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Full text of "Über Regungen des Spieltriebes bei gefangenen Vögeln"

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Über Kegungen des Spieltriebes bei gefangenen Vögeln. 

Von Fritz Braun-Marienburg. 

Es mag manchen befremden, dafs ich in der letzten Zeit 
immer wieder auf die Erscheinungen des tierischen Spieles zurück¬ 
komme. Ich glaube dazu gute Gründe zu haben, hoffe ich doch, 
dafs eingehendere Beschäftigung mit diesem Gebiete uns in 
manchen biologischen Dingen zur Klarheit führen wird, denen 
wir noch ziemlich ratlos gegenüberstehen. 

Über systematischen Studien dürfen wir die Beschäftigung 
mit der Seele, der Psyche des Tieres nicht vergessen. Es ist 
kein erfreuliches Zeichen, dafs die Vertreter der einzelnen 
Forschungsgebiete auf dem nur scheinbar so eng umgrenzten Felde 
unserer Wissenschaft sich oft gehässig herabsetzend äufsern und 
über Bemühungen, denen ehrliches Streben nicht abgesprochen 
werden kann, mit giftigem Hohne aburteilen. Ganz ungeeignet 
zu solchen Angriffen erscheint mir aber der dem Verfasser kurz 
genug zugemessene Raum volkstümlicher Vogelwerke, um so mehr, 
als die Leser solcher Bücher des öfteren mit den besprochenen 
Fragen gar nicht vertraut genug sind, um sich ein eigenes Urteil 
bilden zu können. Vielleicht sagen sie sich: Er schreit so laut, 
also wird er wohl recht haben. Auf derartige Urteile hinzu¬ 
steuern, erscheint mir des Wissenschafters nicht würdig. 

Aufserdem könnte man auch auf die einzelnen Teildisziplinen 
der Ornithologie die Fabel des Mettenias Agrippa anwenden. 
Sie alle sind notwendige Glieder eines Organismus, der ihrer 
keines ohne Schaden entbehren kann. Dafs diese Erkenntnis 
auch der Tierpsychologie zu gute komme, ist ein Ziel, dem ein 
gut Teil meiner Arbeit gewidmet war. 

Wir müssen uns bemühen, bei der Arbeit auf biologischem 
Gebiete gröfsere Achtung vor den Begriffen zu gewinnen, die 
allerdings zum Teil erst noch geschaffen werden müssen.. In 
den meisten Fällen machen wir die Wahrnehmung, dafs dieses 
Feld von den Forschern nur nebenher beackert wird. Kommen 
sie in die Lage, sich über Dinge wie die biologischen Aufgaben 
des Gesanges, die geistigen Regungen des Vogels und ähnliche 
Stoffe auslassen zu müssen, so berauschen sie sich nur allzu¬ 
leicht in Worten, von denen sie nicht jedes auf der Goldwage 
der Begriffe prüften. Oft würde man voreilig handeln, wollte 
man deshalb diese Männer und ihre wissenschaftliche Geltung 
angreifen, da ihre Bedeutung auf ganz anderen Gebieten liegen 
kann. Dennoch erweist die Tatsache immerhin, dafs es not tut, 
auch diesen Acker fleifsiger zu bestellen. 

In dem Begriffe des Spieles steckt im Sprachgebrauch etwas 
von den Begriffen der Freiheit, der Willkür. Nennt man eine 
Lebensäufsernng spielerisch, so denkt der Leser, der Zuhörer 


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Fritz Braun: 


nur allzuleicht, man wolle ausbrechen und den Streit auf ein 
Gebiet hinüberspielen, das der scharfen und steten Kritik der 
Intelligenz nicht mehr untersteht. Das ist ein Irrtum, den ich 
bei den Verfassern von Artikeln, die mich und meine Theorien 
angriffen, des öfteren antraf. Darum ist es der Zweck dieser 
Zeilen, jene Vorstellungen zu beseitigen und an ihre Stelle die 
Überzeugung zu setzen, dafs auch die Spiele der Tiere etwas 
durchaus Gesetzmäfsiges sind. 

Unsere Literatur über tierische Spiele ist arm. Nach dem 
Werke von Groos (die Spiele der Tiere, Jena, Fischer 1896) ist 
kaum eine gleichwertige Veröffentlichung über diesen Stoff er¬ 
schienen. Von allen zoologischen Werken habe ich im Laufe 
der letzten Jahre das Groos’sche Buch wohl am häufigsten genannt. 
Es geschah mit guter Absicht. Glaubeich doch die Werbetrommel 
rühren zu müssen, um die Fachgenossen darauf aufmerksam zu 
machen, dafs hier fruchtbares Neuland der Eroberung durch die 
Begriffe harrt. 

In vielen Fällen wird schon durch die blofse Einführung des 
Begriffes „Spiel 44 die Klarheit vergröfsert. Wer sich mit den 
Gedanken, die uns im folgenden beschäftigen werden, längere 
Zeit herumgetragen hat, dürfte kaum noch sagen, dafs der Zweck 
des Gesanges darin besteht, die Lebenslust und Daseinsfreude 
des Vogels zum Ausdruck zu bringen. In dieser Aussage wohnt 
Wahres und Falsches nachbarlich nebeneinander. Was damit 
vom Gesänge ausgesagt wird, gilt von allen tierischenSpielen, 
deren Zweck aber nicht in diesen Nebenerscheinungen zu suchen 
ist, sondern in Aufgaben, die auf die Ernährung, Sicherung und 
Fortpflanzung des Tieres hinzielen. Ist z. B. eine Katze lebens¬ 
lustig und daseinsfroh, so springt, kratzt und klettert sie. Es 
wird aber dennoch niemand den Hauptzweck dieser Bewegungen 
in dem Ausdruck einer gemütlichen Stimmung, sondern im 
Gegenteil in der Ernährung des Tieres suchen. Springt und 
läuft der Hund, um seinen Herrn zu begrüfsen, so ist auch das 
ein Ausdruck der Lebenslust und Daseinsfreude, eine spielerische 
Betätigung von Bewegungen, deren Hauptaufgabe aber trotzdem 
in dem Erjagen der Beute besteht. Oft erscheinen uns solche 
Bewegungen ganz beziehungslos, wollen wir auf Grund der 
augenblicklichen Lage die Fäden zwischen Menschen- und Tier¬ 
seele ziehen. Da springt vor uns beständig eine Katze von dem 
Tisch zur Erde, von dem Boden auf den Tisch, klettert einen 
Pfahl hinauf und hinab und zieht zuletzt die scharfen Krallen 
emsig durch sein weiches Holz. Scheinbar sind diese Bewegungen, 
mit denen auch der Indianertanz Leberecht Hühnchens eine 
psychische Verwandtschaft hat, ohne jeden Bezug auf die augen¬ 
blickliche Lage. Das Tier drückt damit auch weiter nichts aus 
als: ich bin froh. Dieser Freude gibt es aber zumeist durch 
spielerische Bewegungen Ausdruck, solche Bewegungen, die spiel- 
mäfsig geübt werden, weil sie im Leben des Tieres einen wichtigen 


Über Regungen des Spieltriebes bei gefangenen Vögeln. 137 

Zweck zu erfüllen haben. Das gilt auch von dem Gesänge, den 
die „Singvögel 14 so oft spielerisch ausüben, weil er im Geschlechts¬ 
leben dieser Tiere eine Hauptrolle spielt. 

Nun mag es allerdings Leute geben, die solche Ausein¬ 
andersetzungen Begriffskrämerei nennen und meinen, man könnte 
besseres tun als in solchen Dingen herumklauben. Die Geschichte 
der zoologischen Wissenschaft gibt ihnen nicht Recht. So mancher 
der Gröfsten, dessen wissenschaftliche Bedeutung auf seinem 
eigensten Arbeitsgebiet unumstritten ist, holte sich schwere 
Niederlagen, sobald er daran ging, das allgemeine, so zu sagen 
philosophische Ergebnis seiner Lebensarbeit zu bestimmen. Das 
sollte doch die Achtung vor dem Begriffe mehren und uns dahin 
bringen, jeden Satz biologischen Inhaltes, in dem auch nur ein 
Begriff unklar blieb, als wissenschaftliche Pascherware von der 
Hand zu weisen. 

In dieser Beziehung ist auch die populäre Literatur unserer 
Tage nicht ohne Schuld. In den Zeiten der Rofsmäfsler, Hermann 
Wagner und Masius richtete man sich bei diesem Schrifttum 
eigentlich nach gesünderen Leitgedanken, indem man (wir haben 
auch heute noch Vertreter dieser Richtung; ich brauche nur an 
Marshall zu erinnern) sich bemühte, die Leute ihre nächste, all¬ 
tägliche Umgebung richtig betrachten zu lehren. Damit vertieft 
man das Leben der Menschen ganz anders als dadurch, dafs 
man ihnen mit hochtönenden Hypothesen kommt, betreffs derer 
die Wissenschaft noch nicht das letzte Wort gesprochen. Dadurch, 
dafs der Leser jener Männer mit dem Tun und Treiben der 
Tiere in Feld und Garten vertraut ward, dafs er angeleitet 
wurde, die biologischen Erscheinungen an Weiden, Pappeln und 
Birken, die auf seinem ländlichen Eigen wachsen, mit offenen 
Augen zu verfolgen, ward er tatsächlich reicher und reifer. 
Dadurch, dafs man ihn mit der geilen Kost der Hypothesen füttert, 
beantwortet man viele Fragezeichen nur durch ein desto gröfseres 
und erzeugt unruhige Bewegung, wo feste, sinnfällige Haltepunkte 
gesucht werden, verabfolgt lockeres Zuckerwerk anstatt nährenden 
Schwarzbrotes. Die Gegner der Entwicklungslehre würden viel 
weniger Angriffspunkte gegen diese, unsere Überzeugung finden, 
würde nicht von uns selbst in dieser Hinsicht oft grob gesündigt. 

Nach dieser Einleitung, deren allgemeine Gesichtspunkte 
vielleicht der Beschäftigung mit den spielerischen Erscheinungen 
des Tierlebens neue Freunde zu werben vermögen, wird es unsere 
Aufgabe sein, das spielmäfsige Treiben der gefangenen Vögel zu 
behandeln. Unsere Ausführungen können nur als Kleinkram und 
Scheidemünze gelten. Oft sind aber die Geschäfte, die sich mit 
geringem Verdienst begnügen, die sichersten; sonderlich in der 
ersten Zeit ihres Bestandes. 

Wir wiesen schon anfangs darauf hin, dafs das Leben der 
Tiere aus zweckmäfsigen Handlungen, die auf Ernährung, Sicher¬ 
heit und Fortpflanzung hinzielen, und aus den diesen Handlungen 


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Fritz Braun: 


parallel laufenden Spielen restlos besteht. Oft genug sind gegen 
jene Leute, die den tierischen Organismus und seine Lebens¬ 
betätigungen nach Art einer Maschine schilderten, harte Angriffe 
gemacht worden, allerdings zumeist nur mit Phrasen, die ebenso 
inhaltslos wie höhnisch waren. Die Angreifer gebärdeten sich, 
als ob sie im Gebiete der Philosophie niemals etwas von Deter¬ 
ministen gehört hätten, und vergafsen ganz, dafs alle Philosophie 
Phrasen und schellenlautes Gerede wäre, gäbe es auf diesem 
Gebiete keine Gesetzmäfsigkeit. 

Immerhin mufs zugegeben werden, dafs auf dem Gebiete 
des Spiels wie auf dem der menschlichen Kunst, das in letzter 
Linie nichts anderes bedeutet, eine gewisse Freiheit, die Freiheit 
der Phantasie, vorhanden ist. Abgesehen von krankhaften Ent¬ 
artungen ist auch diese nicht zügellos. Wie die menschlichen 
Künstler schon vor der Aufstellung aesthetischer Kegeln ihre 
Kunst doch nach gewissen, phantasiemäfsigem Schaffen inne¬ 
wohnenden Gesetzen ausübten, so werden auch die Spiele gesunder 
Tiere sich nur in einem gewissen Umkreise bewegen, in dem 
allem Anschein nach eben so strenge Gesetzmäfsigkeit herrscht. 

Die Natur ist sparsam und sucht ihre Ziele mit dem 
geringsten Aufwand von Arbeit zu erreichen. Bewegungen, die 
zum Nahrungserwerbe dienen, werden zugleich der Bewerbung 
um das Weibchen dienstbar gemacht. Brünstige Spechte trommeln, 
brünstige Raubvögel, die um des Nahrungserwerbes willen zu 
Königen der Lüfte wurden, zeigen ihre Flugkünste, und die 
Webervögel, deren Körper sich beim Bau der Nester oft den 
sonderbarsten Stellungen anbequemen mufs, bewegen sich beim 
Balzliede, als gälte es, dem Kunstwerke der Familienwohnung 
durch den Druck von Brust und Bauch eine andere Form zu 
geben oder einen Halm mit weit zurückgeneigtem Kopfe noch 
ein Stück hervorzuzerren. Diese Beispiele lassen sich verzehn¬ 
fachen; was wir meinen, besagen die angeführten wohl zur 
Genüge. 

Ähnlich wie hier verhält es sich auch mit den Spielen. 
Zu ihrer Überraschung werden die Leser in diesen Ausführungen 
grade von den Vögeln, die eine vorschnelle Beurteilung als die 
eigentlichen Spielfritzen der gefiederten Welt hinstellte, von den 
Staren, Meisen und ähnlichen Species, nur verhältnismäfsig 
wenig erfahren. So sonderbar das Gebaren dieser Tiere oft 
erscheinen mag, ist es doch kein zweckloses Spiel. Zumeist 
haben wir bei dem anscheinend spielerischen Treiben zweek- 
mäfsige Bewegungen zum Nahrungserwerb vor uns, die den 
gröfsten Teil des Lebens dieser Arten ausfüllen und ebenso 
regelmäfsig ausgeübt werden, wie die Suche des Fuchses oder 
Sperbers. Weil sie in der Gefangenschaft von den ungeeigneten 
Objekten, was den Nahrungserwerb angeht, unwirksam abprallen, 
erscheinen sie uns oft spielerisch, ohne es doch zu sein. Dazu 
wäre einmal die Erkenntnis der Tiere nötig, dafs diese Bewegungen 


Über Regungen des Spieltriebes bei gefangenen Vögeln. 139 

an solchem Orte zwecklos sind, und zweitens der Entschlufs, sie 
trotz dieser Zwecklosigkeit doch auszuüben. Dieser Zustand tritt 
aber grade bei diesen Arten erst nach verhältnismäßig langer 
Gefangenschaft ein. 

Von den einzelnen Arten der Spiele, in die Groos diese 
Lebensäufserungen der Tiere sondert, werden uns heute nur die 
Bewegungsspiele und -Experimente beschäftigen. Es geht bei ihrer 
Betrachtung klar hervor, dafs die spielerischen Bewegungen bei 
den einzelnen Arten durchaus verschieden sind. Zugleich gehen 
sie aber den Bewegungen parallel, die zum Erwerbe der Nahrung 
dienen. Dabei sehen sich die verschiedenen Einzelwesen derselben 
Arten überraschend gleich. Man kann erwarten, dafs der Stieglitz, 
der Zeisig, durch den wir einen toten Vorgänger der gleichen 
Art ersetzen, in dessen Käfig im grofsen und ganzen dieselben 
spielerischen Bewegungen üben wird wie sein Vorgänger. 

Bei den Stieglitzen, den Zeisigen und ähnlichen Arten wird 
es uns bald klar, dafs ihre Spiele nur ein Gleichnis der Bewe¬ 
gungen sind, durch die die Tiere im Freileben zu den Samen¬ 
körnern des schwankenden Halmes, des wehenden Zweigleins 
gelangten, indem sie sich in der Gefangenschaft oft beständig um 
einen senkrechten Draht, an dem etwa die Schaukel hängt, drehen 
und wieder drehen, als ob sie das glatte Ding erklimmen wollten 
oder aber indem sie in ganz ähnlicher Weise an schwankenden 
Gerten und Ruten umherklettern. 

Viele Schrifsteller wiesen schon darauf hin, dafs diese 
spielerischen Bewegungen in einem ganz bestimmten Rhythmus 
stattfinden. Es scheint, als ob auf das Tier, das seine Aufmerk¬ 
samkeit gerade auf einen bestimmten Gegenstand richtet, die 
rhythmischen Bewegungen des eigenen Körpers, wie die des Herzens 
und der Lunge, einen unter der Bewufstseinsschwelie bleibenden 
Reiz ausüben, den Zustand der Ruhe aufzugeben und rhythmische 
Bewegungen zu machen. Einen solchen Rhythmus nehmen wir 
an den Bewegungen gefangener Stieglitze und Zeisige wahr, die 
am Gitter hängen und den Kopf abwechselnd nach oben und 
nach unten strecken, ein solcher Rhythmus besteht sogar zwischen 
den einzelnen Laufstrecken, die spielende Pieper oder am Baum¬ 
stamme dahinlaufende Kleiber zurücklegen. Eine Haubenlerche, 
die in meinem Besitz ist, hämmerte anfangs unaufhörlich im 
Dreitakt gegen die Drahtsprossen ihres Behälters, ein Spiel, das 
allerdings zu den experimentellen Spielen hinüberleitet. In der 
gleichen Weise — im Dreitakt — hüpft meine Weindrossel auf 
einer und derselben Sitzstange hin und her, da der prismen¬ 
artige Käfig ihr zu hoch und schmal ist, um bei den Bewe¬ 
gungsspielen von Sprosse zu Sprosse zu hüpfen. Der Nadlermeister, 
der Käfige für bestimmte Arten hersteilen will, wird auf die der 
Art eigentümlichen Bewegungsrhythmen Rücksicht nehmen müssen. 
Die Wiener Liebhaber sind meines Wissens zuerst zu dieser 
Überzeugung gediehen. 


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Fritz Braun: 


Am reinsten treten diese rhythmischen Bewegungen im Hin- 
und Herhüpfen hei jenen Arten auf, bei denen, so hurtig und 
gewandt die Species auch ist, doch kein Körperteil zu einem ganz 
besonders eigenartigen Werkzeuge umgeformt ist, das heifst 
etwa bei den Turdidae und Sylvien. Wie grofs ist nicht in 
dieser Hinsicht der Unterschied zwischen der Amsel und dem 
Star, zwei Vögeln, die dem Laienauge so ähnlich erscheinen! 
Herrschen bei dem Star, abgesehen vom Gesänge, experimentelle 
Spiele vor, so vollzieht sich bei der Amsel alle spielerische Be¬ 
tätigung in dem rhythmischen Hin- und Herhüpfen, das wir soeben 
schilderten. Beiläufig dürfte man vielleicht erwähnen, dafs dieser 
Rhythmus in den spielerischen Bewegungen gefangener Vögel 
auch dem englischen Romanschriftsteller Dickens, einem ebenso 
grofsen Tierfreunde wie guten Beobachter, aufgefallen ist. Auf 
ähnliche Erfahrungen ist es wohl zurückzuführen, wenn er im 
13. Kapitel von „Klein Dorrit“ sagt: „Im Stiegenhaus tickte eine 
Uhr und ein Vogel pickte in seinem Käfige was auch wie ein 
Ticken klang.“ 

Wenn von vielen Schriftstellern hervorgehoben wird, dafs 
die Vögel in der Gefangenschaft nur dann singen, wenn sie sich 
völlig wohl fühlen, so gilt das mehr oder minder für alles spie¬ 
lerische Treiben. So lange dem Vogel unbehaglich zu Mute ist, 
wird er kaum spielen. Deshalb fehlt auch in den Bewegungen 
noch ungezähmter Stubenvögel zumeist das rhythmische Element. 
Erst wenn die Gefangenen zahm geworden sind, die Erinnerungen 
des Freilebens verblafsten und auch der Mensch als Bestandteil 
der gewohnten, für das Tier ungefährlichen Umgebung aufgefafst 
wird, beginnen die Vögel sich spielerischen Neigungen hinzugeben. 
Vermehrte schon vorher die Annäherung des Menschen die Be¬ 
wegungen der Vögel, so waren das Bewegungen, die — wenn schon 
vergeblich — dem Tiere zur Flucht verhelfen sollten, nicht aber 
ein Treiben spielerischer Art. Liefsen dabei die Vögel Strofen 
ihres Gesanges ertönen, so gehörte das in das Kapitel über den 
Gesang als Kampfruf, hatte also auch mit den eigentlichen 
Spielen nichts zu tun. 

Da bei den Arten, die ihrem spielerischen Bewegungstriebe 
durch Hin- und Herhüpfen genügen, Beine und Flügel gleich¬ 
zeitig benutzt werden, finden wir bei ihnen nicht die eigentüm¬ 
lichen, spielerischen Flügelbewegungen, die uns bei jenen Species 
auffallen, deren Fufsbildung ein solches rasches Hin und Her 
von Sprosse zu Sprosse unmöglich macht. Zu diesen gehören 
z. B. Lerchen, Pieper, Papageien. 

Bei jenen zuerst erwähnten Arten sahen wir höchstens 
einmal, dafs ein Zeisig das Hin und Her zwischen den Sitzstaogen 
in einen rauschenden Flug verwandelte mit viel mehr Flügel¬ 
schlägen als zur Fortbewegung nötig sind. Er tat das dann 
wohl, um sich gehörig auszufliegen. Die Lerchen und Pieper 
pflegen dagegen minutenlang mit den Flügeln zu schlagen, wobei 


Über Regungen des Spieltriebes bei gefangenen Vögeln. 141 

sie auf dem Erdboden sitzen bleiben, von dem sie sich nur bei 
besonders hastiger Bewegung ein paar Zoll erheben. Derartige 
Übungen nehmen sie nicht nur im Käfige, auch in der Vogel¬ 
stube vor, da ihrem Bewegungsdrange selbst dieser erweiterte 
Raum nicht genügt. In sehr abgeschwächter Form findet man 
dieses g> Gebaren auch beim Star wieder. 

Ähnliche Bewegungen treffen wir bei den Papageien und 
den Sitticharten, die als ausgezeichnete Flieger in der Gefangen¬ 
schaft einen gröfseren Bewegungsspielraum schmerzlich entbehren. 
Mein gefangener Mönchssittich schlägt bei diesen Bewegungs¬ 
spielen so kräftig mit den Flügeln, dafs die durch die Flügel¬ 
schläge erzeugte Luftbewegung in dem ganzen grofsen Raume 
als starker Zugwind fühlbar ist, der leichtere Papierstücke vom 
Schreibtische zur Erde flattern läfst. Nicht immer werden diese 
Spiele auf der Sitzstange vorgenommen, ebenso häufig hängen 
sich die Tiere dazu seitlich an das Käfiggitter. Die Kakadus 
nehmen diese Flügelübungen sogar derart vor, dafs sie sich mit 
dem Schnabel an den Sprossen der Käfigdecke anhängen und 
nun, frei in der Luft schwebend, mit den Flügeln zu klatschen 
beginnen. Mein zahmer Rosakakadu betreibt dieses Wesen nicht 
nur aus Frohlaunigkeit, sondern grade dann, wenn ihm ein 
Wunsch nicht erfüllt wird, wenn er z. B. bei .der Fütterung 
der Vögel zuletzt an die Reihe kommt. Der Ärger über die 
Unmöglichkeit, bei der engen Gefangenschaft seine Wünsche 
selber zu befriedigen, scheint den Kakadu zu diesen energischen 
Bewegungen zu veranlassen. 

Nur scheinbar gehören in dieses Gebiet die eigenartigen 
Bewegungen, die wir bei gefangenen Rothänflingen wahrnehmen. 
Bei den Vögeln dieser Art finden wir zu Beginn des Gefangen¬ 
lebens oft eine eigentümliche Unfähigkeit, sich in die räumlichen 
Verhältnisse des Käfigs zu schicken. Wie in der Lebensführung 
im Freileben unterscheidet sich der Rothänfling auch in dieser 
Hinsicht sehr auffällig von den Stieglitzen und sonderlich von 
dem Zeisige, der, sit venia verbo — die neuen mechanischen 
Aufgaben, die das Gefangenleben seinem Körper stellt, zumeist 
rasch und spielend löst. Zwischen einem frisch eingefangenen 
Rothänfling und einem völlig eingewöhnten Vogel derselben 
species, der sich nach Art eines zahmen Kanarienvogels in seinem 
Käfige hin und her bewegt, ist in diesem Bezüge ein riesiger 
Unterschied, und zwar kann die Zeit, iD der er sich auf jene 
Weise gebärdet, Jahr und Tag dauern. Die eigenartigen Bewegungen, 
die wir zu dieser Zeit wahrnehmen, sind wohl auf den beständigen 
Streit zwischen dem Willen des Tieres, der noch auf die Verhält¬ 
nisse des Freilebens eingestellt ist, und den Hemmungen der 
Aufsenwelt zurückzuführen. Zum Abfliegen bereit, lüften solche 
Hänflinge beständig die Flügel, werden aber durch den Anblick 
der allzunahen Drahtsprossen immer wieder dazu bewogen, auf 
einer Sprosse hin und her zu hüpfen, den Kopf weit in den 


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Fritz Braun: 


Nacken gelegt und die Flügel beständig lüftend und wieder an 
den Rumpf legend. Sehr mit Unrecht erscheinen uns diese Be¬ 
wegungen als ein Spiel. Sie sind durch die unnatürlichen Ver¬ 
hältnisse des Käfigs bedingt und führen mitunter zu Krankheits¬ 
erscheinungen, die, wie _die bei gefangenen Vögeln häufige 
Taumelkrankheit, wohl auf Überreizung desGehirns durch andauernd 
fortwirkende, unnormale Sinneseindrücke zurückgeführt werden 
müssen. 

Auf eine Überreizung ist auch wohl ein befremdliches Ver¬ 
halten mancher Kanarienvögel und verwandter Finkenvögel 
zurückzuführen, bei dem allerdings auch Gründe sexueller Art 
mitwirken mögen. Immer wieder sieht man alte Kanarienhähne 
und Stieglitze, die eigentlich beständig in Kampfstellung verharren 
und auf jedes Wesen in dieser Haltung losfahren. Obgleich sie ganz 
zahm sind und bereitwillig Leckerbissen aus der Hand des 
Menschen nehmen, unterbrechen sie ihre zornige Mimik dabei 
doch nur solange, als unbedingt nötig ist, um den Bissen zu 
ergreifen. Schon in den Pausen der Mahlzeit fahren sie in dem 
früheren Benehmen fort. 

Noch viel klarer sind die geschlechtlichen Beziehungen bei 
den eigentümlichen Körperverrenkungen der Weber und der 
kleinen, tropischen Finken, die wir hier ebenso wie das ganze 
Gebiet des Geschlechtslebens ausschalten wollen, einmal, weil 
wir pathologische Entartungen der Vögel auf sexuellem Gebiete 
schon mehrfach behandelt haben, andererseits, weil dieser unge¬ 
heure Stoff sich am allerwenigsten dazu eignet, in einer kürzeren 
Arbeit erschöpft zu werden. 

Damit könnten wir die Bewegungsspiele verlassen und zu 
jenen übergehen, die wir als Experimente bezeichnen müssen. 
Spiele dieser Art finden sich vornehmlich bei jenen Species, bei 
denen ein Teil des Körpers, zumeist Schnabel oder Füfse, ganz 
besonders entwickelt ist, um bestimmte mechanische Aufgaben, 
die beim Erwerb der Nahrung gestellt sind, rasch und leicht zu 
lösen. Eine grofse Zahl der experimentellen Spiele sind daher 
so zu sagen nur ein Gleichnis der Nahrungssuche. Hierher ge¬ 
hört vielleicht auch ein absonderliches Spiel, das mir neulich bei 
meinem Fässer euchlorus auffiel. Der Vogel erfafste bei seinem 
spielerischen Treiben eine in das Drahtgitter gesteckte Weiden¬ 
rute, die frei in den Käfig hineinragt, in der Nähe des Befesti¬ 
gungsortes und schüttelte, selber am Drahtgitter hängend, die 
Gerte heftig hin und her. Ob man nicht bei diesem Spiele, das 
der goldgelbe Spatz oft wiederholt, an einen Halm denken darf, 
der, zu schwach und schwank, um dem Vogel den Zugang zu 
dem Samenstand zu gestatten, auf diese Weise der Samenkörner 
entledigt werden soll? Der enge Zusammenhang zwischen den 
experimentellen Spielen und dem Nahrungserwerb, tritt, wie schon 
erwähnt, sehr häufig hervor. 


Über Regungen des Spieltriebes bei gefangenen Vögeln. 14B 

Unter den einheimischen Vögeln ist der Kreuzschnabel wohl 
der klassische Experimentator. Das rhythmische Hin und Her 
zwischen den einzelnen Sprossen, das uns bei den Finken, Drosseln, 
Grasmücken u. a. m. so auffiel, tritt bei dem kletternden Kreuz¬ 
schnabel wie bei den Papageien ganz zurück. Die Verbindung 
zwischen ihnen und der Aufsenwelt wird in mechanischer Hinsicht 
weniger durch die Füfse und Flügel, als durch den eigenartig 
geformten Schnabel hergestellt. 

In der ersten Zeit mögen die Experimente bei dem Kreuz¬ 
schnabel ebenso wie etwa bei dem Star ja noch vielfach nichts 
anderes sein als ein gewohnheitsmäfsiges Verharren in den Be¬ 
wegungen des Freilebens. Mit der Zeit nehmen sie aber grade 
wie beim Star immer mehr die Eigenart des Spieles an, um sie 
allerdings mit der Zeit in diesem oder jenem Einzelfall wieder 
zu verlieren. So z. B., wenn die Tiere sich durch ihre Zer¬ 
störungskünste den Weg aus dem Käfig in das Zimmer bahnten, 
den weiteren Spielraum in dem Gemach liebgewannen und nun 
absichtlich darauf ausgehen, das einmal erschlossene Tor wieder 
zu öffnen. Die Freude am „Ursache sein“, das bei der Zerstörung 
eines Gegenstandes der Aufsenwelt eintretende Gefühl „erhöhter 
Realität“, um mit Groos und Lessing zu reden, bewirkt, dafs die 
Tiere fast immer in ganz kurzer Zeit die Stellen „heraus haben“, 
wo ihre Arbeit am schnellsten ein sichtbares Ergebnis liefert. 
Setzt man einen Kreuzschnabel, einen Kleiber in einen Käfig 
von festem Drahtgeflecht, das an einer oder zwei begrenzten 
Stellen durch einen schwächeren Stoff, Holzstäbchen etwa und 
Bindfanden, ersetzt wurde, so kann man sicher sein, die Tiere 
nach ganz kurzer Zeit an diesen Stellen zu erblicken, wo sie ihre 
Tätigkeit mit einem Gebaren aufnehmen, das uns deutlich ver¬ 
rät, wie interessant ihnen die Sache ist. Dafs sie sich befreien 
wollen, dürfen wir, namentlich im weiten Flugkäfig, kaum an¬ 
nehmen, da dieser Gedanke eine Fülle von wohl unzulässigen 
Schlüssen voraussetzt. Schon öfters wies ich darauf hin, dafs 
meine Bücherei eine Menge von Büchern enthält, die durch 
Kreuzschnäbel entbunden sind. Auch bei dieser Arbeit suchten 
und fanden sie die schwächsten Teile des Einbandes, jene Streifen, 
wo die Rückwand in weicher Falte zum Deckel übergeht. Nicht 
allzuselten kommt es vor, dafs die Vögel bei solchen Spielen 
Körperteile fremder Individuen zum Gegenstand ihrer Tätigkeit 
machen. Ich besafs einst einen Kreuzschnabel, der andere Vögel 
in der Weise in seine Kletterbahn einzuschalten beliebte, dafs er 
sich ihnen an den Schwanz hängte, was dann regelmäfsig zur 
Folge hatte, dafs beide Vögel zur Erde sausten. Einmal hatte 
bei mir ein Kreuzschnabel einen überraschten Zeisig sogar längere 
Zeit festgehalten, um an ihm irgend einen für notwendig erach¬ 
teten operativen Eingriff zu machen. Auf das Geschrei des Zeisigs 
eilte ich hinzu und befreite den armen Schelm, der des schlimmsten 
gewärtig war. Bei der ganzen Veranlagung des Kreuzschnabels 


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Fritz Braun: 


ist kaum daran zu denken, dafs er bei seinem Tun kohlmeisen¬ 
artige Gelüste nach dem Zeisiggehirn hatte. Mag bei den Kohl¬ 
meisen diese garstige Unsitte einzelner Stücke nicht frei von 
einer spielmäfsigen Beimischung sein, indem der Schädel toter 
Vögel der gleichen Behandlung wie die ähnlich geformte Nufs 
unterzogen wird, so mochte bei dem übermütigen Kreuzschnabel, 
der den armen Zeisig vergewaltigen wollte, die spielerische Ab¬ 
sicht ganz rein obwalten. 

In ähnlicher, nur ungefährlicherer Weise wurde bei mir 
im vorigen Jahre ein Wellensittichmännchen durch einen Napoleons¬ 
weber (Floceus melanogaster) arg gepeinigt. Da die unfertigen 
Spielnester der Weber für die Käfiggenossen zu Fallen und 
Schlingen wurden, hatte ich den Tieren die Baustoffe entzogen. 
Da hielt sich nun der unverzagte Weber mangels anderen Flecht¬ 
materials an die langen Schwanzfedern des Wellensittichs, der 
dadurch fortwährend beunruhigt wurde und mit Gretchen denken 
mochte: „ich weifs nicht, was er an mir findt“. Olt vergnügte 
ich mich viertelstundenlang über die komischen Lagen, die sich 
aus den unermüdlichen Anstrengungen des Webers, den Schwanz 
des Sittichs künstlerisch zu verwerten, mit Notwendigkeit er¬ 
geben mufsten. 

Bei den Kakadus konnte ich sogar, wie bei den spielenden 
Knaben der Strafse, eine Art Saison der einzelnen Spiele fest¬ 
stellen. Mitunter heilst die Losung: Zertrümmerung des Futter¬ 
geschirrs. Dann schlägt der Kakadu beständig das im Schnabel 
gehaltene Geschirr gegen den Käfigboden, bis es das Schicksal 
so und so vieler Vorgänger teilt und in Stücke springt. Mögen 
darüber auch Tage vergehen, es eilt ja nicht. Während solcher 
Tage finde ich keinen Holzspahn im Käfig. Dann gilt es aber 
wieder der Sitzstange, einem ehrlichen Besenstiel. Zwei, drei 
Tage und er ist nicht mehr. Ich glaubte, der Kakadu würde zur 
Besinnung kommen, wenn ich die Stange nicht sofort ersetzte 
und ihn unter der durch sein Tun geschaffenen Unbehaglichkeit 
leiden liefse. Weit gefehlt 1 Ist grade Saison für dieses Spiel, 
so wird die neue Stange sofort in gleicher Weise beseitigt. Ist 
es nicht der Fall, so hat die Sitzstange tage- und wochenlang 
Ruhe, während die Konstruktion eines Drahtverschlusses er¬ 
gründet werden soll und dem regen Schnabel viele Tage lang 
keine Ruhe gönnt. 

Wie der sichtbare Erfolg der Zerstörungsversuche die Vögel 
zu ihren experimentellen Spielen begeistert, scheinen sie auch 
durch die dabei hervorgebrachten, oftmals rhythmischen Töne 
angeregt zu werden, ihren beharrlichen Bemühungen treu zu 
bleiben. Namentlich zur stillen Nachtzeit scheinen derartige 
Geräusche auf die Vögel eine Art unwiderstehlicher Wirkung 
auszuüben. Von trommelnden Birkenzeisigen berichtete ich schon. 
Vielleicht hat diese Tätigkeit einen Zusammenhang mit der Ge¬ 
wohnheit dieser Species, sich im Schnee zu vergraben. Yfiv finden 


Über Begnügen des Spieltriebes bei gefangenen Vögeln. 145 

ähnliche Sitten aber auch bei anderen Arten. In Konstantinopel 
hatte ich einst einen Kernbeifser, der nächtlicherweile mit dem 
Schnabel über das Drahtgeflecht des Käfigs zu rattern pflegte. 
In meinem neuen Wohnort Marienburg knapperte ein besonders 
stumpfsinniger Bartsittich (Vsittacus fasciatus) nachts fortwährend 
im Dreitakt an den Metallstangen seines Behälters herum. Auch 
die Lieder mancher Vögel, die zur Nachtzeit singen, sind mitunter 
wohl sogar zur Paarungszeit eine Art spielerischen Tuns. Ich 
denke dabei nicht an jene Arten, die, wie viele Erdsänger, 
zur Nachtzeit auch andere Verrichtungen vornehmen, sondern an 
Vögel, die, wie manche zur Nachtzeit singende Ammerarten, 
sonst in erster Linie Tagvögel sind. 

Zu deD experimentellen Spielen möchten wir auch das 
Gebaren gefangener Sumpfmeisen rechnen, die sich häufig damit 
vergnügen, Papierfetzen aufzulesen, mit ihnen auf einen Spiegel¬ 
oder Bilderrahmen zu fliegen und ihn dort gemächlich in Stücke 
zu reifsen. An diese Spiele haben wir auch zu denken, wenn 
Kanarienvögel und ähnliche Arten in ihrem Behälter von einem 
festen Sitze aus die Schaukel mit dem Schnabel in rhythmische 
Bewegungen versetzen. Selbst manche Neckereien gefangener 
Vögel scheinen in dieses Gebiet zu gehören. So ergriff ein 
gefangener Bülbül lange Strohhalme und flog damit in der Vogel¬ 
stube hin und her. Man gewann dabei den Eindruck, dals es 
ihm daran gelegen sei, die kleinen Zimmergenossen zu erschrecken, 
die vor dem wehenden Halme erschreckt das Weite suchten. 

Eine besondere Gruppe der experimentellen Spiele bilden 
jene, bei denen ein Glied des eigenen Körpers den Gegenstand 
bildet, auf den sich die Tätigkeit des Tieres bezieht. Allerdings 
ist das Spielerische hei dieser Art der Experimente nicht immer 
unzweifelhaft und deutlich, so z. B. in den Fällen, wo die Auf¬ 
merksamkeit der Tiere durch Schmerzempfindungen auf diesen 
oder jenen Körperteil gelenkt wird. Dabei zeigt sich immer 
wieder, dals sich die Vögel über die Grenzen ihres Individuums 
nicht recht klar sind, so z. B., wenn ein Star aus Leibeskräften 
auf eine schmerzende, entzündete Zehe loshackt. 

Grade auf diesem Gebiete sind die Antriebe zum Spiel 
sehr oft pathologische Pieize, unter denen der freilebende, in 
normaler Umgehung befindliche Vogel kaum leiden dürfte. Es 
scheint, dafs der eigene Körper in manchen Fällen nur deshalb 
zum Gegenstände der Tätigkeit gewählt wird, weil andere Dinge, 
mit denen sich das Tier beschäftigen könnte, so gut wie ganz 
fehlen! Das scheint auch daraus hervorzugehen, dals die Feder¬ 
rupfer unter den gefangenen Papageien diese Unsitte oft ganz 
von selbst aufgeben, wenn sie reichlich mit solchen Gegenständen 
versehen werden, die sie zu spielerischer Tätigkeit auffordem. 
Kuss meint das Gleiche, wenn er in seinem Handbuche dem 
Tierpfleger rät, sich mit derartigen Papageien besonders häufig 
und liebevoll zu beschäftigen. 

Jozn* t Ohl. LT. J&Lr:r. Jkliet 1£07. 


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Fritz Braun: 


Oftmals zeigt sich, wio icli schon vor einigen Monaten in 
einem Vortrage in dem westprcufs. bot.- zool - Verein hervorhob, 
bei experimentellen Spielen bcwnfste Selbsttäuschung* Wohl 
jeder Vogelliebhaber hat seine Vögel schon aus einem leeren 
Wassernapf trinken (w. s. ganz ernsthaft alle Bewegung des 
Trinkens vor diesem Gefäfsc machen) gesehn. Fünf, sechs mal 
wurden die zur Aufnahme des Wassors notwendigen Bewegungen 
ganz nutzlos wiederholt, che der Vogel sie aufgab. Erst dann 
vermochte er die Aussichtslosigkeit seiner Bemühungen einzu¬ 
sehen. Bis dahin handelte er schlechthin gewohnheitsmäfsig in 
der Überzeugung, an der üblichen Stelle auch das gewohnte Nafs 
zu finden. An diese allerdings nicht spiclmiifsigen Bewegungen 
erinnert uns das Gebaren jener Vögel, die ohne Wasser baden. 
Ich besitze zur Zeit eine Tannenmeise, die dieser Liebhaberei 
huldigt. Stelle ich ihr ein Badegofäfs in den Käfig, so beginnt 
sic leise zu zirpen, lockert die Federn und fährt mit dem Schnabel 
liier und da ins Gefieder, als wollte sie zum Ausdruck bringen, 
wie sehr sie von der Annehmlichkeit und den segensreichen 
Wirkungen eines Bades überzeugt ist. Dann hüpft sie auf den 
Band der Schüssel, nickt mit dem Kopfe und schlägt mit den 
Flügeln, alles, ohne das Gefieder auch nur mit einem Tropfen zu 
benetzen. Ist dies vollbracht, so kehrt das Meischen auf die 
Stange zurück, und beginnt das Gefieder zu ordnen und zu glätten, 
ganz so wie ein Vogel, der wirklich soeben gebadet hat. 

Zu jenen Bewegungen, die Spiele sein können, aber das 
nicht durchweg in allen Fällen zu sein brauchen, gehört ein Be- 
nohmen, das man an gefangenen Papageien sehr oft wahrnimmt. 
Krauen manche Arten von diesen ihren Käfiggenossen beständig 
im Gefieder herum, so mögen in sehr vielen Fällen Gründe ge¬ 
schlechtlicher Natur dabei mitwirken. Oft ist cs aber entschieden 
ein rein spielerisches Gebaren, nicht unähnlich dem Treiben 
des Kreuzschnabels, der sich seinen Genossen an den Schwanz 
hing. Es mag dabei auch hinzukommen, dafs der gekraute Vogel 
den Hautreiz angenehm empfindet; namentlich wenn die Papageien, 
z, T. doch Bewohner feuchter Urwälder, mit der trockenen Wärme 
geheizter Zimmer vorlieb nehmen müssen. Der sexuelle Beiz, 
den wir in sehr vielen Fällen sicher annehmen müssen, wird wohl 
bei dem liebkosenden Vogel oft eine gröfscre Rolle spielen als 
bei dem, der dieser Gunst gewürdigt wird. 

Einen solchen Fall hatte ich oltenbar neulich vor mir, als 
ich einen Alexandersittich (Psütacus torquatus) und einen Mönclis- 
sittieh (Psütacus monachus) in denselben Käfig setzte. Sogleich 
näherte sich der Amerikaner dem afrikanischen Vetter und 
kraute ihm leise zirpend Hals und Nacken. Dem Alexanderpapagei 
sah man dabei nur allzu deutlich an, dafs er diese Liebkosungen 
innerlich verwünschte, weil er sich nicht darüber klar war, ob 
diese Freundlichkeit nicht plötzlich in ihr Gegonteil Umschlagen 
dürfte und Bisse den Zärtlichkeiten folgen könnten. 



Über Regungen des Spioltriebes bei gefangenen Vögeln. 147 

Auch hei vielen Arten der Sperlingsvögel, die als besonders 
zärtlich gelten müssen, nehmen Bewegungen, deren Hauptzweck 
ganz entschieden im sexuellen Lehen zu suchen ist, aulserhalb 
der Brutzeit höchst wahrscheinlich spielerischen Charakter an, 
ist es doch z. B. wohl unzulässig, die unaufhörlichen, emsigen 
Liebkosungen gefangener Bart- und Schwanzmeisen in der ge¬ 
schlechtlich neutralen Zeit auf sexuelle Beize zurückzuführen. 

Bei vielen Experimenten spielt die Nachahmung, die manche 
Forscher als den Tieren eigenen Trieb bezeichnen, eine grofse 
Rolle. Hämmert man selber, nimmt auch die Meise im Käfig 
diese Tätigkeit auf, nagt ein Vogel au einer bestimmten Stelle 
der getünchten Mauer, so ist sicher bald ein Genosse da, der 
ihm dabei helfen möchte. Besonders hübsch hat der alte Forscher 
von Schnepfental, der biedere Lenz, diese Dinge bei der Beschreibung 
des Gefangenlebens unseres Stars behandelt 

Dafs die Nachahmung auch bei der spielerischen Übung 
des Vogelgesanges sehr wichtig ist, weifs jeder Liebhaber. Doch 
wollen wir auf diese Gebiete hier nicht mehr eingehen, da wir 
alle Dinge, die sich auf sexuelle Verhältnisse beziehen, heute 
möglichst aus dem Spiele lassen möchten, um sie ein andermal 
für sich zu behandeln, und zwar aus Gründen, die wir schon zu 
Anfang dieser Abhandlung betonten. 

Damit wollen wir unsere heutigen Ausführungen schliefsen. 
Jenen, deren Naturforschung niemals dem tierischen Leben 
galt, werden sie vielleicht als ein opus operaturn erscheinen. 
Da das ganz natürlich ist, wollen wir mit diesem Geschick auch 
nicht hadern und zufrieden sein, wenn ein kleiner Kreis von 
Tierpflegern und Biologen durch sie an eigene Erlebnisse erinnert 
wird. Entschliefsen sie sich, den zerstreuten Besitz ihrer Erfahrung 
begrifflich zu ordnen und den Fachgenossen zugänglich zu machen, 
wird das unserer biologischen Wissenschaft vielleicht zum Segen 
gereichen. 


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