 
tragischen Verhältnisses zu mir war in meinem Menschenmannstum gelegen. 
Geber eine kühle, durchaus nicht respektvolle, eher herabsetzende Aneikennung 
seinerseits ist unsere Beziehung nie gediehen, trotzdem ich im allgemeinen bei 
Hunden in sehr gutem Geruch stehe. Sie war ja auch nicht einfach, nicht für 
mich, nicht für ihn, diese Symbiose. Wie ihn hegen, nähren, säubern, unter- 
halten? Alles im Rahmen eines Altschwabinger Ateliers, ohne geregelten, 
weiblichen Beistand? Ich spüre noch das Herzklopfen, die Vorangst, als er, 
wohlversehen mit allem, mit Steuer- und Adreßmarke, prächtigem Halsband 
und auch späterhin nie beschlupftem flaus-gefütterten Hundehaus oben an- 
kam. Wie er sich — zugleich gelangweilt und doch etwas unsicher (gerade wie 
ich) — rings umschaute, sich dehnte, auf den Divan sprang, den Ringeh chwanz 
hängen ließ, die angebotene Milch kaum beroch und mit den Augen zwinkerte. 
Ls war ihm gar nicht wohl zumut, und dabei war er so schön, daß ich alle 
Bedenken vergaß und mich ihm zur Verfügung stellte. Ich hab’ es auch 
treulich durchgeführt, freilich und gottlob nicht ganz allein, denn leicht war 
es nicht. War er doch weder erzogen noch erziehbar. Er folgte, wenn er 
wollte, war, echter Spätling, viel zu intelligent, sich irgendwie einzupassen und 
hatte die größte Freude an den Hilflosigkeiten seines von ihm gebändigten 
Herrn und Meisters. Ihn auszuführen bedeutete jedesmal eine Epopöe voller 
aufregender, nur im Rückerinnern reizender Zwischenfälle. „Sie müssen ihn 
stets an der Leine lassen“ hatte seine Vorbesitzerin gewarnt. Es war nur zu 
wahr! Die Versuche, aus ihm einen gebildeten Mitläufer zu machen, gelangen 
stets nur zufällig. Wer ihn nicht im Auge behielt, hatte ihn verloren, und ich 
weiß nicht, wie oft er tagelang verschwunden war, einfach weil er nicht zu- 
rückfand: ein Hund ohne Heimat- und Ortssinn! Denn auch nach seinem 
frühem Gelaß und der verflossenen Herrin fand oder verlangte er nie. Abends 
nach Arbeitsschluß hörte ich es dann, Trinkgeld heischend und Mops über- 
bringend, bei mir pochen. Gleichmütig und mit leicht degoutiertem Schnauben 
ließ er das Wiedersehen über sich ergehen, das meinerseits in einer vor- 
sichtigen Dosierung von Zuspruch und Moralpredigt zu bestehen pflegte. 


772 


Irgendwie ernst durfte man ihm nicht kommen. Dann erschrak er, ein Aus- 
druck störrischer Hoffart kam in seine kugligen Mopsaugen, und er ward 
ganz und gar Ablehnung. Vereiste. Nein, es war nicht leicht mit ihm! 

Zumal er auch körperlich wirklich hinfällig war, trotz seiner Jugend, 
(seine und meine Leidenszeit füllte die Spanne zwischen seinem ersten und 
zweiten Lebensjahr) war er wenig gerüstet für die harte Wirklichkeit. Das 
sonst mit so vielem Recht Hundewetter genannte Hauptklima unserer 
,, mäßigen“ Zonen erregte in ihm Haß, Abscheu und Diarrhöe! Bitte! Und 
bei einem Ateliergenossen im vierten Stock mit Steiltrepperi ohne Lift. Freilich 
war es eine Art Entschädigung, eine künstlerische Wollust, ihn bei solcher 
Witterung das kalte und glitschige Asphalt nicht etwa betreten, sondern ge- 
ekelt zurückstoßen zu sehen, mit einem vorwurfsvollen ,,das mir“ im Blick. 
Und mit was für Pfötchen! Meine Hundeerfahrungen sind nicht gering, aber 
ich darf es aussprechen: nichts Hündisches, das mir je übern Weg lief, kam 
dem Adel dieser Extremitäten gleich. Elegantest gezogene, vom federnden 
Fersengelenk zierlich bewegte Schmalbeine endigten in Zehengriipplein, deren 
glatte Bällchen wie mit Jungfernpergament bezogen schienen, und die im 
Schreiten, Schnellen, Springen oder in den seltenen Fällen bittender oder 
kosender Zärte die ganze Prinzenhaftigkeit des süßen Wedelings offenbarten 
und den linearen Wuchs — er gehörte nicht zu den breiten täppischen Klump — , 
sondern den zierlichen Rehmöpsen — in eine feinere Sphäre hoben. Und das 
eben doch unvermeidliche Führen an der Leine wenigstens zu einem Teil- 
genuß gestalteten, den die Anerkennung der Welt, die bereitwillig und manch- 
mal im Uebermaß gezollte, sogar in einem Rausch von Stolz und Selbst- 
befriedigung bei ihm und seinem Begleiter steigern konnte. Dehn ich wage 
es zu behaupten: es ist gewiß schön und schmeichlerisch, um seine Bücher, 
Bilder oder auch eine Geliebte beneidet zu werden, nichts aber gleicht 
dem Hochgefühl, mit dem der wahre Hundist oder rechte Kynophile seinen 
Genossen preisen hört, oder, so er es gestattet, freundlich streicheln sieht. Auf 
diesem Felde war nun vermittels des Ultimops alles zu ernten. Zeitlebens 
blieb er die Sensation der Straße, die Wonne der Gaststätten, der gehätschelte 
Liebling der Salons. Eine Unzahl freundlicher Episoden wacht auf in meinem 
Gedächtnis: vornehme ältere Herren, geheime Räte lassen mitten auf der 
Straße eine entrüstete Gattin stoppen, um sich mit den Worten „nein, da kann 
man nicht widerstehen“ kosend zu Pienzen niederzubeugen. Bessere Schul- 
meister bleiben stehen und deuten belehrend auf ihn „schaut den charakteristi- 
schen Vertreter einer ausgestorbenen Rasse“. Unzählige Male wird bei seinem 
Besitzer angefragt, ob „er“ verkäuflich sei, einmal mit der anscheinend aus 
einer Heiratsannonce übernommenen Wendung „seit sechs Jahren suche ich für 
meine Freundin solch einen Gefährten“, ja selbst die bekanntlich dem Noblen 
gegenüber sonst so spröd ablehnende Volksseele öffnete sich Pienzens Reizen 
weit und gern: „a Mopsele“ scholl es durch die Straßen, durch die ich mich, 
„ich mit dem Hündchen, einer Kokotte“, nach dem fast zu kritischen Ausdruck 
einer Freundin, mehr hindurchziehen ließ als eigenmächtig bewegte. 

Aber wenn auch derart vergoldet, es waren doch Ketten, die ich trug, und 
die auf Stunden oder Tage abzuwerfen ein seliger Genuß war. Es gab die 


77 Vol. 7 


773 


Gräfin! Von allen Menschenfrauen, deren Bekanntschaft ich ihm vermittelte, 
und deren jede er nach Art, Rang und Bedeutung zu werten, zu behandeln 
wußte, war ihm keine so nah, freilich auch keine so gewogen wie sie, die ihn 
zu fesseln, zu sänftigen, zu beleben verstand, deren Arbeitsboudoir sein all- 
morgendlich ersehnter siebenter Himmel war. Diese Treppen flog er förmlich 
hinauf, und wenn ich zu diktieren und sie auf der Maschine zu klappern be- 
gann, dann kauerte er sich oft neben mich, das in tausend Falten des Wohl- 
behagens verschrumpelte Haupt auf meinen Knien, öfter und am liebsten 
zwischen die Füße der Schreiber in, mit tiefem Traumröcheln die Klänge von 
oben begleitend. Und manchmal durfte er dann droben bleiben bei ihr, sich 
zur Lust, mir zur Entlastung. Wie schön sie dann waren, die gemeinsamen 
Mahlzeiten, Ruhestunden, Spaziergänge, weiß ich nur aus den Berichten, 
ahnte sie auch aus Pienzens resigniertem Lefzenlecken, wenn die Seligkeit 
um war, und er sich wieder mir bequemen mußte. Denn es ist nicht anders: 
so gern ich ihn hatte, so stolz ich auf ihn war, so sehr ich ihn bekirrte, ja, 
umwarb, wirklich nah sind wir uns nicht gekommen. Reservierte, manchmal, 
gar nicht oft, etwas gerührte Duldung war das vornehmste Gefühl, das ich 
in ihm entfachen konnte. Sicher war ich ihm zu groß, zu dröhnend, viel- 
leicht auch zu Darmstädtisch. Er war eben ganz Nuance, aufs Halblaute ge- 
stellt, kannte nur die Freuden des Uebergangs, und da ich, wie man oben er- 
iuhr, auch kein Objekt für seine Passionen sein konnte, so behalf er sich eben 
mit mir, weil es unvermeidlich war, ließ sich bedienen und rümpfte, wenn er 
ihrer nicht zur Feststellung der Riechenswürdigkeiten Münchens bedurfte, mit 
mildem Vorwurf die im Samt des Gesichtchens reizend vergrabene tiefschwarze 
Mopsnase. Rümpfte, bis sein Leben einen jähen, ach für ihn unerträglichen 
Wechsel erfuhr. Juli kam! Die Stadt sollte sommerlich verlassen werden. 
Ultimops und sein Herr tauchten, nach langwieriger Bahnfahrt, wo „er“ sich 
musterhaft betrug, die Pluldigungen der ihm meist zu unfeinen Mitfahrer 
freundlich aber kühl entgegennahm, im Kaiserstuhl auf, dem süddeutschen 
Wein- und Gebirgswinkel, wo er bis auf weiteres bleiben sollte. Hier begriff 
er nun gar nichts mehr! Wahrhaftig, er war ein Städter! Das Landdasein 
war nicht für ihn, der Garten, der Hof mit einem großen, schwerfälligen, un- 
angenehm-pflichttreuen Kettenhund, die so ganz andern Menschen mit ihren 
unvertrauten Beschäftigungen — fiichts war ihm mehr recht. Vom Beginn der 
Sommerfrische trauerte er, zog sich zurück, blieb fremd. Ich fuhr weiter; der 
Abschied von seiner Seite gleichgültig, sogar merkwürdig dumpf, tat mir weh. 
Aber ich sollte ihn ja im Herbste wiedertreffen, mitnehmen, in die ihm ge- 
wohntere Stadthaus-Höhenluft. 

Es ist anders gekommen! Kaum war ich weg, so ging sein Trauern über 
m Kränkeln; vergebens mühte sich freundliche Pflege und ärztlicher Beirat. 
„Ein Staupen-Rezidiv“ lautete die ernste Diagnose. Die Bulletins, die ich regel- 
mäßig erhielt, wurden ernster und ernster, und als ich zur Zeit des höchsten 
Jahresjubels zur Weinlese zurückkam, ruhte er schon aus von dem viel zu 
undistinguierten Dasein! Er, der letzte Nachfahr abgesunkener Welt, er, der 
Pfotenzarte, der Ultimops. 


774 


AUR1IOKSEKGEB NISSE 


14. und 15. Juni. Hotel Drouot, Paris 
(Sammlung Pierre Bczine) 


Dürer, Passionsszene, Zeich- 
nung 4 000 Frs. 

Holbein, Taufe Christi, Zeich- 
nung 7 200 ., 

Canaletto, Canal grande de la 

Piazetta 54 000 .. 

Clouet, Franz II 67 0ÖU .. 

Cuyp, Kindeibildnis 100 000 

Grünewald, Anbetung d. Hirten 38 000 

de Heem, Stilleben 120 000 .. 

van Orley, Jungfrau mit Kind 68 000 
Vigee-Lcbrun, Junge Frau am 

Klavier 90 000 ,, 

van der Weyden, Triptychon . 122 000 ,, 


* 

p. Juni. Hotel Drouot, Paris 
(Sammlung Bing) 

Lautrec, Junge lesende Frau . 129 000 Frs, 


Pissarro, Eragny 45 000 „ 

Renoir, Kind mit weißem Hut . 27 000 ,, 
,, Junges Mädchen mit 

roter Blume 40 100 ,, 


* 

20. Juni. Hotel Drouot , Paris 
Robert (Hubert), Palais en 
ruines, Zeichnung, 41 : 44 . . 70 000 Frs. 

* 

1. Juli. Hotel Drouot, Paris 
(Südamerika) 

Wasserkrug, Venezuela .... 23 700 Frs. 
Lehmvase, Columbien 41 500 ,, 

Galerie Georges Petit, Paris 
(Sammlung Jacques Zoubaloff) 

Gemälde 

Cezanne, Badende, 51:61 ... 475 000 Frs. 
Monet, Blumenvase, 100 : 82 . . 280 000 ,, 

Renoir, Junge Frau, 32 : 24 . . 130100 ,, 

,, Mme. Henriot, 41 : 33 . 240 000 ,, 

,, Bougival, 55 : 41 ... . 238000 ,, 


Skulpturen 

Rodin, Frau mit Blumen, Stein 49 200 Frs. 
„ L’eternelle idole .... 51 000 „ 

* 

7 . Mai. Christie, London 
Fragonard, Zwei Amoretten .... 3400 £ 


Nattier, Madame Victoire 800 ,, 

Greuze, Les sevreuses 1900 ,, 

Boucher, Liebesbote, 1765 1600 ,, 

Rubens, Mars 1900 ,, 


* 

Juni. Christie, London. Graphik 

Whistler, Scenes on the Thames, 

16 Radierungen 510 £ 


8 . Juli. Christie, London 
(Galerie James Roß) 

Frans Hals, Männliches Bildnis 
32x25 Zoll (abgeb. Bode, Franz 

Hals 206.) 5600 £ 

Rembrandt, Männl. Bildnis (Admi- 
ral Tromp) 44X33 Zoll (Agnew) 30 000 ,, 
(1890 Paris 10 6 Frs.) 

Romney, Lady Sullivan 49X39 . . 17 000 ,, 
,, The „City of Utrecht“ . . 8 500 

♦ 


27. Mai. J\ night, Frank & Rutley, London 
(Sammlung Pallavicini) 

Murillo, Unbefleckte Empfängnis, 

81 : 43 4000 £ 

van Dyck, Bildnis Adriaen Brou- 

wer, 21 : 17 1950 „ 

J. Bassano, Kreuzabnahme, 19 : 13 900 ,, 
Jan Mostaert, Christus mit Dornen- 
krone 650 „ 

Canetto, Rialtobrücke, 31 : 42 ... . 950 ,, 


Herr Dr. Alexander Beßmertny legt Wert auf die Mitteilung, daß er die 
„Auktionsergebnisse“ seit Heft 8 (August 1927) nicht mehr zusammenstellt. 


775 


BÜCHER -QUERSCHNITT 

FR. BAZILLE, Die Kennzeichen unserer Rassehunde. Verlag: Hundesport 
und Jagd. 

Das Werk enthält von allen in Deutschland anerkannten Hunderassen die amt- 
lichen Merkmale nach den neuesten Festsetzungen, und jede Beschreibung wird 
durch ein oder mehrere Bilder noch mehr verständlich gemacht. Als Nachschlage- 
werk ist das Buch für den Kynologen unentbehrlich. 

E . von OTTO, Der deutsche Schäferhund in Liebhaberhand. Paul Parey, Berlin. 
Alles, was für den Liebhaber mitteilenswert ist, hat E. von Otto übersichtlich 
zusammengefaßt. Wie jeder Kenner, entdeckt er immer wieder Neues, nicht 
nach der Nützlichkeit und Auswertungsmöglichkeit der Erscheinungen fragend, 
sondern ihre Idee, ihr Wesen ergründend. Sein Wunsch, mit diesem Buch zum 
„Umgang mit dem Hund“ anzuregen, wird bei jedem Leser in Erfüllung gehen. 

E. von OTTO, J edermanns Hundebuch. Paul Parey, Berlin. 

Wir haben nicht viel gute Hundeliteratur in Deutschland. Sehr zu empfehlen ist 
dieses Hundebuch, das wirklich „für jedermann“ geschrieben ist und von den 
wichtigen Mitteln erschöpfend Kenntnis gibt, die der Hundebesitzer anwenden 
muß. um sich seiner Stellung und seiner Aufgabe dem Tier gegenüber bewußt 
zu werden. 

HEGENDORF, Das Totverweisen. Paul Parey, Berlin. 

Erziehung eines Hundes ist keine Spielerei und darf auch nicht spielerisch ge- 
handhabt werden. Das ausführliche Spezialwerk Hegendorfs, das namentlich die 
neue, im Krieg erprobte Bringsel-Methode darstellt, ist ein Beweis unerhörten 
Eingehens auf die Psyche des Tieres. Ein ausgezeichnetes Werk, das auch der 
Romantik der Jagd durch Beschreibung vieler Dressurbeispiele gerecht wird. 

OBERLÄNDER, Dressur und Führung des Gebrauchshundes. Verlag J. Neu- 
mann. Neudamm. 

Das Buch liegt schon in der zehnten Auflage vor und wird von vielen Berufs - 
jägern und anderen Weidmännern benutzt. Eins der bekanntesten Bücher, das 
sich mit der Pflege, Erziehung und Dressur des Gebrauchshundes, also der Kurz- 
haar-, Stichelhaar- und Langhaar-Rassen befaßt. 

HEGENDORF, Der Gebrauchshund, seine Erziehung . und Dressur. Paul 
Parey, Berlin. 

Unterscheidet sich von Oberländer in der Hauptsache darin, daß mehr an die 
Intelligenz des Hundes appelliert und deshalb nur bedingt parforce dressiert wird. 

GUSTAV R Ä D E C K E , Erziehung, Führung und Leistungen des Hannover- 
schen Schweißhundes. Verlag Paul Schettlers Erben, G. m. b. H., Köthen (Anh.V 
Ein sehr gutes Buch über den Schweißhund, das der Braunsclnveiger Förster in 
Michaelstein bei Blankenburg a. H. hat. 

Forstmeister a. D. L. GERD I N G , Der Schweißhund. Sehr beachtenswert. 

Rittmeister von STEPHANI TZ, Der deutsche Schäferhund in Wort und Bild. 
Verlag des Vereins für Deutsche Schäferhunde, e. V., Sitz München. 

Hier liegt ein Buch vor, das die Rassenherkunft, ebenso die Zucht und Pflege 
und die Abrichtung und Verbreitung des deutschen Schäferhundes erschöpfend 
behandelt. 

A. v. C R E Y T Z , Die Dressur des Hundes. J. Neumann, Neudamm. 

Beschäftigt sich mit der Abrichtung der Hunde zum Gebrauch aller Art, gibt 
aber auch eine sehr faßliche Anleitung, wüe man den Hund zum Varietekünstler 
oder doch zu Kunststücken aller Art erziehen kann. 


77 6 




Photo Th. Fall, London Photopress 

Mastiff. Champion Conquest Bull-Terrier 



Frau Rose Flam mit ihren Maltheserhunder. 



Gräfin Georg von Arco mit ihrem Zwergbully 




Algerischer Windhund 



*: 


Photo Ernst Schneider 

Marcelle Rahna von der Haller-Revue mit ihren Pekingesen 






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RICHARD S 7 R E B E L , Die deutschen Hunde und ihre Abstammung. Ver- 
lag Kern & Birner, Frankfurt a. M. 

Das Standard-Werk der deutschen Hundezucht. Ein Schriftsteller und Zeichner 
von Bedeutung, ein fabelhafter Kenner aller Rassen und ihrer Eigentümlichkeiten, 
ein Mann, der die Psychologie des Hundes ebenso beherrscht wie die Kunst zu 
züchten und zu erziehen, hat da ein Werk geschrieben, das einen Merkstein nicht 
nur in der deutschen, sondern in der kynologischen Literatur überhaupt bildet. 
Jemand, der sich mit Kynologie fachlich beschäftigt, kann dieses Buch nicht ent- 
behren. Es ist weitaus das beste, was die deutsche Literatur in diesem Sinne 
hervorgebracht hat. 

J. BEN NETT , Der Neufundländer. J. Neumann, Neudamm. 

Wenn wir uns über den so außerordentlich interessanten und als Gebrauchs- wie 
als Schönheitsrasse wertvollen Neufundländer unterrichten wollen, so ist es der 
Engländer /. W. Bennett, der sich seiner in einer von Karl Thilo übersetzten 
Monographie annimmt. 

WILHELM GOTTSCHALK, Der Polizeihund. J. Neumann, Neudamm. 
R. GERSBACH, Der Polizeihund. Kameradschaftsverlag, Berlin W 35. 

Beide Autoren widmen ihre Bücher dem heute in der ganzen Welt geforderten 
Polizeihund und seiner Dressur. Diese beiden Werke wird man mit gutem Ge- 
wissen denen empfehlen dürfen, die einen Polizeihund wünschen und abrichten 
wollen. 

DALZIEL, Der Fox-Terrier, seine Rassen, Kennzeichen, Zucht, Aufzucht und 
Vorbereitung zur Ausstellung. J. Neumann, Neudamm. 

Von dem bekannten englischen Houndsman Hugh Dalziel geschrieben und von 
H. W . Gruhner übersetzt, gibt das Buch eine kurze, aber anschauliche Art- 
schilderung und Zuchtanleitung. 

ALLGEMEINE HINWEISE: 

OTTO HENZE, Erziehung und Abrichtung des Hundes. Kameradschafts- 
verlag, Berlin W. 35. 

W. KROEPELIN, Der Kaninchenteckel. Verlag J. Neumann, Neudamm. 

R. FRIES, Der deutsche Wachtelhund. Verlag J. Neumann, Neudamm. 

I L G N E R , Das Teckelbuch. Verlag J. Neumann, Neudamm. 

Der Jagd-Spaniel. Herausgegeben vom Deutschen Spaniel-Klub. Paul Parey, Berlin. 
KARL BRANDT, Der langhaarige deutsche Vorstehhund. Paul Parey, Berlin. 
E. SCHLOTFELD, Jagd-, Hof- und Schäferhunde. Paul Parey, Berlin. 
„OUR D OG S“, Zeitschrift, die in Manchester erscheint. 

Diese Zeitschrift ist stets in der liebenswürdigsten Weise bereit, kynologische 
Auskünfte zu erteilen. Wer sie aber regelmäßig liest, findet in ihr eigentlich 
alles Wissenswerte. 

Von deutschen Zeitschriften kommen besonders in Frage „Der Hund “ (Gersbach & 
Sohn, Berlin) und „Die deutsche Hundezeitung“ von Walter Grützmacher, Berlin. 
Ferner „Hundesport und Jagd“, Verlag Gundlach, Bielefeld. 

Der Hundesport liegt im Gegensatz zu England, wo sich die besitzenden Klassen 
mit seltener Opferbereitschaft ihm widmen, wo er der Sport der Grafen, Herzoge 
und Könige ist, bei uns in Deutschland zu einem großen Teil in den Händen 
kleiner, kapitalarmer Leute. Das erklärt sein in mancher Hinsicht langsames 
Vorwärtskommen und den Mangel an ausreichender Spezialliteratur. 

Hans Hyan. 


777 



Lovis Corinth Radierung aus den Nachtwachen des Bonaventura 


AUS DEM P R O P YLÄE N - VE R L AG 

Lovis Corinth, der 1925 in einem holländischen Seebad starb, hat eine gra- 
phische Arbeit hinterlassen, die jetzt im Propyläen-Verlag zur Ausgabe ge- 
langt. Es sind 22 Lithographien zu den „ Nachtwachen des Bonaventura dem 
1804 anonym erschienenen Roman, für den man jetzt den Romantiker Karl 
Wetzel als Verfasser nennt. Corinth hatte den Druck der Blätter noch selbst 
überwacht und sie zum größten Teil auch signiert, die Fertigstellung des 
Werkes aber nicht mehr erlebt. Das Visionäre der Spätwerke Corinths haftet 
den Lithos zu den Nachtwachen in ganz besonderem Maße an. Die seltsame 


77 8 



Zwiesprache des Nachtwächters mit dem Gevatter Hein kam seiner Vorliebe 
für geisterhafte, unwirkliche Motive in jeder Weise entgegen. Das Buch 
zeigt den Künstler auf der Höhe seines Könnens und Schaffens. Die Fläche 
scheint zu wogen von schwarzen und weißen Nebeln, aber mit unerhörter 
Sicherheit formt und verdichtet sich unter seinen Händen die Bildkomposition. 
Es war kein Ringen mit einer fremden Welt, sondern das Finden und Lösen 
eines Menschen, dessen Blicke schon hinüberschweiften auf die andere Seite 
des Stroms. Das Werk erscheint in 200 numerierten Exemplaren auf Bütten- 
papier von Gebr. Mann gedruckt, die Lithos auf der Handpresse von A. Rogall 
abgezogen. Die ersten 50 Nummern enthalten eine zweite Folge der Lithos 
auf Japan und sind in Ganzleder gebunden. 

Von der Propyläen-Kunstgeschichte ist ein neuer Band anzuzeigen, und 
zwar: „Die Kunst des Realismus und des Impressionismus im 19. Jahr- 

hundert“, bearbeitet von Emil Waldmann , dem Dichter der Bremer Kunst- 
halle. Er behandelt die glanzvolle, tatenfrohe, an Künstlerpersönlichkeiten 
und bedeutsamen Werken reiche Zeit von etwa 1830 bis 1900, beginnend mit 
den frühen Realisten in Deutschland (C. D. Friedrich, Blechen, Wasmann) bis 
zur letzten Ausgestaltung des Impressionismus durch Cezanne, Gauguin, van 
Gogh, Munch. Ein besonderer Abschnitt ist den im 19. Jahrhundert be- 
deutungsvollen graphischen Künsten, ein anderer der Bildhauerkunst von 
Carpeaux bis Renee Sintenis zugewiesen. Der Text ist, wie immer bei Wald- 
mann, graziös und flott geschrieben; mit wenigen suggestiven Strichen gibt 
er die „Impression“ der verschiedenen Künstlerpersönlichkeiten und ihres 
Schaffens. Der umfangreiche Bilderteil von ca. 500 Abbildungen, in wir- 
kungsvoller Weise durch 20 farbige Tafeln ergänzt, zeigt manches seltener 
oder an versteckter Stelle wiedergegebene Werk. 

Unter dem Titel „ Aeskulap und Venus “ erschien ferner im Propyläen-Ver- 
lag eine Kultur- und Sittengeschichte im Spiegel des Arztes von Eugen Hol- 
länder. Wie bei allen früheren medizinisch-kulturhistorischen Werken des be- 
kannten Berliner Chirurgen ist man erstaunt über die Fülle des Wissens und 
die reizvolle Art der Darstellung. Schon früh taucht im Hirn des Menschen 
als ein Elementargedanke der Wunsch auf, das Aeußere des Körpers 
schmückend in mannigfacher Weise umzugestalten. Nicht zuletzt sind erotische 
Motive hierbei ausschlaggebend und wegweisend. Sie sind es bis zum heutigen 
Tage über alle Erkenntnis der natürlichen Körpei Schönheit hinaus geblieben. 
Zu dieser Körperbearbeitung gehören auch die eigenartigen, gleichfalls heute 
weltweit noch geübten Genitaloperationen. Aus ihnen erwuchsen mancherlei 
chirurgische Beobachtungen und Praktiken, die in den ersten Heilbestrebungen 
verankert erscheinen. Von der Vorzeit führt uns Holländer über die Alt- 
kulturen. Das Zweistromland, die Phöniker, Alt-Aegypten, Alt-Juda, Indien, 
China und Japan, Altamerika werden unter diesem Gesichtswinkel uns lebendig, 
ln der ärztlichen Kultur- und Sittengeschichte von Alt-Hellas gipfeln die 
Ausführungen. Eine Fülle geschickt gewählter, außerordentlich interessanter 
Illustrationen, die in alle Zweige der frühesten Kultur- und Sittengeschichte 
hineinleuchten und vielfach zum erstenmal veröffentlicht sind, ergänzen die 
erstaunlichen Ausführungen des Verfassers in anschaulichster Weise. 


77 9 



Tobias Stimmer Holzschnitt (1590) 


MARGINALIEN 

RUND UM DIE RASSEN 

Der Teckel. Wie wir wissen, stammt der Teckel aus Asien. Wann er nach 
Deutschland kam und wie, ist bisher nicht mit Sicherheit festgestellt worden, 
vermutlich aber schon zur Zeit der Völkerwanderung. Seine gnomenhafte, kurz- 
läufige, langgestreckte, aber stramme Gestalt mit der derben Muskulatur und 
dem intelligenten Gesichtsausdruck machen den behenden kleinen Kerl schnell 
zum Liebling aller. Temperamentvoll, schneidig bis zur Tollkühnheit beim 
Angriff und in der Verteidigung und fast unermüdlich bei der Arbeit, ist der 
abgeführte Teckel dem Jäger ein ganz vorzüglicher Jagdgehilfe. Ich bin kein 
Freund von „Ueberteckeln“, die neben einer schwachen Nierenpartie auch eine 
zu tiefe Stellung haben. Hunde mit schwacher Nierenpartie und losen 
Schultern ermüden viel schneller, und bei zu niedriger Stellung wird der Teckel 
bei der Jagd über der Erde schnell am Brustkorb wund durch die häufige Be- 
rührung mit dem Waldboden. Ganz besonders erwünscht ist mir beim Teckel 
ein muskulöser Kopf, breite Brust und ein starkes Genick. Ueber die Farbe 
bin ich mir nicht im unklaren; sonderbarerweise habe ich meine besten Er- 
fahrungen mit rein roten Teckeln gemacht, so daß ich allmählich ganz davon 


780 







abgekommen bin, andere Farben zu führen. Die schwarzrote Farbe dürfte 
allerdings insofern praktischer sein, als ein solcher Hund von einem über- 
eifrigen Schützen nicht so leicht versehentlich erschossen werden kann, wie 
ein rein roter, was häufiger vorkommt, als man im allgemeinen anzjnehmen 
geneigt ist. Bezüglich der Behaarung ist ein rauh- oder langhaariger Teckel 
widerstandsfähiger gegen Witterungseinflüsse als ein kurzhaariger; doch kann 
man auch diesen abhärten, indem man es nicht duldet, daß er sich viel am 
warmen Ofen aufhält. Die große Vorliebe der Teckel für Wärme ist ja be- 
kannt. Es wäre aber ganz falsch, wollte man den Hund in einem zugigen, 
naßkalten Raum unterbringen. Der Hund würde bald die Nase, Schärfe und 
Ausdauer verlieren und viel schneller durch Rheumatismus und Erkältungen 
seine Laufbahn beschließen müssen. 

Läppische, weniger taugliche Hunde gewöhnen sich schneller an ihren 
neuen Herrn, ernstere und meistens tüchtigere Teckel brauchen länger. Hierzu 
gehört, daß der neue Herr seinen neuen Jagdgefährten angelegt viel führt, 
damit der Hund merkt: ,,zu dem gehörst du!“. Man läßt den Teckel dann im 
Walde an der Feldkante erst mal einen Hasen jagen, damit der Hund das 
Revier kennen und sich zurechtfinden lernt. In einem ihm nach Weg und 
Steg unbekannten Gelände jagt der Hund in die Irre. Sehr ermüdet, findet 
er die Fährte seines Herrn nicht wieder und bleibt leicht zeitlebens ein 
Sicherheitskommissarius, statt zu einem frisch-fröhlichen Draufgänger heran- 
zuwachsen. Er sucht dann seinen Herrn auf dem Stande immer wieder auf, 
sucht in dessen Nähe herum, um jedem hier erscheinenden Wilde sofort ent- 
gegenzustürzen und so seinem Herrn die ganze Jagd zu verderben. 

Wir könnten alle viel mehr dazu beitragen, daß unsere Teckel allgemein 
jagdlich mehr leisten. Gewiß, ein jeder Teckelbesitzer hat keine Gelegenheit, 
seinen Hund jagdlich zu betätigen, man sollte dann aber doch wenigstens 
davon absehen, mit diesen Hunden zu züchten und solche Hundesorte Jägern 
als Jagdhunde anzubieten. Es heißt dann: Der Hund ist feinster Abstammung, 
hat verschiedene Preise, Bombenknochen, herrlichstes Gebäude, ist eingetragen 
usw., aber jagdlich wird so wenig wie angängig über den Hund geredet. Wie 
oft habe ich es schon in ernstem Jägerkreise hören müssen: ,,Mir ist es ganz 
einerlei, ob der Teckel eingetragen ist, so und so viele Schönheitspreise hat, 
ein hochedles Tier ist usw., die Hauptsache ist für mich, daß der Hund jagdlich 
gut ist“ und ich muß sagen, „der Mann hat recht!“ Schönheit allein darf uns 
nur erfreuen und begeistern, aber Können und Brauchbarkeit stellen alles in 
den Schatten, dem hält nichts stand, das siegt. Mag z. B. ein Mensch bei 
guten Manieren noch so nett und angenehm sein, hat aber kein Können und 
Wissen, wird sich jeder Chef bedanken, diesem den Vorzug zu geben! 

Karl Witzei. 

(Aus seinem Buch „Der Teckel Verlag Paul Schettler , Cöthen.) 

Der Barsoi im Zwinger Pascholl. Bei kaltem Ostwind und Schnee kam 
ich in Sponholz an. Die Wege nur mit Schlitten passierbar. Doch da meine 
Begleiterin, eine passionierte Windhundliebhaberin, und ich uns wie für 
Sibirien vermummt hatten, empfanden wir die Kälte als nicht unangenehm. 


781 


Durch Schnee stampften wir zu den Zwingern, dort wurden wir mit Freuden- 
geheul von einer Meute Barsoi und Greyhound empfangen, sogar die kleinere, 
kurzhaarige Art des Windhundes fehlte nicht, der muntere Whippet. Mit 
ungeheurer Munterkeit spielten sie mit den großen Barsoi im Schnee, schneller 
und gewandter als diese, jedoch um nach einigen Wettlaufen sich an die warme 
Kleidung der Herrin zu drücken, dort für einen Moment Schutz gegen Kälte 
und Sturm suchend. Einige Barsoi waren von der Jagd zurückgekehrt, lagen 
hechelnd im Schnee, freuten sich der Kälte; vielleicht träumten sie von Ruß- 
lands weiter, weißer Steppe, von Freiheit und Hetzjagden, denn diese uner- 
laubten Streifereien über Feld und Wald in Sponholz wurden durch zweitägige 
Freiheitsberaubung bestraft; nur die Gutmütigkeit des alten Zwinger- 
wärters, welcher die Zeit durch Verabreichung besonderer Leckerbissen ver- 
kürzte, ließ sie den Arrest mit Geduld ertragen. Es nutzte kein Arrest, nach 
drei bis vier Tagen waren einige Bummler wieder hinter Häschen her. Durch 
diese Streifereien kann der Zwinger Pascholl dem Barsoi in Deutschland fern 
von seiner Heimat seinen Typ erhalten, nicht zuletzt durch das rauhe Klima 
und die Abhärtung. Die Ahnen der Barsoi in Sponholz stammen aus dem 
Zwinger Perchino, Bes.: Großfürst Nicolaj Nicola jewitsch. Seit 1914 bürgt 
der Zwingername Pascholl im In- und Ausland für die Qualität der Hunde. 

Nach der Besichtigung der äußeren Zwingeranlage besuchten wir die 
inneren Räume. Unter ungeheueren Mengen Stroh krabbelten die Junghunde 
hervor und sahen uns verwundert mit schwarzen Aeuglein an, wartend auf die 
Liebkosungen. Und wie froh und glücklich sind sie, wenn man ihnen zärtlich 
über den schmalen, schönen Kopf streicht, wie glänzt das ausdrucksvolle, 
dunkle Auge! Die Zärtlichkeit, das vornehme, zurückhaltende Wesen ist eine 
typische Charaktereigenschaft des Barsoi. Die Besitzerin des Zwingers er- 
zählte uns, während des Krieges hätten die russischen Gefangenen die Barsoi 
Panje-Hunde genannt, Herrenhunde, und wir nahmen den Eindruck mit aus 
Sponnolz, daß der Zwinger Pascholl dem Herrenhund die russische Heimat 
nach Möglichkeit ersetzen will. Mann. 

Familie Strubbel. Vor allem muß ich betonen, daß meine Skyeterrier aus 
einer furchtbar vornehmen Familie stammen. Ihre Großmutter ist keine andere 
als Ebba von Uppstalsboom aus dem gleichnamigen Zwinger. Auch der Groß- 
vater ist von ganz einwandfreier Rasse, ist aber ein nach Deutschland Ein- 
gewanderter und hat seine Papiere nicht mitgebracht. Seine kräftige und ge- 
sunde Familie hat er nie verleugnet und vor allem durch eine kaninchenhafte 
Fortpflanzungsfähigkeit bewiesen. Seine absolute Vornehmheit hat sich auf 
die Nachkommenschaft vererbt, allerdings, da die Familie streng unter sich ge- 
blieben ist, ist sie heute vielleicht ein wenig degeneriert, aber in der Rasse ein- 
wandfrei geblieben. Nur einmal hat sich Großpapa Strubbel vergangen, hat sich 
aber auch hierbei nur mit einer anderen sehr vornehmen Familie der gleichen 
Rasse eingelassen, einer Beaute. Leider hat Ulli, das Kind dieses Seiten- 
sprunges, das nun mit in der Familie ist, alle schlechten Charaktereigenschaften 
des Vaters geerbt, nicht aber die außerordentliche Schönheit der Mutter. Der 
Degeneration der Familie ist Einhalt getan, und nur ein paar prononziertere 


782 


weiße Stellen hat die Nachkommenschaft Ullis abbekommen, was übrigens 
an und für sich kein Schönheitsfehler ist; die sechs, die jetzt sehr hörbar im 
Hause sind, sind tadellos grauweiß, haben stehende Ohren mit Pleureusen und 
sind so niedrig, wie es sich für einen Skyeterrier nun einmal gehört. Ihrer 
Schönheit sind sie sich vollkommen bewußt, gehen aber nur ungern auf die 
Straße, teils weil sie eben zu vornehm sind, teils weil sie von Kindern gehänselt 
werden und „Bärchen“ angerufen werden, ein Wort, das sie unleugbar irri- 
tiert. Strubbels haben den ganzen Tag über sehr, sehr viel Wichtigeres zu tun; 
sie müssen gewaltig aufpassen, daß Minka, die Katze, nicht in den Garten geht, 
was ihr verboten ist, müssen jeden Menschen, der anläutet, richtig ankläffen; 
mit fremden Hunden kommen sie fast nie zusammen, geschieht es einmal durch 
Zufall, so schließt sich die Familie eng zusammen, bis es ihr gelingt, den 
Eindringling mit großem Radau zu vertreiben. Ihre Vornehmheit geht so weit, 
daß sie eine Abneigung gegen schlecht angezogene Menschen haben, denen sie 
an die Beine fahren, während sie gut gebügelte Hosenbeine achtungsvoll um- 
wedeln. Die Vornehmheit hindert sie freilich nicht, sich auch manchmal recht 
proletarierhaft zu benehmen. Der Drang des Ahnherrn, sich eifrig um die 
Stelle als zweiter Chauffeur zu bewerben, ist auf den Sohn Max übergegangen, 
der, wenn er eine Ausfahrt wittert, wie sein Vater in der Garage nicht vom 
V agen weicht und keinen größeren Affront kennt, als nicht mitfahren zu 
dürfen. Hoffentlich holt Max sich nicht, wie der Vater, bei dem Pflicht- 
bewußtsein, mit dem er den Beruf versieht, das Reißen. Paula Landsberg. 

Der Skyeterrier. Der Skyeterrier ist eine in England sehr beliebte und 
bekannte Rasse, welche jetzt auch schon in Deutschland ihre Freunde ge- 
funden hat. Er stammt von der Insel Isle of White an der Küste von Schott- 
land und wurde in seiner Heimat früher viel zur Otterjagd benutzt. Er ist 
ein sehr mutiger Draufgänger und durch seinen ungewöhnlich muskulösen 
Körperbau, sein äußerst scharfes und starkes Gebiß ein gefürchteter Angreifer 
und glänzender Raubzeugvertilger. So erzählte mir eine Dame, welche eine 
Hündin aus meiner Zucht besitzt, daß sie ihre Hündin zur Jagd benutzt. Sie 
hätte schon im Alter von einem Jahr jede Schweißfährte tadelios sauber ausgear- 
beitet und wäre auf ihren Pirschgängen ihr ständiger Begleiter. Durch seinen 
grotesk-komischen Körperbau, den großen Kopf, den langen niedrigen Körper 
(je länger, desto schöner) und lange graue Haare wirkt er vor Häßlichkeit 


MIKROBENIiGER 

VON PAUL DE KRUIF 

Der Entwicklungsroman einer Wissenschaft ! Weder trockene Registrierung noch 
platte „populäre“ Darstellung. Temperamentvoll, spannend und doch wissen- 
schaftlich einwandfrei erzählt ein junget Amerikaner das dramatische Aufspliren 
und Bekämpfen von Mikroben durch Pasteur, Koch, Ehrlich und andere. 

Geheftet M. 8. — , Leinwandband M. io.— 

ORELL FÜSSLI VERLAG • ZÜRICH • LEIPZIG 



783 



schön. Beim ersten Anblick muß der Laie lachen, er weiß nicht recht, ob es ein 
Hund oder sonst ein merkwürdiges Tier ist, die passendsten Kosenamen, wie 
Schlummerrolle, Muff, Ameisenbär, Raupe, werden ihm zugerufen. So sagte 
mal ein Berliner Junge zu seinem Kameraden, als ich mit meinem Skyeterrier 
spazierenging: ,,Kiek eens, der läuft auf Kugellager.“ Doch jetzt ist der Skye- 
terrier besonders als Salon- und Damenhund sehr beliebt bei uns in Deutsch- 
land. Es gibt wohl auch keinen treueren und angenehmeren Begleiter, denn so- 
viel Temperament er draußen zeigt, so ruhig und „vornehm“ benimmt er sich 
in den Salons. In seinem Charakter ist er riesig zuverlässig und treu, sehr ge- 
lehrig und sehr leicht zu erziehen. Seine Hauptvorzüge sind größtes Mißtrauen 
gegen jeden Fremden, Wachsamkeit und mutiges Angreifen gegen seine Feinde, 
größte Anhänglichkeit und Treue zu seinem Herrn, den er allein nur anerkennt 
und direkt liebt. Aber auf „eines“ legt er besonderen Wert, gute Behandlung 
und keine unverdienten Schläge, da er sonst schwer beleidigt und nachtragend 
ist und sich scheu und brummend zurückzieht. Das kann er so leicht nicht ver- 
gessen. Ich selber züchte seit 15 Jahren diese Rasse, habe mir nach dem Kriege 
neues Zuchtmaterial zur Blutauffrischung aus England verschafft und habe 
riesige Freude und Spaß an meinen Hunden. Trotzdem wir jetzt auch schon in 
Deutschland verschiedene Skyeterrier-Zwinger haben, wo gutes Zuchtmaterial 
vorhanden ist, hoffe ich, daß der Skyeterrier sich weiter auch in Deutschland 
Bahn brechen und noch recht viele Liebhaber finden wird. Ein gut gepflegter 
Skyeterrier mit seinem langen, silbergrauen oder schwarzen Haar wirkt stets 
elegant und vornehm. Gräfin Kainein, Skyeterrier-Zwinger, Schloß Bork. 



J&n Steen , sign. 38X 29 cm 


Dt. Henedict Sc Co. 



alter Meister 
Ankauf dr* Verkauf 


^Berlin W p 

Friedrich = Ehert = Straße 2 

Fernsprecher Amt Kollendorf Kr. 974 


784 





Photo A. Dauer, München 

Die Polizeihundrassen. Airedale-Terrier, Deutscher Boxer, Dobermann, Rottweiler, 

Deutscher Schäferhund 



Salukis (Slughi). Sog. persische Windhunde 


•- 




Photopros 




U 



Photo ( i Bolton 


Junge Bloodhounds 




Persischer Windhund „Saronna Dhurra“ mit Wurf. Bes. Frl. Dr. Weißweiler in Batzlow 



Photo Keystone View 


Foxhound-Meute 



Sealyham -Terrier. Champion Brash Bean Ideal 



Photos Sport & General* 


Cocker-Spaniel. Champion Breconside Bluestone 


Die K 


a m m e r s a n g e r i n 


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Photo Zander & Labisch 

Mit ihrem englischen Greyhound „Boy“ in Wannsee 




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a L e t Ji 


van 


K n d c r t 



Mit ihren Ceehunden „Ariel Tucar“ und „Dolchstichtaube“ 
auf der Ueberfahrt nach New York 


Alaska-Samojeden. Ich habe schon alle Arten von Tieren gehabt. Pferde, 
Katzen, Hunde aller Rassen, aber nie, ich sage Ihnen, nie habe ich ein so 
edles Tier kennengelernt wie meinen Samojeden. Er ist das Prachtvollste, 
Beste, Empfindsamste an Charakter, was es gibt, ein Menschenfreund. Vier 
Jahre habe ich ihn, ganz klein war er, und ich habe ihn aufgezogen. Nicht 
dressiert! Ich finde dressierte Hunde abscheulich. Er kann nichts, kann nicht 
Pfötchen geben oder Schön machen und auf irgendwelche Kommandos irgend- 
wie parieren. Man muß mit ihm sprechen, ihm sagen, was man will, so wie 
einem Menschen. Er versteht alles. Er ist auch noch nie geschlagen worden. 
Wie er ganz klein und nicht stubenrein war, ist er zu mir ins Schlafzimmer 
gekommen. Ich habe ein sehr schönes 
Bett, und da hat er sich gleich nicht 
sehr fein benommen. Ich habe ihn aber 
nur eindringlich ermahnt, und er hat 
mich verstanden. 

Weil er so klug ist, wollte ihn die 
Ufa unbedingt für einen Film haben, 
eine Eskimosache, wo sie Schneesturm 
mit Seife und Naphthalin machen, ich 
habe ihn aber nicht hergegeben und 
würde ihn auch nie auf Ausstellungen 
geben. Er würde leiden, richtig mensch- 
lich leiden. Eigentlich wollte ich ihn ja 
gerne Nanuk nennen, aber als er kam, 
hieß er schon Lux, und dabei ist es ge- 
blieben. Sie glauben nicht, wie er mich 
liebt. Wenn ich zum Film fahre, dann 
guckt er so traurig aus dem Fenster 
nach. Er bleibt aber dann ganz ruhig in 
den hinteren Zimmern, aber, glauben 
Sie mir, er erkennt in dem großen 
Mietshaus genau, wenn jemand von uns 
die Haustür aufschließt, und dann tobt 
er durch alle zwölf Zimmer nach vorne. 

Er erkennt auch das Auto eines guten Freundes, der oft zu mir kommt, am Ge- 
räusch, und neulich hat er, als ich mit meiner Tochter und ihm im Tiergarten 
spazieren ging, dieses Autq, das wir selbst nicht sahen, aus der Menge der Wagen 
heraus erkannt. — Wie ich vor einem Jahre den Malteser dazu kaufte, Puder- 
quaste hat ihn meine Tochter getauft, war Lux sehr gekränkt. Wochenlang 
hat er die Zimmer, in denen der Neue, sein Feind, war, nicht betreten, 
und uns alle gekränkt übersehen. Jetzt bevatert er den Kleinen, bewacht ihn 
auf der Straße — aber ganz mag er ihn doch nicht leiden, und wo er ihm eins 
auswischen und ihn anknurren kann, da tut er es. Natürlich ist er eifer- 
süchtig, auch auf Menschen. Einen Handkuß läßt er allenfalls zu, aber wenn 
man mir fest die Hand schüttelt, dann schnappt er zu. Das hat mich auch 
schon viel Geld gekostet, sogar Prozesse. Ich hatte eine Zeitlang eine sehr 



785 


EGON CONTE CORTI 

DES HAUSES 

ROTHSCHILD 

1770-1830 


hübsche Zofe, die Lux sehr liebte. Sie 
war so hübsch, daß ihr alles in der 
Küche den Hof machte; einmal wollte 
sie der Gemüsemann — gegen ihren 
Willen — küssen, und schon hatte ihn 
Lux an der Wade. Ein anderes Mal war 
es ähnlich mit dem Kohlenmann; da 
mußte ich dann immer für Lux büßen 
und zahlen, bis mir der Polizeioffizier 
sagte: „Warum zahlen Sie eigentlich, 
gnädige Frau, die Männer sollen doch 
einfach Ihre Zofe nicht küssen!“ 
Olga Tschechozva. 


Mit 24 Bildtafeln und 1 Brieffaksimile 
INHALT: 



I. Der Ursprung der Rothschild 
in Frankfurt und ihre erste 
Tätigkeit 

II. Die Rothschild in der Zeit 
Napoleonischer Machtfülle 

III. Die große Napoleonische 
Krise und deren Nutzung durch 
das Haus Rothschild 

IV. Die Rothschild im Zeit- 
alter der Kongresse, 1818-1820 

V. Rothschildsche Geschäfte 
in aller Welt, 1820-1825 

VI. Der großen Krise entgegen 


Die völlig unparteiisch geschriebene 
Geschichte der Familie Rothschild, 
nach einem zum erstenmal gesammel- 
ten, gewaltigen Material von Briefen, 
Akten und Dokumenten aus allen De- 
zennien des neunzehnten Jahrhunderts 



Drei Hunde. Am stolzesten bin ich 
auf Kitty. Sie ist ein blauer Dober- 
mann, der einzige, den ich bis jetzt 
bei uns gesehen habe, und stammt aus 
Amerika. Angeblich sollen Dober- 
männer bissig und unfreundlich sein; 
wahrscheinlich sind sie es, weil siebei 
uns meist als Hofhunde an der Kette 
gehalten werden und durch diese Be- 
handlung verbittert sind. Kitty, mit 
ihrem vollen Namen Kitty von Monte- 
video, ist im Gegenteil sehr freundlich 
und gutmütig, aber trotzdem sehr 
wachsam; nie wird sie ernsthaft beißen. 
Holt jemand zum Schlag aus, so 
springt Kity hoch und hält die Hand 
fest. Sie springt über 2 Meter hohe 
Mauern, was sie von selbst gelernt 
hat, begleitet mich sehr gerne beim 
Ausritt und ist eine passionierte Auto- 
fahrerin. Ich hatte sie auf einer Fahrt 
nach Triest mit, die ihr diebischen 
Spaß gemacht hat. Solange man schnell 
fährt, sitzt sie ganz ruhig und gespannt, 
sobald aber das-Tempo abgestoppt wird, 
wird sie unruhig und sieht sich auf- 
geregt um, was denn los sei. Sie ver- 
steht jedes Wort und ist eine große, 
aber sehr eifersüchtige Schmeichel- 
katze. Sobald sie etwas will, legt sie 
sich gerne auf den Rücken und bettetlt 
mit den Pfoten, oder sie versucht so 


786 













lange durch Herumtänzeln und durch 
Gesten klar zu machen, was sie will, bis 
man sie verstanden hat. Meine große 
Sorge ist, für Kitty einen Mann zu fin- 
den; bis heute bin ich vergebens nach 
der gleichen Farbe auf der Suche. Neu- 
lich traf ich auf der Straße einen jungen 
Mann mit einem einigermaßen ähnlichen 
Tier und — es ist mir sehr schwer ge- 
fallen — habe ihn Kitty zuliebe ange- 
sprochen. Vielleicht wird es gehen, die 
blaue Farbe herauszubringen. 

Der Komiker unter den dreien istder 
kleine Bonzo, der französische Zwerg- 
bully. Er stammt aus München (Zwin- 
ger von der Murnau). Seine Eltern 
waren in Wiesbaden ausgestellt, und von 
da habe ich ihn bekommen. Wer einen 
Zwergbully hat, kann nie traurig sein; 
gleich als er ins Haus kam, war er un- 
endlich frech gegen den großen, kläffte 
und sprang ihn an, bekam aber von 
Kitty einen tüchtigen Rüffel weg, und 
seither vertragen sie sich glänzend. Er 
heißt mit vollem Namen „Nikolai von 
der Murnau“; er kann oft endlos im 
Kreis herumrasen, vor Uebermut, bis 
man mit ihm spielt. Beide, Kitty und 
Bonzo, brauchen wenig Pflege. Anders 
ist es mit Myrrha, dem Skye-Terrier. 
Wegen ihres langen Haares muß sie 
sehr sorgfältig behandelt werden, wobei 
es geradezu ein Kunststück ist, die 
Hauptsache, den Scheitel, vom Kopf bis 
zum Schwanz durchzuziehen. Außerdem 
ist sie ein wenig tückisch und hat eine 
unausrottbare Vorliebe für die Beine 
laufender Kinder. Wenn sie selbst junge 
hat, ist sie sehr lieb, läßt niemanden 
heran; nur Bonzo ist frech und macht 
sich einfach mitten im Korb breit, was 
aber Myrrha gnädig geschehen läßt. 
— Untereinander vertragen sie sich 
herrlich und sind oft so still, daß man 
sie, alle drei zusammen, gar nicht im 
Zimmer merkt. Hilde Pribram. 


UPTON SINCLAIR 



PETROLEUM 

Roman 

vom Werden einer neuen Weltmacht 


640 Seiten. Kartoniert M.4.80 , Leinen M. 7.— 


OrtderEreignisse: Vereinigte Staaten, Ferner 
Osten, England, Frankreich und Deutschland. 

Zeit: Die letzten 2 o Jahre. 

Handelnde Personen: Petroleumuntemehmer 
und Arbeiter, ihre Frauen und Kinder, Bauern, 
Bankiers, Staatsmänner, Soldaten, Filmstars, Sek- 
tierer, Ostjuden, Studenten, Spiritisten, Ingenieure, 
Kaufleute und Reporter. 


Die Zensur von Massachusetts 
hat den Roman — wegen angeblicher sittlicher 
Gefährdung der Jugend — beschlagnahmt. 
Sinclair ließ auf die beanstandeten Seiten 
Feigenblätter drucken und verkaufte diese 
»Feigenblattausgabe«, um die Zensur 
lächerlich zu machen, selbst in den Straßen 
von Baltimore. (Siehe obiges Bild.) 


MALI K-VE RLAG / BERLIN W50 


787 



„Pucky“. Jeden Tag ging ich in Karlsbad an einer Garage vorüber, aus 
deren Türe eine kleine beige Puderquaste hell und frech bellte, um schnell 
wieder in den hintersten Winkel des Ladens zu verschwinden, wenn man naher 
kam. Ich kannte also nur eine kleine grelle Stimme, zwei dunkle, polierte 
Augen und Haare, weich wie Flaum, bis — ich abreiste. Da sitzt neben mir 
auf dem Perron die Puderquaste und weint leise trillernd. Zwei unbeteiligte 
Erwachsene halten den Kleinen an der Leine und kümmern sich nur um ihre 
Handtaschen. 

Ich spreche sie an — es waren Franzosen, die in demselben Zug \\ ie ich 
nach Paris fuhren. 

Ich: «Pardon, Madame, oü avez vous achete ce chienr» 

Sie: «Je ne l’ai pas achete, il n’est pas ä nous, nous l’emportons pour Mon- 
sieur Munsey de la part du Cte. Sternberg.» 

Ich: «Quelle curieuse coincidence, je dejeune avec Monsieur Munsey 
demain, voulez-vous me confier le chien pendant le voyage:» 

Sie: «Mais certainement si cela ne vous ennuye pas.» 

Ich: «Mais au contraire.» 

Im Grunde beglückt, übergibt man mir den Hund mit Leine. Er war aber 
so unruhig, daß* wir vorläufig zu keiner Verständigung kommen konnten; 
dauernd sprang er auf das Bett und wieder herunter. Mit Mühe holte ich das 
Kollier unter dem Flaum hervor und entzifferte darauf den Namen ,,Puzzi“, 
den ich eiligst in „Pucky“ umwandelte. 

Gereift durch den ersten großen Schmerz und schon mit der Haltung eines 
richtigen Hundes — wenn auch noch in den Flegeljahren — kam er in Paris 
an. Leiser Husten — vielleicht vom vielen Weinen, oder Bellkatarrh — ein 
Aufleuchten in den Augen, als wir in das Auto stiegen. — Garagenklänge — 
Heimatklänge — etwas Wedeln zum erstenmal — aber immer noch der Husten. 

Mit Schrecken dachte ich daran, daß der Augenblick nun näher kam, wo 
ich den höchstens fünf Monate alten Hund an einen mindestens 72jährigen 
Herrn abgeben sollte. Icn nahm mir also vor, recht schön zu bitten und zu 
sagen: „Ich komme zum Frühstück, wenn ich den Hund behalten darf“ — und 
außerdem — er hustet. Die erste und einzige Erpressung meines Lebens. 
Ich bedaure sie aber nicht — denn neben mir liegt mein Pucky, immer noch 
beige, viel frecher als damals vor fünf Jahren, und er bellt weiter, wenn 



&of»ert Jttidtjel 

3Wus trn BobmertoalD 

Roman . I.-Ö. Auflage. Gansleinen M 6.— 

Nie hat der Dichter aus tieferer Ergriffenheit und 
Reinheit geschaffen, denn beim Gestalten dieses neuen 
M erkes, das die erschütternde Geschichte des Knaben 
im Böhmerwald erzählt und bei aller Alltagsgebunden- 
heit an die Wunder der Seele rührt. 

«Mdbienen in öet 

S'ptiöd’f cbcn , ErerIag£lm£&banöIß.,&ien . £cip5iß 


788 


jemand ins Zimmer kommt, und springt auf alle Füße der Eintretenden, ich 
versichere zwar immer, er beißt nicht. Aber es ist wohl besser, er ist bei 
mir — denn in der Garage hätte er gewiß alle Kunden herausgebellt — und 
nach Amerika — mit einem alten Herrn — unmöglich. 

Bitte sehen Sie ihn nur an und Sie werden alles verstehen. 

Marie Anne von Goldschmidt-Rothschild. 

Meine vornehmen Whippets. Was nicht die Rasse alles tut! Ich habe 
meine zwei Whippets mit sieben Wochen bekommen, d. h. gekauft, bezahlt und 
in meine Wohnung gebracht. Sie sind also in meinem ,,Milljöh“ aufgewachsen 
und haben noch nie ein gutes Beispiel vor Augen gehabt, sondern nur mein 
schlechtes. Das hat die beiden aber nicht verhindert, zu mir in einen Gegen- 
satz sozialer und politischer Art sich zu stellen, dessen letzte Folgen ich noch 
nicht voraussehe. Bei mir zu Hause geht es gar nicht aristokratisch zu, sondern 
gut demokratisch: ich bin zwar nicht auf die Reichsbannerzeitschrift, aber sonst 
nur auf gut demokratische Blätter abonniert: Frankfurter, Vossische, Tage- 
blatt, Vorwärts usw. Trotz dieser plebejisch-demokratischen Umgebung haben 
meine Hunde ein völlig entgegengesetztes Kulturideal: ihre Neigungen werden 
täglich mehr anmaßend- junkerlich. Sie lehnen es solidarisch ab, einen Knochen 
auf dem blanken Boden zu fressen: das mindeste ist eine Kokosunterlage als 
würdiger Sitzplatz. Gehe ich mit ihnen spazieren, so bleiben sie beim nächsten 
Auto stehen und fangen an, entsetzlich zu maulen, wenn ich versuche, ohne 
Auto weiterzugehen. Den Gipfel aber erreichen sie mit folgendem: Trotz ihres 
unerhört vornehmen Auftretens bewahren sie eine gewisse Leutseligkeit: sie 
sind nicht abgeneigt, mit ihresgleichen zu spielen, zu jagen, zu tollen, und 
freuen sich sichtlich, lachen bis hinter die Ohren, wenn sie, die Windhunde, 
den anderen immer um Meter voraustanzen. Den Begriff „ihresgleichen“ 
aber fassen sie so auf: sehen sie etwas Vierbeiniges, so gehen sie darauf los 
bis etwa einen halben Meter. Ist nun der Neuangekommene ein Wolf, ein 
Barsoi, ein guter Dobermann oder Schäferhund, so ist die Freundschaft her- 
gestellt, und alsbald erfolgt der Wettlauf. Zur Not wird noch ein rassiger 
Teckelhund akzeptiert. Ist aber dieses andere Vieh ein Straßenköter, wie man 
sagt, zwar mit einem Namen, aber ohne Stammbaum, ein unbestimmbarer 
Mischling, ein deformierter Teckel mit vollem Wanst, so recken meine zwei 
die Köpfe hoch und haben nichts gesehen. Sie sind in dieser Auswahl von 

Das Tagesgespräch 

der gebildeten Wett 

ist in diesem Jahre die Böttcherstraße in Bremen, das Paula Modersohn- 
Haus und die darin befindliche Sammlung der Werke dieser Künstlerin 

Darüber unterrichten Sie am besten die drei kleinen Büdier : 

Hausmann Die Böttcherstraße in Bremen 

Müller- XV ulckow • . Das Paula Becker-Moder sohn- Haus Bernhard Hoetgers 
Müller- XV ulckow Katalog der Paula Becker -Moder sohn- Sammlung 

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Budihändler oder bestellen Sie sie direkt beim Verlag. Sie kosten alle drei je M 1.S0 

ANGELSACHSEN -VERLAG G. M. B. H. / BREMEN 



789 


Wie die WESTERN INION den Empfang 
eines groben Beiden »ereinlacM 

(Mitgeteilt vom AMERICAN MERCURY.) 

.Folgende Texte zum Willkommen des 
Captain Lindbergh nach Ihrer Wahl. 

30 Cents Kreuzen Sie jenes, das Sie wün- 
schen, an. Ihr Telegramm wird auf künst- 
lerisch geschmücktem Formular bestellt. 

1. Die Herzen Amerikas begrüßen Sie . 
Willkommen daheim! 

2. Wir sind froh, daß Sie zurück sind, 
Captain . Besuchen Sie uns, wenn 
Sie bei uns vorbeifliegen . 

3. Ein herrlicher Flug, ein fürstlicher 
Empfang, vollendete Haltung Ihrer- 
seits, wahrhaftig ein immenser Re- 
kord, Captain . Willkommen daheim . 


15. Der Klub von .... sendet Grüße. 
In gut amerikanischer Art haben Sie 
os vollbracht . Nun sind wir froh, Sie 
wieder daheim zu wisset l. 


IS. Die Handelskammer von .... er- 
laubt sich , Sie zum Besuch ihrer 
Stadt aufzufordem. 

19. Fort mit Königen und Potentaten ! 
Das amerikanische Volk begrüßt 
seine eigenen. Willkommen aaheim ! 

I n s g e s a mjt 20 Texte zur Wahl. 
Alle übrigen Fassungen zu normaler Rate". 

Dies ist Amerika 

Wollen Sie Amerika von Angesicht kennen, 
kreuzen Sie heute noch denBestellschein an. 

E. O. HOPPß 

eomoniifrfte 

Slmeeifa 

304 ganzseitige Abbild, in Kupfertiefdruck. 
Preis in Ganzleinen gebunden M 26. — , in 
Halbleder oder Halbpergament M 35. — . 

Aus diesem Buch werden Sie zum ersten 
Mal einen Begriff von dem ganzen Lande 
bekommen, werden Sie den romantischen 
Grund, auf dem die amerikanische Zivili- 
sation erwuchs, begreifen. Es ist nötig, dies 
Buch zu kennen, wenn Sie sich für Amerika 
als Problem interessieren. 

* 

Ich bestelle hierdurch: 

Prospekte / Exemplare 

DAS ROMANTISCHE AMERIKA 

Name: 

Adresse: 

Verlag Ernst Wasmntb A.G., Berlin W8 


erstaunlicher Genauigkeit und unerbitt- 
licher Strenge. Hand aufs Herz: ich 
habe mich schon oft gewundert, daß sie 
mit mir überhaupt noch verkehren. Ich 
habe schon daran gedacht, daß ich die 
zwei in „rassereine“ Hände gebe: etwa 
an Herrn von Gräfe oder den Grafen 
Reventlow. Aber ich fürchte: bei der 
Partei werden sie auch nicht lange 
bleiben. Paul Lcvi, M. d. R. 

Mes deux petits Chinois. V enez au 
bar, et je vais vous raconter une his- 
toire tres curieuse sur l’origine de mes 
deux petits Chinois dont j : ai eu con- 
naissance par un veterinaire ä Paris. 
Les vieux Chinois ont eu l’idee ä faire 
plaisir ä une de leur imperatrices pour 
laquelle ils ont fabrique un chien 
qui ressemble au dragon. D’une 
maniere cruelle ds ont transforme les 
matrices des pauvres petits chiens... et 
en voilä le resultat! Venez, Mah-Jong 
et Poupee, montrez-vous ä ce Mon- 
sieur! Regardez comme il tirent leur 
petite langue rouge extactement comme 
les dragons stilises. Ce sont les meil- 
leurs amis et vous ne croyez pas com- 
me ils m’aiment. Si je rentre de la 
repetition de ma revue qu’ä deux heu- 
res le matin, ils m’ attentent Sans dor- 
mir et ils caressent leur petite maman 
comme des enfants. En tout ils mani- 
festem leur proveniance exotique meine 
en choisissant leur petit lit: depuis 
que je porte un manteau en peau de 
serpant ils se couchent que lä-dessus. 

En Chine personne d’autres osait 
avoir ces chiens que l’imperatrice, et 
c’est lorsque des troupes enropeennes 
ont penetredansla ville imperiale, qu’ils 
ont vole un trentaine de ces petits mons- 
tres.et les ont transporte en Angleterre, 
et c’est de lä que proviennent tous les 
petits Chinois que vous trouvez au- 
jourd’hui dans les salons des femmens 
du monde. Marcelle Rahna. 


7 90 


Der japanische Chin. Wenn es vielleicht auch auf den ersten Blick den 
Anschein hat, als wäre der japanische Chin durch seinen chinesischen Vetter, 
den Peking-Palasthund, verdrängt worden, so ist dies in Wirklichkeit doch 
nicht der Fall. Der Japaner war nie der Massenartikel, wie es nun schon seit 
Jahren der Pekingese in England, Frankreich und in neuester Zeit auch in 
Deutschland ist, er war immer das, was sein Name bedeutet: „Die japanische 
Seltenheit Der japanische Chin, in seiner Rasse-Echtheit, in der Art, wie 
ihn sich der Kenner denkt und wünscht, ist sehr selten, denn die Zucht ist un- 



endlich schwer; die besonders großen Köpfe kosten bei der Geburt oft Mutter 
und Welpen das Leben, und Geduld und Ausdauer mancher Züchter sind be- 
wunderungswürdig. Aber wer einmal die Eigenschaften des Japsen 
kennengelernt, hält treu und zäh an seinem kleinen Freunde fest und wird 
sich kaum einer anderen Rasse zuwenden. — Aus dem fernen Osten, dem Lande 
der Blüten und Märchen, ist er — selbst einer Blume vergleichbar — zu uns 
gekommen, um unser Herz und Auge zu erfreuen. Ueber dem Ursprung dieser 
Rasse schwebt ein geheimnisvolles Dunkel. Wir wissen nur, daß sie seit 
vielen Jahrhunderten bei den Vornehmen und Edlen Japans bekannt und sehr 


791 


geschätzt war. Auch die Zucht stand in hoher Blüte, doch wurde streng 
daran festgehalten, nur Hunde, die im Besitz der Familienangehörigen waren, 
zu kreuzen, in unberufene Hände sollte kein Tier kommen. Trotz der sorg- 
fältigsten Ueberwachung gelang es aber doch, japanische Chins auszuführen, 
und es waren besonders englische Seeoffiziere, die sie als Neuheit in ihr "Vater- 
land brachten, wo sie großen Beifall fanden und auch gleich ihre Zucht auf- 
genommen wurde. 1860 sah man auf englischen Ausstellungen die ersten 
japanischen Chins, 20 Jahre später kam das erste Japsenpaar nach Deutsch- 
land, als ein Geschenk der Kaiserin von Japan an die Kaiserin Augusta. 
Zuchtversuche mit diesem Paar blieben erfolglos, d. h. die Hündin ging beim 
Werfen ein, und gar bald folgte der trauernde Gatte seiner Gefährtin im Tode 
nach. In den neunziger Jahren begegnen wir auf deutschen Ausstellungen den 
ersten Japsen, die sich schnell die Gunst des Publikums erwarben. Zucht- 
stätten taten sich auf, die Tiere fanden — meist in erlesenen Händen — 
guten Absatz, und Preise von zwei bis drei Mille waren für besonders schöne 
Exemplare nicht selten. Auch heute steht die Zucht bei den ernsthaften 
Züchtern auf gesundem Boden und in hoher Blüte. Natürlich handelt es sich 
nur um Hunde mit lückenlosem Stammbaum, um Hunde, die im kartellseitig 
anerkannten Zuchtbuch eingetragen sind. Interessenten seien stets gewarnt, 
bei Händlern oder wilden Züchtern zu kaufen, die Enttäuschung wird nie 
aUi>bleiben. Müller-Pröbster. 


Rembrandts Radierungen in Amslerdrucken. Von allen Schöpfungen 
Rembrandts sind die Radierungen gewiß am meisten berufen, zum Gemein- 
besitz der Gebildeten aller Nationen zu werden. Es existierte auch längere 
Zeit eine gute und vollständige Ausgabe seines graphischen Werkes in Re- 
produktionen, die Armand-Durand in Paris herausgegeben hatte. Diese ist 
zurzeit jedoch auf etwa ein Drittel zusammengeschmolzen und eine deutsche 
Publikation, die während des Krieges vorgenommen wurde, litt dermaßen unter 
den Zeitumständen, daß sie als vollwertig nicht in Betracht kommen kann. 
Demnach ist es im gewissen Sinne ein künstlerisches Ereignis, wenn der be- 
kannte Berliner Kunstverlag Amsler & Ruthardt sich entschlossen hat, die 
bisher bei ihm erschienenen Amslerdrucke Rembrandtscher Radierungen zu 
einer vollständigen Ausgabe des gesamten graphischen Werkes dieses Meisters 
auszubauen. 

Die beiden ersten Bände: Die Selbstbildnisse und die Darstellungen des 
alten Testamentes, werden in allernächster Zeit erscheinen. Die Faksimile- 
drücke sind durch Klarheit, Tiefe und Tonschönheit ausgezeichnet und werden 
allen Verehrern des großen niederländischen Meisters eine hochwillkommene 
Gabe bedeuten. Die Fortsetzung der Ausgabe soll tunlichst beschleunigt 
werden, so daß die Kulturwelt in absehbarer Zeit in den Besitz dieses groß- 
zügig angelegten Publikations-Werkes gelangt sein wird. Das Gesamt-Werk, 
wie auch die einzelnen Abteilungen werden von dem bekannten Heidelberger 
Kunsthistoriker Geheimrat Professor Dr. Cari Neumann eingeleitet. 


792 


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o - Ausstellung der Galerie F l e c h t h 


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?tCOÄ\A :k^ 

Slg. Fürstin Lichnowsky 

Die Harlekine. Guasch. 1905 



Photo Cal. Simon 

Junges Mädchen. Aquarell. 1020 



Mit Gen. der D. A. A. (Flechtheim) 
Toulouse-Lautrec, Die Toilette. Paris, Luxembourg 
Aus Waldmann, die Kunst des Realismus und Impressionismus (Propyläen-Kunstgeschiehte) 



Der Bullterrier. In einem alten englischen Buche über Hunderassen wird 
der Bullterrier als „der Gladiator“ unter den Hunden bezeichnet. Der moderne 
Engländer nennt ihn „den weißen Gentleman“. Beide Eigenschaften möchte 
ich kurz charakterisieren. Der Bullterrier ist eine Kampfnatur von unüber- 
troffenem Schneid, greift aber, was meine Beobachtungen anlangt, nie zuerst 
an; wird er aber angegriffen, so hat der größte, schärfste Hund bald aus- 
gespielt. In Afrika hat man diese Hunde viel zu Löwenjagden gebraucht. Der 
Bullterrier scheut eben vor keiner Gefahr zurück. Leute, die diese Rasse nicht 
würdigen, behaupten, der Bullterrier sei scharf und böse gegen Menschen, was 
ich entschieden bestreite. Natürlich liegt hier wie bei jedem Hunde viel an der 
Erziehung. Der Bullterrier hat von Natur ein sehr feines, ausgeprägtes Unter- 



„Polonia v. Grunewald“, Siegerin Wiesbaden 192/ 
Züchter Rudolf Piesbergen Berlin 


scheidungsvermögen für seine menschliche Umgebung. Er ist, wie der Eng- 
länder sich treffend ausdrückt, in dieser Beziehung ganz „Gentleman“. Er 
weiß, wie er sich zu benehmen hat. Trotz seiner großen Wachsamkeit wird 
er niemals unerwarteten Besuch anbellen oder einen Fremden anknurren, wenn 
ein Hausgenosse zugegen ist; er fühlt dann keine Verantwortlichkeit für das 
Haus. Ich finde nichts störender, als wenn ein wachsamer Hund, sobald 
jemand Fremdes Garten oder Haus betritt, ä tempo in ein wüstes Gekläffe aus- 
bricht. Einem Einbrecher aber würde ich immer raten, es anderwärts zu pro- 
bieren. Zum Schluß möchte ich noch sagen: der Bullterrier ist der beste 
Freund, von unbedingter Anhänglichkeit, immer zum Spielen aufgelegt, ver- 
gnügt und amüsant. Man macht sich selbst die größte Freude, wenn man ihn 
mitnimmt, und ihn draußen zu beobachten, kann einem die schlechteste Laune 
vertreiben. IV. von Krieger. 


7 93 


Der Zwergschnauzer. Der Zwergschnauzer ist die genaue Verkleinerung 
des Schnauzers unter Wahrung aller Wesenseigentümlichkeiten und Vorzüge. 
Er unterscheidet sich von diesem nur in der Größe und Gebarung, in der der 
Zwerghund als solcher zum Ausdruck kommt. Durch seine hervorragenden 
Eigenschaften ist er nicht nur in Deutschland, sondern auch in Holland und 
in der Schweiz stark verbreitet. 

Gräfin Kanitz 

(Zwergschnauzcr-Zwinger „v. Abbagamba“ .) 

Der Schnauzer und der Riesenschnauzer. Eine gute alte deutsche Rasse, 
die ihres ansprechenden Aeußeren und ihrer hervorragenden Charaktereigen- 
schaften wegen unbedingt der weitestgehenden Beachtung würdig ist, ist der 
Schnauzer, früher auch Deutscher Rauhhaarpinscher oder Rattler genannt. 
Mit einer Rückenhöhe von etwa 45 Zentimeter ist dieser treue Bursche nicht 
zu groß, um überall hin mitgenommen werden zu können, aber auch groß 
genug, um mit seinem kräftigen Gebiß im Ernstfälle einen nicht zu unter- 
schätzenden Gegner darzustellen, und seine guten Charaktereigenschaften 
machen ihn wirklich zum ständigen Hausgenossen und Begleiter seines Herrn. 
Freilich verlangt der Schnauzer, wenn er sich wohlfühlen und voll entfalten 
soll, daß sein Besitzer sich mit ihm abgibt, mit ihm Freundschaft schließt. 



794 


Wer das vermag, wird an diesem intelligenten Hunde sicher seine Freude 
haben und kaum wieder eine andere Rasse wählen. Ohne irgendwie nervös zu 
sein, ist er doch immer bei der Sache, beobachtet alles und läßt seinen Herrn, 
an dem er mit unerschütterlicher Treue hängt, nicht aus dem Auge. Er ist 
nicht bösartig, läßt sich aber, angegriffen, von niemandem etwas gefallen und 
geht rücksichtslos auf seinen Gegner los. Eine andere Eigenschaft ferner, ihm an- 
geboren, die der Rasse einst sogar ihren Namen, nämlich Rattler, Rattenfänger, 
verschafft hat, macht den Schnauzer auch für das Land recht wertvoll, das ist 
seine Schärfe auf alles kleine Ungeziefer wie Ratten und Mäuse, deren erbit- 
tertster und unermüdlichster Feind er ist. 

Züchterfleiß und Züchterkunst haben aus dem ruppigen Slallpinscher unter 
peinlichster Erhaltung aller seiner vielen guten Eigenschaften einen schönen 
Hund mit edlen Linien geschaffen. 

Unter diesen Umständen ist es erklärlich, daß der Schnauzer bis weit über 
Deutschlands Grenzen sich einer steigenden Beliebtheit erfreut. 

Groß ist die Zahl der von Amerikanern aufgekauften Schnauzer, fast nur 
allerbeste Klasse, und es ist ein recht erfreuliches Zeichen, daß trotz dieser 
Verluste die Schnauzerzucht in Deutschland weiter Fortschritte macht. 

Ist schon die Schnäuzerzucht schwer, so kann man dies in noch viel stärke- 
rem Maße von der Zucht seines großen Vettern, des Riesenschnauzers, be- 
haupten. Die Wiege des Riesenschnauzers ist wohl in München zu suchen; 
früher kannte man ihn unter dem Namen Bärenschnauzer, Münchener Schnauzer, 


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des Kupferstich-Kabinetts zu Stockholm: kostbare Seltenheiten alter Graphik 
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Die Kataloge Nr. 155 und 156 erscheinen im Oktober. Preis 5 und 2 Mark 


795 


Bierschnauzer. Die Zucht des Riesen ist noch lange nicht so weit wie die 
des Schnauzers, es fehlt vorläufig noch die Ausgeglichenheit im Typ. Man 
wünscht einen Hund von mittlerer Höhe (zirka 65 cm Stockmaß), kräftig und 
gedrungen, mit guten Knochen und möglichst rauhem Haar. Wiegt bei dem 
Mittelschlagschnauzer in der Farbe Pfeffer und Salz vor, so finden wir bei 
den Riesen in der Hauptsache Schwarz, Pfeffer und Salz, wirklich rein, also 
kein Strohgelb oder schmutziges Grau, ist kaum anzutreffen; das tiefe Schwarz 
ist vielleicht auch vom Gebrauchshundstandpunkt mehr zu begrüßen, da es den 
an und für sich schon eindrucksvollen Burschen als Gegner noch unheimlicher 
erscheinen läßt. Sie sind im allgemeinen viel weicher im Gemüt als ihre kleinen 
Vettern trotz aller natürlichen Schärfe Fremden gegenüber und verlangen da- 
her bei der Erziehung sehr viel Verständnis und sehr viel Liebe. Das macht 
diesen Plund nicht für jedermann geeignet und wird ihn zu seinem Glück immer 
davor bewahren, Modehund zu werden, das Schlimmste, was einer Rasse 
passieren kann. Karl Kuhn. 


Bericht aus der Zeitschrift ,,Der Freimüthige“ vom Jahre 1812. In Kon- 
stantinopel gerieth das Haus eines griechischen Dolmetschers in Brand. Mit 
Hilfe eines Janitscharen rettete er den größten Theil seiner Schätze und 
Effekten. Ein Kind in der Wiege aber wurde vergessen, man konnte nicht 
mehr hinein, denn Alles stand schon in Flammen. Der unglückliche Vater, 
in Verzweiflung darüber, glaubte es schon verloren, als sein großer Haus- 
hund aus dem Hause stürzte, das Kind in den Windeln im Rachen haltend. 
Man drängte auf ihn zu, aber er entfloh damit, und w T eit davon legte er seine 
kostbare Last auf der Thürschw'elle eines Freundes seines Herrn nieder. Hier 
bewachte er es, bis die Thür sich öffnete. W ürde man wohl errathen, welche 
Belohnung diesem großmüthigen Thiere zu Theil ward? Der Dolmetscher 
beeilte sich wirklich, ihm eine solche zu geben; aber sie war ebenso schreck- 
lich als sonderbar. Er tödtete ihn mit eigener Pfand und verzehrte ihn mit 
seiner Familie bei einem großen Gastmahle, das er ihm zu Ehren gab, indem 
er sagte: „Er ist viel zu edel, als daß er eine Speise der Würmer werde; er 
soll sich mit dem Blute der Menschen vermischen, die dadurch großmüthiger, 
gefühlvoller und tugendhafter werden!“ 


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796 


Aufstellung eines Kognak-Automaten in dem Klubhaus des „Dachshund- 
klub München“ gewünscht. Platzmiete nicht verlangt, aber prima Qualität 
von Kognak beansprucht. Näheres durch den Schriftführer des Klubs, Heu- 
straße 1 5 a , Atelier. (Aus ,, Hundesport und Jagd“.) 



ryitsm <2 Cig'&reH.n- . 

$ c/bc 5or/e 6 Pf. 


Der vergessene Viehmarkt. Am Dienstag sollte in Muotathal laut Kalender 
der Schaf- und Jahrmarkt abgehalten werden; da die Behörden keine Publi- 
kation erließen, scheint der Markt von der Bevölkerung vergessen worden zu 
sein; wenigstens erschien außer dem Tierarzt kein, und auch kein Stück Vieh. 

(„Ostschweizerisches Tageblatt und Ror Schacher Anzeiger.“ ) 


797 


Gespensterhunde. Die Gespensterhunde von West-England umlassen. 

Die Dartmoor Whislit Hoiinds, die man nachts auf den Sümpfen bellen hört 
und im Kreise herumrennen sieht, sollen die Geister ungetaufter Kinder sein, 
die zu ewiger Hetzjagd verurteilt sind. Am Tage verbergen sie sich hinter 
dem Hounds Tor und dem Hunts Tor und treiben ihre Hetzjagd mit \ 01 liebe 
auf dem Abbots Way auf Dartmoor. 

Der Schwarze Hund, von Brixhatn spukt in einem Hause, dessen Eigen- 
tümer vor seinem Tode einen Schatz darin vergraben hat, zu dem ei von Zeit 
zu Zeit zurückkehrt, um ihn zu bewachen. W enn er gereizt wird, stürzt er 
sich mit seltsamem, unirdischen Schreien auf seinen Angreifer und zeigt auch 
sonst die sonderbaren und unheimlichen Manieren des gewöhnlichen Gespensts. 

Tctcott. Hier spukt ein ganzes Rudel Hunde infolge eines übereilten Aus- 
spruchs eines Arscott von Tetcott Parc, daß er jagen wolle bis zum jüngsten 
Tage. Er ist beim Wort genommen worden, denn des Nachts hören die An- 
wohner oft sein Horn im Park und das Lärmen der Meute, wie sie durch 
Wirbelwind und Heulen des Sturmes jagen. 

In Okehampton und Tavistock sieht man häufig einen dürren Bluthund vor 
einer vierspännigen Lady’s Kutsche einherrennen. \ on ihrem Zauber an- 
gelockt, steigen Männer in die Kutsche und werden nie wieder gesehen. 

In Deane Prior geht im Schwarzen-Hunde-Pfuhl der Geist eines W ebers 
um, der nach seinem Tode zu seinem WTbstuhl zurückkehrte und dafür vom 
Pfarrer in einen schwarzen Hund verwandelt wurde durch das einfache Mittel, 
daß er ihm Kirchhofserde in sein Gespenstergesicht warf. Der ehrwürdige 
Pfarrer führte ihn an einen Pfuhl, gab ihm eine Nußschale mit einem Loch 
darin und erklärte ihm, wenn er den Pfuhl ausgeschöpft habe, könne er zu 
seinem Webstuhl zurückkehren. So kann man oft um Mitternacht den schwarzen 
Hund hören, wie er W^asser schöpft, das man durch das Loch in der Nußschale 
in den Pfuhl zurückrinnen hört. 

In Sidmouth spukt ein unheimlich freundliches Gespenst. Das ist der 
Schwarze Hund von Salcomb Ridge, der einsame Wanderer in dunklen 
Nächten nach Centry’s Corner begleitet, einerlei, ob sie es mögen oder nicht. 




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799 


Dogmere Moor. Die Sage von Tregeagle ist bekannt in Cornwall. Dieser 
Mann, der infolge seines üblen Lebens seine Seele dem Teufel verkauft hat, 
wird von Satan und seinen Höllenhunden häufig über die Dogmere Moore 
gehetzt. Das gellende Gekläff der Hunde und das Heulen und Brüllen um 
Gnade des unseligen Tregeagle zerreißen die Stille der einsamen Nächte, wenn 
er über die Heide hetzt und immer gerade knapp vor der Meute über das 
Gestrüpp entwischt. 

Selbstmord meiner Hexi. Hexi war eine Tigerdogge und hatte die kälteste 
Schnauze, die ich je bei einem Hunde gespürt habe. Hexi nieste, wenn sie 
erkältet war und putzte sich hinterher mit den Vorderpfoten die Nase. Manch- 
mal lachte sie über das ganze Gesicht und zeigte dabei das wundervollste, 
schneeweiße Gebiß. Es ist ohne jede Frage, daß sie lachen konnte, ganz 
richtig lachen, auch zuckte sie dabei mit den Schultern. 

Wenn sie einmal nicht auf meinem Bettvorleger schlafen durfte, weil sie 
etwas ausgefressen hatte (Blumenbeete aufgescharrt usw.) , sondern Rolf, der 
Schäferhund, da lag, fuhr sie in der Nacht plötzlich auf und kratzte bellend 
gegen die Haustür. Rolf sofort hinterher. Wenn er aber ankam, war Hexi 
auf Umwegen zurückgeschlichen und hatte sich leise zu mir gelegt. Knipste 
ich dann das Licht an und wollte sie hinausjagen, dann lachte sie mit hoch- 
gezogenen Lefzen und legte ihre großen Pfoten auf mein Pyjama. 

Aber ich will nicht von lustigen Dingen sprechen. — Also: der Haushalt 
kam ins Wanken. Man merkte es überall. Die Dienstmädchen wechselten 
rasch, das Futter wurde unregelmäßig ausgeteilt. Manchmal waren sogar die 
Lungen für Hexi und Rolf noch nicht ein bißchen durchgekocht und viel zu 
heiß hingestellt, daß ihnen die Geschmacksfäden geradezu qualvoll aus dem 
Maule liefen. 

Acht Jahre war Hexi um diese Zeit jeden Tag um mich gewesen. Seit 
vier Jahren hatte sie auch ein Frauchen. Die Dame, mit der ich verheiratet 
war. Hexi und Nina liebten sich gegenseitig abgöttisch, so daß ich zeitweilig 
in den Hintergrund trat. Aber es machte mir nichts. Ich merkte schon, wen 
sie am meisten anguckte, wenn manchmal im Gespräch Gegenstände durchs 
Zimmer flogen. 

Endlich war es soweit: Frauchen und ich ließen uns scheiden. 

Was geschieht mit Hexi? 


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Ernst Josephson, Bildnis Frau Rubcnson 
Aus Waldmann, Die Kunst des Realismus und Impressionismus (Propyläen-Kunstgeschichte) 



Photo Morte Vcritä Ascona 


Dr. Edmund Stinnes 



Soldaten in ZüHichau an der Oder 


Um ihretwillen machte ich mir die entsetzlichsten Vorwürfe. Ueber meinen 
Leichtsinn, meine schlechte Geschäftsführung und klagte die Rentenmark an 
in Tönen, wie sie Hexi beim Anblick des Vollmondes ausstieß. 

Das Frauchen durfte sie nicht haben, da ihr Zukünftiger Hunde nicht 
leiden konnte. Und ich konnte sie nicht mitnehmen, weil ich ausgerechnet 
nach New York fahren mußte. 

Zuerst wollte ich Hexi erschießen, aber mein Nachfolger auf dem Gut bat, 
sie am Leben zu lassen und versprach, in jeder Weise für sie zu sorgen; er 
wäre froh, einen so schönen Hund zu haben, sagte der Ahnungslose und 
glaubte mich damit zu trösten. 

Also stumm und ohne Abschied weg! 

Auch der Gärtner Franz hatte mich angefleht, Hexi nichts anzutun, und 
von ihm habe ich dann auch nach Jahren erfahren, was sich abspielte. Franz 
hat nie gelogen, im Gegenteil, er erzählte immer nur die Hälfte von dem, 
was er sah. 

Hexi merkte sofort, daß wir nicht verreist waren, sondern überhaupt nicht 
mehr wiederkommen würden. Täglich lief sie vier- bis fünfmal zum Bahnhof. 
An allen Gütern strich sie vorbei, auf denen ich je zu Gaste gewesen war. 
Das Winseln zu Hause soll schrecklich gewesen sein, zumal sie dafür an- 
geschrien wurde. Als sie einmal biß, sperrte man sie drei Tage im Keller ein. 
— Ihre Schnauze war brennend heiß geworden und ganz rissig, sagte Franz. 

Sie nahm dann kein Futter mehr und kam ganz herunter. — Nach zehn 
Tagen lief sie ins nahe Moor, wo wir oft Enten gejagt hatten und wo so viele 
heimtückische Stellen sind. — Sie tastete sich vorsichtig mit ihren Pfoten 
vorwärts, und als sie fühlte, daß der Boden immer mehr unter ihr nachgab, 
ließ sie sich langsam einsinken, lautlos, mit todtraurigen Augen. 

Aber Franz hatte sie gesehen und wunderte sich, was Hexi machte. — 
.,Als ob sie sich partout umbringen wollte.“ — Er warf lange Bretter aus, 
holte sie und trug das vollkommen erschöpfte Tier nach Hause. 

Er legte sie vor ihrer Hütte auf Decken in die Sonne und versuchte, ihr 
Milch einzuflößen. Aber das Maul war nicht auseinander zu bringen, mit 
allen Kräften nicht. — Ihr Körper war steif, alle Muskeln waren gespannt in 
einem tollen Krampf. Nur würgen mußte sie, lange Zeit, wie ein Kind, das 
sich nicht ausweinen kann. 

Schließlich fielen die Kiefer auseinander und ein dicker, kleiner Bach fast 
schwarzen Blutes kam aus ihrem Maule. 

Es war ein Blutsturz. 

„Hat denn der Tierarzt was gefunden?“ fragte ich. 

„Nichts, gar nichts!“ antwortete Franz. Bernhard. 

Kokottenhunde. Eine richtige Kokotte darf kein Herz haben, und danach 
reguliert sich auch ihre Einstellung zum Hund. Noch vor wenigen Jahren 
wäre es für eine Dame unmöglich gewesen, einen großen Windhund zu haben: 
sein nur dekorativer Zweck machte ihn zum gegebenen Aushängeschild für die 
grande Cocotte, die Kleid und Hut nach ihm abstimmte. Vor ihm waren es 
die ganz winzigen Rehpinscher, die favorisiert wurden und, im Ridicule ge- 


801 


tragen, eine wirkliche Dame kompromittiert hätten. Heute gibt es kaum mehr 
eine speziell favorisierte Rasse. Man liest zuviel über Modehunde und richtet 
sich danach, führt den Hund, den die Mode gerade verlangt, wechselt ihn, 
wenn er nicht zum Kleid paßt, wie man einen Hut wechselt. Eine Zeitlang 
waren es die Pekingesen, die aber in den letzten Jahren in die Sphären der 
Gesellschaft und ins Boudoir der Diva von Film und Operette avanciert sind. 

Natürlich verbindet auch ein besonderer Konnex den Hund mit den Freun- 
den des Hauses, soweit sie selbst stabil sind und die Herrin samt Hund näher 
kennenlernen. Männer haben ja immer mehr Interesse für Hunde als gerade 
die Lebedame. Da der Hund in seinem Milieu charakterlos geworden ist, 
sympathisiert er natürlich immer am meisten mit dem Herrchen, das ihm am 
meisten mitbringt, mit seinem Frauchen darin wetteifernd. Seinen Geruchs- 
sinn verliert der Kokottenhund ganz und gar, der, zum parfümierten Sofakissen 
degradiert, schlechtangezogene Leute anknurrt und nur sehr selten seine Be- 
sitzerin verteidigt, wenn ihr irgendwelche Angriffe drohen. 

Nur eine Ausnahme bilden Findlinge. Meist mit dem Verblassen der 
Jugend bekommt die Kokotte, ob groß, ob klein, Einsamkeits- und Sehnsuchts- 
komplexe, dann klaubt sie sich irgendwo einen Bastard auf, päppelt ihn auf und 
konzentriert auf ihn ihr armseliges Familienleben, allerdings hinter der Fas- 
sade, hinter die sie sich mit ihrem Pudel-Mops-Pinscher zurückzieht, um dem 
dekorativen Zwang ihres Berufs einmal auf Minuten zu entgehen, um auf 
ihre primitive Art sie selbst zu sein. Daisy Rens. 

Mademoiselle Coralies Original-Schweizer-Hunde-Theater. Mademoiselle 
Coralie Fluhbacher (sie liebt nur die französische Aussprache ihres Namens: 
Flubache) stammt aus Vesenaz am Lac Leman, wo sie einen kleinen, kokett 
bemalten Ruhesitz ihr eigen nennt, dessen adretten Garten schöne bunte Glas- 
kugeln zieren, die auf Stäben mitten in die Beete gestellt sind. Auf den Rasen- 
flächen aber sitzen und liegen graziös zahlreiche lebensgroße Hunde aller 
Rassen herum, aus Porzellan und Terrakotta. Wem wird, wenn er an dem 
blendend weiß gestrichenen Zaun vorbeigeht, die Vermutung kommen, daß alle 
diese Figuren Grabmäler großer Künstler sind, die hier zwischen Rosen und 
Jasmin von ihren Reisen ausruhen, die sie durch alle fünf Erdteile geführt 
haben? Denn Mademoiselle Coralies Hundetheater war durch Jahrzehnte der 
Clou der großen Weltvarietes, und noch heute lebt ihr Name in den Truppen 



JACK LONDON 

Jetry 

Der Rottum eines fjunöctf 

„Diese Odyssee eines Hun- 
des hat wirklich etwas vom 
Blute Homers. Ein Meister- 
stück dichterischer Versenkung 
in die Seele einer anderen 
Kreatur.“ Frank Thieß. 

In Leinen Mark 4.80 


CH. ROBERTS 

Oie SJurg im (Btafe 

Mit Illustr. von Jan Blisch 

„Man kehrt immer wieder 
gern zu den Tieren zurück, 
da sie ein Dichter aus Ur- 
wald u. Steppe vor uns hinstellt. 
Prachtv. Erziihlg. aus der herrl. 
Welt des Raubtiers.“ K. Münzer. 
In Leinen Mark 4.80 


802 


ihrer Schüler fort, oder er wird von minderen Imitatoren unrechtmäßig ver- 
wendet. Sie selbst ist eine kleine, pummlige Dame im weißen Haar geworden, 
die zwischen Lorbeerkränzen und Porträts ihrer Lieblinge einem Paradies ent- 
gegensieht, in dem es sicher von Hunden wimmelt. 

Als Mademoiselle Coralie ihr Theaterchen begründete, ging sie gefühls- 
mäßig von einer künstlerischen Erkenntnis aus, zu der sich Film und Theater 



CHRONA.T - G. M. B. H. / DÜSSELDORF, GEIBELSTRASSE 71 

erst in letzter Zeit mühsam durchzuringen beginnen: daß in der darstellenden 
Kunst Charaktermasken nicht durch Schminke und andere fälschende Mittel 
künstlich hergestellt werden können, sondern ganz einfach dem Darsteller an- 
geboren sein müssen. Nie wird der vom besten Friseur geknüpfte angeklebte 
Schnauzbart die unappetitliche Wehmut des Naturschnauzers erreichen. Talent 
zum Theaterspielen hat jeder Dilettant, ob Mensch, ob Hund, wenn sein 
Aeußeres und sein Charakter so sind, wie es die Rolle erfordert. Nur wer sich 


803 



selbst spielt, ist vollkommen. Fand Mademoiselle Coralie unter Hunden einen 
typischen Geheimrat, so komponierte sie für diesen Typ die richtige Szene, ein 
negerähnlicher Bully veranlaßte sie, eine Othelloszene zu spielen, ein Wind- 
hund-Elegant bekam seine französische Ehebruchskomödie mit dem Pekingesen- 
fräulein. Zum Schluß aber vereinigte sie alle Typen auf der Bühne in der großen 
Szene „Um Mitternacht auf der Straße“, und hier trat die treue Polly auf, die 
große Dackeldame, die dem Theater allabendlich den größten Lacherfolg ein- 
brachte und bis heute unerreicht viele Nachahmerinnen gefunden hat. Wenn 
alle Trotteure über die Straße gezogen waren, die WTndhund- und Pudel- 
Bummler, die Spitze-Kokotten, der betrunkene Student, wenn zum Schluß die 
Schnauzer-Polizisten ihre Runde gemacht haben, eilt in Hemdärmeln ein auf- 
geregter kleiner Rehpinscher-Herr auf ein Haus zu und bimmelt vehement an 
der Nachtglocke; sofort erscheint oben im Fenster im Schmucke der Nacht- 
haube Polly, die Hebamme. Noch nie hat eine Dame ihres Metiers so ver- 
schlafen gnädig ihr ,,ja“ genickt, wie Polly. Gleich darauf kommt sie unten 
aus dem Haus, marschbereit, eilfertig, mit der Tasche bewaffnet, mißt ver- 
achtungsvoll den aufgeregt tänzelnden Vater in spe und eilt dann mit ihm 
davon, voll Pflichtbewußtsein, Neugier, Geschäftigkeit, dabei hoffnungsvoll 
ungezählten Schalen Kaffee entgegenschnuppernd, eine mimische Leistung, die 
am Theater noch keiner komischen Alten in dieser Vollendung gelungen ist. 
Mit Recht schmückt ihr Grab in Mademoiselle Coralies Garten ein kleiner 
Lorbeerbaum. Draco. 

Das Grabmal Roldanos (f 1605), des Hundes des genuesischen Seehelden 
Giovanni Andrea Doria, ist noch heute im Garten des Palazzo Doria erhalten. 
Es ist eine Statue des Jupiter, der seinen linken Fuß auf einen mächtigen Hund 
setzt. Dieser Hund empfing von Philipp II. von Spanien eine Leibrente von 
500 Goldkronen und wurde durch zwei Sklaven bedient, welche ihm die 
Speisen auf silbernen Schüsseln reichten. 

Pompe hieß der Hund Karls XII. von Schweden, der im Ausland starb und 
einbalsamiert mit einem Ehrengeleite von 80 Mann in die Heimat übergeführt 
wurde. 

Die Prinzessin Anna von Württemberg, welche um 1730 zu Mömpelgard 
lebte, hielt sich einige Dutzend besonders kleiner Schoßhunde. War ein 


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S04 


Tierchen gestorben, so wurde es in einer Schachtel am Fußende des Bettes 
der Prinzessin so lange aufgebahrt, bis der bestellte Zinnsarg fertig war. 
Unter Begleitung von Klageweibern erfolgte dann die Beisetzung in einer 
Kapelle. Eine Kammerjungfer, die nicht betrübt genug war, wurde von der 
Prinzessin mit Nadeln ^erletzt und ihr zur Erhöhung der Trauer Siegellack 
in die Wunden geträufelt. Der Conseil souverain zu Colmar belegte die Prin- 
zessin hierfür mit einer Geldbuße und fünfjähriger Verweisung aus der Graf- 
schaft. 

Unter Friedrich Wilhelm II. herrschte in Berlin die Sitte, Hunde mit ins 
Theater zu nehmen. Den Schriftsteller Heinrich Wilhelm Seyfried störte 
dies offenbar, denn er berichtet: „Kleine Bologneser Möpschen sind gemeinig- 
lich die Lieblinge der Damen. Nicht nur bemerkte ich ebenfalls solche Ge- 
schöpfe, sondern auch einige Male Windspiele, Pudel und Jagdhunde im 
Theater. Sonderbar ist es, daß man so sehr auf diejenigen Menschen Achtung 
gibt, welche ohne Billette in die Oper wollen, doch diesen Geschöpfen freier 
Eintritt gewährt wird. So sehr dadurch Ruhe und Ordnung gestört wird, so 
leicht ist es, diesen vierfüßigen Zuschauern den Weg zu versperren.“ 

On the collar of Mrs. Dingley’s lap dog: “Pray steal me not, I’m Mrs. 
Dingley’s whose heart in this four-footed thing lies.” (Jonathan Swift.) 


Mutige Tiere haben tiefe Stimmen und feige ganz hohe, spitze Stimmen. 
Zu den ersteren gehören der Löwe, der Bulle und der bellende Hund. Tiere 
mit schmalen Flanken und breiten Hüften lieben die Jagd, wie zum Beispiel 
der Löwe und der Hund. Man wird beobachten, daß alle die Hunde, die die 
Jagd besonders lieben, sehr schmale Flanken haben und in den Hüften dick 


“The Perfect Greyhound.” 

If you would have a good tyke; 
Of which there are few like, 

He must be headed like a snake, 
Necked like a drake, 

Backed like a beam, 

Sided like a dream, 

Tailed like a bat, 

Footed like a cat. 


( Old Rhyme.) 


sind. 


( Aristoteles.) 



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für Gemäldegalerie 


Achenbach, Böcklin, Defregger, Feuerbach, 
Friedrich, Gallegos, Gebhardt, Grützner, 
Jutz, Kauffmann, Knaus, Kröner, Leibi, 
Leistikow, Liebermann, Li er, Maries, 
Menzel, Munkaczy, L. Richter, Schleich, 
Schuch, Schwind, Segantini, Slevogt, 
Sperl, Spitzweg, Thoma, Trübner, Uhde, 
Vautier, Voltz, Waldmüller, Zügel usw. 


sowie französische Impressionisten 


805 



Altgriechische Grabinschriften für Hunde. 


1) So hast du denn an diesem 

dichten Busch, 

Dem wurzelreichen, deinen 
Tod gefunden, 

O Maira, Lokrerhiindin, die 
im Husch 

Besiegt die schnellsten von 
den lauten Hunden. 

2) Bist du gleich tot, wird wohl 

so manches Tier, 
Jagdhündin Lykas, auch vor 
dem Gebeine 

Noch zittern, das bedeckt 
von diesem Steine, 

Und wie gehetzt sich flüchten 
noch vor dir. 


So mußte dieses Gilt dir 
tödlich sein, 

Zubannen nicht durch Zauber- 
spruch und Kraut, 

Das dir geträufelt ins be- 
hende Bein 

Die Natter mit der farben- 
bunten Haut. 

Des Ossa Haupt, das man 
von ferne schaut, 

Der weite Pelion deine 
Schärfe künde 
Und des Kithäron klippen- 
reiche Gründe, 

Der Lämmer Weide, welche 
dir vertraut. 


Nachdichtung von August Ochler , aus j,Der Kranz des Meleagros 

von Gadara“ (Pro pyläen-V erlag) 


Mein Hund Patrick. „Passen Sie auf,“ sagte mir in ihrem Londoner 
Magazin die Hundezüchterin, der ich Patrick abgekauft hatte, „wenn der cairn 
der treueste der Hunde ist, wie alle Söhne Schottlands, so hat er doch eine 
Passion, auf die Sie achtgeben müssen, besonders in der ersten Zeit: das 
Heideland.“ 

Ich nahm Patrick nach Frankreich mit und legte zwischen ihn und sein 
Ursprungsland den Aermelkanal, jenes Meer, das die Engländer aus Furcht 
vor der Tollwut für die Hunderasse gesperrt haben . . . Patrick wurde 
Pariser. Er gewöhnte sich schnell an mich, erkannte mich an als seinen ein- 
zigen Herrn und verließ mich nicht mehr. Die Monate vergingen, ich hatte 
die Mahnung der Züchterin vergessen. Eines Abends, als ich zum Nachtessen 
auf dem Lande war bei meinem Freunde, dem Maler Drian, der im Tal von 
Chevreuse eine Mühle besitzt, verschwand mein Hund während der Mahlzeit 
still und heimlich. Vergebens rief ich ihn, vergebens suchten ihn Gäste und 
Dienstboten in. der Umgegend; Mitternacht war schon vorüber, und die Un- 
ruhe hatte bereits der Niedergeschlagenheit Platz gemacht. „Ich werde 
Patrick nicht mehr wiederfinden“, sagte ich trostlos. Ein Gast wiederholte 
immer — und das sollte ein Trost sein — : „Ein Preishund, was für ein L T n- 
gliick, einen Preishund zu verlieren!“ Plötzlich fragte mich Drian: „Hast 
du dort unten im Heideland gesucht, auf der anderen Seite des Hügels?“ 
„Im Heideland!“ schrie ich, „er ist im Heideland!“ und lief in der angegebenen 
Richtung. Ich lief durch den Wald und kam nach einem langen Weg auf ein 
mondbeglänztes Gelände: Wie ein Elf tanzte Patrick im mütterlichen 

Heideland. Alain de Leche. 


806 


Hundegedichte von Friederike Kempner. 

Nero. 

In den Augen meines Hundes 
Liegt mein ganzes Glück. 

All mein Innres, Krankes, Wundes 
Heilt in seinem Blick. 

Neros Angedenken. 

Wo bist du hin, du liebes Tier, Das hoch hinauf zum Wagen sprang 

Das mir so treu gewesen, Mit wonnigem Geschreie, 

Das sich vor Freuden nicht lassen könnt Wenn ich nach Haus zurückgekehrt: 

Dürft es in meinen Blicken lesen; Ein solches Herz ist Weihe! 

Ein solches Herz vergehet nicht, 

Es lebt zu allen Zeiten; 

Die Seele nur erkennt und liebt, 

Nur Toren es bestreiten. 

Gegen die Vivisektion der Hunde. 

Die Treue wollt ihr lebend schinden, 

Was wollt ihr denn in ihrem Herzen finden? 

Wenn ihr in ihren Eingeweiden wühlt? 

Vielleicht die Liebe, die sie für euch fühlt? 


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DER DRAHTHAAR- 

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VOM GRUNBWALD 

gewann drei Championate, acht Siegertitel und die 
beiden großen Zuchtgruppen - Konkurrenzen aller 
Rassen des Deutschen Kartells für Hundewesen in 
den Jahren 1Q2Ö und 1927. Der Zwinger züchtet aus 
allererstklassigstem deutschen und englischen Zucht- 
material und gibt Nachkommen aus diesen jeweils ab 

»ZWINGER VOM GRUNEWALD« 

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äl 


fl?. 


807 


Der Paukenhund. Der Paukenhund ist keine neu entdeckte Hunderasse. 
Er bellt wie alle anderen Hunde, trägt ein gelbbraunes, zottiges Fell, wedelt 
mit dem Schwanz, wenn man ihn streichelt, und hat die sprechenden braunen 
Augen des Bernhardiners. In Deutschland tauchte er erst in den siebziger 
Jahren des vorigen Jahrhunderts auf. 

Im Feldzug zwischen Oesterreich und Preußen standen sich zwei Regimenter 
bei Roßberitz gegenüber, das K. K. Inf. -Reg. 75 und das Preußische Inf.-Reg. 43. 
Das Gefecht war beendet. Die Oesterreicher hatten sich zurückgezogen, und 
die Preußen erbeuteten diesmal statt der Fahnen einen kleinen Wagen mit 
einer daraufstehenden großen Trommel. Vor dem Wagen lag noch in den 
Sielen eingespannt ein toter Hund. Die Trommelfelle waren vollkommen 
zerschossen. 

Der Regimentskommandeur schreibt an seinen König mit der Bitte, den 
seltsamen Prunkwagen dem Regiment als Beutestück zu überlassen. Es kommt 
eine Kabinettsorder: Das Fuhrwerk darf dem Regiment auf ewige Zeiten ver- 
bleiben. Es kann zu jedem Dienst mitgeführt werden, jedoch mit Rücksicht 
auf die Außenpolitik nicht bei großen Paraden. Denn der Trommelkörper trägt 
ja noch die österreichischen Farben schwarz und gelb, das österreichische 
Wappen, den Doppeladler, und die Inschrift des K. K. Inf.-Regts. Nr. 75, und die 
ausländischen Offiziere, die bei der Parade zugegen sein würden, könnten an 
diesem seltsamen Beutestück Anstoß nehmen. 

Nachdem nunmehr der Paukenwagen preußisch geworden ist, wird der 
erste preußische Paukenhund zum Dienst befohlen. Es gab nichts Schöneres 
für uns Kinder, als wenn die 43er in Königsberg ein Platzkonzert veranstalteten, 
in wohlgeordnetem Kreise um ihren Musikdirektor Krantz (der heute noch, 
76 jährig, lebt) herumstanden und der Paukenhund sich in Pflichterfüllung an 
dem Platzkonzert beteiligte. 

Nach dem letzten Krieg kam das kleine Fahrzeug nach Berlin ins Zeughaus. 
Neuer Erlaß, diesmal des Reichswehrministeriums: Das Paukenfuhrwerk mit- 
samt dem Paukenhund verbleibt der Traditionskompagnie in Königsberg. Ein 
neuer Paukenhund ward gewählt. November 1924 wurde sogar eine große 
Feier veranstaltet mit dem alleinigen Zweck, den Paukenhund der Traditions- 
kompagnie zu übergeben. Benno Bardi. 

Aelian erzählt, daß sich in Sizilien, in der Stadt des Adranus, ein Tempel 
befindet, in dem Hunde, die dem Gott geheiligt sind, Tempeldienste ver- 
richten. Die Hunde beschreibt er als an Größe und Schönheit die molossi- 
schen Hunde übertreffend. Am Tage umspringen sie freundlich die Tempel- 
besucher, gleichviel, ob es Einheimische oder Fremde sind. Trinker begleiten 
sie nachts zu ihren Häusern . . . Diejenigen, die sich unmäßig dem Trünke 
hingeben, werden von ihnen entsprechend bestraft, denn sie springen sie an 
und zerreißen ihnen die Kleider, und sollte jemand den Versuch eines Ein- 
bruchs machen, so zerreißen sie ihn auf die grausamste Weise in Stücke. 

In der Galerie Casper, Berlin, sind zurzeit Werke von Arthur Grimm 
ausgestellt. 


808 


Gräfin Aga Hagen hat die Redak- 
tion in freundlichster Weise durch 
Hergabe vieler Hundebilder aus ihrer 
Sammelmappe unterstützt, die zur 
wesentlichen Bereicherung des Heftes 
beigetragen haben. 

Auktionen. Am i. und 8. No- 
vember versteigert Rudolf Lepke die 
Sammlungen Frau Anna Goldschmidt, 
Wien, Katalog 1986, und Dr. Josef 
Kranz, Haus Raach b. Wien, Katalog 
1987. Börner kündigt seine Herbst- 
auktionen in Leipzig in der Zeit vom 
10. bis 19. November an. Zur Ver- 
steigerung kommen die Sammlungen 
Alfred Morrison und die des 1712 
verstorbenen Reichsgrafen Wenzel 
v. Nostiz-Rieneck. 

In einem Prospekt, der einem 
Teil der Auflage dieses Heftes bei- 
liegt, fordert der Verlag F. Bruck- 
mann A.-G., zum Abonnement seiner 
kultivierten Zeitschrift „Die Kunst“ 
auf. 



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Grammophon. 20857. „ Kunigunde ", Foxtrot (Raymond- Amberg). — Rückseite: 

„Elle danse le Charleston" , Onestep (Langlois). Paul Goldwin mit seinem Künstler- 
Ensemble: Musikalische Solidität, marschfeste Lustigkeit. 

Elektrola. E.G.466. „ Huguette ", Boston (Friml). Savoy-Orpheans und „You can’t 
take away my dreams" , Boston (Herbin). Tanzorchester The Sylvians: Halb- 
seriös, halb-einschmeichelnd, auch Tanzfeinde überzeugend . . . 



809 



Columbia. 4380. „I Wonder how i Look when l’m Asleep “ und „ Fire Foxtrots. 
Harry Resers Syncopators mit Chor: Weckerrasseln, Gähnen. Schnaufen, Sirenen- 
heulen, Signale, mit populären Wendungen kombiniert. 

Beka-Lindström. B. 6184. „ Rubinesque “ und „ Night-time is Love-time“, Foxtrot. 
Julian Fuhs und sein Orchester: Hübsche Bearbeitung eines alten Schlagers von 
Rubinstein. 

Geige 

Elektrola. D. A. 745. ., Formell to Tliee“ (Lilinokalani-Kreisler) und „ Front the 

Land of the Sky-blue Water’ (Kadman). Violine: Fritz Kreisler mit Klavier: 
Anspruchsvoll servierte Sentimentalismen von kreislerischer W irksamkeit. 

Elektrola. E.G.416. „ Aus der Heimat“ (Smetana, bearb. v. Sitt). Violine Josef 
Wolfsthal. Klavier: Karol Szreter: Entzückende Musik, prächtiges Duo. 

Columbia. L. 1461 R. „Pisen Lasky“ , Liebeslied (Suk-Marak). Violine: Yovano- 
vitch Bartza. — Rückseite: „Tambourin Chinois" (Kreisler) : Echt böhmisch ge- 
fiedelte, gesangsschmelzende Romanze. 

Klavier 

Homokord. B.8446. „Wasserreflexe“ und „Wasserspiele“ (Debussy). Klavier: 
Walter Gieseking ; sowie: Homokord. 1 — 8488. „Zwölfte ungarische Rhapsodie 
( Franz Liszt). Klavier: Walter Gieseking: Zwei präzis-flüssige Bravourplatten. 

Elektrola. E.J.86 „Mondscheinsonate“ , Presto agitato (Beethoven) und „ Konzert- 
etüde Kr. 3 (Liszt). Klavier: Frederic Lamond: Trefflich gestufte Djmamik. 
warme Tönung. 

Orchester 

Electrola. E.H.46. „Kommt ein Vogel geflogen . . .“ im Stile älterer und neuerer 
Meister humoristisch bearbeitet von Siegfried Ochs. Ferdy Kauf f mann und sein 
Orchester: Stets anregender musikalischer Scherz. Wagner-Parodie! 

Electrola. E.J63. Preludt. ä „L’apres-midi d’un faune“ (Debussy). Royal Albcrt- 
H all-Or ehest er : Sicher equilibrierte Valeurs. Wundervoller Klang von Harfe 
und Holzbläsern. 

Odeon. O — 6338. Phantasie a. d. Oper „Mephistopheles (A. Boito). Dajos Bela- 
Or ehester: Dieses interessante Werk ist in Deutschland sozusagen unbekannt. 

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Kui sie, ohne einem Teil den Vorrang einzuräumen. Alles Lernen und 
Lehren ist von Anfang an an praktische und verwertbare Arbeit gebunden 
und alles Entwerfen zielt auf da* Ausfuhren hm bis zur vollständigen 
Fertigstellung. Das wird ermöglich! durch ein Zusammenarbeilen mit 
den Werkstätten der Schulen, mit dem städtischen Hochbauamt und 
durch eine wirlschaftiche Abteilung, die um Arbeitsgelegenheit bemüht 
ist. Eine Abteilung für religiöse Kunst ist neu angegliedert. • Die 
entschr idende Voraussetzung für die Aufnahme in die Schulen ist 
der Nachweis künstlerischer Begabung. • Das Schulgeld beträgt für 
das Trimester 75 Mk. # Weitere Auskunf durch die Ge cha|l ^stelle 
der Kölner Werkschulen, Ub. erring 40. Der Direktor: Riemer*chmid 



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heit und des klassischen Altertums. Vor 
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der Naturvölker und der alten Kultur- 
völker, die hier eingehend geschildert 
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Ein Roman, der inganz Europa mit größter Bewunderung aufgenommen 
wurde. Dreiser ist in des '.V ortes höchstem Sinn ein Genie. Seine 
„Amerikanische Tragödie“ ist einer der größten Romane unseres 
Jahrhunderts. (H. G. Wells.) 

H. G. WELLS 

Sic Wtl t Dcg William CUffoiö 

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Zwei Bände, Ganzleinen M II . — , Halbpergament Mi ’]. — . Dünn- 
druckausgabe in einem Band , Ganzleinen M 1 1 . — , Ganzleder M 1 8 . — 

„Die Welt des William Clissold“ ist Wells’ großes Lebenswerk, ein 
weiträumiges Lebens- und Erziehungsbuch. „Clissold“ ist eine große 
Leistung, der Ausdruck eines genialen und großmütigen Geistes. 

(J. M. Keynes in der Neuen Freien Presse.) 

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Diese Novelle, die bestimmt ist, den „Silbernen Löffel“ mit dein 
dritten, abschließenden Bande der Romane des Forsyte Saga Zyklus 
zu verbinden, ist wie der „Nachsommer“ ein novellistisches Meister- 
werk. In ihrer Zartheit führt sie in merkwürdiger Spannung zu 
einem überraschenden Ende. 

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DER QUERSCHNITT 


VII. Jahrgang Heft 11 

INHALTS-VERZEICHNIS 


Adolf Heilborn Ruppiner Bilderbogen 

Charles Graves Die Stellung des Kritikers 

Nikolai Jewrejnow Tod und Theater 

Christian Zervos Die Zeichnungen Picassos 

Albert Schlop>nies .... Als ich „ Kasperlemacher “ war 

Iffland Der tragische Held 

Darius Milhaud Marionetten 

Herbert Farjeon ,J’ve danced with a man “ 

Franz Lederer Bei Meister Orlik 

Sybille v. Lieben Die mutige Seefahrerin 

Florent Fels Die Vorführpuppen 

Waldemar |aps Der Maskenbildner 

John M. Synge Die düsteren Berge von Wicklow 

Alfred Flechtheim Calvados 

Alfred Salmony Muluru und Monte Veritä 

Anonymus Vier Tips für Amerika 


Sammel-, Bücher-, Schallplatten- Querschnitt 

Marginalien 

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Verantwortlich lür die Redaktion: H. v. Wedderkop, Berlin. - Verantwortlich für 

die Anzeigen: Walter Mattheh, Berlin 

Verantwortlich in Österreich für Redaktion: Ludwig Klinenberger. für Herausgabe: Ullstein <fc Co.. G.m.b H.. 
Wien, I., Rosenbursenstrahe 8. - ln der tschechoslowakischen Republik: Wilhelm Neumann, Pra$ 


* 




„Ich stehe im 76. Jahr. Mit dem Fuß- 
werk geht es bei mir sehr schlecht. 
Ich wollte aber zur Bannerüber- 
gäbe beim 18. deutschen Bundes- 
schießen München nicht fehlen, aber 
der Gehversuch glückte mir nicht. 
T ch nahm deshalb Lukutate. Nach 
6 tägigem Gebrauch erfolgte eine 
geradezu unglaubliche Besserung! 
Nach der 2. Woche konnte ich den 
Weg von der Franz -Josef- Straße 
bis an die Feldherrn -Halle, also 
reichlich 1600 Meter, in 25 Minu- 
ten zurücklegen, ohne mich auf 
den Stock zu stützen. Vor 14 Ta- 
gen brauchte ich für diese Strecke 
50 Minuten, aber mit Stock. 
— Der unerwartet große Erfolg mit 
Lukutate hat auch meine Willens- 
kraft, die Lebensenergie und den 
Humor ganz bedeutsam gehoben. 
Von Lukutate lasse ich nicht mehr“. 
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R UPPINE R BILDERBOGEN 

Von 

ADOLF HEILBORN 

B eschwören will ich es nicht — aber ich glaube, meine erste Be- 
kanntschaft mit dem Ruppiner Bilderbogen hat der Plundermatz 
vermittelt. In dieser schlicht biographischen Notiz könnte etwas wie 
ein ästhetisches Werturteil sich zu bergen scheinen. Nichts liegt mir 
ferner: wenn der Mensch erst ins Schwabenalter gekommen ist, gibt 
er keine ästhetischen Werturteile mehr ab, sondern pfeift auf sie. Ich 
wollte lediglich konstatieren, daß der Lumpenmatz, der mit seinem 
Kastenwäglein und der Groschenflöte in den siebziger Jahren noch 
durch die Straßen Berlins zog, vor jedem Hause hielt, seinen Ruf und 
seine Musik ertönen ließ, einem für ein paar Wollappen aus Mutters 
Flickenkasten eine Handvoll roter, blauer und weißer Zuckererbsen 
gab, einen zinnernen Ring mit gläsernem Stein oder eben ein Bild, nach 
eigener Wahl mit rostiger Schere von einem Ruppiner Bilderbogen 
abgeschnitten. So begann damals bei uns Berliner Kindern zumeist die 
Bekanntschaft mit der Kunst und das Sammeln von Graphik; so wurden 
wir nach und nach reif für Werner, Thumann und Böcklin. Das war ja 
die „pempte ousia“, zu deutsch „Quintessenz“, dieser Bilderbogen: Sol- 
dateska mit viel Blut, Mündungsfeuer und Pulverqualm, sinniges deut- 
sches Gemüt und minniges deutsches Herz und nicht zuletzt die Heiden- 
freude an knalligem Farbenkitsch. Ins allgemein Ethische übersetzt: 
la bete humaine, „wir Wilden sind doch bessre Menschen“ oder 
(modern-pazifistisch) „der Mensch ist gut“ und endlich naturbedingte 
Geschmacklosigkeit. Dergestalt ist die Ruppinerei so alt wie die Mensch- 
heit selbst. Der Eiszeitwilde, der in den Höhlen von Font de Gaume 


81 Vol. 7 


81 1 


und Altamira seine Bisons mit Ocker an die Wand maite, hat sie 
inauguriert. Der ,, Brief an der Wand, für die ungelehrten Leut , der 
im fünfzehnten Jahrhundert auf Messen und Jahrmärkten feilgeboten 
wurde und in der „biblia pauperum“, der Bibel für die Armen im Geist, 
als Konvolut von eindringlichster Suggestivität zusammengefaßt er- 
scheint, ist die konsequente Fortbildung jener Höhlenmalerei. Die 
Biblia pauperum aber feiert im neunzehnten Jahrhundert in den Rup- 
piner Bilderbogen die zeitgemäße Auferstehung. Theodor Fontane 
wie Ziethen, Schinkel und Wilhelm Gentz selbst ein Ruppiner findet 
eine andere Vergleichung, die aber doch auf derselben Linie liegt. Was, 
fragt er, ist der Ruhm der „Times“ gegen die zivilisatorische Aufgabe 
des Ruppiner Bilderbogens? „Die Times, die sich mit Recht das , Welt- 
blatt 1 nennt, gleicht immer nur dem anglikanischen Geistlichen, dem 
hochkirchlichen Bischof, der, an schmalen Küstenstrichen entlang, in 
den großen, reichbevölkerten Städten der andern Hemisphäre seine 
Wohnung aufschlägt und seines Amtes wartet, der Gustav Kühnsche 
Bilderbogen aber ist der Herrnhutsche Missionar, der überall hin vor- 
dringt, dessen Eifer mit der Gefahr wächst, und der die eine Hälfte 
seines Lebens in den Rauchhütten der Grönländer, die andere in den 
Schlammhütten der Fellachs verbirgt. Er flieht die Gegenden, drin der 
Kupferstich und das Oelbild vorwalten; aber wo die Glaskoralle und 
der Zahlpfennig ein staunendes Ah und die Begierde nach Besitz 
wecken, in den engeren und weiteren Bezirken des Königs von Daho- 
mey — da ist er zu Haus.“ Dies Königreich Dahomey aber ist grenzen- 
los und ewig. Wo drei von uns, liebe Mitzeitgenossen, versammelt 
sind, da stehen wir auf seinem Boden, stehen wir, goethesch zu 
sprechen, „mit festen, markigen Knochen auf seiner wohlgegründeten, 
dauernden Erde.“ Die Ruppinerei ist Menschennatur und unsterblich: 
la bete humaine. Sie ist das Primitive, das mit jedem Menschen immer 
wieder neugeboren wird, ihm erst durch die spanischen Stiefel der 
Aesthetik und den glühenden Rost der Ethik in langjähriger pädagogi- 
scher Folter aberzogen werden kann. Allein, „naturam expellas furca“ 
— kaum war 1914 Lüttich genommen, da waren sie auch wieder da, 
diese Ruppiner Bilderbogen, klebten am Fenster jedes Buchbinder- 
krämchens, gingen draußen von Hand zu Hand, und nichts, nichts hatte 
sich künstlerisch-geistig — Verzeihung für dies harte Wort! — an 
ihnen geändert. Impressionismus, Expressionismus, Futurismus, . . . 
all das war an ihrem Wesen spurlos vorübergegangen. Sie sahen noch 
genau so aus wie in den Tagen von Ostrolenka und der Düppler Schan- 
zen. Und wieder hielten sie tapfer „mit den Ereignissen Schritt“, und 
wieder hatten „die Zeichner und Koloristen zu Neu-Ruppin Einblick 
in Dinge, die keines Menschen Auge gesehen“, wie ernst „das Auge 


812 


der Ruppiner Kunst gewacht hatte über dem ,Birkenhead‘, der in Flam- 
men unterging, und dem .Präsidenten', der zwischen Eisbergen zer- 
trümmerte.“ Bis „die Ereignisse sich überstürzten“, und wir uns zu 
Tode und in den Hunger zu siegen begannen. Da ging auch dieser 
Kunst die Puste und die Anilinfarbe aus, und beide hat sie in der 
Republik noch nicht wiedergefunden. Gustav Kühn und seine Neu- 
Ruppiner Nachfolger waren eben preußisch-märkische Kunstideologen, 
und die Zeiten, da an dieser Art von „deutschem Wesen noch die ganze 



Karl Holtz 


Lithographie 


Welt genesen“ sollte, scheinen vorbei. Aber, fällt mir eben ein, ist denn 
die Ruppinerei ausschließlich Kunstübung der Musen und Grazien in 
der Mark gewesen? Hing nicht bei meinem alten Freunde Pegotty in 
dem merkwürdigen Schiffshause zu Yarmouth nach Dickens Worten 
ein „Abraham in red going to sacrifice Isaac in blue“ und ein „Daniel 
in yellow cast into a den of green lions“? Fand ich nicht auf den Schul- 
heftdeckeln der französischen Provinz die ganze krasse blutrünstige 
Ruppinerei, nur eben von der anderen Seite gesehen, wieder? Haben 
nicht die Preußen des Ostens im russisch-japanischen Kriege mit den 
gleichen Bilderbogen für die ungelehrten Leut zu wirken gesucht und 


8i3 



dabei sogar ihrer vornehm kultivierten Zeichen- und Farbenkunst ver- 
gessen? Hab’ ich nicht slowenische Ruppinerei überall an den Weih- 
nachtskrippen in Krain gesehen, nicht die serbischen Bilderbogen, in 
aller Hast und jeder Perspektive bar, merkwürdigste Kritzeleien eines 
grimmig in Blut wütenden kleinen Moritz, mit Gehenkten und Ge- 
köpften über und über gefüllt, in allen Hütten um Kragujewatz herum 
gefunden? Vielleicht, daß andere Völker diese Waffe nicht immer zu so 
unverkennbar reaktionären Zwecken auf die hohlen Schädel der großen 
Masse niedersausen ließen wie gerade die Preußen, daß sie die Kultur- 
mission dieser Bilderbogen gelegentlich auch anders erfaßten. Ich kann 
es nicht sagen, aber ich weiß, daß solche Kulturmission noch nicht erfüllt 
ist oder — wie Fontane sich ausdrückt: die Uhr des Ruppiner Bilderbogens 
noch nicht abgelaufen ist. Sie wird nie abiaufen, sie ist das Perpetuum 
mobile. Denn die Ruppinerei wurzelt zu tiefst in der menschlichen Natur: 
sie füttert die bete humaine, sie liebkost das sinnige Gemüt und drückt 
das minnige Herz, sie ist die unsterbliche Geschmack- und Kulturlosigkeit. 

DIE STELLUNG DES KRITIKERS 

Von 

CHARLES GRAVES 

M an sagt, jedes Land hat die Verbrecher und Kokotten, die es verdient. 

Das trifft auch ohne Zweifel zu. Seine Kritiker aber verdient nur Eng- 
iand. Ich darf das sagen; denn ich war selbst drei Jahre Theater- und 
Literaturkritiker, erst an einem führenden Londoner Abendblatt und dann an 
einer populären Wochenschrift. Eines nur läßt sich zugunsten von Englands 
Haltung gegen seine Kritiker sagen: es wendet ihnen weder viel Geld, noch 
viel Aufmerksamkeit zu, außer Herrn Arnold Bennett, von dem jedes Wort 
mit 5 Pfennig bezahlt wird. Arnold Bennett ist aber auch der einzige an- 
ständige Kritiker in England, seine Artikel sind aufbauend, nicht zerstörend. 
Er entdeckt neue Talente, und was er zu sagen hat, interessiert, auch wenn 
man ganz vom Literarischen absieht. Die anderen Literaturkritiker heben ent- 
weder sich selbst und ihre engeren Freunde in den Himmel, oder sie schreiben 
seitenlange Kommentare zu einer Neuausgabe von irgendeinem obskuren, längst 
verstorbenen Dichter, die nur in zweihundert Exemplaren gedruckt wird. 

Denn, immer mit Ausnahme von Herrn Bennett, auch die Buchbesprecher 
leben praktisch innerhalb der gleichen vierhundert Quadratmeter, in der künst- 
lich hochgezüchteten intellektuellen Atmosphäre von Bloomsbury, einem 
muffigen mittelviktorianischen Mietshausviertel im Zentrum Londons! Ich 
weiß wohl, warum ich auf die kleinbürgerliche Atmosphäre ihrer Wohnungen 
hinweise. Sagte ich nicht schon, daß sie miserabel bezahlt werden? Und wie 
wichtig sich diese Leute nehmen! Sie können und können es nicht begreifen, 
daß sie, wie ein Eichhörnchen im Käfig, immer nur in der Runde laufen, ohne 
jemals irgendwohin zu gelangen. Mit Ausnahme von vielleicht 6000 Menschen, 


814 


meist selbst Kritiker, kümmert sich überhaupt niemand darum, was die litera- 
rische Kritik zu sagen hat. Auch der Verleger ist vollkommen unbekümmert, 
wenn er den lobenden Teil einer Buchbesprechung in den Waschzettel seines 
neuen Buches einflickt. 

Am allerwenigsten kümmert sich der Redakteur drum, ihn interessieren 



Drexel 


Neuigkeiten und schöpferische Ideen, und er schert sich einen Dreck um die 
Buchkritik. Er muß sie haben wegen der Verlagsanzeigen, aber wo es nur 
angängig ist, bringt er sie in irgendeiner Ecke unter, wo sie wenig in die 
Augen fällt. Ich spreche natürlich von der Zeitungskritik. Es gibt allerdings 
einen Feuilleton-Redakteur, der sich für die Buchkritik interessierte und selbst 
in einer wöchentlichen Spalte über alle möglichen Bücher schrieb. Aber er liegt 
im Sterben, und jemand anderes pickt die Rosinen aus den Saisonbüchern und 


815 


vergrößert sein bescheidenes Einkommen ein bißchen durch \ erkauf der Be- 
sprechungsexemplare an die Antiquare zu einem Drittel des Ladenpreises. Das 
bezieht sich natürlich auch auf die Menge Schotten, die Bücher besprechen. 
Sie erhalten eine Kleinigkeit und leisten gar nichts. Vor Jahren allerdings 
stand die Buchkritik bei uns in dem gleichen Ansehen wie jetzt in Deutschland. 

„Wer tötete John Keats?“ 

„Ich,“ sagte die Vierteljahrsschrif't. 

So lautete der Anfang einer berühmten Strophe, die den Tod dieses großen 
englischen Dichters feierte, der aus Verzweiflung über die Kritik seines Buches 
in der „Quarterly Review“ gestorben wäre. 

Heutzutage könnte die „Quarterly Review“ und ihre frühere große Rivalin, 
die „Saturday Review“ noch nicht mal einen Dichter totschlagen, der seine 
Couplets auf die Wände der Bedürfnisanstalten kritzelt. 

Das englische Publikum ist vollkommen unabhängig von seinen literarischen 
Kritikern, abgesehen von ein paar ausgehungerten Dichtern, die aber keines- 
falls zu Geld oder Ansehen gelangen würden. 

Bei dem Theaterkritiker liegt die Sache etwas anders. Gewöhnlich i.-t er 
bei weitem weniger gebildet, und es geht gerade so gut. Auch da gibt es wieder 
Ausnahmen: James Agate, St. John Ervine und Sidney Carrol. \ on ihnen 
hat aber jeder seinen besonderen Sparren. Herr Agate setzt den Wert seiner 
Kritiken dadurch stark herab, daß er sie mit lauter unpassenden Zitaten ver- 
sieht, aus denen er sich dann selbst nicht herausfindet, und Herr St. John 
Ervine ist so darauf aus, den beliebtesten Bühnendarstellern etwas anzuhängen, 
daß er sie selbst in Besprechungen des russischen Balletts nicht ungeschoren 
lassen kann. Herr Carrol wieder war recht erfreulich, bis er dazu überging, 
immer die falschen Stücke zu besprechen. Sie alle drei, das muß man übrigens 
in Betracht ziehen, schreiben für Wochenschriften. So sind sie an sich schon 
besser dran, als der Kritiker der Tageszeitung, der gezwungen ist, sich den 
Inhalt des letzten Aktes vom Presse-Agenten sagen zu lassen, um die Kritik 
des ganzen Stückes vor der Pause nach dem zweiten Akt fertigzustellen. Denn 
das ist überhaupt der allerletzte Moment, wo sein Artikel noch rechtzeitig in 
die Setzerei kommt, um am nächsten Tag zu erscheinen. 

Die meisten Kritiker sind nun allerdings nur ganz unwichtige Bericht- 
erstatter, die im Lokalteil der Zeitung versagt haben und zum Theaterkritiker 
degradiert wurden. Mich selbst hat man schon mit zweiundzwanzig Jahren 
dazu gemacht, weil meine Wohnung dicht beim Theater lag, und sich so die 
Droschkenkosten, die die Zeitung tragen mußte, verringerten. Dazu kam noch, 
daß man mich für geeignet hielt, Neuigkeiten zu entdecken, wie man sie oft 
in Premieren aufschnappen kann, und die mit Stück und Darstellung durchaus 
nicht Zusammenhängen müssen. Wenn zum Beispiel eine siebzigjährige Schau- 
spielerin plötzlich die Haare kurz trägt wie ein Junge, oder jemand kräftige 
Ausdrücke wie „bloody“ gebraucht, oder das Parterrepublikum Streit mit den 
Leuten im Sperrsitz hat, so müßte das in einer Idealkritik, wie sie sich der 
Redakteur denkt, den breitesten Raum einnehmen. 

Dabei muß man in jeder englischen Kritik noch eine Seltsamkeit berück- 


816 


sichtigen. Der Kritiker hat schlagkräftigere Worte der Ablehnung, ja selbst 
des Widerwillens und der Feindseligkeit zur Verfügung, als solche der Freund- 
lichkeit und der Zustimmung. Wenn er also schon seine Aufmerksamkeit dem 
Stück zuwendet, anstatt die Strumpfbänder der Damen zu studieren, wird er 
unweigerlich versuchen, sich einen Namen zu machen durch möglichst viel 
Ausstellungen, auch wenn das Stück wirklich gut ist. 

Ein einziges Mal hat ein englischer Kritiker ein erfolgreiches Stück 
geschrieben, und der einzige erfolgreiche Dramatiker, der Kritiker wurde, 
wurde schnei! wieder entlassen, weil er einen zu großen Prozentsatz der Stücke, 
für deren Kritik er bezahlt wurde, nach bestem Gewissen lobte. 

Die meisten Kritiker verbreiten sich zunächst darüber, ob das Stück gut 
oder schlecht aufgenommen wurde, erzählen dann gewöhnlich den Inhalt und 
wenden sich zum Schluß den Darstellern zu, die sie meist schlecht beurteilen. 
Sie können keine neuen Wege weisen, sie verreißen nur. Immer sind die Refe- 
renten schlechter Laune — sehr undankbar, wenn man bedenkt, daß ihr Beruf 
sie vielleicht viermal wöchentlich dem Bereich ihrer Ehefrauen entzieht. Und 
das Tollste: die wildeste Attacke in den englischen Zeitungen berührt den Er- 
folg eines Stückes überhaupt in keiner Weise. 

Endlich noch die Filmkritik. — Mit ihr ist gewöhnlich ein ehemaliger Lauf- 
bursche betraut, noch von der Zeit her, — sie liegt noch gar nicht so lange 
zurück, — wo das Kino in England als Tummelplatz der Dienstmädchen und 
ihrer Freunde galt, die sich dort im Dunkeln abküssen konnten. 

Die wahre Aufgabe des Kritikers, Anfänger zu ermutigen und junge Talente 
zu entdecken, wurde in England weder im Film, noch im Drama, noch in der 
Literatur jemals erfüllt; und gäbe es solche Kritik, die Redakteure würden sie 
nicht wollen. (Deutsch von Camilla Stiemer.) 


TOD UND THEATER 

Von 

NIKOLAI JE W RE INO W 
Der Tod und die Maske. 

Wer das Theater als die Freude der Verwandlung und Verklärung erfaßt hat, 
wird selbst in einer Mönchszelle als Schauspieler sterben. 

Wohin fliehen? 

Wer das Theatralische begräbt, entrichtet ihm doch einen Tribut, indem er 
sich schwarz kleidet. 

Die Pose des Sterbens. 

Wenn man zu sehr mit dem Theater beschäftigt ist, hat man keine Zeit, 
ordentlich an den Tod zu denken. Und wenn man an ihn denkt, so aus glück- 
licher Gewohnheit, nur vom Standpunkte des Theatralischen aus. Man liegt 
z. B. bleich, mit geheimnisvollen Augen, die wächserne Hand ist im Todes- 
kampfe an die Brust gedrückt, auf den effektvoll leidenden Lippen spielt ein 
Lächeln . . . ein ironisches „auf Wiedersehen, meine Herrschaften“ . . . am Fuß- 
ende des Lagers schluchzt die blonde Geliebte . . . die Mutter im dunklen Saal, 


817 


mit einem feinen Batisttaschentuch in der Hand, mit zitternder Stimme — „Mein 
Sohn!“... Viele Freunde, Bekannte, der treue Diener mit verweinten Augen 
und roter Nase . . . Man hat seine Augen gen Himmel erhoben und bittet melo- 
disch und heiser: „Licht, mehr Licht“ oder etwas Ähnliches . . . 

Wie schön I . . . 

Wie soll man es auf fassen? 

Erscheint Ihnen die hochrote Tracht der Kardinale nicht verdächtig? Schrei- 
ender Purpur auf dem Körper derjenigen, deren Geist geneigt ist, mit dem 
fernen Vorgänger auszurufen: „Ich bin ein servus servorum Dei! . . .“ 

Oder war William Booth nicht der geistreichste Bursch in der ganzen Herde 
Christi, als er dem härenen Hemd eine Generalsuniform vorzog und sich an 
die Spitze der Heilsarmee stellte?!... Selbst als der Tod kam, starb er nicht, 
sondern erhielt bloß „einen höheren Posten“ (wovon wenigstens alle von ihm 
„Bekehrten“ überzeugt sind)! 

Ein Paradoxon. 

Das Theatralische ist eine so schmackhafte Sauce, daß man mit ihr seinen 
leiblichen Vater verzehren kann. 

Zur Kategorie des Theatralischen. 

Zwischen dem Lambrequin einer Jahrmarktsbude und dem eines Katafalkes 
besteht ein Unterschied nur in der Farbe. 

Einem verschworenen Feind des Theatralischen. 

Du wirst sterben, sicherlich wirst du einmal sterben (denn die Zeit vernichtet 
selbst die schwärzesten Flecke auf der Hülle des Weltalls)! Ich möchte dich 
überleben, um gerächt zu sterben. Ich werde aber gerächt sein, wenn du, der 
du jeder Originalität entbehrst, vor dem Tode nicht alle Details deiner Be- 
erdigung bestimmst. Dann wird man dich, den Kalten und Todernsten, dich, 
der du das Unsinnige der feierlichen Aufzüge verachtest und eine Droschke 
zweiter Güte einer prunkvollen Equipage vorziehst, in der tragischsten Stunde 
deines Erdenseins in einem Paradewagen I. Klasse mit Straußfedern auf dem 
reich ornamentierten Dache, in einem versilberten, mit sechs Pferden bespannten 
Rokokowagen fahren. 

Und dann wird sich alles so abspielen, wie es bei einer Beerdigung I. Klasse 
unvermeidlich ist: die Verwandten werden sich im besten Lichte zeigen, und 

das Bestattungsunternehmen wird sich nicht blamieren wollen. Auf deinem 
Grabe werde ich eine entsprechende Rede halten, und du (hahaha!) wirst mir 
aus deinem effektvoll verzierten Sarge, unter den Kränzen mit Schleifen, die 
denen gleichen, die man den echten Schauspielern zu ihrem Benefiz überreicht, 
kein Wort entgegnen können. 

Das Theatralische als Rechtfertigung. 

Ich kann nicht annehmen, daß im Neronischen Zeitalter die Zirkusbesucher 
lauter Neros gewesen seien; es mangelte auch damals nicht an zartfühlenden, 
empfindsamen, barmherzigen und mitleidigen Menschen (die Beispiele findet 
man in den Lehrbüchern). Aber auch ihnen gefiel es im Zirkus: die Dar- 

stellung der menschlichen Qualen war gar zu theatralisch, und dies war das 
Entscheidende. Noch mehr als das: cs wirkte narkotisch und kitzelnd auch 
auf die Märtyrer selbst, die von der in doppeltem Sinne grandiosen Szene des 
Circus Maximus ergriffen wurden. 


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Slg. Hobreckcr 


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Slg. Hobrccker 







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Xeuruppiner Bilderbogen 


Slg. Hobreckcr 





Das Empörendste am spanischen Stierkampfe ist, daß seine Opfer Tiere sind, 
die nicht die Fähigkeit haben, sich als Schauspieler zu fühlen, und denen es 
daher unmöglich ist, im Spiele einer selbst aufgezwungenen Rolle das Anästhe- 
sierende für den Körper und das Tröstende für den Geist zu finden. 

Der Rekord des Theatralischen. 

Das Jahr 1831 soll in der Weltgeschichte für immer denkwürdig bleiben: 
in diesem Jahre hat der berühmte japanische Dichter Sigeta Sadakazu den Re- 
kord des Theatralischen im Sterben aufgestellt. Als man ihn in der Zurichtung, 
in der ihn laut seinem Testament der „letzte Gast“ angetroffen hatte, ins Krema- 
torium brachte, lieferte Sigeta Sadakazu bei der ersten Berührung mit den 
Flammen ein ungewöhnliches Schauspiel: aus dem Sarge stiegen bunte Flammen 
auf, und sein ganzer Körper verwandelte sich in ein glänzendes Feuerwerk. 
Wie soll man das Entzücken seiner Freunde beim Anblick dieses unerwarteten 
Schauspieles beschreiben, zu dem sich der Verstorbene in den letzten Minuten 
seines Seins präpariert hatte ? Und wie unseren Respekt vor diesem unbeug- 
samen Willen zum Theatralischen? 

O Sigeta Sadakazu! Sigeta Sadakazu! Nie wird man dich vergessen! 

Die Angst vor dem Tode und die Versuchung des Theatralischen. 

Der Held imponiert auch in der Todesstunde. Ein Vieh bleibt aber bis ans 
Ende ein Vieh. (Übersetzt von Abraham Eliasberg.) 

DIE ZEICHNUNGEN PICASSOS*) 

Von 

CHRISTIAN ZERVOS 

'V “Tach langen Experimenten hat sich die heutige, wahre Malerei endlich von 
J\| dem Zwange des Objekts befreit, und zwar in dem Sinne, daß der Maler 
nicht mehr alle Hilfsmittel und Spitzfindigkeiten seiner Kunst herbeirufen 
muß zur genauen Wiedergabe des Objekts. Es dient ihm nur noch als Vor- 
wand zu plastischen Versuchen. 

Aber der richtige Begriff von dem künstlerischen Ringen der heutigen 
Malerei, die alle wesentlichen Elemente in sich vereinigt, fehlt den meisten. 
Zwar glaubt ein Teil der jungen Generation, daß sie diese Anstrengung 
nicht nötig habe, denn die Kunstfreunde lassen sich so leicht ein Talent vor- 
spiegeln, das in Wirklichkeit nur die Tangente aller Schwierigkeiten bedeutet. 
Diese Art Maler wird um so mehr in ihrer falschen Kunstauffassung bestärkt, 
als nur Experten aus einem Bilde die Zeichnung herauserkennen, trotzdem sie 
heute wie früher eine überragende Rolle in der Bildkunst spielt. 

So wenig das Publikum von der Malerei versteht, so sehr liebt es den Kolo- 
rismus, ohne sich darüber klar zu werden, daß die Zeichnung das Grund- 
element des Bildes ist, und das Licht der Farben nur die letzte Vollendung gibt. 

Von Zeit zu Zeit muß man dem kunstverständigen Publikum die Zeich- 
nungen von Picasso vor Augen führen, um ihnen die grundlegende Bedeutung 
der Zeichnung in der Malerei begreiflich zu machen. Denn gerade er beweist 

*) Anläßlich der Ausstellung bei Flechtheim. 


819 


in seinen Werken eindrucks- 
voll und unwiderleglich, daß 
die Kunst in diesem Punkt un- 
wandelbar ist. 

Instinktiv habe ich das 
Wort „Zeichnung“ gebraucht. 
Wäre Picasso nicht zum Maler 
geboren, nie könnte er in 
einem Zuge, wie spielend, eine 
Kopfhaltung, eine jähe Be- 
wegung festhalten, Dinge, 
deren nur annähernde Wieder- 
gabe die meisten heutigen 
Künstler harte Miihe kostet. 

Aus Picassos Zeichnungen 
spricht vor allem eine Vorliebe 
für weitgeschwungene, im 
richtigen Maß mit sicherem 
Zuge geführte Kurven, in 
deren klarem Umriß es ihm 
kein Künstler der Heutzeit 
gleich tut. 

Auch kein Maler der vorigen 
Generation. Denn es ist abso- 
lut falsch, in Picasso einen 
Proteus der Malerei zu sehen, 
wie ohnmächtige Neider es 
von ihm behaupten. Das Wesen 
seiner Zeichnungen und auch 
die scheinbare Aehnlichkeit mit der Kunst früherer Epochen ist nichts weiter 
als die innerliche Verbundenheit und Erleuchtung des Menschengeistes, die 
Jahrhunderte hindurch die gleiche ist. 

Vor kurzer Zeit stellte ich einmal die Behauptung auf,, daß Picasso zu der 
Zeichenkunst der Griechen gelangt wäre, auch wenn Griechen niemals existiert 
hätten. Jetzt bin ich davon sogar fest überzeugt, so sehr beherrscht seinen 
Geist der Sinn für Proportionen und eine aus der Fülle geborene Schlichtheit, 
das Zeichen höchster Menschlichkeit. 

Seine vollkommene Harmonie in physischer und geistiger Beziehung macht 
es uns möglich, ihm zu folgen und selbst in gewissem Maße die innerlichen 
Erlebnisse zu spüren, die ihn zur Schöpfung führten. Bei Derain z. B. fühlt 
man sofort, daß er sich ständig ängstlich bemüht, von der Wirklichkeit abzu- 
rücken und nur nach seinen Erinnerungen an die klassische Kunst ein Bild zu 
rekonstruieren. Aus Picassos Gestalten aber — und läge ihnen auch die aus- 
gefallenste Signifikation zu Grunde — leuchtet die herbe Klarheit seines In- 
stinkts. Ich kann mir gar keinen Begriff machen, wie z. B. ein Hund in der 
Vorstellung Derains entsteht; denn er malt ja nie den Hund, wie er ihn sieht. 



820 



sondern immer nur, wie er ihn aus den großen Werken der Vergangenheit be- 
wundernd im Gedächtnis behalten hat. 

Picasso hat neue Lösungen der Malerei gesucht und gefunden, andere als 
die der vorigen Generation, die er zur höchsten Stufe der Entwicklung führte. 
Seine Lösung zeigt aufrichtig einmal eine Verherrlichung des Menschengeistes 
und einmal eine Lästerung gegen ihn. Ein jeder aber muß dieser Kunst 
Glauben schenken. Wie blutleer, abstrakt, unnatürlich und menschlich falsch 
man auch seine Werke hinzustellen versucht, so bin ich doch felsenfest davon 
überzeugt, daß sie nie willkürlicher Laune entsprungen sind, und daß sein 
Empfinden ihn niemals von der wesentlichen Realität entfernt hat. Sein Schaffen 
scheint über der Wirklichkeit zu stehen, denn er weiß der Fülle seiner Vorstellun- 
gen Leben einzuhauchen. Er ist der einzige Maler, der uns eine unerhört neue 
Geistigkeit offenbart und Licht in das Dunkel innerer Zusammenhänge bringt. 

Man wird ihn auch als den unschätzbaren Künstler in der Erinnerung be- 
wahren, der von seinen langen Fahrten stets unerwartet neue Schätze heim- 
bringt. Seine unbegrenzte Phantasie bedeutet für ihn ein unendliches Drama. 
Denn wenn sein Geist auch in manchen Freiheiten schwelgt, so fühlt er sich 
doch an ihre fest umrissenen Grenzen gebunden. 

So dramatisch also für Picasso selbst sein Werk auch ist, uns bringt es zu 
unserer Freude den Beweis, daß das Natürlichste im Menschen das Ueber- 
natürliche ist. Dieses Moment übersehen — wie die Lauen es wollen — 
heißt die Kunst zerstören und ihr die Poesie nehmen. 

Wie ist das doch merkwürdig paradox, daß der Dichter im allgemeinen 
volle Freiheit genießt in der Wahl der Bilder und Metaphern, die die Ver- 
bundenheit seiner Seele mit dem Universum wiedergeben sollen, während dem 
Maler nicht das Recht zugestanden wird, in seinen Bildern etwas anderes 
als eine buchstäbliche Uebertragung der Wirklichkeit zu sehen. Warum 
soll der Maler nicht, 
gleich dem Dichter, 
die geheimnisvollen 
Kräfte beschwören, 
die in der Materie 
verborgen liegen, 
warum soll er nicht 
die Zauberformeln an- 
wenden, die ihm sein 
innersterinstinkt ein- 
gibt? Wir entzücken 
uns an der Form 
wie an der Magie 
des Wortes und er- 
liegender großen Ver- 
suchung, dem Dichter 
wie dem Künstler 
Glauben zu schenken. 

( Deutsch : Eva Maag ) 


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ALS ICH „KASPERLEMACHER” WAR! 

Von 

ALBERT SCI1LOPSNIES 

pielzeug — Kindheit — Kinderlachen und bitteres Weinen; alles liegt so 
nahe zusammen. 

Ich sehe mich, ein kleiner Junge, barfüßig, bastelnd am Rande des Gartens, 
im plätschernden Bach und im hellen Sonnenschein. — Mit heißem Eifer wird 
ein kleines Wasserrad gebaut, und eine Welt, so herrlich und schön, baute 
sich in mir auf, zum erstenmal — meine Welt! Versunken, aber nie ver- 
gessen — das Glück der Kindheit. 

Nach langer, langer Zeit wieder eine Wiese, ein Kornfeld und die lachende 
bayerische Sonne. Ein Kind bei mir — mein Kind! Wir basteln gemein- 
sam an einer Windmühle aus frischen Roggenhalmen, wie Großvater es mich 
einst gelehrt. — Das kleine Händchen klammert sich vertrauensvoll an mich, 
leuchtende Augen, und die Herzen im gleichen Schlag; wieder baue ich mir 
eine Welt auf, zum erstenmal — unsere Welt! 

In dieser Zeit machte ich Hunderte von Kindern jubeln, und sie nannten 
mich den „Kasperlemacher“, und froh blitzten ihre Augen, wo sie mich sahen! 
Ich selbst war so froh und glücklich. 

Schwer ging das Leben über mich hin, ich suchte in Verzweiflung „unsere 
Welt“ zu retten, vergebens — sie konnte der harten Wirklichkeit nicht stand- 
halten. Selbstsucht und Eigennutz waren stärker als wir! 

Ich rettete mich in die Arbeit, und groß wurde der Ruhm des „Kasperle- 
machers“ — Tausende und Tausende von Kindern sahen meine Arbeit, und 

ihre jubelnden Stimmen trafen mich tief und hart „unsere Welt“ war 

mir verloren! 

„Schaff’ dir ein neues Glück!“ und ich ging in die weite Welt. 

Es kam ein Tag so 
klar und heiß unter Ba- 
nanen und himmelhohen 
Königspalmen. Ein Kind 

— mein Kind bei mir! 
Wir bauen einen Ge- 
flügelhof, aus Bohnen, 
Mais und bunten Papa- 
geienfedern. — Wieder 
unsere Welt und eine 
neue, strahlende dazu, 

— die soll uns niemand 
rauben! ! ! 

Und doch, auch sie 
versank auf Nimmer- 
wiedersehen — seitdem 
mache ich kein Spiel- 
zeug mehr. 



Umschlagszeichnung 
für , »Adieu Berlin" 
von H. v. Wedderkop 


Renee Sintenis 



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DER TRAGISCHE HELD 

Von 

AUGUST WILH. IFFLAND (1759-1814) 

E in solcher tragischer Hauptagent, Königsagent, Tyrannenagent dünkte 
sich ein Johannes ohne Land, ein verkannter Edler, dessen geltende 
Zeit noch anbrechen müsse. Wie auf Pfuscher, auf geduldete Unglück- 
liche, sah er auf jene herab, welche komische Rollen spielten und Cour- 
tisanenagenten hießen. Je weniger ihnen im Leben Freude und, außer 
ihren tragischen Beschwörungen, irgendein Lebensanteil blühen wollte, 
desto dichter und unzugänglicher schlossen sie ihre Zirkel. Ihre Be- 
grüßungen untereinander waren sehr feierlich und abgemessen. 

Den allertragischsten Helden mußte der zweite Held zuerst grüßen, 
wogegen jener nur erwiderte. Die, welche Vertraute spielten, waren bar- 
haupt, wenn der erste Held oder Tyrannenagent sich blicken ließ. 

An öffentlichen Orten hatten letztere ihre Plätze allein; die anderen 
wichen von selbst und durften sich nur nähern auf herablassende Ladung. 

Nur durch Dienstjahre konnte der Neuling das Recht erwerben, in 
Gegenwart älterer Mitglieder bedeckt zu erscheinen. Ein Wort über das 
Spiel älterer Glieder ward für ein Zeichen des Wahnsinns genommen, 
der Tadel eines gegebenen oder zu gebenden Stückes war ein Verbrechen, 
worauf die Absonderung oder Ausstoßung erfolgte. 

Die erste Frage an denjenigen, der sich meldete, in die Zunft auf- 
genommen zu werden, war: „Kann der Herr eine Zepteraktion machen?“, 
worauf dem Bejahenden ein Kommandostab eingehändigt wurde, mit 
welchem er probieren mußte, entweder ihn feierlich in der Hüfte ruhen 
zu lassen, oder damit fernhin in das unbekannte Land gebieterisch zu deuten. 


823 


Bewährte dabei sich sein Geist, welcher Formalität wittern ließ, so 
ward ihm eine donnernde Rede abbegehrt. Erhielt diese das Kopfnicken 
der alten Gesellen, so trat das Oberhaupt vor, an den Neuling heran, und 
sprach folgende Worte: „Ist der Herr eines Paars schwarzsammeter Bein- 
kleider mächtig?“ Das Bejahen dieser Frage entschied meistens die 
Fähigkeit angenommen zu werden. Die Annahme erfolgte nun entweder 
nach Anmahnungen und Anlobungen zum Gehorsam, zur Arbeit und 
Demut, oder man trank langsam und viel mit dem ehrenwerten Kollegen, 
ließ ihm einen Gedächtnistaler in den Säckel gleiten und mit vielen Lehren 
beschenkt ihn weiterziehen. 

Die schwarzsammete Bekleidungs-Assekuranz war aber den damaligen 
Direktionen von ernster Bedeutung, denn der Schauspieler mußte sie 
selbst liefern. 

Im gemeinen Leben erschienen die Trauerhelden selten ohne Degen, und die 
Direktoren ließen wohl auch am Degengehänge, das üppig unter dem Westen- 
schoße hervordrang, etwas von mancherlei bunten Steinen wahrnehmen. 

Die Kleidung des Oberhauptes bestand ausschließlich aus einer Schar- 
lachweste mit Gold besetzt, die Permissionsweste genannt, und blauem 
oder grauem oder violettem Kleide. Jüngere Mitglieder strebten nach 
einem Tressenhut, und ihr irdisches Wohl war begründet, wenn sie zu 
Atlasbeinkleidern zu gelangen wußten. Die Farbe davon wählten sie ge- 
wöhnlich in Rosa oder in brennendem Karmesin. 


MARIONETTEN*) 

Von 

DARI US All LH A UD 

D ie kleinen Marionetten, die den Kindern Spaß machen und auch den 
Erwachsenen, sind von verschiedener Art. Die einfachste Form ist 
zugleich die in Frankreich bekannteste: der „Guignol“, der Hanswurst. 

„Salutance, Salut“: das ist Guignol und Gnafron, jene ganze Literatur, 
deren Heimat Lyon ist. Die Elemente sind durchaus einfach. Die Per- 
sonen sind Puppen, deren Kopf aus Holz, und deren Körper aus einem 
Stoff ist, unter dem sich die Hand verbirgt, die sie belebt. Solch eines 
Hanswursts hat sich Manuel de Falla für sein „Treteaux de Maitre Pierre“ 
bedient, ein Stückchen, dem eine Episode aus dem Leben Don Quichottes 
zugrunde lag und das in den Salons der Prinzessin Edmond de Polignac 
aufgeführt wurde. Die Personen und Dekorationen waren von jungen 
Künstlern gemacht, unter ihnen der Neffe von Ricardo Vines, der zu- 
gleich ein talentierter Maler und Gitarrenspieler ist. 

Die Marionetten sind komplizierter zu handhaben: sie sind Glieder- 
puppen, deren Kopf und Arme durch einen Faden in Bewegung gesetzt 
werden, mit dem man oberhalb der kleinen Szene manövriert. 

*) Aus „La Musique Moderne“, Editions Claude Aveline, Paris. 


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Man >muß sich in Lüttich das kleine „Theätre Royal des Marionnettes" 
in der Rue Roture ansehen. Diesen pompösen Titel führt ein kleines Bei- 
ßel in einem der volkreichsten Viertel der Stadt. Man schenkt dort 
,,Gueuse“ aus, ein Bier, das so kohlensäurehaltig und sauer wie möglich 
ist. Hinten im Laden ein kleiner Saal wie eine Jahrmarktsbude, mit Bän- 
ken ohne Lehne und zu eng und zu nah aneinander. In den ersten Reihen 
ein paar schnatternde und verlumpte Kinder, hinten ein paar ärmliche alte 
Weiber und Trinker im Ruhestande. 

Seit zwanzig Jahren kommen sie 
zweimal die Woche, um die „Aben- 
teuer des Rittes Corydon am Hofe 
des Kaisers Karl des Großen“ zu 
sehen. Der Vorhang geht auf, und 
endlose Kämpfe finden zwischen den 
Ungläubigen und den Kriegern des 
glorreichen in Lüttich geborenen Kö- 
nigs statt, endlose Dialoge und Ver- 
schwörungen zwischen zwei Offizie- 
ren, die Ankunft einer Prinzessin, die 
endlose Gedichte in wallonischem Platt 
hersagt, entfesseln bei dem Dutzend 
Stammgäste einen sehr rührenden und 
ziemlich unbegreiflichen Enthusias- 
mus. Als einzige Musik illustriert 
eine Trommel die Handlung, begleitet 
von dem regelmäßigen Klopfen, das 
die Marionetten mit ihren Beinen 
hervorrufen, wenn sie sich balgen. 

Was mich aber interessiert an die- 
sen behelmten, in mittelalterlichen 
Rüstungen steckenden Helden und 
diesen hochfrisierten Prinzessinnen in 
Roben aus Goldbrokat — das ist, daß c. h. Wollt 
ich sie, nachdem ich sie in Lüttich 
gesehen habe, ebenso in Neapel wiederfinde. Pulcinellas Land! Aber Pul- 
cinella ist seltener, seine Tradition verliert sich und ist schon seit ein 
paar Jahren von den Neapolitaner Brettern abgewandert auf die von Di- 
aghilew, während man in den Marionettentheatern dieselben Krieger und 
dieselben Prinzessinnen wie in Lüttich findet. 

Nur ist die Kunst dieser Puppen schon komplizierter: die Gelenke der 
Arme sind doppelt, und die der Beine, die in Lüttich umherschwebten, wie 
es gerade traf, werden ebenfalls durch einen Faden bewegt. 



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Ich erinnere mich eines Frühlingsabends in Neapel, wo ich mit meinem 
Freunde Francis P . . . einen sonderbaren Wagen gemietet hatte, der von 
einem halben Kutscher gefahren wurde (einem Menschen, der nur ein 
Auge, einen Arm und ein Bein hatte und mit einem Satze auf seinen Sitz 
sprang). Wir fuhren in alle kleinen Theater der Vororte von Neapel. 
Ueberall dieselben Bühnen, dieselben mittelalterlichen Schlachten und da- 
vor ein lärmendes, überschäumendes Publikum, das bei jedem Satze brüllte, 
und sich nur aus Männern und kleinen Jungen zusammensetzte, die 
meisten in Mützen, ohne Westen, oft auch ohne Jackett, vollkommen auf- 
gelöst; die Frauen aus dem Volke gehen in Neapel niemals ins Theater. 

Aus dieser primitiven Kunst ist das hübscheste Theater hervorgegangen, 
das man sich denken kann, die „Piccoli“ in Rom. Das ist das ideale Theater. 
Dort wird alles mit einer so komplizierten Maschinerie besorgt, daß die 
Puppen dieselben Gesten wie die Schauspieler machen können. Die Mario- 
netten können ein Ballett im Takte tanzen, mit einer ebenso präzisen 
Choreographie wie die Operntheater. Sie können darstellen, was man nur 
will: Gegenstände, Tiere, Wagen, Automobile, Feen. Alles, was unwirk- 
lich ist und unmöglich für das Theater, wird in diesem kleinen Tempel der 
fessellosesten und tollsten Phantasie leicht und möglich. Das Repertoire 
der ,, Piccoli“ ist von einer betäubenden Vielfältigkeit: man spielt dort 
Balletts und klassische Opern, kleine Sketchs von Casella oder anderen 
großen Namen der heutigen italienischen Musik, Farcen von Fortunello 
usw. usw. Welch scharmanter Traum, ein kleines Theater zu haben, wo 
man den Gesetzen der Realität nicht mehr unterworfen ist! ,,Der Bär und 
der Mond“ von Paul Claudel ist mit seiner wundervoll entzügelten Ein- 
bildungskraft wie für ein Theater dieser Gattung geschrieben. Werden 
wir ihm nicht eines Tages dort applaudieren? 

Deutsch von Franz Leppmann. 


J’VE DANCED ¥ITH A MAN" 

Bjr 

HERBERT FARJEON 

My word, l'oe had a party, 

My word, l'oe had a spree! 

Belieoe me or belieoe me not, 

It’s all ihe same to me! 
l'm wild with exultation, 

Tm dizzy with success, 

For l've danced with a man, Vve danced with a man 
Who — well, youll neoer guess! 


826 



Slg. Rebcr, Lugano 


Pablo Picasso, Die Frau mit Hut. Pastell 1922 (Ausst. Gal.-Flechtheim> 



Buddha mit Bodhisattvas und Schülern. Votivstele, datiert, 534/538 

Slg. Frhr. v. d. Heydt 






Leihgabe in der Ostasiat. Abtlg. der Herliner .Museen 

(iroßer liuddhakopf aus Lung-men. Tang-Zeit. Slg. Frhr. v. d. Heydt 




*T 

am*!« 

IliPMllf 


Photo F. Branckmann 

„Muluru“ am Strande von Zandvoort, die Besitzung Frhr. v. d. Heydts 



Teeraum im „Muluru“ 




1'oc danced mith a man mho’s danced roith a girl mho's 
danced roith ihe Prince of Wales! 

1 in crazy mith excitement! completely off the rails! 

He said she found him simply sweet, 

He said she found him charming, 

He said she found him a perfect treat 
And not at all alarmin g! 

And rohen he told me rohat she told him the Prince 
remarked to her , 

He held my hand — it was simply grand — and / made 
no demur! 

Oh, glory hallelujah! Vm the luckiest of females! 

For Poe danced mith a man mho’s danced mith a girl 
jvho's danced mith the Prince of Wales! 

His nose mas rather crooked, 

His figure rather fat, 

He mas just a meeny bit inclined, 

To squint — but mhat of that? 

Ifs true that he mas knock-kneed. 

And stuttered nom and then, 

But sudilike little blemishes, 

Seem unimportant rohen — 

You dance mith a rtian mho's danced mith a girl mho’s 
danced mith the Prince of Wales! 

It’s the big thing that matters! a fig for the mere details! 
He said she found him amfully nice, 

He taiked mith her so brightly! 

And mhat do you think! he got her an ice, 

And behaoed no end politely. 

And rohen h e told me mhat she told him the Prince 
remarked to her, 

We mere standing right in the bright moonlight — and 
1 made no demur! 

Oh, glory, glory, glory! Vm the luckiest of females! 

For Poe danced mhith a man mho’s danced mith a girl 
mho’s danced mhith the Prince of Wales! 


827 







George Grosz 


BEI MEISTER ORLIK 

Von 

FRANZ LEDERER 

S ein Atelier ist geschmückt mit Bildnissen, Originallithographien, 
Plakatentwürfen, von dem berühmten ,,Weber“-Plakat bis zu Werken aus 
der jüngsten Zeit. 

Um 4 Uhr nachmittag kommen die Modelle. Diese werden von Dienern 
empfangen und ins Atelier geleitet. Der Meister begrüßt sie, lädt sie ein, 
hinter einen Vorhang zu treten, sich dort des Rocks und der Weste zu ent- 
ledigen. Er selbst telephoniert indessen: 

,,Für Herrn Rat Klingenberg.“ 

Eine Weile später empfängt er den Rohentwurf zur neuen Weste und zum 
neuen Rock für Rat Klingenberg. 

Die Szene spielt nämlich in Prag, im Atelier des Bruders von Emil Orlik. 
Schneidermeister Hugo Orlik, Kommerzialrat, Wenzelsplatz, Palais Assi- 
curazzioni Generali. 

Der Meister legt Rat Klingenberg Weste und Rock an und spricht ab- 
wechselnd zum Gehilfen, der sehr schwerhörig ist, zum Rat und zu mir: „Der 
Kragen ist zu hoch! Zu hoch! Niedriger die Seite! Der Kerl ist taub! 75, 82. 
Pan rada mä pocit, ze mu to leze z krku. Der Herr Rat hat das Gefühl, daß 
es ihm zum Hals herauskriecht! Ein schwerer Beruf. Noch etwas niedriger. 
Ich schneide allein zu, ja, das mach’ ich mir alles selber. Ale pane Linhart 
(aber Herr Linhart), das ist doch nicht die Schulter vom Herrn Rat. Der Herr 


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Rat hat solche Schultern, schauen Sie! Etwas rund, die Linie zum Rücken etwas 
schmäler, so, sehen Sie. Was macht die Frau Gemahlin, Herr Rat? Bald auf 
Urlaub? No ja, werden auch ausruhen wollen. Ich spür’ es auch schon! Die 
Gürtel über dem Bauch bißchen lockerer für die Hose. Also, was soll ich Ihnen 
von mir erzählen? Das können Sie hineinschreiben, daß meine Mottos sind: 

„Die Mode soll Dich nicht bemeistern, 
fiir's Schöne soll sie Dich begeistern!“ 

und : 

„Die Mode ist nicht für jeden, jeder ist nicht für die Mode!“ 

Ich bin nicht für die verrückte Moderne. Ich bin ein Selfmademan. 
Der Gentleman kleidet sich individuell und läßt sich von der Mode nicht be- 
meistern. Die hohe Aristokratie trägt lange Hosen, hohe Schuhe. Die hohe 
Aristokratie sticht seit jeher ab durch ihren Konservatismus. Wer trägt kurze 
Hosen? Nur Fatzken tragen kurze Hosen. Halbschuh, graue Socken, die wo- 
möglich schmutzig sind — “ 

— ich verstecke schleunigst die Beine mitsamt den kurzen Hosen und Halb- 
schuhen. 

„ — Die Mode ist launenhaft wie eine Kokotte. Wann möchten Herr Rat 
wieder zur Probe kommen? Dienstag, pan rada prijde v ütery 14 5 wenn ge- 
fällig. Ja, wo sind wir stehengeblieben? Die Mode ist wie eine Kokotte, 
wer sich ihr hingibt, ist verloren. Ich 
bin ein Mann, der sich der Mode nicht 
unterwirft. Ein Aristokrat kleidet sich 
konservativ. Dadurch sticht er 
allgemein auf und ab.“ 

Die lebhaften bebrillten Augen des 
Meisters wurden bei dieser bald tsche- 
chisch, bald deutsch geführten Unter- 
haltung, die immer mehr sich zu einem 
Monolog gestaltet, noch leidenschaft- 
licher. Er spricht im Eiltempo. Der 
weiße Spitzbart zittert. Die Glatze 
glänzt. Er sieht König Eduard, dem 
König der Mode ähnlich (dessen Bild 
ebenfalls im Atelier hängt). 

„Wissen Sie, wer die Mode macht."' 

Die Kokotten. Ich bin 51 Jahre im Be- 
ruf. Ich habe das verfolgt. Ich habe in 
Paris für Alex. Dumas den jüngeren 
gearbeitet, in Wien für Paderewski, ich 
habe nach dem Umsturz die tschechi- 
schen Diplomaten ausgestattet, also, ich 
habe eine große Erfahrung. Warum 
tragen die Männer z. B. kurze Hosen. - ' 

Weil sie immer den Frauen, und zwar 



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den Kokotten nachhinken. Tragen die kurze Kleider, müssen die Männer na- 
türlich auch. — Hallo? Ta, sofort Herr Doktor! Sind die Anzüge für Dr. 
Fuchs vorbereitet? Gewiß Herr Doktor, bitte schön! — Ich habe einmal 
einem Bankdirektor genäht. Plötzlich war er nicht mehr zufrieden. Seine brau 
hat immerfort gesagt, es gefällt ihr nicht. Gut, ist er zu einem andern Schnei- 
der gegangen. Richtig war er bei dem zufrieden. Ich war ihm zu unmodern. 
\\ issen Sie, was der Unterschied war? Der Schneider hat ihm kurze Hosen 
gemacht. Das ist für mich kein Bankdirektor. Ein Bankdirektor ist für 
mich eine Persönlichkeit. — Was für Knöpfe sollen wir geben, Herr Rat? 
Gut. Warten Sie, ich muß Ihnen noch eine Anekdote erzählen. Ich war intim 
befreundet mit Battistini. Sehen Sie, hier ist das Bild von ihm mit eigenhän- 
diger Widmung. Einmal geh’ ich mit ihm bei einem Wohltätigkeitsfest ein- 
gehängt. Da sagen zwei Frauen hinter mir: „Er wird nix wissen, daß es e 
Schneider is.“ Ich dreh mich um und sag’: „Er weiß.“ (Hahaha!) Also 
auf Wiedersehen, Herr Rat. Habe die Ehre, Herr Doktor. Bringen Sie den 
Anzug für Herrn Doktor. Wissen Sie, wer der Herr war, der weggegangen 
ist? Der Kommerzialrat Klingenberg von der Hopfenbranche.“ 

Erst zieht der Meister den Rock selbst an. Er besieht sich im Spiegel. 
„Man muß am Aermel aufschreiben: Aermel etwas kürzer. Plätno do tech 

ramenouch! Die Watte heraus! Ten kanafas musite nacviknout. Daß man 
das Linhart sagt, daß Doktor Fuchs morgen geliefert wird. Lauter Aufhalterei, 
warum suchen Sie das nicht früher? Schreiben Sie: Bauch auslassen, Achseln 
niedriger, Watte herauswerfen. — Wissen Sie was Battistini von mir gesagt 
hat? C’est un grand artiste comme moi. Ich weiß, ich bin eine Persönlichkeit, 
mit der sich die Welt viel befaßt. Aber ich bin ein Feind der Reklame. Ich 
könnte Ihnen viel erzählen darüber, wie die Mode entsteht. Zum Beispiel: 
die Bügelfalte: aus einer Verlegenheit des Lord Hamilton. Aber das ist ja 
bekannt. Mit den kurzen Hosen, das habe ich Ihnen ja schon gesagt. Können 
Sie sich z. B. vorstellen, daß ich einem Professor Schloffer kurze Hosen 
mache? Daß ich sie ihm umschla