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Full text of "Handbuch der Schulhygiene: Zum gebrauche für Ärzte, Sanitätsbeamte, Lehrer ..."

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Prof. R. Kobert 
HANDBUCH Ce^Me^ r^ 



DER 



SCHULHYGIENE 



ZUM GEBRAUCHE 



FÜR ÄRZTE, SANITÄTSBEAMTE, LEHREE, SOHULVORSTÄNDE 

UND TECHNIKER 



VON 



DR ADOLF BAGINSKY, 

a. 0. Professor der Kinderheilkande an der Universität Berlin, Direotor des 
Kaiser- und Kaiserin Friedrich-Kinderkrankenhauses, 



MIT UNTERSTÜTZUNG VON 

OTTO JANKE, 

Lehrer an der Gemeindesohole in Berlin. 



JDrittet volUtändig utngearbeitete AufUige. 

ZWEITER BAIV». 

Mit 18 in den Text gedruckten Abbildungen. 



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STUTTGART. 
VERLAG VON FERDINAND E N K E. 

1900. 



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HARVARD MEDICAL LIBRARY 

IN THE 
FRANCIS A. COUNTWAY 

UBRARYOFMEDICINE 



Druck der CnioD Denis che Verlagsgesellschaft in Stuttgart. 



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Vorrede zum zweiten Bande. 



Der zweite Band des Handbuchs der Schulhygiene, der Schluss 
des ganzen Werkes, besch'äfügt sich in seinen ersten Abschnitten 
mit der Hygiene des eigentlichen Unterrichtes. Ist es schon an 
sich schwierig, die Gompetenzen des Arztes in der hygienischen 
Beurtheilung und Beeinflussung des Unterrichtes abzumessen, so ist 
es gerade in diesem Augenblicke, wo Ton Schulmännern stetig an der 
Umgestaltung der Unterrichtspläne und des gesammten Unterrichts- 
wesens gearbeitet wird, besonders erschwert, zu den einzelnen Fragen 
Stellung zu nehmen. Ich bin nach Möglichkeit bemüht gewesen, 
mich streng auf dasjenige zu beschränken, was des Hygienikers 
und Arztes Aufgabe ist, und nur insoweit mit Urtheilen und Rath- 
schlägen herauszutreten, als der Unterricht geeignet erscheint, auf 
die gesundheitliche Entwickelung des Kindes Einfluss zu nehmen. — 
Mit voller Absicht habe ich mich so reservirt gehalten, imi nicht 
dem Buche jenen polemischen Charakter zu geben, welcher vielen 
kleineren ärztlichen Publicationen auf dem gleichen Gebiete eigen 
ist. Es kann nicht die Aufgabe dieses Buches sein, bei schroff 
einander entgegenstehenden Meinungen von Lehrern und Aerzten ent- 
scheiden zu wollen; auch halte ich es nicht für erspriesslich, in dem* 
selben selbst schwer empfundenen Mängeln des Unterrichtes und 
damit verbundenen Schädigungen der Jugend mit blossen Vorschlägen 
gegenüber zu treten, deren Zweckmässigkeit oder Durchführbarkeit 
noch nicht praktisch erprobt werden konnte. Ich habe mich viel- 
mehr bemüht, so gut es in dem gegenwärtigen Augenblicke angeht, 
das gesundheitlich Nothwendige den bestehenden Verhältnissen an- 
zupassen, wenn ich gleich an vielen Stellen mehr und vielleicht 



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IV Vorrede 2um zweiten Bande. 

Besseres zu verlangen, die Neigung hatte. — So nehmen denn die 
mit dem Schulleben in Beziehung gebrachten eigentlichen Krank- 
heitsvorgänge in den folgenden Abschnitten einen wesentlichen Theil 
des ganzen Buches ein. — Ebenso die Frage der ärztlichen Ueber- 
wachung der Schule. Ich habe keinen Grund gefunden, an diesem 
wichtigsten Punkte zurückzuweichen. Meine Anschauungen über die 
Nothwendigkeit und die Art des ärztlichen Einflusses in der Schule 
sind weder durch^die neuere reiche Literatur des Gegenstandes, noch 
auch durch die bisher gemachten praktischen Erfahrungen gegen 
früher geändert worden. Es konnte hier AUes so bleiben wie in den 
früheren Auflagen. Auch heute noch bin ich überzeugt, dass von 
der Durchführung der von mir gemachten Vorschläge der Unterricht 
nur Vortheil haben wird, dass diese Vorschläge aber wohl geeignet 
sind zur Förderung des von allen Freimden unserer Kinder an- 
gestrebten „Mens Sana in corpore sano^. 

Berlin, 10. Mai 1900. 

A. B. 



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Inhalt. 



Zweiter TheiU 

Seite 

Hygiene des Unteniclites 1 

Literatur 3 

A. Die Schulpflicht 15 

Die Entlassung ans der Schule 29 

B. Trennung der Geschlechter in der Schule 31 

C. Kleidung der Schuljugend 32 

D. Unterrichtspläne 40 

Pausen , 60 

E. Beginn der Schulzeit. — Nachmittagsunterricht 68 

F. Gymnastischer Unterricht. Leibesübungen 78 

G. Der Gesangsunterricht 102 

H. Lese-, Schreib- und Zeichenunterricht 120 

Beurtheilung der praktischen Versuche und Messungen .... 137 

I. Einführung neuer Unterrichtsfächer in die Schule 153 

K. Häusliche Arbeiten 159 

Oeffentliche Prüfungen. Examina 169 

L. Schulstrafen 175 

M. Schulferien 181 

N. Ausschluss vom Unterricht. Schliessung der Schule . . . . . 185 

DHtter Theil. 

üeber den Binflnss des Unterriehtes auf die Gesundheit — Schnlkrank- 

heiten 213 

Literatur 215 

Einleitung. — Ueberbürdung 226 

Allgemeine Ernährungsstörungen 268 

Erkrankungen des Wirbelsystems 276 

Kyphosis 279 

Lordosis 287 

Skoliosis 287 

Untersuchung bezüglich Verkrümmungen der Wirbelsäule . . . 320 



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VI Inhalt. 

Seite 

Krankheiten des Nervensystems 321 

Hyperämie des Geliims 322 

Geisteskrankheiten. Hysterie, cerebrale Neurasthenie .... 830 

Chorea, Veitstanz 337 

Epilepsie 343 

Sprachstörungen. Stammeln und Stottern 350 

Masturbation. Onanie 355 

Augenkrankheiten (Myopie) 359 

Prüfung der Augen von Schulkindern 377 

Krankheiten der Ohren 378 

Prüfung der Schwerhörigkeit 382 

Krankheiten der Respirationsorgane 383 

Erkrankungen der Nase und des Nasenrachenraumes .... 383 

Nasenbluten 383 

Chronischer Nasenrachenkatarrh und adenoide Wucherungen . . 385 

Schulkropf 390 

Krankheiten des Kehlkopfs 892 

Erkrankung^en der Lunge und des Brustfells 392 

Lungenschwindsucht 393 

Krankheiten des Circulationsapparates 398 

Krankheiten der Verdauungsorgane 399 

Krankheiten der Sexualorgane 400 

Tierter TheiU 

Die hygienische Ueberwachung der Schulen 403 

Literatur * 405 

I. Die Sanitäts-Schulbehörde 410 

n. Aufgaben der Sanitätsbeamten 412 

A. Functionen des Schularztes 412 

B. Functionen des Schulinspectors 416 

Sachregister 420 

Namenregister 424 



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Zweiter Theil. 



Hygiene des Unterrichts. 



Baginsky, Schulhygiene, n. 8. Aufl. 1 

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Literatur. 



Mädler, Lehrbuch der Schönschreibekunst. Berlin 1840. 

Sehr eher, Ein ärztlicher Blick in das Schulwesen. Leipzig 1868. 

Falk, Die sanitäts-polizeiliche Ueberwachung höherer und niederer 
Schulen und ihre Aufgaben. Leipzig 1868. 

Protocolle der im October 1873 im Preuss. Unterrichts-Minist. über 
verschiedene Fragen des höheren Schulwesens abgehaltenen Con- 
ferenz. Berlin 1874. 

Man dl, Die Oesundheitslehre der Stimme in Sprache und Oesang. 1876. 

Fischer, Volksgesundheitslehre imd Schule. Hamburg 1877. 

Bach, Th., Wanderungen, Tumfahrten imd Schülerreisen. Leipzig 1877. 

Szelinsky, E., Reform der Gymnasien. Leipzig. Teubner 1877. 

Burkhardt-Merian und Baader, Ferienkolonien. Schw. Corresp.-Bl. 
Vn, p. 13. 

Danneberg, Das städtische Schulturnen zu Frankfurt a. M. Leipzig. 
Bockwitz & Webel 1879. 

Erlenmeyer, Die Schrift, Grimdzüge ihrer Physiologie imd Patho- 
logie. Stuttgart 1879. 

Bion, Versorgung armer erholungsbedürftiger Kinder während der 
Sommerferien. Schw. Corresp.-Bl. VIII, p. 211. 

Ferienkolonien für kränkliche Schulkinder. Mittheilungen des Ver. 
d. Aerzte Niederösterreichs VI, p. 19. 

Gau st er, Sanitäre Besserung der Lehrmittel in Schulen. Wiener med. 
Presse XIX, 24. 

Homer,. Griffel, Bleistift, Feder als Schreibmittel für Primärschulen. 
Vierteljahrsschr. f. öff. Gesundheitspfl. X, p. 724. 

Hosenth-al und Hager, Einfuhrung des Turnunterrichts in Mädchen- 
schulen. Verh. d. Ver. f. öff. Gesundheitspfl. Magdeburg. VI, p. 41. 

Varren trapp, Georg, Ferienkolonien kränklicher armer Schulkinder. 
Vierteljahrsschr. f. öff. Gesundheitspfl. X, p. 735. 

Alezi, Zahl der Schulstunden und deren Vertheilung auf die Tages- 
zeiten. Vierteljahrsschr. f. öff. Gesundheitspfl. XI, p. 28. 

Chalybaeus, idem, ibidem p. 47. 

Fürst, Gesundheitspflege in Kinderbewahranstalten und Spielschulen. 
Verh. d. Ver. f. öff. Gesundheitspfl. Magdeburg. VIT. 

Mar et. Die Schule und der Lehrstoff. Vierteljahrsschr. f. öff. Gesund- 
heitspfl. XI, p. 127. 



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4 Literatur. 

Theilweise Beseitigung des Nachmittagsunterrichts am Gym- 
nasium zu Braunschweig. Gesundheit IV, p. 180. 

Schulsanatorien. Vierteljahrsschr. f. öff. Gesundheitspfl. XI, p. 499. 

Schulturnwesen in Braunschweig. Monatsbl. f. öfF. Gesundheitspfl. 
n, p. 39. 

Cohn, Schrift, Druck und überhandnehmende Kurzsichtigkeit. Tage- 
blatt der Naturforscher 1880. Danzig. 

Einfluss des Schulbesuchs auf dem Lande auf die Gesundheit 
der Kinder. Mittheilungen des Vereins der Aerzte Niederösterreichs 
V, p. 16. 

While, Gebirgsluft für arme kränkliche Kinder. Proc. of the Med. 
Soc. of County Kings IV, n. 1. 

Gas s er, Aug. , Gesundheitspnege der Schüler und was ist von ihr in 
den Lehrplan der Schulen aufzunehmen. Wiesbaden. Limbarth 1881. 

Brandenberg, Ferienaufenthalt armer Kölner Schulkinder. Bericht 
des Comit^s. Niederrhein. Corresp.-Bl. f. öff. Gesundheitspfl. IX, p. 145. 

Dubois-Reymond, Ueber die Uebung. Berlin 1881. 

Soennecken, Das deutsche Schriftwesen imd die Nothwendigkeit seiner 
Reform. Bonn u. Leipzig 1881. 

Daiber, Körperhaltung und Schule. Stuttgart 1881. 

Schubert, Die rechtsschiefe Currentschrift in den Schulen. Viertel- 
jahrsschr. f. öff. Gesundheitspfl. XM, p 486. 

Koch, Beseitigung des Nachmittagsunterrichts und die Schulspiele. 
Braunschweig. Monatsbl. f öff. Gesundheitspfl. HI, p. 1. 

Pierd'houy, Weisser Druck auf schwarzem Papier. Giom. della Soc. 
ital. d'igien. 11, p. 766. 

Pro gl es, Caroline, Ueber Kindergärten. Congr. intern, de Penseigne- 
ment, Bruxelles. 61. Sect., p. 93. 

Schiefertafel oder Tinte und Papier. Vierteljahrsschr. f. öff. Ge- 
sundheitspfl. Xn, p. 332. 

Schulsanatorium in St. Blasien. Aerztl. Mittheilungen aus Baden 
XXXIV, p. 20. 

Weber, Ueber die Augenuntersuchungen in den höheren Schulen zu 
Darmstadt. 1881. 

Bericht des Comit^s für Ferienkolonien armer kränklicher Schul- 
kinder der Stadt Karlsruhe. Karlsruhe 1882. 

Chadwick, Edwin, National education etc. London. Knight u. Comp. 
1882 

Galley, De la n^cessite de l'enseignement de la gymnastique dans les 
villes etc. Arras. Sueur-Charrney 1882. * 

Steuer, Simon, Teplitz, Ferienkolonien in Breslau 1881. Breslau 
1882. 

Homer, Schulwandtafeln. Schweizer Schularchiv IE, p. 66. 

Lochner, Der Schwabacher Federhalter zur Beseitigung der krummen 
Haltung beim Schreiben. Bayer, ärztl. Intelligenzbl. XXVIU, p. 356. 

Merkel, lieber die Schriftfrage. Bayer, ärztl. Intelligenzbl. München. 
XXXVin, p. 40. 

Meyer, Die Schulbuchfrage vom med. etc. Standpunkte. Vierteljahrsschr. 
f. ger. Medicin XXXV, p. 182. 

Gross, Die rechtsschiefe Schrift als Hauptursache der Skoliose und 
Myopie. Med. Corresp.-Bl. d. Württemberg, ärztl. Vereins 1881. 

Zahl und Anordnung der Unterrichtsstunden. Thür. Corresp.-Bl. 
X, p. 329. 



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Literatur. 5 

Neueste Berichte über Ferienkolonien aus Barmen, Düsseldorf, 
Köln, Nürnberg, Brannschweig, Frankfurt a. M. 

Wasser fuhr. Gesundheitswidrige Kleidungsstücke der Schulkinder im 
Unter-Elsass. Archiv f. '6& Gesundheitspfl. in Elsass-Lothringen, 
Bd. VI. 1881. p. 68£F. 

Aerztliches Gutachten über das höhere Schulwesen Elsass-Loth- 
ringens. Strassburg 1882. 

Hart wich, Emil, Woran wir leiden. Freie Betrachtungen etc. 1882. 

Lehrpläne für die höheren Schulen nebst der darauf bezüglichen 
Circularverfügung des preuss. Unterrichts-Minist. vom 81. März 1882. 

Berlin, Ueber den Einfluss der rechtsschiefen Schrift auf Auge und 
Körperhaltung des Kindes. Bericht der ophthalmol. GeseUschaft. 
Heidelberg 1882. 

Ellinger, Zur Physiologie des Schreibens. Gräfe's Archiv f. Ophthal- 
mologie. 1882. 

B e h a g e 1 , Die Entlastung der überbürdeten Schuljugend . Heilbronn 1882. 

Fricke, Die Ueberbürdung der Schuljugend. Berlin 1882. 

Schubert, Einfluss der Schiefschrift auf die Augen. Aerztliches In- 
telHgenzbl. 1882 Nr. 21. 

Sommer, Ueber den Einfluss der rechtsschiefen Schrift. Bericht über 
die städtische Mädchenschule. Braunschweig 1882/88. 

Berlin undBembold, Untersuchungen über den Einfluss des Schreibens 
auf Auge und Körperhaltung des Schulkindes. Stuttgart 1888. 

Königshöfe r, Zur Mechanik der Handschrift. Berliner klin. Wochen- 
schrift 1888 Nr. 11. 

Birch-Hirschfeld, Die 'Bedeutung der Muskelübung für die Gesund- 
heit. Leipzig 1883. 

Toselowski, Schulhygiene. Berlin 1888. 

Die Gesundheitspflege in der Schule. Führer durch die Lehr- 
mittel, ausgestellt vom kgl. preuss. Unterrichtsminist. auf der Hygiene- 
ausstellung in Berlin 1^8. 

Siegert, Die Förderung der Gesundheitspflege durch Lehrer und Lehrer- 
vereine. Berlin 18^. 

Aerztliches Gutachten über das Elementarschulwesen Elsass-Loth- 
ringens. Erstattet von einer medicinischen Sachverständigen-Commis- 
sion. Strassburg i. E. 1884. 

Aerztliches Gutachten über das höhere Töchterschulwesen Elsass- 
Lothringens etc. Ebenda. 1884. 

Staffel, iSe Currentschrift. Centralbl. f. Gesundheitspfl. 1884. 

Schubert, Ueber den heutigen Stand der Schiefschriftfrage. Berliner 
klin. Wochenschr. 1884 Nr. 44. 

Schneller, Ueber Lesen und Schreiben. Danzig 1884. 

Weber, Ueber Schulhygiene in England. Wiesbaden 1884. 

Denkschrift über die Schulüberbürdungsfrage. Vom ärztlichen Verein 
zu Bochum. Centralbl. f. allgem. Gesundheitspfl. 1884. p. 248. 

Denkschrift der preuss. Unterrichtsverwaltung, betreffend die Frage 
der Ueberbürdung. Centralbl. f. d. ges. Unterrichtsverw. 1884. p. 202. 

Gutachten der kgl. preuss. wiss. Deputation für das Medicinalwesen, 
betreffend die Frage der Ueberbürdung. Ebenda. 1884. 

Ritz, Die schulhygienischen Bestrebungen unserer Zeit; in wie weit 
können und sollen sich die Lehrer der Mittelschulen an denselben 
betheiligen? München 1884. 

Gutachten der kgl. preuss. wiss. Deputation für das Medicinalwesen, 



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6 Literatur. 

betreffend den Beginn der Schulpflicht. Centralbl. f. d. ges. Unter- 
richtsverw. 1884. 

Schenk, Zur Aetiologie der Skoliose. Berlin 1885. 

Schubert, Ueber die Haltung des Kopfes beim Schreiben. Bericht der 
ophthalmolog. Gesellschaft. Heidelberg 1885. 

Ellinger, Die optischen Gesetze für S(^rift und Schreiben. Berliner 
klin. Wochenschr. 1885. Nr. 37. 

Schmidt-Rimpler, Zur Frage der Schulmyopie. Gräfe's Archiv f. 
Ophthalmol. 1885. p. 174. 

Reimann, Die körperliche Erziehung und die Gesundheitspflege in der 
Schule. Kiel 1885. 

Schwalbe, Zur Schulgesundheitspflege. Centralorgan für die Interessen 
des Realschulwesens. Berlin 1885. 

Hartwich, Reden über die vernachlässigte leibliche Ausbildung unserer 
Jugend. 1885. 

Schneider und v. Bremen, Das Volksschulwesen im preussischen 
Staate. Bd. I— HI. Berlin 1886. 

Zur Schulgesundheitspflege. Veröffentlichungen der Hygienesection 
des Berliner Lehrervereins. Berlin 1886. 

Ausderau, Die seitliche Lage des Schreibheftes. Corresp.-Bl. f. Schweiz. 
Aerzte. 1886. Nr. 3—5. 

Malling-Hansen, Perioden im Gewichte der Kinder und in der Sonnen- 
wärme. Kopenhagen 1886. 

Dollmayr, Der Unterrichtsanfang während der Wintermonate. Die 
Volksschule. Wien 1886. 

Dietlein, Welche Schriftart sollen wir beibehalten, die Rundschrift oder 
die Eckenschrift? Wittenberg 1886. 

-S tili in g, Untersuchungen über die Entstehung der Kurzsichtigkeit. 
Wiesbaden 1887. 

Rembold, Schulgesundheitspflege. Tübingen. 

L ö w ent h al , Ghrundzüge einer Hygiene des Unterrichts. Wiesbaden 1887. 

Mackenzie, Singen und Sprechen. Pflege und Ausbildung der mensch- 
lichen Stimmorgane. Hamburg 1887. 

Kocher, Ueber die Schenk'sche Schulbank. Corresp.-Bl. f. Schweiz. 
Aerzte. 1887. 

Pflüg er. Kurzsichtigkeit und Erziehung. Wiesbaden 1887. 

Burgerstein, Die Gesundheitspflege in der Mittelschule. Wien 1887. 

Hü r limann , Ueber Gesundheitspflege an unseren Volksschulen. Zug 1887. 

Kastan, Gesundheitspflege in Haus und Schule. Berlin 1887. 

Die Ueberbürdung der Schüler in den Mittelschulen. Mitthei- 
lungen des Wiener medicinischen DoctorencoUegiums. Wien 1887. 

Bd. xni. 

Hertel, Neuere Untersuchungen über den allgemeinen Gesundheits- 
zustand der Schüler und Schülerinnen. Zeitschr. f. Schulgesund- 
heitspfl. 1888. 

Carstädt, Ueber das Wachsthum der Knaben vom 6. bis zum 16. Lebens- 
jahre. Zeitschr. f. Schulgesundheitspfl. 1888. 

Oppenheimer, Ueber die Wachsthumsverhältnisse des Körpers und 
der Organe. Dissert. München 1888. 

Engelhorn, Schulgesundheitspflege. Stuttgart 1888. 

Pelman, Nervosisät und Erziehung. Bonn 1888. 

Mayer, W., Die Lage des Heftes beim Schreiben. Eriedreich's Blätter 
f. gerichtl. Medicin und SanitätspoHzei. 1888. p. 116 — 153. 



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Literatur. 7 

Baginsky, Ueber Eückgratverkrümmungen der Schulkinder. 1888. 

Schwalbe. Ueber die Gesundheitslehre als ünterrichtsgegenstand. Zeit- 
schrift f. Schulgesundheitsüfi. 1888. 

Loewenthal, Die Aufgaben der Medicin in der Schule. Hamburg 1888. 

Koch, Wodurch sichern wir das Bestehen der Schulspiele auf die Dauer? 
Braunschweig 1888. 

Uebersicht der schulhygienischen Gesetzes- und Verordnungsbestim- 
mungen in der Schweiz. Zusammengestellt vom Archivbureau der 
schweizerischen permanenten Schulausstellung in Zürich. Bern 1888. 

Axel Key's Schulhygienische Untersuchungen. Deutsch von Burger- 
stein. Hamburg 1889. 

Landsberger, Das Wachsthum im Alter der Schulpflicht. Archiv für 
Anthropologie. Bd. XVII. 

Kirchner, Untersuchungen über die Entstehung der Kurzsichtigkeit. 
Zeitschr. f. Hygiene. 1889. Bd. VH. 

V. Hippel, Ueber den Einfluss hygienischer Maassnahmen auf die Schul- 
myopie. Giessen 1889. 

Der Beginn der Schulpflicht. Pädagogische Ztg. Nr. 9 u. 10. 1889. 

Bericht über die Verhanalungen im Abgeordnetenhause. 1889. Vossische 
Ztg. Nr. 86 u. 87. 1889. 

Prausek, BarfÜssige Schulkinder. Zeitschr. f. Schulgesundh. 1889. 
n, p. 13. 

Baydt, Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Hannover 1889. 

Burgerstein, Die Weltletter. Ein Vortrag. Wien 1889. 

Daiber, Die Schreib- imd Körperhaltungsfrage. Stuttgart 1889. 

Kotelmann, Wie schrieb man im Mittelalter? Zeitschr. f. Schul- 
gesundh. 1889. p 215—219. 

Schmarje, Steilschnft oder Schrägschrift? Ebenda 1889. p. 375—386. 

Schubert, Zur Vertheidigung der Steilschrift. Ebenda 1889. p. 387 
bis 401. 

Cohn, Siegert und Coen, Zur Schulgesundheitspflege. Bielefeld 1889. 

Staffel, Die menschlichen Haltungstypen in ihren Beziehungen zu den 
Rückgratverkrümmungen. Wiesbaden 1889. 

Axel Key, Die Pubertätsentwickelung und das Verhältniss derselben 
zu den Krankheitserscheinungen der Schuljugend. Berlin 1890. 

Schmidt-Rimpler, Die Schulkurzsichtigkeit. Leipzig 1890. 

Cohn, Ueber den Einfluss hygienischer Maassnahmen auf die Schul- 
myopie. Hamburg 1890. 

Entwurf eines Gesetzes, betreffend die öffentliche Volksschule, nebst 
Begründung. Vorlage fiir das preuss. Abgeordnetenhaus. 1890. 

Geissler imd Uhlitsch, Messimgen an Schulkindern des Schulinspec- 
tionsbezirks Freiberg. Zeitschr. des kgl. sächs. statistischen Bureaus. 
1890. 

Mosso, Ueber die Gesetze der Ermüdung. Archiv für Anatomie und 
Physiologie. Physiologische Abtheilung. 1890. p. 89 -168. 

Maggiora, Ueber die Gesetze der Ermüdung. Untersuchungen an 
Muskehl des Menschen. Ebenda 1890. p. 190—243. 

Eitner, Die Jugendspiele in Görlitz. Görlitz 1890. 

Schubert, Ueber Heftlage und Schriftrichtung. Hamburg 1890. 

Kollmann, Die Schulhygiene und ihre neueste Forderung. 1890. 

Loewenthal, Der erste Schritt auf einem neuen Wege. Zeitschr. für 
Schulgesundh. 1890. p. 265. 

Janke, Ghnmdriss der Schulhygiene. Hamburg 1890. 



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8 Literatur. 

Dornblüth, Hygiene der geistigen Arbeit. Breslau 1890. 

Schmidt, F. A., Die Staubschädigungen beim Hallentumen und ihre Be- 
kämpfung. Leipzig 1890. 

Kotelmann, Die hygienische Fürsorge des deutschen Kaisers für die 
Schuljugend. Zeitschr. f. Schulgesundh. 1890. p. 263. 

Eulenburg, Nervenfeinde in Schule und Haus. Berlin 1890. 

Ufer, Nervosität und Mädchenerziehung in Haus und Schule. Wies- 
baden 1890. 

Wingerath, Kurzsichtigkeit und Schule. Berlin 1890. 

Schmidt-Bimpler, Die Sehulkurzsichtigkeit und ihre Bekämpfung. 
Leipzig 1890. 

Nest er off, Die moderne Schule und die Gesundheit. Zeitschr. f. Schul- 
gesundh. 1890. p. 213. 

Cohn, H., Die Schule der Zukunft. Hamburg 1890. 

Dammer, Handwörterbuch der Gesundheitspflege. Stuttgart 1890. 

Janke, 0., Der Beginn der Schulpflicht. Ein Beitrag zur Erörterung 
dieser Frage. Bielefeld 1891. 

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1896. 

Sind die Angriffe gegen das deutsche Geräthetumen berechtigt? Rund- 
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Dornblüth, Sollen die Schulen ihre Turnstunden zwischen den anderen 
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Berlin 1896. 

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Ebbinghaus, Ueber eine neue Methode zur Prüfung geistiger Fähig- 
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logie u. Physiologie der Sinnesorgane. 1897. Bd. XTTT. 

Kraepelin, Zur Ueberbürdungsfrage. Jena 1897. 

Dornblüth, Sollen die Schulen ihre Turnstunden zwischen den anderen 
Unterrichtsstunden aufgeben? Zeitschr. f. Schulgesundh. 1897. p.417. 

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1897. 

Schiller und Ziehen, Sammlung von Abhandlungen aus dem Gebiete 
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Schmid-Monnald, Die chronische Kränklichkeit in unseren mittleren 
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Bayr und Scharff, Ermüdet die Steilschrift mehr als die Schräg- 
schrift? Zeitschr. f. Schulgesundh. 1897. p. 292. 

Agahd, Die Erwerbsthätigkeit schulpflichtiger Kinder. Bonn. 

Janke, Die Schäden der gewerblichen und landwirthschaftlichen Kinder- 
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Gutzmann, H., Die praktische Anwendung der Sprachphysiologie beim 
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Wagner, Unterricht und Ermüdung. Ermüdungsmessungen. Berlin 
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Eulenburg, Das Corset als Krankheitsursache. Unser Hausarzt. 1898. 
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schreibung und des Vereins für Lateinschrift. Norden. 

Schwalbe, Schulhygienische Fragen und Mittheilungen. Wissensch. 
Beilage z. Jahresbericht des Dorotheenst. Bealgymn. zu Berlin. 1898. 

Akbroit, Mein Schulsystem und die hygienische Schulbank. Hygien, 
Rundschau. 1898. Nr. 5. 

Sack, Die Hygiene des Schreibunterrichts. (Bericht.) Zeitschr. f. 
Schulgesundh. 1898. p. 247 ff. 

A^ahd, Die Erwerbsthätigkeit schulpflichtiger Kinder im deutschen 
Reich. Archiv f. sociale Gesetzgebung u. Statistik. 1898. p. 373. 

Trüper, Zur Vereinfachung der Schrift unserer Schwachbegabten. Die 
Kinderfehler. 1898. 2. Heft. 

Otto, Einheitliches Liniensystem. Blätter f. d. Schulpraxis. 1898. Nr. 10. 

Moses, Zur neuen Ferienordnung für die Landschulen in Bayern. Zeit- 
schrift f. Schulgesundheitspfl. 1898. p. 193. 

Pawel, Ueber Befreiungen vom Turnunterricht. Ebenda. 1898. p. 197. 

Kemsies, Arbeitshygiene der Schule auf Grund von Ermüdungsmes- 
sungen. Berlin 1898. 

Schmid-Monnard. Vorträge und Discussion über die Einrichtungen 
und Zustände auf höheren Lehranstalten auf der 70. Versammlung 



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14 Literatur. 

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Schulgesundh. 1898. p. 697. 

Höpfner, Ausstattung und £inrichtuDg der Schulen und Schulräume 
nach den Anforderungen der Neuzeit. Berlin 1898. 

Lieb mann, Vorlesungen über Sprachstörungen. Berlin 1898. 

Reuss, Ueber die SteüiBchrift. Vorträge des Vereins zur Verbreitimg etc. 
Wien. 89. Jahrg. 71. Heft. 

Gelpke, üeber den Einfluss der Steilschrift auf die Augen imd die 
Schreibhaltung der Karlsruher Schuljugend. Zeitschr. f. Schul- 
gesundh. 1899. p. 247. 

Gutzmann, H., Das Stottern. Frankfurt a. M. 1898. 

Wintermann, H., Die Hilfsschulen Deutschlands und der Schweiz. 
Langensalza 1898. 

Deutsches Beichsimpfgesetz vom 18. April 1874. 

Preussisches Impfgesetz vom 12. April 1875. 

Ministerialverfügung vom 6. April 1886. 

Bericht über den Congress zur Bekämpfung der Tubferculose als Volks- 
krankheit. Berlin 1899. 

Schmidt-Ei mpler, Lehrbuch der Augenkrankheiten in Wredens 
Sammlung. Bd. X. Braunschweig 1885. 

Verhandlungen der internationalen medicinischen Congresse in Berlin 
imd Moskau. 

Verhandlungen der Lepraconferenz. Berlin 1897. 



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A. Die Schnlpfliclit 

In Preussen findet sich die erste amtliche Festsetzung über den 
Beginn der Schulpflicht in den ^Principia regulativa, nach welchen 
das Landschulwesen im Königreich Preussen eingerichtet werden 
soU. Vom 1. August 1736/ Es heisst hier in § 1: „Jedes Schul- 
kind ä 5—12 Jahren inclusive giebt dem Schulmeister jährlich, es 
gehe zur Schule oder nicht, 15 gr. preuss. oder 4 ggr." Wie man 
sieht, ist hier nur der Zwang des Schul dgeldzahlens ausgesprochen; 
derselbe schloss für die Eltern das Recht ein, ihre Kinder vom 5. Jahre 
an zur Schule zu schicken; die Pflicht, diess nun auch wirklich 
zu thun, ist indess in den Principia regulativa weder hier noch 
sonst an irgend einer Stelle ausgesprochen. Das „Köuigl. preus- 
sische Generallandschulreglement vom 12. August 1763" verord- 
nete: „Alle unsere Unterthanen sollen ihre Kinder, Knaben und 
Mädchen, wo nicht eher, doch höchstens vom 5. Jahre ihres Alters 
in die Schule schicken." Von Neuem wurden die Verhältnisse der 
Schulpflicht durch das am 5. Februar 1794 veröffentlichte „Allge- 
meine Landrecht fUr die preussischen Staaten" geregelt, welches in 
Theil II, Titel XII, § 43 bestimmt: „Jeder Einwohner, welcher den 
nötigen Unterricht für seine Kinder in seinem Hause nicht besorgen 
kann oder will, ist schuldig, dieselben nach zurückgelegtem 5. Jahre 
zur Schule zu schicken." Und § 44 lautet: »Nur unter Genehmigung 
der Obrigkeit und des geistlichen Schulvorstehers kann ein Kind 
länger von der Schule zurückgehalten werden." Von dieser in §44 
gewährten Befugniss haben die Schulaufsichtsbehörden vielfach Ge- 
brauch gemacht, um den lautgewordenen Wünschen und Meinungen 
entsprechend den Beginn der Schulpflicht auf ein späteres Lebens- 
alter festzusetzen, und so hat sich im Laufe der Zeit eine Ver- 
schiebung desselben für den Eintritt in die Schule vollzogen. 

Während die angeführten ältesten Bestimmungen diesen Zeit- 



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16 Die Schulpflicht 

punkt für das yollendete 5. /Lebensjahr festsetzen — ja es mussten 
sogar Verfügungen erlassen werden (Regierung zu Düsseldorf vom 
30. October 1825), dass Kinder vor vollendetem 5. Jahre nicht die 
Schule besuchen dürften — , wählen die späteren Verordnungen zu- 
meist das vollendete 6. Jahr. 

In dem Entwtirf eines allgemeinen Gesetzes über die Verfassung 
des Schulwesens im preussischen Staate aus dem Jahre 1819 findet 
sich folgende Bestimmung: ,,0b ein Kind schon vor dem 7. Lebens- 
jahre in eine Elementarschule aufgenommen werden könne, muss 
von dessen Reife, die der Lehrer der Schule zu beurtheilen hat, 
und von der Genehmigung des Schul Vorstehers abhängen.* 

Und in dem unter dem Ministerium Bethmann-Hollweg 
gemachten Entwiurfe eines Unterrichtsgesetzes für Preussen lautet 
§ 21: „Die Verpflichtung zum Besuch der öffentlichen Volksschule 
beginnt mit dem vollendeten 6. Lebensjahre und dauert bis zu dem 
der Vollendung des 14. Lebensjahres zunächst liegenden Entlassungs- 
termin. Für Kinder, deren Wohnort über eine Viertelmeile von der 
Schule entfernt ist, beginnt die Schulpflichtigkeit erst mit dem voll- 
endeten 7. Lebensjahre.'* — Unter den Motiven zu diesem Para- 
graphen, welcher sich gegen einen anderen Paragraphen wendet, 
nach welchem das schulpflichtige Alter von dem zurückgelegten 

5. Lebensjahre datirt wird, hebt der Minister hervor, »dass die 
Kinder nach allgemeiner Erfahrung mit dem 5. Lebensjahre nur in 
seltenen Ausnahmefällen die hinreichende körperliche und geistige 
Reife erlangt haben, um mit Erfolg auf ihre Ausbildung und ohne 
Gefährdung ihrer körperlichen Entwickelung schon einen mehr- 
stündigen, ununterbrochenen geordneten Unterricht empfangen zu 
können. Es ist dem Kinde förderh'cher, wenn dasselbe bis zum 

6. Lebensjahre lediglich der häuslichen Erziehung überlassen bleibt 
oder, wo die häuslichen Verhältnisse dies wünschenswerth machen, 
sog. Kindergärten oder Spielschulen übergeben wird. Die Leistungen 
der Schule können aber nur gewinnen, wenn die Kinder ihr nicht 
in unreifem Alter überwiesen werden." 

Es genügen diese beiden letzten Angaben, welche sich im 
Wesentlichen in allen späteren Entwürfen der preussischen Unter- 
richtsgesetze wiederfinden, zum Beweise, dass nicht übereilt, sondern 
mit vollem Vorbedacht gehandelt wurde, wenn als das schulpflichtige 
Alter das Ende des 6. Lebensjahres festgesetzt wurde; man hatte 
augenscheinlich an der Hand reicher Erfahrung dieses Alter als das- 
jenige erkannt, welches der Schule die Garantien der Erfüllung ihrer 



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Die Schulpflicht. 17 

Aufgabe, den Kindern aber die Garantie der Unschädlichkeit des 
Schulbesuches gab. Nichtsdestoweniger wurde gerade gegen diese 
Bestimmung Sturm gelaufen und ein späterer Zeitpunkt für den 
Beginn der Schulpflicht gefordert. Diesem Bestreben wurde bei- 
spielsweise Ausdruck gegeben durch einen 1889 gestellten Antrag 
im preussischen Abgeordnetenhause, „in Erwägung zu ziehen, ob 
nicht der Anfangspunkt des obhgatorischen Schulunterrichts hinaus- 
zuschieben sei". 

Man hat sich hierbei ebenso auf die alltägliche Laienerfahrung, 
wie auf ärztliche und pädagogische Stimmen berufen zu können ge- 
glaubt. Schreber^) erklärt, dass erst zu Anfang des 8. Lebensjahres 
der rechte Zeitpunkt für den Beginn des Unterrichts gekommen sei, 
und dass der Schulzwang erst fUr dieses Alter gerechtfertigt sei. 
Gast*) gesteht allerdings zu, dass viele Kinder im Alter von 
5 V^ Jahren schulfähig und schulreif sind, dass andere Kinder indess 
nur schulreif zu sein scheinen, es aber doch nicht sind. Noch andere 
Aerzte nehmen den Zeitpunkt der zweiten Dentition (7. —8. Lebens- 
jahr) als denjenigen an, in welchem die Kinder schulreif erscheinen, 
so Hornemann^) in seinem so vortrefflichen Aufsatze über die 
Gesundheitspflege in den Schulen. Auch die königl. preussische 
wissenschaftliche Deputation für das Medicinalwesen hält in dem 
Gutachten*) vom 19. December 1883 einen späteren Schulbeginn 
für nothwendig, was sie in folgender Weise ausführt: „Es sprechen 
recht gewichtige Gründe dafür, dass die Aufnahme in die Elementar- 
schule erst nach vollendetem 7. Lebensjahre erfolgt. Im 7. Lebens- 
jahre beginnt gewöhnlich der Durchbruch der ersten bleibenden 
Zähne, und es formiren sich die Bestandtheile auch derjenigen, 
welche nach und nach im Laufe der folgenden Jahre hervortreten. 
Das Skelett ist auch nach dem 7. Jahre noch längere Zeit sehr un- 
vollkommen, aber es hat doch mit diesem Jahre in seinen Haupt- 
theilen eine gewisse Festigkeit gewonnen. Damit steht in einem 
Parallelismus der Ausbildungsgang der Weichtheile. Insbesondere 
werden auch das Gehirn und die Augen mit jedem Jahre vorwärts 
leistungs- und widerstandsfähiger. Alle schwächenden Einwirkungen, 
welche gerade in der früheren Entwickelungsperiode den kindlichen 
Körper treffen, haben daher eine weit mehr nachhaltige Bedeutung; 



*) Schreber, 1. c. p. 10. 

') Gast, Aerztliche Beitiäge zur Reform des Schulwesens in Sachsen 1863. 

•) Journal fQr Kinderkrankheiten 1867, p. 197 (März-April). 
I ^) Centralblatt für die gesammte Untemchtsverwaltung in Preussen 1884. 

I Baginsky, Schulhygiene. U. 3. Aufl. 2 



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18 Die Schulpflicht. 

sie treffen die Organe in der Zeit, wo sie erst ihre spätere Gestalt 
erlangen oder gar erst vorbereiten, und sie bedingen daher Stö- 
rungen, welche den Aufbau und die Einrichtung der Organe selbst 
betreffen. Oerade die Zeit bis zum 10. oder 11. Lebensjahre ist es 
auch, wo jene Veränderung des Augapfels, welche die Kui-zsichtig- 
keit hervorbringt, am häufigsten angelegt oder entwickelt wird.* 

Man kann diesen im Allgemeinen wohl zutreffenden Angaben 
gegenüber doch hervorheben, dass die eingehenden neueren Unter- 
suchungen über Entwickelung und Wachsthum des kindlichen Körpers, 
beispielsweise von Camerer^), Oppenheimer*), v. Lange*) u. A. 
nicht im Stande gewesen sind, bestimmte Thatsachen zu Tage zu 
fördern, die es ermöglichten, den für den Schuleintritt zweck- 
mässigsten Zeitpunkt sicher zu fixiren, wenngleich in den eigen- 
artigen Wachsthumsverhältnissen des Kindes mancherlei vorliegt, 
für einen ziemlich späten Termin zu plaidiren. — Für die Fest- 
stellung des Zeitpunktes könnte allenfalls eine Beobachtung hier 
ernster ins Auge gefasst werden, das ist die neuerdings erst wieder 
vonMils*) und Pf ister*) besonders genau festgestellte Thatsache 
der fast abgeschlossenen Massenentwickelung des Gehirns zur Zeit 
des 7. Lebensjahres. Pf ist er stellte fest, dass das Gehirn des 
Knaben in der Zeit von der Geburt bis zum Ende des 4. Lebens- 
jahres von 455 g bis 1150 g zunimmt, vom 5. bis Ende des S.Lebens- 
jahres bis 1202 g und bis Ende des 14. Lebensjahres nur noch bis 
1279 g. — Entsprechend hierzu bei Mädchen von 379—1025— 
1164,5, so dass um das 7. Lebensjahr die Zunahme nur noch sehr 
geringfügig ist und die Entwickelung als fast abgeschlossen er- 
scheint. — Sonst aber giebt die wissenschaftliche Forschung keinerlei 
sichere Anhaltspunkte, und wir sind wirklich nur mehr auf die Er- 
fahrung angewiesen; aber auch die Erfahrung lehrt nicht, ganz 
allgemein genommen, dass der Beginn des Unterrichts vor dem 
7. Lebensjahre bei der grossen Mehrzahl der Schulkinder an und 
für sich schädlich gewesen sei und dauernd schlimme Folgen gehabt 



') W. Camer er, UnterBuchungen über Massenwachstham und Längen- 
wachsthum des Kindes. Jahrb. f. Kinderheilk., Bd. XXXVI, p. 248. 

^ Carl Oppenheimer, Die Wachsthumsverhältnisse des Körpers und 
der Organe. Inaug.-Dissert. München 1888. Siehe auch dort p. 21 die weitere 
einschlägige Literatur. 

') Emil V. Lange, Die normale KörpergrSsse des Menschen. München 1 896. 

*) Mils, Gehimgewicht des heranwachsenden Menschen. Corresp.-Bl. der 
deutschen anthropologischen Gesellschaft. 1894. Nr. 10. p. 157. 

*) Pf ist er, Hirngewicht im Kindesalter. Archiv f. Kinderheilk., Bd. XXITI, 
p. 164. 



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Die Schulpflicht. 19 

habe. Auch die Mitglieder der mediciniscben Sachverständigen- 
Commission zur Begutachtung des Schulwesens Elsass-Lothringens 
sind nicht in der Lage gewesen, zu erweisen, dass der gesetzliche 
Beginn der Schulpflicht im 7. Lebensjahre als bedenklich erscheint. 
Man kann dies unumwunden aussprechen und dennoch hinzufügen, 
dass es wenigstens für eine grössere Anzahl von Kindern wünschens- 
werth erscheint, den Beginn der Schulpflicht um ein Jahr weiter 
hinauszuschieben, als das augenblicklich in Geltung stehende Ge- 
setz vorschreibt. Man kann für diesen Wunsch aus der Natur des 
Wachsthums und der Entwickelung den Beweggrund ableiten. 
Wenn man nämlich die nach Bischoffs Untersuchungen von 
Oppenheimer ^) entworfenen graphischen Darstellungen der Ent- 
wickelung des menschlichen Kindes sorgsam beobachtet, so fällt ins- 
besondere die bis zum 10. Lebensjahre rapid und stetig ansteigende 
Massezunahme der Muskeln und des Skelettes (Knochengebilde) be- 
sonders ins Auge. Jedes Jahr vorwärts bringt einen sehr wesent- 
lichen und erheblichen Zusatz, und es wird begreiflich, dass es für 
das Kind gewinnbringend sein muss, wenn bei einer solchen mächtig 
fortschreitenden Zunahme derjenigen Theile seines Organismus, 
welche in der Schule sehr erheblich mit in Anspruch genommen 
werden — es wird bei der Frage des Schreibsitzens, bei der Frage 
der Verkrümmungen der Wirbelsäule auf die Bedeutung derselben 
weiter eingegangen werden (s. Capitel Skoliose) — , bis zu einer ge- 
wissen Grenze wenigstens, ein möglichst grosses Quantum derselben 
von Hause aus zur Verfügung steht, und die mit dem Schulbesuch 
zweifelsohne gegebenen, zum mindesten die Entwickelung hemmenden, 
wenn nicht gar schädigenden Einflüsse möglichst spät zur Geltung ge- 
bracht werden. Man kann demnach aus dieser Ueberlegung, wie ich 
glaube, mit Fug und Recht wenigstens für einen nicht unbeträcht- 
lichen Theil der Bänder einen späteren als bisher festgestellten Termin 
des Schuleintrittes bevorzugen. Bei alledem aber, dies muss auf der 
anderen Seite doch auch zugegeben werden, liegt in den natürlichen 
Vorgängen unter normalen Verhältnissen nichts direct Zwingendes, 
die Schulpflicht auf einen späteren Termin, als bisher vorgeschrieben, 
hinauszuschieben. — Man kann, so sehr man mit seinen Empfindungen 
für die Hinausschiebung des Termins der Schulpflicht im Interesse 
der heranwachsenden Kinderwelt engagirt sein mag, mit Falk^) 
Engelhorn, Rembold u. A. übereinstimmen, welche meinen, dass 

') 1. c. Tafel I (Tabelle VÜI). 
«) Falk, 1. c. p. 95. 



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20 Die Schulpflicht. 

wir Aerzte nicht mehr competent sind, einen allgemein gültigen 
Termin für den Schulbesuch einzusetzen, als die Pädagogen. Die 
Natur giebt eben, wie wir gesehen haben, keine directen und 
zwingenden Handhaben zur Bestimmung des richtigen Termins für 
eine, wenn auch noch so wichtige, doch immerhin menschliche Ein- 
richtung, und es ist also nicht richtig, wenn Sehr eher den Beginn 
der Schulzeit „laut Naturgesetz' glaubte bestimmen zu können; als 
ob die Natur von vorneherein bei der Gestaltung des menschlichen 
Organismus denselben auf die Schuleinrichtung zugeschnitten hätte. 
Was uns die Natur an der Entwickelung des menschlichen Organis- 
mus sowohl, wie in der gesammten organischen Schöpfung lehrt, 
das ist das Gesetz des allmählichen Fortschreitens von der niederen 
Stufe zur höheren, von den Anfängen zu der Vollkommenheit; 
nirgends, wo wir uns auch umsehen, sehen wir in der Natur rasche 
gewaltsame Sprünge, nirgends das Einsetzen urplötzlich zur Geltung 
kommender Kräfte, wenn anders die Entwickelung eben nicht krank- 
hafter Art und in diesem Sinne entwickelungsfeindlich wird. Wenn 
wir also von Erfüllung eines Naturgesetzes mit Bezug auf die Schule 
sprechen wollen, so könnte es sich nur um die Durchführung ana- 
loger Verhältnisse, um eine allmähliche Einführung des geistig sich 
regenden kindlichen Organismus in die Schule handeln, um die all- 
mähliche UeberfÜhrung vom Spiel zur Thätigkeit. Dies wäre zu er- 
reichen durch Einfügung des Kindergartens oder anderer ähnlichen 
Einrichtungen zwischen Elternhaus und Schule, also von Anstalten, 
in welchen alle wichtigen Triebe des Kindes, namentlich diejenigen 
nach geistiger Bethätigung und Regsamkeit, in naturgemässer Weise 
entwickelt werden, wo das Kind auf dem Wege der Anschauung 
mit einem Schatze brauchbarer Vorstellungen erfüllt und so schritt- 
weise für die Schule vorbereitet wird. 

FröbePs Kinderspiele sind gerade deshalb von so hervor- 
ragender pädagogischer wie hygienischer Bedeutung, weil sie sich 
an diejenigen Entwickelungsphasen anlehnen, welche die Natur selbst 
in dem kindlichen Geiste vorzeichnet; darum aber auch wird der Staat, 
da er die Zwangsschule eingeführt hat, folgerichtig die Kindergärten 
oder ähnliche Einrichtungen entweder eben so zwangsweise ein- 
zuführen oder zum mindesten ernstlich zu befürworten haben. Damit 
kann dann und wird der Streit über den Beginn der Pflichtzeit für die 
Schule verstummen; denn es wird die anscheinende Lücke der Ent- 
wickelung ausgefüllt sein. Auf der anderen Seite wird natürlicher- 
weise daraufgehalten werden müssen, dass nicht umgekehrt der Kinder- 



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Die Schulpflicht. 21 

garten zur Schule werde, in der etwa ein'schulgemässer Unterricht die 
Hauptsache ist. Es wird mit weiser Vorsicht dem kindlichen, in der 
Entfaltung begriffenen geistigen Vermögen nur so viel geboten werden 
dürfen, als es selbst zu nehmen gesonnen ist, und mehr auf die 
Richtung der Entwickelung als auf die Grösse derselben Bedacht 
genommen werden müssen. Es kann sogar nöthig sein, dass man dem 
Ueberschuss des Entstehenden hemmende Schranken setzen muss; 
wie manches Kind nicht „anscheinend reif", sondern weit überreif für 
seine Altersstufe, muss zurückgedrängt und von jeder geistigen An- 
regung seitens erwachsener Personen ausgeschlossen werden, um nicht 
durch vorzeitiges geistiges Wachsthum körperlich zurückzubleiben, 
siech und krank zu werden. Wenn also der Staat, Alles in Allem 
genommen, seitens der medicinischen Wissenschaft nicht mit zwingen- 
den Gründen beschränkt werden kann in der allgemeinen Bestimmung, 
dass mit dem Ende des 6. Lebensjahres die Schulpflicht beginne, wenn 
für einen anderen Termin eine unabweisliche Begründung aus der Ent- 
wickelungsart des Kindes nicht ohne Weiteres hergeleitet werden kann, 
80 kann auf der anderen Seite die bestimmte Forderung aufgestellt 
und wissenschaftlich begründet werden, dass die Erziehung nicht mit 
dem 7. Lebensjahre beginnen solle, damit kein Sprung in der Ent- 
wickelung statt habe, sondern dass dieselbe mit Berücksichtigung der 
Anlagen des Kindes von früh an vorsichtig und schrittweise ange- 
bahnt werde. Wie viel hier aber überhaupt dem Staate, wie viel 
der Familie zukommt, das zu entscheiden, ist nicht Angelegenheit 
der Gesundheitspflege ; diese schwierige Frage ist auf einem anderen 
Gebiete auszukämpfen. Die Gesundheitspflege hat nur die Continuität 
der Entwickelung zu betonen und als eigentliches Naturgesetz her- 
vorzuheben. Unter Zugrundelegung dieser Anschauung ist also den- 
jenigen Behörden, welchen die gesetzgeberischen Entscheidungen über 
die Erziehung unserer Jugend und die Schule zusteht, nur das ans Herz 
zu legen, dass den pädagogischen Einrichtungen, welche das Kind all- 
mählich in den eigentlichen Schulunterricht einführen, die grösste Auf- 
merksamkeit zugewendet werde. Ob und in welcher Weise dies ge- 
schehen kann, ob insbesondere die Kindergärten, wie dieselben augen- 
blicklich sich gestaltet haben und bestehen, diesen Aufgaben gewachsen 
sind, würde einer besonderen Untersuchung zu unterziehen sein. 

Was nun indess den augenblicklich bestehenden Schulzwang be- 
trifft, so giebt es, wie man nicht leugnen kann, gewisse Vorgänge, 
welche das allgemein aufgestellte Staatsgesetz einschränken und ab- 
grenzen. Auf diesen Pimkt haben die Aerzte ihre Aufmerksamkeit 



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22 I>ie Schulpflicht. 

ganz besonders zu richten, die noth wendigen Ausnahmen vom Ge- 
setze genau zu fixiren, und gerade hier ist bis zu diesem Augen- 
blicke nicht genug geschehen. Nicht das allgemein gegebene Ge- 
setz ist anzutasten, es ist so wohl und so wenig begründet wie jedes 
andere menschliche Gesetz, anzufechten ist seine rigorose und uner- 
bittlich allgemeine Anwendung. Des Arztes Aufgabe ist es, für die 
correcte Ausführung im gegebenen Falle einzutreten. Ein schlechter 
Arzt, welcher ohne Unterscheidung der individuellen Organisation 
des Kranken mit blosser Berücksichtigung der Krankheit ein und 
dasselbe Mittel anwendet; ein schlechter Staat, welcher die allge- 
meine Bestimmung über die Schulpflicht auf alle Kinder ohne Unter- 
schied auszudehnen bestrebt ist. Die strikte Durchführung des 
Princips geht stets über das Individuum hinweg. Das Princip, es 
stürze, was nicht mitkommt, hat im Felde wohl seine Berechtigung, 
wo das Individuum bedeutungslos ist, nicht in der Schule; denn 
hier ist das Individuum ein selbständiger, ein mitzählender gewich- 
tiger Factor, der Anspruch machen kann und in der That Anspruch 
macht, dass er erhalten bleibe. Aufgabe der Hygiene ist es aber, 
gerade auf diesem Gebiete die Rechte des Individuums zur Geltung 
zu bringen. 

Wir werden also mit bestimmten Fragen an die Hygiene heran- 
zutreten habeij: Giebt es gewisse Erscheinungen am kindlichen Or- 
ganismus, welche die Gültigkeit des allgemein gegebenen Schul- 
pflichtgesetzes einschränken? Welcher Art sind dieselben? und wie 
lässt sich die Einschränkung wissenschaftlich begründen? 

Es lassen sich alle drei Fragen mit einiger Sicherheit beant- 
worten. In der That giebt es eine Summe von Kindern, und keine 
gar kleine, welche mit dem Beginne des 7. Lebensjahres noch nicht 
zur Schule dürfen, weil sie durch die Art ihrer Organisation, welche 
wir alsbald besprechen werden, nicht im Stande sind, den energischen 
Anforderungen der Schule zu genügen und ihren Einflüssen hinläng- 
lich Widerstand zu leisten. Bei der wissenschaftlichen Erörterung 
der kindlichen Organisation kommen zunächst und in hervorragender 
Weise in Frage die dem Kinde angeborenen körperlichen Eigen- 
thümlichkeiten, die — Vererbung. 

Kinder ungesunder Eltern, wenn sie auch nicht gerade selbst 
schon mit Krankheit behaftet sind, wenn sie sogar nicht einmal 
ausgesprochene Krankheitsanlagen erkennen lassen, sind immer 
zarterer, weniger widerstandskräftiger Constitution und bedürfen 
mehr als andere der Schonung. Eine Krankheit, welche hier von 

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Die Schulpflicht. 23 

höchter Bedeutung ist, ist die Lungenschwindsucht. Kinder lungen- 
schwindsüchtiger Eltern müssen, selbst wenn sie anscheinend gut 
ernährt und gut gediehen sind, sehr vorsichtig behandelt werden, 
und sicher ist es gut und wünschenswerth, dass sie später zur 
Schule gebracht werden als mit Beendigung des 6. Lebensjahres. 
Die Motive für diese Einschränkung sind in dem leider so häufig 
wiederkehrenden Verlaufe der Ereignisse begründet. Die Lungen- 
schwindsucht der Eltern äussert sich in nur seltenen Fällen ohne 
Weiteres in den körperlichen Eigenschaften der Kinder, nament- 
lich nicht zu jener Zeit, mit welcher die Schulpflicht beginnen 
sollte; die Kinder sehen vielmehr oft gesund und blühend aus und 
sind auch vorläufig gesund, um so mehr, als eine grosse Anzahl der 
Kinder tuberculöser Eltern vor Eintreten in das Schulalter ge- 
storben ist. Man hat es also von vorneherein mit einer durch 
Selection gesichteten Kinderschaar zu thun; aber doch schwebt 
auch über diesen gesund aussehenden Kindern das Damoklesschwert 
einer bösartigen Veranlagung, welche leicht zur Zeit der Pubertät, bei 
rasch eintretendem, sich fast überstürzendem Wachsthume, zur Ent- 
wickelung kommt. Die Fehler in der Erziehung, die zu frühe und 
energische Inanspruchnahme der geistigen Kräfte rächen sich beji 
diesen Kindern nicht sogleich, führen aber später zu einem Siech- 
thum, welchem mit Vorsicht in einer grossen Anzahl von Fällen 
auszuweichen war. Wie manche schöne Hoffiiung der Eltern und 
Lehrer ist da schon zu Grabe, getragen worden! — Man wird mit 
Recht fragen, mit welchem Alter bei solchen Kindern die Schul- 
pflicht beginnen solle. Eine allgemeine bestimmte Antwort lässt 
sich aber auf diese Frage nicht geben; es kommt auf den einzelnen 
Fall an, und in der Hand des Arztes muss die Entscheidung bleiben. 
Die Schule wird diesen Kindern immer und andauernd grössere 
Sorgfalt und Rücksicht widmen müssen, und sie wird dann mit ge- 
wisser Genugthuung die Entfaltung von körperlichen und geistigen 
Eigenschaften zu Wege bringen, welche sonst untergegangen und 
verloren gewesen wären. 

Es giebt zum Glück nur wenige Krankheiten, welche eine solche 
Bedeutung für den Erzieher haben, wie die Tuberculose, weil wenige 
so eingreifend die Organisation der nachfolgenden Generation be- 
einflussen; wir könnten hierher, wenn wir von der congenitalen 
Syphilis absehen, nur noch die ausgesprochenen schweren Formen 
der Geistes- und Nervenkrankheiten rechnen, unter letzteren vor- 
zugsweise die Epilepsie. Kinder geisteskranker und epileptischer 



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24 Die Schulpflicht 

Eltern müssen ebenfalls seitens der Schule mit grösster Vorsicht 
behandelt werden, und sicherlich ist es zu empfehlen, wenn man 
für diese Kinder das schulpflichtige Alter etwas später beginnen lässt. 
Auch hier müssen wir rathen, der Entscheidung des Arztes das 
Weitere für den Einzelfall zu überlassen. Hierbei ist natürlich immer 
vorausgesetzt worden, dass die socialen Verhältnisse der Eltern der 
gesundheitlichen Entwickelung des Kindes zu nützen im Stande sind, 
dass nicht Armuth und Elend die Kleinen in dumpfe und schlechte 
Wohnungen bannt, und dass nicht Lieblosigkeit und Rohheit der 
Behandlung den schlunmiernden Keim des Siechthums weckt; wo 
dies der Fall ist, würde die Schule gerade umgekehrt als wahrhaft 
hygienische Anstalt das Kind für sich in Anspruch zu nehmen haben. 
Auf den ersten Blick könnte alles dies theoretisch wohl leid- 
lich erdacht, in der Praxis aber nicht durchführbar erscheinen, und 
doch sind die Schwierigkeiten der Praxis nicht entfernt so gross, 
als sie scheinen. In der Mehrzahl der Fälle würde es nur der Aus- 
frage bedürfen, um die genannten erblichen Krankheiten zu ermit- 
teln, häufig würde der vorangegangene Tod von Vater oder Mutter 
eines Kindes allein schon die Entscheidung geben, ob die Aufnahme 
in die Schule zu dem allgemein festgesetzten Termin statt haben dürfe 
oder nicht ; in kleinen Gemeinden endlich ist die Bekanntschaft mit 
der Lebensgeschichte der Familie des zur Schule gebrachten Kindes 
an und für sich schon oft vorhanden, und es bedarf kaum der Frage. 
So wird also unter Beihilfe ärztlichen Urtheils eine gewisse 
Gruppe von Kindern von vorneherein ausserhalb des sonst allgemein 
gültigen Gesetzes stehen. 

Doch sind es die Eigenschaften der Eltern mur in beschränktem 
Maasse, welche bei der Aufnahmefähigkeit der Kinder in die Schule 
in Frage kommen ; wichtiger sind die den Kindern selbst anhaftenden 
Eigenschaften, welche in Rechnung gezogen werden. 

Man könnte auf den Gedanken kommen, dass das Zurückbleiben 
in der Entwickelung, wie es sich in einer der Altersstufe nicht 
proportionalen Körpergrösse, im Rückstande des Körpergewichtes 
und auch anderer besonderer Verhältnisse, wie Brustumfang, Mus- 
kulatur u. s. w. äussert, ein vortreflfliches Mittel für die Ausschei- 
dung der nicht schulreifen Kinder von den schulreifen abgeben müsse. 
Theoretisch ist gegen diese Anschauung nichts einzuwenden ; in der 
Praxis liegen die Verhältnisse indess wenigstens vorläufig noch so, 
dass wir nicht im Stande sind, den Gedanken ohne Weiteres zur 
Ausführung zu bringen. Eine Reihe wichtiger Untersuchungen über 



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Die Schulpflicht. 25 

die Entwickelung des kindlichen Organismus haben zwar zu gewissen 
allgemeinen Schlussfolgerungen geführt, sie haben indess nichts er- 
geben, was für die hier in Rede stehende Frage von allgemein 
durchschlagender Bedeutung wäre. 

Man hat sich gerade in den letzten Jahren, wie schon oben 
ausgeführt, mit den Wachsthumsfragen sehr lebhaft beschäftigt; 
es sind von Landsberger^), Oppenheimer*), Axel Key^), 
V. Lange*), Schmid-Monnard*) u. A. sehr eingehende, zum 
Theil völlig neue Untersuchungen erschienen, zum Theil haben diese 
Autoren die früheren Untersuchungen von Quetelet, Zeising^ 
Bowditsch, Pagliani nur gesichtet und zusammengestellt. Wir 
kennen an der Hand dieser Arbeiten wohl die Durchschnittsmaasse 
der Körpergrössen der Kinder für die Zeit des beginnenden Schul- 
alters und auch für die Zeit des Schulbesuches. Wir wissen, dass 
Knaben im Beginne des 7. Lebensjahres im Durchschnitt 110— 120 cm, 
Mädchen 108 — 115 cm gross sind, dass das Körpergewicht der 
Knaben um diese Zeit 20,5 kg, der Mädchen 19,5 und 20 kg be- 
trägt; wenn man aber genauer zusieht, so differiren die einzelnen 
Autoreb in ihren Angaben nicht unwesentlich. Sie differiren aber 
noch mehr in ihren Aufzeichnungen bezüglich der weiteren fort- 
schreitenden Entwickelung. So giebt beispielsweise Schmid-Mon- 
nard für die Hallenser Schulkinder an, dass ihr Wachsthum in 
der Zeit vom 7.-9. Lebensjahre ganz besonders gering ausfallt^ 
während Axel Key diese Wachsthumsverminderung in die Zeit 
vom 9. — 13. Lebensjahre verlegt*') und v. Lange von einem ziem- 
lich gleichmässigen Fortschreiten in der Periode der ersten Schul- 
zeit bis zur Pubertät (12. und 13. Jahr) spricht. — Können nun 
schon also diese letztangeführten relativen Zahlen für die Frage der 
Schulpflicht nur immer sehr vorsichtig verwerthet werden, so sind 
nun gar die absoluten Zahlen ganz gewiss bedeutungslos, wenigstens 
wie die Sache bis jetzt liegt, soweit nicht an jedem Orte die Grund- 
lagen für eine gewisse allgemeine Beurtheilung der körperlichen 



') Landsberger, Archiv f. Anthropologie. Augnst 1887. 

2) Carl Oppenheimer, üeber die Wachsthumsverhältniflfie des Körpera 
und der Organe. Münchener Dissertation. August 1888. 

') Axel Key, Schulhygienische Untersuchungen. Deutsch von Burger- 
stein. Hamburg und Leipzig 1889. 

*) E m i 1 V. L an ge , Die normale KörpergrOsse des Menschen- München 1896. 

^) Carl Schmid-Monnard, Jahrb. f. Kinderheilk., Bd. XXXVÜ, p. 297 
und über den Einfluss der Schule auf Körperentwickelung und Gesundheit der 
Schulkinder. 1898. 

«) 1. c. p. 222. 



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26 Die Schulpflicht. 

Entwickelung der Kinder vorliegen. — An und für sich schon ist 
damit zu rechnen, dass die Schwankungen der absoluten Zahlen recht 
bedeutende sind, dass es grosse und kleine Kinder giebt, schwere 
und leichte, ohne dass man innerhalb gewisser Grenzen die eine 
oder die andere Gruppe als in der Entwickelung zu weit voraus- 
oder zurückgeblieben bezeichnen kann ; nur das Eine hat sich heraus- 
gestellt, dass Kinder wohlhabender Eltern im Ganzen grösser und 
schwerer sind, als solche armer Eltern. Für unsere Frage haben 
aber die Wachsthumsgesetze so lange keinen Werth, als man das 
zur Schule gebrachte Kind in der Entwickelung nicht verfolgt hat. 
An dieser Stelle haben nun gerade die neueren verdienstvollen Unter- 
suchungen von Wretlind, Vahl, Axel Key, Malling-Hansen, 
Scbmid-Monnard und Kotelmann eingesetzt, die zwar noch 
keineswegs zu sicheren Ergebnissen bezüglich des Schuleinflusses 
auf das Wachsthum und die gesammte Entwickelung der Kinder 
geführt haben, die aber dennoch auch jetzt schon alle Beachtung 
verdienen. Aus diesem Grunde wird es zu einem hygienischen 
Postulat, für jedes Schulkind hier einen Maassstab zu finden, an 
welchem seine körperliche Entwickelung ebenso gemessen werden 
kann, wie diejenige der geistigen in einem Examen. — Die Kinder 
entwickeln sich an Grösse imd Gewicht vielleicht in jeder Gemeinde 
etwas verschieden, und dass Gewicht und Körpergrösse an und für 
sich einen Maassstab für die körperliche Entwickelung abgeben können, 
wenn nur die Beobachtungssummen gross genug sind, kann meiner 
Ansicht nach den bereits vorliegenden Untersuchungen nicht be- 
zweifelt werden. Es wird also darauf ankommen, dass in jeder 
Gemeinde für die Altersstufen von 6 — 8 Jahren fortgesetzte Grössen- 
messungen und Gewichtsbestimmungen gemacht werden, um zu 
Durchschnittszahlen zu gelangen, welche in letzter Linie allerdings 
entscheidend werden können für die Frage, ob ein Kind zu dem 
allgemein festgesetzten Termin in die Schule aufgenommen werden 
kann oder nicht. Bei dem bedeutenden Zudrange zu den Schulen, 
welcher die Klassen überfüllt und die pädagogischen Interessen ge- 
fährdet, wird es gewiss sogar angenehm sein, eine im wahren Sinne 
des Wortes „zu leicht** befundene Kinderschaar für ein Jahr zurück- 
zustellen. Ich bin selbstverständlich weit davon entfernt, in irgend 
welcher Weise die geistige Reife eines Kindes für die Schule in 
directen Zusammenhang mit seiner Körperentwickelung zu bringen ; 
€S wird oft der Fall sein, dass jene zu leicht befundenen Kinder 
geistig die regeren und geweckteren sind ; dies sind aber diejenigen 



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Die Schulpflicht. 27 

Kleinen, welche auf Kosten ihres Gesammtorganismus ihr Gehirn 
entwickelt haben, und deshalb in die richtigen Normen der Ent* 
Wickelung zurückgedrängt werden müssen. Für diese Kinder wird 
die Zurückstellung von der Schule für ein Jahr besonders günstig 
ausfallen, und auch ihrer geistigen Yervollkommnung kommt die- 
selbe dereinst sicher zu Gute. — Wenn ich also noch einmal zu- 
sammenfasse, so halte ich es allerdings für wichtig, die Aufnahme 
eines Kindes in die Schule zu der vom Staate festgesetzten Zeit 
am Ende des 6. Lebensjahres abhängig zu machen von der Körper- 
entwickelung, seiner Körpergrösse, seinem Gewicht und seinem ge- 
sammten Habitus, vorausgesetzt, dass für jede der hier in Betracht 
kommenden Maassverhaltnisse in jeder Gemeinde ein langjähriges 
Mittel bekannt geworden ist. Es wird also gleichsam eine von 
einem sachverständigen Arzte geleitete Auswahl — eine Art Aus- 
hebung für die in die Schulpflicht eintretenden Kinder stattzu- 
finden haben, imd der Arzt wird hier unweigerlich als entscheidender 
Factor einzutreten haben. Dieser hygienischen Forderung wird sich 
der Staat nicht entziehen können, wenn der Schulzwang aufrecht 
erhalten werden soll. — Hat man hier also als Correlat^ zum Schul- 
pflichtgesetz einen festen Punkt gewonnen, der etwaigen Schädigung 
der einzelnen Kinder durch dasselbe vorzubeugen, so wird man sich 
freilich auch wieder auf die blosse Feststellung der Maass- und 
Gewichtsverhältnisse in der Beurtheilung der der Schule zuzuführen- 
den Kinder nicht versteifen können. Denn dieselben lehren bei 
Weitem nicht Alles, um zu einer endgültigen Entscheidung über die 
Constitution eines Kindes und über seine körperliche Widerstands- 
fähigkeit zu gelangen. Man wird noch andere wichtige Beziehungen 
ins Auge zu fassen haben. Gelegentlich der vor einer längeren 
Reihe von Jahren von Schöpf-Merei ^), Steffen*), Brünniche^) 
und auch meinigen ^) darüber angestellten Untersuchungen, inwie- 
weit Rachitis, Tuberculose und Scrophulose die Entwickelung der 
Kinder zurückhalten, hat sich herausgestellt, dass Rachitis und 
Phthise das Wachsthum allerdings schlimm beeinflussen, dass ins- 
besondere die Thoraxentwickelung zurückbleibt; von der Scrophu- 
lose oder, wie man sich neuerdings auszudrücken beliebt, „der 



') Schöpf-Merei, Journal für Kinderkrankheiten. 1857, Bd. XXVIU, 
p. 283. 

*) Steffen, Klinik der Kinderkrankheiten. 1865, Bd. I. 

•) Brünniche, Journal für Kinderkrankheiten. Heft II. 

*) Baginsky, Praktische Beiträge zur Kinderheilkunde. Heft IL Rachitis 
bei H. Laupp in Tübingen. 



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28 Die Schulpflicht. 

lymphatischen Constitution'^ kann dies nicht behauptet werden, und 
doch ist die Scrophulose für das fortschreitende kindliche Alter die 
wichtigste, weil bösartigste Affection. 

Man wird also nicht umhin können, die weiteren Feststellungen 
über die Eörperbeschaffenheit der in die Schule aufzunehmenden 
Kinder auch über die Gesammtheit der körperlichen Entwickelung 
auszudehnen, wobei überdies auf besondere Affectionen, wie ekel- 
hafte und bösartige Hautausschläge, Drüsenschwellungen u. s. w. 
noch besonders wird zu achten sein, — Wir erkennen aber jeden- 
falls an dieser Stelle, dass man dem gar nicht ausweichen kann, 
den Arzt zur Beurtheilung der Kinder mit heranzuziehen ; denn wenn 
man die Feststellung der Maass- und Oewichtsgrössen auch wohl dem 
Lehrer hätte überantworten können, so wird durch die letzterwähnten 
Verhältnisse die Mitwirkung des sachverständigen Arztes unentbehr- 
lich gemacht. — Wir können unter dieser Voraussetzung, dass es 
nothwendig ist, die Aufnahme der Schulkinder von dem ürtheile 
des Arztes abhängig zu machen, uns weiteren diagnostischen An- 
gaben entschlagen, da in der Beurtheilung der einschlägigen Ver- 
hältnisse ein gebildeter Arzt auf Schwierigkeiten kaum stossen wird. 

So haben wir denn eine nicht klein zu nennende Gboippe von 
Kindern von dem Gesetze ausnehmen zu müssen geglaubt und sind 
überzeugt, dass wenn die nach den auseinandergesetzten Principien 
durchgeführte Auswahl statt hat, die Jugend sowohl wie die Schule 
selbst den Segen sehr bald empfinden wird; es werden weit mehr 
als früher die den Fortschritt so überaus hemmenden Unterbrechungen 
des Schulbesuches fortfallen, und es wird bei geringerer Anstrengung 
des Lehrers in kürzerer Zeit mehr gefördert werden, als jetzt ge- 
schieht, wo das unbeschränkt hingestellte Schulpflichtgesetz nahezu 
zu voller Geltung kommt. 

Was für die Volksschule das beendete 6. Lebensjahr ist, das 
bedeutet für die Gymnasien und die Realschulen das beendete 9. Le- 
bensjahr. Die Aufnahme in die Sexta darf in Preussen gesetzlich ^) 
nicht vor beendetem 9. Lebensjahre erfolgen. Wie bei der Volks- 



*) Preu88. Ministerialverfügung vom 24. October 1837 und 7. Januar 1856. 
In der 12. Sitzung der in Berlin abgehaltenen Conferenz über verschiedene 
Fragen des höheren Schulwesens in Preussen wurde in dieser Frage der Vor- 
schlag gemacht, die Aufnahme vor dem vollendeten 9. Lebensjahre von einer 
Prüfung des Aufzunehmenden im Turnen abhängig zu machen. Auf den anderen 
Vorschlag, der Auhiahme vor der festgesetzten Zeit keine Schwierigkeiten in 
den Weg zu legen, hob Bonitz hervor, dass man streng verfahren müsse, weil 
die verfrühte Aufnahme in der Regel einen verlängerten Aufenthalt in Sexta 
und Quinta nach sich ziehe. 



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Entlassang aus der Schule. 29 

schule wird auch hier die Aufnahme von dem Urtheile des Arztes 
abhängig Bein ; nur lassen sich für die hier in Rede stehende Alters- 
stufe die soeben gegebenen Ausnahmebedingungen nicht verwerthen, 
weil von den genannten Erankheitsprocessen wenigstens ein Theil 
zum Stillstand gekommen ist. Hier wird also noch mehr als für 
die Volksschule die gesammte Constitution des Kindes für die Auf- 
nahmefähigkeit bestimmend sein. Im Allgemeinen wird es sicher- 
lich rathsam erscheinen, sehr zarte Knaben oder Mädchen in die 
höheren Schulen nicht mit dem gerade gesetzmässig erlaubten Alter 
aufzunehmen, sondern die Aufiiahme mindestens ein Jahr hinaus- 
zuschieben, weil die höheren Stufen des Unterrichts einerseits höhere 
Anforderungen an Körper und Geist des Kindes stellen, andererseits 
die Unterbrechungen des Unterrichts hier doppelt schwer ins Ge- 
wicht fallen und den Portschritt nicht nur des betreffenden Kindes 
sondern oft der ganzen Klasse hemmen. So fallen auch hier wieder 
in erfreulicher Weise die pädagogischen Interessen mit den hygie- 
nischen zusammen. 

Die Entlassung aus der Schule. 

Die Entlassung aus der Volksschule soll in Preussen nach 
achtjährigem Schulbesuch, also mit vollendetem 14. Lebensjahre, 
und nach erlangter sittlicher und geistiger Reife erfolgen, und nur 
dann soll eine Ausnahme eintreten, wenn wegen andauernder Schul- 
Tersäumnisse die Ausbildung erheblich zurückgeblieben ist. Das 
Gesetz legt hier den Ton auf die geistige Förderung und lässt die 
körperliche völlig ausser Augen. 

Man scheint in einer weit früheren Periode in diesei* Richtung 
anders gedacht zu haben, da in dem ersten Entwürfe des preussischen 
Unterrichtsgesetzes aus dem Jahre 1819 ausdrücklich hervorgehoben 
wird, dass nach stattgehabter Prüfung des Wissens die Entlassung 
mit dem 14. Lebensjahre nur erfolgen dürfe, wenn gegen die Sitten 
und Charakterbildung nichts zu erinnern ist und von Seiten der 
körperlichen Entwickelung und Beschaffenheit kein gegründetes 
Bedenken entgegensteht. Es ist seitens der Hygiene sicherlich der 
Wunsch auszusprechen, dass das Gesetz wenigstens die Möglichkeit 
des längeren Zurückbehaltens der Kinder in der Schule wegen mangel- 
hafter Körperentwickelung gewähre. Allerdings dürfte selbst für 
den Arzt die Entscheidung, ob ein Kind körperlich reif sei, in eine 
bestimmte Berufsthätigkeit einzutreten, nicht leicht werden, weil 



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30 Entlassung aus der Schule. 

auch hier bestimmte wissenschaftlich begründete Normen nicht zu 
Grunde gelegt werden können ; es wird hier oft die subjective Em- 
pfindung des Arztes, zuweilen allerdings der Nachweis bestimmter 
Entwickelimgsausfälle oder Erankheitsanlagen entscheidend werden. 
Wir möchten indess selbst unter so schwierigen Verhältnissen dem 
Arzte die MögUchkeit belassen, sein Veto auszusprechen, wo er 
directen Schaden für Gesundheit und Leben von dem frühen Ein- 
tritte in die Berufsthätigkeit erwartet. Die geistige Rückständigkeit 
lässt wohl eine spätere Gorrectur in Fortbildungsschulen zu; nicht 
so die körperliche, welche von dem strengen Leben im Handwerk 
oder Kaufmannsstand rücksichtslos übergangen wird. Selbst die 
jüngste sociale Gesetzgebung kann hier alsdann nur in beschränktem 
Maasse schützend eintreten, wenngleich dieselbe mehr als früher die 
in die Berufsthätigkeit eingetretene Jugend vor den energischen An- 
griffen derselben zu schützen versucht. 

Erwähnt sei noch, dass in Elsass-Lothringen, wo die Schul- 
pflicht für die Knaben bis zum vollendeten 14. Lebensjahre währt, 
die Mädchen schon mit vollendetem 13. Jahre die Schule verlassen. 
Der frühere Austritt der Mädchen aus der Schule wird durch die 
Rücksichten begründet, die der frühere Eintritt der Reife beim weib- 
lichen Geschlechte erheischt. 

Die Entlassung von den Gymnasien und Realgymnasien erfolgt 
nach dem Abiturientenexamen mit Ausstellung des Zeugnisses der 
Reife, am Ende des 18. Lebensjahres. Es steht der Hygiene nicht 
zu, auch hier rückständige körperliche Eigenschaften als Grund eines 
längeren Zurückhaltens auf der Schule geltend zu machen. Die 
Universität verlangt an und für sich keinen hohen Grad körperlicher 
Kraft und -gestattet dem jungen Manne durch Gymnastik aller Art 
(Turnen, Reiten, Fechten, Schwimmen) die Vervollkommnung seiner 
körperlichen Entwickelung. Die Entlassung aus den Realschulen 
(höheren Bürgerschulen) erfolgt in Preussen nach Erwerbung der 
Berechtigung für den einjährig-freiwilligen Militärdienst, also frühe- 
stens mit vollendetem 15. Lebensjahre. 

Passen wir noch einmal das über die Schulpflicht Gesagte zu- 
sammen, so kommen wir zu dem Schlüsse, dass man im Allgemeinen 
mit dem augenblicklich in Preussen gültigen Schulpflichtgesetz über- 
einstimmen kann, wenngleich Gründe sich auch anführen lassen, die 
es zweckmässig erscheinen lassen, den Beginn der Schulpflicht auf 
ein späteres Jahr hinauszuschieben; zum Mindesten aber erscheint 
es nothwendig, von einer rigorosen Anwendung des Schulpflicht- 



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Trennung der Geschlechter in der Schule. 31 

gesetzes in dem einzelnen Falle Abstand zu nehmen, und das ganze 
Schulpflichtgesetz ist nur aufrecht zu erhalten, wenn eine ärztliche 
Vorprüfung der Schüler vor der Aufnahme in die Volksschule ein- 
gefiihrt wird. 



B, Trennimg der GescUechter in der Scliule. 

Eine wichtige hygienische Frage ist die, ob es zu gestatten ist» 
dass Knaben und Mädchen gemeinsam unterrichtet werden. Man 
findet darüber in der Literatur verschiedene Angaben. Zwez hält 
den gemeinsamen Unterricht beider Geschlechter für erspriesslich 
imd der Sittlichkeit zuträglich, weil die Gewöhnung der Kinder an 
einander vom frühesten Alter ein gewisses, dem geschwisterlichen 
ähnliches Yerhältniss anbahnt, welches am geeignetsten ist, sinnliche 
Regungen abzuhalten. Falk hält vom gesundheitspolizeilichen Stand- 
punkte aus die Trennung beider Geschlechter für erwünscht und in 
höheren Schulen für geboten. In den allgemeinen Bestimmungen 
des preussischen Cultusministers vom Jahre 1872 wird für die mehr- 
klassigen Volksschulen die Trennung der Geschlechter in den oberen 
Klassen empfohlen. 

Der Arzt wird a priori stets dazu neigen, die Trennung der- 
Geschlechter in der Schule so früh wie möglich eintreten zu lassen, 
und ich habe mich früher ganz in diesem Sinne ausgesprochen. 

Pädagogische Stimmen einerseits, so namentlich die warme Für- 
sprache des gemeinsamen Unterrichts durch Palmgren, die päda- 
gogischen Erfahrungen aus den amerikanischen Schulen, in denen ein 
gemeinsamer Unterricht von Knaben und Mädchen zum Mindesten 
bis zur Pubertät ganz alltäglich ist und sich gut bewährt, vor 
Allem aber die mir im Laufe der Jahre mehr und mehr sich auf- 
dringende Beobachtung, dass die Trennung der Geschlechter in der 
Schule nicht im Entferntesten eine sittliche Verrohimg und Schädi- 
gung der Schulkinder verhütet, bestimmen mich mehr und mehr 
dazu, mich gegen den gemeinsamen Unterricht von Knaben und 
Mädchen in der Volksschule nicht ablehnend zu verhalten. Es liegt 
sicher etwas Wahres in Palmgren's^) und auch Zwez's Ausfüh^ 
Hingen, dass die stete Begegnung der Kinder beiderlei Geschlechts 



^) E. E. Palmaren, Palmgrenska Samskolan, höhere Schule ftir Knaben 
und Mädchen. Stockholm 1892. 



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32 Kleidung der Schuljugend. 

in der Schule, die gemeinsame Arbeit, die Gemeinsamkeit der Schul- 
freuden und -Leiden dazu geeignet sind, den Kindern eine Art ge- 
schwisterlichen Sinnes zu bewahren, der sie Tor geschlechtlichen 
Verirrungen mehr schützt, als die stete Trennung, die doch eben 
keine ist, weil sich die beiden Geschlechter ausserhalb der Schule 
mehr noch suchen und finden, als bei der Gemeinsamkeit des Unter- 
richts der Fall ist. Mir sind leider gerade in Berlin sehr schlimme 
Verhältnisse bekannt geworden, die mich zu der, gegen die ursprüng- 
liche, entgegengesetzten Meinung leiten. Ich gebe zu, dass eine 
Entscheidung zu geben sehr schwierig ist, und sicher hängt Vieles 
Yon den örtlichen imd den socialen Verhältnissen ab, von dem ab, was 
die Kinder im Elternhause sehen und erleben, so dass sich vielleicht 
ein allgemeines Gesetz gar nicht aussprechen lässt ; indess würde ich 
gegen den Versuch der gemeinsamen Erziehung beider Geschlechter 
in den Volksschulen vom hygienischen ftesichtspunkte aus nichts 
einzuwenden haben. — Ob mkn von pädagogischer Seite mit Rück- 
sicht auf das Unterrichtsergebniss Einwendungen gegen die gemein- 
same Erziehung machen kann, ob also die Mitbetheiligung der 
Mädchen an dem Knabenunterricht sich als Hemmniss in dem Fort- 
schritte des Unterrichts erweist, entzieht sich meiner Beurtheilung ; 
indess wüsste ich keinen physischen Grund von einschneidender Be- 
deutung, der hier zur Geltung käme, da die Mädchen körperlich dem 
Unterricht sicherlich ebenso gut zu folgen im Stande sind, wie die 
Knaben, und sich keineswegs als minder widerstandsfähig erweisen. 
Selbst den Turnunterricht hat Palmgren Knaben und Mädchen 
gemeinsam, und wie er angiebt, mit bestem Erfolg ertheilen lassen, 
worüber nun freilich eingehendere Versuche und Beobachtungen noch 
werden anzustellen sein. 



C. Kleidung der Scluüjugend. 

(Reinlichkeit. — Schulmappen.) 

Wie sollen Kinder gekleidet sein, wenn sie zur Schule kommen? 
Die Frage fällt im Grossen und Ganzen zusammen mit der Frage 
von der zweckmässigsten Kleidung der Kinder überhaupt und gehört 
somit mehr in das Gebiet der privaten Hygiene oder Diätetik. Wir 
werden von den allgemeinen Regeln hier nur so viel erwähnen, als 
die specielle Rücksicht auf die Schule erheischt. 



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Kleidung der Schuljugend. 33 

Die Schule hat sich im Allgemeinen mehr um das Aeussere der 
Kleidung, als um das eigentliche Wesen derselben zu kümmern. Die 
erste Forderung ist die, dass das Kind reinlich zur Schule komme. 
Der Rückert'sche Spruch: 

,Rein gehalten Dein Gewand," 
„Rein gehalten Mund und Hand," 
,Rein das Kleid von Erden putz," 
,Rein von Erdenschmutz die Hand." 
,Sohn, die äussere Reinlichkeit" 
„Ist der innem Unterpfand." 

sollte an keinem Schulhause als Inschrift fehlen und den Kindern 
wieder und immer wieder zu Gemüthe geführt werden, unsauber 
zur Schule kommende Bänder, Kinder mit ungekämmtem Haar, 
schmutzigen Händen, fett- und staubgetränkten Kleidern sollten von 
dem Lehrer unerbittlich nach Hause geschickt werden. Wichtig ist 
unter Anderem die Berücksichtigung jenes Manometers der Rein- 
hchkeit, der Wäsche im Allgemeinen und der — Taschentücher 
speciell. Wiederum fällt hier das pädagogische Interesse mit dem 
hygienischen zusammen, und es kann gewiss seitens der Hygiene den 
Lehrern ruhigen Herzens die Durchführung einer Forderung über- 
lassen werden, ohne deren Erfüllung die ganze Erziehung eine 
mangelhafte ist. Unsauberkeit ist nicht allein die Quelle vieler 
Krankheiten, sondern auch, wie Rückert's Spruch so schön andeutet, 
die Quelle geistiger Rückständigkeit und der häufige Begleiter einer 
niedrigen Gesinnung. — Aus Gründen der Reinlichkeit ist es deshalb 
auch geboten, dass in den Schulen Waschvorrichtungen für die 
Schüler vorhanden sind, damit die Hände gereinigt werden können; 
ohne saubere Hände sind keine reinen Hefte beim Schreiben und 
Zeichnen und keine sauberen Arbeiten bei den weiblichen Hand- 
fertigkeiten zu erreichen. Mit unsauberen Händen dürfen die Kinder 
nicht ihr Frühstücksbrot in den Mund führen; hier liegt sonst eine 
wesentliche imd doch vermeidliche QueHe der Infection. 

Fast ebenso wichtig aber wie die Unterdrückung der Unsauber- 
keit ist die der Putzsucht. Unerbittlich sollten auch die Lehrer be- 
sonders in den höheren Töchterschulen die überputzt gekleideten 
Mädchen nach Hause schicken, und die Eltern sollten dadurch zur 
Erfüllung der geforderten Einfachheit in der Kleidung gezwungen 
werden. Hier könnte von der Schule weitaus mehr geleistet werden, 
als bisher geschieht; hier nützt aber nicht blosses Reden, einfaches 
Tadeln, sondern die That muss der Rede auf dem Fusse folgen. 

Baginsky, Schulhygiene, ü. 3. Aufl. 3 



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34 Kleidung der Schuljugend. 

üeberputzte Kleidung muss von den Kindern sofort abgelegt werden. 
Schon früher ist von mir *) die Aufmerksamkeit auf diesen ausser- 
ordentlich wichtigen Gegenstand gelenkt worden, und ich glaubte 
nachweisen zu können, dass die Quelle der in so mannigfacher Ge- 
stalt zu Tage tretenden Uebel des weiblichen Geschlechtes in direc- 
tester Weise in der Anerziehung der Eitelkeit zu suchen sei. Eitel- 
keit und Gesundheit sind bittere Feinde, was sich schon darin kund 
giebt, dass die Geldsummen, welche verwandt werden, um die 
Kleidung prunkend und auffallend zu machen, nur zu häufig der 
BeschaflFung guter Nahrung und Wohnung entzogen werden. Wie 
manche Familie würde in besseren Gesundheitszuständen leben, wenn 
die Frau vom Hause nicht für nöthig hielte, die sog. Ersparnisse 
an ihren Körper zu hängen, ganz abgesehen von dem depravi- 
renden Einfluss, welchen die Pflege der Eitelkeit auf die gesammte 
Qeistesrichtung , auf Charakter und Lebensauffassung ausübt. In 
der Schule muss der unsinnige Trieb von Grund aus vernichtet 
werden. 

Was nun die Kleidung im Einzelnen anbelangt, so giebt es 
eine Reihe von Forderungen, zu deren Erfüllung der Lehrer ent- 
weder durch direct getroffene Anordnungen oder auf dem Wege 
der Belehrung beitragen kann und von denen wir einige der wich- 
tigsten, die mit der Schule-^in mehr oder weniger directer Beziehung 
stehen, folgen lassen. — Der Kopf werde nur leicht bedeckt. — 
Wasserfuhr hat speciell auf die Nachtheile der Kopfhauben der 
die Volksschule besuchenden Mädchen des Elsass aufmerksam ge- 
macht und insbesondere darauf hingewiesen, dass dieselben nicht 
allein dazu beitragen, die Kinder zu Erkältungen zu disponiren, indem 
sie dieselben verweichlichen, sondern dass diese Kopfbedeckimgen 
auch nicht selten dazu angethan sind, Unsauberkeit der Kopfhaut 
zu unterhalten oder Anwesenheit von Kopfausschlägen und Ungeziefer 
zu verdecken. Die Kopfbedeckung sei aber gross genug, um die 
Augen vor den Einwirkungen des grellen Sonnenscheins zu schützen. 
Bei strenger Kälte ist es empfehlenswerth , die Ohren der kleinen 
Schulkinder auf dem Schulwege durch Ohrenklappen o. A. vor Er- 
frierungen zu bewahren; gerade die Kleinen können noch nicht be- 
urtheilen, ob die Kälte den Ohren gefährlich wird. — Der Hals 
werde möglichst frei gehalten; doch erscheint für solche Kinder, 



*) Baginsky, Leben des Weibes. Diätetisehe Briefe bei Ferd. Enke. 
Stuttgart. 



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Eleidang der Schuljugend. 35 

welche für Katarrhe der Athmungsorgane disponirt sind, bei rauher 
Witterung eine leichte Halsbekleidung als wünschenswerth. Dagegen 
ist Pelzwerk um den Hals zu verbieten, und selbst dickere Halstücher 
sind schon schädlich. Letztere sind aber, wenn die Eltern von ihnen 
nicht lassen wollen, in den Zimmern unter allen Umständen ab- 
zulegen; ebenso sind alle einengenden Kleidungsstücke am Halse 
zu verbieten, weil sie die Blutcirculation im Schädelraum stören 
und die freie Bewegung hindern. — XJeber die Unterkleidung, ins- 
besondere die Wäsche der Schuljugend lässt sich ganz allgemein 
nur so viel aussagen, dass dieselbe den örtlichen und zeitigen Be- 
dingungen angepasst sei. Im Ganzen und Grossen soll die Jugend 
nicht zu weichlich gehalten werden und wird deshalb wollene Unter- 
kleidung nur unter ganz besonderen Verhältnissen, beispielsweise an 
den Küstenlandstrichen, im Hochgebirge u. s. w. zu empfehlen sein, 
insbesondere also dort, wo die Kinder auf dem Wege zur Schule 
und von der Schule rauhen Witterungsverhältnissen preisgegeben 
sind. Die wollene Unterkleidung schützt durch die der Wolle eigen- 
thümliche Eigenschaft langsamer Verdunstung der Hautfeuchtig- 
keit mehr vor Erkältungen, als leinene oder baumwollene. Indess 
ist sie in dem Landklima nicht nöthig und besser durch etwas 
gröberes, nicht zu dichtes Gewebe von Leinen oder Baumwolle zu 
ersetzen. Das WoUgewebe reizt überdies die zarte Haut des Kindes 
durch die Rauhigkeit leicht und giebt zu juckenden Hautausschlägen 
Anlass, die geeignet sind, die Kinder unruhig zu machen und vom 
Unterricht abzuziehen. Man wird seinen Gebrauch deshalb nur auf 
das Nothwendigste beschränken. Empfehlenswerth wird die wollene 
Unterkleidung indess bei jeder zu starker Schweissabsonderung ftlh- 
render Thätigkeit der Kinder, so dass sie beispielsweise für den 
Turnunterricht, für Jugendspiele, Sportübungen u. s. w. allerdings 
unbedingt die geeignetste Tracht ist. — Der Forderung, dass der 
Rumpf durch seine Kleidung in keiner Weise beengt werde, steht 
die leidige Gewohnheit des Tragens von Corsets entgegen. Nicht 
gering ist die Zahl der Schädigungen und krankhaften Zustände, 
wie sie durch das gewohnheitsmässige , meist in früher Jugend be- 
ginnende Anlegen von Corsets im Verein mit anderweitigen schäd- 
hchen Einflüssen der Frauentracht hervorgerufen werden. Die 
Literatur des Gegenstandes ist überaus gross geworden, und neuer- 
dings hat sich eine Art socialer Revolution, die zumeist von Frauen 
selbst gefordert wird, gegen die übliche ungesunde und schädigende 
Frauenkleidung erhoben. Das Thema liegt im Ganzen der Schul- 



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36 Kleidung der Schaljugend. 

hygiene zu fern, als dass hier genauer darauf eingegangen werden 
kann, und so sei hier nur auf die Veröffentlichungen des allgemeinen 
Vereins für Verbesserung der Frauenkleidung hingewiesen. Nach den 
klassischen früheren Arbeiten von Soemmering^) und Wenzel*) 
über das Schnüren und das Corset wird hier neuerdings von M ei- 
ner t^), Spener u. A. gegen das Corset geeifert, insbesondere auf 
die Schädigung der XJnterleibsorgane, das Herabpressen derselben bis 
zur völligen Verlagerung (Enteroptose) mit all den dadurch hervor- 
gerufenen Schädlichkeiten hingewiesen. Mein er t geht so weit, zu 
behaupten, dass beispielsweise von den 12 — 14jährigen Schülerinnen 
Dresdens mindestens ^/4 an derartigen Uebelständen leiden. — Dass 
die neuerdings in Vorschlag gebrachten losen Blousenformen für 
Mädchen an Stelle der eng anliegenden Taillen, und ebenso wohl 
auch die als Rockbeinkleider beschriebenen Gewänder, welche am 
SchultergUrtel statt an den Beckenknochen ihren Aufhängepunkt und 
Halt bekommen, der bisherigen Klefdung der Mädchen vorzuziehen 
seien, ist wohl anzunehmen. Insbesondere wird diese Tracht sich als 
Tumkleid für Mädchen empfehlen dürfen. 

Die Kleidung der Kinder soll im Ganzen nicht zu warm und 
zu schwer sein. Kinder sollen einmal nicht verwöhnt und leicht 
beweglich sein. Daher sind wollene Stoffe im Winter, leinene oder 
Baumwollstoffe im Sommer als Ueberkleider für Knaben sowohl wie 
für Mädchen zu empfehlen. Die Farben seien wegen den Beziehungen 
zur Wärme und Lichtabsorption im Sommer hell, im Winter mehr 
dunkel. — Die Schule hat sich hier im Ganzen nur den Grundsätzen 
der allgemeinen Kleidungshygiene, wie dieselbe früher von v. Petten- 
kofer und neuerdings wieder von Rubner herausgearbeitet worden 
ist, zu unterwerfen. — Selbst mit den üeberkleidem bei schlechtem 
Wetter und im Winter soll den Kindern Uebertriebenes und allzu- 
sehr Verweichlichendes von Hause aus ferngehalten werden. — Pelz- 
werk ist wie um den Hals, auch an den üeberkleidem zu vermeiden; 
dagegen sind Ueberzieher und Mäntel bequem, weit und lang aus 
wasserdichtem, aber porösem, also für Luft durchgängigem Stoff zu 
empfehlen. Sie machen den Regenschirm entbehrlich, der doch nur 
Kopf und Schultern schützt und dessen Tragen Schwierigkeiten ver- 
anlasst, wenn der andere Arm mit Büchern belastet ist. Natürlich 



^) Soemmering, üeber die Wirkungen der Schnürbrüste. Leipzig 1787. 
*) Wenzel, üeber die Krankheiten am Rückgrat. 

^) Meinert, Mittheilungen des allgemeinen Vereins für Verbesserung 
der Frauenkleidung. Berlin. Februar 1898. 



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Kleidung der Schuljugend. 37 

dürfen dicke Ueberkleider im Zimmer nicht anbehalten werden. — 
Grosse Sorgfalt ist dem Schuhwerk zuzuwenden, welches nach den 
modernen hygienischen Grundsätzen (Meyer) der Form des Fusses 
genau angepasst sein muss. Auch hier kann nur auf das in den 
allgemeinen Lehrbüchern der Hygiene und Diätetik Bekannte ver- 
wiesen werden. Das Oberleder sei weich und thunlichst wasser- 
dicht. Gummischuhe sind bei nassem Wetter für den Schulweg 
wohl zu empfehlen, jedoch werden sie bei weiten Wegen beschwer- 
hch, und auch bei Spaziergängen sind sie überflüssig, weil sie die 
Ausdünstung des Fusses hindern. Für den Winter ist ein ge- 
schmeidiges und doch festes gutes Lederschuhwerk stets das Beste 
(gutes Kalb- oder weiches Bindleder). Die Strümpfe sollen nicht zu 
eng und vom nicht zu spitz sein, sondern ebenfalls der Form des 
Fusses entsprechen. Das Tragen von Wadenstrümpfen kann für 
Schulkinder füglich vermieden werden, wenn es gleich hygienisch 
nicht gerade zu verbieten ist. Sehr viel ist auch über die Strxmapf- 
halter studirt und experimentirt worden; von der Wade an hat man 
sie allmählich mehr und mehr mit Gürteln und Haltern in Ver- 
bindung bis zum Schultergürtel hinauf befestigt. Gewiss können sie 
an der oberen Wadengegend angelegt bei starker Einschnürung die 
Entwickelung der Wadenmuskulatm* und die Blutcirculation in den 
unterhalb des Bandes belegenen Theilen des Beines behindern, da- 
durch kalte Füsse erzeugen und zu Blutstauungen in den Venen An- 
lass geben, die später zur Entstehung von sog. Krampfadem führen. 
Indess wird hier doch wieder, wie ich glaube, allzu ängstlich über- 
trieben. Wählt man die Strumpfbänder breit und leicht elastisch 
und schnürt sie nicht zu fest, lässt sie vielleicht nicht unterhalb, 
sondern oberhalb des Kniees anlegen, wo sie weniger fest gemacht 
zu werden brauchen, so glaube ich nicht, dass sie irgend welchen 
Nachtheil zu üben vermögen. 

ti Conflict mit der Hygiene kommt überdies vielfach die Ar- 
muth der Schulkinder, die sie zwingt, mit zerrissenem Schuhwerk 
und Strümpfen in die Schule zu kommen. Mit kalten und durch- 
nässten Gliedern, womöglich noch hungrig, können die Kleinen aber 
auch dem Unterricht nicht folgen, und die hygienischen Anforderungen 
nach Abhilfe begegnen sich hier den pädagogischen. Daher haben 
von jeher Pädagogen hier Verbesserungsvorschläge gemacht (Becker). 
Es bleibt keine andere Wahl, als dass die Communen für diese 
Kinder mit Reservestrümpfen und warmem Schuhwerk aushelfen. Es 
ist dies wieder ein nothwendiges Correlat des Schulpflichtgesetzes, 



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38 Kleidung der Schu^ugend. 

und es darf nicht allein der privaten Wohlthätigkeit tiberlassen sein, 
hier einzutreten. 

Bei der Kleidung ist auch sogleich der Schulbücher und Schul- 
taschen zu gedenken. Es ist für die Gesundheit der Schulkinder 
nicht zuträglich, wenn sie sich weite Wege mit einer Masse von 
Schulbüchern schleppen, ganz besonders aber dann nicht, wenn die 
Schulbücher unter dem Arme oder in einer Seitentasche mit einem 
Tragriemen über einer Schulter oder in Musikmappen oder in einer 
Art von Klemmschraube eingespannt, in einer Hand getragen 
werden. Die Schultermuskeln erlahmen durch Uebermüdung, und 
die gesammte Wirbelsäule nimmt eine schiefe Haltung an, welche 
sich allerdings nach Ablegen der als Gewicht wirkenden Bücher 
wieder ausgleicht, schliesslich aber doch schädlich wirken kann, 
besonders bei der Gewohnheit, die Mappe immer an derselben Seite 
zu tragen; überdies werden die Fingermuskeln durch das lange 
Tragen so ermüdet, dass sie kurze Zeit nachher zum Schreiben 
schlecht zu gebrauchen sind; bei starkem Frost kommt es wohl auch 
zu Erfrierungen der Finger, wenn dieselben nicht genügend geschützt 
werden können. Allem diesem entgeht man durch die Anweisung, 
dass niemals mehr Bücher und Utensilien mitgebracht werden dürfen, 
als gerade gebraucht werden, und durch die Einführung der auf 
dem Rücken zu tragenden Schultornister. Hertel weist noch auf 
die Unsitte der Kinder hin, Bücher oder andere Dinge, die gar nicht 
in der Schule gebraucht werden, in der Mappe mitzubringen, z. B. 
vollgeschriebene Hefte, Märchenbücher, Bilder u. s. w. Die Schul- 
tornister sollten in den Volksschulen und unteren Klassen der höheren 
Schulen durch die Schulleiter ein für allemal eingeführt werden, 
und es sollte den Eltern der Kinder die Aufforderung zugehen, 
Schultomister so gut wie die Schulbücher und andere Schulutensilien 
der Kinder zu beschaffen. Der Vortheil der Schultomister liegt vor 
Allem darin, dass die Bücher ohne Anstrengung beschränkter Muskel- 
gruppen, ohne Krümmung der Wirbelsäule und ohne Behinderung 
der Athmung, welche letztere jedesmal statt hat, wenn viel Schul- 
bücher unter einem Arme getragen werden, nach der Schule ge- 
bracht werden können. Die durch das Tragen des Schultornisters 
bedingte Vorwölbung der Brust kann nur dazu beitragen, den Brust- 
korb zu weiten und die Athmung zu fördern; auch die Mädchen 
sollten angehalten werden, nur mit Tornistern zur Schule zu kommen. 
Empfehlenswerth ist das Vorgehen der städtischen Schulbehörde zu 
Breslau, die ein „Mahn wort an die Eltern in Betreff der Bücher- 



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Kleidung der Schuljugend. 39 

träger** gerichtet hat. In demselben wird darauf hingewiesen, dass 
habituelle Rückgratverkrümmungen, die bei Mädchen gerade in den 
Entwickelungsjahren vorkommen, meist durch rein mechanische, eine 
ungleich massige Belastung der Wirbelsäule in sich schliessende Ver- 
hältnisse entstehen, wie solche vorkommen, wenn die Schulbücher 
immer mit derselben Hand getragen werden, und es wird gefordert, 
derartige gesundheitswidrige Bücherträger zu beseitigen und zu den 
guten alten Schulranzen, den Rückentaschen, zurückzukehren. In 
dortigen höheren Mädchenschulen ergaben sich folgende Gewichte 
der gefüllten Schulmappen: 

I. B3asse. Durchschnittsgewicht 2,875 kg. Höchstes Gewicht 3,166 kg 

n. , , 3,166 „ , „ 4,000, 

in. . „ 3,500 „ „ , 4,375 „ 

IV. , „ 3,375 . , „ 3,625 , 

V. . . 2,000 „ „ , 2,250 „ 

VI. , . 1,375 „ , , 1,750, 

Neuerdings hat auch das Provinzialschulcollegium der Provinz 
Brandenburg den Eltern der Schüler höherer Lehranstalten folgende 
Vorschriften zur Beachtung mitgetheilt: 1. Das Höchstgewicht, 
welches für die Mappen kleinerer Schüler zulässig ist, darf den 8. 
bis 9. Theil des Körpergewichtes nicht überschreiten. 2. Insbeson- 
dere ist dringend zu wünschen, dass vermieden werde a) der Ge- 
brauch von schweren Mappen, Federkasten, Atlanten und Bibeln, 
b) die Gewohnheit, Bücher und Hefte mitzuschleppen, welche nicht 
gebraucht werden. 3. Es empfiehlt sich, die Kinder mit Mappen, 
die auf dem Rücken getragen werden, auszurüsten. 

In den „Allgemeinen Vorschriften für die über das Ziel der 
Volksschule hinausgehenden Mädchenschulen" (Preuss. Ministerial- 
erlass vom 31. Mai 1894) wird eine Einrichtung gefordert, welche 
es den Schülerinnen ermöglicht, Doppelexemplare ihrer Lernbücher 
und sonstige Bücher und Unterrichtsmaterialien, deren sie zu Hause 
nicht bedürfen, in der Schule in sicherem Gewahrsam zu lassen; 
die Schultaschen, Mappen u. s. w. der Schülerinnen sollen unter 
Aufsicht gehalten werden, damit jede Ueberlastung verhütet werde. 
— Ich habe neuerdings, um die Schulmappen möglichst leicht zu 
machen, dieselben aus einem wasserdichten, festen leinenen Segeltuch 
anfertigen lassen, was sich sehr gut bewährt. Auch die Art, wie 
die Schultornister über den Schultergürteln durch die Riemen ge- 



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40 Unterrichtspläne. 

halten werden, bedarf einiger Aufmerksamkeit. — Die Last soll gleich- 
massig auf dem Rücken vertheilt sein, und dies kann sehr wohl 
durch eine Riemeneinrichtung geschehen, welche neuerdings an einer 
der Berliner Schulmappen mir begegnet ist, wo neben einem breiteren, 
bogenförmig quer über die untere Nackengegend sich legenden Riemen 
zwei über kleine Rollen gehende und sich stets aquilibrirende Riemen 
angebracht sind. — Die leinene Schulmappe ^) mit dieser Riemen- 
einrichtung trägt sich ganz ausserordentlich bequem und kann selbst 
für kleine Mädchen dringend empfohlen werden. 



D. Unterriclitspläne. 

Auf keinem Gebiete hat die Hygiene mit grösserer Zurück- 
haltung aufzutreten als da, wo es sich um die innersten An- 
gelegenheiten der Schule handelt, wo sie die Schulfacher, die 
Schulstunden und die Anordnung des gesammten Unterrichts in 
den Bereich ihrer Beurtheilung zieht. Augenscheinlich ist, um 
der laienhaften und oberflächlichen Urtheile willen, welche hier 
von Aerzten gefällt wurden, die ganze Schulhygiene bei vielen 
praktischen Schulmännern in Misscredit gekommen oder zum min- 
desten übel angesehen. Wie schwierig aber die in Rede stehende 
Materie ist, geht leicht aus den Protocollen der im October 1873 
im preussischen Unterrichtsministerium über verschiedene Fragen des 
höheren Schulwesens abgehaltenen Conferenz hervor. In einer zu- 
meist aus den hervorragendsten Schulmännern zusammengesetzten 
Versammlung kamen die von den Aerzten angefeindeten Punkte der 
Reihe nach zur Verhandlung, und aus der Mannigfaltigkeit der zu 
Tage tretenden und von den reichsten Erfahrungen gestützten Ur- 
theile Hess sich erst die Schwierigkeit einer so leichthin geforderten 
Reform des höheren und auch des niederen Schulwesens erkennen. 
Die Fragen, ob der Unterricht in den alten Sprachen wie früher in 
den Vordergrund zu stellen sei, ob Latein oder Griechisch, ob Fran- 
zösisch oder Englisch, ob Mathematik und Naturwissenschaft oder 
der Unterricht in der deutschen Sprache das am meisten Förderliche 
für die geistige Entwicklung der Schuljugend sei, welches System 
das richtige, Realschule oder Gymnasium oder Bifurcationssystem von 



^) Ich habe dieselbe bisher bei dem Bandagisten Philipps in Berlin an- 
fertigen lassen. 



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ünterrichtspläne. 41 

ebem gemeinsamen Fundament aus — alles wurde besprochen, und 
besser und verstandnissreicher, als je ein Arzt sich darüber geäussert 
hatte. Das Erfreuliche, das aus den Protocollen dieser Verhand- 
lungen hervoi^eht, ist die Thatsache, dass sich allgemein der Wunsch 
zu erkennen gab, mit den geistigen Kräften das körperliche Vermögen 
zugleich zu entfalten ; daher die fast völlige Uebereinstimmung in der 
Beschränkung der wöchentlichen Schulstunden auf ein möglichstes 
Minimum und die vorsichtige Vertheilung derselben auf die einzelnen 
Fächer, um mit Verwendung der geringsten Zeit den grössten Er- 
folg zu erreichen. Auf den Grundlagen der in der Gonferenz zu 
Tage getretenen Anschauungen ist dann durch die Lehrpläne für 
die höheren Schulen in Preussen vom 31. März 1882 eine wesent- 
Uche Aenderung eingetreten. 

Wenngleich bei dieser Revision eine Anzahl von berechtigten 
Forderungen der Fachmänner erfüllt wurde, entstand doch in den 
nächstfolgenden Jahren eine Bewegung auf dem Gebiete des höheren 
Schulwesens, gegenüber den fortdauernden Klagen über Ueberbürdung 
der Schuljugend Abhilfe zu schaffen. Hatte man sich anfangs damit 
begnügt, zu Gunsten der leiblichen Entwickelung der heranwachsenden 
Jugend eine Einschränkung der geistigen Schul- und Hausarbeit und 
eine Verstärkung der körperlichen Uebungen sowie eine grössere Be- 
rücksichtigung der Gesundheitspflege zu fordern, so traten sehr bald 
die Frage einer höheren Einheitsschule, eines einheitlichen lateinlosen 
Unterbaues für alle Arten höherer Schulen, die Umgestaltung des 
Lehrplanes der Gymnasien, die Gleichberechtigung der Realgymnasien 
mit den Gymnasien bezüglich der Zulassung zu Universitätsstudien, 
die Aenderung des Berechtigungswesens nebst anderen Fragen in den 
Vordergrund. Diese Forderungen waren Veranlassung zur Einberu- 
fung einer Conferenz, die, zusammengesetzt aus Männern in verschie- 
dener Lebensstellung, unter besonderer Antheilnahme Kaiser Wilhelms 
in Berlin vom 4. — 17. December 1890 tagte und sich mit den zahl- 
reichen Vorschlägen zur Verbesserung des höheren Schulwesens ein- 
gehend beschäftigte. Die Gesammtheit der verschiedenartigsten, aber 
aus reicher Erfahrung hervorgehenden Vorschläge ging im Wesent- 
hchen dahin, die Schule entsprechend dem körperliclien Vermögen 
des Kindes und den Anforderungen des praktischen Lebens zu ge- 
stalten, zeigte indessen aber auch die Schwierigkeit, die sich nicht 
selten entgegenstehenden Forderungen in gerechter Weise gegen 
einander abzuwägen. Den in dieser Decemberconferenz kund ge- 
wordenen Anschauungen wurde Rechnung getragen in den neuen 



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42 Unterrichtspläne. 

Lehrplänen vom 6. Januar 1892. Während so die höheren Lehr- 
anstalten für Knaben in Preussen wiederholt umgestaltet wurden 
und aucli das Töchterschulwesen in den letzten Jahren unter Be- 
rücksichtigung der Forderungen der Schulhygiene reorganisirt wurde, 
haben die Volksschulen ihre durch die „Allgemeinen Bestimmungen* 
vom 15. October 1872 festgesetzte Gestaltung mit nur geringen 
Aenderungen bis jetzt beibehalten. — Im Ganzen sehen wir bei 
allen diesen Bestrebungen, unter dem persönlichen Einflüsse unseres 
auf das Wohl der Jugend warmherzig bedachten Kaisers, die Lehrer 
selbst im besten Sinne nach der hygienischen Seite hin thätig. 

Wenn wir nach diesen allgemeinen Bemerkungen darauf ein- 
gehen, hygienische Wünsche verlauten zu lassen, so werden die- 
selben, eingedenk der ausgesprochenen Ueberzeugung, durchaus nicht 
das Wesen des Unterrichts und des Schulplanes berühren, sondern 
nur innerhalb desselben diejenigen Veränderungen beantragen, welche 
sich rechtfertigen und, wie ich glaube, auch leicht ausführen 
lassen. 

Der Unterrichtsplan der Volksschule für Preussen vom 15. Oc- 
tober 1872 setzt fest, dass die Lehrgegenstände derselben Religion, 
deutsche Sprache (Sprechen, Lesen, Schreiben), Rechnen nebst den 
Anfangen der Raumlehre, Zeichnen, Geschichte, Geographie, Natur- 
kunde und für die Knaben Turnen, für die Mädchen weibliche Hand- 
arbeiten seien. 

Im Laufe der Zeit sind nur ganz unwesentliche Veränderungen 
an diesen Bestimmungen vorgenommen worden; das Turnen ist in 
grösseren Schulsystemen obligatorisch gemacht; femer kann die 
Stundenzahl für den Handarbeitsunterricht unter Wegfall der Raum- 
lehre für die Mädchen vermehrt werden (Preuss. Minist.-Rescr. vom 
28. Januar 1873 und vom 6. März 1873 *). 

Jede Schule (auch die einklassige) gliedert sich in drei Ab- 
theilungen, welche den verschiedenen Alters- oder Bildungsstufen 
der Schüler entsprechen; davon hat 

die Unterstufe wöchentlich 20 — 22 Schulstunden 
„ Mittelstufe , 28—30 

, Oberstufe . 30-32 

und zwar: 

^) Centralblatt für die ges. ünterricbtsverw. in Preussen. 1873. p. 178 
und 294. 



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Unterrichtspläne. 






Untentafe 


Mittelstufe 


Oberstufe 


Religion 


. . 4 


4— 5 


4—5 


Deutsch 


. . 11 


8-10 


8 


Rechnen 


. . 4 


4 


4—5 


Raumlehre 


. — 


— 


(2) 


Zeichnen . 


. , — 


2-1 


2 


Realien . . 


. — 


6 


6 8 


Singen . . . 


. 1 


2 


2 


Turnen 1 
Handarbeit J 


2 


2 


- 2 



43 



20—22 28-30 



30—32 



wobei die kleinen Differenzen in den Zahlen sich durch die Ein- 
richtungen der mehrklassigen Schulen erklären. 

Bei dieser Zeiteintheilung, welche das jugendlichste Alter, wie 
nicht zu leugnen ist, zu energisch anspannt, ist vom hygienischen 
Standpunkte immer noch zum Mindesten der Wunsch zu äussern, 
dass die wöchentliche Stundenzahl für den untersten Jahrgang auf 
18 ermässigt werde, eine Zahl, die bereits für die Volksschulen 
in verschiedenen Städten und auch für die untersten Klassen der 
höheren Schulen festgesetzt ist. Sollen die Kinder den üebergang 
vom Eltemhause in die Schule nicht als einen zu schroffen em- 
pfinden, so sind 3 Stunden pro Tag mehr als genug. 

Der für die Mittelschulen entworfene Schulplan schreibt an 
wöchentlichen Stunden vor in Klasse VI 24, V 24, IV 28, III 32, 
II 32, I 32 , welche sich in folgender Weise auf die verschiedenen 
Lehrgegenstände vertheilen. 



VI 



IV 



III 



II 



Religion 

DeuUch (Lesen und Schreiben) 

Bechnen 

Raamlebre 

Naturbeechreibang .... 

Physik (Chemie) 

Geographie 

Geschichte 

Französisch 

Zeichnen 

Gesang 

Turnen 



3 

12 
5 



3 

12 

5 



3 

12 

5 



2 

8 
3 
2 
2 

2 
2 
5 
2 
2 
2 



24 I 24 



28 



32 



32 



32 



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44 ünterrichtspläne. 

In diesem Schulplane ist der ausgiebige Unterricht in allen 
denjenigen Fächern, welche die Schuljugend zu eigenem Nachdenken 
anregen, im Rechnen, den ersten Anfängen der Mathematik und in 
den Naturwissenschaften besonders anerkenn enswerth; auch hier ist 
eine Beschränkung der Stundenzahl in der VI. Klasse durchaus an- 
zustreben und zui* Durchführung zu bringen. 

Aus den mannigfachen Formen der Mädchenschulen, welche 
neben den öffentlichen Volksschulen bestehen, haben sich allmählich 
2 Schulen bestimmter Gattung herausgebildet, die Mittelschule, deren 
äussere und innere Gestaltung durch die »Allgemeinen Bestimmungen '^ 
vom 15. October 1872 gegeben ist, und die höhere Mädchenschule, 
deren einheitliche Gestaltung durch den Lehrplan vom 6. October 
1886 ^) angebahnt und deren gleichmässige Regelung durch den 
Lehrplan vom 31. Mai 1894 erfolgt ist. Der Lehrplan der höheren 
Mädchenschule schreibt nur 9 Jahreskurse vor, nicht 10, wie manche 
Mädchenschuldirectoren wünschen, weil ein 9 Jahre hindurch un- 
unterbrochen fortgesetzter Schulbesuch eine so starke Anfordenmg 
an die geistigen und körperlichen Kräfte der Mädchen stellt, dass 
sie nach Abschluss dieser Zeit nothwendig einer Erholung oder doch 
einer wesentlichen Erleichterung bedürfen, und weil ein Mädchen, 
welches 9 Jahre Schulkenntnisse gesammelt hat, das Bedürfniss em- 
pfinden wird, seine weitere Bildung freier und selbständiger zu suchen, 
als es unter dem Zwange der Schule möglich ist. Aus letzterem 
Grunde wird empfohlen, der höheren Mädchenschule wahlfreie Lehr- 
kiu*se anzugliedern, in welchen die aus der Schule entlassenen Mäd- 
chen in freierer Weise Unterricht erhalten. Für höhere Mädchen- 
schulen mit weniger als 7 aufsteigenden Klassen ist allgemein fest- 
zuhalten, dass nur der Unterricht in einer fremden Sprache ver- 
bindlich sein darf, und dass die Theilnahme an dem Unterricht in 
einer zweiten fremden Sprache nur Schülerinnen gestattet werden 
darf, welche in allen anderen Fächern genügen. Die Höchstzahl 
sämmtlicher Unterrichtsstunden einer Woche beträgt für das 1. Schul- 
jahr 18, für das 2. 20, für das 3. 22, für das 4. 28 und für die 
folgenden 30. Nachstehend geben wir für die höhere Mädchen- 
schule das Verzeichniss der Lehrstunden nach den einzelnen Klassen 
und Unterrichtsgegenständen. 



») Centralblatt für die ges. ünterricbtsverw. 1887. p. 235. 



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ünterrichtspläne. 



45 





Unterstufe 


Mittelstufe 


Oberstufe 






IX 


VIII 


VII 


VI 


V 


IV 


III 


II 


I 


Religion 

Deutsch 

Französisch 

Englisch 

Rechnen 

Geschichte 

Erdkunde 

Naturwissenschaften . . 

Zeichnen 

Schreiben 

Handarbeit 

Singen 

Turnen ....... 


3 

10 

3 


3 
9 

3 

3 
2 


3 

8 

3 
2 

2 
2 

2 


3 
5 
5 

3 

2 
2 

2 
2 
2 
2 


3 
5 
5 

3 
2 
2 
2 

2 
2 
2 


3 
5 
5 

3 
2 
2 
2 
2 

2 
2 
2 


2 
4 
4 
4 
2 
2 
2 
2 
2 

2 
2 
2 


2 
4 
4 
4 
2 
2 
2 
2 
2 

2 
2 
2 


2 
4 
4 
4 
2 
2 
2 
2 
2 

2 
2 
2 


24 
54 

27 
12 
24 
10 
14 
12 

10(8) 
7 (9) 
14 

12 (18) 
18 (12) 




18 


20 


22 


28 


30 


30 


30 


30 


30 





Bezüglich der neuen Lehrpläne für die höheren Lehranstalten 
Tom 6. Januar 1892 bildet eine wesentliche Grundlage der erste 
Abschluss der Vorbildung mit dem 6. Jahrgange, um auf diese 
Weise der grossen Zahl von Schülern, die durch den Besuch von 
ÜB die Berechtigung zum einjährigen Militärdienst erworben haben 
und nun die Schule verlassen (nach der Statistik in Preussen von 
1889|90 über 40 ®/o), eine gewisse Abrundung der Bildung zu geben. 
Diese in diesem Punkte leider verfehlte Reorganisation erstrebt 
ferner vor Allem eine Verminderung der Gesammtstunden und eine 
Vermehrung der Turnstunden; das Deutsche hat durch Vermehrung 
der Stunden eine weitere Förderung erfahren und ist noch mehr in 
den Mittelpunkt des gesammten Unterrichts gerückt; die Stunden- 
zahl für das Lateinische ist an den Gymnasien um 15 und an den 
Realgymnasien um 11 wöchentlich vermindert; das Griechische hat 
4 Wochenstunden verloren; das Französische beginnt in gymnasialen 
und realgymnasialen Anstalten erst in IV und ist gleichfalls in seiner 
Stundenzahl vermindert. Der Wegfall des Zeichnens in VI ist durch 
den geringen Erfolg dieses Unterrichts auf dieser Stufe gerecht- 
fertigt. Wir geben nachstehend für die einzelnen Schulkategorien 
die Aenderungen, die durch die Pläne von 1882 gegen die vorher- 
gehende Zeit bewirkt wurden, und dann die ausführlichen Lehrpläne 
nach den Vorschriften von 1892 mit den durch sie noth wendig ge- 
wordenen Aenderungen gegenüber der Zeit seit 1882. 



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46 



ünterrichtepläne. 



Gymnasien. 
Gesammtzahl der Lehrstunden vor 1882 und nach den Lehrplänen von 1882. 



Bis 1882 



Nach 1882 



Aende- 
rangen 



Religion 

Deutsch 

Lateinisch 

Griechisch 

Französisch 

Geschichte und Geogpraphie 
Rechnen und Mathematik 
Naturbeschreibung . . . 

Physik 

Schreiben ..*... 
Zeichnen 



20 

20 

86 

42 

17 

25 

32 

8 

6 

6 

6 



19 

21 

77 

40 

21 

28 

34 

10 

8 

4 

6 



— 1 
+ 1 

— 9 

— 2 

+ 4 
+ 3 
+ 2 
+ 2 
+ 2 
-2* 
±0 



Zahl der Lehrstunden in den einzelnen Klassen und Unterrichtsgegenständen 
nach den Lehrplänen von 1892. 



VI 



IV 



HIB 



UIA 



IIB 



IIA 



IB 



lA 



^1 

od 






Religion 

Deutsch und Geschichts- 
erzählungen . . . 

Lateinisch 

Griechisch 

Französisch .... 

Geschichte und Erd- 
kunde 

Rechnen und Mathe- 
matik 

Naturbeschreibung . . 

Physik , Elemente der 
Chemie und Minera- 
logie 

Schreiben 

Zeichnen 



?) 



2 
25" 



f}» 



25 I 28 I 30 



30 



30 



28 



28 



28 



19 

26 

62 
36 
19 

26 



34 

8 



10 
4 

8 



±0 

+ 5 

-15 

— 4 

— 2 

— 2 



±0 



+ 2 
±0 

+ 2 



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Unterrichtspläne. 



47 



Realgymnasien. 
CJesammtzahl der Lebrstonden vor 1882 und nach den Lehrplänen von 1882. 



Bis 1882 



Nach 1882 



Aende- 
rungen 



Religion 

Deutsch 

Latein 

Französisch 

Englisch 

Geschichte und Geographie 
Rechnen und Mathematik . 
Naturbeschreibung . . . 

Physik 

Chemie 

Schreiben 

Zeichnen 



20 
29 
44 
34 
20 
30 
47 

34 

7 
20 



19 
27 
54 
34 
20 
30 
44 
12 
12 
G 
4 
18 



— 1 

— 2 

+ 10 
±0 
±0 
±0 

— 3 

— 4 

— 3 

— 2 



Zahl der Lehrstunden in den einzelnen Klassen und Unterrichtsgegenständen 
nach den Lehrplänen von 1892. 







^™™ 




^^'''^ 


^^ 


^^ 








g 


fl ^ 




VI 


V 


IV 


HIB 


niA 


IIB 


IIA 


IB 


lA 


es9 B 




Religion 


8 


2 


2 


2 


2 


2 


2 


2 


2 


19 


±0 


Deutsclt und Geschichts- 
























erzählungen . . . 1 


«^ 


?)» 


3 


3 


3 


3 


3 


3 


3 


28 


+ 1 


Lateinisch 


8 


8 


7 


4 


4 


3 


3 


3 


3 


43 


-11 


Französisch .... 


— 





5 


5 


5 


4 


4 


4 


4 


31 


-3 


Englisch 


— 


— 


— 


3 


3 


3 


3 


3 


3 


18 


— 2 


Geschichte und Erd- 


2 


^ 


{1 


2 


2 


2 


3 


8 


3 


28 


— « 


kunde 






2 


2 


1 












Rechnen und Mathe- 
























matik 


4 


4 


4 


5 


5 


5 


5 


5 


5 


42 


— 2 


Naturbeschreibung . . 


2 


2 


2 


2 


2 


2 


— 


— 


— 


12 


±0 


Physik 


— 


— 


— 


— 


— 


3 


3 


3 


3 


12 


±0 


Chemie und Minera- 
























logie 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


2 


2 


2 


6 


±0 


Schreiben 


2 


2 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


4 


±0 


Zeichnen 


— 


2 


2 


2 


2 


2 


2 


2 


2 


16 


— 2 




25 


25 


29 


80 


30 


30 


30 


30 


30 







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48 



Unterrichtspläne. 



Oberrealschulen *). 

Zahl der Lehrstunden in den einzelnen Klassen und ünterrichtsgegenst&nden 
nach den Lehrplänen von 1892. 





VI 


V 


IV 


HIB 


III A 


IIB 


IIA 


IB 


lA 


1 

tS3 


1 


Religion 

Deutsch und Geschichts- 
erzählungen ... 

Französisch .... 

Englisch 

Geschichte und Erd- 
kunde 

Rechnen und Mathe- 
matik 

Naturbeschreibung . . 

Physik 

Chemie und Minera- 
logie 

Schreiben 

Freihandzeichnen . . 


8 

ir 

6 
2 

.5 
2 

2 


2 

> 

6 
2 

5 
2 

2 
2 


2 

4 
6 

12 

6 
2 

2 
2 


2 

3 

6 
5 

2 
2 

6 
2 

2 


2 

3 

6 
4 

2 
2 

5 
2 
2 

2 


2 

8 

5 
4 

2 
1 

5 
2 
2 

2 

2 


2 

4 

4 
4 

3 

5 
3 
3 
2 


2 

4 

4 

4 

3 

5 
3 
8 
2 


2 

4 

4 
4 

3 

5 
8 
3 
2 


19 

34 

47 
25 

28 

47 
12 
13 

11 

6 

16 


±0 

+ 4 

— 9 

— 1 

— 2 

— 2 

— 1 

— 1 

+ 2 
±0 

— 8 




25 


25 1 


28 


30 


30 


80 


30 


30 


30 







Realschulen (höhere Bürgerschulen^). 

Für diese Schulen gilt der Lehrplan der Oberrealschule von 
VI — n B einschliesslich. Derselbe kann unter Berücksichtigung ört- 
licher Bedürfnisse jedoch dahin geändert werden, dass von VI — 11 
eine Verstärkung des Deutschen und dementsprechend eine Ver- 
minderung des Rechnens und der . Mathematik bezw. der Natur- 
wissenschaften oder des Französischen auf den bezüglichen Stufen ein- 
trete. Die Wochenstundenzahl für die einzelnen Klassen darf dadurch 
nicht erhöht werden. Eine der möglichen Formen eines solchen 
Lehrplanes ist nachfolgende: 



^) Diese Anstalten sind erst durch die Lehrpläne von 1882 organisirt. 



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üntenichtapläne. 



49 



Zahl der Lehrstonden in den einzelnen Klassen und Unterrichtsgegenständen 
nach den Lehrplänen von 1892. 



I 














g 


d ^ 




VI 


V 


IV 


III 


II 


I 


äl 


^1 


Religion 


3 


2 


2 


2 


2 


2 


13 


±0 


Deutsch und Geschichtserzäh- 


















lungen i 


^ 


t}^ 


5 


5 


4 


8 


28 


+ 7 


Französisch 


6 


6 


6 


5 


4 


4 


31 


- 9 


Englisch 


— 


— 


— 


5 


4 


4 


18 


±0 


Geschichte und Erdkunde . . . 


2 


2 


{? 


2 

2 


2 

1 


2 
2 


19 


— 3 


Rechnen und Mathematik . . . 


4 


4 


5 


5 


5 


5 


28 


- 1 


Naturbeschreibung 


2 


2 


2 


2 


2 


— 


10 


-3 


Naturlehre 


— 


— 


— 


— 


3 


5 


8 


+ 


Schreiben 


2 


2 
2 


2 
2 


2 


2 


2 


6 
10 


— ^ 


Freihandzeichnen 


-2 




25 


25 


28 


30 


29 


29 







Zu diesen Stunden treten bei allen Schulkategorien ferner als 
allgemein verbindlich hinzu je 3 Stunden Turnen in jeder Klasse 
und je 2 Stunden Singen in VI und V. Die für das Singen bean- 
lagten Schüler sind, Einzelbefreiungen auf Grund ärztlicher Zeug- 
nisse wie in VI und V vorbehalten, auch von IV — I zur Theilnahme 
an dem Chorsingen verpflichtet. An den Gymnasien wird zur Er- 
lernung des Englischen oder des Hebräischen in je 2 Stunden von 
IIA bis lA Gelegenheit gegeben; ebenso sind zur Fortsetzung des 
Zeichnens in je 2 Stunden bis zur obersten Klasse Veranstaltungen 
getroffen. An den Oberrealschulen und Realschulen wird als wahl- 
freies Fach das Linearzeichnen von IIIA bis I A, bezw. von III bis I 
in je 2 Stunden gelehrt. In den Realgymnasien, Oberrealschulen und 
Realschulen sollen die naturwissenschaftlichen Fächer in einer Hand 
vereinigt werden, um zu ermöglichen, jedem einzelnen dieser Fächer 
zeitweise die ganze Stundenzahl auch der anderen zuzuwenden. 

Der in den Berathungen der Decemberconferenz laut gewordene 
Vorschlag eines einheitlichen lateinlosen Unterbaues für alle höhere 
Schulen, in welchem als grundlegende Sprache das Französische oder 
Englische von VI ab gelehrt wird, das Lateinische aber erst später 
eintritt, ist in Frankfurt a. M. realisirt. Der Lehrplan der 3 unteren 
Klassen, VI, V, IV, ist für das (Jymnasium, das Realgymnasium und 

Baginsky, Schulhygiene, n. 3. Aufl. 4 



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50 Unterrichtspläne. 

die lateinlose höhere Schule derselbe. Französisch wird in VI, V 
und rV mit je 6 Stunden ertheilt. Lateinisch beginnt in HI. Hier 
tritt zwischen Gymnasium und Realgymnasium nur eine kleine Ver- 
schiebung des Lateinischen und Französischen ein, indem ersteres 
im Gymnasium, letzteres im Realgymnasium um je 2 Stunden höher 
angesetzt ist. Es kann also noch mit dem Beginn der IIB ein 
Uebertritt von der einen in die andere Anstalt erfolgen. Weiteres 
darüber in den sog. „Frankfurter Lehrplänen*. 

Von Interesse ist es, die zu der schon im Jahre 1882 erlassenen 
Verfügung mitgegebenen Erläuterungen des Ministers zu lesen, welche 
nicht allein das pädagogisch und wissenschaftlich zu erstrebende Ziel 
der Schulen kennzeichnen, sondern gleichzeitig überall den dringen- 
den Wunsch durchblicken lassen, dasselbe so zu erreichen, dass eine 
möglichst harmonische Entfaltung der in der Jugend geborgenen 
Fähigkeiten imd Anlagen zur Geltung komme. Naturgemäss liegt 
der Schulbehörde bei einer so hohen Auffassung der Aufgaben der 
Schule auch die Berücksichtigung des körperlichen Wohles der Kinder 
am Herzen, und so werden die LehrercoUegien dazu ermimtert, „in der 
Ausführung der revidirten Lehrpläne eine erneute Anregimg zu finden, 
ihrerseits dazu beizutragen, dass der in den Ueberbürdungsklagen 
hervorgetretene, das frische und frohe Leben der Schulen lähmende 
Gegensatz des Elternhauses zu den Forderungen der Schule einem Ein- 
klänge der beiden zum Zusammenwirken bestimmten Factoren weiche ''. 

An der Stundenzahl zeigen die Pläne von 1892 eine bescheidene 
Ermässigung gegen die früher in den höheren Schulen Preussens ein- 
geführten. Wenn auch von ärztlicher Seite nicht der Versuch gemacht 
werden soll, in die rein pädagogische Frage bezüglich einer Beschrän- 
kung des Lehrstoffes hineinzureden, so muss doch wiederholt die 
Forderung ausgesprochen werden, die Stundenzahl zu ermässigen. Es 
ist durchaus zu wünschen, dass die Gesammtstundenzahl für den 
untersten Jahrgang auf höchstens 18 pro Woche festgesetzt wird, 
dass in den folgenden Klassen die Stundenzahl nur allmählich fort- 
schreitet, und dass endlich in den obersten Klassen nicht mehr als 
täglich 5 Stunden, abgesehen von Singen und Turnen, gegeben 
werden. Wie wenig aber übrigens ärztliche Kreise dabei selbst im 
Stande sind, unter Berücksichtigung aller Verhältnisse eine Ermässi- 
gung der Stundenzahl zu vermitteln, geht am besten daraus hervor, 
dass das bekannte ärztliche Gutachten für Elsass-Lothringen ^) auf 
fast dieselbe Stundenzahl hinauskommt. Dasselbe verlangt: 

') p. 45. 

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Unterrichtspl&ne. 



51 



Während der Lebens- 
jahre 

7, 8 

9 . . • 

10, 11 

12, 13, 14 

15, 16, 17, 18 . . . 



Klasse 



Sitz- 
stunden 



Singen 



Turnen 



Summa 



IX, VIII 

VII 

VI, V 

IV, III 

n, I 



18 
20 
24 
26 
30 



2 
2 
2 



2-3 
2 
2 



21-21Va 
23— 23V2 
28—29 
30 
34 



Es ist für die Hygiene thatsächlicli auch schwer, an dieser Stelle 
kategorisch eine weitere Herabminderung der dem geistigen Unter- 
richte gewidmeten Stundenzahl zu fordern, weil sie Gefahr läuft, an- 
scheinend Unmögliches damit zu erstreben; indess muss es wenigstens 
als ein fortdauernder Wimsch ausgesprochen werden, weitere Ein- 
schränkungen eintreten zu lassen und diejenigen Stunden, welche der 
geistigen Arbeit entzogen werden, der körperlichen Uebung zuzuwenden. 

Vielleicht wird mit der fortschreitenden Entwickelung der Päda- 
gogik, der Verbesserung der Lehrmethoden und der Erfindung neuer 
Lehrmittel manche Verbesserung noch statt haben können, welche 
unserer Schuljugend zu Gute kommt. Vielleicht würde es auch in den 
Volksschulen möglich sein, einzelne Stunden für die Erholung zu 
erringen, welche jetzt noch für den Unterricht in Anspruch genommen 
werden. Die Ziele, welche von der Mehrzahl der Behörden in 
fast sämmtlichen Culturstaaten augenblicklich wenigstens angestrebt 
werden, sind, wenn MissgriflFe vermieden werden, mit den hygienischen 
Anforderungen in Einklang zu bringen, und man kann sich der Hoff- 
nung hingeben, dass mehr als in den vorangegangenen Jahrzehnten 
das Literesse einer gedeihlichen Entwickelung der Jugend zur Gel- 
tung gelangen wird. 

Bei den Unterrichtsplänen haben wir ferner noch die Dauer der 
SchuUection oder, wie man sie besser nennt, der Unterrichtseinheit 
und die Anordnung der Unterrichtsgegenstände zu berücksichtigen. 

Die Dauer der Unterrichtseinheit war bisher immer mit 
der bürgerlichen Stunde identificirt, ohne dass man sich darum 
kümmerte, ob auch der Schüler im Stande sei, mit Aussicht auf den 
unterrichtlichen und erziehlichen Erfolg, den man erstrebt, und ohne 
Schaden an seiner Gesundheit den Unterricht von solcher Dauer zu 
empfangen. Aus der täglichen Beobachtung, dass bei gleichförmiger 
geistiger Anstrengung die Leistungsfähigkeit der Schüler wesentlich 
abnimmt, bevor eine volle Stunde abläuft, und dass auch eine Ver- 
schlechterung der Körperhaltung eintritt, je länger gesessen werden 



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52 Unterrichtspl&ne. 

muss, sind in früherer Zeit hin und wieder Vorschläge zu einer Ver- 
kürzung der Unterrichtseinheit gemacht worden. So giebt Falk an, 
dass sich eine Lectionsdauer von 40 Minuten als Einheit bewährt habe, 
dass aber für das 1. Schuljahr eine Pause nach einer halben Stunde 
als zweckmässig erscheine; diese Vorschläge sind mehr dem ärzt- 
lichen Empfinden des Autors als einer auf directe Beobachtung ge- 
gründeten Erfahrung entsprungen; daher liegt in denselben immerhin 
ein gewisser Grad von willkürlicher Entschliessung. Zwez sucht 
Gründe in den Gefahren des langen Sitzens und wünscht, dass man 
nach einer halben Stunde Schreibsitzen einen Unterricht eintreten 
lasse, bei dem die Kinder eine andere Körperhaltung einnehmen 
können. Das »Aerztliche Gutachten" ^) weist auf die geistige Er- 
müdung hin, namentlich darauf, dass eine Stunde angestrengter Auf- 
merksamkeit schon für Erwachsene schwierig sei, wie viel mehr für 
Kinder; demnach müsse in allen Lehrstunden darauf Bedacht ge- 
nommen werden, dass die geistigen Verrichtungen, welche mit ge- 
spanntem Aufmerken oder eigener Denkübung des Kindes yerbunden 
sind, mit anderen leichten Arbeiten abwechseln. Dazwischen sollten 
Augenblicke eintreten, wo die Kinder sich körperlich rühren können, 
bei den Kleinen alle 10 Minuten, bei den Grösseren alle 15 — 20 Minuten. 

üeber die Frage nach der geeignetsten Dauer der Unterrichts- 
einheit werden wir ein bestimmtes, wohlbegründetes Urtheil nur 
dann fällen können, wenn wir die fortschreitende Ermüdung während 
des Unterrichts genau kennen. Die jüngste Zeit hat sich mit der- 
artigen, in das Gebiet der Psycho-Physiologie gehörigen Prüfungen 
der Ermüdung eingehend und nach den verschiedensten Richtungen 
hin mit mannigfachen Methoden beschäftigt. Wir werden Gelegen- 
heit haben, auf diese Arbeiten bei der Frage der Ueberbürdung 
noch eingehend zurück zu kommen und erwähnen hier nur so viel 
davon, als zweckmässig scheint, bei der Frage über die Einrichtung 
des Unterrichts zur Aufklärung zu dienen. 

Von vornherein muss ich erwähnen, dass ich allen bisher ge- 
wonnenen Ergebnissen über die Ermüdung in der Schularbeit mit 
grosser Skepsis gegenüberstehe. 

Wie ^ch glaube, gestatten die gegenwärtig vorliegenden Er- 
müdungsmessungen nur in vorsichtigster Anwendung eine Entschei- 
dung über die wahren Vorgänge, aber vielleicht bezeichnen sie 
wenigstens den Weg, auf dem es gelingen wird, einen tieferen Ein- 



*) Elementarschulwesen Elsass-Lothringens. p. 64. 



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UnterrichtsplSjie. 



53 



blick in die psycho-physischen Vorgänge bei der Arbeit der Schul- 
kinder zu gewinnen. Die Untersuchungen von Burgerstein stellten 
sich im Speciellen die Aufgabe, den Gang der Arbeitsfähigkeit inner- 
halb einer Unterrichtsstunde zu erforschen. Er bildete aus Rechen- 
aufgaben 4 nach Quantität und Qualität gleiche Arbeitsstücke, die in 
je 10 Minuten ausgeführt werden sollten, so dass die ganze Arbeit 
einschliesslich der dazwischen liegenden kurzen Pausen eine Stunde 
ausfüllte. Bei der Durchsicht dieser von 11 — 13jährigen Kindern 
ausgeführten Arbeiten wurde sowohl die Quantität der Lastung, 
d. h. die Zahl der gerechneten Ziffern, als auch die Qualität, d. h. 
die Zahl der Fehler und die Zahl der Correcturen in Betracht 
gezogen. Die meisten von den Fehlem, die bezüglich ihres Ur- 
sprungs eine Deutung zulassen, sind nach Burgerstein solche, 
9 die ihre Entstehung dem Umstände verdanken, dass kurz vorher 
eine öfter oder einmal genannte oder gedachte Ziffer fälschlich in 
Verwendung genommen wird, dass nicht vorhandene Reste, die viel- 
leicht früher einzuzahlen waren, zugezählt werden, dass Operationen 
verwechselt, Reste einzuzählen vergessen, einander ähnliche Ziffer- 
bilder verwechselt werden, eine Ziffer richtig berechnet, aber falsch 
aufgeschrieben wird u. s. w/ Diese Erklärungen weisen auf ge- 
schwächte Fähigkeit hin, eben Vorgekommenes noch fest im Be- 
wusstsein zu halten, so das unrichtige Einwirken früher vorge- 
kommener Ziffern und das Zuzählen von Resten. Auf geschwächte 
Wahrnehmungsfähigkeit speciell deutet das Verwechseln der Ziffer- 
bilder und der Operation. Es giebt sich also in diesen Erscheinungen 
vielleicht einigermassen die Wirkung der Ermüdung kund. Das 
Corrigiren setzt das Wahrnehmen des Fehlers zur rechten Zeit vor- 
aus, also noch dann, wenn der Schüler noch das betreffende Stück 
der Operation im Bewusstsein hat. Wird die Zahl der Correcturen 
geringer und gar die Fehlerzahl grösser, so kann dies als ein 
Zeichen herabgesetzter Leistungsfähigkeit bezw. stärker wirkender 
Ermüdung gedeutet werden. Aus Burgerstein's Resultaten er- 
giebt sich folgende Zusammenstellung: 





Anzahl der 


Fehlerfrei rech- 


Arbeitsstück 


gerechneten 
Ziffern 


Fehler 


Correcturen 


nende Schüler 
in Procenten 


1 
2 
3 

4 : 


28267 
32477 
35443 
89450 


851 
1292 
2011 
2360 


370 
577 
743 
968 


12,9 
4,3 
2,7 
2,4 



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Ziffern 


FeUer 


Correcturen 


1. Arbeitsstück zum 2. um 14,8 


51,5 


58,2 


1. . , 3. , 25,3 


136,3 


162,8 


1. , . 4. , 39,5 


177,3 


194,0 



54 Unterricbtspläne. 

Diese Tabelle zeigt zunächst, dass die Zahl der gerechneten 
Ziffern mit jedem Zeitstück grösser wird; die Quantität der Leistung 
ist gesteigert. Diese Thatsache lasst sich erklaren aus der Uebung, 
welche bei jeder längere Zeit währenden Beschäftigung mit einer 
Arbeit zu schnellerem Arbeiten fQhrt. Ist aber die Erschöpfung 
erreicht oder nahezu erreicht, so wird ein Nachlassen in der Arbeits- 
quantität bemerkbar sein. Der Zunahme der quantitativen Leistung 
steht aber eine Abnahme der qualitativen Leistung g^enüber, die 
sich darin zeigt, dass mit jedem Zeitstück die Zahl der Fehler und 
Correcturen zunimmt und die Zahl der fehlerfrei rechnenden Schüler 
sich vermindert. Es nimmt zu in Procenten die Anzahl der 



vom 



Der Qesammteffect der Leistung wird, wie ersichtlich, keineswegs 
grösser, da die Zunahme an Fehlem verhältnissmässig weit höher 
ist als jene an Ziffern. Im 3. Zeitstück ist die Zunahme der Fehler 
am grössten, die Zunahme der Correcturen am geringsten. Diese 
Ergebnisse zeigen an, dass innerhalb der 3. Viertelstunde auf dieser 
Entwickelungsstufe die Fähigkeit des Rechnens beträchtlich gesunken 
ist, und es wird dies von Bürgerst ein als ein Beweis für das 
Nachlassen der geistigen Leistungsfähigkeit gedeutet; bei den schwä- 
cheren Kindern ist das Optimum der Leistimg bereits vor Ablauf 
von drei Viertelstunden erreicht. — Höpfner, der seine Unter- 
suchungen an ein aus 19 der Schwierigkeit nach annähernd gleichen 
Sätzen bestehendes Dictat anknüpft, berechnet, dass die Fehler von 
4 zu 4 Sätzen um IV steigen. Kräpelin kommt durch seine mit 
Rechenaufgaben ausgeführten Ermüdungsmessungen zu ähnlichen 
Resultaten. Zwar sind die Arbeitsleistungen der einzelnen Personen 
ausserordentlich verschieden, aber es zeigt sich doch allgemein, dass 
die Leistungsfähigkeit während der ersten Arbeitszeit bis zu einer 
gewissen Grenze steigt imd dass jenseits derselben eine Abnahme 
in den Leistungen eintritt. Veranlasst man nun ein Kind, das den 
Höhepunkt seiner Leistungen überschritten hat, zu weiteren Arbeiten 
so werden diese nicht nur relativ geringer, sondern es wird auch 
die Ermüdung so bedeutend gesteigert, dass zu ihrer völligen Be- 
seitigung eine wesentlich längere Erholungszeit nothwendig ist 
als wenn die Unterbrechung der Arbeit bald nach Ueberschreitunjr 



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Unterrichtspläne. 55 

des Höhepunktes eintritt. — Bei der im Grossen sich äussernden 
Oleichmässigkeit der Ergebnisse, gewonnen bei verschiedenartiger 
Prüfungsmethode, wird man nicht umhin können, denselben einen 
gewissen Grad innerer Wahrheit und Richtigkeit zuzuerkennen. Ob 
indess in letzter Linie diese Ergebnisse für den Schulunterricht 
wirklich Bedeutung haben, ist eine ganz andere Frage. — Es ist 
nämlich zu bedenken, dass der Schulunterricht sich wesentlich 
anders gestaltet als diese Versuche. Das stundenlang fortgesetzte 
Addiren einstelliger Zahlen, welches Eräpelin anwendet, die Ad- 
ditionsübungen, sowie die Multiplicationsaufgabeu mit einstelligem 
Multiplicator, die Burgerstein gebraucht, sind einförmige, inter- 
esselose Arbeiten, bei denen die Lust an der Arbeit verschwindet; 
die entstehenden Unlustgefühle setzen die geistige Spannkraft herab 
und beschleunigen das Eintreten der Ermüdung. Wenn Bur ger- 
ate in auch nach je 10 Minuten Thätigkeit eine 5 Minutenpause 
eintreten lässt und dadurch seine Versuchsreihe dem Unterricht inner- 
halb einer Schulstunde möglichst gleich gemacht zu haben glaubt, 
80 bleiben doch noch immer 40 Minuten für gleichförmige Arbeit, 
also eine Zeit, die im Schulunterricht in ähnlicher Einförmigkeit nur 
äusserst selten ausgefüllt wird. Der Versuch erfordert überdies, dass 
die Aufmerksamkeit dauernd, mit gleicher Stärke und stets in der 
gleichen Richtung sich bethätigt; nicht so aber der Unterricht. 
Diesen Unterschied zwischen Versuch und Unterricht betonen nun 
auch schon Richter und Schiller. Ersterer^) weist darauf hin, 
dass Versuche der geschilderten Art das Denken des Schülers genau 
in der gleichen Richtung in Anspruch nehmen, dass sie alle Schüler 
dauernd zu dem gleichen Grade geistiger Anstrengung zwingen, und 
dass sie überdiess noch die Kinder während der ganzen Arbeit zu 
einer bestimmten, die Ermüdung steigernden Körperhaltung nöthigen. 
Diese einförmige, den höchsten Anspannungsgrad erfordernde und, 
wie man wohl voraussetzen darf, auch immer die gleichen Elemente 
des Nervensystems in Anspruch nehmende geistige Thätigkeit führt 
in Verbindung mit der durch die gleiche Körperhaltung nothwendigen 
Anstrengung derselben Muskeln unbedingt zu baldiger Ermüdung. 
Dem gegenüber verläuft der reguläre Schulunterricht in viel grösserer 
Abwechselung. Es wechseln innerhalb eines sorgsam entworfenen 
Stundenplanes schwerere und leichtere Unterrichtsgegenstände ab. 
Innerhalb desselben Stoffgebietes wechselt auch die Richtung, jn 



*) Richter, Unterricht und geistige Ermüdung. Halle 1895. p. 13. 

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56 Unterrichtspläne. 

welcher die Aufmerksamkeit thätig sein muss, da auf längere Zeit 
nicht ein und dasselbe Object betrachtet, nicht die gleiche üebung 
vorgenommen wird. Anschauung, Erläuterung, Einübung und Dar- 
stellung wechseln mit einander ab. Wie die Objecte der Aufmerk- 
samkeit mannigfaltig sind, so auch der letzteren Arten und Grade. 
Die geistige Spannung der Schüler ist ausserordentlich abgestuft, je 
nachdem die Kinder sich mehr selbstthätig oder mehr aufiiehmend 
zu verhalten haben. Wenn ein Gedicht gelesen, aus Geschichte oder 
Geographie erzählt wird u. s. w., so ist dies doch bezüglich der Auf- 
merksamkeit wesentlich leichter, als wenn das Eind die gleiche Art 
von Aufgaben thunlichst schnell rechnen muss. Aber auch hinsicht- 
lich der Körperhaltung veranlasst der gewöhnliche Unterricht einen 
häufigen Wechsel. Selbst wenn das Kind eine ganze Zeit hindurch 
gerade sitzen muss, so ist es ihm doch möglich, zeitweilig einzelne 
Muskeln ausser Thätigkeit zu setzen und ausruhen zu lassen. Diese 
wesentlichen Unterschiede zwischen den Versuchen und eigentlichem 
Schulunterricht sind es also, die nicht zulassen, dass die Ergeb- 
nisse der bezeichneten Ermüdungsmessungen ohne Weiteres auf den 
Schulunterricht übertragen werden. — Wie die geistige Ermüdung, 
so giebt uns auch die in Vorstehendem berührte körperliche Er- 
müdung einen Anhalt, die Dauer der Unterrichtseinheit zu bestim- 
men. Von allen bei der Schularbeit in Betracht kommenden Körper- 
haltungen ist es besonderes die Schreibhaltung, die anstrengend und 
ermüdend wirkt (weiteres s. das Sitzen Band I p. 551 ff.). Wie 
Zwez, so fordern auch Berlin und ßembold, dass das Schreiben 
in den ersten Schuljahren nicht länger als V« Stunde währe, wo- 
bei die Schreibthätigkeit jedesmal nach 5 — 10 Minuten imterbrochen 
werde. Infolge seiner Beobachtung, dass die Körperhaltung der 
schreibenden Kinder immer schlechter wird, je länger diese Thätig- 
keit währt, wünscht Seggel, dass die Kleinen nicht länger als 
15 Minuten schreiben. Auch die Ermüdung des Auges bei Nah- 
arbeit ist in Betracht zu ziehen. Po eller hat durch seine Ver- 
suche, die sich auf die Ermittelung der bei längerer Anstrengung 
des Auges eintretenden Netzhautermüdung beziehen, nachgewiesen, 
dass schon nach ^/i — Istündiger Sehanstrengung ein auf Verminde- 
rung des deutlichen Sehens gerichteter Zustand eintritt, der mit zu- 
nehmender ununterbrochener Sehdauer immer stärker wird, und er 
fordert deshalb, dass anstrengendes Nahesehen nicht länger als ^/4 
bis 1 Stunde währen darf. 

Zieht man alle diese Beobachtungen in Betracht, so wird man 



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ünterrichtepläne. 57 

yielleicht in den Mittel- und Oberklassen die Dauer der Unterrichts- 
einheit von 45 — 50 Minuten nicht als zu lange bezeichnen können, 
weil sich hier eine gewisse Mannigfaltigkeit der geistigen Thätig- 
keit erreichen lässt, wie auch ein Wechsel in den Objecten des 
Unterrichts innerhalb des einzelnen Gegenstandes möglich ist. — 
Anders stellt sich die Sache in den Unterklassen. Hier ermüden 
die Kinder viel schneller als in den Oberklassen, deren Schüler schon 
an geistiges Arbeiten gewöhnt und im Oanzen widerstandsfähiger 
sind. Dazu kommt noch, dass hier die Arbeit, namentlich im Lesen, 
Schreiben und Rechnen, nicht so mannigfaltig ist als auf den höheren 
Stufen, und dass sie in Folge dessen viel leichter ermüdend wirkt. 
Daher muss das Bestreben, in den Unterklassen die Unterrichts- 
einheiten in ihrer Dauer zu beschränken, als ein wohlberechtigtes 
anerkannt werden. Da es wegen der damit verbundenen Störungen 
nicht angeht, die Pausenordnung für die einzelnen Klassen eines 
Schulhauses wesentlich verschieden zu gestalten, so wird das Arrange- 
ment dahin zu treffen sein, dass die allgemein festgesetzte Lections- 
dauer in den unteren Klassen durch eine kurze Pause in zwei Hälften 
getheilt wird. So gestatten die Bestimmungen fOr das höhere 
Mädchenschulwesen vom 31. Mai 1894, dass die Religionsstunde in 
IX. und Vm. Klasse in 2 halbe Stunden getheilt werde, und die Lehr- 
pläne für die höheren Schulen vom 6. Januar 1892 empfehlen für die 
unteren Stufen die Zerlegung der 3 Turnstunden in 6 halbe Stunden. 
Lehrer Zimmermann hat Schüler des 3. Schuljahres seit 2 Jahren 
in halbstündigen, oft auch noch kürzeren Lectionen unterrichtet und 
die Erfahrung gemacht, dass man z. B. im Rechnen in 6 halb- 
stündigen Lectionen pro Woche mehr erreicht als in 4 Vollstunden, 
ebenso auch im Lesen und in anderen Gegenständen. Während der 
kurzen Pause befriedigen die Kinder in dringenden Fällen ihre natür- 
lichen Bedürfnisse; sie nehmen eine andere Körperhaltung ein, als 
sie bis dahin hatten, und beseitigen dadurch die Ermüdung. 

Akbroit^) gewährt in der von ihm geleiteten Schule in Odessa 
Pausen von 25 Minuten, die nach der 1. Stunde mit Gesang, nach 
der 2. mit Gymnastik und nach der 3. mit Massenspielen ausgefüllt 
werden. 

Bei der Aufeinanderfolge der Lehrgegenstände haben 
wir vor Allem die Schwierigkeit der Fächer in Betracht zu ziehen. 
Wenn auch durch die allgemeine Erfahrung die verschiedene Schwierig- 

*) Akbroit, Mein Schulsystem und die hygienische Schulbank. Hygie- 
nische Rundschau. 1898. Nr. 5. 



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58 ünterrichtspläne. 

keit der einzelnen ünterrichtsgegenstände bekannt geworden ist, so 
hat man doch auch versucht, durch die Ermüdungsmessungen in 
dieser Beziehung zu bestimmteren Ergebnissen zu kommen. — Es 
muss indess sofort berücksichtigt werden, dass die Schwierigkeit 
des einzelnen Faches nicht allein yon dem Lehrstoffe abhängt, sondern 
auch von der Vortrags- und Unterrichtsweise des Lehrers, von der 
pädagogischen Oeschicklichkeit desselben und von der ganzen Art und 
Weise, wie der Gegenstand betrieben wird. So kann z. B. die trockene 
Behandlung der mathematischen Geographie ausserordentlich ermüdend 
wirken, eine anziehende Darstellung derselben sie dagegen zu einem sehr 
interessanten imd fesselnden, die Ermüdung ausschliessenden Objecte 
gestalten. Ln Deutschen ist Grammatik anstrengend, während Lektüre 
nur selten zur Abspannung führt. Wie der Einfluss der Lehrbehand- 
lung sich in verschiedener Form zeigt, so kann auch durch die In- 
dividualität des Schülers ein verschiedener Grad der Ermüdung bei 
ein und demselben Gegenstande entstehen. Schüler, die gespannt 
aufmerksam sind und gute Leistungen erzielen wollen, werden auch 
bei leichten Gegenständen schneller müde, als unaufmerksame Schüler 
bei den schwierigsten Fächern. Femer ist auch das Literesse, das 
die Schüler dem Fache entgegenbringen, sei es, dass sie eine be- 
sondere Vorliebe für dasselbe haben, sei es, dass sie den Gegen- 
stand f[ir die Absolvirung der Schule und ihre spätere Zukunft für 
bedeutungsvoll halten, wesentlich und bedeutungsvoll für den Zeit- 
punkt und den Grad eintretender Ermüdung. Dies Alles sind Dinge, 
die bei der Abmessung der Eigenart, zu ermüden, in Frage kommen, 
und die den Werth der Ermüdungsmessungen und ihre Ergebnisse 
störend beeinflussen. 

Griesbach hat die Verminderung des Empfindungsvermögens 
der Haut zum Maassstab seiner Ermüdungsmessungen genommen und 
bei der daraufhin gerichteten Untersuchung für die einzelnen Fächer 
geglaubt Folgendes feststellen zu können. — Es erwiesen sich als 

schwer: Latein, Französisch, Englisch, Geometrie, Rechnen; 

schwer bis mittelscbwer: Deutsch, Naturlehre, Geschichte; 

mittelschwer: Geographie; 

mittelschwer bis leicht: Naturgeschichte, Religion; 

leicht: Zeichnen, Schreiben. 

Wagner stellt nach Maassgabe des durchschnittlichen Ermü- 
dungsgrades folgende Tabelle für die Ermüdungskraft der betreffenden 
Fächer auf: Wenn die Ermüdungswirkung der Mathematik = 100 
gesetzt wird, so soll nach ihm die von Latein 91, Griechisch 90, 



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Unterrichtspläne. 59 

Turnen 90, Geschichte 85, Geographie 85, Rechnen 82, Französisch 82, 
Deutsch 82, Naturkunde 80, Zeichnen 77, Religion 77 sein. Ebbing- 
haus kam bei seinen Untersuchungen zu abweichenden Ergebnissen, 
indem nach altsprachlichem Unterricht die Leistungen, sowohl quanti- 
tativ als qualitativ, besser waren als nach dem Unterricht in anderen 
Fächern. — Man erkennt, wie widerspruchsvoll die Ergebnisse aus 
derartigen Untersuchungen zu sein vermögen. 

Wie dem nun aber auch sei, ob man aus den pädagogischen 
Erfahrungen heraus zu anderen Ergebnissen gelangt — gleichviel — 
man wird naturgemäss als erste Regel bei der Anordnung der Unter- 
richtsgegenstände darauf zu achten haben, dass schwierige Fächer mit 
leichteren abwechseln, und man wird die unmittelbare Aufeinander- 
folge von Lehrstunden, welche das intensive Denken der Kinder vor- 
zugsweise in Anspruch nehmen, zu vermeiden haben. — Vom hygie- 
nischen Standpunkte wird ferner der Wunsch zu äussern sein, dass 
man mit den schwierigen Gegenständen stets am Morgen beginne ; bei 
noch frischen Kräften wird es dem Kinde leichter werden, zu be- 
greifen, und Schüler wie Lehrer werden leichtere Arbeit haben, wenn 
der Unterrichtsplan darnach eingerichtet ist. Man verlege also in 
den Volksschulen das Rechnen und den Unterricht der deutschen 
Sprache in die ersten Morgenstunden; die späteren Tagesstunden 
mögen mit dem Religions-, Schreib- und Gesangunterricht ausgefüllt 
werden. In den höheren Schulen, Gymnasien und Realschulen, werden 
analoge Anordnungen bezüglich des mathematischen Unterrichts, des 
Unterrichts in Latein und Griechisch zu treffen sein. 

Es möge weiterhin auch darauf Bedacht genommen werden, 
dass derselbe Unterrichtsgegenstand nicht in 2 auf einander folgenden 
Schulstunden gelehrt werde, und dass besonders in den unteren 
Stufen niemals zwei Unterrichtsgegenstände, welche angestrengtes 
Schreibsitzen erfordern, neben einander gelegt werden. Die Gefahren 
des dauernden Schreibsitzens werden ims noch weiterhin zu beschäf- 
tigen haben. — Man hat stets zu berücksichtigen, dass der Erfolg 
des Unterrichts davon abhängig ist, dass man mit einem frischen, 
nicht ermüdeten Kinde zu thun habe. Erzwungene Leistung führt 
aber beim Schreiben am ehesten zu fehlerhaften Haltungen, welchen 
die Gewohnheit Dauer und Stetigkeit giebt; auch dürften die Augen 
derjenigen energischen Anstrengung, welcher sie bei Schülern im 
ersten Schreibunterricht ausgesetzt sind, nicht gewachsen sein. So 
ist Grund genug vorhanden. Schreibstunden aus einander zu legen. 

Es ist früher schon darauf hingedeutet worden, dass man den 



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60 Unterrichtfipiane. 

Unterricht bei Lampenbeleuchtung möglichst zu vermeiden habe, 
und wir werden des Weiteren noch auf die jetzt so vielfach ven- 
tilirte Fordenmg, den Nachmittagsunterricht gänzlich wegfallen zu 
lassen, zurückkommen ; wir wollen an dieser Stelle nur hervorheben, 
dass man Schreib- und Zeichenstunden, überhaupt alle diejenigen 
Lehrfächer, bei welchen von Schreibmaterialien ausgiebiger Gebrauch 
gemacht wird, in die Zeit der besten Tagesbeleuchtung, im Winter 
also in die Nähe der Mittagsstunden verlegen möge Auch der 
Unterricht in den weiblichen Handarbeiten darf niemals bei Lampen- 
licht statt haben, sondern beansprucht die beste Tagesbeleuchtung. 
Feinere Handarbeiten, welche eine erhebliche Anstrengung des Augen- 
lichtes erheischen, dürfen selbst nicht an trüben Wintertagen geübt 
werden, so Sticken oder feines Nähen. 

Unter vorwiegender Berücksichtigung der hygienischen Anforde- 
rungen giebt Schiller in seinem Buche: »Der Stundenplan*, eine 
Reihe von Lectionsplänen, bei deren Gestaltung folgende Grundsätze 
obwalten: Die 1. Stunde ist den schriftlichen Klassenarbeiten vor- 
behalten, so dass alle diejenigen Fächer, welche regelmässig solche 
anfertigen lassen, je eine Anfangsstunde zur Verfügung erhalten. 
Die 2. Stunde fäUt dem vorwiegend concentrirenden und beobachten- 
den Unterricht in Religion, Deutsch, Geschichte, Geographie und 
Zeichnen zu, die 3. Stunde dem mathematischen und fremdsprach- 
lichen, die 4. Stunde hauptsächlich dem fremdsprachlichen, die 
5. Stunde dem naturwissenschaftlichen Unterricht, dem Zeichnen, 
Schreiben, Singen und Spielen. 

Ob nun gerade diese Anordnung gewählt wird, oder je nach 
Berücksichtigung der Lehrkräfte und des Schülermaterials eine andere, 
kann vielleicht nicht inuner von weittragender Bedeutung sein. 
Wenn nur in der Anordnung des Lernstoffes die Grundsätze, welche 
im Voranstehenden als maassgebende imd nothwendige sich entwickelt 
haben, im Princip zur Anerkennung und zu praktischer Durchfüh- 
rung kommen. 

Pansen. 

Haben wir in den Auseinandersetzungen des voranstehenden 
Abschnittes auch die aus den Ermüdungsstudien gefolgerten Schlüsse 
der einzelnen Autoren nicht vollkommen und nur mit Vorsicht an- 
zuerkennen vermocht, so haben wir auf der anderen Seite doch 
ohne Weiteres der Ueberzeugung Ausdruck geben können, dass die 
Ermüdung der Schüler nach einem etwa 40 — 50 Minuten lang 



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Pausen. 61 

dauernden Unterricht zweifellos ist. Das lehrt jeden geistigen Ar- 
beiter, selbst den geistig hoch entwickelten und geübten Menschen 
die alltägliche Erfahrung. Man braucht sich nur der Ermüdungs- 
empfindungen selbst bei fesselnden wissenschaftlichen Vorträgen zu 
erinnern; um so mehr trifit es für die Einderwelt in der Schule 
zu. — Die Fortsetzung des Unterrichts über das erwähnte Maass 
hinaus würde, rein pädagogisch betrachtet, für den Lehrer quälerisch, 
für den Schüler nutzlos, unfruchtbar imd völlig verloren sein. Unter 
solchen Verhältnissen ist die Möglichkeit eines Unterrichts in einer 
Reihenfolge von Stunden nur gegeben, wenn zeitweilige Unter- 
brechungen eintreten, Ruhepunkte zwischen den einzelnen Schul- 
stunden — sog. Pausen. — Sie sind erforderlich, damit die durch 
die vorangegangene Thätigkeit hervorgerufene Ermüdung beseitigt 
wird und der nun nachfolgende Unterricht tmter möglichst ver- 
minderter Herabsetzung der Leistungsfähigkeit begonnen werden 
kann. Diese Aufgabe wird aber nur zu erreichen sein, wenn die 
Pausen richtig angeordnet und auch von entsprechender Dauer sind. 
Denn a priori leuchtet ein und geht aus den alltäglichen Erfah- 
rungen jedes thätigen Menschen hervor, dass mit der Unterbrechung 
der Arbeit, dieselbe sei welcher Art sie wolle, geistiger oder me- 
chanischer Natur, ein gewisser Grad von Erfrischung und Resti- 
tuirung der Kräfte statt hat. Man kann auch ohne eingehende Er- 
müdungsprüfungen aus der Erfahrung heraus es aussprechen, dass 
zum Mindesten mit Wahrscheinlichkeit dasjenige, was durch die 
Pausen an Unterrichtsdauer verloren geht, durch bessere Leistungen 
während der nun nachfolgenden Unterrichtszeit wieder aufgewogen 
werden wird. — Pausen sind ebenso wegen der geistigen Ermüdung, 
wie auch aus Rücksicht auf die körperliche Ermüdung der Kinder 
nothwendig. Selbst der Körper eines erwachsenen Menschen wäre 
der Strapaze, welche mit einem fünfstündigen ununterbrochenen Sitzen 
verbunden ist, nicht gewachsen, geschweige der der Kinder. Sitzen 
ist, wie wir schon im ersten Bande (p. 551 ff.) aus einander gesetzt 
und noch weiter in einem der nächsten Capitel werden zu entwickeln 
haben, keine Ruhelage, und die dabei in Thätigkeit tretenden Mus- 
keln müssen schliesslich erlahmen, selbst in den besten Schulbänken. 
Es muss also der Schuljugend die Möglichkeit gewährt werden, die 
ermüdeten Glieder zu strecken, andere Muskelpartien in Thätigkeit 
zu setzen, die Brustorgane und den Unterleib von dem auf ihnen 
beim Sitzen lastenden Druck zu befreien, frei und tief zu athmen, 
das Blut in lebhafte Circulation zu bringen, dem Auge durch das 



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62 Pansen. 

Sehen in die Weite eine Erholung gegenüber den Anstrengungen 
des Nahesehens bei Dauerarbeit zu gewähren. — Und auch der Lehrer 
bedarf der Pausen. Dass ein ununterbrochener Unterricht durch fünf 
volle Stunden eine auf die Dauer unmögliche Leistung für den Lehrer 
wäre, leuchtet Jedem ein, welcher in der Lage war, einmal zu unter- 
richten. — Pausen sind auch nothwendig, um die Klassenzimmer zu 
lüften. Wir haben in dem Abschnitt (Bd. I p. 494 S.\ der von der 
Lüftung handelt, gelernt, bis zu welchem Grade die Luftverschlechte- 
rung in den Schulstuben während des Unterrichts vorschreitet und 
wie schädlich dieselbe auf den menschlichen Organismus einwirkt. 
Einfügung und Dauer der Pausen muss den Zwecken ent- 
sprechen, die durch diese Unterbrechungen des Unterrichts erreicht 
werden sollen. Während frühere Verordnungen, die sich der hygie- 
nischen Bedeutung cPer Pausen noch nicht voll bewusst sind, der 
Lage imd Dauer dieser Ruhezeiten wenig Beachtung zuwenden, ist 
dies mit der Verbreitung schulhygienischer Kenntnisse wesentlich 
anders geworden. Früher begnügte man sich in der Regel mit 
einer etwas längeren Pause innerhalb des Vormittagsunterrichts, 
und diese Freizeit war hauptsächlich in Rücksicht auf die Befriedi- 
gung der natürlichen Bedürfnisse der Schüler angeordnet ; dem gegen- 
über geht gegenwärtig die Neigung dahin, nach jeder Unterrichts- 
stunde eine Pause einzurichten, wobei als Motive die Beseitigung 
der durch den Unterricht erzeugten Ermüdung und die Erfüllung 
der anderen hygienischen Forderungen in Betracht kommen. Li 
der zu Berlin abgehaltenen Conferenz über verschiedene Fragen 
des höheren Schulwesens wurden von dem Referenten der Commis- 
sion, Stadtschulrath Hoff mann, die Vorschläge gemacht, unter 
der Voraussetzung des Unterrichts von 8 — 1 Uhr eine Pause um 
^/ilO Uhr beginnen und volle 30 Minuten währen zu lassen, und 
eine zweite von 15 Minuten um 12 Uhr einzurichten. Bei der 
Anordnung des Unterrichts von 9 — 2 Uhr im Winter sollten die 
Pausen in einer entsprechenden Weise später stattfinden. Von einer 
anderen Seite wurde dem gegenüber hervorgehoben, dass bei der 
eben erwähnten Anordnimg des Unterrichts von 9 Uhr ab es als 
das Zweckmässigste erschiene, denselben bis 3 Uhr auszudehnen 
und nach jeder Stunde eine Pause von V* IStunde, nach der dritten 
aber, also um 12 Uhr, eine Pause von 30 Minuten eintreten zu 
lassen; von pädagogischer Seite wurde dieser Anordnung gegen- 
über Widerspruch erhoben, weil darunter die zum Unterricht nöthige 
Sammlung der Schüler leide und auch die Ausdehnung des Unter- 



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Pausen. 63 

richts bis so tief in den Nachmittag nicht Tortheilhaft sei. In 
dem ärztlichen Gutachten für Elsass-Lothringen wird die Forde- 
nmg dahin formulirt, dass zwischen je 2 Lehrstunden, auch am 
Nachmittage, 10 Minuten Pause statt haben sollen. Folgen mehr 
als 2 Lehrstunden auf einander, so soll zwischen der 2. und 3. Lehr^ 
stunde eine Pause von 15 Minuten, zwischen der 4. und 5. Lehr- 
stunde eine solche von 20 Minuten gemacht werden. — Für höhere 
Töchterschulen bestimmt der preuss. Ministerialerlass vom 31. Mai 
1894 Folgendes: Nach der 2. Unterrichtsstunde findet eine Pause 
von 15 Minuten, sonst zwischen je 2 Unterrichtsstunden eine solche 
von 10 Minuten statt. Machen es die Verhältnisse nötig, dass 
5 Stunden hinter einander unterrichtet wird, so muss die Pause 
zwischen der 4. und 5. Stunde wieder 15 Minuten währen. — Burg er- 
ste in fordert nach jeder Stunde 12 Minuten Pause, ein Erlass des 
bayerischen Cultusministeriums von 1891 für die Mittelschulen je 
10 Minuten, Cohn nach jeder Stunde 15 Minuten, nach der 3. Stunde 
aber Vs Stunde Pause. — Axel Key verlangt, dass zwischen je 2 auf 
einander folgenden Unterrichtsstunden allemal eine freie Viertel- 
stunde gegeben wird, wobei das An- und Ablegen der Oberkleider etc. 
eingerechnet ist, so dass jede Unterrichtsstunde 45 Minuten wahrt. 
Ein norwegisches Gomit^ ^) schlägt bei 6 auf einander folgenden 
Stunden vor, dass zwischen je 2 auf einander folgenden Lectionen 
5, 10, 20, 10, 10, zusammen 55 Minuten freigegeben werden, und 
dass die 1. Stunde 55 Minuten, jede folgende 45 Minuten währe. 
In Rücksicht auf die erwähnten Ergebnisse der Untersuchungen über 
Ermüdung schlägt Gymnasialdirector Richter folgende Zeiteintheilung 
des Vormittagsunterrichts vor: 

1. Stunde 50 Minuten, von 8 Uhr — Min. bis 
I.Pause 10 

2. Stunde 50 

2. Pause 15 „ 

3. Stunde 50 ^ 

3. Pause 20 « 

4. Stunde 45 » 

4. Pause 30 

5. Stunde 45 ^ 

Einen vielleicht schätzenswerthen Beitrag zur Entscheidung der Frage, 

welchen Werth die Pausen für die Leistungsfähigkeit der Kinder haben, 

*) Hakanson-Hansen, üeber rationelle Anordnung der Unterrichts- 
pausen in den Schulen. Zeitschr. f. Schulgesundheitspfl. 1892. S. 531. 



8 


, 50 


9 


» 


9 


, 50 


10 


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11 


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8 Uhr 50 Min 


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12 


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30 


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1 


1» 


15 


» 



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64 



Pausen. 



hat Friedrich mit Untersuchungen geliefert, in denen er nach dem 
Muster der Prüfungsmethode Burgerstein's kurze, in allen ihren 
Theilen immer die gleiche Schwierigkeit bietende Dictate benutzte. 
Diese Arbeiten wurden unter den verschiedensten Bedingungen aus- 
geführt, nach der 2., 3. Unterrichtsstunde, ohne oder mit Pausen 
von verschiedener Lage und Dauer. Die Ergebnisse, die immer 
unter den gleichen Vorbedingungen zu Stande gekommen sind, sind 
nachstehend in dem auf das einzelne Kind entfallenden Fehlermittel 
und in der Zahl der ohne Fehler rechnenden Schüler ausgedrückt: 



Zahl der 






Zahl der 


voran- 




Fehlermittel 


ohne Fehler 


gegangenen 
Unterrichts- 


Pausen 


pro Kopf 


rechnenden 


stunden 






Schüler 


2 


Keine. 


2.607 


U 


2 


Eine Pause von 8 Minuten nach der 
1. Stunde. 


2,019 


18 


3 


Keine. 


3,176 


10 


3 


Eine Pause von 15 Minuten nach der 
2. Stunde. 


2,980 


12 


3 


Zwei Pausen von je 15 Minuten und 

zwar eine solche Pause nach jeder 

Stunde. 


1,882 


18 



Nach diesen Ergebnissen stehen die Arbeiten, die nach einem 
ununterbrochenen 2- oder Ssttindigen Unterricht ausgeführt 
worden sind, hinsichtlich der Qualität hinter den übrigen zurück, 
woraus hervorzugehen scheint, inwieweit durch die Einfügung der 
Pausen die Ermüdungssymptome beeinflusst werden. Von günstigstem 
Einflüsse erschienen die zwei Pausen zu je 15 Minuten. Femer 
erschien die 8-Minutenpause nach der 1. Stunde wirkungsvoller als 
die 15-Minutenpause bei 3 Unterrichtsstunden nach der 2. Stunde, 
trotzdem letztere von doppelter Dauer war als erstere. Hier scheint 
sich schon die Länge der Unterrichtszeit hemmend zur Geltung zu 
bringen (Friedrich). 

Bei aller Vorsicht in der Deutung dieser Untersuchungen geht 
doch wohl wenigstens so viel daraus hervor, dass die Pausen über- 
haupt, namentlich aber diejenigen nach jeder Stunde von günstiger 
Wirkung auf die Leistungsfähigkeit der Kinder sind, und dass durch 
intensivere Arbeit in der kürzeren Unterrichtszeit eingebracht wird, 



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Schulpausen. 65 

was durch die Pausen an Dauer verloren geht; es zeigt sich femer, 
dass zur Beseitigung der Ermüdungserscheinungen die Pausen um 
so länger sein müssen, je grösser die Zahl der auf einander folgen- 
den Stunden ist. Man wird aus solchen Erfahrungen heraus, die 
doch immerhin a priori viel innere Wahrscheinlichkeit bieten, be- 
züglich der Pausenordnung gut thun, festzuhalten, dass nach jeder 
Unterrichtsstunde eine Pause überhaupt vorgesehen wird und dass 
die Länge der Pausen entsprechend der Zahl der voraufgegangenen 
Unterrichtsstunden grösser wird. Nehmen wir als Unterrichtsdauer 
pro Stunde 45 Minuten an und setzen die Dauer der auf einander 
folgenden Pausen auf 10, 20, 20, 25 Minuten fest, so würde sich 
der Vormittagsunterricht danach etwa folgendermassen gestalten: 

Minuten bis 8 Uhr 45 Minuten 



1. Stunde 45 Minuten 


8Uhr — 


1. Pause 10 


r> 


8 , 45 


2. Stunde 45 


n 


8 , 55 


2. Pause 20 


» 


9 , 40 


3. Stunde 45 


» 


10 , - 


3. Pause 20 


fl 


10 , 45 


4. Stunde 45 


r> 


11 , 5 


4. Pause 25 


rt 


11 , 50 


5. Stunde 45 


TJ 


12 , 15 



8 


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9 


, 40 


10 


» 


10 


, 45 


11 


, 5 


11 


, 50 


12 


, 15 


1 


» 



Bei einer solchen Pausenordnung, die sich hauptsächlich in 
Rücksicht auf die Erhaltung der geistigen Leistungsfähigkeit des 
Kindes als nothwendig ergiebt, ist man auch den übrigen Anforde- 
rungen an die Pausen gerecht geworden. Es ist eine genügende 
Zeitdauer gewährt, dass die körperliche Ermüdung beseitigt wird 
und dass die durch das lange Sitzen drohenden Nachtheile nicht zu 
dauernden werden und die Kinder ihre natürlichen Bedürfnisse be- 
friedigen, der Lehrer sich erholen kann imd dass die Zimmer ordent- 
lich gelüftet werden. 

In Rücksicht auf die Verhältnisse des Unterrichts, welche die 
Einfügung der Pausen nothwendig machen, sind nun aber auch die 
Maassnahmen hinsichtlich der Ausnutzung dieser Freizeiten zu treffen, 
Die Pausen sollen wirkliche Freizeiten sein. Aus diesem Grunde ist 
in den Pausen jedwede geistige Arbeit von dem Schüler fernzuhalten; 
weder darf es dem Lehrer gestattet sein, seinen Unterricht bis weit 
in die Pausen hinein auszudehnen oder diese zur Anfertigung von 
Schularbeiten auszimützen, noch darf dem Schüler erlaubt sein, sich 
in den Pausen für den nachfolgenden Unterricht vorzubereiten. 

Baginsky, Schulhygiene. II. 3. Aufl. 5 



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66 Schnlpansen. 

« 

Für die körperliche Erholung muss es den Schülern erlaubt 
sein, in den Pausen ihre Plätze zu yerlassen, um sich Bewegung zu 
yerschaffen. Wenn es irgend möglich ist, sollen die Kinder in den 
Pausen aber auch überhaupt das Zimmer verlassen, um sich in 
frischer, reiner Luft frei zu ergehen und um die Zimmer hinreichend 
lüften zu können. 

Es ist vielfach die Frage aufgeworfen worden, ob es geeignet 
sei, die Schulpausen zu gymnastischen Uebungen zu benutzen. Man 
hat dafür und dagegen entschieden. Ich bin ganz entschieden da- 
gegen, nachdem ich mehr und mehr die Bedeutung der durch 
die gymnastischen Uebungen erzeugten Ermüdung kennen gelernt 
habe. Ich möchte auch aus den Schulpausen jeden Zwang ver- 
bannen und die Ueberwachung der Schuljugend nur so weit aus- 
dehnen, dass gegen directe Ungezogenheiten eingeschritten wird. 
Wenn also eine gewisse Anzahl von Kindern sich zusammenthut, 
um selbst kleine gymnastische Exercitien auszuführen, so will ich 
diesen nicht gerade «twas in den Weg legen. Direct zu verbieten 
sind ausgiebigere Uebungen an Tumgeräthen während der Zwischen- 
pausen, namentlich sind Barren- und Reckübungen, in Hast ab- 
gemacht, entschieden gefährlich, und die energische damit ver- 
bundene Muskelanstrengung ist überdies ermüdend; sie stört den 
weiteren Erfolg des Unterrichts. Gewöhnlich ist nach solchen 
Uebungen das Schreiben ganz unmöglich, weil ein fortgesetztes 
Muskelzittem die Federführung verhindert. Aus ähnlichen Gründen 
sind Ringübungen, Boxübungen u. s. w. zu verurtheilen. Alles zu- 
sammengenommen, ist den Kindern in der Schulpause eine gewisse 
zweckmässige Freiheit der Bewegung zu gestatten; ich muss be- 
kennen, dass das nicht selten geübte gleichmässige ruhige Umher- 
gehen der Kinder, womöglich in Reihe und Glied, wie man es 
namentlich in den Volksschulen sieht, nicht meinem Gefühle ent- 
spricht. Kinder dieses Alters verlangen ein lebhafteres Tempo der 
Bewegung, und es würde ein zweckmässig eingerichtetes, nicht gar 
zu energische Körperbewegungen voraussetzendes Spiel, wie deren 
so viele vorhanden sind, dem Schulzweck besser entsprechen. Es 
steckt in diesem langsamen Auf- und Abgehen so etwas von Philister- 
thum, welches sich mit den modernen freieren Anschauungen über 
Erziehung nicht recht vertragen will. 

Die Pause , in welcher das Frühstück verzehrt wird , soll von 
ausreichender Dauer sein; gewöhnlich geschieht dies in der nach der 
zweiten Unterrichtsstunde liegenden Pause, für die wir darum auch 



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Schulpausen. 67 

eine Dauer von 20 Minuten angenommen haben. In dieser Pause 
mögen die Kinder zu etwas ruhigerer Bewegung ermahnt werden; 
insbesondere sollen tobendes Umherjagen oder lebhafte Bewegungs- 
spiele nicht gestattet werden, weil viele Kinder damit das Essen ver- 
säumen oder nur in Hast ihr Frühstück verzehren, um am Spiele 
theilzunehmen. Von dem Lehrer kann durch gelegentliche Con- 
trole wohl darauf gehalten werden, dass jedes Kind in der dazu 
bestimmten Pause sein Frühstück verzehrt. Mit Bezug auf das Ein- 
nehmen des Frühstücks erscheint es auch angemessen, wenn den 
älteren Schülern Gelegenheit geboten wird, bei dem Schuldiener für 
einen massigen Preis geeignete Nahrungsmittel, darunter vor Allem 
gute abgekochte Milch und Obst zu kaufen. Die Erfahrung lehrt, 
dass diese Schüler lieber hungern, als dass sie ihr Frühstück mit 
nach der Schule nehmen. 

Es ist beim Schulbau schon betont worden, dass den Kindern 
zur Befriedigung ihrer natürlichen Bedürfnisse, ohne zu lange in 
den Aborten zu verweilen, eine ausreichende Anzahl von Sitzen und 
Ständen zur Disposition stehen müssen. Es ist aber dann auch darauf 
zu halten, dass sich die Kinder nicht unnöthig zu lange in den 
Aborträumen aufhalten. 

Wenn nicht durch besondere Ventilationseinrichtungen für gute 
Luft in den Zimmern gesorgt ist, so müssen letztere in den Pausen 
durch gleichzeitiges Oeflfnen von Fenstern und Thüren gelüftet 
werden. Diese Maassnahme setzt natürlich voraus, dass auch für 
gute Luft in den Corridoren gesorgt ist, weil sonst keine Ver- 
besserung, sondern eine Verschlechterung der Zimmerluft eintreten 
würde. Die Forderung, dass die Kinder das Zimmer verlassen, 
schliesst in sich, dass gedeckte Hallen, in welchen die Kinder auch 
bei schlechtem Wetter sich Bewegung machen können, ein inte- 
grirender Theil jedes Schulhaus«s sein müssen, eventuell müsste die 
Turnhalle für den Zweck verwerthet werden. Die Benutzung der 
Corridore für den Aufenthalt der Kinder in den Pausen verbietet 
sich von selbst, wenn die Lüftung der Klassenzimmer durch OeflFnen 
der Fenster und Thüren erfolgt. 

Die Schüler sind anzuhalten, bei rauher Witterung ihre üeber- 
kleider anzulegen, wenn sie ins Freie gehen. Kränkliche Kinder 
bleiben bei ungünstigem Wetter am besten in einem besonderen 
Räume, der vorher unbenutzt gewesen ist und gut gelüftet wurde. 



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68 Beginn der Schalzeit. 



K Beginn der Schnlzeit — Nachmittagsnntemclit 

Mit den Voraussetzimgen eines täglichen Maximums von 3—6 Schul- 
stunden Yon den niedersten Stufen der Volksschule bis zu den höchsten 
Klassen der höheren Lehranstalten muss man an die Fragen der 
taglichen Zeiteintheilung fOr den Unterricht herantreten; man muss 
weiterhin vom gesundheitlichen Standpunkte in EIrwägung ziehen, 
dass der Unterricht bei Abendbeleuchtung womöglich gänzlich fort- 
fallen soll, und in diesem Sinne mit den Jahreszeiten rechnen; end- 
lich muss, wie oben schon erwähnt, darauf Bedacht genommen 
werden, dass die ünterrichtsgegenstände in einem passenden Wechsel 
auf einander folgen, dass nicht mehrere Schreibstunden nach ein- 
ander liegen und besonders schwierige Unterrichtsfacher nicht in 
auf einander folgenden Stunden zur Behandlung kommen. * Es ist 
nicht leicht, allen diesen Forderungen gerecht zu werden. Die 
Schwierigkeiten wachsen noch dadurch, dass die tägliche Zeitein- 
theilung in einzelnen Ortschaften je nach der Beschäftigung der 
Bevölkerung Terschieden ist, dass die Mittagsmahlzeit in den Ter- 
schiedenen Provinzen eines Landes und an den verschiedenen Orten 
derselben Provinz zu anderer Tagesstunde eingenommen wird, dass 
die Entfernung der Schuljugend von dem Schulhause eine verschie- 
dene ist, und dass die Länge und Schwierigkeit des Weges in den 
wechselnden Jahreszeiten gewisse örtliche Abänderungen der Zeit- 
eintheilung des Schulunterrichts erheischt 

Alles dieses zusammengenommen und ganz allgemein erwogen, 
lässt sich a priori behaupten, dass es eine Tageseintheilung, welche 
allen localen und socialen Verhältnissen zugleich gerecht werden 
soll, überhaupt nicht geben kann, dass an den verschiedenen Orten 
andere Gesichtspunkte für dieselbe zur Geltung kommen werden, 
und dass die Gesetzgebung wohl thut, der Gemeinde und dem mit 
der Gemeinde Hand in Hand gehenden Schulvorstand die specielle 
Zeiteintheilung zu überlassen. Der Hygiene bleibt unter solchen 
Verhältnissen die Aufgabe, die Gesichtspunkte hervorzuheben, welche 
mit Berücksichtigung der gesundheitlichen Entwicklung der Schul- 
jugend in den Vordergrund treten, und die Zeiteintheilung nach 
denselben zu empfehlen. 

Die Frage, wann der Schulunterricht am Morgen zu beginnen 
habe, kann allgemein dahin beantwortet werden, dass derjenige Zeit- 
punkt der passende ist, welcher voraussetzen lässt, dass die Schul- 



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Beginn der Schulzeit 69 

jagend nach hinlänglich genossenem Schlafe und nach eingenommenem 
Frühstück ohne Hast und Eile in der Schule eintreffen könne. Mit 
solchen allgemeinen Bestimmungen lässt sich nun allerdings in der 
Praxis gar nichts anfangen, da alle die genannten Momente sehr 
relativer Natur sind und die weiteste Deutung zulassen. Was zu* 
nächst die Schlafdauer anbelangt, so wären für die jüngere Altersstufe 
von 7 — 10 Jahren 12, für die mittlere von 12 — 15 Jahren 9—10, 
für die älteste von 15 — 18 Jahren 9 Stunden Schlaf vorzusehen. 
Dies stimmt etwa auch mit den Anforderungen anderer Autoren ; so 
fordert Axel Key für das 



Lebens- 


Stunden 








jahr 


Schlaf 








7.— 9. 


11, 


von 8 


Uhr — Min. 


Abds. bis 7 


10.— 11. 


10—11, 


, 8 oder 9 


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1» p * 


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17.— 18. 


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30 . , 

Auch Schiller giebt an, dass 17- und 18jährige Gymnasiasten 
nicht unter 9 — 10 Stunden schlafen soUen. lieber dies so angenommene 
Schlafbedürfniss wird sich für Jemand, der mit der Physiologie des 
kindlichen Alters einigermassen vertraut ist, kaum discutiren lassen. 
— Am Morgen verlangen wir für die Schüler ausreichende Zeit zur 
sorglichen Reinigung des ganzen Körpers durch Waschen, eventuell 
zum Bad, wenngleich ein tägliches Bad am Morgen nicht absolutes 
Bedürfniss ist, zum Ankleiden, zur bequemen Einnahme des Früh- 
stücks und auch zur Befriedigung der natürlichen Bedürfnisse, Ver- 
richtungen^ die etwa die Dauer von einer Stunde in Anspruch nehmen; 
es muss sodann Zeit zum Zurücklegen des Schulweges bleiben, so 
dass die Schüler rechtzeitig in der Schule erscheinen können. . Wenn 
wir nach diesen Voraussetzungen an die Festsetzung des täglichen 
Schulbeginnes gehen, so werden wir bei den speciellen Bestimmungen 
sofort einen Unterschied zwischen Stadt und Land, zwischen Sommer 
und Winter, zwischen grossen und kleinen Kindern zu machen haben. 

Auf dem Lande verstummt der Tageslärm mit dem Erlöschen 
des Tageslichtes. Wer auf dem Lande selbst gelebt hat, weiss, wie 
früh die Kinder zu Bett gebracht werden. Unter gewöhnlichen Ver- 
hältnissen schlafen die Landkinder im Winter schon gegen 6 — 7 Uhr, 
im Sommer gegen 7—8 Uhr; die älteren Kinder im Sommer wohl 
etwas später, im Winter wohl auch kaum. So bleibt bis 6 Uhr 



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70 Beginn der Schulzeit 

Morgens Winter wie Sommer eine Schlafenszeit von nahezu 12—14 Stun- 
den, eine Dauer, welche nach jeder Richtung als genügend erscheint. 
Mit Rücksicht darauf würde also selbst im Winter der Unterricht 
auf dem Lande um 7 Uhr beginnen können, wenn anders die Tages- 
helle und die anderen Verhältnisse der Landschulen es schon ge- 
statten würden. Dies ist nicht der Fall, und deshalb darf der Unter- 
richt nicht vor 8 Uhr beginnen. Diese Zeit kann in der Regel 
festgehalten werden. Ausnahmen dürfen indess mit solchen Kindern 
gemacht werden, welche über Feld nach der Schule zu gehen haben, 
weil zuweilen längerdauemde Dunkelheit und die Schwierigkeit des 
Weges bei tiefliegendem Schnee den Aufbruch nach der Schule und 
das richtige Eintreffen daselbst verzögern. Dem Lehrer wird es 
überlassen bleiben müssen, je nach den sich gestaltenden Witterungs- 
verhaltnissen gewisse Abänderungen zu treffen; zuweilen wird vom 
Lehrer sogar das directe Geheiss ausgehen müssen, dass unter ge- 
wissen obwaltenden, besonders schlechten oder gefährlichen Witte- 
rungsverhältnissen der Schulbesuch unterbleiben müsse. In den 
Wintermonaten kann der Unterrichtsbeginn zeitweilig auf 8^« Uhr 
gelegt werden; denn es ist zuweilen um 7^« und selbst um 8 Uhr 
noch so dunkel, dass man die Kinder, namentlich wenn sie über 
Feld gehen müssen, nicht aus dem Hause schicken sollte. 

Im Sommer kann auf dem Lande der Schulbesuch getrost um 
7 Uhr Morgens beginnen; selbst für solche Kinder, welche von 
weiterher kommen, ist es der Gesundheit zuträglich, einen frühen 
Morgengang zu machen. Je früher der Unterricht am Morgen be- 
ginnt, um so früher kann er enden, so dass die Kinder nicht in den 
heissesten Stunden des Tages nach Hause zu gehen brauchen. Auf 
dem Lande, wo die Schulen ihre Zöglinge zum grössten Theile aus 
den Kreisen der Landleute, kleinen Handwerker und Arbeiter er- 
halten, darf die Schule nicht viel später beginnen, als die Arbeit der 
Erwachsenen meist ihren Anfang nimmt; oft haben Vater und Mutter 
das Haus zu verlassen, und doch dürfen die Kinder nicht sich selbst 
überlassen bleiben. 

Können diese Rücksichten auch nicht direct maassgebend sein, 
so wird man doch den örtlichen Gewohnheiten einigermassen gerecht 
werden und in der Zeiteintheilung sich denselben anschmiegen dürfen. 

In der Grossstadt dauert das geschäftige Treiben am Abend 
auch noch nach Eintritt der Dunkelheit fort; so beginnt die Schlafens- 
zeit auch für die Kinder später als auf dem Lande; indess sind 
die Verhältnisse der Arbeitszeit und der Mahlzeiten zumeist der- 



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Beginn der Schulzeit. 71 

artig, dass auch hier der Unterricht mit Ausnahme der jüngsten 
Altersstufen am zweckmässigsten im Sommer um 7, im Winter um 
8 Uhr anfangen kann, insbesondere für die Yolksschulkinder, die 
bei den zahlreichen Schulen nicht weite Schulwege zurückzulegen 
haben. Nur ist mir bei dieser im Ganzen zweckmässigen Anordnung 
immer das, ich mochte es nennen, charakteristische Festhalten daran 
aufgefallen, dass man mit dem beginnenden Sommersemester unter 
allen Umstanden die kleinen Anfänger um 7 Uhr und im Winter- 
semester um 8 Uhr in die Schule zwingt. Es ist mir gar oft im 
Monat April, wenn mich ein zufälliger Ruf früh auf die Strasse 
führte, übel aufgefallen, die Kleinen in dem kalten, nebeligen Morgen 
um 7^7 Uhr mit den Schultaschen über die Strasse eilen zu sehen. 
Man muss doch erwarten, dass bei jedweder Festsetzung der Regeln 
auch auf die besonderen Verhältnisse der einzelnen Schulsemester 
Rücksicht genommen und mit Verständniss gehandelt wird. — Es ist 
davor zu warnen, Schulkinder zur Winterszeit vor Beginn des Unter- 
richts in die kalte Kirche zur Morgenandacht zu schicken. Diese 
Sitte schliesst, wie das „Aerztliche Gutachten'' ausführt, für die Ge- 
sundheit solcher Kinder, welche von einem weiten Schulwege erhitzt 
sind oder mit durchnässten Kleidern ankommen, ernste Gefahren in 
sich; auch macht sich jene Anordnung bei den jüngeren und bei 
den schwächlichen älteren Schülern in Folge des verkürzten Morgen- 
schlafes durch Mattigkeit während des ganzen Tages bemerkbar. 

Die am 1. April 1893 erfolgte Einführung der mitteleuropäi- 
schen Zeit in Deutschland hat einzelne Rückwirkungen auf die Zeit 
des Unterrichtsbetriebes gehabt; denn gegenüber der bis dahin üb- 
lichen Ortszeit musste der Unterricht in allen Orten östlich des 
15. Längengrades später, in den Orten westlich früher beginnen. 
Die östlichen Orte sind dadurch im Winter einestheils günstiger ge- 
stellt, weil sie am Morgen nicht so sehr wie bisher unter der Dunkel- 
heit zu leiden haben, anderentheils ungünstiger, weil der Schulschluss 
bei Nachmittagsunterricht näher dem Sonnenuntergänge bezw. nach 
demselben zu liegen kommt. In den westlichen Orten haben die 
entgegengesetzten Verhältnisse statt. Aus diesem Grunde empfiehlt 
Kirchner, in allen Orten östlich des 15. Längengrades den Schul- 
beginn um 8 Uhr im Winter und um 7 Uhr im Sommer zu belassen, 
dagegen in allen Orten westlich den Beginn auf 9 Uhr im Winter 
und 8 Uhr im Sommer zu verlegen. Allenfalls würde es auch ge- 
nügen, den Unterrichtsbeginn hier nur um V« Stunde in den dunkelsten 
Monaten zu verschieben, wie dies beispielsweise die Regierung zu 



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72 Nachmittagsunterricht 

Kiel für die Zeit vom 15. November bis 15. Februar angeordnet hat. 
Der Ministerialerlass vom 15. September 1893 enthält verschiedene 
Vorschläge, wie die besonderen Schwierigkeiten, welche in den meisten 
Wintermonaten in einzelnen Provinzen des Staates aus dem früheren 
Beginn, in anderen aus dem späteren Schluss des Unterrichts oder 
aus beiden zugleich erwachsen, zu beheben seien. Vielfach ist jedoch 
ohne Aenderung die neue Zeitrechnung an die Stelle der alten ge- 
treten, so dass sich die Zeiten für alle Lebensverhältnisse entsprechend 
verschoben haben. Es hat dies für die westlichen Orte den Nach- 
theil, dass die Kinder im Sommer schon vor Eintritt der Dunkelheit 
zu Bett und längere Zeit vor Tagesbeginn aufstehen müssen. Es 
bedarf wohl nur des Hinweises auf das Unzweckmässige einer der- 
artigen Anordnung, um ortsgemässe Correcturen eintreten zu lassen. 

Ganz allgemein kann nach alledem von Seiten der Gesundheits- 
pflege die Forderung aufgestellt werden, dass bei der Anordnung des 
Beginns des Schulunterrichts nicht allzu streng von oben her ver- 
allgemeinert und bureaukratisch schablonisirt werde, sondern dass 
man nach den örtlichen Verhältnissen auch uni^r Berücksichtigung 
der socialen Bedingungen den Ortsschulbehörden eine gewisse Frei- 
heit der Bewegung lasse. 

Nachmittagsunterricht. Bei der Anordnung der Unterrichts- 
stunden an den einzelnen Tagen kann in zweifacher Weise ver- 
fahren werden; entweder ist die Schulzeit ungetheilt, d. h. die ge- 
sammten Stunden werden nur am Vormittage gegeben, oder sie ist 
getheilt, d. h. die Unterrichtsstunden sind auf den Vor- und Nach- 
mittag vertheilt. 

In Dörfern und vielen kleinen und mittleren Städten besteht 
die getheilte Schulzeit, so dass die Unterrichtsstunden am Vor- 
mittage von 8 — 11 oder 12 und am Nachmittage von 2 — 4 Uhr 
liegen. Der wesentlichste Grund zu dieser Anordnung ist der, dass 
in Deutschland — ausgenommen einzelne Bevölkerungsschichten und 
einige Grossstädte — die Hauptmahlzeit, das Mittagessen, in der 
Regel um 12 oder 1 Uhr eingenommen wird, und dass dadurch der 
Arbeitstag in zwei annähernd gleiche Abschnitte getheilt wird, 
während in England und Frankreich die Hauptmahlzeit am Schlüsse 
des Arbeitstages in den späteren Nachmittagsstunden liegt und am 
Morgen ein aus reicheren Speisen bestehendes Frühstück eingenommen 
wird. — Die getheilte Schulzeit bringt aber eine solche Menge von 
Schwierigkeiten mit sich, dass man gewiss gern versucht, Einrich- 
tungen zu treflFen, welche dieselben beseitigen. Die Mittagspause 



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Nachmittagsunterricht. 73 

von 12 — 2 Uhr ist in den Fällen, wo die Kinder weite Wege bis 
zur Schule zurückzulegen haben, zu kurz, so dass die Kinder ge- 
zwungen sind, hastig ihr Mittagbrot einzunehmen und wieder zur 
Schule zu eilen; dass dies der Verdauung nicht zuträglich ist und 
die Gesundheit darunter leidet, dass auch hierbei der eigentliche 
Zweck der Mittagspause verloren geht, welche den Kindern die 
Möglichkeit gewähren soll, an dem Tische der Familie unter Ob- 
hut der Eltern zu speisen und so Sitte und Manier zu erlernen, 
leuchtet von selbst ein. Wo nun gar die Eltern in der Zeit von 
12 — 2 Uhr nicht speisen können, ist eine einheitliche und gemein- 
same Tischzeit überhaupt undurchführbar. 

Für den Werth des Nachmittagsunterrichts haben von jeher 
die Aerzte nicht viel übrig gehabt. Es ist zwar schwierig, seine 
direct gesimdheitsschädigende Wirkung nachzuweisen, wenn gleich 
theoretisch eine gewisse physiologische Wahrscheinlichkeit für eine 
solche deducirt werden kann. Die gleichzeitige Inanspruchnahme 
des Organismus diurch den fortschreitenden Verdauungsact und durch 
Himarbeit kann bei nicht ganz widerstandsfähigen Kindern zu Er- 
schöpfungszuständen ^) fuhren, die sich auf die Dauer in den Zeichen 
der Anämie und gleichzeitiger Minderemährung des Körpers kund 
geben, noch dazu dann, wenn die eben gerügten Uebelstände der 
Ueberhastung bei der Nahrungsaufnahme und bei Zurücklegen des 
Schulweges hinzukommen. — Es ist überdies auch nicht unwahr- 
scheinlich, dass die mit dem Unterricht gegebenen psychischen Ein- 
flüsse an sich schon störend auf den normalen Ablauf der Verdauungs- 
arbeit wirken kann. Wissen wir doch aus den neuen Erfahrungen 
über die Absonderung der Drüsensecrete , wie bedeutsam der Ein- 
fluss der Innervation für dieselbe ist. Alles zusammen genommen 
wird man also vom ärztlichen Standpunkte aus sich gern gegen den 
Nachmittagsunterricht aussprechen. Aber auch von pädagogischer 
Seite ist gegen den Nachmittagsunterricht seit langem ernstliche 
"Einrede erhoben worden. Die gut beobachtenden Lehrer sind von 
jeher von dem Misserfolge des Unterrichts nach der Hauptmahlzeit 
überzeugt gewesen und haben deshalb denselben verworfen. Das 
„plenus venter non studet libenter* ist ein pädagogischer Erfahnmgs- 
satz, und die neueren feineren Untersuchungsmethoden zur Fest- 
stellung der Ermüdungsverhältnisse des Organismus haben demselben 
überdies bis zu einem gewissen Grade wissenschaftliche Grundlagen 



L. Wagner, Unterricht und Ermüdung. Berlin 1898. p. 129. 

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74 Nachmittagsunterricht. 

gegeben. Wird man denselben gegenüber auch hier vorsichtig im Ur- 
theil bleiben müssen, so spricht doch die Einhelligkeit der durch die 
mannigfachen Methoden gewonnenen Ergebnisse einigermaassen für 
die Richtigkeit desselben. So hat Griesbach bei Empfindungsmes- 
sungen ermittelt, dass bei vorangegangenem Vormittagsunterricht das 
normale Empfinden um 2 Uhr noch nicht zurückgekehrt war. Nach 
Friedrich's ^) und Wagner's Untersuchungen vermochte selbst 
eine 3stündige Mittagspause die Leistungsfähigkeit nicht wieder zu 
geben, welche bei vormittägigem Unterricht vorhanden war. Die 
Schüler blieben in den Nachmittagsstunden in den Leistungen wesent- 
lich gegenüber den Vormittagsstunden ziurück. Schmid-Mon- 
nard*) spricht sich sogar nach den von ihm gemachten Erhebungen 
über die Kränklichkeit der Schulkinder dahin aus, dass Mädchen wie 
Knaben mit Nachmittagsunterricht ca. 5 — 10 % mehr kränklich sind, 
als ohne denselben. Wird man, wie gesagt, solchen Feststellungen 
gegenüber eine gewisse kritische Vorsicht auch nicht ausser Acht 
lassen müssen, so ist doch die allgemeine Erfahrung hier auf Seite 
derselben. So wendet sich auch We sehe ^) aus ähnlichen Gründen 
gegen den Nachmittagsunterricht. 

Weiter hat auch der 4fache Weg nach der Schule und zurück 
entschiedene Nachtheile für die Kinder, da er ihnen bei weiteren 
Entfernungen eine übermässige Anstrengung zumuthet; wenn die 
Körperbewegung auch für die zu vielem Sitzen verurtheilte Schul- 
jugend eine Erholung ist, so hat doch der Schulweg, da er meistens 
in Hast zurückgelegt wird und da der kindliche Geist sich mit der 
Schule beschäftigt, nicht den Werth eines ruhigen, Erholung bietenden 
Spazierganges. Dazu kommt noch, dass der Schulweg bei jeder 
Witterung, bei Sonnenglut, Regen, Schnee oder grosser Kälte, zurück- 
gelegt werden muss, an den kürzesten Wintertagen des Abends sogar 
in der Dämmerung und in der Dunkelheit, wenn der Nachmittags- 
unterricht um 4 Uhr oder gar erst später zu Ende ist. Begreiflicher- 
weise leiden aber besonders die Kinder ärmerer Eltern, wegen dei' 
mangelhaften Ausstattung der Fussbekleidung. 

Im Winter kommt man bei dem Nachmittagsunterricht auch noch 

^) Friedrich, Untersuchungen über den Einfluss der Arbeitsdauer und 
der Arbeitspausen etc. Hamburg 1897. 

^) Vortrag auf dem Moskauer internationalen Congress : Die Kränklichkeit 
in unseren mittleren und höheren Schulen. 1897. 

Schmid-Monnard, üeber den Einfluss der Schule auf die Körper- 
entwickelung und Gesundheit der Schulkinder. Hamburg 1898. p. 29. 

*) Wesche, üeberbürdung auf höheren Schulen und die Beseitigung des 
Nachmittagsunterrichts. Bemburg 1884. 



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Nachmittagsunterricht. 75 

mit der bestimmten hygienischen Forderung in Conflict, den Unter- 
richt bei künstlicher Beleuchtung möglichst einzuschränken; .d^nn 
die natürliche Beleuchtung ist von 3 — 4 Uhr in den dunkelsten 
Wintermonaten vollständig unzureichend für den Unterricht, nament- 
lich für die technischen Fächer (Zeichnen, Schreiben, Handarbeiten), 
die vorwiegend in diesen Stunden getrieben werden sollen. Daher 
ist auch der von Richter unterstützte Vorschlag R a s s o w's , ausser 
4 bezw. 5 Stunden vormittags je 1 Stunde an 4 Nachmittagen in der 
Zeit von 3 — 4 Uhr zu ertheilen, nicht zu billigen. 

Im Sommer dagegen muss der Nachmittagsunterricht wegen zu 
grosser Hitze ausfallen; mögen dies auch immer nur wenige Tage 
sein — in Wien nach lOjähriger Beobachtung durchschnittlich im 
Juni 4 und in der ersten Hälfte des Juli 4 — , so ist doch damit 
eine unerfreuliche Störung des Unterrichts gegeben. 

Zur Beseitigung aller der erwähnten Uebelstände, die mit der 
getheilten Schulzeit verbunden sind, und die je nach den örtlichen 
Verhältnissen und der ortsüblichen Tagesein theilung, den Lebens- 
gewohnheiten u. s. w. sehr verschiedenartige sein können, ohne 
dass uns hier das Bedürfniss vorliegt, alles mit Ausführlichkeit aus- 
zumalen, hat man vorgeschlagen, den Unterricht in einem Zuge des 
Vormittags zu absolviren und den Nachmittagsunterricht ganz fort- 
fallen zu lassen, also die ungetheilte Schulzeit einzufUiren. 

Diesem Vorschlage wurde vom preussischen Kultusministerium 
soweit Aufmerksamkeit zugewendet, dass sie mit auf die Tages- 
ordnung der oben mehrfach erwähnten Commission gebracht wurde. 
Eine Einigkeit der Anschauungen wurde indess nicht erzielt. Die 
Hauptschwierigkeit schien einmal in dem gesundheitsschädigenden 
Einflüsse einer längerwährenden continuirlichen Unterrichtszeit zu 
liegen; so betont Buchner, dass die Einrichtung von 5 auf ein- 
ander folgenden Unterrichtsstunden für Mädchenschulen aus gesund- 
heitlichen Gh-ünden schlechthin verwerflich sei. Sodann glaubte 
man, selbst wenn man durch zweckmässige Einführung und Aus- 
nutzung der Zwischenpausen der etwaigen Ermüdung der Schul- 
kinder vorbeugt, in Deutschland in der socialen Einrichtung, die 
Haupttagesmahlzeit in der Zeit von 12 — 1 Uhr zu nehmen, ein wesent- 
liches Hinderniss der Einrichtung zu finden. Immer wieder musste, 
und gewiss mit vollem Recht, der Ton darauf gelegt werden, dass 
die Jugend an dem gemeinschaftlichen Mahle der Familie theil- 
nehme, weil hier in erster Linie Gesittung und Manier anerzogen 
werden können und die Lust und Neigung zu innigem Familien- 



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76 Nachmittagsimtemcht. 

verkehr in der Jugend geweckt werde. Dieses sehr wesentlichen 
Erziehungsfactors kann und darf die Schuljugend nicht beraubt 
werden. Unter solchen Verhältnissen bleibt die Erwägung offen, 
ob der Einfluss der Schule stark genug sein dürfte, Jahrhunderte 
lang eingebürgerte nationale Gewohnheiten zu beseitigen und umzu- 
gestalten. Allein, glaube ich, würde die Schule dies nicht erreichen. 
Wir würden indess in Deutschland gewiss besser daran sein, wenn 
die Arbeitszeit nicht durch die Mittagsmahlzeit in zwei Hälften ge- 
theilt würde, und es bedarf darum vielleicht einer verhältnissmässig 
geringen Agitation seitens verständiger Männer, welche die Vortheile 
der in Frankreich und England vorhandenen Tageseintheilung den 
mittleren Bürgerklassen und der Arbeiterbevölkerung klar macht, 
um in Verbindung mit der Schule eine Aenderung zu erzielen. 

Sei dem Allem nun, wie ihm wolle, für die Hygiene liegt die 
Frage der Beseitigung des Nachmittagsunterrichts so, dass sie die 
Antwort abhängig machen muss von der Beantwortung der Fragen, 
ob der continuirliche Unterricht von 5 — 6 Stunden der Gesundheit der 
Schüler nicht gefährlich wird. Gegen 6 Stunden Unterricht sprechen 
sich die Pädagogen ziemlich einstimmig aus, weil die Erfahrung 
lehrt, dass die Aufmerksamkeit versagt, also augenscheinlich Ueber- 
müdung eintritt. 

Was den 5stündigen Unterricht anbelangt, so ist dem gegen- 
über zu erwägen, dass die gesammte Schulzeit am Vormittage sich 
nicht als eine ununterbrochene Unterrichtszeit darstellt, sondern dass 
zwischen den einzelnen Stunden die Pausen eingefügt sind, dass 
innerhalb des Vormittagsunterrichts die stärkere geistige Anstrengung 
erfordernden Stunden mit leichteren Fächern wechseln. Es ist 
daher anzunehmen, dass die ungetheilte Unterrichtszeit auch bei 
Sstündiger Dauer ohne Schädigung ertragen werden kann. So be- 
trägt, wenn die Unterrichtsdauer in jeder Stunde nur 45 Minuten 
währt, bei 4stündiger Schulzeit die Unterrichtszeit insgesammt nur 
3 Stunden, bei Sstündiger nur 8^/4 Stunden. Mit diesem Maass von 
Arbeit wird man sich schliesslich abfinden müssen, und dasselbe 
wird um so mehr erträglich, je mehr man die Schüler am Nach- 
mittag entlastet hält. Dies entspricht übrigens auch den durch das 
Experiment gewonnenen Thatsachen. — Wagner konnte aus seinen 
Messungen constatiren, dass 5 Stunden mit dazwischen liegenden 
Pausen im Allgemeinen nicht mehr ermüden als 4. Richter weist 
darauf hin, dass es bisher noch nicht bewiesen ist, dass ein vormit- 
tägiger Sstündiger Unterricht die Ermüdung der Schüler in höherem 



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. Nachmittagsunterricht. 7 7 

Maasse herbeiführe als z. B. ein 4stün(üger, der nach einer 2stün- 
digen Mittagspause in ähnlicher Richtung wie am Vormittage wieder 
aufgenommen wird, und dass auf Grund des Experiments und der 
Beobachtung die Entscheidung sich zu Gunsten des Ausfalls der 
Nachmittagsstunden neige. Wenn der längere Vormittagsunterricht 
auch die Kinder ermüde, so sei es doch klar, dass es sich hier nie 
um höhere, die Gesundheit schädigende oder auch nur die Arbeits- 
fähigkeit erheblich und merkbar herabsetzende Grade der Ermü- 
dung handle, dass durch die Nachmittagsruhe oder -Thätigkeit wieder 
eine ausreichende Ausgleichung herbeigeführt wird, und dass Kinder 
und Eltern sich hierbei besser befinden, als zu der Zeit, da noch 
der Nachmittagsunterricht regelmässig den am Vormittag ertheilten 
fortsetzte. 

So soll denn durch die ungetheilte Schulzeit vor Allem auch 
Zeit gewonnen werden, um der körperlichen Erziehung der Jugend 
mehr Aufmerksamkeit zuwenden zu können, als bisher geschieht 
(Zeh ender). An Stelle des Nachmittagsunterrichts können Tum- 
und Bewegungsspiele, das Baden und Schwimmen, das Eislaufen 
und die Spaziergänge treten. 

Bei der Freigabe des Nachmittags sind übrigens auch die Ver- 
bältnisse der Lehrer in den Grossstädten in Betracht zu ziehen. 
Auch für diese ist begreiflicherweise mit dem Fortfall des Nach- 
mittagsunterrichts eine wesentliche Entlastimg gegeben. Dieselben 
werden ebenso wie die Schüler von der Wiederholung des Schul- 
weges befreit, sie sind der geistigen Anstrengung nach der Haupt- 
mahlzeit des Tages enthoben und können sich ebensowohl der köi-per- 
lichen Erholung in der freien Zeit erfreuen , wie auf der anderen 
Seite sich angemessenen eigen gewählten freien Studien widmen — 
eine Erholungsweise, die dem Alltagsgeschäft des Unterrichts sicher 
sehr zu Gute kommt, und pädagogsich selbst für die Schulen nicht 
gering ausgeschlagen ist. 

Wenn nun nach allen diesen Erwägungen im Princip der Fort- 
fall des Nachmittagsunterrichts zu acceptiren ist, so wird freilich 
die Frage bleiben, ob dies überall und insbesondere in den höheren 
Schulen wirklich vollkommen durchführbar ist. Es wird immerhin 
eine gewisse Anzahl von Stunden des Unterrichts im Vormittags- 
schulplan nicht unterzubringen sein. Wenn dies der Fall ist, so soll 
wenigstens Bedacht darauf genommen werden, dass dem Nachmit- 
tagsunterricht nur leichtere und insbesondere vielleicht technische 
Unterrichtsgegenstände zugetheilt werden, die mit Handverrichtungen, 



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78 Nachmittagsunterricht. 

Anschauung verknüpft, den Geist nicht zu intensiv in Anspruch 
nehmen. Soweit möglich, wird es auch gut sein, darauf Bedacht 
zu hahen, dass auf die Mittagspause 3 Stimden entfallen. Dies gilt 
insbesondere auch für die Internate, in denen wegen des Fortfalles 
der Schulwege der Nachmittagsunterricht noch am ehesten gestattet 
werden kann. 

Nach dem preussischen Ministerialerlass vom 12. Mai 1890 ist 
es nicht angängig, die höheren Schulen fdr die männliche und für 
die weibliche Jugend in demselben Orte nach dieser Richtung ver- 
schieden zu behandeln. 

Im Anschluss an die Frage der Beseitigung des Nachmittags- 
unterrichts sei sogleich auch der Ausfall des Nachmittags- 
unterrichts bei zu grosser Hitze besprochen. Der preussische 
Ministerialerlass vom 16. Juni 1892 weist darauf hin, dass bei ge- 
wissen Temperaturgraden vom Aufenthalte in den Schulklassen bezw. 
von den Schulwegen eine ungünstige Rückwirkung auf den Gesund- 
heitszustand der Schuljugend zu befürchten ist, und empfiehlt, dass 
der Ausfall des nachmittägigen Unterrichts bezw. einer etwaigen 
5. Vormittagsstunde stets dann anzuordnen ist, wenn das lOOtheilige 
Thermometer um 10 Uhr Vormittags und im Schatten 25 ^ zeigt. 
Für die mittleren und niederen Schulen fordert der preussische 
Ministerialerlass vom 24. August 1892, hinsichtlich des Ausfalls des 
Nachmittagsunterrichts folgende Gesichtspunkte festzuhalten: Wenn 
das lOOtheilige Thermometer um 10 Uhr vormittags im Schatten 
25^ zeigt, darf der Schulunterricht in keinem Falle über 4 auf 
einander folgende Stunden ausgedehnt und ebenso wenig darf den 
Kindern ein 2maliger Gang zur Schule zugemuthet werden. Auch 
bei geringerer Temperatur ist eine Kürzung der Unterrichtszeit noth- 
wendig, wenn die Schulzimmer zu niedrig oder zu eng bezw. die 
Schulklassen überfüllt sind. Es bleibt zu erwägen, ob bei Schulen, 
welche geräumige, schattige Spielplätze haben, unter Umständen 
der lehrplanmässige Unterricht durch Jugendspiele unterbrochen 
werden kann. 



F. Gynmastisclier ünterriclit Leibesübimgeii. 

Das gesammte bisher beigebrachte Material gipfelt in dem 
Interesse, die schädlichen Einflüsse der Schule zu beseitigen, oder 
da, wo sie unvermeidlich sind, auf das geringste Maass zurückzu- 



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Gymnastiscber Unterricht. 79 

führen. Mit Einführung körperlicher Uebungen in den Unterricht 
kennzeichnet sich die Schule in directer Weise selbst als dasjenige, 
was ihr von einzelnen Pädagogen immer noch nicht zugestanden 
werden will, als hygienische Anstalt; Körper und Geist als ein ge- 
sondert Undenkbares betrachtend, widmet sie in den gymnastischen 
Uebungen dem ersteren diejenige Sorgfalt der Erziehung, welche sie 
mit den mannigfachen anderen Unterrichtsgegenständen dem letzteren 
angedeihen lässt. Der Erfolg des Ganzen ist abhängig von dem 
Qleichmaass der Entwicklung beider Richtungen des menschlichen 
Daseins, und die Schule ist sich dessen bewusst geworden. Weiteres 
über die Noth wendigkeit des gymnastischen Unterrichts zu sagen, 
kann erspart werden, weil eine umfassende Erfahrung den Nutzen 
und die Unentbehrlichkeit dieses Unterrichtsgegenstandes ins hellste 
Licht gestellt hat. Merkwürdig ist nur, dass es einer immerhin 
noch der jüngsten Periode des Kulturlebens angehörigen Zeit vor- 
behalten war, denjenigen Erziehungsgedanken, welcher im alten 
Griechenthum der hervorragendste gewesen ist, wiederum zur Geltung 
zu bringen. Hoffentlich wird er von nun an nicht mehr verloren 
gehen und jener thörichten Anschauung, dass man den Geist allein 
ohne Berücksichtigung des gleichsam verächtlichen körperlichen Ge- 
fasses zu bilden habe und zu bilden vermöge, nimmermehr weichen. 
Die obligatorische Einführung des gymnastischen Unterrichts 
in preussischen Schulen datirt vom Jahre 1842, wo Friedrich Wil- 
helm IV. auf den Immediatbericht des Ministeriums, dass die Gym- 
nastik ein Bedürfniss der Erziehung und unentbehrlich sei, die Ent- 
scheidung traf, „dass die Leibesübungen als ein noth wendiger und 
unentbehrlicher Bestandtheil der männlichen Erziehung förderlich 
anerkannt und in den Kreis der Volkserziehungsmittel aufgenommen 
werden sollen". Nicht wenig verdankt Preussen in seiner weiteren 
Entwickelung diesem königlichen Worte, dessen Veranlassung in dem 
mit Vorliebe geschmähten Lorinser'schen Aufsatze „Zum Schutze 
der Gesundheit in den Schulen* aus dem Jahre 1836 zu suchen ist. 
Lorinser hatte mit seiner in markigen Zügen entworfenen Schilde- 
rung die gesammte Pädagogen weit aufgerüttelt, und so viel auch im 
Einzelnen in der plötzlich neu entstehenden Literatur seine Angaben 
eingeschränkt werden konnten, so war doch die Grundlage desselben 
wahr, und die von ihm eingeleitete Bewegung blieb in jedem Falle 
erspriesslich. Dem königlichen Gebote folgte eine Reihe von Mini- 
sterial Verfügungen, welche den Nutzen der Gymnastik eindringlich 
hervorhoben und den neuen Unterrichtsgegenstand in zweckdienliche 



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80 Gymnastischer Unterricht. 

Form brachten. „Die Gymnastik/ heisst es in einem vom 7. Februar 
1844 datirten Ministerialrescript des Ministers Eichhorn, , ist ein 
nützliches und nothwendiges Glied in dem öffentlichen Unterricht. 
Sie darf in demselben um so weniger fehlen, je mehr besonders in 
den höheren Ständen der bürgerlichen Gesellschaft die Forderungen, 
welche an die geistige Ausbildung gegenwärtig gemacht werden 
müssen, im Vergleich mit früheren Zeiten gesteigert werden, je 
grössere Anstrengungen der geistigen Kräfte zur Erfüllung dieser 
Forderungen unvermeidlich sind;" des Weiteren wird die Einführung 
der gymnastischen Uebungen und zwar in erster Linie des Turnens in 
G^ymnasien und höheren Bürgerschulen, das Errichten von Turn- 
hallen und Turnplätzen gefordert, und bei Besetzung der Lehrer- 
stellen die Rücksichtnahme auf die Befähigung, auch in den Leibes- 
übungen Unterricht zu ertheilen, anempfohlen. — Der Turnunterricht 
wurde für Gymnasien auf die schulfreien Nachmittage Mittwoch und 
Sonnabend verlegt und für diese Tage ganz besonders eine Ein- 
schränkung der häuslichen Arbeit gewünscht, da den Schülern nicht 
zugemuthet werden dürfe, insbesondere vom Mittwoch zum Donners- 
tag grössere schriftliche Arbeiten anzufertigen; übrigens wurde frei- 
gestellt, an passenden Orten alltäglich nach dem Nachmittagsunter- 
richt noch turnen zu lassen. Zeugnisse über die Leistungen in den 
Leibesübungen wurden für Gymnasien, Seminare und höhere Büi'ger- 
schulen eingeführt und bei der Entlassung von den betreffenden 
Anstalten ausgestellt. — Alles dies lässt erkennen, mit welchem 
Eifer und Yerständniss man einem bisher vernachlässigten, ja eigent- 
lich wohl absichtlich unterdrückten Unterrichtsgegenstande zu seinem 
Rechte verhalf. * Im Jahre 1848 wurde in einer Verfügung des- 
selben Ministers Eichhorn die Errichtung einer Centralbildungs- 
anstalt für Lehrer in den Leibesübungen erwähnt und hervorge- 
heben, dass ausser der methodischen und pädagogischen Unterweisung 
anatomische und physiologische Vorträge, soweit sie für Lehrer in 
den Leibesübungen nothwendig sind, statthaben werden. Der Unter- 
richt wurde unentgeltlich ertheilt. — Ein Rescript vom Jahre 1860 
machte die gymnastischen Uebungen für alle Schulen obligatorisch, 
und es wurde den Lehrern empfohlen, nicht allein dem Turnen, 
sondern auch den Schwimmübungen und anderen körperlichen Exer- 
citien, wie dem Schlittschuhlaufen, ihr Augenmerk zuzuwenden, 
um „diejenige Ordnung und Gemeinsamkeit hineinzubringen, welche 
den wünschenswerthen Zusammenhang mit dem eigentlichen gym- 
nastischen Unterricht aufrecht erhält**; nebenbei wurde darauf hin- 



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Gymnastischer ÜDierricht. 81 

gewiesen, dass die üblichen Pausen des Schulunterrichts zu Frei- 
und Ordnungsübungen benutzt werden mögen und demgemäss Turn- 
halle und Turnplatz in nächster Nähe des Schulhauses anzulegen 
seien. Aus demselben Jahre datirt die Einführung der körperlichen 
üebungen in den Elementarschulen, und es ist eine sich daran an- 
schliessende CircularverfÜgung der königl. Regierung zu Breslau be- 
sonders bemerkenswerth, weil sie mit Yerständniss gerade den Punkt 
berührt, welcher dem gymnastischen Unterricht seine Bedeutung für 
alle Schichten der Bevölkerung gewährleistet. „Es ist eine ganz 
irrthümliche Ansicht,^ heisst es darin, ^wenn angenommen wird, 
dass die körperlichen Anstrengungen, welche die Kinder der Dorf- 
bewohner häufig zu ertragen haben, sowie überhaupt die vielfachen 
körperlichen Bewegungen, welche ihre Lebensweise mit sich bringt, 
ohne Weiteres auch zu denjenigen Eigenschaften führen, welche als 
die Frucht der gymnastischen Üebungen bezeichnet werden können. 
Im Gegentheil zeigt die Erfahrung, dass je mehr der Landjugend 
das Joch der Arbeit und Anstrengung auferlegt wird, desto mehr 
die dem jugendlichen Alter von Natur eigenthümliche Elasticität 
und Gewandtheit verloren geht; sie wird unbeholfener, langsamer, 
schwerfalliger. Dieser einseitige Einfluss grosser körperlicher An- 
strengungen bei der ländlichen Jugend erhält gerade durch die 
gymnastischen üebungen ein heilsames Gegengewicht, welches, in- 
dem es das harmonische Wirken der Kräfte fördert, den Körper 
elastisch, gewandt und zu leichten, schwungvollen Bewegungen ge- 
schickt macht, sowie jene Schwerfälligkeit, ünbehilflichkeit und 
Trägheit überwindet und beseitigt.'' Man ist nicht im Stande, 
schärfer und präciser den Nutzen der gymnastischen üebungen dar- 
zuihun, als es in diesen Worten geschehen ist. — Es folgte nun 
eine ganze Kette von neuen Verordnungen und Belehrungen, welche 
sowohl den Zweck hatten, den einmal eingenommenen Standpunkt 
des obligatorischen gymnastischen Unterrichts zu wahren, als auch 
die Ausbildung der Lehrer für die Gymnastik zu fördern und die 
Communen zur Einrichtung von Turnhallen imd Turnplätzen anzu- 
regen. Ein Ministerialrescript aus dem Jahre 1867 weist die Schul- 
direktoren darauf hin, dass Dispensationen vom Turnen nur dann 
stattfinden dürfen, wenn vorsichtig und gewissenhaft ausgestellte 
ärztliche Zeugnisse die Theilnahme als unzweifelhaft nachtheilig er- 
scheinen lassen, und spricht den Wunsch aus, dass sowohl die 
semestralen Censuren als auch die Abiturientenzeugnisse sich über 
die Leistungen der Schüler im Turnen aussprechen mögen. 

Baginsky, Schulhygiene. IL 3. Aufl. 6 



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82 Gymnastischer Unterricht. 

Eine lebhafte Förderung erfuhren die körperlichen üebungen 
unter dem preussischen Cultusminister v. Gossler (Erlass vom 27. Oct. 
1882) und in Folge der Berathungen in der sog. Decemberconferenz 
von 1891, die eine Vermehrung der wöchentlichen Turnstunden an 
den höheren Schulen nach sich zog. 

Es kann hier nicht von Interesse sein, die Gesetzgebung bis 
ins Einzelne weiter zu verfolgen ; ich verweise wegen derselben auf 
die einschlägige Literatur^). — So viel geht aber aus dem bisher 
Gegebenen hervor, dass von Seiten der Hygiene kaum mehr ver- 
langt wird, als in den Verordnungen bereits enthalten ist. Die 
Gesetzgebung hat hier vielfach in die Praxis eingeführt, was in 
Broschüren und schriftstellerischen Versuchen als erforderlich hin- 
gestellt worden ist. Uns bleibt auf solche Weise auch kaum mehr 
übrig, als die Gesichtspunkte zu wiederholen, von welchen die Ge- 
setzgebung ausgegangen ist, und allenfalls hervorzuheben, worauf 
besonders der Ton für die weitere Entwickelung der so wichtigen 
Frage zu legen sei. 

Das Turnen in den Schulen verfolgt das Ziel, durch zweck- 
mässig ausgewählte und geordnete Üebungen die leibliche Entwicke- 
lung der Jugend zu fördern, den Körper zu stählen, Muth und Ver- 
trauen zu der eigenen Kraft zu wecken, raschen Entschluss und 
entsprechende Ausführung zu sichern. Dabei ist nach den Lehr- 
plänen für die höheren Schulen vom 6. Januar 1892 zugleich die 
Aneignung gewisser Fertigkeiten besonders auch in Rücksicht auf 
den künftigen Dienst im vaterländischen Heere zu erstreben. Ge- 
fordert wird aber auch, dass das Turnen mit frischem, fröhlichem 
Sinne betrieben werde und der Jugend die Lust gewähre, welche 
das Gefühl gesteigerter Kraft, erhöhter Sicherheit in der Beherrschung 
und dem Gebrauche der Gliedmassen und des ganzen Körpers, sowie 
vor Allem das Bewusstsein jugendlicher Gemeinschaft zu edlen 
Zwecken mit sich führt. Für die höheren Mädchenschulen wird als 
allgemeines Lehrziel Kräftigung des Körpers, Natürlichkeit und 
Anmuth der Bewegung, richtige Haltung, Freude an frischer, körper- 
licher Thätigkeit angegeben (Minist.-Rescr. vom 31. Mai 1894). Aus 
diesen Aufgaben ergiebt sich eine Reihe wichtiger Forderungen. 



^) Weh m er, Grundriss der Schulgesundheitspflege. Berlin 1895. 

Euler, Encyclopädisches Handbuch des ges. Tumwesens. Wien 1895. 

Schneider und v. Bremen, Das Volksschulwesen im preuss. Staate» 
Berlin 1886. — Deutsche Schulgesetzsammlung, Centralorgan für das gesammte 
Schulwesen im deutschen Reiche, in Oesterreich und in der Schweiz. Berlin. 
Seit 1871 ab. 



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Gymnastischer Unterricht. 83 

Wichtig ist 1. dass der gymnastische Unterricht als obligatorisch 
anzuerkennen und als solcher mit demselben Eifer durchzuführen ist wie 
jeder andere Unterrichtsgegenstand. Zu dem Zwecke sind noth wendig: 

a) Geeignete Räume — Turnhallen, Turnplätze, öffentliche Spiel- 
plätze (s. Bd. I p. 703). Besonders zu betonen ist hier noch, dass aus 
gesundheitlichen Rücksichten bei günstigem Wetter möglichst im 
Freien zu turnen ist. Gewisse Uebungen, wie das Stabspringen, der 
Gerwurf, mancherlei Wettkämpfe und Aehnliches lassen sich in der 
Turnhalle gar nicht oder nicht ohne Beschränkung und ohne Gefahr 
vornehmen. 

b) Geeignete Geräthe. Es ist eine interne Frage des Turnunter- 
richts, dieselben zu bestimmen. Die preussische Regierung hat sich 
entsprechend dem von der königl. wissenschaftlichen Deputation für 
das Medicinalwesen im Jahre 1862 abgegebenen Gutachten für die 
Beibehaltung des Barrentumens ^) und zugleich für das sog. deutsche 
Turnen entschieden. 

c) Geeignete Lehrer. Es kann gar nicht genug der Ton darauf 
gelegt werden, dass die Lehrer, welche die gymnastischen Uebungen 
leiten, nicht bloss, was man so nennt. Verstau dniss für die Sache 
haben müssen — nein, sie müssen eine vortreffliche und ausgiebige 
Eenntniss einzelner physiologischer Vorgänge und fast der ganzen 
Anatomie des menschlichen Körpers haben. Die Gesetze des Blut- 
kreislaufs, die Mechanik des Skelettes, die Wirkungsweise der Mus- 
keln, die antagonistische Thätigkeit der einzelnen Muskelgruppen, die 
Gesetze der Athmung, namentlich der Mechanik derselben, müssen 
ihnen bekannt sein. Die Kenntniss der Lageverhältnisse und der 
functionellen Thätigkeit der Unterleibsorgane muss vorausgesetzt 
werden, um ungeeignete Körperbewegungen beim Turnunterricht 
auszuschliessen. Auch die Kenntniss dessen, was einer bestimmten 
Altersstufe an Muskelkraft zuzutrauen ist, muss durch praktische 
üebung im Unterricht von den Lehrern angeeignet werden. Nach der 
preussischen Prüftmgsordnung vom 22. Mai 1890 für die Turnlehrer 
müssen diese denn auch eine Kenntniss des menschlichen Körpers 
nach seinem Bau und nach seinen Lebensäusserungen besitzen, ferner 
auch die bei dem Turnen zu beachtenden Gesundheitsregeln, sowie 
die ersten nothwendigen Hilfeleistungen bei vorkommenden Unfällen 
kennen und anzuwenden verstehen. 



*) Dubois-Reymond, Ueber das Barrentumen und über die sog. ratio- 
nelle Gymnastik. Berlin 1862. 

Derselbe, Herr Rothstein und der Barren. Berlin 1863. 



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84 Gymnastischer Unterricht. 

d) Eine geeignete Methode. Nur die rechte Erkenntniss von 
der Aufgabe des Turnens yermag die beste Methode zu wählen. 
Was zunächst die auf den einzelnen Stufen vorzunehmenden Uebungen 
anbelangt, so fordern die Lehrpläne für die höheren Mädchenschulen, 
dass der Turnunterricht auf der Unterstufe überwiegend die Form 
des ungezwungenen, von Einderliedem begleiteten Bewegungsspiels 
annehme. Erst auf der Mittelstufe erhält es strengere Formen. In 
einer dem fortschreitenden Alter entsprechenden Weise sind von da 
an Ordnungsübungen, Freiübungen und Geräthübungen , unter sich 
und mit Bewegungsspielen abwechselnd, zu treiben. Nach mehr- 
stündigem Sitzen und einseitiger Kopfarbeit soll das Turnen die 
Ltmgen- und Herzthätigkeit beleben, den Blutumlauf beschleunigen 
und das jugendliche Hirn entlasten. Zu diesem Zwecke ist es nothig, 
dass nur ein Theil der Stunde mit Uebungen zugebracht werde, 
welche die gespannte Aufmerksamkeit fordern, und dass in dem 
anderen Theil dem natürlichen Bewegungsdrang und der fröhlichen 
Spiellust des Alters kein allzu strenger Zaum angelegt werde. — Für 
die höheren Lehranstalten der Knaben wird gefordert, dass auf der 
Unter- und Mittelstufe das Turnen in Form von Gemeinübungen 
unter unmittelbarer Leitung des Lehrers betrieben werden. Auf der 
Oberstufe ist Riegentumen zulässig. Auf der Unterstufe sind Frei- 
und Ordnungsübungen, auf der Oberstufe vorzugsweise die Geräth- 
übungen zu pflegen. Uebungen im angewandten Turnen sind auf 
allen Stufen vorzunehmen, besonders ist der Lauf zu üben (preus- 
sischer Ministerialerlass von 3. April 1890). — Die Anklagen, 
die, wie früher, so auch noch heute, gegen unser Schulturnen 
erhoben werden, beziehen sich im Wesentlichen auf die Künste- 
leien und den militärischen Drill, auf die Geräthübungen und auf 
das Hallentumen. Um uns nicht den Vorwurf der auf ungenügen- 
der Kenntniss des Turnunterrichts beruhenden Voreingenommenheit 
machen zu lassen, geben wir das Urtheil eines angesehenen Fach- 
mannes, des Turninspectors Hermann in Braunschweig, wieder, 
welcher sich über den Turnbetrieb 1891 auf der Versammlung 
des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege folgender- 
massen aussprach: „Das Turnen ist in seiner Weiterentwickelung 
von den Wegen und Bahnen, die Guts Muths imd Jahn ihm eröffnet 
hatten, auf Abwege gerathen und hat sich in so sehr einseitiger 
Art in die engen, oft luft- und lichtarmen Turnhallen zurück- 
gezogen. . . . Man glaubte ein Genüge zu thun, wenn man mit einer 
an militärische Disciplin streifenden Ordnung in höchstens 2 wöchent- 



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Gymnastischer Untexricht. 85 

liehen Stunden die Knaben mit den üblichen Frei-, Ordnungs- und 

Geräthübungen beglückte. Eine Tiumkünstelei wurde hochgezogen 

Das Einfache und Naturgemässe unserer Turnübungen ist immer 
mehr in den Hintergrund gedrängt, und Uebungsformen sind aus- 
gebildet, ja ausgetüftelt worden, die in ihrer Abgesondertheit yon 
den äusseren Verhältnissen des Lebens und dem natürlichen Be- 
wegUDgsbedürfnisse einer Jugendschaar wohl Muskelkunststücke, aber 
nicht ein frisch, frei, fröhlich Turnen genannt werden können. In 
unserem Schulturnen hat sich bei einer vorwiegenden, ja fast aus- 
schliesslichen Benutzung des geschlossenen Turnraumes zu sehr ein 
Formelwesen, eine Tummethodik herausgebildet, welche dem Ent- 
wickelungsgesetze und dem Entwickelungsbedtirfnisse des Körpers 
nicht gerecht wird. Das Turnen der Jugend soll ja nicht nur eine 
Hebung der Bewegungsorgane sein, also seine Aufgabe nicht nur 
allein darin finden, Muskel- und Nervengymnastik zu treiben, sondern 
darin, die Ausbildung der gesammten Lebensorgane, also besonders 
auch der Lungen, der Gefasse und der Yerdauungswerkzeuge zu 
fördern. Deshalb ist die Muskelübung nicht Selbstzweck, sondern 
nur Mittel zum Zweck.* Auch von Mosso^) und Lagrange*) 
sind ähnliche Vorwürfe erhoben worden. Wenn Ersterer ausführt, 
dass das deutsche Turnen vorzugsweise Geräthtumen sei, und dass 
Reck und Barren ganz besonders bevorzugt werden, so ist dies aller- 
dings eine üebertreibung ; aber in seiner Beurtheilung des modernen 
Schulturnens und in seinen Erörterungen über die physiologischen 
Bedingungen der Leibesübungen liegt so viel Wahres und Treff- 
liches, dass wir auf sein Werk besonders hinweisen müssen. — 
Gegenüber diesen Anklagen muss aber auch constatirt werden, dass 
das Turnen bemüht ist, durch Andersgestaltung seines Betriebes der 
ihm gestellten Aufgabe mehr und mehr gerecht zu werden; so hat 
das Marschiren und Laufen grössere Beachtung gefunden; die Werth- 
schätzung der TJebungen, welche wenig Bewegung erfordern, aber 
Aufmerksamkeit und Gedächtniss allzu sehr belasten, wie compli- 
cirte Ordnungsübungen und Reigen, ist gesunken ; auch Umfang und 
Art des Geräthtumens sind nicht ohne Bekämpfung geblieben; das 
Turnen im Freien kommt gegenüber dem Hallentumen zu grösserem 
Rechte; die Tumspiele i^i^erden mehr als bisher gepflegt. 

Für die physiologische Durchbildung der Turnübungen hat F. A. 



*) Mo 88 0, Die körperliche Erziehimg der Jagend, üebersetzt von Joh. 
Glinzer. Hamburg 1893. 

^) Lag ränge, Physiologie deR exercices du corps. Paris 1890. 



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86 Gjnmastisclier Unterricht 

Schmidt ^) werth volle Beiträge geliefert. Er theilt die Uebungen nach 
ihrem körperbildenden Werthe in folgende Gruppen ein: 1. Kraft- 
übungen, welche fast ausschliesslich nur die Muskelsubstanz bis zur 
Höchstleistung fördern, ohne die Coordinationsfähigkeit wesentlich in 
Anspruch zu nehmen; 2. Geschicklichkeitsübungen, welche den Turner 
fähig machen sollen, verwickelte und ungewohnte Bewegungen mit 
dem mindesten Maass von Muskelarbeit leicht auszuführen; 3. Auf- 
merksamkeitsübungen, welche gespannte Aufmerksamkeit, oft auch 
Anstrengung des Erinnerungsvermögens erfordern und lediglich das 
Gehirn belasten; 4. Schnelligkeitsübungen, welche aus einer Folge 
immer wiederholter Muskelbewegungen bestehen imd meist der Fort- 
bewegung des Körpers dienen. Von allen diesen Uebungen sind die 
Schnelligkeitsübungen, die sowohl mit Rücksicht auf Dauer wie auf 
grösstmögliche Schnelligkeit betrieben werden, das zu bevorzugende 
richtige Gebiet für die Leibesübung des heranwachsenden Geschlechts. 
Für diese Uebungen hat die Jugend einen starken, natürlichen Trieb, 
der in unseren Städten auf eine unnatürliche Art unterdrückt wird, 
wenn man den Kindern keine Gelegenheit und keine Zeit zum Aus- 
tummeln giebt. 

Der preussische Ministerialerlass vom 15. März 1897 beklagt, 
dass die volksthümlichen Uebungen, namentlich das Stabspringen und 
die Wurfübungen, nicht nach Gebühr gepflegt werden; er empfiehlt 
die besondere Pflege dieser Uebungen für das Turnen im Freien, wie 
auch der schulgerechte Lauf und der Lauf und Sprung über Hinder- 
nisse auf den Turnplätzen eifrig zu üben sei. 

e) Geeignete Kleidung. Eine besondere Turnkleidung ist er- 
wünscht, wenn auch nicht durchaus notwendig. Der Anzug muss 
leicht, weit und bequem sein, so dass er die Bewegungen des Kör- 
pers nicht hindert. Nachtheilig ist das Corsett, das beim Turnen 
nicht getragen werden darf. Die Beschafiung besonderer Turnschuhe 
ist zu empfehlen, weil diese einestheils die Turnbewejgungen sicherer 
auszuführen gestatten und anderentheils die Turnhalle sauberer bleibt, 
wenn das Auswechseln des bis dahin getragenen Schuhwerkes gegen 
die Turnschuhe in einem Vorraum der Halle vor dem Eintreten in 
letztere erfolgt. 

f) Die Anzahl der Schüler für den einzelnen Lehrer darf nicht 
zu gross sein; denn dieser muss den einzelnen Schüler immer im 
Auge behalten, um ihn vor Uebermüdung zu bewahren. Der geistigen 

*) F. A. Schmidt, Die Leibesübungen nach ihrem körperlichen üebungs- 
werthe. Leipzig 1893. 



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Gymnastischer Unterricht. 87 

Ueberanstrengung wirkt in der Schule oft die Unaufmerksamkeit 
des Schülers entgegen; beim Turnunterricht ist dies anders; das 
Kind erfreut sich an der ansprechenden Thätigkeit und folgt im 
Eifer bis zur äussersten Anstrengung seiner Körperkräfte; auch ist 
bei Kindern der Ehrgeiz bezüglich körperlicher Leistungen noch 
starker als bezüglich der geistigen. Ein Kind will nicht schwächer 
erscheinen als das andere und arbeitet im Turnunterricht mit bis 
zur Erschöpfung. Ich habe Knaben im Dauerlaufe vollkommen er- 
schöpft zusammenbrechen sehen, weil der Lehrer ihr allmähliches 
Ermatten übersah ; Aehnliches kam bei den Freiübungen mit Hanteln 
oder mit dem Stabe vor. Dem kann vorgebeugt werden, wenn der 
Lehrer jedes einzelne Kind überwacht und dasselbe sofort abtreten 
lässt, wenn sich ernstere Zeichen der üebermüdung bei ihm heraus- 
stellen. Der Lehrer erkennt die eingetretene Ermüdung an der Un- 
regelmässigkeit oder Schnelligkeit des Athmens, der dunkeln Böthe 
oder beginnenden Leichenblässe des Gesichtes, an der mangelhaften 
und ungewohnt ungeschickten Ausführung der vorgeschriebenen Be- 
wegungen. — Aus allen diesen Gründen halte ich die sorgsamste 
üeberwachung des Turnunten-ichts für absolut geboten; die Zahl 
der Schüler darf für den einzelnen Lehrer die einer Klasse nicht 
überschreiten. 

g) Endlich muss auch die Zeit für den gymnastischen Unterricht 
angemessen gewählt werden. Dieselbe ist an manchen Orten noch 
durch die Raumfrage beschränkt, da mehrere Schulen nur eine Turn- 
halle haben. Die Regierungen haben sich längst gegen diese Mängel 
gewendet, und hoffentlich wird bald keine Schule mehr existiren, 
welche nicht ebenso ihren Turnsaal haben wird wie ihr Schulzimmer. 
Auch die Entfernung des Turnplatzes von der Schule ist für die 
Zeitbestimmung hinderlich. Der Turnplatz darf nicht zu weit ent- 
fernt sein und liegt am besten, wie oben betont wurde, dicht an 
der Schule, so dass er an den eigentlichen Schulhof grenzt. Was 
die Lage der Turnstunden anbelangt, so sind solche Zeiten zu ver- 
meiden, in denen die Verdauungsthätigkeit beeinträchtigt werden 
könnte (Weh m er), also Stunden unmittelbar nach dem Mittagessen. 
Die Regierung zu Cassel (Verfügung vom 23. April 1875 hält 
die Lage der Turnstunden zum Schluss des Nachmittagsunterrichts 
am besten. Darüber, ob man eigentliche Turnstunden zwischen 
die übrigen Unterrichtsstunden legen dürfe, wird noch hin und her 



*) Centralblatt f. d. ges. Unterrichtsverwaltung in Preussen. 1875. p. 492. 

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88 Gymnastischer Unterricht. 

gestritten. Das ärztliche Gutachten für Elsass-Lothringen entscheidet 
sich vom hygienischen Standpunkte dafür. Ich kann mich dem 
nicht anschliessen und halte das Einschieben des Turnunterrichts 
in die Zeit der übrigen Schulstunden ebenso für pädagogisch un- 
zweckmässig, wie schädlich. Man bedarf keiner grossen Erfahrung, 
um zu erkennen, wie ermüdend die körperliche Anstrengung des 
Turnens für den gesammten Organismus für die nächste Zeitperiode 
ist. — Die Ermüdung macht ebenso für weitere körperliche wie 
geistige Anstrengung unfähig. Diese einfache Erfahrung, die Jeder- 
mann an sich selbst ohne Weiteres machen kann, ist denn auch 
durch die neueren Ermüdungsmessungen, so yorsichtig man auch 
den Werth derselben abschätzen muss, bestätigt worden; so hat 
Griesbach nach dem Turnen eine erhebliche Herabsetzimg der 
Hautsensibilität nachgewiesen. Auch nach Messungen von Wagner 
steht das Turnen in Ermüdungswirkung mit am höchsten unter allen 
Lehrgegenständen, und ebenso nach den von Eemsies mit Hilfe 
des Ergographen vorgenommenen Prüfungen. Physiologisch ist die 
Thatsache daraus leicht erklärlich, dass die bei ausgiebiger Muskel- 
anstrengung erzeugten Ermüdungsstoffe in die Circulation gelangen 
und erst längere Zeit darüber verstreichen muss, um dieselben durch 
den Stoffwechsel zu zerstören oder zu eliminiren. — Was die Zahl 
der Turnstunden betrifft, so setzen die „Allgemeinen Bestimmungen 
vom 15. October 1872" für preussische Volksschulen fest, dass auf 
der Mittel- und Oberstufe wöchentlich 2 Stunden gegeben werden 
und dass auf der Unterstufe Tumspiele und Vorübungen erwünscht 
sind. In den Mittelschulen ist die Anordnung die gleiche ; nur sind 
die Tumspiele und Vorübungen in der VI. und V. Klasse obliga- 
torisch. Die höheren Mädchenschulen erhalten gleichfalls wöchent- 
lich 2 Stunden, die höheren Lehranstalten für Kiiaben wöchentlich 
3 Stunden. — Man könnte wohl den Wunsch hegen, dass die Zahl 
der Turnstunden, wenn anders den Kindern in denselben nur mög- 
lichste Freiheit der Bewegung gestattet wird, eher vermehrt als 
vermindert wird. 

Von geringer Bedeutung ist, dass 

h) Prüfungen der erlangten gymnastischen Fähigkeiten und 
Censuren eingeführt werden. Vielleicht läge es sogar im Interesse 
der Schuljugend, beides wegfallen zu lassen; denn mir will immer 
scheinen, dass der Erfolg der gymnastischen üebungen um so grösser 
sei, je freier Alles gestaltet wird, während aller üblicher Schulzwang 
demselben hinderlich wird. Bezüglich der Prüfungen ist den Lehrern 



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Gymnastischer Unterricht. 89 

gar nicht genug ans Herz zu legen, dass sie es mit dem gymnastischen 
Unterricht nicht so machen, wie es leider noch so oft in anderen 
Schulfachem geschieht, nämlich dass sie auf die letzten Wochen yor 
dem Prüfungstermin allen Eifer concentriren. Ich wiederhole: der 
Körper verträgt das , Einpauken** viel schlechter noch als der Geist, 
und es könnte leicht kommen, dass schwächliche Kinder an ihrem 
Körper unter einer yerfehlten Methode dauernden Schaden nehmen. 
Die Gefahr ist hier um so grösser und die Warnung um so berech- 
tigter, als der Gedanke, bei Schauturnen mit den Schülern brilUren 
zu wollen, sehr nahe liegt. Der Lehrer muss ein für alle Mal frei 
sein von Eitelkeit imd solchem Ehrgeiz, dessen Befriedigung nur auf 
Kosten der ihm anvertrauten Jugend errungen werden kann. Es ist 
Sache der vorgesetzten Schulbehörde, hier wieder und immer wieder 
zu warnen und zu belehren, auch sich durch directe Anfragen bei 
den Schulkindern von dem Maass der ihnen zugetrauten Leistung 
zu unterrichten und durch sorgfältige Ueberwachung den Unterricht 
zu controliren. 

2. Der gymnastische Unterricht muss für Mädchen wie für 
Knaben obligatorisch sein. 

Die königl. Verordnung aus dem Jahre 1842 spricht nur 
von dem gymnastischen Unterricht als einem nothwendigen und 
unentbehrlichen Bestandtheil der männlichen Erziehung, und es 
ist erklärlich, dass bei der damals noch geringen Erfahrung über 
den Einfluss der Gymnastik auf die gesammte Körperentwickelung 
bei dem den obersten Kriegsherrn leitenden Gedanken, eine kräftige 
nationale Wehr zu schaffen, die männliche Jugend zuerst ins Auge 
gefasst wurde. Weniger verständlich ist es, wenn noch im Jahre 
1864 ein Ministerialbescheid des preussischen Cultusministers die 
Worte enthält, dass bei der Würdigung der Vortheile, welche das 
Turnen auch für Mädchen in pädagogischer Beziehung habe, und bei 
der Anerkennung des Nutzens, welcher nach der Denkschrift der 
Berb'ner medicinischen Gesellschaft ihm in hygienischer Beziehung 
innewohne, der Staat doch nicht berechtigt sei, die Eltern zu nöthigen, 
ihre Töchter turnen zu lassen, und die Gemeinden zur Hergabe der 
Kosten für Einrichtungen zu verpflichten, deren Benutzung dem 
elterlichen Recht und der weiblichen Natur gegenüber ein Gegen- 
stand der freien Entschliessung sein müsste. Als ob die weibliche 
Jugend nicht genau so wie die männliche den vollsten Anspruch 
auf die gleichmässige Entwickelimg ihrer Körper- und Geisteskräfte 
machen dürfte; hängt doch in letzter Linie das ganze Wohl der 



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90 Gymnastischer Unterricht. 

Nation von dem Dasein gesunder, stattlicher Frauen ab, und ist es 
doch nur dann möglich, eine wehrhafte Jugend und Männlichkeit zu 
entwickeln, wenn die Mütter nicht dürftig und elend sind. 

Die Griechen hatten nach dieser Richtung entschieden vorge- 
schrittene Vorstellungen von den Pflichten und Leistungen des 
Weibes für den Staat, als sie nach der Lykurg'schen Gesetzgebung 
ihre Frauen dazu bestimmten, „nicht Wolle zu spinnen und Hand- 
arbeiten zu verrichten, weil dies auch Sklavinnen leisten könnten ;*" 
als der freien Frauen Würde erschien es ihnen, „dass sie Mütter 
würden,** und darum fanden sie körperliche Uebungen für die Mädchen 
ebenso zweckmässig wie für die Knaben. Das Mädchentumen oder, 
allgemeiner genommen, die Leibesübungen der Mädchen sind also 
ein ebenso integrirender Theil ihrer Erziehung wie die der Knaben. 
Diese Erkenntniss hat sich auch schon so weit Bahn gebrochen, 
dass wie in den höheren Mädchenschulen so auch in Yolksmädchen- 
schulen der meisten grösseren Städte die hygienischen Uebungen 
eine dauernde Stätte gefunden haben. Im Interesse des ganzen 
späteren Berufes der Frauen würde es sogar dringend nöthig er- 
scheinen, gymnastische Uebungen der Mädchen so lange weiter zu 
führen, bis der Körper einen gewissen Abschluss der Entwickelung 
erreicht hat und der dauernde Erfolg gesichert ist. 

Die gymnastischen Uebungen des weiblichen Geschlechts er- 
heischen natürlich andere Anordnungen als diejenigen des männ- 
lichen. Kommt es bei den Knaben mehr darauf an, Kraft und 
Energie zu entwickeln, so handelt es sich dort mehr um Entwicke- 
lung der auf physischer Gesundheit fest ruhenden Anmuth und 
Schönheit (s. auch den preuss. Ministerialerlass vom 24. April 1883). 
Es muss femer Rücksicht genommen werden auf die weiblichen 
Unterleibsorgane, und es sind aus diesem Grunde ausgiebige Geräth- 
übungen, bei welchen die Unterleibsorgane Gefahr laufen, gedrückt 
zu werden, wie auch den Körper erschütternde Sprungübungen zu 
vermeiden. Bei älteren Mädchen ist die Zeit der Menstruation sorg- 
fältig zu beachten, und die Turnübungen sind dabei auszusetzen; 
um das Schamgefühl nicht zu verletzen, möge von den Lehrerinnen 
in vorsichtigen Andeutungen im Beginne des Semesters kund ge- 
geben werden, dass das einfache vier wöchentlich wiederholte Weg- 
bleiben vom Turnunterricht entschuldigt werden würde; es wird 
leicht sein, absichtliche Unterbrechungen zu controliren. — Ein 
weiteres Eingehen auf die Interna der Leibesübungen für Mädchen 
kann hier nicht statthaben, da die Hygiene sich nur mit der An- 



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Gymnastischer ünterriclit. 91 

gäbe der allgemeinen Gesichtspunkte zu beschäftigen hat. Es ist 
Sache der Lehrer, in dem angedeuteten Sinne das Gebiet weiter aus- 
zubauen. Zu erwähnen ist noch, dass der gymnastische Unterricht 
in den Mädchenschulen aus leicht begreiflichen Gründen nur von 
Lehrerinnen geleitet werden soll. 

Mit den gegebenen Andeutungen über die Eigenart des Mädchen- 
turnens erledigt sich auch die neuerdings mehrfach in der Literatur 
erwogene Frage des gemeinsamen Unterrichts mit Knaben. Konnte 
ich mich (s. p. 31) für denselben aussprechen, soweit der geistige 
Unterricht in Rede steht, so muss ich doch aus pädagogischen, 
ästhetischen und sittlichen Gründen den gemeinsamen gymnastischen 
Unterricht ablehnen. Derselbe ist wohl auch, soweit meine Erfahrung 
reicht, in deutschen Schulen kaum bisher irgendwo zur Anwendung 
gekommen. 

3. Die Dispensation vom gymnastischen Unterricht darf nur er- 
folgen auf das Attest eines geMrissenhaften Arztes, am besten des 
der Schulbehörde angehörenden ärztlichen Beamten. Nach der Circu- 
larverfügung des Ministers v. Gossler vom 22. October 1877 ge- 
schieht die Dispensation in der Regel nur auf die Dauer eines Halb- 
jahres. 

Ein neuerlicher Ministerialerlass vom 9. Februar 1895 fordert, 
dass in dem Attest der Arzt unter ausdrücklicher Berufung auf eigene 
Wahrnehmung das Leiden oder Gebrechen anzugeben hat, in dem ein 
Grund für die Dispensationen gesehen wird. Es steht uns das Recht 
nicht zu, die Aerzte zu ermahnen, mit der Ausgabe dieser Atteste aufs 
Aeusserste zurückhaltend zu sein; es hängt ein gut Theil der zu- 
künftigen Entwicklung eines Kindes von den stattgehabten Leibes- 
übungen ab, und es ersetzt keine spätere Pflege und Kurmethode 
eine Vernachlässigung der körperlichen Fähigkeiten in der frühen 
Periode des Lebens. Nicht die Rücksicht auf ängstliche und selbst 
unverständige Eltern, welche das Wohl ihrer Kinder oft da suchen, 
wo es am wenigsten liegt, in der Verweichlichung des Körpers 
sowohl wie in der fehlerhaften Erziehung des Charakters, darf den 
Aerzten das Zeugniss abringen, dass die Kinder zu den Leibesübungen 
unfähig seien, sondern nur die eigene, nach genauester Prüfung ge- 
wonnene Ueberzeugung. Es wird aber nur sehr selten vorkommen, 
dass körperliche Zustände den gymnastischen Unterricht direct ver- 
bieten; was häufig zum Motiv der Dispensation genommen wird, eine 
gewisse Rückständigkeit in der Entwickelung, allgemeine Körper- 
schwäche, sollte in hervorragendster Weise gerade zum gymnastischen 



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92 Gymnastischer Unterricht. 

Unterricht anleiten, weil dieser das beste Mittel ist, den sich kund- 
gebenden Mangel auszugleichen. — Von acuten Krankheiten recon- 
valescente Kinder müssen indess so lange vom gymnastischen Unter- 
richt fem gehalten werden, bis die volle Resistenz des Organismus 
wiedererlangt ist, das gesammte Aussehen, auch der Appetit eine 
Garantie der dauernden Wiederherstellimg der Gesundheit geben. Es 
ist dies namentlich wichtig nach Ueberstehen der eigentlichen In- 
fectionskrankheiten, nach Diphtherie, Scharlach u. s. w., weil mit den- 
selben gar leicht eine gewisse Schwäche des Herzmuskels eingeleitet 
ist, die erst überwimden sein muss. Ueberdies auszuschliessen von 
den Leibesübungen, welche an Geräthen stattfinden, sind Kinder mit 
Lähmungen einzelner Körpertheile , mit verheilten Gelenkserkran- 
kungen (Coxitis), endlich mit Epilepsie und Chorea (Veitstanz) be- 
haftete Kinder. In Freiübungen können auch diese zugelassen 
werden, bedürfen aber einer sorgfältigen Ueberwachung , wenn sie 
nicht Gefahr laufen sollen, Schaden zu nehmen. Auch phthisische 
Kinder möchte ich nur ausnahmsweise und mit grösster Vorsicht zu 
den gymnastischen Uebungen zulassen. Dieselben bedürfen einer be- 
sonderen, von der Schule kaum zu leistenden Ueberwachung. — Zeit- 
weilige Dispensation vom Unterricht kann eintreten ausser bei acuten 
Krankheiten, wo dieselbe in der Natur der Sache liegt, auch bei 
mehr chronisch verlaufenden oder subacuten Katarrhen der Respi- 
rationsorgane , welche von heftigem Husten begleitet sind, und für 
solche Kinder, welche von Reizungszuständen in den Verdauungs- 
organen und des Bauchfells heimgesucht sind ; hier kommt vor Allem 
die neuerdings so weit verbreitete und hoch gefährliche Perityphlitis 
und Appendicitis in Frage. Kinder, welche auch nur leichtere At- 
taquen dieser Uebel gehabt haben, müssen für lange Zeit vom Turnen 
zurückgehalten werden. Selbst Frei- und Stabübungen können 
denselben durch Drehungen und Zerrungen der Bauchgegend ge- 
fährlich werden. Ueber die Zulassung von Kindern, welche mit 
Leiden der Circulationsorgane, des Herzens und der Blutgefässe, der 
Nieren u. s. w. behaftet sind, wird in jedem einzelnen Falle der Arzt 
besonders zu entscheiden haben. Kranke dieser Gattung bedürfen 
hier zum mindesten derselben Berücksichtigung wie in anderen Unter- 
richtsfächern. 

Das Unterrichtsfach der Leibesübungen wird gern mit dem 
Turnunterricht identificirt, und doch umfasst es viel mehr als blosses 
Turnen. Zum gymnastischen Unterricht gehören, wie schon betont, 
und in einem der Ministerialrescripte ebenfalls schon hervorgehoben 



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Gymnastischer Unterricht. 93 

wurde, alle jene körperlichen Uebungen, welche geeignet sind, dem 
Körper Kraft und Gewandtheit zu geben, den Muth zu stählen und 
die Energie des Charakters zu entwickeln. 

Unter solchen Uebungen nehmen die Jugendspiele einen be- 
vorzugten Bang ein. Wer es mit der Jugend gut meint, muss die- 
selben für mindestens ebenso wichtig halten, wie den eigentlichen 
Turnunterricht. — Zweifelsohne ist eine Verbesserung der augen- 
blicklich bei uns bestehenden Verhältnisse wünschenswerth. Der mit 
dem Spiel im Freien yerbimdene Genuss der frischen Luft, die durch 
Laufen und Springen gegebene Verbesserung der Athmung und mit 
ihr des ganzen Stoffwechsels, der Gewinn in der Sicherheit der Be- 
wegungen und des Gebrauches in den Leistungen der einzelnen Or- 
gane, so der Augen und des Muskelgefühls, endlich aber die durch 
das Spiel gewonnene Lebenslust und Jugendheiterkeit sind nicht 
hoch genug anzuschlagen und das beste Gegengewicht gegen die 
geistige Ueberlastung. ThatsächL'ch ist die englische Erziehungs- 
methode der deutschen gerade durch die fleissige Benutzung dieses 
in Wahrheit besten gynmastischen Erziehungsmittels überlegen. Es 
soll aber nicht übersehen werden, dass auch deutsche Pädagogen 
in yerstandnissvoller Weise sich des Gegenstandes angenommen und 
denselben gefordert haben. Was Jahn schon in seinem Ausspruche: 
Ohne Tumspiele kann das Tumwesen nicht gedeihen, ohne Spielplatz 
ist ein Turnplatz gar nicht zu denken, gefordert hatte, und was 
Spiess wiederholte, dass unsere Kinder täglich zum Spiel geführt 
werden sollen wie zur Arbeit, findet neuerdings immer mehr Anerken- 
nung in den Kreisen der Pädagogen und insbesondere auch der Turn- 
lehrer. Man betont es ausdrücklich, dass neben den nachahmenden 
oder auf Befehl yollzogenen Bethätigungen des methodischen Turnens 
eine noth wendige Seite der Leibeserziehung fehlt, nämlich die freie 
Bethätigung der körperlichen Kräfte und Geschicklichkeiten, und dass 
Spiele ohne Turnen ebenso wie Turnen ohne Spiel nur eine einseitige 
Art der körperlichen Erziehung sei. Die deutsche Turnlehrerver- 
sammlimg forderte in den Jahren 1874, 1876 und 1881 wiederholt 
die Ergänzung des Turnens durch Jugendspiele. Hartwich in 
Düsseldorf wies in gehamischten Episteln auf die Nothwendigkeit 
der Spiele im Freien hin. Alle diese haben nichts Anderes gethan, 
als vorher schon von vielen^) und (im Jahre 1860) insbesondere 



') E« kann gar nicht oft genug auf Johann P e t e r F r a n k*8 ausgezeich- 
nete Abhandlung Jvon Wiederherstellung der Gymnastik* in dem Werke »System 
einer vollständigen medicinischen Polizei*, Bd. III, p. 619, verwiesen werden, 

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94 Gymnastischer Unterricht. 

von Schreber^) geschehen ist. Der preussische Cultusminister 
V. Gossler nahm sich dann dieses Gedankens in verständnissvoller 
Weise an und gab demselben von der maassgebenden Stelle aus 
praktischen Nachdruck in dem bekannten Erlass vom 27. October 
1882, in welchem gefordert wurde, dass die Schule die Einrichtung 
von Spielen nicht nur gelegentlich, sondern grundsätzlich und in ge- 
ordneter Weise in Pflege zu nehmen habe. Das Ziel, das für die Ent- 
wickelung des Jugendspiels erstrebt werden muss, ist, dass dasselbe 
wieder zu einer gerne gepflegten nationalen Sitte des Volkes werde. 
Thatsächlich sind namentlich in der jüngsten Zeit und besonders 
unter der stetig ermuthigenden Anregung unseres Kaisers Wil- 
helm IL, der für die Jugendspiele und den Sport bei jeder Gelegenheit 
Worte der Aufmunterung und Ermahnung hat, günstige Aussichten 
vorhanden, dass wir zur Erfüllung dieses Zieles auf dem besten 
Wege sind. Man hat angefangen, in den Schulen neben dem Turnen 
das Spiel zu pflegen. Besondere Spielstunden sind eingerichtet, in 
denen Schüler von Lehrern zum Spiel angeleitet werden. Grössere 
und kleinere Spielplätze sind seitens der Behörden zur Verfügung 
gestellt worden; aber doch stösst, wie der preussische Ministerialerlass 
vom 28. Mai 1894 ausführt, namentlich in grösseren Städten die 
Pflege der Bewegungsspiele vor Allem wegen des Mangels an zweck- 
mässig belegenen und eingerichteten Spielplätzen noch vielfach auf 
erhebliche Schwierigkeiten. Es muss daher noch immer mehr für 
die Förderung von Tum- und Jugendspielen durch Bereitstellung von 
Spielplätzen gethan werden. Die der Schule entwachsene Jugend 
hat begonnen sich zu Vereinen zusammenzuschliessen , die sich die 
praktische Bethätigung des Spiels zur Aufgabe gestellt haben. Für 
Lehrer und Lehrerinnen sind besondere Kurse eingerichtet, in denen 
Anleitung zur Pflege des Jugendspiels gegeben wird. — Einen ge- 
wissen Mittelpunkt finden alle diese Bestrebungen in dem „Central- 
ausschuss zur Förderung der Jugend- und Volksspiele in Deutsch- 
land**, der 1891 begründet wurde. Dieser Ausschuss stellt sich die 
Aufgabe, das Bewegungsspiel zu fördern, um es allmählich zu einem 
Gemeingute deutschen Volkslebens zu machen. In besonderen Kursen 
wird die Ausbildung von Lehrern und Lehrerinnen für die Leitung 
der Jugendspiele gefördert; es wird Auskunft über einschlägige 
Fragen ertheilt, die Spielmethoden werden weiter ausgebildet und ein 



welche über die in Rede stehende Frage geradezu unübertreffliche Vorechriften 
enthält. Dasselbe ist schon aus dem Jahre 1786. 

^) Seh reber, Die Jugendspiele. Jahrb. f. Kinderheilk. Bd. III, p. 247 ff. 



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Turnfahrten. Schwimmunterricht. 95 

regelmässig erscheinendes Jahrbuch^) wird herausgegeben, welches 
über Theorie, Praxis und Fortgang dieser Bewegung Auskunft giebt. 
In der gleichen Weise wirkt in Wien der Verein zur Pflege des 
Jugendspieles, dessen anregende Publicationen in Form von zwang- 
losen Heften') viel zur Verbreitung der Kenntniss und Einführung 
des Jugendspieles beitragen. 

Mit wenigen Worten sind noch die Schülerwanderungen, 
Schulspaziergänge und Turnfahrten zu erwähnen. — Gemein- 
same Spaziergänge der ganzen Schule sind nach meinen Erlebnissen 
niemals erspriesslich. Die üeberwachung einer Schaar von 500 bis 
600 Schülern ist für eine noch so grosse Anzahl von Lehrern unmög- 
lich; auch ist es den Lehrern nicht zuzumuthen, dass sie den der Er* 
holung zu widmenden Tag zu einem der anstrengendsten und durch 
die Verantwortlichkeit, welche auf ihnen lastet, unbehaglichsten für 
sich gestalten; die Folgen solcher gemeinsamen Schulspaziergänge 
sind aber stets allerhand Nachtheile für die Gesundheit der Schüler 
und für die Schulzucht. Diätetische Fehler aller Art sind bei den 
gewöhnlich mit Speisevorräthen und Geld von den Eltern reichlich 
versehenen Kindern nicht zu vermeiden, und die Ungebundenheit 
ist ein wahrer Stachel für üebertretungen. Ich erinnere mich dessen 
ganz genau, dass dieser Art von Spaziergängen die ersten Versuche 
im Tabaksgenuss zu danken sind. Zweckdienlicher sind Spaziergänge 
einzelner Schulklassen oder, noch besser, einzelner Abtheilungen von 
Schulklassen. Mehr als etwa 20 Schüler sollten nie unter einem 
Lehrer einen Ausflug machen; bei so beschränkter Anzahl sind die 
Ausflüge allerdings erspriesslich, weil neben dem günstigen Einfluss 
auf die Gesundheit dem peripatetischen Unterricht namentlich in der 
Naturbeschreibung die Möglichkeit des Erfolges gewährleistet wird; 
auch ist nicht zu leugnen, dass der Lehrer im Stande ist, bei solchen 
Gelegenheiten tiefe Blicke in das Seelenleben der einzelnen Kinder 
zu thun, welche für die individuelle Behandlung und demgemäss für 
die gesammte Erziehung von Nutzen werden können. Die Wande- 
rungen und Turnfahrten können sich auf einige Stunden, auf halbe 
oder ganze Tage oder selbst auf einige Tage erstrecken. 

Unter den Leibesübungen nimmt auch das Schwimmen eine 
hervorragende Stelle ein. Das Schwimmen bringt nicht bloss die in 



*) Jahrbuch far Volks- und Jugendsjjiele. Herausgegeben von E. v. Schencken- 
dorff und Dr. med. F. A. Schmidt. Leipzig. Von 1892 ab. 

*) Im Selbstverlage des Vereins, unter Leitung des Bürgerschullehrers 
Victor Pimmer, Wien I, Bräumerstrasse 9. 



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96 Gymnastischer Unterricht. 

dem Körper schlummernden körperlichen Fähigkeiten zur Entwicke- 
lung, sondern dient zugleich, da man doch für gewöhnlich nur in 
kaltem Wasser Schwimmübungen macht, zur Abhärtung des Körpers 
gegen Witterungseinflüsse und rasche Temperaturwechsel. Gerade 
diese an und für sich so werthvolle Nebenwirkung macht indess den 
Gebrauch der Schwimmübungen nicht für Jedermann passend, und 
Dispensationen werden hier häufiger eintreten müssen als beim 
Turnen; selbst für gesunde Kinder macht der Schwimmunterricht, 
abgesehen natürlich von der Femhaltung der Gefahr des Ertrinkens, 
grössere Vorsicht nöthig. 

Der Schwimmunterricht darf bei Knaben nicht Tor dem Ende 
des 9., bei Mädchen nicht vor dem Ende des 10. Lebensjahres be- 
ginnen; er setzt einen gewisssen Ghrad von Muskelkraft voraus, 
welche am besten durch vorangegangene turnerische Exercitien er- 
reicht wird. Schwimmunterricht darf alsdann nur statt haben, wenn 
die Temperatur des Wassers 17 — 18® C. erreicht. Die Kinder dürfen 
nicht ins Wasser gelassen werden, bevor sie nicht vollständig ab- 
gekühlt sind, ihre Haut frei von Schweiss ist, Athem und Puls ruhig 
sind. Daher muss jedes einzelne Kind, bevor es ins Wasser geht, 
von dem Lehrer angesehen und betastet werden. Der Aufenthalt 
im Badewasser darf 10 — 15 Minuten nicht überschreiten; bei ener- 
gischem Frostgefühl muss das Bad resp. der Schwimmunterricht 
sogar früher unterbrochen werden ; Verlassen des Wassers und Auf- 
enthalt an der Luft mit entblösstem Körper, in der Absicht, das 
Bad wieder aufzunehmen, darf von den Lehrern nicht geduldet 
werden. Die Schwimmexercitien selbst müssen den Körperkräften 
des Kindes angemessen sein und Klagen über Ermüdung wohl be- 
rücksichtigt werden ; man versuche auch nicht, den Muth ängstlicher 
Kinder von vornherein auf zu harte Probe zu stellen, sondern führe 
sie langsam vom Leichteren zum Schwierigeren. Ist das Bad ver- 
lassen, so muss das Ankleiden rasch erfolgen, nachdem der Körper 
gehörig mit einem Tuche abgetrocknet ist. Ein Badewärter, welcher 
beim Schwimmunterricht stets zugegen sein muss, hat die Aufsicht 
in der Ankleidehalle zu führen, wenn der Lehrer noch mit dem Er- 
theilen des Unterrichts beschäftigt ist. — Kein Kjnd darf ohne 
Badehose baden, und es ist beim An- und Auskleiden der Kinder 
darauf zu halten, dass die Decenz sorgfältig gewahrt werde. — Nach 
dem Bade ist ein langsamen Schrittes vorzunehmender Spaziergang 
zu empfehlen, vorausgesetzt natürlich, dass die Witterung ihn ge- 
stattet, namentlich der Wind nicht heftig weht. 



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Gymnastische Uebungen. 97 

Dies sind die ganz allgemeinen Regeln, welche von der Hygiene 
für den Schwimmunterricht aufgestellt werden können; hier, wie 
überall, versteht es sich von selbst, dass die praktische Erfahrung 
dem Lehrer noch manchen anderen wichtigen Fingerzeig geben wird, 
und dass locale Bedingungen in den theoretischen Anforderungen 
mancherlei werden zu ändern im Stande sein. Das Eine wolle der 
Lehrer nie vergessen, dass der Schwimmimterricht ein mächtiges 
Agens ist, und dass er ein Mittel ist, welches bei falscher Anwen- 
dung zu um so gefahrlicheren Nachtheilen führt, je mächtiger es in 
seiner Wirkung ist. Vom Schwimmunterricht sind nervenkranke 
Kinder, wie Epileptiker oder mit Veitstanz behaftete, sowie Kinder 
mit Lähmungen gänzlich auszuschliessen , herzkranke und lungen- 
kranke Kinder in der weitaus grössten Mehrzahl der Fälle, ebenso 
Reconvalescenten von allen acuten Krankheiten, und endlich selbst 
diejenigen Kinder, welche auch nur vorübergehend an katarrhalischen 
Affectionen der Respirationsorgane, an Husten und Schnupfen leiden. 
Mögen die Lehrer wohl im Gedächtniss behalten, dass diese anscheinend 
so unbedeutenden Katarrhe, bei Kindern nicht sorgsam beachtet und 
durch Einwirkung der Kälte verschleppt, in letzter Linie zu ernsten 
Lungenkrankheiten führen können; auf der anderen Seite giebt es 
kein vorzüglicheres Mittel, um zarte, bleiche Kinder, welche der 
leiseste Windhauch molestirt, abzuhärten und widerstandskräftiger 
zu machen als das kalte Bad, wenn es nur vorsichtig angewendet 
wird und wenn man nur nichts erzwingen will. Beim Schwimm- 
unterricht thut gerade aus diesen Gründen die ärztliche Ueber- 
wachung doppelt noth. 

Freilich stösst auch der Schwimmunterricht in grossen Städten 
auf eine besondere, hygienisch sorgsamst ins Auge zu fassende 
Schwierigkeit, die der Bescha£Piing reinen Badewassers. — Die That- 
sache, dass Kinder aus schmutzigen Schwimmbassins sehr schwere 
Krankheiten acquiriren können, ist trotz des Widerspruches der be- 
theiligten Bassinbesitzer nicht wegzuleugnen , und ich habe selbst ^) 
hinlänglich von den üblen und lebensbedrohenden Wirkungen 
schmutzigen Badewassers genug erfahren, um mich nicht von den 
Einreden beeinflussen zu lassen. Hier können nur die vorgesetzten 
sanitätspolizeilichen Behörden in geeigneter Weise eingreifen. Für 
die Lehrer, welche den Schwimmunterricht zu leiten haben, wird 
aber überdies die eigene Wahrnehmung und auch die Angabe der 



') B a g i n s k y , Bassinbäder Berlins. Berlin 1897. 
Baginsky, Schulhygiene. U. 3. Aufl 



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98 Gymnastische Uebungen. 

badenden Schulkinder massgebend sein können, schädlich gewordenes 
Wasser zu meiden. 

Reit- und Fechtunterricht, welche ebenfalls die Förderung 
der körperlichen Fähigkeiten bezwecken, sind fUr die Schule von 
untergeordneter Bedeutung ; zum mindesten werden sie niemals obli- 
gatorisch sein. Es sind dies übrigens körperliche Uebungen, welche 
in der That erst im reiferen Alter gepflegt werden sollen. 

Fechtübungen können im Knabenalter bei der Unüberlegtheit 
und Baschheit der Jugend leicht unglückliche Ereignisse im Gefolge 
haben und mögen deshalb unterbleiben. 

Das Schlittschuhlaufen ist eine so sehr von den klimatischen 
Verhältnissen abhängige Motion, dass es dem regelmässigen Unter- 
richt in der Gjnmastik nicht eingereiht werden kann; indess dürfte 
es durch Einrichtung künstlicher Ueberschwemmungen Ton Wiesen 
und freien Plätzen mehr als bisher möglich werden, Eisbahnen zu 
schaffen, weil sich dieselben auf diese Weise bei relatiy geringen 
Kältegraden herstellen und ohne Gefahr nutzbar machen lassen. Das 
Schlittschuhlaufen wird, da es eine sehr gesunde und der körper- 
lichen Entwickelung zuträgliche Uebung ist, Yon der Schule aus 
Anregung erfahren können, und es wird erspriesslich sein, wenn die 
Lehrer, welchen der gymnastische Unterricht obliegt, die Anleitung 
und Ueberwachung in die Hand nehmen. Ihre Fürsorge wird sich 
aber auch dahin erstrecken müssen, dass der Aufenthalt auf dem 
Eise nicht zu lange währt, dass die Kinder bei allzu strenger Kälte 
und sehr scharfem Nordwinde dem bei der Jugend so beliebten Ver- 
gnügen fem bleiben. Die Kleidung der Kinder darf nicht zu leicht 
sein ; namentlich sind die Hände durch gute Handschuhe zu schützen. 
Es ist Sache der Polizei, das Schlittschuhlaufen nur an solchen Orten 
zU gestatten, wo die Gefahr des Ertrinkens nicht vorhanden ist. 

Mehr zu den sportlichen als den eigentlichen einfachen gym- 
nastischen Uebungen gehört das Radfahren. Die Literatur des 
Gegenstandes ist beträchtlich angewachsen, und es geht aus derselben 
im Ganzen hervor, dass das Radfahren, massig und vorsichtig be- 
trieben, zu einer gesunden und den gesammten Organismus angenehm 
beeinflussenden Uebung gestaltet werden kann. — Indess liegt die 
Gefahr der Uebertreibung und damit der Schädigung der Blutkreis- 
lauforgane und besonders des Herzens sehr nahe; aus diesem Grunde 
möchte ich mich eher gegen die Erlaubniss des Radfahrens als für 
eine solche für die Schuljugend aussprechen. Ganz zu vermeiden ist 
das Radfahren schon jetzt um deswillen nicht mehr, weil die Schul- 



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Gymnastische üebungen. 99 

kinder dasselbe zum Zurücklegen weiter Schulwege benutzen; in 
jedem Falle sind die Kinder aber vor dem zu raschen Fahren zu 
warnen, aus dem bereits erwähnten Grunde, sodann aber auch um 
der Gefahr willen, die ein Sturz von dem beschleunigt angetriebenen 
Rade für die Kinder mit sich führen kann. — Kindern unter 12 Jahren 
sollte die Benutzung des Rades unter allen Umständen verboten sein. 
Auf die allerdings vermeidbare Gelegenheit zu geschlechtlicher Er- 
regung der Kinder durch das Radfahren soll hier nur andeutungs- 
weise hingewiesen werden. Wir kommen in einem späteren Capitel 
auf den Gegenstand zurück.. 

Das Rudern, in hygienischer Beziehung eine der vortrefflichsten 
Leibesübvmgen , das, in frischer Luft ausgeführt, fast alle Muskeln 
des Körpers betheiligt, wird hier und da auch von den Schülern der 
höheren Gymnasialklassen gepflegt. Verständig und massvoll, unter 
sorgsamer Obhut betrieben, kann dasselbe gern geduldet werden. — 
Wo dasselbe aber sportsm'ässig geübt wird und als Ziel die Theil- 
nahme an öffentlichen Wettkämpfen gesetzt ist, da wirkt diese 
Uebung bei den in der Entwickelung begriffenen Jünglingen ent- 
schieden mehr schädlich als nützlich und sollte nicht gestattet 
werden. 

Kaiser Wilhelm U. hat bekanntlich namentlich auch dem Ruder- 
sport besondere Aufmerksamkeit zugewendet und sich in dem eben 
angedeuteten Sinne in einem Erlass geäussert. „Um durch eine 
zweckmässige Einrichtung des Schülerrudems dieser für die Schüler 
höherer Lehranstalten so heilsamen Leibesübung eine weitere Förde- 
rung zu sichern,* heisst es in dem kaiserlichen Erlass vom 27. Ja- 
nuar 1898, sind die Schüler von den Rudervereinigungen Erwach- 
sener grundsätzlich fernzuhalten. Die Ruderübungen der Schüler 
sind durch einen rudersportlich vorgebildeten Lehrer und einen er- 
fahrenen Arzt zu überwachen. Bei Wettrudern ist die Oeffentlich- 
keit auszuschliessen; nur besonders eingeladene Angehörige und 
Freunde der betheiligten Anstalten und Schüler können zu denselben 
zugelassen werden. Die Benutzung eigentlicher Rennboote ist nicht 
gestattet. Bei Wettfahrten ist die Ruderbahn auf 1200 m zu ver- 
kürzen. Am Wettrudern dürfen nur Schüler der Prima und Ober- 
secunda theilnehmen. 

La den Bereich des gymnastischen Unterrichtes ist ferner noch 
die Unterweisung imTanzen zu ziehen. Gewichtige Gründe lassen 
es erwünscht erscheinen, diesen Theil der Gymnastik der Schule zu 
überweisen. In erster Linie würde dann dem Missbrauch vorgebeugt 



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100 Gymnastische üebungen. 

werden, dass thörichte und unüberlegte Eltern ihre durch körper- 
liche und geistige Anstrengung übermüdeten Kinder noch 3 bis 
4 Stunden wöchentlich, und zwar gerade zur Abendzeit, oft dann, 
wenn die Kinder längst zu Bette gebracht sein sollten, anspannen, 
um die an und für sich ja wohl entbehrliche Kunst des Tanzens zu 
erlernen. In der Mehrzahl der Fälle wird dieser Unterricht aber 
in einer Weise ertheilt, welche sowohl der Pädagogik als auch der 
Hygiene ofiFenbar Hohn spricht. Ganz besonders leiden die kleinen 
Städte darunter, in welchen von umherreisenden, ungebildeten und 
nicht selten moralisch degenerirten Subjecten, welche zu dem Berufe 
des Tanzlehrers ihre Zuflucht genommen haben, nachdem sie in 
anderen Berufskreisen Schiffbruch gelitten, die Tanzkunst gelehrt 
wird. Mit vollkommenem Verkennen des Grundsatzes, dass alles, 
worin Kinder unterrichtet werden, dazu beitragen müsse, die har- 
monische körperliche wie geistige Entfaltung zu erzielen, wird der 
Zweck des Unterrichts darin gesucht, den Kindern eine Reihe von 
Tänzen ins Gedächtniss zu bringen, ohne dass auch nur der Ver- 
such gemacht wird, Körperhaltung und Gangart zu bessern, Exact- 
heit der Muskelbewegung zu üben und den Sinn für Schönheit 
und Proportion zu schärfen, gar nicht zu reden von der absoluten 
Unkenntniss dessen, was den Respirationsorganen der Kinder an 
Leistungsfähigkeit zuzutrauen sei. Wird noch hinzugenommen, dass 
bei dem gemeinschaftlichen Tanzunterricht der beiden Geschlechter 
der kindlich naive Sinn in fehlerhafter Weise durch Angewöhnung 
von meistens missverstandenen und falsch gedeuteten Redensarten 
beeinflusst wird, dass die so leicht anregbare Phantasie gereizt, 
Leidenschaften, obenan die schlimmste von allen, die Eitelkeit, ge- 
weckt werden, so ergiebt sich eine Masse von Schädlichkeiten, die 
aus dem Wege zu räumen Lehrer wie Aerzte zugleich beflissen sein 
müssen. Der Mangel der Tanzfertigkeit führt die halberwachsene, 
aus der Schule eben entlassene Jugend dazu, diesen Unterricht auf- 
zusuchen; hiermit wird aber bei der gerade dieser Lebensperiode zu- 
gehörigen Erregbarkeit der Sinne der Leidenschaft Thür und Thor 
geöfihet, und es ist gar nicht selten, dass die Vernichtung des ganzen 
ferneren Lebensglückes von solchem Unterricht ihren Ursprung 
nimmt. Alle diese Gründe, für deren Wahrheit vielfache Erfah- 
rungen sprechen, welche in letzter Linie aus den Annalen der Kri- 
minalgeschichte vervollständigt werden können, lassen den Wunsch 
wohlbegründet erscheinen, den Tanzunterricht der Schule zu über- 
weisen; hier kann derselbe zu einer ebenso nützlichen wie angenehmen 



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Gymnastische üebungen. 101 

gymnastischen TJebung gestaltet werden, und mit Schonung von Körper 
und Geist der Jugend eine Fertigkeit für das Leben mitgegeben 
werden, welche zu besitzen, wenn auch nicht nöthig, doch immer- 
hin nicht gerade unangenehm ist. Es braucht wohl kaum erwähnt 
zu werden, dass der Tanzunterricht in der Schule allerdings anders 
gestaltet werden muss, als er bis jetzt üblich ist, und dass alle 
für den Turnunterricht empfohlenen Cautelen hier in noch höherem 
Masse an ihrer Stelle sind. Auch der Tanzunterricht mag principiell 
wie der gesammte gymnastische Unterricht den beiden Geschlechtem 
getrennt ertheilt werden, wenn ich gleichwohl gegen eine zeitweilig 
gemeinsam eingefügte Tanzstunde beider Geschlechter nicht mehr so 
streng Stellung nehmen möchte wie früher. Es wird auf den Takt 
der Lehrer und Lehrerinnen und auf die Sinnesart der Kinder an- 
kommen, hier eine gewisse Dilation eintreten zu lassen. 

Dieser Abschnitt kann nicht abgeschlossen werden, ohne dass 
darauf hingewiesen wird, dass die Beförderung des gymnastischen 
Unterrichtes im Grossen und Ganzen nur Segen bringen kann, wenn 
diejenigen Stunden, welche demselben mehr gewidmet werden sollen 
als bisher, dem geistigen Unterricht entzogen werden. Die bisherige 
geistige Belastung mit der Vermehrung körperlicher Uebung com- 
biniren zu wollen, würde geradezu zum Unheil ausschlagen, weil es 
dazu führen würde, geistig übermüdete Kinder durch die körperliche 
Anstrengung vollends zu ruiniren. 

Weiterhin ist die ernsteste Sorge daraufhin zu richten, dass 
kein Kind zu erheblicher körperlicher Uebung herangezogen wird, 
welches nicht von Hause gute und genügende Nahrung erhält. Die 
Anregung des Stoffwechsels, welche der gymnastische Unterricht 
giebt, hat natürlich nur Nutzen für solche Organismen, welchen hin- 
länglich Nährstoff zugeführt wird, wird aber solchen gefährlich, bei 
denen dies nicht der Fall ist. Daher wird als unbedingtes Postulat 
der Hygiene aufgestellt werden müssen, dass hungernde Kinder zum 
gymnastischen Unterricht nur dann zugelassen werden können, wenn 
ihnen in der Schule hinreichend Nahrung gegeben wird. In manchen 
neueren Schulhäusern ist in Voraussicht einer solchen Nothwendig- 
keit »ein Saal zur Vertheilung von Suppe (kräftiger Nahrung wäre 
besser ausgedrückt) an arme Schulkinder mit daneben befindlicher 
Küche** vorgesehen; es wäre wünschenswerth, dass, ob nun eine solche 
Einrichtung getroffen ist oder nicht, in Volksschulen jedenfalls die 
Darreichung von passender Nahrung an schlecht genährte und hun- 
gernde Kinder statt hat. — Die Formel, unter welcher diese Forde- 



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102 Der Gesangunterricbt. 

rungen zusammen gefasst werden können, würde also lauten: Keine 
körperliche Belastung ohne entsprechende geistige 
Entlastung und ohne ausgiebige Nahrungszufuhr. 

G. Der Gesangmiterricht. 

In der Bedeutung für die hygienischen Einflüsse der Schule ist 
der Gesangunterricht dem Turnunterricht nahe verwandt, da der Ge- 
sang gleich wie das Turnen bei den Schulinsassen gewisse hervor- 
stechende körperliche Leistungen erfordert, deren dauernde Ein- 
wirkungen auf den Organismus an dieser Stelle jedenfalls verdienen 
auf ihre eventuellen Vortheile und Nachtheile geprüft zu werden. 
Dies gilt vom Gesänge um so mehr, da seine körperliche Wirkungs- 
sphäre eine viel zartere ist als die, auf welche sich die gymnasti- 
schen Uebungen des Turnens erstrecken. Ein tieferes Eingehen in 
die Frage der Gesangshygiene wird deshalb ihre voUe Berechtigung 
finden, zumal da diese Disciplin in anderen Werken über Schul- 
hygiene fast gänzlich vernachlässigt ist. Diese allgemeine Vernach- 
lässigung könnte nun für den oberflächlichen Blick leicht als be- 
rechtigter Indifferentismus erscheinen, der aus der wirklichen Gleich- 
gültigkeit für diesen Gegenstand entspränge; in der That aber liegt 
der Grund hierfür in der Schwierigkeit der Behandlung dieser Frage 
für den einzelnen Autor. Der bewährte Gesanglehrer hat wohl die 
praktische Erfahrung der gesundheitsgemässen Ausbildung und künst- 
lerischen Anwendung der Stimme, er hat auch ein praktisches Ge- 
fühl für die gesundheitswidrigen Momente des Stimmgebrauches; 
aber auf der Grundlage von Gefühlen lässt sich keine Hygiene auf- 
bauen. Dem Arzte fehlt gewöhnlich wieder die gehörige Kenntniss 
der Art des künstlerischen Gebrauches der Stimme, der Anforderungen, 
welche an das Stimmorgan in physiologischer Beziehung gestellt 
werden. Nun hat es wohl zu allen Zeiten Sänger und Gesanglehrer 
gegeben, die anatomische und physiologische Kenntnisse des Stimm- 
organs besassen, aber diese Kenntnisse genügten bei Weitem nicht, 
um die vorliegende Frage der Stimmhygiene zu erledigen. Anderer- 
seits haben gesangskundige Aerzte sich wiederum eingehend mit den 
Vorgängen der Stimmbildung beschäftigt; diese haben sich aber 
nicht speciell genug mit den mannigfachen Erkrankungen des Stimm- 
organs praktisch befasst, ein Erfordemiss, welches jedenfalls zu einem 
objectiven Urtheile über eventuelle Schädhchkeit des Singens noth- 
wendig ist. 



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Der Gesangunterricht. 103 

Wir sehen also, was erforderlich ist, um über Stimmhygiene 
Mittheilung zu machen: akustische Auffassung und künstlerisches 
Verständniss der verschiedenen Stimmph'änomene, physikalische Er- 
klärung der Erscheinungen, physiologisch-anatomische Deutung der 
Vorgänge im Stimmorgan bei den einzelnen Stimmphänomenen, 
pathologisch-anatomische Kenntniss und praktische Erfahrungen über 
die gesammten Erkrankungen des Stimmbildungsapparates mit be- 
sonderer Berücksichtigung der etwaigen Krankheitsursachen. Werden 
diese Erfordernisse öfter in einem Individuum vereint sich finden, 
so werden wir auch wirksam fortschreiten in der Erkenntniss der 
(Jesangshygiene. Vorläufig aber finden wir leider nur zu häufig, dass 
selbst tüchtige Gesanglehrer über das Wesen der Stimme nur sehr 
unklare Begriffe haben und triviale Ausdrücke zu Tage fördern. Aber 
auch die ärztlichen Kehlkopfspecialisten sind meist viel zu wenig 
mit der Gesangstheorie vertraut, um die eventuellen Einflüsse der 
Gesangsthätigkeit auf den Organismus gerecht abwägen zu können. 
Für den Schulgesang ist nun die Angelegenheit noch etwas com- 
plicirter, als es sich hier um die gleichzeitige Entwickelung des 
Stimmorgans handelt, deren Hauptepoche unter dem Namen des 
Stimmwechsels (Mutirens) bei Knaben sich sehr deutlich zu markiren 
pflegt. Es herrschte bis jetzt in Angelegenheiten der Gesangs- 
hygiene die grösste Disharmonie ; die Einen meinen, die Stimme sei 
nun einmal da und liesse sich nach Gefallen unbeschadet der Gesund- 
heit benutzen; die anderen sehen sehr schwarz und erblicken vor 
Allem im Schulgesange die Grundlagen ztim Stimmverderb und zu 
vielen späteren Erkrankungen des Individuums. Wir schliessen uns 
zunächst keiner Meinung an und wollen das pro und contra in ob- 
jectiver Weise erwägen. 

Um die Lage der Angelegenheit im Allgemeinen klar zu legen, 
wollen wir uns zunächst die Frage vorlegen: Hat die Erfahrung 
gelehrt, dass menschliche Stimmleistung überhaupt für das betreffende 
Individuum in irgend welcher Form Schädlichkeiten herbeiführen 
kann P Könnten wir diese Frage definitiv verneinen, so wäre unsere 
Arbeit eine sehr leichte, wir hätten uns nur über die Vortheile 
des Schulgesanges zu äussern. Nun müssen wir aber die Frage 
bejahen. Das alltägliche Leben zeigt nicht nur dem Fachmann, 
sondern selbst dem Laien, dass gewisse energische Stimmthätigkeiten 
nicht selten von krankhaften Zuständen des Stimmapparates gefolgt 
sind. Hierbei müssen wir noch besonders darauf aufmerksam 
machen, dass diese Beobachtungen nur die grellsten Einflüsse der 



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104 Der Geeangunterricht. 

Stimmthätigkeit betreffen, und dass die langsam sich vollziehenden 
meist gänzlich der gew^öhnlichen Beobachtung entgehen. Im All- 
gemeinen steht die Schädlichkeit in gleichem Verhältniss mit der 
Dauer imd Stärke der producirten Stimmleistung. Ausrufer, schreiende 
Handelsleute der Strasse, Redner, Sänger, Schauspieler, laut comman- 
dirende Soldaten stehen anerkanntermassen unter dem Einflüsse dieser 
Verhältnisse. Wenn auch die Stinmileistung nicht immer das einzige 
ursächliche Moment bildet, wenn auch Temperaturverhaltnisse und 
gewisse individuelle Dispositionen hierbei von Bedeutung sind, die 
Thatsache ist dennoch nicht zu beseitigen. Wir werden deshalb 
auch beim Schulgesange den Gedanken an mögliche Schädlichkeiten 
nicht a priori von der Hand weisen können, sondern gut thun, sach- 
gemäss auf denselben einzugehen. Fassen wir zunächst die Qesangs- 
thätigkeit im Allgemeinen ins Auge. 

Die Thätigkeit jeder Art menschlicher Stimmgebung, also auch 
die des Gesanges, zerfällt im Wesentlichen in zwei Theile, nämlich 
in die luftgebende, respiratorische, oder Brustthätigkeit, und die 
stinmigebende, phonatorische, oder Halsthätigkeit. Beide sind ziem- 
lich complicirt, letztere aber in viel höherem Grade als erstere. Die 
respiratorische oder Brustthätigkeit ist kein specifischer Stimm- 
bildungsact, sondern findet auch ausserhalb der Stimmgebung zum 
Zweck der gewöhnlichen Athmung continuirlich statt. Die Ein- 
athmungsphase (Inspiration) wird beim Gesänge nie zur Stimmgebung 
benutzt, jedoch ist sie hier ausgiebiger als beim gewöhnlichen 
ruhigen Athmen; die Adsathmung (Exspiration), ein passiver Act 
des elastischen Athmungsapparates beim ruhigen Athmen, erfordert 
bei jeder Stinmigebung eine active Thätigkeit der Brust- und Bauch- 
muskulatur. Diese Anforderungen, welche bei dem Singen an die 
Athmung gestellt werden, sind zimächst als eine rein körperliche 
Uebung anzusehen. Der Sänger hat einen viel grösseren Luftvorrath 
als Jemand, der nicht singt, und durch üebvmg vermag er die von 
seinen Lungen aufzunehmende Luftmenge ganz beträchtlich zu ver- 
grössem. Er macht nicht nur tiefere Einathmungen und dehnt die 
Lungen stark aus, sondern athmet auch kräftiger und länger aus 
und bewirkt hierdurch eine energische Verringerung des Lungen- 
volumens, so dass in ihnen eine geringere Menge der Residualluft 
bleibt als bei gewöhnlicher Athmung. Das Singen bedingt also einen 
möglichst vollkommenen Luftwechsel und eine gründliche Diurch- 
lüftung der Lungen. Da nun die Sauerstoffaufhahme durch die Tiefe 
der Athemzüge beeinflusst wird, so vermögen täglich 1- bis 2mal 



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Der Gesangunterricht. 105 

wiederholte Gesangsübungen von ^/s stündiger Dauer eine ausgiebige 
Durchlüftung der Lungen und einen erhöhten Gasausiausch mit dem 
Blute zu schaffen. Das beim Singen nothwendige Tiefathmen nimmt 
fast die gesammte Muskulatur des Rumpfes und des Halses in An- 
spruch und sti*eckt auch die Wirbelsäule; Jeder, der singen will, 
nimmt auch in der Regel eine gerade Haltung ein. Je tiefer wir 
einathmen, um so mehr Blut wird dem Herzen und Lungen zu- 
geführt, und um so mehr wird der Kreislauf beschleunigt, das 
Singen beeinflusst also auch die Blutdurchströmung der Lungen. 

Da aber die Ausführung der beim Athmen nothwendigen Brust- 
thätigkeiten einer grösseren Gruppe kräftiger Muskeln übertragen 
wird, so ist die Leistung des einzelnen Muskels immerhin nur eine 
geringe. Wir sehen deshalb, dass selbst sehr schwache Kranke, 
deren Athmungsfähigkeit ungemein herabgesetzt ist, doch ofb noch 
sehr energischer Stimmäussenmg fähig sind. Wir können also mit 
gutem Recht den Satz aufstellen: die respiratorische Thätigkeit 
(Luftgebung) beim Singen igt eine massige gymnastische üebung der 
Brustmuskulatur, zu deren Uebertreibung und Missbrauch beim kunst- 
gemässen Stimmgebrauch wohl kaum Gelegenheit vorhanden ist. 

Beim Singen muss ein bestimmter, durch die Gruppirung der 
Töne oder durch den Sinn des Textes begrenzten Theil einer üebung 
bezw. einer Melodie mit einem Athemzuge geleistet werden. Die 
Dauer eines solchen Absatzes ist bedingt durch die Fassungskraft 
der Lungen oder durch die Stärke der vorangegangenen Inspiration 
und die Fähigkeit der langsamen und continuirlichen Exspiration. 
Dass die Fassungskraft der Lungen durch zielbewusste Üebung eine 
Vergrösserung erfahren kann, ist bereits erwähnt. Die Einathmung 
muss, wenn sie nicht in einer längeren Pause geschieht, möglichst 
schnell und kräftig erfolgen, damit in kürzester, den Gesang nur 
unmerklich unterbrechender Zeit eine grössere Luftmenge in die 
Lunge gelangt. Das Ausatmen muss, wie angedeutet, die Luft in 
ökonomischer Weise auf den zu singenden Absatz vei-theilen, eine 
Thätigkeit, bei welcher die Muskulatur des Brustkorbes wesentlich 
mitzuwirken hat. 

Wir dürfen aber nicht unterlassen zu bemerken, dass die all- 
gemeine Leichtigkeit der Luftgebung normale Kehlkopfverhältnisse 
voraussetzt, und dass sie namentlich für die krankhaften Zustände 
nicht gilt, wo die Stimmgebung nur bei klaffender Stimmritze möglich 
ist, einen fistelartigen Klangcharakter hat und durch die grosse 
Quantität der zur Stimmgebung erforderlichen Luft an die Brust- 



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106 Der Gesangunterricht. 

thäfcigkeit so übermässige Anforderungen stellt, dass die betreffenden 
Individuen im Stimmgebrauch sehr schnell ermüden (^die Brust thut 
ihnen weh*'). Es kommt dieser Zustand bei Lähmungen und ge- 
wissen chronischen Erkrankungen der Stimmbänder vor. Bei einem 
solchen Missverhältnisse wäre natürlich jede angestrengte Stimm- 
thätigkeit, also auch der Gesang, als schädlich zu unterlassen. Ueber- 
haupt scheint die Natur darauf bedacht zu sein, die Brustthätigkeit 
beim menschlichen Stimmgebrauch zu einer möglichst leichten zu 
machen. Es ist nämlich ein Gesetz, dass die tiefen Töne der 
menschlichen Stimme caeteris paribus eines grösseren Luftquantums 
bedürfen als hohe (Merkel's Antropophonik p. 616). Diesem Gesetze 
ist nun bei dem Bau der menschlichen Brust den einzelnen Stimmen 
nach vollkommen entsprochen; dem Bassisten stehen in der Norm 
stets grössere Luftquantitäten zu Gebote als den höheren Stimmen, 
namentlich als dem Soprane, mag dieser der Frauen- oder Knaben- 
stimme angehören. Würde letzteres Verhalten das entgegengesetzte 
sein, so würden Unbequemlichkeiten bei der Stimmthätigkeit vor- 
handen sein, welche unter besonderen Umständen leicht ein Moment 
zu Schädlichkeiten abgeben könnten. Dennoch lehrt die Erfahrung, 
dass dies Gesetz für die Hygiene nicht in rigoroser Weise ver- 
werthet werden darf; denn es giebt Bassisten, deren Luftvorrath nach 
exacter Messung unter der Norm liegt (z. B. durch Krümmung der 
Wirbelsäule bei Kyphosis), und deren Brustthätigkeit bei Gesangs- 
leistungen immer noch als ziemlich bequem anzusehen ist, ob^eich 
sie freilich wohl nicht so leicht ist, wie die ihrer gerade gebauten 
StimmcoUegen, und in letzter Linie bei länger dauernder Gesangsübung 
doch zu beschleunigter Wiederholung der Einathmung, stets rascher 
erneuter Muskelanstrengung und so leichter zur Ermüdung führt. 

Dass man sichtlich kurzathmige Individuen, oder solche, die nach 
längerem Stimmgebrauche Ermüdungäzustände zeigen, die sich als 
Brustbeschwerden äussern, nicht oder wenigstens nur mit Vorsicht 
singen lassen sollte, ist selbstverständlich. Auch wird es sich gewiss 
empfehlen, nicht nach starken körperlichen Anstrengungen, z. B. 
nach gymnastischen Uebungen, noch angestrengt singen zu lassen. 

Wir kommen nun zu einem anderen Einfluss der Luftgebung 
beim Gesänge, der jedenfalls wichtiger ist für die Hygiene als die 
eben besprochene Muskelthätigkeit. Die Luft streicht nämlich beim 
Singen continuirlich durch das Stimmorgan, und zwar unter gewissen 
Spannungsdifferenzen, die jederzeit grösser* sind als bei gewöhnlicher 
Athmung. Der Einfluss äussert sich durch Abkühlung und Aus- 



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Der Gesangunterricht. 107 

trocknung des Stimmorganes ; beides findet seine Ursache theils in 
der blossen Bewegung der Luft selbst, theils in der starken Tension 
der Luftsäule. Die in dem Athmungsorgan comprimirte Luft erhält 
«inen höheren Wärmegrad und einen höheren Sättigungspunkt; sie 
füllt sich also von der Schleimhaut her mit Wasserdampf, der bei 
der Stimmgebung in die Atmosphäre hinausgestossen wird. Dieser 
Wasserverlust muss um so grösser sein, je grösser das ausgestossene 
Luftquantum und je stärker die Tension der Luftsäule ist. Bei- 
läufig gesagt, sind diese Bedingungen in den tiefen Tönen des 
Brustregisters in stärkerem Grade gegeben, wobei ein Forte den 
Einfluss noch bedeutend vermehrt; Trockenheit der umgebenden 
Atmosphäre wirkt natürlich noch besonders in dieser Hinsicht. Schon 
bei der blossen Rede macht sich das Moment der Austrocknung des 
Stimmorganes ziemlich bedeutend geltend, und viele praktische Redner 
lieben es daher, beim Sprechen ein Glas Wasser neben sich zu 
haben, um dem besagten Einflüsse des Redens entgegentreten zu 
können. Sehr starke Lufttension bei grossem Luftverbrauch er- 
fordert das Schreien, und die Heiserkeit durch Austrocknung der 
Stimmbänder (Xerophonie, Merkel, Anthropophonik p. 640) nach 
längerem Schreien ist wohl allgemein bekannt. Die fragliche Ver- 
änderung, wenn auch meist vorübergehend, ist für das Gewebe 
jedenfalls nicht gleichgültig, und für die häufigen Erkrankungen 
durch starken Stimmgebrauch bildet dieser Umstand kein unbedeu- 
tendes Moment. 

Der andere Einfluss der bewegten Luftsäule, nämlich die Wärme- 
entziehung, ist nicht so sehr von der Lufttension abhängig als von 
der Temperatur der umgebenden Atmosphäre. Je kälter die Luft, 
um so mehr wird das Stimmorgan beim Singen abgekühlt und zwar 
immer energischer als beim gewöhnlichen Athmen, wo die Luft mit 
dem Stimmapparat nicht so innig in Berührung kommt. 

Wir konmaen nun zu dem zweiten Theil der Stimmleistung, 
nämlich zu der Halsthätigkeit. Sie ist höchst complicirt; denn sie 
umfasst die Thätigkeit der gesammten Halsmuskulatur, sowohl der 
äusserlich sichtbaren, als der innerlich dem Blick entzogenen. Sie 
beherrscht die Tonbildung in Bezug auf Höhe und KlangfUrbung; 
in ihrer richtigen Anwendung beruht hauptsächlich die Kunst der 
geschulten Stimmen. Die Einflüsse der Halsthätigkeit beim Gesänge 
sind auf das Stimmorgan so vielfältig und energisch, dass die Stimm- 
hygiene auf diesen Punkt ein ganz besonderes Augenmerk zu 
richten hat. 



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108 I^er Gesangunterricht* 

Im Wesentlichen können wir drei Hauptpunkte der phonatorischen 
Halsthätigkeit für die Stimmhygiene betrachten, wenn wir auch damit 
das ganze Gebiet noch nicht erschöpft haben sollten. Die ersten 
beiden Punkte sind passiver, der dritte activer Natur : sie sind erstens 
der yibratorische Einfluss, zweitens die passive Spannung im Stimm- 
apparat und drittens die active Halsmuskelspannung. 

Was den ersten Punkt, den vibratorischen Einfluss anbelangt^ 
so ist sein eigentlicher Sitz, das Centrum seiner Wirksamkeit, in 
den wahren Stimmbändern gelegen und verbreitet sich, von hier 
sehr schnell abnehmend, auf die anderen Theile des Stimmapparates. 
Der Einfluss der Vibrationen bei der Stimmgebung ist bisher wohl 
noch nie gehörig gewürdigt worden ; wie bedeutend er aber ist, geht 
schon daraus hervor, dass gerade die wahren Stimmbänder, der Sitz 
der primären Stimmvibrationen, es sind, welche am häufigsten durch 
die Stimmthätigkeit erkranken. Für dieses allgemein anerkannte 
Verhalten ist nicht gut ein anderer Umstand als die Vibrationen 
verantwortlich zu machen. Wenn wir mm bedenken, dass kein 
anderer Theil des Organismus den gleichen mechanischen Einflüssen 
ausgesetzt ist, wenn wir ferner bedenken, dass unter allen Ge- 
schöpfen der Mensch der häufigsten, energischsten und am meisten 
modificirten Stimmleistung zum Ausdrucke seiner Nerventhätigkeit 
(Gedanken und Empfindungen) bedarf, so wird man hierin vielleicht 
ein Moment erkennen müssen^ weshalb der Mensch gerade so aus- 
nehmend häufig den Erkrankungen des Stimmapparates ausgesetzt ist 

Wenn wir uns nun auch nicht auf eine Analyse der vibratorischen 
Einflüsse auf die Gewebe einlassen können, so können wir doch den 
Satz aufstellen, dass die Schädlichkeit proportional der Stärke und 
Dauer der Vibrationen ist. Die stärksten Vibrationen haben die 
tiefen Stimmen, und beim Gesänge gerade das Brustregister; auch 
weist das Forte im Allgemeinen stärkere vibratorische Einflüsse als 
das Piano auf. Das Falset- und das Kopfregister haben viel schwächere 
Vibrationen als das Brustregister und sind insofern als wesentliche 
Erleichterung der Gesangsmechanik anzusehen. Je grösser der 
vibratorische Einfluss, mit einer um so grösseren Widerstandsfähig- 
keit muss das Organ begabt sein, imd die Natur hat nun ein 
richtiges Verhältniss hergestellt, indem die tieferen Stimmen gerade 
von den kräftigeren Organen getragen werden. Wollten wir die 
Stimmen nach Abnehmen der Stärke der vibratorischen Einflüsse 
ordnen, so erhielten wir die Scala: Bass, Tenor, Alt, Sopran. Wir 
werden später sehen, dass diese Scala als Fundament für die später 



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Der Gesangunterricht. 109 

aufzustellende absolute Schädlichkeitsscala der Stimmen dient ; einen 
so hervorragenden hygienischen Einfluss haben die Vibrationen beim 
Oesange. 

Wir kommen nun zum zweiten Punkt der Halsthätigkeit, dessen 
Einflüssen das Stimmorgan in hygienischer Beziehung beim Gesänge 
ausgesetzt ist, nämlich zur passiven Spannung. Auch hier sind es 
wiederum die wahren Stimmbänder, die diesem Einflüsse bei Weitem 
am meisten ausgesetzt sind. Freilich kann dieser Einfluss lange 
nicht so hoch angeschlagen werden als der vibratorische , da er 
eigentlich erst bei einem hohen Tone sich energisch geltend macht. Die 
Natur hat glücklicherweise dem Organ auch hier ein Mittel gegeben, 
sich diesem Einflüsse möglichst zu entziehen. Dieses Mittel liegt 
in der Anwendung der hohen Register, des Falset- und Kopfregisters. 
Während nämlich das Brustregister bei fortschreitender Tonerhöhung 
eine stetig vermehrte Spannuflg der Stimmbänder erheischt, so er- 
reicht das Falset- und das Kopfregister denselben Zweck mit viel 
geringerer Anwendung des Spannungsgrades, und es dienen daher 
diese Register zu einer wirksamen Entlastung des Stimmorganes. 
Es ist hieraus sehr leicht erklärlich, dass diejenigen Stimmen, denen 
diese Register in ausgedehnter Weise zu Gebote stehen, auch relativ 
viel weniger von dem spannenden Einfluss zu leiden haben; es 
trifft dieses Verhältniss mit dem vibratorischen eigentlich so recht 
zusammen. Stimmen, die sich nach der Höhe hin in weiter Aus- 
dehnung im Brustregister zu bewegen haben, werden am ungünstigsten 
in dieser Beziehung situirt sein; dies trifft namentlich den Tenor. 
Der tiefe Bass bedarf nur geringer Spannung; der Alt steht dem 
Tenor noch am nächsten; der Sopran ist durch die hohen Register 
genügend entlastet. Nach MerkeTs Schätzung beträgt im Leben 
die gewöhnliche Ausdehnung der Stimmbänder von ihrem Indifferenz- 
^ustande V« ihrer Länge. Wenn wir nun bedenken, wie schon bei 
musikalischen Instrumenten die Saiten V9n dem spannenden Ein- 
flüsse zu leiden haben, so werden wir begreifen, dass ähnliche Ein- 
flüsse für das Stimmorgan nicht ganz ohne Bedeutung sind, und 
dass die Natur daher Anstrengungen zu machen hat, gegen diese 
Einflüsse anzukämpfen, Anstrengungen, zu denen sie vielleicht nicht 
zu allen Zeiten fähig ist. 

Ausser den Stimmbändern sind den spannenden Einflüssen beim 
Gesänge noch die Bänder und Gelenke des Stimmorganes (nament- 
lich des Kehlkopfes) unterworfen; wenn auch ihre Beeinflussung 
viel geringer ist als die der wahren Stimmbänder, so macht die- 



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110 Der Gesangunterricht. 

selbe sich vielleicht doch noch mehr geltend, als wir heute glauben, 
zumal da diese Apparate sich durch ihren subtilen Bau vor anderen 
ähnlichen Einrichtungen des Körpers so sehr auszeichnen. 

Es bleibt uns nun noch die Betrachtung des dritten Punktes 
der Halsthätigkeit beim Singen für die Stimmhygiene, nämlich der 
activen Muskelthätigkeit. Es umfasst dieses Gebiet die gesammte 
active Thätigkeit des Stimmorganes, soweit es seine Halsparthien 
betrifit; es ist derjenige Theil der Stimmthätigkeit, in dem sich 
die Meisterschaft des kunstgerechten Gesanges documentirt. Wenn 
überhaupt die Muskelthätigkeit eine Hauptangelegenheit im Haus- 
halte des menschlichen Organismus bildet, so ist sie auch beim 
Stimmgebrauch eine Hauptfrage. Die Gesangsmethoden concentriren 
(oft unbewusst) alle ihre Wirksamkeit auf diesen Punkt und die Ge* 
sangshygiene hat vollkommen Ursache, ein gewichtiges Augenmerk 
hierauf zu richten. Der muskuläre Theil der Stimmbildung stellt 
gewissermassen eine Mikrogymnastik im Organismus dar, und Alles, 
was beim Turnen gesagt ist, wird auch hier häufig seine volle An- 
wendung finden. Die gesammte Modification des Tones in Bezug auf 
Höhe imd Klangfarbe unterUegt allein gewissen muskulären Ein- 
wirkungen des Organes, und alle Schädlichkeiten, die hervorragende 
Muskelthätigkeit im Gefolge haben können, sind auch für das Stimm- 
organ vorhanden. Fragen wir uns nun an dieser Stelle: wie ist der 
Muskel am meisten Schädlichkeiten ausgesetzt? so müssen wir ge- 
stehen, dass erfahrungsgemäss der thätige und häufig in Anspruch 
genommene Muskel sich schädlichen Einwirkungen, z. B. der des 
Temperaturwechsels, am meisten geneigt zeigt. Es ist bekannt, 
dass muskelkräftige, schwer arbeitende Individuen am meisten der 
häufigsten Muskelerkrankung, dem Muskelrheumatismus, unterworfen 
sind. Diese Erfahrung lässt sich a priori auch für das Halsorgan 
anwenden; Leute, die besonderen Muskelanstrengungen des Halset 
durch starke Stimmthätigkeit unterworfen sind, werden ohne Zweifel 
ganz besonders zu muskulären Affectionen des Halses neigen, und 
manche bleibenden oder vorübergehenden Halsbeschwerden dieser Indi- 
viduen lassen sich vielleicht oft am besten als unsichtbare Muskel- 
affectionen erklären. Bei der Stimmthätigkeit und also auch beim 
Gesänge ist nun auf ein Verhältniss noch besonders hinzudeuten. 
Wir haben gesehen, dass die wahren Stimmbänder von den beiden 
früher betrachteten Punkten der Halsthätigkeit beim Gesänge be- 
sonders getroÖBn wurden, d. h. von dem vibratorischen Einflüsse 
und von der passiven Spannung; sie sind aber auch im Punkte der 



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Der Gesangunterricht. 111 

activen Muskelspannung nicht unbedeutend thätig, so dass auch der 
dritte Einfluss der Halsthätigkeit die Stimmbänder ganz besonders 
triffib. Der Stimmbandmuskel (musculus vocalis oder thyreoarytae- 
noideus internus) ist nämUch bei der Phonation und namentlich gerade 
im Brustregister hervorragend thätig. Wir sehen also, dass eigent- 
lich die wahren Stimmbänder die hauptsächlich angegriflfenen Punkte 
des Halsorganes bei der Stimmleistung, also auch beim Gesänge 
sind; wir sehen andererseits, dass der Mechanismus des Brustregisters 
es ist, welcher fast alle möglichen Schädlichkeitseinflüsse als Summe 
in sich yereinigt. Es ist damit nicht gesagt, dass die anderen Mus- 
keln des Halsorganes, namentlich die ausserhalb des Kehlkopfes 
gelegenen und die Schlundmuskeln, nicht auch Schädlichkeiten durch 
ihre actiye Thätigkeit beim Gesänge ausgesetzt sind; jedenfalls ist 
aber auf die wahren Stimmbänder und auf das Brustregister von 
der Hygiene das Hauptaugenmerk zu richten. Letzteres Stimm- 
register hat nämlich für die muskuläre Leistung des Stimmorganes 
eine ganz besondere Bedeutung. Das Brustregister, das wirksamste 
für künstlerische Leistung der Stimme, ist auch besonders anspruchs- 
voll an das Organ. Ausser dem schon erörterten starken vibra- 
torischen und passiven Spannungseinflusse, den es erheischt, erfordert 
es auch, abgerechnet die Thätigkeit des Stimmbandmuskels, eine 
bedeutende spannende Thätigkeit der Halsmuskulatur. Die Natur hat 
nun mit den theils höheren (Falset- und Kopfregister) theils tieferen 
(Strohbass) Registern dem Organ eine Möglichkeit gewährt, sich 
von Ueberbürdung der Muskeln bei der Stimmleistung zu befreien. 
Alle guten Gesangsmethoden haben von jeher hierauf ein besonderes 
Augenmerk gerichtet und haben unbewusst nach empirischen Ge- 
fühlen der Gesangshygiene hierdurch gedient. Dem geschulten 
Sänger liegt in der richtigen Anwendung seines Stimmregisters eine 
Garantie für die Erhaltung seines Organes, da es das Grundprincip 
jeder guten Gesangsschule ist, möglichst geringer Muskelanstrengung 
zu bedürfen bei mögUchst grossem Effect des Organes. Es ist klar, 
dass imgeschulte Schülerstimmen häufig dieser Vergünstigung gänz- 
hch entbehren und mit übermässiger Muskelkraft das erreichen, was 
mit viel geringerer eben so gut und besser auszuführen wäre. — 
Ausserdem sind einige widerwärtige Klangfarben unkundiger Sänger 
als Ueberbürdung der Halsmuskulatur anzusehen und deuten (oft 
als concommitirende Muskelbewegungen) auf übermässige Schwierig- 
keiten, welche^ der Sänger zu überwinden hat. Die Beschwerde, 
welche der Singende fühlt, empfindet wieder vorzugsweise der Hörer 



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112 Der Gesangunterricbt. 

bei der Perception des Tones; es entspricht dies einem allgemeinen 
Naturgesetz für die Phonation aller Geschöpfe. Wir erinnern nur 
an den blökenden Ton gewisser ungeschickter Naturtenoristen, wenn 
sie hohe Töne mit Gewalt erzwingen; sie thun ihrem Organ wie den 
Ohren der Hörer Gewalt an. 

Man kann wohl im Allgemeinen den Satz aufstellen, dass sich 
die ungeschulte Stimmleistimg zu methodischen Gesangsübungen ver- 
hält wie ungeregeltes Herumbalgen oder schwere Körperarbeit zu 
den methodisch-gymnastischen Turnübungen. Die unmethodische 
und übermässige Muskelthätigkeit beraubt den Organismus an der 
betroffenen Stelle seiner sogenannten Elasticität oder, besser, seiner 
ästhetischen Erscheinung und drückt ihm leicht den schwer aus- 
löschlichen Stempel des Rohen auf, welches mit dem Gesundheits- 
widrigen nur zu häufig identisch ist. 

Es erübrigt nun noch die Betrachtung eines Punktes, welcher 
nur für die Stimmleistung unentwickelter Individuen, also speciell für 
die Gesangshygiene der Schule von Bedeutung ist; wir meinen das 
Mutiren oder den Stimmwechsel. Bei weiblichen sowohl als bei 
männlichen Individuen zeigt nämlich zur Zeit der Pubertätsentwicke- 
lung der Kehlkopf ein rascheres Wachsthum und^ ist nun infolge 
der damit verbundenen Blutüberfüllung gegen schädliche Einwir- 
kungen besonders empfindlich. Bei den Knaben treten nun besagte 
Veränderungen durch akustische Phänomene besonders deutlich her- 
vor, verdienen aber bei Mädchen für die Hygiene mindestens ebenso 
sehr der Beachtung. Wenn auch im letzteren Falle eine besondere 
Neigung zu Verändenmgen der Stimmlage nicht vorhanden ist, so 
macht sich hier doch eine grosse Disposition zur Vergrösserung der 
Schilddrüse (Struma) bemerklich, mit welcher gern Veränderungen 
der Kehlkopfschleimhaut sich verbinden. Ein in der Entwickelung 
begriffenes Organ ist weniger widerstandsfähig, und alle die oben 
erörterten Stimmeinflüsse werden also während der Pubertätsentwicke- 
lung in höherer. Potenz sich geltend machen. Ausserdem müssen 
wir gleichzeitig eingedenk sein, dass in dieser Zeit die Disposition 
zur Schwindsucht zuerst sich geltend macht, einer Erkrankung, die 
ja bekanntlich von irgend einem Theil des Stimmapparates gern 
ihren Anfang nimmt. Während die Mädchen in dieser Zeit besonders 
zur Bleichsucht neigen, ist der Knabe durch die Veränderungen 
seines Stimmorganes beim Gesänge zu besonderen Anstrengungen 
gezwungen, da sein Kehlkopf ein neues Instrument darstellt, dessen 
Eigenheiten er noch nicht kennt und auf dem er für künstlerische 



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Der Gesangonterricht. 113 

Leistungen noch nicht geübt ist. Dass also in dieser Zeit das 
Stimmorgan beider Geschlechter besonderer Schonung bedarf, ist 
selbstrerständlich, nicht allein um gesundheitsgefährdende Einflüsse 
abzuhalten, sondern auch um der Entwickelung der Stimme keine 
perverse Richtung aufzudrängen. 

Nachdem wir nun die verschiedenen hygienischen Einflüsse der 
menschlichen Stimmleistungen vom theoretischen Standpunkte aus 
betrachtet haben, wollen wir das Ergebniss unserer Betrachtungen • 
fQr den praktischen Gesang und speciell für den Schulgesang ver- 
werthen. Wir haben gesehen, dass die stärkste Summe aller mög- 
lichen Einflüsse auf das Stimmorgan im Allgemeinen im Brust- 
register liegt. Das Brustregister zeigt die stärkste Lufttension, den 
stärksten vibratorischen Einfluss, die stärkste passive und active 
Spannung in der hohen Lage. Das ausgedehnteste Brustregister 
bei relativer Stärke und relativer Höhe der Töne hat aber der 
Tenor; seine Thätigkeit wird ausserdem meistens als Ober- und 
Solostimme in hervorragender Weise in Anspruch genommen. Es 
ist daher erklärlich, dass wir dieser Stimme die meisten möglichen 
Einflüsse zuschreiben müssen. Dem Tenor am nächsten in dieser 
Beziehung steht der Baryton; dann folgt der Bass, dem zwar auch 
vibratorische Einflüsse im Brustregister auferlegt sind, der aber«- 
theils keine bedeutende Höhe, also auch keine starke active und 
passive Spannung erheischt, ausserdem nicht so stark wie die Tenor- 
stimme beansprucht wird und in der Tiefe durch das Strohbass- 
register eine Erleichterung erhält. Der Alt folgt nun mit einem 
noch ziemlich ausgedehnten Brustregister; dann folgt der Mezzo- 
Sopran und der Sopran, welch letzterer durch das Falset- und 
Eopfregister fast vollständig entlastet ist. So hätten wir denn eine 
Stimmscala für die Hygiene abfallend in der Stärke der beeinflussen- 
den Momente aufgestellt; sie ist: Tenor, Baryton, Bass, Alt, Mezzo- 
Sopran und Sopran. Sie gilt allgemein, ist aber für uns jetzt besonders 
maassgebend für die Betrachtung der Gesangshygiene der Schulen. 

Wir sind nun endlich in unserer Betrachtung so weit gekommen, 
um ein wirklich objectives Urtheil über die Gesangsthätigkeit der 
Schüler in ihrer Beziehung zur Hygiene uns bilden zu können. 
Zuvörderst ergiebt sich, dass die Schüler während und nach dem 
Stimmwechsel, d. i. die tiefem Stimmen oder gerade die erwach- 
senen Schüler, in hervorragender Weise das Interesse der Gesangs- 
hygiene in Anspruch nehmen, während die hohen Stimmen der 

jüngeren Schüler, durch die erörterten natürlichen Verhältnisse ge- 
sagt nsky, Schulhygiene. U. 8. Aufl. 8 



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114 Der Gesangonterricbt. 

schützt, yiel eher sich selbst überlassen werden können. Es ist 
vielleicht sonderbarerweise gerade das Umgekehrte von dem, was 
Mancher a priori erwartet hat. "Wir können aber für unsern Aus- 
spruch noch weitere Beweise anführen. Wenn wir nämlich an 
Schädlichkeiten der Stimmleistung überhaupt denken, so muss uns 
natürlicherweise diejenige Krankheit des Stimm- und Athmungs- 
apparates am meisten vorschweben, welche gerade das Menschen- 
geschlecht in so excessiv häufiger Weise betrifft und decimirt, nämlich 
die Schwindsucht (Phthise). Kinder werden nun von der eigentlichen 
Kehlkopf Schwindsucht wohl gar nicht betro£fen, während diese Krank- 
heit nach der Pubertätsentwickelung (also nach dem Mutiren) zu den 
häufigsten chronischen Erkrankungen gehört. Anerkanntermassen 
sind wiederum Tenoristen am meisten für diese Erkrankungsform 
disponirt, ein Verhalten, welches auch mit der von uns aufgestellten 
Schädlichkeitsscala der Stimmen harmonirt. Perfecte imd geschulte 
Fachsänger wissen nun meistens sehr gut ihr Organ zu schonen; 
bei Schülern und ungeschulten Sängern ist dies aber gewöhnlich 
nicht der Fall. Auch dieser Umstand erhöht die Gefahr für die 
tiefen Stimmen der Schule. Wenn das Organ auch schon leistungs- 
fähig ist für die betreffende Stimmsphäre, so hat es doch seine voll- 
kommene Ejraft noch nicht entwickelt, es ist noch nicht so wider- 
standsfähig wie etwa 10 Jahre später. Der Gesang in den höheren 
Klassen der Gymnasien, Realschulen und in den Seminaren giebi 
ausserdem oft Gelegenheit zu Schädlichkeiten, da hier zum Zwecke 
des Kunstgesanges (AuffÜhnmgen) viel höhere Anforderungen an das 
Organ gestellt werden und der Ehrgeiz und Eifer schon hinläng- 
lich erwacht ist, um den Einzelnen zum Selbstzwang zu veranlassen. 
Während des Mutirens lasse man daher die Schüler nur sehr 
leichte Uebungen machen. Nach gesetzter Stimme lasse man sie 
sich nie in grossen anstrengenden Tonkünsten bewegen; man ver- 
meide für die immerhin noch schwachen Organe alles Dressiren und 
Paradiren zum Zweck von Aufführungen. Die Unreinheiten (Inter- 
ferenzerscheinungen), welche vielen Stimmen das ganze Leben hin- 
durch anhaften, werden zum grössten Theile während der Zeit der 
Pubertätsentwickelung bei Knaben (Mutiren) wie Mädchen erworben, 
wobei jedweder Missbrauch der Stimme jedenfalls als Hauptmoment 
mitwirkt. Wenn es sich also hier auch nicht immer um Leben und 
Tod handelt, so ist doch die ästhetische Erscheinung des Individuums 
auf dem Gebiete der Stimmäusserung genügendes Object für die 
Hygiene, ihr Augenmerk hierauf zu richten. 



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Der Gesangunterricht. 115 

Was die einzelnen Stimmen anbelangt, so sei man am meisten 
auf Schonung des Tenors bedacht; man y ermeide alle Anstrengungen 
und namentlich das Erzwingen hoher Tonlagen, zumal wenn ein 
gutturales Timbre (Kehlton) die Schwierigkeit kund thut. Den Bass 
lasse man nur das Brust- und Strohbassregister benutzen, niemals 
den Eehlbass, welcher sich durch Senkung des Kinnes nach der Brust 
kennzeichnet. Dieses Register stellt eine erzwimgene Tiefe dar; es ist 
meist schmerzhaft und beweist hierdurch seine Schädlichkeit. Ausser- 
dem verdirbt der Kehlbass nach Garcia und Merkel die Brust- 
stimme. In der Höhe (etwa von h bis f ^ kann dem Bass das Falset 
gern gestattet sein. Bei dem Gebrauch der hohen Kinderstimmen 
kann man, wie wir gesehen haben, viel weniger vorsichtig sein. 
Man bedenke aber, dass der Umfang der Kinderstimmen meist ge- 
ring ist, und halte sich im Allgemeinen in den Grenzen von eis ^ bis 
fis ^ Man unterscheide auch gewissenhaft im Sopran und Alt; man 
verlange aber auch nicht von allen Sopranisten durchweg die höch- 
sten Töne, nicht von allen Altisten die tiefsten, da hier bedeutende 
individuelle Verschiedenheiten vorhanden sind. 

Was die allgemeinen Vorschriften für alle Stimmgattungen be- 
trifft, so lasse man womöglich immer im Stehen singen, da hierbei 
die Luftgebung (Respirationsth'ätigkeit) am freiesten ist. Die Haltung 
des Körpers sei aufrecht, die Schultern zurückgenommen, Brust und 
Bauch in normaler Lage. Empfehlenswerth ist es, wenn die Kinder 
zeitweilig die Arme auf dem Rücken verschränken, sobald sie nicht 
die Hände zum Halten der Notenhefte verwenden. Der Kopf wird 
frei aufrecht getragen. Beim Gebrauch von Notenheften müssen 
diese von beiden Händen in der richtigen Entfernung und etwa in 
der Höhe der oberen Rippen gehalten werden. Steht das Notenheft 
zu niedrig, so sinkt der Kopf herab, wie es bei den Kurzsichtigen der 
höheren Anstalten so gern geschieht; diese Stellung legt der Hals- 
muskulatur übermässige Arbeit auf und erschwert die freie Bewegung 
des Stimmorganes beim Singen. Damit die Athmung nicht behindert 
werde, ist auch der Kleidung besondere Beachtung zu widmen. Alle 
Kleidungsstücke, welche die unteren Partien des Brustkorbes und die 
obere Bauchgegend einengen (Gorsets, festgeschnürte Röcke, Hosen- 
riemen) sind in dieser Hinsicht nachtheilig. Man vermeide beim Ge- 
sänge auch zu enge Halsbekleidung, weil diese das nothwendige An- 
schwellen der Muskulatur und der Schilddrüse verhindert und die 
auf- und absteigende Bewegung des Kehlkopfes beeinträchtigt. 

Der Luft, welche von dem Singenden eingeathmet wird, ist 



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116 Der Gesangunterricht. 

besondere Beachtung zu schenken. Die Lufb muss die geeignete 
Temperatur haben, den nothigen Feuchtigkeitsgrad besitzen, mög- 
lichst rein und staubfrei sein. Man vermeide das Singen in kalter 
Atmosphäre, weil die Abkühlung des Organes hier zu bedeutend ist. 
Man halte die Zimmertemperatur auf etwa 17 — 18 ® C. , niemals 
unter 16^ (Netolitzky). Man yermeide auch während und nach 
dem Singen schnelle Abkühlung des Halsorganes durch Eintritt in 
kalte Luft, durch kaltes Trinken oder durch Entblössen des Halses. 
Zu trockene Luft bedingt eine zu starke Austrocknung des Stimm- 
organes. Auch mit Staub und Rauch erfüllte Luft ist bei der for- 
cirten Athmung durch den Mund, welche das Singen erheischt, stets 
besonders gesundheitswidrig. Es ist gut, das Singen auch nach 
grösseren Mahlzeiten zu vermeiden, da die Athmung hier nie so frei 
ist wie zu anderen Zeiten. Vor allem aber sind angestrengte GFesangs- 
übungen unmittelbar vor, bei oder nach dem Turnen zu unterlassen; 
denn es ist nicht gut, gymnastische Uebungen zu sehr auf einander zu 
häufen. Namentlich sollte beim Turnen niemals in staubiger Luft, 
beim Marschiren gegen den Wind und bei Kälte gesungen werden. 

Was den Intensitätsgrad des Gesanges anbelangt, so ist, wie 
wir gesehen, das Forte im Allgemeinen von stärkeren Einflüssen auf 
das Organ begleitet als das Piano. Dies gilt hauptsächlich für die 
tiefen Stimmen. Aber auch bei Eanderstimmen ist, abgesehen von 
dem unästhetischen Eindrucke, aller schreiende Gesang zu vermeiden, 
weil durch die Qualität des Luftstromes das Organ einer schädlichen 
Austrocknung zu sehr anheim gegeben wird. 

Nachdem wir nun bisher erörtert haben, dass eine Summe ge- 
wisser Einflüsse bei der Stimmleistung im Allgemeinen, also auch 
beim Gesänge, das Stimmorgan trifit und schädliche Wirkungen her- 
beiführen kann, so wollen wir uns jetzt die Frage vorlegen: Welche 
Formen von Erkrankungen können wir dann wohl erfahrungsgemäss 
diesen Einflüssen ganz oder th eilweise zuschreiben? Theil weise, sagen 
wir mit Bedacht; denn jedenfalls ist eine pathologische Erscheinung 
selten von nur einem einzigen ursächlichen Momente abhängig, und 
auch in unserem Falle wird sich die Schädlichkeit der Stimmleistung 
nur zu häufig mit anderen Momenten zum Effect verbinden, welche 
theils ausserhalb des Individuums liegen (wobei wir namentlich an 
Erkältungen zu denken haben), theils innerhalb desselben (bestimmte 
Dispositionen, wie Sjrphilis, Scrophulose, Tuberculose). 

Auf die Erkrankungen des luftgebenden Theiles des Stimm- 
apparates, der Lunge und des Brustkastens, hat die Stimmleistung 



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Der Gesangunterricht. 117 

erfahrungsgemäss so gut wie gar keinen Einfluss, und stimmt dies 
mit unserer theoretischen Betrachtung yollkommen überein. Es liegt 
daher kein Grund vor, nach gewissen acuten Erkrankungen der Brust- 
organe, als Lungenentzündung und Brustfellentzündung, die Oesangs- 
thatigkeit direct als schädlich zu betrachten; im Oegentheil kann 
dieselbe bei gehöriger Vorsicht als Brustgymnastik eine heilsame 
Gegenwirkung gegen gewisse Residualzustände der abgelaufenen 
Krankheit bilden. — Anders yerhält es sich aber mit dem Kehlkopf; 
seine Erkrankung unter der Wirkung angestrengter Stimmthätigkeit 
gehört unzweifelhaft zu den grössten Häufigkeiten. Die Blutanschop*- 
pung (Hyperämie) des Kehlkopfes (namentlich der wahren Stimm- 
bänder) ist bei der Tongebung vorübergehend immer vorhanden; 
wird sie bleibend, so haben wir den Beginn pathologischer Zustände. 
Die Austrocknung des Kehlkopfes durch starke Stimmanstrengung 
(Xerophonie) ist meist vorübergehend, stellt aber auch dann einen 
leichteren acuten Process der Stimmbänder dar, der unter gewissen 
Verhältnissen immerhin in bleibende Erkrankung der Stimmbänder 
übergehen kann. Die Absonderungsverhältnisse (Secretion) im Kehl- 
kopfe spielen überhaupt für die Leistung des Organes eine grosse 
Bolle. Trockenheit der Schleimhaut und profuser Katarrh beein- 
trächtigen beide die phonischen Leistungen. Beide aber haben nicht 
selten Stimmanstrengungen als ursächliches Moment. Wir fühlen 
uns gedrungen, an dieser Stelle auf eine Erscheinung im Kehlkopf 
besonders hinzuweisen, die von den Fachmännern gewöhnlich gänz- 
lich übersehen wird. Die Stimmbänder sind nämlich für ihre An- 
feuchtung bei der Stimmthätigkeit hauptsächlich auf die Morgagni- 
schen Ventrikel angewiesen, so dass Mangelhaftigkeit der Secretion 
aus denselben das Organ in seiner Leistungsfähigkeit sehr beein- 
trächtigt. Ein nicht seltener krankhafter Zustand des Kehlkopfes, 
welchen auch übermässige Anstrengung der Stimme mit herbeizu- 
führen vermag (namentlich bei weiblichen Personen), ist Verschluss 
der Morgagni'schen Ventrikel. Die Stimme ist gedämpft, ver- 
schleiert, hoch, fistelartig oder fehlt gänzlich. Der Zustand hat sonst 
keinerlei Gefahr für die Behafteten. Es ist klar, dass auch jede 
Verminderung der Absonderung aus den Morgagni'schen Ventrikeln 
(sog. trockener Katarrh) die Stimme beeinträchtigen kann, ein Zu- 
stand, der, dem Auge fast entzogen, wahrscheinlich häufiger vor- 
kommt, als man sich heute vorstellt, und der jedenfalls durch die 
Schädlichkeit des Stimmeinflusses bedingt sein kann. Die meisten 
Veränderungen durch Stimmschädlichkeit betreßten die Stimmbänder 



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118 Der Gesangnnierricht. 

selber. Die Chorditis tuberosa hat Türk bei zwei Sopransänge- 
rinnen gefunden; die Erkrankung ist gänzlich unschädlich, aber be- 
einträchtigt die Stimme. Die Stimmbandentzündung (Chorditis) in 
ihren verschiedenen Formen ist jedenfalls die häufige Folge ange* 
strengter Stimmleistung, und alle, die sich ihrer Stimme in hervor- 
ragender Weise bedienen, leiden wenigstens an leichten chronischen 
Oraden derselben. Es wäre zu umständlich, die einzelnen Formen 
der Erkrankung hier anzuführen; wir wollen nur zwei der v^ichtig- 
sten Ausgänge derselben hier erwähnen. Zuerst kommen Stimm- 
bandpolypen ungemein gern bei Leuten mit hervorragender Stimm- 
anstrengung vor und gerade auf dem Boden der chronischen Stimm- 
bandentzündung; diese Erkrankung beföllt auch sehr häufig Kinder, 
und zwar oft, ehe sie in die Schule aufgenommen sind und hier ge- 
sungen haben; offenbar ist das starke Schreien, dem sich Kinder 
hingeben, ein sehr wichtiges Moment hierfür. Bei Erwachsenen wird 
Kehlkopfpoljrpenbildung durch starke Stimmanstrengung sehr oft be- 
obachtet. Die Erkrankung ist meist gutartig und heilbar. Andera 
steht es mit dem anderen Ausgang der Stimmbanderkrankung, näm- 
lich mit dem geschwürigen Zerfall (Chorditis ulcerosa); er führt ge- 
wöhnlich zur allgemeinen Schwindsucht. Sein Auftreten beruht 
häufig (doch nicht immer) auf gewisser Disposition; aber Stimm- 
anstrengung bietet oft den nächsten Anlass. Wie wir schon erwähnt 
haben, befällt diese Erkrankung Kinder nicht, sondern tritt erst zur 
Zeit der Pubertät auf. In dieser Erkrankung liegt nun auch für 
die stimmthätigen erwachsenen Menschen eine Hauptgefahr, auf 
welche die Hygiene hinzuweisen hat. 

Was nun die Auswahl derjenigen anbelangt, die zum Gesänge 
herangezogen werden können, so braucht man, wie wir gesehen 
haben, bei Kindern viel weniger scrupulös zu sein als bei Erwach- 
senen. Dass man bei jeder selbst leichteren acuten Erkrankung des 
Stimmorganes , namentlich des Kehlkopfes, den Gesang unterlässt, 
ist selbstverständlich. Individuen mit Schwindsuchtsanlage sind der 
grössten Schonung zu empfehlen oder lieber gänzlich vom Singen 
zurückzuhalten, namentlich wenn ihre Stimmlage dem Tenor ange- 
hört. Dagegen lehrt die Erfahrung, dass selbst Leute mit Brust- 
difformitäten, z. B. bucklige (skoliotische, kyphotische), bisweilen sehr 
gut zum Gesänge zu verwerthen sind. 

Auf ein Verhältniss wollen wir noch aufmerksam machen. Es 
giebt nämlich (wenn auch ziemlich selten) Individuen, denen von der 
Natur die Gabe der feineren Tonunterscheidung absolut versagt ist 



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Der Gesangunterricht. 119 

(eine Art «Tonblindheit*' analog der Farbenblindheit); diese in rigo- 
roser Weise zum Qesang zu zwingen, ist ein Unrecht; sie müssen 
sogar Yon dieser Thätigkeit zurückgewiesen werden, da sie ihren 
Mitschülern den ästhetischen Eindruck fortwährend verderben, ohne 
dass je Aussicht ist, dass sie das Treffen der Töne oder auch nur 
das Auffassen und Reproduciren von Melodien erlernen. Der Lehrer 
bedenke aber, dass die angeführte Anomalie sehr selten ist imd ver- 
wechsele damit nie die mangelhafte Uebung und Aufmerksamkeit 
jugendlicher Individuen, welche so häufig fehlerhafte Nachbildung 
der Tonstücke bedingen. 

Es erübrigt noch mit einigen Worten des Gesanglehrers zu ge- 
denken, der vielleicht am meisten der Berücksichtigung der Schul- 
gesangshygiene bedarf. Was das Vorsingen im Allgemeinen betrifft, 
so steht er unter den oben erörterten hygienischen Verhältnissen 
wie jeder andere Sänger, so lange er sich in seiner eigenen Stimm- 
lage bewegt. Bei Einübung heterogener Stimmen aber treten dabei 
stets Zwangsverhältnisse ein, die sein Organ besonders exponiren. 
Das bei uns geforderte Violinspiel der Gesanglehrer ist daher, wenn 
auch nicht gerade ein Eunstgenuss, so doch eine weise hygienische 
Maassregel im Interesse der Lehrer. In Frankreich und der Schweiz 
ist, wie wir erfahren, dieselbe Vorsicht nicht in Anwendung ge- 
bracht. Die Violine ist das beste Hilfsmittel, den Kindern die zu 
singenden Melodien vorzuführen, da die Töne genau ihrer Stimmlage 
entsprechen, der Lehrer selbst aber nur in der tieferen Octave dieselbe 
produciren müsste, wobei er, wenn er Bassist ist, die höheren Ton- 
lagen nur mit Zwang in gesundheitswidriger Weise vorführen könnte. 

Ein Verstoss gegen die Gesangshygiene in den Schulen liegt 
meistens darin, dass eine zu grosse Anzahl von Schülern dem Gesang- 
lehrer auf einmal zum Unterricht übergeben wird. Dem aufmerksamen 
Leser wird es nicht entgangen sein, dass die ästhetischen Anforde- 
rungen an den Gesang mit den hygienischen im Allgemeinen im 
Einklänge stehen. Dieses Verhaltniss hat es ermöglicht, dass die 
kunstgerechte Gesangsempirie im Stande war, auch ohne wissen- 
schaftliche Grundlage den hygienischen Gesetzen unbewusst zu ge- 
nügen. Hieraus wird man aber zugleich ermessen, wie weit manche 
Gesangsmanier von der Unschädlichkeit entfernt sein muss. Der 
Schulgesang bildet hier keine Ausnahme; denn bei der gewöhnlichen 
Ueberbürdung der Gesanglehrer ist es selbst dem Bewährtesten 
schlechterdings unmöglich, unseren Anforderungen zu genügen und 
bei den Schülern zu individualisiren. 



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120 Lese-, Schreib- und Zeichenuntemcht 

E Lese-, Schreib- nnd Zeichemmterriclit 

Bücherdmok. Lesen. Die Hygiene hat dem Leseunterricht des- 
halb Aufmerksamkeit zuzuwenden, weil derselbe, mit ungeeigneten 
Mitteln, bei ungeeigneter Beleuchtung, in unzweckmassiger Dauer 
und endlich bei unrichtiger Körperhaltung betrieben, schwere Nach- 
theile hervorrufen kann. Hervorragend wichtig ist hier zunächst 
die Beschaffenheit der Lehrmittel, vor Allem der Lesebücher. 

Die Beschaffenheit des Papiers und die Behandlung desselben 
im Druck spielen eine wesentliche Rolle für die Deutlichkeit und 
Lesbarkeit des Gedruckten; so weisen Blasius und Lüdicke^) 
nach, dass Papier, welches viel geschliffenes Holz enthält, das 
Durchscheinen und Durchschlagen des Druckes leicht gestatten; 
dasselbe kann auch durch Fehler im Glätten nach dem Drucke ge- 
schehen. Die Bücher werden also auf gutem, glattem und, zur Ver- 
meidung von Reflexen, die namentlich bei künstlicher Beleuchtung 
entstehen, nicht glänzendem Papier gedruckt werden müssen. Die 
Dicke des Papiers von 0,075 mm ist ausreichend, um bei guter 
Qualität des Materials und normaler Behandlung das Durchschlagen 
des Druckes zu verhüten. Die Farbe des Papiers ist rein weiss zu 
nehmen. Dem Vorschlage Javal's, Papier von gelblichem Ton zu 
nehmen, oder Weber's, statt weissen Papiers graues zu wählen, 
kann man nicht beipflichten. Auch das Elsasser Outachten über 
das Elementarschulwesen ^) spricht sich dagegen aus, weil bei 
grauem Papier der Gegensatz der schwarzen Buchstaben gegen den 
Grund vermindert wird. Auch Cohn') entscheidet sich für rein- 
weisses Papier, weil man selbst bei schlechter Beleuchtung schwarze 
Buchstaben auf weissem Ghrunde leichter lesen kann, als auf irgend 
einem anderen. Die Druckerschwärze muss reinschwarz mit mög- 
lichst gleichmässiger Vertheilung des schwarzen Pigmentes sein. 

"Weiterhin ist die Lesbarkeit eines Buches abhängig von der 
Buchstabengrösse, der Dicke der Buchstaben und ihrer Form, ferner 
von der Approche, d. h. dem Zwischenraum zweier benachbarter 
Buchstaben, dem Durchschuss, d. h. der Entfernung der einzelnen 
Zeilen von einander, und von der Länge der Zeilen. 

Was die Grösse der Schrift betrifft, so ist aus den Unter- 
suchungen von Cohn und Blasius ersichtlich, dass die Schrift, 

*) Vierteljahraschr. f. öff. Gesundheitepflege, Bd. XIH, p. 432. 

«) 1. c. p. 101. 

') Cohn, Lehrbuch der Hygiene des Auges. 1891. p. 486. 



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Lese-, Schreib- und Zeichenonter rieht. 121 

deren n kleiner ist als 1,5 mm, dem Auge selbst solcher Personen 
schädlich ist, welche mit dem Lesen völlig vertraut sind, so dass 
das Elsasser Gutachten mit Recht ftir Schulkinder als Minimum der 
Grösse des Druckes diejenige vorschreibt, deren n 1,75 mm beträgt. 
Allerdings kann man eine wesentlich kleinere Schrift auf eine Ent- 
fernung von 30 — 35 cm erkennen, aber es handelt sich beim Lesen 
nicht darum, dass die Formen überhaupt entziffert werden, sondern 
dass sie leicht lesbar sind, d. h. dass sie ohne Anstrengung fliessend,, 
auf die Dauer und bequem gelesen werden (Cohn). Ftir den Unter- 
richt wie für den Schutz des Sehvermögens ist es gleich vortheil- 
haft, wenn das Eind an möglichst grossen Vorlagen sich die Gestalt 
eines Buchstabens einprägt, ehe ihm derselbe in kleinerem Maass- 
stabe vorgeführt wird ^). Dies ist um so mehr nothwendig, weil die^ 
neu in die Schule eintretenden Schüler schon an und für sich ge- 
neigt sind, die Augen dem Sehobjecte zu nähern. Es ist daher 
empfehlenswerth, für den ersten Leseunterricht hauptsächlich Wand- 
tafeln und Lesemaschinen mit grossen, leicht erkennbaren Buch- 
stabenformen zu verwenden, welche neben der Schonung der Augen 
auch eine richtige Körperhaltung der Kinder ermöglichen, und auf 
die Benutzung der Fibeln möglichst zu verzichten (Siegert*), 
V. Zehen der'). Für die ersten Seiten der Fibel soll die Höhe 
des n wenigstens 3—4 mm betragen. Diese Grösse muss, um für 
die später zu gebrauchenden Schulbücher einen allmählichen üeber- 
gang zu schaffen, nach und nach abnehmen, so dass für die im 
2. Schuljahr zu benutzenden Bücher Buchstaben von 2 mm Höhe 
Verwendung finden. 

Die Grundstriche dürfen nicht schmäler als 0,25 mm sein. 
Javal verlangt auch, dass die freien Enden der starken Buch- 
stabentheile etwas anschwellen, weil so die Schrift leichter gelesen 
werden kann. 

Der Abstand zwischen den einzelnen senkrechten Strichen des 
Buchstabens soll doppelt so gross sein als die Dicke der Striche, 
so dass z. B. das n eine Breite von wenigstens 1 mm hat, von 
welcher 0,25 mm auf jeden der beiden senkrechten Striche und 
0,5 mm auf den freien Raum zwischen ihnen kommen. 

Das Minimum der Approche soll 0,5 mm betragen, weil sonst 



*) ElMwser Gutachten über das Elementarschulwesen p. 67. 
^ Siegert in: Zur Schulgesundheitepflege. Veröffentlichungen der Hy- 
gienesection. Berlin 1886. p. 97. 

•) V. Zehen der, Vorträge über Schulgesundheitspflege. Stuttgart 1891. p.71. 



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122 Lese-, Schreib- und Zeichenontemcht. 

die Buchstabenbilder leicht in einander laufen. Dass eine grössere 
Approche zu grösserer Deutlichkeit beitragt, sieht man an dem ge- 
sperrten Druck, der durch Verwendung breiterer Approche leichter 
lesbar ist, als die Schrift mit gewöhnlichem Buchstabenabstande. 
Der Durchschuss (Interlignage), gemessen vom oberen Ende 
eines kurzen Buchstabens bis zum unteren Ende eines darüber 
stehenden n, soll als Minimum 2,5 mm haben, weil, wenn er kleiner 
ist, das üebergehen vom Ende der einen Zeile zum Anfange der 
folgenden erschwert ist; es heben sich dann die Zeilen nicht mehr 
scharf genug von einander ab. 

Aber auch die Zeilenlänge hat für die leichtere Lesbarkeit 
der Bücher Bedeutung, da die grössere Länge eine yermehrte Arbeit 
der Augenmuskeln und, wie JayaP) behauptet, einen steten Wechsel 
der Accommodation erheischt, was eine übermässige und für die 
Augen schädliche Anstrengung bedingt. Als Maximum der Zeilen- 
länge fordert Gohn 100 mm; das Elsasser Outachten empfiehlt eine 
solche von 80 — 90 mm. lieber dies ist für einen breiten weissen 
BAud zu beiden Seiten des Druckes Sorge zu tragen; derselbe scha£Ft 
eine gegen den Druck wirksam abstehende Fläche und erleichtert 
das Üebergehen auf die folgende Zeile. 

Bei jeder Druckschrift — namentlich aber bei Fraktur — ist 
auf möglichst leicht erkennbare Buchstabenformen und auf Vermei- 
dung aller überflüssigen Schnörkel zu achten. Insbesondere müssen 
auch mühelos zu unterscheidende Formen der leicht zu yerwech- 
selnden Buchstaben, wie n und u, c und e, zur Verwendung kommen. 
Dieser Satz hat Corpus Antiqua, n 1,5 mm hoch, Ap- 
proche 0,5 mm, Durchschuss 2,5 mm, Zeilenlänge 100 mm 
und zeigt die kleinste Schrift, die kleinste Approche, den 
kleinsten Durchschuss und die grösste Zeilenlänge, die in 
Schulbüchern zu gestatten sind. Der Durchschuss bezieht 
sich auf zwei übereinanderstehende Eurzbuchstaben. 
Es giebt eine grosse Anzahl von Schulbüchern, die in ihrer 
Schrift diesen Anforderungen nicht entsprechen; namentlich sind 
die Lehrbücher für fremde Sprachen, Wörterbücher, Klassikeraus- 
gaben um ihres fehlerhaften Druckes willen tadelnswerth. Die Unter- 
suchungen der in den Schulen Braunschweigs eingeführten Bücher 
haben Blasius das geradezu deprimirende Resultat ergeben, dass 
nach Druck und Papier nur 15 *^/o den hygienischen Anforderungen 



*) Javal, Lee livres scolaires et la Myopie. 1880. 

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Lese-, Schreib- und Zeichenunterricht. 123 

genügten; 64,4 ®/o ergaben sich als ungenügend brauchbar, 20,6^0 
waren direct schlecht. Es ist höchst wünschenswerth, dass die 
Schulbehörden dieser Thatsache eine vermehrte Aufmerksamkeit zu- 
wenden, und dass bestimmte Vorschriften die Angelegenheit ein für 
alle Mal regeln. Im Ganzen ist in den letzten Jahren, dank der 
hygienischen Aufklärung, eine Besserung in Druck und Ausführung 
der Schulbücher zu bemerken gewesen. 

Von der Beleuchtung ist in früheren Capiteln genügend ge- 
sprochen; s. Bd. I, p. 244 ff. Je ungünstiger das Licht ist, desto 
undeutlicher werden die Bilder auf der Netzhaut. Um die Schrift 
noch genügend zu erkennen, nähern wir das Auge den Sehobjecten 
mehr und mehr. Wenn bei einer bestimmten Lichtintensität eine 
Schrift noch in 60 m Entfernung gelesen werden kann , so wurde 
nach Cohn sie 

bei V^ Lichtintensitat auf 47—36 m Entfernung gelesen, 
.V« « . 42—24 , 

» Vi6 . r, 38—12 . 

Die Beleuchtung ist bei der Bd. I, p. 246 geforderten Helligkeit 
so ausreichend, dass das Auge mindestens 30 — 35 cm von der Schrift 
entfernt bleiben kann, da es in gesundem Zustande wohl im Stande 
ist, normale Schrift in dieser Entfernung zu erkennen. Sobald aber 
auf den dunkelsten Plätzen der Klasse die Druckschrift der daselbst 
gebrauchten Bücher nicht mehr auf 0,5 m gelesen werden kann, ist 
nach Wehmer^) mit dem Lesen aufzuhören und an dessen Stelle 
ein andersartiger Unterricht zu setzen. 

Dass andauernde, vielleicht einige Stunden hindurch statthabende 
LeseObungen wegen des ununterbrochenen Sitzens, der steten An- 
strengung der Augen und der nach abwärts gebeugten Kopfhaltung 
schädlich Werden können, dürfte nach den vorangegangenen Aus- 
ftlhrungeH einleuchten. Die ununterbrochene Dauer des Lesens sollte 
bei den jüngsten Altersklassen nie über 10 — 15 Minuten ausgedehnt 
werden; auch bei den höheren Altersstufen ist diese Beschränkung 
erwünscht; niemals sollten zwei Lesestunden nach einander zu liegen 
kommen. 

Das Buch soll beim Lesen nicht flach auf dem Tische liegen, 
sondern muss in der Hand so schräg gehalten werden, dass die 
Schrift bequem gelesen werden kann, ohne den Kopf und die Augen 



') Wehmer, Grundriss der Schulgesundheitepflege. Berlin 1895. p. 72. 

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124 Lese-, Schreib- und Zeicheniintemcht. 

stark nach abwärts zu neigen. Die Angewohnheit der Abc-Schützen^ 
mit dem Finger die zu lesende Zeile zu verfolgen, veranlasst schlechte 
Körperhaltung und ist daher bald zu beseitigen. 

Was nun noch die Karten und Atlanten anbelangt, so dürfen 
Buchstaben imter 1 mm Höhe nicht verwendet werden. Eine Be- 
schränkung der Namen und Zeichen ist durchaus erwünscht, um die 
Erkennbarkeit des Dargestellten nicht zu beeinträchtigen. Wand- 
karten und Wandtafeln müssen so aufgehängt bezw. aufgestellt sein^ 
dass ihre Schrift von allen Schülerplätzen aus sichtbar ist. Die 
Schrift auf der Wandtafel muss so gross sein, dass alle Schüler von 
ihren Plätzen aus sie erkennen können. Die Zeichen und die Buch- 
staben auf den Wandkarten können in ihrer Grösse nur zum Theil 
diesen Anforderungen entsprechen ; wenigstens muss aber ihre Schrift 
so gross sein, dass sie von einem normalen Auge in der Entfernung 
von 0,30 — 0,50 m erkannt werden kann. 

In Rechenaufgabenheften müssen die Ziffern ausreichend gross 
gedruckt, Durchschuss und Approche in möglichster Breite her- 
gestellt und die Zifferreihen so übersichtlich angeordnet sein, dass 
die Aufgaben schnell und ohne Anstrengung der Augen zu lesen sind. 

Ein lebhafter Streit ist über die Frage entstanden, ob das- 
deutsche Volk seine ihm eigenthümliche Schrift, die Fractur, auf- 
geben und sich ausschliesslich auf die Verwendung der Antiqua be- 
schränken solle. Der , Verein für Lateinschrift*^ hat mit seiner 
Monatsschrift „Reform** ^) insbesondere den Kampf für die ausschliess- 
liche Verwendung der Lateinschrift in Schule und Verkehr geführt,, 
ohne indess bisher wesentliche Erfolge erreicht zu haben. 

Ohne auf die Frage, die im Ganzen nur geringes hygienisches 
Literesse bietet, und sich, wie man aus den Veröffentlichungen de» 
Vereins und seiner Gegner erkennen kann, zu einer Art patriotischen 
Wettkampfes herausgebildet hat, weiter einzugehen, wollen wir nur 
bemerken, dass mit der Erlernung der doppelten Druck- und auch 
Schreibschrift den deutschen Kindern zum Mindesten eine erheblich 
grössere Arbeit erwächst, als Kindern anderer Nationen, ganz ab- 
gesehen davon, dass die Fracturschrift wohl etwas schwieriger zu 
lesen ist als die Antiquaschrift (So en necken). Indess ist die 
Fracturschrift, die als die deutsche bezeichnet ist, historisch so sehr 
mit dem Geistesleben der deutschen Nation verwachsen, dass die- 
selbe aus doch immerhin nicht ganz unanfechtbaren Gründen (s. die 



*) Verlag: Soltau in Norden. 



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Lese-, Schreib- und Zeichenunterricht. 125 

Veröffentlichungen Ton Gross, Daiber, Berlin, Rembold u.A.m.) 
nicht wohl gut aus der Schule zu verbannen ist. Man hat doch mit 
der Thatsache zu rechnen, dass bisher die Mehrzahl der deutschefb 
Bücher in Fracturschrift gedruckt ist und noch wird, und dass 
unsere Schüler mit dem Lesen derselben Töllig vertraut gemacht 
werden müssen. Je weiter die Kinder im Unterricht vorschreiten, 
desto geringfügiger werden im Uebrigen denselben sicherlich die 
unterschiede in der Lesbarkeit beider Schriftformen und desto mehr 
verschwinden auch die Schwierigkeiten im Gebrauch beider. Es 
wird also wohl ohne wesentliche Schädigung unserer Jugend bei 
dem bisherigen Gebrauch, beide Schriflformen für Lesen und Schrei- 
ben zu lehren, verharrt werden können. 

Das Schreiben. Eines der wichtigsten Capitel der Unterrichts- 
hygiene bildet das Schreiben, das durch die Lianspruchnahme von 
Auge, Kopf, Finger, Hand, Arm und Rumpf, also gewissermassen 
des ganzen Körpers, einen nicht geringen Kraftaufwand vom Kinde 
fordert und das daher bei nicht richtiger Ausführung zu bedenk- 
lichen Schädigungen führen kann, so dass man die Entstehung der 
verschiedensten Schulkrankheiten , namentlich der Kurzsichtigkeit 
(Myopie) und der Rückgratverkrümmungen (Kyphose und Skoliose) 
mit dem Schreiben in Verbindung gebracht hat. Die Frage nach 
der hygienisch richtigen Schreibweise hat in den letzten Jahren eine 
intensive Förderung erfahren, insbesondere durch den Streit zwischen 
den Anhängern der Steil- und der Schrägschrift; die Literatur des 
Gegenstandes ist dadurch so umfangreich geworden, dass wir hier 
nur auf die wichtigsten Punkte eingehen können, im Uebrigen aber 
auf die Specialschriften verweisen müssen. 

Subsellien und Körperhaltung. Die hohe Bedeutung 
normal construirter Subsellien für die Möglichkeit normaler Schreib- 
haltung ist Bd. I, p. 557 ff. schon hinlänglich aus einander gesetzt; 
hier soll nur von einigen auf den Schreibunterricht bezüglichen hygie- 
nischen Maassnahmen die Rede sein. 

Das schreibende Kind soll in der Schulbank folgendermassen 
sitzen: Die Füsse ruhen fest auf dem Boden oder dem Fussbrett; die 
Unterschenkel dürfen nicht über einander geschlagen noch unter die 
Sitzbank zurückgezogen werden. Vordere Thoraxwand, Sitzknorren- 
linie, Hüftaxe und innerer Tischrand sollen parallel sein. Der Rücken 
ist gerade aufgerichtet, an die Kreuzlehne gelehnt, und die vordere 
Thoraxwand von der inneren Tischkante so weit abstehend, dass 
man bequem die flache Hand zwischen beide hindurch legen kann. 



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126 Lese-, Schreib- und Zeichenimtemcht. 

Der Kopf sei ganz leicht abwärts geneigt, weder nach rechts noch 
nach links Ton der Verticalen abweichend. Beide Vorderarme liegen 
mit ihren vorderen zwei Drittheilen in nahezu symmetrischer Lage 
auf dem Tische, so dass die Hände vor dem Körper annähernd in 
einem rechten Winkel gegen einander geneigt sind ; Hand und Finger 
der rechten Hand liegen möglichst bequem in der Verlängenmg des 
Unterarmes. Die rechte Hand wird so schräg aufgerichtet, dass ihre 
Rückenfläche mit der Tischfläche einen Winkel von etwa 45^ bildet. 
— Dies ist die normale Schreibhaltung. Dieselbe darf nicht ver- 
lassen werden, und weil sie an gesundheitsgemäss gebauten Sub- 
seUien die bequemste ist, welche der Schüler einnehmen kann, so 
wird sie bei gehöriger Beaufsichtigung und Ermahnung demselben 
auch mit der Zeit die angenehmste. Nur wo die Subsellien nicht 
passend sind, Distanz oder Differenz oder beide fehlerhaft sind, wo 
auch die Tischlänge nicht gehörig ist, so dass die schreibenden 
Kinder sich gegenseitig drängen und schieben müssen, wo endlich 
Bücherbrett und Tintenfass fehlerhaft angebracht sind, ist es ein 
vergebliches Bemühen der Lehrer, durch Mahnungen und Zureden 
das Linehalten der vorgeschriebenen Normalposition durchzusetzen. 

Heftlage. Das Heft kann beim Schreiben entweder genau 
vor der Körpermitte des Schreibenden, als auch rechts oder links 
davon liegen, weshalb man Mittenlagen und Seitenlagen des Heftes 
unterscheidet. Die Lage des Papiers zur Linken der Körpermitte 
(linke Seitenlage) kommt nur ganz ausnahmsweise vor und kann daher 
ausser Betracht bleiben. Bei allen Heftlagen handelt es sich nicht 
um mathematisch scharfe Unterschiede, sondern nur um ein Mehr 
oder Weniger und um allmähliche Uebergänge (C. v. Voit ^). In den 
Mitten- und Rechtslagen kann nun das Heft gerade, d. h. mit der 
Tischkante parallel, oder schräg, d. h. in einem mit der Tischkante 
gebildeten, nach rechts hin offenen Winkel, liegen. Es sind daher 
im Wesentlichen vier Heftlagen in Betracht zu ziehen, nämlich die 
gerade und schräge Mittenlage, sowie die gerade und schräge 
Rechtslage. 

Schreibt man in der Rechtslage, so müssen die Augen unter 
Voraussetzung richtiger Kopfhaltung stetig fortschreitend nach rechts 
und nach unten blicken ; sie führen Rollbewegungen aus, in welchen 
sie, stetig fortschreitend nach rechts, Stellungen einzunehmen ge- 



*) C. V. Voit, üeber schiefe und gerade Heftlage. — Schiefschrift und 
Steilschrift. Gutachten des königl. bayerischen Obermedicinalausschusses. Mün- 
chener med. Wochenschr. 1891. p. 231. 



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Leee-, Schreib- und Zeichenunterricht. 127 

zwungen sind, die, da beide Augen bis zum Maximum der Bechts- 
wendung gezwungen sind, auf die Dauer nicht ertragen werden; es 
wird den Muskeln, welche den Augapfel nach rechts wenden, eine 
stetige, grosse, zum Theil unmögliche Arbeit zugemuthet (Schubert, 
Berlin und Rembold). Femer hat das rechte Auge eine grössere 
Arbeit zu leisten als das linke, einestheils, weil es beim Vorrücken 
des Fixirpunktes vom Anfang der Zeile bis zum Ende derselben eine 
Mehrdrehung auszuführen hat, anderentheils, weil es sich der Schrift 
dauernd näher befindet und dadurch eine stärkere Accommodation 
erfordert wird. Diesen ermüdenden und die Leistung der Augen 
verwirrenden Verhältnissen sucht der Schreibende dadurch zu ent- 
gehen, dass er entweder nur monoculär fixirt, d. h. nur mit einem 
Auge genau sieht, oder dass er durch Eopfdrehungen beide Augen 
in gleiche Entfernung von der Schrift bringt, wodurch zugleich die 
bisher besonders bethätigten Muskeln entlastet werden. Die auf 
solche Weise hervorgerufene fehlerhafte Kopfhaltung führt bei starker 
Bechtslage bald zur Ermüdung der Halsmuskulatur, weshalb meistens 
sehr bald eine Rechtswendung des Rumpfes zu Hilfe genommen wird, 
die eine Zeit lang nur von der Muskulatur der Wirbelsäule aus- 
geführt wird oder sich auch, weil gleichfalls Unbequemlichkeit damit 
verbunden ist und Ermüdung eintritt, auf die Beckenmuskulatur und 
das Becken erstreckt, so dass letzteres auch schräg zur Tischkante 
gestellt ist. Da bei dieser Rechtswendung des Körpers die Schulter- 
linie einen nach rechts offenen Winkel mit dem Tischrande bildet, 
so ist die unausbleibliche Folge, dass der linke Arm des in Rechts- 
lage schreibenden Kindes vollständig auf den Tisch geschoben wird, 
während der rechte mit seinem grösseren Theile von der Tischplatte 
herunterrückt. Damit ist ohne Weiteres ein Höherstehen der linken 
Schulter gegeben. Begreiflicherweise ändert sich durch diese Ver- 
schiebungen in der Haltung des Kopfes und der Schultern die Gestalt 
der Wirbelsäule ; dieselbe hat nicht mehr ihre gerade, aufrechte Hal- 
tung und erfahrt meist eine C-formige Ausbiegung, die durch die ver- 
änderte Spannung des Bandapparates zu einer Biegung der Wirbel- 
säule nach vorn führt. Diese seitlichen Körperverschiebungen finden 
sich also naturgemäss bei jedem Kinde, das in der Rechtslage schreibt, 
und sie entsprechen einigermaassen und nahezu den bleibenden, als 
Skoliose bezeichneten Verkrümmungen des Rückgrats. Aus diesen 
Gründen ist also die Rechtslage des Heftes beim Schreiben unbedingt 
zu verwerfen. 

Der Rechtslage gegenüber haben die Mittenlagen des Heftes 



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128 Lese-, Schreib- und Zeichenimtemcht. 

entschiedene YorzQge. Beide Augen befinden sich in gleicher Ent* 
femung von der Schrift, so dass es nicht nothwendig ist, den Kopf 
in der Weise, wie es sich aus der Rechtslage ergab, nach rechts 
zu drehen. Es fehlt somit diese Ursache, welche den Anfang zum 
Verfall der ganzen Körperhaltung bildete. Beide Augen haben bei 
der Mittenlage auch die gleiche Arbeit zu leisten, indem sie zum 
Verfolgen der Zeile abwechselnd nach rechts und links gewendet 
werden, wobei jedesmal vom Anfang der Zeile bis zur Mitte und 
Ton der Mitte bis zum Ende das betreffende Auge eine Drehimg 
von nur geringer Grösse auszuführen hat. Daher wird also un- 
zweifelhaft beim Schulschreiben die Mittenlage des Heftes als die 
•einzig richtige anzuerkennen sein. 

Nach dieser Entscheidung kann es sich nur noch um die Frage 
handeln,' ob der geraden oder der schrägen Mittenlage des Heftes 
der Vorzug zu geben sei. Dies wird von dem Antheil der Augen 
und des schreibenden Armes an der Arbeitsleistung abhängig sein. 

Thätigkeit der Augen beim Schreiben der Grund- 
striche. Beim Schreiben handelt es sich nicht bloss um ein Er- 
kennen der Schriftformen, sondern eine Hauptaufgabe des Auges ist 
€s namentlich beim Erlernen der Schrift, die Form der entstehenden 
Zeichen zu controliren. Kinder, die das Schreiben erlernen, also 
noch keine Geläufigkeit in dieser Fertigkeit besitzen, und die daher 
die Buchstaben gross ausfahren, folgen der Federspitze mit den 
Augen, was man direct beobachten kann. Mit der wachsenden Ge- 
läufigkeit und Sicherheit der Hand und mit der Abnahme der Buch- 
stabengrösse werden nicht mehr alle Strichelemente von den Blick- 
bewegungen verfolgt, die Augen visiren im Wesentlichen nur noch 
auf die Grundstriche, da sich die Hand bis zu einem gewissen Grade 
von der Controle der Augen frei gemacht hat. Diese Entlastung 
der Augen ist allerdings, wenn man genau darauf achtet, nicht 
eigentlich auf die veränderte Grösse der Buchstaben als auf die 
Schnelligkeit in der Darstellung zurückzuführen ; denn bei ganz lang- 
samem und sorgfaltigem Schreiben folgen wir den Elementen wieder 
in demselben Maasse, wie es die Anfönger thun. Wegen der Klein- 
heit der die Ausführung der Grundstriche begleitenden Augenbewe- 
gungen ist es schwierig, sie bei schnellem Schreiben des Erwach- 
senen sowohl als auch des vorgeschrittenen Kindes nachzuweisen. 
Schubert^) beobachtete die Verschiebung des Hornhautrandes gegen 

*) Schubert, Ueber die Haltung des Kopfes beim Schreiben. Gräfes 
Archiv für Ophthalmologie. 1886. Bd. XXXII, 1. Abth., p. 93 ff. 



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Lese-, Schreib- und Zeiehenonterricht. 129 

das Spiegelbild eines vor dem Schreibenden liegenden Systems ab- 
wechselnd weisser und schwarzer Streifen mid fand, dass bei Kindern 
des 3. — 5. Schuljahres die Augenbewegungen erst für Grundstriche 
Ton 1 cm und grösserer Länge nachweisbar waren. Pflüger^) 
konnte mit JavaTs Ophthalmometer constatiren, dass bei Schülern 
im 3. Schuljahre deutlich, im 4. noch erkennbar die Strichelemente 
Yon den Augen verfolgt wurden, und zwar noch bei dem einfachsten 
Buchstaben, bei dem kleinen n, das ungefähr eine Länge von 4 mm 
besass. Noch deutlicher wurden die Excursionen der Augen durch 
die auf Berlin's Veranlassung angestellten Versuche von Ahrens*) 
beobachtet, bei welcher auf die Hornhaut des gut cocainisirten Auges 
der Versuchsperson ein gekrümmtes, kleines Elfenbeinschälchen ge- 
setzt wurde, das in der Mitte seiner vorderen convexen Fläche und 
senkrecht zu ihr eine etwa 6 cm lange Borste trug. Letztere machte, 
sobald lange Buchstaben mit gewöhnlicher Schnelligkeit geschrieben 
wurden, deutliche Auf- und Abwärtsbewegungen, und nicht selten 
konnte ein controlirender Beobachter, welcher die geschriebenen 
Buchstaben nicht sah, aus den vergrösserten Bewegungen der Borste 
erkennen, welche Formen geschrieben worden waren. So ergiebt 
sich also, dass der Anfanger im Schreiben bei grossen Formen und 
langsamer Thätigkeit mit seinem Auge die Ausführung aller Schrift- 
elemente begleitet, und dass bei gewöhnlicher Schnelligkeit und üb- 
licher Ghrösse der Schrift auch der Erwachsene mit seinen Augen 
den langen Buchstaben, insbesondere in ihren Abstrichen, noch bis 
zu einem gewissen Grade folgt. 

Wenn die Augen beim Schreiben die Ausführung der Grimd- 
striche begleiten, so folgt daraus ohne Weiteres, dass zwischen der 
Stellung der Augen und der Richtung der Grundstriche gewisse 
Regelmässigkeiten obwalten müssen, um diese Beziehungen zu be- 
stimmen, hat man die Lage der Grundlinie, das ist die Verbindungs- 
linie beider Augenmittelpunkte, zu der Grundstrichrichtung fest- 
gestellt. Berlin-Rembold führten die diesbezüglichen Messungen 
folgendermassen aus ^). Sie liessen ein Winkelmaass anfertigen, 
dessen je 12 cm lange Branchen durch ein Charniergelenk verbunden 
waren, während ein Arm zugleich um seine Längsaxe rotirt werden 
konnte. Zur Ausführung der Messung sind zwei Personen nöthig. 

') Pflüger, Kurzsichtigkeit und Erziehung. Wiesbaden 1887. p. 30. 

^ Ahrens, Untersuchungen Ober die Bewegung der Augen beim Schreiben. 
Rostock 1891. 

') Berlin-Rembold, Untersuchungen über den Einfluss des Schreibens. 
Stuttgart 1883. p. 15. 

Baginsky, Schulhygiene. II. 3. Aufl. 9 



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130 Lese-, Schreib- und Zeichenunterricht. 

Der eine Beobacliter stellt sich vor den Schreibenden auf, legt den 
um seine Axe drehbaren Arm des geöfi&ieten Instrumentes in der 
Richtung der zuletzt gezogenen Grundstriche auf das Heft und hält 
ihn in dieser Stellimg fest; dann richtet er den zweiten Arm des 
Instrumentes durch Rotation um den festliegenden Arm so, dass er, 
von vorn gesehen, mit der Richtung der Augengrundlinie parallel 
steht. Der Parallelismus des aufgerichteten Armes des Winkel- 
maasses mit der Augengrundlinie wird nun auch durch den zweiten 
Beobachter, welcher sich mit seinem Kopfe hinter und über dem 
Schreibenden befindet , fiir seinen Standpunkt festgestellt. Zu 
diesem Zwecke markirt er sich die Richtung der Grundlinie in der 
Art, dass er ein Lineal über dem Kopfe des Schreibenden parallel 
mit dessen oberen Ohrmuschelrändem hält; dann visirt er an dem 
Lineal vorbei auf die aufgerichtete Branche des Winkelmaasses und 
lässt dieselbe von dem ersten Beobachter in ihrem Chamiergelenk 
so weit auf sich zu- oder von sich wegbeugen, bis sie die Parallel- 
stellung mit dem Lineal erreicht hat. Der Winkel, in welchem jetzt 
die Arme des Instrumentes mit einander stehen, ist der Grundstrich- 
Grundlinien winkel. Nach diesen Messungen Berlin-Rembold's be- 
wegt sich die Grösse des Grundstrich-Grundlinienwinkels in 346 Fällen 
zwischen einem Minimum von 58*^ imd einem Maximum von 112^; 
aber diese Grenzwerthe und auch die nächstgelegenen Winkelgrössen 
kommen nur in einzelnen Zahlen vor. Die grösste Zahl findet sich 
zwischen 80—90^. Die Durchschnittsgrösse bei den 346 Fällen war 
85 ^/f^ — Schubert^) bestimmte in anderer Weise als Berlin-Rem- 
bold die Grösse des Grundstrich-Gnmdlinienwinkels. Mit Hilfe von 
Instrumenten, deren Bau und Anwendung Schubert in Gräfe's 
Archiv^) beschrieben hat, maass er 1. den Winkel zwischen Grund- 
strich und der auf dem Pultrand errichteten Senkrechten, 2. den 
Winkel zwischen Pultrand und der senkrechten Projection der Augen- 
grundlinie auf die Schreibebene, 3. den Winkel zwischen Augen- 
grundlinie und der horizontalen Schreibebene, und aus der Grösse 
dieser drei Winkel berechnete er dann die Grösse des Grundstrich- 
Grundlinienwinkels. Durch diese Messungsmethode wollte Schubert 
Zufälligkeiten im Ausmessen des letzteren Winkels aus dem Wege 
gehen. Er fand, dass der Grundstrich-Grundlinienwinkel bei gerader 
Mittenlage etwas grösser, bei schräger Mittenlage und bei willkür- 



*) Schubert, üeber Heftlage und Schriflrichtung. Hamburg 1890. p. 20. 
^ Derselbe, üeber die Hidtung des Kopfes beim Schreiben. Von Gräfe's 
Archiv für Ophthalmologie. 1886. Bd. XXXII, Heft 1. 



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Lese-, Schreib- und Zeichenunterricht. 131 

lieber HefUage aber etwas kleiner als 90® war. Das Mittel bei den 
994 Messungen betrug 88*^, und zwar für gerade Mittenlage 93,9®, 
für schräge Mittenlage 83,3® und für willkürliche Lage 85,1®. Auch 
F. Schenk*) kam auf Gh-und seiner üntersuchungsmethode , deren 
Details in Sehen k's Arbeit: Zur Aetiologie der Skoliose^) mit- 
getheilt sind, zu 'ahnliehen Ergebnissen. 

Es bilden also die Grundstriche mit der auf die Schreibfläche 
projicirten Grundlinie immerhin annähernd einen rechten Winkel. 
Von dieser nahezu einem Rechten entsprechenden Grösse des Winkels 
zwischen Augengrundstrich und Augengrundlinie des schreibenden 
Kindes kann man sich auch überzeugen, wenn man sich hinter das 
sehreibende Kind stellt und den eigenen Kopf möglichst in dieselbe 
Lage mit dem des Schreibenden bringt. Wenn einzelne Ausnahmen 
von dieser Regel sich zeigen, so scheint doch, wie Berlin und Rem- 
bold angeben, auch bei ihnen ein bestimmtes Yerhältniss zu den 
Buchstabenelementen vorhanden, indem die Grundlinie entweder senk- 
recht oder parallel zu den Haarstrichen steht. Es kommt hier, wie 
dieselben Autoren zu erklären versuchen, das Wundt-Lamansky- 
sehe Gesetz zur Geltung, nach welchem die Augen jene Blickbahnen 
bevorzugen, die senkrecht zur Grundlinie stehen oder mit ihr in einer 
Ebene liegen. Die von dem Schüler Berlin's, Ahrens, ausgeführten, 
bereits erwähnten Untersuchungen haben überdiess die Behauptungen 
desselben zu stützen vermocht. — Dem gegenüber hält Schubert 
den Eiufluss des Auges bei der Ausführung der Buchstaben nur für 
geringwerthig. Derselbe erkennt insbesondere das Abhängigkeits- 
verhältniss zwischen Grundstrich und Grundlinie nicht an, sucht 
vielmehr für dies constante Verhältniss, das er auch durch seine 
Untersuchungen immerhin in einem hohen Procentsatze bestätigt hat, 
eine andere Erklärung zu geben, indem er ausführt, dass der Um- 
stand, nach welchem der Grundstrich-Grundlinienwinkel sich einem 
Rechten nähert, nicht dem Wundt-Lamansky'schen Gesetz zuzu- 
schreiben sei, da auch ohne Geltung desselben das Verhältniss ein 
ähnliches sein müsse. Die Grundstriche würden, wie er angiebt, 
aus physiologischen Bedingungen, die bei der Handbewegung in 
Geltimg sind, stets nach der Körpermitte gezogen; die Augen aber 
würden, um ungleiche Entfernung vom Buchstaben zu vermeiden, 
diesem zugewendet. Daraus resultire eine ungefähr senkrechte Rich- 



') F. Schenk, Beitrag zur Lösung der Frage: Steilschrift oder Schräg- 
schrift? In den , Beiträgen zur Chirurgie, Festschrift*. Wieshaden 1891. 
«) Berlin 1883. 



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132 



Lese-, Schreib- und Zeichenunterricht. 



tung der Grundstriche zur Grundlinie. Die Linie von der schreibenden 
Federspitze nach der Mitte der Brust hin gezogen, bezeichnet Schu- 
bert als Richtungslinie, und er glaubt feststellen zu können, dass 
Grundstrich und Bichtungslinie annähernd zusammenfallen. Hierbei 
ist indess zu beachten, dass, wie die Messungen Schubert^s ^) er- 
geben, auch bei dem Verhältnisse zwischen ßichtungslinie und Grund- 
strich, das er so als das Constante ansieht, nicht weniger und nicht 
geringere Abweichungen von dem normalen Zustande vorkommen 
als bei dem Grundstrich-Grundlinienwinkel Berlin -Rembold's, wie 
folgender Vergleich beweist: 



Schuberts 
Richtungs- 
linie 



Berlin-Rem- 
bold's Grund- 
strich-Grund- 

linienwinkel 



Durchschnittliche Abweichung von der Norm . . 

Breite der Zone, in welcher diese Abweichungen 

liegen 



8,2* 



45« 



4,5^ 



54^ 



Thätigkeit der Augen beim Verfolgen der Zeile. Natur- 
gemäss wäre es, wenn die Zeile durch Drehung des Kopfes verfolgt 
würde; denn nur unter dieser Bedingung können beide Augen die 
gleiche Entfernung von der Schrift einhalten. Da aber die Augen 
viel leichter beweglich sind als der Kopf, so wird ein Stück der 
Zeile, das durch Kopfdrehungen zu verfolgen naturgemäss wäre, 
allein durch Bewegungen der Augen begleitet. Aus dem Umstände, 
dass ein Stück der Zeile von den Blickbahnen verfolgt wird, ist 
vielfach geschlossen worden, dass der Weg des Fixirpunktes in allen 
seinen Theilen genau mit der Zeile zusammenfällt. Bisher ist aber 
noch nicht festgestellt, dass bei dem Schreiben einer Zeile das Auge 
andauernd und ohne jede Abweichung der geraden Linie folgt. Dass 
dieser Nachweis möglich sein wird, ist wenig wahrscheinlich, da 
nicht anzunehmen ist, dass das Auge sich einer solchen Zwangs- 
lage dauernd unterordnet; denn wir müssen wohl beachten, dass für 
unsere Schüler das Schreiben einer Zeile einige Minuten Zeit er- 
fordert, während welcher das Auge, ganz langsam auf der Zeile 
fortschreitend, dieser ohne Abweichung folgen müsste. Ein solcher 
Zwang wäre unnatürlich. — Weiter ist noch zu bedenken, dass die 



') In Gräfe's Archiv. 1886. Bd. XXXII, p. 82 ff. 



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Lese-, Schreib- und Zeichenunterricht. 133 

geschriebenen Reihen keine geraden Linien bilden, wobei es völlig 
gleichgültig ist, ob wir auf vorgezogenen oder ohne Linien schreiben. 
Verbindet man nämlich die unteren Enden der Grundbuchstaben, so 
zeigt sich, dass die so entstandene Linie höchst unregelmässig ver- 
lauft und dass diese ideellen Linien der einzelnen Worte keineswegs 
mit der vorgezogenen Linie zusammenfallen. Dieser umstand zeigt, 
dass die Blickbahnen der vorgezogenen geraden Linie nicht stetig 
nachgehen. Würden sie thatsächlich der Zeile folgen, so wäre es viel 
wahrscheinlicher, dass sie in der unregelmässigen ideellen Linie fort- 
geschritten sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Augen nicht der 
geraden Linie folgen, ergiebt sich auch aus den Untersuchungen von 
Ahrens, der erwies, dass die Blickbahnen bei den langen Buch- 
staben die Linie auf- und absteigend diurchschneiden , so dass sie 
beim Verfolgen der geschriebenen Reihe einen Weg in der Form 
einer unregelmässigen Zickzacklinie zurücklegen. 

Als weiterer Beweis dafür, dass die Augen nicht dauernd der 
Zeile folgen, können noch folgende üeberlegungen und Thatsachen 
angeführt werden. Wenn die auf die Schreibfläche projicirte Grund- 
linie mit den Grundstrichen annähernd einen rechten Winkel bildet, 
so muss, da bei der Schräglage des Heftes die Grundstriche rechts- 
schräg auf der Linie stehen, die Gbaindlinie die Zeile von links oben 
nach rechts unten schneiden. Je grösser der Winkel zwischen Heft- 
rand und Tischkante ist, um so grösser ist auch der Winkel zwischen 
Grundlinie und Zeile. Dieser Winkel verkleinert sich aber, sobald 
das Heft weniger schräg gelegt wird. Es wird nun behauptet, dass 
bei schräger Mittenlage des Heftes die Augen das Bestreben haben, 
die Zeile in die Visirebene zu bringen und damit den Grundlinien- 
Zeilenwinkel zu verkleinern. Aber aus allen Messungen, auch aus 
denen Schubert's, geht hervor, dass ein Parallelismus zwischen 
Grundlinie und Zeile nicht vorhanden ist, selbst nicht bei gerader 
Mittenlage, die sich doch durch die günstigsten physiologischen Be- 
dingungen auszeichnet. Aus der von Schubert und W. Mayer ^) 
beobachteten Neigung des Kopfes, auf die wir noch zmrückkommen, 
glaubt Burgerstein ^) die Folgerung ziehen zu können, dass aller- 
dings eine nicht in allen einzelnen Fällen beobachtete Tendenz vor- 
handen sei, beim Schreiben den Kopf so zu neigen, dass die Zeile 
in die Visirebene fallt. 



*) W. Mayer, Die Lage des Heftes beim Schreiben. Friedreich's Blätter 
för gerichtl. Medicin und Sanitätspolizei. 1888. p. 149. 

*) Burgerstein, Handbuch der Schulhygiene. Jena 1895. p. 258. 



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134 Lese-, Schreib- und Zeichenunterricht. 

Diese divergirenden Anscliaumigen über die Bedeutung der 
Augenbewegungen beim Schreiben haben die Grundlagen abgegeben 
für einen Streit bezüglich der Richtung der Mittenlage des Heftes 
und der gesammten Schriftlage. Während diejenige Gruppe, welche 
mit Berlin das Begleiten der Buchstaben beim Schreiben als die 
wesentlichste Thätigkeit des Auges ansieht, sich fttr die schräge 
Mittenlage und damit für die Schrägschrift entscheidet, ist die andere 
Gruppe mit Schubert, indem sie auf das Verfolgen der Zeile 
durch das Auge besonderen Werth legt, zu dem Vorschlage der 
geraden Mittenlage und damit zur Empfehlung der Steilschrift 
gelangt. 

Thätigkeit der rechten oberen Extremität beim 
Schreiben. Die Bewegungen der Hand und des Armes beim 
Schreiben sind von wesentlicher Bedeutung sowohl für die Zeilen- 
führung wie auch für die Richtung der Grundstriche. Setzen wir 
uns in der p. 126 gekennzeichneten Körperhaltung an den Tisch und 
legen wir die Hand schreibfertig auf das Heft, so werden, wenn 
man mit den drei ersten, die Feder führenden Fingern einige Beu- 
gungen und Streckungen macht, die entstehenden Striche ziemlich 
genau gegen die Mitte des Körpers gerichtet sein und zugleich 
senkrecht zum Tischrande stehen, wobei natürlich vorausgesetzt 
worden ist, dass die Federspitze sich vor der Körpermitte des Schrei- 
benden befindet und dass die Striche in der Richtung gezogen 
werden, welche bei der Handlage die bequemste ist. Liegt das Heft 
in der Mittenlage, so wird die Richtung dieser Striche sowohl gegen 
den Pultrand wie auch gegen die Queraxe des Körpers natürlich 
ganz dieselbe bleiben, wenn unter sonst gleichen Bedingungen das 
Papier einmal schräg, das andere Mal gerade vor der Mitte des 
Körpers liegt. Aendem wird sich dabei nur die relative Lage der 
Striche zu dem Heftrande und zur Zeile. Sie werden senkrecht auf 
letzterer stehen, wenn das Heft gerade liegt; sie werden schief auf 
ihr stehen, wenn es schräg liegt. Bei der Mittenlage des Heftes 
ist also die naturgemässe Richtung der Grundstriche die senkrechte ; 
ihre Richtung zur Zeile ist einzig und allein von der Drehung des 
Heftes abhängig. Berücksichtigen wir den Anteil der Hand und 
des Armes bei der Ausführung der Buchstaben, so ergiebt sich 
kein Moment, das für oder gegen die Steilschrift oder die Schräg- 
schrift spricht. 

Anders aber ist es, wenn wir den Anteil der Hand und des 
Armes beim Verfolgen der Zeile betrachten. Wenn wir den rechten 



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Lese-, Schreib- und Zeichenunterricht. 135 

Vorderarm Id der richtigen Haltung auf die Tischplatte legen und 
ihn um seinen auf der Tischkante befindlichen Drehpunkt nach rechts 
bewegen, so beschreibt der vordere Theil der Hand einen flachen 
Bogen, dessen Sehne eine von links unten nach rechts oben ver- 
laufende Linie bildet Diese Richtung ist bedingt durch die natur- 
gemässe Bewegung des Armes bei der eingenommenen Haltung 
desselben. Werden nun die Zeilen des in schräger Mittenlage be- 
findlichen Heftes in diese Richtung gebracht, so ist zum Beschreiben 
derselben nur die Bethätigung weniger Muskeln in Hand und Arm 
nothwendig; denn bei langsam sich abducirender Hand (Streck- 
bewegung im Handgelenk) braucht sich der Arm zum fortschreitenden 
Schreiben nur wenig nach rechts mit hinzuwenden, da er mit dieser 
Wendung allein ein beträchtliches Stück der Zeile zu vollenden ver- 
mag. Freilich wird er für die Beendigung der Zeile nach rechts 
immerhin auch von Zeit zu Zeit aus der ursprünglichen Lage und 
weiter gerückt werden müssen. Die Grundstriche, die senkrecht zur 
Tischkante gezogen werden, stehen bei der Schräglage des Heftes 
schräg auf der Zeile ; es ist unsere rechtsschräge Schrift entstanden. 
— Nun belassen wir den rechten Arm in seiner vorgeschriebenen 
Lage, legen aber das Papier so, dass seine Zeilen parallel zur Tisch- 
kante gehen. Die Haltung der Hand wird beim Beginn des Schrei- 
bens zunächst in der Mittellinie oder deren Nähe unwillkürlich eine 
mehr fiectirte und die Excursionen der Fingerbewegungen werden 
gar leicht grössere als in der vorigen Schreibhaltung. Beim Fort- 
schreiten der Zeile wird die Hand stärker auf die Fläche des Papiers 
niedergedrückt, stärker abducirt und zum Fortführen der Grundstriche 
werden die gesammten Finger stärker in die Hand hinein flectirt. Die 
Wendebewegung des Armes ist zweckloser, und schliesslich muss zum 
Fortführen der Zeile, nachdem ein wesentlich kleinerer Theil der un- 
beschriebenen Fläche als im vorigen Falle mit der ursprünglichen 
Lage des Armes durch dessen Wendebewegung ausgenutzt ist, der- 
selbe gezwungen werden, sich von der Fläche abzulösen und weiter- 
zurücken, eine Action, welche sich stetig zu wiederholen hat. Die 
Buchstaben, die in dieser geraden Mittenlage des Heftes geschrieben 
sind, stehen mit ihren Grundstrichen senkrecht zum Pultrande und 
zur Zeile; es ist Steilschrift entstanden. 

So ist also, und dies wird von Berlin und Rembold^) be- 
sonders hervorgehoben, zum Schreiben einer Zeile Steilschrift in ge- 



^) A. a. 0. p. 25 ff. 

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136 Leie-, Schreib- und Zeichenoniemohi. 

rader Mitieolage eine complicirtere, ein grosseres Maass von Kraft- 
aufwand beanspruchende und desto raschere Ermüdung erzeugende 
Bethätigung der Arm- und Fingermuskulatur erforderlich. Es wäre 
daher wohl möglich, und Dr. Holmquist^) in Stockholm will Der- 
artiges beobachtet haben, dass Steilschreiber leichter zum Schreib- 
krampf neigen als Schrägschreiber, und dass das üebel in einzelnen 
Fällen durch blosse Aenderung der SchrifUage beseitigt werden kann. 
Solche Beobachtungen bestärken uns in der Ansicht, dass die Steil- 
schrift bei gerader Mittenlage doch etwas weniger als die Schräg- 
schrift bei schräger Mittenlage dem Grundsatz entspricht, dass die 
beste Schrift diejenige ist, bei welcher dem Arm und der Hand das 
Mindestmaass von Muskelarbeit zugemuthet wird. Vorausgesetzt also, 
dass nicht andere schwerwiegendere Ghründe dieses Yerhaltniss in den 
Hintergrund drängen, würde die schräge ZeilenfQhrung als die für 
die Bewegung des Armes imd der Hand naturgemässere Richtung 
der Zeilen und die Schrägschrift bis zu einem gewissen Ghrade als 
die den anatomischen und physiologischen Bedingungen des Armes 
mehr entsprechende Schrift bezeichnet werden. Allerdings sind nun 
gewisse, die gesammte Körperhaltung beeinflussende Verhältnisse 
vorbanden, welche gegenüber diesen anscheinend günstigen Be- 
dingungen der Schrägschrift geltend gemacht werden können. Schu- 
bert hat an der Hand älterer und neuerer Untersuchungen an 
Schülern in Nürnberg den Beweis erbracht, dass die Gefahr der 
Annahme fehlerhafter Kopfhaltungen doch bei der Schrägschrift 
grösser ist als bei der Steilschrift, und man wird sich der Bedeu- 
tung der Ergebnisse dieser Untersuchungen bei der Beurtheilung der 
ganzen Frage nicht entziehen können. Schliesslich ist die aus der 
fehlerhaften Kopfhaltung erwachsende Bedrohung der gesammten 
Gestaltung des kindlichen Körpers, die Gefahr der Entwickelung der 
Skoliose, doch grösser als die der Entstehung des Schreibkrampfes ; 
die erstere Anomalie ist notorisch weit häufiger als die letztere imd 
auch an sich bedeutungsvoller. — Es wird nur darauf ankommen, dass 
man bei der zur Steilschrift führenden Heftlage und Federführung 
auf das Sorgsamste darauf wird bedacht sein müssen, dass das 
Mindestmaass von Muskelaction der Arme und der Finger des Kindes 
zur Anwendung kommt. Schubert hat sich selbst dem Eindruck 
nicht entziehen können, dass bei den Steilschrifthaltungen der Finger- 
druck ein stärkerer sein muss, wenngleich er geneigt ist, dies wegen 



») Zeitfichr. f. Schulgesundheitspflege. 1892. p. 460. 

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Lese-, Schreib- und Zeichenunterricht. 137 

« 
der grösseren Präcision der Schriffczüge und der daraus resultirenden 
grösseren Deutlichkeit als einen Vortheil für die Steilschrift in An- 
spruch zu nehmen. Mit Vorsicht gehandhabt, werden die kleineren 
Nachtheile, welche bei der zur Steilschrift führenden Heftlage und 
Federführung zu Tage treten, wohl zu überwinden sein. 

Beurtheilung der praktisehen Yersuehe und Messungen. 

Wenn solchermassen bei der Beurtheilung einer normalen Schreib- 
haltung mannigfache und selbst einander entgegen stehende Factoren 
in Frage kommen, wird man nicht umgehen können, auch den prak- 
tischen Versuchen selbst und den gelegentlich ihrer Durchführung 
stattgehabten Messungen sein Augenmerk zuzuwenden. 

Freilich sind auch hierbei so mannigfache umstände zu berück- 
sichtigen, und es kommen so vielfältige und durch die gegebenen 
Schulverhältnisse verschiedenartige Momente zur Geltung, dass es 
überaus schwierig wird, jedem einzelnen derselben die ihm gebüh- 
rende Rolle zuzuweisen, bezw. deren Einfluss abzugrenzen. So er- 
klärt es sich von vornherein, dass die Messungen gleichfalls nicht 
wenig Widersprüche aufweisen. — Es ist begreiflich, dass bei der 
Bestimmung der Haltung der Schulkinder die grössere oder geringere 
Helligkeit der Schulräume, die grössere oder geringere Zweckmässig- 
keit der Zuführung des Lichtes, die Beschaffenheit der Schulbänke, 
die Zustände der Ermüdung der Kinder, die grössere oder geringere 
Strenge in der Disciplin, der Grad der Sachkenntniss und das Inter- 
esse des unterrichtenden Lehrers, die Menge der Schreibarbeit, die 
Beschaffenheit der Schreibmaterialien u. s. w. von Bedeutung sind. 
Dass die Beleuchtung und die Beschaffenheit der Schreibmaterialien 
einen wesentlichen Einfluss auf die Annäherung der Schulkinder an 
die Schrift ausüben, ist ohne Weiteres verständlich, desgleichen aber 
auch, dass Ermüdung und die anderen der genannten Factoren für 
die gesammte Körperhaltung der Kinder nicht gleichgültig sind. — 
Aus diesen üeberlegungen ist leicht ersichtlich, wie vorsichtig man 
bei der Beurtheilung der Versuche und der gewonnenen Zahlen nach 
der Richtung hin sein muss, die Ergebnisse allein auf den Factor 
der Hefblage imd der Schriftführung beziehen zu wollen. 

Man hat bei den Maassen im Einzelnen folgende Verhältnisse 
ins Auge zu fassen: 

a) die Beziehungen der Augen und der Kopfhaltung zur Schrift,. 

b) die Beziehung der gesammten Rumpfhaltung zur Schrift. 



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138 Lese-, Schreib- und Zeichenunterricht. 

Bei der ersten Chruppe werden folgende Maasse zu berück- 
sichtigen sein: 

1. Abstand der Augen von der Schrift, entsprechend der Vor- 
neigung des Kopfes, das ist Drehung um die frontale Axe; 

2. Stellung der Augen zur Schrift, entsprechend der Drehung 
des Kopfes um die sagittale Axe; 

3. Abweichung der Grundlinie der Augen von der Horizontalen 
entsprechend der Seitwärtsneigung des Kopfes. 

Ohne dass wir im Stande sind, an dieser Stelle in die Dar- 
stellung der Methoden, mittelst welcher diese Messungen ausgeführt 
wurden, genauer einzugehen, indem wir vielfach auf die umfassende 
Specialliteratur verweisen müssen, möge bezüglich derselben nur kurz 
Folgendes erwähnt werden. 

1. Abstand der Augen von der Schrift (Vorneigung 
des Kopfes). Diese sog. «Arbeitsdistanz* wurde von Berlin- 
Rembold in folgender Weise ermittelt. Ein in Centimeter ein- 
getheilter Maassstab wird an der Stelle auf das Heft gesetzt, wo das 
Kind eben schreibt; sein anderes Ende geht auf der linken Seite 
hart an der Schläfe vorbei. Der Beobachter markirt nun, indem er 
senkrecht auf die Schläfe visirt, diejenige Stelle des Maassstabes, 
hinter welchem der äussere Homhautrand liegt, und erhält so, direct 
ablesend, die Entfernung der schreibenden Federspitze vom äusseren 
Homhautrande des linken Auges. 

2. Stellung der Augen zur Schrift (Drehung des Kopfes). 
Schubert bestimmte den Winkel, welchen die senkrechte Projec- 
tion des Grundlinienstäbchens (s. nachstehend Schub ert^s frühere 
Methode zur Herstellung der Abweichung der Augengrundlinie von 
der Horizontalen) auf die Schreibebene mit dem Pultrande bildet. Die 
Kopfdrehung wurde ausgedrückt durch die Anzahl der Orade, um 
welche das eine Auge weiter vorgerückt war als das andere. 

3. Abweichung der Augengrundlinie von der Hori- 
zontalen (seitliche Neigung des Kopfes). Methode Berlin- 
Rembold^s: Ein Lineal war an einem Ende rechtwinklig mit einem 
kurzen, in ^ji cm eingetheilten Maassstab versehen. Dies Instrument 
wurde folgendermassen gehandhabt: Der senkrechte Arm wurde 
senkrecht vor die Mitte des höherstehenden Auges gebracht, während 
der Beobachter, vor dem Schreibenden hockend, die andere Branche 
wagerecht und in einer durch die Grundlinie lothrecht gedachten 
Ebene so hielt, dass ihr oberer Rand in gleicher Höhe mit der tief- 
gelegenen Stelle des oberen Augenlids des tieferstehenden Auges 



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Lese-, Schreib- und Zeichenunterricht. 139 

stand. (Die Augen des Schreibenden sieht man nämlich an dieser 
Stelle selber nicht.) Dann visirt man am Rande des Lineals vorbei 
auf die bezeichnete Stelle und liest an der verticalen Branche ab, 
um wie viel dieselbe Stelle des anderen Augenlides höher steht. 

Schubert's frühere Methode: Schubert bediente sich 
bei seinen Messungen eines Brillengestells, das dem Kinde aufgesetzt 
wurde und bei dem die nach hinten verlängerten Arme einen parallel 
zur Augengrundlinie gerichteten Querstab trugen. Es war dies das 
Grundlinienstäbchen, so genannt, weil es in seiner Lage der Orundlinie 
entsprach. Die Lage des Stäbchens beim Schreiben wurde bestimmt 
durch Ermittelung des Winkels, welchen das Grundlinienstäbchen mit 
der Horizontalen bildete. Zur Messung diente ein Lineal, welches 
mit Wasserwage versehen war und an jedem Ende einen graduirten 
Kreisbogen trug. Diese Methode hatte aber den Uebelstand, dass die 
Kinder unter aussergewöhnlichen Verhältnissen schrieben und die 
Unbefangenheit verloren. 

Schubert's neue Methode. Das neue Verfahren Schu- 
ber t^s^), welches die Messung gestattet, ohne das Kind zu be- 
rühren, und ohne die Messung für die Schüler bemerkbar zu machen, 
geschah mittelst einer Glasscheibe, auf welcher von einem am 
oberen Rand gelegenen Punkt ausgehend eine mit Null bezeich- 
nete Senkrechte, dann rechts und links vom oberen Ende der NuU- 
linie weitere nach unten divergirende Striche gezogen waren, die 
in Winkelabständen von 5 ^ lagen und nach der einen Seite mit 
-f- Graden, nach der anderen mit — Graden versehen waren. Vom 
Schnittpunkte dieser Linien am oberen Rand der Scheibe hing ein 
kleines Senkblei herab, welches die Möglichkeit gab, 1. die Scheibe 
überhaupt in einer senkrechten Ebene einzustellen, 2. die Scheibe in 
dieser senkrechten Ebene so zu orientiren, dass die mit Null be- 
zeichnete Linie senkrecht stand. Ferner war auf der Scheibe recht- 
winklig zur Nulllinie eine stark markirte rote Linie gezogen. Bei 
Einstellung der Scheibe mit dem Senkblei (Nulllinie senkrecht) ver- 
läuft die rothe horizontal ; wird der rothen Linie eine Neigung zum 
Horizont gegeben, so zeigt das Senkblei den Grad dieser Neigung 
auf der angebrachten Scala an, vorausgesetzt, dass die Tafel im 
Ganzen in der senkrechten Ebene bleibt. Stellt sich nun der ünter- 
sucher hinter das schreibende Kind, richtet er die Scheibe in dessen 



') Schubert, Ueber Steilachrift und Schrägschrift. In der Festschrift 
zur 24. Versammlung des deutschen Vereins fQr öffentliche Gesundheitspflege 
in Nürnberg. 1899. 



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140 



Lese-, Schreib« und Zeichemmterricht. 



Eopfhöhe senkrecht und annähernd parallel zur Banklehne und yisirt 
dann durch die Scheibe hindurch gegen den Kopf des Schülers, so 
ist es leicht, die rothe Linie so einzustellen, dass sie beim Yisiren 
die Spitzen beider Ohrmuscheln deckt. Das Senkblei zeigt dann 
den Grad an, in welchem die Verbindungslinie der Ohren (= Basal- 
linie) des Schreibenden nach links oder rechts zum Horizont ge- 
neigt ist. 

Nachstehend lassen wir nun, geordnet nach den oben gegebenen 
Gruppen, die wichtigsten Ei^ebnisse der Messungen folgen, in der 
Absicht, zu einem Urtheil über den Werth der Steil- und Schräg- 
schrift das erforderhcfae Material zu bieten. 

1. Abstand der Augen von der Schrift (Vorneigung 
des Kopfes). Berlin-Rembold ^) fanden, dass die Entfernung 
der Augen Ton der Schrift bei Schrägschrift in schräger Mittenlage 
grösser war als bei aufrechter Schrift in gerader Mittenlage, so dass 
also die erstere Schrifklage sich günstiger stellt als letztere. Bei 
willkürlicher HefUage betrug dieser Abstand im 1. Schuljahre durch- 
schnittlich nur 11 cm; beim Schreiben in gerader Mittenlage besserte 
sich diese Entfernung um 12 ^/o, bei schräger Mittenlage um 23 ^/o. 
Schuberts ^) Messungen in Nürnberg ergaben für diese Entfernung 
folgende Durchschnittswerthe in Centimetem: 



Oute Schulbänke mit Minos 
distanz 



Schriftrichtung 



Helle Klassen 



Dunkle 
Klassen 



Schlechte Schulbänke mit 
Piasdistanz 



Helle Klassen 



Dunkle 
IQassen 



Steilschrift . 
Schrägschrift 



31,0 
23,0 



30,4 
25.7 



29,7 
21,2 



25,5 
fehlt 



Es bewahren also hiemach die steilscfareibenden Kinder durch- 
schnittlich einen 5 — 7 cm grösseren Augenabstand vom Schreibheft 
als die schrägschreibenden. — SeggeP) fand als Abstand der 
Augen Ton der Federspitze folgende Maasse in Centimetem: 



») A. a. 0. p. 45. 

*) Schubert, Ueber die hygienische Bedeutung der senkrechten Schal- 
schrift Rldag. Blätter für Lehrerbildung. 1898. Heft 1. 

*) Seggel, I. Bericht der zur Prdfung des Einflusses der Steil- und Schräg- 
schrift gewSihlten Commission. MOnchener med. Wochenschr. 1892. p. 503. 
n. Bericht. Ebenda. 1893. p. 246, 265, 283. III. Bericht. 1894. p. 88, 109. 



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Lese-, Schreib- und Zetohennnterricht. 



141 



ünter- 




Durchschnitt nach Klassen 


Gesammt- 


suchungs- 
zeit 


Schriftrichtung 










durch- 


I 


II 


III 


IV 


schnitt 




Steilschrift 


24,8 


28,6 








26,8 


1891 


Schrägschrift 


19,2 


23,0 


— 


— 


21,2 




Differenz 


5,6 


5,6 


— 


— 


5,6 




Steilschrirt 


24,6 


28,6 


30,1 


— 


27,9 


1892 


Schrägschrift 


19,2 


26,0 


27,9 


— 


24,6 




Differenz 


5,4 


2,6 


2,2 


— 


5,4 




Steilschrift 


24,6 


28,6 


30,1 


30,1 


28,5 


1891-1893 


Schrägschrift 


19,2 


24,4 


27,9 


27,1 


25,3 




Differenz 


5,4 


4,2 


2,2 


3,0 


3,2 



Diese Resultate, die theilweise wesentlich geringere Differenzen 
zeigen, als sie Schubert gefunden hat, lehren uns, dass bei den 
jüngsten Schülern der I. Klasse die DifiPerenz des Augenabstandes 
bei Steil- und Schrägschrift am grössten ist, was, wenn es allge- 
mein zuträfe, ein beachtenswerthes Argument für die Steilschrift 
wäre (Burgerstein). Mit der Höhe der Klasse, d. h. mit zu- 
nehmender Grösse der Schüler, verringert sich aber die Differenz 
zwischen beiden Schriftarten bis auf ein Maass, das als ganz gering- 
fügig bezeichnet werden muss. Messungen in Fürth ergaben fol- 
gendes Resultat für die Arbeitsdistanz: 

Klasse I bei Steilschrift 25,05 cm, bei Schrägschrift 24,0 cm 
. 11 « . 30,09 , , , 29,6 , 

, m „ „ 28,00 , , , 32,0 , 

Während hier also in der I. und IL Klasse die Ergebnisse noch 
der Steilschrift — wenn auch nur um ein Geringes — günstig sind, 
weist in der III. Klasse die Schrägschrift einen entschiedenen Yor- 
sprung auf. Die Züricher Untersuchungen durch Ritzmann, Schul t- 
hess und Wipf ergaben für die Entfernung der Augen von der 
Schrift als durchschnittlichen Abstand aller Schrägschreibklassen 
(schräge Mittenlage und gerade Rechtslage) 22,7 cm und für alle 
Steilschreibklassen 22,4 cm; aber gerade hier wird ausdrücklich be- 
tont, dass in dieser Beziehung die Schreibdisciplin und die Reclina- 
tionslage beim Schreiben von grösserer Wichtigkeit gewesen sein 



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142 Lese-, Schreib^ und Zeichenontenicht. 

möge als Heftlage und Schrifbrichtimg. Es zeigen uns alle Resultate^ 
wie sehr neben der Schriftrichtung noch andere Factoren wirksam 
sein müssen, welche diese Arbeitsdistanz beeinflussen. 

2. Stellung der Augen zur Schrift (Drehung des 
Kopfes). Nach Schuberts Messungen betrug die Kopfdrehung^ 
welche ausgedrückt wurde durch die Anzahl der Grade, um welche 
das linke Auge weiter vorgerückt war als das rechte, bei 

gerader Mittenlage ... 4,0 ** 
schräger „ ... 0,7® 

willkürlicher Lage . . . 13,9 ® 

Wenn noch hervorgehoben wird, dass bei 543 Messungen in 
schräger Mittenlage 208mal eine Drehung des Kopfes vorhanden 
war und der durchschnittliche Werth dieser Drehung nur 0,7® be- 
trug, so müssen diese Abweichungen von der Norm bei schräger 
Mittenlage nur von ganz geringer Bedeutung sein. 

3. Abweichung der Augengrundlinie von der Hori- 
zontalen (seitliche Neigung des Kopfes). Schubert giebt 
in seiner VeröflFentlichung von 1899^) eine Zusammenstellung aller seit 
Berlin-Rembold's Bericht veröflFentlichten Messungen über die 
Kopfhaltung nach Procenten (s. nebenstehende Tabelle). 

Alle diese Zahlen zeigen, dass die Steilschrift bezüglich der 
Haltung des Kopfes günstigere Ergebnisse zeigt als die Schräg- 
schrift; denn bei ersterer kommen die absolut imd relativ geraden 
Kopfhaltungen häufiger, die Rechts- und Linksneigungen sQiltener 
vor als bei letzterer. Indess zeigt ein Vergleich der Ergebnisse ver- 
schiedener üntersucher so grosse DifiPerenzen, dass diese nicht aus 
der Art der Heftlage und der Schriftrichtung allein erklärbar sind, 
sondern dass die Einwirkung anderer Factoren, z. B. Art der Mes- 
sung, Subsellien, Schreibdisciplin, Literesse der Lehrer u. s. w., an- 
genommen werden muss. Wir heben nur einige Beispiele heraus: 
In München 1892, 1893, 1894 sind für die absolut gerade Kopf- 
haltung wesentlich kleinere Procentzahlen gefunden worden als in 
Nürnberg 1885 und in Fürth 1888. Bezüglich der relativ geraden 
Kopfhaltung sind die Resultate aus Zürich, wo sich Schrägschrift 
zur Steilschrift wie 1 : 1,30 verhält, mit denen aus Fürth 1882, wo 
sich Schrägschrift zur Steilschrift wie 1 : 9,56 verhält, gar nicht zu 



üeber Steilschrift und Schrägschrift. 1899. p. 46. 

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Lese-, Schreib- und Zeichenunterricht. 



143 









Relativ 






Untersuchung 


Schrift- 
lage 


Absolut 
gerade ; 
Grund- 
linie hori- 
zontal 


gerade ; 
Rechts- u. 
Links- 
neigung 
von 5* 
einge- 
schlossen 


Links- 
geneigt 


Rechts- 
geneigt 






Vo 


> 


o/o 


7o 


Nürnberg 1885. Schubert 


schräg 
steil 


16,2 
27,5 


36,7 
57,2 


56,3 
29,5 


7,0 
13,3 


Fürth 1888. W. Mayer 


schräg 
steil 


17,0 
33,1 


— 


75,3 
51,4 


7,7 
13,5 


München 1892. Seggel . 


schräg 
steil 


2,4 

6,6 


8,4 
23,1 


71,1 
56,7 


20,4 
20,2 


München 1893. Seggel . 


schräg 
steil 


3,8 
9,5 


17,5 
33,5 


65,9 
43,5 


16,6 
23,0 


München 1894. Seggel . 


schräg 
steil 


4,7 
12,0 


20,3 
38,3 


64,5 
35,0 


15,2 

26,6 


Mrth 1892. W. Mayer . 


schräg 
steil 





5,5 
52,6 


73,9 
43,5 


21,2 
3,7 


Nürnberg 1892. Schubert 


schräg 
steil 


— ~ 


17,5 
42,9 


72,9 
53,3 


9,6 
3,8 


Würzburg. Burkhardt . 


schräg 
steil 


~~' 


39,7 
90,8 


58,0 
9,2 


2,3 



Zürich. Ritzmann u. A. 


schräg 
steü 


I 


49,9 
65,2 


36,7 

18,8 


13,4 
16,0 


Ekaterinburg. Milowsoroff 


schräg 
steil 


— 


16,7 

85,2 


70,0 
14,8 


13,3 



Karlsruhe. Gelpke . . . 


schräg 
steil 


— 


34,3 
53,0 


62,1 
42,0 


3,6 
5,0 



yereinbaren. Dasselbe gilt auch ebenso für die Linksneigung (vergl. 
München 1892 und Würzburg) wie für die Rechtsneigung (vergl. 
München 1892 und Ekaterinburg). 

Bei der Neigung des Kopfes ist aber auch der Grad der Ab- 
weichung von der Horizontalen in Betracht zu ziehen; denn je 
grösser diese Abweichung ist, um so nachtheiliger ist ihr Einfluss 
auf die gesammte Körperhaltung. Schubert^) fand für diese Ab- 
weichungen folgende Grössen: 



*) Schubert, Ueber Heftlage und Schriftrichtung. 1890. p. 11. 



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144 



Lese-, Schreib- und Zeichenanterricht. 



Lage des Heftes 



Anzahl 
der Mes- 
sungen 



Kopf- 

neignng 

nach links 



Gerade Mittenlage 

Schiefe Mittenlage 

Willkürliche Lage, bei welcher mehr oder weniger. ge- 
neigte Rechtslage vorherrschte 

Rechtslage mit starker Heftdrehnng 



400 
543 

258 
229 



2.8 <» 

7.9 <> 

9,0« 
12,3 • 



In seiner neuesten Veröffentlichung giebt Schubert*) fflr die 
in den Controlklassen Nürnbergs befindlichen Kinder, die mit seit- 
lich geneigtem Kopfe schreiben, folgende Resultate an: 

Linksneigong Rechtsneigong 
Steüschrift .... 8,9 <> 6,3« 

Schrägschrift . . . 13,6 « 7,7 <> 

Es sind hier also von demselben Untersucher wesentlich grössere 
Abweichungen für die Steilschrift constatirt worden als bei den 
früheren Untersuchungen. 

W. Mayer ^) kam aus seinen nur mit kleinen Zahlen rechnen- 
den Messungen zu folgenden Ergebnissen für die Kopfneigung nach 
links : 

Gerade Mittenlage 2,12 « 

Schräge , ..... 4,75 <> 
Willkürliche Lage 5,75 <> 

Auch diese Untersuchungen haben Resultate ergeben, die mit 
denen Schuberts wenig Uebereinstimmung zeigen. — Ausführ- 
licher sind die umfangreichen Untersuchungen SeggePs in der 
nachfolgenden Tabelle mitgetheilt, die natürUch nur die Kinder mit 
seitlich geneigtem Kopfe berücksichtigt. 



Untersuchungszeit 


Schriftrichtung 


Linksneigung 
des Kopfes 
in Graden 


Bechtsneigang 
des Kopfes 
in Graden 


1891 

1892 

1891-1893 


steü 
schräg 

steü 
schräg 

steil 
schräg 


9,7 
15,1 
11,7 
15,7 
11,3 
15,2 

fcurift. 1899. p. 45. 


6,2 
8,5 
4,4 
6,4 
4,2 
5,9 


>) üeber Steüa 
2j A. a. 0. p. 


chrift und Schrägscl 
U9ff. 





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Lese-, Schreib- und Zeichenunterricht. 145 

Nach diesen Messungen spricht der Orad der Kopfneigung 
(links und rechts) stets zu Gunsten der Steilschrift. Im Durch- 
schnitt betrug er 

bei Steilschrift bei Schrägschrift Differenz 

1891 8,3« 13,4 5,1 

1892 6,70 11,8«^ 5,1« 

1891—1893 .... 6,3« 11,4« 5,1« 

Auch nach Klassen hat Seggel seine Messungsresultate ge- 
ordnet, wobei sich ergab, dass mit zimehmender Grösse der Kinder 
sowohl bei Steilschrift als auch bei Schrägschrift eine Besserung 
der Kopfhaltung erfolgte. 

Die vorstehend mitgetheilten Messungsergebnisse lassen bezüg- 
lich der Abweichung der Augengrundlinie von der Horizontalen 
(seitliche Neigung des Kopfes) den Vorzug der Steilschrift vor der 
Schrägschrift erkennen. Ob dies Resultat einzig und allein aber in 
der Heftlage und Schriftrichtung seinen Grund hat, ist insofern noch 
nicht bestimmt zu entscheiden, als die Ergebnisse der verschiedenen 
Untersucher zu grosse Differenzen aufweisen. Es wird ja auch ver- 
schiedentlich zugegeben, dass noch verschiedene andere Factoren, 
auf die wir oben schon hingewiesen haben, ihren Einfluss auf die 
Haltung ausgeübt haben. Auch das ist noch besonders zu bemerken, 
dass durch diese Messungen sich auch bei der Steilschrift allgemein 
beträchtliche Abweichungen von der Norm ergeben haben, Ab- 
weichungen, die sowohl die Zahl der Kinder als auch die Grösse 
des Neigungswinkels betreffen. 

Was nun die Beziehungen der Körperhaltung bei der Steil- 
und Schrägschrift anbelangt, so ist hierbei ohne Weiteres klar, dass 
die Rumpfhaltung vielfach von der Kopfhaltung beeinflusst wird. 
Die Neigung des Kopfes nach vom wird in den meisten Fällen mit 
einer Vorbeugung des Rumpfes verbunden sein. Die seithche Nei- 
gung des Kopfes wird stets mit einer seitlichen Ausbiegung der 
Wirbelsäule und dadurch auch mit einer entsprechenden Verschie- 
bung des Rumpfes nach der entgegengesetzten Seite beantwortet. 
Der Drehung des Kopfes folgt nicht selten der Rumpf mit einer 
gleichgerichteten Drehung. — Bei den Beziehungen des Rumpfes 
zur Schrift haben wir daher gleichfalls wie bei der Kopfhaltung 
1. eine Vorbeugung, 2. eine seitliche Neigung und 3. eine Drehung 
des Rumpfes in Betracht zu ziehen. — Seitliche Neigung und 
Drehung des Rumpfes sind am leichtesten an der Stellung der 
Schultern zu erkennen, so dass die Ermittelung der Schulterhaltung 

Baginsky, Schulhygiene. II. 3. Aufl. 10 



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146 



Lese-, Schreib- and Zeichenunterricht. 



genügt, um einen Schluss auf die bezüglichen Stellungen des Rum- 
pfes zuzulassen. Zur Ermittelung der Schultemeigung benutzte 
Schubert die p. 139 beschriebene, mit Senkblei und Gradeinteilung 
Tersehene Glasplatte, welche er für die Messung der Seitwärts- 
neigung des Kopfes gebrauchte. Die beiden übrigen Rumpf- 
stellungen lassen sich in der Weise feststellen, dass für die Vor- 
beugung des Körpers der Winkel zwischen der Senkrechten und 
der jeweiligen Rumpfhaltung und für die Drehung des Rumpfes 
die ungleiche Entfernung der Schultern von der Tischplatte er- 
mittelt wird. 

1. Die Vorbeugung des Körpers wird im Allgemeinen mit 
der Vomeigung des Kopfes zusammenfallen, so dass erstere um so 
bedeutender wird, je grösser die letztere ist. Es ist daher auch 
meistentheils darauf verzichtet worden, die Vorbeugung des Körpers 
zahlenmässig festzustellen. 

2. Die seitliche Neigung des Rumpfes, die eine Aus- 
biegung der Wirbelsäule nach der entgegengesetzten Seite bedingt, 
ist, wie schon gesagt, in der Stellung der Schultern zu erkennen. 
Ist z. B. die Wirbelsäule nach der linken Seite hin ausgebogen, so 
steht die linke Schulter höher, die rechte niedriger. Seggel ist 
bezüglich des Schulterstandes zu folgenden Resultaten gekommen: 





Schrift- 
richtung 


Schultern hori- 
zontal 


Schultern geneigt 


ünter- 

suchungs- 

zeit 


absolut 


relativ 

d. h. bis 

4« 


Linksneigung 


Rechtsneigung 




Procent 


Procent 


Procent 


um 

wie viel 

Grade 


Procent 


um 

wie viel 

Grade 


1891 

1892 

1891-1893 


Steilschrift 
Schrägschrift 

Steilscbrift 
Schrägschrift 

Steilschrift 
Schrägschrift 


25,4 
12,6 
38,7 

22,8 
31,8 
20,2 


59,2 
43,8 
67,2 
56,5 
65,4 
52,9 


26,7 
37,3 
10,6 
19,5 
15,0 
24,1 


6,8 
8,1 
7,4 
8,1 
7,2 
7,8 


14,1 
18,8 
22,2 
24,0 
19,6 
23,0 


3,4 
3,6 
2,5 
2,9 
2,5 
2,8 



Diese Procentsätze weisen allerdings auf einen Vorzug der 
Steilschrift hin, da bei ihr die Zahl der die Schultern absolut oder 



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Lese-, Schreib- und Zeichenunterricht. 



147 



relativ horizontal haltenden Kinder grösser ist als bei Schrägschrift ; 
vergleicht man aber bei den geneigt gestellten Schultern den Grad 
der Abweichung von der Horizontalen, so ist die DiflFerenz nur ganz 
unbedeutend; sie beträgt nur in einem Falle 1,3^, während sie sonst 
zwischen 0,7 — 0,2 ® schwankt. Auch hier ist wieder auffallend, dass 
die Abweichung von der Horizontalen bei der Steilschrift immerhin 
eine beträchtliche ist und in Folge jener geringen Differenzen in der 
Schulterstellung von der Schrägschrift nur wenig verschieden ist. — 
Schubert^s^) Messungen ergaben folgende Tabelle: 



Schriftrichtung 


Horizontale 
Schulter- 
Stellung 


Linksneigung der 
Schultern 


Rechtsneigung der 
Schultern 




Procent 


Procent 


um wie 
viel Grade 


Procent 


um wie 
viel Grade 


SteilBchrift .... 
Schrägschrift . . . ' 


57,6 
32,0 


40,5 
56,0 


6,5 
8,2 


1,9 
12,0 


7,5 
6,5 



Schubert kommt sonach zu etwas grösseren Differenzen be- 
züglich des Abweichungsgrades als Seggel. Dass aber bei ihm die 
Rechtsneigung nur in 1,9 ®/o der Fälle vorkommt, während Seggel 
14,1 — 22,2 ^/o gefunden hat, ist eine merkwürdige Beobachtung, die 
nach Schubert „auf ungleichmässig wirkende, von der Heftlage und 
Schriftrichtung unabhängige Ursachen hinweist, z. B. auf den Trieb 
der kindlichen Natur zu Unruhe und Lageveränderung". — Warum 
soll aber dieser Trieb nur bei der Rechtsneigung der Schultern wirk- 
sam sein? — Zu erwähnen sind noch die bezüglich der Körperhal- 
tung angestellten Messungen von W. Mayer *) in Fürth, von Burk- 
hard') in Würzburg, von Ritzmann, Schulthess und Wipf in 
Zürich und von Schenk*) in Bern, auf die wir hier aber nicht mehr 
eingehen können. — Allgemein ergiebt sich aber, dass mit den 
höheren Klassen, also mit zunehmender Grösse der Kinder die Nei- 



*) Schubert, Die Steilschrift während der letzten 5 Jahre. Zeitschr. f. 
Schukresundh. 1895. 

") Mayer, Münchener med. Wochenschr. 

*) Zeitschrift fQr orthopädische Chirurgie. 

*) Seh enk, Beitrag zur Lösung der Frage; 
Wiesbaden 1891. 



1892. Nr. 21. 

1892. 

Steilschrift oder Schrägschrift? 



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148 Lese-, Schreib- and Zeichenanterricht. 

gung der Schultern geringer wird, was besonders klar SeggeFs 
und Schuberts Zusammenstellungen der betreffenden Resultate 
nach den einzelnen Klassen zeigen. 

3. Die Drehung des Körpers um seine senkrechte Axe 
kann entweder sich nur auf den Oberkörper beschranken, so dass 
der Querdurchmesser des Beckens seine parallele Stellung zur Tisch* 
kante beibehält, oder sie erstreckt sich auf den ganzen Rumpf in- 
clusive Becken. Burkhard und Schenk haben nach diesen Rich- 
tungen hin Versuche angestellt, die indess nur auf verhältnissmässig 
wenige Individuen sich erstrecken, wie sie auch nicht die genaue 
Mittenlage des Heftes bei Steilschrift und Schrägschrift zur Voraus- 
setzung haben, sondern auch Links- und Rechtslagen in Betracht 
ziehen, so dass sie nicht zur Entscheidung unserer Frage direct 
verwerthbar sind. Burkhard findet bei annähernder Mittenlage die 
Drehung des Oberkörpers und des Beckens bei Steilschrift geringer 
als bei Schrägschrift, dafür aber — im Gegensatz zu Schubert, 
Seggel u. A. — bei ersterer die seitliche Verschiebung des Ober- 
körpers ganz bedeutend häufiger als bei letzterer. 

Fasst man das gesammte vor uns liegende Material ins Auge, 
so wird man sich dem nicht verschliessen können, dass trotz der 
eingehendsten Studien und besonders der zahlreichen Messungen, aus 
diesen heraus allein ein absolut entscheidender Ausschlag zu Gunsten 
der geraden HefÜage und damit der Steilschrift nicht gewonnen 
werden könnte, wiewohl doch immerhin in den Distanzmessungen 
und in den Messungen der Augenstellungen Vielfaches zu Ghinsten 
derselben sich ergeben hat; insbesondere für die jüngeren Alters- 
stufen, während bei den älteren Stufen die Unterschiede mehr und 
mehr verschwinden, augenscheinlich weil Augen, Kopfhaltung und 
Schreibart sich mit der fortschreitenden Uebung mehr und mehr von 
dem einzelnen Factor in der gesammten so complicirten Schreib- 
haltung loslösen. 

Die Lehrerschaft ist der steilen Schrift im Ganzen abhold, weil 
dieselbe ihnen ungewohnt ist und weil, wie Niemand, der selbst viel 
und insbesondere fiott zu schreiben hat, wird ableugnen können, 
die Uebersicht über eine längere Zeile, das rasche Fortschreiten der 
Schrift, die leichtere Federführung mit der Schräglage des Papieres 
und mit der Schrägschrift gegeben ist. Dies Alles mag indess für 
Erwachsene und Geübte gelten. Für die Schuljugend und gerade 
für die jüngsten Stufen ist schon a priori ohne Weiteres einleuchtend, 
dass mit geraden parallelen Linien und mit Lothlinien auch die Ge- 



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Lese-, Schreib- und Zeichenunterricht. 149 

bundenheit an das Gerade, die Innefialtung des gerade Aufrechten er- 
leichtert, mit schrägen Linien und schräger Heftlage die Neigung 
zur Schräghaltung, zur Abweichung nach rechts und links eine 
grössere sein wird und naturgemäss ist. Lässt sich also, wenn man 
selbst auch Schuberts oder SeggeTs Messungen nicht absolute 
Bedeutung zugestehen will, aus denselben doch immerhin wenigstens 
das Eine ableiten, dass die Neigung zur Annäherung an die Schrift 
und zur Abweichung von der gerade aufrechten Haltung in einem 
gewissen Procentsatz bei der Schrägschrift vermehrt ist, so wird 
dies, mit der einfachen, in den Sinn fallenden Ueberlegung und 
Betrachtung zusammengehalten, immerhin in die Wagschale fallen 
müssen, die Entscheidung für die gerade Heftlage und für 
die aufrechte Schrift zu geben — wenigstens für den ersten 
Schreibunterricht und fQr die Unterstufen. Bei den höheren Stufen, 
in den oberen Klassen des Oymnasialunterrichtes wird schliesslich 
eine gewisse Dilation gegeben werden müssen, und thatsächlich ent- 
wickelt bekanntermassen mit fortschreitender Entwicklung jeder 
Mensch seine Handschrift nach der eigenen Bequemlichkeit und viel- 
leicht auch nach den eigenen Charaktereigenschaften, die doch bei 
den heranwachsenden Jünglingen und Mädchen schliesslich mehr und 
mehr zum Durchbruch kommen. 

Allgemeine Forderungen für das Schreiben. Eine 
weitere Förderung der ganzen Schriftfrage kann unseres Erachtens 
dadurch erfolgen, dass auf Anatomie und Physiologie des Körpers 
begründete, bestimmt gefasste, eingehende Forderungen über die 
Haltung des Rumpfes, des Kopfes, der Arme, der Hand u. s. w., 
über Heftlage, Federführung, Schreibmaterialien u. s. w. gegeben 
werden, dass die Lehrerschaft mit dieser Materie eingehend bekannt 
gemacht wird und dass in der Schule und zu Hause gemäss den als 
richtig anerkannten Anweisungen mit Energie auf eine gute Haltung 
geachtet wird. Wir können hier nicht auf diese einzelnen Vor- 
schriften ausführlich eingehen; dieselben gehören in Speciallehrbücher. 
Nur folgende Punkte seien ausser den p. 125 bereits erwähnten 
noch hervorgehoben. Da trotz aller Vorschriften und aller Energie 
mit eintretender Ermüdung die normale Körperstellung nicht mehr 
eingehalten werden kann, so ist das erste und dringendste Gebot der 
Hygiene des Schreibens die Einschränkung desselben: Vermeidung 
alles überflüssigen Schreibens; Erzielung einer deutlichen, leserlichen, 
flotten, aber keiner gezierten und gezirkelten Schrift; Beschränkung 
des Schreibens auf kürzere Zeitabschnitte und Unterbrechung der- 



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150 Lese-, Schreib- und Zeichenanterricht 

selben durch eingelegte kurze rausen mit Aenderungen in der 
Körperstellung und mit einfachen, zwischen den Subsellien ausführ- 
baren KörperQbungen. 

Der Schreibunterricht sollte nur so lange als feststehender 
Unterrichtsgegenstand geübt werden, bis man voraussetzen kann, 
dass die Schüler eine gewisse Fertigkeit im Schreiben erreicht 
haben; demgemäss ist es gewiss zu billigen, dass der Schreibunter- 
richt in der Quinta des Gjnmasiums sein Ende erreicht Aufgabe 
der Lehrer ist es, die für den Schreibunterricht angesetzten Stunden 
auf das zweckmassigste und mit den besten Methoden auszunutzen; 
insbesondere wird seitens des Schreibunterrichts auf den häuslichen 
Fleiss der Schüler wenig und in den Ojmnasialklassen gar nicht 
mehr zurückgegangen werden dürfen. Sodann hat die Eintheilung 
des ünterrichtsplanes darauf Bedacht zu nehmen, dass nicht mehrere 
Stunden aufeinander folgen, in welchen viel geschrieben wird, dass 
der Schreibunterricht an trüben Wintertagen gänzlich ausfallen muss 
und dass bei Lampenbeleuchtung dieser Gegenstand nur unter be- 
sonderen Verhältnissen getrieben werden darf. 

Nachschreiben des vom Lehrer Vorgetragenen zum Zweck 
besseren Einprägens ist aus pädagogischen Gründen an und ftlr sich 
schon verpönt, wird aber auch von der Hygiene durchaus verurteilt. 

Sodann sind häusliche Aufgaben, bei welchen viel zu schreiben 
ist, nicht zweckentsprechend; ebenso sind Strafarbeiten, die in der 
Herstellung von Schönschriften oder von Abschriften, deren Lihalt 
für die geistige Förderung des betreffenden Kindes ohne jede Be- 
deutung ist, bestehen, weder vom pädagogischen noch gesundheit- 
lichen Standpunkte zu billigen. — Mit wenigen Worten wollen wir 
nur noch eines Missgriffes der Schreiblehrer gedenken, nämlich der 
Neigung, von den Kindern für die Schulprüfungen besonders zier- 
liche und nicht selten künstlerisch gearbeitete sog. Vorlegeblätter 
herstellen zu lassen. Arbeiten dieser Art' sind von der Hygiene und 
der Pädagogik zu verurtheilen ; sie schädigen die Gesundheit in er- 
heblichem Maasse, indem sie an die Augen der Kinder schädliche 
Ansprüche machen. 

Schreibmaterialien. Für die Hygiene des Schreibens und 
der Schrift ist es nicht gleichgültig, welcher Schreibutensilien die 
Schüler sich bedienen. Homer führte den Nachweis, dass Schiefer- 
tafel und Griffel die grösste Anforderung an die Augen stellen und 
die grösste Annäherung an dieselben bedingen, und zwar um so 
mehr, je weniger weiss und scharf die Schrift ist. Auch der Blei- 



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Lese-, Schreib- und Zeichenunterricht. 151 

Stift bietet ähnliche Schwierigkeiten und verhält sich in der Leistung 
gegen den Schieferstift nur wie etwa 7 : 8. Am besten in der Wirkung 
ist Tinte und Papier, so zwar, dass sie sich gegen Tafel und Stift 
wie 3 : 4 verhält, d. h. ganz gleich grosse, in jeder Hinsicht ver- 
gleichbare Buchstaben, mit Griffel auf Tafel geschrieben, müssen 
um je 1 Maasstheil (Fuss, Meter, je nach der Grösse der Buch- 
staben resp. des Gesichtswinkels) näher gehalten werden, um erkannt 
zu werden, als wenn sie mit Tinte auf Papier geschrieben wären; 
dabei zeigte sich ausserdem noch, dass die Versuchsresultate bei Feder 
und Papier bei den verschiedenen Beobachtern am constantesten 
waren. Hörn er kommt so zu dem bestimmten Schlüsse, dass Tafel 
und Griffel aus der Schule verbannt werden, und dass Tinte und 
Feder an ihre Stelle kommen müssen. Die Möglichkeit der Durch- 
führung dieser hygienischen Forderung ist seither von dem Lehrer- 
convent in Zürich anerkannt und die grundsätzliche Benutzung von 
Papier und Feder als Schreibmaterial ausgesprochen worden, während 
der Gebrauch von Tafel und Stift nur für den ersten halbjährigen 
Unterricht in das Belieben der Lehrer gestellt wurde. Der preus- 
sische Ministerialerlass vom 31. Mai 1894 über das höhere Töchter- 
schulwesen empfiehlt für den Anfangsunterricht im Schreiben den 
Gebrauch von Bleistift und Papier, um die Schrift von vornherein 
leicht zu machen; der Uebergang zum Schreiben mit der Feder 
soll möglichst früh erfolgen. 

Die Vorwürfe gegen die grauen Schiefertafeln erstrecken sich 
auf die in Folge der grauen Farbe von Schreibfläche und Stift schlechte 
Lesbarkeit und auf den zur Ausführung der Striche anzuwendenden 
starken Druck, wodurch die Einder eine schwerfällige, beim späteren 
Schreiben auf Papier höchst nachtheilig sich bemerkbar machende 
Hand erhalten. Auf das Beseitigen dieser Uebelstände ist das Be- 
mühen der Erfinder neuer Schreibtafeln gerichtet, von denen die 
letzte Zeit eine grosse Anzahl gebracht hat. Es sind zunächst weisse 
Tafeln hergestellt, auf denen mit einem dunklen Stift geschrieben 
wird (Thieben's Kunststeintafeln, Campe's Patenttafel und ver- 
schiedene Arten von Celluloidtafeln). Cohn^s ^ Messungen ergaben 
beim Vergleich von Thieben's Tafeln mit den grauen Schiefertafeln 
eine Erkennbarkeit der Schrift im Verhältniss von 116 : 100 gleich 
etwa 8:7. Eine Schrift, die auf der weissen Steintafel bequem bis 
30 cm gelesen wird , verlangt also auf der alten Schiefertafel eine 



') Cobn, Lehrbuch der Hygiene des Auges. 1891. p. 462. 

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152 Lese-, Schreib- und Zeichenunterricht. 

Annäherung auf 26 cm. Um den nachtbeiligen Druck der Finger 
bei der Herstellung der Schriftzeichen zu vermeiden, ist bei den 
neuen Erfindungen darauf geachtet, die Schreibfläche möglichst glatt 
und farbenannehmend, den Stift leicht farbenabgebend zu machen 
(Augsburger Glastafel, emaillirte Eisenblechtafel, einzelne Celluloid- 
tafeln). 

Es ist hier nicht möglich, auf die verschiedenen Anforderungen 
an die Schreibmaterialien einzugehen; nur so viel sei noch erwähnt, 
dass fiir die Schreibhefte nicht das gewöhnliche Quartformat, sondern 
nur das Hochoctavformat empfohlen werden kann, bei welchem die 
Zeilen höchstens eine Länge von 12 cm haben. In der Liniatur ist 
möglichste Einfachheit, Deutlichkeit und Uebersichtlichkeit zu er- 
streben. Der Uebergang zum Schreiben auf einfachen Linien muss 
möglichst bald erfolgen. Linienblätter sind nicht zu gestatten. Schreib- 
hefte mit Richtungslinien und gegitterte Rechenhefte sind als den 
Augen schädlich zu verbieten. 

Zeichnen. Für den Zeichenunterricht gelten ähnliche Vor- 
schriften wie für das Schreiben. Es ist eine allgemeine Behauptung, 
dass sich die Haltung der Jugend beim Schreiben noch einiger- 
massen durch Ermahnung corrigiren und selbst bei mangelhaft 
construirten Subsellien wenigstens für Minuten die normale Schreib- 
stellung festhalten lasse, dass dies aber beim Zeichnen gar nicht zu 
ermöglichen sei. Augenscheinlich fesselt das Zeichnen das Literesse 
der Schuljugend mehr als das Schreiben, so dass in dem Maasse, 
als die Kinder mit dem Gegenstände beschäftigt, des eigenen Körpers 
vergessen und denselben den mechanischen Gesetzen überlassen. 
Gerade hier wird es aber klar, welche Bedeutung die normale Con- 
struction der Schulbank für die Jugend hat. — Die Schule sorge 
also in den Zeichensälen ganz besonders ftlr gut construirte Sub- 
sellien, ftlr genügende Länge und Breite der Tische, ftür Bequem- 
lichkeit zum Ausbreiten der Vorlagen, der Zeichenapparate, endlich, 
last not least, für gutes helles Licht Der Lehrer aber lasse es 
nicht an fortgesetzten Mahnungen fehlen und rufe die im Interesse 
des Gegenstandes sich selbst vergessenden Kinder wieder zur richtigen 
Körperhaltung zurück; insbesondere gestatte er die gerade unter 
solchen Verhältnissen so gern eingenommene Vorwärtsbeugung des 
Rumpfes mit Anlehnen an die innere Tischkante und Annäherung 
des Kopfes an das Object nicht, weil diese Position neben vielen 
anderen Nachtheilen die beste Gelegenheit bietet. Kurzsichtigkeit zu 
erzeugen. 



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Einführung neuer Unterrichtsfächer. 153 

Daher ist das Zeichnen für die jüngsten Altersstufen eine be- 
sonders gefährliche Beschäftigung, und sie wird es noch mehr, wenn 
Methoden wie die v. Stuhlmann^sche (Liniennetz, Punktnetz und 
Stickmusterzeichenmethode) durch feinste Punkte und sich kreuzende 
Linien die Annäherung der Augen an das Papier geradezu heraus- 
fordert. Die Methode ist unbedingt zu verwerfen, und Cohn hat 
dies auch auf der Danziger Naturforscherversammlung im Anschlüsse 
an die Mehrzahl deutscher Augenärzte ausgesprochen. Der Verein 
deutscher Zeichenlehrer hat sich an 22 Augenärzte gewandt, um 
deren Urtheil über die hygienische Seite dieser Zeichenmethode zu 
erfahren; 20 dieser Aerzte erklären dieselbe für schädlich, überhaupt 
das Zeichnen in so frühem Alter für nachtheilig ^). 

In den Volks- und höheren Schulen darf nicht bei Abend- 
beleuchtung gezeichnet werden; auch darf das Zeichnen nicht Gegen- 
stand häuslichen Fleisses sein, wenigstens nicht in den unteren Stufen 
des Schulunterrichts; die höheren Klassen der Realschulen werden 
sich allerdings kaum streng an diese Vorschrift halten können, weil 
der Zeichenunterricht für die technischen Fächer von zu hervor- 
ragender Bedeutung ist. Nur schärfe man dann den Schülern den 
Werth der normalen Körperhaltung für die Gesundheit sowohl, wie 
auch besonders für den Ausfall der Zeichnungen selbst ein; vielleicht 
wird gerade der Hinweis darauf, dass correctes Zeichnen sowohl, 
wie correctes Schreiben nur bei normaler Sitzhaltung möglich sei, 
die Schüler zu veranlassen vermögen, den gegebenen Lehren auch 
zu Hause, wo sie nicht unter des Lehrers Aufsicht sind, Folge zu 
leisten. Li den Fortbildungs- und Fachschulen wird sich allerdings 
der Zeichenunterricht nicht immer bei künstlicher Beleuchtung ver- 
meiden lassen. Es sind aber schon Einrichtungen geschaffen, die 
für das Zeichnen gutes künstliches Licht gewähren, worüber bereits 
Bd. I, p. 294 und 309 ff. berichtet worden ist: 



L Emfährang nener Unterrichtsfächer in die Schnle. 

Die Einführung neuer Unterrichtsfächer in die Schule beschäftigt 
die Hygiene nur insoweit, als sie die Frage zu erledigen hat, in- 
wieweit die neuen Fächer eine neue und weitere Belastung der 



') Urtheile von Augenärzten über das Liniennetz-, Punktnetz- und Stick- 
musterzeichnen nach Stuhlmann's Methode. Zeitschr. d. Ver. deutscher Zeichen- 
lehrer. 1880. Nr. 15. 



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154 Einfahmiig neuer Unterrichtsnu^her. 

Jugend bedingen. Die rein pädagogische Seite des Gegenstandes 
hat sie weiterhin insofern mit in die Erwägung zu ziehen^ als die- 
selbe Belehrung und Aufschluss zum Zweck der Ton der Hygiene 
zu beantwortenden Frage schafft. 

Vier Fächer sind es besonders, welche hier überhaupt in Be- 
tracht kommen: 

1. die Einführung des Unterrichts in der Gesundheitslehre, 

2. die Einführung des Haushaltungsunterrichts, 

3. die Einführung des Arbeitsunterrichts, 

4. die Einführung der Volkswirthschaftslehre. 

Ganz allgemein kann die Antwort dahin gegeben werden, dass 
die Einräumung neuer Mehrstunden des Unterrichts von der Hygiene 
nicht gewährt werden kann. Die Fächer können also nur innerhalb 
der festgestellten Maxima der Unterrichtsstunden überhaupt in die 
Schule eingeführt werden. Dies festgehalten, wird zugegeben werden 
müssen, dass, wenn die genannten Fächer in der That dazu angethan 
sind, die gleichmässige Entwickelung von Körper und Geist der 
Jugend zu fördern, der Hygiene ihre Einführung sogar wünschens- 
werth erscheinen kann. 

Der Unterricht in der Gesundheitspflege und Diä- 
tetik kann segensreich werden, wenn er nicht in überaus tfaörichter 
Weise wieder zum reinen Memorirstoff gemacht wird, sondern wenn 
er in stetem Anschlüsse an das Augenscheinliche und Vorhandene, 
frei von nutzlosen und für Kinder unfassbaren anatomischen Schilde- 
rungen und Beschreibungen geboten wird. Reinlichkeitslehre, Lehre 
von der Körperpflege, Belehrung über Vortheilhaffces und Schädliches 
mit klarer Begründung des Behaupteten wird segensreich wirken 
für die ganze Lebenszeit, schon um deswillen, weil es dem thörichten 
Aberglauben und Geheimmittelschwindel den Boden entzieht und die 
gedeihliche Erziehung von Glied zu Glied anbahnt. Das Haupt- 
gewicht wird bei diesem Unterricht natürlich auf die gesundheitlichen 
Belehrungen zu legen sein, während aus Anatomie und Physiologie 
nur dasjenige zu bieten ist, was zum Verständniss der hygienischen 
Lehren durchaus nothwendig ist. Wenn es in Rücksicht auf die 
Wichtigkeit dieses Faches auch erwünscht wäre, dasselbe zu einem 
selbständigen Lehrgegenstande mit besonderen Stunden zu erheben, 
so wird man sich doch gegenwärtig damit begnügen, die hygienischen 
Lehren im Anschluss an die übrigen Lehrgegenstände der Schule, 
namentlich den naturwissenschaftlichen Unterricht, ferner auch im 
Anschluss an die Einrichtungen der Schule und an die Schulordnung 



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EmfQhmng neaer Unterrichtsföcher. 155 

zu geben. Wie weit dies ausführbar ist, haben Ja nke ^), Schwalbe*), 
Breslich^) u. A. eingehend dargethan. In den preussischen Schulen 
ist durch die behördlich angeordneten Lehrpläne vom 15. October 1872 
(für Volks- und Mittelschulen), vom 31. Mai 1894 (für höhere Töchter- 
schulen), und vom 6. Januar 1892 (für höhere Knabenlehranstalten) 
die Unterweisung über den Bau und das Leben des menschlichen 
Körpers in Verbindung mit Belehrungen über Gesundheitspflege ein 
Theil des naturwissenschaftlichen Unterrichts geboten. So kann den 
Kindern ein gut Theil hygienischen Wissens gegeben werden, ohne 
dass auch nur eine Stunde Mehrbelastung nothwendig wäre. 

Der Unterricht in der Haushaltungskunde soll die 
Mädchen vertraut machen mit den Kenntnissen und Thätigkeiten, 
die; bei der Führung des eigenen Haushaltes und zur Mithilfe in 
fremder Familie nothwendig sind. Er berücksichtigt die Ernährung 
(Nahrungsmittel, ihre Bestandtheile und zweckmässigste Bereitung 
und Zusammenstellung), die Reinigung, die Kleidung, die Woh- 
nung u. A., dient also ähnlichen Zwecken wie der Unterricht in der 
Oesundheitslehre. Die praktischen Versuche mit dem Betriebe des 
Haushaltungsunterrichts, die in verschiedenen Städten, z. B. Gassei, 
Berlin, Chemnitz u. s. w., ausgeführt sind, haben durchweg günstige 
Resultate gezeitigt, so dass eine grössere Verbreitung dieses Unter- 
richts zu erhoffen steht. Allerdings sind die Meinungen noch sehr 
getheilt, ob schon die in den letzten Schuljahren stehenden Schü- 
lerinnen oder erst die bereits aus der Schule entlassenen Mädchen 
an diesem Unterricht theilnehmen sollen. Die Erörterungen über 
die Theorie dieses Gegenstandes finden sich am ausführlichsten in 
den zahlreichen Schriften von Kamp; die praktische Seite, nament- 
lich der zu behandelnde Stoff, ist in dem Werke: ^Der Haushal- 
tungsunterricht, von Springer**) geboten. Cultusminister Dr. Bosse 
erkennt in einem Erlasse vom 10. Februar 1895 den Werth dieses 
Unterrichts för die Mädchen der niederen Volksschichten voll an 
und erblickt in den Bestrebungen auf diesem Gebiete ein wirksames 
Mittel zur Befestigung eines geordneten Familienlebens in den Ar- 
beiterkreisen. Er hält aber im Interesse der Ziele, welche die Volks- 

*) Janke, üeber den Unterricht in der Gesundheitslebre. Hamburg 1895. 

*) Schwalbe^ Ueber die Gesund beitslebre als Unterricbtsgegenstand. 
Zeitschr. f. Scbulgesundh. 1888. 

Derselbe, Schulhygienische Fragen und Mittheilungen (Programm des 
Dorothenstädtischen Realgymnasiums zu Berlin). 1898. 

') Breslich, Die Hygiene als Theil des naturwissenschaftlichen Unter- 
richts. Berlin 1892. 

*) 2 Teile. Gera 1898. 



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156 EinfQhnmg neuer UnterrichtBf&cher. 

schule erstrebt, daran fest, dass die Arbeit derselben durch Ver- 
anstaltungen, die auf die pra^ische Ausbildung der Jugend gerichtet 
sind, keinerlei Einschränkung erfahrt und insbesondere die vor- 
geschriebene Unterrichtszeit zu Gunsten dieser Bestrebungen nicht 
yerkürzt wird. 

Der Arbeitsunterricht kann unter geeigneter Leitung ein 
vortreffliches Correlat des geistigen Unterrichts werden, und die so 
wünschenswerthö Vermeidung unnützen Memorirstoffes kann vielleicht 
auf keine Weise besser herbeigeführt werden, als indem mit der in 
dem Arbeitsunterricht gewährten intensiven, von der einfachen Per- 
ception zur Production übergehenden Geistesrichtung das Kind dazu 
geleitet wird, gleichsam mit dem Verstände dasjenige zu leisten, 
was sonst dem Gedächtniss aufgebürdet wurde. Der naturwissen- 
schaftliche Unterricht erhält Leben in dem Augenblicke, wo das 
Kind Gartencultur treiben muss ; mathematische Figuren und Formeln 
fangen an lebendig zu werden, wenn das Kind mathematisch regel- 
mässige Figuren durch Pappe, Draht- oder Thonarbeiten herstellen 
muss. So kann, wie schon diese zwei Beispiele zeigen, die an- 
scheinende Aufbürdung neuen Materials durch die Beschaffenheit des 
letzteren eine erhebliche Erleichterung herbeiführen. Methodische 
Leitung des Arbeitsunterrichtes, wie sie von Gomenius an bis auf 
Fröbel, Georgens, Biedermann, v. Schenckendorff, 
Clauson v. Eaass u. A. gelehrt worden ist, frei von der leider 
oft unberechtigt herausgekehrten materiellen Seite des Gegenstandes, 
hätte wohl vermögen können, Hand in Hand mit dem gymnastischen 
Unterricht und mit Jugendspielen im Freien die schweren Anklagen 
der geistigen Ueberbürdung von der Schule zu nehmen; ja man 
kann es vielleicht auszusprechen wagen, dass die Schule der Zukunft 
an dieser Stelle die so hochnöthige Reform des gesammten Unter- 
richtes anknüpfen und die körperliche Arbeit in den Mittelpunkt der 
gesammten Thätigkeit der Schule für Erziehung und Unterricht 
stellen wird, so dass von diesem Gentrum alle theoretische Beleh- 
rung ausgehe, alles theoretische Wissen gewissermassen «erarbeitef^ 
werde. 

Was zunächst die Handarbeit für Knaben (Handfertigkeit, 
Slöjd) anbelangt, so ist das, was gegenwärtig unter dieser Bezeich- 
nung betrieben, nur der Anfang dessen, was zur Erreichung jenes 
hohen Zieles nothwendig ist. Hauptsächlich werden in Deutschland 
Hobelbankarbeit, Eerbschnitzerei und Papparbeit gepflegt. Es ist 
nicht möglich, hier auf die hygienischen Forderungen an die Enaben- 



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Einführung neuer ünterrichtsßUsher. 157 

haDdarbeit im Allgemeinen und an die einzelnen Arbeitsgebiete im 
Besonderen einzugehen; Ausführliches findet sich in dem Buche von 
Janke: Die Hygiene der Knabenhandarbeit ^). Nach demselben sind 
die allgemeinen Forderungen der Hygiene an diesen Gegenstand 
folgende: Die Arbeitsräume müssen in Bezug auf Grösse, Reinlich- 
keit, Lüftung, Beleuchtung, Ausstattung u. s. w. den Anforderungen 
der Hygiene in vollkommener Weise entsprechen. Es sind solche 
Arbeitsgebiete und Uebungen auszuwählen, welche sich im Stehen 
ausführen lassen, und welche möglichst mannigfache Stellungen des 
Körpers und ein öfteres Verändern des Ortes gestatten. Es ist Alles 
zu vermeiden, was eine Beeinträchtigung der Blutcirculation und der 
Athmung zur Folge haben könnte; dagegen sind solche Arbeiten 
besonders zu pflegen, durch welche diese Functionen unseres Körpers 
eine Förderung erfahren. Die Auswahl der Arbeiten ist femer so 
zu treffen, dass eine allseitige Muskelbildung erzielt wird, dass die 
Muskelgruppen der rechten und linken Körperhälfte möglichst gleich- 
massig geübt werden und dass Gehirn und Auge besonders geschont 
werden. Die Arbeiten an der Hobelbank können in hygienischer 
Beziehung als die vollkommensten von allen Arbeiten der Hand- 
fertigkeit bezeichnet werden; ebenso gut sind die leichteren Holz- 
arbeiten für das Alter bis zu 10 Jahren. Die Papparbeiten stehen 
in dieser Beziehung den vorgenannten Arbeiten nach ; denn es fehlen 
ihnen solche Thätigkeiten, welche eine kräftige Bewegung des ganzen 
Körpers und damit ein tüchtiges Ausarbeiten sowie eine Beförderung 
der Blutcirculation und der Athmung erfordern. Kerbschnitzerei kann 
durch die Kleinheit der Muster und durch die schlechte Körper- 
haltung, welche dabei eingenommen wird, schädlich werden. 

Für die Arbeit an der Hobelbank hat Axel Mikkelsen in 
Kopenhagen eiup Reihe von Tafeln *) herausgegeben, auf denen uns 
die normalen und die falschen Körperhaltungen bei der Arbeit mit 
den verschiedensten Werkzeugen veranschaulicht werden. Ebenso 
hat er in einer besonderen Arbeit^) dies Gebiet einer Erörterung 
unterzogen. 

Der Handarbeitsunterricht für Mädchen, der in Preussen durch 
Ministerialerlass vom 15. October 1872 obligatorisch wurde, kann, 
da er die Schäden der Naharbeit mit denen der Sitzarbeit vereinigt, 
in hygienischer Beziehung recht nachtheilig wirken. Die Annähe- 



») Hamburg 1893. 

*) A. Mikkelsen, Kopenhagen V. Wornedamsvej 13B. 

') Derselbe, Stellungen bei der Arbeit. Kopenhagen 1894. 

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158 EinfQhniDg neuer Unterrichtsfächer. 

rung des Objectes an das Auge ist abhängig von der Beleuchtung 
sowie von den Grössenverh'altnissen und der Farbe der anzuferti- 
genden Arbeit. Dass die weiblichen Handarbeiten nur bei guter 
Beleuchtung ausgeführt werden dürfen und dass das Tageslicht in 
dieser Beziehung das yoUkommenste Licht gewährt, sind selbst- 
verständliche Forderungen. Handarbeitsstunden müssen auf die hellsten 
Tageszeiten gelegt werden; namentlich im Winter sollten die Hand- 
arbeiten nur in den letzten Vormittagsstunden oder in den ersten 
Nachmittagsstunden betrieben werden. Weiter ist zu fordern, dass 
die Handarbeiten in ihren Einzelheiten (Stichen, Maschen) gross 
genug sind, damit bei ihrer Herstellung ein nicht zu angestrengtes 
Sehen erforderlich ist. Alle Arbeiten müssen mindestens auf 30 cm 
Entfernung deutlich gesehen werden können. Neben der Grösse der 
Einzelheiten kommt auch noch die Farbe des Arbeitsmaterials bei 
der Annäherung der Augen in Betracht,^ da z. B. Schwarz auf 
Schwarz wegen des mangelnden Farbencontrastes zu angestrengtem 
Sehen nöthigt. um das Auge zu entlasten, ist es erwünscht, wenn 
die Schülerinnen nach etwa 10 Minuten anhaltender Thätigkeit kürzere 
Zeit pausiren. Eine weitere Forderung der Hygiene bei den weib- 
lichen Handarbeiten ist die richtige Körperhaltung, gegen die oft 
genug dadurch Verstössen wird, dass der Kopf stark nach der Seite 
geneigt, der Rumpf seitlich verkrümmt und nach vorn gebeugt wird, 
der Oberkörper in sich zusammensinkt und der Kopf sich nach vom 
senkt. Damit durch ein üebermaass der Naharbeit und der Sitz- 
arbeit nicht Gesundheitsstörungen hervorgerufen werden, ist bezüglich 
des Stundenplanes zu beachten, dass nicht zwei Handarbeitsstunden 
hinter einander liegen und dass nicht eine Handarbeitsstunde auf 
eine Schreib-, Zeichen- oder Lesestunde folgt. 

Volks wirthschaftli che Belehrungen werden, in geeigneter 
Form und Beschränkung geboten, wie dies naturgemäss ist, nicht 
als selbständiger Lehrgegenstand in den Volksschulen auftreten, 
sondern gelegentlich in anderen ünterrichtsrächern geboten werden, 
so dass damit diesen Gegenständen ein neues belebendes Element 
zugeführt wird ; es sind daher nur gleichsam die Thatsachen, welche 
den Eandern in den anderen Fächern übermittelt werden, unter einem 
anderen Gesichtspunkte zusammenzufassen und zu erörtern. So werden 
die volkswirthschaftlichen Belehrungen geeignet sein, den Unterricht 
in verschiedener Hinsicht zu vertiefen und interessanter zu gestalten, 
ohne das^' dadurch eine Mehrbelastung der Kinder mit Schulstunden 
nothwendig wird. 



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H&usliche Arbeiten. 159 

In dem dargelegten Sinne kann also von hygienischen Gesichts- 
punkten aus die Einführung der genannten neuen Gegenstände und 
Belehrungen befürwortet werden; aber wohl verstanden, dieselben 
dürfen unter keinen umständen, abgesehen von den weiblichen Hand- 
arbeiten, als integrirende neue Lehrfächer mit obligater Hausarbeit 
und mit Censur und Examen geführt werden und auch nicht eine 
Belastung der Schüler mit mehr Unterrichtsstunden erfordern. Sie 
sollen nur dazu dienen, den bisher gebotenen Lehrstoffen ein neues, 
frisches, belebendes Element zuzuführen. — Will sich die Schule 
mit dieser Auffassung nicht befreunden, so ist es besser, die Neu- 
einführung zu unterlassen, bis die unerbittlich sich aufdrängende 
Reform des gesammten Unterrichts sich dieselben als wirksames 
Bildungs- und Förderungsmittel aneignen wird. 



K Häüsliclie Arbeiten. 

Alle Bemühungen der Schulgesundheitspflege um eine zweck- 
mässige Eintheilung und um Beschränkung der Unterrichtszeit in 
der Schule können durchkreuzt werden, wenn nicht eine gesundheits- 
gemässe Ausnutzung der sog. freien Zeit der schulpflichtigen Jugend 
statt hat. Hier wogt der Kampf zwischen Lehrer und Eltern, zwischen 
Schule und Haus auf und ab, und von beiden Seiten fallen Vor- 
würfe, zum Theil berechtigten, zum Theil unberechtigten Inhalts. 
Die Lehrer haben fortdauernd die durch Eitelkeit der Eltern weit 
über die Grenzen des Erlaubten hinaus gehende geistige Anspannung 
der Kinder zu rögen; die Eltern beklagen sich darüber, dass von 
der Schule gegebene häusliche Arbeiten die Kinder zu sehr in An- 
spruch nehmen. Die Hygiene hat nun die Aufgabe, beiden Factoren 
das Maass ihres Rechtes zuzumessen, um die körperliche und geistige 
Entwickelung der Kinderwelt in richtiger Weise zu ermöglichen. 

Der Schwerpunkt des Lernens muss ein für alle Mal in die 
Schule verlegt werden. Dieser Grundsatz, theoretisch jetzt wohl 
allerseits anerkannt, muss mit aller Energie zur praktischen Durch- 
führung kommen; indess ist derselbe nicht so zu verstehen, als ob 
die Schule durch ihre Lehrstunden, vielleicht unter Hinzunahme 
einer von ihr beaufsichtigten gemeinsamen Arbeitszeit, die ünter- 
richtsaufgabe ausschliesslich selbst zu erfüllen habe, ohne an die 
häusliche Beschäftigung der Schüler irgend einen Anspruch zu stellen. 
Vielmehr ist, wie dies auch in dem Gutachten der wissenschaftlichen 



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160 Häusliche Arbeiten. 

Deputation für das Medicinalwesen vom 19. December 1883 an- 
erkannt wird, die häusliche Arbeit der Schüler als ein nothwendiges 
und wesentliches Glied in dem Organismus der Schulen anzusehen. 
Es ist nämlich für die Charakterbildung durchaus erforderlich, dass 
der Schüler auch ausserhalb der Schule seiner Verpflichtung gegen 
dieselbe sich bewusst bleibe; für die vollständige Aneignung des 
durch die Lehrstunden gebotenen Lernstoffes bildet in den unteren 
Klassen die Beschäftigung ausserhalb der Lectionen die sichernde 
Ergänzung, während dieselbe in den mittleren und oberen Klassen 
den Anfang selbständigen Arbeitens herbeizuführen hat, zu welchem 
Befähigung und Neigung geschaffen zu haben, die wichtigste Mit- 
gift der Schule für das Leben ist (Ministerialerlass vom 10. Nov. 1884). 
Wenn der Schwerpunkt des Lernens in der Schule liegen soll, 
so will das sagen, dass hier die meiste und wichtigste Arbeit für 
die Uebermittelung des Wissens und Könnens geleistet werden muss, 
und dass für die häusliche Thätigkeit nur eine Vertiefung, Wieder- 
holung und Anwendung des aufgenommenen Wissens übrig bleibt. 
Ausser der Beschränkung der oft übergrossen Pensen auf ein nor- 
males Maass kommt hierbei aber auch die Befähigung der Lehr- 
kräfte in Betracht. Es ist erstaunlich, wie verschieden die Leistungen 
der einzelnen Pädagogen sind, wie mangelhaft die von dem Einen, 
wie ausgezeichnet die von dem Anderen errungenen Erfolge. Den 
besten Maassstab giebt unzweifelhaft die Lust der Kinder an dem 
betreffenden Unterricht und die Freude an den Unterrichtsstunden. 
Das Lernen in der Schule, das Erfassen der behandelten Materie 
während des Unterrichts macht der Mehrzahl der Kinder unendliches 
Vergnügen — diese Erfahrung gilt sowohl für die niedersten wie 
für die höchsten Stufen — ; dagegen verursachen Verlust von Zeit 
und das Bewusstsein müssig und unfruchtbar auf der Schulbank 
verbrachter Stunden Missvergnügen. Dasselbe wird gesteigert, wenn 
durch eigene häusUche Thätigkeit in mühsamer Weise und in Un- 
beholfenheit dasjenige errungen werden soll, was in der Schule ver- 
geblich versucht wurde. Bedrückend und überbürdend wirken, so sagt 
der Ministerialerlass vom 10. November 1884, die Aufgaben für häus- 
liche Beschäftigung nicht ausschliesslich, wohl nicht einmal haupt- 
sächlich durch die Zeitdauer, welche sie in Anspruch nehmen. Bei 
einer Arbeit, welche mit Interesse an der Sache begonnen, mit dem 
Bewusstsein der eigenen Kraft und mit steigender Sicherheit aus- 
geführt wird, macht die Zeitdauer sich wenig bemerklich, vielleicht 
weniger, als die Rücksicht auf die körperliche Entwicklung und die 



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Häusliche Arbeiten. 161 

geistige Erholung unbedingt erfordert; wird dagegen eine Arbeit 
mit Gleichgültigkeit unternommen, im vergeblichen Ringen mit im- 
besiegbaren Hindernissen und mit dem Gefühle des Misslingens fort- 
gesetzt, so wird selbst eine massige Zeitdauer zu einer drückenden, 
abspannenden Last. Der entschiedenste Schutz liegt daher zunächst 
darin, dass durch den Unterricht das Interesse an der Sache geweckt 
und die häusliche Arbeit vorbereitet sei. — Mit diesem ganz all- 
gemein skizzirten Yerhältniss ist die Frage der häuslichen Arbeiten, 
soweit sich dieselben auf die Schule beziehen, entschieden, und es 
bedarf nur noch der einfachen Nutzanwendung. 

Direktor Ostendorf ^) hebt hervor, dass der Hauptzweck der 
häuslichen Arbeiten darin liegt, die Schüler zum selbständigen Ar- 
beiten vorzubereiten, d. h. also zum eigenen Nachdenken über den 
betreffenden Gegenstand insbesondere und zum Selbstden^n im All- 
gemeinen anzuleiten. Darin liegt der Maassstab dafür, welche Gegen- 
stände überhaupt zu häuslichen Arbeiten sich eignen, wann und wo 
die häuslichen Arbeiten überhaupt beginnen dürfen. Die Schüler 
der untersten Stufen sollen eigentlich so unterrichtet werden, dass 
sie das Gebotene nahezu vollständig in der Schule erfassen; daher 
können sich die häuslichen Arbeiten auf ein Minimum beschränken. 
Auch ist wohl zu überlegen, dass auf den untersten Stufen das 
DenkvemsLögen noch so mangelhaft entwickelt ist, dass Erspriess- 
liches von der Selbstthätigkeit kaum zu erwarten ist; daher muss 
es als pädagogisch unrichtig bezeichnet werden, Kindern dieser Stufe 
häusliche Arbeiten aufzugeben, welche in letzter Linie von den 
älteren Geschwistern oder den Eltern angefertigt werden. Oft sieht 
man über Stunden ausgedehnte Versuche der Kinder, das ihnen Un- 
mögliche zu leisten, sehr zum Schaden für ihre Gesundheit, da die 
Kinder, missmutig über die Schwierigkeit ihrer Arbeit, die Essens- 
lust verlieren und durch Ueberreizung des Gehirns selbst im Schlafe 
gestört werden. Erwäge daher der Lehrer am Schlüsse der Unter- 
richtsstunde, ob das von ihm Dargebotene in der That von der Mehr- 
zahl der Schüler verstanden sei, und stelle er dementsprechend seine 
Aufgaben für die häusliche Arbeit. — Dieser Gegenstand ist so viel- 
fach abgehandelt worden, dass es fast verdriesst, das so oft Gesagte 
auch hier noch zu wiederholen; indess muss doch immer wieder 
darauf hingewiesen werden, da Verstösse gegen die klaren und ein- 
fachen Forderungen durchaus nicht zu den Seltenheiten gehören. 



') Centralblatt f. d. preass. ünterrichteverwaltung. 1874. p. 141. 
Baginsky, Schulhygiene, n. 3. Aufl. H 



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162 Häusliche Arbeiten. 

sehr zum Schaden der davon betroflfenen Kinder. — Unterrichts- 
gegenstände, welche eine technische Yervollkommnung erheischen, 
wie das Schönschreiben und das primitive Zeichnen, sollten niemab 
zum Gegenstand häuslichen Fleisses gemacht werden, schon deshalb 
nicht, weil bei der mangelhaften Beaufsichtigung des Schreibsitzens 
im Hause alle die Schäden wachgerufen werden, deren Quelle im 
Schreibsitzen zu suchen ist. Schreiben soll das Kind bei der häus- 
lichen Arbeit überhaupt erst dann, wenn es nicht gedankenlos nach- 
malt, sondern beim Schreiben auch^ etwas zu denken hat, oder wenn 
es durch Reinschriften zu Ordnimg und Sauberkeit angeleitet wer- 
den soll. — Aus diesen Erwägungen ist für die häusliche Arbeit 
der untersten Schulstufen, etwa bis zum Ende des 8. Lebensjahres^ 
eine Ghrenze gegeben, welche nur eine ausserordentlich geringe Inan- 
spruchnahme der freien Zeit erfordert. Mit etwa einer halben Stunde 
wird man für diese Altersstufe ausreichen, und das ist bei einer täg- 
lichen Schulzeit von 3 Stunden also der 6. Theil. 

Je weiter im Unterricht diejenigen Unterrichtsfächer in den 
Vordergrund treten, welche das Denkvermögen entwickeln, je grösser 
alsdann, wie dies eben nicht anders angeht, auch die Summe dessen 
wird, was nicht in der Schule bewältigt werden kann, desto mehr 
wird die Zahl der Gegenstände anwachsen, welche eine Berücksich- 
tigung in der häuslichen Arbeit erheischen. Man wird in vorsich- 
tiger Steigerung vom 6. Theil allmählich anfangend und hinauf- 
gehend, fQr die Altersstufen bis zum 14. Lebensjahr etwa ein 
Drittel, und erst in den höheren Schulklassen als Maximum die 
Hälfte der gesammten Schulzeit für die häusliche Arbeit in Beschlag 
nehmen, also in der Secunda und Prima des Gymnasiums bei 5 bis 
6 täglichen Unterrichtsstunden 2^2 — 3 Stunden. 

Mit diesen Ausführungen stimmen auch die Anschauungen der 
wissenschaftlichen Deputation für das Medicinalwesen (Gutachten 
vom 19. December 1883) überein, welche die auf die häusliche Be- 
schäftigung seitens der Schüler höherer Lehranstalten zu verwen- 
dende Zeit zusammengefasst und, abgesehen von den Vorschulklassen, 
für die unterste Stufe der höheren Schulen 6 Stunden, für die ober- 
sten 8 Stunden als das Maximum der Zeitdauer bezeichnet hat, bis 
zu welcher die Schüler durch Lektionen und durch häusliche Be- 
schäftigung zusammen in Anspruch genommen werden dürfen. Auch 
die von den meisten ProvinzialschulkoUegien empfohlene Bestim- 
mung, dass unter vollständiger Freilassung der Sonn- und Feiertage 
die häusliche Beschäftigung der Schüler auf der untersten Stufe 



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Häusliche Arbeiten. 163 

sich auf durchschnittlich 1 Stunde täglich zu beschränken und auf 
der obersten durchschnittlich 3 Stunden täglich nicht zu überschreiten 
habe, ist als gleichartig der in anderer Form gegebenen Erklärung 
der wissenschaftlichen Deputation anzusehen. Der preussische Mini- 
sterialerlass vom 10. NoTember 1884 meint daher, dass nicht bloss 
der allmählichen Zunahme der geistigen Kraft und Arbeitsfähigkeit 
der Schüler, sondern auch den in den Lehrplänen der Schulen ent- 
haltenen Forderungen Rechnung getragen werde, wenn für das 
Steigen der zulässigen Zeitdauer der täglichen häuslichen Arbeit 
folgende Stufenfolge angenommen wird. Klasse VI: 1 Stunde, 
V: IV«; IV, nib: 2; Hla, Hb: 2V«; Ua, I: 3 Stunden. Auf 
dem gleichen Standpunkte steht der preussische Ministerialerlass 
vom 6. Januar 1892, der die Gesichtspunkte für die Bemessung 
der Hausarbeit bei den eingeführten neuen Lehrplänen für höhere 
Schulen angiebt. Von diesen Gesichtspunkten seien namentlich fol- 
dende der Beachtung empfohlen: Ein Theil der bisherigen schrift- 
lichen Hausarbeit kann bei richtiger methodischer Behandlung des 
Unterrichts in die Schule verlegt werden. Die nicht schriftliche 
Hausarbeit, soweit sie die Aneignung des unentbehrlichen Gedächt- 
nissstoffes und die Befestigung des Gelernten betrifft, vereinfacht 
sich in demselben Maasse, wie der gedächtnissmässige Lehrstoff 
auf allen Gebieten sich mindert. Eine solche Minderung ist ins- 
besondere ins Auge zu fassen für das Auswendiglernen in der Reli- 
gion, dem Deutschen, in den Fremdsprachen, der Geschichte, der 
Erdkunde, der Naturbeschreibimg und der Chemie. — Ein wirk- 
sames Mittel zur Verminderung der Hausarbeit ist die methodische 
innere Verknüpfung verwandter Lehrfächer unter einander und die 
entsprechende Gruppirung des Lehrstoffes. Dies ist aber nur zu er- 
reichen, wenn wenigstens auf den unteren und den mittleren Stufen 
die sprachlich - geschichtlichen Fächer einerseits und die mathe- 
matisch-naturwissenschaftlichen andererseits in jeder Klasse thun- 
lichst in eine Hand gelegt werden. Vor Beginn des Schulsemesters 
werden die LehrercoUegien jedesmal einen Arbeitsplan für die be- 
treffenden Blassen bezüglich der Vertheilung der Hausarbeit zu 
entwerfen haben. Bei dieser wird darauf Bedacht zu nehmen sein, 
dass, normale mittlere Leistungsfähigkeit der Schüler vorausgesetzt, 
eine üeberbürdung nicht stattfindet und an jedem Tage ausreichend 
Zeit zur Erholung bleibt. Durch Umfrage in den Klassen und in 
den Eltemkreisen ist von Zeit zu Zeit festzustellen, ob dieses Maass 
eingehalten wird. 



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164 Häusliche Arbeiten. 

Für die höheren Töchterschulen Preussens ist durch die »All- 
gemeinen Vorschriften* vom 31. Mai 1894 festgesetzt, dass die 
häusliche Arbeit in der Unterstufe 1, in der Mittelstufe 1 V^ und in 
der Oberstufe 2 Stunden höchstens betragen darf. Dies ist auch 
die höchst zulässige Dauer für die häusliche Arbeit in den Volks- 
schulen. 

Ohne auf Einzelheiten hier einzugehen, welche zu directer Be- 
antwortung pädagogischer Fragen führen würden, soll nur ganz all- 
gemein der Grundsatz aufgestellt werden, dass die häuslichen Auf- 
gaben sich in engster Weise dem Unterricht anschliessen müssen, 
also nicht über den von ihm eröffiieten Gesichtskreis des Schülers 
hinausgehen dürfen. Zu häuslichen Arbeiten dürfen daher nur solche 
Aufgaben gestellt werden, die in der Schule so weit vorbereitet sind, 
dass sie von Schülern selbständig gelöst werden können. So muss, 
wie der Ministerialerlass vom 10. November 1884 zeigt, beispiels- 
weise im sprachlichen Unterricht die Einprägung der Formen und 
des Wortschatzes einer zu erlernenden fremden Sprache im Wesent- 
lichen durch die Lehrstunden selbst herbeigeführt werden, so dass 
der häuslichen Beschäftigung nur der Abschluss der sicheren An- 
eignung zuzufallen hat; zur Präparation auf die fremdsprachliche 
Leetüre ist, wo sie zuerst auftritt, bestimmte Anleitung zu geben; 
die häuslichen Aufgaben zu schriftlicher üebersetzung in eine fremde 
Sprache müssen durch die mündlichen üebungen in den Lectionen 
vollständig vorbereitet sein ; ebenso ist auf dem mathematischen Ge- 
biete zu verlangen, dass die zu häuslicher Bearbeitung gestellten 
Aufgaben, durch die Lehrstunden vollständig vorbereitet, in keiner 
Weise das durch den Unterricht entwickelte Können der Kinder 
überschreiten ; denn gerade die mathematischen Aufgaben erfordern, 
wenn sie nicht in der Gontinuität des Unterrichts fussen, und die 
Lösung von Problemen erheischen auf einem Wege, für welchen 
neue, andere Gesichtspunkte gelten als die, welche dem Schüler bis- 
her klar gemacht wurden, die aufreibendsten Geistesarbeiten und An- 
strengungen. Dieselben sind um so gefahrlicher, als sie den Schüler 
nicht allein weit über die vorgesteckte Zeit aufhalten, sondern auch 
bei der eigenen Unmöglichkeit der Lösung seitens des bis auf eine 
gewisse Stufe erst vorgebildeten Schülers ein Gefühl des Missbe- 
hagens hervorrufen, welches schliesslich das Vertrauen zur eigenen 
Kraft imd Veranlagung untergräbt und so geistig wie körperlich 
dauernden Schaden stiftet Die gleiche Mahnung gilt auch für die 
Aufsätze, welche an imd für sich als Erreger der eigenen Denk- 



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Häusliche Arbeiten. 165 

kraft des Schülers das beste und Torzüglichste Bildungsmittel sind, 
die aber, wenn sie in der Schule nicht ausreichend vorbereitet sind 
und daher ein zu grosses Maass eigener Arbeit von dem Schüler fordern, 
nicht nur in gesundheitsnachtheiliger Weise wirken können, sondern 
auch das Vertrauen auf das eigene Können und die Liebe zur Ar- 
beit ertödten. Dies Alles wolle itian doch wobl beachten, damit die 
Schule nicht direct ein Versehen begehe, welches mit Recht scharfen 
Tadel seitens der geängstigten Eltern erhält. 

Auch der Privatfleiss der Schüler bedarf einer gewissen Con- 
trole, welche wenigstens in einer Reihe Ton Fällen von den Lehrern 
geübt werden kann. Versuche aus eigener Initiative des Schülers, 
wie dies in den oberen Erlassen der höheren Schule häufig vor- 
kommt, sind entweder gänzlich zu unterdrücken, wenn sie über das 
Maass der natürlichen Geistesanlage und Entwickelung der ent- 
sprechenden Altersstufe hinausgehen, oder es ist mit Vorsicht und 
freundlicher Unterstützung der überströmende Eifer in die richtigen 
Bahnen zu lenken. 

Es erübrigt noch, auszusprechen, dass die einzelnen Lehrer nicht 
immer den Ton auf den gerade von ihnen gelehrten Gegenstand 
legen, sondern den Blick auf den allgemeinen und gesammten Ent- 
wickelungs- und ünterrichtsgang behalten mögen; dies wird am 
besten verhindern, dass durch den einzelnen Gegenstand zu viel von 
der häuslichen Zeit des Schülers in Anspruch genommen wird. 
Eifersüchteleien der Lehrer auf Kosten der Gesundheit und der 
normalen Bildung der Schüler sind gar nicht energisch genug zu 
tadeln, und wo solche vorkommen, ist es Sache des Schulleiters, mit 
aller Enei^e und eventuell mit Rücksichtslosigkeit einziischreiten. 

Es leuchtet ein, dass wir vom hygienischen Standpunkte Prä- 
parationen der Schüler vom Vormittag auf den Nachmittagsunter- 
richt verurteilen müssen, weil nichts leichter ist, die ohnedies nicht 
selten in Hast genommene Mittagsmahlzeit zu einer schwerverdau- 
Uchen und so gesundheitsnachtheiligen zu gestalten. Auch die freien 
Kachmittage sind nicht mit häuslichen Arbeiten zu überbürden, 
ebenso wenig wie die der Ruhe und Erholung zu gönnenden Sonn- 
tage, von welchen an und für sich schon in der Regel ein Theil 
zur Anfertigung der im Zusammenhange am besten auszuarbeitenden 
Aufsätze seitens der Schüler höherer Schulanstalten benutzt wird. 

Ausser den häuslichen Arbeiten für die Schule kommen noch 
diejenigen in Betracht, welche durch den Willen der Eltern den 
Kindern auferlegt werden. Gewiss wird hier von den Eltern viel- 



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166 H&UBliohe Arbdien. 

fach und mehr gesündigt als Yon der Schule. Was soll das Kind 
nicht alles wissen und können, und wie wenig fruchtbringend ist 
doch der übermässige Unterricht, wie deletär für die gesanunte 
spätere Entwickelung und selbst für das spätere Fortkommen im 
Leben! Man kann es geradezu heraussagen, dass viele Torzüglidi 
veranlagte und gelehrte Menschen im Leben nicht zu einem gün- 
stigen Ziele kommen, weil sie mehr gelernt haben, als sie in ihrem 
spedellen Berufskreise verwerten können, und weil die Gesammtheit 
der Erziehung, die Gestaltung des Charakters, die Anlemung von 
Sitte und Manieren bei dem Arbeitsfleisse rückständig geblieben sind; 
nicht zu reden von dem unwiederbringlichen Verlust, welchen der 
Körper durch unzweckmässige und nutzlose allzufrühe geistige An- 
strengung erlitten hat. Der Verlust ist also ein doppelter und darum 
desto gefahrlicher; das ganze Leben bleibt ohne Befriedigung für 
Denjenigen, welcher sich später der genannten Mängel bewusst wird 
und darunter leidet. Gewiss ist es nicht leicht, das richtige Maass 
zu halten in denjenigen Dingen, welche man den Kindern noch 
ausserhalb des Schulunterrichts für das Leben mitgeben möchte, und 
es bedarf der Erfahrung und der reiflichen üeberlegung, um nicht 
zu irren. — Hierzu seien hier einzelne praktische Fingerzeige gegeben. 
Das Wichtigste und Erste ist, die Individualität eines Kindes 
zu erforschen, schrittweise beobachtend zu verfolgen, wohin das 
Interesse sich wendet. Man wird bald erkennen, dass manches Kind 
eine besondere Vorliebe für die Gegenstände in der Natur, für 
Pflanzen und Thiere, ein anderes für die Musik, ein drittes für 
Zeichnen und Malen, für Modelliren, ein weiteres für mathematische 
Construction oder für Zahlenrechnen zeigt. Hier, wo die Neigung 
sich hinwendet, beginne man mit der Einführung eines Unterrichts- 
gegenständes, welchen in gleichem Maasse die Schule nicht bietet, 
weil ihre Ziele bestimmte und abgegrenzte sind und weil sie der 
Individualität nicht ausreichend Rechnung tragen kann. Man führe 
das Kind in die Natur imd leite es vorsichtig vorwärts gehend zur 
Naturbeobachtung an, zur Betrachtung von Pflanzen und Thieren, 
von Naturereignissen und Erscheinungen, wie sie Jahreszeit und 
Zufall bringen ; man gebe einem andern Kinde die Möglichkeit, sein 
musikalisches Talent zu entwickeln, vorsichtig von Stufe zu Stufe 
gehend, langsam, wie die eigene Lust des Kindes weiter führt, und 
so auch in allen übrigen Gegenständen. Es passt eben nicht eins 
für alle, und in letzter Linie beherrscht die angeborene Anlage des 
Kindes der Eltern Neigung und Bestreben in zwingender Weise. 



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H&oaliche Arbeiten. 167 

Ein zweiter wichtiger Factor ist es, die Kinder nur in solchen 
Fächern unterrichten zu lassen, welche fQr das spätere Alter er- 
fahrungsgemäss nutzbringend sind, dann aber schlecht oder gar nicht 
mehr erlernt werden können. Man lasse aber alle Dinge zurück, 
welche später leicht nachgeholt werden können. Zur ersteren Ghiippe 
gehört die Musik, zur letzteren sind die fremden lebenden Sprachen 
zu rechnen. Aber selbst wenn ein Kind überhaupt Neigung zur 
Musik hat, beginne man nicht zu früh mit dem Privatunterricht und 
natürlich immer wieder mit weiser Schonung der Kräfte und mit 
Benutzung der eigenen Fingerzeige des Kindes, wie viel es ohne 
fremden Zwang selbst zu leisten beabsichtigt. Es scheint, dass bei 
jüngeren Kindern das Selbstüben ausserhalb der eigentlichen Unter- 
richtsstunden im Anfange sogar schädlich ist, weil anerlemte Fehler 
schwer corrigirbar sind; man kann also in den ersten Jahren des 
Unterrichts das Lernen auf die eigentlichen Unterrichtsstunden be- 
schränken und wird so dem Kinde Zeit und Mühe sparen und den 
Zweck des Unterrichts fördern. — Die Erlernung der fremden 
lebenden Sprachen ist für Erwachsene und leidlich begabte Menschen 
nicht schwer. Daher ist es ganz imnütz, Kinder mit dem Unter- 
richt in fremden Sprachen, mit dem Parlirenlernen zu quälen; es 
wird später erfahrungsgemäss in einem Jahre mehr geschafft als in 
mehrjährigem Unterricht im kindlichen Alter. — Es würde zu weit 
führen, in die Einzelheiten der Unterrichtsgegenstände weiter ein- 
zugehen; ganz allgemein kann man sagen, dass alle diejenigen 
Fächer, welche manuelle Geschicklichkeit, technische Fertigkeit er- 
heischen, dem frühzeitigen, alle anderen, welche Kopfarbeit ver- 
langen, dem späteren Unterricht zu überlassen sind. Bei Berück- 
sichtigung dieses Verhältnisses werden die Eltern in die Lage kommen, 
ihre Kinder, unbeschadet der Gesundheit und der körperlichen Ent- 
wickelung, noch mancherlei Nützliches und für das Leben Wichtiges 
zu lehren; sie werden indess auf der anderen Seite den Kreis des- 
selben nicht allzuweit zu dehnen nöthig haben, da es eben vieles 
giebt, was „Hans'* f actisch besser lernt als „ Häuschen **. — Noch 
auf- das Eine sei hierbei aufmerksam gemacht, dass die Eltern bei 
den Beschäftigungen ihrer Kinder mit technischen Fächern doch 
wohl auf die Körperhaltung, das normale Sitzen, kurz auf alle die- 
jenigen Momente achten, welche oben erwähnt wurden; nur wenn 
dies auch im elterlichen Hause geschieht, wird man sicher sein 
können, dass die Kinder keine körperlichen Schäden durch die Arbeit 
davontragen. Diese Mahnung ist so überaus wichtig, weil der Vor- 



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168 Haualidie Arbeiten. 

wurf zutrifft, welcher von den Lehrern dem elterlichen Hause ge- 
macht wird, dass nämlich hier durch Unkenntniss und Unachtsamkeit 
alles wieder verdorben wird, was in der Schule durch hygienische 
Einrichtungen imd Ermahnungen gebessert wird. Kommt es doch 
nicht selten vor, dass man Ejnder in der Abenddämmerung an den 
Fensterbrettern in unbeschreiblich fehlerhaften Haltungen, mit vor- 
gebeugtem Kopf und Oberkörper, mit nfwjh rechts und links ver- 
schobenem Rumpfe und hochgehobenen Schultern sitzen oder schreiben 
oder zeichnen sieht. Chinz abgesehen davon, dass solche Stellungen 
gefahrliche Folgen haben, behindern sie den Zweck der Arbeit, da 
es ganz unmöglich ist, dass hierbei Schrift oder Zeichnung normal 
ausfalle und den Intentionen der Lehrer und Eltern entspreche. 

Ein Drittes endlich, welches ich als wichtig und bei dem häus- 
lichen Unterricht beherzigenswerth betrachten möchte, ist die von 
den Eltern geübte Controle und zweckmässige Leitung der Lectttre 
des Kindes. Dieselbe muss früh anfangen, und von den ersten 
Bilderbüchern an bis hinauf zu inhaltsschweren Werken, vom ersten 
Märchenbuche bis zu den Meisterwerken unserer Literatur muss das 
Bestreben kenntlich sein, eine gewisse Einheit der Bildung zu 
schaffen. Jugendschriften, welche nichts Belehrendes für Herz und 
Geist der Kinder bringen, müssen eliminirt werden, und es ist ohne 
Zweifel, dass sich unter den Schriften, welche wir noch jetzt in den 
Händen unserer Kinder sehen, eine grosse Menge ungeeigneter 
Sachen befindet. Durch zweckmässige Anleitung kann die Leetüre 
zu einem überaus wichtigen Unterrichtsmittel in den Händen der 
Eltern werden, und es kann den Kindern manche Stunde angenehmer 
gestaltet werden, als sie es sonst wohl ist; auf diesem Wege ist 
man im Stande, älteren wie jüngeren Kindern spielend Kenntnisse 
zu übermitteln, welche denselben im späteren Berufe zu gute kommen; 
so wird, und darauf kommt es uns hier ja vorzugsweise an, ohne 
erhebliche, wenigstens ohne merkliche Arbeit Wissen geschaffen, 
zu dessen Aneignung sonst wohl mehr Zeit und Anstrengung er- 
fordert würde. — Dass übrigens die Beaufsichtigung dessen, was 
die Kinder lesen, noch andere und zwar pädagogische Yortheile hat, 
dass man dadurch Kinder fernhalten kann von Irrwegen und phan- 
tastischen Seitensprüngen, während die Vernachlässigung dieser 
Aufsicht schwere Schädigung von Herz und Gemüth der Kinder 
nach sich ziehen kann, lehren hinlänglich oft gemachte Erfahrungen. 



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Oeffentliche PrOfoiigen. Examina. 169 

Oeffentliche Prttftangen. Examina. 

Nach der hygienischen Seite beachtenswerth in dem gesammten 
Schulwesen sind die Prüflingen, sowohl die sog. öffentlichen Prüfungen, 
wie die vom Staate vorgeschriebenen Examina. Wenige Länder 
haben so viele dieser Einrichtungen im Ausbildungsgange ihrer 
Jugend wie Preussen und die meisten übrigen Staaten Deutschlands. 

Sowohl in den Volksschulen als auch in den höheren Lehr- 
anstalten werden in der Regel jährlich sog. öffentliche Prüfungen 
abgehalten, die in Wirklichkeit aber nichts anderes sind als öffent- 
liche Schaustellungen, und die nur zeigen, ob der Lehrer den vor- 
zufahrenden Stoff gut vorbereitet hat und ob er ein geschickter 
Fragesteller ist. Diese Prüfungen sollen den Eltern einen Einblick 
in die Schularbeit gewähren. Jedermann weiss aber, dass der Ein- 
blick, der hier gewonnen wird, zumeist ein falscher ist, da in diesen 
Prüfungen die Schwierigkeiten nicht erkannt werden, welche in den 
eigentlichen Unterrichtsstunden zu überwinden sind. Mit solchen 
Schaustellungen ist eine erhebliche Störung des regelmässigen Unter- 
richts gegeben, und überdiess trägt die ohne Zweifel auch von den 
Schülern gemachte Wahrnehmung, dass den Zuhörern nicht selten 
Sand in die Augen gestreut wird, nicht dazu bei, dass die Lehrer in 
der Achtung ihrer Schüler höher steigen. Wenn man weiter bedenkt^ 
dass sich die Schüler vor und während der Prüfungen in einer ge- 
wissen Aufregung befinden, welche sich zu bedenklichen Graden 
steigern kann, wenn die Schüler eine Antwort verfehlen und nim, 
wie sie meinen, von den Zuhörern als unfähig angesehen werden, 
80 wird man sich wohl nicht der Einsicht verschliessen , dass die 
öffentlichen Prüfungen nicht nur überflüssig, sondern schädlich sind. 
Erfreulicherweise hat man in Preussen während der letzten Jahre 
die ersten Schritte zur Beseitigung dieser Einrichtungen gethan. 

Der Uebergang von einer Klasse in die nächsthöhere wird so- 
wohl in den niederen als auch in den höheren Schulen von dem 
Bestehen einer Prüfung, der sog. Versetzungsprüfung abhängig 
gemacht. Das Kind soll zeigen, dass es den Lehrstoff seiner Klasse 
vollständig beherrscht. Es ist klar, dass bei einer solchen Zweck- 
bestimmung der Prüfung das Hauptgewicht mehr auf das Präsent- 
sein des durchgearbeiteten Stoffes als auf die wirkliche Ausbildung 
des kindlichen Geistes gelegt wird, und zwar um so mehr, als* ja die 
erreichte geistige Stufe sich viel schwieriger durch eine immerhin 
nur kurze Prüfung ermitteln lässt als die Beherrschung des ein- 



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170 OeffenÜiche Prüfungen. Examina. 

geprägten Stoffes. Diese Gestaltung der Yersetzungsprüfungen kann 
dem nicht gewissenhaften Lehrer Anlass werden, seinen ganzen 
Unterricht auf die Prüfung zuzuschneiden, und so ist es möglich, 
dass diese Schüler eine bessere Prüfung machen als die Schüler 
eines anderen Lehrers, der in Treue und Gewissenhaftigkeit mit der 
Einprägung des vorgeschriebenen Stoffes auch die gründliche Ver- 
arbeitung desselben und die geistige Schulung der Kinder vereint. 
Bei den Verhältnissen, wie sie jetzt liegen, steht den Schülern immer 
die Versetzungsprüfung am Schlüsse des Schuljahres als Gespenst 
vor Augen ; all ihr Arbeiten ist auf das Bestehen derselben gerichtet, 
und je näher der Termin rückt, um so grösser wird das Arbeits- 
pensum, der gegenwärtig zu haltende Stoff. Diese Beunruhigung 
führt zu Nervenerregungen, die bei körperlich schwächlichen Kindern 
schädlich wirken und die Gesundheit ernstlich benachtheiligen können. 
Bei richtiger Handhabung des Unterrichts wird der Lehrer unzweifel- 
haft in der Lage sein, die Leistungen der Schüler insoweit zu be- 
urtheilen, dass von einer eigentlichen Versetzungsprüfung Abstand 
genommen werden kann; wie denn ja wohl in den meisten Fällen 
auch jetzt schon die Ergebnisse der Versetzungsprüfungen nur bei 
denjenigen Schülern ausschlaggebend sind, über deren Leistungen 
die Lehrer nicht zu völliger Klarheit zu kommen vermochten. Es 
wird die Aufgabe des Unterrichts sein, die Zahl solcher zweifelhafter 
Candidaten auf ein Mindestmaass zurückzufiihren und zum Mindesten 
die Versetzungsprüfung nur auf diese wenigen Zweifelhaften zu be- 
schränken. Aber auch bei diesen wird mit möglichster Schonung 
vorzugehen, und so rasch als möglich den Kindern eine gewisse 
Entscheidung bekannt zu geben sein, um dieselben von dem auf- 
regenden Schweben zwischen Furcht und Hoffnung zu befreien. 

Im Jahre 1892 wurden mit der Einführung der neuen Lehr- 
pläne für die höheren Schulen Preussens die Lehrpläne der Gynmasien, 
Realgymnasien etc. derart gestaltet, dass mit dem 6. Jahrgange jeder 
höheren Schule der erste Abschluss der Vorbildung erreicht werde. 
Dies geschah hauptsächlich deshalb, um dem gegen diese Anstalten 
erhobenen Vorwurfe zu begegnen, dass sie dem grössten Theile der 
sie besuchenden Schüler keine abgeschlossene Bildung gewähren, 
da nur ein geringer Procentsatz ihrer Zöglinge die Schule voll- 
ständig absolvire. Dass dieser Vorwurf berechtigt war, ergiebt die 
in den „Erläuterungen und Ausführungsbestimmungen*' zu den neuen 
Lehrplänen mitgetheilte Statistik der in dem Schuljahre 1889/90 
abgegangenen Schüler aller höheren Lehranstalten Preussens. Nach 



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Oefientliche Prüfungen. Examina. 171 

derselben traten bei einer Oesanuntfrequenz yon 135357 ins Leben 
über 20038 und zwar 

mit dem Zeugniss der Reife 4105, 

mit dem Zeugniss für den einjährigen Dienst . 8051, 
ohne Erreichung dieses Zieles 7882, 

d. h. dass an allen höheren Schulen nur 20,5 ^/o das Ziel der be- 
treffenden Anstalten erreichten, 40,2 ^/o sich mit dem Zeugniss fllr 
den einjährigen Dienst begnügten, 39,3 ^/o selbst ohne dieses die 
Schule yerliessen. Aus der Untersecimda allein schieden mit dem 
Zeugniss für den einjährigen Dienst aus 4997 = 25 ^/o aller ab- 
gegangenen Schüler, von denen nur 368 als Zöglinge der höheren 
Bürgerschulen eine abgeschlossene Bildung erreicht hatten. Andere 
Jahrgänge weisen ähnliche Procentziffem des Abganges auf. Trotz 
dieser laut redenden Zahlen waren doch aUe höheren Schulen mit 
Ausnahme der Bürgerschulen so organisirt, dass lediglich das Bil- 
dungsbedürfiiiss jener 20,5 ^/o von Schülern für die Gestaltung des 
Lehrplanes maassgebend war. Diesen üebelstand wollte die unter- 
richtsverwaltung durch die neuen Lehrpläne von 1892 beseitigen. 
Zwar mussten die 39,3 ®/o, welche die höheren Schulen vor Erlangung 
des Zeugnisses für den einjährigen Dienst von Sexta bis ünter- 
secunda verlassen, als nicht auf solche Anstalten gehörig, ausser Be- 
tracht gelassen werden ; dagegen sollte für die 40,2 ^/o oder minde- 
stens die 25 ^/o, welche unmittelbar nach Vollendung der üntersecunda 
ins Leben treten, ein erster Abschluss in der Bildung herbeigeführt 
werden, welcher organisatorisch in der Scheidung zwischen Unterstufe 
und Oberstufe zum Ausdruck konmit. 

Wenn auch diese Organisation durchaus Anerkennung verdient, 
so war es doch unzweckmässig, dass mit diesem ersten Abschluss 
der Vorbildung eine neue, sog. Abschlussprüfung verbunden 
wurde. Diese sollte dafür sorgen, dass die Schüler einen zusanunen- 
fassenden Ueberblick über das von ihnen gewonnene Schulwissen 
und einen äusseren Abschluss für ihre Schullaufbahn erhielten. 
Daneben war, abgesehen von der auch nach den älteren Bestim- 
mungen zum Theil bereits verwirklichten und unzweifelhaft ohne 
formeUe Prüfung zu erreichenden Absicht, das Abiturientenexamen 
von der Ueberfülle des von den Prüflingen gegenwärtig zu haltenden 
Memorirstoffes zu entlasten, der durch die früheren Zustände wohl 
gerechtfertigte Wunsch maassgebend, dem Ersitzen des Einjährigen- 
zeugnisses durch Schüler der neunstufigen Anstalten ein Ende zu 



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172 Oeffentliche Prüfongen. Ezamina. 

machen und die Zöglinge der letzteren, was die Erwerbung jenes 
Scheines betrifft, nicht günstiger als diejenigen der Progymnasien, 
Realgymnasien und Realschulen hinzustellen. Es haben sich aber 
mit dieser Prüfung so viele üebelstande eingestellt, dass nach den 
von 15 Berliner Gymnasialdirectoren erstatteten Jahresberichten die- 
selbe schon 1896 übereinstimmend als eine entbehrliche und für den 
SchulorganismuB wie für das Schulleben in mehr als einer Rich- 
tung schädliche Einrichtung bezeichnet wurde, deren Aufhebung 
zu erstreben sei. Nicht nur dass der Lehrplan der neunstufigen 
höheren Lehranstalten unter der Rücksicht auf diesen Abschluss 
schwer gelitten hat, indem in der Untersecunda Lehrstoffe durch 
üeberhastung einen relativen Abschluss finden, die sonst gründlicher 
durchgearbeitet wurden, wie sich dies für alle wichtigen gymnasialen 
Fächer, für die fremden Sprachen, das Deutsche, die Mathematik 
und die Geschichte gezeigt, dass also hierdurch die ruhig fort- 
schreitende Geistesentwickelung der dem Endziele zustrebenden Mehr- 
zahl der Zöglinge störend unterbrochen wird, liegt vielmehr der 
bedeutendste Nachtheil darin, dass viele Schüler auf dieser Stufe des 
Gymnasiums trotz ausreichender Beherrschung des Wissens doch 
nicht die erforderlichen Charaktereigenschaften besitzen, um allen 
Fährlichkeiten, die auch dem Besten im Verlaufe einer Prüfung zii- 
stossen können, die Spitze zu bieten. Für die Schüler dieses Alters 
ist die Abschlussprüfung schon lange ein Gespenst und ruft durch 
die Concentration , welche sie erfordert, in der kritischen Zeit der 
geistigen und besonders der körperlichen Entwicklung eine üeber- 
bietung der Kräfte hervor. Sie ist und bleibt für alle Schüler der 
untersecunda eine Staatsprüfung, an deren Bestehen für sie und für 
alle ihre Angehörigen sich hochwichtige Folgen knüpfen. Und dass 
ihr solcher Nimbus bleibt, dafür sorgt neben diesen inneren Gründen 
die ganze äussere Form der Prüfung, mit der eine gewisse, die 
Schüler einschüchternde Feierlichkeit nach einer vielfach verbreiteten 
Praxis leicht verbunden ist. Es ist daher nicht zu verwundem, dass 
in fast jeder dieser Prüfungen eine ganze Anzahl der Knaben schon 
in ihren schriftlichen Arbeiten sich wesentlich ungünstiger darstellt, 
als es die Beurtheilung ihrer Klassenleistungen von vornherein er- 
warten liess. Meist trifft dies gerade die strebsamen, gewissenhaften, 
in ihrem Betragen musterhaften, aber von Natur ängstlichen Schüler. 
Tritt irgend ein für sie ungünstiges Moment bei der Prüfung ein, 
so verlieren sie meist völlig den Kopf und erweisen sich bis zum 
Schlüsse der Prüfung unfähig, auf die einfachsten Fragen eine ver- 



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Oeffentliche Prafungen. Examina. 173 

nünfiige Antwort zu geben. Zwar wird vielfach bestätigt, dass seit 
Einführung der Abschlussprüfung Eifer und Fleiss bei den Unter- 
secundanem reger geworden sind; aber dieses von dem drohenden 
Examen gesteigerte Streben ist nichts Gesundes und wird für Knaben, 
die im Pubertätsalter stehen, also nach der Seite der körperlichen 
Entwickelung hin besonderer Berücksichtigung bedürfen, nicht selten 
verhängnissvoll. Zu leicht stellt sich dann nach erreichter Ver- 
setzung in die Obersecunda eine Erschlaffung und Abspannung ein, 
der selbst der Beiz des in dieser Elasse gebotenen Neuen und der 
Hinblick auf die Versetzung nach Prima und auf die Reifeprüfung 
kein ausreichendes Gegengewicht stellen kann. 

Griesbach^) will denn auch durch zahlreiche Untersuchungen 
nachgewiesen haben, dass die Abschlussprüfung die Gesundheit der 
Schüler benachtheilige , und vielfach wird betont, dass unter den 
Einjährigen die Zahl der zum Militär untauglichen in stetem Steigen 
begriffen ist. Auf der 70. Naturforscher- und Aerzteversammlung in 
Düsseldorf bestätigte Generalarzt Dr. Strick er -Münster, dass in 
letzter Zeit die Zahl der Hysteriker, Neurastheniker und an Nervo- 
sität überhaupt Leidender sich bei den Einjährig-Freiwilligen in er- 
schreckender Weise vermehre. Ich lege, wie schon mehrfach her- 
vorgehoben, auf derartige allgemeine, statistisch ganz ausserordentlich 
schwierig festzustellende und zu erweisende Behauptungen keinen 
Werth; indess liegt in der Natur der Dinge Etwas, was es wohl 
wahrscheinlich macht, dass mit der sog. Abschlussprüfung ein 
hygienisch schädlich wirkender Factor in das höhere Schulwesen 
eingeführt sei, der je eher desto besser wieder eliminirt werden 
möge. 

Zwar soll die Abschlussprüfung, wie dies der preussische 
Ministerialerlass vom 24. October 1893 von Neuem einschärft, im 
Wesentlichen nach denselben Grundsätzen gehandhabt werden wie 
eine gewöhnliche Versetzungsprüfung; aber Bedeutung und Form 
der Abschlussprüfung bringen es ohne Weiteres mit sich, dass der 
Schüler ihr mit grösserer Furcht entgegensieht als der gewöhnlichen 
Versetzungsprüfung. Wie von* den meisten Schulmännern bestätigt 
wird, bedürfte es der Einrichtung eines auf alle Schüler auszu- 
dehnenden Examens mit einem der Ordnung der Reifeprüfungen 
nachgebildeten Reglement überhaupt nicht; höchstens wäre auch hier 
wieder für diejenigen Schüler, bei denen hinsichtlich der Erfüllung 



*) Griesbach, Hygienische Schubreform. Hamburg 1899. p. 28. 

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174 Oeffentliche PrAfiingeD. Examina. 

der gesetzlichen Anforderungen auf Seiten der Klassenlehrer irgend 
welche Zweifel bestehen, eine in den hergebrachten Formen sich be- 
wegende Prüfung anzuordnen. 

In das Abiturientenexamen treten die jungen Leute 
frühestens 3 Jahre nach dem Bestehen der Abschlussprüfung. Ihr 
Körper ist nun widerstandsfähiger, ihr Wille gefestigt, so dass hier 
die durch angestrengtes Arbeiten und durch Aufregung herrorgerufe- 
nen Gefahren nicht in gleichem Orade bestehen wie bei Prüfungen 
in jugendlicherem Alter, und doch rufen die bedeutende geistige An- 
spannung und die psychische Aufregung gelegentlich wie mit einem 
Schlage den Zusammenbruch der geistigen und körperlichen Strafte 
der Schüler unmittelbar vor oder während oder nach der Prüfimg 
hervor. Da eine genaue Kenntniss der Prüflinge durch jahrelange 
Beobachtung und Beurtheilung in Zeugnissen vorliegt, so ist eine 
Einschränkung auch bei dem Abiturientenexamen möglich. Für den 
mündlichen Theil dieser Prüfung sind in Preussen auch bereits 
mannigfache Erleichterungen vorgesehen; so kann auf Ghrund der 
Klassenleistungen und der schrifblichen Prüfungsarbeiten das münd- 
liche Examen ganz oder theilweise erlassen werden. Qriesbach^) 
betont, und man kann ihm gewiss beistimmen, dass es durchaus 
wünschenswerth sei, dass den Schülern, um unnöthige Aufregung 
und Arbeit derselben bis zum letzten Augenblick zu vermeiden, der 
Beschluss der Dispensation sogleich nach der Feststellung der Prä- 
dicate für die schriftlichen Arbeiten mitgetheilt werde. Es liegt 
kein verständiger Orund vor, dieselbe erst am Tage des mündlichen 
Examens auszusprechen und kund zu geben. — Liegt auch, wie man 
nicht wird leugnen können, in der Maturitätsprüfung mit all den 
unvermeidlichen Aufregungsmomenten, die dieselbe bietet, etwas Er- 
zieherisches, das den Jüngling auf den weiteren Kampf im Leben 
wohl vorzubereiten und zur Reifung und Stählung des Charakters 
beizutragen vermag, so darf doch nicht übersehen werden, dass man 
es immerhin noch mit in vollster Entwicklung befindlichen jugend- 
lichen Organismen zu thim hat, die man nicht durch Anspannung der 
Kräfte über ein mittleres Maass hinaus schädigen darf. Ganz beson- 
ders sollte man nicht gar zu grossen Werth auf Memorirstoff legen, 
der, zum Examen bewältigt, schon wenige Wochen nach demselben 
in alle Winde verflogen ist, so dass absolut nichts davon zurück- 



^) Griesbach, Energetik und Hygiene des Nervensystems. München 
1895. p. 91. 



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Schulstrafen. 175 

geblieben ist. Einsicht und humanes Denken verständiger Examina- 
toren kann hier der Hygiene sehr viel zu Hilfe kommen und auch 
mit ihr Hand in Hand gehen. 

L. Sclmlstrapfen. 

9 Die Disciplin der öfiPenÜichen allgemeinen Unterrichts- oder 
Erziehungsanstalten muss sowohl in ihrer auf Verhütung des unsitt- 
lichen, als auch in ihrer auf Förderung des sittlichen Handelns 
gehenden Richtung durch die Gesinnung väterlicher Liebe und herz- 
Uchen Wohlmeinens mit jedem Zöglinge nach seiner Eigenthümlich- 
keit geleitet werden. Es darf keine Ehrenstrafe, welche durch ihre 
Beschaffenheit oder ihr Maass das Ehrgefühl abstumpfen könnte, 
verhängt werden, und körperliche Strafen müssen in den Fällen, 
wohin sie ihrer Natur nach gehören, ohne alle Barbarei, ohne Ver- 
letzung der Schamhaftigkeit und ohne der Gesundheit zu schaden^ 
ertheilt werden; unverbesserliche und solche Schüler, welche durch 
ihr Beispiel den übrigen schädlich, der Anstalt durch ihr Betragen 
nachtheiUg sind, müssen entfernt werden." So lautet wörtlich die 
Bestimmung über die Schulstrafen in einem Schulgesetzentwurf fEbr 
Preussen aus dem Jahre 1818; dieselbe enthält im Wesentlichen 
Alles, was Pädagogik und Hygiene bezüglich der Schuldisciplin als 
wichtige Forderungen aufzustellen im Stande sind. Nimmt man hin- 
zu, dass die Lehrer wegen üeberschreitung des Züchtigungsrechtes 
verantwortlich bleiben und auf dem Wege des Civilrechtes und 
Criminalrechtes haftpflichtig gemacht werden können, so ergiebt sich, 
dass die Eltern einigermassen sichere Garantien dafür haben, dass 
ihre Kinder durch Schulstrafen keiner ernsten Schädigung ausgesetzt 
werden können. Bei alledem ist im Einzelnen vieles Tadelnswerthe 
in Ausübung der Schuldisciplin vorgekommen, und heute noch, 
nachdem Kegierungsverordnungen in reichlichem Detailmaterial die 
in Rede stehende Angelegenheit behandelt haben, kommen immer 
noch einzelne Fälle vor, wo Lehrer, der Würde ihres Berufes ver- 
gessend, den Kindern mehr als erzürnte Rächer denn als Leiter 
gegenübertreten. Die Gesundheitspflege muss hier ein schwerwiegendes 
Wort mitsprechen, da die medicinische Literatur Fälle ernster Körper- 
verletzungen aufweist, wiewohl doch sicherlich die weitaus grösste 
Anzahl derselben verschwiegen und der Vergessenheit übergeben 
wird. Sogar Selbstmorde von Kindern werden erwähnt, welche in 
Folge von Strafen oder der Furcht vor Züchtigung verübt wurden* 



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176 Schulstrafen. 

Im Allgemeinen muss der Gnmdsatz ausgesprochen werden, dass 
körperliche Zücbtigungen aus der Schule überhaupt zu verbannen sind« 
Gewiss wird es schwierig sein, denselben zur Ausführung zu bringen ; 
zwingt doch selbst das Krankenbett eigensinniger und der Beleh- 
rung nicht zugänglicher Kinder zuweilen zu strengeren Maassregeln, 
und zuweilen kann selbst der ruhigste und mildeste Kinderarzt aus 
der Fassung gebracht und zornig gemacht werden; um wie viel 
mehr der Lehrer, welcher es nicht mit einem einzelnen, sondern 
mit einer Schaar, nicht mit kranken, sondern mit gesunden, oft vom 
Eltemhause auf das Unvernünftigste verzogenen, ja selbst böswillig 
instruirten Bandern zu thun hat. Da giebt es manche harte Geduld- 
probe; sie muss indess überstanden werden und wird es auch, wenn 
man die Erfahrungen vieler älterer Pädagogen zu Hilfe nimmt, welche 
fast ohne Ausnahme darauf hinführen, dass Lehrer und Schüler sich 
am besten befinden, dass insbesondere die Ergebnisse des Unterrichts 
und die sittliche Entwickelung der Kinder am vorzüglichsten sind, 
wo die Sanftmuth, die mit Würde und Ernst gepaarte Milde ge- 
herrscht hat. Dem Lehrer werden die traurigen Aufregungen, ohne 
welche es ja bei Züchtigungen doch nicht abgeht, und welche auf 
die Dauer das Nervensystem in erheblicher Weise alteriren und die 
Lust zur Berufsthätigkeit vernichten, erspart, und die Liebe dank- 
barer Kinderherzen lohnt in letzter Linie dennoch die streng geübte 
Selbstbeherrschung. Wenn wir nach diesen Voraussetzungen im 
Interesse der Gesundheit der Lehrer und der Kinder einige prak- 
tische Vorschläge machen, so sind wir der Ueberzeugung, dass wir 
damit erfahrenen Pädagogen nichts Neues sagen, dass sie selbst 
vielmehr aus eigener Anschauung und eigenen Erlebnissen Vieles 
hinzufügen könnten. 

In erster Linie möchten wir dazu rathen, dass der Lehrer mit 
dem Grundsatze, nicht körperlich zu züchtigen, von vornherein in 
seinen Beruf eintrete, dass er den Kindern diesen Ghomdsatz kund 
gebe und hervorhebe, dass er es als Beleidigung seiner Person be- 
trachten würde, wenn die Ungezogenheit eines der Eander so weit 
ginge, ihn zu zwingen, von diesem Grundsatze abzugehen. Ein 
strafendes Wort dieses Lehrers wird, wie die Erfahrung lehrt, mehr 
fruchten als Schläge eines anderen von jähzornigem Charakter; es 
imponirt der Jugend die mit Bewusstsein getragene Würde und 
Selbstbeherrschung und trägt gute Früchte. 

Glaubt indess ein Lehrer mit diesem pädagogischen Mittel nicht 
auszukommen und die körperliche Züchtigung nicht entbehren zu 



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Schulatrafen. 177 

können, so möge er den Grundsatz festhalten, niemals mit der Hand, 
niemals mit irgend einem anderen Instrument zu strafen als mit der 
eigens dazu bestimmten Ruthe oder dem Bohrstock. Diese zur Voll- 
ziehung der Strafe bestimmten Instrumente dürfen aber nicht bereit 
liegen, sondern müssen im Schulschrank yerschlossen sein, damit 
nicht die erste Aufwallung, der erste heftige Jähzorn dieselben dem 
Lehrer in die Hand spiele; bevor der Schlüssel zum Schrank vor- 
genommen, der Schrank geöffnet und der Stock herausgeholt ist, 
hat das Gemüth einige Zeit, seine Ruhe wieder zu eiTingen; der 
Zorn verraucht, und die Strafe wird mit Ueberlegung verabreicht; 
dadurch wird die Gefahr ernster Schädigung des kindlichen Körpers 
beseitigt, ohne dass die Empfindlichkeit und die Nachhaltigkeit der 
Züchtigung darunter leidet. Es dürfte sich ferner empfehlen, die 
körperliche Züchtigung nicht in der Stunde, also unmittelbar nach 
Begehung der zu bestrafenden That, sondern erst nach Beendigung 
der Stunde zu vollziehen. Nicht nur dass dadurch die mit der Aus- 
führung der Strafe verbundene Stönmg des Unterrichts vermieden 
wird, es wird diese Hinausschiebung der Strafe den Lehrer so aus- 
reichend beruhigen, dass er nun das Vergehen milder beurtheilt 
und die Strafe ruhiger abmisst. Die Anschauungen über die Art 
des Züchtigungsmittels und über den Ort, an welchem Schläge 
applicirt werden können, stehen sich vielfach gegenüber. Specielle 
Anweisungen hierüber giebt die Verfügung der Regierung zu Magde- 
burg vom 18. Januar 1880, wo es heisst: „Als Züchtigungsmittel 
ist in der Unterstufe nur der Gebrauch einer Birkenruthe gestattet, 
die aus dünnen Birkenzweigen zusammengebunden ist. Das zu 
züchtigende Kind darf nun die flachen Hände vorhalten, auf welche 
der Lehrer nur abwechselnd die Ruthenschläge zu richten hat. In 
der Mittel- und Oberstufe darf auch, wenn eine empfindliche Strafe 
auf Gesäss oder Rücken erforderlich scheint, ein biegsames, glattes 
Stöckchen angewandt werden, welches im Durchmesser nicht mehr 
als 1 cm stark sein darf. Verboten wird daher die Wahl eines 
jeden anderen Züchtigungsmittels, das Schlagen an den Kopf, das 
Reissen an den Ohren, das Ertheilen von Ohrfeigen und Aehnliches. 
Das Schlagen mit dem Lineal, mit einem imbiegsamen Stocke oder 
überhaupt mit einem harten Werkzeuge gehört zu den Misshand- 
lungen des Kindes, die sich der Lehrer in keiner Weise gestatten 
darf.** — Es ist ohne Zweifel, dass die körperliche Züchtigung nie 
den Kopf oder die Brust treffen darf; selbst Rücken und darunter 
liegende Theile müssen geschont werden, letztere besonders bei 

Baginsky, SchaUiygiene. n. 3. Aufl. 12 



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178 SchulstrafeD. 

Mädchen, wie Falk sehr richtig hervorhebt und mit HohPs ge- 
wichtiger Stimme bekräftigt. Guillaume verwahrt auch die Finger 
vor dem Einflüsse der Stockschläge, weil dieselben dadurch zum 
Schreiben unfähig werden, und so bleibt fast keine andere Stelle 
übrig als die flache Hand, welche allerdings geeignet ist, die Schläge 
in massiger Stärke und vorsichtig abgezähltem Maasse zu empfangen. 

Zu einem der beliebtesten Strafmittel gehört das Herausstellen 
der Kinder aus der Bank in die Ecke des Schulzimmers. Guil- 
laume bemerkt, dass dasselbe ebenso ungesund wie demüthigend 
sei, dass also Hygiene und Pädagogik alle Veranlassung haben, das- 
selbe zu meiden. Stehen ist eine anstrengende Thätigkeit, und die 
sehr bald eintretende Ermüdung der Muskeln zwingt zu allerhand 
fehlerhaften Stellungen; deshalb darf das Stehen niemals auf einen 
längeren Zeitraum als höchstens 10 Minuten ausgedehnt werden, 
vorausgesetzt, dass dasselbe überhaupt Billigung erhalten kann. Es 
braucht wohl kaum erwähnt zu werden, dass das Herausstellen auf 
den Korridor unter keinen umständen zu dulden sei, weder vom 
ärztlichen noch vom pädagogischen Standpunkte, da sich der Lehrer 
fQr etwaige Erkältungen der Kinder, für Ungezogenheiten des un- 
bewachten Kindes, endlich für den Verlust an Unterrichtsgenuss 
zugleich verantwortlich macht. Wenn das Herausstellen aus der 
Bank in die Ecke des Schulzimmers auch eine demüthigende Strafe 
ist, was schon daraus hervorgeht, dass noch lange Zeit nach statt- 
gehabter Strafvollstreckung die Kinder dem davon Betroffenen bei 
kleinen Anlässen die erhaltene Strafe vorwerfen, ein Beweis, dass 
der Eindruck tiefer haftet, als der Lehrer selbst für den Augenblick 
glauben möchte, so ist dies Strafmittel in der Voraussetzung, dass 
es nur für höchstens 10 Minuten in Anwendung gebracht wird, doch 
noch eher zulässig, als die körperliche Züchtigung. 

Von den disciplinaren Mitteln kommt weiter die sog. Strafarbeit 
in Betracht. Die Strafarbeit ist durch die strengen Vorschriften 
über die häuslichen Arbeiten auf das geringste Maass eingeschränkt. 
Wie sie früher das bequemste Strafmittel war, ist sie eine geraume 
Zeit hindurch auch das beliebteste gewesen und hat durch üeber- 
anstrengung, namentlich durch Inanspruchnahme langen Schreib- 
sitzens die Gesundheit der Schüler beeinträchtigt Wie manche kost- 
bare Stunde, welche der Belehrung und der Erholung im Freien 
hätte gewidmet sein können, wurde entzogen durch unsinnige Straf- 
arbeiten, welche mechanische und geisttödtende Abschriften erfor- 
derten ! Wie manche Zeit, sonst erfrischender Leetüre von Jugend- 



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Schulstrafen. 179 

Schriften gewidmet oder im Kreise der stets anregenden heiteren 
Jugendfreunde im Spiele verbracht, musste auf leidige Rechenexempel 
verwandt werden, welche schliesslich, weil die kindliche Ungeduld 
Fehler durchschlüpfen liess, weitaus mehr zum Schaden als zur Be- 
lehrung wurden. Hausarbeiten als „Strafe**, sagt ein Rescript des 
preussischen Cultusministers Falk vom 14. October 1875, sind nur 
in den Fällen aufzugeben, wo die Natur des zu bestrafenden Fehlers 
es veranlasst, aber nicht als das bequemste Straf mittel anzuwenden. 
Auf der Tagesordnung der im Jahre 1873 berufenen Commission, 
der schon mehrfach Erwähnung geschah, wurde von dem ärzt- 
lichen Mitgliede derselben, Dr. Löwe, betont, dass die durch die 
regelmässigen Unterrichtstunden sowohl, wie durch die regelmässigen 
häuslichen Arbeiten bis zur äussersten Grenze belasteten Schüler 
der sog. Strafarbeiten gänzlich enthoben werden müssten, und dass 
dieselben aus der Reihe der in der Schule anzuwendenden DiscipU- 
narmittel gestrichen werden müssten. — Wir können dieser Forde- 
rung nur Beifall zollen. 

So bleibt nur noch das Nachsitzen als Strafmittel übrig und 
ist, in zweckmässiger Weise angewendet, das unschuldigste und von 
Seiten der Hygiene am meisten zu billigende. Als Grundsätze, 
welche für die Strafvollstreckung wichtig sind, müssen folgende 
gelten: Die Kinder dürfen niemals über Mittag nachbleiben, damit 
sie ihrer Mittagsmahlzeit nicht verlustig gehen und nicht gezwungen 
sind, mit Heisshunger irgend welche unzweckmässige Nahrungs- 
mittel zu verzehren. Augenscheinlich können auch die bei hungrigem 
Magen gefertigten Arbeiten während der Nachsitzstunden nicht 
sonderlich gut ausfallen und erfüllen so nicht den Zweck, das Wissen 
der Kinder zu fördern. Die Kinder dürfen auch niemals unbeauf- 
sichtigt nachsitzen, ein Grundsatz, welcher übrigens jetzt wohl durch- 
weg angenommen ist und keiner weiteren Motivirung bedarf; damit 
wird die Schulstrafe der Kinder allerdings auch für den Lehrer zur 
Strafe ; für die Durchführung der Ueberwachung bleibt deshalb nur 
der ebenfaUs schon eingeführte Modus übrig, dass sämmtliche be- 
straften Schulkinder zu bestimmten Tagen und Stunden der Woche 
in einem und demselben Schulzimmer nachsitzen, weil sonst die dem 
einzelnen Lehrer zugemuthete Zahl der Unterrichtsstunden nutzlos 
gesteigert werden müsste. — Dass das Schulzimmer, in welchem 
nachgesessen wird, gehörig durchwärmt und erleuchtet sei, überhaupt 
allen denjenigen Anforderungen entsprechen müsse, welche an ge- 
sunde Schulzimmer gestellt werden, bedarf wohl kaum der Erwäb- 



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180 SchuktrafeiL 

nnng. — unter Anwendung dieser Cautelen darf das Nachsitzen 
wohl als Schulstrafe gehandhabt werden, doch ebenfalls mit Maass, 
weil es die Kinder der Erholungsstunden beraubt und sie länger, 
als ihnen zuträglich ist, an die Schulbank fesselt 

Noch auf eine Thatsache muss hier hingewiesen werden. Es 
giebt eine im kindlichen Alter zu Tage tretende geistige Störung, 
welche sich nicht sowohl durch Unfähigkeit in der Perception, als 
vielmehr durch widerspenstiges, jähzorniges Wesen, durch Zer- 
storungslust und Boshaftigkeit äussert. Derartige Kinder können 
den unerfahrenen Lehrer andauernd zu Strafen reizen und schliess- 
lich bei der Nutzlosigkeit derselben fast zur Verzweiflung bringen. 
Diese unglücklichen Kinder, welche später der als «Moral insanity* 
bezeichneten Geisteskrankheit unaufhaltsam zum Opfer fallen, wenn 
das üebel nicht frühzeitig erkannt wird, sind mehr beklagenswerth 
als straffällig, und es ist daher sehr wichtig, dass die Lehrer sich 
mit dem üebel vertraut machen, um vorkommenden Falles von jeder 
Strafe abzusehen und die Kinder rechtzeitig dem Arzte zuzuführen. 

Die Frage, wie weit sich die disciplinare Gewalt der Schule 
überhaupt zu erstrecken habe, ist noch keineswegs genügend abge- 
schlossen. Der Behauptung, dass die Schule nur diejenigen Vor- 
kommnisse zu beurtheilen und eventuell zu bestrafen habe, welche 
in den Schulräumen selbst geschehen sind, steht die andere gegen- 
über, dass sich die Gewalt der Schule bis ins elterliche Haus hinein 
erstrecken dürfe. Im Allgemeinen leuchtet ein, dass eine sorgfaltige 
Erziehung der Jugend überhaupt nur möglich ist, wenn das Be- 
tragen ausserhalb und innerhalb der Schule conform geleitet wird, 
dass also diejenigen Kinder sicher am besten daran sind^ deren 
Eltern im Sinne der auf dem Boden ernster Sittlichkeit ruhenden 
Schulerziehung im eigenen Hause die Erziehung fortsetzen und kein 
Abweichen von dem eingeschlagenen Wege dulden. Auf der än- 
deren Seite sind schroffe Gegensätze in den Anschauungen über die 
Erziehung zwischen Lehrern und Eltern für das zwischen sich be- 
kämpfende Elemente gestellte Kind, die beide zu achten ihm ge- 
boten wird, aufs höchste unerträglich. In das elterliche Haus 
hinein darf, ausgenommen natürlich die mit dem Schulbesuch ver- 
bundenen Verpflichtungen des Kindes, die Anschauung des Lehrers 
nicht gewaltthätig eindringen, und in letzter Linie muss das Wort 
der Eltern zu Recht bestehend sein; auch sind üebertretungen, 
welche im elterlichen Hause geschehen, so lange dem XJrtheil und 
der Strafe der Eltern unterworfen, als diese nicht selbst die Schul- 



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Schulferien. 181 

disciplin zu Hilfe rufen. Anders ist es bei Kindern , welche sich 
zum Zweck des Schulbesuches von den Eltern fem bei fremden 
Leuten, also in sog. Schülerpensionen, aufhalten; hier hat die 
Schule das Recht und in gewissem Sinne auch die Pflicht, die 
Wohnung, das Essen, die gesammte Lebensweise, die Zeiteinthei- 
lung u. s. w. zu überwachen, und es sind häufige Besuche solcher 
Kinder von Seiten der Lehrer gewiss angezeigt; die Schule vertritt 
hier theilweise das Elternhaus, der Lehrer -die Eltemgewalt, und 
die Eltern werden für eine derartige Beaufsichtigung in der Mehr- 
zahl der Fälle Dank wissen. Die Schule hat femer üebertretungen, 
welche in der Oeffentlichkeit begangen oder auch nur in dieselbe 
gedrungen sind, ihrer Controle zu unterziehen ; Vergehen gegen den 
Anstand, Verletzungen von Personen auf der Strasse durch rohes 
Benehmen , Besuch der öffentlichen Wirthshäuser ohne üeber- 
wachung u. s. w. werden von der Schule abgeurtheilt und bestraft 
werden müssen. — Die Schule wird durch alle diese Maassregeln 
nicht bloss Erziehungs-, sondern im wahren Sinne des Wortes 
hygienische Anstalt, da sie in letzter Linie Einflüsse beseitigt, welche 
Körper und Oeist der ihr anvertrauten Jugend schädigen können. 
Der Lehrer,- welcher die Wohnung der in Pensionen befindlichen 
Schüler besucht, kann für die Verbessenmg der Wohnung, besonders 
der Schlafräume, die Vermehmng der Reinlichkeit und manches 
andere hygienisch Wichtige durch seine Einwirkung thätig sein. 
Er kann gewisse Pensionen überhaupt verbieten und als unbrauch- 
bar und unwürdig ausschliessen. Die Schule endlich kann durch 
Verbot des Genusses von Spirituosen, durch Verbot des frühen Tabak- 
genusses, durch belehrende Motivirung dieser beiden und noch 
mancher anderer hier im Detail nicht aufzuführender Verbote sehr 
viel nutzen oder doch Schaden verhüten. Wir müssen aus diesen 
Gründen die disciplinare Gewalt der Schule auch über die eigent- 
lichen Schulräume hinaus, wenigstens bis an die Schwelle des elter- 
lichen Hauses billigen und als unentbehrlich betrachten. 



M. Schulferien. 

Die Schulferien bilden die Ruhepunkte in dem Dauerlaufe des 
Schulunterrichts; in der Absicht geschaffen, den angestrengten 
Lehrern und Schülern Erholung zu gönnen, sind sie im eminente- 
sten Sinne eine hygienische Einrichtung. Sie werden es noch mehr 



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182 Scbnlferien. 

dadurch, dass die Ferienzeit auch eine Restitutionszeit ist für die 
abgenutzten Klassenzimmer und Schulgeräthe , welche sich hygie- 
nische Verbesserungen nach mancher Richtung hin gern gefallen 
lassen können. In letzterer Beziehung haben wir zu wünschen, 
dass die geschwärzten Wände neu gestrichen, der Fussboden neu 
gefimisst, schlecht schliessende Fenster gedichtet, die Oefen ge- 
reinigt und ausgebessert werden, Centralanlagen für Heizung und 
Ventilation sorgßlltigst auf ihren Zustand geprüft und in den Stand 
gesetzt, vorhandene Mängel zweckmässig ausgebessert werden. Die 
nach den Ferien wiederkehrenden Schüler müssen sich erfreuen an 
dem Anblick eines zu ihrem Empfange gleichsam aufgeputzten, 
freundlichen Klassenzimmers. 

Die Ferienzeit ist in den verschiedenen Ländern auf verschieden 
lange Zeit ausgedehnt. Die Ferienordnung der preussischen Schulen 
schreibt 10 — 10^« Wochen als das gehörige Maass vor. Die Ge- 
sundheitspflege hat gegen die Festsetzung dieser Dauer nichts zu 
erinnern, weil sie genügende Erholungszeit sowohl Lehrern wie 
Schülern gönnt. Nur die Anordnung der Ferien, die Vertheilung 
derselben über das Schuljahr kann der Discussion unterworfen 
werden und ist auch vielfach Gegenstand derselben gewesen. Von 
der einen Seite wird die Zweckmässigkeit einer längeren Pause auf 
der Sommerhöhe betont, weil Schülern und Lehrern damit Gelegen- 
heit geboten wird, fem von der Schulstadt in der Sommerfrische 
die angestrengten und ermüdeten Organe, Körper und Geist, wieder 
völlig ausruhen zu lassen; auf der anderen Seite wird hervor- 
gehoben, dass die Ferien eine regelmässige, von Zeit zu Zeit wieder- 
kehrende Unterbrechung der Arbeit einleiten sollten, ähnlich der 
Sonntagsruhe, welche ja auch gerade durch die regelmässige Wieder- 
kehr nach den 6 Tagen der Arbeit so weitaus grössere hygienische 
Bedeutung hat, als die zerstreut und regellos einsetzenden Feiertage. 
In diesem Sinne wird also die regelmässige Vertheilung der Ferien- 
zeit auf das ganze Jahr verlangt und von länger dauernden Unter- 
brechungen des Unterrichts Abstand genommen. Beide Anschau- 
ungen haben etwas für sich. Bis jetzt ist die Ferienzeit im Grossen 
und Ganzen nach ersterem Gesichtspunkte vertheilt worden, und die 
Erfahrung treibt doch nicht eigentlich dazu, Veränderungen erheb- 
licher Art eintreten zu lassen, und zwar um so weniger, als die 
Sonntagsruhe für die Schule ja doch auch in Wirksamkeit ist und 
ausserdem mehrere Freinachmittage für Unterbrechung der AUtags- 
thätigkeit Sorge tragen; dazu ist in der That die Möglichkeit, für 



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Schulferien. * 183 

einen längeren Zeitraum Stadt und Landluft zu wechseln, die Mög- 
lichkeit einer Reise ins Gebirge oder an die See mit alP den wunder- 
baren und dauernden Eindrücken, welche die Grossartigkeit der 
Natur in dem Gemüthe des sonst angestrengten und der Erholung 
bedürfenden Alltagsarbeiters hinterlässt, von hervorragender Be- 
deutung. Zum mindesten würde also, imd zwar ganz besonders mit 
Rücksicht auf den Lehrer, eine grössere Unterbrechung des Unter- 
richts stattzufinden haben, womit übrigens die Vertheilung der noch 
übrigen Ferienzeit auf kleinere Zeiträume nicht ausgeschlossen, wenn 
auch nicht nothwendig ist. 

Die grossen Ferien müssen in die heisseste Jahreszeit fallen, 
weil der Unterricht in dieser Zeit an und für sich wenig erspriess- 
ich ist, und der längerdauernde Aufenthalt einer Schaar von Kin- 
dern in einem Klassenzimmer, dessen Temperatur oft 22^ C. über- 
steigt, zur Grausamkeit wird ; dabei ist es für die Hygiene allerdings 
gleichgültig, ob man die Ferien anfangs Juli oder anfangs August 
beginnen lässt. Allgemeine Bestimmungen lassen sich nach dieser 
Richtung überhaupt nicht aufstellen; vielmehr dürfte für die ein- 
zelne Stadt das langjährige Mittel aus den Temperaturbeobachtungen 
den besten Fingerzeig geben, wann die Ferien beginnen mögen. 
Aus den statistischen Erhebungen in Deutschland dürfte aber resul- 
tiren, dass die Monate Juli und August die geeignetsten für die 
grossen Ferien sind, dass indess, da beide gegenwärtig von den 
Ferien nicht absorbirt werden können, ohne die Resultate des 
Unterrichts in Frage zu stellen, ein gewisser Spielraum stets frei 
bleibt, welcher je nach localen Verhältnissen, nach Gewohnheiten 
und Neigungen der Gemeinden, namentlich auch mit Berücksich- 
tigung der Beruf sthätigkeit, welche die Eltern der Schuljugend 
treiben, ein etwas früheres oder späteres Eintreten der Schulferien 
gestattet. Für eine Stadt, welche viele richterliche Beamte beher- 
bergt, würde das Zusammenfallen der Schulferien mit den Gerichts- 
ferien wichtig sein, damit den Eandern die Möglichkeit geboten sei, 
unter Aufsicht der Eltern die Erholungszeit fern von dem Gewühl 
und dem Staub der Stadt zu gemessen. Städte, welche ackerbau- 
treibende Bevölkerung haben, werden nicht umhin können, das Ein- 
treten der Erntezeit für die Bestimmung des Termins der Schul- 
ferien zu berücksichtigen. — Im Uebrigen dürfte es hygienisch 
gleichgültig sein, ob man die Aenderung der gesammten Zeitein- 
theilung für die Schule acceptirt, welche Geheimrath Wiese ^) dem 

*) Centralblatt f. d. ges. ünterrichtsverwaltung. 1874. p. 146. 

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184 Schulferien. 

preussischen Coltusministerium vorschlug, dass nämlich das Schuljahr 
mit dem Kalenderjahr beginnen und aufhören möge, wenn nur die den 
Ferien gewidmete Zeit von 10 Wochen überhaupt innegehalten wird^ 
Anders aber ist es, wenn das Schuljahr mit seinen Yersetzungs- 
Prüfungen am Schlüsse vor dem Beginn der grossen Ferien enden 
würde, weil dann auf die schwerste Zeit der Schularbeit die Er- 
holungszeit folgt. Es würde dies die glücklichste Lösung der Be- 
ziehungen des Schuljahres zu der Lage der grossen Ferien sein. 

Wichtig ist für die Schuljugend eine geeignete Ausnutzung der 
Ferienzeit. Die häuslichen Aufgaben müssen so massig bemessen 
sein, dass die Schüler in den obersten Klassen der Gymnasien und 
Realschulen nicht länger als höchstens 2 Stunden an den Arbeits- 
tisch gefesselt werden; auch dürfte zur Anregung eigenen Denkens 
und selbständiger Arbeit eine gewisse Freiheit in der Wahl der Be- 
schäftigung gerade für die Ferienzeit zu gestatten sein; die nach 
den Ferien folgende Durchsicht der geschaffenen Arbeiten würde 
alsdann die Lehrer manchen interessanten und wichtigen Blick in 
die Neigungen der ihnen anvertrauten Schüler thun lassen. Kinder 
der unteren Stufen dürfen nicht mit Schreibarbeiten belastet werden, 
damit der zarte Körper Gelegenheit habe, erworbene fehlerhafte 
Stellungen der Wirbelsäule in der freien Zeit auszugleichen. Turn- 
und Schwimmunterricht kann, wie Falk empfiehlt, auch während 
der Ferien fortgesetzt werden; indess sollte auch dieser in der 
Ferienzeit nicht obligatorisch sein, sondern es dürfte genügen, wenn 
den Kindern die Nothwendigkeit der körperlichen üebungen ans 
Herz gelegt wird und die Eltern darauf aufmerksam gemacht 
werden, dass die Ferienzeit die Aufgabe habe, die Restitution der 
durch den Unterricht geistig wie körperlich angestrengten Kinder 
zu bewerkstelligen. Vernünftige Eltern werden alsdann die Kinder 
zum Turnen, Schwimmen und Spielen in frischer Luft anhalten« 
und es wird dies sicherlich besser wirken als der auch auf die Ferien 
ausgedehnte Arbeitszwang ; insbesondere sollten die Eltern gemahnt 
werden, ihre Kinder während der Ferien nicht zu harter häuslicher 
Arbeit in ihrer eigenen Berufsthätigkeit anzuspannen, nicht zu Hand- 
langerdiensten und zur Ausübung eines Handwerkes zu benutzen. 
Lehrer auf dem Dorfe werden Gelegenheit haben, die Schuljugend 
auch während der Ferien bei der Ernte zu beobachten und an die 
Eltern manches mahnende Wort zu richten, dass sie den grossen 
Nutzen, welchen das Tummeln im Freien den Kindern gewährt, 
nicht dadurch illusorisch machen, dass sie dieselben in glühender 



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Ausschluss vom Schulunterricht. Schliessung der Schule. 185 

Sonnenhitze mit schwerer Arbeit beschäftigen. In den Winterferien 
möge das alltagliche Tummeln auf der Eisbahn die Kinder aus den 
geheizten Zimmern locken und ihnen den Genuss der freien Luft 
zum Yei^ügen umgestalten. 



N. Aüsschlnss vom Sclinlimterriclit ScUiessimg 
der Schnle. 

Wir haben oben ausgeführt, dass es eine Gruppe von Kindern 
giebt, welche zimi Theil wegen ererbter Krankheitsanlagen, zum 
Theil wegen Entwickelungsanomalien der Pflicht des Schulbesuches 
fOr eine gewisse Zeit noch enthoben sind, dass sie später zur Schule 
dürfen, als das Gesetz vorschreibt; wir haben uns jetzt mit der 
Frage zu beschäftigen, ob es gewisse Krankheiten giebt, welche die 
Kinder vom Schulbesuch überhaupt entbinden. Die Frage ist zu 
bejahen. Ganz allgemein können wir die Antwort so fassen, dass 
Kinder vom Schulbesuch fern zu halten sind, welche 

1. an Krankheiten leiden, die für sie selbst den Erfolg des 
Schulbesuches überhaupt unmöglich machen; 

2. an Krankheiten, welche den Unterricht direct stören und 
durch den Eindruck, welchen sie auf die Mitschüler hervorbringen, 
bei diesen den Erfolg des Unterrichts in Frage stellen; 

3. an Krankheiten, welche eine Gefahr für die Mitschüler in- 
volviren. 

Zur ersten Gruppe von Barankheiten gehören diejenigen, welche 
den Ausfall von Thätigkeiten bedingen, deren Möglichkeit die Schule 
zum Zweck des Unterrichts voraussetzt. Kinder mit schweren Ver- 
unstaltungen der Wirbelsäule, deren Leiden noch nicht abgelaufen, 
denen Sitzen und Stehen schmerzhafte Empfindungen hervorrufen, 
dürfen gar nicht zur Schule gebracht werden. Kinder mit ange- 
borenen Verstümmelungen der oberen Extremitäten, welchen das 
Schreiben unmöglich wird, oder Kinder, welche an Lähmungen der 
oberen Extremitäten leiden, können nur .so lange den Schulunterricht 
geniessen, als nach Ueberzeugung des Lehrers der Ausfall des 
Schreibens durch Gedächtnissanlage und geistige Begabung hinläng- 
lich gedeckt wird, um den Fortschritt im Wissen zu ermöglichen. 

Kinder mit schweren Ausfällen an einzelnen Sinnesorganen, also 
blinde und taubstumme Kinder, werden am besten in eigens für sie 
errichteten Schulen unterrichtet; blinden Kindern würde der Schul- 



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186 Aasschloss Tom Schulanterricht. Schliessung der Schale. 

besuch in der Volksschule allerdings zu gestatten sein, doch eben- 
falls nur so lange, als ihr trauriges Uebel nicht den Fortschritt 
beeinflusst, und der Lehrer einen Erfolg vom Unterricht sieht; für 
Taubstumme bleibt bei der Unmöglichkeit der Verständigung auf 
dem gewöhnlichen Wege keine Wahl. Die Erfolge der Taubstummen- 
anstalten sind überdies so gute, dass man dringend dazu rathen kann, 
mit dem Beginne des Unterrichts nicht zu lange zu zögern. 

Kinder, welche an einem Sprachfehler leiden, also in erster 
Linie Stotternde, sind vom Schulbesuch nicht gerade auszuschliessen, 
doch ist an die Eltern die Mahnung zu richten, den Sprachfehler, 
soweit derselbe überhaupt der Correctur zugängig ist, ärztlich oder 
pädagogisch behandeln zu lassen. Schwerstottemde Kinder bleiben 
allerdings am besten aus der Schule gänzlich fort, weil dieses Uebel 
nicht nur den Erfolg des Unterrichts hemmt, sondern auch gern 
von Kindern nachgeahmt wird und in diesem Sinne ansteckend wirkt. 

Thatsächlich sind in neuerer Zeit fast in allen grösseren Städten 
Heilkurse für stotternde Kinder eingerichtet worden, welche sich vor- 
züglich bewährt haben. Nachdem im Jahre 1884 unter der Leitung 
vonBerkhanO in Braunschweig derartige Heilkurse fUr stotternde 
Schulkinder in Braunschweig mit hervorragendem Erfolge zur Ein- 
führung gelangt waren, wurde 1886 der erste derartige Kursus in 
Potsdam eingerichtet und die Anregung zu weiterer Ausbildung des 
Stotterheilunterrichts durch den im Centralblatt für die gesammte 
Unterrichtsverwaltung in Preussen veröflFentlichten Bericht der könig- 
lichen Begierung gegeben. Seither dürfte über die Zweckmässigkeit 
und Nothwendigkeit derartiger Heükurse für stotternde Kinder kein 
Zweifel herrschen, so dass der Ministerialerlass ^) vom 15. November 
1893 auf die Wichtigkeit derselben hinzuweisen Gelegenheit nimmt. 

Nachdrücklicher noch als Stotternde bedürfen „ schwachsinnige ** 
oder «geistig minderwerthige*^ Kinder besonderer Berücksichtigung 
im Schulunterricht und eventell der Zurückziehung aus der all- 
gemeinen Volksschule. — Die Frage des Unterrichts der schwach- 
sinnigen Kinder ist im lebhaftesten Fluss, und soviel auch die Päda- 
gogen unter einander über .die letzte Gestaltung dieses Unterrichts 
noch divergiren, so herrscht darin doch volle Einmüthigkeit, dass 
schwachsinnige Kinder nicht mit anderen Kindern zusammen im 
Unterricht verbleiben dürfen, weil sie ein Hemmschuh für den- 



Berkhan, Archiv f. Psychiatrie, Bd. XVII, p. 599. 
^) R. Wehmer, Grundriss der Schulgesundheitepflege und H. Gutzmann, 
Das Stottern. Frankfurt a. M. 1898. p. 420. 



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Aosschloss vom Scholonterricht. Schlieasmig der Schule. 187 

selben sind und selbst geistig und körperlich geschädigt werden. — 
Es kann hier nur auf die interessanten Abhandlungen über den 
Gegenstand Ton Monroe, Loeper, Eielhorn, Schaarschmidt, 
Wint ermann^), Fuhrmann u. A. und insbesondere auf die 
Verhandlungen der IX. Conferenz für das Erziehungswesen der 
Schwachsinnigen in Breslau^) verwiesen werden. — Die Meinung 
der bewährtesten Pädagogen und wohl auch der Aerzte reicht dahin, 
fOr schwachsinnige oder geistig minderwerthige Kinder besondere 
n Hilfsschulen '^ einzurichten, in welchen nach methodischem Lehr- 
gange der Unterricht geleitet wird. Die wesentlichste Schwierig- 
keit liegt nach den beiden Seiten hin, die Schwachsinnigen von den 
Normalen und von den eigentlichen Idioten zu scheiden, und es kann 
trotz des Widerstrebena der Pädagogen gar keinem Zweifel unter- 
hegen, dass hier die gemeinsame Beobachtung von Lehrer und Arzt 
ganz allein die Entscheidungen zu treffen vermag. Nach den bis- 
herigen Auffassungen sollen Kinder, «welche während eines 1- bis 
2jährigen Besuches der Volksschule gezeigt haben, dass sie zwar 
unterrichtsföhig, aber zur erfolgreichen Mitarbeit mit den normal 
beanlagten Kindern nicht genügend begabt sind*" (Ministerialerlass 
vom 16. Juni 1894) diesen Hilfsschulen überwiesen werden, indess 
wird gleichwohl in dem Erlass betont, dass für die Ueberweisung 
der in diese Klassen (eventuell Hilfsschulen) gehörenden Kinder die 
Betheiligung des Arztes von wesentlicher Bedeutung sei. — Derartige 
Hilfsschulen befinden sich jetzt nahezu in allen grösseren Städten 
Deutschlands») mit über 2000 Schülern. 

Für eigentliche Idioten wird überdiess noch der Unterricht in 
Idiotenanstalten einzurichten sein. Dieselben sind begreiflicherweise 
durchaus von den Schulen zu trennen. 

Zur zweiten Gruppe von Krankheiten gehören alle diejenigen, 
welche sich mit so ausgeprägten Erscheinungen kund geben, dass 
sie die Sinnesorgane der Mitschüler beleidigen, also alle Krankheiten 
mit ekelhaft aussehenden Geschwüren oder Narbenbildungen, femer 
Krankheiten, welche die öeruchsnerven in widerwärtiger Weise affi- 
ciren, und endlich solche, welche durch dauernde oder oft wieder- 
kehrende Geräusche vom Unterricht abziehen oder denselben stören. 
— Kinder, welche an lupösen Erkrankungen des Gesichtes leiden, 

*) A. Wintermann, Die Hilftschulen Deutschlands und der deutschen 
Schweiz. 1898. Lanffensalza. 

*) S. die Kinderfehler. Zeitschr. f. pädagogische Pathologie und Therapie, 
g 1899 

») S. ibidem. 1897. IL Jahrg. 6. Heft. p. 152. 



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188 Ausschluss vom Schulunterricht. Schliessmig der Schule. 

an chronischen Hautausschlägen der Kopfhaut mit übelriechendem 
Secret, an eiternden übelriechenden Wunden, an ebensolchem Ohren- 
fluss oder Nasenfluss, müssen so lange aus der Schule bleiben, bis 
sie geheilt sind; oft sind es weniger die sichtbaren oder durch Ge- 
ruch wahrnehmbaren Leiden selbst, als vielmehr die dagegen an- 
gewendeten Arzneien, welche die Mitschüler belästigen; so können 
Kinder, welche Schwefelbäder, äussere Application von Leberthran, 
von Perubalsam, Jodoform oder dergL gebrauchen, nicht in der Schule 
geduldet werden, und bei irgend hinausschiebbaren Kuren kann seitens 
der vorgesetzten Behörde gegen die Eltern der Wunsch geäussert 
werden, mit Rücksicht auf die Schule die Behandlung bis auf die 
nächste Ferienzeit zu verzögern. — Von den übrigen Krankheiten 
stören in erster Linie die Hustenkrankheiten den Unterricht, femer 
gewisse andere Krankheiten der Respirationsorgane, so Stock- 
schnupfen, chronische Verengerungen des Rachens durch Mandel- 
schwellungen und Drüsenknoten am Halse, durch Kropf oder im 
Kehlkopf haftende Polypen ; sie alle machen den Besuch der Schule 
unmöglich, weil nicht geduldet werden kann, dass der gesammte 
Unterricht darunter leide. Schon um der leidenden Eander selbst 
willen ist es besser, dass dieselben vom Lehrer nach Hause ge- 
schickt werden, als dass sie etwa apart gesetzt und gleichsam 
prostituirt werden. 

Ernste Unannehmlichkeiten bereitet den davon betroffenen 
Schülern sowohl, als auch den Mitschülern die Gruppe von chro- 
nischen Nervenleiden, welche sich in der Kinderwelt vorzugsweise 
in krankhaften motorischen Störungen zeigt, in dem Veitstanz, hyste- 
rischen Krampfattaquen und der Epilepsie. Der Veitstanz hindert 
die erkrankten Kinder im Schreiben, Zeichnen und anderen, regel- 
mässige Bewegungen beanspruchenden Thätigkeiten ; im Beginne oft 
nur undeutlich kenntlich, setzt er die Kinder oft dem Tadel des 
Lehrers aus, ohne dass dieselben doch im Stande sind, die gerügten 
Fehler zu bessern. Verziehungen des Gesichtes, Grimassen aller Art 
machen nebenbei die Kinder bei den Mitschülern lächerlich und 
wirken störend auf den Unterricht; femer birgt bei dem leicht- 
empfönglichen Nervensystem der Schüler die Krankheit vielleicht die 
Gefahr der Uebertragung durch unbewusste Imitation in sich, wenn- 
gleich nicht in dem Maasse, wie dies früher behauptet ward, und aus 
diesem sowohl, wie den genannten anderen Gründen ist der Besuch 
der Schule den an höherem Grade von Veitstanz erkrankten Kindern 
zu untersagen. Das Gleiche gilt von den hysterischen Krampf- 



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Aosschluss vom Schulunterricht. Schliessung der Schule. 189 

attaquen und den dazu gehörigen motorischen Störungen (Maladie 
de Tics). Dieselben sind mehrfach in epidemischer Ausbreitung in 
Schulen und Alumnaten zur Beobachtung gekommen, nachdem man 
versäumt hatte, die zuersf davon Befallenen sofort aus der Schule 
zu entfernen. Insbesondere sind Mädchen sehr empfindlich gegen- 
über derartigen ihnen fremdartigen Erscheinungen, und man wird 
deshalb in Mädchenschulen besonders vorsichtig sein müssen. Hier- 
bei darf wohl auch betont werden, dass auch Lehrerinnen mit hyste- 
rischen, ins Auge fallenden motorischen Störungen (krampfhaften 
Zuckungen, Maladie de Tics etc.) nicht in der Schule geduldet 
werden dürfen. 

Schwieriger ist die Frage zu beantworten, ob epileptische Kinder 
in der Schule geduldet werden dürfen. Die Zahl und Heftigkeit der 
Anfalle entscheidet darüber, ob der Schulbesuch überhaupt zu ge- 
statten sei ; manche epileptischen Kinder haben vor dem Anfalle das 
Gefühl, dass derselbe eintrete, und können noch zeitig genug um 
Hilfe oder Entlassung aus dem Schulzimmer bitten ; solchen Kranken 
ist selbstverständlich der Schulbesuch nicht zu untersagen, nur möge 
der Lehrer die Kinder darum ersuchen, wenn sie die Anwandlung 
merken, dies sofort zu melden, damit sie rasch genug in ein Neben- 
zimmer gebracht werden können. Es versteht sich wohl von selbst, 
dass der Lehrer solchen Kindern entweder selbst oder durch den 
Schuldiener hilfreiche Hand leiste und sie vor Schädigung durch 
Niederschlagen auf den Boden oder Anstossen an Tisch- und Bank- 
kante hüte. Die rasche Entfernung aus dem Schulzimmer ist über- 
dies noth wendig, wenn der Anfall die Kinder mitten im Unterricht 
und plötzlich überrascht, damit den Mitschülern der furchtbare An- 
blick eines von tonischen und klonischen Krämpfen heimgesuchten 
Menschen erspart bleibe; dem Lehrer selbst dürfte der Anblick für 
den ersten Augenblick und wenn er ihn zum ersten Male sieht, kein 
gleichgültiger sein ; er darf sich indess dadurch nicht aus der Fassung 
bringen lassen ; es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, dass sich 
der Lehrer von dem rohen Aberglauben, man müsse epileptischen 
Kindern die zusammengeballten Fäuste öffiien und den Daumen 
strecken, frei zu halten hat; der epileptische Anfall geht ganz von 
selbst vorüber, und es bedarf der Kranke nur der Ruhe; allenfalls 
können Gesicht und Wangen mit etwas kühlem Wasser besprengt 
werden. — Sobald die Anfälle sich häufen, womöglich mehrmals an 
einem Tage wiederkehren, ist der Schulbesuch den Kindern gänzlich 
zu untersagen, und Privatunterricht hat an die Stelle desselben zu 



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190 Schliessung der Schale. 

treten, Etwas, was um so wichtiger ist, als epileptische Kinder auf 
die Dauer auch in der geistigen Entwicklung Schaden leiden und 
zurückbleiben. Auch für epileptische Kinder wird ein besonderer 
Schulunterricht einzurichten sein und zwA um so mehr, als notorisch 
mit der Zahl und der Heftigkeit der Anfalle gerade im jugendlichen 
Alter sehr bald psychische Defecte sich zur Geltung bringen, welche 
die Kinder für den regelmässig fortschreitenden normalen Schul- 
imterricht unbrauchbar machen. — Ob man, wie Pelmann^) dies 
vorgeschlagen hat, die Kinder den Epilepsiecolonien überweisen und 
dort einem regelmässigen Unterricht unterziehen soll, oder ob für 
diese Kinder ebenfalls Hilfsschulen besonderer Art eingerichtet werden 
mögen, bedarf noch weiterer Prüfung; viel wird es immer auf den 
Verlauf der Krankheit in dem einzelnen Falle ankommen. — Hier- 
her gehören endlich noch häufige Ohnmachtsanfälle, wie sie nament- 
lich bei jungen Mädchen vorkommen; der Eintritt derselben giebt 
sich durch rasch und plötzlich eintretende intensive Blässe des Ge- 
sichtes zu erkennen, und die Lehrer dürften bei aufmerksamer Be- 
obachtung der ihnen anvertrauten Kinder zeitig genug das Symptom 
wahrnehmen, um durch Entfernung der Betroffenen aus dem Schul- 
zimmer vielleicht das Eintreten des Anfalles zu verhindern; auch 
hier versteht es sich von selbst, dass sich Lehrer oder Schuldiener, 
niemals aber, wenigstens nicht in den unteren Klassen, die Mit- 
schüler um die Erkrankten bemühen. 

Alle nervenkranken Kinder bedürfen grosser Schonung; möge 
sich der Lehrer ihnen gegenüber besonders hüten, heftig zu werden, 
sich zu Züchtigungen oder schweren Scheltworten hinreissen zu lassen; 
oft liegen die Ursachen des den Tadel provocirenden Vergehens ganz 
ausserhalb des Bereiches der eigenen Herrschaft der Kinder, welche 
mehr zu bemitleiden sind, als zu schelten. Wir haben oben schon 
bei den Schulstrafen davon gesprochen, wie wichtig für den Lehrer 
eine gewisse Vertrautheit mit einzelnen bei Kindern vorkommenden 
psychischen Störungen, mit den als „psychische Minder weiihigkeiten" 
zusammengefassten Zuständen, insbesondere aber mit der als „Moral 
insanity** bezeichneten Krankheit sei. 

Hier könnte noch eine Gruppe anderer chronischer Uebel Platz 
finden, so namentlich die nervösen oder auch die organischen Herz- 
fehler, chronische Erkrankungen der Unterleibsorgane (häufige Diar- 
rhöen), chronische Nierenleiden und Erkrankungen der Blase, welch 

^) Pelmann, Was soll mit epileptiscben Schulkiiidem geschehen? Cen- 
tralblatt f. allgem. Gesundheitspfl., II. Jahrg., Heft 1. 



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Schliessung der Schale. 191 

letztere allerdings selten im Kindesalter vorkommen. Sie alle machen 
den Schulbesuch zuweilen unmöglich, weil sie zur Quelle dauernder 
Störungen für die Mitschüler werden. Während bei herzkranken 
Kindern Ohnmachtszufölle, Nasenbluten, Beklemmungen und Zufalle 
von heftigem Herzklopfen das häufige Verlassen der Schule über- 
haupt verursachen, geben die letztgenannten beiden Erkrankungs- 
formen vielfach Anlass zu Bitten der Kinder, für Momente den 
Unterricht unterbrechen und das Klassenzimmer verlassen zu dürfen, 
um ihre körperlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Wir können an 
dieser Stelle gar nicht dringend genug die Mahnung aussprechen, 
solchen Kindern gegenüber nicht rigoros zu sein, sondern bei dem 
Mangel jedweder Handhabe in der Beurtheilung, ob ein Kind wirk- 
lich dessen bedürftig sei, das Schulzimmer zu verlassen, die Bitte 
stets und ohne Schwierigkeiten zu erfüllen; sollten diese Unter- 
brechungen zu häufig wiederkehren, dann bleibt allerdings nur der 
Ausweg, den Schulbesuch gänzlich zu untersagen und bei den Eltern 
auf Beseitigung der vorhandenen, wenn überhaupt der Heilung zu- 
gängigen Uebel zu dringen. — Die pädagogische Leistung, welche 
vom ersten Augenblicke in den Kindern Gefühl für Wahrheit und 
Pflicht geweckt hat, wird also selbstreifende Frucht ernten, dass 
die Kinder den Lehrer nicht mit Vorschützen falscher Angaben 
hintergehen. 

Zur dritten Oruppe endlich gehören die im engeren Sinne als 
ansteckend zu bezeichnenden Krankheiten 0- Wir können hier 
nur auf die unter der Kinderwelt am häufigsten vorkommenden mehr 
im Einzelnen eingehen und müssen wegen der übrigen, da es sich 
um fast alle infectiösen Allgemeinkrankheiten handelt, uns auf kurze 
Andeutungen beschränken, sonst aber auf die medicinischen Hand- 
bücher verweisen. — Wir beginnen mit den eigentlichen Infections- 
krankheiten des kindlichen Alters*). 

Unter denselben ist in erster Linie der Keuchhusten zu er- 
wähnen, weil gerade diese Krankheit bei dem Fehlen fieberhafter 



^) Maassgebend sind für die Frage der Contagiosität der nachfolgend er- 
wähnten Krankheiten , abgesehen von den bekannten Lehrbüchern der Kinder- 
krankheiten (darunter A. Baginsky, Lehrbuch der Kinderkrankheiten 6. Aufl. 
bei Friedrich Wreden. Braunechweig) , die Ministerialerlasse , welche von dem 
Verkehr mit Rücksicht auf die Schule und die Schliessung der Schule handeln. 
S. Ministerialerlass vom 14. Juli 1884 und 23. November 1888. — Ueberdiess 
die verschiedenen localen Regierungs- und Polizeiverordnungen. 

*) S. hierzu auch Verhandlungen der 12. Versammlung des deutschen 
Vereins für öffentliche Gesundheitspflege. 1895. üeber Maassregeln bei an- 
steckenden Kinderkrankeiten in den Schulen. 



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192 Ausschluss vom Schulunterricht Schliessung der Schule. 

Erscheinungen den Kindern gestattet, die Schule zu besuchen. Die 
Hustenanfalle desselben sind von solcher Intensität, dass sie den 
Unterricht stören, und es wäre schon aus diesem Orunde der Schul- 
besuch seitens der an Keuchhusten erkrankten Kinder zu verbieten; 
ganz abgesehen aber davon, ist die Krankheit unzweifelhaft con- 
tagiös, und nachgewiesenermassen verbreitet sich dieselbe von Kind 
zu Kind, so dass in kleineren Städten ganze Epidemien von der 
Schule ausgehen. Da die Krankheit von erheblicher Dauer ist, 
ernste Affectionen der Respirationsorgane veranlasst, bei manchen 
Kindern die Quelle eines dauernden Siechthums wird, so ist es ge- 
boten, die erkrankten Kinder von der Schule zu entfernen, und nicht 
eher wieder zuzulassen, bis auch die letzten Spuren der Krankheit 
beseitigt sind. — Dunkler in ihrem Auftreten, aber weit gefahrlicher 
ist die Diphtherie. Ist man der Krankheit auch in den letzten 
Jahren Herr geworden, so ist sie doch immer noch einer der ge- 
fährlichsten Feinde der Kinderwelt, wenn sie nicht in ihren ersten 
Anfängen erkannt und einer wirkungsvollen Behandlung unterzogen 
wird. Die Krankheit ist überaus ansteckend und verbreitet sich 
augenscheinlich durch die Nasen- und Rachensecrete , welche beim 
Niesen, Husten u. s. w. in die Umgebung der Erkrankten gelangen, 
oder durch den Contact mit den mit dem Infectionskeim beschmutzten 
Fingern, Bieidern, vielleicht auch selbst Büchern und Schreibmate- 
rialien von Kind zu Kind. Leider lässt sich die Krankheit nicht 
leicht in den ersten Anföngen erkennen, wenn nicht direct nach ihr 
gesucht wird. Zu den am häufigsten auftretenden ersten Symptomen 
gehören dick belegte Zunge, Trockenheit der Lippen, Halsschmerzen 
und Fieberbewegungen, auch Schwellungen der submaxillaren (rechts 
und links unter dem Unterkieferwinkel) liegenden Lymphdrüsen, 
welche die Conturen des Halses runder und etwas unförmlich er- 
scheinen lassen, auch wohl hin und wieder, wenngleich seltener, als 
man vermuthen möchte, Heiserkeit und heiserer bellender Husten. 
Das sicherste Zeichen der Erkrankung ist das Auftreten von gelb- 
grauen Flecken oder Belägen auf den Mandeln und den übrigen 
Rachenorganen. Wenn bei einem Kinde eines dieser genannten Sym- 
ptome sich kund giebt, oder gar mehrere vereint sich einstellen, wenn 
der Lehrer sogar bei Besichtigung der Rachenorgane — sofern er die- 
selbe unternimmt, wenngleich dies sicher nicht eigentlich des Lehrers, 
sondern des Schularztes Sache ist — graugelbe Flecken auf den 
Rachenorganen bemerkt, so ist es Pflicht der Lehrer, das erkrankte 
Kind sofort nach Hause zu schicken; Pflicht der Eltern ist es frei- 



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Ausschluss vom Schulunterricht. Schliessung der Schule. 193 

lieh, solche Kinder, welche Nachts unruhig geschlafen haben und 
am Morgen über Halsbeschwerden klagen, überhaupt nicht mehr 
nach der Schule gehen, sondern durch einen Arzt die sichere Fest- 
stellung der Krankheit bewirken zu lassen. — Es kann bei der zeit- 
weilig auftretenden Neigung der Diphtherie zu rapider und gefähr- 
licher epidemischer Verbreitung wohl die Frage zur Erörterung stehen, 
ob nicht die Schüler, nachdem erste Erkrankungsformen in einzelnen 
Fällen sich gezeigt haben, durch den Arzt prophylaktisch mit Heil- 
serum vorgeimpft werden sollen. — Da die Immunisirung durchaus 
unschädlich ist und die Kinder für 3 Wochen vor der Erkrankung 
schützt, so wird man sich geeigneten Falles und bei der oben ge- 
machten Voraussetzung sicher nicht dagegen zu sträuben haben. 

Von grösster Bedeutung ist alsdann die Gruppe der sog. exanthe- 
matischen Krankheiten, wie Scharlach, Masern, Röthein und 
Pocken. Hier und auch bei Diphtherie verbietet die Prophylaxe nicht 
allein den Schulbesuch der erkrankten Kinder, öondem selbst der 
Geschwister derselben, weil diese Krankheitsformen sich durch Mittel- 
personen übertragen lassen, an deren Kleidern die Contagien haften. 
(S. hierzu den untenstehenden Ministerialerlass.) Diese Krankheiten 
sind es, welche bei irgend intensiverem Auftreten ganz besondere in 
eng begrenzten Bezirken, also Dörfern und kleinen Städten, den Schul- 
besuch gänzlich verbieten und die Schliessung der Schule bedingen. 
Wir müssen es uns untersagen, hier auf die Symptomatologie dieser 
Erkrankungen im Einzelnen einzugehen. Es gehört dies nicht in 
den Bereich der Hygiene, sondern der speciellen Pathologie. Nur 
insoweit als die Prophylaxe (Verhütung) in Frage kommen könnte, 
sollen kurze Andeutungen gemacht werden. 

Eine Prophylaxe des Scharlach ist nur durch vollkommenste 
Isolirung der Scharlachkranken, Fernhaltuug der Mitglieder derselben 
Familie aus der Schule und auch aller Gegenstände, mit denen der 
Scharlachkranke in Berührung gekommen ist, möglich; denn der 
Scharlach wird durch directen Gontact, aber auch durch Mittelspersonen 
und inficirte Gegenstände übertragen. — Das einzelne Schulkind im 
ersten Anfange der Krankheit aus der Schule fem zu halten, ist ge- 
wiss wünschenswerth, aber leider nicht möglich, weil die Krankheit 
blitzschnell über die Kinder hereinbricht, ohne eigentliche Vorboten, 
und deshalb nicht so früh erkannt werden kann, dass die Kinder zu 
Hause behalten werden oder rechtzeitig nach Haus geschickt werden 
können. Hier steht die Schule also geradezu unvermeidlichen Ver- 
hältnissen gegenüber. — Freilich wird man Kinder, deren Erkrankung 

Baginsky, Schulhygiene. II. 3. Aufl. 13 



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194 Ausschluss vom Schulunterricht Schliessung der Schale. 

erkannt ist, sofort aus der Schule zu entfernen haben. Grössere Vor- 
sicht, als bisher meist geübt wird, wird überdies bezüglich der Wieder- 
kehr der Kinder zur Schule Platz zu greifen haben. Es liegt hier 
Alles bei den behandelnden Aerzten, da das Gesetz vorschreibt, dasa 
die Kinder zur Schule meist dann zurückkehren dürfen, wenn sie die 
Aerzte nicht für ansteckungsfähig erklären. Im Allgemeinen müsste 
daran festgehalten werden, was auch der Ministerialerlass Tom 14. Juli 
1884 ^) vorschreibt, dass kein Kind bei Scharlachfieber, sei es noch so 



^) S. hierzu den ministeriellen Erlass vom 14. Juli 1884, der wegen seiner 
Wichtigkeit hier im Wortlaut folgt: 

Anweisung zur Verhütung der üebertragung ansteckender Krankheiten durch 
die Schulen. Preuss. Ministerialerlass vom 14. Juli 1884. 
,1. Zu den Krankheiten, welche vermöge ihrer Ansteckungsfähigkeit be- 
sondere Vorschriften für die Schulen nöthig machen, gehören: 

a) Cholera, Ruhr, Masern, Röthein, Scharlach, Diphtherie, Pocken, Fleck- 
typhus und Rückfallsfieber. 

b) Unterleibstyphus, contagiöse AugenentzÜndung , Krätze, Keuchhusten, 
der letztere solange und sobald er krampfartig auftritt 

,2. Kinder, welche an einer in Nr. la oder b genannten ansteckenden 
Krankheit leideu, sind vom Besuch der Schule auszuschliessen. 

^3. Das Gleiche gilt von gesunden Kindern, wenn in dem Hausstande, 
welchem sie angehören, ein Fall der in Nr. la genannten ansteckenden Krank- 
heiten vorkommt, es müsste denn ärztlich bescheinigt werden, dass das Schulkind 
durch ausreichende Absonderung vor der Gefahr der Ansteckung geschützt ist. 

,4. Kinder, welche gemäss Nr. 2 und 8 vom Schulbesuche ausgeschlossen 
worden sind, dürfen zu demselben erst dann wieder zugelassen werden, wenn 
entweder die Gefahr der Ansteckung nach ärztlicher Bescheinigung für beseitigt 
anzusehen, oder die für den Verlauf der Krankheit erfahrungsmässig als Regel 
geltende Zeit abgelaufen ist. 

,Al8 normale Krankheitsdauer gelten bei Scharlach und Pocken 6 Wochen, 
bei Masern und Röthein 4 Wochen. 

»Es ist darauf zu achten, dass vor der Wiederzulassung zum Schulbesuche 
das Kind und seine Kleidungsstücke gründlich gereinigt werden. 

,5. Für die Beobachtung der unter Nr. 2 — 4 gegebenen Vorschriften ist 
der Vorsteher der Schule (Director, Recter, Hauptlehrer, erster Lehrer, Vor- 
steherin ete.), bei einklassigen Schulen der Lehrer (Lehrerin) verantwortlich. 
Von jeder Ausschliessung eines Kindes vom Schulbesuch wegen ansteckender 
Krankheit — Nr. 2 und 8 — ist der Ortspolizeibehörde Anzeige zu machen. 

„6. Aus Pensionaten, Convicten, Alumnaten, Internaten dürfen Zögling^ 
während der Dauer oder unmittelbar nach dem Erlöschen einer im Hause auf- 
getretenen ansteckenden Krankheit nur dann in die Heimath entlassen werden, 
wenn dies nach ärztlichem Gutachten ohne die Gefahr der Üebertragung ge- 
schehen kann, und alle vom Arzte etwa erachteten Vorsichtsmaassregeln be- 
obachtet werden. Unter denselben Voraussetzungen sind die Zöglinge auf Ver- 
langen ihrer Eltern, Vormünder oder Pfleger zu entlassen. 

,7. Wenn eine im Schulhaus wohnhafte Person an der unter Nr. la und Ib 
genannten, oder eine ausserhalb des Schulhauses wohnhafte, aber zum Haus- 
stand eines Lehrers der Schule gehörige Person in eine der unter Nr. la ge- 
nannten Krankheiten verfällt, so hat der Haushaltungsvorstand hiervon sofort 
dem Schulvorstande (Kuraterium) und der Ortspolizeibenörde Anzeige zu machen. 
Die letztere hat, wenn möglich, unter Zuziehung eines Arztes, für die thun- 
lichste Absonderung des Kranken zu sorgen und über die Lage der Sache, so- 
wie über die von ihr vorläufig getroffenen Anordnungen dem Landrath (Amts- 
hauptmann) Bericht zu erstatten. Der Landrath (Amtshauptmann) hat unter 



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Ausschluss vom Schulunterricht. Schliessung der Schule. 195 

leicht gewesen, vor 6 Wochen wieder die Schule besuchen darf; denn 
innerhalb dieser Zeit ist es sicher noch ansteckungsfähig. — Indessen 
ist die Ansteckungsfähigkeit bei vielen Kindern eine viel längere und 
besteht so lange, als die Kinder noch irgend welche Affectionen, wie 
Geschwürchen an den Lippen, an der Nase, OhrenSuss, Abschuppung 
und anderes mehr haben. — Man wird bei diesen Kindern die Zeit der 
Rückkehr zur Schule viel weiter hinausschieben müssen, als bisher 
üblich ist. 

Für die Masern kann als sichere Erfahrung gelten, dass die 
Epidemien ihre wesentliche Verbreitung durch die Schule erfahren. 
Es liegt dies i;i der fatalen und höchst merkwürdigen Eigenthüm- 
lichkeit dieser Krankheit, dass sie eine fast 14tägige Dauer der sog. 
Incubationszeit hat, d. h. derjenigen Zeit, in welcher sich der Aus- 
bruch der Krankheit gleichsam vorbereitet, und dass sie doch schon 
in dieser Zeit höchst ansteckungsfähig ist. So geschieht also die 
üebertragung schon zu einer Zeit, wo von einem eigentlichen Haut- 
ausschlage noch nichts wahrzunehmen ist. Dafür aber zeigen die 

Zuziehung des Kreisphysikus darüber zu entscheiden, ob die Schule zu schliessen, 
oder welche sonstigen Anordnungen im Interesse der Gesundheitspflege zu treffen 
sind. In Städten, welche nicht unter dem Landrath (Amtshauptmann) stehen, 
tritt an die Stelle des letzteren der PolizeiverwEÜter des Ortes. 

„Diese Vorschrift gilt auch für die in Nr. 6 bezeichneten Anstalten. 

«8. Sobald in dem Ort, wo die Schule sich befindet, oder in seiner Nach- 
barschaft mehrere Fälle einer ansteckenden Krankheit (Nr. 1) zur Kenntnis's 
kommen, haben Lehrer und Schulvorstand ihr besonderes Augenmerk auf Rein- 
haltung des Schulgrundstücks und aller seiner Theile, sowie auf gehörige Lüf- 
tung der Elassenräume zu richten. Insonderheit sind die Schulzimmer und 
die Bedürfnissanstalten täglich sorgsam zu reinigen. Schulkindern darf diese 
Arbeit nicht übertragen werden. Die Schulzimmer sind während der unter- 
richtsfreien Zeit andauernd zu lüften, die Bedürfnissanstalten nach der Anord- 
nung der Ortspolizeibehörde regelmässig zu desinficiren. 

»Diese Vorschrift gilt auch für die Nr. 6 bezeichneten Anstalten und er- 
streckt sich für diese auf die Wohnungs-, Arbeits- und Schlafräume der Zöglinge. 

,9. Ueber die Schliessung der Schulen oder einzelnen Klassen derselben 
wegen ansteckender Krankheiten hat der Landrath (Amtshauptmann) unter Zu- 
ziehung des Kreisphysikus zu entscheiden. Ist Gefahr im Verzuge, so können 
der Schulvorstand (Kuratorium) und die Ortspolizeibehörde auf Qrund ärztlichen 
Gutachtens die Schliessung anordnen. Sie haben aber hiervon sofort ihrer vor- 
gesetzten Behörde Anzeige zu machen. Ausserdem sind sie verpflichtet, alle 
gefahrdrohenden Krankheitsverhältnisse; welche eine Schliessung der Schule an- 
gezeigt erscheinen lassen, zur Kenntniss ihrer vorgesetzten Behörde zu bringen. 

,10. Die Wiedereröffnung einer wegen ansteckender Krankheiten geschlos- 
senen Schule oder Schulklasse ist nur nach vorangegangener gründlicher Reini- 
Smg und Desinfection des Schullocals zulässig. Sie darf nur erfolgen auf 
rund einer vom Landrath (Amtshauptmann) unter Zuziehung des Kreisphysikus 
zu treffenden Anordnung. 

In Städten, welche nicht unter dem Landrath (Amtshauptmann) stehen, 
tritt an die Stelle des letzteren der Polizeiverwalter des Ortes. 

,11. Die vorstehenden Vorschriften Nr. 1 — 10 finden auch auf private Unter- 
richts- und Erziehungsanstalten, einschliesslich der Kinderbewahranstalten, Spiel- 
schulen, Warteschulen, Kindergärten u. s. w. Anwendung.* 



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196 Ausschluss vom Schulunterricht. Schliessung der Schule. 

Kinder in der Zeit der Incubation schon gewisse Veränderungen, 
die den Lehrer und den Arzt auf die kommende Erkrankung auf- 
merksam machen. Die Kinder sind im Ganzen müde, leicht fiebrig, 
lässig und werden 7on einem mehr oder weniger starken Schnupfen, 
von katarrhalischer Entzündung der Schleimhäute an den Augen 
(des Conjunctivalsackes) gequält Die Augen sind geröthet, thränen 
leicht und viel und sehen wie verschleiert aus. Die Kinder niesen 
und husten. Kommen alle diese Symptome bei einem Schulkinde 
vor, so wird der Lehrer sicher gut thun, selbst wenn Masemfalle 
noch gar nicht bisher aufgetreten sind, dasselbe aus der Schule 
nach Hause zu schicken und dem Arzte zu überweisen. — Durch 
sorgsame Beobachtung vermögen hier die Lehrer langwierigen und 
schweren, gar nicht ungefährlichen Epidemien vorzubeugen. — Auch 
bei den Masern kann es geboten erscheinen, die Geschwister der 
Kinder von der Schule fem zu halten, wenngleich zugegeben werden 
muss, dass die Uebertragbarkeit der Krankheit durch Mittelspersonen 
nicht so gross ist wie bei Scharlach. — Die fiückkehr der geheilten 
Kinder zur Schule kann bei Masern etwas früher erfolgen als beim 
Scharlach, weil die Infectionsfahigkeit der Kinder nicht so lange 
währt wie bei diesem. Lidessen sollen Kinder doch auch nicht 
(s. auch hier den Ministerialerlass vom 14. Juli 1884) vor 4 Wochen 
nach Ausbruch der Krankheit zur Schule wieder zurückkehren dürfen. 
— Sehr unbestimmt liegen die einschlägigen Verhältnisse bei den 
Roth ein. Weder sind die initialen Erscheinungen in der Incubations- 
zeit (Entwickelungszeit) der Krankheit scharf ausgesprochen, noch 
ist diese Zeitdauer selbst genau bekannt. Zum Glücke hat man es 
hier indess mit einer leichteren und in der Regel ungeföhrlichen 
Krankheit zu thun. — Die erkrankten Kinder fiebern wohl auch, 
und die Krankheit giebt sich durch schmerzhafte Schwellungen der 
Lymphdrüsen in der Nackengegend und am Halse der Kinder zu er- 
kennen. Im Wesentlichen wird indess bei dieser Krankheitsform mehr 
der Arzt der Familie, als der Lehrer oder der Schularzt in Action 
zu treten haben. — Die Rückkehr zur Schule kann vielleicht noch 
etwas früher erfolgen, als bei der Masernerkrankung. 

Bezüglich der Pocken hat die in Deutschland zum Gesetz^) er- 
hobene Pflicht der Impfung den grossen Epidemien ein Ziel gesetzt, 
und die enorme Wohlthat, welche der Kinderwelt mit exacter Durch- 

S. dazu das Reichsiropfffesetz vom 8. April 1874 und die Ausführungs- 
bestimmungen des Gesetzes fÜrFreussen vom 12. April 1875, überdiess die Ver- 
fQffung der Minister des Innern und des Cultus und der Medicinalangelegen- 
heiten vom 6. April 1886. 



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Ausschluss vom Schulunterricht. Schliessung der Schule. 197 

fahrung dieses Gesetzes zu Theil wird, bat wohl Allen denen, welche 
überhaupt sehen wollen und sehen können, eingeleuchtet. — Die 
Strenge, mit welcher die Impfverpflichtung im Ganzen und gerade 
für die Schulkinder im Besonderen durchgeführt wird, und die durch 
das Gesetz festgelegte Controle der Vaccination und Revaccination ist 
nicht genug zu loben. Das Gesetz schreibt rücksichtlich der Schule 
im Wesentlichen Folgendes vor: 

Jeder Zögling einer öffentlichen Lehranstalt oder einer Privat- 
schule, mit Ausnahme der Sonntags- und Abendschulen, soll inner- 
halb des Jahres, in welchem der Zögling das 12. Jahr zurücklegt, 
sofern er nicht nach ärztlichem Zeugniss in den letzten 5 Jahren 
die natürlichen Blattern überstanden hat oder mit Erfolg geimpft 
ist, geimpft werden. 

Vorausgesetzt ist hierbei, dass die erste Impfimg bereits vor 
dem Ablaufe des auf sein Geburtsjahr folgenden Kalenderjahres er- 
folgt ist. Die Vorsteher derjenigen Schulanstalten, deren Zöglinge 
diesem Impfzwang unterliegen, haben bei der Aufiiahme in Schulen 
durch Einfordern der vorgeschriebenen Bescheinigung festzustellen, 
ob die gesetzliche Impfung erfolgt ist. 

Mit den Pocken (Variola) keinerlei Zusammenhang hat die als 
Wasserpocken oder „Windpocken** (Varicella) bezeichnete 
Krankheit. Auch diese ist zwar übertragbar und verbreitet sich leicht 
unter den Schulkindern. Sie ist indess im Ganzen ungefährlich, und 
man wird wegen eines Varicellaausbruches sich kaum je entschliessen, 
eine Schulklasse oder gar eine ganze Schule zu schliessen. — Eine 
prophylaktische Impfung gegenüber der Varicella giebt es nicht. Man 
muss sich deshalb darauf zu beschränken haben, Kinder, welche an 
Varicella erkrankt sind, von der Schule fem zu halten, bis die 
kleinen Börkchen und Krusten, welche in dem Abheilungsstadium 
an Stelle der wasserhellen Bläschen, welche die Krankheit bilden, 
abgefallen und völlig verschwunden sind. — Die Kleider der Kinder 
werden wohl auch, bevor sie wieder mit zur Schule genommen werden 
dürfen, der Desinfection zu unterziehen sein. 

Der besonderen Erwähnung werth sind unter den Infections- 
krankheiten einige andere, nicht eigentlich zu den Kinderkrankheiten 
gehörige, die indess auch Kindern hoch gefährlich werden können. 
Obenan steht der Typhus. — Es dürfte bekannt sein, dass man, 
abgesehen von einigen minder wichtigen Krankheitsformen derselben 
Gruppe, zwei Typhusarten streng scheidet, den sog. exanthematischen, 
Fleck- oder Hungertyphus und den Unterleibstyphus. Der Fleck- 



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198 Ausschluss vom Schulunterricht. Schliessung der Schule. 

typhus ist als eminent contagiöse Krankheit anerkannt, seine üeber- 
tragbarkeit von Person zu Person sicher erwiesen, durch Mittels- 
personen und leblose Oegenstande wenigstens nicht unmöglich. Bei 
der grossen Gefahr, welche diese Krankheit für das Leben der Be- 
fallenen hat, muss die Prophylaxe darauf bedacht sein, jede Mög- 
lichkeit der Gontagion auszuschliessen. Kinder, deren Geschwister, 
Eltern oder anderweitige Hausgenossen an Flecktyphus erkrankt 
sind, müssen aus der Schule bleiben; der Lehrer, welcher einen an 
Flecktyphus erkrankten Hausgenossen hat, darf keinen Unterricht 
ertheilen; das Schulhaus, in welchem ein Flecktyphuskranker liegt, 
muss von der Schuljugend gemieden werden, und für den Unterricht 
ist sofort ein anderes, gesundes Haus herzurichten. Aus dem Werke 
von Murchison^) geht hervor, dass die Krankheit Kinder und Er- 
wachsene hinwegrafft, wenngleich die Sterblichkeit bei Kindern etwas 
geringer ist als bei Personen der späteren Altersstufen. Nach seinen 
Beobachtungen betrug die Sterblichkeit im Alter von 5 — 15 Jahren 
5 — 70^0, im Alter von 40 — 50 Jahren 43 — 55 ^/o. Bei der grossen 
Ansteckungsfahigkeit der Krankheit laufen somit die Kinder nicht 
allein Gefahr, selbst zu erkranken und zu sterben, sondern die Ge- 
fahr wird auch für Erwachsene, insbesondere die Eltern der Kinder 
eine eminente. — Weniger gefahrlich, weil weniger contagiös ist 
der Unterleibstyphus oder das Typhoid. Die Hygiene hat zu 
Zeiten herrschender Typhoidepidemien für die Schule ganz besondere 
Aufgaben. Der Unterleibstyphus oder das Tjrphoid wird durch einen 
stäbchenartigen Mikroben, den Typhusbacillus erzeugt, der, vom er- 
krankten Menschen stammend, besonders gern in dem mit organischen 
Substanzen durchtränkten fauligen Boden keimt und von dort* ins 
Trinkwasser gelangt. Indess kann derselbe auch füglich von Mensch 
zu Mensch sich direct verbreiten und wird wohl auch durch Insecten 
weitergetragen, indem durch dieselben die Nahrung und das Wasser 
inficirt werden. — Der Infectionskeim ist vorherrschend in den Stuhl- 
gängen der Typhuskranken vorhanden und wird meist von hier aus 
verschleppt. — Grund genug, den die Schule umgebenden Boden und 
den Boden, auf dem sie steht, das Wasser, welches der ihr zugehörige 
Brunnen spendet, und endlich die Luft, welche in ihren Räumen ge- 
athmet wird, vor der Infection zu schützen. Die Schule soll durch 
Reinlichkeit nach jeder Richtung hin ausgezeichnet sein. Bei richtiger 
Anlage und Sauberhaltung der Glosets, Vermeidung von Senkgruben, 

^) Murchison, Die typhoiden Krankheiten. Uebersetzt von Zülzer. 
Braunschweig 1867. p. 198. 



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Aasschluss vom Schulunterricht. Schliessung der Schule. 199 

bei guter Ventilation und dauernder Fürsorge für gutes Trinkwasser 
wird man in der Schule vor dem Einbruch des Unterleibstyphus leid- 
lich sicher sein; die Kinder werden vielleicht hier oft besser geborgen 
sein als im Hause der Eltern. Aus diesem Grunde dürfte an und für 
sich durch das Herrschen der Typhusepidemie der Schulbesuch nicht 
oder nur in den seltensten Fällen beeinflusst werden. Eine Ausnahme 
würde hier nur wieder das Auftreten des Typhoids im Schulhause 
selbst, in der Familie des Lehrers oder Schuldieners machen, einmal, 
weil dies vielleicht den Fingerzeig giebt, dass im Schulhause selbst die 
hygienische Fürsorge nicht hinlänglich gehandhabt worden ist und 
verborgene Schädlichkeiten vorhanden sind, vorausgesetzt, dass die 
Erkrankung nicht nachweislich ihren Ursprung von einem dritten 
Orte her datirt, und sodann, weil die unvorsichtige Entfernung der 
Dejectionen des Typhuskranken, vielleicht ohne hinlänglich sorgsame 
Zerstörung des in denselben enthaltenen Contagiums, schliesslich zur 
Infection des Erdbodens um das Schulhaus oder der Closets führen 
und die Weiterverbreitung des Typhus zur Folge haben kann. Unter 
solchen Verhältnissen würde, falls man nicht geneigt wäre, die Schule 
aus dem Schulhause zu verlegen, die strengste sanitätspolizeiliche 
Ueberwachung stattfinden müssen, welche sich auf Boden, Luft, 
Wasser und Closets zu erstrecken haben würde. Sollte trotz aller 
Sorgfalt die Weitertragung der Contagion durch ein Schulkind sich 
erweisen lassen, so bliebe allerdings auch hier nichts weiter übrig 
als das Verlassen des Schulhauses und Verlegung des Unterrichts 
nach einem notorisch und erwiesenermassen gesunden Wohnhause: 
Es ist indess nicht zu leugnen, dass diese Maassregel dem Unter- 
leibstyphus gegenüber in der Regel selten nöthig wird. 

Was die Cholera betriflft, so gilt für dieselbe nahezu das Gleiche 
wie für den Unterleibstyphus. Auch hier ist es ein stäbchenartiger 
Mikroorganismus, der von Koch beschriebene Kommabacillus, der die 
Krankheit verursacht, indem er vom Verdauungscanal des Menschen 
aufgenommen wird. Die Krankheit verbreitet sich bekanntermassen 
sehr leicht und in raschester Weise. Auch hier sind Speisen und 
Getränke in erster Linie die Verbreitungsmedien, wiewohl auch eine 
Uebertragung durch die Luft und durch Insecten sicher nicht völlig 
ausgeschlossen ist. Noch grösser als beim Typhus ist die Gefahr, 
dass mit den Keimen die Closets inficirt werden, und durch dieselben 
die weitere Verbreitung gefördert wird ; denn in den Dejectionen der 
Erkrankten befindet sich der Krankheitskeim in grossen Mengen. — 
Das Contagium haftet aber nicht bloss an Personen, welche an der 



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200 AusschluBs Yom Scholonterricht Schliessung der Schule. 

Seuche ernst erkrankt sind, sondern auch an solchen, welche an 
scheinbar nur unbedeutenden katarrhalischen Affectionen des Darm- 
canals leiden; diese Personen können demnach, da das Bacterium 
ebenfalls in ihren Dejectionen vorhanden ist, die Seuche überall dahin 
tragen, wo sie die Nothdurft zwingt, Spuren ihres Daseins zurück- 
zulassen. Darin liegt die eminente Gefahr des menschlichen Ver- 
kehrs zur Zeit der herrschenden Krankheit. Nimmt man all dieses 
zusammen, so leuchtet ein, dass die Schule ein Choleraheerd werden 
kann, wenn sie von Kindern besucht wird, deren Anverwandte an 
Cholera erkrankt und gestorben sind, und von Eondem, welche selbst 
an Choleradiarrhöen leiden und die Aborte der Schule aufsuchen. 
Die Prophylaxe hat hier die Aufgabe, die strengste Controle über 
die Schule auszuüben; mehren sich die Erkrankungsfalle unter den 
Schulkindern in einigermassen auffallender Weise oder, wir wollen 
noch praciser sein, erkranken aus ein und derselben Klasse in dem 
Zeitraum von wenigen Tagen mehrere Kinder, von denen sich nicht 
erweisen lässt, dass sie unter einander in anderen Beziehungen stehen, 
als durch den Schulbesuch, lasst sich denmach eine andere be- 
stinmite Quelle des Contagiums nicht erweisen, als der Schulbesuch, 
dann ist zunächst etwaigen Ursachen der Erkrankungen nachzu- 
spüren. Man untersuche die Closets und lasse dieselben, wo Wasser- 
leitung und Canalisation vorhanden ist, fortdauernd durchspülen ; wo 
dies nicht ist und Aborte mit Tonnen vorhanden sind, sorge man 
fQr alltagliche Entleerung derselben und Desinfection mit den fiüher 
bezeichneten Mitteln. Man überwache ausserdem den Brunnen und 
lasse, selbst wenn das Wasser gut erscheint, die Schuljugend nur 
abgekochtes Wasser trinken. Helfen alle diese Maassregeln nicht, 
und konmien erneute Krankheitsfalle vor, dann verlege man die 
Schule nach einem anderen Hause, und wenn auch hier wieder die 
Zahl der Erkrankungen erheblich ist, schliesse man die Schule. 
Wichtig wird bei herrschenden Choleraepidemien neben der persön- 
lichen üeberwachung der Kinder und der sofortigen Entfernung an 
Diarrhöen leidender Kinder aus der Schule die Belehrung der Ge- 
sunden bezüglich der gesammten Körperhaltung und -pflege sein; 
danmter wird obenan neben Einschärfung der strengsten Reinlich- 
keit das Verbot des Genusses roher Nahrungsmittel, wie Obst, Ge- 
müse u. s. w. und, wie schon erwähnt, auch des ungekochten Wassers 
sein. Man wird gut thun, auch das Baden in Flussläufen und öffent- 
lichen Badeanstalten zu untersagen. — Die grösste Aufmerksamkeit 
wird der Beinhaltung der Closets durch Spülung mit infectionsfreiem. 



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Ausschluss vom Schulunterricht Schliessung der Schule. 201 

gekochtem Wasser und Desinfection mit antiseptischen Mitteln, wie 
Carbolsäure, Kalkmilch u. a., zu schenken sein. — Sollte die Schule 
geschlossen werden müssen, so wird man die Zeit, in welcher die 
Schuljugend von dem eigentlichen Schulhause fem gehalten wird, 
dazu zu benutzen haben, die Schulzimmer energisch zu lüften und 
zu reinigen, die Glosets und Aborte zu desinficiren; endlich muss 
das Brunnenwasser fort und fort einer sorgföltigen bacteriologischen 
und auch wohl chemischen Gontrole unterzogen werden. Erst nach 
Durchfuhrung dieser Maassregeln kann das Schulhaus der Benutzung 
wieder übergeben werden. 

Erwähnen müssen wir femer, bei der augenblicklichen Con- 
stellation des Auftretens epidemischer Krankheiten, die Pest. — 
Bekanntlich ist durch die langsam sich vollziehende Annähemng 
tmd Einschleppung dieser furchtbaren Krankheit die Möglichkeit 
einer epidemischen Verbreitung auch auf europäischem Boden uns 
wieder näher gerückt. Die bacteriologische Forschung hat auch 
hier einen Bacillus als die Ursache der Krankheit uns kennen ge- 
lehrt. — Derselbe verbreitet sich ungemein leicht und gedeiht auf 
dem Boden der Unsauberkeit und fehlerhafter hygienischer Be- 
dingungen der Wohnungen. Dunkle, feuchte, schmutzig gehaltene 
Bäume, Schmutzansammlungen in schlecht gelüfteten Kellerräumen, 
Ställen etc. sind sein bester Nährboden, wie er denn von hier aus zu- 
meist von Ratten imd Mäusen aufgenommen wird, unter diesen gefähr- 
lichen Nagem sich epidemisch verbreitet und schliesslich dem Men- 
schen durch dieselben vermittelst des Contactes mit Kleidem, Wäsche 
und Nahrungsmitteln zugeführt wird. — Man wird als Prophylaxe 
gegenüber der Pest unmer nur die Pflege bester hygienischer Ver- 
hältnisse imd insbesondere sorgsamste Beinhaltung und Lüftung aller 
im Schulhause und dessen Adnexen befindlichen Räume empfehlen 
können. — Begreiflicherweise würde das Auftreten eines Pestfalles 
in einer Schule wegen der hohen Gefahr der Weiterverbreitung 
durch den Gontact und durch die Luft dazu zwingen, die Schule 
sofort zu schliessen und geeignete Desinfectionsmaassregeln zur 
Durchftlhrung zu bringen. — Es darf auf die belehrenden Vor- 
schriften *), welche jüngst von dem Kaiserlichen Gesundheitsamt aus- 
gegangen sind, verwiesen werden. 

Von acuten Infectionskrankheiten würden weiterhin die Entzün- 
dung der Ohrspeicheldrüsen (Parotitis epidemica, Ziegenpeter), die 

') S. Belehrung über die Pest. Berliner klin. Wochenschr. 1899. Nr. 52. 
p. 1145. 



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202 Aoaschluas Yom Schulanterridit. Schliflerang der Schale. 

Influenza und der epidemische Genickkrampf (Cerebrospinal- 
meningitis) mit Bücksicht auf den Schulverkehr ins Auge zu fassen 
sein. FOr die letzten beiden Erankheitsformen sind die mikrobischen 
Krankheitserreger ziemlich gut bekannt; auch hier handelt es sich 
um Bacterien^ die sich leicht weiter verbreiten und besonders durch 
den Contact und die Athmungsluft von Mensch auf Mensch fiber- 
tragen werden. Bei der Parotitis ist der Infectionskeim noch nicht 
bekannt; mit höchster Wahrscheinlichkeit ist indess auch hier ein 
solcher vorhanden, und die Uebertragbarkeit der Krankheit ist durch- 
aus analog derjenigen der anderen. — Die Parotitis giebt sich leicht 
durch die Schwellung der Ohrspeicheldrüsen zu erkennen, welche den 
Kindern ein ganz verändertes Aussehen giebt. So ist der Lehrer 
im Stande, die Krankheit oft schon im ersten Entstehen zu ent- 
decken und die Kinder nach Hause zu schicken. 

Influenza tritt insbesondere mit schwerer Abgeschlagenheit und 
mit hefbigeren katarrhalischen Symptomen, wie Husten, Schnupfen 
u. s. w., in die Erscheinung; auch giebt sie sich bald durch epi- 
demisches Auftreten kund. Meist sind die Kinder, wenn anders sie 
schwerer afficirt sind, gar nicht im Stande, die Schule zu besuchen; 
oder wenn dies doch geschieht, so machen dieselben mit ihrem 
schweren katarrhalischen Leiden einen derartig kranken Eindruck, 
dass der Lehrer oder Schularzt sofort die Affection erkennen imd 
die Eander nach Hause weisen kann. Freilich kann es kommen, 
dass bei verbreitetem Auftreten der Influenza die Schule geschlossen 
werden muss, weil die Mehrzahl der Schüler und wohl auch die 
Lehrer erkranken. 

Der epidemische Genickkrampf ist eine schwere, hoch 
lebensgefahrliche und ebenfalls mit der Neigung zur Verbreitung 
auftretende Krankheit. Auch hier muss es darauf ankommen, das 
Uebel früh zu erkennen. Es ist dies nicht inuner leicht. Es giebt 
viele Fälle, in denen die Affection die Kinder anscheinend blitzschnell 
erfasst, so dass dieselben unter Erbrechen, Verlust des Bewusstseins 
und allgemeinen Krämpfen zusammenbrechen. Wichtiger, weil für 
die Beurtheilung schwieriger sind indess die subacut oder lang- 
sam und schleichend zu Tage tretenden Krankheitsformen; auch 
diese sind gefährlich, ebensowohl für das erkrankte Kind selbst, 
wie für die Mitschüler, weU dieselben ebenso übertragbar sind wie 
die acutesten Formen. Man erkennt die Affection an dem schwer 
leidenden, oft bleichen Aussehen der Kinder, an ihrem durch Kopf- 
schmerzen bedingten Verlust der guten Laune und der Aufmerksam- 



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Ausscbluss vom Schulunterricht. Schliessung der Schule. 203 

keit und wohl auch an plötzlich auftretenden Uebelkeiten und Er- 
brechen. 

Es bedarf wohl keines Hinweises, dass alle diese bisher ge- 
nannten Erkrankungsformen den Schulbesuch der Kinder, selbst 
wenn derselbe für eine Zeit lang möglich erschiene, völlig aus- 
schliessen und dass sich das Augenmerk der Lehrer, an der Hand 
der Belehrung durch den Schularzt, daraufhin richten möge, die 
Krankheiten früh zu erkennen. Fast möchte ich behaupten, dass 
die Lehrer hier durch rasches Eingreifen noch nützlicher sein können 
ak die Schulärzte, denen das Aussehen und Wesen der einzelnen 
Kinder nicht so bekannt ist wie den Lehrern, die das Kind täglich 
unter Augen haben. — Besonderer Beachtung ist noch die That- 
sache werth, dass alle bisher genannten Krankheitsformen auch in 
der Familie des Lehrers und des Schuldieners ausbrechen können. — 
Da nach den in dem ersten Bande gegebenen Plänen von Schul- 
häusem die Wohnung des Lehrers und Schuldieners vielfach und 
wenigstens doch in den kleineren Schulen im Schulhause vorgesehen 
ist, so kann die Frage zur Erörterung stehen, ob die Kinder ein 
derartig inficirtes Schulhaus überhaupt besuchen dürfen, und ferner, 
ob der Lehrer selbst, der ein infectionskrankes Kind hat, den Unter- 
richt weiter geben dürfe. — Am liebsten möchte man beides ver- 
neinen; denn dies wäre unzweifelhaft das Sicherste. Bei Scharlach, 
Diphtherie , schwerer Cerebrospinalmeningitis , auch bei Cholera, 
Typhoid und Pest wird es nicht zu gestatten sein, dass die Kinder 
das Schulhaus besuchen. Die Schule wird in ein anderes Haus zu 
verlegen sein ; der Lehrer selbst aber wird nur dann den Unterricht 
fortsetzen dürfen, wenn jeder Contact zwischen ihm und seinem 
erkrankten Kinde ausgeschlossen ist. Daher wird auch auf das 
Strengste zu beachten sein, dass Lehrer und Schuldiener von den in 
ihren Familien ausgebrochenen Krankheiten sofort der vorgesetzten 
Behörde Anzeige machen, und dass dort, wo ein Schularzt in Function 
ist, dieser in die genaue Prüfung der Verhältnisse eintritt und seine 
Entscheidungen der Behörde raschest unterbreitet. 

Zu den Infectionskrankheiten zwar nicht direct zugehörig, aber 
wegen ihrer Uebertragbarkeit für die Schule auf das Höchste be- 
achtenswerth sind weiterhin die Tuberculose und die infectiösen 
Augenkrankheiten, darunter obenan die als Körnerkrankheit (Tra- 
chom) bezeichnete schwere Affection. 

Von der Tuberculose soll an dieser Stelle niu* insoweit die Rede 
sein, als dieselbe, als übertragbare Krankheit, die Ausschliessung der 



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204 Ausschluss vom Schulunterricht. Schliessung der Schule. 

Erkrankten von dem Unterricht bedingt und als zur Verhütung der 
Verbreitung gerade in der Schule und durch dieselbe besondere Vor- 
sichtsmaassregeln geboten erscheinen. — Durch Robert Koch's 
Entdeckung ist (1882) festgestellt worden, dass die Tuberculose 
durch einen Bacillus erzeugt wird, der vom Menschen auf den Men- 
schen, aber auch auf das Thier und vom Thiere auf den Menschen 
übertragbar, ebensowohl örtliche Erkrankungsheerde in den ver- 
schiedensten Organen und Geweben erzeugt, wie er durch Allgemein- 
infection tödtliche Wirkungen zur Folge hat. Die Tuberculose ist 
seither als eine der verheerendsten und bösartigsten Volkskrank- 
heiten erkannt worden, welche kein Geschlecht, keine Altersstufe 
und keinen Stand verschont. Freüich lässt die Statistik gerade der 
kindlichen Tuberculose noch sehr viel zu wünschen übrig, indess 
liegen doch immer einige bemerkenswerthe Daten vor, welche die 
grosse Gefahr der Tuberculose für die der Schulzeit angehörende 
Jugend erkennen lassen. — Aus der über die Jahre 1875 — 1896 
geführten preussischen Statistik geht hervor, dass auf 10000 Lebende 
an Tuberculose Gestorbene kommen 

im Alter von 5 — 10 Jahren = 5,58 männl. u. 6,79 weibl. 
, , , 10-15 . = 12,70 , . 22,17 , 
, , « 15-20 , = 34,95 „ , 43,69 , 

Ich vermochte an meinem eigenen Beobachtungsmateriale festzu- 
stellen, dass auf 16163 kranke Kinder, welche im Kaiser- und Kaiserin- 
Friedrich-Kinderkrankenhause in Berlin Aufnahme fanden, an Tuber- 
culose erkrankt waren 

im Alter von 4—10 Jahren = 248 = 26,58^/0 
, , , 10-14 , = 83 = 8,88 , 

Gelegentlich des in Berlin im Jahre 1899 abgehaltenen Tuberculose- 
congresses machte Schmid über die Verbreitung der Tuberculose 
in der Schweiz die Mittheilung, dass an 1000 Sterbefällen an Tuber- 
culose von Kindern betheiligt waren (in den Jahren 1878 — 1897) 

im Alter von 5—14 Jahren = 112,4, 
„ „ , 15-19 , = 388,8. 

Es mögen diese Ziffern genügen, einen Einblick zu gewähren, wie 
sehr die Kinder im Schulalter von der Tuberculose bedroht, wiet 
sehr ihr Leben gefährdet ist. — Die Krankheit ergreift Kinder in 
der mannigfachsten Weise, ebenso indem sie schwere örtliche Er- 



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Ausschluss vom Schulunterricht. Schliessung der Schule. 205 

krankungsheerde an Knochen, Drüsen und Haut setzt, wie sie auch 
durch Affection der Lungen, des Darmcanals und der anderen inneren 
Organe mehr oder weniger rasch zum Tode führt. — Es kamen 
auf 1000 Todesfälle in der Schweiz nach Schmid im Alter von 
5 — 14 Jahren 

112,3 Gestorbene an Lungentuberculose, 

94,0 , , Tuberculose des Gehirns und der Hirnhäute, 

25,3 „ yt Tuberculose der übrigen Organe. 

BUerbei ist also nicht der überlebenden durch die Tuberculose stark 
Geschädigten gedacht, die eine weit beträchtlichere Zahl noch aus- 
machen dürften. — Der Tuberkelbacillus ist in dem Auswurfe tuber- 
culöser Lungenkranker vorhanden und wird auch bei Hustenstössen 
in die Umgebung derselben durch Sputumbiäschen und -tröpfchen 
verstreut. Derselbe gelangt aus dem trocken gewordenen Sputum 
tmd diesen Hustenpartikeln in den Staub der Zimmer und in die 
Zimmeratmosphäre und wird so den Athmungsorganen der in dem 
Zimmer Befindlichen zugeführt. Sterben auch sehr zahlreiche der 
ausgehusteten Tuberkelbacillen unter dem Einfluss von Austrock- 
nung, von Luft und Licht ab, so bleiben doch immer zur Infection 
hinreichend gefährliche Mengen übrig. — Der TuberkelbacUlus haftet 
an den Gebrauchsgegenständen der Tuberculosen, an Taschentüchern, 
Kleidern, Büchern u. s. w., und auch hier bleiben für eine gewisse 
Zeit gefährliche Mengen lebens- und keimfähig. — So ist bei der 
grossen Empfänglichkeit des kindlichen Körpers für die Tuberculose 
jeder mit der Krankheit Behaftete für dieselben eine stete und leb- 
hafte Gefahr. Die Aufnahmefähigkeit und Haftbarkeit wird befördert 
durch mangelhafte Widerstandsföhigkeit des kindlichen Organismus 
nach schweren Erkrankungen, insbesondere nach anderen Infections- 
krankheiten, wie Bronchitis, Pneumonie, Influenza, Masern, Keuch- 
husten u. a. mehr, femer durch eine mangelhafte und oberfläch- 
liche Athmung, beispielsweise bei aufmerksamem Lesen, Schreib- 
sitzen u. s. w., insbesondere in einer an sich nicht genügend reinen, 
so durch die Anwesenheit Vieler in einem beschränkten Raum ver- 
dorbenen Luft, oder in einer Luft, welche reich an Staubbestand- 
theüen ist. — Der Tuberkelbacillus kann auf solche Weise den 
Lungen der Kinder zugeführt werden, indess kann derselbe auch 
auf der Haut haften bleiben und dieselbe zur Erkrankung bringen 
oder durch Aufnahme in die Lymphgefässe den Lymphdrüsen und 
Knochen zugeführt werden und dort Entzündungsheerde specifischer 



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206 Ausschloss Tom Schulunterricht. Schliessung der Schule. 

Natur erregen. — Die Tuberculose ist, wie bereits erwähnt, eine 
Krankheit, welche auch bei Thieren Yorkommt, so unter dem Bilde 
der Perlsucht beim Rinde. Die Krankheit ergreift bei Kühen nicht 
selten die Euter und erzeugt örtliche tuberculose Heerde daselbst; von 
hier aus kann der Tuberkelbacillus in die Milch und weiterhin in die 
von der Milch hergestellten Producte gelangen. Auch das Fleisch der 
erkrankten Thiere kann mit tuberculösen Heerden durchsetzt sein, so 
dass diese zu Tragern und Verbreitem der Tuberculose werden. — 
Freilich widersteht der Tuberkelbacillus nicht der Einwirkung hoher 
Temperaturen und kann durch dieselben abgetödtet werden, so dass 
die abgekochte Milch tuberculöser Kühe ebenso wie das gar ge- 
kochte Fleisch als ungefährlich bezeichnet werden können. Dagegen 
ist die Anwesenheit lebensfähiger und wirksamer Tuberkelkeime in 
Butter und Käse durch die Untersuchungen Obermüller's^) un- 
zweifelhaft festgestellt. 

Enthalten diese bisher gemachten Angaben in kürzerer Ueber- 
sicht für die Frage der Gefahr der Tuberculoseverbreitung unter 
den Schulkindern die bedeutsamsten Thatsachen, so kann es nicht 
schwierig werden, für die Frage der Tuberculoseverhütung die 
geeigneten Maassnahmen zu treffen. Luft, Licht, Reinlichkeit, Staub- 
freiheit in den Schulzimmem werden in erster Reihe die Verbreitung 
der Tuberculose unter den Schulkindern verhüten, selbst dann, wenn 
Tuberkelkeime in die Schulluft gelangen sollten. Dazu werden über- 
dies viel Bewegung im Freien, Tumspiele, Stählung des ganzen 
kindlichen Organismus beitragen. — Lidessen wird begreiflicher- 
weise auch dafür Sorge getragen werden müssen, dass nicht Tuberkel- 
bacillen in die Schulluft hineingetragen werden. Tuberculose Kinder, 
insbesondere solche mit tuberculösen Hautgeschwüren oder aus- 
gesprochener Lungentuberculose, müssen von der Schule femgehalten 
werden. Nur in dieser Femhaltung ist ein sicherer Schutz gegeben. 
— Alle Vorsichtsmaassregeln, welche im Umgange mit tuberculösen 
Erwachsenen vorgeschrieben werden, erscheinen mir als durchaus 
imzureichend. Mit der Anwendung des Dettweiler'schen Sputum- 
fläschchens, der Verwendung von mit Flüssigkeit gefüllten Spuck- 
näpfen u. a. mehr ist als prophylaktischen Maassnahmen bei Schul- 
kindern so gut wie nichts anzufangen; höchstens können dieselben 
bei in den obersten Klassen der Gymnasien befindlichen kranken 
Schülern in vereinzelten und ausnahmsweisen Fällen als ausreichend 
betrachtet werden. — Selbst den tuberculösen Lehrer wird man 



*) b e r m ü 1 1 e r , B ericht über den Tuberc ulosecoDgress. 1 899. p . 674. 

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Ausschluss Yom Schulunterricht. Schliessung der Schule. 207 

aus der Schule bannen müssen. Derselbe ist selbst unter der Voraus- 
setzung der besten Yorsichtsmaassregeln fUr die von ihm zu unter- 
richtenden Kinder eine hohe, stete dieselben umgebende Gefahr. — 
Für Kinder mit nachweisbarer Tuberculose wird man unweigerlich 
eigene Schuleinrichtungen treffen müssen. — Die Heilstättenbewegung 
der jüngsten Zeit steht hier vor einer noch völlig neuen, aber, wie 
ich glaube, gar nicht allzu schwierig zu lösenden Aufgabe, die indess 
sicher um so mehr erspriesslich ist, je mehr die Tuberculose der 
jüngeren Altersstufen, wie es thatsächlich der Fall ist, der Heilbar- 
keit zugängig ist als diejenige der Erwachsenen. Bei der notori- 
schen Verbreitung der Tuberculose unter den Kühen wird man aber 
überdies den Genuss ungekochter Milch der Schuljugend überhaupt 
untersagen müssen; am wenigsten wird zu dulden sein, dass in der 
Schule selbst ungekochte Milch zum Genuss während der Zwischen- 
pausen verabreicht wird. — Bei den Gefahren, welche der Schul- 
jugend durch die Tuberculose drohen, wird es ausserdem vom grössten 
Vortheile sein, hygienisch belehrend über die Krankheit und deren 
Verbreitung auf die Lehrer und auch auf die Schuljugend zu wirken. 
Die contagiösen Augenentzündungen sind für die Schule 
um deswillen so bedeutungsvoll, weil die dadurch erzeugten Seh- 
störungen den Unterricht hemmen und weil die schweren Formen das 
Sehvermögen auf die Dauer bedrohen und zur definitiven Erblindung 
zu führen vermögen. Man hat nach der allmählich wohl von der 
Mehrzahl der Augenärzte angenommenen Anschauung zwei Haupt- 
formen der contagiösen Erkrankungen des Auges zu unterscheiden: 
die Conjunctivitis folliculosa und die Conjunctivitis granulosa (das 
Trachom oder die Kömerkrankheit, auch ägyptische Augenentzün- 
dung). — Die erstere — bei stärkerer Ausdehnung und lebhafterer 
entzündlicher Beizung in manchen Fällen nicht ganz leicht von dem 
echten Trachom zu unterscheiden, was selbst der energischeste Ver- 
treter des Dualismus (Schmidt-Rimpler) zugiebt — verläuft bei 
geeigneter Behandlung im Ganzen leicht und günstig und geht ohne 
Benachtheiligung des Sehvermögens zur Heilung. Das Auftreten 
der Krankheit, die sich durch Böthung und Schwellung der Con- 
junctivalschleimhaut mit bläschenförmigen Erhebungen und leichten 
folliculären Einsprengungen charakterisirt, ist mehr sporadisch, kann 
aber rasch auftretend ziemlich weite Verbreitung unter den Kindern 
einer Schule nehmen. Es scheint, dass in den in besserer Cultur 
stehenden Ländern gerade diese Affection die eigentliche häufige 
Augenentzündung der Schulkinder sei; wenigstens geben Seh midt- 



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208 Ausschlusa vom Schulunterricht. Schliessung der Schule. 

Rimpler^), Cohn u. A.*) an, unter einer erheblichen Zahl mit 
Augenentzündungen behafteter Schulkinder gerade diese Affection 
gefunden zu haben, während Trachomkranke nur vereinzelt zur Be- 
obachtung kamen. — Man wird, schon um der Störung des Unter- 
richts willen, der Affection in jedem Falle in der Schule grosse 
Aufmerksamkeit zu schenken haben, die einzelnen Falle in besondere 
sorgfältige Behandlung zu nehmen haben und schwer Erkrankte aus 
den Schulen entfernen müssen. Die Anempfehlung und Durchführung 
grösster Reinlichkeit, insbesondere an den Händen und Taschen- 
tüchern der Kinder wird im Stande sein, der Krankheit alsbald ein 
Ziel zu setzen und die Contagion auszutilgen. — In Alumnaten wird 
man die Waschgefasse, Handtücher u. s. w. einer besonders sorg- 
fältigen Ueberwachung unterziehen und vor Allem dafür Sorge tragen, 
dass jedes Kind seine eigenen Utensilien zum Waschen und Ab- 
trocknen besitze. Auch wird man die Erkrankten von den Ge- 
sunden absondern. 

Weit bedeutsamer ist das eigentliche Trachom, welches durch 
die grobe, aus netzförmigen Zellhaufen bestehende KörnerbUdung 
unter Mitbetheiligung des Papillarkörpers der Schleimhaut des Con- 
junctivalsackes zu schweren Läsionen des Auges, Geschwürs- und 
Narbenbildung, Gefässentwickelung, Gomealtrübung und Hypopion- 
keratitis mit Verlust des Auges zu führen vermag. Die Krankheit 
ist als eine wahre Yolkskrankheit weit über die Erde verbreitet und 
wird, wie aus den Studien von Hirschberg^), Greeff, vanMil- 
lingen, Kirchner u. v. A. hervorgeht, zu einer das Sehvermögen 
ganzer Nationen bedrohenden Affection. — Das Contagium der 
Krankheit ist bis jetzt noch nicht bekannt; indess ist die Affection 
durch den Contact übertragbar und wird von Mensch auf Mensch 
durch gemeinsame Benutzung der Waschgefässe , vielleicht auch 
durch gemeinsame Benutzung unsauber gehaltener und inficirter 
Badeeinrichtungen und Bäder verbreitet. — Die Krankheit ist so- 
nach, wie Cohn betont, vorzugsweise eine von denjenigen, für deren 
Verbreitung mehr das Haus als die Schule verantwortlich gemacht 
werden muss. — Man wird auch hier prophylaktisch in erster Reihe 
den Ton auf die praktischen Maassnahmen nach der Richtung der 
Durchführung strengster Sauberkeit zu legen haben. — Der Staat 

^) Seh midt-Rimplet, Berliner klin. Wochenschr. 1895. Nr. 1 u. Deutsche 
med. Wochenschr. 1898. Nr. 47. 

^) S. darüher die Yerhandlungen auf dem X. internat. medicin. Congress 
in Berlin und auf dem XII. internat. medicin. Congress in Moskau. 

') Archiv f. Kinderheilk. Bd. XXV, p. 207. 



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Ausschluss vom Schulunterricht. Schliessung der Schule. 209 

und die Communen werden durch Verbesserung der socialen Ein- 
richtungen und durch Belehrung am besten zur Verhütung der Ver- 
breitung beizutragen vermögen. Für die Schule selbst kann es sich 
nur um möglichste Isolirung der Erkrankten, Warnung vor dem Con- 
tacte derselben mit gesunden Kindern und endlich um möglichst sorg- 
same Durchführung der Behandlung der Erkrankten handeln. Es kann 
bezüglich der näheren Details hier nur auf die einschlägigen Arbeiten^), 
bezw. auf die Lehrbücher der Augenheilkunde verwiesen werden. 

Mit wenigen Worten wäre weiterhin noch der Lepra zu ge- 
denken, jener furchtbaren, meist den südlichen Ländern, indessen auch 
einzelnen Ländern des hohen Nordens (Skandinavien) zugehörigen, 
durch den Leprabacillus erzeugten Erkrankungsform, deren Uebertrag- 
barkeit ebenfalls als feststehend bezeichnet werden kann. Viele Jahre 
hindurch hat man derselben nur wenig Aufmerksamkeit in Deutsch- 
land geschenkt, bis neuerdings durch Fürst, Blaschko, Lassar und 
Kirchner auf einzelne Lepraheerde^) im Osten Deutschlands aufmerk- 
sam gemacht worden ist, so dass die preussische Regierung begonnen 
hat, durch Errichtung eines Leprahauses eine Internirung der einzelnen 
wenigen Erkrankten anzubahnen. — Vorläufig hat die Affection für 
die Schule in Deutschland keine oder zum mindesten nur geringe Be- 
deutung. Indess wird man in Gegenden, wo Lepra auftaucht, sicher 
ein sorgsam wachsames Auge haben und an Lepra erkrankte Kinder 
völlig vom Verkehr mit anderen Kindern ausschliessen müssen. 

Im Anschlüsse an diese Krankheiten haben wir noch einiger 
parasitärer Krankheiten zu gedenken, welche von Kind zu Kind 
übertragbar sind. Hierher rechnet in erster Linie die Scabies 
(Krätze), welche durch eine lebende Milbe (Sarcoptes) hervorgebracht 
wird. Das Thier lebt unter der Hautoberfläche des befallenen Men- 
schen, wo es vollständige Oänge oder Minen gräbt, in welche es 
seine Eier legt. Die Uebertragung von Person zu Person geschieht 
durch directe Berührung und im Ganzen leicht. Die Krankheit giebt 
sich durch heftiges Jucken kund, so dass die erkrankten Personen 
fortdauernd kratzen müssen, und diese Eigenschaft dürfte geeignet 
sein, den Lehrer auf die Erkrankung bei dem einzelnen Schulkind 
aufmerksam zu machen. In der Mehrzahl der Fälle und zwar na- 
mentlich da, wo die Hände nicht häufigen Waschungen ausgesetzt 
sind, sieht man auf dem Handrücken und zwischen den Fingern 



*) S. die Verhandlungen der Berliner Medicinischen Geaellachaft, Februar 
1900 (Hirschberg, Kirchner). 

^ S. die Verhandlungen der Lepraconferenz. Berlin 1897. 
Baginsky, Schulhygiene. II. 3. Aufl. 14 



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210 AuBSchluBs vom Schalunterricht. Schliessung der Schule. 

kleine durchsichtige, bläschenartige Erhebungen von Hirsekorn- bis 
Linsengrösse , auf welchen eine feine linienartige Zeichnung den 
Minengang der Milbe markirt. Diese Efflorescenzen können auch dem 
Lehrer als Anhaltspunkte für die Feststellung der Diagnose dienen. 
Scabieskranke Kinder sind sofort vom Schulunterricht auszuschliessen 
und der ärztlichen Behandlung zu überweisen, weil sie eine Gefahr 
für die Mitschüler sind. 

Andere Krankheiten ansteckender Natur, welche durch Pilze her- 
vorgebracht werden, sind der sog. Erbgrind (Favus) und Ringwurm 
(Herpes circinnatus UQd tonsurans). Beide Krankheiten sind durch 
eigenartige, den Fadenpilzen zugehörige pflanzliche Parasiten er- 
zeugt, welche in der Haut, den Haaren und Haar bälgen wuchern 
und daselbst zur Ausreifung imd Sporenbildung gelangen, begreif- 
licherweise nicht ohne das Hautorgan zu schweren Entzündungen an- 
zuregen und in schwerster Weise zu schädigen. — Die Favusform 
ist nicht allein die ekelhafteste, sondern auch die hartnäckigste aller 
parasitären Hautausschläge und giebt sich durch dicke, gelbe, trockene 
Borken kund, welche in schüsseiförmiger rundlicher Gestalt, von 
Erbsen- bis Groschengrösse dicht an einander liegend, die Kopfhaut 
bedecken. Jede dieser rundlichen Borkenmassen besteht aus fast 
nichts anderem, als abgestorbenen Oberhautschüppchen und Pilzrasen 
mit Brutzellen, welche letztere die Fortpflanzung und Uebertragung 
des Pilzes auf andere Personen und auf andere Körpertheile der- 
selben Person ermöglichen. — Da sich die Sporen des Pilzes beim 
Kratzen, beim Durchfahren durchs Haar, welches übrigens sehr bald 
verloren geht, ausstreuen, so ist die Anwesenheit eines favuskranken 
Kindes eine Gefahr für die übrigen Schulkinder, welche beseitigt 
werden muss. Zur Erkennung des Favuspilzes hat Neisser em- 
pfohlen, die Borken mit Alkohol zu betupfen. Die Favusmassen er- 
scheinen hierbei intensiv gelb. — Diese einfache Probe kann für die 
Beurtheilung von Borkenmassen auf der Kopfhaut zu Hilfe genommen 
werden, indess wird man auch schon ohne eine solche die hässlich aus- 
sehenden Kinder aus der Schule entfernen müssen. Der Favus befallt 
übrigens nicht allein die Kopfhaut, sondern auch andere Hautstellen 
und selbst die Nägel, indem er auch hier gelbliche, runde Einlage- 
rungen erzeugt, welche die Nägel zerstören. 

Herpes tonsurans wird von dem als Trichophyton tonsurans 
bezeichneten Fadenpilz erzeugt und macht in der Regel in Kreisen 
oder in Achterform sich verbreitende heftig juckende Bläschenaus- 
brüche. — Die Pilze greifen das Haar selbst an, indem sie in dasselbe 



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Ausschluss vom Schulunterricht. Schliessung der Schule. 211 

hineinwuchern. Geht das Haar verloren, so entstehen alsdann kreisrunde 
kahle Flecken auf der Kopfhaut, welche von einem Kranz von kleinen 
Bläschen umgeben sind. Auch diese Krankheit gehört zu den schwer 
heilbaren, weil die Parasiten nicht leicht zerstörbar sind. Der Herpes 
circinnatus ist dieselbe Krankheit auf der übrigen Körperhaut, und 
ist hier leichter der Heilung zugänglich, weil keine Haare die Ein- 
wirkung des Medicaments hindern. — Welche Bedeutung die ganze 
Gruppe dieser Krankheiten für die Schule hat, möge aus dem einen 
Beispiele sich erweisen lassen, dass Fox^) in einer öffentlichen An- 
stalt bei London 300 Zöglinge an Tinea tonsurans und circinnata 
hat erkranken sehen. Derselbe konnte die Sporen der Pilze in der 
Luft nachweisen und erklärt, dass es bei sorgfältiger Untersuchung 
schwierig sei zu entscheiden, wann die Kinder geheilt seien, ein 
Beweis fUr die zu übende Vorsicht bei Wiederzulassung zur Schule. 
Die Literatur ist überdies reich an Mittheilungen über ähnliche 
Schulepidemien, so schildert Alder Smith*) eine Epidemie, bei 
welcher von 47 Knaben 46, von 45 Mädchen 37 erkrankten, ebenso 
Dühring^) eine Epidemie, wo von 48 Knaben 30 schwer erkrankten; 
Deshayes^) beobachtete in Ronen eine Epidemie in einer Schule, 
die durch einen Knaben hineingetragen wurde, welcher von einer 
anderen Schule bereits entfernt worden war. — Man hat also allen 
Grund, mit diesen sich sehr leicht verbreitenden Krankheiten vor- 
sichtig umzugehen, und auch hier den Wiedereintritt der Erkrankten 
in die Schule von der völligen Heilung abhängig zu machen. 

Dass man auch Kinder mit Ungeziefer aus der Schule entfernen 
müsse, bedarf wohl keiner weiteren Motivinmg. 

Zu den ansteckenden Krankheiten gehören, wenn auch in etwas 
anderem Sinne, als diese Bezeichnung gewöhnlich genommen wird, 
abgesehen von den schon erwähnten Nervenkrankheiten, noch das 
Stottern und endlich die zu den psychischen Anomalien der Jugend 
zu rechnende Onanie. Wir kommen später an anderer Stelle auf 
diese Affectionen zurück; dieselben sind wichtig, weil sie oft in 
directer Beziehung zur Schule und -zu dem Einfluss stehen, welchen 
die Schule auf den kindlichen Organismus ausübt. 

Wir haben somit eine grosse Reihe von Affectionen kennen 
gelernt, welche entweder den Schulbesuch des einzelnen Kindes zu 

^) Fox, Ringworm in schools. The Lancet. Jan. 6. 1872. 
*) Alder Smith, Verj extensive outbreak of Ringworm of the Head in 
a 0chool. British med. Journal, 16. December 1882. 
') Du bring, American Journal. Pebruary 1892. 
*) Deshayes, Gaz. hebdoraad. de m^dicine. 1894. Nr. 30. p. 365. 



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212 Ausschi usa vom Schalunterricht. Schliessung der Schale. 

unterbrechen, oder den Schluss der Schule zu bedingen vermdgen. 
Gewiss sind beide Maassregeln keineswegs für den Unterricht er- 
spriesslich, und man wird sich namentlich zu der letzteren erst nach 
reiflicher Erwägung der Verhältnisse entschliessen. Wenn irgendwo, 
so tritt hier die Nothwendigkeit ärztlichen Beirathes f&r die Schule 
herror und die hygienischen Interessen scheinen den pädagogischen 
entgegenzutreten; doch ist auch hier dies nur scheinbar. That^U^h- 
lich sind die Interessen gemeinsame, da ja nur Schüler von dem 
Unterricht abgehalten werden, welche denselben durch ihre Gegen- 
wart stören und nutzlos machen würden, und überdies Gefahren für 
die Gesundheit fern gehalten werden, während diese doch das wich- 
tigste Erfordemiss eines gleichmässig fortschreitenden fruchtbaren 
Unterrichts ist. — Die Schliessung der Schule kann in letzter Linie 
für den Zweck des Unterrichts genau so noth wendig werden, wie für 
den der Bewahrung der Gesundheit der Schulkinder, da das längere 
Ausbleiben einer stets wechselnden Gruppe von Schülern schliesslich 
den Unterricht zu steten Wiederholungen desselben Gegenstandes 
zwingt und am regelmässigen Fortschreiten hindert; auf der anderen 
Seite wird die gesimd gebliebene Schülerzahl mit demselben Gegen- 
stande zu lange beschäftigt und deshalb ermüdet. An und für sich 
ist aber auch bei Schulkindern, deren Zahl in einer Klasse erheblich 
zusanmiengeschmolzen ist, nicht die Aufmerksamkeit so rege, wie 
sonst, so dass auch hierin eine Quelle für die Nutzlosigkeit des Unter- 
richts zur Zeit schwerer Epidemien liegt, eine Erfahrung, welche 
jeder Pädagoge unter den genannten Umständen gemacht haben 
dürfte. Man braucht deshalb von pädagogischer Seite das Schliessen 
der Schule bei schweren Epidemien nicht allzusehr zu verurtheilen. 
Dass das Schliessen der Schule nicht eigenmächtig und im Uebereifer 
durch den Schularzt geschieht, ist schon durch die gesetzlichen Vor- 
schriften über die Schliessung der Schule verhindert; der Schularzt 
wird aber sicher nicht leichtsinnig dazu schreiten, schon deshalb 
nicht, weil der Eindruck, dass herrschender Krankheiten wegen die 
Schule geschlossen sei, auf die gesanunte Bevölkerung nicht un- 
erheblich und keineswegs ermuthigend ist. Dies darf auf der anderen 
Seite freilich auch nicht dort, wo die Nothwendigkeit, die Schule 
zu schliessen, sich herausgestellt hat, als Beweggrund gelten, den 
Entschluss nicht zur Ausführung zu bringen. Man muss, und dies 
gilt für den Arzt, wie für den Lehrer in gleichem Maasse, dessen 
eingedenk sein, dass das Wohl der Jugend in der Schule das höchste 
Gesetz sei. 



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Dritter Theil. 

üeber den Einfluss des Unterrichts auf die 
Gesundheit. — Schulkrankheiten. 



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die ganze Tuberculoseliteratur. 

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Hedinger, Die Taubstummen und die Taubstummenanstalten. Stutt- 
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Hartmann, Arthur, Taubstummheit und Taubstummenbildung. Stutt- 
gart. Ferdinand Enke 1880. 

Braukmann, Carl, Die im kindlichen Alter auftretende Schwerhörig- 
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Schmiegelow, E., Hosp. Tid. 1886. Bd. IV. Beiträge zur Kenntniss 
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Schirrminski, Untersuchungen des Gehörs der Schulkinder der Peters- 
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Lunin, N., Resultate der Untersuchungen des Gehörorganes im schul- 
pflichtigen Alter. Wratsch 1888. Nr. 41 ff. 

Stangenberg, E. , Beitrag zur Kenntniss des Zustandes des Gehör- 
organes, der Nase und des Rachens bei den Schulkindern. Hygiea 
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Levy, Max, Die adenoiden Vegetationen, ihre klinische Erscheinung und 
Bedeutung. Archiv f. Kinderheilk. Bd. XXV, p. 80. Mit umfassender 
Literaturübersicht. 

Rey, J. G. , Adenoide Vegetationen. Jahrb. f. Kinderheilk. Bd. XLV, 
p. 316. Desgleichen mit Literaturangaben. 

Meyer, Wilhelm, Hospitals Tidende. 1868. 4. und 11. Novemberheft. 

Kafemann, Schuluntersuchungen der kindlichen Nasen und Nasen- 
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Güge, Deutsche medicmische Wochenschrift 1887, Nr. 43 und 1888, 
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Biermer, Ansteckende Kinderkrankheiten in ihrer Beziehung zur Schule. 
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Delpech, Premiers symptomes des maladies contagieuses qui peuvent 
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Erlass des österreichischen Unterrichtsministers zur Hintanhaltung der 

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Aerztl. Vereins-Ztg. 1884. Nr. 9. 
Buhl, Lungenentzündung, Tuberculose und Schwindsucht. München 

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Aufrecht, Die chronische Bronchopneumonie (Lungenschwindsucht). 

Magdeburg 1875. 



Baginsky, Schulhygiene. II. 3. Aufl. 15 

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Eüdeitung. — üeberbttrdnng. 

Der Begriff «Schulkrankheit* schliesst scharf ein ätiologisches 
Moment ein und macht die Schule, indem er dieselbe zur Krankheit 
in directeste Beziehung bringt, yerantwortlich. Wir haben nur eine 
einzige Krankheitsgruppe, in welcher die Verknüpfung von Ursache 
und Krankheit in gleich präciser Form in den Vordergrund gestellt 
wird, das ist die Ghiippe der Berufskrankheiten. — Indess tritt so 
deutlich und sicher wie bei diesen das ursächliche Moment bei den 
als Schulkrankheiten bezeichneten Störungen durchaus nicht hervor, 
und wenn auch für einzelne derselben der Beweis des ursächlichen 
Zusammenhanges mit dem Schuleinfluss geführt werden kann, so 
lassen andere hierher gerechnete Krankheitsformen den losen Zu- 
sanmienhang mit der Schule nur allzu deutlich erkennen, noch andere 
zeigen sich von der Schule gänzlich unabhängig. Aus diesem Ver- 
hältniss erklärt sich der von uns schoa mehrfach angedeutete Wider- 
streit der Anschauungen in der Frage des Schuleinflusses als Krank- 
heitserreger. Nach der individuellen Auffassung des Autors wird 
hier die Schule, dort das elterliche Haus, werden hier die Einrich- 
tungen des Unterrichts, dort die socialen Verhältnisse für gewisse 
am Organismus der Kinder zur Zeit der Entwickelung zu Tage 
tretende Schäden verantwortlich gemacht. Die grosse Schwierigkeit 
der Entscheidung der Frage liegt darin, dass die Schulkinder weder 
dauernd den Einflüssen des elterlichen Hauses noch denjenigen der 
Schule unterworfen sind, dass sie beeinflusst sind von den in dem 
Hause der Eltern gebotenen besonderen Lebensbedingungen, der 
Wohnung, Ernährung und Kleidung, von vielen anderen Einflüssen, 
welchen sich der Mensch, auch wenn er der Schule längst ent- 
wachsen ist, nicht zu entziehen vermag. Kommen doch auch zur 
Zeit des Schulbesuches, in jenem Lebensabschnitte, wo körperliches 
Wachsthum und geistige Entwickelung lebhaft vor sich gehen, die 
angeerbten Eigenschaften ausgiebig mit zur Oeltung, und es ist nicht 



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üeberbürdung. 227 

unmöglich, dass äusseren Einwirkungen krankhafte Vorgänge zu- 
geschrieben werden, welche in der Organisation des Kindes von 
Geburt an liegen. Auf der anderen Seite kann man nicht leugnen, 
dass eine Thätigkeit, welche täglich vier bis sechs Stunden in An- 
spruch nimmt, Jahr aus Jahr ein hindurch, und zwar gerade in der 
Zeit der Entwickelung, auf die Jugend von Einfluss sein muss, selbst 
wenn diese Thätigkeit nicht stetig ist, durch Zwischenstunden, zeit- 
weiligen Ausfall an Nachmittagen und durch Ferien unterbrochen 
wird. Die Thätigkeit des Handwerkers wird später begonnen, und 
dennoch gibt sich zu einer Zeit, wo der ganze Körper schon mehr 
Festigkeit besitzt, als zur Zeit des Schulunterrichts, an demselben, 
ganz besonders häufig aber gerade an den augenscheinlich wider- 
standskräfbigsten Theilen, an Knochen und Muskeln, unzweifelhaft 
die Wirkung der dauernden Beschäftigung kund ; erkennen wir doch 
den Tischler, ohne ihn nach seinem Handwerk zu fragen, an dem 
hohen Rücken, den Schuhmacher an dem eingedrückten Sternum, 
den Bäcker an dem beiderseitigen Oenu valgum (Bäckerbeinen). Mit 
Unrecht hat man hervorgehoben, dass diese Verunstaltungen zu 
Stande kommen, weil der Körper dauernd derselben Schädlichkeit 
ausgesetzt wiurde, dauernd dieselben Stellungen bei der Thätigkeit ein- 
zunehmen habe, was in der Schule nicht der Fall sei. Auch der Hand- 
werker ist nicht dauernd und unausgesetzt den ganzen Arbeitstag 
hindurch thätig ; ganz besonders ist aber der Lehrling nicht dauernd 
thätig, und doch entstehen die genannten Veränderungen am häufigsten 
im Lehrlingsalter. Wem überdies diese unumstösslichen und Jeder- 
mann bekannten Thatsachen nicht beweisend genug und namentlich 
in Bezug auf den Einfluss der Schule nicht lehrreich genug erscheinen, 
den kann man auf die andere, ebenso geläufige Thatsache hinweisen, 
dass Männer, welche ihre Berufsthätigkeit an das Bureau fesselt, in 
welchem sie bei zumeist mit Schreiben verbundener Beschäftigung 
täglich 6 — 7 Stunden verbringen, im Verlaufe der Jahre eine leichte 
rechtsseitige Skoliose, mit Erhebung des rechten Schulterblattes ac- 
quiriren, dass dieselben gewisse Störungen in der Blutbildung er- 
fahren, dass sie bleich werden, an Verdauungs- und Athmungs- 
beschwerden leiden, dass sie Störungen im Sehvermögen unterworfen 
sind, kurzsichtig und schwachsichtig werden, mit einem Worte, unter 
dem Einflüsse ihrer Thätigkeit diejenigen Schäden bei erwachsenem 
Körper erwerben, welche wir unter dem Namen der Schulkrankheiten 
der Reihe nach werden zu erwähnen und durchzugehen haben. Hier 
trifft die Analogie mit dem Schulleben um so mehr zu, als auch 



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228 UeberbürduDg. 

diese Männer nicht stetig der Bureauarbeit ausgesetzt sind, sondern 
ebenfalls von anderen Lebensbedingungen besonderer Art beeinflusst 
werden, dass ihre Arbeitszeit nahezu nicht ausgedehnter ist als die 
eigentliche Schulzeit, dass Unterbrechungen durch Feiertage, Ferien 
und Erholungsreisen statt haben. Wenn so bei Erwachsenen unter 
immerhin günstigen Bedingungen Krankheitsbilder zu Stande kommen, 
welche nicht der Phantasie entnommen sind, sondern alltäglich Gegen- 
stand ärztlicher praktischer Thätigkeit sind, so wird man selbst von 
strengster pädagogischer Seite durchaus nicht umhin können, zuzu- 
gestehen, dass der krankmachende Einfluss der Schule auf die Jugend 
zum mindesten nicht zu den Unmöglichkeiten gehört und die ein- 
gehende Prüfung des so wichtigen Gegenstandes wird eine ernste 
und würdige Aufgabe des Erziehers der Jugend sowohl wie des 
sachverständigen Arztes sein müssen. Der kindliche Organismus 
befindet sich der Schule gegenüber ganz besonders dadurch in einer 
höchst precären Situation, dass das gleiche Gesetz einzig mit Be- 
rücksichtigung des Alters auf die Gesammtheit sich bezieht und 
Ausnahmen nur in beschränktem Maasse und schwierig zulässt. Das 
Schulzwangsgesetz, so bedeutungsvoll dasselbe für die Entwickelung 
des Bildungsgrades der Nation sein mag, birgt zweifelsohne die 
Gefahr, mit Hintansetzimg des Individuums der Gesammtheit zu 
dienen, und es führt so gleichsam einen militärischen Erziehungs- 
factor von vornherein in das Leben der Nation ein ; es ist in diesem 
Sinne durchaus nicht der Gesundheit des Einzelnen dienlich, sondern 
eher feindlich. Wir haben aber früher Gelegenheit gehabt, gerade 
diesen Punkt zu berühren und darauf aufmerksam zu machen, dass 
bei der Erziehung das Individuum das positivste Recht der Existenz 
habe, weil jeder Einzelne dem Staate und der Menschheit auf Ge- 
bieten nützlich werden kann, welche zwar von militärischen Lei- 
stungen oft weit ab liegen, dafür aber der Humanität und den Cultur- 
aufgaben zu Gute kommen. Die Berücksichtigung der Individualität 
ist deshalb um so mehr Aufgabe des eigentlichen Unterrichts, je 
zwingender das allgemeine Gesetz ist, und die Schadloshaltung des 
Individuums vor etwaigen deletären Einflüssen, welche die Schule 
in sich birgt, ist nur möglich, wenn ein aufmerksames Auge des 
Lehrers und Arztes sich den Nachtheilen nicht verschliesst, welche 
in Folge eines allgemeinen Machtgebotes des Staates den Einzelnen 
treffen. Aus diesen Gründen ist es nicht klug, dass Pädagogen sich 
gegen das sachverständige Urtheil von unparteiischen Aerzten ab- 
schliessen wollen, es ist aber ebenso unklug, wenn Aerzte den sonst 



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Ueberbürdung. 229 

in ihrer Wissenschaft gewahrten Boden der Erfahrung und der 
Thatsachen verlassen und sich in speculativen Erörterungen über die 
Möglichkeiten der Schädigung des kindlichen Organismus durch den 
Schuleinfluss verlieren, oder gar in Selbsttäuschung und im guten 
Eifer zufälliges Zusammentreffen von Ereignissen und Erscheinungen 
dazu benutzen, die Schule für Dinge verantwortlich zu machen, zu 
denen sie in gar keiner Beziehung steht, wobei sie den wichtigen 
ärztlichen Grundsatz ausser Augen lassen, dass post hoc noch lange 
kein propter hoc sei. — Das schwierige Gebiet der Schulkrankheiten 
muss streng wissenschaftlich, unparteiisch angefasst sein, damit man 
klar aufgedeckten Thatsachen vorbeugend und helfend entgegen 
treten kann, damit vorhandene Schäden beseitigt werden können, 
welche nicht allein die Leistungen des Jugendunterrichts, sondern 
mit denselben Gesundheit und Leben unserer Jugend gerade da ge- 
fährden, wo sie am sichersten geschützt sein sollten, nämlich in der 
Schule und bei der Erziehung. — Leider fehlt uns noch an vielen 
Punkten dieses Gebietes hinlängliches thatsächliches Material, welches 
wir erst dann werden zu erwarten haben, wenn eine umfassende, 
wirklich gute und einwandslose Medicinalstatistik vorhanden sein 
wird, welche sich ganz besonders auch auf die Schule erstreckt. 
Dieselbe ist für die Feststellung der Pathologie der Schulkrankheiten 
eine dringende Nothwendigkeit imd viel versprechend, da schon aus 
privaten Mitteln imd ohne staatliche Unterstützung unternommene 
Untersuchungen erfolgreiche Restdtate ergeben haben. Es darf hier 
auf Cohn's, Katelmann's, Axel Key's, Erismann's, Schmid- 
Monnard^s u. A. Untersuchungen verwiesen werden. Diese Unter- 
suchungen sind dazu angethan, den Zweiflern eines deletären Ein- 
flusses der Schule die Augen zu öffnen; denn wenn einzelne Ano- 
malien, welche man der Untersuchung unterwarf, sich offenkundig 
als Schulkrankheiten legitimiren mussten, wie dies beispielsweise für 
die Myopie und die Skoliose geschehen ist, so muss man wenigstens 
aufmerksam verfolgen, ob es nicht noch mehr dergleichen, vielleicht 
vermeidbarere Uebel giebt, welche mehr oder weniger mit dem 
Schuleinfluss in causalem Zusammenhange stehen. — Wir wollen 
indess, eingedenk der oben ausgesprochenen Worte, uns vor Ver- 
muthungen in Acht nehmen und nur an der Hand von Thatsachen 
an unsere Frage herangehen. 

Sieht man sich um, auf welchem Wege man bisher bemüht ge- 
wesen ist, die Frage über den gesundheitsgefährlichen Einfluss der 
Schule zur Entscheidung zu bringen, so begegnet man überall dem 



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230 Ueberbürdung. 

Versuche der Anwendung der Statistik, der Schlussfolgerung aus 
Zahlen. Die Statistik kann eine vorzügliche Hilüsmacht bei der Ent- 
scheidung wichtiger Fragen werden. Ihrem Wesen nach kann sie 
mit der Zusammenstellung und Aufrechnung von gleichartige Dinge 
bezeichnenden Zahlen gewisse Fragen correct beantworten und zur 
Entscheidung führen; auf der anderen Seite wird sie, bei nicht 
strenger Berücksichtigung der Gleichartigkeit, welche die Einzelziffer 
zu vertreten hat, durch Summen und Procentberechnungen unver- 
meidlich zu Irrthümem führen. Der strenge und nackte Statistiker 
verliert gerade, wenn es sich um medicinische Dinge handelt, gar zu 
leicht aus den Augen, dass jede Einzelziffer meist einen ganzen Krank- 
heitsfall mit all seinen Besonderheiten und verwickelten Vorgängen 
zu vertreten hat, und er läuft hier mehr wie irgend wo anders Ge- 
fahr, nur von einem besonderen Gesichtspunkte ausgehend, oder einer 
speciellen Bezeichnung verleitet, völlig Ungleichartiges zusammenzu- 
fügen. Darin liegt die ausserordentliche Unsicherheit der Medicinal- 
statistik, welche nur durch enorm grosse Zahlen einigermassen aus- 
geglichen werden kann. — Es wird deshalb bei der Medicinalstatistik 
mehr noch als irgendwo anders darauf ankommen, dass man bei 
Zusammenstellungen möglichst detaillirt vorgeht und man wird, selbst 
dies vorausgesetzt, bei den Summen immer noch gleichsam zwischen 
den Ziffern lesen, und dieselben nur mit Berücksichtigung der Eigen- 
schaften der Einzelzahlen, aus welchen sie berechnet sind, bei Schluss- 
folgerungen zur Verwendung bringen dürfen. Wo dies nicht ge- 
schieht, ist es besser, sich auf die Statistik nicht zu verlassen. 

Dies vorausgesetzt, kann man den Versuch wagen, an der Hand 
der Statistik an die Frage der Beeinflussung der Gesundheit der 
Kinder durch die Schule heranzutreten. Es soll hierbei sogleich aber 
betont werden, dass das von uns benutzte Material ein im Ganzen 
doch nur beschränktes ist und dass, wie schon erwähnt, erst eine 
in grossem Stil und nach derselben Methode geführte und von den 
gleichen Gesichtspunkten geleitete Statistik der Gulturstaaten einiger- 
massen sicherere Schlüsse zu ziehen gestatten würde. 

Man hat zunächst versucht, die Mortalitäts- und Morbiditäts- 
verhältnisse der Kinderwelt aus den Jahren vor der Schulzeit mit 
denjenigen der Schuljahre zu vergleichen. Der erste derartige Ver- 
such stammt von dem Dresdener ärztlichen Verein und führte zu dem 
Resultate, dass aus einer Zusammenstellung der Altersverschieden- 
heit der in der Kinderheilanstalt in Dresden ^) aufgenommenen 

') 1. c. p. 160. 

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üeberbürdung. 231 

Kranken nicht bloss die Erankenzahl mit Zunahme des Lebensalters 
abgenommen hat, sondern dass namentlich die Differenz zwischen 
den ersten 6 Lebensjahren zu den 6 folgenden 2354 : 804 war, was 
nahezu 3 : 1 ist. 

Wurde das erste Lebensjahr ausser Rechnung gelassen und der 
Vergleich gezogen zwischen den Lebensjahren 2—6 und 6 — 10, so 
ergab sich ein Yerhältniss wie 2:1. Es zeigte sich femer, dass 
in dem Zeitraum der Jahre 1826 — 1836 die Mortalität 



der ersten 6 Lebensjahre das . 


. . 36., 


r, zweiten 6 ^ „ . 


. . 154., 


„ dritten 6 „ „ . 


. . 212. 


Eind betraf. 





Der Dresdener Verein verwahrt sich mit Recht, dass man 
aus den Zahlen bedeutsame Schlüsse ziehe. — Seither liegen nun 
von vielen Seiten, insbesondere aber auch aus den grossen, nach 
strengen wissenschaftlichen Methoden arbeitenden statistischen Aem- 
tem Mittheilungen vor, welche eher einen Einblick in die Sterb- 
lichkeitsverhältnisse in der Zeit des Schulalters gestatten. Freilich 
ist man auch hier nicht im Stande, die Bedingungen im Einzelnen 
zu ermitteln, unter welchen die Zahlen zu Stande gekommen sein 
mögen. — Am Schlüsse einer summarischen Uebersicht der von 
hervorragenden Statistikern, wie Wappaeus, Bodio, Lombard, 
Geissler u. A. gemachten Erhebungen und Untersuchimgen der 
Sterblichkeit nach Altersstufen kommt Pfeiffer^) zu dem Schlüsse, 
dass bei Kindern mit dem erreichten 10. — 12. Lebensjahre eine sehr 
widerstandsföhige Periode beginne; damit ist also wenigstens all- 
gemein ausgedrückt, dass sich in diesen Jahren ein deletärer Ein- 
fluss des Schullebens auf das Kind nicht mehr zur Geltung bringe. 
Dies geht auch aus den folgenden erwähnenswerthen Mittheilungen 
hervor. Nach Petersson's^) Erhebungen in Upsala über die Sterb- 
lichkeitsverhältnisse im Kindesalter in den Jahren 1862 — 1882 starben 
von allen Lebend-Geborenen 



im 1. Lebensjahre 


, . . . 23,24 o/o 


, 2. 


. . . . 6,05 , 


. 3. 


, . . . 2,92, 


, 4. 


. . . 2,00, 



') S. Gerhardts Handbuch der Kinderkrankheiten Bd. I, p. 249. 

*) 0. V. Petersßon, üeber die Sterblichkeit im Eindesalter in der Stadt 
üpsala von 1862—1882. üpsala LakarefÖren XVm, 1883. — S. Ref. Jahrb. 
f. Kinderheilk. Bd. XX, p. 492. 



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232 



Ueberbürdung. 



im 5. Lebensjahre . 

r, 6.-9. 

, 10.— 14. « 



1,52 «/o 

4,03, 

1,50, 



PresP) giebt gelegentlich einer Zusammenstellung der Sterb- 
lichkeitsverhältnisse der Kinder nach den Resultaten der Volkszäh- 
lung von 1880 und 1890 an, dass, wenn von 100 im 1. Lebensjahre 
stehenden Knaben 24,9 ^/o, Mädchen 21,7 V sterben, die Sterblichkeit 
bis zum 6. Lebensjahre bis auf 2 — 1,5 ^/o absinkt, und dass dieselbe im 
Schulalter zum Mindesten ebenso günstig bleibt oder noch günstiger 
wird. Von 1,2 ^/o im 7. Lebensjahre fällt sie bis zum 14. Lebensjahre 
bis auf 0,4 ^jo ab. Es steigt somit die Lebenswahrscheinlichkeit, 
d. h. die Wahrscheinlichkeit, dass eines von der Zahl sterbe, vom 
7. bis zum 14. Lebensjahre von 80 bis auf 232 bei Knaben imd 
bis auf 200 bei Mädchen. Der günstigste Stand der Sterblichkeit 
und Lebenswahrscheinlichkeit wird mit beendetem 15. Lebensjahre 
erreicht, und ist bei Knaben 0,4 ®/o bezw. 244. 

Nach Singer*) entfallen auf 1000 Lebende in den Jahren 
1871—1893 in München im Alter von 





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1 — 1 Jahren . . 


. . 581,3 «/oo 




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. . 49,98 „ 




5-10 , . . 


. . 9,56 „ 




10-15 , . . 


. . 4,1 , 




15—20 , . . 


. . 5,0 , 




Nach der preussischen Statistik ka 


men auf 100 Gestorbene im Alter 




unter 


über 


über 


über 


über 5 


über 10 




1 Jahr 


1—2 Jahre 


2—3 Jahre 


3—5 Jahre 


bia 10 Jahre 


bis 15 Jahre 


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34,96 


7,50 


3,17 


3,51 


3,27 


1,40 


WeibUch 


30,28 


7,73 


3,31 


3,69 


3,57 


1,68 


und auf 10000 Lebende starben: 






Männlich 


2633 


684 


300 


166 


69 


32 


Weiblich 


2164 


659 


294 


164 


71 


36 



') Fr. Presl, Ueber die Sterblichkeit in den einzelnen Lebensjahren nach 
den Resultaten der Volkszählung in den Jahren 1880 und 1890. Vortrag auf 
der 66. Naturforscherversammlung in Wien. Internat, klin. Rundschau. 1894- 
Nr. 49. — S. Bericht Jahrb. f. Kinderheilk. Bd. XL, p. 333. 

") Carl Singer, Die Abmindemng der Sterblichkeitsziffem Münchens. 
München 1895. — S. nach der preussischen Statistik. Zusammengestellt bei 



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üeberbürdung. 



233 



Die Statistik der Stadt Berlin aus den Jahren 1876—1883 
ergiebt nach der Bökh'schen Sterbetafel als Mortalitäts-Coefficienten 
für das Alter von 



Jahren 


1 




1 


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10.70 


7,86 


5,74 


4,76 


3,92 


3,70 


2,85 


3,06 


3,53 


Weiblich 43.03 


17,58 


14,64 


11,98 


7,13 


6,00 


4,89 


3,97 


3,74 


3,55 


3,37 


8,61 



So ergiebt sich als allgemein gültiges Gesetz, dass die Sterb- 
lichkeitsyerhältnisse in den dem Schulbesuch gewidmeten Jahren 
nicht zu-, sondern abnehmen. Daraus kann nun freilich nicht ge- 
folgert werden, dass in dem Schulbesuch etwas besonders Günstiges 
für die Jugend geboten sei; denn unter der Erwägung, dass schon 
in den ersten Lebensjahren eine grosse Masse der eigentlich Schwa- 
chen zu Grunde geht, und dass in den nächsten Lebensjahren die 
Infectionskrankheiten die besonders Disponirten hinwegraffen, dass 
die Schule also in der Altersstufe vom 6. Lebensjahre an schon mit 
einem auserlesenen Materiale von Kindern zu thun bekommt, könnte 
man vielleicht sich vorstellen dürfen, dass die Verhältnisse noch 
besser sein müssten, wenn die Kinder dem Schulbesuch nicht unter- 
worfen wären. Diese Erwägung liegt schon deshalb nicht gar fern, 
weil aus den Zahlen hervorgeht, dass der Rückgang der Mortalität 
in den Altersstufen von 4 — 6 Jahren gegenüber den Vorjahren ein 
sehr erheblicher ist. — Indessen kann doch so viel wenigstens zur 
Beruhigung aus den bisherigen Betrachtungen und den angeführten 
statistischen Erfahrungen geschöpft werden, dass der Schuleinfluss 
sich in keiner Weise ungünstig hervordrängt, soweit wenigstens die 
Sterblichkeitsverhältnisse in toto berücksichtigt werden. 

Ob nun freilich nicht im Einzelnen hier doch bemerkenswerthe 
Beeinflussungen ungünstiger Natur zum Vorschein kommen können, 
ist wohl einer etwas eingehenderen Untersuchung werth. Betrachtet 
man die hauptsächlichsten bei der Mortalität zu berücksichtigenden 
Krankheitsformen nach der Acuität ihres Verlaufes und unterscheidet 
die Gruppe der acuten von den chronischen, so ergiebt sich nach 
den Aufstellungen der preussischen Statistik für die wichtigsten 
Krankheiten folgendes Tableau: 

H. Neumann, OeflTentlicher Einderschntz in WayTs Handbuch für Hygiene 
Bd. VII, p. 446. 



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234 



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236 üeberbürdung. 

Man wird mit üeberraschung erkennen, dass die angeführten 
Infectionskrankheiten die Mortalität in der Zeit der Schulperiode bei 
Weitem nicht so beherrschen, wie man vielleicht bei der Thatsache, 
dass die Krankheitsformen sich durch den Contact der Kinder ver- 
breiten, hätte erwarten mögen. Nur der Scharlach ist an Sterblich- 
keitsziflFem der frühen Schuljahre stärker betheiligt, die Masern nicht, 
auch nicht einmal Diphtherie, und für die späten Schuljahre sind es 
Typhus und Rheumatismus, die die Mortalität steigern, und diese 
Steigerung hält bis über die übliche Schulzeit hinaus vor. Augen- 
scheinlich spiegelt sich hier neben dem Einfluss der Schule der der 
Disposition zu den Erkrankungen in der betreffenden Altersperiode 
an sich mit ab. — Im Ganzen wird man aber die Steigerung inner- 
halb der Zahlen als nur massig, wenn nicht geringfügig anerkennen 
müssen. Man wird also die Steigerung der Oefahr der Acquisition 
tödtlicher Infectionskrankheiten in der Schule und durch dieselbe 
geringer anschlagen müssen, als man unter dem Eindrucke einzelner 
Erlebnisse und Erfahrungen zu thun gewohnt ist. Gewiss werden 
hier besondere örtliche Verhältnisse und gesetzliche Bestimmungen, 
die den Schulbesuch an Infectionskrankheiten erkrankter Kinder oder 
deren Geschwister regeln, ihren Einfluss zur Geltung bringen. Es 
wird nicht in allen Ländern das gleiche Verhältniss zu Tage treten. 

Um so mehr auffällig ist im Vergleich zu den acuten Krank- 
heitsformen das Zahlenverhältniss bei den chronischen Krankheiten 
und zwar gerade bei solchen, welche eine gewisse Beeinflussung durch 
das Schulleben a priori voraussetzen lassen. So nimmt man eine 
auffällige Steigerung der Todesfälle durch Gehimkrankheiten während 
des Schullebens wahr, ebenso durch Herzkrankheiten und ganz be- 
sonders durch Tuberculose, nur dass die letztere auch ausserhalb des 
Schullebens noch fortschreitet, während die ersteren auf die eigent- 
liche Schulzeit beschränkt bleiben. Die Erfahrungen sind, wie man 
gern zugeben mag, nicht hinreichend, eine Gefahr abzuleiten. Sollten 
sich dieselben indess auch in anderen Ländern wiederholen, so würden 
sie sicher der höchsten Beachtung werth sein ; denn hier würde sich 
eine Steigerung der Disposition zu Erkrankung und Sterben durch den 
Schulbesuch kennzeichnen. — Was nun speciell die Tuberculose be- 
trifft, so hebt Lehmann^) allerdings hervor, dass die Sterblichkeits- 
quote in dem Alter von 5 — 10 Jahren gegenüber den Vorjahren 



^) Julius Lehmann, Die Sterblichkeit der Lungenschwindsucht in den 
dänischen Städten. Hosp. Tidende. 1884. 3. Heft. S. auch Bericht Jahrb. f. 
Kinderheilk. 1884. 



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Ueberbürdung. 237 

abnimmt, und das Minimum aller übrigen Lebensjahre in dieser Zeit 
erreicht, und dass erst in der Altersstufe von 10 — 15 eine Zunahme 
erfolgt, die dann weiter vorhält. Man sieht also hier, dass wenigstens 
in der ersten Schulperiode eine Schädigung der Kinder nicht eintritt, 
und dass, wenn überhaupt irgend ein Zusammenhang mit dem Schul- 
leben constatirt werden kann, die Einflüsse desselben sich erst in 
den späteren Jahren zur Geltung bringen. — Anders lauten die Be- 
richte aus der Schweiz. Hier giebt Schmid^) an, dass wenn auf 
1000 Lebende die Sterblichkeit an Tuberculose im Alter 

von 



2—4 Jahren . 


. . 16,92 »/oo ist, dieselbe 


5-14 , 


. . 10,77 . 


15-19 , . . 


. 25,39 , ist. 



Die Zahl steigert sich allerdings noch in den folgenden Alters- 
stufen auf 37,60 ®/oo. Das weibliche Geschlecht erscheint als ganz 
besonders disponirt, da seine Tuberculosesterblichkeit in der Alters- 
stufe von 15 — 20 Jahren diejenige des männlichen Geschlechts um 
das Doppelte übertrifft — was einen ernsten Fingerzeig mit Bezug 
auf die Erziehung des weiblichen Geschlechts abgiebt. 

Auch aus England liegen bemerkenswerthe Daten bezüglich der 
Sterblichkeit an Tuberculose in der Zeit des Schulalters vor; so giebt 
Beevor^) an, dass in England und Wales in den Jahren 1891 — 1895 
auf je 100 Gestorbene im Alter 

von 5 — 10 Jahren 4,2 männl. 5,7 weibl. Geschlechts 
, 10—15 , 10 „ 20 „ 
„ 15—20 „ 26 , 35 „ 

kamen. Auch hier steigt in den nächstfolgenden Altersstufen die 
Tuberculosesterblichkeit noch an. 

Alles zusammengenommen, wird man sich dem Eindruck nicht 
verschliessen können, dass die Beziehungen der chronischen Krank- 
heiten zu den Altersstufen der Schulzeit sorgliche Berücksichtigung 
verdienen, wenngleich nach dem bisher vorliegenden Material, wie 
gerne zugestanden werden mag, ein Causalnexus keineswegs con- 
struirt werden darf. 

Wenn man sich den Erkrankungsstatistiken zuwendet, welchen 
gerade in den letzten Jahren grosse Aufmerksamkeit geschenkt 

^) Schmid, Die Verbreitung der Tuberculose in der Schweiz. Bericht 
des Tuberculosecongresses. 1898. p. 131. 

*) B e e V r , citirt von Köhler. Bericht des Tuberculosecongresses. 
1898. p. 53. 



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238 



üeberbürdang. 



worden ist und fOr welche die interessanten Veröffentlichungen von 
Axel Key ein bedeutsames Material geliefert haben, so bedarf es 
auch hier sicher grosser Vorsicht bei der Beurtheilung ^er that- 
sächlichen Feststellungen. Nachdem in fast allen Culturstaaten von 
privaten Aerzten und Pädagogen, Vereinen, ärztlichen und päda- 
gogischen Oesellschaften, Behörden dauernde Elagen über üeber- 
anstrengung und Eranklichkeitszustände der Schuljugend auf mehr 
oder weniger sicherer Grundlage erhoben worden waren, imd durch 
die JTntersuchimgen der mehrfach eingesetzten Commissionen und 
deren Outachten — es darf wohl für Deutschland an den vortreff- 
lichen Bericht Virchow's^, an das Ebässer Gutachten, das (Gut- 
achten der königlich preussischen wissenschaftlichen Deputation u. s. w. 
erinnert werden — diesen Klagen eine gewisse Berechtigung zu- 
gebilligt worden war, waren die eingehenden Mittheilungen von 
Hertel über die Kränklichkeitsverhältnisse der Schidjugend wohl 
wesentlich mit der Anlass, dass in Schweden in eine genaue Unter- 
suchung der diesbezüglichen Verhältnisse eingetreten wurde, und dass 
ebenso wohl der AUgemeinzustand der Schuljugend Schwedens, wie 
auch das Auftreten einzelner Krankheitsformen besonderen Feststel- 
lungen unterzogen wurde. Axel Key, der über diese Untersuchun- 
gen Bericht erstattet, giebt zunächst an, dass unter 11210 Schülern 
5025 = 44,8 *^/o mit Krankheitsformen behaftet gefimden wurden, und 
dass besonders die Schtden an der Lateinlinie mit 50,2 ^/o, die der 
Reallinie mit 40,9 ^/o an den Erkrankungen betheiligt gewesen seien. 

Procent *) kranker Schüler in den einzelnen Klassen der verschiedenen 
Arten von Schulen. Nach Abrechnung der Kurzsichtigkeit: 



Art 


Gemeinsame 
Linie 


Laieinlinie Reallinie 


der Schulen 


I 


II 


m 


IV V |VIl|\l2 


VII 1 


VII 2 


|IV 

1 


V 


t 1 
VI1|V12:VII1 


vn» 


Vollklassige 
Ffinfklassige 
Dreiklassige 


34,4 
ß8,5 
.32,2 


37,6 
39,3 
36,9 


38,0 
38,5 
34,q 


'37,4 
39,7 


36,6 
35,2 


34,7 


38,6 


40,5 


36,9 


'32,9 
37,4 


26,7 
29,2 


25,8 


31,7 


33,6 


38,6 



Uebersichtlich stellt Axel Key das Verhältniss der Betheili- 
gung der verschiedenen Schulen und der einzelnen Klassen in den- 
selben in vorstehender Tabelle zusammen und giebt alsdann mit Rück- 

^) Virchow, üeber gewisse die Gesundheit schädigende Einflüsse der 
Schule. Virchow's Archiv Bd. XL. 

^ Axel Key, Schul hygienische Untersuchungen nach üebersetzung von 
Burgerstein p. 80. 



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üeberbürdung. 



239 



sieht auf die einzelnen Erankheitsformen, wie Bleichsucht, Nasen- 
bluten, Nervosität u. s. w., die Betheiligung der einzelnen Schulen 
und Schulklassen nach den stattgehabten Erhebungen wieder. Wir 
können begreiflicherweise auf dieselben hier nur ganz im Allgemeinen 
verweisen und hervorheben, dass aus der Gegenüberstellung der 
Arbeitszeiten der Schüler und den Beobachtungen über Morbidität 
derselben sich ebenso interessante, wie ins Gewicht fallende Be- 
ziehungen ergeben haben, welche einen Causalnezus kaum verkennen 
lassen. Die Ergebnisse sind um so bemerkenswerther, als dieselben 
im Wesentlichen sich mit den von Hertel in Kopenhagen ermittelten 
decken. Wir geben aus den interessanten üntersuchungsreihen hier 
nur folgende lehrreiche Tabelle wieder. 

Einfluss der Arbeitszeit auf den Gesundheitszustand der Schüler 
in 10 Schulen aus verschiedenen Theilen des Landes. 







Mittlere 
Arbeitszeit 


Anzahl der Schüler 


Procent krank 
von denen 




Klasse 


Wöchentlich 

Stunden und Deci- 

malen 


h 


1 
§ 

00 


welche über die 

mittlere Arbeitszeit 

arbeiten 


welche unter der 
mittleren Arbeits- 
zeit arbeiten 


welche über die 

mittlere Arbeitszeit 

arbeiten 


welche unter der 
mittleren Arbeits- 
zeit arbeiten 


1 
lg 

1 


Lateinlinie VII 2 . . 


63,6 


10,36 


208 


103 


105 


64,1 


51,4 


+ 12,7 


VIII 




64,5 


10,45 


200 


82 


118 


50,0 


66,1 


— 16,1 


VI2 




63,8 


10,38 


300 


131 


169 


49,6 


52,1 


- 2,5 


VII 




61,3 


10,13 


386 


189 


197 


56,1 


46,7 


+ 9,4 


V 




54,3 


9,3 


309 


156 


153 


51,3 


44,4 


+ 6,9 


IV 




51,9 


8,39 


304 


141 


163 


42,6 


42,3 


+ 0,8 


Reallinie VII 2 




62,8 


10,28 


81 


36 


45 


69,4 


51,1 


+ 18.8 


VIII 




60,9 


10,9 


84 


40 


44 


42,5 


52,3 


- 9,8 


VI2 




58,8 


9,48 


81 


38 


43 


31,6 


37,2 


— 5,6 


, VII 




58,6 


9,46 


104 


53 


51 


47,2 


33,3 


+ 13.» 


V 




53,7 


8,67 


113 


53 


60 


49,1 


41,7 


+ 7.4 


. IV 




49,6 


8,16 


188 


87 


101 


44,8 


86,6 


+ 8,2 


Gemeinsame Linie III 


44,6 


7,26 


597 


257 


340 


45,5 


44,7 


+ 0.8 


. II 


43,1 


7,11 


572 


242 


330 


38,8 


41,5 


- 2.7 


, I 


39,1 


6,31 


441 


201 


240 


46,8 


36,3 


+ 10.5 




— 


- 


1 3968 


1809 


2159 


47,9 


44,7 


+ 3,2 



Axel Key stellt 
fahrung fest, dass „die 



als Endresultat dieser Erhebungen die Er- 
l'angere Arbeitszeit derjenigen, welche über 



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240 Ueberbürdung. 

die mittlere arbeiten, die Kränklichkeit der Schüler um 5 — 6 V er- 
höhe* — wobei noch zu betonen ist, dass hiermit nur eine relative 
Steigerung, nicht die wirkliche Erhöhung der Kränklichkeit aus- 
gedrückt wird, weil Gesundheitsschädigungen möglicherweise, ja 
wahrscheinlicherweise schon bei denjenigen Schülern supponirt werden 
müssen, welche einer an sich, ihrem Alter, ihren Kräften, Körper- 
entwickelung, Bedarf an Ruhe, Schlaf, Bewegung nicht stetig an- 
gemessenen, wenngleich im Ganzen mittleren Arbeitszeit unter- 
worfen sind. 

Man kann füglich bei der Frage der Kränklichkeit der Schul- 
kinder auch die unter dem Schuleinfluss sich entwickelnden Ano- 
malien einzelner Organe, wenngleich dieselben nicht Krankheiten 
im gewöhnlichen Sinne des Wortes darstellen, nicht übergehen. 

Hier sind es vor Allem die an den Augen der Schüler beob- 
achteten Störungen gewesen, welche die Aufmerksamkeit der Aerzte 
und Pädagogen erregt haben. Auch hier ist mit grossem Geschick 
und mit Ausdauer der Weg statistischer Erhebungen betreten worden; 
vor Allem waren es Cohn's Untersuchungen, welche einen tiefen 
Einblick in die allmählich im Schulleben hervortretenden Störungen 
erschlossen. Cohn hatte es bei seinen Untersuchungen über die 
fortschreitende Myopie der Schulkinder mit einer Anomalie zu thun, 
welche dauernde Veränderungen am Körper der Kinder hinterlässt, 
und so war er im Stande, von Stufe zu Stufe, in Dorf und Stadt, 
auf höheren und niederen Schulen, die in der Schule vorhandenen 
Verhältnisse, ihre Einrichtungen mit den Erscheinungen der von ihm 
studirten Erkrankungsform zu vergleichen. Es giebt nur wenige 
Anomalien am kindlichen Körper, welche gerade diesen Gang der 
Untersuchung gestatten, weil doch sonst die meisten Krankheits- 
vorgänge im Kindesalter von nur geringer Dauer sind, meist acut 
einsetzen und vorübergehen, ohne Spuren zu hinterlassen, oder gar 
zum Tode führen. Bei Myopie ist die fortlaufende Aufnahme der 
gesetzten Störung, weil dieselbe, einmal entstanden, nicht mehr ver- 
schwindet, möglich geworden und gerade deshalb sind die hier er- 
mittelten Ergebnisse von besonderer Bedeutung. Wir werden Ge- 
legenheit haben, auf dieselben in einem besonderen Abschnitt zurück- 
zukommen. 

Auch bleibende Erkrankungszustände anderer Organe, der Ohren, 
der Nasenrachenorgane der Schulkinder, ebenso wie Anomalien im 
Gebiete des Nervensystems u. a. mehr, können Gegenstand stetig 
weiter geführter Untersuchungen sein, nur vermisst man bisher, wie 



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Ueberbürdung. 241 

Virchow mit Recht hervorhebt, die planvolle und systematische 
Durchführung statistischer Erhebungen. 

Im Gebiete der neuropathologischen Störungen haben die auf- 
falligen und dem kindlichen Wesen von Grund aus eigentlich wider- 
strebenden Vorkommnisse von Selbstmord die Aufmerksamkeit der 
mit den Fragen der ueberbürdung der Schulkinder beschäftigten 
Autoren erweckt, und die preussische wissenschaftliche Deputation 
ist in ihrem Gutachten auf diese Frage mit einiger Ausführlichkeit 
eingegangen, ohne indess selbst von dem bisher aufzubringenden 
Materiale zufrieden gestellt zu sein. Seither ist auf diesem Gebiete 
zwar rüstig vorwärts gearbeitet worden, und man hat sich gelegent- 
lich der neuerdings mit so warmem Eifer inaugurirten Studien über 
pädagogische Pathologie nicht dem verschliessen können, dass die 
Möglichkeit eines Causalnexus zwischen besonderen Vorkommnissen 
in der Schule, wie fehlerhafte psychische Behandlung, allzu grosse 
Strenge, durch die daraus hervorgehende Furcht vor Strafe, Ver- 
letzungen des Gemüthes der Kinder, übertriebene Anspornung des 
Ehrgeizes u. a. mehr, und den kindlichen Selbstmorden vorhanden 
ist. Unter den von Ebbinghaus^), Morselli, Brierre de Bois- 
mont u. A. citirten Fällen von Selbstmord von Kindern sind immer- 
hin einige, welche diese Auffassung zu unterstützen vermögen. Frei- 
lich kann es keinem Zweifel unterliegen, dass die ursprünglichen 
Grundlagen der zum Selbstmorde treibenden geistigen Verstim- 
mungen viel tiefere sind, und zwar in erblicher Veranlagung, be- 
sonderen körperlichen Zuständen, namentlich aber auch in unglück- 
lichen Familien- und häuslichen Verhältnissen, Noth und Armuth, 
anerzogenen Lastern u. a.. mehr liegen , so dass die Schuleinflüsse 
immerhin nur als Accidentien in der Aetiologie herangezogen werden 
können. Bei alledem sind die Verhältnisse derart, dass der preus- 
sische Cultusminister es für nothwendig erachtet hat, in einem Er- 
lass (vom 24. December 1889) an die Schulbehörden, auf die Pflichten 
der Erzieher, „Leib und Seele der Zöglinge zu stählen und wider- 
standsfähiger zu machen'', hinzuweisen. 

Alles in Allem genommen, wird jeder Zustand von Kränklich- 
keit im Allgemeinen oder jede besondere krankhafte Stönmg in den 
jugendlichen Jahren des Schullebens dazu führen müssen, dass der 
normale Entwickelungsgang des kindlichen Organismus hemmend 
beeinflusst wird, und so wird man voraussetzen dürfen, dass man 



') H. Ebbioghaus, Die psychiscben Störungen des Eindesalters. 1887. 
Babinsky, Schulhygiene, ü. 3. Aufl. Iß 



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242 üeberbürdung. 

an dem Zurückbleiben des kindlichen Körpers im Wachsthum leicht 
zu beobachtende und durch Maass und Gewicht zu bestimmende Aus- 
fälle werde fixiren können. — Daher hat man sich behufs der Ab- 
messimg der Beeinflussung der Jugend durch den Schulunterricht 
gern den Studien der Wachsthumsverhältnisse zugewendet. Hierbei 
haben aber die interessanten Untersuchungen von Malling-Han- 
sen ^) von vornherein ergeben, dass das Wachsthim[i der Kinder von 
der Jahreszeit in hohem Maasse beeinfiusst sei, und bestimmte vom 
Sonneneinfluss beherrschte Wachsthumsperioden sich feststellen lassen^ 
so dass durch diese Beobachtungen darauf hingewiesen wird, bei der 
Studie des Einflusses des Schullebens äusserst vorsichtig zu Werke 
zu gehen und diese natürlichen Wachsthumsbedingungen sehr ein- 
gehend mit zu berücksichtigen. Auch die an den Halle'schen Schul- 
kindern vorgenommenen Messimgen von Schmid-Monnard*) 
haben zu Ergebnissen geführt, welche die Bedeutung der Jahreszeit 
auf Wachsthum und StoflTwechsel der Kinder in helles Licht stellen. 
Nach ihm zeigen Krankheiten xmd Sterblichkeit periodische Jahres- 
schwankungen, und zwar fallt die Höhe der Krankheitszifi'er in die 
kalten Monate und in das Frühjahr, und da die Krankheiten unzweifel- 
haft auch Oewichtszunahme und Längenwachsthum hemmen, so darf 
es nicht Wunder nehmen, dass auch hier Jahresperioden, völlig un- 
abhängig von anderen Einflüssen, zur Beobachtimg gelangen. — Bei 
alledem hat gerade Schmid-Monnard in der Fortsetzung seiner 
Studien den Nachweis erbracht, dass der Schulbesuch und die Schul- 
arbeit ein anderer, nicht minder zu imterschätzender Factor in der 
Beeinflussung des kindlichen Wachsthums sei. Nachdem derselbe 
die geringste jährliche Massenzunahme «des Kindes überhaupt — 
1 kg und 4,5 cm — im 7. Lebensjahre gefunden hatte, vermochte 
er festzustellen, dass diejenigen Kinder, welche aus irgend einem 
Grunde ihr 7. Lebensjahr ausserhalb der Schule verbringen, die die 
Schule besuchenden Kinder um durchschnittlich 1 kg (Knaben 0,7, 
Mädchen 1,3 kg) und 2,15 cm (Knaben 3,2, Mädchen 1,1 cm) über- 
ragen. Es muss solchermassen , wenigstens in dieser Altersstufe, 
eine durch den Schulbesuch stattfindende Hemmung der Körper an- 
genommen werden. In den ersten 3 Monaten des Schulbesuches 
verringert sich das Durchschnittsgewicht der Schulmädchen um */4 kg, 



') R. Malling-Hansen, Perioden im Gewicht der Kinder und in der 
Sonnenwärme. Kopenhagen 1886. 

^ Schmid-Monnard, üeber den Einfluss der Jahreszeit und der Schule 
auf das Wachsthum der Kinder. Jahrb. f. Kinderheilk. Bd. XL, p. 101. 



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üeberbürdung. 243 

und ebenso zeigt sich bei allen Elementarschulkindern in den nächsten 
Jahren ein verlangsamtes Tempo der Gewichtszunahme. — Und auch 
in den höheren Schulen, in den späteren Jahren, lässt sich eine von 
Kränklichkeit begleitete Hemmung der Gewichtszunahme constatiren^). 
Man wird sich aber trotz der von Schmid-Monnard geübten Vor- 
sicht in der Beurtheilung seiner Ergebnisse, die gerade unter dem 
Einfluss seiner früheren Arbeiten um so mehr ins Gewicht zu fallen 
vermögen, nicht allzu vertrauensvoll denselben anheimgeben dürfen, 
schon um deswillen, weil die Beobachtungen, sind sie auch Jahre 
hindurch an denselben Kindern geführt worden, noch zu gering 
an Zahl, zu vereinzelt sind. Mit noch grösserer Vorsicht werden 
die Studien von Wretlind und Vahl aufgenommen werden dürfen, 
die schon bei Axel Key Berücksichtigung gefunden haben; aber 
auch die von diesem Autor selbst in einem besonderen Abschnitt 
zusammengestellten Ergebnisse der Messungen an schwedischen 
Kindern wird man nach den von Malling-Hansen und Schmid- 
Monnard nachgewiesenen besonderen Einflüssen der Jahresperioden 
nicht ohne Weiteres verwerthen dürfen. — Es wird übrigens von 
allen Autoren der starke Einfluss der Erblichkeit und der socialen 
Lebensbedingungen auf das Wachsthum der im Schulalter stehenden 
Kinder wohl hervorgehoben und muss bei Beurtheilung der ganzen 
Frage sicher niemals aus den Augen verloren werden. — Dies 
wird für alle weiteren auf dem Gebiete sich kundgebenden Studien 
zu gelten haben, auch dann, wenn, wie es in einer Studie von 
Jäger') sich zeigte, Kränklichkeit und Rückständigkeit in den 
Entwickelungsvorgängen in die für Mädchen besonders bedeutsamen 
Pubertätsjahre fallen. — Es kann immer nur von Neuem darauf 
hingewiesen werden, wie noth wendig unseren Schulen eine nicht 
in das Belieben und die Sonderbestrebungen der Schulleiter gelegte, 
sondern behördlich organisirte und systematisch und unter Berück- 
sichtigung aller Cautelen geführte Statistik der Wachsthumsvor- 
giknge und der Kränklichkeit der Kinder in der Zeit der Schul- 
jahre ist. 

Ein anderer, von dem soeben beleuchteten gänzlich verschiedener 
Weg der Untersuchung war der, die militärische Leistungsfähigkeit 
der herangewachsenen Jugend als Maassstab für den Einfluss der 

^) Schmid-Monnard, üeber den Einfluss der Schale auf die Körper- 
entwickelung und Gesundheit der Schulkinder. Hamburg 1898. 

*) H. Jäger, Schulh^enische Untersuchungen zur Beurtheilung der Ueber- 
bürdnngsfrage. Deutsche Vierteljahrsschr. f. öffentl. Gesundheitspfl. Bd. XXVI, 
Heft 4. 



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244 Ueberbürdung. 

Schule auf die körperliche Entwickelung zu nehmen. — Dies geht 
nun gar nicht an. Zunächst entsagen wir damit Tollstandig der Be- 
urtheilung, welchen Einfluss die Schule auf die weibliche Jugend hat, 
also gerade auf denjenigen Theil der Einderwelt, welcher in erster 
Linie dem schädigenden Schuleinflusse unterliegen konnte. Indess davon 
selbst abgesehen, geben die Listen der Militär-Ersatz-Commissionen 
nicht im Entferntesten ein Bild von der körperlichen Entwickelung 
unserer Jugend, noch viel weniger von dem Effect des Schulbesuchs 
auf dieselbe. Die nach dieser Richtung hin geführte Untersuchung 
würde nur Resultate ergeben, wenn von zwei Staaten, welche die 
gleichen Voraussetzungen und Bedingungen an die militärische Taug- 
lichkeit machen, der eine seine Jugend in Schulen, der andere ausser- 
halb der Schule unterrichten liesse. Nun giebt es aber zwei solche 
Staaten überhaupt nicht, da einmal die Ansprüche an die körper- 
lichen Eigenschaften, welche zum Militärdienst befähigen sollen, 
nicht allein in jedem Staate verschieden sind, sondern schon in ein 
und demselben Staate je nach der politischen Situation, nach dem 
Mehr- und Minderbedarf an Soldaten, auf- und abschwanken, und da 
es zum anderen jetzt wohl überhaupt keinen Staat giebt, wenigstens 
nicht mit civilisirter christlicher Bevölkerung, welcher nicht den weit- 
aus grössten Theil der Kinder in Schulen unterrichten lässt. So fehlt 
also jede Handhabe des Vergleiches. Auf diese Verhältnisse und 
die daraus resultirende Unmöglichkeit, aus den Ergebnissen des Er- 
satzgeschäftes auf den Zustand des Entwickelungs- und Gesund- 
heitszustandes der Bevölkerung Schlüsse zu ziehen, hat schon vor 
Jahren Bischoff hingewiesen. Und selbst wenn beides der Fall 
wäre, so dass wir den Vergleich zu ziehen wagen dürften, so würde 
nicht zu entscheiden sein, ob nicht klimatische Verhältnisse, Erb- 
lichkeitsanlagen, Emährungsverhältnisse und alle jene Beziehungen, 
welche den Charakter einer Nation heranbilden und gestalten, weit- 
aus mehr in Rechnung kämen, als der Schulbesuch. So kommt in 
einer sehr interessanten und lesenswerthen Studie Hürlimann bei 



*) Th. L. W. Bischoff, üeber die Brauchbarkeit der in verschiedenen 
europäischen Staaten veröffentlichten Resultate des Rekrutirungsgeschäfts zur 
Beurtheilung des Entwickelungs- und Gesundheitszustandes ihrer Bevölkerungen. 
München 1867. Verlag der königl. Akademie (Manuscript bei G. Franz). 8. dort 
p. 10. «Aus diesen und ähnlichen Gründen habe ich die Ueberzeugunji^ ge- 
wonnen, dass das in den Rekrutirungsergebnissen beschriebene, im grossartigsten 
Maassstabe vorliegende Material, um den Entwickelungs- und Gesundheitszustand 
eines Volkes zu beurtheilen und mit anderen zu vergleichen, zu solchen Schlüssen 
so gut wie ganz unbrauchbar ist und deshalb bereits zu sehr vielen falschen 
Schlüssen verleitet hat.* 



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üeberbürdung. 245 

der Betrachtung Über die schädlichen Einflüsse, welche die Gebrechen 
und Erkrankungsformen der Rekruten bedingen, wohl auch auf die 
Schule zu sprechen^), versäumt aber nicht, und mit Recht, die 
überwiegend grosse Bedeutung anderer Momente, wie Wohnungs- 
bedingungen, Lebensberuf und last not least den Alkoholismus in 
den Vordergrund zu bringen; auch in dem Yon der preussischen 
wissenschaftlichen Deputation abgegebenen Gutachten und in dem 
bekannten Elsässer Gutachten kommen dieselben Anschauungen zum 
Durchbruch. 

Somit birgt also ein statistischer Versuch, nach dieser Richtung 
hin unternommen, in sich schon so viel Fehler, dass man mit Fug 
und Recht davon Abstand nehmen kann. Der Staat, welcher durch 
seine Schulen sowohl, wie durch militärische Leistungen mustergültig 
ist — wir können es, meine ich, ohne den Vorwurf des Particularis- 
mus auf uns zu laden, getrost aussprechen — ist Preussen. Man 
hat gerade diesen Staat mit einiger Vorliebe für die Beweisfühnmg 
in Anspruch genommen, dass die Schule die körperliche Befähigung 
nicht unterdrücke, dieselbe vielmehr entwickele und zur Geltung 
bringe, und der preussische Schulmeister ist mit Rücksicht auf die 
glorreichen Erfolge preussischer WaflFen gleichsam zum Helden ge- 
stempelt worden. Man ist, wie mir scheinen will, darin viel zu weit 
gegangen, indem man die eigentliche militärische Ausbildung des 
preussischen Soldaten weitaus zu gering in Anschlag brachte. Der 
Militärdienst ist an sich eine meisterhafte körperliche Schule, und 
sicher ist es ihm viel mehr, als der Volksschule zu danken, wenn 
Preussen die Schlagfertigkeit und zähe Ausdauer im Kampfe zur 
Geltung brachte. Also auch hieraus ist kein Rückschluss zu machen 
auf den Einfluss der Schule auf unsere Jugend. — Wir kommen 
endlich auch nicht dazu, über den Einfluss der Schule Aufklärung 
zu erhalten, wenn wir sämmtliche Ersatzlisten nach den Ursachen 
der Abweisung vom Militärdienste durchmustern; aus dem Grunde, 
weil wir bei aller Hochachtung, welche wir vor dem Scharfblick 
und der XJrtheilsfähigkeit der Aerzte haben, welche das Ersatzgeschäft 
leiten, dennoch glauben, dass die Eile, mit welcher die oft zu be- 
wältigende Masse von Material durchgearbeitet werden muss, das 
Eingehen auf detaillirte Untersuchungen und diagnostische Fest- 
stellungen nicht gestattet und anamnestischen Daten sowohl, wie 
ganz besonders dem äusseren Augenschein mehr Raum gestattet 



') A. u. 0. p. 48. 

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246 üeberbürdung. 

werden muss, als die Wissenschaft zuzugestehen im Stande ist. Alles 
in Allem genommen, lässt uns also dieser Weg statistischer Er- 
mittelung im Stich, und so interessant auch der Versuch sein mag, 
die Ergebnisse des Ersatzgeschäftes für die körperliche Leistungs- 
fähigkeit eines Staates überhaupt in Anschlag zu bringen, so werth- 
los sind diese zur Entscheidung darüber, ob der Schulbesuch unserer 
Jugend nachtheilig sei oder nicht. 

So schwankend nun aber auch die Urtheile der Aerzte und Päda- 
gogen über den deletären Einfluss des Schullebens auf den kind- 
lichen Organismus nach der Richtung der Steigerung der Sterblich- 
keit (Mortalität), oder selbst bezüglich der Erzeugung bestimmter 
Krankheitsformen (Morbidität), denen man den besonderen Charakter 
als Schulkrankheiten zuschreiben möchte, sein mögen, begegnet man 
doch, mit nur noch wenigen Ausnahmen, allgemein der Anschauung, 
dass eine Ueberlastung der Schuljugend statt habe, die man mit dem 
Begriffe „üeberbürdung" bezeichnet. — Unter „üeberbürdung* wird 
man also die Zusammenfassung aller krankhaften Erscheinungen zu 
verstehen haben, die bei Kindern zur Beobachtung kommen, denen 
eine das Maass ihrer körperlichen und geistigen Kräfte übersteigende 
Arbeitsleistung auferlegt ist. 

Wenn diese Definition zutrifft, so leuchtet von vornherein ein, 
dass sich die eventuell zum Vorschein kommenden krankhaften Vor- 
gänge ebensowohl auf rein somatischem, wie auch auf geistigem 
(psychischem) Gebiete abspielen werden. Freilich lassen sich im 
Einzelnen die Vorgänge auf beiden Gebieten nicht immer scharf 
auseinanderhalten, da insbesondere bei den Störungen im Gebiete 
des Nervensystems somatische und psychische Symptomencomplexe 
ineinanderfliessen. Man wird also nicht umhin können, in der Be- 
urtheilung der „üeberbürdung*" beiden Richtungen sorgsam Auf- 
merksamkeit zu schenken. — Die körperlichen Beeinflussungen sind 
seit Langem, und insbesondere seit Lorinser's Nothschrei gegen 
den deletären Einfluss der Schule Gegenstand des medicinischen 
Studiums gewesen, und vor allem sind es die als eigentliche Schul- 
krankheiten bezeichneten Vorgänge, mit welchen wir ims in den 
folgenden Capiteln werden zu beschäftigen haben. — Dem gegen- 
über hat man erst in jüngerer Zeit angefangen, wenn man von den 
groben Störungen, wie Geisteskrankheit, Veitstanz etc. absieht, sich 
mit der Alteration des geistigen Vermögens der mit Schularbeit be- 
lasteten Kinder zu beschäftigen. Die diesbezüglichen üntersuchimgen 
sind aber nicht allein wegen der eigenartigen directen Ergebnisse 



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üeberbürdung. 247 

für das Schulleben interessant und wichtig geworden, sondern auch 
um deswillen, weil sie, wie es den Anschein hat, überhaupt einen 
Maassstab haben gewinnen lassen ftir das Arbeitsquantum , welches 
dem einzelnen Kinde im Schulleben zugemuthet werden darf, und 
weil sie uns überdiess sehr interessante Einblicke in den Fortgang 
der geistigen Arbeit imd in die Beeinflussung des gesammten Or- 
ganismus mit derselben eröffnet haben. Es sind verschiedene Me- 
thoden bei Bemessung geistiger Arbeitsleistung und ihres Einflusses 
auf den kindlichen Organismus zur Verwendung gekommen, und zwar 
lassen sich dieselben nach zwei Hauptgruppen anordnen. Die Me- 
thode der einen Gruppe geht von der Feststellung gewisser Beein- 
flussungen der körperlichen Functionen, ebensowohl der motorischen 
wie der sensiblen, durch die geistige Arbeit aus und sucht von hier 
aus einen Maassstab fUr den die Function störenden Einfluss der 
geistigen Arbeit zu gewinnen; in der zweiten Gruppe wird der er- 
müdende Einfluss der geistigen Arbeit an einer geistigen Leistung 
direct geprüft, indem die Ermüdung an Ausfällen und Störungen 
der aufgetragenen Leistung gemessen wird. 

Es sollen in Kürze Methoden und Ergebnisse derselben hier 
erörtert werden, wobei freilich bezüglich der einzelnen Phasen in 
dem .Ablauf der Versuche und der detaillirt gewonnenen Einzel- 
ergebnisse auf die Specialliteratur verwiesen werden mag. 

Mosso geht von der aus der Physiologie des Muskels bekannten 
Thatsache aus, dass ein vom Nerven aus zur Contraction gereizter 
Muskel im Stadium der Ermüdung bis zur definitiven Erschöpfung 
Abänderungen von der ursprünglichen normalen und ganz charakte- 
rischen Zuckung erkennen lässt; dieselbe kennzeichnet sich in der 
Ausschlagsgrösse und der Zeitdauer der ausgelösten Zuckung. Auf 
der rotirenden Trommel des Kymographion lässt sich die Zusammen- 
ziehung des Muskels und jede Veränderung im Zuckungsverlauf 
leicht fixiren und durch Verbindung der Spitzen der aufgezeichneten 
Zuckungsausschläge eine Curve feststellen, welche als Ermüdungs- 
curve des zuckenden Muskels bezeichnet werden kann. — Die Er- 
müdungscurve ist für den einzelnen Muskel charakteristisch und ty- 
pisch; sie ist auch, wie Mosso weiter darzuthun vermochte, sofern 
man einen einzelnen Muskel isolirt am lebenden Menschen der Unter- 
suchung zu unterwerfen vermag, für diesen und für jeden Menschen 
besonders charakteristisch. Dieselbe wird beeinflusst durch allerlei 
bessernde oder schädigende Einflüsse, die auf den Menschen einwirken, 
so dass man an der Abänderung der einmal festgestellten Zusammen- 



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248 üeberbürdong. 

ziehungsausschläge auch die durch derartige Einwirkungen beeinflussten 
Abänderungen der Zuckung erkennen und bei geeigneter Anwendung 
der rotirenden Trommel auch vergleichen kann. So giebt sich denn 
auch die körperliche und ebenso die geistige Ermüdung in der Be- 
einflussung der Ermüdungscurve zu erkennen. Man gewinnt auf 
solche Weise aus der Gestaltung der Curve einen Einblick in den 
Grad und den Ablauf der geistigen Ermüdung. Mosso construirte 
auf Grund dieser Erfahrungen ein Instrument, den Ergographen, 





Krgograph njicb Mühsü. (üodiriLiit.i 
A schweres niBornAä AnuKcatpllj dasD vom iti der Mitte eiseu 
ScbJit?; fl\r den Holzqtijidrantßti C tilgt, B bId fiefeatieunga* 
i'ietnt^fi flir die Uniid I> tfihti Zag^cltim-f dl«? tiich in &ui^ 
Furch M t]r^ UMTHttivk*^ <' b*»im Rif^Erf*n d^^f liWin mäsüfg gii- 
kleiflniTb^ri Min. 1'' ■.-■',;: '- - • - "■— .ich yitt'j- 

matiefh, bei dur ju^Jit-uali^uü ^liulL^i.^ lI.j. i _u„-ij, lUJi ^jum 
dreht Am Rande 6 Zähne mit diesem Abstände. F Alu- 
miniumschreibhebel. 

welcher es ermöglicht, den flectirenden Muskel eines einzelnen Fingers 
zu fixiren und nach stattfindender Belastung mit der Aufgabe der 
Anhebung eines bestimmten Gewichtes zu betrauen. Die Ausdauer 
und di# Art des Anhubes des Gewichtes, also der einzelnen Zu- 
sammenziehungen, und das Abklingen derselben lässt sich an den 
auf der Trommel geschriebenen Contractionslinien erkennen imd dar- 
aus die unter dem Einflüsse einwirkender geistiger Ermüdung ent- 
standene Ermüdungscurve studiren. — Nach den Erfahrungen der 
physiologischen Forschung ist der Ermüdungsvorgang im Muskel 



Dieses Modell der hiesigen Institute wird vom Universit&tsmechaniker 
W. Oehmeke verfertigt. Dessen namhafte Vorzüge sind 1. Proportionalität der 
Aufzeichnung zu dem Muskelhub. 2. Abstand des Gewichtszuges von der Finger- 
richtung. 3. Selbstbewirktes Vorrücken der Schreibfläche um ein bestimmtes 
Maass. 



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üeberbürdung. 249 

nichts anderes als die Einwirkung von Schlackenstoffen , die beim 
Stoffwechsel des arbeitenden Muskels entstehen und hier die con- 
tractile Substanz giftig beeinflussen (Leukomaine), und zu deren Fort- 
schaffung durch das Blut der Körper einer gewissen Zeit und Ruhe- 
pause in dem Muskel bedarf. Mos so ermittelte nun, dass die Er- 
müdungswirkung durch Gewöhnung an diese Gifbe absinkt, also die 
Widerstandskraft gegen dieselbe durch Uebung zwar wächst, das» 
indess doch sehr bald eine gewisse Grenze erreicht wird, von welcher 
aus die Ermüdung immer schwieriger überwunden wird, und dass die 
Ermüdungserscheinungen anfangs langsam, fortschreitend aber immer 
rascher erreicht werden, dass anfänglich Ruhepausen nur von kurzer 
Zeit die Muskelkraft wieder herzustellen vermögen, dass indess, je 
länger die Arbeit andauert, die Restitution desto schwieriger mög- 
lich ist. Hat beispielsweise ein Muskel bis zur völligen Ermüdung 
30 Contractionen auszuführen vermocht, so bedarf er, wenn man 
ihn nur zu 15 Contractionen spornt, zur völligen Restitution nur 
des 4. Theiles der Zeit der Ruhe, als bei der ersten Arbeitsleistung. — 
Mosso ermittelte weiterhin, dass geistige Arbeit Ermüdungserschei- 
nungen auch an dem Muskel zeitigt und dass dieselben sich ebenso- 
wohl in der Herabsetzung der Contractionsziffem in der Zeiteinheit^ 
wie in einer Verlangsamung der Zeit der Innervation des Muskels und 
der Contraction äussern. Augenscheinlich sind die Ermüdungserschei- 
nungen, die sich so in der verlangsamten Reaction des zur Arbeit 
angespornten Muskels zeigen, dadurch verursacht, dass sich auch 
im Centralnervensystem Ermüdungsstoffe im Verlaufe geistiger An- 
strengung anhäufen. So wären also thatsächlich die Ermüdungs- 
erscheinungen, welche den Muskel kennzeichnen und an der Ergo- 
grapbencurve studirt werden können, ein Maassstab für die geistige 
(Gehirn-)Arbeit. Die Berechnung findet in der Weise statt, dass 
die Hubhöhen gemessen, zu einander addirt und mit der Gramm- 
zahl des gehobenen Gewichts multiplicirt werden. Die Arbeitsleistung 
kann in Kilogrammmetem ausgedrückt werden. Mosso vermochte 
auf diese Weise aus der wechselnden Zahl der Kilogrammmeter fest- 
zustellen, in welchem Maasse mit der Gehirnarbeit beispielsweise 
examinirender Professoren die Arbeitsleistung des Fingers am Ergo- 
graphen nachliess, und betont, dass man daraus ebenso einen Einblick 
in die gethane Gehimarbeit selbst, wie in die eventuelle Schädigung 
des Gehirns bekommen könne, und dass man andererseits ersehen 
könne, dass körperliche Anstrengung nach vorangegangener intensiver 
geistiger Arbeit dem Organismus eher schädlich als nützlich sein 



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250 Ueberbürdung. 

könne. Eine längst bekannte Erfabnmg gut beobachtender Aerzte 
wird auf solche Weise bestätigt und gleichzeitig, was für den Schul- 
unterricht wichtig ist, der Nachweis gefährt, dass es nicht von Vor- 
theil sein kann, Turnstunden geistig anstrengenden Arbeitsstunden 
folgen zu lassen, und ebensowenig das Umgekehrte. Mosso^s an 
Erwachsenen gemachte Untersuchungen wurden von Kemsies, 
Keller u. A. wiederholt, und auch diese kamen zu dem Schlüsse, 
dass man bei geistiger Ermüdung eine erhebliche Abnahme der 
geleisteten Kilogrammmeter constatiren könne; freilich fand Keller 
zunächst wohl kurz nach Beginn der Arbeit eine gesteigerte Leistungs- 
fähigkeit (Antrieb), die indess von Depression gefolgt war. Kem- 
sies giebt für einen Quartaner beispielsweise Folgendes an: 

Normalleistung 2,550 kgm. 

Mittwoch 3 Uhr Nachmittags 2,058 kgm. 

Donnerstag 2 Uhr Nachmittags 1,02 kgm (fühlt sich etwas müde). 
6 Uhr 1,224 kgm (Schularbeit gefertigt; etwas müde). 

Freitag 3 Uhr Nachmittags 0,867 kgm (etwas? müde). 6 Uhr 
0,740 kgm (Schulschluss, etwas müde). 

Sonnabend 8 Uhr Vormittags 1,173 kgm (Schwere im Kopf). 
2 Uhr Nachmittags 0,867 kgm (ziemlich frisch?). 6 Uhr 0,842 kgm 
(ziemlich frisch). 

Montag 6 Uhr Nachmittags 1,275 kgm (ziemlieh frisch). 

Dienstag 8 Uhr Vormittags 2,130 kgm (frisch. Maximum). 
2 Uhr Nachmittags 1,700 kgm, 

und fügt hinzu, dass die subjective Empfindung selten mit dem 
objectiven Befunde übereinstimmte. — Alles in Allem glaubt Kem- 
sies doch, dass, wenn man gleich der Schule nicht die tiefen Werthe 
zur Last legen könne, dieselbe doch daran betheiligt sei, und die Be- 
hauptung erscheine gerechtfertigt, dass die Schule einen ungünstigen 
Einfluss auf einzelne Schüler ausübe. — Im Verfolg dieser ergo- 
graphischen Untersuchungen glaubte Kemsies überdiess feststellen 
zu können, dass die besten Arbeitstage der Woche Montag und 
Dienstag sind, femer jeder erste und zweite Tag nach einem Ruhe- 
tage. Die am Sonntag erworbene körperliche und geistige Frische 
hält vielfach bis Dienstag Nachmittag an. — Als die beste Arbeits- 
zeit erschienen die beiden ersten Lehrstunden. Nach 2stündigem 
Unterricht hat ein Drittel der Klasse die beste Leistung schon er- 
reicht, und die Arbeitsqualität erleidet nach jedem Optimum einen 
Steilabfall, ein Drittel arbeitet sich noch herauf, ein Drittel erfilhrt 
zunächst eine Depression, der später ein zweites Optimum folgt. Nach 



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üeberbürdung. 251 

dstündigem Unterricht ist die Situation ungünstig verändert; die 
Hälfte der Schülerzahl hat das Optimum überschritten, ein Fünftel 
noch nicht erreicht, drei Zehntel nähern sich der zweiten besten 
Leistung. Nach 4stündigem Unterricht haben zwei Drittel der 
Klasse das erste, resp. das zweite Optimum hinter sich, nur ein 
Drittel ist noch im Stande, sich heraufzuarbeiten, so dass es zweck- 
mässig erscheint, für 11 — 13jährige Schüler den Unterricht an dieser 
Stelle abzubrechen. — Die Ferien üben eine kräftigende Wirkung 
aus, deren Folgen jedoch meist nur 4 Wochen nachweisbar sind. — 
Kemsies kommt an der Hand aller dieser Feststellungen zu be- 
sonderen Forderungen bezüglich der Einrichtung von Ferientagen im 
Schulleben und der besonderen Anordnung der Lehrgegenstände nach 
den von denselben erzeugten Ermüdungswerthen und weist schliess- 
lich noch darauf hin, dass vorhergehende körperliche Ermüdung, 
speciell Turnen, für die geistige Arbeit ungeeignet mache. — Eulen- 
burg entwirft im Anschlüsse und gestützt auf diese Studien von 
Kemsies eine Reihe weii^ehender Thesen, die sich auf die Anord- 
nung der Schulpläne nach dem Ermüdungswerthe der Lehrgegen- 
stände, auf die Länge und Anordnung der Schulpausen, die Ein- 
richtung der Ferien beziehen. Er verlangt unter Anderem, dass die 
Fächer mit dem grössten Ermüdungswerthe, wie Rechnen und Mathe- 
matik, im Schulplane an den einzelnen Tagen voranzustellen sind, 
ebenso fremde Sprachen, während der Unterricht im Deutschen, Re- 
ligion, Geschichte, Geographie und Naturwissenschaften in den 
nächsten Stunden wechselweise folgen dürfe. In den letzten Lehr- 
stunden, sowie in den Tagen der zweiten Wochenhälfte, sollen an- 
strengende Uebungen, Extemporalien, Prüfungsarbeiten u. s. w. nach 
Möglichkeit vermieden werden. Der Turnunterricht soll von den 
anderen Unterrichtsfächern überhaupt isolirt werden. 

Die zweite, von Griesbach angegebene, und auch von Wag- 
ner u. A. benutzte Methode, geht von der von Griesbach ent- 
deckten Thatsache aus, dass Hirnermüdung die Sensibilität der Haut 
herabsetze. E. H. Weber hat festgestellt, dass es einer gewissen 
Entfernung zweier Punkte an der menschlichen Haut bedürfe, damit 
deren Berührung deutlich verschiedene Ortsvorstellungen erwecke, 
also die Wahrnehmung der getrennten Berührung zum Bewusstsein 
gelange. Die Minimaldistanz wurde von Fechner als „ Raum- 
schwelle ** bezeichnet, und die Messung erfolgt mittelst eines Zirkels 
(Aesthesiometer) , dessen Spitzen oder abgestumpfte Spitzen gleich- 
zeitig leise auf die Haut gesetzt werden. Verkleinert man die 



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252 Ueberbürdung. 

ZirkelöffhuDg so lange, bis beide Eindrücke in der Wahmehmung 
verschmolzen und nur als ein einziger Berührungspunkt empfunden 
werden, so ist die Minimaldistanz zwischen den Zirkelspitzen ge- 
geben. Griesbach^) hat das ursprünglich einem einfachen Taster- 
zirkel gleichende Instrument dahin modificirt, dass er die zum Be- 
rühren der Haut bestimmten Spitzen an einer mit Maass versehenen 
horizontalen Stange beweglich macht, und durch eine besondere 
Messvorrichtung an den Spitzen auch das Maass des Druckes, mit 
welchem das Instrument auf die Haut gesetzt wird, bestimmen lässt. 
Die Erfahrung lehrt, dass die Feinheit der Empfindung für getrennte 
Berührungspunkte an verschiedenen Körperstellen variirt, und von 

Fig. 2. 




Griesbacli's Aesthesiometer. 

Weber ist die Hypothese aufgestellt, dass dies daraus zu erkl'ären 
sein dürfte, dass man die ganze Hautoberfläche aus einer continuir- 
lichen Mosaik von anatomisch begrenzten und der Ausbreitung der 
Nervenfasern entsprechenden Empfindungskreisen zusammengesetzt 
sich vorstellen könne. Es wird an nervenreichen Hautstellen der 
Durchmesser der, Empfindungskreise kleiner sein, als an solchen mit 
wenigen Nervenfasern. Physiologisch liegt dem gegenüber das Ver- 
hältniss so, dass wir Empfindungskreise jeder Hautstelle in unserem 
Bewusstsein haben und dass das Oebiet dieser Empfindungskreise 
durch Beeinflussungen des Bewusstseins in unserer Vorstellung ver- 
ändert wird. So wird von Aufmerksamkeit und üebung, auch wohl 
von der Stärke des Reizes die Grösse der physiologischen Empfin- 
dungskreise beeinflusst. Vor Allem ist es die Aufmerksamkeit, welche 
unzweifelhaft dieselbe verkleinert. Darnach wird man an der Grösse 

*) S. Figur. Deutsche med. Wochenschr. 1897. p. 478. 

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TJeberbürdung. 



253 



der Empfindungskreise den Maassstab der Aufmerksamkeit gewinnen 
können. Durch geistige Arbeit ermüdete Personen mit verminderter 
Aufmerksamkeit werden grössere Empfindungskreise, eine Vergrösse- 
rung der „ßaumsch welle'' zeigen, und umgekehrt wird aus der 
grösseren Raumschwelle, dem Grade der Unaufmerksamkeit ein Maass 
von geistiger Ermüdung und Erschöpfung gewonnen sein. 

Griesbach weist bezüglich der Anwendung der Methode selbst 
auf die kleinen Cautelen hin, die man im Auge behalten müsse, 
wenn die Messungen zu correcten Ergebnissen führen sollen. In 
der Hauptsache kommt es darauf an, dass man in jedem Falle beim 
Aufsetzen der Zirkelspitzen beachte, dass dieselben in der gleichen 
Hautrichtung stehen, dass man stets in der gleichen Weise entweder 
von weiten Abständen zu den kleinsten, oder umgekehrt vorgehe. 
Jede Abweichung kann zu verschiedenen Ergebnissen führen, und 
darin liegt die eigenartige Schwierigkeit der an sich anscheinend 
sehr leichten Durchführung der Messungen. Beispielsweise sind die 
Werthe an der gleichen Hautstelle verschieden, je nachdem man 
von grossen zu kleinen oder von kleinen zu grossen Abständen über- 
geht, sehr wesentlich verschieden auch, je nachdem die Zirkelspitzen 
in der Längs- oder Querrichtung der Haut aufgesetzt sind, je nach- 
dem man sich stärkeren Druckes, scharfer oder stumpfer Zirkel- 
spitzen bedient. Dies Alles will sorgsam beachtet sein, sollen Fehl- 
schlüsse vermieden werden. Dies vorausgesetzt, hat Griesbach 
Schüler verschiedener Klassen der Oberrealschule und der Gym- 
nasien in Mülhausen den Versuchen unter den verschiedensten Be- 
dingungen des Schuleinflusses unterzogen, und zum Vergleiche ander- 
weitiger Thätigkeit als der Schulbeschäftigung auch Lehrlinge aus 
dem Eaufmannsstande und mechanische Arbeiter zu den Versuchen 
herangezogen. Es wurde Glabella, Nasenspitze, Roth der Unter- 
lippe, Jochbein (Mitte), Daumenballen und Fingerbein gemessen. 

Als Normalzahlen ermittelte Griesbach folgende, als Mittel 
der Messungen an 10 Individuen. 



Lebensjahr 

Glabella .... 
Nasenspitze . . . 
Roth der Unterlippe 
Jochbein (Mitte) 
Daumenballen . . 
Fingerbein . . . 



11. 


12. 


13. 1 14. 15. 


16. 


17. 


18. 


2,5 


4 


4,5 4,6 


4,6 


4 


3,5 


3,5 


1,5 


1,5 


2 


2 


3 


2,5 


2 


2 


1 


1,5 


1,5 


1,5 


1,5 


1,5 


1,5 


2 


4 


4,5 


5 


5 


5,5 


5 


4,5 


4 


3,5 


3,5 


3,5 


4 


4,5 


4 


3 


4 


1 


1 


1 


1.5 


1,5 


1 


1 


1,5 



19. 



2 

3 

1,5 

4 

3,5 

1,5 



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254 



Ueberbürdung. 



Es ergab sich nun gegenüber diesen Normalzahlen in einzelnen 
Beispielen der sehr zahlreichen Messungen Folgendes. 



Knabe, 
12 Jahre, 
Quinta, 
12 Uhr M. 
nach 5 Lehr- 
standen 



6V« Uhr 
ohne nach- 
g^ewiesene 
Beschäfti- 
gung 



Knabe, 

13 Jahre, 

Untertertia, 

4 ühr 



5 Uhr (nach 
Mathematik- 
standen) 



GhibeUa . 

Nasenspitze 

Lippenroth 

Jochbein . 

Daomenballen 

Zeigefingerbein 



10 


4 


3,5 


10,5 


4 


2 


2 


4 


8,5 


1,5 


1,5 


; 2,5 


14 


5 


5 


! 13^ 


10 


5 


4 


i 8 


8.5 


1,5 


1»5 


2,5 



Es zeigt sich aus diesen Beispielen, wie nach dem Unterrichte 
die Raumschwelle für die einzelnen Eörperstellen angestiegen ist, 
wie selbst schon ein Istüodiger mathematischer Unterricht dieselbe 
ansteigen lässt, und wie auf der anderen Seite einige Zeit nach Ehr* 
ledigung des Unterrichts dieselbe wieder absinkt. 

Indem wir auch hier bezüglich der einzelnen Fragestellungen 
und der detaillirteren Ergebnisse auf die öriesbach'schen Studien 
selbst verweisen müssen, können die Ergebnisse derselben etwa folgen- 
dennassen zusammengefasst werden. Es hat sich herausgestellt, dass 
sich an Ruhetagen Ermüdungsziffem der Raumschwelle nicht kund 
geben, dass aber mit der Zeitdauer der Arbeit in der Schule und 
mit dem Nachmittagsunterricht erhebliche Ermüdungszustande ver- 
bunden sind. Allerdings sind am Morgen nicht immer die günstig- 
sten Ergebnisse vorhanden, was mit ungenügendem Schlaf oder nicht 
völliger Wiederherstellung aus der Ermüdung heraus erklärt werden 
kann. Die einzelnen Lehrgegenstande unterscheiden sich nicht un- 
wesentlich in ihrer Ermüdungswirkung, und es lässt sich etwa folgende 
Reihenfolge construiren: 

Schwer: Latein, Französisch, Englisch, Geometrie, Rechnen. 

Schwer bis mittelschwer: Deutsch, Naturlehre, Geschichte. 

Mittelschwer: Geographie. 

Mittelschwer bis leicht: Naturgeschichte, Religion. 

Leicht: Zeichnen, Schreiben. 

Aus den Vergleichsuntersuchungen ergab sich des Weiteren, 
dass körperliche .Arbeit und Bureauarbeit beispielsweise bei den 



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Ueberbürdung. 255- 

Lehrlingen der Webeschnle oder den Volontären der elsässischen 
Maschinenfabrik nur geringe Ermüdungserscheinungen zu Wege 
brachte. — Schwerwiegend ist der Ermüdungseinfluss der Prüfungen^ 
so dass Abweichungen wie 

6 : 31 (Jochbein hinten) 
4,5 : 15 (Jochbein vorn) 
5 : 12 (Stirn) 

zur Beobachtung kommen. 

Fast in vollem Umfange fanden die von Griesbach gefundenen 
Thatsachen Bestätigung durch Wagner; insbesondere ist bemerkens- 
werth, dass auch dieser Autor den Nachmittagsunterricht wegen des 
Ermüdungseinflusses verwirft; auch der Turnunterricht wird wenig- 
stens für ^/s der Schüler als ermüdend ermittelt. Weniger verschieden 
in dem ermüdenden Einflüsse ist aber nach Wagner die Materie des 
Lehrfaches an sich, als vielmehr die Art des Unterrichts und die 
Lehrföhigkeit des Lehrers. 

In der zweiten Gruppe von Untersuchungen wurde, wie schon 
angedeutet, die Ermüdung an der Beschaffenheit und dem Grade der 
Vollkommenheit in der Erfüllung einer aufgetragenen geistigen Ar- 
beit gemessen. Dieselbe wurde absichtlich möglichst einfach und 
möglichst gleichmässig gewählt und bestand entweder in der Durch- 
führung an sich leichter Kechnungsaufgaben, wie fortgesetzte Ad- 
dition oder Multiplication mit einstelligen Zahlen, in der Wieder- 
holung dictirter Zahlen und Silben aus dem Gedächtnisse, oder in 
der Ergänzung und Einschaltung von die Gedankenreihe fortführen- 
den Sätzen. 

Der Erste, der sich mit dieser Art von Untersuchungen beschäf- 
tigte, war Burgerstein. Bei der Ausführung einfachster Additions- 
aufgaben, die im Verlaufe von Unterrichtsstunden den Schülern nach 
mehrfachen kurzen Unterbrechungen gegeben wurden, versuchte er 
aus der Quantität des Geleisteten und den auftretenden Fehlem und 
Gorrecturen das Maass für die allmählich zur Geltung kommende 
Ermüdung der Arbeitenden zu gewinnen. Wir haben oben (p. 53) 
gelegentlich der Frage der Einrichtung der Schulpläne schon etwas 
eingehender dieser Untersuchungen von Burgerstein gedacht und 
auch der analogen Untersuchungen von Höpfner und Eraepelin 
wenigstens Erwähnung gethan. Bei der immerhin grossen Bedeu- 
tung dieser ganzen Gruppe von Untersuchungen sei es gestattet, 
die Methode derselben noch etwas eingehender in Betracht zu ziehen. 



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256 üeberbürdung. 

Im Anschlösse an die Bürge rstein^schen Untersuchungen ging 
Laser mit der Prüfung der Ermüdung durch Rechenaufgaben vor. 
Nur wollte derselbe nicht die Ermüdung in einer Unterrichtsstunde 
prüfen, sondern untersuchen, ob bei dem Sstündigeu Unterricht, wie 
er jetzt an einem Vormittag abgehalten wird, eine Abspannung der 
Schüler eintrete. In Folge dessen liess er letztere am Anfang jeder 
der 5 Stunden ein Arbeitsstück rechnen, wozu ebenfalls nur 10 Mi- 
nuten Zeit gewährt wurden. Die Aufgaben waren genau so ge- 
bildet, wie es Burgerstein gethan hatte. Der Stundenplan zeigte 
die Anordnung, dass immer eine anstrengende Stunde mit einer 
weniger anstrengenden abwechselte. Nach jeder Stunde war eine 
Pause, und zwar nach der ersten 5 Minuten, nach der zweiten 
15 Minuten, nach der dritten 5 Minuten, nach der vierten 10 bezw. 
15 Minuten. Die Kinder — es handelt sich um Volksschulen — 
standen in zwei Klassen im 5. und in zwei anderen Klassen im 
4. Schuljahre. Das Durchschnittsalter schwankte zwischen 10^,i3 und 
11^/4 Jahr. Die Aufgaben scheinen für die Klassen zu schwer ge- 
wesen zu sein, oder sie sind nicht recht verstanden worden; denn 
von den 235 angefertigten Arbeiten waren 9 ganz unsinnig ge- 
fertigt; ferner betrug die höchste ausgerechnete Zifferzahl in den 
einzelnen Arbeitsstücken und Klassen im Mindestfalle nur 39,8 ^/o 
und die niedrigste ausgerechnete Zifferzahl im Mindestfalle nur 10,4^/o 
der verlangten Ziffern. Von den Ergebnissen seien nur die wichtig- 
sten erwähnt. Die Zahl der gerechneten Ziffern, also die Leistungs- 
quantität, ist in dem ersten Arbeitsstück am geringsten. Die Ur- 
sache scheint darin zu liegen, dass die Kinder häufig erst kurz vor 
Beginn des Unterrichts kommen und noch nicht die gehörige Samm- 
lung haben, vielleicht auch darin, dass der Untersucher, also eine 
fremde Person, in der Klasse anwesend war; auch fehlt noch die 
Uebung. Die Zunahme der Quantität ist am grössten vom ersten 
zum zweiten Arbeitsstück, weniger gross vom zweiten zum dritten. 
Bis zur 3. resp. 4. Stunde nimmt die quantitative Leistung zu, um 
in der 4. resp. 5. Stunde nachzulassen. Bezüglich der qualitativen 
Leistung constatirte Laser, dass die Zahl der fehlerfrei rechnenden 
Schüler mit jedem Arbeitsstück abnimmt, und dass die absolute wie 
auch die durchschnittliche Fehlerzahl allmählich bis zur 4. Stunde 
wächst und dann in der Regel bei dem 5. Stück fällt. Der Ghrund 
für letztere Erscheinung ist wohl in der Art des Stundenplans und 
in der Vertheilung der Pausen zu suchen. 

Laser zieht aus seinen Untersuchungen den Schluss, dass sich 



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Ueberbürdung. 257 

zwar eine gewisse geistige Ermüdung bei den Kindern zeigt; jedoch 
ist dieselbe. nach den gefundenen Resultaten nur eine geringfügige. 

Burgerstein zieht indess aus den von Laser gefundenen Zahlen 
weitere Schlüsse. Er berechnet, was Laser nicht gethan hatte, den 
Gesammtdurchschnitt für alle 4 Klassen und hat so den Yortheil, 
einmal den störenden Einfluss der verschiedenen Stundenpläne bei 
den Einzelversuchen einigermassen zu eliminiren, andererseits als 
Basis der Berechnung eine statistisch weit werthvollere , grössere 
Individuenzahl als die der einzelnen Klassen zu erhalten. 

Es wurden gerechnet durchschnittlich in dem 



1. 2. 


3. 4. 5. Zeitstück 


154,5 179,9 


190,8 194,6 203,0 Ziffern oder 


37,30 43,45 


46,31 48,09 48,93 0/0 der geforderten Zahl. 



Es wächst somit das Quantum der geleisteten Arbeit von einem 
Arbeitsstück zum anderen, und zwar tritt der Zuwachs vom 1. zum 
2. Stück am meisten hervor. 

Die Fehlerzahl betrug im Durchschnitt für alle Lidividuen im 



1. 


2. 


3. 


4. 


5. Zeitstock 


5,07 


6,46 


37,5 


7,94 


7,37 oder 


3,28 


3,59 


3,97 


4,08 


3,63 der berechneten Ziffern. 



Damach nimmt also die Qualität der Leistung ab bis auf die 
letzte Stunde, welche günstig hervorsticht. 

Somit wäre also gegen einen 5stündigen Vormittagsunterricht 
für Schüler dieses Alters nichts einzuwen<len, und die Frage der ge- 
theilten oder ungetheilten Unterrichtszeit wäre dann entschieden. 

Kraepelin^s Versuchspersonen waren Studenten und Assistenten 
von ziemlich gleichem Lebensalter und gleichem Bildungsgange. Die 
Versuche wurden in der Weise angestellt, dass die Personen in 
eigens dazu gedruckten Hefben ohne Unterbrechung längere Zeit, 
nach Umständen mehrere Stunden lang, die unter einander stehenden 
Ziffern addirten. Wenn die Summe bis über hundert gestiegen war, 
wurden die Hunderter einfach fortgelassen, und zu dem Ueberschuss 
an Einem wurde weiter hinzuaddirt. Alle 5 Minuten ertönt ein 
Olockenzeichen. Dann macht die Versuchsperson einen Strich hinter 
die zuletzt addirte Zahl. Bei der Prüfung der Versuche wurde nur 
die Menge der in je 5 Minuten von jeder Person gerechneten Zahlen 
ermittelt; dagegen blieb die Richtigkeit der Resultate unberücksichtigt. 

Die wichtigsten Ergebnisse der Versuche waren folgende: 1. Die 

Baginsky, Schalhygiene. II. 3. Anfl. 17 



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258 üeberbürdung. 

Arbeitsleistungen der einzelnen Personen erwiesen sich als ausser- 
ordentlich verschieden. 2. Die Leistungsfähigkeit stieg während der 
ersten Arbeitszeit bis zu einer gewissen (Jrenze. 3. Jenseits derselben 
trat aber eine Abnahme in den Leistungen ein. Wir werden alsbald 
auf die Ton Eraepelin aus diesen Untersuchungen gezogenen all- 
gemein wichtigen Schlüsse noch zurückkommen. 

BeiEemsies stand der Gesichtspimkt im Vordergrund, ob der 
schulmässige Unterricht bei unseren Schülern eine nennenswerthe 
Ermüdung erzeuge ; femer stellte er sich die Aufgabe, die Ermüdung 
an dem einzelnen Kinde zu studiren, während die übrigen Unter- 
sucher das Hauptgewicht auf die Ermittelung der Durchschnitts- 
leistung einer grösseren Schülerzahl legten. Es zeigte sich, dass es 
einzelne Schüler giebt, die mit vorrückender Zeitlage besser arbeiten, 
bis zu 33 V ; femer solche, die sich ziemlich gleich bleiben ; bei der 
Mehrzahl schwanken die Leistungen, imd nur bei wenigen nehmen 
sie mit fortschreitender Zeit gleichmässig ab, bis zu 50 ^/o. 

Höpfner knüpfte seine Untersuchungen an ein Versetzungs- 
dietat aus einer Berliner Gemeindeschule an. Dasselbe war von 
50 Knaben im Alter von 9 Jahren geschrieben und bestand aus 
19 Sätzen von je durchschnittlich 30 Buchstaben. Es dauerte mehr 
als 2 Stunden. Die AusfÜhmng des Dictates geschah in der Weise, 
dass der Satz einmal vorgelesen, dann von einzelnen Schülern 
mehrere Male nachgesprochen und endlich von der ganzen Blasse 
wiederholt wurde. Waren alle Schüler fertig, so wurde der nächste 
Satz begonnen. Die Absicht, das Dictat als Gegenstand seiner Unter- 
suchungen zu benutzen, kam Höpfner erst, nachdem dasselbe ge- 
schrieben war. 

Auf je 100 Buchstaben kamen 2,7 Fehler. Nach den einzelnen 
Sätzen berechnet, zeigen die Fehlerprocente ein variables, und zwar 
zuerst schwach fallendes, dann stärker steigendes Verhalten. Im 
Allgemeinen wachsen die Fehler von 4 zu 4 Sätzen um 1 ^/o , also 
um eine constante Grösse. Die Zunahme der Fehler ist im Durch- 
schnitt der geleisteten Arbeit proportional. Als psychologische Ur- 
sache des anfänglichen Fallens und des darauffolgenden Steigens der 
Fehlercurve hat man jedenfalls eine anfänglich wachsende Erregung 
oder innere Sammlung mit folgender Ermüdung anzusehen. 

Höpfner unterscheidet im Wesentlichen vier Fehlergruppen: 

1. ein Sprachelement (Buchstabe, Silbe, Wort, Satz) kann ganz 
ausfallen (Ausfall); 

2. es wechselt seine Stelle (Umstellung); 



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üeberbürdung. 259 

3. ein fremdes wird eiogeschoben (Einschiebung) ; 

4. eins wird durch ein anderes ersetzt (Ersatz). 

Die AusfallsfeUer sind für die Ermüdung besonders wichtig, 
da das Weglassen eines Bestandtheiles unmittelbar als ein Nicht- 
zustandekommen eines psychischen Actes gedeutet werden kann. Die 
Tom Schüler gegebene falsche Schreibweise entspricht häufig der 
ihm geläufigen Aussprache; letztere verdrängt im Zustande der Er- 
müdung die angelernte und noch wenig eingeübte Aussprache. Diese 
Ausfallsfehler haben ihren Sitz in dem Process der Assimilation, 
möglicherweise auch in der nachherigen Reproduction. — Die Um- 
stellungsfehler sind gleichfalls durch die Wirkung der Ermüdung zu 
erklären. — Bei den Einschiebungsfehlem verrathen die eigenen Zu- 
thaten des Kindes, dass es ermüdet und nicht im Stande ist, die 
gehörten Worte des Dictates treu wiederzugeben. Bei dem Assimi- 
lationsprocess des Hörens gewann die assimilirende Vorstellungs- 
masse immer mehr Uebergewicht über die percipirte. — Der Ersatz 
eines Satzes oder von Wörtern ist ein Fehler der Assimilation oder 
des Gedächtnisses, während der von Buchstaben häufig die schlechte 
Aussprache des Kindes wiederspiegelt. — Eine besondere Gruppe 
bilden die Fehler, bei welchen eine fälschliche Verdoppelung oder 
ein Unterlassen der richtigen Verdoppelung der Buchstaben eintritt. 
Die Zunahme dieser Fehler ist theils durch die Abnahme des re- 
productiven Vorstellens der Schriftbilder, theils durch die Abnahme 
des Besinnens auf die Schreibregeln verursacht. Dieselbe Erklärung 
gilt auch für das Kleinschreiben der Hauptwörter, für das Gross- 
schreiben der Wörter mit kleinen Anfangsbuchstaben u. s. w. — Da 
sich ein allgemeines Anwachsen der Fehler in diesen einzelnen 
Gruppen zeigt, so ist dies auf Rechnung der grösseren Ermüdung 
zu setzen. 

Friedrich stellte sich bei seinen Untersuchungen eine dreifache 
Aufgabe. Er suchte zu bestimmen 1. den inneren Verlauf einer 
Schülerarbeit oder, mit anderen Worten, wie sich der Qualitäts- 
verlauf der Arbeiten zur Arbeitszeit verhält; 2. den Einfluss der 
gegenwärtig bestehenden Unterrichtsdauer auf die geistige Leistungs- 
fähigkeit der Kinder; 3. die Wirkung der eingeschobenen Pausen. 
Er wandte die Dictir- und Rechenmethode an zur Controle der 
beiderseitigen Ergebnisse. Jedes Dictat, dessen Sätze möglichst 
gleichmässig gebildet waren, nahm 30 Minuten in Anspruch, jeder 
Satz 2^/s Minuten. Die Fehlerprocente der einzelnen Sätze bieten 
ein buntes Gewirr von Zahlen ; wenn aber je vier Sätze zusammen- 



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260 



üeberbürdung. 



gestellt, also aus jedem Dictate drei Arbeitsperioden gebildet wurden, 
so ergab sich ein klareres Bild. In nachstehender Tabelle sind die 
wichtigsten Ergebnisse der Dictirmethode wiedergegeben. 



Unter- 
suchung 


Zeit 


Pause 


Mittel der Fehlerprocente im 
Arbeitsstück 


Fehler- 
mittel 
pro 


Fehler 
haben 


Nr. 


Uhr 




1. 


2. 


3. 


Schüler 


Schüler 


I 


8 





0,217 


0,206 


0,212 


0,647 


37 


II 


9 


— 


0,229 


0,320 


0,634 


1,137 


31 


111 


10 


eine von 
8 Min. 


0,482 


0,700 


0,866 


2,019 


18 


III a 


10 


— 


0,789 


0,372 


1,537 


2,607 


14 


IV 


11 


zwei k 
15 Min. 


0,415 


0,559 


0,884 


1,882 


18 


IVa 


11 


eine von 
15 Min. 


0,542 


1,219 


1,162 


2,980 


12 


IVb 


11 


— 


0,470 


1,257 


1,295 


3,176 


10 


V 


2 


— 


0.091 


0,185 


0,392 


0,686 


33 


VI 


3 


— 


0,482 


0,812 


1,172 


2,490 


15 


VII 


4 


eine von 
15 Min. 


0,438 


0,466 


0,798 


1,705 


23 


VII a 


4 


— 


0,706 


0,739 


1,699 


3,254 


10 



Man muss, um diese Resultate recht zu verstehen, beachten, 
dass der Arbeitssto£F, die Arbeitsgrösse und das Schülermaterial 
gleichgeblieben sind; nur die Arbeitszeit ist verändert. Wenn nun 
die Arbeitsleistung eine schlechtere wird, so muss in der voran- 
gegangenen Arbeit die Ursache .liegen. 

Friedrich zieht aus seinen Untersuchungen folgende Schlüsse : 
Was den inneren Verlauf der Schülerarbeit anbelangt, so ist gegen 
den Schluss der Arbeit eine Qualitätsverminderung zu erkennen. Die 
längere intensive Beschäftigung der Schulkinder mit einer Arbeit be- 
einflusst den Qualitätsverlauf dieser Arbeit dahin, dass mit der Zu- 
nahme der Arbeitszeit eine Abnahme der Qualität parallel geht. Was 
den Einfluss der Unterrichtsdauer auf die Arbeitsqualität anbetrifft, 
so entspricht einem Zuwachs der Schulstunden eine Abnahme der 
Qualität. Die qualitativ am niedrigsten stehenden Arbeiten wurden 
geliefert nach Schluss eines ununterbrochen Sstündigen Yormittags- 
und eines ununterbrochen 2stündigen Nachmittagsunterrichts. Die 
Pausen sind durchweg von günstiger Wirkung. Den besten Einfluss 
übt die 15 Minutenpause nach jeder Stunde. 



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üeberbürdung. 261 

Auf Veranlassung des Gymnasialdirectors Richter wurden im 
Jenaer Gymnasium algebraische Aufgaben imd griechische Formen 
als Prüfungsmittel gebraucht. Die erste Bechenarbeit erfolgte in der 
ersten Yormittagsstunde am Tage nach den Sommerferien und zwar 
in der Untertertia. Gegeben wurden drei Arbeitsstücke von je "zehn 
gleichartig gebauten Aufgaben; es war aber keine bestimmte Zeit 
gesetzt, in welcher die Aufgaben gelöst sein mussten. Inclusive der 
Pausen dauerte die Arbeit 44 Minuten. Bezüglich der Arbeits- 
geschwindigkeit zeigt sich eine Zunahme derselben bis zum Ende, 
doch mit abnehmender Stärke im letzten Arbeitsabschnitt. Der Ar- 
beitswerth steigert sich in den ersten beiden Dritteln der Stunde und 
vermindert sich im letzten Drittel. Hier tritt eine Erhöhung der 
Fehler und eine Verminderung der Correcturen ein. — Eine gleiche 
Arbeit wurde von denselben Schülern in der vierten Vormittags- 
stunde des nachfolgenden Tages ausgeführt. Arbeitsgeschwindigkeit 
und Arbeitswerth' sind im Allgemeinen grösser als bei der ersten 
Arbeit, ein Effect des Uebungserfolges der durch die am vorher- 
gehenden Tage vollzogene Bearbeitung gleichartiger Aufgaben er- 
reicht ist. Indessen treten die Ermüdungserscheinungen bei der 
zweiten Arbeit eher auf als bei der ersten, wenn sie auch nur ge- 
ringer Art sind. — Auch bei dem gleichen Versuche in der Ober- 
tertia zeigten sich die gleichen Resultate. Hier ergab sich sogar, 
dass die Zunahme der Geschwindigkeit ohne Beeinträchtigung des 
Werthes erfolgte. — Bezüglich der unter ähnlichen Bedingungen 
ausgeführten griechischen Formenarbeit theilt Richter mit, dass 
die in der letzten Vormittagsstimde geleistete Arbeit ungünstiger sei 
als die der ersten. Doch zeige sich bei genauer Prüfung der einzelnen 
Arbeiten eine grosse Differenz der individuellen Ermüdbarkeit; bei 
einzelnen Schülern tritt bald eine starke Ermattung hervor, während 
andere fast ebenso frisch wie beim ersten Versuch arbeiteten. — 
Richter vermochte überdies zu constatiren, dass die Wirkungen der 
Ermüdung mit der Zunahme der körperlichen Reife weniger hervor- 
treten. Ein jüngerer Schüler ermüdet schneller als ein älterer. Bei 
den 10 — 11jährigen Quintanern machten sich Ermüdimgserscheinungen 
bereits im zweiten Drittel der Stunde stark bemerkbar. Dagegen 
traten solche bei den 12 — 13jährigen Untertertianern erst im letzten 
Drittel der Stunde auf, und zwar in leichterer Form ; in der vierten 
Stunde zeigten sie sich früher als in der ersten. Die 13 — 15jährigen 
Obertertianer zeigten bis zur vierten Stunde keine Abnahme der Ar- 
beitsleistung; nur in der fünften Stunde trat eine starke Entwerthung 



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262 ücbcrbürdung. 

der Arbeit hervor; doch sieht Richter die Leistung an sich noch 
immer als einigermassen genügend an. 

Ebbinghaus wandte für die Ermüdungsmessungen drei Yer- 
schiedene Methoden an« Zunächst die Gedächtnissmethode, welche 
darin besteht, dass den Eandem kurze Reihen einsilbiger Zahlwörter 
in verschiedenen Anordnungen und mit einer bestimmten Geschwindig- 
keit vorgesagt werden, und dass sie dann unmittelbar nach dem An- 
hören niederschreiben, was sie behalten haben. Vor Beginn des 
Unterrichts und zu Ende jeder Lehrstunde liess man die Kinder je 
zehn solcher Reihen schreiben, nämlich je 2 Reihen zu 6, je 2 zu 7, 
8, 9 und 1 Ziffern. Diese Reihen schliessen die normale Leistungs- 
fähigkeit fast aller Schüler eines Gymnasiums ein. Zu ihrer Aus- 
führung ist nur ein Zeitaufwand von 4 — 5 Minuten erforderlich. — 
Als zweite Methode wurde die Rechenmethode nach Burgerstein 
gebraucht. — Die dritte Methode, die sog. Combinationsmethode, 
besteht darin, dass den Schülern ihrer Fassungslctaft angemessene 
Prosatexte vorgelegt werden, die in der mannigfachsten Weise durch 
kleine Auslassungen unvollständig gemacht sind. Bald sind einzelne 
Silben fortgelassen, und zwar sowohl am Anfange, am Ende, wie 
auch in der Mitte des Wortes, bald Theile von Silben, bald auch 
ganze Wörter. Jede Auslassung ist durch einen Strich angedeutet, 
und dem Schüler wird nun die Aufgabe gestellt, die Lücken eines 
solchen Textes möglichst schnell, sinnvoll und mit Berücksichtigung 
der verlangten Silbenzahl auszufüllen. Er hat dabei stets eine kleine 
Mehrheit von Dingen gleichzeitig im Auge zu behalten: die da- 
stehenden Buchstaben, die Anpassung an die vorgeschriebene Silben- 
zahl, vor Allem aber den Sinn seiner Ausfüllung sowohl im engeren 
wie im weiteren Zusammenhang des Textes, nicht nur mit Rück- 
sicht auf das Vorangegangene, sondern bisweilen auch mit Rück- 
sicht auf das Folgende. Ich gebe nachstehend den Anfang eines 
derartigen Textes, der für die oberen Klassen des Gymnasiums be- 
stimmt ist: 

Gleich des nach — Tages stellte sich — neue Commandant, 

Major von Gneisenau, der Gar — — als ihren jetzigen Anf 

vor, und d Feierl begleitete er — einer A — u. s. w. 

Es ist klar, dass die Combinationsmethode viel mannigfachere 
Geistesthätigkeiten von den Schülern verlangt als die übrigen ünter- 
suchungsmethoden, bei denen nur einfache und gleiche Operationen 
auszuführen sind. 

Die Untersuchungen wurden an einem Gymnasium und an einer 



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Ueberbürdung. 263 

höheren Töchterschule vorgenommen ; allerdings hatten sie zunächst 
nur einen orientirenden Charakter, um namentlich die Verwerth- 
barkeit der Methode, insbesondere der Combinationsmethode , fest- 
zustellen. 

Es ist natürlich, dass die höheren Klassen im Grossen und 
Ganzen mehr leisten als die niederen, sie behalten besser, rechnen 
besser und combiniren besser. Wenn diese principiellen Unterschiede 
auch bei jeder Methode zu Tage treten, so sind sie doch im All- 
gemeinen bei der Combinationsmethode viel beträchtlicher als bei den 
beiden anderen. Der Vergleich der Sexta mit den höchsten Klassen 
zeigt eine Erhöhung der Leistung in letzteren um etwa 50®/o bei 
der Rechen- und Oedächtnissmethode ; bei der Combinationsmethode 
dagegen wächst in den Unterklassen bereits in 3 Jahren Differenz 
die Quantität der Leistung um mehr als das Doppelte. In den Ober- 
klassen ist die Verbesserung zwar geringer, aber noch immer be- 
trächtlich. Diese Verhältnisse erklären sich aus der Art und dem 
Maasse der geistigen Arbeit, die bei jeder Methode von den Kindern 
zu leisten ist. Bei der Gedächtnissmethode handelt es sich nur um 
das sofortige getreue Reproduciren einer Reihe von relativ einfachen 
Eindrücken; eine höhere Litelligenz ist zu ihrer Ausführung nicht 
nothwendig. Sie lässt nach den Versuchen von Ebbinghaus keinen 
entschieden nachtheiligen Einfluss des 5stündigen Vormittagsunter- 
richts erkennen. Bei der Rechenmethode ist gleichfalls die Anwen- 
dung complicirter Geistesthätigkeiten nicht nothwendig ; sie erfordert 
anhaltendes Hantiren mit Ar wenigen fest eingeprägten Associationen. 
Sie lässt zwar eine gewisse geistige Ermüdung als Wirkung eines 
mehrstündigen Unterrichts deutlich erkennen ; aber dieselbe erscheint 
nur geringfügig. Die Combinationsmethode erfordert die Auffassung 
und Verarbeitung einer Mehrheit von Eindrücken zu einem Ganzen; 
sie nimmt dazu die höheren Geistesthätigkeiten in Anspruch und er- 
möglicht daher eine eigentliche Intelligenzprüfung. Bei dieser Me- 
thode, so äussert sich Ebbinghaus, lässt sich zwar über Ermüdung 
oder Nichtermüdung bei den höheren und mittleren Klassen noch 
kein Urtheil abgeben; aber mit grosser Deutlichkeit tritt hervor, 
dass die untersten Klassen ganz gleichmässig hinter dem zurück- 
bleiben, was man nach den Leistungen der höheren Klassen von 
ihnen erwartet. Diese Kinder erleiden also als Wirkung des mehr- 
stündigen Unterrichts eine allmähliche und gleichmässig zunehmende 
Abschwächung ihrer geistigen Leistungsfähigkeit. Bezüglich des 
durch verschiedene Unterrichtsfächer herbeigeführten verschiedenen 



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264 üeberbürdung. 

Grades der Ermüdung weist Ebbinghaus noch besonders darauf 
hin, dass nach dem Unterricht in den sprachlichen Fächern die 
durchschnittlichen Combinationsleistungen , sowohl quantitativ als 
qualitativ, besser sind als nach dem Unterricht in anderen Fächern. 
Wir hätten an dieser Stelle noch der Experimente von Schulze, 
Teljatnik, Vaniiod, Dankwarth^) u. A. mehr zu gedenken, indess 
wird das Herbeigebrachte genügen, um den Leser mit dem Gedanken- 
gange, der alle diese psycho-physischen und psychologischen Ver- 
suche geleitet hat, bekannt zu machen. Die einmal betretene Richtung 
wird voraussichtlich nunmehr auch weiter verfolgt und das Gesammtbild 
der Ergebnisse noch vielfach vervollständigt, vielleicht auch alterirt 
werden. Ich habe aber schon unverhohlen mein Urtheil dahin aus- 
gedrückt, dass ich vorläufig mit grosser Skepsis den eigentlichen 
Ergebnissen gegenüberstehe, wenigstens nach der Richtung hin, dass 
man, wie es geschehen ist, dieselben direct dazu verwenden will, 
den Maassstab für die Schwierigkeit der einzelnen Lehrgegenstände, 
für die Anordnung der Lehrpläne, der Schulpausen, Ferien u. s. w. 
zu gewinnen. Die Ergebnisse reichen dazu noch nicht aus. Die- 
selben sind an sich zu schwankend, und bei der Schwierigkeit 
der Feststellungen sensibler Störungen an Kindern, die jedem Arzte, 
der auf diesem Gebiete an Kindern Prüfungen vorzunehmen hat, be- 
kannt sind, wird man insbesondere noch den auf Grund derselben ge- 
zogenen Schlüssen auf Ermüdungsleistungen nur allervorsichtigst 
Vertrauen entgegenbringen dürfen. — \^^, wie es den Anschein 
hat, trotz mancher Abweichungen im Einzelnen ganz allgemein ge- 
nommen, aus den Versuchen hervorzugehen vermag, ist die That- 
sache der stetig fortschreitenden geistigen und körperlichen Er- 
müdung im Zusammenhange und im Gefolge längere Stunden hin- 
durch dauernden Unterrichts, und weiterhin die Thatsache, dass die 
mit Ausserachtlassung dieser Ei*müdung fortgeführte Geistesarbeit 
zur definitiven Erschöpfung führen muss. — Wichtiger aber viel- 
leicht selbst als dieses Ergebniss sind die aus Kr aepelin's Unter- 
suchungen hervorgegangenen Betrachtungen über den Ablauf der 
Geistesarbeit überhaupt, und einige von diesem Autor aus den vorliegen- 
den Studien der einzelnen Autoren, ebenso wie aus seinen eigenen 
Beobachtungen gezogenen Folgerungen. Kraepelin hebt hervor, 
dass nicht in der Ermüdung der Schüler an sich das Schädigende 
liege , sondern dass auf das Maass derselben alles ankomme. Das 



S. Literaturangaben p. 217. 

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üeberbürdDDg. 265 

üebermaass der Ermüdung schädigt die Arbeitskraft, während das 
geeignete Maass auch ermüdender Arbeit die Arbeitskraft dm*ch die 
stetig sich steigernde Uebung mehrt. Das üebermaass der Ermüdung 
führt dazu, dass der üebungswerth sinkt und dass die Fortführung 
der Arbeit unzweckmässig und schädlich wird. Die Ermüdung in 
der Arbeit und durch dieselbe darf nicht zu einer wachsenden und 
sich stetig steigernden werden, weil mit einer solchen Steigerung 
nicht allein die Leistung an sich, sondern auch die Widerstands- 
fähigkeit gegenüber der Arbeit sinkt, bis zum schliesslichen Zu- 
sammenbruch. In dieser Erkenntniss scheint mir vorerst der Haupt- 
werth aller der erwähnten Studien zu liegen, und die so gewonnene 
klare Einsicht in die inneren Vorgänge bei körperlicher und geistiger 
Arbeit hat das Yerständniss dafür eröfihet, dass die Erschöpfung 
der jugendlichen Organismen durch die Schularbeit möglich und 
unter fehlerhaft gegebenen Bedingungen und Einrichtungen wahr- 
scheinlich ist. Die Studien eröffnen gleichzeitig das Yerständniss 
für den Werth des allerdings nur bis zu einem gewissen Grade 
erholend wirkenden Wechsels der Arbeit, für den weitaus grösseren 
Werth der Einfügung genügender Ruhepausen zwischen Arbeit imd 
Arbeit, für die ausserordentlich grosse Bedeutung des Werthes aus- 
reichender Schlafzeit, um nicht vor vollständiger Beseitigung der 
durch die Arbeit geschaffenen Ermüdung neuerdings den Schüler in 
die Arbeit eintreten zu lassen. Thatsächlich glaubt auch Oriesbach 
aus seinen ästhesiometrischen Studien für viele Schüler den Schluss 
ziehen zu dürfen, dass dieselben noch nicht hinlänglich ausgeruht 
wieder zur Schule kommen, so dass sie bei längerer Wiederholung 
des gleichen Ereignisses zusammenbrechen müssen. 

An dieser Stelle soll aber auch der Hinweis auf die Tbatsache 
nicht unterbleiben, dass an der Ermüdung auch besondere, von dem 
Hause geschaffene Verhältnisse Theil haben können. Wenn in besseren 
Familien eine Ueberlastung mit Privatunterricht neben dem Schul- 
unterricht statt hat, Musikstunden, Sprach- und Turnstunden den 
Kindern die Ruhezeit und Schlafzeit beschränken, oder gar vorzeitig 
gebotene Genüsse, wie Besuch von Concerten, Theatern und Gesell- 
schaften, zu demselben Ergebniss führen, so ist es in den Ejreisen der 
minder begüterten Familien die Heranziehung der Kinder zu Erwerbs- 
arbeit, welche hier benachtheiligend eintritt. Es kann auf das um- 
fassende Gebiet dieser neuerdings die Gesetzgebung sehr ernst be- 
schäftigenden Materie hier nicht detaillirt eingegangen werden, und es 
möge nur erwähnt werden, dass die statistischen Erhebungen nach den 



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266 UeberbQrduDg. 

Jahresberichten der Oewerbeaufsichtsbeamten im Deutschen Reiche er- 
geben, dass 130285 Knaben, 84 669 Mädchen, zusammen 214954 Kinder 
zur Erwerbsarbeit herangezogen worden sind, eine Zahl, die bei der 
Neigung der arbeitenden Bevölkerung, den Erhebungen auszuweichen, 
sicher weit hinter der Wahrheit noch zurückbleibt, so dass man 
vielleicht nicht fehl geht, die Zahl auf mindestens 500000 abzu- 
schätzen. Es würde dies der Annahme entsprechen, dass in Deutsck- 
land nahezu jedes achte Kind an der Erwerbsarbeit betheiligt ist. — 
Erwägt man, dass die Erwerbsarbeit bei vielen Kindern schon sehr 
früh anfängt, so dass dieselben gegen 3 oder 4 Uhr Morgens das 
Bett verlassen, oder bis nach 9 Uhr Abends thätig sein müssen, 
so kann man wohl den Schaden ermessen, welcher den Kindern 
hier zugefügt wird, ganz abgesehen von den Nachtheilen, welche 
durch Durchnässung, Erkälhmg, fehlerhafte Ernährung, frühzeitigen 
Genuss von Alkohol u. s w. den Kindern in der Erwerbsarbeit er- 
wächst. Sitzen doch sicher viele der Kinder schwer erschöpft von 
vielen Oängen mit durchnässten Kleidern und Schuhen dann stunden- 
lang auf der Schulbank. 

Diese immerhin wichtigen und hochbedeutsamen Thatsachen vor- 
ausgesetzt, wird es nöthig sein, sich mit den eigentlichen Erschei- 
nungen der Ueberanspannung, wie sich dieselben dem Arzte darbieten, 
eingehend zu beschäftigen. 

Oriesbach erwähnt gelegentlich der von ihm vorgenommenen 
ästhesiometrischen Messungen an Schülern mehrfach folgende Sym- 
ptome: Zarte Körperbeschaffenheit, mangelhaft entwickelten Panni- 
culus adiposus, Blässe der Gesichtsfarbe, öfteres Nasenbluten, Druck- 
empfindungen im Kopfe und Kopfweh, Schlaffheit der M. orbicularis 
oculi, tiefe Stirnfalten, Zittern der Hände, Schlaflosigkeit, Träumen 
und nächtliches Aufschrecken, Herzklopfen, Injection der Skleral- 
gefässe und zeitweilige plötzliche Verdimkelung des Gesichtsfeldes, 
Neigung zum Schwitzen. — Das Gutachten der königl. preussischen 
Wissenschaftlichen Deputation für das Medicinalwesen unterzieht 
zur Beurtheilung der Frage der üeberbürdung , die es übrigens 
dahin formulirt, „ob die von den Schülern geforderte Gehirnarbeit, 
sei es dem Maass, sei es der Dauer nach zu gross sei", folgende 
Erscheinungen seiner Prüfung: die Verhältnisse der allgemeinen 
Körperentwickelung, den Selbstmord unter den Schülern, Geistes- 
krankheiten, die Kurzsichtigkeit, Congestionen zum Kopf, Kopfweh, 
Nasenbluten, allgemeine Körperschwäche mit schlaffer Haltung, 
Müdigkeitsgefühl, Theilnahmslosigkeit, Verminderung der Aufmerk- 



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üeberbürdung. 267 

samkeit, Oedächtnissschwäche und Neigung zu Oedankenverwir- 
rung. — Mit diesen Symptomencomplexen , die, wie man erkennt, 
umfassend genug sind, sind indess alle diejenigen krankhaften 
Vorgänge, welche von anderen Autoren mit der Schularbeit in Be- 
ziehung gebracht werden, keineswegs erschöpft, vielmehr wird die 
Entwickelung von Kropf (Struma), von Veitstanz, rheumatischen Af- 
fectionen, Tuberculose u. y. a. mehr mit herangezogen. Dem gegen- 
über wird auf der anderen Seite auf das Energischste ebensowohl 
die durch das Schulleben gesteigerte Morbidität überhaupt in Ab- 
rede gestellt, wie auch jede Möglichkeit eines causalen Zusammen- 
hanges der erwähnten ErankheitsTorgänge mit den Arbeitsleistungen 
der Kinder in der Schule abgelehnt — Unter solchen Verhältnissen 
bedarf es einer sehr sorgsamen und vorsichtigen Prüfung des vor- 
liegenden Materials. 

Wenn ich zunächst auf die eigenen Erfahrungen ganz im All- 
gemeinen zurückgreife, so habe ich Störungen constitutioneller Natur, 
die, ohne dass ich im Stande gewesen wäre, dieselben auf besondere 
Erblichkeitsverhältnisse oder Emährungsverhältnisse zurückzuführen, 
und die dennoch gruppenweise sich wiederholten, so dass man auf 
eine allgemeine Ursache hingewiesen wurde, etwa bei folgenden 
Kindergruppen und Altersstufen constatiren können. 

1. Bei jimgen Kindern im Alter von 6—8 Jahren. Die Kinder 
besuchten kurze Zeit erst die Schule und zeigten wenige Wochen 
nach der Einschulung ein allgemeines Zurückgehen der Vegetation 
im Anschluss an ausgesprochene dyspeptische Störungen. 

2. Bei Kindern im Beginn der Pubertät (im Alter von 12 bis 
14 Jahren). Die Mehrzahl der Knaben befand sich in der Gym- 
nasialklasse der Quarta und Tertia. Die Mädchen, Kinder aus Fami- 
lien aller Stände, besuchten ebensowohl die Volksschulen wie die 
höheren Töchterschulen. Bei allen Kindern waren anämische Zu- 
stände, mangelhafte Ernährung, Herzklopfen, nervöse Störungen, wie 
schlechter Appetit, gestörter Schlaf, Kopfschmerzen, Neuralgien, 
Myopie und Skoliosenentwickelung die hervorstechendsten Symptome. 

3. Bei Mädchen im Alter von 16 — 18 Jahren, welche sich in 
den höchsten Klassen der höheren Töchterschulen und in Seminarien 
befanden, in der Absicht, sich zum Examen vorzubereiten. Seltener, 
und eigentlich nur vereinzelt, bei Jünglingen, welche den höchsten 
Gymnasialklassen angehörten und ins Abiturientenexamen gingen. — 
Sämmtliche waren bleich, litten an Kopfschmerz und Schlaflosig- 
keit, zeitweilig an Nasenbluten, Appetitlosigkeit, gestörter Verdauung. 



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268 üeberbürdung. 

Die gesammte EörperhaltuBg litt an Schlaffheit, Welken und Müdig- 
keit; die geistige Energie war nicht auf der Höhe des zu Verlangen- 
den. Nebenher auch rasch fortschreitende Myopie und fehlerhafte 
Gestaltung der Wirbelsäule. 

Wenn so, nach meiner Erfahrung, derartige Oruppen zur Be- 
obachtung gelangen, so kann bei dem Mangel anderweitiger all- 
gemeiner Ursachen der Gedanke, dass das Schulleben an der Ent- 
wickelung der erwähnten Symptomencomplexe betheiligt sei, wohl 
Platz greifen.- 

Eine definitive Entscheidung der Frage des Gausalnexus zwischen 
Schule und krankhaften Störungen in den erwähnten Stufen ist, so- 
lange nicht eine Morbiditätsstatistik in der Schule von unbefangenen, 
erfahrenen Beobachtern geführt wird, wie ohne Weiteres zugestanden 
werden muss, nicht zu geben. — Es ist dies indess auch nicht die 
von ims an dieser Stelle zu lösende Aufgabe. — Wir haben viel- 
mehr den einzelnen der erwähnten Erankheitsformen nachzugehen, 
die klinisch zu beobachtenden Thatsachen festzustellen, auf die Mög- 
lichkeiten des causalen Zusammenhanges hinzuweisen und die Yer- 
hütungs- und Heilungsmaassregeln nach dem heutigen Stande unseres 
Wissens zu entwickeln. 

Allgemeine Eniährnngsstörimgen. 

Mit seltener Einmüthigkeit wird von fast allen Autoren, welche 
sich mit der Schulfrage beschäftigt haben (Becker, Drochmann, 
Freygang, Gast, Guillaume, v. Pettenkofer), hervorgehoben, 
dass die Kinder wenige Zeit nach Beginn des Schulbesuches ihre 
frische Gesichtsfarbe verlieren. Der Appetit wird vermindert, es 
treten Unregelmässigkeiten im Stuhlgang auf, insbesondere macht 
sich eine Neigung zu mehr oder weniger hartnäckiger Obstipation 
bemerklich. Hierbei schwindet denn auch das Fettpolster, die Kinder 
magern ab und selbst die Muskulatur wird schlaffer. Hand in Hand 
damit geht ein Abnehmen der Lebendigkeit in den Bewegungen, in 
der Munterkeit und Heiterkeit des Wesens. Die Kinder werden 
stiller, mehr in sich gekehrt, ermüden leichter als sonst und werden 
in Folge dessen träger. Vielfach zeigen die Kinder auch gestörten 
Schlaf. Dieselben werfen sich viel umher, sprechen aus dem Schlaf, 
knirschen mit den Zähnen und athmen unregelmässig. — In ver- 
einzelten Fällen kommt wohl auch das als Aufschrecken (Pavor noc- 
tumus) bezeichnete Phänomen zum Vorschein. Die Erscheinung be- 



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Allgemeine Ernährungsstörungen. 269 

steht darin, dass die Kinder kurze Zeit nach dem Einschlafen furcht- 
bar erschreckt aus dem Schlafe auffahren, laut kreischend „Mutter, 
Mutter*' rufen, und mit stierem, angstvollem Gesicht, augenscheinlich 
ohne Bewusstsein yon der Umgebung sind, an den Armen der herbei- 
eilenden Erwachsenen sich anklammem, bis sie schliesslich allmählich 
durch Zuspruch einigermassen zu sich gebracht, zu weinen anfangen, 
um alsbald sich matt zur Ruhe zu begeben und nunmehr in ruhigen 
Schlaf zu verfallen. Die Kinder haben am Morgen nicht das ent- 
fernteste Bewusstsein von dem nächtlichen Vorfalle. Die Erschei- 
nungen des Pavor noctumus wiedernolen sich, einmal aufgetreten, 
recht oft. Alle diese Vorkommnisse können jeden Tag aus der ärzt- 
lichen Praxis bestätigt werden. Die Erklärung der Eracheinungen 
ist allerdings nicht leicht, vor Allem aber ist die Abhängigkeit der- 
selben von dem Schulbesuch schwierig zu erweisen. Von Wichtig- 
keit ist zunächst die Beantwortung der Frage, ob nicht die physio- 
logische Entwicklung des Eondes die Abnahme der Körperfülle 
veranlasst, und ob nicht selbst die schweren Nervensymptome mit 
besonderen Entwickelungsverhältnissen des kindlichen Organismus 
gerade in dieser Periode des Lebens in Beziehung stehen. Aus der 
ersten Lebenszeit ist uns ein Phänomen bekannt, welches als Bei- 
spiel einer verminderten Vegetation und eines Herabgehens in der 
Ernährung hier herangezogen werden und bei der Häufigkeit, ja 
man möchte fast sagen der Regelmässigkeit der Wiederkehr fast 
als physiologisch betrachtet werden kann, das ist die Abmagerimg 
und Gewichtsabnahme des Neugeborenen in den ersten Tagen nach 
der Geburt. Nach den Untersuchungen von Burdach, Ghaussier, 
Quetelet, Ritter, Winckel u. A. nimmt das neugeborene Kind 
in den ersten 2 — 3 Tagen seines Lebens um nahezu 220 g ab. 
Freilich haben wir durch neuere Untersuchungen in Erfahrung ge- 
bracht, dass auch diese anscheinend physiologisch gegebene Ab- 
magerung nichts weiter ist als der Ausdruck einer fehlerhaften Er- 
nährung des jungen Kindes, oder' die Folge krankhafter oder durch 
Infection bedingter Vorgänge, und dass sie also keineswegs physio- 
logisch ist, sondern bei geeigneter Pflege vermieden werden kann. — 
Man könnte aber doch daran denken, dass gerade zu der Zeit des 
beginnenden Schulbesuchs, also im Beginne des 6. Lebensjahres ge- 
wisse physiologische Vorgänge statt haben, welchen die sich kund- 
gebende Blässe und Abmagerung und die venösen Störimgen ihre 
Entstehung verdanken. Bei sorgfältiger Erwägung ist indess nichts 
desgleichen zu entdecken. Man kann durchaus nicht behaupten, dass 



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270 Allgemeine ErDährungsstörungen. 

in der Zeit der beginnenden Schulpflichtigkeit das physiologische 
Wachsthum besonders rege sei, und dass Wachsthumsvorgange etwa 
zur Erklärung der Abnahme der körperlichen Frische des Schul- 
kindes herbeigezogen werden können. — In diese Zeit fallt aber auch 
ein besonderer physiologischer Vorgang, das ist die zweite Dentition. 
Bei der hervorragenden Rolle, welche in früherer Zeit Praktiker und 
Kliniker die erste Dentition in der Pathologie der Einderkrankheiten, 
freilich auch ohne Berechtigung, haben spielen lassen, war es natür- 
lich, dass diejenigen Autoren, ^welche von der Schule jeden Tadel 
fernzuhalten wünschen, auch auf die zweite Dentition, als die Quelle 
der Störungen des Allgemeinbefindens, der Abmagerung, Störung der 
Blutbildung u. s. w. zurückgingen. Auch dazu liegt keine Berechti- 
gung vor. — Die erste Dentition kann, wie die Beobachtung er- 
giebt, bei einzelnen Kindern schmerzhaft sein ; bei der hohen Reflex- 
erregbarkeit dieser frühen Altersperiode sind aus diesem Grunde 
nervöse Störungen, welche sich bis zu Gonvulsionen steigern können^ 
wenigstens möglich, wenn auch weitaus nicht so häufig, wie man 
früher glauben machen wollte. In der Zeit des ersten Zahnens kann 
der kindliche Organismus allerhand schweren Erankheitsformen be- 
sonders zugänglich sein; katarrhalische Erkrankungen des Darm- 
canals, der Respirationsorgane, gehören nicht zu den Seltenheiten, 
begründen ja die hohe Mortalität dieser Altersstufe. Sie haben zwar 
nichts mit der Dentition an sich zu thun, aber da sie in die Zeit der 
Dentition fallen, so ist es wenigstens erklärlich, wie man dazu gekommen 
ist, die Zahnung selbst als ätiologischen Factor schuldig zu machen. 
Man erfand eine Verknüpfung der Thatsachen, welche von Natur 
aus nicht besteht und sich durch nichts physiologisch begründen 
lässt. Noch entschiedener unwirksam ist aber die zweite Dentition. 
Die Milchzähne fallen schmerzlos aus und ebenso schmerzlos brechen 
die neuen durch; selbst der in dieser Zeit erfolgende Durchbruch 
der Molarzähne erfolgt meist schmerzlos ; die Reflexerregbarkeit hat 
mit der Entwicklung der Hemmungscentren im Gehirn ^) abgenom- 
men, die Disposition zu krankhaften Reflexen und Erampfformen 
hat abgenommen, insbesondere sind aber auch die Darmkrankheiten 
viel seltener. So ist nichts vorhanden, was dazu berechtigen könnte^ 
die Dentition für die Ernährungsstörungen der Schulkinder in dieser 
Altersperiode verantwortlich zu machen. — Wenn dem nun so ist,, 
dass weder in den Wachsthumsvorgängen , noch in der Dentition, 

') S. hierzu mein Lehrbuch der Kinderkrankheiten. Physiologische Ein- 
leitung. 1899. 6. Aufl. Bei Friedrich Wreden. 



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Allgemeine Ernährungsstörungen. 271 

noch in irgend einem anderen bekannten physiologischen Vorgänge 
die Quelle der Abmagerung und Anämie der in Rede stehenden 
Altersstufe gefunden werden kann, wenn endlich die genannten Ano- 
malien auch nicht einmal in einem bestimmten Jahrgange eintreten, 
sondern im Gefolge der Aufnahme des Kindes in die Schule bei dem 
einen Kinde firüher, bei dem anderen später erscheinen, so bleibt in 
der That nichts anders übrig, als in dem Schulbesuch selbst den 
Ghrund für dieselben zu suchen. — Es ist nicht leicht, den Zu- 
sammenhang zu erklären, ebensowenig, wie es sich erklären lässt, 
woher es kommt, dass eine grosse Reihe von Kindern die mehr oder 
weniger schweren Erscheinungen krankhafter Natur nach einiger 
Zeit wieder überwindet und die körperliche und geistige Frische 
wiedei^ewinnt. — Sieht man selbst von etwaigen handgreiflichen 
Schäden solcher Schulen ab, welche in ihren äusseren Einrichtungen, 
im Bau, Beleuchtung, Luftzuführung und Heizung etc. oder in ihren 
inneren Einrichtungen, Lehrplänen, Unterrichtszeit u. s. w. erheb- 
liche Mängel zu Tage treten lassen, und denkt man sich die hygie- 
nisch möglichst vollkommene Schuleinrichtung, so verändert diese 
schon die Lebensverhältnisse eines bisher dem elterlichen Hause zu- 
gehörigen Kindes sehr wesentlich. An die Stelle ungebundener Frei- 
heit der Bewegung ist die Nothwendigkeit getreten, für gewisse 
Stunden auf einem Platze ruhig zu verharren; der bisher im kind- 
lichen Spiele selbstthätige Geist wird in bestimmter Richtung be- 
einflusst und die Aufmerksamkeit, welche früher nur wenige Minuten 
hindurch einem einzelnen Gegenstande sich widmete, um sofort ab- 
zuspringen und sich einem neuen Gegenstande zuzuwenden, wird jetzi 
für längere Zeit für dieselbe Sache in Anspruch genommen. Mit 
dem Bewusstsein der Pflichterfüllung schwindet die ursprüngliche 
Harmlosigkeit und Sorglosigkeit. Daher geht die Mehrzahl der 
Sjnder, wenn sie die erste Neugierde und den Ehrgeiz des Besitzen 
von Schultafel und Fibel überwunden hat, nicht gern zur Schule und 
sehnt sich zurück nach der früheren glücklicheren Periode; nicht 
wenige Kinder bangen auch in der ersten Zeit des Schulbesuchs 
nach Eltern und Geschwistern und verfallen einer Art von Heim- 
weh. Diese psychischen Einflüsse, vereint mit der Hemmung der 
Muskelthätigkeit, dazu die Entbehrung der frischen Luft gerade in 
den Stunden des Vormittags, welche sonst wohl im Freien zugebracht 
wurden, die Unregelmässigkeit der Athmung, welche bei geistiger 
Anregung und bei der auf einen Gegenstand gerichteten Aufmerk- 
samkeit auch oberflächlich wird, endlich die höhere Temperatur der 



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272 Allgemeine Ernähnmgsstöruiigen. 

geaÜuneten Luft, deren Einfluss sich am ehesten zur Geltung bringt, 
wenn die Kinder, wie gewöhnlich, mit Beginn der Sommerzeit zur 
Schule gebracht werden, sind allerdings geeignet, den Appetit zu 
Terringem, die Verdauung zu hemmen und Blasse der Wangen mit 
folgender Abmagerung hervorzurufen. Wie überall, so giebt es auch 
hier eine grosse Reihe von Organismen, welche sich den veränderten 
Lebensbedingungen abbald accommodirt, die Störungen überhaupt nur 
wenig zur Geltung kommen l'ässt, oder alsbald ausgleicht; die frischen 
Wangen, das Fettpolster, die dralle Muskulatur kehren wieder imd 
mit ihnen die frühere Regsamkeit und Munterkeit. Bei anderen, 
entweder von Hause aus schwächlich veranlagten Kindern, bei Kindern 
mit ererbten Gonstitutionsanomalien oder bei solchen, deren Ernäh- 
rung schon vom 1. Lebensjahre an nicht die geeignete war, bei 
solchen endlich, deren erste Lebensperiode durch eine Kette von 
Leiden sich unglücklich gestaltet hatte, konunt der Ausgleich nicht 
zu Stande; sie behalten die blasse Farbe, sie bleiben schlaff und 
träge und fallen, wenn der Schulbesuch in gleicher Strenge gefordert 
wird und die Ansprüche an die Leistungsfähigkeit mit den Jahren 
gesteigert werden, ernsteren Störungen der Blutbildung anheim. So 
erkennt man denn, dass die Schule an sich allerdings nur da, wo 
die Disposition gegeben ist, einen dauernden schädlichen Einfluss 
ausübt, wobei vorausgesetzt ist, dass die Schuleinrichtungen die best- 
möglichen in hygienischer Beziehung sind, unter dem Eindruck 
besonderer Unzuträglichkeiten in schlecht eingerichteten Schulhäusem 
werden freilich auch sonst robuste Kindematuren leiden und für die 
Dauer Erkrankungen entgegengeführt werden können. Schlechte 
Schullufk wird auch die gesundesten Kinder nicht unbeschädigt lassen, 
und wenn sie dieselben nicht direct krank macht, so nimmt sie ihnen 
wenigstens, wie v. Pettenkofer sich ausdrückt, ,die Energie und 
Widerstandskraft gegen äussere Schädlichkeiten**. — Man hat wohl 
von ärztlicher Seite mehrfach ausgesprochen, dass das Erbleichen 
der Wangen und eine leichte Abmagerung an imd für sich über- 
haupt bedeutungslos für den Organismus seien, dass darin keines- 
wegs positive Leiden, sondern mehr zufällige und unschädliche 
Veränderungen des Aussehens liegen. Schon für das Erblassen der 
Gesichtsfarbe kann ich dies nicht gelten lassen. Das dauernde Ver- 
schwinden des frischen Wangenroths bei solchen Personen, welche 
dasselbe früher zur Schau getragen haben, ist zumeist ein Zeichen 
gestörter Blutbildung. Daher sehen Menschen, welche an chronischen 
Krankheiten leiden, bleich aus, daher ist auch das Erbleichen der 



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Allgemeine Ernährungsstörungen. 273 

Gesichtsfarbe oft ein Vorbote für ernste acute Krankheiten, nament- 
lich septischer Natur, wie des Typhus, und nicht mit unrecht sieht 
man mit Besorgniss auf einen Menschen, welcher bisher mit blühen- 
dem Wangenroth ausgestattet, allmählich bleich geworden ist. Des- 
halb müssen wir das Erbleichen unserer Schulkinder fürchten und, 
wenn dasselbe längere Zeit andauert, die Unterbrechung des Schul- 
besuchs eintreten lassen, gleichviel ob die hygienische Ausstattung 
der Schule gut erscheint oder nicht. Nicht minder bedeutungsvoll 
ist die Abmagerung ; sei es nun, dass dieselbe in mangelhafter Auf- 
nahme von Nahrung überhaupt, hervorgegangen aus der Appetit- 
losigkeit, oder in gestörter Assimilation der genommenen Nahrung 
durch Erkrankungen der Digestionsorgane ihren Grund habe. In 
jedem Falle bedarf sie ernster Berücksichtigung, da sie die ge- 
steigerte Ausgabe des Organismus gegenüber einer unzureichenden 
Einnahme kennzeichnet. Das Ende würde bei der Fortsetzung dieses 
Verhältnisses kein gutes sein können. Auch hier müssen wir also 
darauf bestehen , das Kind für einige Zeit aus der Schule zu ent- 
fernen, eventuell der ärztlichen Pflege zu überweisen. Es braucht 
wohl kaum erwähnt zu werden, dass sich solchen Kindern gegen- 
über die Ansprüche der Eltern und der Lehrer auf das geringste 
Maass reduciren müssen, dass der Unterricht in allen noch ausser- 
halb der Schulzeit so gern gepflegten Fächern, wie Musik und Hand- 
arbeit aufhören müsse. Je intensiver die allgemeinen Ernährungs- 
störungen hervorgetreten sind, je mehr sich ihnen ein nervöses 
Element hinzugesellt, desto vorsichtiger wird man mit der Zumuthung 
geistiger Arbeit bei den Kindern sein müssen; so bedürfen solche 
Kinder, bei denen die Symptome des Pavor noctumus sich zeigen, der 
grössten Schonung, körperlicher und geistiger Ruhe. — Den eben 
beschriebenen ähnliche Störungen findet man nun auch bei den älteren 
Stufen der Schuljugend und insbesondere in der Zeit vom 12., 14. 
bis 15. Lebensjahre und zwar bei Knaben sowohl wie bei Mädchen. 
Auch hier das Erbleichen der Gesichtsfarbe, das eigenthümliche 
Schlaffwerden von Muskulatur und Fettpolster, die Mattigkeit und 
Laschheit in den Bewegungen, die Unlust zur Arbeit, die Appetit- 
losigkeit, verbunden mit oft eintretendem Aufstossen und Stuhl- 
verstopfung, dabei nicht selten Beschleunigung des Pulses neben 
Herzklopfen und neben leichter Kurzathmigkeit bei etwas lebhafteren 
Bewegungen. — Bei Mädchen können sich diese Zustände bis nach 
vollendeter Pubertät hin ausdehnen, und gar nicht selten gesellt 
sich neben Störungen der Menstruation (Amenorrhoe oder Dysmenor- 

Baginsky, Schulhygiene. IL 3. Aufl. ly 



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274 



Allgemeine Ern&hrungBstdmngen. 



rhoe) schliesslich Fluor albus hinzu, welcher die Kräfte erschöpft 
und allmählich das ausgesprochene Bild der Chlorose zu Wege bringt. 
Während wir bei den jüngsten Schulkindern in der organischen Ent- 
Wickelung keinen Grund für die genannten Anomalien entdecken 
konnten, ist nun allerdings bei den letzten in Rede stehenden Alters- 
stufen in der physiologischen Entwickelung ein prädisponirendes Mo- 
ment für dieselben gegeben. Aus allen Untersuchungen über das 
menschliche Wachsthum geht mit Sicherheit her?or, dass dasselbe 
sowohl bei Knaben, als auch bei Mädchen in den genannten Jahren 
ein lebhafteres wird. Beneke hat durch Messimgen der Gefasse 
und des Herzens den Nachweis geführt, dass in den Volumenverhält- 
nissen beider zu einander und demgemäss in den Circulations- und 
Druckverhältnissen im Gefassapparat gerade in der Zeit vom 12. bis 
15. — 17. Lebensjahre wesentliche Wandlungen vor sich gehen. Das 
Gleiche geht aus den neueren Untersuchungen von Oppenheimer, 
Landsberger, v. Lange u. A. , wie aus den früheren von Li- 
harzik, Quetelet u. A. hervor. Man kann die Bedeutung des 
Wachsthums in der Zeit der Pubertät an einigen Zahlen klarmachen. 
Die Körperorgane des Neugeborenen = 1 gesetzt, zeigt das Kind 
im Alter von 





Ge- 
wicht 


Gehirn 


Lungen 


Herz 


Ge- 
wicht 


Gehirn 


Lungen 


Herz 




weihlich 




männlich 


1 

4 Jahren . . . ' 
10 Jahren . . . 
15 Jahren . . . 


4,60 

6,75 

15,28 


2,89 
3,33 
3,11 


5.77 
11,20 
14,35 


8,04 ' 
4,94 ' 
6,49 


4,55 

7,43 

14,12 


3,48 
3,59 
3,48 


5,99 

7,47 

12,93 


3,58 

5,05 

10,12 



Man erkennt die rapide Zunahme des Körpergewichtes und die 
ebenso beträchliche Volumenzunahme von Lunge und Herz. Dass 
damit eine sehr wesentliche Beeinflussung des gesammten Circula- 
tionsverhältnisses und in letzter Linie auch des gesammten StoflF- 
wechsel Verkehrs gegeben ist, ist leicht einzusehen. Entwickelungs- 
vorgänge so intensiver Natur sind aber begreiflicherweise leicht 
Störungen unterworfen. Es kommt nun noch hinzu, dass bei Mädchen 
in derselben Zeit die Zeichen der Geschlechtsreife sich stark bemerk- 
bar machen, dass die Menstruation vielfach an sich schon nicht ohne 
Störungen einsetzt. So ist wohl in allen diesen Vorgängen Grund 



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Allgemeine ErnähruDgsstöruDgen. 275 

genug vorhanden, dass sonst vielleicht weniger eingreifende und be- 
deutungslosere Einflüsse, wie erhebliche geistige Anspannung und 
langes Verharren in der Luft der Schulräume, rasche Ermüdung und 
in der Wiederholung die Zeichen der üeberbürdung erzeugen können. 
— Es wird unter solchen Verhältnissen seitens der Schule, ganz be- 
sonders aber auch seitens des Elternhauses, grosse Vorsicht in der 
Erziehung nothwendig sein. 

Noch einige Worte über die Behandlung dieser Zustände. Die 
Unterbrechung des Unterrichts und die Entfernung aus der Schule 
ist allerdings das wirksamste und radikalste Mittel; man wird sich 
aber ungern dafür entscheiden, so lange man die Hoffiiung hat, dass 
die körperliche Anomalie vorübergehend ist. Wir rathen deshalb 
vorerst zur sorgfaltigen Ueberwachung und wie schon gesagt, zur 
Beschränkung der Ansprüche. Sieht der Lehrer, dass ein Kind auf- 
fallend an Körperfülle abnimmt, dass seine Wangen bleich werden, 
dass es während des Unterrichts häufig gähnt, schlaff und müde er- 
scheint, so sei er vorerst durchaus nicht streng gegen das Kind, 
sondern halte es von gewissen, besonders anstrengenden Beschäfti- 
gungen, von vielem Schreiben, Auswendiglernen u. s. w. ab, rufe 
dasselbe zum Zweck der Prüfung seiner Fortschritte nicht so häufig 
auf, um ihm Tadel und Beschämungen zu ersparen. Von eigent- 
lichen Strafen muss selbstverständlich völlig abgesehen werden. Beim 
Unterricht im Turnen glaube man ja nicht durch forcirte Anstren- 
gungen der Erschlaffung der Kinder und der mangelhaften Blut- 
bildung Herr zu werden ; das Gegentheil ist das Richtige. Die Kinder 
bedürfen vielleicht noch früher einer Dispensation von den körper- 
lichen Uebungen als vom eigentlichen Schulunterricht. Die Muskel- 
thätigkeit trägt nur da zur Kräftigung bei, wo der Stoffwechsel rege 
ist und Ersatz für die Ausgaben in hinlänglicher Menge herbei- 
geschafft wird. Ein Muskel, welcher angestrengt wird, ohne dass 
ihm Gelegenheit geboten ist, die Producte des Stoffumsatzes fort- 
zuschaffen und durch neue, unverbrauchte Emährungsflüssigkeiten zu 
ersetzen, der insbesondere nicht reichliche Mengen sauerstofiführender 
Blutkörperchen zugeführt erhält, muss erlahmen und schliesslich in 
der Thätigkeit völlig versagen. Dies gilt für Erwachsene sowohl 
wie ganz besonders für Kinder, deren Stoffverbrauch im Ganzen reger 
und lebhafter ist. Es ist übrigens ebensowohl aus den ergogra- 
phischen wie ästhesiometrischen Untersuchungen, von denen oben 
die Rede war, klar hervorgegangen, wie körperliche Anstrengung 
auch zu geistiger Ermüdung zu führen vermag. Dies wird sich bei 



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276 Allgemeine EmäbnmgsstÖnmgen. 

den anämischen Kindern ganz besonders zur Geltung bringen müssen 
und ist deshalb aufs Sorgsamste zu berücksichtigen. Bleichen, schlaffen 
Kindern sind deshalb langsames Spazierengehen oder Ruhen in der 
freien Atmosphäre weitaus zuträglicher als Turnübungen. Dies mögen 
auch die Eltern berücksichtigen, welchen dringend zu rathen ist, die 
Kinder nicht zu häuslicher Thätigkeit, zu Geschäftsgängen zu be- 
nutzen. Ruhe, leichte, gut verdauliche Kost, mit Vorsicht geübte 
zweckmässige Hautcultur durch aromatische und Soolbäder, sind für 
diese Kinder die besten Mittel. Zuweilen ist die Anwendung von 
leicht assimilirbaren Eisenpräparaten geboten, doch auch nur da, wo 
keine ernsten Digestionsstörungen vorhanden sind, wo die Zunge rein, 
der Stuhlgang in Ordnung ist. Für dieses kindliche Alter empfiehlt 
sich vielleicht auch der Gebrauch der Arseneisenwässer, wie Guber- 
quelle, Levico und Roncegno. Es braucht wohl nicht erst hinzu- 
gefügt werden. Alles dies nur auf Anordnung und unter specieller 
Obhut eines sachverständigen Arztes. — Vorzügliche Dienste leistet 
überdies der längere Aufenthalt auf dem Lande und an der See. 



Erkraiiknngen des Wirbelsystems. 

Die ganze Schwierigkeit einer präcisen Beantwortung der Frage 
über den Einfluss der Schule auf die Gesundheit des Kindes tritt zu 
Tage, wenn man daran geht, die in dem kindlichen Alter häufig 
beobachteten Erkrankungen der Muskulatur und des Knochensjstems, 
speciell der Wirbelsäule und des Thorax auf ihre Aetiologie zu 
prüfen, den Schulbesuch und die Schularbeit unter den ätiologischen 
Momenten besonders zu berücksichtigen. — So viel auch auf dem 
Gebiete gerade in den letzten Jahren gearbeitet worden ist, so ist 
doch die Entstehungsart der wichtigsten Verkrümmungsform, der. 
Skoliose, bis auf den heutigen Tag noch viel umstritten und nicht völlig 
geklärt. Wir werden, selbst wenn wir es vermeiden, die ganze Frage 
ausführlich zu behandeln, was mehr Sache der chirurgischen Hand- 
bücher ist, auf eine Reihe dieser Arbeiten eingehen müssen, wenn 
anders wir ein klares Urtheil darüber gewinnen wollen, ob die Schule 
überhaupt und wie viel sie an der Entstehung der genannten Krank- 
heitsformen Schuld habe. In der einen Thatsache scheint allerdings 
mehr und mehr Uebereinstimmung gewonnen zu sein, dass die Skoliose 
zu der fehlerhaften Schreibhaltung der Kinder in der Schule, ins- 
besondere aber zum fehlerhaften Scbreibsitzen in Beziehung stehe. 



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ErkranknDgen des Wirbelsjstems. 277 

MuskelkrankheiteD , welche sich auf den Schulbesuch direct 
zurückführen Hessen, giebt es nicht, wenn anders man nicht jene 
Muskelaffectionen, mit welchen man die Erkrankungen der Wirbel- 
säule in Beziehung gebracht hat, hierher verweisen möchte; wir 
werden alsbald auf dieselben zu sprechen kommen. Zerrungen von 
Muskelgruppen und Quetschungen derselben kommen wohl bei ver- 
unglückten Turnübungen vor. Dieselben lassen sich vermeiden, wenn 
der Turnunterricht gehörig beaufsichtigt wird, und wenn, was oft 
nicht der Fall ist, die Schulkinder gehorsam sind. Wir haben kaum 
nöthig, über die Behandlung dieser unglücklichen Zufälle etwas zu 
sagen, da dieselbe nach den gewöhnlichen Grundsätzen und Regeln 
der chirurgischen Therapie geschieht. 

Wichtiger als diese überdies nur selten vorkommenden Un- 
glücksfälle ist die mangelhafte Entwickelung der Muskulatur über- 
haupt, wie sie besonders bei einer grossen Anzahl von Schulmädchen 
beobachtet werden kann. Ich kann nicht leugnen, dass ich in der 
Praxis oft überrascht bin über die erbärmliche Muskulatur der Mäd- 
chen aus dem Alter von etwa 10 — 14 Jahren. Die Untersuchung 
einer grossen Schaar von Schulmädchen des 12. Lebensjahres war 
nicht im Stande, diese unerfreuliche Beobachtung zu corrigiren; im 
Oegentheil, ich fand unter den sonst leidlich gesund und munter 
aussehenden Kindern nur sehr vereinzelt solche, deren Muskulatur 
auch nur mittelmässigen Anforderungen entsprach. Die Rücken- 
muskulatur, die Muskeln des Thorax waren dürftig und überaus zart. 
Sei dem, wie ihm wolle, so kann man immerhin nicht leugnen, dass 
der Turnunterricht unter der Voraussetzung einer guten Ernährung, 
für welche letztere allerdings nur das Elternhaus, nicht die Schule 
pffichtig ist, ganz dazu geeignet ist, die Muskulatur zu üben und 
besser zu entwickeln. Eine straffe Muskulatur ist weniger schnell 
Ermüdungen zugänglich, und damit schwindet die Neigung zu fehler- 
haften Haltungen bei den verschiedenen Theilen des Unterrichts, 
welche vieles Sitzen erheischen. Im Ganzen lassen die muskel- 
schwachen Schulkinder keine günstige Körperhaltung erkennen; 
namentlich kann man ein bedenkliches Abstehen der Scapulae von 
der Thoraxfläche nach hinten häufig beobachten ; auch ist eine etwas 
mehr als normale Vorwärtsbiegung des gesammten oberen Thorax- 
theiles mit der Wirbelsäule häufig sichtbar, so dass die Kinder einen 
in der Scapulargegend abgerundeten Rücken zur Schau tragen. 



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278 



VerkrümmuDgen der Wirbelsäule. 



Fig. 3. 



Terkrflmmnngen der Wirbelsftnie. 

Indem ich den anatomischen Bau der einzelnen Theile, welche 
die Wirbelsäule zusammensetzt, als bekannt voraussetze, und eventuell 
auf die Lehrbücher der Anatomie verweise, will ich nur hervorheben, 
dass man an der Wirbelsäule des Erwachsenen vier normale Bie- 
gungen erkennt, eine massige Biegung der Hals- 
wirbel convex nach vorn, der Rückenwirbelsäule 
convex nach hinten, so zwar, dass der höchste 
Punkt des convexen Bogens nach hinten sich in 
der Höhe des untersten Theiles des Brustbeines 
befindet, eine zweite Krümmung an den Lenden- 
wirbeln convex nach vorn und endlich eine con- 
vexe Ausbiegung des Kreuzbeins nach hinten. 
Die genaue Bekanntschaft mit diesen normalen 
Biegungen ist wichtig, wenn anders man den 
Blick und das Verständniss fUr pathologische 
Krümmungen der Wirbelsäule haben will. Ausser 
diesen sofort und deutlich sichtbaren Curven soll 
sich noch eine leichte Abweichung am Brusttheil 
der Wirbelsäule nach rechts hinüber finden, welche 
in der Gegend des dritten Brustwirbels anfangt 
und sich bis zum 5. und 6. Brustwirbel und sogar 
noch weiter herunter erstreckt (Sabatier, Wen- 
zel, Bühring, Bouvier, Weber, Meyer, 
Busch, Vogt). Bühring fügt noch als völlig 
constante und normale Erscheinung eine leichte 
Ausbiegung der Lendenwirbelsäule von der Me- 
dianlinie mit der Goncavität nach links hinzu, so 
dass die Wirbelsäule einen seitlichen schwachen 
oberen Bogen, den von ihm sog. , Herzbogen ** und 
einen unteren „Leberbogen" macht. So hätte nach 
ihm die Wirbelsäule in der Norm schon jene Ausbiegung in schwachem 
Maasse angedeutet, welche wir bei stärkerem Auftreten in der Patho- 
logie mit dem Namen Skoliosis bezeichnet finden; die Ursache der 
Ausbiegung nach rechts liegt nach Wenzel in der ununterbrochenen 
Bewegung der absteigenden Aorta, nach Bühring in den Ent- 
wickelungsvorgängen im Blutgefässsystem in der fötalen Lebens- 
periode (Belastung der Wirbelsäule durch Herz und Leber). Schon 
hier tritt uns indess ein Gegensatz in den Anschampgen der Autoren 




Normale Wirbelsäule. 



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Verkrümmuiigen der Wirbelsäule. 279 

entgegen, da unter Anderem aus Parow's^) Untersuchungen un- 
zweifelbaft hervorgeht, dass die Baucheingeweide gewöhnlich nicht als 
Last auf die Wirbelsäule wirken, sondern die aufrechte Stellung des 
Rumpfes unterstützen und die Goncavität der Brustwirbelsäule nach 
vom yermindem, während umgekehrt gerade jene Vorrichtung, welche 
ganz geeignet dazu erscheint, die Wirbelsäule an einem Zusammen- 
sinken nach vorn zu verhindern , nämlich die in dem Brustbein als 
Schlussstück sich abschliessende Bogen Wölbung des Thorax, den 
concaven Bogen der Brustwirbelsäule in Spannung erhält. Es sinkt 
nämlich mit der Herausnahme der Baucheingeweide die Brustwirbel- 
säule nach vorn zusammen und stellt einen stärkeren Goncavbogen 
dar, während sie mehr gerade gestreckt ist und einen Bogen von 
grösserem Radius darstellt, wenn durch die Herausnahme des Brust- 
beins der Bogen, welcher von Brustbein, Rippen und Wirbelsäule 
gebildet worden ist, unterbrochen wird. — Aus denselben Unter- 
suchungen geht nun auch hervor, dass die Curven der einzelnen 
Stücke der Wirbelsäule in gewisser Abhängigkeit von einander stehen 
und sich gleichzeitig, aber jedesmal in der entgegengesetzten Rich- 
tung nach ihrer ursprünglichen Anlage ändern (s. p. 34). Während 
Parow so von der Betrachtung des erwachsenen Skelettes zu der 
Anschauung gelangt, „dass der Thorax als ein integrirender Theil 
der Wirbelsäule aufgefasst werden muss, durch welchen die Form 
derselben wesentlich bestimmt wird,** kommt Hüter von entwicke- 
lungsgeschichtlichen Untersuchungen aus zu einer Theorie der Thorax- 
gestaltung, welche die letztere, mit Einschluss derjenigen der Wirbel- 
säule vollkommen von dem Wachsthums- und Verknöcherungsprocess 
der Rippeji abhängig macht. 

Die Pathologie unterscheidet drei Formen von Verkrümmungen 
der Wirbelsäule. 

1. Die Kyphosis. Unter Eyphosis versteht man die Ver- 
krümmung der Wirbelsäule mit der Convexität nach hinten. Wir 
übergehen hier die in Folge von Entzündung und Vereiterung der 
Wirbel entstehende spitzwinkelige Kyphose (Pott'sche Kyphose), 
welche durch tuberculöse Erkrankung, Erweichung und Einschmelzung 
der Wirbelkörper erzeugt wird, und berücksichtigen nur die bogen- 
förmige Kyphose, welche in jedem Alter und ohne jene schwere 
Form der Knochenerkrankung beobachtet wird. Im frühen Kindes- 
alter kann man dieselbe am häufigsten bei rachitischen Kindern und 



*) Parow, Virchow*8 Archiv für pathologische Anatomie Bd. XXXI. 

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280 Verkrümmnngen der Wirbelsäule. 

im Verlaufe des rachitischen Erankheitsprocesses beobachten. Sie 
verdankt ihren Ursprung zweifelsohne den mangelhaften Ossifications- 
processen, welche die Rachitis überhaupt ausmachen, einer Schlaff- 
heit der Bänder der Wirbelsäule und einer gleichzeitigen Schwäche 
der Sacrospinalmuskeln , welche nicht im Stande sind, den in dem 
Sitzen nach vorn sinkenden Thorax aufzurichten. Dieselbe erstreckt 
sich deshalb vorzugsweise auf die unteren Brustwirbel, vom sechsten 
oder achten anfangend nach abwärts bis zu den ersten Lenden- 
wirbeln; auch diese ist nicht Gegenstand unserer Untersuchung, da 
die Rachitis in den Jahren des Schulbesuches zumeist abgeschlossen 
ist, noch weniger haben wir es mit der Alterskyphose zu thun, 
welche wohl aus der Atrophie der Rückenmuskulatur hervorgeht. 
Unser Interesse fesselt diejenige Kyphose, welche in dem Alter des 
Schulbesuchs erscheint und zu dauernden Verunstaltungen des Körpers 
führen kann. Man bezeichnet sie auch als juvenile Kyphose. 

Die Symptome der juvenilen Kyphose sind ursprünglich eine 
convex nach hinten gehende Wölbung der Brustwirbelsäule, etwas 
über die normale Convexität hinaus. Der Bogen, welchen die Pro- 
cessus spinosi beschreiben, erscheint mit kürzerem Radius und die 
Wölbung ist ziemlich gleichmässig über den Rücken verbreitet. 
Die Krümmung zeigt sich indess zuweilen besonders stark in der 
Gegend der oberen Brustwirbel nach dem Halse zu. Der gesammte 
Thorax sieht von hinten gleichmässig runder aus, als normal, und 
man spricht daher wohl auch vom runden oder krummen Rücken. 
Die Schulterblätter heben sich von der hinteren Thoraxfläche ein 
wenig ab, namentlich in ihrem unteren Theile, während ihr oberer 
Theil in der Frontalebene nach vorn geneigt ist; gleichzeitig zeigen 
dieselben eine leichte Drehung um ihre Längsaxe, so dass sie sich 
unter dem Eindruck der doppelten Deviation von der hinteren Thorax- 
wand abzuheben scheinen. Die Brust ei'scheint dabei etwas schmaler 
als normal und abgeflacht, und der Thorax zeigt jene Form, welche 
man als nOng^ Brust** bezeichnet. Indem nämlich die Schlüssel- 
beine mit dem Schultergürtel etwas mehr nach vorn rücken, nehmen 
sie eine S-fÖmiig gekrümmte Gestalt an, und die beiden Schulter- 
gelenke rücken nach vorn an die Medianlinie des Körpers näher 
heran. Gewöhnlich entspricht der stärkeren Convexität der Rücken- 
wirbelsäule eine stärkere Concavität der Nacken- und Lendenwirbel- 
säule. Durch ersteres erscheint der Kopf zwischen den Schultern 
eingezogen, durch letzteres die ganze Bauchgegend ein wenig nach 
vom getrieben, so dass die gesammte Haltung eine unschöne und 



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Verkrümmungen der Wirbelsäule. 281 

ungeschickte wird. Wir werden an einer anderen Stelle erfahren, 
dass diese mit Engbrüstigkeit verknüpfte fehlerhafte Haltung auch 
noch mit gewissen Leiden der oberen Luftwege, insbesondere mit 
Erkrankungen der Organe des Nasenrachenraumes in Beziehung 
stehen. Der Verlauf des Uebels ist, wenn ihm nicht früh genug 
Einhalt geboten wird, gewöhnlich der, dass die ursprünglich fehler* 
hafte Haltung, welche sich durch den Willen des Kindes oder durch 
künstliche Nachhilfe anfänglich noch ausgleichen lässt, eine mehr 
und mehr constante wird, dass schliesslich an der concaven vorderen 
Partie die intervertebralen Bandscheiben an Volumen abnehmen, 
endlich auch die Wirbel in ihrem vorderen Theile an Masse ver- 
lieren und schwach keilförmig werden. Damit ist die anatomische 
Unmöglichkeit der vollen Restitution geschaffen. 

Der Einfluss der genannten Veränderungen auf die Entwickelung 
und die Function der inneren Organe ist ein durchaus ungünstiger. 

Mit der Verengung des Thorax leidet das Wachsthum des Re- 
spirationsorganes , der Lungen. Dieselben bleiben an und für sich 
zart und leicht verletzlich. Die Verkleinerung der Bespirations* 
fläche führt zu vermehrter Respirationszahl, und bei den, schon 
durch leichte Schädlichkeiten entstehenden, katarrhalischen Affectionen 
zu dyspnoetischen Erscheinungen. Damit ist der Grund zu einer 
Kette von Leiden gegeben; vor allem ist aber die gewisse Rück- 
ständigkeit der gesammten Entwickelung damit angebahnt, welche 
die Kinder insbesondere für die Infectionskrankheiten disponirt und 
den Verlauf dieser Krankheiten gefährlicher gestaltet, als bei ge- 
sunden Kindern. Es ist der mit der Atheminsufficienz gegebene 
mangelhafte Oxydationsprocess , welcher die gesammte Blutbildung 
in Mitleidenschaft zieht, anämische Zustände erzeugt, unter deren 
Einfluss die gesammten Körpergewebe zart bleiben, die Muskulatur 
schlaff und mangelhaft sich entwickelt, auch die Verdauung leidet; 
die Verdauungssäfte werden mangelhaft abgesondert, es fehlt der 
Appetit, und gar zu leicht entstehen bei fehlerhafter Ernährung 
Störungen der Digestion, dyspeptische Zustände und Darmkatarrhe. — 
Treten mit der Verkleinerung der Respirationsoberfläche zugleich 
Störungen der Circulation in den Lungen ein, was bei katarrhalischen 
Schwellungen der Bronchialschleimhaut leicht der Fall ist, so kommt 
es auch wohl zu Rückstauungen im gesammten Venensystem, zu 
Blutanschoppungen in der Leber, der Milz und im Darmcanal und 
zu passiven Congestionen im Gehirn. — Allerdings entwickeln sich 
alle diese schweren Zufälle nur bei den höheren Graden der Kyphosis ; 



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282 Verkrümmungen der WirbelBftule. 

indess ist das Weiterfortschreiten des üebels bei mangelnder Hilfe 
in den Jahren der Pubertät und vor Allem bei andauernder Ein- 
wirkung von Schädlichkeiten, welche die nach vom geneigte Körper- 
haltung erheischen und unterstützen, wahrscheinlich, und die Besserung 
des Zustandes wird wegen der sich allmählich entwickelnden ana- 
tomischen Veränderungen der Wirbelsäule immer schwieriger. 

Dies ist das Bild einer Anomalie, für deren Entstehung die 
Schule verantwortlich gemacht worden ist. — 

Man muss die Autoren, welche sich mit dem Gegenstände be- 
schäftigt haben, in drei Gruppen scheiden. Die eine Gruppe schreibt 
die Entstehung der juvenilen kyphotischen Verkrümmung ohne Wei- 
teres der abnormen Haltung des Körpers zu, welche die Kinder bei 
ihren Beschäftigungen in der Schule einnehmen. Ganz besonders 
aber werden mangelhaft construirte Schulbänke, Fehlen der Rücken- 
lehne und zu niedrige Tischhöhe, zu kleine Druckschrift der Bücher, 
welche ein Herabbeugen des Kopfes und Oberkörpers erfordern, wenn 
die Kinder in die richtige Sehweite kommen sollen, mangelhafte 
Beleuchtung, endlich zu lange anhaltendes Schreibsitzen und die Be- 
schäftigung mit Handarbeiten, und angeborene oder von dem Schul- 
leben bereits acquirirte Schwachsichtigkeit oder Myopie beschuldigt, 
die Entstehung der Kyphose zu befördern; so heisst es bei Seh re- 
ber (p. 16): „Das Sitzen ist nur eine halbruhende Körperstellung. 
Die Kinder lassen (wenn die Lehnen an den Schulbänken fehlen) 
den Rücken in sich zusammensinken, und es geschieht dies trotz 
der eifrigsten und nachdrücklichsten Ermahnungen. Hiermit und 
mit den durch das bald eintretende schmerzhafte Ermüdungsgefühl 
veranlassten anderweiten Sitzungsversuchen sind stets nachtheilige 
Verbiegungen des Rückgrates, der Brust- und Beckenknochen und 
Functionsstörungen der Brust- und Unterleibsorgane verbunden.* 
Und noch energischer bei Frey gang (p. 27): „Der Antheil der 
Schule an der Verursachung obiger Uebel liegt zunächst in der 
Forderung des zu lange anhaltenden Sitzens und namentlich Gerad- 
sitzens, sodann in der von ihr entweder zugelassenen oder gar ver- 
anlassten schädlichen Weise desselben. . . . Der Kampf des Kindes 
gegen die Schwere seines Körpers, tagtäglich wiederholt, wird dem 
Kinde nicht allein zur Qual, erschwert ihm das Aufmerken und jede 
geistige Thätigkeit; es schwächt vielmehr auch die Spannkraft der 
Lenden-, Rücken- und Halsmuskeln dermassen, dass das Zusammen<- 
gesunkensein des Kindes, die Krümmung des Rückgrates nach 
hinten, bleibender Zustand wird." Aehnlich äussern sich Guillaume, 



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VerkrQmmangen der Wirbelsäule. 283 

Passavant, Schraube, Becker und Busch. — Nachdem man in 
der Heffclage und Schreibweise Einflüsse kennen gelernt hat, welche 
die Körperhaltung der Kinder beeinflussen, könnte man auch nicht 
abgeneigt sein, kyphotische Haltungen auf die mit diesen Momenten 
in Zusammenhang stehende Annäherung an die Objecte zurückzuführen. 
Wir wollen uns erinnern, dass Schubert als einen wesentlichen 
Nachtheil der schrägen SchreibfOhrung bei schräger Heftlage be- 
zeichnete (p. 140), dass diese mit einem geringeren Arbeitsabstand 
gefertigt wird, als bei gerader Heftlage die aufrechte Steilschrifb, 
und wenn der Einfluss derselben auf die Niederbeugung des Ober- 
körpers auch nicht so hoch veranschlagt werden kann, wie auf das 
Entstehen asymmetrischer Haltung und der Abweichungen nach der 
linken Seite hin, so wird man doch vielleicht nicht die Ansicht 
haben können, ihren Einfluss völlig ausser Acht lassen zu dürfen 
(s. Schubert, Nürnberger Festschrift 1899, Sonderabdruck p. 17). 
Demgegenüber giebt es nun freilich eine Gruppe von Autoren, 
welche den Einfluss fehlerhafter Haltung und namentlich des Muskel- 
zuges auf die pathologische Verbildung des Thorax und der Wirbel- 
säule leugnen. Wir begegnen hier zunächst Lorinser. Nach ihm 
ist jede Kyphose die Folge eines intensiveren Erweichungsprocesses 
an der Wirbelsäule, und die Verkrümmung kommt zu Stande, indem 
die oberhalb gelegenen Körpertheile einen dauernden Druck auf die 
erweichten Wirbelkörper ausüben, welche an ihrer vorderen Seite 
zusammengedrückt und deshalb niedriger werden; so soll sich, 
während die vordere Seite der Wirbelkörper zusammensinkt, und 
die Bogen der Wirbel sammt ihren Proc. spinosi nach hinten aus- 
weichen, eine bogenförmige oder winklige Verbiegung der Wirbel- 
säule entwickeln (p. 38). Theil haben an diesem Process indess 
nicht die Wirbelkörper allein, sondern auch die intervertebralen 
Bandscheiben, welche während des Erweichungsprocesses der Knochen 
ihre Elasticität verlieren, zusammengedrückt und resorbirt werden. 
Der ganze Process soll ohne Eiterung, ohne cariöse Zerstörung der 
Wirbelkörper verlaufen, sich aus einfachem allmählichem Schwund 
entwickeln. So soll derselbe aus dem Grunde, dass, da der ganze 
Process schmerzlos verläuft und den Kindern, welche nicht klagen, 
das Stehen und Gehen und die Möglichkeit gestattet, dass die oberen 
Körpertheile fortdauernd auf die erweichten Wirbel drücken, zu com- 
pensatorischen Krümmungen der Lenden- und Halswirbelsäule nach 
vorn führen. Von gänzlich anderen Gesichtspunkten geht Hüter aus. 
Nach ihm ist die kyphotische Krümmung der Wirbelsäule im 



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284 Verkrammungen der Wirbelaäule. 

Zusammenhange mit dem ,» engen Thorax^ eine Krankheit, welche 
in ihrer abnormen Entwickelung des Skelettes schon ihre volle nach«' 
weisliche Xlrsache hat; sie würde also durchaus nichts mit von 
Aussen kommenden Einflüssen zu thun haben, soweit dieselben nicht 
etwa schwere traumatische Einwirkungen sind, von welchen hier 
keine Rede ist. 

Eine dritte Gruppe endlich, und zu ihr gehört auch die grosse 
Zahl der Orthopäden, verkennt nicht die krankhafte Anlage, legt 
indess den Schwerpunkt der Yerbildung in die Muskelthätigkeit, so 
Allen voran der auch von Hüter citirte, um die Pathologie der Rück- 
gratserkrankungen so hochverdiente Wenzel. »Im ersten Kindes- 
alter,* heisst es bei ihm, »bemerken wir dieses üebel (krummen 
Rücken) selten, es tritt in der Evolutionsperiode wohl deutlich sieht* 
barer als Folge böser Gewohnheit, eines ungewöhnlichen Fleisses 
in Geistes- und Handbeschäftigungen mit Unachtsamkeit auf die 
Haltung des Körpers hervor; Sonder, die mit Mühe etwas lernen 
und nicht sehr lebhaft sind, neigen mehr zu diesem Uebel, als an- 
dere mit ausgezeichneten Vorzügen des Geistes (p. 154). Bei Mädchen 
sind die Handbeschäfbigungen , selbst die einfachsten, schädlich f&r 
das Rückgrat, wenn sie mit einer widernatürlichen Haltung des 
Körpei*s verbunden sind, und nothwendig müssen die von schädlichen 
Folgen sein, die eine grössere Aufmerksamkeit bei ihrer Erlernung 
und Ausführung erfordern und fast unbedingt eine widernatürliche 
Haltung der Wirbelsäule unerlässlich machen. Hierher gehört vor- 
zugsweise die Beschäftigung mit dem Stickrahmen.* — Nebenbei 
beschuldigt Wenzel die fehlerhafte Kleidimg der Kinder, nament- 
lich der Mädchen, die (nach der damaligen Mode) tief ausgeschnit- 
tenen Taillen, welche zu häufigem Heben der Schultern veranlassen, 
die fehlerhafte Nahrung und endlich geschlechtliche Yerirnmgen der 
Jugend, welche zu Muskelschwäche und Zurückbleiben der Ent- 
wickelung führen. — Ganz ähnlich äussert sich Bouvier, welcher 
angeerbte Anlage und bei Schwäche der angeborenen oder erlangten 
Constitution, in welcher die Streckmuskeln der Wirbelsäule rasch 
ermüden, besonders starkes Wachsthum als häufigste Grundursache 
bezeichnet, während Schreiben, Handarbeiten, kurz alle Beschäfti- 
gungen, welche mit starker Vorwärtsbeugung des Rumpfes verbun- 
den sind, durch active Thätigkeit der gesammten Flectoren die 
nächste Veranlassung zu den kyphotischen Krümmungen der Wirbel- 
säule im jugendlichen Alter geben; ähnlich Bardeleben, welcher 
in der allgemeinen Constitutionsschwäche, Reconvalescenz von acuten 



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YerkrÜmmtmgen der Wirbelsäule. 285 

Krankheiten die prädisponirende, in der gewohnheitsgemässen schlech- 
ten Haltung die nächste Teranlassende Ursache erkennt u. s. A. 

Wenn man nach diesen Untersuchungen auf die Frage zurück- 
kommt, wie weit die Schule die Kyphosen veranlasse, so wird man 
einsehen, dass eine präcise Antwort wenigstens nicht ohne Weiteres 
zu geben sei. — Nach Hüter's Untersuchungen, welche allerdings 
seitens Parow ^) einen heftigen Angriff erlitten haben und in ihren 
Resultaten nicht unzweifelhaft sind, würde die Schule völlig frei 
ausgehen und der ganze Schwerpunkt der Schuld fiele, wenn anders 
von solchem gesprochen werden kann, in die Familie, in die ererbte 
Anlage von Vater und Mutter her. Auf der anderen Seite sind die 
Erfahrungen nicht wegzuleugnen, dass Kyphose durch praktische 
Thätigkeit noch in einem Alter acquirirt werden kann, wo das Wachs- 
thum des Skeletts nahezu still steht, die Ossification nahezu oder gänz- 
lich abgeschlossen ist. Bei Personen, welche früher völlig gerade 
waren, bevor sie eine zu gebückter Haltung führende Beschäftigung 
hatten, so Tischlern, Schuhmachern, Bureaubeamten u. s. w., sieht 
man kyphotische Verkrümmungen entstehen, worauf auch Wenzel 
aufmerksam macht. Es scheint nach all diesem, wie so häufig, die 
Wahrheit in der Mitte zu liegen, dass nicht die Familie allein, aber 
auch nicht die Schule allein die Schuld trifil, sondern beide zugleich. 
Gewiss ist in vielen Fällen die krankhafte Disposition von Geburt 
aus gegeben, das Kind bringt seine eigene, von Vater und Mutter 
überkommene Constitution mit zur Welt, wie es die Aehnlichkeit 
im Aeussem mitbringt. Dieselbe wird von Hause aus oft fehlerhaft, 
durch Fehler in der Pflege, schlechte Ernährung (Päppeln mit aller- 
hand Milchsurrogaten), schlechte Wohnungen (Kellerluft, Mangel an 
reichlicher Luftzufuhr zu den Schlafzimmern), mangelhafte Haut- 
pflege (Unterlassen des Badens), unzweckmässige Kleidung (dicke 
Federbetten, Wickeln, zu dicke Kleiderstoffe) noch verschlechtert; 
intercurrente Krankheiten, obenan Dyspepsien, die ganze Gruppe der 
Durchfallskrankheiten, Rachitis, Scrophulose, die acuten Exantheme 
und der Keuchhusten halten die Entwickelung zurück oder ver- 
stärken die fehlerhafte Anlage. So kommt das Kind mit zarter 
elender Muskulatur in die Schule. Tritt nunmehr allzu energische 
geistige Beschäftigung hinzu, kommt hinzu das frühe und viele 
Schreibsitzen an notorisch unbrauchbaren, weil fehlerhaft construirten 
Subsellien, die Unachtsamkeit der Lehrer und Eltern auf die Haltung 

*) Die Formentwickelung am Skelett des menschlichen Thorax. Deutsche 
Klinik: 1865. p. 174 flF. 



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286 Verkrümmungen der Wirbelsänle. 

der Schulkinder, eine von Hause aus gegebene oder durch früh 
eingetretene Augenerkrankungen entstandene Sehschwäche , oder 
Myopie, — so sehen wir eine Kette von Anomalien vor uns, welche 
den Organismus gleichsam belasten und unter deren Einfluss selbst 
die widerstandskräftigsten Gewebe, wie die Knochen, anomale Gestalt 
annehmen müssen. — Es ist überdiess oben schon erwähnt, dass 
gewisse Athemhindernisse in den oberen Luftwegen, Schwellung der 
Mandeln, chronische Rachenkatarrhe, adenoide Wucherungen im 
Nasenrachenraum dazu beitragen, die Entwicklung des Thorax zu 
hemmen und mit denselben bei Vorrücken des gesammten Schulter- 
gürtels und Behinderung des Wachsthums der Glavicula und der 
Rippen die Wirbelsäule in kyphotisch gekrümmte Haltung zu bringen. 
So oft ich auch bei Kindern die Affection der Rachenorgane ge- 
funden habe, ist mir ein gewisser Grad dieser kyphotischen Hal- 
tung aufgefallen. 

So wird es also bei diesen Fällen darauf ankommen zu ent- 
scheiden, inwieweit die Schule zur Entstehung dieser Erkran- 
kungen der Rachenorgane beizutragen vermöge. Wir werden in 
einem späteren Capitel Gelegenheit haben, auf diese Dinge zu- 
rückzukommen. — Unter allen solchen Verhältnissen hat sich die 
Schule wenigstens von dem Vorwurfe frei zu machen, dass sie mit- 
wirke in der Kette der fehlerhaften Anlässe, — sie hat sich zu einer 
echten hygienischen Anstalt zu vervollkommnen, welche im Stande 
ist, die zart organisirte Jugend an Körper und an Geist zu kräftigen ; 
sie muss für gute Luft, für zweckentsprechende Subsellien, für zweck- 
mässige Einrichtung des Schreibwesens und des Unterrichts im Ganzen, 
wie in der Anordnung der Unterrichtsstunden sorgen; sie hat für 
genügende körperliche Erholung der ihr anvertrauten Kinder Sorge 
zu tragen, für Reinlichkeit des Körpers, gerade Haltung in Gang 
und Sitzen, für Uebung der Muskulatur in den Grenzen, welche der 
einzelne Körper überhaupt zulässt; sie hat mit einem Wort in der 
Erziehung des ganzen Menschen Körper und Geist zu gestalten. 
Auf der anderen Seite bleiben naturgemäss die Eltern die am meisten 
Verpflichteten; sie haben, da ihnen die Individualität des Kindes be- 
kannt ist, unter vernünftiger Leitung sachverständiger Berather das 
Kind vor Schädlichkeiten derjenigen Art, welche gerade ihrem, dem 
einzelnen Kinde, gefährlich werden, zu bewahren. Es haben Schule 
und Elternhaus sich also auch hier zu gemeinsamem Thun die Hand 
zu reichen. 

Es kann unsere Aufgabe nicht sein, auf die Therapie der Ky- 



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Yerkrümmimgen der Wirbelsäule. 287 

phosen des Oenaueren einzugehen und wir verweisen auf die chirur- 
gischen und orthopädischen Lehrbücher. Nur kurz sei erwähnt, 
dass Eltern wie Lehrer bemüht sein müssen, die Constitution der 
Kinder im Ganzen zu verbessern. Man sorge für leichte, gut ver- 
dauliche Diät, für Bäder, endlich, last not least, für massige und 
von einem Sachverständigen geleitete Gymnastik. Man vermeide 
jeden schnürenden Apparat und wende auch keinen Stützapparat, 
kein Gorsett an, welches nicht durch einen thatsächlich sachver- 
ständigen Arzt empfohlen und in seiner Leistung controlirt ist. 

2. Die Lordosis. Dieselbe besteht, wie der Name sagt, in 
einer Ausbiegung der Wirbelsäule mit der Convexität nach vom, 
derselben Krümmung, welche normal die Wirbelsäule des Erwach- 
senen in der Lenden- und Halsgegend darstellt. Pathologisch ver- 
mehrt kommt die Lordosis nur als compensatorische Krümmung 
anderer Theile der Wirbelsäule vor und hat in diesem Sinne eine 
nur secimdäre Bedeutung. Sie bat also für uns nur geringes Inter- 
esse. — Desto wichtiger ist die dritte Form von Wirbelsäulenverkrüm- 
mung, weil sie von allen weitaus die häufigste und gefährlichste ist. 

3. Die Skoliosis. Man versteht darunter die Verbiegung der 
Wirbelsäule nach der Seite. Unser Interesse fesselt von den viel- 
fachen Formen dieser Verkrümmung die habituelle Skoliose. 
Dieselbe kommt in der frühesten Lebensperiode und bis zur Zeit 
des Schulalters oft als linksseitige vor, d. h. es erstreckt sich die 
Wirbelsäule nicht selten in ihrer ganzen Länge in einem grossen 
Bogen von der Medianlinie abgelenkt nach abwärts, so zwar, dass 
die Convexität des Bogens nach links gerichtet ist (Schildbach). 
Es entsteht, wie Volk mann auseinandergesetzt hat, diese Skoliosen- 
haltung wesentlich durch die krumme Haltung der Wirbelsäule der 
auf dem rechten Arme der Wärterinnen getragenen Kinder. — 
Sorgsam überwachte und geeignet gehaltene Kinder sind deshalb 
auch von derartigen Skoliosenbildungen frei; indess können dieselben 
auch da, wo sie entstanden sind, durch frühzeitig getroffene mechanisch- 
therapeutische Einwirkungen zum Verschwinden gebracht werden, 
ein Beweis dafür, dass nicht die ursprünglichen Wachsthums- und 
Entwickelungsverhältnisse es sind, welche die fehlerhafte Haltung 
der Wirbelsäule bedingen. 

In der Zeit des Schulalters ist diese einfache seitliche Ablenkung 
nach links nur selten mehr vorhanden, vielmehr zeigt die Abweichung 
der Wirbelsäule, mit welcher wir es im Schulalter zu thun haben, 
an dem Brusttheile der Wirbelsäule eine Krümmung, convex nach 



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288 Verkrümmungen der Wirbelsäule. 

rechts, welche abwärts in der Gegend der Lendenwirbelsäule in eine 
linksseitige Krümmung übergeht; es stellt dann in dieser Lebens- 
periode die Wirbelsäule jene umgekehrt S-fÖrmige Figur dar, welche, 
ursprünglich oft nur in der Andeutung Torhanden, im weiteren Ver- 
laufe des üebels immer deutlicher wird. 

Diese rechtsseitige obere (dorsale) und linksseitige untere (lumbale) 
Seitenkrümmung der Wirbelsäule ist es denn auch, welche mit dem 
Schulbesuch in directe Beziehung gebracht worden ist und wegen 
der Häufigkeit ihres Vorkommens zu den energischsten Anklagen 
gegen die Schule geführt hat; zumeist ist es diejenige Erkrankungs- 
form, bei welcher die dorsale rechtscon?exe Krümmung die erste 
Abweichung von der Norm darstellt, und linksconvexe dorsocervi- 
cale und lumbale Gegenkrümmungen als secundäre Erscheinungen 
hinzutreten; man bezeichnet diese Form deshalb auch als rechts- 
convexe primäre Dorsalskoliose. 

Der Beginn des üebels ist unscheinbar. Meist sind es freilich 
blasse, schlaj^fe und muskelschwache Kinder, oft schlank in die Höhe 
geschossen, mit flachem Rücken, bei welchen das rechte Schulter- 
blatt sich von der hinteren Thoraxwand ein wenig sich abzuheben 
beginnt und etwas höher zu stehen kommt als das linke; man er- 
kennt, dass eine leichte Rotation der Scapula um eine frontale Axe 
statt hat, so dass der untere Winkel derselben deutlich nach hinten 
vorspringt; zugleich scheint aber auch eine Drehung um eine senk- 
rechte Axe statt zu finden, so dass die Richtung des Schulterblattes 
so verändert ist, dass sein Längsdurchmesser dem des linken Schulter- 
blattes nicht mehr parallel steht, sondern dem Querdurchmesser der 
anderen angenähert ist. Der obere innere Winkel ist der Wirbel- 
säule etwas näher gerückt. Die ganze Summe dieser Erscheinungen 
wird von der Laien weit mit dem Namen der hohen Schulter be- 
legt. Sieht man genauer zu und betastet die Rippenbogen, so 
findet man, dass diese vorzugsweise es sind, welche dem rechten 
Schulterblatt die veränderte Haltung geben. Die Rippenwinkel 
der rechten Seite zeigen in dem mittleren Theile des Brustkorbes 
eine etwas grössere Krümmung als links, ja die linken Rippen- 
winkel erscheinen geradezu etwas abgeflacht. Dementsprechend sinkt 
auch das linke Schulterblatt im Gegensatze zum rechten mehr gleich- 
sam an den Brustkorb heran und lehnt sich den Rippen fester an, als 
der Norm wohl entspricht. Noch bemerkt man keine Abweichung der 
Dornfortsätze der Wirbel von der Mittellinie. Allmählich schreitet die 
asymmetrische Haltung der Schulterblätter mehr vor und es zeigt die 



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YerkrÜmmangen der Wirbels&ule. 289 

gesammte rechte hintere Thoraxh^fte eine stärkere Wölbung ; ekie 
Hautfalte wird am unteren.Schulterblattwinker schärfer markirt und 
deutlicher sichtbair. — .Alsbald bemerkt' man auch eine eigenthttm- 
liche: Wirkung in den Seitenconturen des Rumpfes. — Die Taille 
vertieft sich an der rechten Seite und in dem gleichen Maasse ver- 
flacht sich dieselbe an der linken Seite. Dies wird fortschreitend auf- 
fälliger und nach und iiach bildet sich nn der rechten Seite, ein 
tiefes Taillendreieck heraus,' wobei (iie rechte Hüfte etwas mehr nach 
rechts hervortritt (s. Fig. 4). Das linke Taillendreieck ist flach gewordeiä, 
verliert die Dreieckform und die Contour wird nun flach bogenförmig. 
Jetzt zeigt sich auch wohl schon eine geringe Abweichung der 
Dorsallinie, welche durch die Spitzen der Dornfoftsätze gebildet wird 
nach rechts in der mittleren und unteren Thorazparthie , während 
in dem gleichen Maässe dieselbe in der Lendenwirbelgegend etwas 
links abweicht. Damit erscheint nun aber die ganze hintere rechte 
Eörperhälfte etwas breiter als die linke. "Von vom gekehen ist 
kaum etwas besonderes nachweisbar; höchstens eine gelinde Ab- 
flächung der Rippen gerade an der rechten Seite, wahrend die linken 
an der vorderen Brustseite eher etwas mehr cOnvex hervortret^d 
erscheinen. Das giebt auch wohl vom dem Brustkorb eine geringe 
Asymmetrie; ist dieselbe etwas stärker, so erkennt man wohl auch, 
dass die beiden Brustwarzen nicht in völlig gleicher Höhe, in hori- 
zontaler Itichtung gesehen , stehen , die rechte Brustwarze erscheint 
um 1 — 2 cm höher als die linke. So ist der Kranke in das sog. 
erste Stadium der Skoliose eingetreten.. Noch ist er im Stande, 
wenn man ihn dazu auffordert, die normale Haltung für einige Zeit 
anzunehmen, er hat das Bewusstsein der fehlerhaften EörpersteUung 
noch nicht verloren; auch ist man leicht im Stande, an dem Kranken 
dadurch , dass man ihn die Arme über den Kopf heben , oder ihn 
stark sich vorbeugen lässt, die immerhin leichten Seitwärtskrümmungeh 
der Wiibelsäule zum "Verschwinden zu bringen. 

Das zweite Stadium der Skoliose geht langsam aus dem ersten 
hervor. Der Kranke verliert das Bewusstsein seiner fehlerhaften 
Haltung, fühlt sich in derselben wohler als in der normalen und 
ist nur im Stande durch künstliche Nachhilfe die normale Position 
überhaupt wieder unzunehmen. Die Ejümmungen der Wirbelsäule 
sind deutlicher geworden als früher; und die zwischen den Processus 
spinosi der Wirbel gezogene Linie zeigt nunmehr eine massige Ab- 
weichung von der Mittellinie, bogenförmig mit der Convexität nach 
der rechten Seite mit der höchsten Stelle in der Höhe des 6. — 8. Bmst- 

Baginsky, Schulhygiene. II 3. Aufl. 19 



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200 Verkrammungen der Wirbelsäule. 

wirbeis, eine ebenso deutliche Linksconvexität der «ntereii Brost- 
und Lendenwirbel, nicht in eilen Fällen bemerkt man gleichzeitig 
eine geringe Abweichung der Halswirbellinie mit der Conrexität 
nach links. Die beiden Scapulae stehen wesentlich Terschieden: die 
rechte ist höher als die linke, sie ist mehr nach vorn geschoben 
und um die frttheif angegebene Axe deutlich stärker rotirt; ihr 
oberer innerer Winkel steht der Wirbelsäule näher als der mrtere ; 
die ^anze rechte Schulterblattgegend springt mehr k«rror, während 
die linke flach ist. --— Mehr und mehr gewinnt man' den Eindruck, 
dass die Wirbel nicht allein Ton der Medianlinie abgewichen sind, 
sondern dass dieselben augenscheinlich eine Drehung um ihre Höhen« 
axe erlitten haben; der ganze obere Theil des Bumpfes scheint nach 
hinten Und rechts mehr hervorzutreten, so dass der Thorax eine 
vollständige Drehung erlitten zu haben scheint, und seine Unke 
Hälfte auch mehr nach vorn neigt. Die Rippen erscheinen rechts 
hinten convexer und voller, nach links flacher. Sieht man den 
Körper von vorn, so erscheint im Gegensatz zu hint^i die linke 
Seite mehr gewölbt als die rechte, die linke Brust etwas voller als 
die rechte, welche flacher ist und zurücktritt Auch die Seitentheile 
des Rumpfes zeigen wesentlich verschiedene Geptalt. Die rechte 
Axillarlinie (die Linie, Svelche von der Achselhöhle nach dem Becken 
herabgezogen gedacht wird) ist rechts fast winklig eingeknickt, weil 
die Httfle stark hervorspringt; links verläuft dieselbe in einem mehr 
flach ooncaven Bogen. — Wo die Abweidiung die Gervicalnaht mit 
ergriffen hat und eine links convexe dorso-cervicale Krümmung ent- 
standen ist, kennzeichnen sich jetzt deutliehe Verschiedenheiten im 
Verlaufe der beiderseitigen von Aem Processus mastoidei nach d«: 
Schulterhöhe gezogenen Nackenlinien, dieselben sind asymmetrisch« 
Die linke . Nackenschulterlinie verläuft in flacherem, die rechte in 
tiefer geschweiftem Bogen; die einzelnen Krümnmngssegmente ' der 
letzteren treten schärfer heraus. — So ist die gesanunte Haltung 
und Gestalt des Rumpfes verändert. 

Das dritte Stadium der Skoliose zeigt die geschilderten Er- 
scheinungfen noch energischer. Die Krümmung der Wirbelsäule ist 
fest geworden, durdi Druck und Verschiebung nur wenig noch oder 
gar nicht zu verändern. Die Drehung der Wirbel um ihre Axe 
ist bedeutend , dabei -scheinen die Domfortsätze von der MittelKnie 
nicht ^b intensiv abgewichen sIb die Wirbelkörper. Dieselben sind 
stark nach rechts gekehrt, und der M. longus dorsi tritt in der 
höchsten Convexität 4er Krümmung als dicker Baruch hervor, welcher 



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Verkrammmigen der Wirbelsäule. 

Fig. 4. Fig. 5. 



291 





Fig. 6. 



Big. 7. 





Skoliotisdie Verbilduogen bei Schulkindern. 



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292 yerkrfimmaiigen der Wirbds&ule. 

die darunter liegende Enochenlage deuÜicli erkennen lasst Das 
rechte Schulterblatt springt stark nach hinten herror, das linke 
hat sich desto mehr dem Thorax angeschmiegt Rechts bilden die 
Bippen hinten mit den Wirbeln einen stärkeren Winkel als links, 
sie springen nach hinten stark hervor und treten aus einander; da- 
durch entsteht an der rechten Seite ein Tölliger Buckel; links sind 
dieselben desto flacher, so dass die Haut Querfurchen zeigt. Die 
ganze linke Schulter hängt herab. Die rechten fiedschen Bippen 
nähern sich mehr und mehr der rechten HOfbe. Die Axillarlinie 
ist rechts scharfwinklig in der Nähe des Hflftbeinkammes geknickt^ 
links stark concäy unterhalb der herabgesunkenen Schulter. Vom 
ist die linke Thoraxhälfle stark hervorgetreten, beträchtlich gewölbt, 
das Stemum stärker nach links gerichtet. Die gesammte Körper- 
höhe hat abgenommen, dadurch erscheinen Arme und Beine länger 
als gewöhnlich. 

Diese erheblichen Veränderungen des Skelettes gerade an der- 
jenigen Stelle des Körpers, wo es die wichtigsten inneren Organe 
umschliesst, können nicht ohne Bedeutung f&r die letzteren bleiben; 
dieselben werden zunächst aus ihrer Lage geschoben, und es kommt 
darauf an, ob sie sich und wie gut sie sich der neuen Lagerung 
anzupassen vermögen; zuweilen entstehen alle Symptome der in- 
sufficienten Respiration. Der Athem wird kurz, häufig, die Herz- 
bewegung unregelmässig. Störungen in der Blutcirculation bedingen 
leicht Cyanose, Rttckstauung des Blutes nach dem rechten Herzen, 
den Unterleibsdrüsen, dem Darmcanal. Die ünterleibsorgane sind 
mancherlei Störungen ihrer Function ausgesetzt. Der Appetit leidet, 
Stuhlgang ist unregelmässig, die Verdauung schlecht. Bei Mädchen 
leiden nicht selten auch die Menses, welche spärlich und in der Evo- 
lutionsperiode spät eintreten; zuweilen sieht man Chlorose entstehen. 
Sehr häufig klagen die Patienten Ober heftige Seitenschmerzen. 

Dies ist das skizzenhafte Bild des schweren Uebels. Die Frage 
ist, inwieweit man die Schule für die Entstehung des Uebels ver- 
antwortlich zu machen vermag. 

Man muss zunächst hervorheben, dass die Skoliose gewöhnlich 
oder doch in hervorragender Weise das schulpflichtige Alter befallt. 
Nach der statistischen Zusammenstellung Eulenburg's standen unter 
1000 skoliotischen Patienten im Alter 

vor dem 2. Lebensjahre = 5 = 2,10 ®/o 
zwischen dem 2. und 3. „ = 21 = 0,50 , 

. 3. , 4. . = 9 = 0,90 , 



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yerkrOmmmigeii der Wirbelsäule. 298 

zwischen dem 4. und 5. Lebensjahre = 10 = 1,0 ®/o 



5. 


, 6. 


n 


= 88 = 3.30 , 


6. 


. 7. 


. . n 


= 216 = 21,60 , 


7. 


, 10. 


n 


= 564 = 56,40 , 


10. 


, 14. 


n 


= 107 = 10,70 , 


15. 


«20. 


n 


= 28 = 2,80 , 


20. 


. 30. 


ft 


= 7 = 0,70 , 



d. b. also, es befanden sich 91,5 ^/o im schulpflichtigen Alter. Aus 
Parow^s Zusammenstellung ergiebt sich, dass von 45 seiner skolio- 
tischen Kranken 27 im Alter von 8—14 Jahren standen. Schild- 
bach, welchem reiche Erfahrungen zu Gebote stehen, erklärt kurz- 
weg: »Bei Weitem die meisten Skoliosen entstehen im Schulalter.* 
Klopsch kommt zu dem Resultat, dass die Mehrzahl der Er- 
krankungen in dem Alter zwischen 10 und 14 Jahren entstehe. 
Guillaume fand unter 781 Schülern 218 im Beginne skoliotischer 
Verkrümmung. Drachmann giebt an, dass unter 28125 Schul- 
kindern 368 = 1,3 ^/o skoliotisch waren, darunter 141 Knaben = 0,8®/o 
227 Mädchen = 2 <>/o. — Dolega rechnet unter 280 von ihm be- 
handelten Fällen yon Skoliose 89 = 88,7 ^/o zu den habituellen und 
Ton diesen entstammten 21 im Alter von 5 — 10 Jahren, 59 im Alter 
von 10—14 Jahren. — Karewski^) hat unter 756 Fällen von 
Skoliose 563 im Alter von 6 — 15 Jahren entstehen sehen, darunter 
203 im Alter von 6—10 Jahren, 300 im Alter von 10—12 Jahren. — 
Ganz kategorisch bezeichnet Kocher ') die Skoliose als eine Schul- 
krankheit. — Bemerkenswerth ist hierbei noch, dass gleichmässig 
alle Autoren die bevorzugte Theilnahme der Mädchen an der Skoliose, 
gegenüber den Knaben betonen. So giebt Wildberger beispiels- 
weise auch an, dass von 100 hiervon an Rückgratsverkrümmungen 
behandelten Patienten 80 — 84 Mädchen, und nur 20 — 16 Knaben 
gewesen seien. — So weist denn die Summe aller dieser Angaben 
auf das Schulalter hin. Leider haben wir keine statistischen Tabellen 
über solche Kinder, welche in derselben Altersperiode die Schule 
nicht besuchten, und so fehlt uns an dieser Stelle der Maassstab des 
Vergleiches, welcher allenfalls geeignet wäre, die Frage zu ent- 
scheiden, inwieweit thatsächlich die Schule an dem eigenthümlichen 
Zusammentreffen zwischen Schulalter und Auftreten der Skoliose 
Schuld hat. Die nach dieser Richtung hinzielende Bemerkung aus 



') Karewski, I. c. p. 648. 

^ Kocher, Correspondenzblatt fQr Schweizer Aerzte. 1887. Nr. 11. 



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294 Verkrfimmoiigexi der Wirbelsäule. 

dem Berichte des Primarschulcomit^s zu New-York, dass man unter 
den ungebildeten Klassen aller Völker die Hissbildungen nicht kenne, 
möchte man doch geneigt sein mit Vorsicht aufzunehmen, um so 
mehr, als derselbe Bericht mit der Behauptung, man habe dieselben 
auch vor 80 — 40 Jahren nur sehr selten gesehen, entschieden Falsches 
aussagt; haben wir doch schon aus dieser Zeit das grosse Werk von 
Wenzel (1824) „Ueber die Krankheiten am ROckgrate*, und der 
Beginn der orthopädischen Bestrebungen von Heine war 1812 schon 
vorhanden. 

So wichtig nun auch derartige statistische Daten sein mögen, 
so genügen sie immerhin, nicht einen Gi^usalnexus zwischen der 
Schulbeschäftigung der Kinder und der Erkrankung sicher zu stellen. 
Hierzu würde in erster Reihe vielmehr die definitive Feststellung 
gehören, dass man bei den Schülern während der Beschäftigung in 
der Schule auf Haltimgen stiesse, welche den eigentlichen Skoliosen- 
haltungen gleichen. — Es ist schon im ersten Bande (p. 560) ge- 
legentlich der Besprechung der Schulbänke auf fehlerhafte Haltungen 
der Kinder aufmerksam gemacht worden und die dort gegebenen 
Abbildungen lassen allerdings rechtsseitige Skoliosenstellungen er* 
kennen. Es ist nothwendig, hier sorgsamer und eingehender auf den 
Gegenstand zurückzukommen. Wir stossen in den orthopädischen 
monographischen Bearbeitungen der Skoliose auf sehr interessante Ver- 
gleiche in der Haltung der skoUotiscben Kinder mit fehlerhafter Schreib- 
haltung. Wildberger^) stellt in Tafel II, Hla undIV (s.p.298) der- 
artige, vielleicht etwas übertriebene Körperhaltungen dar, die indess 
immerhin eine gewisse Anschauung über die Möglichkeit eines ur- 
sächlichen Zusammenhanges gewähren, wie er denn auch betont, dass 
einzig und allein durch das Schreiben ein ganz gesunder gerader Knabe 
in eine so falsche Stellung zu kommen vermöge, die einen Schief- 
wuchs darstellt. — Will man sich über derartige Verhältnisse selbst 
aufklären, und dies gerade wird eine der wichtigsten Aufgaben unserer 
künftigen Schulärzte sein, so kann man leicht zu folgenden Beobach- 
tungen gelangen. In einer Schulklasse, welche, ohne dass Schulunter- 
richt ertheilt wird, einem regen und lebhaften Vortrag des Lehrers 
folgt, ist die Haltung der Kinder besonders in den ersten Morgenstunden 
und an einem nicht heissen Vormittage eine recht gleichmässig 
gute und correcte. Die Kinder sitzen gerade aufgerichtet, die durch 



*) Wildberger, Die Rückgrats verkrümm angen. Leipzig 1862. p. 5. 
Bei Waigel. 



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yerkr&mmangen der Wirbelsäule. 



295 



Kopf, Thorax: und Abdomen gelegte Frontalebene yerläuft paralld zur 
Tisch- und Bankkante, die Hände der Kinder ruhen auf der Tisch- 
platte, die Schenkel roll auf der Bankfiäche, die Füsse stehen auf 
dem Fttssboden oder Füssbrett der Subsellien ganz auf. Die Haltung 
mit der aii der Lehne ruhenden leicht lordotischen Lendenwirbelsaule 
und unbedeutend kyphotischer Haltung der Brustwirbelsäule hat nicht 



Fig. 8. 



Fig. 9. 




das Geringste, was etwa einer Skoliosenhaltung entsprechen könnte. 
Man erkennt dies sehr gut an den Figuren (Fig. 8 und 9), die 
ich der Güte des Herrn Orthopäden Collegen Beely verdanke. 

Das Bild ändei-t sich indess bald, auch ohne dass Schulunter* 
rieht ertheilt wird, im fortschreitenden Unterricht. — Eim'ge Kinder 
zeigen die Neigung, nach vom mehr zusammenzusinken. Die kypho- 
tische Haltung der Brustwirbelsäule wird deutlicher, die Hände und 
Unterarme schieben etwas weiter auf den Tisch hinauf. Andere 
Kinder versuchen, indem sie auf der Bank etwas nach vom schieben, 
eine mehr nach rückwärts gerichtete Haltung zu gewinnen, hierbei 



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296 



Verkcammniigen der Wirbelsäule. 



beginnen schon leichte Abweichungen von der normalen Aufredd- 
haltutig der Wirbelsäule nach rechts oder links, wie es die zweite öriippe 
der von Beely aufgenommenen Figuren (Fig. 10 und 11) andeutungs- 
weise wiedergiebt. Der Oberkörper wendet sich leicht nach rechte oder 
links hin, augenscheinlich um eine Entlastung der rechten oder linken 



Fig. 10. 



Fig. U. 




Hinterbacke zu erzielen und die Frontalebene des Oberkörpers gerath 
gegen diejenige des Beckens und gegen Tisch- und Bankkante in 
Winkelstellungen. Schon die steile Aufrechthaltung des Oberkörpers, 
die augenscheinlich etwas Gezwungenes hat, lässt die der skoliotischen 
Haltung entsprechende Schulterstellung und Rumpfabweichung er- 
kennen (Fig. 10 und 11). Aeltere Schüler in den höheren Blassen 
sieht man hierbei vielfach den Versuch machen, die Beine über 
einander zu schlagen. Es kann Niemand entgehen, dass alle diese 
Stellungsveränderungen der Ausdruck für allmählich eintretende Er- 
müdung der Sitzenden sind. Die eingenommenen Positionen sind 



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Yerkrümmongen dec Wirbelsäale. 297 

thatsäcUich Ermttdungsstellung'eD , der Wechsel derselben, hervor- 
gegangen aus den Bemühungen, gewisse Muskelgruppen zu entlasten 
und durch Verschiebung der Einzelschwerpunkte des Körpers andere 
statische Momente zu erreichen, um geringere Anstrengung der bis- 
her in Action befindlichen Muskeln zu erhalten. Die Beobachtungen 
lehren ohne Weiteres, dass das Sitzen ermüdet, und es ist auf dieses 
Yerhältniss schon im ersten Bande p. 559 hingewiesen worden. Be- 
obachtet man nun aber weiter die schreibenden Kinder. • — Wir setzen 
voraus, dass die Schireibhefte nahezu parallel mit der Tischkante ein 
wenig nur nach rechts von der Mittellinie des Körpers aufgelegt sind, 
die Schrift ist die übliche rechtsschiefe mit von oben rechts nach unten 
links hingehenden Grundstrichen. Eine Zeit lang sieht man die Kinder 
die leidlich normale Haltung, die Frontalebene des Körpers parallel 
zur senkrechten Tischkantenebene innehalten, der Kopf ist ein wenig 
nach links geneigt, die linke Hand fixirt das Schreibheft, der linke 
Arm ist vielleicht schon ein wenig höher auf den Tisch geschoben, 
der rechte Arm liegt bis zur Mitte des Unterarmes auf dem Tische 
auf. Diese Haltung wird indess nur kurze Zeit innegehalten, als- 
bald sieht man einzelne Kinder mit dem ganzen Oberkörper eine 
Wendung nach links machen, der Kopf sinkt mehr nach links her- 
unter, der linke Arm schiebt. mehr und mehr auf die Tischfläche 
hinauf, der rechte schreibende Arm sinkt abwärts und das Hand- 
gelenk wird ziemlich stark flectirt. Einzelne an zu hohem Tisch 
schreibende Kinder lassen den Kopf mehr und mehr nach links 
hinübersinken, so das er mit der linken Thoraxseite fast ganz an 
die Tischkante kommt und beginnen, gleichsam über die Tischfläche 
herüberschielend die schreibende Feder zu verfolgen. Andere Kinder 
bringen das Heft aus der ursprünglichen, der Horizontallage nahen, 
in eine mehr schräge Lage, indem sie nach rechts hinüberdrehen, 
der linke Arm sinkt vom Tische und die Finger der linken Hand 
klammern sich an die Tischkante, der rechte Arm ist fast völlig 
auf die Tischfläche hinaufgeschoben worden (s. die Figuren p. 298 
und p. 299). Augenscheinlich haben beide Gruppen von Kindern 
entweder eine erhebliche Drehung des Rumpfes auf dem Becken 
vorgenommen, oder sie benutzen nur noch die eine oder die andere 
Hinterbacke als hauptsächlichste ünterstützungsfläche und haben 
Becken und Oberkörper gleichmässig verschoben. Sieht man jetzt 
die Kinder von hinten an, so beobachtet man, dass ganz wesentliche 
Verschiebungen und Verdrehungen des Körpers zu Stande ge- 
kommen sind. 



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298 



Yerkrümmangen der Wirbdsäule. 



Pig. 12. 




Fig. 18. 




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VerkrOmiiinngen der Wirbelsäule. 

Fig. U. 



299 




Fig. 16. 




Fig. 12, 13, 14: Fehlerhafte Scbreibbaltungen nach Wildberge r. 

Wir haben gelegentlich der Erörterungen über die Schreibhaltung 
lind Schrift und die Einflüsse der verschiedenen Heftlagen auf die 
Körperhaltung, betont, wie die Schief haltungen neben anderen Mo- 
menten von jenen abhängig und beeinflusst sind, wie die Rechtslage 



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300 VerkrümmaDgeii der Wirbelsäule. 

des Heftes vor Allem die fehlerhaften Körperhaltungen bedingt, in- 
dess auch die Schräglage des Heft;6s und die mit ihr correlate 
Schrägschrift zur Entwickelung derselben beizutragen vermöge, wenn- 
gleich auch Geradlage des Heftes und Steilschrift nicht vor Ermü- 
dungshaltungen und Abweichung Ton der normalen geraden Mittel- 
stellung des Oberkörpers zu schützen yermöge. — Alle diese bisher 
angedeuteten fehlerhaften Haltungen entsprechen mehr oder weniger 
den wirklichen skoliotischen Yerbildungen. Darüber herrscht in diesem 
Augenblicke unter allen Beobachtern nicht der mindeste Zweifel, nur 
kann nicht zugegeben werden, dass ausschliesslich die der rechts- 
seitigen Dorsalskoliose entsprechende Haltung beim Schreiben zur 
Beobachtung komme. Man erkennt das schon aus den beigegebenen 
Abbildungen. Es liegen darüber aber noch ganz besonders interessante 
Studien von Schenk ^) vor, der vermöge eines sehr sinnreichen Mess- 
apparates sorgsame Aufzeichnungen über die Fehlhaltungen der Schul- 
kinder gemacht hat. Schenk fand, dass von ,200 Schulkindern 
beim Schreiben 160 eine Haltung angenommen hatten, bei der sie 
den Oberkörper gegenüber dem Becken mehr und mehr nach links 
verschieben und so das Körpergewicht auf den linken Ellenbogen 
und Vorderarm verlegten, theils-rait, theils ohne Drehung des Ober- 
körpers. Das Becken sass bei mehr als zwei Drittel gegenüber der 
Tischkante nach rechts, bei ganz wenigen nach links gelöst; 38 sassen 
parallel der Tischkante. 6 Schüler zeigten beim Schreiben keine 
seitliche Verschiebung des Oberkörpers und die übrigen 34 hatten 
den Oberkörper gewöhnlich sehr wenig nach rechts verschoben, sassen 
dabei meistentheils sehr aufrecht, oder dehnten den Oberkörper auf- 
fallend stark nach links. Der rechte schreibende Vorderarm schien 
bei dieser Haltung sehr wenig belastet zu werden. Die 160 mit 
Linksverschiebung hatten alle mehr oder weniger starke C-förmige 
linksseitige Totalskoliose.* Auch von solchen hat;uns Wild berger 
eine sehr anschauliche Zeichnung gegeben. 

Diejenigen von Schenk's Bändern, welche ohne Seitenver- 
schiebungen waren, waren gerade, wenigstens insofern als die Biegung 
der Wirbelsäule nach der Seite ins Auge gefasst wurde; die mit 
links gedrehten und nach rechts verschobenen Oberkörpern hatten die- 
jenige Form der Skoliose, die man überall beinahe als die häufigste, 
die eigentlich habituelle Schulskoliose beschrieben findet, nämlich 
eine mehr S-förmige Wirbelsäulenverkrümmung mit besonders stark 



') Schenk 1. c. 

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Verkrümmungen der Wirbelsäale. 301 

ausgeprägter R'c^htsbiegimg im Dorsaliheil und dementsprechend er- 
höhten Schultern. 

Nachdem sonach an der Hand von sorgsamen Messungen das- 
jenige sicher festgestellt ist, was .hei der einfachen Beobachtung ohne 
Weiteres ins Auge fallt, kann es sich nur noch um die Frage handeln, 
zu entscheiden, ob es überhaupt anzunehmen und ob es erklärlich 
sei, dass die einnml von den Kindern angenommenen fehlerhaften 
Haltungen sich insoweit zu fixiren vermögen, dass daraus eine wirk- 
liche Yerbildung und dauernde krankhafte AnomaUe der Wirbel- 
säule hervorgeht. 

Es führt dies im willkürlich zur Frage der anatomischen Grund- 
lage der Skoliosen, weil nur auf Grund der anatomischen Verhält- 
nisse bei der ausgebildeten Krankheit ein Einblick in die Beziehungen 
von fehlerhafter Körperhaltung und Yerbildung der Wirbelsäule zu 
gewinnen sein wird. — Freilich gehen wir an dieser Stelle nur inso- 
weit auf die einschlägigen Verhältnisse ein, als zur Erläuterung 
der in Rede stehenden Beziehungen noth wendig ist, im Uebrigen 
die Lehrer auf die chirurgischen und anatomischen Lehrbücher ver- 
weisend. 

Betrachtet man nun eine stärkere skoliotisch verbildete Wirbel- 
säule genau, so fallt sofort zweierlei auf, einmal die Abweichung 
der Gestalt der einzelnen Wirbel von ihrer normalen ' 

Fig. 16. 

Gestalt, sodann die Abweichung der gesammten Wirbel- 
säule von zwei Ebenen, zunächst von der sagittalen, durch 
welche die Seitenverbiegungen entstehen, sodann aber 
auch in den einzelnen Krümmungsabschnitten von der 
frontalen Ebene, letztere so, dass die Abweichung nach 
verschiedenen Richtungen hin erfolgt. Die Combination 
dieser Stellungsveränderungen giebt der Wirbelsäule (Jas 
Ausehen eines nicht allein verbogenen, sondern auch in 
den einzeli^en Abschnitten gedrehten Stabes, so dass 
LorenjE die skoliotische Wirbelsäule einer spiralig um 
einen Stab gewundenen Rebe vergleicht, wobei der Stab 
als Axe der stattgehabten Krümmungen gelten kann. 
FjBSdt man die beiden Hauptkrümmungen der skoliotischen 
Wirbelsäule ins Auge, so wird man leicht drei Punkte 
der geringsten Abweichung (Interferenzpunkte a, b, c) L|orenz. 
und zw^i der stärksten Abweichung (Scheitelpunkte d, e) 
unterscheiden können, und die Drehung der Wirbelsäule erscheint so 
vor sich gegangen, dass das zwischen den Scheitelpunkten gelegene Stück 



y 



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302 



Verkrümmungen der Wirbelsäule. 



der Wirbelsäule nach der gleichet, die beiden Schenkel ein«r Krümmung 
nach der entgegengesetzten Richtung hin gedacht sind (Lorenz p. 6).- 
Betrachtet man die Wirbelsäule überdies yergleichsimBe Ton Torae und 
von hinten, so fällt aber noch auf, dass die Wirbelbogen nicht ia. 
gleicheni Maasse, weder die Abweichung von der sagittalen Ebene (seit^ 
lieh) noch auch die Drehung mitgemacht haben, wie die Wirbelkörper, 
sondern dass die Wirbelkörper Beides in weit yermehrtem Maasse 

Fig. 17. Pig. 18. 





erlitten haben, als die Wirbelbogen, so dass augenscheinlich an dem 
einzelnen Wirbelkörper besondere Veränderungen vor sich gegangen- 
sind, die sich eben wieder an ihrer Gestalt kennzeichnen. Was nun, 
wenn man die einzelnen Wirbelkörper besonders ins Auge fasst, sofort 
auffällt, ist, dass dieselben in ihrer Gestalt wesentlich andere Ver- 
änderungen erlitten haben , je nachdem sie mehr dem Indifferenz* 
punkt oder dem Scheitelpunkt sich nähern, und dass die die Scheitel- 
punkte der Krümmungen darstellenden Wirbel thatsächlich die 
schwersten Abweichungen von ihrer ursprünglichen Gestalt erlitten 
haben. — Dieselben zeigen eine wesentliche Einbusse in dem 
Parallelismus der Horizontalflächen der Wirbelkörper, so dass sie 
keilförmige Gestalt angenommen haben; die Gonvergenz liegt nach 



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yerkrfimmangeii der Wirbdi&iile. 303 

der GoncaviäU^ der Erflmmimg hin und die Höhenentwickelung des 
gesammtai Wirbelkörpers hat nach der Concavitöt hin abgenommen. — 
Gerade über diese Verhältnisse liegen schon aus früherer Zeit sorg- 
fältige Messungen Tor und es ist den älteren Beobachtern auch 
bereits nicht entgangen , dass die Oestaltveränderungen sich selbst 
auf die zwischen den Wirbeln befindlichen Intervertebralscheiben 
erstrecken. Auch diese sieht man keilförmig gestaltet, nach der 
concaven Seite der Krümmung hin abnehmen. Crureilhier und 
Martin stellten fest, dass das Höhen verhältniss der Bandscheiben 
zwischen conoavem und conyexem Erümmungssitz hin sich fast um 
die Hälfte (Verhältniss von 3'" : 6'") zu vermindern vermögen. 
Martin fand an der CSoncavität die Dicke aller Zwischenknorpel- 
scheiben in Summa 10''', an der oonvexen Seite 28®/4"', -also einen 
Unterschied von 12^/4'". — Bezüglich der Wirbelkörper giebt Cru- 
veilhier an, dass die Höhe sämmtlicher Körper des 3.-11. Brust- 
wirbels an der Concavität 95 V«'", an der Convexität 98 '/i 2'" be- 
trug. Martin mäass an tier Concavität sämmtlicher abgelenkter 
Wirbel 38 »/i'", an der Convexität 49 »/i'". Der 6. Brustwirbel zeigte 
beispielsweise bei Cruveilhier an der concaven Seite 8^2'"» aä 
der convexen Seite lO^«'"; bei Martin der 3. Lumbalwirbel an 
der concaven Seite 6'", an der convexen Seite 9'". — Mit diesen 
Abnahmen gehen indess auch weiterhin noch Verringerungen des 
Volumens der übrigen Theile des Wirbels einher, so dass die Bogen- 
und Seitentheüe des Wirbels an der concaven Seite verringert er- 
scheinen. Lorenz* hat Höhen- und Dickenunterschiede an den 
Bogen einzeln und ebenso an den Gelenktheilen und Schlusstheilen 
des Bogens nachgewiesen, so dass das Verhältniss sich zwischen 
concaver und convexer Seite sich fast um 1:2 gestaltete. Dies 
AHes kann nicht ohne gleichzeitige totale Verbildung und Um- 
gestaltung einzelner Theile des Wirbels vor sich gehen; die 
Querfortsätze sind an der concaven Seite einander genähert und ver- 
laufen mehr frontal, an der convexen von einander entfernt und 
Stehen in einer schrägen Ebene, mehr nach hinten, zuweilen sind 
die ersteren überhaupt atrophirt und in kleine unansehnliche Höcker 
verwandelt. Die Processus spinosi sind nach der Concavität hin- 
gedrängt; verändert sind auch die Foramina intervertebralia, welche 
an der Concavitöt verengert, an der Convexität weiter erscheinen. 
Man sieht femer, dass die Bogenwurzeln im Ganzen nicht mehr 
gleich lang und dick, die Gelenkfortsätze verschieden an Volumen 
und Gestalt werden. — Ausser diesen Abnormitäten zeigen nun die 



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304 VerkrQannaDgen der Wirbehäule. 

Wirbel überdies Abweicbangen , welche mit* der f&r die ganze 
Wirbelsäule schon' betonten Drehung in Beziehung stehen ^ nämlich 
eine mit Veränderungen der Bogenwurzeln einhergehende Umge- 
staltung der Wirbellöcher (Foramen vertebrala) ; dieselben bOdsen die 
normale beiderseits symmetrische Gestalt ein und erleiden nach der 
concaven Seite hin (unregelmässige ovoide) Ausbuchtungen, gleichsam 
Yerziehungen, und auch an den Wirbelkörpem markiren sich die* 
selben in der Art des Verlaufes der Enochenfasem imd Balken, 
welche schräge und spiralige Lagen einnehnren, während sie in nor- 
malen Wirbeln in senkrechten Zügen auf einander stossen. Mit wenigen 
Ausnahmen (Kocher) erschliessen aus allen diesen Veränderungen 
die meisten neueren Autoren (Lorenz, Albert, Dolega u. A.) die 
Thatsache, dass die Wirbel nicht allein jonter dem Einflüsse ver- 
schieden grosser Massenentwickelungen zwischen concaver und con? 
yexer Seite, die Verbildung erleiden, sondern dass sie in sich gedrehti 
eine vollständige Verbildung ihrer inneren Structur erlitten haben. 
Die Missstaltung des skoliotischen Skelettes erstreckt sich,, wie 
man schon aus der klinischen Betrachtung erschliessen konnte, nicht 
auf die Wirbelsäule allein, sondern auf den gesanunten Brustkorb 
und in erster Reihe auf die Bippen selbst. Die Bippen zeigen 
ebeni^owohl der. Lage nach, wie in ihrer Gestalt wesentliche, Ver- 
änderungen. Beide sind augenscheinlich durch die Drehung der 
Wirbelsäule beeinflusst und Lorenz betont, dass an der concav^en 
Seite die Bippen im oberen Thoraxabschnitt gehoben erscheineUj 
während die unteren Rippen sich etwas senken. Sie schieben sich 
an der concaven Seite auch dicht gedrängt an und über einander, 
während sie' an der convexen Seite der. Hauptkrümmung gesenkt 
erscheinen und in iH'eiten Zwischenräumen von einsuider weichen. — 
Die Gestalt der Bippen ist durch eine starke Abknickung an der con- 
vexen Seite der Elrümmung ausgezeichnet, so dass die Bippe sich dem 
Wirbelkörper und Wirbelbogen eng anschmiegt, während sie sich in 
dem gleichen Maasse, einen flach geschweiften, Bogen darstellend, an 
dei^ concaven Seite von dem Wirbel^ entfernt; auch stehen dier Bippen 
an: der convexen Seite mehr in sagittaler, an der concayen, Seite 
mehr in frontaler Bichtung. So an der Hinterseite; während an de? 
vorderen Thoraxseite alle diese Verhältnisse im Ghmzen wenigeir 
zum Ausdruck kommen, wenngleich natürlich der stärkeren hipteren 
Knickung und Krümmung an der convexen Seite vom mehr ; die 
Abflachung, dem flacheren Bogen an der concaven Seite vorn eine 
etwas stärkere Knickung entsprechen muss. Im. Ganzen ist dadurch 



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Verkrümmungen der Wirbelsaule. 305 

die Brustkorbhälfte an der convexen Erümmungsseite enger, an der 
concÄven weiter. Wie selir diese Veränderungen der Rippen und 
des Brustkorbes dazu beitragen, die Stellung der Schulterblätter 
und der gesammten Körperhaltung zu beeinflussen, ist oben bereits 
erwähnt und hervorgehoben. Der ganze Brustkorb erscheint im 
Durchschnitt asymmetrisch und es entwickelt sich schliesslich bei den 
vorgeschrittensten Formen an der Seite der Gonvexität ein mächtiger 
unregelmässig gestalteter, nach hinten vorspringender Buckel, der 
durch die abgeknickten und verbogenen Rippen nach hinten gebildet, 
nach vorne hin zumeist an den den Rippen angenäherten Wirbel- 
körpem seine Basis findet. Das Brustbein wird hierbei nach der ent- 
gegengesetzten Seite von der Mittellinie nach der Richtung der 
Goncavität hin verdrängt, und entsprechend der flacheren Krüm- 
mung der an der Gonvexität gelegenen Rippenbogen erscheint der 
Brustkorb an der concaven Seite von vom und von der Seite her 
betrachtet in demselben Maasse ausgerückt, wie er auf der con- 
vexen Seite hinterwärts und seitlich trotz des buckeligen Yorsprungs 
verengt ist. Je stärker die Lendenwirbelsäule mit an der Wirbel- 
säulenverkrümmung Theil nimmt, desto mehr sinkt im Ganzen das 
Skelett gleichsam in sich zusammen, wobei die Rippen sich dem 
Becken annähern. Schliesslich erleidet auch das Brustbein selbst Ein- 
knickungen und nach innen dringende Verbiegungen. — Die Asym- 
metrie erstreckt sich weiterhin selbst auf das Becken und auf das 
Gesicht, und die Extremitäten erscheinen im Yerhältniss zu dem 
verkürzten Rumpf zu lang und ungeschlacht. 

Auf die mit diesen Veränderungen des Skelettes einhergehen- 
den Verlagerungen der Brust- und Baucheingeweide ist oben schon 
hingewiesen worden (p. 281). — Wichtig sind noch die Verände- 
rungen der Muskulatur, deren feinere anatomische Läsionen aller- 
dings noch nicht hinlänglich studirt sind. Die Muskeln sind mit 
den Knochen verschoben; ob sie in ihrem Gontractionszustande ver- 
ändert sind, dürfte sehr fraglich erscheinen; im Ganzen fühlen sie 
sich an der Goncavität fester und gespannt an, an der Gonvexität 
weich und schlafl^. — Auch die Nerven, welche seitlich aus dem 
Rückenmark durch die Foramina intervertebralia heraustreten, er- 
leiden nicht sdlten anatomische Veränderungen, und in schweren 
Fällen atrophiren dieselben auch wohl, oder erleiden wenigstens ge- 
wisse Störungen ihrer Function; Eulenburg hat sogar die bei 
hochgradigen Skoliosen sich deutlich kundgebende Asymmetrie der 
beiden Gesichtshälften aus atrophischen Störungen der der con- 

Baginsky, SchuUiygiene. U. 3. Anfl. 20 



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306 Verkrümmmigen der Wirbelsäule. 

caven Ej-ümmungsseite entsprechenden Nerven zu erklären ver- 
sucht. 

Von den anatomischen Läsionen der inneren Organe ist wenig 
zu sagen; dieselben sind secundärer Natur und erklären sich aus 
der Raumverschiebung und Beengung, welche der Thorax und das 
Abdomen erleiden. Zuweilen findet man das rechte Herz hyper- 
trophisch ; Aorta und Vena cava folgen den Krümmungen der Wirbel- 
saule und adaptiren sich den Baumverhältnissen, so gut es geht; 
zuweilen ist die Lage und Gestalt der Nieren, zuweilen sogar die der 
Leber verändert. Der Darm sucht in dem weitesten Theile des Ab- 
domens sein Unterkommen. Hyperämien aller Unterleibsorgane in 
Folge gestörter Circulation im Venensystem sind nicht selten. 

Zur Entscheidung steht nun die bedeutsame Frage, inwieweit 
und ob überhaupt die aus dem Verhalten der Schulkinder uns be- 
kannten Stellungsanomalien zu den bezeichneten und geschilderten 
Veränderungen der skoliotischen Wirbelsäule in Beziehung gebracht 
werden können. 

Aus den allgemein pathologischen Erfahrungen heraus kann 
von vornherein mit Bestimmtheit behauptet werden, dass Ver* 
bildungen des Knochens, wie sie der skoliotische Wirbel zeigt, unter 
der Einwirkung von fehlerhafter, insbesondere ungleichmässiger 
Belastung wohl entstehen können. Das Aufzehren von Knochen- 
substanz erfolgt, insofern nicht schwere, durch besondere Krank- 
heitserreger angefachte Entzündungs- und Beschädigungsverhältnisse 
vorliegen, ausschliesslich unter dem Einflüsse von Druck- und Zug- 
wirkungen. Dieselben kommen um so intensiver zur Geltung, je 
weicher der Knochen noch an sich, je mehr er gleichzeitig selbst 
noch in einem gewissen Zustande der Bildung und in fort- 
schreitender Entwickelung begriffen ist. Der wachsende Knochen 
des jugendlichen Körpers wird begreiflicherweise Druck- und Zug- 
wirkungen von einiger Intensität und vor Allem von einiger Dauer 
leicht in der Art und der Richtung der Entwickelung und des 
Wachsthums nachgeben, und so wird aus dieser allgemeinen Er- 
fahrung heraus unwillkürlich das Augenmerk auf derartige Ver- 
hältnisse für die Frage der Entstehung der Skoliose hingelenkt. — 
Fehlerhaftie Haltungen in der Schule, wie die oben geschilderten 
(p. 279), stetig wiederholt, unbewacht und unverbessert lange Zeit 
hindurch eingenommen, vermögen, wie man aus den allgemein patho- 
logischen Erfahrungen ohne Weiteres zugeben muss, die Wirbel- 
säule des wachsenden Kindes von der normalen Gestaltung abzu- 



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Verkrümmungen der Wirbelsäule. 307 

drängen und in fehlerhafte Richtung zu treiben. Ob sie es allein 
vermögen, oder ob zu denselben noch eine gewisse in dem Kinde 
selbst gelegene, durch Vererbung, vorangegangene Krankheit, mangel- 
hafte oder rückständige Entwickelung gegebene Disposition gehört, 
die fehlerhafte Haltung als Norm besonders wirksam zu machen, 
dies freilich steht noch zur Entscheidung. — Von Hause aus müsste 
man meinen, dass diese zuletzt erwähnten Verhältnisse thatsächlich 
hinzutreten müssten, weil gegenüber der grossen Zahl der fehler- 
haft sitzenden Schulkinder die Zahl der Skoliosenfälle immerhin in 
massigen Grenzen sich bewegt, und nicht sonst abzusehen wäre, wo- 
her es komme, dass so viele Kinder doch verschont bleiben. Auch 
spricht sicher die eigenartige Erfahrung, dass Skoliosen in manchen 
Familien geradezu zu Hause sind, für eine gewisse constitutionelle 
Anlage zur Erkrankung, und ebenso die unzweifelhafte Thatsache, 
dass Mädchen weit mehr zur Erkrankung an Skoliose neigen als 
Knaben. Dies Alles zugegeben, wird man dennoch sich bei den 
Thatsachen, dass die skoliotischen Verbildungen des Skelettes unter 
dem Einflüsse mechanischer Bedingungen zum Mindesten zu Stande 
zu kommen vermögen, und dass solche im Schulleben stetig zur 
Erscheinung kommen, dem Causalnexus der beiden schwer zu ent- 
ziehen vermögen. — Nach den mannigfachsten, zum Theil vagen 
und kaum ernst zu nehmenden Theorien über das Zustandekommen 
der Skoliosen haben Roser und Volkmann diesen Zusammenhang 
auch mit Nächdruck betont. Volkmann geht von den geschil- 
derten fehlerhaften Schreibstellungen der Schulkinder aus und be- 
zeichnet die habituelle Skoliose als eine Erkrankungsform , bei 
welcher die von dem schreibenden Kinde eingenommenen anomalen 
Haltungen durch Veränderungen der Knochen und Bandapparate 
zur Fixation gekommen sind. Aehnlich wie bei der eigentlichen 
statischen Skoliose die Verkürzung eines Beines der Schiefhaltung 
der Wirbelsäule zur schliesslichen Fixation eines in fehlerhafter 
Richtung erfolgenden Wachsthums führt, kommen durch die fehler- 
hafte Schreibhaltung statische Momente zur Geltung, welche bei dem 
wachsenden Skelett des Kindes, unter dem Eindrucke ungleichmässiger 
Belastung, die Wirbelkörper und Wirbelbogen zu ungleichmässiger 
Entwickelung in der Höhenrichtung bringen. Auf dem Punkte ge- 
ringerer Belastung wird es in demselben Maasse zu gesteigerter 
Höhenentwicklung durch reichlicheres Wachsthum kommen, wie auf 
den ebenso belasteten Punkten Wachsthumshemmungen und selbst 
Einschmelzung schon gebildeter Knochen zum Vorschein kommen. 



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308 Verkrümmungen der Wirbelsäule. 

und es wird solchermassen jene keilförmige Verbildung der Wirbel- 
körper zu Stande gebracht werden können, welche die skoliotischen 
Wirbel an den Scheitelpunkten der Krümmung besonders aus- 
zeichnet. So betonen denn auch Lorenz (p. 75) und der von 
diesem citirte Vogt, dass die Entwickelung der Skoliose erklär- 
licherweise gerade an die Zeit der gesteigerten Wachsthumsperioden 
gebunden ist. Sind auch die Wachsthumsperioden von mancherlei 
Umständen abhängig und nicht in allen Bevölkerungsschicbten und 
in allen Zonen gleichmässig, so ist doch gesteigertes Wacbsthum 
durchschnittlich zur Zeit der einsetzenden Pubertät vorhanden, und 
aus Key^s^) Untersuchungen ergiebt sich beispielsweise, dass mit 
dem 10. Lebensjahre für die Mädchen ein stärkerer jährlicher 
Längenzuwachs einsetzt, der mit der Pubertät in Zusanunenhang 
steht. Die Mädchen haben schon in ihrem 12. Lebensjahre, 3 Jahre 
früher als Knaben, den stärksten Längenzuwachs. In einer von 
Geissler^) und Uhlitzsch geführten Untersuchung ergab sich 
aus Messungen von Schulkindern im Alter von 6^/2 — 14^/« Jahren 
in den Altersstufen von 6^2 — 10 Jahren bei Knaben von Bergleuten 
eine Längenzunahme von 11,8 cm, bei Mädchen 13,1 cm; im Alter 
von 10 — 14 Jahren bei Knaben 23 cm, bei Mädchen 25,5 cm. Bei 
Kindern aus der Bürgerschule war 

im Alter von 6^2 — 10 Jahren bei Knaben die Zunahme 14,6 cm 
, „ , 10—14 n „ « « , 22,6 , 

, , , 6V2— 10 « , Mädchen , , 13,0 . 

, , , 10—14 , . r, n n 24,2 . 

Hier giebt sich die Längenzunahme in der Zeit der zur Pubertät 
vorschreitenden Jahre in auffallendster Weise zu erkennen, besonders 
bedeutend bei den Mädchen; und aus einer von Krug^) veröflfent- 
lichten Studie über die Rückgratsverkrümmungen der Schulkinder 
ergiebt sich, dass im Anschlüsse an anomale Schreibhaltungen bei 
210 im Alter von 11 — 12 Jahren stehenden Schulkindern, innerhalb 
der Beobachtungszeit von 1 V« — 2 Jahren, 43 neu entstandene Skoliosen 
zur Entwickelung gekommen waren. Krug kommt an der Hand 
dieser Beobachtungen zu dem Schlüsse, dass es keinem Zweifel 



M Axel Key. Nach Burgerstein, p. 223. 

^) Arthur Geissler und Richard uhlitzsch, Die GrÖssenverhält- 
nisse der Schulkinder im Schulinspectionsbezii-k Freibur^. Heft 1 und 2, Jahr- 
gang XXXIV. Zeitschrift des königl. sächsischen statistischen Bureaus. 

•) W. Krug, Ueber Rückgrataverkrümmungen der Schulkinder. Jahrb. 
f. Kinderheilk. Bd. XXXVII, p. 157. 



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Verkrümmungen der Wirbelsäule. 309 

unterliegen könne, dass bei etwa einem Drittel aller Kinder die bei 
den Schularbeiten in Haus und Scbule beliebte schiefe Haltung der 
Wirbelsäule sich fixirt und am Ende der Schulzeit mit in das Leben 
hinüber genommen wird. — Nach Allem diesem, und es könnten 
für die gleiche Auffassung geradezu alle modernen orthopädischen 
Chirurgen citirt werden (Dole ga, Hoffa, Albert, Schulthess, 
Wolff u. T. A.), kann über den so constatirten Zusammenhang 
zwischen anormaler Schreibhaltung und Skoliosenentwickelung kein 
Zweifel bestehen. — Es soll hierbei übrigens nicht übergangen 
werden, dass es auch an früheren Stimmen nicht gefehlt hat, welche 
auf die statischen Momente für die Skoliosenentwickelung grossen 
Werth gelegt und auch den anatomischen Verhältnissen der Skoliose 
hierbei grosse Aufmerksamkeit zugewendet haben, wenngleich die 
fehlerhafte Schreibhaltung als ätiologisches Moment nicht in der 
gleichen Schärfe wie neuerdings zur Geltung gebracht wurde. 

Wenzel kommt am Schlüsse einer längeren Betrachtung über 
die Skoliose zu dem Schlüsse, dass die Rachitis in erster Linie, 
nach ihr aber zufällige Umstände, wie üble Haltung des Körpers 
beim Schreiben, bei Handarbeiten etc., böse Gewohnheiten, fehler- 
hafte Kleidertracht häufig Veranlassung zur Verschiebung des Rück- 
grats geben, wenn sie nur so hinreichend auf die Wirbel einwirken, 
dass partielle Fehler der Ernährung der einzelnen statthaben können. 
Die erste Ursache der Skoliose liegt also nach ihm zwar in einem 
Knochenleiden, indess kann dieselbe auch durch Muskelaction ein- 
geleitet und durch die mechanischen Verhältnisse persistent gemacht 
werden. 

Werner leitet den Beginn der Skoliose von einer Unart des 
Kindes her, welches sich gewöhnt hat, unter gewissen Verhältnissen 
eine fehlerhafte Haltung anzunehmen. Man kann, wie er meint, in 
der Mehrzahl der Fälle nur zeitweise und bei bestimmten Beschäf- 
tigungen oder auch beim Nichtsthun eine Krümmung der Wirbel- 
säule nach einer Seite erkennen, welche sich leicht als Rotation der 
Wirbel mit Richtung der Processus spinosi nach der concaven Seite 
hin herausstellt. Aus den verschiedenen Körperhaltungen der Kin- 
der in den verschiedenen Lebensjahren soll es sich denn auch er- 
klären, warum in der frühesten Lebensperiode die Lumbarskoliose 
und zwar mit linksseitiger Convexität, in der späteren Zeit die rechts- 
seitige Dorsalskoliose so häufig sei. Die kleinen Kinder benutzen 
vorzugsweise beim Ausruhen und Stehen das linke Bein; sie sitzen 
in diesem Alter weniger und ziehen das viele Stehen vor; um nun 



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310 Verkrümmungen der Wirbelsäule. 

den Schwerpunkt leichter über dem stützenden Beine zu fixiren, 
ziehen sich die Lendenwirbel im Bogen nach links und stellen das 
Becken schräge. Bei grösseren Kindern und namentlich bei Mäd- 
chen geht aber die Krümmung der Wirbelsäule nicht mehr von 
den unteren, sondern von den oberen Extremitäten aus. Die Kinder 
bedienen sich zu den vielen Handarbeiten des rechten Armes, ziehen 
denselben von der rechten Thoraxhälfbe ab und neigen die rechte 
Seite hinaus; dies geschieht besonders gern bei fehlerhafter Klei- 
dung, wenn die Aermellöcher zu eng sind oder das Rückenstück 
des Kleides spannt, ebenso bei fehlerhaft construirten Schultischen, 
wenn dieselben keine Lehnen kaben, endlich bei vielem andauern- 
dem Sitzen überhaupt, wenn die Kinder sich langweilen und geistig 
übermüdet sind, oder nicht hinlänglich angeregt werden. Damit soll 
nach Werner der Beginn zur Skoliosenbildung gegeben sein, aus 
welchem die weiteren Stadien des Uebels sich entwickeln. Werner 
macht hierbei den continuirlichen passiven Druck, welchen die 
Zwischenwirbelknorpel und die Wirbel an der eingebogenen Seite 
erleiden, und auch die gegenseitige Anpressung der einzelnen 
Wirbel an einander für die weitere Verbildung vorzugsweise mit- 
schuldig. Beide Momente führen nicht nur zu Atrophirung der 
Wirbel an den gedrückten Stellen, sondern auch zu Wachsthums- 
hemmungen, welche die schwersten Verbildungen der Wirbel zur 
Folge haben. 

In ähnlicher Weise erklärt Parow das Zustandekommen der 
Skoliose. Wichtig und entscheidend für dieselbe ist nach ihm vor 
Allem die Verrückung des Kopfschwerpunktes in schiefer Richtung 
aus der verticalen Lage über der Drehaxe des Rumpfes. Dieselbe 
führt unzweifelhaft zu Rotationen der Wirbel an der Brustwirbel- 
säule und auch an der Lendenwirbelsäule; mit ihr beginnt die Sko- 
liose, welche also ursprünglich eine den natürlichen Schwerpunkt 
verschiebende beliebige Körperhaltung zum Ausgangspunkt hat, in 
der Folge aber durch Verbildungen der Rippen, Zwischenwirbel- 
scheiben und der übrigen Gelenkbänder der Wirbelsäule, endlich der 
Knochen und Muskeln weiter ausgebildet wird. Parow ist also mit 
Werner unbedingt der Ueberzeugung, dass die fehlerhafte Haltung 
beim Schreiben, schlecht passende und schlecht eingerichtete Klei- 
dungsstücke u. s. w. die Skoliose einleiten und entstehen lassen 
können; so hat er denn auch unter 282 Fällen von Skoliose 218 
d. h. 79 ^/o beobachtet, wo er keine krankhafte Anlage, keine Krank- 
heitsursache hat entdecken können, und wo er nur die zur Gewohn- 



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Verkrümmungen der Wirbels&ule. 311 

heit gewordene fehlerhafte Haltung als wesentliches ursächliches 
Moment glaubt verwerthen zu können. 

Sehr sorgfältige Untersuchungen über die Skoliosenfrage liegen 
von Hermann Meyer vor. Derselbe trennte die Körperreihe einer 
Wirbelsäule von der Bogenreihe ab und fand nun, was Hirschfeld 
vor ihm schon erwiesen hatte, dass die Bogenreihe nach der Tren- 
nung wesentlich kürzer (bei der Wirbelsäule eines 14jährigen Mäd- 
chens um 45 mm) geworden war, als die Reihe der Wirbelkörper; 
die Bogenreihe lässt sich alsdann diurch Belastung noch um ein 
Wesentliches (bei demselben Mädchen noch um 15 mm) verkürzen, 
woraus hervorgeht, dass die Eörperreihe der Wirbelsäule einer Gom- 
pression erheblich vndersteht und während ihrer Biegung auf der 
convexen Seite eine Dehnung erfahrt; dem gegenüber hat die Bogen- 
reihe sogar die entschiedene Neigung, sich zu verkürzen. Dieser 
Gegensatz soll für die Skoliosenbildung von wesentlicher Bedeutung 
sein, da er bei der Belastung der Wirbelsäule und bei seitlicher Biegung 
derselben die Wirbelkörper zwingt, einen mehr convexen, dagegen 
die Wirbelbogen veranlasst, einen mehr flachen Bogen zu bilden, was zur 
directen Spiraldrehung Anlass giebt ; hierbei rücken die Processus spinosi 
zumeist in die Concavität, die vordere Mittellinie der Wirbelkörper 
zumeist in die Convexität der entstandenen Drehungscurve. Wenn 
man nun weiter überlegt, dass die vordere Mittellinie der Wirbel 
bei der normalen Brustkrümmung der Wirbelsäule die kleinste Linie 
ist, während sie, bei der Skoliose weit in der Convexität liegend, 
die längste werden muss, so ergiebt sich, dass die Skoliose nur zu 
Stande kommt durch eine Art von Vorwärtskrümmung der Wirbel- 
säule, durch lordotische Verbildung, welche entweder nur insofern 
Lordose zu nennen ist, als sie der normalen dort befindlichen Kyphose 
entgegengehalten wird, also nur relativ, oder auch weitergehend zur 
wirklichen und wahren (absoluten) Lordose wird. Somit entspricht 
die Lordosenbildung einer Torsion wie bei der Skoliose und kann 
gleichsam stellvertretend für dieselbe eintreten, und es geht weiter 
daraus hervor, dass die normale Brustkyphose gleichsam der skolio- 
tischen Verbildung hemmend entgegentritt. Dies wird insbesondere 
noch dadurch bewerkstelligt, dass die Fascia longitudinalis anterior, 
welche die Vorderseite der Wirbelkörper strafi^ überspannt, bei der 
Skoliosenbildung gedehnt und nachgiebig gemacht werden muss, 
etwas, was nur im jugendlichen Alter geschehen kann. Ueberdies 
giebt sich die Skoliose der Lenden Wirbelsäule auch niemals durch 
Aufhebung der dort normal vorhandenen Lordose kund, sondern 



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312 Verkrümmungen der Wirbelsäule. 

sie verdeckt, indem sie die Biegung der Wirbelkörperreihe nur seit- 
wärts verlegt, die Lordose nur und macht sie nicht selten noch 
stärker als normal. In der weiteren Ausführung erklärt Meyer 
endlich die skoliotische Form des Thorax, die Vorbildung der Rippen, 
die Abflachung der vorderen Thoraxwand an der convexen, die der 
hinteren an der concaven Krümmungsseite aus den Verkrümmungen der 
Wirbelsäule. Unter den ursächlichen Verhältnissen, welche die sko- 
liotische Vorbildung erzeugen können, erkennt er obenan die Schief- 
haltungen des Körpers an, das Linksbiegen des Kopfes, Heben der 
rechten Schulter beim Schreiben an hohen Tischen u. s. w. Die 
Muskeln sollen hierbei nicht direct und unmittelbar durch Zug auf 
die Wirbelsäule wirken, sondern sie regen nur, indem sie die schiefe 
Haltung erzeugen, die Wirkung der mechanischen Verhältnisse an. 

Dieser Ausfuhrung Meyer^s schliesst sich nun auch Schild- 
bach an, welcher die Skoliosis aus einer dauernden einseitigen Be- 
lastung der Wirbelsäule und dadurch bedingtem einseitigem Druck- 
schwund der Wirbelkörper erklärt, einer Belastung, welche sich aus 
den eben geschilderten und von Meyer ausgeführten physikalischen 
Ueberlegungen herleiten lässt. Bezüglich des Verhältnisses der Sko- 
liose zur Lordose ist Schildbach der Meinung, dass man Fälle 
beobachten kann, wo die Lordose der Beginn, die Skoliose erst die 
Folge des Uebels ist, und er erklärt dies aus einem unverhältniss- 
mässigen Höhenwachsthum der Wirbelkörper gegenüber den Pro- 
cessus obliqui der Wirbelbogen. Das Verlängerungsbestreben jener 
gegenüber dem Verkürzungsbestreben dieser muss schliesslich bei der 
ünnachgiebigkeit der Ligamenta flava zur seitlichen Ausbiegung 
führen. So erkennt also Schildbach bei der Bedeutung, welche 
er im Ganzen geneigt ist, den fehlerhaften Haltungen für die Sko- 
liosenbildung beizumessen, dennoch eine Art von Skoliosenbildung 
an, welche mit diesen letzteren in keinerlei Zusammenhang ist, wie 
er denn überhaupt die Trennung der beiden Erkrankungsformen, der 
eigentlichen Knochenskoliosen von der sog. Gewohnheitsskoliose be- 
flirwortet, für welch letztere er die genannten äusseren Verhält- 
nisse (Schreibsitzen etc.) verantwortlich macht. 

Virchow kommt nach einer sorgfaltigen Durchmusterung der 
verschiedenen Theorien der Skoliosenentwickelung zunächst zum 
Schluss, dass man die Skoliosis habitualis als eine Entwickelungs- 
krankheit dies Schulalters betrachten müsse, dass, wenngleich manche 
innere Ursachen der Bildung derselben auch sonst vorliegen müssen, 
das überwiegend rechtsseitige Auftreten der Dorsalkrümmung dennoch 



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Verkrümmungen der Wirbelsäule. 313 

kein Zufall sein könne, sondern mit äusseren Veranlassungen in Ver- 
bindung stehen müsse, welche vom Hause sowohl wie von der Schule 
durch Einleitung fehlerhafter Körperhaltungen geschaffen werden. 
Demnach erwachse für Haus und Schule die wichtige Aufgabe, Alles 
zu vermeiden, was die Körperhaltung und Stellung verschlechtem 
könne ; die Schüler müssten in zweckmässiger Weise gesetzt werden, 
und namentlich müsste durch Gymnastik rechtzeitig Gelegenheit ge- 
schaffen werden, die Glieder nach längerem Sitzen wieder in ge- 
hörige Uebung zu bringen. — Man erkennt, wie in allen diesen 
Ausführungen, denen sich des Weiteren dann Vogt, Busch u. A. 
anschlössen, die mechanischen Verhältnisse wohl Berücksichtigung 
gefunden haben, welche schliesslich bei den jüngsten Autoren seit 
Volkmann definitiv zur Anerkennung gelangten. 

Es erübrigt, die Momente zu entwickeln, welche die fehlerhaften 
Schreibhaltungen der Schulkinder von Hause aus bedingen. Aus 
den früher gegebenen Ausführungen über das Sitzen überhaupt, und 
das Schreibsitzen im Besonderen, ist hervorgegangen, dass vieles und 
lange andauerndes Aufrechtsitzen in der Schulbank zu Ermüdungs- 
haltungen schädlicher Natur führen müsse, weil der kindliche Orga- 
nismus bei der immerhin nur mä^ssig gut entwickelten Muskulatur 
auf die Dauer der Sitzhaltung nicht gewachsen sei. — Das Er- 
müdungsmoment wird begreiflicherweise bei Mädchen in erster Reihe 
zur Geltung kommen, weil die Muskulatur der Mädchen bei der üb- 
lichen, die Muskelaction geradezu hemmenden Mädchenerziehung, den 
häufigen Zuständen von Anämie und Chlorose, dem rascheren Puber- 
tätswachsthum u. s. w. ganz besonders leicht zur Ermüdung neigt. — 
Weiterhin hat man auf die nachtheiligen Einwirkungen mangelhaft 
construirter Subsellien lange Jahre hindurch besonderen Werth gelegt. 

Fehlerhafte Abmessung der Differenz, insbesondere die zu hohen 
Schultische, welche das Kind zwingen, die gerade Sitzhaltung zu 
verlassen, auf dem einen oder dem anderen Sitzknorren und dem 
auf den Tisch hinaufgeschobenen Arm die Stützpunkte beim Schreiben 
zu suchen, sind beschuldigt worden. Andere Autoren beschuldigten 
die fehlerhaft zu gross genommene Distanz, welche die Kinder in 
die vordere Sitzlage und nachfolgende Ermüdungspositionen hinein- 
drängen. Als besonders schlimm ist die Combination beider Fehler 
geschildert worden. — So vieles nun auch in den diesbezüglichen 
Ausführungen der Autoren richtig sein möge, so war eine durch- 
schlagende Erklärung der Skoliosenhaltung aus diesen Fehlem der 
Subsellienconstructionen allein nicht zu gewinnen. — Der erste, 



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314 Verkrümmungen der Wirbelsäule. 

welcher das Augenmerk auf gewisse andere für die Frage bedeu- 
tungsvolle Beziehungen hinlenkte, war Ellinger^). In einem im 
Jahre 1870 in der Wiener medicinischen Wochenschrift veröflFent- 
lichten Artikel führt dieser Autor aus, dass es sich bei der Skoliosen- 
haltung der schreibenden Schulkinder nicht um Ermüdungspositionen 
der Rumpfmuskulatur handle, sondern um nothwendige Folgen der 
gegebenen optischen Bedingungen bei der üblichen Art der Heft- 
lage und der gewohnheitsgemässen Schrift. Bei Rechtslage des 
Heftes und rechtsschiefer Currentschrift wird dem Kinde ein längeres 
Sehen mit erheblicher Anstrengung des associirt wirkenden rechten 
Abducens und linken M. internus zugemuthet, welches alsbald zur 
Ermüdung dieser überanstrengten Muskeln, zu gestörter Association 
und zu Doppelbildern führt, denen nur durch eine Rechtsdrehung 
des Kopfes ausgewichen werden könne. Gutes Sehen soll überdies 
nur möglich sein, wenn jeder der beiden Mittelpunkte des Auges 
Ton dem zu fixirenden Punkte gleich weit entfernt ist, und wenn 
ein Parallelisraus der durch beide Augenmittelpunkte gelegten Linie 
(Grundlinie des Auges) und der zu sehenden Zeile gegeben sei. Die 
Rechtsdrehung des Kopfes stört den Parallelismus, und um diesen 
wieder herzustellen, wird der Kopf weiter so gedreht, dass das linke 
Auge nach rückwärts und tiefer, das rechte nach vorwärts und höher 
zu stehen kommt. Diese veränderte Kopfstellung ist aber der An- 
fang einer Stellung, bei welcher zur Aufrechterhaltung des Körpers 
der übrige Körper nachfolgen müsse, der so nunmehr unfehlbar in 
die Skoliosenstellung rückt. — Einzelne Autoren, wie Gross*), 
wandten sich, den Ausführungen Ellinger's beistinunend, vor Allem 
gegen die rechtsschiefe Schrift; ebenso Daiber^), wenngleich mit 
einiger Einschränkung der E 1 1 i n g e raschen Ausführungen. Derselbe 
bestritt namentlich die Nothwendigkeit des geforderten Parallelismus 
der zu sehenden Zeile und der Basallinie des Auges, entschied sich 
indess doch für die aufrechte Schrift und gerade Medianlinie des 
Heftes. Schubert*) entwickelte in einem ausführlichen augenärzt- 
lichen Gutachten die Nachtheile der rechtsschiefen Currentschrift bei 
rechter Heftlage und gelangte auf Grund theoretischer Erörterungen 
und praktischer Erfahrungen zu der Anschauung, dass diese anomalen 
Bedingungen der Schreibhaltung „zu gesundheitswidriger Körper- 



^) S. auch: Der ärztliche Landesschulinspector. Stuttgart 1887. p. 17. 
^) Deutsche Vierteljahrsschr. f. öffentl. G-esundheitspfl. Bd. XI, p. 435. 
^) Daiber, Körperhaltung und Schule, p. 134. 
^) Schubert, Bayrisches Intelligenzblatt. 1881. 



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Verkrümmungen der Wirbelsäule. 315 

haltung Anlas» geben, indem sie das Bestreben des Kindes hervor- 
rufen, dass Auge und Kopf der unbequemen Schriftlage angepasst 
werden^. Er verlangt hiemach, dass die rechtsschiefe Schrift aus 
der Schule verbannt werde, dass die Schrift mit senkrecht stehenden 
Grundstrichen eingeführt werde, welche bei gerader Medianlage des 
Heftes ausführbar sei. — Diesen Ausführungen gegenüber kamen 
Berlin und Rembold^) auf Grund sorgfältiger Messungen zu 
wesentlich anderen Resultaten. Sie konnten feststellen, dass beim 
Schreiben die Ghrundstriche so gezogen werden, dass sie mit der bis 
zur Federspitze vorgerückt gedachten Grundlinie der Augen einen 
Winkel von etwa 90® bilden, und in dem gegebenen Bestreben, 
diesen Winkel inne zu halten, glauben sie den Angelpunkt der 
Physiologie des Schreibactes gefunden zu haben, soweit das Auge 
dabei betheiligt ist. Der Schreibende 'visirt auf die Grundstriche 
und muss, wenn der Winkel von 90 ® zwischen Basallinie und Grund- 
strich inne gehalten wird, zu folgenden Positionen gelangen: 1. Bei 
gerader Rechtslage des Heftes und rechtsschiefer Schrift muss der 
Schreibende rechtsschief sitzen. 2. Bei schräger Mittellage des Heftes 
und rechtsschiefer Handschrift kann er normal, d. h. mit der Frontal- 
ebene seines Körpers parallel zur Tischkante sitzen. Bei übertriebener 
schräger Mittellage wird er gezwungen, linksschief zu sitzen. Die 
Autoren führen aus der Mechanik der Hand- und Fingergelenke 
und aus den beim Schreiben gegebenen Bewegungen des Armes, der 
Hand und der Finger aus, wie der auf die Queraxe des Körpers 
senkrechte Grundstrich und die in einem Winkel von 30 — 40 ® auf- 
steigende Zeile die bequemste, am wenigsten anstrengende Schrift sei, 
und gelangen hiernach zu der Anschauung, dass zum Zweck des 
Parallelismus von Zeile und unterem Papierrand die linksschiefe 
Medianlinie des Papiers resp. des Heftes die nothwendige sei. Beim 
Drehen des Heftes zum Lesen in die gerade Mittellage erscheint 
dann die Schrift rechtsschief. 

Wir haben oben gelegentlich der Erörterungen über Steilschrift 
und rechtsschiefe Currentschrift auf die weitgehenden, den Gegen- 
stand betreflfenden Untersuchungen ausreichend hingewiesen. — Ist 
hier eine völlige Uebereinstimmung nicht erzielt worden, so ist da- 
gegen kein Zweifel mehr, dass die Rechstlage des Heftes ein für 
alle Mal zu verwerfen ist, weil sie zu optischen Bedingungen zwingt. 



^) Berlin und R e m b o 1 d , Untersuchungen über den Binfluss des Schrei- 
bens etc. Stuttgart 1883. Bei W. Kohlhammer. 



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316 Terkrflmmnngen der Wirbekäole. 

welche nnerträglich empfanden, die Kinder in fehlerhafte Positionen 
des Kopfes und abbald auch des ganzen Rnmpfskelettes drangen, 
die, wie die Sehen kuschen üntersnchongen und ebenso diejenigen 
von Seggelf Schubert u. A. ergeben haben, den skoliotischen 
Haltungen entsprechen. Thatsachlich dreht sich der Streit also augen- 
blicklich nur noch um die Frage, ob nicht doch die gerade Mittel- 
lage gerade mit Rücksicht auf die Skoliosenhaltung vorzuziehen sei. — 
Bei der Oefahr, bei schragliegendem Hefte auch in schiefe Kopf- 
haltung und Rumpfstellung zu verfallen, kann es aber, wie ich glaube, 
gar keinem Zweifel unterliegen, dass insbesondere fOr jüngere Kinder 
die gerade Heftlage unbedingt die bessere sei. — Die gerade Mittel- 
lage des Heftes führt ohne Weiteres zur geraderen und aufrechteren 
Haltung; sie gestattet eine bessere und leichtere Controle des Lehrers, 
und sie vermeidet die Gefahr, dass ein Excess der Schräglegung 
des Heftes eingeführt werde, welche wiederum zu entgegengesetzt 
gerichteten Schiefhaltungen des Körpers führen muss. 

Dass übrigens trotz der sicher hohen Bedeutung der optischen 
Bedingungen beim Lesen und Schreiben dieselben nicht die alleinigen 
sind, welche die Skoliosenhaltungen verursachen, hat bei den bereits 
früher (p. 148) erwähnten Untersuchungen Schenk zu erweisen ver- 
mocht. Es zeigte sich, dass bei den mannigfachen Schiefhaltungen 
und Drehungen des Oberkörpers, welche schreibende Ejnder ein- 
nehmen, als ein bedeutsames Moment noch hinzukommt, dass die 
Kinder den schreibenden Arm frei bekommen wollen, dass derselbe 
nicht durch das Körpergewicht belastet werde. Schenk f&hrt aus, 
wie dies dadurch möglich wird, dass die Sander entweder anormale 
Verschiebungen des Oberkörpers vornehmen, um die Last des Ober- 
körpers auf den linken Arm zu bringen, oder die Bänder der Wirbel- 
säulengelenke durch Rotationen oder kyphotische Ausbiegungen der 
Wirbelsäule in solche Spannungen versetzen, dass die Wirbelsäule 
in sich selbst genügend Ruhe findet, um sich aufrecht zu erhalten; 
im Ganzen ist es nur ein Bruchtheil der beobachteten Kinder, welchen 
durch Rückwärtsbiegen der Wirbelsäule und Anlehnen an eine hohe 
schräge Rückenlehne oder durch krummem Aufrechtsitzen mit An- 
spannung der gesammten Rückenmuskulatur die normale Haltung 
erreicht. — Schenk macht nach diesen Beobachtungen neben den 
optischen Bedingungen die Schulbänke, und selbst die als verbesserte 
und modern in die Schule eingeführten, für die anomalen Haltungen 
mit verantwortlich, da selbst die mit starker Minusdistanz und hoher 
Lehne versehenen Subsellien nur Zwangshaltungen bedingen, denen 



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Verkrümmungen der Wirbelsaule. 317 

auf die Dauer der kindliche Körper nicht ausgesetzt werden dürfe. — 
Gerade aus diesem Grunde ist derselbe auf die Oonstruction eines Sub- 
selliums gekommen, welches das Schreiben in reclinirter Haltung 
gestattet. Wir haben dasselbe unter den Schulbänken mit Recli- 
nationssitzen (Theil I p. 663) erwähnt und abgebildet. 

Man mag den Ausführungen von Schenk beipflichten und die 
Reclinationshaltung beim Schreiben als die empfehlenswertheste 
bezeichnen, wie dies beispielsweise Kocher in einer sorgfältigen 
Studie gethan hat, so wird man trotzdem nicht darüber hinaus- 
kommen, dass die mannigfachsten und, wie wir gesehen haben, com- 
plicirtesten Bedingungen bei der anomalen Haltung der Schulkinder 
concurriren, so dass selbst die sorglichst ausgewählten hygienischen 
Bedingungen nicht immer im Stande sein werden, dieselben zu ver- 
hüten. Gewisse constitutionelle Anlagen der Kinder werden damit 
immer nur bis zu einem Grade überwunden werden. Nur dürfen wir 
nicht müde werden, durch Einführung bester hygienischer Einrich- 
tungen gerade den disponirten Kindern in der Schule möglichst zu 
Hilfe zu kommen; denn begreiflicherweise werden gerade bei diesen 
Kindern die in fehlerhaft abgemessenen und construirten Subsellien 
gegebenen Nachtheile, neben den Schäden der fehlerhaft gegebenen 
optischen Bedingungen beim Lesen und Schreiben in ausgiebigster 
Weise zur Schädigung der Kinder beitragen und in der Entwicke- 
lung der Skoliosen zur Geltung kommen. 

Wir können füglich an der Hand der gegebenen Erörterungen 
alle früheren Theorien der Skoliosenentwickelung , die von Eulen- 
burg, Bardeleben, Barwell, Guörin, welche Veränderungen 
in der Rückenmuskulatur für die Entstehung der Skoliose ätiologisch 
verantwortlich machten, ebenso wie die von Hüter und Engel, 
welche aus pathologischen Wachsthumsverhältnissen der Wirbel die 
skoliotischen Verbildungen der Wirbel ableiten wollten, endlich auch 
die von Lorinser, welche erweichende Knochenerkrankung für die 
Entstehung der Skoliose anschuldigten, bei Seite lassen. Sie haben 
sich sämmtlich nicht als stichhaltig erwiesen; ebensowenig hat die 
als physiologische Skoliose von Bü bring und Bouvier beschriebene 
ursprünglich normale Körperanlage sich erweisen lassen. — Alles 
dies gehört der Geschichte an, und Lorenz hat in einer ausgezeich- 
neten Weise die in allen diesen Theorien liegenden Lrrthümer kritisch 
beleuchtet und dargethan. — Was wir aber sicher nicht ausser Acht 
lassen dürfen und was immer für die Frage der Skoliosenentwicke- 
lung bedeutsam bleiben wird, -das ist eine von Hause aus gegebene 



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318 Yerkrümmmigeii der Wirbelsäule. 

Zartheit und Schwäche der Muskulatur und yielleicht auch eine ge- 
wisse schwache Entwickelung oder üeberhastung des Enochenwachs- 
thums, femer eine eigenartige, manchen Kindern zukommende Schla£P- 
heit der Oelenke , die als prädisponirende Momente wohl Beachtung 
verdienen. Meist liegt bei diesen Kindern auch die gesammte Ernäh- 
rung etwas darnieder, die Kinder sind welk, schlaff in der Haltung, 
bleich von Aussehen und auch meist keine guten Esser, so dass das 
Fettpolster, wenn anders die Kinder nicht überhaupt mager sind, sich 
ebenfalls schlaff und weich anfühlt. — Diese gleichsam constitutio- 
nelle Anlage wird in der Nähe der Pubertätsjahre ganz besonders f&r 
Mädchen bedeutungsvoll erscheinen und wird, wie erwähnt, dazu 
zwingen, den diesen Kindern in der Schule auferlegten Aufgaben 
sorgliche Aufmerksamkeit zuzuwenden. 

Wir müssen bezüglich der Behandlung skoliotischer Kinder 
auf die Handbücher der Chirurgie und auf die Originalabhand- 
lungen der Orthopäden verweisen; hier haben wir nur zu er- 
wähnen, dass für skoliotische Kinder die Anwendung des , schiefen 
Sitzes* empfohlen worden ist in der Idee, dadurch die statischen 
Momente zu bessern (Volk mann). Diesem Vorschlag gegenüber 
bemerkt schon Werner, dass der skoliotische Körper nach einmal 
angenommener fehlerhafter Haltung mehr den durch den Willen 
veranlassten Stellungen folge, als den Gesetzen der Schwere, wo- 
raus dann folge, dass die Kinder die bereits angewöhnte Krümmung 
behalten, und noch eine neue dazu annehmen, wenn man sie auf 
eine schiefe Ebene bringt, oder eine Seite mit Gewichten beschwert 
Auf der anderen Seite bürgt Volk man n^s reiche Erfahrung dafür, 
dass unter gewissen Verhältnissen der schiefe Sitz von Vortheil ist. 
Unter sorgsamer Ueberwachung wird man denselben bei beginnender 
skoliotischer Verbildung also versuchen dürfen. — Die Beschaffung 
guter und vor Allem, was inmier zu betonen ist, der Ghrösse des 
einzelnen Kindes angepasster Subsellien ist nothwendig. Man sieht 
in den einzelnen Schulen Subsellien neuer Gonstruction, die an und 
für sich nahezu tadelfrei sind, aber dadurch völlig werthlos werden, 
dass man sie Kindern zumisst, für welche sie nicht passen, weil sie 
zu hoch oder zu niedrig sind. Solche Subsellien werden bei fehlender 
Distanz und fehlerhafter Differenz den Kindern doppelt gefahrlich. — 
Wichtig ist femer die Beleuchtung. Kinder, welche zu schiefer Hal- 
tung neigen, müssen helles, gutes Licht erhalten, damit sie nicht in 
Gefahr kommen, den Kopf tief niederzubeugen. Myopischen Kindern 
muss man durch Erhöhung des Tisches oder durch eine pultartige 



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Verkrümmungen der Wirbelsäule. 319 

Vorrichtung gerecht werden. Kinder, welche zu Skoliosenhaltungen 
neigen, sollen möglichst wenig, für längere Zeit vielleicht gar 
nicht am Schreibunterricht theilnehmen; wenn geschrieben werden 
muss, ist bei diesen Kindern die gerade Mittellage des Heftes und 
aufrechte Schrift unbedingt zu empfehlen. Die Mädchen sollen 
vom Handarbeitsunterricht fern gehalten werden. Im Uebrigen 
halte man die Kinder genau nach den vorangegangenen hygienischen 
Vorschriften ebenso frei von zu grossen Anstrengungen, vrie von 
Langeweile. Werner macht gewiss mit Recht die Bemerkung, 
dass Kinder am leichtesten in Gefahr kommen, fehlerhafte Haltungen 
anzunehmen, wenn sie sich langweilen, „sie lümmeln sich hier und 
dort an mit den schlimmsten Verdrehungen des Körpers.^ Daher 
sei der Lehrer anregend im Unterricht und ermuntere durch be- 
sondere Aufmerksamkeit gerade die augenscheinlich ermüdenden 
Kinder. Sehr wünschenswerth ist, dass für die schwächlichen und ins- 
besondere muskelschwachen, schlank aufschiessenden Kinder mit 
schlechter Haltung ein besonderer Turnunterricht eingerichtet wird, 
der zwar kein heilgynmastischer im engeren Sinne des Wortes sein 
soll, aber doch mit Rücksicht auf die Zartheit von Muskulatur und 
Skelett besondere und eigens ausgesuchte Uebungen umfasst und der 
mit der durch die mindere Leistungsfähigkeit gebotenen Rücksicht 
gehandhabt wird. — Schwimmunterricht, Eislauf, massige Spazier- 
gänge und Ausflüge ins Freie können von der Schule aus den Kindern 
zu Hilfe kommen. Der Eltern Pflicht ist es, für gesundheitsgemässe Er- 
nährung und zweckmässige Kleidung der Kinder zu sorgen. Das Verhalten 
der Schule den letzteren gegenüber ist hinlänglich besprochen. Nicht 
zu vergessen ist, dass es immerhin eine Reihe von Autoren giebt, 
welche der fehlerhaften Kleidung, dem Tragen von Corsets die Ent- 
wicklung der Skoliose bis zu einem gewissen Grade zuschreiben; 
es ist also gewiss zweckentsprechend , wenn die Schule auch der 
Kleidung der Kinder die gehörige Aufmerksamkeit zuwendet und 
die Eltern in geeigneter Weise zu beeinflussen sucht. — Dies gilt 
noch besonders von den Schultaschen und der Art, dieselben zu 
tragen. Das Tragen von schweren, mit Bücher überladenen Schul- 
taschen am Arm sollte diesen Kindern unter allen umständen unter- 
sagt werden; auch mögen die Kinder auf eine gleichmässige Art 
der Bewegung und Ausbildung beider Körperhälften beim 6ehen 
und bei Handthätigkeiten aufmerksam gemacht werden. — Die Be- 
handlung von ausgesprochener fehlerhafter Körperhaltung gehört in 
das Ressort des Arztes; indessen kann vielleicht von Seiten der Lehrer 



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320 Verkrümmangen der Wirbeltänle. 

die Aofinerksamkeit der Eltern anf das üebel zeitig hingelenkt und 
80 das Weiterfortschreiten desselben inhibirt werden. 



Untersuehimg bezüglich VerkrBinmaiigen der Wirbelsiole. 

Zar üntersuchnng und Feststellung fehlerhafter Haltungen der 
Wirbelsäule ist es noth wendig, das Kind bis zu den Hüften nackt 
zu entkleiden und durch Ablegenlassen des Schuhwerks etwa durch 
Schuhabsatze erzeugte Niveaudifferenzen zu entfernen. Man muss 
bei hellem Tageslicht, oder in gut durchleuchtetem Zimmer, jeden- 
falls ohne dass Schattenbildung Statt hat, untersuchen. — Das Kind 
wird autgefordert, mit zusammengestellten Fersen und geschlossenai 
Schenkeln eine möglichst zwanglose Haltung einzunehmen ; kyphotische 
Yerbildungen , üble Oewohnheitshaltungen , ebenso wie Lordosen- 
stellungen, fallen hierbei sofort ins Auge. — Nicht so die Skoliosen- 
verkrümmungen. Man thut gut, um diese festzustellen, die Pro- 
cessus spinosi leicht abzutasten und mit Farbstift zu markiren. Ein 
medianer Verlauf derselben schliesst indess eine seitliche Abweichung 
der Wirbelkörpersaule nicht aus. Diese wird festgestellt durch etwaige 
Niveaudifferenzen der seitlichen Rückenhälflen. — Man lasst zu 
diesem Zweck die Arme über der Brust kreuzen und bei durch- 
gedrückten Enieen das Kind sich um die horizontale Axe nach 
Yom beugen. Hierbei werden die Schulterblatter von den Hippen 
abgehoben und diese einer genauen Niveauprüfung zugangig. Man 
erkennt alsdann an der Seite einer convexen Ausbi^^ung der Wirbel- 
säule ein stärkeres Hervortreten der Rippen, einen Buckel, während 
die Bippen an der concayen Seite abgeflacht erscheinen. Zur ge- 
nauen Bestimmung der Niveaudifferenzen kann man sich der Wasser- 
wage bedienen. — Bei dem wieder aufgerichteten Kinde betrachtet 
man weiter genau die Stellung und Haltung der Schulterblätter; 
insbesondere die Entfernung der Scapulaspitzen von dem ent- 
sprechenden Processus spinosis in der horizontalen Ebene, achtet 
auf den Parallelismus der senkrechten inneren Scapularränder und 
die Haltung der Scapularfläche zu den Rippen, ihr Abgehoben- 
sein oder flaches Aufliegen, je nach einer um die Horizontalaxe 
der Scapulae erfolgten Drehung. — Man besichtigt alsdann die 
beiden Taillendreiecke und achtet sehr genau auf etwaige Asymmetrien, 
welche bedeutsam sind. — Hiemach wird die Stellung der Htift- 
beinkämme beobachtet, etwaigen Verschiebungen des ganzen Beckens 
Yon der Medianlinie ab wird besonders Aufinerksamkeit zuge- 



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Krankheiten des Nervensystems. 321 

wendet. — Nochmals wird die Linie des Processus spinosi berück- 
sichtigt, alsdann die Seitencontouren des Nackens betrachtet (nachdem 
man bei Mädchen das Haar hat hochstecken lassen). — Asym- 
metrien und Weichungen der Nackenlinie, welche von der Schulter- 
höhe zum Processus mastoideus laufen, ergänzen den an den Seiten- 
stücken festgestellten Befund und markiren etwaige Abweichungen 
der Halswirbelsäule (Gegenkrümmungen). Ein Blick noch auf die 
unteren Extremitäten stellt deren Längengleiche dar und wird bei 
irgend auffalligem unterschied durch Messen mit dem Bandmaass 
ergänzt. Es folgt schliesslich die Besichtigung der vorderen Seite 
des Thorax, bei welcher Verschiedenheiten in der Höhe der Brust- 
warzen, Verlauf und Stellung des Brustbeins, Niveauunterschiede 
der Rippenbogen beachtet werde; es wird endlich mit der Besich- 
tigung des Verlaufes der Linea alba des Bauches die Untersuchung 
abgeschlossen. Zur genauen Messung der durch Skoliose bedingten 
Formveränderungen und Abweichungen ist eine grosse Reihe von 
Apparaten construirt worden. — Ueber Gebrauch und Werth der- 
selben geben die orthopädischen Handbücher hinreichend Aufschluss. 
Man wird aber nicht versäumen dürfen, bei festgestellten fehler- 
haften Haltungen und Verbildungen der Wirbelsäule gelegentlich 
die Untersuchung auch an Ursachen nachzuforschen, insbesondere 
auf allgemeine Muskelschlaffheit, Blutarmuth, Parotitis, überstürztes 
Längenwachsthum, Schlaffheit der Gelenke u. s. w. zu achten. 



Krankheiten des Nervensystems. 

Nicht minder häufig, wie die Erkrankungen der Wirbelsäule, 
sind gewisse Erkrankungen des Nervensystems, und zwar sind gerade 
diejenigen Formen, welche wir auf Veränderungen der Centralapparate, 
des Gehirns und Rückenmarks in der Pathologie zu beziehen ge- 
wöhnt sind, dem Schulbesuch zugeschrieben worden. Die Empfind- 
lichkeit und Reizbarkeit des Nervensystems im frühesten Eindes- 
alter ist bekannt. Unbedeutende, von der Peripherie ausgehende 
Reize, welche an Erwachsenen spurlos vorüber gehen, sind im 
Stande, auf dem Wege des Reflexes heftige Gonvulsionen auszulösen; 
ebenso vermögen giftige, im Blut circulirende Körper, schon geringe 
Mengen Alkohol oder narkotische Mittel, auch toxische, Fieber er- 
zeugende imd im Fieberblut anwesende Körper, ebenso die hohe 
Fiebertemperatur an sich, femer beträchtliche Einwirkungen auf das 

Baginsky, Schulhygiene, ü. 3. Aufl, 21 



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322 Krankheiten des Nervensystems. 

Gemüth, wie Furcht und Schreck bei Kindern schwere Nerren- 
erscheinungen und selbst heftige Convulsionen zu erzeugen. Mit dem 
Fortschritt der psychischen Entwickelung mindert sich die Erregbar- 
keit, ohne indess auf den Grad herunterzugehen, wie er bei gesunden 
Erwachsenen vorhanden ist. Aus diesem Verhalten des Gentralnerven- 
systems des Kindes gegenüber dem der Erwachsenen lässt sich a 
priori eine erheblichere Neigung zu Functionsstorungen herleiten, 
und es lässt sich erklären, dass schon anscheinend unbedeutende, aber 
öfters wiederholte Reize der peripheren Nerven, noch mehr aber 
Reizungen der eigentlichen nervösen Centralapparate nicht ohne Be- 
deutung bleiben. Man hat von diesen physiologischen Erfahrungen 
aus mit der Herleitung von Erkrankungen des kindlichen Nerven- 
systems aus den Einflüssen des Schullebens nicht gekargt und in 
bunter Reihe die mannigfachsten Störungen und Anomalien des Nerven- 
systems davon abhängig gemacht. Von den einfachen Fluxionen zum 
Oehim mit dem Symptom des Kopfschmerzes bis zu den ernstesten 
Krankheitsformen, wie Chorea, EpUepsie und den Psychosen, hat 
man eine Kette von nervösen Leiden dem Schulunterricht zuge- 
schrieben. — Unsere Aufgabe ist es, das Wahre vom Falschen zu 
scheiden. 

Hyperämie des Gehirns. 

Man unterscheidet am Oehim, wie an jedem anderen Organe 
des menschlichen Körpers zwei Formen der gesteigerten BlutfÜUe 
(Hyperämie) ; die eine ist bedingt durch gesteigerte Zufuhr und wird 
als activeHyperämie oder Fluxion bezeichnet, die andere durch 
behinderten Rückfluss des Blutes zum Herzen und heisst passive 
Hyperämie. Beide Formen können, wie sich nicht leugnen lässt, 
in Folge des Einflusses derjenigen Bedingungen, welche die Schule 
schafiH;, hervorgerufen werden, und es handelt sich nur darum, ob 
die thatsächlichen Beobachtungen den theoretischen Möglichkeiten 
entsprechen. 

Die active Hyperämie des Gehirns ist, wenn man von 
krankhaften Processen am Herzen und an den Arterien und dem 
Einflüsse gewisser giftig wirkender Substanzen absieht, von der 
Weite der dem Gehirn Blut zuführenden Gefasse, von dem im 
Arteriensysteme herrschenden Blutdruck und von der Zahl der in 
der Minute erfolgenden Pulsschläge abhängig. Die geistige An- 
strengung, welche eine directe Thätigkeit der Gehimsubstanz erheischt, 



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Krankheiten des Nervensystems. 323 

bleibt unzweifelhaft nicht ohne Wirkung auf das Arteriensystem. 
Die Arterien sind bekanntlich mit Nerven versehen, welche im 
Stande sind, die Weite des Lumen zu beeinflussen, dasselbe zu 
vergrössem oder zu vermindern. Aus den Untersuchungen von 
Cl. Bernard über die Durchschneidung des Nervus sympathicus 
am Halse und über die Ausrottung des (Ganglion cervicale supremum 
ergab sich, dass an der durchschnittenen Seite die Temperatur des 
Gehirns zunahm, und Kussmaul wies nach, dass diese Zunahme 
auf einer UeberfQllung der Arterien mit Blut in Folge einer durch 
die Durchschneidung bewirkten Erweiterung derselben beruht. Weitere 
Untersuchungen von Nothnagel über den Verlauf dieser vaso- 
motorischen Nerven führten zu dem Schlüsse, dass dieselben im 
Grenzstrange des Halssympathicus, im Ganglion cervicale supremum, 
und mit Wahrscheinlichkeit auch in den Gehirnnerven verlaufen. 
Jedenfalls muss man annehmen, dass die Gehimthätigkeit von 
wesentlichem Einfluss auf die Function dieser Nerven ist und dass 
dieselbe zu einer Steigerung der Blutzufuhr nach dem Gehirn führt. 
Die passive Hyperämie ist auf der anderen Seite abhängig 
von allen den Einflüssen, welche den Rückfluss des Blutes nach dem 
Herzen behindern; sie wird, wenn man von allen wirklich patho- 
logischen Verhältnissen absieht, zunächst hervorgerufen werden durch 
rein mechanische Hindernisse, welche bewirken, dass das Blut nach 
den Gesetzen der Schwere in dem Gehirn staut, oder durch Behin- 
derung des Abflusses in den grossen rückführenden Blutgefässen, 
wodurch auch dem Rückstrome aus den Eopfvenen ungewöhnliche 
Widerstände gesetzt werden. Wir wissen, dass, wenn wir im Liegen 
den Kopf niedrig hängen haben, die Wangen mit Blut sich füllen, 
dass das Gesicht roth, dunkelroth bis blau wird. Derselbe Vorgang 
findet im Gehirn statt. Wenn der Kopf stark niedergebeugt ist, so 
senkt sich das Blut nach den abhängigen Stellen, der Schwere 
folgend, und so kann denn schon im Sitzen mit stark nieder- 
gebeugtem Kopf eine reiche Füllung der Venen des Schädels mit 
Blut erfolgen. Bekanntlich beugen wir den Kopf zumeist, wenn die 
von uns genau zu besehenden auf dem Tische befindlichen Gegen- 
stände sich in geringer Höhe, ausserhalb der normalen Sehweite 
befinden, so beim Schreiben und Lesen an niedrigen Tischen, femer 
bei ungenügender Beleuchtung der zu sehenden Gegenstände, was 
uns zwingt, mit dem Auge an die Gegenstände näher heranzurücken, 
um die gehörige Lichtmenge zu erhalten. — Eine zweite Form der 
passiven Hyperämie des Gehirns, durch mechanische Behinderung 



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324 Krankheiten des Nervensysiems. 

des ROckflusses zum Herzen, wird am leichtesten erzeugt durch 
Störungen der Respiration. Den tiefen Inspirationen kommt die 
Eigenschaft zu, den negativen Druck im Thorax zu verstärken, 
d. h. die grossen Oefassstamme werden durch Zug erweitert, und 
der Einstrom aus den peripheren Venen nach den grossen Oe&ss- 
stammen und nach dem rechten Herzen wird beschleunigt; dem- 
gemäss muss jede Behinderung der Respiration den Rückfluss des 
Blutes nach dem Herzen hemmen, indem die Widerstände derselben 
mit Abnahme des negativen Druckes im Thorax steigen. Gelegen- 
heit zur verminderten Respiration giebt indess schon, wie Lorinser 
und auch Virchow betonen, die gesteigerte Aufmerksamkeit. Wenn 
wir einem Oegenstande aufmerksam lauschen, so unterbrechen wir 
gern die Respiration, und wenn in längerer geistiger Arbeit die 
Aufinerksamkeit auf einen Gegenstand energisch hin gerichtet wird, 
so respiriren wir flacher, als sonst. Dies muss also eine verminderte 
Entleerung der Venen des Kopfes einleiten. Hält man diesen Vor- 
gang zusanmien mit dem oben angeführten, dass die geistige Arbeit 
zugleich vermittelst der vasomotorischen Nerven die active Fluxion 
von Blut nach dem Gehirn vermehrt, so sehen vnr in dem doppelten 
Mechanismus eine gewisse gefährliche Ursache häufiger cerebraler 
Hyperämien. Es wird nicht allein der Blutzufluss vermehrt, son- 
dern auch der Abfluss vermindert und das Gleichgewicht der Stro- 
mimg in zweifacher Weise beeinflusst. 

Die Behinderung der Respiration erfolgt überdies um so leichter, 
je schwerer die Aufgabe für die inspiratorischen Muskeln ist, je 
grösser die Widerstände sind, welche dieselben zu überwinden haben. 
Zusanunengesunkenes Sitzen behindert die Bewegungen des wichtig- 
sten Inspirationsmuskels, des Zwerchfelles. Die Belastung der 
Schultern mit dem Körpergewicht behindert die dem Thorax zu- 
gehörigen, von oben nach unten gehenden und die Rippen hebenden 
Inspirationsmuskeln; die beiden Momente kommen aber, vne wir 
wissen, häufig vereint vor, wenn wir die Elinder an fehlerhaft con- 
struirten Subsellien oder auf Bänken ohne Rückenlehne sitzen und 
allmählich zusammensinken lassen ; sie kommen um so häufiger ver- 
eint vor, je länger und andauernder die Kinder zu sitzen haben. 
Auf längere 2ieit ausgedehntes, angestrengtes Schreiben und Lesen 
oder Handarbeiten bei Mädchen sind gewiss dazu geeignet, die fehler- 
haften Haltungen zu erzeugen und die beschriebenen Folgen zu Tage 
treten zu lassen. 

So sehen wir denn, wie die Schule allerdings eine Reihe von 



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Krankheiten des Nervensystems. 325 

Momenten in sich birgt, welche Hyperämien des Gehirns erzeugen 
können, und die Frage ist, ob die Praxis die eben ausgeführten Be- 
trachtungen bestätigt und ob die Symptome der Himhyperämien bei 
Kindern häufig zu Tage treten. Die Himhyperämie giebt sich 
durchaus nicht inmier durch auffallende Röthe der Wangen kund; 
im Gegentheil wissen wir aus der Pathologie der Herz- und Nieren- 
krankheiten, dass Patienten, welche augenscheinlich an erschwertem 
Rückfluss des Blutes aus dem Gehirn oder auch an gesteigerter 
Fluxion leiden, oder bei denen beide Processe vereint vorhanden 
sind, wo bei vermehrtem Druck im Arteriensystem, gesteigerter 
Pulszahl und verminderter Athemtiefe Alles dazu angftthan ist, die 
Blutmasse an den peripheren Theilen des Organismus anzuhäufen, 
in der Mehrzahl der Falle zunächst sehr bleich aussehen, und dass 
besondere Umstände und eine erhebliche Schwere der Gesammt- 
erscheinungen zu Tage treten müssen, wenn die gesteigerte BlutfQlle 
der Capillaren und Venen des Gesichts sich durch blaue Färbung 
zu erkennen geben soll; wir wissen ferner, dass Gelehrte bei der 
äussersten geistigen Anstrengung imd mitten in der Arbeit nur 
selten lebhaft rothgefärbte Wangen zeigen, wenigstens nicht leb- 
hafter, als sie dieselben sonst zur Schau tragen; wir können aus 
diesen Erfahrungen schliessen, dass wir die Hyperämie des Gehirns 
nicht nach dem Aussehen erschliessen und beurtheilen dürfen. Wir 
müssen uns also nach anderen Symptomen umsehen und finden hier 
in erster Linie den Kopfschmerz, sodann eine eigenthümliche 
gesteigerte Erregbarkeit des Nervensystems. Leise Ge- 
räusche, welche sonst unbeobachtet bleiben, machen einen energischen 
Eindruck und wirken störend, der Lichtreiz wird unangenehm und 
zuweilen sogar schmerzhaft empfunden, die Psyche wird lebhafter 
und leichter erregt; unbedeutende Erlebnisse machen einen tieferen 
Eindruck und bewirken bei Kindern besonders leicht Verstimmungen, 
welche sich in reizbarem, ärgerlichem und weinerlichem Wesen 
kundgeben. Ln weiteren Verlaufe und bei höheren Graden, nament- 
lich aber bei dauernden Hyperämien ist der Schlaf unruhig, die 
Kinder träumen lebhaft und beschäftigen sich im Schlafe viel mit 
den Erlebnissen und Handlungen des Tages; der Appetit und die 
Verdauung leiden, und bei acuten Steigerungen des Zustandes können 
Erbrechen und sogar Convulsionen ausgelöst werden. Wir skizziren 
hier nur in grossen Zügen und wollen nicht unerwähnt lassen, dass 
eine grosse Reihe der genannten Symptome auch dem Zustande der 
Himanämie zukommen. Gerade bei den passiven Hyperämien des 



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326 Krankheiten des Nervensystems. 

Oehims kann die Drucksteigerung im Yenensystem leicht Trans- 
sudation von Blutserum in die Oehimmasse, ödematöse Schwellung 
derselben mit Compression der Capillaren und kleinsten Arterien 
erzeugen, und auf diesem Wege kann der ursprünglich hyperamische 
Zustand des Gehirns in den umgekehrten, den anämischen sich ver- 
wandeln, in dessen Gefolge wiederum die bekannten von Kussmaul 
und Tenner experimentell erwiesenen Folgen der Himanämie, näm- 
lich Bewusstlosigkeit und Conrulsionen entstehen können« — Die 
Beurtheilung dieser Symptome ist also oft schwierig genug tmd die 
Frage, ob man es mit hyperämischen oder anämischen Zuständen 
des Gehirns su thun habe, oft gar nicht zu entscheiden. — Für 
uns hier genügt indess die Eenntniss des Symptomcomplexes. — 
Wenn wir uns nun in der Praxis nach den einzelnen Symptomen 
umsehen, so finden wir zunächst den Kopfschmerz bei der Schul- 
jugend durchaus nicht selten. Die Klage der Eltern, dass die 
Kinder mit Kopfschmerz aus der Schule kommen, begegnet mir 
selbst überaus häufig. Die Mehrzahl der Schriftsteller, welche über 
die Schule geschrieben haben, berichtet Aehnliches. 

Ich lese in dem verständigen Büchlein des Pastors Becker^), 
dass er von vielen Eltern wisse, „dass es mit Bezug auf Kopfweh 
und andere Uebelkeiten mit den Kindern besser stehe an den Tagen, 
wo die Kinder die Schule nur ein Mal besuchen, entweder am Vor- 
mittage oder Nachmittage *". Specielle Untersuchungen und stati- 
stische Erhebungen liegen von Guillaume*) vor; derselbe berichtet, 
dass er in dem College municipal in Neuenburg unter 350 Knaben 
im Alter von 7 — 16 Jähren 99 gefunden habe, welche an Kopf- 
schmerzen litten, unter 381 Mädchen desselben Alters 197, und 
Guillaume ist bereit, diese Verhältnisse in directeste Beziehung zu 
einer grossen Anspannung des Geistes und so veranlasster Gehim- 
congestion zu stellen. TheodorBecker fand unter 3564 Schülern 
und Schülerinnen sämmtlicher öffentlicher Schulen in Darmstadt 
974 = 27,3 ^/o, welche mehr oder weniger an Kopfweh litten. Davon 
waren die oberen Klassen der Gymnasien mit 80,8 ^o betheiligt. Ein 
Bericht aus der Knabenbürgerschule in Mühlhausen bei Erfurt ent- 
hält die Mittheilung, dass 108 Schüler = 18 ®/o der Gesammtsumme 
an Kopfweh litten. Kotelmann fand, dass von 515 Schülern des 
Johanneums in Hamburg 



') 1. c. p. 12. 
«) 1. 0. p. 75. 



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Krankheiten des Nervensystems. 327 

im Alter von 9—11 Jahren 17,02 > (24 von 141) 

. , , 12-14 , 26,95 . (45 von 167) 

. , , 15—17 „ 29,78 , (42 von 141) 

, , , 18—20 , 50 , (30 von 60) 

an Kopfschmerzen litten, so dass mit den aufsteigenden Stufen der 
Kopfschmerz augenscheinlich zunahm. Schuschny^) fand in den 
vier unteren der von ihm untersuchten Schulklassen 18,4 ®/o an 
Kopfschmerz leidende Kinder. Dieser Procentsatz stieg in den vier 
oberen Klassen auf 46,5 ®/o. — Auch bei den Stockholmer Schul- 
kindern war Kopfschmerz ein häufiges Leiden und bewegte sich mit 
Schwankungen in den einzelnen Schulen und Schulklassen zwischen 
9,6 — 15,3 ^/o, und Schmid-Monnard rechnet den Kopfschmerz zu 
den häufigen Erkrankungsformen der Schulkinder, die sich besonders 
stark (20— 60®/o) bei den Bändern, die Nachmittagsunterricht hatten, 
zeigte, während die vom Nachmittagsunterricht befreiten nur 14®/o 
aufwiesen. — Die Literatur ist allmählich reich geworden an ähn- 
lichen Angaben, da man überall, wo man auf den Gesundheits- 
zustand der Schulkinder achtet, auch, dem Kopfschmerz begegnet. — 
Der Kopfschmerz steht aber als Symptom der Hyperämie des Ge- 
hirns nicht vereinzelt da, sondern es findet sich eine gewisse Reihe 
anderer Symptome bei Schulkindern, welche wohl dazu dienen 
können, das pathologische Bild zu vervollständigen; so hebt Theo- 
dor Becker hervor (p. 31), dass übermässig angestrengte Schüler 
zu gähnen und plötzlich und heftig aufzuathmen beginnen. Das 
Gesicht wird hierbei bleich oder zuweilen auch auffallend roth, und 
Becker erklärt die Erscheinung aus einer Störung des Blutum- 
laufes im Gehirn durch Ueberreizung ; auch Hennig beschreibt 
ähnliche Zustände ; man hat es hierbei augenscheinlich mit Störungen 
der Innervation der vasomotorischen Nerven zu thun, welche von 
dem Gentrum ausgehen, wenn auch der Mechanismus des Vorganges 
in diesem an und für sich noch dunklen physiologischen Gebiet 
nicht vollständig gegeben werden kann. Guillaume berichtet 
ferner, dass er in der Praxis bei 12 — 16jährigen Mädchen bei An- 
fertigung der häuslichen Arbeiten von Blutandrang geröthete Wangen 
beobachtet habe; die Kinder nahmen wenig oder mit Unlust von 
der Abendmahlzeit, waren abgespannt und theilnahmslos an den 
Gesprächen der Familie, schliefen schlecht und bewiesen durch leb- 
haftes Träumen, dass ihr Geist durch zu grosse Thätigkeit aufgeregt 

') Heinrich Schuschny, Ueber die Nervosität der Schuljugend. Jena 1895. 

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328 Krankheiten des Nervenaystemfl. 

gewesen sei. Jedem Praktiker sind solche und ähnliche Zufalle 
hinlänglich bekannt, üeberhaupt ist die Schlaflosigkeit oder 
zum Mindesten unruhiger und gestörter Schlaf eines der bedeut- 
samsten Zeichen der gesteigerten Erregbarkeit des Nervensystems. 
Besonders auffallig ist unruhiges ümherwerfen mit unzusammen- 
hängendem lautem Sprechen auch wohl mit Stöhnen und Zähne- 
knirschen im Schlafe, während das als nächtliches Aufschrecken 
der Sander bezeichnete Symptom der gesteigerten Erregbarkeit des 
Nervensystems im Alter der Schulzeit doch nur selten zur Beob- 
achtung kommt, im Oegentheil in der bezeichneten Altersstufe sich 
zu verlieren scheint, wenn es in den frühesten Lebensjahren bei 
einem Kinde beobachtet worden ist. Schmid-Monnard giebt an, 
dass Eünder, welche keinen Nachmittagsunterricht hatten, in 
höchstens 5^/o Schlaflosigkeit zeigten, während bei den Kindern 
mit nachmittägigem Schulunterricht bis 19 ^/o der Schlaflosen vor- 
kommen. — Vielfach ist das, was unruhig schlafende Kinder im 
Sprechen aus dem Schlafe vorbringen, mit dem Schulleben im Zu- 
sammenhange; dass indess ein Eönd, wie Guillaume erzählt, in 
den Delirien vor dem Tode von Rechnungen und Brüchen phanta- 
sire, muss ich doch als zu den äussersten Seltenheiten gehörend be- 
zeichnen. Alles in Allem kann man, wenn man in den Grenzen 
des sicher Beobachteten bleibt, doch wohl den Schluss ziehen, dass 
die geistige üeberanstrengung , das damit Hand in Hand gehende 
viele Sitzen und wohl auch schlechtes Sitzen, welches der Schul- 
besuch veranlasst, im Stande ist, nervöse Erscheinungen unter dem 
Einflüsse von Hyperämien des Gehirns einzuleiten. Der Schule fällt 
die Aufgabe zu, mit der grössten Sorgfalt auf diese Zustände das 
Augenmerk zu richten und Alles zu verhüten, was sich in ihren 
Einrichtungen als nach dieser Richtung schädlich wirkend erweist. 
Die hygienischen Anordnungen über die Einrichtung des Schul- 
planes, zweckmässige Vertheilung der Unterrichtsfächer und Be- 
schränkung der Schulstunden, über Einschränkung des Nachmittags- 
unterrichts und der häuslichen Arbeiten, finden hier ihre physio- 
logische Begründung. 

Man muss aber betonen, dass es nicht die Interna des Schul- 
unterrichts und die Oeistesanstrengung allein sind, welche Con- 
gestionen nach Kopf und Gehirn der Kinder veranlassen, sondern dass 
es gewisse äussere Schädlichkeiten, die in der Mangelhaftigkeit der 
baulichen Einrichtungen der Schule ihren Grund haben, giebt, die von 
der Schuld, Kopfschmerz und andere vom Nervensystem ausgehende 



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Krankheiten des Nervensystems. 329 

Symptome zu erzeugen, nicht ganz frei zu sprechen sind. Die Be- 
deutung mangelhaft construirter Subsellien ist schon in Erwägung 
gezogen. Ausserdem beeinflusst besonders die Luftyerschlechterung 
das Gehirn. Aus den Untersuchungen über die Luft in Schul- 
r'äumen wissen wir, dass in schlecht ventilirten Schulräumen die 
Athmungsluft durch Exspirationsgase, wie Kohlensäure, gasige Stoffe 
unbekannter (organischer) Zusammensetzung u. s. w. verschlechtert 
ist; wir wissen femer, dass bei fehlerhaft construirten Heizapparaten 
die Verbrennungsgase in den Schulraum eintreten können, dass 
Bodengasexhalationen oder Eloakengaseinströmungen die Luft der 
Schulstube verderben können; wir wissen endlich, dass die fehler- 
hafte Art der Beheizung, bei welcher die oberen Luftschichten be- 
trächtlich höher erwärmt werden, als die unteren, nicht zu den 
Seltenheiten gehört. Alle diese Factoren beeinträchtigen das Gehirn. 
Jedermann kennt die Gefahren der Kohlenoxydintoxication. Kommt 
es auch in der Schule wohl nie zu acuten Intoxicationen, so können 
doch langsame, aber häufige Beeinflussungen des Nervensystems 
durch geringe Mengen von Heizgasen, welche entweder durch die 
Heizapparate direct hindurchdringen oder durch Rückströmung aus 
den Rauchröhren in die Zimmer gelangen, den Kindern schädlich 
werden. Zuweilen haben die Eonder selbst die Wahrnehmung, dass 
giftige Verbrennungsgase in die Klassenzimmer eintreten, und 
machen den Lehrer darauf aufmerksam; häufig wird die Luftver- 
schlechterung übersehen, und die Kinder kommen mit Kopfschmerz 
und üebelkeit nach Hause, ohne den Ghrund der Leiden angeben zu 
können. Die Ueberheizung der oberen Luftschichten ist in Schulen 
sehr häufig ; auch davon ist früher gesprochen worden. Es leuchtet 
ein, dass bei dem Einfluss der Wärme auf den Tonus der Blut- 
gefässe, welcher sich ja bei dem einfachen Experiment kundgiebt, 
dass erwärmte Körpertheile sich rasch röthen, Congestionszustände 
der oberen Theile des Körpers und hier ganz besonders des Kopfes 
nicht ausbleiben können. Wir wollen endlich des allerdings ver- 
einzelt dastehenden Falles gedenken, dass Guillaumein dem Schul- 
hause zu Fontaines bei Kindern und Lehrern vehemente Kopf- 
schmerzen in Folge des Einflusses von Modergeruch auf das Nerven- 
system, entstanden durch Hausschwamm, beobachtet hat; dies mag 
immerhin häufiger vorkommen, als man im Einzelnen nachgewiesen 
hat. Man sieht, dass es der Quellen für eine deletäre Beeinflussung 
des Gehirns im Schulbesuche allerdings nicht wenige giebt, und die 
alltägliche Erfahrung ist damit in Uebereinstimmung. Nur freilich 



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830 Krankheiten des Nervensystems. 

darf man darüber nicht vergessen, dass das Haus hier auch an den 
Schulkindern viel zu verschulden vermag, sei es nun, dass die Kinder 
zu Hause nicht die genügende Ernährung und körperliche Pflege 
finden und durch Nebenbeschäftigungen, die den Kindern den Schlaf 
entziehen, in unangemessener Weise beeinträchtigt werden, oder dass 
übertriebene Weichlichkeit, zu frühes Heranziehen an die Oenüsse 
der Erwachsenen, Besuch der Theater, Concerte und Oesellschaffcen 
und Gebrauch von Alkohol und Tabak, und tausend andere, in einer 
fehlerhaften häuslichen Erziehung gelegene Schädlichkeiten hier mit- 
hineinspielen. Alles dies wird die Kinder entweder direct der 
Nervosität zutreiben, oder sie zum Mindesten dahin disponiren, dass 
auch ein nicht besonders anstrengender Schulunterricht nicht tolerirt 
wird. Endlich wird man, wie ebenfalls nicht übersehen werden 
darf, die Erblichkeitsverhältnisse gerade bei den nervösen Störungen 
mit in Anrechnung bringen müssen. Kinder von nervösen und 
hysterischen Eltern leiden begreiflicherweise leichter unter dem Ein- 
flüsse des Schullebens, als diejenigen gesunder Eltern, welche ein gutes 
Nervensystem in die Schule hineinbringen. Wir werden diesem 
letzteren Momente noch weit grössere Bedeutung bei den in den 
folgenden Abschnitten abzuhandelnden Nervenaffectionen des kind- 
lichen Alters beizumessen haben. — Alles dies kann die Schule von 
der Verschuldung der Erzeugung nervöser üebel bei den Schul- 
kindern bis zu einem gewissen 6rade wohl entlasten, freilich aber 
sie nicht gänzlich davon befreien; vielmehr wird die Schule gerade 
mit den von Hause aus disponirten Kindern besonders vorsichtig 
umzugehen haben. 

Die Therapie der bisher erwähnten Zustände liegt, soweit sie 
uns hier angeht, in der einfachen Vermeidung der Ursachen, d. i. in 
der Aufbesserung der hygienischen Verhältnisse der Schule nach 
den früher entwickelten Principien. 

Geisteskrankheiten, Psychopathien, Hysterie, cerebrale 
Neurasthenie. 

Wenige Fragen auf dem Gebiete der Schulhygiene stehen so 
im Vordergrunde der J)iscussion, wie diejenige, dass die Schule 
durch geistige Ueberbürdung der Schulkinder Geisteskrankheiten und 
verwandte psychische und neurotische Störungen zu erzeugen ver- 
möge. — Man ist gerade deshalb in unserer Zeit auf diese Frage 
so aufmerksam geworden, weil man geneigt ist, die Erscheinungen 



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Geisteskrankheiten. 331 

allgemeiner Nervosität, die sich bei Erwachsenen kund geben, auf 
die ersten im Schulleben gelegten Anfänge zurückzuführen, und so 
hat es an Anklagen gegenüber der Schule nicht gefehlt. Wir haben 
oben, gelegentlich der Erörterung über die „Ueberbürdung'* die 
Frage schon gestreift. Die Studien von Kraepelin, Griesbach, 
Eemsies u. A. haben in der jüngsten Zeit ebenso dazu beigetragen, 
die Frage wach zu halten, wie auch ganz besonders die auf die 
Psychopathien der Kinder hinzielenden Arbeiten der modernen Päda- 
gogen. Es darf hier nur auf die höchst wichtigen und bedeutsamen 
Arbeiten von Strümpell ^), Hofer, Trüper *) u. v. A. und auf die 
Verhandlungen der Pädagogenvereine hingewiesen werden. So sehr 
auch alle diese Studien augenscheinlich erst die Anfänge eines hoch- 
wichtigen und weiten Gebietes eröffnen, so geben sie immerhin schon 
jetzt die Richtung an die Hand, nach welcher weiterhin auf dem 
Gebiete wird zu forschen sein; insbesondere sind die von den 
erfahrenen Pädagogen angebahnten Studien zur Psychologie des 
Kindes wohl dazu angethan, die Frage der Psychopathien im Schul- 
alter nach der ätiologischen Seite hin zu klären. — Die Anklage, 
dass die Schule und der Unterricht durch üeberanstrengung psycho- 
pathische Zustände zu erzeugen vermögen, ist insbesondere von Hasse 
und Snell erhoben worden, allerdings nicht ohne Widerspruch und 
eingehende Widerlegung von Irrenärzten; und wie die darauf folgen- 
den seitens des damaligen preussischen Cultusministers v. Putt- 
kamer angestellten Ermittelungen ergaben, ist die erhobene An- 
klage zum Mindesten als nicht fest begründet zu erachten. Schon 
in früherer Zeit hatten Güntz und Kelp auf das Vorkommen von 
Geisteskrankheiten bei Schulkindern hingewiesen, ohne im Stande 
zu sein, den thatsächlichen Einfluss der Schule als ätiologischen 
Factor zu erweisen. Später berichtete iHasse über 9 Fälle von 
Geisteskrankheiten bei Schülern höherer Lehranstalten, welche ihm 
im Verlaufe von 1^« Jahren zur Beobachtung kamen, darunter 
2 Mädchen im Alter von 14 und 16 Jahren. Die Symptome der 
Affectionen waren zumeist Kopfschmerzen, Hallucinationen , melan- 
cholische Verstimmung oder Aufregungszustände mit heissem Kopf, 
Hyperästhesie, Ideenflucht, Angstgefühle mit Herzklopfen. Aehn- 
liche Fälle (3) beschreiben Snell (im Alter von 19, 18 und 17 Jahren) 

*) Ludwig Strümpell, Pädagogische Pathologie. 3. Aufl. Von Dr. 
Alfred Spitzner. Leipzig 1899. 

*) Trttper, Die Kinderfehler. Zeitschr. f. pädagogische Pathologie und 
Therapie. Langensalza. Bei Hermann Beyer und Söhne. Die ersten 4 Jahr- 
gänge. 



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332 Qeisteskrankheiten. 

und Möller (15, 12, 8 Jahre). Auch Finkeinburg berichtet über 
12 ähnliche Fälle, welche ihm unter ca. 1100 Geisteskranken zur 
Beobachtung gekommen waren. 

Seither existiren über die Geisteskrankheiten, Hysterie und neur- 
asthenische Zustande der Kinder in der frühen Lebensperiode und 
im Schulalter sehr eingehende Arbeiten, auf welche wir hier aller- 
dings nur verweisen können; es darf an Emminghaus\ Sachs\ 
Koches zusammenfassende und umfangreiche Darstellungen, wie 
an die speciellen Abhandlungen von Zit, Scherpf, Conrads, 
Tremoth, Jolly u. A. erinnert werden; ich habe überdiess in 
meinem Lehrbuche der Kinderkrankheiten die einschlägigen Ver- 
hältnisse hinreichend zur Darstellung gebracht und darf auch auf 
diese verweisen. — 

Im Ganzen sind Geisteskrankheiten im kindlichen Alter kein 
häufiges Begegniss. Nach der, im Anschlüsse an Oldendorffs 
Statistik der Geisteskrankheiten, von Conrads gegebenen Zusammen- 
fassung erkranken Erwachsenere von 15 — 18^2 Jahren häufiger an 
Psychosen als Kinder bis zu 15 Jahren; indess wächst die Neigung zu 
Geisteskrankheiten mit fortschreitendem kindlichem Alter sehr rasch, so 
dass, wenn im Alter von — 5 Jahren auf 10000 der entsprechenden 
Altersklassen in 13 deutschen Staaten 0,18 kommen, im Alter von 6 
bis 10 Jahren bereits 0,69 und im Alter von 11 — 15 Jahren 1,46 ent- 
fallen. Auch aus den dem Minister v. Puttkamer zugestellten Be- 
richten ging hervor, dass in den meisten Irrenanstalten die Zahl der 
aufgenommenen geisteskranken Gymnasiasten relativ sehr gering war, 
so in einer Anstalt unter 2397 männlichen Personen 13 Gymnasiasten 
und Studenten, wovon wieder 7 erblich belastet waren, während bei 
einem geschlechtliche Excesse als Grund der Erkrankimg angegeben 
wurden; in einer andern Anstalt in 35 Jahren 2 Gymnasiasten, beide 
wegen Mhzeitiger geschlechtlicher Excesse, und von den Vorstehern 
einzelner Irrenanstalten wird sogar darauf hingewiesen, dass im Ver- 
hältniss zu anderen Berufskreisen in den gleichen Altersstufen die 
Schüler der höheren Schulen sogar auffallend wenige Geisteskranke 
aufweisen. Leppmann kommt aus den Beobachtungen der Irren- 
station des Allerheiligenhospitals in Breslau zu dem Schlüsse, dass 
gerade die Schüler der höheren Lehranstalten äusserst selten an 
Geisteskrankheiten erkranken, so dass auf etwa 5000 Kinder, von 
denen ca. 900 die oberen Klassen besuchen, kaum alle 2 Jahre 1 Fall 
in die Irrenanstalt überwiesen werde. — 

Soweit also das thatsächliche Material. Sieht man sich auf 



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Geisteskrankheiten. 333 

dem Gebiete weiter um, so erkennt man, dass alle bei erwachsenen 
Personen vorkommenden psychischen Erkrankungsformen auch bei 
Kindern beobachtet werden, und abgesehen von einigen, dem Alter 
der Erwachsenen naturgemäss häufiger eigenthümlichen ätiologischen 
Factoren, wie beispielsweise wüste Lebensgewohnheiten und Trunk- 
sucht, sind auch bei den Psychosen der Kinder nahezu die gleichen 
Ursachen wirksam wie bei Erwachsenen. Freilich treten hier 
wieder manche Ursachen mehr in den Vordergrund als bei Er- 
wachsenen. In der vortrefflichen Studie von Emminghaus werden 
unter den Ursachen geistiger Anomalien des kindlichen Alters zu- 
nächst ererbte und angeborene Disposition, mit den Zeichen der 
Degeneration erwähnt, sodann aber somatische Ursachen, wie körper- 
liche Verletzungen des Gehirns und des Nervensystems oder anderer 
wichtiger Organe, Infectionskrankheiten, schliesslich aber auch psy- 
chische Alterationen, wie Schreck, Furcht, Oram und fehlerhafte 
Erziehungsmäassregeln. Sie alle müssen in dem Einzelfalle ana- 
mnestisch berücksichtigt und erwogen werden, wenn man die Werthig- 
keit des eigentlichen Unterrichts und des Schuleinflusses auf die Ent- 
stehung der Geisteskrankheiten abwägen und entscheiden will. Schon 
bei Griesinger finden wir als Ursachen der psychischen Störungen 
bei Kindern (1. c. p. 161) neben direct ererbten, somatischen und 
psychischen Dispositionen auch die eigentlichen Erziehungsfehler 
verwerthet. „Die eigentlichen Erziehungsfehler,'' heisst es, „be- 
treffen einmal die allzufrühe intellectuelle Anstrengung, bei welcher 
mit Präcocität aller geistigen Processe die gesunde körperliche Ent- 
wickelung gehenmit, das Gehirn gereizt und der Keim späterer 
Kränklichkeit gelegt wird. Noch wichtiger aber sind ungünstige 
und verkehrte Einflüsse auf die Empfindungsweise und Willens- 
richtung des Kindes. So giebt es Fälle, wo durch Härte, durch 
kaltes, abstossendes Verhalten der Eltern zu den Kindern, durch 
anhaltende Kränkung, Demüthigung und Gemüthsmisshandlung die 
Entwickelung der natürlichen wohlwollenden Neigung gehemmt und 
die zartere Empfijidung unterdrückt wird. Damit wird schon früh 
ein schmerzlicher Widerspruch mit der Aussenwelt in das Individuum 
gesetzt." Weiterhin beschuldigt Griesinger aber als einen wesent- 
lichen Factor die allzugrosse Nachgiebigkeit der Eltern, welche 
Zügellosigkeit der Leidenschaften bei den Kindern anbahnt. Als 
ein anderes wichtiges causales Moment werden sexuelle Excesse der 
Kinder, die Onanie, welche an und für sich sowohl durch die Säfte- 
verluste den gesammten Organismus schwächt, durch die häufige 



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334 Geisteskrankheiten. 

Erregung des GeDtralnervensystems dasselbe direct angreift, und 
endlich, was Griesinger besonders betont, durch die Seelenkämpfe 
«gegen einen Trieb, der schon übermächtig geworden, jenes stete 
Unterliegen, jenen Zwiespalt zwischen Scham, Reue und gutem Vor- 
satz* besonders nachtheilig auf die Psyche wirkt. Endlich bezeichnet 
Griesinger Kopfverletzungen, wie solche durch die Ungezogen- 
heiten der Schuljugend, Balgen, Umherstossen, oder auch durch Fall 
beim Turnen hervorgebracht werden, als Ursachen der Störung der 
psychischen Functionen. Man kann nicht leugnen, dass die von dem 
grossen Irrenarzte aufgeführten ursächlichen Momente auch in der 
Schule vielfach zusammentreflFen; es muss aber doch ausdrücklich be- 
tont werden, was auch aus Gri e singe r's Worten deutlich ersichtlich 
ist, dass der Löwenantheil der ursächlichen Momente der Familie 
zufallt. Als der wichtigste Factor wirkt doch die Erblichkeit, und 
selbst die von aussen hinzugefügten Momente, die geistige Ueber- 
anspannung und die gänzlich fehlerhafte Form der* Behandlung, 
welche entweder durch den allzu schweren Druck oder durch allzu 
grosse Nachsicht ihr Ziel verfehlt, gehen vielfach von der Familie aus. 
Freilich können und wollen wir die Schule nicht gänzlich frei- 
sprechen, wenigstens nach der Richtung hin nicht, dass sie auf die 
krankhaften Dispositionen der Kinder nicht hinlänglich Rücksicht 
nimmt imd vielfach unerbittlich und schematisch in fehlerhaftem 
Gleichmaass alle ihre Ziele verfolgt. Die Schule kann, wie von 
den besten Pädagogen der jüngsten Zeit ausgeführt wird, sehr viel 
dazu beitragen, krankhafte, nervöse Anlagen der Kinder zu be- 
seitigen, die Kinderfehler, welche die Kinder von Hause aus in die 
Schule mitbringen, durch geeignete psychisch-pädagogische Methoden 
im Unterricht auszumerzen. Sie kann aber auf der anderen Seite, 
sei es durch rücksichtslose geistige Ueberanspannimg der Gefährdeten, 
oder auch durch unkluge und unrichtige psychische und moralische 
Behandlung derselben die angeborenen oder durch accidentelle Ur- 
sachen, wie vorangegangene Krankeiten, Traumen u. s. w. erzeugte 
Disposition bis zum definitiven Ausbruch der Krankheit steigern. — 
Dessen müssen sich die Lehrer bewusst sein, und deshalb ist denselben 
ein sorgsames Sichbefassen mit der Psychologie und der psycho- 
logischen Pathologie des kindlichen Alters gar nicht genug ernst 
ans Herz zu legen. — Wir können an dieser Stelle nicht auf die 
einzelnen Formen der kindlichen Psychopathien detaillirt eingehen 
und verweisen deshalb auf die schon erwähnten Abhandlungen von 
Koch, Emminghaus und Strümpell, wo der Pädagoge ebenso 



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Geisteskrankheiten. 335 

wie der Arzt eingehende Belehrung über das ganze Material findet. 
Nur Einzelnes möge noch besonders erwähnt werden. Emming- 
haus giebt unter der Bezeichnung der Neurasthenia cerebralis die 
Schilderung einer psychopathischen Erkrankung der Kinder, die er 
als sich ,am häufigsten in Folge geistiger Anstrengung bei neuro- 
pathisch belasteten Kindern sich entwickelnd*^ bezeichnet. Ihre Syip- 
ptome sind verändertes psychisches Verhalten der Kinder, Unaufmerk- 
samkeit, melancholische Verstimmung, Schlaflosigkeit und Träumen, 
Unruhe, Kopfschmerz und im Ganzen gesteigerte Erregbarkeit, dabei 
Appetitlosigkeit, Stuhlverstopfung und Abmagerung. — Man wird 
unschwer zum Mindesten die Anfänge zu dieser Krankheitsform 
schon bei den von uns als allgemeine Ernährungsstörungen be- 
zeichneten und beschriebenen Anomalie erkannt haben, und man 
sieht, wie so die somatischen und psychischen Störungen bei den in 
der Entwicklung begriffenen kindlichen Organismen leicht ineinander 
übergehen. — Bemerkenswerth ist allerdings, dass auch eigenartige 
körperliche Zustände, wie Erkrankungen des Nasenrachenraumes 
(adenoide Wucherungen), Schwerhörigkeit, Masturbation zu diesen 
psychischen Anomalien in Beziehung stehen können. — • Von be- 
sonderer Bedeutung sind femer die Gemüthsentartungen der Ejnder, 
die auch als moralisches Irresein (Moral Insanity) bezeichnet werden 
und jene imglücklichen Kinder umfassen, welche gleichsam auf der 
niedrigsten Stufe sittlicher Anlage, egoistischer Triebe, verharren, 
mit derselben der dem normalen Kinde gegebenen Gutmüthigkeit ent- 
behren, und so zu minderwerthigen, selbst gefährlichen, mit dem Sinn 
zum Bösen und Schlechten ausgestatteten Individuen sich entwickeln. 
Zumeist sind diese Kinder erblich belastet und unter allen Umständen 
als Kranke zu beurtheilen und zu behandeln ; sie müssen mehr Gegen- 
stand milder Beurtheilung und vorsichtiger liebevoller und päda- 
gogischer Führung als strenger Zucht und Strafe sein. Auch diesen 
Kindern gegenüber wird eingehendes psychologisches Studium den 
Lehrern die richtigen Maassnahmen an die Hand geben. Vielfach 
vermag man von der psychischen Seite her durch gutes Wort und 
Beispiel der Schule den Kindern zu Hilfe zu kommen. Es ist früher 
schon der Selbstmorde der Kinder gedacht, und auf die psychi- 
schen Anomalien, welche hier mitspielen, hingewiesen worden. 
Die Schule muss sich dem einzelnen Kinde gegenüber durchaus von 
Einwirkungen freihalten, welche jene zum Selbstmord führenden Affecte 
steigern, und vermag bei richtigem Verständniss für die kindlichen 
Seelenvorgänge hier Gutes zu wirken, um selbst solche Schäden, 



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336 Geisteskrankheiten — Hysterie. 

welche aus dem häuslichen Leben der Kinder und yielleicht gar aus 
der Familienbelastung hervorgegangen sind, zu beseitigen. 

Dem Gebiete der psychischen Erkrankungen reiht sich über- 
dies die Hysterie an, welche bei Kindern keineswegs zu den Selten- 
heiten gehört und mit den mannigfachen dieser Erkrankung eigen- 
thümlichen Erscheinungen bei denselben zum Vorschein kommt. 
Dieselbe findet in fast allen pädiatrischen Handbüchern eingehende 
Würdigung und Darstellung und ist insbesondere von Henoch^) 
und Jolly mit interessanten Einzelheiten dargestellt worden, und auch 
in meinem Lehrbuche der Kinderkrankheiten ') war ich bemüht, die 
Affection nach eigenen Erfahrungen möglichst sorgfältig zu skizziren. 
Auch die Hysterie ist eine meist bei von der elterlichen Seite her 
belasteten Kindern zu beobachtende Aifection, welche allerdings unter 
dem Einfluss gleichzeitig wirkender allgemeiner Kränklichkeit oder 
geistiger Erschöpfungszustände am ehesten zum Vorschein kommt. 
Fehlerhafte Erziehung im Hause, Verweichlichung und hässliches Bei- 
spiel thun ein Uebriges, insbesondere wenn die geschlechtliche Sphäre 
in den Jahren der Entwickelung beim weiblichen Kinde eine gewisse 
Erregbarkeit schafil. — Was für die Schule von Interesse und Be- 
deutung ist, sind die in der Literatur vielfach erwähnten, epidemisch 
auftretenden Zitter- oder Krampfformen, welche man früher vielfach 
falschlich mit dem Namen des Veitstanzes bezeichnet hat. Von älteren 
Publicationen absehend, kann man hier auf die von Wich mann, 
Laquer, Rieger und Palmers, Hirt, Aemmer^) u. A. be- 
schriebenen Schulepidemien hinweisen. — Aemmer rechnet zu den 
wichtigsten prädisponirenden Momenten der bei 62 Mädchen einer 
Schule beobachteten Zitterkrämpfe die Anämie und die schlechten 
Emährungsverhältnisse der Kinder, wobei allerdings gewisse körper- 
liche Anstrengungen wie Turnen, Schreiben, Zeichnen und Hand- 
arbeiten als auslösende Ursachen zur Wirkung kamen. Auf der 
anderen Seite lehnt derselbe gerade die von anderer Seite bei ähn- 
lichen Beobachtungen als besonders wichtiges ätiologisches Moment 
erwähnte Ueberanstrengung in der Schule und durch Hausaufgaben 
für die von ihm beobachteten erkrankten Schulkinder ab. Viel- 



^)£. Henoch, Vorlesungen über Einderkrankheiten. Bei Hirschwald. 
Berlin. 

Jolly, Hysterie bei Kindern. Berliner klin. Wochenschr. 1892. Nr. 84. 

^) Baginsky, Lehrbuch der Einderkrankheiten. 6. Aufl. p. 600. Bei 
Wreden. Braunschweig. 

*) Fritz Aemmer, Eine Schulepidemie von Tremor hystericus. Inaug.- 
Dissertation. Basel 1893. S. auch dort die Literaturangabe p. 5. 



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Geisteskrankheiten — Hysterie. 337 

mehr ist es der, bei den an sich theilweise belasteten, theil weise 
krankhaft erregten Schulkindern, stark zu Tage getretene Nach- 
ahmungstrieb (Imitation), der nach einmal gegebenem Anstoss durch 
die zufällige Erkrankung eines Kindes sich zur Geltung brachte. — 
Auch gegenüber dieser Art von Affectionen wird die Schule bei 
sorgsamer pädagogischer Leitung des Unterrichts und der Erziehung 
im Ganzen eher heilend als schädigend einzutreten vermögen, während 
auf der anderen Seite, wie nicht abzuleugnen ist, fehlerhafte Schul- 
einrichtungen und fehlerhafter Betrieb des Unterrichts zu den von 
Hause mitgebrachten psychischen Anomalien dann sich hinzufügen 
und den Ausbruch hysterischer Attaquen befördern können. Unbe- 
rechtigt strenge Behandlung, Verletzung des Ehrgefühls, Strafan- 
drohungen mit der Erweckung von Angstgefühlen und andere in 
einer verfehlten Pädagogik liegende schädigende Momente können 
bei den disponirten und belasteten Kindern schlimme, für das ganze 
Leben der Kinder bedeutsame Folgen haben. 

Chorea — Teitstanz. 

Bei den nahen Beziehungen von Chorea (Veitstanz) zu Geistes- 
krankheiten ^) gilt das Meiste , was über die Geisteskrankheiten ge- 
sagt ist, auch von der Chorea. Der Veitstanz ist bekanntlich 
eine Krankheit, welche sich durch eine Reihe von seltsamen Mitbe- 
wegungen an den verschiedenen Körpertheilen kund giebt, wodurch 
die eigentlich gewollten Bewegungen entweder übertrieben oder 
gehindert wefden. Die Kranken verziehen das Gesicht, zucken mit 
den Schultern, schleudern mit Händen und Füssen, sind unfähig, ge- 
wisse freiere Bewegungen auszuführen, Gegenstände festzuhalten u.s. w. 
und machen durch ihre eigenthümliche Erscheinung einen nahezu 
komischen Eindruck. Gewöhnlich beginnt das Leiden in den Muskeln 
der einen imd zwar vorzugsweise der rechten Seite, und verbreitet 
sich erst später und im weiteren Verlaufe auf beide Körperhälften. 
Die Muskeln des Gesichts zeigen das fehlerhafte Muskelspiel häufig 
zuerst, später die oberen und unteren Extremitäten. Zumeist sind 
die motorischen Nerven nicht allein erkrankt, sondern auch die 
sensiblen Nerven leiden. Kopfschmerzen, schmerzhafte Empfindungen 
in den Gliedern sind häufig vorhanden und selbst die den sensiblen 
Neurosen eigenthümlichen Valleix^schen Druckpunkte sind an Chorea- 



^) S. über dieselben Jouraal fQr Kinderkrankheiten. 1860. p. 447 und 
ibidem 1861. p. 127. 

Baginsky, SchuUiygiene. II. 8. Aufl. 22 



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338 Chorea — Veitetanz. 

kranken aufgefunden worden ^). Mit fortschreitendem IJebel leidet, 
wenngleich vorübergehend, auch die Psyche der Kinder; das 6e- 
dachtniss und Fassungsremiögen der Kinder liegt darnieder, die 
Sprache wird schlecht und allmählich völlig unverstandlich. Die 
Stimmung der Kinder ist zunächst ausserordentlich verändert; die* 
selben sind weinerlich und f&hlen sich sehr unglficklich. Bei den 
schwersten Fällen treten unter dem Einfluss der schweren steten 
Muskelaction Erschöpfungszustände mit auffallender geistiger, bis an 
die Verblödung heranreichender Störung ein, die allerdings immer 
wieder vorübergehen und in völliger Restitution ausgehen. Selbst 
aber bei den leichteren Affectionen sind die Kinder welk, bleich, ihr 
Appetit liegt darnieder und sie sind nicht so munter und rege, wie 
andere Kinder gleichen Alters. Fast alle Autoren stimmen darin 
überein, dass Mädchen weitaus häufiger erkranken als Knaben; so 
giebt Gerhardt an, dass unter 30 Kranken 20 Mädchen, 10 Knaben 
waren, Smith fand das Verhältniss von Knaben zu Mädchen 
466:1005 = 1:2,15, West giebt an, dass unter 775 Kranken 
499 Mädchen waren, gleich 64®/^. — Was das Alter betriflPl, so be- 
fanden sich nach der Zusammenstellung von Smith unter 6 Jahren 
bei Hillier 81, Rufz 10, S^e 28 Kranke, über 6 Jahren bei 
S^e 503, zwischen 9 und 10 Jahren bei Hillier 237, Rufz 61, 
bei Smith selbst 26, von 10—15 Jahren bei Hillier 106, Rufz 108 
und Smith 16. Von den von mir selbst in den letzten Jahren be- 
obachteten 68 Kranken standen 41 im Alter von 4 — 10 Jahren, 25 im 
Alter von 10 — 14 Jahren; 18 von den Kindern waren Knaben, 
50 Mädchen. Man erkennt deutlich, dass das Alter der Schulzeit 
beträchtlich betheiligt ist, und Smith bemerkt, dass das PrävaL'ren 
der Mädchen in dem Alter über 10 Jahren auf den Einfluss sexueller 
Verhältnisse hinweise. — Es kann nicht unsere Absicht sein, hier 
eingehend die noch immer dunkle Aetiologie der Chorea zu erörtern. 
Es mag genügen, nur diejenigen Momente hervorzuheben, welche 
dazu dienen, über das Verhältniss des Schulbesuches zu der Krank- 
heit einiges Licht zu verbreiten. Wichtig ist vor Allem der nahezu 
sicher gestellte Zusammenhang von rheumatischer Erkrankung der 
Gelenke, Muskeln und des Herzens mit Chorea. S^e fand, dass 
unter 128 Fällen von Chorea 61 mit rheumatischen Entzündungen 
oder rheumatischen Schmerzen zusammentrafen, und er betont dieses 
Zusammentreffen als ein um so wichtigeres Ereigniss, als von 



*)Virchow-Hir8ch, Jahresbericht 1869, Bd. II, p. 30. 

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Chorea — Veitstanz. 339 

11,500 Kindern, welche in 4 Jahren im Einderhospital in Paris 
aufgenommen worden waren, nur 48 an einfachen Rheumatismen, 
dagegen 61 an Rheumatismus mit Chorea erkrankt waren. Steiner 
beschreibt eine kleine Epidemie von 19 Ghoreakranken , welche 
er im Jahre 1870 in Prag beobachtet hat, und bezieht, indem er 
eine gewisse Disposition zu der Erkrankung bei den Kindern aller- 
dings Yorraussetzt , die Erkrankungsfalle auf rheumatische Einflüsse 
des ungewöhnlich strengen und in den Temperaturgraden oft und 
rasch wechselnden Winters. Die erkrankten Kinder standen im 
Alter von 5 — 13 Jahren; 4 waren 16 Jahr alt. Am energischsten 
betont Roger den Zusammenhang der Krankheit mit Rheumatismus 
und rheumatischen Herzaffectioneu; so dass er die drei Krankheits- 
formen, als definitiv ätiologisch zu einander gehörig betrachtet, so 
zwar, dass Chorea und Rheumatismus im Verlaufe derselben Krank- 
heit einander abwechseln und gleichsam ergänzen können. Auf 
diesem Boden konnte einer Reihe von Anschauungen, welche sich 
auf die immerhin selten vorkommenden Sectionsbefunde stützten, 
die Möglichkeit der Existenz und der Berechtigung gewährt werden. 
Die Beobachtung der häufigen Erkrankung der Semilunarklappen, 
die Bildung von Unebenheiten, frischen Wucherungen und Gerinn- 
seln bei frischer Endocarditis an denselben, liess von vornherein die 
Möglichkeit embolischer Processe im Laufe des arteriellen Blutstromes 
zu; so erklärte denn Hughlings Jackson die Chorea aus Embolie 
der kleinen Gefasse der Corpora striata und des Thalami optici^ 
ebenso Broadbent, Ogle, Rüssel und Reynold, und Angel 
Money^) glaubte durch Einführung kleinster Körperchen in die 
Blutbahn und Erzeugung embolischer Verstopfungen von Hirn- 
gefässen echte Chorea erzeugt zu haben. Broadbent kam im 
weiteren Verlaufe der Beobachtungen dazu, den ganzen Symptomen- 
complex als eine Art von Delirium der genannten grossen Hirn- 
ganglien aufzufassen, hervorgegangen aus einer Schwächung der 
Function derselben durch die genannten anatomischen Veränderungen, 
welche nicht beträchtlich genug sind, um die Ganglien direct zu 
zerstören. Die Folge dieser Schwächung soll das Fehlen der Controle 
über den motorischen Apparat sein, ganz ähnlich, wie beim eigent- 
lichen Delirium die Controle über die geistigen Processe abhanden 
gekommen ist. Je nach der Ausdehnung der stattgehabten Embolie 
erreicht denn auch die Chorea verschiedene Grade und Dauer und 



^) Angel Money, Lancet 1845. 

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340 Chorea — Yeitstanx. 

verbindet sich in excessiven Fällen, wenn nicht vollständige Hemi- 
plegie eintritt, mit Delirium und Manie. Dieser Aoffassmig könnte 
noch eine Unterstützung gegeben werden durch die neuerdings sich 
mehr und mehr bahnbrechende, auf einzelne Befunde sich stützende 
Anschauung, dass bei den rheumatischen Affectionen und mit ihnen 
bei Chorea ein infectidses Agens, eine Microbe, als Krankheitserreger 
wirke, der ebenso wie die Gelenke auch die Gentralnenrenapparate 
in einen gewissen Zustand entzündlicher Reizung versetze. Noch 
ist hier vieles sehr zweifelhaft; augenscheinlich erklärt aber diese 
auf pathologisch-anatomische Veränderungen und auf infectiöse Vor- 
gänge sich stützende Erklärung andere FäUe von Chorea nicht, bei 
welchen entweder Rheumatismus und Herzkrankheit nicht beobachtet 
worden sind, oder welche, worauf wir noch sogleich zu sprechen 
konunen, durch Schreck, Furcht, hefldgen Schmerz, oder durch Reflex 
von den Digestionsorganen zu Stande kommen, und für diese Fälle 
glaubt Broadbent, den vasomotorischen Nerven eine hervorragende 
Rolle zutheilen zu müssen. Die Prädisposition der Kinder für die 
Chorea erklärt er aus der grösseren Thätigkeit der genannten sen- 
sorisch-motorischen Ganglien in diesem Alter, wo erst die Erziehung 
der Gliedmaassen zu Association und Coordination der Bewegungen 
vor sich geht. Es beruht auf unzweifelhaften Beobachtungen, dass 
plötzliche Erregungen des Gemüthes, wie Schreck, Furcht oder hef- 
tiger Schmerz Erkrankungen an Chorea zur Folge haben. George 
Gerhardt berichtet, dass bei 7 von 30 Fällen Furcht, bei 4 hef- 
tiger Schmerz als Ursachen der Entstehung aufgeführt werden können; 
auch Gerhardt und Hasse lassen in ihren Lehrbüchern die ge- 
nannten Ursachen unbedingt gelten, und Hasse erklärt es für über- 
triebene Skepsis, dieselben leugnen zu wollen. Gerhardt glaubt 
für diese sog. cerebralen Fälle capilläre Extravasationen in der Nähe 
der grossen Gehimganglien als anatomische Ursache annehmen zu 
können, und Smith kommt für dieselben zu derselben Erklärung. 
In der weitaus grösseren Mehrzahl der Fälle geht das Chtnze glück- 
lich ab und es kommt nicht zu schweren Läsionen derselben, son- 
dern nur zu leichteren molekularen Veränderungen oder zu Gefass- 
erweiterungen und leichteren Ernährungsstörungen. Lidess sind 
vereinzelt schwere Läsionen der Centra bei der Chorea erwiesen; 
so hat Meynert in dem einen Falle einer in 3 Wochen tödtlich 
verlaufenen Chorea eines 16jährigen Mädchens Theilungen und 
Trübimgen der Ganglienzellen erwiesen, also einen Process, welcher 
zweifelsohne den entzündlichen sich anreiht; ebenso hat Golgi in 



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Chorea — Veitstanz. 341 

einem Falle von 16 Jahre andauernder Chorea mit Geistesstörung 
neben anderen schweren Veränderungen der Gehirnhäute und Him- 
ventrikel eine interstitielle Encephalitis in der Rinde der Stirn- und 
Scheitelwindimg des Gehirns und der Corpora striata nachgewiesen. — 
Allerdings sind diese tödtlichen Fälle reiner Chorea selten und aus 
diesem Ghrunde auch die anatomischen Thatsachen noch nicht von 
derjenigen Tragweite, welche man ihnen sonst beilegen möchte. 
Dass geistige IJeberanstrengung direct Chorea veranlassen könne, 
wird wissenschaftlich nur selten behauptet, noch seltener erwiesen. 
George Gerhardt führt an, dass 3 seiner Falle von geistiger 
Anstrengung verursacht seien, Hasse leugnet diese Ursache, indem 
er meint, dass man sonst die Chorea in Pensionen und Schulen 
der Neuzeit imgleich häufiger finden müsse, als es in Wahrheit 
der Fall ist. — ■ Nicht so glaubhaft, wie man wohl früher annahm, 
ist das Vorkommen der Chorea durch Nachahmung. Die mit so 
reichem Material versehenen Autoren Rilliet imd Barthez haben 
niemals einen Fall durch Imitation entstehen sehen. Hasse giebt 
zu, dass die Falle selten seien, dass namentlich zuverlässige Beobach- 
tungen nicht zahlreich vorliegen. Steiner erwähnt eine Chorea- 
epidemie, welche Br ich e- Jean im Höpital Necker durch Imi- 
tation hat entstehen sehen, andere in einem Dorfe Tirols und in 
einigen Mädchenpensionaten; Gerhardt giebt die Möglichkeit des 
Entstehens durch Imitation zu, ebenso Finkeinburg ^), welcher sich 
auf die schon von J. Peter Frank beschriebenen Falle bezieht. 
Auf der anderen Seite geht aus der einschlägigen literarischen Zu- 
sammenstellung von Aemmer hervor, dass die Mehrzahl der Autoren 
das Entstehen von Chorea aus Imitation ableugnet. Ich selbst habe^ 
wiewohl die Choreakranken stets mit anderen Kranken in den Sälen 
meines Hospitals lagen, niemals auch nur die geringste Andeutung der 
Verbreitung der Krankheit durch Imitation, also einer Art psychischer 
Infection, gesehen, und es ist mit höchster Wahrscheinlichkeit aus- 
zusprechen, dass die bei älteren Autoren erwähnten angeblich durch 
Imitation vorbereiteten Choreaepidemien gar keine Chorea, sondern 
hysterische Affectionen der Kinder gewesen seien. Wir haben ge- 
legentlich der Psychosen im voranstehenden Abschnitt auf dieses 
Verhältniss zur Genüge hingewiesen. — Einig sind dagegen fast 
alle Autoren darin, dass gewisse Anomalien der Ernährung, welche 
mit Erbleichen der Schleimhäute, Schlaffheit der Muskulatur, Appetit- 

') Finkeinburg, Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie. Berlin 1861. 
p. 77. 



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342 Chorea — Veitstanz. 

losigkeit und VerdauungsstöruDgen einhergehen, die Chorea einleiten 
oder ihr Entstehen wenigstens begünstigen können. Die Mehrzahl 
der von mir beobachteten Fälle betraf zarte muskelschwache Kinder. 
Eine Reihe von erkrankten Ejndern befand sich in der Recon- 
valescenz von schweren Krankheiten; so habe ich Chorea nach 
Diphtherie, Typhus, Scharlach und schweren Lungenentzündungen 
sich entwickeln sehen. Man darf aber auch nicht vergessen, dass 
gerade bei den anscheinend schwächlichen und zarten Kindern auch 
sexuelle Excesse mit im Spiele sein können und dass diese die Er- 
nährungsanomalien sowohl, wie die leichte Erregbarkeit des gesammten 
Nervensystems anbahnen; eine Anzahl der von mir beobachteten 
Fälle machten den Eindruck, als ob diese Veranlassung sich nicht 
vollständig ausschliessen liesse. 

Treten wir nach allen diesen Erfahrungen nochmals an die 
Frage heran, was die Schule mit der Chorea zu thun habe, so lässt 
sich, wenngleich nur auf Umwegen, ein gewisser ursächlicher Zu- 
sammenhang herausfinden. Denkt man daran, dass nicht selten von, 
Hause aus zarte Kinder den weiten Weg zur Schule durch Sturm 
und Regen machen müssen, dass sie bei schlechten Heizvorrichtungen 
in überhitzten oder kalten Räumen mehrere Stunden sich aufhalten, 
dass sie geistig, wenn auch nicht übermässig, so doch erheblich an- 
gestrengt, vielfachen Erregungen des Gemüthes durch Tadel, Strafe 
oder Furcht vor Strafe ausgesetzt sind, dass sie endlich nach all 
diesem, erhitzt oder erkältet das Elternhaus wieder aufsuchen, nehmen 
wir die leider gewiss nicht gänzlich auszuschliessenden , die Er- 
nährung beeinträchtigenden sexuellen Excesse dazu, so liegt eine 
Kette von Ursachen vor, deren stärkste Glieder die rheumatische 
Affection und die Emährungsanomalie sind. Man erkennt, dass die 
Möglichkeit für das Entstehen von Chorea vorhanden ist, und muss, 
offen gestanden, bei den vielen noch herrschenden Mängeln in den 
Schuleinrichtungen verwundert sein, dass Chorea und rheumatische 
Erkrankungen, im Ganzen genommen, noch relativ selten bei Schul- 
kindern beobachtet werden. Auch hier wird wohl, wie bei der 
Mehrzahl derartiger Erkrankungsformen eine gewisse Disposition vor- 
handen sein müssen, um die erwähnten Schädlichkeiten zur Wirkung 
kommen zu lassen. 

Therapeutisch ist für die Schule bezüglich der Chorea zu be- 
tonen, dass die erkrankten Kinder vom Schulbesuch auszuschliessen 
sind. An Chorea erkrankte Kinder sind thatsächlich zu jeder Auf- 
nahme von Lernstoff unfähig. Die oben erwähnten psychischen 



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Chorea — Veitstanz. 343 

Alterationen, die mit der Körperunnihe einhergehen, erklären dies 
ohne Weiteres. Die Kinder würden also nur eine Störung im Unter- 
richt für die Gesunden abgeben. Uebrigens ist auch, selbst wenn 
man nicht die Auffassung hat, dass die Gesunden durch die Er- 
krankten gefährdet sind, der Anblick der von Zuckimgen hin und 
her geschleuderten Kinder den Gesunden zu ersparen, und endlich 
können durch fortgesetzten Unterricht selbst, leicht Choreaerkran- 
kungen verschleppt und zu gefährlicheren Formen herausgebildet 
werden. — So vereint sich alles, um Choreakranke als zum Schul- 
besuch untauglich zu bezeichnen. 

Epilepsie. 

Die Epilepsie steht noch näher, als die Chorea in Beziehung 
zu Geisteskrankheiten, und der Verlauf einer länger dauernden Epi- 
lepsie zeitigt stets eine mehr oder weniger tiefe Störung der geistigen 
Fähigkeiten des Erkrankten. Sie ist eine selbständige Krankheit 
des Centralnervensystems , welche sich in wiederkehrenden Krampf- 
anfällen von vollkommener oder unvollkommener Entwickelung äussert, 
sich aber auch in den Zwischenräumen durch meist schwere nervöse 
Störungen kennzeichnet. Der ausgebildete epileptische Anfall hat 
einen ziemlich gleichmässigen Charakter, an welchem die Krankheit 
selbst leicht zu erkennen ist. Derselbe beginnt in vielen Fällen mit 
der sog. Aura, einem Vorgefühl, dass der Anfall eintritt, und selbst 
Kinder sind sich bald dessen bewusst, dass diesen eigenartigen Em- 
pfindungen der Anfall auf dem Fusse folgt. Die Kinder stürzen, 
während sie tief erbleichen, meist mit gellendem Schrei zusammen; 
sofort schwindet das Bewusstsein, das Gesicht wird blau, die Augen 
scheinen aus ihren Höhlen zu treten, Schaum tritt vor den Mund, 
die Hände sind zu Fäusten geballt, Arme, Schenkel, der ganze Körper 
sind von heftigen Zuckungen und Schlägen durchfahren, Starrkrämpfe 
wechseln mit Zuckungen, die Respiration stockt für Momente, die 
Zunge wird zwischen die Zähne geklemmt und eingebissen ; die Haut 
des Gesichtes färbt sich bis tief dunkelblau und die Venen des Kopfes 
und Halses füllen sich bis zum Springen, bis endlich ein tiefes 
röchelndes Athmen wieder eintritt. Meist gehen Stuhlgang und Urin 
ab. Ganz allmählich verschwinden die heftigen Symptome, das Ge- 
sicht wird tief bleich, der Kranke wird ruhiger, die Krämpfe ver- 
lassen ihn, er versinkt in eine Art von tiefem Schlaf, aus welchem er 
nach einiger Zeit erwacht, unbewusst der vorangegangenen schauder- 



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344 Epilepiie. 

haften Scene und kaum der Besinnung mächtig, wo er sich befinde. — 
Nur bei einzehien Kranken geht die von uns früher erwähnte Aura 
epileptica, gewisse Empfindungen in den Extremitäten oder Sinnes- 
täuschungen, SchwindelgefOhl u. dergl. so lange voran, dass es dem 
Kranken möglich ist, sich auf den Anfall vorzubereiten, oder an einen 
Ort zu flüchten, wo er im Fallen wenigstens nicht verletzt werden 
kann oder den Augen einer neugierigen Menge nicht preisgegeben 
ist. Zumeist ist allerdings die Aura so blitzschnell von dem Anfall 
selbst gefolgt, dass der Kranke zu Nichts Zeit gewinnt; er stürzt 
eben zusammen, wo er sich gerade befindet. 

Die nicht voll entwickelten AnfaUe zeigen einen anderen, viel- 
fach wechselnden Charakter, indem das Bewusstsein nicht vollkommen 
gestört ist, sondern nur Schwindelempfindungen und Zuckungen ein- 
zelner Glieder an die Stelle der allgemeinen Krämpfe treten, oder 
laute kreischende Schreie und eigenartige Zwangsbewegungen, end- 
lich auch nur momentane Bewusstseinsstörungen ohne Krämpfe sich 
kund geben. — Meist zeigt sich die Krankheit in ihrem Auftreten 
nicht in voll entwickelten Anfällen, sondern aus den letztgenannten 
Erscheinungen, die nicht selten zum ersten Male des Nachts ein- 
setzen, gehen in allmählicher Steigerung die schwereren hervor, die 
im weiteren Verlaufe nur unter der Einwirkung energischer Be- 
handlungsmethoden wieder den. leichteren Anfällen weichen. Von 
der Zahl der mehr oder weniger raschen Wiederholung und von 
der Heftigkeit der Anfalle sind die weiteren Störungen in den 
Functionen des Gentralnervensystems abhängig, die von vorüber- 
gehenden psychischen Henunungen bis zur vollen Verblödung des 
Erkrankten vorschreiten können. 

Das Wesen der Epilepsie ist bis zum heutigen Tage noch nicht 
völlig aufgeklärt, so viel auch durch die Untersuchungen der letzten 
Jahrzehnte Licht in dies bis dahin dunkle Gebiet gebracht worden 
ist. Kussmaul und Tenner wiesen nach, dass man bei Thieren 
im Stande sei, epileptiforme Convulsionen zu erzeugen, wenn man 
sämmtliche dem Gehirn Blut zuführende Geisse in den Stämmen 
unterbindet und auf solche Weise das Gehirn blutleer macht; sie 
erklärten demgemäss die Epilepsie als die Folge einer Anämie des 
Gehirns. So wurde denn deutlich, warum man bei der Epilepsie 
sehr mannigfache Erkrankungen des Gehirns anatomisch auffinden 
könne; denn alle Krankheitsvorgänge, welche im Stande sind, den 
Blutstrom von gewissen Bezirken des Gehirns abzuschneiden, zu- 
meist wohl durch Druck auf die Gefasse, mussten Epilepsie er- 



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Epilepsie. 345 

zeugen, sie mochten ihrer Natur nach sein, wie sie wollten. Die 
Untersuchungen von Brown -S^quard liessen femer erkennen, dass 
man Thiere mittelst Durchschneidung der Lendentheile des Rücken- 
markes in einen Zustand versetzen könne, dass sie nach einiger Zeit 
auf leichte Reflexreize epileptische Anfalle bekommen. Daraus er- 
gab sich also die Betheiligung des Rückenmarkes an dem epilep- 
tischen Process. Auch die Durchschneidung des hinteren grossen 
Schenkelnerven (Nervus ischiadicus) war nach einiger Zeit von epi- 
leptischen Krämpfen gefolgt. Im weiteren Verlaufe dieser Unter- 
suchungen zeigte es sich, dass selbst die Jungen solcher Thiere, 
welche durch Ischiadicusdurchschneidungen epileptisch geworden 
waren, epileptisch wurden, ohne dass sie selbst verletzt worden, so 
dass das künstlich erzeugte Uebel sich als erblich erwies. Die epi- 
leptischen Krämpfe konnten von einer epileptogenen Zone an der 
Haut ausgelöst werden. — Dieselben Ergebnisse hatten die Unter- 
suchungen von Westphal. Derselbe wies zugleich nach, dass man 
bei Thieren, indem man ihnen leichte Schläge gegen den Schädel 
beibringt, einen epileptiformen Anfall auslösen kann. Demselben 
folgte nach einigen Wochen der Ruhe die vollkommene Entwicke- 
lung einer Epilepsie, deren Anfalle von einer epileptogenen Zone, 
welche sich an der Haut in der Nähe des Unterkieferwinkels ent- 
wickelte, ausgelöst werden konnten. Auch Westphal war im Stande, 
die Uebertragung der so erzeugten Epilepsie auf die Jungen der 
erkrankten Thiere nachzuweisen. Bei der Section fand Westphal 
gewöhnlich einen Bluterguss im Sack der Medulla spinalis, und er 
schiebt diesem die Entstehung der Epilepsie zu. — So sehen wir 
denn in der Anämie des Gehirns, in Läsionen des Rückenmarkes und 
einzelner peripherer Nerven die anatomischen Grundlagen der Epi- 
lepsie. Weiterhin sind die Untersuchungen von Nothnagel wichtig, 
welcher einerseits experimentell ervnes, dass der centrale Ausgangs- 
punkt für Convulsionen , das von ihm sog. „Krampfcentrum'' in 
der Substanz der Pons cerebri zu suchen sei, und welcher durch 
Reizung von sensiblen Hautnerven auf dem Wege des Reflexes auf 
die von ihm nachgewiesenen vasomotorischen Nerven des Gehirns 
Verengerung der Arterien der Pia mater hat entstehen sehen. 

Gowers wurde durch die Aura epileptica auf die Hirnrinde 
als den Sitz der functionellen Störungen, welche die Epilepsie aus- 
machen, hingewiesen, und neuere Untersuchungen von Huglings- 
Jackson, Luciani und Wernicke bestätigten die Auffassung, 
dass der epileptische Anfall von der Anämie der in der Gehim- 



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346 Epilepsie. 

rinde nachgewiesenen psychomotorischen Gentren ausgehe, mehr und 
mehr. 

Bei der Epilepsie spielt die erbliche Belastung eine hervor- 
ragende Rolle der Erkrankung, sei es, dass die Eltern selbst oder 
nächste Glieder der Familie epileptisch oder mit schweren Neuro- 
pathien behaftet sind. Gowers hat bei 36 ^/o die Erblichkeit ge- 
funden. Aber ausser der Erblichkeit sind unzweifelhaft andere Fac- 
toren noch ätiologisch bedeutungsvoll. 

Wenn man sich nach diesen Untersuchungen über das Wesen 
der Epilepsie unter den Gelegenheitsursachen umsieht, so iindet man 
hier, genau wie bei der Chorea, Kummer, Schreck, Furcht, geistige 
Arbeit aufgeführt. Echeverria führt an, dass bei 24 von den 
Fällen, über welche er berichtet, diese Gelegenheitsursachen in den 
Vordergrund traten. Hasse giebt an, dass alle schwer wiegenden 
psychischen Eindrücke Epilepsie hervorrufen können, wenn anders 
die Disposition von Hause aus gegeben ist. — Der Nachahmungs- 
trieb ist für die Epilepsie ebenfalls als Gelegenheitsursache beschul- 
digt worden imd wird allgemein zugestanden; sicher constatirt ist, 
dass Epileptiker leicht ihren Anfall bekommen, wenn sie einen 
Anderen im Anfall sehen, überdies soll der Name morbus comitialis 
für die Krankheit bei den Römern bestanden haben, weil die Ver- 
breitimg des tJebels auf die Volksversammlungen bezogen wurde. 
Aus diesem Grunde verboten die Römer den Epileptikern den Be- 
such dieser Versammlungen (Finkeinburg). — Wichtig und sicher 
erwiesen ist die Abhängigkeit des Uebels von Leiden peripherer Nerven, 
und die Fälle sind durchaus nicht allzu selten, wo man durch 
Druck auf bestimmte Körperstellen die Anfälle auslösen kann; ebenso 
sicher gestellt ist der Ursprung aus traumatischen Ursachen, aus 
Narbenbildungen, Geschwulstbildungen an der Peripherie in der Nähe 
von Nervensträngen oder an denselben. — Von grosser Bedeutung 
sind endlich Erregungszustände, welche von den Genitalien aus- 
gehen. Der Zusammenhang der Epilepsie mit Menstruationsano- 
malien ist nicht zu leugnen, und die Steigerung der Neigung zu 
epileptischen Anfallen zur Zeit der sich einstellenden Menses ist be- 
kannt. Echeverria giebt bei 13 seiner Fälle Unterdrückung der 
Menses als Gelegenheitsursache an; von der Mehrzahl der Schrift- 
steller wird aber als eine der allerwichtigsten Ursachen der Epi- 
lepsie die wiederholte Reizung der Genitalien durch Onanie beschul- 
digt und zwar durch Hervorheben derselben Momente, welche wir 
bezüglich der Geisteskrankheiten oben citirt haben. Hasse meint, 



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Epilepsie. 347 

dass geschlechtliche Erregungen aller Art im Stande seien, epilep- 
tische Anfälle wach zu rufen, dass indess die Onanie nicht allein 
die vorhandene Disposition derselben einleite, sondern sogar die Dis- 
position schaffe. Diesen positiven Anklagen gegenüber hat Eche- 
verria allerdings hervorgehoben, dass man vielleicht Ursache mit 
Folge verwechsle und die Neigung zur Onanie auf einen patholo- 
gischen Zustand des Nervensystems zurückbeziehen müsse. Was das 
Alter der BefaDenen betriffib, so giebt Hasse an, dass von 995 Kranken 

281 im Alter von 2—10 Jahren 
364 . , , 10-20 , 
sich befanden. 

Delasiauve fand, dass von 70 Erkrankungen 

7 im Alter von 5 — 10 Jahren 
17 . . , 10-20 , 
entstanden. 

Gowers berichtet, dass 29 ^/o seiner Fälle im Alter unter 
10 Jahren waren. 

Ueber das Vorwiegen des männlichen oder weiblichen Ge- 
schlechtes sind die Angaben schwankend. Echeverria leugnet 
das sonst vielfach (auch von Gowers) behauptete Ueberwiegen des 
weiblichen Geschlechts und giebt nur zu, dass im Alter von 12 bis 
20 Jahren das weibliche Geschlecht dem männlichen gleichbetheiligt 
sei; im Ganzen prävalire das männliche Geschlecht; jedenfalls nehme 
aber bei beiden Geschlechtem die Neigung zur Epilepsie bis zum 
Ende der Pubertät zu und von da an erst ab. 

Prüft man alle diese Thatsachen mit Bezug auf die vorliegende, 
uns interessirende Frage, so kann man wiederum nicht übersehen, 
dass der Schulbesuch gewisse Momente in sich vereinigt, welche die 
Möglichkeit der Erzeugung epileptiformer Krämpfe gestatten. Wir 
kennen den' schädigenden Einfluss des Schulbesuches auf die ge- . 
sammte Ernährung vieler Kinder, und wir wissen, dass besonders die 
Anämie und Abmagerung zugestanden werden müssen; wir wissen 
leider auch, dass sexuelle Excesse im Schulalter und durch den 
Schulbesuch angeregt vorkommen (wovon Weiteres unten) ; wir wissen, 
dass Furcht und auch energische Hautreize durch Züchtigung nicht 
ausbleiben, ja dass, wenn es auch ungesetzlich ist, die nach West- 
phaPs Experimenten so überaus gefährlichen Schläge an den Kopf 
noch immer vorkommen. Indess zeigt sich gerade daran, dass trotz- 
dem die Epilepsie eine immerhin seltene Krankheit ist, wie sehr die 



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348 Epilepsie. 

genannten Gelegenheitsursachen hinter der erblichen Anlage zurück- 
treten. Thats'achlich spielt diese bei der Krankheit die Hauptrolle* 
Am wenigsten von allen Gelegenheitsursachen kann die geistige An- 
strengung ätiologisch verantwortlich gemacht werden, da wir ja 
wissen, dass dieselbe eine active Hyperämie des Gehirnes erzeugt, 
einen Zustand, welcher also geradezu im Gegensatze steht zu dem- 
jenigen, welcher der Epilepsie zu Grunde gelegt wird. Bedeutsamer 
wären die passiven Hyperämien, erzeugt durch vieles und fehlerhaftes 
Sitzen. Wie früher schon hervorgehoben wurde, giebt es einen 
Moment, wo die Schwellung der blutrückftthrenden GefiLsse (Venen) 
und die Druckspannung in denselben dazu führt, dass Blutserum 
durch die Gefässwände hindurch in die Gehimmasse dringt; da die 
Schädelkapsel, geschlossen wie sie ist, dem Druck nicht nachgeben 
kann, so presst das geschwollene Gehirn die kleinen blutzuführenden 
Gefasse zusammen und erzeugt so die Gehimanämie und in deren 
Gefolge epileptische Gonvulsionen. Dieser Mechanismus wird um so 
leichter zu Stande konunen, je mehr durch angestrengte Thätigkeit, 
Aufregung, Onanie, Schlaflosigkeit etc. die Blutbildung und die ge- 
sammte Vegetation damiederliegt und dadurch auch die Herzkraft 
gelitten hat. Auf diesem Wege, so kann man es sich wenigstens 
vorstellen, kann es kommen, dass selbst geistige üeberanstrengung 
schliesslich zur Anämie des Gehirns und zur Epilepsie führk Man 
erkennt, dass hier der Wege mannigfache sind, und dass von der 
individuellen Anlage Alles abhängt. — Ganz unschuldig werden 
übrigens jugendliche sexuelle Excesse gewiss nicht sein, wenn man 
auch ihren Einfluss bei der Häufigkeit des Zusammentreffens der- 
selben mit der Epilepsie übertrieben haben mag; auch zur Imitation 
ist in der Schule die Möglichkeit geboten. 

Die therapeutische Nutzanwendung fUr die Schule aus all dem 
Mitgetheilten ist folgende. Der Lehrer hüte sich vor schweren 
Züchtigungen. Echeverria zählt unter seinen 306 Fällen von Epi- 
lepsie drei auf, welche durch Misshandlung imd schwere Züchtigung 
entstanden sind. Ein einziger ist hinlänglich, dem Lehrer die Ge- 
fahr darzulegen, in welcher das Schulkind und schliesslich durch die 
Anwendung der Gesetze er selbst wohl schwebt, wenn er sich vom 
Zorn fortreissen lässt; der Lehrer vermeide vor Allem die Schläge 
an den Kopf, wohl eingedenk der Westphal'schen Thierversuche; 
auch die Nates dUrfen nicht allzu heftig mitgenommen werden, weil 
der N. ischiadicus nicht fern ist und auch directe Erschütterungen 
des Rückenmarks die Folge sein könnten. — Das Bleichwerden der 



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Epilepsie. 349 

Kinder ist ein sehr wohl zu beachtendes Zeichen fOr Lehrer und 
Eltern. Solche Kinder müssen besonders sorgfältig in Acht ge- 
nommen und geschont werden. Normal gebaute Subsellien müssen 
das gesundheitsgemässe Sitzen ermöglichen, und die Aufmerksamkeit 
Yon Lehrer und Eltern muss die sittliche Haltung der Kinder 
schützen. — Epileptische Kinder kann man nicht gänzlich aus der 
Schule bannen, wenn die Anfälle selten sind. Ist das üebel so 
heftig, dass die Anfälle sich häufen, so bleibt allerdings nichts anderes 
übrig, als der Ausschluss aus der Schule und, wie Jolly^) und 
Pelman vorgeschlagen haben und neuerdings wohl allerorten durch- 
geführt wird, die üeberweisung der epileptischen Kinder in eigene 
Schulen oder Colonien, in welchen dieselben erzogen werden. Es 
ist dies um so noth wendiger, als, wie erwähnt, schwere Epilepsie 
in der Regel mit erheblicher Verminderung der geistigen Fähigkeiten 
einhergeht, so dass diese Kinder den Hilfsklassen oder Hilfsschulen 
für geistig Minderwerthige überwiesen werden müssen. — Werden 
epileptische Kinder ziun Schulbesuch dennoch zugelassen, so hat man 
Bedacht darauf zu nehmen, dass die Mitschüler vor dem plötzlich 
hereinbrechenden Anfall nicht erschrecken; man belehre die Kinder 
unter solchen Verhältnissen über das Leiden und stähle ihr Nerven- 
system gegen den überraschenden und schrecklichen Eindruck. Die 
epileptischen Kinder fordere man auf, auf sich zu achten, ob sie die 
Vorboten des Anfalls (Aura) merken, um Gelegenheit zu haben, 
rasch genug das Schulzimmer zu verlassen und an einem geschützten 
Platze, sicher vor Verletzungen, den Anfall abzuwarten. Der Lehrer 
warne endlich, wenn der Zufall oder das Unglück ihm Gelegenheit 
giebt, vor den Schülern auf die Epilepsie zu sprechen zu kommen, 
vor Rohheiten der gewöhnlichen Art, wie Niederdrücken der in 
Starrkrämpfen sich aufbäumenden unglücklichen Kranken oder dem 
thörichten und abergläubischen Aufbrechen der Daumen. — Die 
gegen etwaige sexuelle Excesse anzuwendenden Maassnahmen werden 
wir des Weiteren besprechen. — Der Schularzt und der Lehrer 
können überdies die Eltern der erkrankten Kinder vor dem so oft 
vorkommenden Indifferentismus gegenüber dieser als eine böse 
Schickung hingenommenen Krankheit warnen; dieselbe lässt sehr 
häufig gute Aussicht zur Heilung oder wenigstens zur Besserung, 
und je früher die Heilmittel zur Wirkung kommen, desto besser 
wirken sie. — Alles Uebrige ist Sache rein ärztlicher Therapie. 



») Jolly, Archiv für Psychiatrie Bd. XIII, 1882. 

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350 Sprachstörungen — Stottern. 

Spraehstomngen. Stammeln und Stottern. 

Störungen der Sprache sind für die Schule von höchster Be- 
deutung, weil die geistige Entwickelung in hohem Maasse an die 
normale Entwickelung der Sprache geknüpft ist. — Die beiden her- 
vorragendsten Sprachstörungen, das Stammeln und Stottern, haben 
indess noch die besondere Stellung, dass sie sich, insbesondere das 
Stottern, im Schulleben vielfach erst entwickeln und dass ihre Ver- 
breitung in der Schule durch Imitation von Kind auf Kind fort- 
schreitet. Daher hat man, und mit Recht, in den letzten Jahren 
den Sprachstörungen der Kinder die höchste Aufmerksamkeit zu- 
gewendet. 

Die als Hörstummheit bezeichnete Störung des Sprach- 
vermögens interessirt uns an dieser Stelle nicht, weil es sich um 
ausgestattete Hörvermögen, aber mit psychischen (sensorischen) De- 
fecten behaftete, oder auf den motorischen Bahnen geschädigte Kinder 
handelt, welche das Sprechen nicht erlernt haben und nicht zu er- 
lernen vermögen, und unter solchen Verhältnissen nicht den öffent- 
lichen allgemeinen Schulen, sondern Idiotenanstalten oder Taub- 
stummenanstalten zum Unterricht zu überweisen sind. — Anders 
mit den beiden anderen erwähnten Sprachstörungen. 

Das Stottern ist, wie im Anschlüsse an Kussmaul von 3utz- 
mann definirt wird, eine spastische Coordinationsneurose und giebt 
sich darin kund, dass die Sprache meist im Beginne des intendirten 
Wortes durch incoordinirte und krampfhafte Bewegungen unter- 
brochen und gleichsam angehalten wird. Die incoordinirten und 
krampfhaften Bewegungen können an jedem Theile des zum 
Sprechen in Action zu bringenden organischen Mechanismus einsetzen, 
in der Athemmuskulatur (Zwerchfell und Bespirationsmuskeln des 
Thorax), in der Muskulatur des Kehlkopfes und in der Muskulatur 
des Pharynx, der Zunge und des Mundes (Articulationsmuskulatur). — 
Begleitet sind alle diese Störungen von zum Theil willkürlichen, zum 
Theil gleichfalls spastischen (unwillkürlichen) Mitbewegungen von 
zum Sprachvorgang in keiner Beziehung stehenden Muskelgruppen 
(den mimischen Muskeln, den Muskeln der Extremitäten u. a. mehr). 
Bezüglich der Theorien der Entstehung des Stotterübels gehen die 
Meinungen in weitestem Maasse noch heute aus einander, und es 
kann hier immer auf die verschiedenen in der Literatur niedergelegten 
Auffassungen verwiesen werden, deren Studium allerdings jedem, eben- 
sowohl Pädagogen wie Arzt, der sich mit Schulkindern zu befassen 



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Sprachstörungen — Stottern. 351 

hat, dringendst ans Herz gelegt werden muss. Die ausgezeiclineten 
Arbeiten der letzten Jahre von Coen, öutzmann, Liebmann u. A. 
verschaffen bei gleichzeitiger Beobachtung stotternder Kinder aus- 
giebiges und rasches Yerstandniss. — Bei den verschiedenen Formen 
des Stottems wird man alsdann unschwer das mannigfache In- 
einandergreifen incoordinirter Bewegungen mit spastischen Zuständen 
an den einzelnen, zum Zweck des Sprechens in Thätigkeit gesetzten 
Muskelgruppen zu erkennen vermögen. — Das Stottern ist bei Bändern 
im Alter des Schullebens sehr weit verbreitet und, wie erwähnt, ent- 
wickelt es sich nicht gar selten erst im Schulleben. — öutzmann 
erwähnt, dass unter 155000 Schulkindern in Berlin sich 1550 = 1 *^/o 
Stotterer befanden, und derselbe berechnet die Zahl der Stotterer 
unter den Schulkindern Deutschlands auf nahezu 80000. — Auch 
in ausserdeutschen Schulen soll sich die Zahl der Stotterer unter 
den Schulkindern auf etwa 1 ^/o belaufen. Sorgfältige Beobachtung 
hat gelehrt, dass vorzugsweise zwei Gruppen von Schulkindern nach 
den Altersstufen mit Stottern behaftet sind, und zwar Kinder im 
Alter von 7 — 8 Jahren und im Alter von 12 — 14 Jahren. Die Zu- 
nahme der Stotternden in dem ersten Schuljahre ist besonders auf- 
fallend ^) , darauf folgt ein Absinken in der Zahl , diese wiederum 
gefolgt von einer lebhaften Steigerung im letzten Schuljahre, welche 
Gutzmann mit der beginnenden Geschlechtsreife in Beziehung 
bringt. — Das weibliche Geschlecht ist zum Stottern weniger dis- 
ponirt als das männliche, und das Yerhältniss ist zwischen Mädchen 
und Knaben etwa wie 1:2. — Unter den ätiologischen Factoren 
des Stotterübels spielen somatische Einflüsse unzweifelhaft eine eben- 
so hervorragende Rolle wie psychische. — Kinder lernen am ehesten 
dann stottern, wenn ihre körperliche Energie im Ganzen etwas dar- 
nieder liegt; zumeist also sind es dürftige, magere, auch im All- 
gemeinen an Erschöpfungszuständen, Anämie, Scrophulose, Rachitis, 
an üebermüdungszuständen leidende Kinder. Das Stottern entwickelt 
sich gern nach acuten Infectionskrankheiten, nach Scharlach, Masern, 
Diphtherie u. dergl. mehr. Gerade ' diese Kinder sind, wie sie schon 
zur Entwickelung fehlerhafter Coordinationsleistungen , insbesondere 
complicirterer Natur auch sonst neigen — es darf hier nur an das 
bei der Chorea Gesagte erinnert werden — nicht fähig, den mit 
psychischen Vorgängen in engstem Connex stehenden Mechanismus 
der Sprache coordinirt in Action zu setzen. — Es wird hier von 



^) H. Gatzmann, Das Stottern, p. 329. Mit Cnnrendantellangen. 

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352 Sprachfltörungen — Stottern. 

vielen Seiten noch besonderer Werth auf gewisse Anomalien in den 
Fharynzgebilden der Kinder, so vorwiegend auf starke Tonsillen, 
chronische Katarrhe der Bachenschleimhaut und vorzugsweise auf die 
die Nasenathmung behindernden Schwellungen der Rachenmandel 
(adenoide Wucherungen) gelegt. Gutzmann will derartige Affec- 
tionen in SS% seiner Stotterer in erheblichem Gh*ade, bei 70 bis 
80®/o in massigem örade beobachtet haben. — Dass gerade unter 
armen Kindern, wie Berkhan anfahrt, eine grosse Zahl von Stot- 
terern gefunden wird, ist nicht zutreffend; seine Beobachtung kann 
nur mit derartigen auf dem Boden fehlerhafter Ernährung ent- 
standenen Anomalien in Zusammenhang gebracht werden. Mehr 
indess vielleicht noch als das somatische Element, ist das psychische 
an der Aetiologie des Stottems betheiligt. — Fehlerhafte Sprach- 
erziehung von Hause aus, Nachahmung fehlerhafter Sprache der 
Eltern, psychische Minderwerthigkeit, angeboren oder hervorgegangen 
aus fehlerhafter erzieherischer Leitung, heftiges Wesen, Erregtheit und 
Zerfahrenheit, Jähzorn u. s. w. führen in der weiteren Entwicke- 
lung gern zum Stottern, wie auch zu den anderen früher erwähnten 
nervösen Störungen, wie Hysterie, Chorea magna u. s. w. Gutz- 
mann erwähnt auch, ebenso wie andere Autoren, psychische Traumen, 
wie Angst, Schreck unter den Ursachen des Stottems, vor Allem aber 
auch den Schuleinfluss selbst mit all den mit dem Schulbesuch ver- 
knüpften Erregungen der Kinder und den Beeinflussungen des Ge- 
müthes, von denen früher schon (bei der Uebermüdungsfrage) die 
Rede gewesen ist. Man wird unzweifelhaft auch frühzeitige ge- 
schlechtliche Erregungen in der Zeit der beginnenden Pubertät, psy- 
chische Erschöpfungszustände durch zu früh dargebotenen Lebens- 
genuss in den Verhältnissen der Familie, Genuss von Alkohol und 
anderen erregenden Stoffen zu den ursächlichen Bedingungen des 
Stotterns zu rechnen haben. — Hierher gehört nun auch die Ent- 
stehung des Stottems durch Nachahmimg in der Schule, die von 
jedem Beobachter anerkannt werden muss. Vielfach zuerst im Scherz 
und vielleicht zur Verspottung eines stotternden Kindes geübt, kann 
das Stottem schliesslich angenommene Eigenthümlichkeit von ganzen 
Schulklassen werden. 

Die grosse Zahl stottemder Eänder in den Schulen und die mit 
dem Uebel verknüpfte Störung des gesammten Unterrichts haben 
schliesslich den Anlass geboten, auch in pädagogischer und schul- 
disciplinarischer Richtung gegen das Uebel einzuschreiten, indem 
Schulkurse für stotternde Kinder zur Beseitigung des Uebels ein- 



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Sprachstörungen — Stottern. 353 

gerichtet wurden. — Ursprünglich von einem Lehrer in Potsdam im 
Jahre 1886 begonnen, haben derartige Schulkurse für Stotternde 
nach dem verständnissvollen Eingreifen des damaligen preussischen 
Cultusministers v. Gossler weiteste Verbreitung gefunden und sind 
seither wohl in allen grösseren Städten Deutschlands so zur Ein- 
führung gelangt, dass es leicht wird, stotternde Schulkinder diesem 
Specialunterricht zur raschen Beseitigung des Uebels zuzuführen. — 
Thatsächlich sind die Erfolge des Unterrichts überraschend gute, 
wie aus einer Zusammenstellung Gutzmann^s hervorgeht. Derselbe 
konnte 72,7 ^/o als geheilt, 23,6 ®/o als gebessert bezeichnen; nur 
3,7 "o sind als nicht geheilt aufgeführt. Auch die anderen Autoren, 
wie GoSn, Lieb mann, kommen aus eigenen günstigen Erfahrungen 
zu der Anschauung, dass Stottern ein wohl heilbares Uebel sei, 
vorausgesetzt, dass nicht besondere somatische oder psychische Ano- 
malien und verkehrtes Verfahren in der pädagogischen Behandlung 
der stotternden Kinder die Prognose trübe. Liebmann weist mit 
Recht auf die Nachtheile einer zu strengen und einschüchternden 
Behandlung und ebenso auf die durch Höhnen und Verspotten her- 
vorgerufene Erschwerung der Heilimg des Stotterübels hin. 

Aus Allem geht hervor, dass stotternde Kinder nicht vor ihrer 
definitiven Heilung oder zum Mindesten nicht vor wesentlicher 
Besserung in dem allgemeinen Schulunterricht geduldet werden 
sollen, sondern dass dieselben dem besonderen Sprachunterrichts- 
kurse zunächst zu überweisen sind. 

Eine nicht minder wichtige Sprachstörung wie Stottern ist das 
Stammeln. — Dieselbe wiurde früher vielfach mit Stottern zu- 
sammengeworfen und verwechselt, ist indess von demselben durch- 
aus in ihrem Wesen verschieden. Beim Stammeln handelt es sich 
um das Unvermögen, gewisse Laute in correcter Weise zu bilden; 
es handelt sich also um eine Insufficienz in der Sprache, die ent- 
weder organischer oder functioneller Natur, an gewisse somatische 
Störungen oder Minderleistungen der beim Sprechen betheiligten or- 
ganischen Gebilde der Mundhöhle einschliesslich der Muskulatur ge- 
bunden ist. Auch psychische Kückständigkeit mit der von ihr aus- 
gehenden Zerstreutheit und Unaufmerksamkeit kann die Quelle des 
Stammeins abgeben. — Abnorme Bildung des Gaumengewölbes, De- 
fecte desselben, fehlerhafte Bildungen der Kiefer, der Zähne, Schwel- 
lungen der lymphatischen Apparate, des Nasenrachenraumes (adenoide 
Wucherungen) mit der von ihr eingeleiteten Störung des Hörver- 
mögens, Lähmungszustände der Muskulatur des Gaumensegels und 

Baginsky, Schulhygiene. U. 3. Aufl. 23 



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354 Sprachstörungen — Stottern. 

der Zunge u. s. w. können als Ursache des Stammeins angesprochen 
werden. — Auf die Eintheilungen der in mannigfaltigster Weise 
auftretenden Sprachdefecte beim Stammeln, auf die physiologischen 
Vorgänge bei der Ausbildung der einzelnen Sprachlaute ist hier 
gleichfalls nicht der Ort des Genaueren einzugehen, und es muss 
auf die Specialwerke, wiederum insbesondere auf Gutzmann's und 
Liebmann^s lichtvolle Darstellungen hingewiesen werden. 

Das Stammeln ist im Ganzen vielleicht als ein noch weit schwer- 
wiegenderes Uebel zu betrachten als das Stottern, weil es die ge- 
sammte psychische Entwickelung des Individuums beeinflusst, auch 
noch in erhöhterem Maasse als jenes zu pädagogischen Missgriffen 
und zu deprimirender Behandlung des Erkrankten Anlass giebt als 
jenes. — Seine Beseitigung ist weit schwieriger als diejenige des 
Stottems, weil man es hier in höherem Maasse wieder mit körper- 
lichen Leiden oder mit psychischen Defecten zu thun hat. Und doch 
ist auch das Stammeln wegen der durch Imitation drohenden Ver- 
breitungsweise in der Schule sehr bedeutsam und bedarf der sorg- 
lichsten Bei-ücksichtigung. Daher sind auch stammelnde Kinder bis 
zur möglichsten Beseitigung des Uebels von dem allgemeinen Schul- 
unterricht zurückzuhalten, und wenn sich derselbe mit psychischen 
Minderleistungen verquickt, sind die Kinder den Hilfsschulen zum 
Unterricht zu überweisen. 

Wir können wegen der anderweitigen selteneren Sprachstörungen, 
wie Poltersprache u. s. w. hier ebenfalls nur auf die mehrfach er- 
wähnte Literatur verweisen. 

Die ganze Frage der Sprachstörungen bei Schulkindern ist, wie 
man leicht zu erkennen vermag, eine überaus schwierige, und es 
setzt eine richtige Handhabung der zweckentsprechenden Beeinflus- 
sung der Kinder, ein so tiefes und eingehendes Verständniss der ein- 
schlägigen anatomischen und physiologischen und einigermassen auch 
der psychologischen Verhältnisse voraus, dass hier in hervorragend- 
ster Weise die Domäne des Schularztes ist, während selbst hygie- 
nisch gut vorbereiteten Lehrern das Eindringen in die complicirten 
pathologischen Vorgänge nur ausnahmsweise möglich sein dürfte. — 
Freilich fällt den Lehrern die Aufgabe zu, durch pädagogisch richtige 
und den Uebeln angemessene Leitung der Kinder die Anordnungen 
und Hilfsleistungen des Arztes zu unterstützen. 



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Mastarbation. 355 

Masturbation. Onanie. 

Wir reihen das Laster der Selbstbefleckung mit vollster Ab- 
sicht den Krankheiten des Nervensystems und gerade derjenigen 
Gruppe an, welche durch Nachahmung eine Art von Contagiosität 
zeigt. Die Grenze dafür, wo es bei der Masturbation sich um 
ein willkürliches, lasterhaftes Thun handelt, oder wo gewisse Ver- 
änderungen des gesammten Nervensystems ein nahezu unbezwing- 
liches und der Selbstherrschaft des Einzelnen entzogenes Verfehlen 
zu Tage fördern, ist in vielen Fällen nicht zu ziehen. So viel steht 
indess fest, dass äussere Anlässe im Stande sind, das Uebel zu er- 
zeugen und dass die Verführung hierbei eine grosse Rolle spielt. 
Masturbation kommt im allerfrühesten Eindesalter, schon bei Säug- 
lingen vor. In so frühem Alter sind die Quellen des Uebels oft in 
dem Wurmreiz gegeben, mitunter in dauernden Obstipationen, oder 
endlich in dem Missbrauch schändlicher Kinderfrauen und Ammen, 
welche die Kinder durch das Spielen an den Genitalien beruhigen 
wollen. In anderen Fällen ist aber keine Spur von alledem wahr- 
zunehmen; dann kann man nur annehmen, dass ein vom Central- 
nervensystem ausgehender Reiz die Hand nach den kleinen Geni- 
talien ftihrt ; man kann überdies bei derartig belasteten Kindern auch 
beobachten, dass sie in gleicher Weise den Trieb zum Fingerlutschen 
haben und dass von beiden üblen Angewohnheiten her Lustgefühle 
bei den Kindern erweckt werden. — Diese von Anomalien des 
Centralnervensystems ausgehenden pathologischen Erregungen sind 
um so schlimmer und schwerwiegender, weil durch die verfrühte 
und übereilte Erregung des Genitalapparates wiederum das Nerven- 
system geschädigt wird und die Kinder so immer weiter herunter- 
kommen. Es entwickelt sich so ein Girculus vitiosus, da die Er- 
regung vom Centralorgan ausgeht und nach der Peripherie hin 
ausstrahlt und von der Peripherie wiederum das Centrum schädigt; 
so kommt es schliesslich zu schweren Krankheitsformen des Nerven- 
systems, zu Neurasthenie, Hysterie, Chorea magna, Epilepsie und zu 
Psychosen. Ganz abgesehen aber von den Leiden des einzelnen 
Erkrankten ist dies Uebel bösartig für die Gesammtheit, weil es 
leicht und leider absichtlich verbreitet wird. Jeder Onanist ist eine 
Gefahr für die Reinen, weil sein Beispiel contagiös wirkt. Darin liegt 
die Gefahr für die Schuljugend, welche durch den innigen Verkehr 
beim Schulbesuch, durch den dauernden und lebhaften gegenseitigen 
Austausch ihrer Neigungen, Gutes und Böses auf einander überträgt. 



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35 ü Masturbation. 

Abgesehen aber von der durch krankhafte Disposition des 
Nervensystems und von der durch directe Verführung eingeleiteten 
Masturbation der Schulkinder finden sich auch Gelegenheitsursachen 
in der Schule, welche zu dem Uebel Anlass zu geben vermögen; hierzu 
gehört zweifelsohne das viele Sitzen überhaupt und das Sitzen in 
fehlerhaft construirten Subsellien noch ganz besonders. Bei Kindern, 
welche auf falsch gebauten Subsellien, mit schlechter oder nicht 
passender Bückenlehne, mit fehlerhafter Distanz Stunden lang sitzen 
müssen, welche gequält von der unbequemen Sitzhaltung, in welche 
sie allmählich verfallen, auf dem Sitzbrette hin und her rücken, 
geschieht es leicht, dass die Genitalien gerieben und gereizt werden. 
Dasselbe geschieht, wenn die Kinder mit den Knieen an das Bücherbrett 
stossen oder wenn sie beim Schreiben an die vordere Kante des 
Sitzbrettes heranrücken müssen ^). Die Reizung wird um so nach- 
theiliger wirksam, je mehr in krummer und nach vom gebeugter 
Sitzhaltung die Unterleibsorgane gepresst sind, die Athmung be- 
schränkt, die Blutcirculation behindert ist, je mehr also Congestion 
nach den Unterleibsorganen vorhanden ist. — Auch der Turnunter- 
richt kann zu geschlechtlichen Erregungen führen, insofern bei ge- 
wissen Uebungen, so beim Bockspringen, den Uebungen am Pferde, 
am Reck und namentlich beim Klettern Reibungen der Genitalien 
statt haben; daher kommt es denn, dass Onanisten nicht ungern 
turnen, so schlaff sie auch sonst erscheinen mögen; ich kannte einen 
Knaben, welcher sich im Hause der Eltern an dem ersten besten 
festen Gegenstand, so namentlich an den Thürklinken, hoch zog, 
während er zugleich mit dem zwischen die Schenkel genommenen 
festen Körper bei anscheinend harmlosem Tumspiel die Genitalien 
rieb. — Die Schule kann ferner durch gewisse Unterrichtszweige, 
welche die Phantasie der Kinderwelt erregen, sowie durch unzüchtige 
Andeutungen in unvorsichtig gebotener Lektüre aus einzelnen Theilen 
der alten Literatur, und was namentlich wichtig ist, auch der Bibel, 
zu geschlechtlichen Excessen anregen; femer noch indirect durch 
mangelhafte Beaufsichtigung der Kinder in überfüllten Schulklassen 
und endlich auch in den Zwischenpausen. Je mehr alle die ge- 
nannten Umstände zusammenwirken, je mehr sie insbesondere auf 
eine Kinderwelt wirken, welche sich in der beginnenden Pubertät, 
wo der Geschlechtstrieb sich spontan kund giebt, befindet, desto 
gefährlicher können sie werden, desto leichter entwickelt sich das 



') Stiehl, Centralblatt 1860, p. 560. 

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Masturbatioi) . 35 7 

üebel. — Die Verführung thut allerdings das Allermeiste, und es 
ist seltsam, mit welch cynischer Schamlosigkeit ältere Knaben den 
jüngeren das Laster mittheilen, wie sie gleichsam ein gewisses Inter- 
esse daran haben, socios habuisse malorum. So kommt es, dass 
ganze Klassen wie von einem schlimmen Gontagium ergriffen sind 
und dass die Masturbation zuweilen mit hässlichster Offenheit und 
Rücksichtslosigkeit betrieben wird. — Diese Schilderung ist nicht über- 
trieben, sondern ist aus dem Leben gegriffen. 

Die Folgen der Masturbation sind von früheren Autoren viel- 
fach sehr grell geschildert worden, und es ist kaum ein Gebiet der 
Pathologie vorhanden, wo nicht unter den ätiologischen Momenten 
der chronischen Krankheitsformen die Onanie eine Rolle spielt. 
Hier ist zwar viel übertrieben worden, denn bei der Ausbreitung 
der Masturbation in den jugendlichen Kreisen würde man, wenn 
Alles, was ätiologisch mit der Masturbation in Zusammenhang ge- 
bracht wurde, zuträfe, nur wenig gesunde Kinder überhaupt zu sehen 
bekommen. Dennoch soll man auf der anderen Seite die Bedeutung 
des üebels nicht unterschätzen. Die krankhaften Störungen des 
Gentralnervensystems durch die Masturbation sind schon angedeutet 
worden. Thatsächlich stimmt die Mehrzahl der Kinderärzte darin 
überein, dass neurasthenische und hysterische Zustände von der 
Masturbation ihren Ausgangspunkt nehmen können. Von fast allen 
Neuropathologen und Irrenärzten wird des Weiteren darauf hinge- 
wiesen, dass ernste Psychosen und Hystero-Epilepsien mit psychischen 
Defecten von den schweren Graden der Masturbation eingeleitet 
werden können, um so mehr dann, wenn die Masturbation auf von 
Hause aus belastete Kinder einwirkt. Was aber vor Allem bei 
masturbirenden Kindern ins Auge fällt, sind Zustände von geistiger 
Ermüdung, mit den Erscheinungen von Zerstreutheit, Missbehagen 
und Verstimmung, Trübsinn, Verschlossenheit, Gedächtnissschwäche, 
gestörtem Schlaf und Schlaffheit bei körperlicher und geistiger 
Arbeit. Auch die Sinnesorgane leiden unter dem Einfluss der Mastur- 
bation und Cohn erwähnt Lichtscheu, Flimmern vor den Augen, 
Accomodationsschwäche und Conjunctivalkatarrhe als Folgen der- 
selben. Gestört ist weiterhin die Verdauung; die bleichen und 
schlaffen Kinder klagen über Appetitlosigkeit, Magendruck, und vor 
Allem über hartnäckige Stuhlverstopfung, augenscheinlich Alles Folgen 
von congestiven Blutstauungen in den Unterleibsorganen. Schmerz- 
hafte Empfindungen in der Blasengegend, Brennen beim Harnlassen 
und selbst katarrhalische Zustände der Blase und der Harnröhre 



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358 Masturbation. 

können sehr wohl als Folgen der Masturbation sich äussern. — In 
einem Falle habe ich wechselfieberahnliche Temperatursteigerungen 
im directen Anschluss an jedesmalige Masturbation entstehen sehen, 
die schliesslich durch strenge üeberwachung des betreffenden weib- 
lichen Kindes beseitigt wurden. 

So ist, wenn man gleich sich vor übertriebener Darstellung der 
Folgen der Masturbation hüten will, derselben dennoch von pädago- 
gischer und ärztlicher Seite grosse Aufmerksamkeit zuzuwenden, und 
Jacobi hat Recht, wenn er die Masturbation immerhin als eine der 
bedenklichsten Erkrankungen des Jugendalters darstellt und behauptet, 
dass die Grenze ihres malignen Einflusses nicht zu ziehen sei. Die 
Frage ist, wie man die Jugend vor dem üebel zu schützen ver- 
möge. In früherer Zeit ging man der unangenehmen Angelegenheit 
einfach aus dem Wege, indem man gern seine Existenz leugnete ; ins- 
besondere waren es die Lehrer, welche von der ganzen Sache nichts 
wissen wollten und welche glaubten am besten zu thun, wenn sie 
dieselbe ignorirten; desto mehr wurde von den Aerzten, in deren 
Sprechzimmern bei den mannigfachsten Erkrankungen der früher be- 
gangenen Excesse von den Patienten gedacht wurde, auf die Existenz 
derselben aufmerksam gemacht. Der günstige Einfluss, welchen ge- 
rade bei solcher Gelegenheit ein beruhigendes T^ort des Arztes übt, 
lässt erkennen, dass man unrecht thut, der heranwachsenden Jugend 
den bösartigen Einfluss der sexuellen Reizungen zu verschweigen. 
Allerdings kommt auf die Form der Darstellung des Uebels und 
auf die Art der Ermahnung Alles an, und es ist gewiss, wenn 
irgendwo, so an diesem Theile der erzieherischen Thätigkeit noth- 
wendig, mit der Individualität des einzelnen Kindes zu rechnen. 

Soweit sie die Schule angeht, erfordert die Prophylaxe, dass 
die Kinder in den Schulzimmern nicht gedrängt sitzen und unter 
steter Aufsicht des Lehrers sich befinden, dass sie geeignete Sub- 
sellien haben, und dass im Unterricht mit Vorsicht Alles vermieden 
wird, was in irgend welcher Weise die sexuelle Sphäre erregen könnte. 
Der Unterricht muss überdies in anregender, fesselnder Weise dar- 
geboten werden, damit das Gefühl der Langeweile bei den Kindern 
nicht aufkomme, sondern die ganze Aufmerksamkeit in Anspruch 
genommen werde. Der gleichzeitige Besuch eines Abtrittes von 
2 Kindern, namentlich von Knaben, muss streng verboten sein und 
denjenigen Kindern, welche während des Unterrichts die Klasse ver- 
lassen, die schleunigste Wiederkehr ans Herz gelegt werden. Beim 
Turnunterricht beachte man sorgsam, ohne die Absicht merken zu 



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Masturbation. 359 

lassen, dass Reizungen der Genitalien nicht Yorkommen ; auch über- 
müde man die Kinder bei den Uebungen nicht; im Sommer fordere man 
die Kinder häufig zum