Skip to main content

Full text of "Hildebert von Lavardin (1056-1133) und das kirchliche Stellenbesetzungsrecht"

See other formats


% 
FE 2 
BT ee 
u er " 
N 


var 2 
re > Ak & Ba 
Inlen i 
ER 
re) wir Y 


hi 
Ei i 


Hak 


MY, 
we 


A 


re 
Bar 
a 


De 
Ne 


1, ehe 


WaG en aber 
Ba Wihiye 
Yin 1ahaldı EA 


 ! 
r \ ? je Y R Ah 
na Baleprdnge 

R. 
“ 


” she 


rar 
br 


Ehemann 
Men 


PERE SE IS 
apessdrzat 
Sarg 


FE: 
24: 


et ' 
a 


Wr 


= ® 


FEBUITE rei 


Fi heut} eh 


Tee 
KR) 052} 


HN 
Date 


Ban 

h ur 

Ice 

Nedrpanına Ü 
re My 


Din 
ui Ya 
4 


ar 


BUN 


ar 


$ 
a & 
ER 


re 


that 


Biken 
Arad 
tt a RUrRSWanGE 


DEF 
PR HR 
IR TAERN 


PEIRENET u 
BR YENNN 


we 
RR 
hr 


N 
MBH 
KETTE EN UT He 
MILI Dean 


RN HE 
hen ve ala 
ea 


Bea IFUrGe hr 
Ley 
Slate 


®, 
Hier 


Ense 


jeden va 


weh 
“if 
aha 


® 


Dh haste 
DEI ICH 
Fe 


4 


% 


WahTeL Br 


PEN 


mm HN ft 
ae 
Ren 
hören 
Ma BRACH + 23 


I 


Er 


tan 


eh 

KERNE Ha 

ae OH 
har N 

ara 


Sstassagigtr 
sarssesfa ers 
SE 


ana 


Zere 


4 
En 
aan 
eh 


He hi 


ja 
Hehe 
en 
Ken 
eannekahn 


Mue pa 41 % 
a Pe MEN Bere 
et 
ir Ba PepeR 
Mat 
Mike 


Rn 
DASTL HEHE BE FUH 
el hr 
a 


at 
Ka 


Ver 
er 
nv 


Hua 
ren 
U, 
B 


a if 
N, 
ve, ara ar 
et 
ak 


ie 
Yen „ 
Meer er u 
Da a ri 


. 
BR 


m jeans 
7 LT 
MIN LRLHERNRTFN 
Krk, ren + 
BALL REM 4 
var 


ne 


EB I HR 


Aahıaipsr 


Hin Be Anl 
alsheitak'neitaineihe 


a 


ai 


u 2.7 


Kirchenrechtliche Abhandlungen. 


Herausgegeben 
von 


Dr. Ulrich Stutz, 


0. ö. Professor der Rechte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität 
zu Bonn. 


34. bis 36. Heft: 


Hildebert von Lavardin (1056—1133) und das Kirchliche 
Stellenbesetzungsrecht. 


Von 


Dr. sur. FRANZ X. BARTH 


Priester der Erzdiözese Köln. 


STUTTGART. 
VERLAG VON FERDINAND ENKE 
1906. 


Hildebert von Lavardin 


FA OF PRINGER, 
be 


EN} ad? 
SEeBEIA SER 


und das kirchliche Stellenbesetzungsrecht. 


De. sur. FRANZ X. BARTH 


Priester der Erzdiözese Köln. 


STUTTGART. 
VERLAG VON FERDINAND ENKE. 
1906. 


Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart. 


Vorwort. 


Die gegenwärtige Abhandlung verdankt ihre Entstehung 
der schon vor vierzehn Jahren vom Verfasser gehegten Ab- 
sicht, ein Leben jenes Hildebert zu schreiben, der bald durch 
seinen Geburtsort Lavardin, bald durch seinen Bischofssitz 
Le Mans, bald durch seinen Metropolitanstuhl Tours näher 
bezeichnet wird. Die damals zu diesem Ende begonnene 
Arbeit musste infolge anderweitiger Beschäftigung für eine 
Reihe von Jahren unterbrochen werden, und als ich dann 
meine Studien wieder aufnehmen konnte, liess es mir eine 
mittlerweile veröffentlichte Schrift Dieudonnös als überflüssig 
erscheinen, meinerseits noch eine einfache Biographie zu liefern. 
Ich beschloss vielmehr, einer eingehenden Untersuchung der 
verschiedenen Seiten des Wirkens Hildeberts mich zuzuwenden. 
Als erste Frucht dieser Studien bietet sich hiermit eine Wür- 
digung des Bischofs als Kanonisten dar, für eine zweite, welche 
seine literargeschichtliche Bedeutung zeigen soll, ist die Vor- 
bereitung ziemlich weit gediehen. — Von dem ursprünglichen 
Plane, in einem zweiten Teile die übrigen Gegenstände des 
kirchlichen Rechtes, welche Hildebert berührt, zur Darstellung 
zu bringen, bin ich zurückgekommen. Ich habe mich darauf 
beschränkt, die meisten der Punkte, die in einem eigenen 
Teile hätten behandelt werden können, im Anschluss an das 
vorliegende engere Thema, sei es im Text, sei es in den An- 
merkungen, so weit als möglich zu berücksichtigen, und ich 
meine behaupten zu dürfen, dass es einerseits ohne Störung 
des Zusammenhanges, anderseits für die Erkenntnis der juri- 
stischen Gresamtauffassung Hildeberts ausgiebig geschehen ist. 


VI Vorwort. 


An Vorarbeiten kommen, abgesehen von Hinweisen auf 
den einen oder anderen Ausspruch Hildeberts, die sich in 
juristischen Werken ganz vereinzelt finden, nur historische in 
Betracht, und diese sind von Dieudonn& in seinem ersten 
Kapitel zusammengestellt. Ueber die Ergebnisse der bisherigen 
Forschung orientiert der Artikel Böhmers in der Real- 
encyclopädie von Herzog-Hauck. 

Eine in der Einleitung enthaltene Untersuchung über die 
den juristischen Ausführungen Hildeberts zu (runde liegenden 
Quellen ist so weit geführt, als es füglich ohne Eifgehen auf 
den Inhalt des Textes und ohne Benutzung handschriftlichen 
Materials geschehen konnte. Weitere und bestimmtere Resul- 
tate werden hoffentlich "die längst angekündigten Aufsätze 
Fourniers über die betreffenden Fragen bringen. — In der 
eingehaltenen Ordnung wurden sachliche mit literarischen und 
chronologischen Gesichtspunkten so verbunden, wie es dem 
Charakter des Themas am besten zu entsprechen schien. 


Bonn, im September 1906. 


Franz X. Barth. 


Inhaltsübersicht. 


Seite 

OL WOLLE EEE V: 
Ziteraturverzeichnis. "7... Kara N ET RT 
EIRIOHUDSIISRM Ra HR N N RR EEE ERLERNEN 1 
I. Hildeberts Leben 1 
II. Hildebert und das kanonische Recht. 5 
1. Seine Bedeutung auf diesem Gebiete . . . 2... B) 

2. Sein Verhältnis zu den Sammlungen Ivos 8 

Su Seinezeirene, Dammlungan a ee ld 


II. Hildeberts Stellung zurgregorianischenReform 19 


1. Die Reform in Frankreich . . . . 19 
2. Persönliche Beziehungen Hildeberts zur N 
und.ıhnens Veranstaltungen wa sa 20 


Erstes Kapitel. 


Die allgemeinen Amtshindernisse . . . . 2 2 2 22.20.03 
I. Die im Briefe II, 29 enthaltenen Hindernisse . . 26 
1. Die Mängel der Geburt und der Freiheit. . . . . 27 

Zu ManrelederaSanftmutee we 07 

828. Mangel’des guten Renten wer a erde 

4. Mangel der Wissenschaft. . . . . er 08 

5. Delikte: Notwehr, Tötung, een ULEB 0:36 

6. Bindungsansdens Weihebischof uns eu 2 2 0.805.20707.0:39 


VoI Inhaltsübersicht. 


Seite 
II. Die bei der Bischofswahl von Angers 110l in 
Frage kommenden Hindernisse... . „nm. z4l 
1. Mangel des erforderlichen Alters. . ». . 2... 0... 41 
2. Mangel der erforderlichen Weihen . .. ....4 
3... Mehrheit von Stellen? 2. nn a Er 
111. 226libat und. sımonie 02. N. 
1. Die Kontroverse über Hildeberts Sittlichkett . . . 53 
2. Die Hauptgesetze über den Zölibat . . . . . 2.097 
8. Die Gesetzgebung bezüglich der Priestersöehne . . . 64 
4. Hildebert gegen die Simonie . . . ne 


et 


Ungültigkeit der simonistisch rc Weihe? RE 
6. Strafwirkung des simonistischen Empfanges der Weihe 73 


IV,' Beseitigung der Hindernisse . , . ine ren 
1. Die'Dimissorien 2 2 7 Va RR) 
2. Der  Beinigungseid.! „.%. 12. .0.2. 1. ka re 
3. Das Gottesurteil . ».. . RE EN un 25 
4. Päpstliches Dan ienrecnt re N 
5. Bischöfliches Dispensationsrecht . . . . TI 
6. Beschwerden Hildeberts bezüglich des en RR 
2. Gesamtergebnis’des. K apıtelsun. 7 „1.19, Eee 102 


Zweites Kapitel. 


Besetzung der niederen Kirchenämter und der Kapitelstellen 106 


L- Die” Rechterder Laien... 2.00 ee ne 
1. im allgemeinen . . N ee 
2. bei den niederen Kirchen in 0:00) 
9... bei den 'Kapitelstellen. . 2... u... 1.2 (una 
4. Fortsetzung: Der Streit in Tours . . . 167 


5. Entwicklung der Laienrechte und ihrer Bekämpfung 179 


112 ,Die;,Rechte klerıkaler Organe. rc ET: 


1. der Domkapitel bei Kapitelstellen . . . 218 
2. der Domkapitel (und anderer kirchlichen ee ) 
bei ‚Eigenkirchen ra 17. 


Inhaltsübersicht. 


der Archidiakonen, Archipresbyter und Landdekane . 
des Papstes, der Synoden und des Metropoliten 
Weitere Entwicklung dieser Rechte . 

Gesamtergebnis des Kapitels 


np 


Drittes Kapitel. 


Besetzung der Bistümer . 


I. Erhebung Hildeberts zum Bischof von Le Mans. 
1. Geschichte derselben NEE ET 
2. Juristische Analysierung ne ihr Verhältnis zu 
früheren Besetzungen dieses Bee 


II. Besetzung anderer Bistümer am Ende des 11.und 
Anfang des 12. Jahrhunderts 


1. Besetzung des Bistums Angers im Jahre 1101 

2. Besetzung der königlichen Bistümer in Frankreich 
(Ivo von Chartres) . i ; 

3. Besetzung der Bistümer im aka anrischen 
Reich. 


III. Die Ereignisse der Jahre 1111 und 1112 und die 
Entwicklung der Investiturfrage bis 1123 


1. Beurteilung jener Ereignisse von seiten des franzö- 
sischen Klerus, insbesondere Ivos. GER, : 
2. Urteil Hildeberts (und seine Stellung zur Frage des 
Verhältnisses von Kirche und Staat) 3 
3. Die weitere Entwicklung . 


IV. Die Erhebung Hildeberts zum Erzbischof von Tours 


1. Die Translation Hildeberts h 
2. Das Pallium (und die bretonische es) s 
3. Der Primat von Lyon und der von Canterbury . 


V. Die späteren Bistümerbesetzungen . 


l. Die Vakanz in Le Mans nach Hildeberts Translation 
und das Regalienrecht 


IX 
Seite 
267 
282 
299 
315 


324 
325 


Inhaltsübersicht. 


2. Die Besetzung des Bistums Le Mans in den Jahren 1126, 


1155.00d, spater m 22 450 
3. Die erste Besetzung des Erebirtans Pours era Hilde 
Dertsslode 02: ‘ ; . 456 


4. Spätere Entwicklung. ee hl: ae Kanıtere . 459 


Rückhlicki... u. 3. RP a Pe ey 
Alphabetisches Register... 22... erste 


Literatur. 


Achery, D’, Spicilegium sive Collectio veterum aliquot seriptorum, qui 
in Galliae bibliothecis delituerant. Nova editio. T. III. Paris 1723. 
Acta Sanctorum Aprilis colleeta, digesta, illustrata a Godefrido 
Henschenio et Daniele Papebrochio e Societate Jesu. T. I. 
Antverpiae 1675. — Vgl. Hildebert. 
Ich zitiere: A. S, 

Actus Pontificum Cenomanis in urbe degentium: Vetera Ana- 
lecta cum ... adnotationibus et aliquot disquisitionibus R.P,D. 
Joannis Mabillon. Nova editio. Paris 1723, S. 239 ff. Die 
Ausgabe von G. Busson et A. Ledrun in Societe des Archives 
hist. du Maine t. II. stand mir nicht zur Verfügung. 

Ferner sind die „Actus“ Hildeberts abgedruckt in den Aus- 
gaben seiner Werke (s. Hiidebert). 

Ich zitiere: A. P. Mab...., die Actus Hildeberti A. P., 
B. (Beaugendre) ...; M. (Migne)...; Mab.... Ferner sind die 
Actus gemeint, wenn der „Biograph“ eines Bischofs von Le Mans 
angerufen wird. 

Archiv, Neues, der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde. 

Ich zitiere: N. A. 

Art, L’ de verifier les dates des faits historiques etc. Par un religieux 

de la Congrögation de St. Maur. T. XIII. Paris 1818. 


Baumgartner, Alex., Geschichte der Weltliteratur, Band IV: Die 
lateinische und griechische Literatur der christlichen Völker. 
3. u. 4. Aufl. Freiburg i. B. 1904. 

Below, Georg v., Die Entstehung des ausschliesslichen Wahlrechts der 
Domkapitel. Mit besonderer Rücksicht auf Deutschland: Histo- 
rische Studien; hrsg. von W. Arndt etc. 11. Heft. Leipzig 1883. 

Ben&dictins de Solesmes: Cartulaire des abbayes de Saint-Pierre 
de la Couture et de Saint-Pierre de Solesmes, publi& par les —. 
Le Mans 1831. 


Xu Literatur. 


Benzonis episcopi Albensis ad Heinricum IV. Imperatorem libri VII. 
Edente Karolo Pertz: M. G. hist. edidit Georgius Heinricus 
Pertz. Sceriptorum t. XI (fol). Hannoverae 1354. 

Bernheim, Ernst, LotharIIl.und dasWormser Concordat. Strassburg 1374. 

— Zur Geschichte des Wormser Concordates. Göttingen 1878. 

— Das Wormser Konkordat und seine Vorurkunden hinsichtlich Ent- 
stehung, Formulierung, Rechtsgültigkeit: Untersuchungen zur 
Deutschen Staats- und Rechtsgeschichte, hrsg. von Otto Gierke, 
81. Heft. Breslau 1906. 

Biblioth&que de l’Ecole des chartes. 

Ich zitiere: Bibl. ec. ch. 

Bibliothöque de l’Ecole des hautes &tudes. 

Ich zitiere: Bibl. &c. h. et. 

Böhmer, Heinrich, Kirche und Staat in England und in der Normandie 
im XI. und XI. Jahrhundert. Leipzig 1899. 

— Die Fälschungen Erzbischof Lanfranks von Oanterbury: Studien zur 
Geschichte der Theologie und der Kirche, hrsg. von N. Bonwetsch 
und R. Seeberg. VIII (Leipzig 1902) 1 ff. 

— Hildebert von Lavardin, bei Herzog-Hauck VIII (1900), 67 ff. 

Burchardi, Wormatiensis ecclesiae episcopi, Decretorum libri viginti: 
Migne s. IL, t. CXL, 537 fl. 


Cauvin, Th., Geographie ancienne du diocese du Mans: Institut des 
provinces de France, M&moires, 2° serie, t. I. Paris 1845. 
Chartularium insignis ecclesiae Cenomanensis, quod dicitur Liber 
Albus Capituli: Institut des provinces de France, 2® serie, t. II. 

Le Mans 1869. 

Compain, L., Etude sur Geoffroi de Vendöme: Bibl. &c. h. 6t., sciences 
phil. et hist, LXXXVI (Paris 1891). 

Courson, Aurelien de: Cartulaire de l’abbaye de Redon en Bretagne, 
publi& par —: Collection de documents inedits sur l’histoire de 
France publies par les soins du ministre de l’instruction publique. 
Premiere serie: Histoire politique. Paris 1863. 


Dieudonn&, A., Hildebert de Lavardin, &v&que du Mans, archev&que 
de Tours (1056—1133). Sa vie. — Ses lettres. Paris 1898. 
Disputatio vel defensio Paschalis papae. Edidit Ernestus Sackur: 

M. G., lib. de lite II, 658 ff. 
Dubruel Marc, zu Stutz, Regalie (bei Herzog-Hauck): Revue d’histoire 
eccel&siastique, VII (Louvain 1906), 166 ff. 
Du Cange, Glossarium mediae et infimae latinitatis. Digessit G. A.L. 


Henschel. Paris 1840 ff. 


Literatur. XII 


Duchesne, L., Fastes €piscopaux de l’ancienne Gaule. 2 Bände. 
Paris 1894. 1899. 


Esmein, La question des investitures dans les lettres d’Yves de Char- 
tres: Bibl. &c. h. &t., sciences religieuses, I (Paris 1839), 139 ff. 


Flach, Jacques, Les origines de l’ancienne France. X® et XI® siecles. III. 
(La renaissance de l’ötat, la royaute et le principat). Paris 1904. 
Daraus: La royaute et l’öglise en France du IX® au XIe siecle: 
Revue d’histoire eccl&siastique IV., Louvain 1903. 

Foucault, Essai sur Ives de Chartres d’apres sa correspondance. Char- 
tres 1883. These. 

Fournier, Paul, Les collections canoniques attribuees a Yves de 
Chartres: Bibl. de l’&Ecole des chartes LVII (Paris 1396), 
645 ff. LVIII (1897), 26 ff. 293 ff. 410 ff. 622 £. 

— Yves de Chartres et le droit canonique: Revue des questions 
historiques. Nouvelle serie. XIX (Paris 1898), 51 f. 384 ff. 

— Les officialitöes au moyen äge. Etudes sur l’organisation, la comp6- 
tence et la proc&dure des tribunaux ecclesiastiques ordinaires en 
France, de 1180 a 1328. Paris 1830. 

Friedberg, Aemilius: Corpus juris canonici. Editio Lipsiensis secunda. 
Post Aemilii Ludoviei Richteri curas... recognovit et adnotatione 
critica instruxit —. Pars prior: Decretum magistri Gratiani. Pars 
secunda: Decretalium collectiones. Lipsiae 1879. 1880. 

— Lehrbuch des katholischen und evangelischen Kirchenrechts. 5. Aufl. 
Leipzig 1903. 

Funk, F. X., Kirchengeschichtliche Abhandlungen und Untersuchungen. 
1. Band. Paderborn 1897. Darin Seite 23 fi.: Die Bischofswahl 
im christlichen Altertum und im Anfang des Mittelalters. 


Gallia Christiana in provincias ecelesiasticas distributa. Opera et 
studio Monachorum Congregationis S. Mauri Ordinis 8. Benedicti. 
T. IV. VIII. XI. Paris 1728—1759. — T. XIV. XVI. condidit 
Bartholomaeus Haur&au. Paris 1856. 1865. 

Gams, Pius Bonifacius, Series episcoporum ecclesiae catholicae. Ratis- 
bonae 1873. 

Geffken, Heinrich, Die Krone und das niedere deutsche Kirchengut 
unter Kaiser Friedrich II. (1210—1250). Jena 1390. 

Gierke, Otto, Das deutsche Genossenschaftsrecht. 3. Band: Die Staats- 
und Korporationslehre des Altertums und des Mittelalters und ihre 
Aufnahme in Deutschland. Berlin 1881. 


XIV Literatur. 


Giesebrecht, Wilhelm von, Geschichte der deutschen Kaiserzeit. 
3. Band: Das Kaisertum im Kampfe mit dem Papsttum. 5. Aufl. 
Leipzig 1890. 

Glasschröder, Franz X., Das Archidiakonat in der Diözese Speier 
während des Mittelalters: Archivalische Zeitschrift, heraus- 
gegeben durch das Bayrische Allgemeine Reichsarchiv in München. 
Neue Folge. X (München 1902), 114 ff. 

Goffridi, abbatis Vindocinensis, opera omnia, juxta editionem Sirmon- 
dianam. Accurante J.P. Migne: Patrol., s. II., t. OLVII. Paris 
1854. 

— libelli. Edidit Ernestus Sackur: M. G., lib. de lite II, 676 £. 

Grandmaison, Louis de: Cartulaire de l’archeväche de Tours (Liber 
bonarum gentium) publi& par —: M&moires de la Societ& archeo- 
logique de Touraine t. XXXVIL XXXVIIl. Tours 1892. 1894. 

Grauert, Hermann, Das Dekret Nicolaus II. von 1059: Hist. Jahrb. 
der Görres-Gesellschaft I (Münster 1880), 502 ff. 

— zu Jos. Berchtold, Die Bulle Unam Sanctam: ebd. IX (München 
1888), 137 £. 

Gregorii VII. Registrum, siehe Jaffe Bibl. 

Guerard: Cartulaire de l’öglise Notre-Dame de Paris, publiE par — 
avec la collaboration de Mm. Geraud, Marion et Deloye. T. I. II. 
Collection des Cartulaires de France t. IV. V. Paris 1850: 
Collection de documents inedits sur Y’hist. de France... I.s. 

— Cartulaire de l’abbaye de Saint-Pöre de Chartres, publi& par —. 
Collection des Cartulaires de France t. I. II. Paris 1840: Col- 
lection de documents inedits sur l’hist. de France... I. s. 


Hacke, Curt-Bogislav Graf von, Die Palliumverleihungen bis 1143. 
Eine diplomatisch-historische Untersuchung. Göttinger philosoph. 
Dissertation. Göttingen 1898. 

Hauck, Albert, Kirchengeschichte Deutschlands. 3. Teil. 3. u. 4. Aufl. 
Leipzig 1906. 

— Der Gedanke der päpstlichen Weltherrschaft bis auf Bonifaz VIII. 
Leipziger Universitätsschrift. Leipzig 1904. 

Haureau, Barth., s. Gallia Chr. 

— Une &lection d’eveque au XII® siecle. Rainaud de Martigne, eveque 
d’Angers: Revue des deux mondes. XL* annee. II® per. LXXXVII 
(Paris 1870), 548 fl. 

— Histoire litteraire du Maine. Nouvelle @dition. T. VI. Paris 1873. 

— Les melanges poetiques d’Hildebert de Lavardin. Paris 1882. 

Hefele, Carl Jos., Conziliengeschichte. 4. 5. 6. Bd. 2. Aufl. (die des 
5. u. 6. besorgt von Al. Knöpfler). Freib. i. B. 1879. 1886. 1890. 


Literatur. XV 


Herzog-Hauck: Realenzyklopädie für protestantische Theologie und 
Kirche, begründet von J. J. Herzog. 3. Aufl. herausgegeben von 
Alb. Hauck. Leipzig 1896 ff. 


Heusler, Andreas, Deutsche Verfassungsgeschichte. Leipzig 1905. 


Hildeberti episcopi Cenomanensis epistolae de Paschali papa. Edidit 
Ernestus Sackur: M. G., lib. de lite II, 667 fi. 


— (Venerabilis) primo Cenomanensis episcopi, deinde Turonensis archi- 
episcopi opera omnia. — Accesserunt Marbodi Redonensis 
episcopi opuscula. — Labore et studio D. Antonii Beaugendre 
presbyteri et monachi OÖ. S. B. e Congregatione S. Mauri. 
Paris 1708. 

De novo edita, cum notis et quam plurimis additis genuinis 
operibus, cura et studio J.J.Bourass&, canonici ecclesiae Metro- 
politanae Turonensis, accurante J.-P. Migne: s. II. t. CLXXI. 
Paris 1854. 

Ich zitiere Hildebert, B.... M.... (ohne Angabe des 
Bandes). 


— Vita sancti Hugonis, abbatis Cluniacensis: Acta Sanctorum Apr. 
IL Era) EMıEnS as UI FtSCHEXF 857.8. 


— Po&ma elegiacum de virtutibus et vitiis (sive De nummo): Otto, 
Commentariüi critici in codices Bibliothecae Academicae Gissensis. 
Gissae 1842. 

Hinschius, Paul, Das Kirchenrecht der Katholiken und Protestanten 
in Deutschland: System des katholischen Kirchenrechts mit be- 
sonderer Rücksicht auf Deutschland. 1.—6. Bd. Berlin 1869—97. 

— Decretales Pseudo-Isidorianae et capitula Angilramni. Ad fidem 
librorum manuscriptorum recensuit, fontes indicavit, commen- 
tationem de collectione Pseudo-Isidori praemisit —. Lipsiae 1863. 


Histoire litt&raire de la France, par des religieux Benedictins de 
la Congregation de S. Maur. T. VIII. X—XII. Paris 1747—1763. 


Ouvrage ... continu& par une Commission prise dans la Classe 
d’histoire et de litterature ancienne de VInstitut, T. XI. 
Paris 1814. 


Hüffer, Hermann, Forschungen auf dem Gebiete des französischen und 
des rheinischen Kirchenrechts. Münster 1868. 

Hugonis, Lugdunensis archiepiscopi, epistolae et privilegia: Migne, 
Ba lTst CHVIL2507.E 

Hurter, Friedr., Geschichte Papst Innocenz des Dritten und seiner 
Zeitgenossen. 1. Band. Hamburg 1834. Nur die 1. Aufl. stand 
mir zur Verfügung. 


xXVI Literatur. 


Jaffe, Phil., Bibliotheca rerum Germanicarum: Edidit. —. Tom. II: 
Monumenta Gregoriana. Berlin 1865. 
Daraus zitiere ich Gregorii VII. Registrum und Epistolae 
collectae. 
— Regesta Pontifiecum Romanorum. Ed. II. 1888. Lipsiae 1885. 


Imbart de la Tour, P., Les elections Episcopales dans l’Eglise de 
France du IX® au XIIe siecle (8314—1150). These. Paris 1891. 

— Les paroisses rurales dans l’ancienne France du IV® au XlIe siecle: 
Revue historique LX, 241 ff.; LXT, 10 ££.; LXIIL, 1 ff.; LXVIJ, 
1f#.; LXVIIL, 1 ff. Paris 1896 ff. Die Ausg. von 1900 fehlte mir. 


Ivonis, episcopi Carnotensis, Epistolae ad litem investiturarum spectantes. 
Edidit Ernestus Sackur: M. G., lib. de lite II, 640 ff. 

— ep. Carn. opera omnia. Post Joannis Frontonis curas ... accurante J.-P. 
Migne. T.I. Patrologiae s. II. t. CLXI. Paris 1855. 

Ich zitiere: Evo D. (= Decretum), P. (= Panormia). 

— ep. Carn. opera omnia. Accurante J.-P. Migne. T. II. Paris 1854: Divi 
Ivonis... operum pars altera. Epistolae cum notis doctissimorum 
virorum Jureti ... et Soucheti .. 

Ich zitiere Brief Ivos ... M. (ohne Angabe des Bandes). 


Kothe, Wilhelm, Kirchliche Zustände Strassburgs im vierzehnten 
Jahrhundert. Freiburg i. B. 1903. 


Leder, Paul Aug., Die Diakonen der Bischöfe und Presbyter und ihre 
urchristlichen Vorläufer: Kirchenrechtliche Abhandlungen, 
hrsg. von U. Stutz, 23. u. 24. Heft. Stuttgart 1905. 

Lepinois E. de, et Merlet, Lucien, Cartulaire de Notre-Dame de 
Chartres, publi&... par —. Chartres 1862. 1863. 1865. 

L’Huillier, A., Vie de saint Hugues, abb& de Cluny (1024—1109). 
Solesmes 1888. 

Liber Albus, siehe Chartularium. 

Luchaire, A., Les premiers Capetiens: Lavisse, Ernest, Histoire de 
France IIH. Paris 1901. 

— Louis VI le Gros, Annales de sa vie et de son rögne (1081—1137) 
avec une introduction historique. Paris 1890. 


— Manuel des institutions francaises. Periode des Capetiens directs. 
Paris 1892. 


Mabillon, Joh., Annales ordinis Sancti Benedicti, auctore —. Ed. prima 
Italica. T. V. Lucae 1740. 


Makower, Felix, Die Verfassung der Kirche von England. Berlin 1894. 


Literatur. XVII 


Mansi, Jo. Dom., Sacrorum Conciliorum nova et amplissima eollectio. 
Editio novissima a — curata. T. XIX—XXI. Venetiis 1774 bis 
1778. Wo der Wortlaut der canones mir von Hefele (s. d.) ge- 
nügend wiedergegeben schien, habe ich gewöhnlich nur auf ihn 
verwiesen. 

Marbodus, s. Hildebertus. 

Marlot, Guillaume, Histoire .de la ville, cite et universit& de Reims, 
III. vol. Reims 1846. 

Martene, Edm. et Durand, Urs.: Thesaurus novus Anecdotorum.... 
studio et opera — T. I. Paris 1717. 

— Veterum scriptorum et monumentorum historicorum, dogmaticorum, 
moralium amplissima collectio ... studio et opera —. T. I. 
Paris 1724. 

Merlet, Lucien: Lettres d’Ives de Chartres et d’autres personnages de 
son temps, hrsg. von —: -Bibl. &c ch., XVI® annee, IV serie t. L, 
(Paris 1855), Seite 443 fi. 

Merlet, Rene, L’&mancipation de l’eglise de Bretagne et le concile de 
Tours (848—851): Le Moyen äge, Revue d’histoire et de philo- 
logie. 2° serie. Tome II. (T, XI. de la collection.) Paris 1898. 

Michael, Emil, Geschichte des deutschen Volkes seit dem 13. Jahr- 
hundert bis zum Ausgang des Mittelalters. Freiburg i. B. 1. Bd. 
1897. . 8. Bd. 1. bis 3. Aufl» 1903. 

Migne, Patrologiae cursus completus, series secunda. S. Goffridus 
Hildebertus, Hugo, Ivo. 

Ich zitiere: M. 

Mirbt, Carl, Die Publizistik im Zeitalter Gregors VII. Leipzig 1894. 

Monumenta Germaniae historica. Libelli de lite Imperatorum et Ponti- 
ficum saeculis XI. et XII. conseripti. T. II. Hannoverae 1892. 

München, Nic., Das kanonische Gerichtsverfahren und Strafrecht. 
2. Band. Köln und Neuss 1866. 


Notices et extraits des manuscrits de la bibliothöque nationale et autres 
bibliotheques, publies par l’Institut national de France, faisant 
suite aux notices et extraits lus au comite &tabli dans l’Acad&mie 
des inscriptions et belles-lettres. Paris. 


Orderici Vitalis Historiae ecclesiasticae libri tredecim veteris codicis 
Uticensis collatione emendavit et suas animadversiones adjecit 
Augustus Le Pr&vost. 5 t. Paris 1838—1855. 


Otto, s. Hildebertus. 
EL 


XVII Literatur. 


Pflugk-Harttung, J. v., Acta Pontificum Romanorum inedita. 1. Bd. 
Tübingen 1881. 

Phillips, Georg, Kirchenrecht. 1.—7. Band. Regensburg 1845—1872. 
Fortgesetzt von Friedr. H. Vering, 8. Band 1. Abtlg. Regens- 
burg 1889. 

Phillips, G. J., Das Regalienrecht in Frankreich. Halle 1873. 

Piolin, Paul, Histoire de l’eglise du Mans. 6 Bde. Paris 1851—1863. 

Potthast, August, Regesta Pontifieum Romanorum (1198—1304). 2 Bde. 
Berlin 1874. 1875. 


Quartalschrift, Römische, für christliche Altertumskunde und für 
Kirchengeschichte, herausgegeben von Ant. de Waal und Heinr. 
Finke. 8. Jahrg. Rom 1894. 


Recueil des historiens des Gaules et de la France. Nouvelle &dition 
publiee sous la direction de M. Leopold Delisle. Paris 1869 ff. 
(T. XV. par Michel Jean Jos. Brial 1878). 

Revue des questions historiques. 

Ich zitiere: Rev. q. h. 

Ribbeck, Walter, Gerhoh von Reichersberg und seine Ideen über das 
Verhältnis zwischen Staat und Kirche: Forschungen zur 
deutschen Geschichte XXIV (Göttingen 1884), 1 ff. XXV (1885), 
596 Fl. 

Robert Ulysse, Histoire du pape Calixte II. Paris-Besancon 1891. 

Rose, Valentin: Die Handschriftenverzeichnisse der Königlichen Biblio- 
thek zu Berlin, 12. Bd.; Verzeichnis der lateinischen Handschriften 
von —, 1. Bd. Berlin 1893. 

Rudorff, Hermann, Zur Erklärung des Wormser Konkordats: Quellen 
und Studien zur Verfassungsgeschichte des deutschen Reiches in 
Mittelalter und Neuzeit, hrsg. von Karl Zeumer, Band I Heft 4. 
Weimar 1906. 


Sackur, Ernst, siehe Disputatio, Goffridus, Hildebertus, Ivo. 

— Die Briefe Gottfrieds von Vendöme im Cod. Vat. reg.1.59: Neues 
Archiv XVIII (Hannover und Leipzig 1893), 666 ff. 

— Zur Chronologie der Streitschriften des Gottfried von Vendöme: 
Neues Archiv XVI (Hannover 1892), 327 fi. 

— Die Cluniacenser in ihrer kirchlichen und allgemeingeschichtlichen 
Wirksamkeit bis zur Mitte des elften Jahrhunderts. 2 Bände. 
Halle a. S. 1892. 1894. 

Sägmüller, J. B., Die Entwicklung des Archipresbyterats und Dekanats 
bis zum Ende des Karolingerreichs. Tübinger Universitätsschrift. 
Tübingen 1898. 


Literatur. XIX 


Savigny-Stiftung, s. Zeitschrift. 

Schäfer, Dietrich, Zur Beurteilung des Wormser Konkordates: A b- 
handlungen der Königl. Preuss. Akad. der Wissenschaften. 1905. 

Scherer, R. von, Handbuch des Kirchenrechts. 2 Bände. Graz 1886 
bis 1893. 

Schmidlin, Joseph, Die geschichtsphilosophische und kirchenpolitische 
Weltanschauung Ottos von Freising: Studien u. Darstlign. aus 
dem Gebiete der Geschichte; IV. Bd. 2 u. 3. H. Freiburg i. Br. 1906. 

Schneider, Philipp, Die bischöflichen Domkapitel, ihre Entwicklung 
und rechtliche Stellung im Organismus der Kirche. Mainz 1885. 

Schröder, Alfred, Entwicklung des Archidiakonats bis zum elften 
Jahrhundert. Münchener theologische Dissertation. Augsburg 1890. 

Schröder, Richard, Lehrbuch der deutschen Rechtsgeschichte. 3. Aufl. 
Leipzig 1898. Die neueste Auflage stand mir nicht zur Verfügung. 

Schrörs, Heinrich, Hinkmar, Erzbischof von Reims. Sein Leben und 
seine Schriften. Freiburg i. Br. 1884. 

— Eine vermeintliche Konzilsrede des Papstes Hadrian II: Histo- 
risches Jahrbuch der Görres-Gesellschaft XXII (München 1901), 
23 fi. 257 ft. 

— Papst Nikolaus I. und Pseudo-Isidor: Ebd. XXV (1904), 1ff. Dazu 
Erklärung XXVI (1905), 711 £. 

— Die pseudo-isidorische Exceptio spolii bei Papst Nikolaus I.: Ebd. 
XXVI (1905), 275 ff. 

Schum, Wilhelm, Die Politik Papst Paschals II. gegen Kaiser Hein- 
rich V.im Jahre 1112; nebst einem Anhang über: Abt Gottfrieds 
von Vendöme Stellung zur Investiturfrage. Separatabdruck aus 
den Jahrbüchern der Königlichen Akademie gemein- 
nütziger Wissenschaften zu Erfurt. Neue Folge, Heft VIII (Seite 
189 fi.: Kaiser Heinrich V. und Papst Paschalis II. im Jahre 1112). 
Erfurt 1877. 

Sieber, Albert, Bischof Ivo von Chartres und seine Stellung zu den 
kirchenpolitischen Fragen seiner Zeit. Königsberger philosophische 
Dissertation. Braunsberg 1885. 

Stiegler, M. Alb., Dispensation, Dispensationswesen und Dispensations- 
recht im Kirchenrecht. 1. Bd. Mainz 1901. 

Stutz, Ulrich, Die Eigenkirche als Element des mittelalterlich-ger- 
manischen Kirchenrechts. Berlin 1895. 

— Geschichte des kirchlichen Benefizialwesens von seinen Anfängen bis 
auf die Zeit Alexanders III. 1. Bd. 1. Abteilung. Berlin 1895. 

— Kirchenrecht: Enzyklopädie der Rechtswissenschaft in systematischer 
Bearbeitung, begr. von F. v. Holtzendorff, hrsg. von J. Kohler, 
Leipzig-Berlin 1904; II, 809 fi. 


xX Literatur. 


Stutz, Lehen und Pfründe: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für 
Rechtsgeschichte. Germanist. Abteil., XX (Weimar 1899), 213 ff. 

— Das habsburgische Urbar und die Anfänge der Landeshoheit, ebd. XXV 
(1904), 192 ft. 

— Das Münster zu Freiburg i. Br. im Lichte rechtsgeschichtlicher Be- 
trachtung. Rede. Tübingen und Leipzig 1901. 

— Artikel über Patronat, Pfarre und Regalie bei Herzog-Hauck, XV, 
13 #. 2394. XVI, 556. f. 

Sudendorf, H.: Berengarius Turonensis oder eine Sammlung ihn be- 
treffender Briefe, hrsg. von —. Hamburg und Gotha 1850. 


Theineri, Augustini, Disquisitiones criticae in praecipuas canonum et 
decretalium collectiones. Romae 18336. 

Theiner, Augustin, Ueber Ivos vermeintliches Dekret. Mainz 1832. 

Thiel, Andreas: Epistolae Romanorum Pontificum genuinae et quae ad 
eos scriptae sunt a S. Hilaro usque ad Pelagium II. Recensuit et 
edidit —. T. I. Brunsbergae 1868. 


Yacandard, E., L’eglise et les ordalies au XII. siecle: Revue des 
quest. hist. LIII (Paris 1893), 185 ft. 

— Les origines de l’heresie albigeoise: Revue des quest. hist. LV 
(Paris 1394), 50 ff. 


Watterich, J. M., Pontifiecum Romanorum Vitae ab aequalibus con- 
scriptae. T. Il. Lipsiae 1862. 

Werminghoff, Albert, Geschichte der Kirchenverfassung Deutschlands 
im Mittelalter. Erster Band. Hannover 1905. 

Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon oder Enzyklopädie der katholischen 
Theologie und ihrer Hilfswissenschaften. 2. Aufl., begonnen von 
Jos. Kardinal Hergenröther, fortgesetzt von F. Kaulen. Freiburg i. B 
1882—1903. 


Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, hrsg. 


von E. J. Bekker, L. Mitteis, R. Schröder, H. Brunner, U. Stutz, 
Germanistische Abtlg. 


Einleitung. 


I. 


Hildebert von Lavardin, nach seinem Geburtsort so 
genannt, lebte von ungefähr 1056 bis 1133 !), seine Lebenszeit 
fällt also mit einer der wichtigsten Perioden der Kirchen- 
geschichte zusammen. Seine Herkunft war keine ganz un- 
bedeutende, und seine Begabung ragte offenbar weit über das 
Mittelmass hinaus. Aus den ersten vier Jahrzehnten seines 
Lebens ist uns weniges mehr bekannt, als dass er unter Bischof 
Ho&l, seinem Vorgänger auf dem Stuhle von Le Mans, Lehrer 
und Archidiakon wurde. Dass er in dieser Zeit an der Reform- 
bewegung sich irgendwie hervorragend beteiligte, wird nicht 
bezeugt. Ja, wenn es wahr wäre, was Gegner nach seiner 
Erwählung zum Bischof ihm vorwarfen, dass er nämlich die 
Sittengesetze in gröbster Weise verletzt hätte, so wäre damit 
für seine Stellung zur Reform ein ungünstiges Vorurteil ge- 
geben. Das Leben und Wirken des Bischofs Hildebert — 
und darüber allein sind wir ausreichend unterrichtet — hat 
indes zu derartigem Tadel jedenfalls keinen Anlass mehr 
geboten. 

Es wurde bereits angedeutet, dass seine Erwählung zum 
Bischof von Le Mans (1096) keine einmütige war; der gegne- 
rischen Partei stand sogar die weltliche Macht zur Seite. 
Jedoch beruhigte sich der Graf Helias von Le Mans schon 
bald darüber, dass sein Wille nicht durchgedrungen war, und 
er hatte in der Folge an dem Bischof einen treuen Freund, 


!) Ueber Hildeberts Leben vgl. Dieudonn&, 
Barth, Hildebert von Lavardin. 1 


2 Einleitung. 


der ihm auch in seinen um der Grafschaft willen mit dem 
König von England zu bestehenden Kämpfen wenigstens kein 
Hindernis bereitete. Der letztere dagegen scheint die Aus- 
schaltung seines Einflusses nie verschmerzt zu haben; er liess 
den Bischof seinen Unwillen und sein Misstrauen sehr reichlich 
fühlen; und wenn es auch dem klugen und friedliebenden 
Hildebert gelang, den König hinzuhalten und offene Feind- 
schaft zu verhüten, so war doch dessen früher und plötzlicher 
Tod für ihn eine Erlösung. Der Bruder und Nachfolger Wil- 
helms IL., Heinrich I., war ihm gewogen, Hildebert blieb mit 
ihm und den Angehörigen seines Hauses bis zum Ende seines 
Lebens in beiderseitig wohlwollendstem Verkehr. Dies ver- 
hinderte freilich nicht; dass er in einem Kriege zwischen 
Heinrich I. und Ludwig VI. von Frankreich einige Zeit 
von Verbündeten Englands in politischer Gefangenschaft ge- 
halten wurde. Die zahlreichen Kriege, die damals den Nord- 
westen Frankreichs heimsuchten, werden unserem Bischof über- 
haupt mancherlei Sorge und Widerwärtigkeit bereitet haben, 
namentlich seitdem mit dem Tode des Grafen Helias (1110) 
und der Nachfolge seines Schwiegersohnes Fulko von Anjou 
das bis dahin von Hildebert geförderte Einvernehmen zwischen 
England und Maine für eine Reihe von Jahren wieder ver- 
loren war. 

Vorher aber hatte Hildebert Zeit und Ruhe gefunden, 
um seine erste Bischofsreise nach Rom zu machen, die er 
dazu benutzte, sich bei den normannischen Herrschern von 
Sizilien und anderen Wohltätern Mittel zur Beseitigung der 
mannigfachen „und grossen Kriegsschäden zu verschaffen. Nach 
seiner Rückkehr beschäftigten ihn dann die Angelegenheiten 
der ihm anvertrauten Diözese in hohem Masse. Indes ging 
er nicht so vollständig darin auf, dass er nunmehr den 
„Humanisten* ganz verleugnet hätte; jetzt so wenig wie in 
den Zeiten schwerer Bedrängnis kam seine Muse zum Schwei- 
gen. In der Tat, die Dichtkunst des Bischofs von Le Mans, 
wie seine sonstige. schriftstellerische Befähigung, nicht minder 


Hildeberts Leben. 3 


aber seine wissenschaftliche und praktische Begabung standen 
in hohem Ruf. Davon zeugt auch seine ausgedehnte Kor- 
respondenz. Dieses Ansehen Hildeberts als eines der bedeu- 
tendsten Schriftsteller seiner Zeit hat allerdings dazu geführt, 
vieles auf seine Rechnung zu setzen, was ihm nicht zukommt, 
und was ihm zum Teil durchaus nicht zur Ehre gereichen 
würde )). 

Nicht lange nach der oben erwähnten Gefangenschaft 
finden wir den Bischof wieder in Rom?). Auch diesmal wartete 
des Zurückkehrenden ausserordentliche, und zwar ganz un- 
vermutete Arbeit; er hatte mit den tiefgehenden Schäden 
aufzuräumen, die einer der damals sich erhebenden Volks- 
prediger, Heinrich mit Namen, in der Zeit seiner Abwesen- 
heit angerichtet. Die einige Jahre später, nach Ostern 1120, 
stattfindende feierliche Konsekration des unter Ho&l begon- 
nenen Kathedralbaues mochte wie ein Versöhnungsfest sich 
geben, eine Besiegelung des wiederhergestellten Friedens zwi- 
schen Kirche und Volk ?). — Des weiteren traf Hildebert noch 


!) Ebenda Seite 30. Ueber Hildeberts schriftstellerische Tätigkeit 
gedenke ich mich demnächst in umfassender Weise zu verbreiten. Vor- 
läufig verweise ich hierfür wie für die damalige Renaissance im allge- 
meinen noch auf Haurdau, Melanges; Baumgartner, Alex., Ge- 
schichte der Weltliteratur, Freiburg i. B., IV (4. Aufl. 1905) 378 ff.; 
Luchaire bei Lavisse IIU. In der vorliegenden Arbeit sind selbst- 
verständlich nur die zweifellos echten Werke Hildeberts berücksichtigt. 

?) Ich halte gleich Dieudonne& 73 f. diese Romreise nicht für 
identisch mit der oben erwähnten. Vacandard behauptet mit Unrecht, 
dass man keine andere kenne, als die letztere (Les origines de l’heresie 
albigeoise, Seite 68 Note 3 — ihm folgt Hauck bei Herzog VII, 606). 
Näheres hierüber wie über sonstige noch nicht feststehende Datierungen 
wird die in der vorigen Anm. angekündigte Schrift enthalten, mit welcher 
die Regesten Hildeberts verbunden werden sollen. 

3) Dieudonne irrt, wenn er (Seite 77) die Wirkungen der Tätig- 
keit Heinrichs so gering anschlägt; der Biograph Hildeberts berichtet 
ganz anders: B. XLII oben, M, 98 unten, Mab. 317, 2. Sp. oben. Auch 
die Sprache Hildeberts im Briefe II, 24 (B. 119 f. M. 242) verrät 
schlimmere Folgen. 


4 Einleitung. 


Anordnungen, die geeignet schienen, die Einigkeit im höheren 
Klerus selbst und zwischen diesem und dem niederen zu sichern; 
überhaupt war er darauf bedacht, allseitig geordnete Verhält- 
nisse herzustellen, — da wurde er, ein fast siebzigjähriger 
Greis, noch in eine höhere Stellung abberufen. 

Im Anfang des Jahres 1125, nach dem Tode des Erz- 
bischofs Gilbert von Tours, erwählte man ihn zum Metro- 
politen. Bald nach seinem Eintritt in die neue Würde geriet 
er in einen heftigen Streit mit König Ludwig VI. von Frank- 
reich, der jetzt sein unmittelbarer Herr war; dadurch, dass 
er hinsichtlich der Besetzung zweier Kapitelsdignitäten ihm 
nicht zu Willen sein konnte, zog er sich den unversöhnlichen 
Zorn des Königs zu, und die traurigsten Verwirrungen seiner 
Kirche haben diesen Streit begleitet. Hier scheint auch der 
hauptsächliche Anlass zu jenen Klagen über Papst Honorius 
zu liegen, durch die unser Erzbischof in den Ruf eines Vor- 
läufers der Gallikaner gelangen sollte!). Tatsächlich ist sein 
Verhalten gegen das Papsttum stets ein kirchlich durchaus 
korrektes gewesen. — In seiner anfänglichen Zurückhaltung 
bezüglich der Papstwahl von 1130 scheint er sich mit König 
Heinrich von England zusammengefunden zu haben. Wie er 
ehemals es verstanden hatte, sowohl mit diesem wie mit Fulko 
auf gutem Fusse zu bleiben, so konnte er jetzt bei der so 
folgenreichen Verbindung dieser Häuser, bei der Vermählung 
eines Sohnes des Grafen mit einer englischen Königstochter, 
zugegen sein (1129); dass er an diesem Eheprojekt beteiligt 
gewesen, ist nicht anzunehmen, wohl aber scheint er später 
für eine Versöhnung der zeitweilig getrennten Gatten gewirkt 
zu haben ?). 

Als eines der wichtigsten Ereignisse aus der Metropolitan- 
verwaltung Hildeberts sei noch erwähnt die Provinzialsynode 
von Nantes (1127). Ihre bedeutsamen Beschlüsse werden wir 


!) Siehe Dieudonne 120 ff. 
 ?) Siehe unten im 2. Kap. I, 4. Brief Hildeberts II, 46 (B. 155. 
M. 272). 


Hildebert und das kanonische Recht. 5 


eingehender zu prüfen haben; abgesehen davon bildet sie eine 
bemerkenswerte Etappe in dem jahrhundertelangen Streite 
zwischen Tours und den Kirchen der Bretagne, welche aus 
politischem Anlass in Dol ihren eigenen Metropolitansitz haben 
wollten. Zu Nantes nun ordnete Hildebert auf Wunsch des 
Herzogs Conan und unter Teilnahme von Bischöfen der Bre- 
tagne einige sehr rückständige Verhältnisse dieser Provinz; 
am Ende des Jahrhunderts kehrte sie ganz unter die Juris- 
diktion von Tours zurück. 

Hildebert war auch als Bischof einer der Ersten und der 
Besten seiner Zeit, ein Mann, der seine Zeit und ihre Be- 
dürfnisse, die Leute aller Stände kannte und zu behandeln 
wusste, der namentlich mit den damals so aufgeregten Grossen 
der Welt umzugehen und in gutem Einvernehmen zu bleiben 
verstand, ohne sich und den Rechten der Kirche im wesent- 
lichen etwas zu vergeben. Er war keiner von denjenigen, 
welche die Welt bewegten, noch von denen, die sich einbildeten, 
sie zu bewegen oder bewegen zu müssen, er war kein Stürmer 
und Dränger, auch kein Grundleger für kommende Zeiten; 
er war ganz ein Mann der eigenen Zeit, aber einer von den- 
jenigen, welche am meisten dazu beigetragen haben, die Wun- 
den ihrer Zeit zu heilen. Das ist im Laufe der Jahrhunderte 
über seiner Bedeutung auf dem Gebiete der Literatur zum 
Teil vergessen worden. 


ER 


1. Auch für das kanonische Recht hat nicht Hildebert zu 
seiner Zeit und in seinem Lande am meisten geleistet, diese 
Ehre gebührt vielmehr dem Bischof Ivo von Chartres. Ueber 
dessen Bedeutung für die Entwicklung des kanonischen Rechts 
sind wir gut unterrichtet, namentlich seitdem sich Fournier so 
eingehend mit seinen juristischen Werken befasst hat!). „In- 


!) Siehe die betreffenden Schriften im Literaturverzeichnis unter 
Fournier. 


6 Einleitung. 


dem er die (schwierigen) Fragen aufwarf, erweiterte er den 
Horizont seiner Zeitgenossen, indem er sie löste, trug er bei 
zum Fortschritt des Rechts; indem er die Texte der Kano- 
nisten verbreitete, bot er ihrer Erforschung neue Nahrung; 
indem er das Beispiel dafür gab, die Texte in Einklang mit- 
einander zu bringen — wie weit und ungenau auch sein 
Prinzip sein mochte —, brach er allen denjenigen die Bahn, 
die aus der Mannigfaltigkeit die Einheit zu Tage fördern 
wollten. Auf diesen Grundlagen sollte der Geist der Schulen 
des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts weiterbauen, gene- 
ralisierend in seinen Strebungen, fein in seinen Distinktionen; 
man sieht dann das scholastische Gebäude des kanonischen 
Rechts sich neben demjenigen der Theologie erheben. Es wäre 
Uebertreibung, Ivo als einen der Baumeister zu bezeichnen, 
die an diesem Gebäude gearbeitet haben, aber es ist nicht 
mehr als gerecht, wenn man anerkennt, dass er das Terrain 
dafür bereitet, die Materialien aufgehäuft, das Bauen selbst 
ermöglicht hat. Und auf Grund dieser verschiedenen Titel 
verdient sein Name den Namen derjenigen Männer zur Seite 
gestellt zu werden, die der Sache des Kirchenrechts die meisten 
Dienste erwiesen haben.“ So fasst Fournier!) das Ergebnis 
der Untersuchungen zusammen, die er den drei auf Ivo zurück- 
zuführenden Sammlungen und seinen Briefen kanonistischen 
Inhalts gewidmet hat?). Ohne allen Spuren des Einflusses, 
den Ivo ausgeübt, nachgehen zu können, zeigt Fournier doch, 
dass seine Sammlungen nicht nur in Frankreich, sondern im 
ganzen Occident verbreitet waren und verwertet wurden, dass 


!) Rev. q. h. XIX, 405. 

2) Die Briefe und der Prolog zu dem D. werden behandelt in der 
Rev. q. h. XIX, 51 ff. — Das Resultat bezüglich der drei fraglichen 
Sammlungen siehe Bibl. &c. ch. LVIII, 325. Danach ist die Panormia 
ohne jedes Bedenken als Werk Ivos zu betrachten, nach Fourniers 
Ansicht auch das Decretum; höchstwahrscheinlich stammt auch der erste 
Bestandteil der Tripartita (das sind bei der Dreiteilung die zwei ersten 
Teile) von Ivo selbst oder aus seiner nächsten Umgebung. 


Hildebert und das kanonische Recht. 7 


es in der nächstfolgenden Zeit nur wenige kanonistische Kollek- 
tionen gegeben haben kann, die den seinigen nicht mehr oder 
weniger von ihrem Inhalt wie von ihrem Plane zu verdanken 
haben, dass er fast ausschliesslich den Schriftstellern der ersten 
Hälfte des zwölften Jahrhunderts die kirchenrechtlichen Texte 
geliefert hat). 

Ivo lebte bis zum Jahre 11152); die von ihm her- 
rührenden Sammlungen schliessen mit dem Jahre 1094 oder 
einige Monate später ab. Vielleicht noch mehr als durch diese 
hat er auf seine Zeitgenossen durch Briefe eingewirkt. Auch 
Hildebert hat das kanonistische Orakel seiner Zeit und Heimat 
befragt, öfter wohl, als aus den erhaltenen Briefen Ivos ?) 
unmittelbar hervorgeht; er hat ohne Zweifel dem grossen 
Juristen, der als solcher auch ihm persönlich sowohl mit Gunst 
wie mit Ungunst nach der Strenge des Gesetzes nahe trat®), 
gebührend gehuldigt. So wird denn der Versuch, die kirchen- 
rechtliche Stellung Hildeberts zu zeichnen, voraussichtlich dazu 
führen, dass der Einfluss Ivos und sein Verdienst noch klarer 
hervortritt. Ein Mann wie Hildebert wird die Traditionen 
(rösserer bewahren, befestigen, vielleicht verfeinern, zu ihrem 
vollständigen Siege beitragen, einer folgenden Zeit sie noch 
gefälliger überliefern, aber Neues gestalten, einen wesentlichen 
Fortschritt anbahnen wird er nicht. 

Dennoch ist es nicht ohne Wert, die Stellung Hildeberts 
zu den Fragen des Kirchenrechts einmal im Zusammenhang 
zu behandeln. Er war, wie schon gesagt, eine hervorragende 
Persönlichkeit auch als Kirchenfürst, sein Urteil ist darum für 
uns, es war auch für seine Zeitgenossen von nicht gewöhnlicher 
Bedeutung. Schon der Sitz von Le Mans, noch mehr der- 


!) Ueber diese Ergebnisse siehe Bibl. &c. ch, LVIII, 673 ff.; Rev. 
g. h. XIX, 401. 402. 

2,0 alliasChr,. VIEL TISCH, 

3) 74. 148. 167. 206. 220. 230. 232. Die Briefe Hildeberts fehlen. 

4, Siehe unten im 1. Kap. III, 1 und im 3. Kap. I, 1. Dieu- 
donn& 72. 


8 Einleitung. 


jenige von Tours, sie gaben seinem Ansehen einen sehr weiten 
Bereich. Und in diesem Bereiche, unter Geistlichen und Laien, 
Untergebenen, Gleich- und Höherstehenden, auch Grafen und 
Königen lebte und wirkte er nicht wie einer, der seine guten 
oder schlechten Grundsätze rücksichtslos auf seine Umgebung 
anzuwenden sucht, sondern als ein feiner Beobachter und 
Kenner der Verhältnisse, wie ein Freund und Erzieher, der 
nach Kräften allen alles zu werden sich bemüht. Er nahm 
die Gesellschaft und die Menschen, wie sie waren, und behan- 
delte sie demgemäss, suchte sie seinen Idealen, welche die 
der Kirche waren, zu nähern. So bietet sich uns in seinem 
Schaffen und in seinen Schriften einerseits ein zuverlässiger 
Spiegel seiner Zeit, anderseits ein Prüfstein für Grundsätze, 
welche damals und dort Anwendung gefunden haben oder finden 
wollten. — Dies gilt auch für das Gebiet des Kirchenrechts. 
Auch der Rechtshistoriker kann in diesem Sinne aus der Lebens- 
geschichte und den Werken Hildeberts manches und Wich- 
tiges lernen. Kirchenrechtlicher Natur waren ja die Fragen, 
welche die Zeit bewegten, und Hildebert ist sowohl um seiner 
selbst wie um anderer willen an sie herangetreten. Zwar 
finden wir in seiner Briefsammlung nur wenige Beispiele dafür, 
dass juristische Anfragen an ihn gerichtet worden sind). 
Es mag aber, namentlich seit dem Tode Ivos, öfter geschehen 
sein, als wir wissen, und im übrigen hat er sich sehr häufig 
veranlasst gesehen, kanonistische Angelegenheiten zu behan- 
deln. Regelmässig bringt er dann die betreffenden Texte bei. 
Endlich hat er sogar selbst eine Sammlung solcher Texte 
unternommen und ohne. Zweifel vollendet. 

2. Fournier hat aus den Briefen Hildeberts eine Reihe 
von Zitaten ausgezogen, die sich in dem Decretum und in 
der Panormia Ivos wiederfinden ?). Damit man sich die Be- 
ziehungen zwischen den Texten Hildeberts und denjenigen Ivos 


!) Briefe Hildeberts II, 43. III, 36. 
2) Bibl. &c. ch. LVIII, 650 £. 


Hildebert und das kanonische Recht. 9) 


möglichst vollständig und deutlich vergegenwärtige, soll dieses 
Verzeichnis im folgenden ergänzt und berichtigt werden. — 
Wir ersehen mit Hilfe einer solchen Zusammenstellung aus 
den uns erhaltenen Briefen Hildeberts vor allen Dingen, dass 
er es sich sehr angelegen sein liess, seine Kundgebungen 
in Sachen des Kirchenrechts mit Texten zu belegen, die 
den verschiedenen Quellen, päpstlichen Dekretalen, Konzilien, 
Väterschriften und weltlichen Gesetzen entnommen waren 
und in vorhandenen Sammlungen sich ihm darboten; ausser- 
dem beruft er sich häufig auf die Heilige Schrift. Wenn 
nun, wie es scheint, diese Zitate zum grössten Teile aus den 
Sammlungen von Chartres stammen, dann ist zunächst hervor- 
zuheben, dass Hildebert sich vorzugsweise nicht der damals 
weit mehr beliebten und bequemeren Panormia!), sondern ihrer 
reichhaltigeren und vielfach genaueren Quelle, des Decretum?), 
bedient hat. Erstere hat er aber nicht ganz unberücksichtigt 
gelassen, er scheint vielmehr bei Parallelstellen beide Samm- 
lungen miteinander verglichen und zuweilen auch der Panor- 
mia den Vorzug gegeben zu haben. Sodann finden sich meh- 
rere Zitate Hildeberts weder in dieser noch in jener Samm- 
lung, so dass er also noch anderswoher seine Texte entlehnt 
haben muss°). Endlich kommt es auch vor, dass er über die 
in jenen Kollektionen sich ihm bietenden Texte hinweggeht 
und mehr oder minder gegen sie entscheidet, zuweilen mit, 
zuweilen ohne Anführung anderer Texte*). Aus alledem ergibt 
sich mindestens, dass Hildebert die genannten Sammlungen 
mit einer gewissen Selbständigkeit benutzt und dass er um 
anderweitiges Material sich bemüht hat. Dass letzteres schon 
geschah, bevor er Bischof wurde und bevor Ivos Werke ver- 


!) Fournier in Bibl. &c. ch. LVILI, 310 £. 

2) Ebd. 299 ff. 

®) Auf eine nähere Erörterung dieser Frage soll später eingegangen 
werden und zwar jedesmal dort, wo eine der betreffenden Briefstellen 
verwertet wird. Siehe insbesondere 2. Kap. I, 1. 

*) Siehe z. B. unten im 1. Kap. I, 6. III, 6. 


10 Einleitung. 


öffentlicht wurden, scheint u. a. der Liber de expositione 
Missae zu bezeugen, der höchst wahrscheinlich von Hildebert 
als Lehrer verfasst ist!). Wenigstens 22 Zitate (darunter 
18 aus Schriften des h. Augustinus) enthält derselbe, und 


Briefe Hildeberts’) Decretum Panormia 
Tallsl: Non defloratio VIII E2270 [VI, 14 Z.] 
2. Ebd. Cum puella Ebd. F.u.E. [Ebd F.uE] 
3. Ebd. Quidam desponsavit IX, 100 [VI, 120] 
4+5.1102: Desponsata viro VILLO [VI, 14] 

5. Ebd. Conjuges verius VIIL 3 VI, 15 

6. Ebd. Matrimonium non VIII, 17 E. VI, 107 E. 
facit 

alles: Nullus invitis IN.612A7] [IIT 27282 

8. Ebd. Cum de summi V.347 A, [7 Io zAr 

9. IL, 7. Reum ad ecclesiam III, 123 A. _ 

10. Ebd. Miror quomodo III, 122 A. u. E.[?] _ 

LESIT 10: Veritate manifesta IV, 208 A. [II, 165 Z.] 

[IV, 234 Z.] 
Ebd. Nemo consuetudi- IV, 208 E. [II, 165 Z.] 

nem 


EDS 1107 MARI 15351, 

?) Die in den Briefen Hildeberts als selbständig sich darbietenden 
Stellen werden in der Tabelle mit fortlaufenden Nummern versehen; die 
bereits früher angeführten Zitate werden in runde Klammern einge- 
schlossen. Eckige Klammern besagen, dass zwar eine Uebereinstimmung 
vorliegt, eine unmittelbare Benutzung aber augenscheinlich nicht statt- 
gefunden hat; Fragezeichen in eckigen Klammern, dass diese Benutzung 
zweifelhaft ist. A, Z, E bedeuten Anfang, Zwischenstück, Ende, das erste 


Hildebert und das kanonische Recht, 


181 


nur etwa 14 findet man im Decretum oder ın der Panormia 


wieder. 


Somit liegen Anzeichen dafür vor, dass Hildebert 


unabhängig von Ivo an einer kanonistischen Kollektion ge- 
arbeitet hat. 


Hildebert Decretum Panormia 
1. Ambr. ad virginitatis Ambr. ad virginitatis Ambr.deinstitutione 
exhortationem exhortationem lib. II. virg. 
2. Idem Denique Denique 
3. In concilio Triburensi Ex conc. Trib. cap. 10. Conc. Trib. c. 41. 
4. Wie 1. Wie 1. Wie 1. 
d. Isidorus Etymologia- Wie H. Wie H. 
ram libro IX. ce. 7, 
6. Joh. Chrysostomus Nicolaus Hincmaro ep., Wie D. 
dann im Text: Joanne 
Chrys. magno doctore 
testante 
7. Coelestinus papa ad Ex decretis Coelestini Wie D. 
episcoposin Viennensi papae cap. 18. 
provincia constitutos 
8. In decretis Leonis pa- Leo Anastasius Thes- Ex decretis Leonis 
pae cap. 5. salonic. episc. cap.d. cap. 1. 
9. In canonicis sanctioni- Ex likro capitulorum — 
bus 
10. Aug. ad Bonifacium B. Aug. ad Bonif. epi- — 
comitem stola (vorher B. epi- 
scopum) 
11. Aug. in III. libro de Aug. in cap. 7. lib. III. Isidorus in Syno- 
baptismo de bapt. contra Dona- nymis 
tistas 
Item Item 


und letzte in dem Sinne, dass Hildeberts Zitat das betreffende Kollek- 
tionskapitel vom ersten Satze an, aber nicht ganz bis zum Schlusse, bezw. 
bis zum Schlusse, aber (wenigstens) nicht vom ersten Satze an wiedergibt; 
F. (Fortsetzung) bedeutet, dass das betreffende Stück dem darüberstehen- 
den in dem Kapitel der Sammlung unmittelbar folgt, aber als selb- 
ständige Stelle. Fehlt eine solche Bezeichnung, dann ist das betreffende 
Kapitel, sei es in einem Stücke oder in mehreren aufeinanderfolgenden, 
ganz benützt. Die zweite Seite der Tabelle zeigt die Inscriptionen an. 


12 


12. 


13. 


14. 


15. 


16. 


17. 


18. 


19. 


20. 


21. 


22. 
23. 


24. 


25. 


26. 
27. 


28. 


Einleitung. 
Briefe Hildeberts Decretum 
Ebd. Qui contempta veri- IV, 234 A. 
tate 
Ebd. Nam Dominus in Ebd. F. 
Evangelio 
Ebd. Revelatione facta Ebd. Z. [?] 
Ebd. Consuetudo quan- IV, 213 E. 
tumvis 
Ebd. Illud quod pro com- II, 85 
plemento HER 1270] 
Ebd. Non autem ut putant —_ 
17223 ÖOves pastorem VE DASRAR 
II, 23. Wie 11. (Veritate mani- 
festata) 
Ebd. Wie 11. (Nemo consuetudi- 
nem) 
Ebd. Wie 14. (Quaelibet consue- 
tudo) 
Ebd. Hoc plane verum IV, 235 E. 
[II, 94 Z.] 
II, 26. Sufficiat secundum VIII, 17 A. 
Ebd. Wie 6. (Matrimonium non Ebd. F. u. E, 
facit) 
Ebd. De neptis tuae VIIL 24 
II, 29. Laieis quamvis reli- [X'VI, 36] 
giosi sint 
Ebd. Si quis ergo prin- = 
cipum 
Ebd, Frustra quidam IV, 235 A. 
Ebd. Veritatemanifestata IV, 208 A. [?] 
Ebd. Wie 12. (In Evang. Dominus) IV, 234 Z. 
Ebd. Wie 13. (Revelatione igitur Ebd. Z. 
facta) 
Ebd. Igitur cum Christus Ebd. F. u. E. 


Panormia 


1178167 


II, 166 E. 


[T, 146 Z] 


IY, 36.4: 


VI, 107 A. 
Ebd. F. u. E, 


VI, 109 


II, 165 Z. [?] 


II, 167 [?] 


12. 


13. 


14. 


15. 


16. 
17: 


18. 


19: 


20. 


21. 


22. 
23. 


24. 


25. 


26. 
27. 


28. 


Hildebert und das kanonische Recht. 


Hildebert 


Item in libro de ba- 
ptismo 


Item. 


Cyprianus 


Papa Julius 


Aug. super Joh. 
In canonibus legitur 


Aug. in IV. 1. de ba- 
ptismo 

Nicol. papa Hincmaro 

Wie 6. 


Urbanus papa super 
Aragonum regem 

Stephanus papa et 
martyr 

Wie 21. 

Aug. in IV. 1. de unico 
bapt. 


Idem in libro de ba- 
ptismo 


Decretum 


Aug. in l. de bapt. par- 
vulorum contra Donat. 
12 II cap: 

Item c. 6. 


Item cap. 7. 


Greg. VII. Wimundo 
Aversano ep., dann 
im Text: b. Cypr. sent. 

Ex decretis Julii papae 


Pius papa... omnibus 


eceleslis 


Aug. cap. 4. lib. IV. de 
bapt. 
Nicol. Hincmaro episc. 


Wie 6. 


Urbanus SatinoregiAra- 
gonum 

Ex eodem (Moguntu- 
nensi) concilio c. 5. 


Wie 21. 
Wie 11. 


Wie 12. 
Wie 13. 


Item cap. 9. 


13 


Panormia 


Aug. in l. de bapt. 
parvul. 

Aug. 1.1IV. de bapt. 
6..5.6., dann im 
Text:b.Cypr. sent. 

Ebenso (mit Zusatz) 


Pius papa ep. 1. ad 
episc. 


de Sanct. 
. reg. filia 


Wie 11. 


Wie 13. 


14 


Einleitung. 


Briefe Hildeberts Decretum 


29. Ebd, Wie 


30. Ebd. 
31. Ebd. 
32. Ebd. 
33. Ebd. 
34. IL, 41. 


35. Ebd. 


36. Ebd. 


37. II, 48. 
38. II, 48. 


39. Ebd. 
40. IL, 51, 


41. Ebd. 


42. Ebd. 
43. II, 52, 


44. Ebd. 
45. III, 36. 


14.( (Quaelibet consue- 


tudo) 
Usus auctoritati IV, 207 
Quod quis commisit _ 
Nos in nullo — 
Sunt quidam qui — 
Si quis iudicem VI, 331 2. 
[V, 248 2] 


Nullus sacerdotum VI, 325 A. 


Quicumque non con- V, 283 
fidentia 

Quaerunt aliqui —_ 

Nullus episcopus 


Si quis episcoporum V, 118 
Propter malos boni — 


Qui vult corporaliter — 


Qui animarum cu- — 
stodes 

Aliquando miseri- — 
cordes 

Nolentes reddere — 

Quod Domino pari VIII, 136 A. 


Panormia 


(IT, 165 A.] 


VI, 80 A. 


3. Schon seit mehreren Jahrhunderten ist die Rechts- 
sammlung Hildeberts ein Kreuz der Forscher. Dass er 
eine solche unternommen, bezeugt er selbst in einem Schreiben 
an den Bischof von St. Davids in Wales!). Mit den Ver- 


») II, 27 (B. 124 f£ M. 246 f.): Exceptiones autem decretorum, 
quas in unum volumen ordinare disposuimus, ad suum finem nondum 


Hildebert und das kanonische Recht, 15 


Hildebert Decretum Panormia 


29, 


30. Isidorus in Synonymis Isid. in Synon, lib. II. Wie H, 

31. Hilarius papa — u 
32. Item idem — = 
33. Papa Stephanus — — 
34. In decretis papae Cor- Idem (Felix papa I.) — 


nelii cap. IL). episcopis Galliae in 
II. decretali suo 
35. Item in eodem Cornelius papa in II. Cornelius in Decret. 
decretali suo Rufo c.2. Ferner: Cor- 
episcopo nelius episcopus 
Rufo coepiscopo 
36. In sacris legibus (Excerpta de legibus Ex iisdem (legibus 


Theodosii...) cap. 37.  Theod.) c. 27. 

37. Ambrosius — — 

38. In decretis Nicolai cap. | Zn 
Ar 

39. In Chalcedonensi con- Ex Chale. conc. cap. 2. Wie D. 
eilio 

40. Augustinus ad Vincen- = ve 
tium 

41. Aug. in III. libro contra = == 
Donatistam Parme- 
nianum 

42. Gregorius super Eze- = — 
chielem 

43. Aug. ad Macedonium — — 


44. Wie 43. — Au 
45. Aug. ad Ediciam Wie H. Wie H. 


perductae sunt. Opus enim hoc liberum curis pectus desiderat, cuius nos 
episcopus immunes fecit. Horum tamen iam explevimus partem atque 
ad id peragendum, quod restat, episcopum deponemus. Peractum vestras 
veniet in manus nec opus erit, ut pro eo deferendo vester legatus ad 
nos usque fatigetur. Offiecii nostri erit vobis illud per nostrum destinari., 
Vgl. Dieudonne 173 £. 

) Hildeberts Inscription erklärt sich wohl aus derjenigen des 
folgenden Textes. 


16 Einleitung. 


fassern der Histoire litt&raire de la France!) haben wir 
aus seinen Worten als feststehend zu entnehmen, dass die 
Kollektion zur Zeit der Abfassung des Briefes ?) zum Teil 
fertiggestellt war und demnächst vollendet werden sollte. Da- 
gegen liegt kein Grund vor, diese Vollendung in Frage zu 
stellen, da sie Hildebert so bestimmt erwarten lässt und Hinder- 
nisse, wie sie die vergangenen Jahre mit ihren grossen Wirren 
gebracht hatten, ihn während der letzten Periode seiner Wirk- 
samkeit in Le Mans nicht mehr bedrängt haben. Ob man 
ferner aus den Wendungen des Briefes entnehmen muss, 
dass er sein Werk schon vor Antritt des Episkopates begonnen, 
mag immerhin zweifelhaft sein; wir haben dies aber schon 
oben?) als wahrscheinlich erwiesen, und die Tatsache, dass 
Hildebert alte Texte zitiert, die sich im Decretum und in 
der Panormia nicht finden, lässt sich vielleicht daraus am besten 
erklären. 

Ist uns aber diese Sammlung erhalten? Und welche der 
bekannten Kollektionen ist es dann? Dass Hildebert in seinem 
Briefe vom Jahre 1118 oder 1119 nicht ein Werk als von 
ihm begonnenes und demnächst abzuschliessendes bezeichnen 
kann, das Ivo (gestorben 1115) vollendet, ist Beaugendre von 
seinen Ordensbrüdern genugsam vorgehalten worden*). Sie 
verwerfen auch bereits die Vermutungen anderer, nach denen 
unser Bischof Urheber der Panormia, der Caesaraugustana, 
der Tarraconensis, der Kollektion des Anselm von Lucca sein 
könnte). In neuerer Zeit hat Theiner eine der Panormia 


ı) XI, 409. 

®) 1113 oder 1119. Die Königin Mathilde von England, auf deren 
Tod Bezug genommen wird, starb 1118. 

3) Seite 9 ff. 

*) Hist. litt. XI, 407 f. X, 123 ff; B. zum Briefe II, 27 Note e 
(M. Note 93). 

>) Hist. litt. XI, 408 f. Bezüglich des Decretum und der Panormia 
vgl. oben S. 6 mit Anm. 2, ferner Fournier in Bibl. &c. ch. LVIII, 
319 Note 1. 


Hildebert und das kanonische Recht. 17 


analoge Sammlung in zehn Teilen für Hildebert in Anspruch 
genommen). Nach seiner Meinung spricht dafür einmal die 
eigene Vorrede des betreffenden Autors; ihr Anfang, sowie 
ihr ganzer Charakter verrate eine hohe kirchliche Persönlich- 
keit im Verhältnis zu einer anderen gleichen Ranges’); ferner 
der Umstand, dass unter Hildeberts Briefen der berühmte 
Prolog Ivos zur Panormia sich vorfinde®), der auch die 
Collectio decem partium begleitet; sodann enthalte letztere 
einige canones, die auf der von Hildebert im Jahre 1127 ge- 
haltenen Synode von Nantes aufgestellt worden seien; endlich 
entspreche der Urheberschaft Hildeberts auch das Alter der 
Sammlung, die der jüngsten Stellen wegen in das Jahr 1130, 
spätestens 1131 zu setzen sei*). Was nun zunächst den Prolog 
Ivos angeht, so hat schon die Histoire litt&raire dela France 
darauf hingewiesen, dass derselbe mit Unrecht unter die Werke 
unseres Bischofs aufgenommen wurde°), und man sieht in der 
Tat nicht, warum dies geschehen ist. Eine andere Behaup- 
tung Theiners trifft ebenfalls gar nicht zu, denn die fragliche 
Synode von Nantes gehört, wie Rose bemerkt und Fournier 
im einzelnen nachweist, einer sehr viel früheren Zeit an, so dass 
schon Burchard die betreffenden canones aufführen konnte; 
in dem von Hildebert dem Papste erstatteten Synodalbericht 
fehlt denn auch jede Spur von derartigen Bestimmungen ®). 
Hinsichtlich der Zeit vermutet Fournier wohl mit Recht, dass 


!) Theiner, Ueber Ivos vermeintliches Dekret, Seite 31 ff.; Dis- 
quisitiones 165 ff. — Ueber die Sammlung in zehn Teilen siehe auch 
Rose, Lateinische Handschriften I, 205 # ; Fournier in Bibl. &c. ch. 
LVIIT, 433 £. 

2) Die Vorrede ist abgedruckt bei Theiner (s. vor. Anm.) 32 ff. 
bzw. 166 f.; Rose 207 fi. Ihr Anfang lautet: Voluntati vestrae, reveren- 
dissime pater, ut valui parui. 

Brief 11 1534(B. 161°. M. 278.0.) 

*) Siehe die vier Gründe bei Theiner 36 f. bezw. 168 £. 

5) XI, 406 unten. X, 124 unten. 

6) Rose 207 Note; Fournier in Bibl. &c. ch. LVIII, 73 ft. 
Note 3; 441; Brief Hildeberts II, 30 (B. 132 f. M. 253 £.). 

Barth, Hildebert von Lavardin. 2 


18 Einleitung. 


die jüngsten Texte auf späterer Zutat beruhen und nimmt 
mit Rose an, die Sammlung sei 1125 bis 1130 herausgegeben 
worden; wenn er meint, dass dieser Zeitraum auch der Urheber- 
schaft Hildeberts angemessen sei, so sahen wir oben !), dass 
eine frühere Vollendung für die Arbeit, die er in Händen hatte, 
eher zu erwarten wäre Was endlich die Vorrede betrifft, 
die der zehngeteilten Sammlung eigen ist, so sagt Fournier, 
der Autor richte sie augenscheinlich an einen hohen Würden- 
träger, zu dem er nur in demütigen Ausdrücken spreche, es 
sei nicht der Ton eines Mannes von Stellung ?). Das geht zu 
weit. Allerdings, wenn Hildebert als Erzbischof die Vorrede ge- 
schrieben hätte, dann würde er nur den Papst oder einen päpst- 
lichen Legaten als Vater angeredet haben, eine ihm gleich- 
oder nachstehende Persönlichkeit pflegte auch er nicht so zu 
ehren ?). Auffallend ist auch, dass in der Vorrede mit keinem 
Worte der Panormia als Vorlage gedacht wird, während doch 


!) Seite 16. Als Erzbischof von Tours hat er kaum mehr daran 
denken können, sich einer solchen Arbeit zu widmen. Siehe Dieu- 
donne 89 fi. 

2) Bibl. ec. ch. LVIII, 441. 

3) Siehe Seite 17 Anm. 2. (Im übrigen bildet die Vorrede keinesfalls 
ein Hindernis). Als Bischof redet Hildebert nicht bloss den Papst, sondern 
auch dessen Legaten, Erzbischöfe und den Abt von Cluny (als Erzabt) 
so an, andere aber nicht. Siehe die Briefe II, 25 (Schluss). 30. 32 £. 35 fi. 
II, 4. 9. 13 £f. III, 7; ferner die Vorrede zur Vita S. Hugonis B. 911. 
A. S. 634. Sollte also die Kollektion noch vor der Versetzung Hildeberts 
(1125) vollendet worden sein, so stände die Vorrede erst recht seiner 
Urheberschaft nicht im Wege. Ja, der Adressat derselben dürfte dann 
sogar in der Person des Bischofs von St. Davids gesucht werden, weil 
dieses Bistum ehemals Metropole von Wales war und erst später Canter- 
bury unterworfen worden ist. Siehe Römische Quartalschrift VIII 
(1894), 265 f.: ein Beweis, dass das Andenken an jenen Vorrang noch im 
vierzehnten Jahrhundert lebendig war. Gams, 185 f. führt vor dem 
zehnten Jahrhundert archiepiscopi de Caerlon et David, dann episcopi 
de S. Davids, von 1148 an erst episcopi suffraganei sub sede Cantuariensi 
auf. Es ist demnach ganz wahrscheinlich, dass noch zur Zeit Hildeberts 
der Inhaber des Sitzes das Ansehen eines Erzbischofs genossen hat, wenn 
er auch nicht offiziell als solcher bezeichnet wurde. 


Hildebert und die Reform. 19 


die Sammlung in zehn Teilen nichts anderes ist, als eine neue, 
etwas vermehrte Auflage der erstgenannten Kollektion ?): Hilde- 
bert liebt es nicht, seine Vorgänger und Quellen zu verschwei- 
gen und noch weniger, wie es in der Vorrede geschieht, das 
eigene Verdienst zu betonen?). Dieses Bedenken würde nur 
dann fortfallen, wenn die Sammlung bezeugte, dass nicht bloss 
eine neue Gruppierung der Kapitel unter gemeinsamen Titeln, 
sondern auch eine Revision der Texte und ihrer Ueberschriften 
des Sammlers Arbeit gewesen, dass also die Sammlung auch 
eine wesentlich verbesserte Auflage der Panormia ist. Zu 
dieser Forderung nötigt uns ausser Hildeberts — wenn auch 
nicht ganz ernst gemeinter — Bescheidenheit auch seine Bedeu- 
tung auf literarischem Gebiet, sowie sein anderweitig be- 
wiesenes Streben °). 


III. 


1. Die Mehrzahl von Gegenständen des kirchlichen Rechtes, 
welche Hildeberts Leben und Wirken einer rechtshistorischen 
Forschung darbietet, kann man ungezwungen als einen Inbe- 
griff von Rechtssätzen über den Erwerb und Verlust oder die 
Besetzung der kirchlichen Aemter zusammenfassen. Die Zeit- 
verhältnisse legten gerade diese Fragen dem Interesse des 
Rechtskundigen am nächsten, und jener Zeitverhältnisse wegen 
ist darum auch für eine Charakteristik Hildeberts als Kano- 
nisten die Heraushebung dieser Fragen aus dem kirchlichen 
Rechte angemessen. 

Die Bedingungen und Formen, denen die Erwerbung eines 
Kirchenamtes unterworfen ist, waren ja der Hauptstreitpunkt in 
den Bewegungen des elften und zwölften Jahrhunderts. 
Wenn diese Bewegungen für die übrigen Länder, insbesondere 


ı) Rose 207 £.; Fournier a. a. O. Seite 433 ff. 

?) Siehe z. B. die Seite 16 Anm. 3 zitierte Vorrede; die Vorrede zur 
Vita 8. Radegundis, B. 885 ff. M. 965 ff.; Brief IIL, 30 (B. 191 £. M. 301 £.). 

?) Siehe z. B. die in vor. Anm. an zweiter Stelle zitierte Vorrede; 
Brief III, 3 (B. 171. M. 284 £.). 


20 Einleitung. 


für Frankreich, weniger heftige gewesen sind als für Deutsch- 
land und Italien, so liegt dies einmal darin begründet, dass 
die Entscheidung, welche in der engeren Sphäre des abend- 
ländischen Kaisertums fiel, naturgemäss im ganzen Abendlande 
massgebend werden musste, die Haupttätigkeit des Papsttums 
also auf jenen Bezirk sich konzentrieren durfte, ferner auch 
darin, dass der wichtigste Punkt des Streites, die Investitur, 
für die anderen Länder, namentlich für Frankreich, nicht so 
bedeutend wie für Deutschland war, nicht aber etwa darin, 
dass die Missstände dort weniger schlimm und umfangreich 
gewesen wären. Man durchgehe die Regesten der Päpste und 
die Konziliengeschichte dieser Zeit, und man wird alsbald er- 
kennen, wie viel es aueh in Frankreich zu reformieren gab, 
wie viel zu diesem Zwecke von seiten der Päpste, ihrer Stell- 
vertreter und Anhänger geschah. 

Dass es in Frankreich trotz mancher Klagen, Drohungen 
und Strafsentenzen, gerichtet auch gegen den König, in Sachen 
der Reform nicht zu gewaltigen Kämpfen kam, war zu einem 
guten Teile auch eine Folge des Charakters Philipps I. und 
der Lage des französischen Königtums. Oft Besserung ge- 
lobend und stets derselbe bleibend!) war jener doch nicht 
kühn genug, um einen Kampf zu wagen; wenn er wirklich, 
wie Benzo andeutet, einen Anlauf zu Verhandlungen mit 
Heinrich IV. gemacht hat?), so ist es jedenfalls dabei ge- 
blieben. Unter seinen Nachfolgern aber wurde das Verhältnis 
zum Apostolischen Stuhle ein freundliches). Der französische 
König hatte zudem wohl Grund genug, den Kampf zu fürchten. 
Manche Vasallen standen nicht auf seiner Seite, und der mäch- 
tigste von ihnen, der Normannenherzog, mochte nicht abge- 
neigt sein, das Königreich der Franken mit dem englischen 


!) Siehe über ihn Luchaire bei Lavisse IIH, 168 f£.; Gregorii VII. 
Registrum I, 35, Seite 53. I, 75, Seite 93 f. VIII, 20, Seite 451. 

?) Benzo ad Heinricum, M. G. SS. XI (fol.) 657: Erzbischof Manasses 
von Reims als Gesandter Philipps bei Heinrich IV. 

3) Luchaire, OXIX ft. 


Hildebert und die Reform. Dal 


[e 


unter seiner Herrschaft zu vereinigen). Die Päpste aber 
hüteten sich ihrerseits, die englischen Könige durch übermässige 
Strenge zu reizen, obgleich auch deren Verhalten gegenüber 
den Reformbestrebungen nicht einwandsfrei zu nennen war’). 

Hierzu kam noch ein Umstand, der gestattete, die Ent- 
wicklung der Dinge in Frankreich mit geringerer Sorge zu 
verfolgen, weil er einen günstigen Fortgang derselben ver- 
bürgte. Hier lag das Königreich Burgund’), seit Konrad I. 
zu Deutschland gehörig, aber sozusagen unabhängig, dagegen 
mit Frankreich doch wieder so eng verbunden, dass es eine 
vortreffliche Operationsbasis für die Reformierung der fran- 
zösischen Kirche bilden konnte. Und das ist Burgund, zu- 
sammen mit dem sich daran anschliessenden und zu derselben 
Kirchenprovinz gehörigen Herzogtume gleichen Namens, ge- 
wesen; Oluny, Die, Lyon bezeugen es, das erste als eine Haupt- 
stütze der ganzen Bewegung, das andere als Sitz des tüch- 
tigsten Legaten*), das dritte wegen der von Gregor VII. im 
Jahre 1079 wiederhergestellten Primatialgewalt?). 

So mochte denn immerhin auch in Frankreich anfangs 
der Widerstand gegen die Reform von seiten der Fürsten wie 
des Klerus ein nicht geringer sein, und auch noch späterhin 
die Wirklichkeit vielfach den Vorschriften nicht entsprechen, 
der allmähliche Fortschritt war doch unverkennbar; die Päpste 
von Urban II. an haben hier nicht nur unangefeindet, sondern 
auch mit einiger Zufriedenheit sich längeren Aufenthalt ge- 
statten und Reformkonzilien halten, ja sogar den König Philipp, 
während sie in seinem Lande weilten, mit der strengsten 
Kirchenstrafe belegen können ®). 


!) Vgl. Luchaire bei Lavisse III, 170 £. 

2) Hinschius KR. I], 584 ff. 

®) Luchaire bei Lavisse IIII, 124. 165. 

* Hugo von Die. Ueber ihn Gallia Chr. XVI, 516 ff. IV, 97 fl. 

5) Hinschius KR. I, 599. 

6) Hefele Cg. V, 220 (Clermont 1095). Vgl. ebd. 215 (Autun 
1094). 262 (Poitiers 1100). 


22 Einleitung. 


Frankreich brachte denn auch den Geist hervor, der in 
Theorie und Praxis die ganze kirchliche Gesetzgebung und 
insbesondere die jüngste auf die Wege des Friedens zu führen 
sich bestrebte, der gleich einem wahren Primas für die Rein- 
heit und Freiheit der Kirche arbeitete, kämpfte und litt, ohne 
aber die Rücksichten zu vergessen, weiche durch Umstände, 
durch die Schwäche der Menschen und namentlich durch die 
historische Gestaltung der Dinge geboten wurden — wir 
meinen Ivo von Chartres, der ein Mittler und Versöhner der 
Extreme und ein Vorbote der endlichen Lösung des grossen 
staats-- und kirchenrechtlichen Konfliktes geworden ist‘). 
Wir werden im einzelnen sehen, inwieweit Hildebert seinen 
Bahnen folgte. 

2. Gedenken wir noch in Kürze der persönlichen Bezieh- 
ungen unseres Bischofs zur Reformpartei und ihren 
Veranstaltungen, soweit sie seine Lebensgeschichte aufweist 
oder nahelegt! Es sei vorausgeschickt, dass ihm bekannt war 
die wichtige Synode von Reims (1049), durch welche die all- 
gemeine Reformtätigkeit für Frankreich von Papst Leo IX. 
eingeleitet wurde’). Er kannte vermutlich auch die Re- 
formsynode, die ein Jahrzehnt später an dem Vorort seiner 
heimatlichen Kirchenprovinz unter Leitung eines päpstlichen 
Legaten zur Zeit des Papstes Nikolaus II. (1060) stattfand °). 
Die gewaltigste Periode des Kampfes hat er als gereifter 
Jüngling mit durchlebt — es ist auffallend, dass kein beson- 
deres Zeichen der Erinnerung daran in seinen Schriften zu 
entdecken ist; in diese Zeit fällt als eine der bedeutenderen 
Reformsynoden diejenige von Poitiers (1078)*). Unter Papst 
Urban hat Hildebert höchstwahrscheinlich an den Konzilien 
von Piacenza und von Tours, vielleicht auch an dem von Oler- 


') Siehe über ihn ausser Fourniers Schriften diejenigen von 
Sieber, Foucault und Esmein. 

°) Hildebert, Vita S. Hugonis B. 916 £.; Hefele (ge. IV, 722 ft. 

3) Unten III, 6; Hefele Cg. IV, 840 f. 

%) Hefele Cg. V, 115. 


Hildebert und die Reform. 93 


mont teilgenommen, welche sich alle (1095 und 1096), vom 
Papste geleitet, mit der Reform beschäftigten). In noch 
engeren Verkehr mit dem Papste wird er schon als Archi- 
diakon zu Rom und zu Le Mans getreten sein?); als Bischof 
besuchte er Paschal II. 1100 oder 1101 in Rom?), ebenden- 
selben konnte er 1107, sowie Calixt II. 1119 in Tours be- 
grüssen‘). Als Bischof treffen wir sodann Hildebert, ausser 
auf mehreren nicht so bedeutenden Synoden®), 1107 in 
Troyes, 1119 in Reims, wahrscheinlich hat er auch dem all- 
gemeinen Laterankonzil von 1123 beigewohnt — überall war 
die Reform ein Hauptgegenstand der Beratung unter päpst- 
lichem Vorsitz ®). 

Wo uns Hildebert im Verkehr mit päpstlichen Legaten 
begegnet, erscheint sein Verhalten gegen sie als ein ergebenes 
und ehrerbietiges, und es ist beachtenswert, dass er im Interesse 
der Reform sich ihrer Hilfe bedient”). Anderseits besitzt er 
aber auch den Mut, ihnen wie dem Oberhaupt der Christen- 
heit selber ernste Worte zu sagen, wo es das Wohl der Kirche 
verlangt °). 

Um noch die Beziehungen unseres Bischofs zum Mönch- 
tum, das ja ebenfalls ein Hauptfaktor der damaligen Reform 


ı) Ebd. V, 215 ff. 242. Hildebert begleitete seinen Bischof Hoel 
auf einer Reise nach Rom; von dort zurückkehrend nahm Ho&l an der 
Synode von Piacenza teil. Später reiste derselbe dem Papste entgegen 
und wohnte dem Konzil von Clermont bei. Nicht lange darauf hält der 
Papst die Synode von Tours ab. A. P., Mab. 312 Sp. 2; Vita S. Hugonis, 
B. 922 £. (A. S. 639 Nr. 19). Dafür dass Hildebert seinen Bischof auch 
nach Clermont begleitete, liegt allerdings kein positives Zeugnis vor. 

?) Siehe die vor. Anm. Der Papst hielt sich auch in Le Mans 
auf: A, Pa. a. O.; Jaffe, Reg. I, 685. 

3) Dieudonn& 111 ft. 

4) Jaffe, Reg. I, 729. 786. 

5) Zu Saintes (1097), Loudun (1109), Fleury (1110) und Chartres 
(1124): Dieudonn& 8. 27. 67. 85 f.; Hefele Üg. V, 243. 294. 385. 

6) Dieudonne 67. 77 f. 84; Hefele Cg. V, 288 fi. 350 ff. 378 ff. 

”), Briefe Hildeberts II, 8. 16. 25. 34. 37. 

°) Briefe II, 16. 41. 47. 


24 Einleitung. 


gewesen ist, in einigen Strichen zu zeichnen, so stand er vor 
allem zu Cluny in einem sehr freundlichen Verhältnis. Zwar 
ist die Annahme, dass er in seiner Jugend selbst dort Bene- 
diktiner gewesen, durchaus unhaltbar ’), wohl aber hat er als 
Bischof zeitweilig den Wunsch gehegt, es zu werden, und in 
dem Schreiben, worin er dies bekennt), erweist er dem Abte 
eine innige und vertrauensvolle Verehrung. Dieser Abt war 
Hugo, den er bereits als Begleiter seines Bischofs Ho&l kennen 
lernte), und den er später in einer Biographie gefeiert hat). 
In der Vorrede zu derselben zeigt er sich auch dem Nach- 
folger Hugos, Pontius, der damals noch im besten Rufe stand, 
in Freundschaft und Ehrfurcht zugetan. — Als eine Felsen- 
stütze der Kirche betrachtete er den Abt Bernhard von Olair- 
vaux®). — Dementsprechend hat denn auch seine Sorge den 
Klöstern gegolten, hat er seinen Einfluss für sie verwendet, 
ihre Reform betrieben und befördert ®). 


!) Dieudonne 37 f£. 

2 110721 8.5174212 M #287. 19: 

®) Vita S. Hugonis a. a. O. (Seite 23 Anm. ]). 

4) B. 909 f.; A. S. 634 f.; M. CLXIX, 857 fl. 

5) Brief Hildeberts III, 18 (B. 182 f. M. 294). 

6) Briefe Hildeberts II, 10. 25. 32. 42. 51. III, 21. 34; Urkunden 
Brapp a MaB1lteu.a. 


Erstes Kapitel. 
Die allgemeinen Amtshindernisse. 


Wir fassen zunächst die allgemeinen Bedingungen 
und Hindernisse des Erwerbes und der Ausübung der Aemter 
ins Auge!). Die Reformbewegung des elften Jahrhunderts war 
nicht nur auf Wiederherstellung des Zölibates und Ausrottung 
der Simonie und der Laieninvestitur gerichtet, sondern auch auf 
die Beobachtung der sonstigen Bedingungen der Aufnahme in 
den Klerus, der Zulassung zu den kirchlichen Aemtern und 
der Ausübung derselben. Die Gesetzwidrigkeit der vorauf- 
gegangenen Periode hatte eben auf alle der Fernhaltung eines 
schlechten Klerus dienenden Regeln sich erstreckt, die im Laufe 
der Zeit Bestandteile des kirchlichen Aemterrechtes geworden 
waren, und wenn man jetzt daran ging, die Schäden einer 
traurigen Vergangenheit auszumerzen, so galt es in erster 
Linie, gerade mit jenen Bestimmungen wieder Ernst zu machen. 
So umfassend war denn in der Tat das Streben der Männer, 
denen die kirchliche Reform am Herzen lag, — auch, wie wir 
sogleich sehen werden, Hildeberts und ihm nahestehender 
Koryphäen der damaligen Reform. Wenn in derselben der 
Kampf gegen die Priesterehe und die Simonie eine bevorzugte 
Stelle einnahm, so lag dies in dem engen Zusammenhange be- 
gründet, der zwischen jenen beiden Vergehen und dem poli- 
tisch-wirtschaftlichen System der Zeit bestand und in der Grösse 
der Gefahr, die daraus für die Kirche sich ergab. Demgemäss 
wird im folgenden dem Zölibat und der Simonie ein eigener 
Abschnitt gewidmet sein. — Wirkung der grösseren Strenge 


ı) Hinschius KR. IL, 7 ff. II, 476 ff; Imbart de la Tour, Les 
elections, Seite 33 ff. 476 fi. 


236 Erstes Kapitel. 


war, dass beim Vorhandensein von Hindernissen einmal der 
Eintritt in den Klerus oder in ein Amt nicht mehr so leicht 
wie früher gewährt und gegebenenfalls die Regeln über Be- 
seitigung der Hindernisse gewissenhafter beobachtet, ferner die 
Strafgerichtsbarkeit entschiedener gehandhabt wurde. — Nicht 
dem Reformprogramm direkt zu entnehmen, jedoch mit seiner 
Verwirklichung notwendig verbunden ist eine andere Folge, 
die uns ebenfalls schon der hier begonnene allgemeinere Teil 
unserer Ausführungen klar zum Bewusstsein bringen wird. 
Die Päpste waren es ja, welche die Reform hauptsächlich, und 
zwar vielfach im Streite mit den Lokalgewalten, betrieben. 
Erhebliche Kräftigung und Erweiterung ihres Einflusses war 
daher ein selbstverständliches Nebenergebnis der Reformbe- 
wegung. Rechte, die bis dahin ein mehr oder minder theo- 
retisches Dasein gefristet hatten, sei es in alten Erlassen und 
Behauptungen, sei es in den pseudoisidorischen Dekretalen, 
Rechte, deren Ausübung nur in Ansätzen einer günstigeren 
Periode vorhanden war, entwickelten sich jetzt zu unver- 
äusserlichen Stücken des päpstlichen Regiments, Für die 
Lokalgewalten aber bedeutete diese Entwicklung ebenso natür- 
lich eine Minderung der rechtlichen und tatsächlichen Macht. 


I. 


Ein kurzes vortreffliches Kompendium der Amtserforder- 
nisse möchte man einige Sätze nennen, in denen dem Kleriker 
Wilhelm von Lonlay die Entlassung in ein anderes Bistum, 
wo er zum Archidiakon befördert werden soll, und das hierzu 
erforderliche Zeugnis von seinem Bischof Hildebert erteilt 
wird!). „Wissen und Tugend stehen ihm zu fruchtbarem, 
gnadenspendendem Wirken reichlich zur Verfügung. Seine 
Geburt ist von Rechts wegen nicht zu beanstanden, seine 
Abkunft nicht verwerflich; aus jener haftet ihm keine Makel 


') Brief II, 29 (B. 127. M. 249. Vgl. Dieudonn& 230: nec lege 
reprobabilis für reparabilis). 


Allgemeine Amtshindernisse. = 


au 


an, keinen Schatten wirft diese auf ihn. Wer freundschaftlich 
mit ihm verkehrte, preist seine Herzensmilde und seine Ehr- 
barkeit. Wahrlich ein vollkommenes und glänzendes Zeugnis! 
So glaubte ich ihn denn zum Subdiakonat befördern zu sollen, 
seiner Bildung Rechnung tragend wie seinem Wandel. Ich 
hege die Hoffnung, dass er als ein Werkzeug für die Ehre und 
für jegliches Wohl des Hauses Gottes sich bewähren wird.“ 

Wir erkennen hier unschwer eine Reihe von Irregulari- 
täten. Hat auch eine vollständige Theorie der Irregularitäten 
sich erst seit dem zwölften Jahrhundert herausgebildet, so 
wurden doch einzelne Weihehindernisse im Anschluss an die 
Heilige Schrift schon seit den ersten Zeiten des Christentums 
aufgestellt und im Laufe der Jahrhunderte hat man dieselben 
genauer umschrieben und vermehrt. 

1. Im obigen Schreiben nun werden angedeutet einmal die 
Defekte der Geburt und der Freiheit. Was den ersteren 
betrifft, so verordnete Hildebert näheres bezüglich der Priester- 
söhne, worauf unten zurückzukommen ist. Ihnen wurden im 
damaligen Rechte die unehelichen Kinder gleichgestellt. Auch 
der defectus libertatis wird auf der Synode von Poitiers wie 
der erstgenannte behandelt !); näheres findet sich bei Hildebert 
hinsichtlich dieses Mangels nicht. 

2. An zwei weitere Irregularitäten erinnert die conversatio 
intus mansueta et honesta foris, die Hildebert seinem Kleriker 
zuerkennt, nämlich an die defectus lenitatis und famae. Zur 
Illustration des ersteren möge ein Brief dienen, in welchem 
Hildebert einem Priester es scharf verweist, dass er jemanden 
körperlich hart gezüchtigt hat?). „Neque enim carnifex es 
sed sacrifex, kein Henker bist du, sondern ein Priester, für 
Schuldige zwar, aber nicht die Schuldigen zu opfern berufen.“ 
Ein solches Schwelgen in Strafen gezieme nicht der priester- 
lichen Milde. „Erschaudern solltest du davor, einen Uebel- 

!) Hefele Cg. V, 116 (Poitiers 1078, c. 8). 223 £. (Clermont 1095, 


c. 11. 25). 
2, 11,292.1B. 160-£..M 2277). 


28 Erstes Kapitel. 


täter Qualen oder dem Tode gar zu überliefern, du, Gottes 
(sesalbter, für den Christus dem Kreuze und dem Tode über- 
liefert worden ist.“ Wenn er in so fleischlicher Gesinnung 
wegen des verlorenen Geldes sich abhärme, dann hätte er von 
Augustinus eine andere Weise, es sich wieder zu verschaffen, 
lernen sollen. — An die Spitze dieses Briefes stellt Hildebert 
den Grundsatz, es sei das Verfahren des weltlichen Gerichts 
und nicht der kirchlichen Disziplin, mit körperlichen Qualen 
Schuldige zu bestrafen oder zum Geständnis zu zwingen. Es 
handelte sich also wohl um eine Tortur oder eine Strafe, die 
unter Vorschützung der kirchlichen Disziplinargewalt, etwa 
von einem Archidiakon, über den des Diebstahls Verdächtigen 
verhängt worden war, und Hildebert will sagen, dass der 
Geistliche sich an einem Strafprozess oder Disziplinarverfahren, 
bei dem es zu körperlicher Züchtigung komme, nicht zu be- 
teiligen habe. Wenn eine Irregularität von ihm in diesem 
Falle nicht angedeutet wird, so ist die Misshandlung wahr- 
scheinlich nicht mit Blutvergiessen verbunden gewesen. Dass 
dieses Moment von Hildebert als das entscheidende angesehen 
wurde, darf man vielleicht aus einem anderen einen Fall der 
Notwehrtötung behandelnden Schreiben !) erschliessen ; letztere 
stellt Hildebert unter den Gesichtspunkt des Delikts, so dass 
wir sie an dieser Stelle noch nicht zu berücksichtigen haben, 
die Erwägung aber, „wie unversehrt vom Blute der Priester 
sein müsse“, kann auch für unseren Fall herangezogen werden. 
Jedenfalls würde er der strengen Auffassung gemäss, die er 
hier und auch sonst, wie wir noch sehen werden, kundgibt, 
die Teilnahme an einem zu Blutvergiessen führenden Ver- 
fahren gleich Ivo mit dem geistlichen Amte absolut unver- 
träglich gefunden haben ’?). 

Nicht ganz klar hat Hildebert sich zur Uebung des 
Kriegshandwerks geäussert, die ja auch in diesen Zusammen- 


1) IL, 43 (B. 149 £. M. 267 £). 
2) Siehe unten IV, 3. 


Allgemeine Amtshindernisse. 239 


nd 


hang gehört. Seit den ersten Jahrhunderten verpönt, war sie 
auch in Frankreich beim niederen wie beim höheren Klerus 
gang und gäbe geworden, wurde aber zur Zeit der Reform, 
und zwar schon von der Reimser Synode an (1049), wiederholt 
verboten !). Hildebert hat nun einen sehr freundschaftlich ge- 
haltenen Brief an den Archidiakon Rivallo von Nantes ge- 
schrieben ?), aus welchem man auf den ersten Blick zum 
wenigsten Gleichgültigkeit gegenüber dem Kriegsdienst der 
Kleriker herauslesen möchte. Bei näherem Zusehen wird man 
aber eher eine Missbilligung darin finden. Der Archidiakon 
ist infolge von Kriegswirren genötigt, seiner Heimat fern zu 
bleiben, und Hildebert bietet ihm seine Freundeshilfe an. Es 
tröstet ihn, dass der Verbannte auch mitten unter den Waffen 
ganz Dichter bleibe, demnach nicht allzu grosse Sorgen habe. 
„Ein Cäsar seiest du in der Kriegskunst, höre ich, und in 
der Dichtkunst bewundere ich dich als einen Vergil. Indes, 
solange du den Vergil machst, kann ich nicht glauben, dass 
Cäsars Taten, dass Soldatenwerke dich bemühen oder erregen, 
es müsste denn sein, dass dein Geist über den der Sterblichen 
hinausgeht und bei so sich widersprechenden Beschäftigungen 
sich unversehrt zu bewahren vermöchte.* Sollte nicht auch 
der Dichter den Tadel gefühlt haben, den wir nach Hilde- 
berts feiner Art in diesen Worten zu fühlen geneigt sind? 
Musste nicht auch er sich sagen, dass Kriegssorgen dem 
Kleriker noch viel weniger anstehen, als dem Dichter? 
Uebrigens gibt uns auf keinen Fall der allgemein gehaltene 
Brief über Hildeberts Stellung zu der betrefienden Irregu- 
larität bestimmten Aufschluss. Zudem lässt er die Frage often, 
ob der Bischof wirklich weiss, dass Rivallo, der vor seinem 
Eintritt in den Klerus Soldat gewesen, jetzt wieder am Kriege 
sich beteiligt. Und endlich kann man mit Dieudonne anneh- 
men, dass der Brief vor jenem Standeswechsel geschrieben ist. 

i) Hefele COg. IV, 731 (Reims 1049, c. 6). 841 (Vienne und Tours 


1860, ec. 7); V, 127 (Gerona 1078, c. 6). Vgl. ebd. 35 (Rouen 1074, c. 12). 
2) III, 22 (B. 186 f£. M. 297. Vgl. Dieudonn& 158 £.). 


30 Erstes Kapitel. 


Die Zeit war allerdings noch nicht gekommen, wo der 
Klerus hoch und niedrig aufhörte die Waffen zu tragen, und 
was die Tortur angeht, so hielt sie ja einige Zeit nach Hilde- 
bert ihren Einzug in das geistliche Gericht!). Ja, die Lebens- 
geschichte unseres Bischofs weist schon Vorzeichen jener 
langen Kämpfe auf, in welchen das Blutvergiessen des Krieges 
wie des gerichtlichen Verfahrens zwar durch die Hand des 
Staates, aber unter der Urheberschaft der Kirche, ein regel- 
rechtes Mittel für die Zwecke der Kirche, zur Unterdrückung 
der die damalige Gesellschaftsordnung bedrohenden Häresien 
werden sollte. Ein als Häretiker bezeichneter Volksprediger, 
derselbe, welcher unter dem Namen Heinrich von Lausanne 
bekannt ist, bringt eine-solche Gärung in die Herde Hilde- 
berts hinein, dass die weltliche Gewalt zum Schutze des Klerus 
einschreiten muss. Hildebert veranstaltet gegen den Neuerer 
eine Art von Inquisition und verweist ihn auf Grund der- 
selben seiner Diözese?). Damit war nun freilich anderen 
wenig gedient, aber eine Bekämpfungsmethode wie diejenige 
der Kreuzzugs- und Inquisitionsepoche konnte man auch erst 
dann für angebracht wähnen, als die Gefahr ins Ungeheure zu 
wachsen schien. Dass diese Methode den von Hildebert ver- 
tretenen Prinzipien widerstreite, kann nicht behauptet werden; 
denn dem Kriege als solchem bezeugt er ja keine Antipathie, 
und wie die Anwendung der Tortur, so hat er ohne Zweifel 
das Recht des Blutvergiessens gleich Ivo’) dem weltlichen 
Gerichte unbedenklich zuerkannt; dass endlich die Waffen im 
Dienste der Kirche zu gebrauchen seien und der Staat mit 
allen Mitteln den Glauben zu verteidigen habe, stand im Mittel- 
alter fest. Die Verwendung der Tortur seitens des geistlichen 
Richters dagegen ist unzweifelhaft ein Punkt, in welchem die 
Folgezeit den Grundsatz Hildeberts verleugnet. 


) Hinschius KR. V, 485. 
2) Näheres unten 4. III, 2. 
®) Siehe unten IV, 3. 


Allgemeine Amtshindernisse. 31 


3. Der defectus famae bildete den Gegenstand einer 
Anfrage, welche Hildebert an Ivo richtete; nur die Antwort ist 
uns erhalten!). Ein Subdiakon ist in schlechten Ruf geraten, 
wie ist gegen ihn zu verfahren, wenn er des betreffenden Ver- 
gehens nicht überführt wird und es nicht eingesteht? Nach 
älterem Rechte, so antwortet Ivo, darf er im Amte verbleiben, 
wenn er auch nur allein seine Unschuld beschwört, nach 
neuerem Rechte aber muss er den Reinigungseid mit drei, fünf 
oder sieben Genossen — je nach dem Ermessen des Bischofs 
— leisten. Hildebert machte hiervon Anwendung, als der 
Dekan und ein anderes Mitglied des Kapitels von Tours be- 
schuldigt wurden, durch Anstiftung oder Rat an der Ver- 
stümmelung eines Kanonikers beteiligt zu sein. Beweise wurden 
dafür nicht beigebracht, und jetzt mussten die Angeklagten 
wegen des „Schimpfes“, der durch jenen Verdacht dem Bischof 
und der ganzen Kirche angetan wurde, sub septima manu sich 
reinigen, um in der Gemeinschaft des Bischofs verbleiben zu 
dürfen?). Daraus geht hervor, dass unter Umständen in den 
Augen Hildeberts wie Ivos die mala fama als solche der Aus- 
übung eines Kirchenamtes hindernd entgegenstand. Und diese 
Anschauung entsprach ja einer uralten, auf bekannten Apostel- 
worten ?) beruhenden Regel, die sich nach und nach in be- 
stimmtere Einzelregeln aufgelöst hatte. — Zur Zeit Hildeberts 
war der Rechtszustand der, dass ein bezichtigendes Gerücht 


N) Brief Ivos 206 (M. 211 £.). 

?) Brief Hildeberts II, 36 (B. 139 f. M. 259.). Ceterum nolente 
accusatore judicium suscipere sed moratoriam quaerente dilationem nos 
cum accusatis, nisi prius de nostra et totius Ecclesiae purgarentur contu- 
melia, communicare nolentes purgationem utriusque sub septima manu 
legitimarum suscepimus personarum. II. 38 (B. 144. M. 263). Quapropter 
judicatum est decanum, si non pro Nicolao quibusdam moratoriis causis 
quaerente judicium differre, pro Ecclesia tamen eum (?) debere purgari 
atque in septima manu ordinis sui suam jurejurando declarare inno- 
centiam. 

3) 1 Tim. III, 7: Oportet autem illum et testimonium habere 
bonum ab iis qui foris sunt. 


32 Erstes Kapitel. 


in dreifachem Verhältnis zu dem seinen Gegenstand bildenden 
Delikt als Amtshindernis sich wirksam zeigen konnte. Ein- 
mal so, dass dieses Delikt schon allein die Irregularität 
bewirkte; dann hatte die mala fama um seinetwillen die 
gleiche Folge, war aber als selbständiges Hindernis zu be- 
urteilen, und auch dann durch einen eigenen gerichtlichen Akt 
unschädlich zu machen, wenn das Delikt nicht bewiesen werden 
konnte. So im obigen Beispiel aus der Geschichte Hildeberts. 
Bei einer zweiten Kategorie von Verbrechen kam das Hinder- 
nis erst dadurch zu stande, dass sie öffentlich bekannt wurden, 
die mala fama also mit ihnen sich verband; bis auf diese 
Grenze hatte sich das ursprünglich für die schwere Sünde 
schlechthin bestehende Hindernis vor der Macht der Verhält- 
nisse zurückgezogen. Im Prozess wird auch die das Impedi- 
ment erst konstituierende fama die oben gekennzeichnete 
selbständige Behandlung wenigstens in der Regel gefunden, 
das Ermessen des Bischofs mag aber hier einen weiteren Spiel- 
raum gehabt haben. Der dem Bischof Ivo vorgelegte Fall 
möchte wohl von dieser Art gewesen sein, da sonst der Brief 
das betreffende Verbrechen kaum verschwiegen hätte. Auch 
eine dritte Gruppe von Verbrechen kommt für den defectus 
famae noch in Betracht, obgleich bei ihr die gerichtliche Ver- 
urteilung wegen eines Vergehens notwendige Voraussetzung 
bildet. Wir meinen die Delikte, für welche auf Grund gesetz- 
licher Vorschrift die Infamie als Strafe vom Richter zu ver- 
hängen ist. Zum grössten Teile wird diese Gruppe mit 
der ersten und zweiten sich decken. Denkbar aber ist es, 
dass ein auf Infamie lautendes Urteil des weltlichen Richters 
einen Tatbestand zur Grundlage hat, den der kirchliche Richter 
entweder als nicht vorliegend oder als nicht verbrecherisch 
betrachten muss. Das Recht zu einer diesbezüglichen Prüfung 
kann dem letzteren grundsätzlich nicht versagt werden, aber 
er kann sich unter Umständen trotz seiner Entscheidung ge- 
nötigt sehen, um der nun einmal zu Recht bestehenden bürger- 
lichen Infamie willen dem Betroffenen die Amtstätigkeit zu 


Allgemeine Amtshindernisse. 33 


verbieten. Hildebert gibt uns keinen Anlass, hierauf näher 
einzugehen. Bemerken wir deshalb nur noch, dass zu dem 
Bestande der kraft kirchlichen Rechtes infamierenden Ver- 
gehen in der Reformperiode die Simonie und stellenweise die 
Verletzung des Zölibates hinzutraten !). 

4. Zwei weitere Erfordernisse zeichnet Hildebert dadurch 
aus, dass er sie am Anfang und am Schlusse seines obigen 
Zeugnisses erwähnt: scientia et mores, litteratura et vita. Die 
Frage, was von einem Kleriker an Kenntnissen gefordert wurde, 
möge eine Episode etwas beleuchten, welche aus dem Leben 
Hildeberts erzählt wird ?). 

In der Einleitung war die Rede von einem Volksprediger 
Heinrich, dem Hildebert gestattet hatte, m Le Mans seine 
vermeintlich segensreiche Tätigkeit zu üben. Als er nach 
seiner Rückkehr von Rom vernommen, wie derselbe seine 
Aufgabe verstanden und des Bischofs Vertrauen missbraucht 
hatte, beschloss er, die Bildung des Klerikers auf die Probe 
zu stellen, und unterzog ihn dieserhalb folgendem Examen: 
„Er fragte ihn nach seiner Profession. Jener wusste nicht, 
was Profession sei und schwieg. Der Bischof fragte deut- 
licher, welchem ordo er angehöre, und erhielt die Antwort: 
Ich bin Diakon. Darauf erkundigte sich Hildebert, ob er der 
liturgischen Feier des Tages beigewohnt habe, und der andere 
verneinte es. So wollen wir denn miteinander die Matutin 
singen, sagte Hildebert und begann; der Diakon aber bekannte, 
dass er das Tagesoffizium nicht kenne. Nun wollte der Bischof 
auch seine ganze Unwissenheit ans Tageslicht bringen und 
fing an, die gewöhnlichen Psalmen des marianischen Offiziums 
zu beten; aber der Diakon wusste von der Psalmenreihe so 
wenig wie von den einzelnen Versen. Auf diese Weise be- 
schämt, musste er nun auch noch über seinen Lebenswandel, 


) Hefele Cg. V, 410. 440 (Clermont 1130, c. 1; Lat. 1139, c. 2. 
Vgl. Mansi XXI, 438. 526). 292 (London 1108, c. 5). — Im ganzen 
siehe Hinschius KR, I, 30 fi. 38 ff. 
®) A. P., B. XLII oben; M. 97 unten; Mab. 317 Sp. 1 u. 2. 
Barth, Hildebert von Lavardin. 3 


34 Erstes Kapitel. 


seine Lehrmethode und sein anmassendes Benehmen sich er- 
klären.“ In der Tat war er, so fügt der ihm sehr feindlich 
gesinnte Verfasser hinzu, ein Marketender, ein Nichtswisser 
und frecher Mensch; aber zum Volke reden und Würfel spielen, 
das hatte er gelernt. Der Bischof verbot ihm den weiteren 
Aufenthalt in seiner Diözese, und Heinrich machte sich im 
stillen davon. — Dass durch obiges Examen der auch von 
seinen (regnern als tüchtiger Redner anerkannte Mann schlecht- 
hin der Unwissenheit überführt worden wäre, ist zu viel be- 
hauptet. Was aber Hildebert von dem „Diakon“ verlangte, 
war offenbar das Geringste, was er an liturgischem Wissen von 
ihm verlangen konnte; dass er im übrigen nicht einem bloss 
äusserlichen Vertrautsein mit der Liturgie huldigte, beweisen 
z. B. zwei Traktate über den Ritus der h. Messe, der eine 
in Prosa, der andere in Versen, die er ohne Zweifel als Lehrer 
für seine Schüler verfasst hat!); erst recht wird er später bei 
seinem Klerus ein gründliches Verständnis der gottesdienstlichen 
Feier gefördert haben. 

Die Literatur jener Zeit und diesbezügliche Aeusserungen 
zeigen übrigens, dass damals im allgemeinen auch hinsichtlich 
der Anforderungen, die man an das Wissen des Klerus stellte, 
eine Renaissance im Gange war?). Neue gesetzliche Mass- 
nahmen scheinen zwar nach dieser Richtung nicht stattgefunden 
zu haben, man liess es vielmehr bei den alten Verordnungen 
bewenden °), die auch in die neueren Sammlungen übergingen *). 
Es ist ohne weiteres anzunehmen, dass Hildebert, der einen 
grossen Teil seines Klerus selber ausgebildet hatte, diesem 
Artikel des Reformprogramms auch als Bischof mit Begeisterung 
nachgekommen ist, dass er auf den theologischen Unterricht, 
die Prüfungen, welche vor der Weihe und in den späteren 


37B21107:0.2 M 721153211. 

?) Luchaire bei Lavisse II, 129. 184 ft. 

») Hefele Og. V, 35 (Rouen 1074, c. 8). 

Ivo. D. VI, 37 EP. UL 47). V, 2025 — VE22 = PERS 
250. 251. V, 372; — III, 129 (= P. III, 23). VI, 246. P. II, 21. 


Allgemeine Amtshindernisse. 35 


Jahren stattfinden sollten, grossen Wert gelegt hat. Wissen 
wir doch, dass er sogar anderen Bischöfen tüchtige Lehrkräfte 
zeitweilig überliess ). Sicherlich ist von seiner Seite auch den 
canones alle Ehre widerfahren, welche die Sorge für weltliche 
Bildung und die Lektüre der heidnischen Schriftsteller be- 
tonten ?). Das versteht sich für den Klassiker seiner Zeit von 
selbst, ist aber auch durch ein merkwürdiges und für seine 
Zeit vortreffliches Gedicht bezeugt, in welchem uns gleichsam 
ein Repetitorium der „freien Künste“ dargeboten wird °). Das- 
selbe kann zudem auch als Muster dafür gelten, wie ein tüch- 
tiger Lehrer, ohne kleinlich zu verfahren, die heidnische Lite- 
ratur dem Geiste der kirchlichen Gesetzgebung gemäss *) vor 
seinen Schülern zu behandeln verstand. Sein der Mythologie 
und Geschichte, der Botanik und Zoologie, der Astronomie 
und Musik, kurz den Gebieten der artes liberales entnommener 
Stoff fügt sich gefällig zusammen zu einem interessanten „po&ma 
elegiacum de virtutibus et vitiis“, zu einem Zeit- und Lebens- 
gemälde, wie es in der Wirklichkeit war, und wie es dem- 
gegenüber sein sollte. So gestaltete also Hildebert die welt- 
liche Bildung zu einem Hilfsmittel der geistlichen und behütete 
seine Schüler davor, die erstere zum Selbstzweck und dadurch 
sich und anderen verderblich zu machen, wie es auch damals 
einzelnen Poeten begegnete. Hildebert stand als Bischof in 
seiner eigenen literarischen Tätigkeit ganz auf dem Boden 
jener kirchlichen Gesetze, die heidnische Literatur spielte darin 
eine durchaus untergeordnete Rolle; auch früher hat er sie, 


!) Brief Hildeberts II, 12 (B. 92 f. M. 219 £.). 

2) Ivo D. IV, 85 (=P. II, 133). 214. 

®) Otto, Commentarius criticus Seite 163 ff. nebst den Bemer- 
kungen Seite 98 ff. Der Anfang des nahezu zwölfhundert Verse zählen- 
den Gedichtes steht auch B. 1329 ff. M. 1402 fi. Vgl. Haureau, 
Mö&langes, Seite 39 f. Der oben gewählte Titel ist dem Gedicht in einem 
neueren Katalog gegeben (Haur&au 41). 

4) Siehe oben Anm. 2, ausserdem D. IV, 160 bis 167 (= P. I, 130 
bis 133. 136 f.); P. II, 134. 135. 


36 Erstes Kapitel. 


soviel wir sehen können, nicht übermässig, nicht mehr, als 
es sein Lehrfach mit sich brachte, betrieben !). 

Es ist sehr wahrscheinlich, dass im Bistum Le Mans und 
im grösseren Teile der Provinz Tours die oben erwähnten 
kanonischen Forderungen nicht mehr blosse Forderungen waren, 
und zwar für die Mehrheit oder doch eine sehr grosse Minder- 
heit des Klerus. Die Schulen von Tours, Le Mans, Angers 
und — in der Nähe — Chartres standen seit längerer Zeit 
in Blüte, und Namen wie Fulbert, Berengar, Robert der 
Grammatiker, Marbod, Hildebert zeugen von einem lebendigen 
Streben nach Hebung des kirchlichen Bildungswesens ?). Den- 
noch werden Priester wie jener „rusticus presbyter“, den ein 
Graf von Maine seinem hohen Gefangenen, dem Bischof Ho&l, 
zur Bedienung gab, um zu verhindern, dass vermittels lateinischer 
Unterhaltung die Wächter hintergangen werden könnten °), 
infolge später zu schildernder Verhältnisse auch unter Hilde- 
bert noch nicht gerade unerhörte Ausnahmen gewesen sein. 

5. In dem einen Worte vita, mores fasst Hildebert die 
Irregularitäten ex delicto zusammen. — Ein anderer Brief, 
den er als Erzbischof von Tours an denselben Adressaten ge- 
schrieben, behandelt ein einzelnes der hieher gehörigen Delikte?). 
Er beantwortet nämlich die Frage des Bischofs Aimerich von 
Clermont, wie mit einem Priester des weiteren zu verfahren 
sei, der in der Notwehr auf einen ihn anfallenden Räuber 
einen Stein geworfen und denselben durch den Wurf, wie man 
glaubte, getötet hatte; sieben Jahre lang war er dafür schon 
dem Altardienst fern geblieben, durfte er etwa jetzt wieder 
zugelassen werden? Die Entscheidung Hildeberts ist eine 


1!) Die Stellung Hildeberts in der damaligen Renaissance des Unter- 
richts und der Literatur wird in der oben Seite 3 Anm. 1 angekün- 
digten Abhandlung zur Sprache kommen. 

®) Auch Hildberts Nachfolger Guido war ein tüchtiger Lehrer: 
A. P., Mab. 319 f.; Brief Hildeberts II, 12 (B. 92f£. M. 219 £.). 

>) A. P., Mab. 310 unten. 

*) TI, 43 (B. 149 f. M. 267 f.). 


Allgemeine Amtshindernisse. 37 


auffallend strenge: „Wenn ich erwäge, wie grosse Unschuld 
beim Priester vorausgesetzt wird, und insbesondere wie un- 
versehrt er sein muss von Blut, dann scheint es mir nicht 
erlaubt, ihn fernerhin noch am Altare dienen zu lassen* — 
also trotz der Notwehr, trotz des Zweifels bezüglich des Er- 
folges und trotz des Mangels einer Tötungsabsicht. Und 
warum? „Weil ein Christ das eigene Leben nicht mit dem 
Tode eines anderen erkaufen darf.“ Diese Behauptung belegt 
Hildebert mit einer Väterstelle, die er anscheinend nicht in 
einer der uns bekannten Canonessammlungen gefunden hat. 
Der h. Ambrosius ist der Ansicht, ein weiser und gerechter 
Christ dürfe nicht den ihn schlagenden bewaffneten Räuber 
wieder schlagen, sonst würde er, indem er sein Leben ver- 
teidigt, die christliche „Pietät“ verletzen?). Die Tat wird dem- 
nach von Hildebert als ein Delikt nicht bloss formell bezeich- 
net, sondern auch wirklich angesehen, und als solches soll sie 
den dauernden Ausschluss vom Altardienst, somit ohne Zweifel 
eine Irregularität begründen. Wie aber schon der h. Ambrosius 
sich etwas zurückhaltend ausdrückt und durchblicken lässt, dass 
in der gegebenen Entscheidung eigentlich nur ein Rat, nicht 
eine strenge Pflicht zu erblicken sei, so ist auch Hildebert 
seiner Sache nicht ganz sicher und fügt hinzu, er würde in 
einer solchen Lage den Betrefienden nach Rom schicken, um 


!) Ambrosius, De officiis ministrorum III, 4, 27, in der Ausgabe 
von Georg Krabinger, Tübingen 1857, Seite 184. Hildebert mag die 
Stelle dieser Schrift des h. Ambrosius selber oder einem nicht juristischen 
Sammelwerk von Väterstellen entnommen haben. Sie lautet: Quaerunt 
aliqui, si sapiens in naufragio positus insipienti naufrago tabulam extor- 
quere possit, utrum debeat? Mihi quidem, etsi praestabilius communi 
videatur usui (communi fehlt bei H.), sapientem de naufragio, quam 
insipientem evadere, tamen non (H.: non tamen) videtur, quod vir Chri- 
stianus et iustus et sapiens (H.: et sapiens et justus) quaerere sibi vitam 
aliena morte debeat, utpote qui, etiam si latronem (H.: in latronem) 
armatum incidat (H.: inciderit), ferientem referire non possit, ne, dum 
salutem defendit, pietatem contaminet. — Darauf folgt im Original noch 
ein Hinweis auf die h. Schrift. 


38 Erstes Kapitel. 


eine zweifellose Entscheidung herbeizuführen. Freilich meint 
er auch anderseits, selbst wenn es erlaubt wäre, den Priester 
wieder in seine Rechte einzusetzen, sei es doch nicht ratsam, 
weil es Anstoss geben und das Rachenehmen begünstigen werde. 

Hildebert hätte das gewünschte Präjudiz in einer der 
Sammlungen von Chartres finden können, wo es unter dem 
Namen des Papstes Nikolaus I. für einen ähnlichen Fall ge- 
geben war‘). Dagegen belehrten ihn eine Reihe von Texten 
des Decretum eines anderen; es waren aber heidnische und 
jüdische Gesetze, worauf diese die allgemeine Erlaubtheit einer 
Notwehrtötung stützten?). Auch an solchen Stellen fehlte es 
nicht, die ihn in Bezug auf Kleriker milder hätten stimmen 
können, und diese mögen es insbesondere gewesen sein, die 
seinen Zweifel verursachten; völlige Gewissheit aber zu Gunsten 
des Priesters konnten sie ihm nicht geben, weil sie sich auf 
zufällige Tötung und auf Tötung eines Sarazenen bezogen °). — 
Das Schwanken Hildeberts in diesem Punkte zeigt gewisser- 
massen den Uebergang zu einer Gesetzesänderung an. Man 
hatte bis dahin die Irregularität ex homicidio so verstanden, 
dass man eine Ausnahme höchstens für die zufällige Tötung 
anerkannte?), und wenn man auch mehr und mehr inne 
wurde, dass die Notwehrtötung nicht unter dem Delikt des 
homicidium einbegriffen werden könne, so schien es doch mit 
dem geistlichen Charakter unvereinbar, für irgend eine Art 
absichtlicher Tötung die Irregularität wegfallen zu lassen. 
Gleichsam um diese zu retten, hält Hildebert in etwa an dem 
Deliktsmoment fest, sucht es aber durch die Momente der 
Infamie und des Mangels der lenitas zu stützen. Erst das 
Konzil von Vienne (1311) hat die Irregularität für den Fall 


!) Coll. III p., I, 62, 44 (nach Friedberg I, 179, Note 42, zu 
@76.DII2) 

2) X, 65. 53. 118. XVI, 78. 172. Augustinus beruft sich X, 53 
auf jüdische und heidnische Gesetze. 

")-Iv0.P.21 117154001588 

* Ivo D. X, 24. Vgl. Hinschius KR. IT, 41. 


Allgemeine Amtshindernisse. 39 


der Notwehr offiziell aufgegeben!) und so der Ungewissheit 
ein Ende gemacht. 

Dass auch das Delikt der Verstümmelung nach Hildebert 
ein Amtshindernis darstellt, wurde bereits angedeutet. Denn 
wir sahen, dass er sogar bei blossem Verdacht einer solchen 
Tat die Ausübung des Amtes nicht gestattete, solange dieser 
Verdacht nicht rechtsgültig widerlegt war?).. An anderer 
Stelle werden uns Zölibat und Simonie beschäftigen °). 

6. Bevor wir zu den Bedingungen übergehen, mit denen sich 
andere Schriftstücke Hildeberts befassen, sei noch auf diejenige 
hingewiesen, welche der bisher zur Richtschnur genommene 
Brief in sich selber verkörpert®). Er enthält ja die Dimisso- 
rialien, die Hildebert für den von ihm geweihten Kleriker 
ausstellt. Damit der Bischof von Olermont denselben recht- 
mässig weihen und in seiner Kirche als Archidiakon anstellen 
könne, entlässt ihn Hildebert aus seiner Gewalt, erklärt ihn 
völlig frei von dem ihm als Konsekrator geschuldeten Ge- 
horsam und überlässt, „konzediert“ ihn dem anderen Bischof 
und seiner Kirche’). Wir haben also hier aus dem Anfang 
des zwölften Jahrhunderts®) noch ein Beispiel der litterae 
dimissoriales in ihrer ursprünglichen Bedeutung vor uns. Durch 


ı) Hinschius KR. I, 43 f. — Ueber die strafrechtliche Entwick- 
lung des Deliktes der Tötung im Mittelalter siehe ebd. V, 177 ff. 793 ft. 
Das geltende Recht ist mit dem mittelalterlichen identisch. Danach 
bleibt neben der Notwehrtötung die ganz zufällige und die Tötung eines 
auf der Tat ertappten nächtlichen Diebes straflos. 

2) Oben Seite 31. 

#) Benefizien- und Amtsentziehungen auf Grund von Delikten be- 
zeugt auch Brief II, 47 (B. 155 f. M. 273). — Vgl. auch, was oben über 
den defectus famae gesagt ist. 

*) Zum folgenden vgl. Hinschius KR. I, 63 ff. 93 f.; II, 491 ft.; 
III, 305 ff. 

°5)... eundem Guillelmum vobis et vestrae concedo ecclesiae ab 
ea, quam consecratori suo debet, obedientia liberum omnino et absolutum. 

°) Brief II, 29 hat II, 28 zur Voraussetzung, und letzterer ist 
nach der Synode von Angoul&me 1118 geschrieben: Mansi XXI, 183 ft.; 
Galli scchr.IX1V,17658. 


40 Erstes Kapitel. 


die Ordination wird der Kleriker ein „Sohn“ des betreffenden 
Bischofs!), er muss von diesem emanzipiert werden, um der 
Sohn eines anderen sein, von ihm geweiht werden und seiner 
Jurisdiktion sich unterwerfen zu können. Wir sehen also hier 
noch, wie in alter Zeit, den Geistlichen mit dem ordinie- 
renden Bischof aufs engste verbunden. Dieser Zustand, 
bei dem die Ordination nicht sine titulo geschehen konnte, war 
nicht mehr der allgemeine, und vielleicht hatte auch in jener 
@egend die Reformarbeit schon nach dieser Richtung hin zu 
wirken gehabt. Man sah sich genötigt, gegen die „neuerdings 
einreissende Unsitte, dass Geistliche, ohne vom Bischof bestellt 
zu sein, als acephali sich in den Schlössern der Grossen auf- 
hielten“, einzuschreiten, die alten Verbote der absoluten Ordi- 
nation sowie der Aufnahme und Ordination fremder, nicht mit 
„Formaten“ ihres Bischofs versehener Kleriker zu erneuern?). 
Diese Gegenbewegung hatte keinen dauernden Erfolg. Man 
musste schon sehr bald den gesetzlichen Zustand dahin fixieren, 
dass nur für die höheren Weihen ein Titel erforderlich war, 
und dass selbst für diese der titulus patrimonii genügte ’°). 
So wurde denn eine Weihe immer leichter und leichtsinniger 
erbeten und erteilt, der Uebergang aus einer Diözese in eine 
andere immer häufiger, und die christliche Welt sah sich bald 


!) Das ist die der damaligen Literatur ganz geläufige Bezeich- 
nung des Verhältnisses. Siehe z. B., was Hildebert angeht, in diesem 
Briefe die Gegenüberstellung von laicus generans und praesul adoptans 
(B. 129. M. 250), ferner die Briefe II, 12 (B. 93. M. 219); II, 1 (B. 169 f. 
M. 283). 24 (B. 188. M. 298). 38 (M. 312). Zu dem vorletzten vgl. Dieu- 
donne& 175 f.; warum aber mit einer Hypothese rechnen, die der Wort- 
laut des Briefes nicht im geringsten nahelegt, und die bei dem Verfasser 
des Briefes eine ihm sonst nicht eigne Frivolität voraussetzen lässt? Zu 
dem letzten vgl. ebd. 132 f. (218); es muss jedenfalls heissen vester quidem 
filius, noster autem decanus. 

2) Hefele Cg. V, 195 (Melfi 1089, c. 9). — 218 (Piacenza 1095, 
c. 15: Ueber die Bedeutung von irritus vgl. unten Seite 70. 72 Anm. 1).— 
201 (Benevent 1091; vgl. Mansi XX, 739: Androhung der Degradation). 

®) Hinschius KR. I], 63 f. 


Allgemeine Amtshindernisse, 41 


von vagabundierenden Klerikern überschwemmt; insbesondere 
brachte das Wissenschaftsmonopol des frühmittelalterlichen 
Klerus, dazu die Aussicht auf den Genuss materieller Vorteile 
es mit sich, dass für die Studierenden, wohlhabende wie arme, 
der geistliche Stand zur Mode wurde, zum guten Ton gehörte. 
Kleriker und Student wurden sozusagen identische Begriffe, 
und vieles, was der Klerus in der Goliardenzeit verbrochen 
hat, ist im Grunde dem Studententume auf die Rechnung zu 
schreiben. Immerhin ist das Abgehen von dem alten Recht, 
wie es Hildebert noch kennt und übt, für die Kirche ver- 
derblich gewesen, und die teilweise Rückkehr des Triden- 
tinum!) war auch in diesem Punkte eine dringende, leider 
verspätete Reform. 

Es sei hier noch daran erinnert, dass auch der Uebergang 
eines Klerikers von einer Kirche zu einer anderen innerhalb 
derselben Diözese, insbesondere aber die Versetzung eines 
Bischofs von alters her rechtlich behindert war, einmal wegen 
der sehr innig gedachten Verbindung zwischen der Kirche 
und ihrem Leiter, sodann aber wegen der dem Streben nach 
Versetzung häufig beigemischten Hab- und Ehrsucht. Es wurde 
zur Zeit der Reform wieder nachdrücklich betont, dass nur 
aus Gründen des allgemeinen Interesses und mit Genehmigung 
einer höheren Instanz die Translation eines Bischofes zulässig 
sei, und so hat denn auch Hildebert nicht ohne Anordnung 
des Papstes den Sitz von Le Mans mit demjenigen von Tours 
vertauscht ?). 


ik 


1. Zwei weiteren Bedingungen des Aemtererwerbes hat 
Hildebert in der Wahlangelegenheit des Rainald von Martignö, 
die wir später ausführlich zu behandeln haben, einige Worte 
gewidmet®). Wenn er bei dem zum Bischof Erwählten das 

) Ebd. 65 #. 


2) Näheres siehe unten IV, 4 und im 3. Kap. IV. 
®) Briefe Hildeberts II, 4.5 (B. 82 ff. M. 210 ff.). 


49 Erstes Kapitel. 


kanonische Alter vermisst, so verlangt er offenbar das dreissigste 
Lebensjahr, denn er weist darauf hin, dass in diesem Alter 
der Prophet Ezechiel zum Prediger berufen wurde‘). Das für 
den Episkopat auf der dritten ökumenischen Lateransynode 
gemeinrechtlich festgelegte Erfordernis eines Alters von dreissig 
Jahren stand schon seit langem in allgemeiner Geltung, da- 
mals auch noch für die Presbyteratsweihe?). Die Beobachtung 
der Altersregeln, im zehnten und elften Jahrhundert, selbst 
an höchster Stelle, so schnöde hintangesetzt, und auch später 
wieder zum Schaden der Kirche und des Volkes vielfach unter- 
schätzt, wurde zur Zeit der Reform gebührend eingeschärft°), 
aber auch jetzt noch manchmal vernachlässigt. Die Anhänger 
der Reform jedoch hielten sehr darauf, so hier im Bunde mit 
(rottfried von Vendöme der Bischof von Le Mans. „Du 
stehst in einem Alter, das die Strenge des Gesetzes, weil sie 
es bei den Geweihten fürchtet, von der Weihe ausschliesst ... . 
Die Hohenpriester sollen ein volles Alter haben, damit die 
Religion von ihrer Seite keine Gefahr zu fürchten habe, noch 
die Würde des ihr gebührenden Ansehens verlustig gehe.“ 
Das wird aus der Hl. Schrift eingehend beleuchtet. „Durch 
dies alles,“ heisst es dann zum Schluss, „ist der Kirche das 
Ideal eingeprägt worden, woran sie sich zu halten hat, und so 
wurden die festen Altersgrenzen bestimmt, deren Verletzung 
den Betreffenden zur Verurteilung gereicht“). Hildebert 
nimmt es also mit diesen Bestimmungen recht ernst, er war 


) II, 5 (B. 83. M. 212): Hince est, quod Ezechieli in trigesimo 
anno caeli aperiuntur et videt visiones Dei et prophetat. Prius aetas 
prophetae describitur, ut quibus annis praedicatio committi debeat osten- 
datur. Diese Auslegung von Ezech. I, 1 ist übrigens bestritten. 

?) Hinschius KR. I, 17 f. — Es beruht wohl auf einem Irrtum, 
wenn Imbart de la Tour (Les &Elections, Seite 479) behauptet, die 
Synode von Rouen 1074 habe ein Alter von fünfunddreissig Jahren ge- 
fordert; siehe Mansi XX, 400. 

») Hefele Cg. IV, 789 (Toulouse 1056, c. 2). 825 (Lat. 1059) 
V, 195 (Melfi 1089, c. 4); Mansi XX, 400 (Rouen 1074?, c. 6). 

#) Brief II, 5 (B. 84. M. 212). 


Allgemeine Amtshindernisse. 43 


aber nicht kleinlich genug, um einen solchen Mangel zu urgieren, 
wenn anderes einen Kandidaten empfahl. Hier lagen eben 
noch schlimmere Defekte vor; denjenigen, der vom rechtlichen 
Standpunkte für unseren Bischof ausschlaggebend war, behan- 
deln wir an anderer Stelle, ausserdem beklagt er den Mangel 
der erforderlichen Weihen. 

2. Rainald hatte noch keine oder wenigstens noch keine 
höhere Weihe erhalten, als er zum Bischof gewählt wurde). 
Dergleichen war in den vergangenen traurigen Zeiten keine 
Seltenheit gewesen, wurde aber nunmehr wieder nachdrücklich 
untersagt. Kein Laie dürfe schnell zu irgend einem kirch- 
lichen Grad befördert werden, sondern es müsse ein jeder, 
nachdem er die weltliche Kleidung abgelegt, zuvor in langem 
Aufenthalte unter den Klerikern sich bewähren; für die Aemter 
des Archidiakons, Archipresbyters, des Dekans und Propstes, 
des Abtes müsse man die entsprechenden Weihen haben; 
niemand dürfe zum Bischof gewählt werden, der nicht zuvor 
im Diakonat und Presbyterat fromm gelebt habe, nur aus- 
nahmsweise mit Zustimmung des Papstes oder des Metropoliten 
dürfe man auch einen tüchtigen Subdiakon wählen ?). Das 


!) Brief Hildeberts Il, 4 (Anf.): infra sacros ordines; II, 5 
(Anf.): Ordines tibi desunt, quos in promovendis cognovimus inquirendos. 
Und weiter: Praeterea quisquis in sacris non fuerit ordinibus inventus... 
Dagegen schreibt Gottfried von Vendöme in seinem Brief III, 11 
(M. 117. M. G., lib. de lite II, 686)... nullum penitus ordinem habere; 

. et quod ordinato soli debetur, datur inordinato; und vorher: Omnes 
postmodum ordines ... accepistis. Marbod Brief I (B. 1392 oben. 
M. 1469): extra ordines. — Zur Zeit Hildeberts wurde der Subdiakonat 
schon, wenn auch wohl noch nicht ganz allgemein, zu den ordines sacri 
gerechnet: Hinschius, KR.], 7 mit Note 1. Dafür dass Hildebert 
es tat, spricht der Anfang von Brief II, 29 (siehe oben Seite 26 f£.). 

2) Hefele Cg. IV, 825 (Lat. 1059, c. 13; vgl. Mansi XIX, 899). 
— V, 116 (Poitiers 1078, c. 7). 222 (Clermont 1095, e. 3). 380 (Lat. 
1123, c. 6). 419 (Reims 1131, ec. 4) u. a. — 201 (Benevent 1091). Vgl. 
419 (Reims 1131, c. 4). Was die Synode von OClermont 1095 (Hefele 
Cg. V, 222) bezüglich des Subdiakonates verfügt hat, ist in den bekann- 
teren Ausgaben nicht ganz klar zu ersehen. (Vgl. Mansi XX, S17, c. 5. 


44 Erstes Kapitel. 


waren die Grundsätze der Reform, aber sie drangen nicht 
überall durch. Dass auch jetzt noch manche Streber, um 
möglichst lange einem freieren Leben sich ergeben zu können, 
nicht eher sich weihen, wenigstens die höheren Weihen sich 
nicht eher erteilen liessen, bis dass sie Gelegenheit fanden, sie 
durch die Bischofsweihe zu krönen, ist nicht zu bezweifeln. 
Gottfried von Vendöme wirft dies auch dem Bischof von Angers 
vor, und zwar zu einer Zeit, wo er mit demselben wieder 
versöhnt war!). Wenn Hildebert davon schweigt, so braucht 
es deshalb, trotz der bekannten Heftigkeit und Grobheit des 
Kardinals, nicht als unglaubwürdig zu erscheinen, denn die 
nachher zu schildernden Umstände der Wahl sprechen nicht 
dagegen, und Hildebert-gibt in seiner Besorgnis für die Zu- 
kunft ähnliches zu verstehen ?); unnötig scharfe und verletzende 
Bemerkungen vermied der feinsinnige Bischof, weil ein solches 


885 unten. 905, c. 19.) Wahrscheinlich hat sie den betreffenden Kanon 
von Benevent nur wiederholen wollen (vgl. ebd. 902, V). Das bestätigt 
die Fassung des Kanons von Clermont bei Sdralek, Wolfenbütteler 
Fragmente: Kirchengeschichtliche Studien, herausgegeben von Knöpfler, 
Sdralek, Schrörs I. Band, 2. Heft (Münster 1891), Seite 133: Interdietum 
est, ut nullus in episcopum eligatur, nisi sit presbiter aut diaconus, 
et subdiaconus raro cum licentia papae. — Seit Innocenz III. genügt 
der Subdiakonat ohne weiteres, das Tridentinum verlangt aber, dass man 
seit sechs Monaten in dieser Weihe stehe: Hinschius KR. II, 481. 

!) A. a. ©. (Seite 43 Anm. 1). Dass er mit Rainald bereits seinen 
Frieden gemacht, sagt Gottfried selbst am Schluss des Briefes. Sackur 
(M. G., a. a. O., Seite 677) gibt als Abfassungszeit 1116—1118. 

?) Haec si ita se habent, infinitus labor tibi incumbit, nec facile 
bonos exitus invenient, quae malo sunt inchoata principio: Brief II, 5 
(B. 83. M. 212). Und gegen Ende des Briefes: Proinde timendum est, 
ut hac temporali promotione cum illis ab aeternitate deeidas... Vel. 
den Schluss von II, 4: Ut autem vobis, ut juveni maturius consulatur, 
manus ei cito non imponatis, ne hoc vel illi deputetur ad judicium, vel 
vobis ad lapsum. Quisquis huic negotio ita non providet, invidet. Parcat 
mihi pater, quia ego parcam animae meae. — Wer das im Text Bemerkte 
und überhaupt die ganze Tragweite dieser Angelegenheit, wie sie erst 
an späterer Stelle sich dartun wird, erwägt, kann schwerlich mit Dieu- 
donne& (Seite 150) reden von einem point de vue un peu e£troit. 


Allgemeine Amtshindernisse. 45 


Vorgehen seinem Charakter zuwiderging und er sich von 
einem bei aller Entschiedenheit doch ruhigen und schonenden 
Benehmen mehr Erfolg versprach. In diesem Falle ist aller- 
dings der Erfolg doch ausgeblieben; Rainald erhielt in acht 
Tagen sämtliche Weihen und wurde vom Papste bestätigt). 

Gottfried betont in seinem späteren Anklagebrief, dass 
Rainald die Weihen nicht ordnungsgemäss, weil in acht Tagen 
und nicht zu den bestimmten Zeiten, empfangen habe?). Da- 
mit will er zweierlei sagen: Es wurde sowohl das Gebot ver- 
letzt, die Weihen nur an den besonderen, dazu festgesetzten 
Tagen zu erteilen), als auch das andere, die von jeher ge- 
forderten Interstitien zu beobachten. In letzterer Hinsicht be- 
standen allerdings keine festen Zeitbestimmungen, zu Rouen 
wurde im Jahre 1074 z. B. nur erklärt, von der Akolythen- 
bis zur Priesterweihe dürften nicht verschiedene Weihen an 
einem Tage oder zu einer Zeit gespendet werdent). Jeden- 
falls mussten also von der erstgenannten an längere, zur Er- 


!) Siehe Seite 43 Anm. 1 und unten im 3. Kap. I. 

2) A.a. 0. (Seite 43 Anm. 1): Omnes postmodum ordines, sed sine 
ordine, quia in octo diebus et non certis temporibus, accepistis propter 
episcopatus ambitionem. 

®) Hefele Co. IV, 789 (Toulouse 1056, c. 2: Ueber die Bedeutung 
von irritus vgl. unten Seite 70. 72 Anm. 1). — Im einzelnen lauteten die 
Bestimmungen hinsichtlich der Tage verschieden. Siehe ebd. IV, 735 
(Mainz 1049: Quatember). 757 (Coyaca, Spanien, 1050, c. 5: Mitte der 
Quadragesima und des August); V, 224 (Clermont 1095, c. 24: Quatember 
und Samstag vor Lätare). Diakonats- und Priesterweihe sollten am Sonn- 
tag erteilt werden: Ebd. IV, 892 (Rouen 1072, c. 8; vgl. Mansi XX, 
37, VIII — ich verstehe die Stelle nicht wie Hefele); V, 381 (Lat. 
1123, c. 19). 

*#) Mansi XX, 399, c. 4. So verstanden hat der Kanon einen dem 
Stande der Entwicklung entsprechenden Sinn. Die drei ersten Weiben 
durften also damals schon an einem Tage erteilt werden, von da an aber 
durften keine zwei Weihen an einem Tage gespendet und mussten zwi- 
schen den einzelnen Weihen zweckentsprechende Interstitien eingehalten 
werden. Bei Hefele Cg. V, 35, c.4 und Imbart de la Tour, Les 
elections, Seite 478 bleibt der Kanon ganz unklar. 


46 Erstes Kapitel. 


probung in dem betreffenden Ordo genügende Zeiträume ver- 
gehen, was ja auch im Geiste der anderen, oben mitgeteilten 
Gesetze gelegen war. So wurden zu ÜClermont 1095 von 
Urban II. zwei Bischöfe abgesetzt, weil sie sämtliche Weihen 
binnen Jahresfrist empfangen hatten !). — Gottfried erkennt 
ausdrücklich an, dass Rainald allerdings zu guter Letzt noch 
sämtliche Weihen sich habe spenden lassen. Eine promotio 
per saltum kam nämlich hie und da noch vor, gesetzlich 
aber stand es längst schon fest und wurde es von neuem be- 
tont, dass ein Ueberspringen der Weihen nicht erlaubt sei?). 

3. In dem Wahlkonflikt von Angers verwendete sich für 
Rainald mit auffallendem Eifer ein angesehenes Mitglied des 
Episkopates, Marbod von Rennes?). Schon aus den drei er- 
haltenen Schilderungen jener Ereignisse, auch aus seiner 
eigenen *), gewinnt man nicht den Eindruck, dass es der reine 
Eifer eines Heiligen’) war, der den fünfundsechzigjährigen 
Mann dabei beseelte, und ein Nachspiel der aufregenden Affäre 
legt erst recht die Vermutung nahe, dass der Eigennutz oder 
das Familieninteresse einen grossen Anteil daran hatten. 
Als nämlich Rainald durch die Ordination des Erzbischofs 
und die Konfirmation des Papstes in seiner Stellung gesichert 
war, lohnte er Marbod, der ihm zu beidem verholfen hatte, 
seine Unterstützung mit Undank; so wenigstens fasste dieser 
die Sache auf. Für den Bischof von Angers war jetzt die 
Versöhnung der ihm nicht gewogenen Kanoniker wichtiger als 
die Freundschaft des Genossen und Helfers, und weil bei der 
Feindschaft der ersteren gegen den letzteren beides nicht mit- 


!) Hefele Cg. V, 225 oben. Sie wurden am Schluss der Synode 
auf Fürbitte anderer wieder restituiert. 

2) Beispiele bei Imbart de la Tour a.a. O. Seite 477, Note 2 
u.3. — Verbote ebd. und Hefele Cg. IV, 892 (Rouen 1072, c. 10). 

3) Siehe zum folgenden dessen Brief I (B. 1387 ff. M. 1465 f.). 
Ferner über Marbod B. 1382 fl.; Gallia Chr. 746 ff. 

*%) B. 1391 f. M. 1469 £. 

>) Als solchen haben ihn einzelne hingestellt: B. 1387 f. 


Allgemeine Amtshindernisse. 47 


einander zu vereinigen war, so opferte er den alten Freund. 
Er sah sich dabei in der angenehmen Lage, seine Handlungs- 
weise ohne Schwierigkeit mit dem Schein des Guten umgeben 
zu können; zudem aber — seien wir gerechter als Marbod! — 
wird er auch tatsächlich den fraglichen Uebelstand als lästig 
und gefährlich empfunden haben. Marbod besass nämlich 
durch die Gunst der Vorgänger Rainalds, unter denen er als 
Scholastikus und Archidiakon über dreissig Jahre lang gewirkt, 
in der Diözese Angers eine Reihe von Würden und Benefizien ; 
dieser sollte er, so beschlossen die Kanoniker und mit ihnen 
Rainald, verlustig sein, und als er sich darüber beschwerte, wurde 
die Sache unter dem Hinweis auf das Verbot der Pfründen- 
kumulation dem Papste unterbreitet. — Dessen Entschei- 
dung war natürlich leicht vorauszusehen. Gegen die Ver- 
einigung mehrerer Stellen in einer Hand, die infolge des Eigen- 
kirchenrechts und des Aufhörens der vita communis weit um 
sich gegriffen hatte, waren die Konzilien längst wieder nach 
alten Grundsätzen energisch eingeschritten !), um der Stellen- 
jägerei und Habsucht, sowie der Vernachlässigung des Kirchen- 
dienstes zu steuern. Es ist wahrscheinlich, dass Marbod nicht 
so sehr für sich persönlich als vielmehr für seine in Anjou 
ansässigen Verwandten besorgt war?), aber es bleibt doch zu 
bedauern, dass er der gerechten Strafe für das in der Unter- 
stützung Rainalds begangene Unrecht, welches er als solches 
nunmehr anerkannte, und zugleich einer rechtlich begründeten 
Massregel sich hartnäckig widersetzte und noch nachträglich 
seinem Aerger darüber in einem sehr langen Brief an den 
Bischof von Angers Ausdruck gab. 

Im Verlaufe dieser Feindseliskeiten hat nun auch wieder 


!) Näheres bei Hinschius KR. III, 246 f. (Anm. 11 muss es 
heissen c. 8 statt 7, Anm. 12 statt 917: 927). Ueber die Pfründenkumu- 
lation überhaupt ebd. 243 ff. 

2) Brief Marbods I (B. 1389; M. 1467): post damna et dedecora 
mihi meisque crudeliter illata; Brief Hildeberts II, 3 (B. 8 £. 
M. 209 £.). 


48 Erstes Kapitel. 


Hildebert eine Rolle gespielt), in welchem Stadium, lässt sich 
nicht mit Gewissheit erkennen. Er selbst ist mit Rainald 
versöhnt, das Verhältnis zwischen diesem und Marbod ist ein 
gespanntes, mindestens zweifelhaftes. Letzterer wünscht nun 
ein Kanonikat von Angers, das er bisher innegehabt, auf einen 
Neffen übertragen zu sehen, und Hildebert, von Marbod um 
Vermittlung und von Rainald um Rat angegangen, überzeugt 
diesen anfangs, dass die Einwilligung in die Bitte der Lage 
der Dinge wohl am besten entsprechen würde. Die Kanoniker 
aber, über Hinterlist und Unrecht des Bischofs von Rennes 
sich beklagend, sind ebenso sehr wie letzterem auch seinen 
Verwandten abgeneigt, und Rainald gibt ihnen, vielleicht auch 
eigenem Grolle und eigenem Widerwillen gegen die Herrschaft 
Marbods und seiner Verwandten, am Ende nach. Hildebert teilt 
dies Marbod mit und fügt hinzu, er werde es schon anders 
anlegen und etwa früher erfahrenes Unrecht vergessen müssen, 
wenn er. eine Gunst erlangen wolle. Vielleicht führt uns diese 
Nachricht in den Anfang des Streites und suchte Marbod für 
seine Verwandten noch etwas zu retten, vielleicht aber hatte 
man ihm zum Schluss das Kanonikat noch übrig gelassen, das 
er jetzt dem Neffen zu verschaffen sucht; letzteres hat deshalb 
einige Wahrscheinlichkeit für sich, weil Marbod später zuweilen 
wieder in der Diözese Angers tätig erscheint?). — Hildebert 
konnte mit gutem Gewissen den schwachen Bischof in dem 
vorliegenden Falle von Nepotismus unterstützen, denn es 
handelte sich, wie er wohl zu seiner eigenen Rechtfertigung 
bemerkt, um einen Jüngling von trefilichem Charakter und 
entsprechender Bildung, seine Anstellung mochte ferner in der 
Tat als ein passender Austrag der peinlichen Angelegenheit 
erscheinen, endlich wurde dadurch die Ungehörigkeit be- 
seitigt, dass der Bischof von Rennes zugleich Kanoniker von 
Angers war. 


I) Siehe den in vor. Anm. zitierten Brief Hildeberts. 
27Gall1 3, 0hr@XTV.747 


Allgemeine Amtshindernisse. 49 


Ob aber Hildebert bezüglich der Pfründenkumulation 
überhaupt eine ganz korrekte Haltung eingenommen hat, ist 
mehr als zweifelhaft. Er spricht zwar in einer Weise von 
den Unbilden, die dem Kollegen widerfahren waren, dass er 
es dahingestellt sein lässt, ob es wirklich Unrecht gewesen, 
indes kann unter diesen Worten auch das zu verstehen sein, 
was jener bei Gelegenheit der Wahlaffäre, nicht erst nachher, 
zu leiden gehabt, und anderseits weist gerade Marbod in seinem 
Klagebrief an Rainald auf eine Tatsache hin, die nicht bloss 
den Bischof von Angers, sondern auch unseren Hildebert in 
Sachen der Pfründenkumulation belastet: Einer von seinen 
Gegnern im Kapitel Rainalds sei auch in Le Mans „konskri- 
biert* Y). Und dass für die Kanoniker von Le Mans die Plu- 
ralität der Benefizien nichts Unerhörtes war, wird uns auch 
anderswo bezeugt. Es schreibt nämlich der Biograph des 
Hildebert unmittelbar nachfolgenden Bischofs’): „Als Guido 
im Kapitel häufig durchaus berechtigte Klagen über die un- 
genügende Besorgung des Kirchendienstes vernehmen liess, 
erwiderten ihm die Kanoniker: Das geschieht durch Eure 
Schuld und infolge der Gleichgültigkeit Eurer Vorgänger, denn 
entgegen den kirchlichen Bestimmungen adskribiert Ihr Kleriker, 
die in anderen Städten und Gegenden bereits angestellt sind, 
dem Kollegium unserer Kirche, wie auch jene es getan; diese 
aber kommen zur Zeit der ‚Fruchtbarkeit‘ zweimal im Leben 
oder einmal im Jahre hierher und erpressen die Benefizien 
der Kirche, ohne sie zu verdienen; sie prahlen mit ihrer Würde 
und danken Gott so wenig, wie sie der Kirche gegenüber 
ihres Amtes walten. Da Guido diesen Behauptungen nicht im 
geringsten widersprechen konnte, so verlieh er seinem Kapitel 
den Anspruch, dass in Zukunft weder er selbst noch seine 
Nachfolger Kanoniker einer anderen Kirche in Le Mans zu 


1) A. a. 0. (B. 1393. M. 1471): ... arguit te Sicarius, arguit te 
Stephanus, alter in Cenomanensi, alter in Turonensi ecclesia prius con- 
seripti. 

SBASB.,M3b7322.5p7 2. 

Barth, Hildebert von Lavardin. d 


50 Erstes Kapitel. 


Kanonikern sollten machen, oder der Dekan sie sollte instal- 
lieren dürfen ohne die Zustimmung des ganzen Kapitels. Und 
für den Fall, dass er selbst oder einer seiner Nachfolger den 
Versuch machen würde, dieses Dekret aufzuheben oder zu ver- 
letzen, gab er dem Kapitel das Recht, durch Anrufen einer 
höheren Instanz ein derartiges Unterfangen zu vereiteln. 
Nach Verkündigung dieses Aktes von seiten Guidos erhoben 
sich die Kanoniker insgesamt, dankten ihm mit geneigtem 
Haupte und bestätigten durch Zuruf und Abstimmung das 
Dekret.“ 

Soweit der Bericht, der recht charakteristisch und mit 
einem sichtlichen Gefühle der Genugtuung verfasst ist. Es 
unterliegt kaum dem mindesten Zweifel, dass auch Hildebert 
in seinem dreissigjährigen Episkopat sich jenen Vorwurf ver- 
dient hat. Von Guido selbst erzählt genannter Autor!), er 
sei zu einer und derselben Zeit zu Salisbury Magister schola- 
rum und Kanoniker, zu Lincoln Kanoniker, zu Rouen Kanoniker 
und Archidiakon, zu Le Mans Kanoniker, Archipresbyter, 
Magister scholarum und Präcentor gewesen, und er tadelt dies 
nicht, bemerkt aber wohl, dass Guido sich trotzdem niemals 
überhoben oder bereichert habe. Und dieser Guido war unter 
Hildebert emporgekommen, er hat ihn dem Bischof Roger von 
Salisbury als hervorragenden Lehrer empfohlen ?). Wir müssen 
davon überzeugt sein, dass dem so sehr Begünstigten das Lob 
einer ausnehmenden Gelehrsamkeit und eines musterhaften 
Wandels, welches ihm sein Biograph wie auch Hildebert ge- 
spendet, zukam, und dass Hildebert überhaupt nur ein wahres 
Verdienst auf solche Weise belohnt hat; dennoch kann unser 
Bischof hier unter dem Gesichtspunkt der kirchlichen Disziplin 
von einem gewissen Leichtsinn kaum freigesprochen werden. 
Wirkliches und angebliches Verdienst hat den Vorwand ab- 
gegeben für eine Ungehörigkeit, die weiterhin noch Jahr- 


1) Ebd. 320 Sp. 1. 
2) Ebd. und Brief Hildeberts II, 12 (B. 92 f. M. 219 £.). 


Zölibat und Simonie. 51 


hunderte hindurch die Kirche schwer geschädigt hat trotz 
vieler Gesetze, die dagegen ergingen. 

Einer Art von Kumulation scheint Hildebert allerdings 
ganz abhold gewesen zu sein, wenigstens hat er ihr einige 
Spottverse gewidmet !): Bischof und Abt in einer Person, das 
kommt ihm vor wie ein Gemisch von Pferd und Esel, ein 
Maultier; dieses Doppelamt ist ihm ein unnennbarer Grad der 
kirchlichen Hierarchie. Die Abneigung Hildeberts gegen alles, 
was nach Fanatismus schmeckt ?), spricht wohl dafür, dass er 
mit dieser vierversigen Bosheit den übereifrigen Bruno von 
Segni bedacht hat, welchen Paschal II. nötigte, der Abtswürde 
zu entsagen und sich mit seinem Bistum zu begnügen’). Das 
steht indes dahin; es gab wohl schlimmere Beispiele dieser 
Verbindung *) und der Kumulation überhaupt auch zu Hilde- 
berts Zeit. Anderseits konnte die Beibehaltung einer Kloster- 
leitung von seiten eines Bischofs aus den besten Absichten 
erfolgen und wünschenswert sein. Hierfür ist Ivo von Ohartres 
das bekannte Beispiel jener Zeit, aber auch er gibt Zeugnis 
dafür, dass nur unter ganz besonderen Umständen und für 
kurze Zeit eine solche Ausnahme von der gesetzlichen Regel 
zum Heile dienen kann°). — Hildebert ist also keinesfalls 
einer verabscheuungswürdigen Stellenhäufung zugetan gewesen; 
das verbürgt übrigens auch der Hass, den er der Habsucht 
gegenüber an den Tag legt). 


Im. 


Als erstes Mittel für die Zwecke der Reform wurden die 
alten Zölibatsgesetze wieder aufgefrischt, die trotz der in 


!) B. 1355; M. 1430 (Nr. OXID); Haur&au, Melanges, Seite 115. 

?) Vgl. unten im 3. Kap. III, 2. 

®) Hefele Cg. V, 314 £. 

“) Ein spezielles Verbot derselben geben Ordericus Vitalis und 
Wilhelm von Malmesbury als Kanon der Synode von Clermont 1095: 
Mansi XX, 885. 904. 

°) Foucault 39 ft. 

6) Siehe unten III, 4. 


2 Erstes Kapitel. 


jedem Jahrhundert stattgehabten Verkündigungen damals bei- 
nahe in Vergessenheit geraten waren!). Mit dem Wiederauf- 
leben des Priesterzölibats sollten die mächtigsten äusseren Be- 
weggründe irdischen Strebens für den Klerus beseitigt und die 
drohende Erblichkeit der Pfründen verhindert werden ?). Die 
bekannten Worte des Apostels über den asketischen Wert der 
Ehelosigkeit°), von welchem auch die damalige Bewegung zu 
Gunsten des priesterlichen Zölibats ihren Ausgang nahm, hatten 
für die Verhältnisse jener Zeit eine hervorragende kulturelle 
Bedeutung. Nachdem es dem Feudalismus auf Grund des 
Eigenkirchenrechts gelungen war, auch dem Kirchenamte seine 
Schablone fast vollkommen aufzudrücken, die Unterschiede des 
geistlichen von dem sonstigen Hof- und Gutsdienste fast gänz- 
lich zu verwischen, musste der Zölibat mehr denn je als 
dringend notwendig erscheinen, um in den Priestern das Be- 
wusstsein zu befestigen, dass ihr Beruf doch etwas mehr sei 
als ein Mittel des Erwerbes für eine eigene Familie und die 
des Herrn und etwas mehr erfordere als eine Abneigung gegen 
Ackerbau, Handwerk und Kriegsdienst und ein mehr oder 
minder mangelhaftes Wissen. Die Ehe der Priester dagegen 
drohte den Ring des die Kirche umspannenden Systems zu 
schliessen, indem sie die alles beherrschende Erblichkeit auch 
in das Gebiet des kirchlichen Aemterwesens verpflanzte, 
und mit diesem Abschluss wäre der Untergang der Kirche 
besiegelt gewesen. Daraus lässt es sich verstehen, dass die 
Zölibatsgesetzgebung so eindringlich betrieben und so energisch 
gehandhabt wurde‘). Sodann aber galt es, dasjenige aus dem 


!) Ueber den Zölibat siehe Hinschius KR. T, 144 ff.; Mirbt, 
Publizistik, Seite 239 ff, (255 ff., Verbreitung der Priesterehe in Frankreich). 

2) Zum letzteren siehe auch Stutz, Lehen und Pfründe, Seite 243 f. 

®) 1. Kor. VII, 32 f£.: Volo autem vos sine sollicitudine esse. 
Qui sine uxore est, sollicitus est quae Domini sunt, quomodo placeat Deo. 
Qui autem cum uxore est, sollicitus est quae sunt mundi, quoınodo placeat 
uxori, et divisus est. 

4) Näheres über das Eigenkirchenrecht und seine Folgen im 2. und 


3. Kapitel. 


Zölibat und Simonie. 53 


Bereiche des geistlichen Amtes zu verbannen, wodurch es 
einem irdischen Streben immer wieder gelang, sich zu be- 
friedigen, die Entgeltlichkeit geistlicher Funktionen sowie der 
Aemter und Weihen selbst, die ebenfalls von jeher in der 
Kirche bekämpfte und damals wieder grassierende Simonie, 
Auch sie hatte gerade in dem germanischen Eigenkirchen- 
wesen und dem auf ihm beruhenden Benefizial- und Lehens- 
system die kräftigsten Wurzeln schlagen können, und ihr 
inniger Zusammenhang mit den Interessen der weltlichen Herren 
machte gewaltige Anstrengungen und schwere Kämpfe er- 
forderlich. — Bis zum Jahre 1075 bewegte sich die Reform- 
gesetzgebung der Kirche in der Bahn, welche durch jene beiden 
Punkte bezeichnet wird, und man liess dieselben auch dann 
nicht aus dem Auge, als ein neues Moment in die Bewegung 
hineinkam. Weil sich die Zölibats- und Simoniegesetze inner- 
halb des herrschenden Systems nicht durchführen liessen, so 
wurde der Angriff gegen das System selbst und gegen seine 
Grundlage, das Eigenkirchenrecht gerichtet, und nunmehr er- 
hielten jene Gesetze zugleich einen kirchenpolitischen Anstrich; 
sie sollten dazu dienen, den Klerus und die Kirche von der 
Herrschaft der Laien zu befreien !). 

1. Als Bischof hat Hildebert persönlich auch den 
reformeifrigsten Kritikern keinen Anlass zur Unzufriedenheit 
gegeben, und seine Schriften offenbaren einen echt kirchlichen 
und priesterlichen Geist; er ist denn auch mehrfach als Heiliger 
angesehen worden?). Dass er auch schon als Priester dem 
Geiste dieser Reformen nicht fernstand, dafür gibt es unter 
dem wenigen, was uns aus seiner vorbischöflichen Periode 
erhalten und bekannt ist, einige Anzeichen; Unenthaltsamkeit, 
Habsucht, Ehrgeiz hat er danach als die gefährlichsten Feinde 
des Priestertums und der Kirche verworfen®). Nun soll er 


!) Vgl. Mirbt a. a.0. Seite 333 ff., der eine tiefere Erfassung der 
Zeitverhältnisse in seiner Kritik auch hier vermissen lässt. 

2) B. XXXIV £. (M. 88). 

>) Wir kommen darauf in diesem und im 4. Abschn. (III. 1. 4) zurück. 


54 Erstes Kapitel. 


aber noch als Archidiakon ein sehr schlechtes Leben geführt 
haben. Nach seiner Erwählung zum Bischof beschuldigten ihn 
seine Gegner bei dem strengen Zensor Ivo der gröbsten Un- 
sittlichkeit, und dieser riet ihm für den Fall, dass die Nach- 
richten auf Wahrheit beruhten, reiflich zu erwägen, ob nicht 
eine freiwillige Verzichtleistung auf die angetragene Würde 
in seinem eigenen Interesse und in demjenigen des Volkes am 
Platze sei. Eine bis heute nicht entschiedene Kontroverse hat 
sich an den betreffenden Brief des Bischofs von Chartres !) 
angeschlossen; Dieudonn& hat sich zuletzt darüber verbreitet ?) 
und seinerseits die Hildebert ungünstige Ansicht bekräftigen 
zu sollen geglaubt. Es sei bezüglich des Streites auf seine 
Ausführungen verwiesen, und hier nur dasjenige gewürdigt, 
was der sonst dem Bischof gewogene Verfasser für seinen 
Standpunkt ins Feld führt. Auch er legt den hie und da 
vorkommenden Selbstanklagen Hildeberts keinen Wert bei, 
wohl aber einigen Andeutungen früherer Vergehen, die sein 
Biograph zu machen scheint. Es lässt sich nicht leugnen, dass 
man, darauf ausgehend Anhaltspunkte zu entdecken, in einigen 
Wendungen desselben solche finden kann; wer jedoch ohne 
jegliches Vorurteil den in Betracht kommenden Eingangs- 
abschnitt?) liest, wird eher den Eindruck empfangen, dass in 
der Weise einer Heiligenbiographie die Geschichte eines ge- 
wissenhaften Mannes eingeleitet werde, der in dem höheren 
Amte eine höhere Vollkommenheit zu üben sich verpflichtet 
fühlt. — Als künstlich erscheint uns weiterhin die Art und 
Weise, wie Dieudonn& mit zwei Schriftstücken sich abfındet, 
von denen das eine, ein Nekrolog, den Tod des Gervasius, 
eines „Sohnes“ des Bischofs Hildebert, meldet, das andere, 
eine Urkunde, die Gegenwart „meines Neffen Gervasius® — 
sagt Hildebert selbst als Aussteller des Dokumentes — be- 


1) 277 (M. 279). Andere Quellen gibt es nicht. 
2) Seite 42 fi. 
») B. XXXVI. M. 39 f. Mab. 313. 


Zölibat und Simonie. 55 


zeugt!). Die Histoire litteraire de la France urteilt °). 
dass in beiden der gleiche Gervasius und demnach ein Sohn im 
geistlichen Sinne gemeint sei, Dieudonne dagegen, es stehe zu- 
nächst nichts im Wege, an zwei Personen desselben Namens 
zu denken, sodann aber könne man sehr geneigt sein, anzu- 
nehmen, dass Hildebert der Zölibatgesetze wegen sich in der 
Urkunde einer Lüge bedient, d. h. aus dem Sohne einen Neffen 
gemacht habe; und diese letztere Hypothese soll derjenigen 
der Histoire littöraire die Wage halten. — Das ist doch wohl 
zu viel behauptet. Wenn zugegeben werden muss, dass im 
Mittelalter auch angesehene Personen hie und da sich nicht 
gescheut haben, Urkunden zu fälschen, so liegt doch in unserem 
Falle die Wahrscheinlichkeit einer solchen Fälschung ziemlich 
fern; denn einmal handelt es sich um eine von Hildebert aus- 
gestellte amtliche, zum unmittelbaren Gebrauch der Inter- 
essenten bestimmte Urkunde, in welcher demnach die Fälschung 
ohne weiteres entdeckt worden wäre, sodann aber lag gar keine 
besondere Veranlassung für den Bischof vor, überhaupt ein 
Verwandtschaftsverhältnis zu erwähnen, so dass er also das 
Zölibatsgesetz auf viel einfachere Weise hätte respektieren 
können. Welcher Sinn mit grösserem oder geringerem Recht 
dem fraglichen nekrologischen Vermerk beigelegt werden kann, 
lässt sich aus dieser einzelnen Notiz des verlorenen Toten- 
buches nicht mehr beurteilen; einem modernen Zivilstands- 
register sind denn doch derartige Bücher sehr unähnlich °). 
Die Möglichkeit, dass die beiden Dokumente verschiedene 
Personen bezeichnen, ist natürlich nicht zu bestreiten. 
Endlich beruft sich Dieudonne noch auf die „ausserordent- 
lich leichten Poesieen, die man auf die Rechnung Hildeberts 
gesetzt hat“. Zwar bemerkt er dazu selbst, dass man aller- 
dings nicht wissen könne, was hiervon vor dem Eintritt Hilde- 


') Siehe die Urkunde bei M. 322 £., XL. 

2) XI, 258 £. 

3) Bezüglich der übertragenen Bedeutung von filius vgl. oben 
Seite 39 f. 


56 Erstes Kapitel. 


berts in den Archidiakonat oder in den Klerus verfasst sei, 
und dass man nicht notwendig selbst verdorben sein müsse, um 
über anstössige Dinge zu dichten. Das Wichtigste aber vergisst 
er zu sagen, dass nämlich neben den zahlreichen sicher beglaubig- 
ten Gedichten Hildeberts nicht ein einziges jener anrüchigen mit 
irgendwelcher (rewissheit ihm zugeschrieben werden kann). 
Dagegen wird ein Gedicht entgegengesetzten Charakters, das 
er als Lehrer oder als Archidiakon verfasst haben muss, schon 
bald nach seinem Erscheinen und später des öfteren als sein 
Werk rühmend erwähnt und zitiert. Es behandelt als die drei 
schlimmsten Feinde „heiliger Sitten“ Habsucht, Ehrgeiz und 
an der Spitze das Weib?). Das Herabsetzen des Weibes mag 
freilich damals wie zu anderer Zeit ein Gemeinplatz gewesen 
sein und in der Regel noch nichts beweisen zu Gunsten des 
Tadlers, auch hat es Hildebert nicht gehindert, den Frauen 
gerecht zu werden und einzelnen, hochgebildeten, im edelsten 
Sinne befreundet zu sein. Dennoch braucht es hier gegenüber 
dem Hinweis auf angeblich von ihm herrührende Poesieen an- 
stössigen Inhalts nicht übergangen zu werden, dass er gerade 
in jener Stellung, in welcher er sich so schwer verfehlt haben 
soll, ein anderes Gedicht unzweifelhaft verfasst und veröffent- 
licht hat, das offenbar der Warnung des Klerus vor den die 
(Gesellschaft aufregenden Gesetzwidrigkeiten zu dienen bestimmt 
war; auch scheinen diese Verse damals keineswegs als ein 
(semeinplatz gegolten zu haben. Aller Wahrscheinlichkeit 
nach stammt aus derselben Zeit eine Mahnung zur Enthalt- 
samkeit, die er den Priestern mit Rücksicht auf das von ihnen 
zu feiernde Opfer in der Einleitung seines Liber de expo- 


ı) Haure&au, Melanges, besonders Seite 175 ff. 

2) Ebd. 106 ff.; Text auch, aber schlecht, bei B. 1353 ff. M. 1423 fi. 
Ich beziehe auf dieses Gedicht auch die Worte des Alexander 
Neckam, die Haurdau (a. a. O. Seite 184 f.) für ein anderes glaubt 
in Anspruch nehmen zu sollen; auch die übrigen für die Verfasser- 
schaft Hildeberts an dem letzteren beigebrachten Gründe sind nicht 
stichhaltig. 


Zöhbat und Simonie. 57 


sitione Missae erteilt !). — Wenn endlich auch nicht behauptet 
werden darf, dass Leichtfertigkeit der Sitten und religiöse 
Devotion, namentlich im Mittelalter und für den gallischen 
Charakter, unvereinbar seien, so sind doch die kernige Frömmig- 
keit und Ethik, wie sie in den Schriften Hildeberts uns ent- 
gegentritt?), immerhin kein Boden, auf welchem leicht so grobe 
Ausschweifungen vermutet werden. 

Es erübrigt nun noch die Frage, ob man es für glaublich 
halten darf, dass eine so ungeheuerliche Anklage erlogen wurde. 
Wer die Leidenschaftlichkeit und die @ewissenlosigkeit kennt, 
mit welcher die Reformgesetze zu Parteizwecken ausgenutzt 
und vielfach missbraucht wurden, wird nicht anstehen, diese 
Frage zu bejahen; es ist dies zum mindesten ebenso wahr- 
scheinlich, als dass Hildebert der Verbrechen schuldig war, 
zumal die Denunzianten sich an eine höhere und zuständige 
Stelle, soviel wir wissen, nicht gewendet haben. Der Umstand 
aber, dass Ivo ihren Beschuldigungen Folge gibt, ohne ihnen 
freilich unbedingten Glauben zu schenken, fällt deshalb nicht 
in die Wagschale, weil nichts beweist, dass er den Archi- 
diakon anderswoher kannte. — Dieudonn& hat also die Streit- 
frage nicht zu Ungunsten unseres Bischofs mit seinen Argu- 
menten verschoben. Mehr sollte in dieser Auseinandersetzung 
nicht festgestellt werden, denn die Frage endgültig zu lösen, 
ist bei den uns bis jetzt zu Gebote stehenden Quellen nicht 
möglich. 

2. Literarisch werden die Gesetze über Zölibat und Unent- 
geltlichkeit des Aemtererwerbs von Hildebert schon da erfasst, 
wo sie historisch zuerst für die französische Reform eine all- 


!) B. 1107. M. 1154. Der Schluss dieser Stelle muss, wenn er 
nicht ganz verderbt ist (vgl. Ivo P. III, 96), offenbar heissen: ... ergo 
sacerdoti, cui semper pro populo offerenda sunt sacrifieia, semper oran- 
dum est pro laico, — hier beginnt der Nachsatz, — semper carendum 
matrimonio. — Die Stelle Hieronymus adv. Jov. lib. I(M. XXIII, 220) 
gibt keinen Aufschluss. 

?) Darüber soll an anderem Orte ausführlicher gehandelt werden. 


58 Erstes Kapitel. 


gemeine Bedeutung gewinnen. In der Biographie des Abtes 
Hugo von Oluny erzählt er von der Promulgation der beiden 
(esetze auf der Generalsynode zu Reims (1049) und von der 
Rolle, die dabei der Abt gespielt hat; er tut dies in einem 
Tone, der deutlich seine Begeisterung für diese Reformgesetze 
verrät ). Die Vita Hugonis ist geschrieben nach dem Jahre 
1109, in welchem der berühmte Abt gestorben ist?). Später 
drückt Hildebert einmal sein Bedauern darüber aus, dass in- 
folge der Bereitwilligkeit, mit welcher beliebige Appellationen 
vom römischen Stuhle angenommen würden, auch die Ver- 
folgung unenthaltsamer Priester zum Stillstand kommen müsse °). 

Wenn nun weitere Anhaltspunkte für die Stellung Hilde- 
berts zu den Zölibatsgesetzen, soweit sie die in Ehe oder 


) B. 916 f. A. S. 637 Nr. S: Cum autem Leo IX. translaturus 
B. Remigii corpus Remis usque pervenisset et ibi synodum celebraret 
generalem, vir beatus (Hugo) affuit plenus auctoritatis et reverentiae 
suaque praesentia praefati concilii plurimum conferens institutis. Ubi 
cum adversus simoniacos ageretur et nonnulli pontifices, quibus vel con- 
scientia confusionem vel imperitia silentium adduxerat, in praefatam 
haeresim remissius disceptarent, ipse zelo succensus iustitiae negotiationem 
Simonis constanter abolere curavit. Ex adverso enim ascendens et oppo- 
nens murum pro domo Isra@äl nec numero renitentium nec acceptione 
motus est personarum. Quo in concilio cum ille de sua interrogaretur 
promotione: Caro, inquit, voluit, spiritus repugnavit. Sane sana responsio, 
quia iustus imprimis accusator sui et tentatione carnis pulsatus, ut caderet, 
et, ne caderet, virtute spiritus restitisse monstratur. Erat autem illi tanta 
in exhortatione gratia, ut ad exspectationem sermonis illius illustrium 
suspenderentur animi personarum. Unde et iussu papae sanctam et 
plenam habuit gratiae orationem, qua et simoniaci de male comparatis 
expulsi sunt dignitatibus et de sacrario Domini fornicatores inhibiti 
sacerdotes. Die Färbung dieses Berichtes stammt nach dem, was die 
A.S. (628 ff.) an Quellen für das Leben Hugos darbieten, nicht aus den 
von Hildebert benutzten Schriften. 

2) .:Gallıa,Ohraivellss, 

3) Brief II, 41 (B. 146 f. M. 265):... cum praesul ad superfluas 
appellationes clauserit ora, cum desierit persequi piorum persecutores 
locorum, cum punire manifestam sacerdotum immunditiam, cum viduarum 
iniurias uleisci et orphanorum. 


Zölibat und Simonie. 59 


Konkubinat lebenden Kleriker selbst betrafen, sowohl in seinen 
uns erhaltenen Schriften als in zeitgenössischen Berichten 
fehlen !), so ist es fraglich, welche Schlüsse man daraus ziehen 
darf. Am wenigsten natürlich den, dass er keinen Anlass 
gefunden habe, sich damit zu befassen. Wie seit den ersten 
Jahrhunderten die diesbezüglichen, oft wiederholten Gesetze 
mit einer entgegenstehenden Praxis zu kämpfen hatten und 
durch eine solche hervorgerufen wurden, so vermochte auch 
die damalige Reformbewegung trotz der erhöhten Strenge das 
Uebel bei weitem nicht völlig auszurotten, wenngleich der 
Erfolg derselben ohne Zweifel hie und da einseitig unterschätzt 
wird ?). Auch im Wirkungskreise Hildeberts, welchem die 
Bretagne angehörte und die Normandie benachbart war, 
beide in dieser Hinsicht berüchtigt °), hat es zu seiner Zeit 
an Nikolaiten nicht gefehlt. Was die Diözese Le Mans be- 
trifft, so lässt schon die Anklage, die man gegen Hildebert 
erhob, uns vermuten, dass dort selbst unter dem höheren 
Klerus die Uebertretung der Zölibatsvorschriften noch nichts 
Unerhörtes war. Auch hat der sonst im Punkte des Zölibats 
verschwiegene Verfasser seiner Vita es doch nicht verschwiegen, 
dass das Volk, von dem erwähnten „Heuchler“ aufgewiegelt, 
dem Klerus des Bischofs auch Unenthaltsamkeit zum Vorwurf 


!) Eine Klage Hildeberts über Unenthaltsamkeit von Mönchen eines 
gänzlich desorganisierten Klosters siehe Brief II, 25 (B. 120, M. 243). 

”) Der Umfang desselben lässt sich natürlich nicht mit irgend- 
welcher Gewissheit feststellen (vgl. Mirbt a. a. O., Seite 259 £.). Aber 
schon aus der Intensität des Kampfes und daraus, dass derselbe der 
ganzen späteren Zeit das diesbezügliche Rechtsbewusstsein als eine 
unvertilgbare Wirkung hinterlassen hat, geht hervor, dass auch die un- 
mittelbaren Erfolge, obwohl nicht den Erwartungen entsprechend, 30 
doch keine geringen gewesen sind. Vgl. Mirbt a. a. O., Seite 269 f, 341 f. 

®) Ueber die Bretagne siehe Hildeberts Brief II, 30 (B. 132 f. 
M. 253 £.), wo es heisst: ... ubi praeter alias multiformes et abhorrendas 
enormitates matrimonia quidem incestus, sanctuarium autem domini here- 
ditaria successio polluebat. Ueber die Normandie siehe Ord. Vit. V, 12 
(L. II, 397 £.). 


60 Erstes Kapitel. 


machte, und wenn er diesen Vorwurf nicht bestätigt, so kann 
sich der Leser doch des Eindrucks nicht erwehren, dass auch 
von dieser Seite die Patarinerwut des Volkes hier wie anders- 
wo Nahrung erhielt‘). Bemerkenswert ist, dass ausser der 
begeisterten Menge auch sehr viele Geistliche, höchstwahr- 
scheinlich aus dem niederen Klerus, den Worten des Mannes 
bussfertig lauschten ?), und dass der Bischof auf den Ruf hin, 
der ihm vorausging, die Zulassung desselben zum Predigen 
vor seiner Abreise nach Rom befohlen hatte. Der höhere 
Klerus aber scheint sich sehr bald misstrauisch ferngehalten 
zu haben und gerade gegen ihn war offenbar das gewalttätige 
Vorgehen des von der „Häresie* erfassten Volkes gerichtet. 


!) B.XXXIX &. M. 94 fi. Mab. 315 f. — Gegen Schluss heisst es 
vom Volke, es habe den Bischof mit folgenden Schmähungen empfangen : 
Nolumus, inquiunt, scientiam viarum tuarum, nolumus benedictionem. 
Coenum benedic, coenum sanctifica; nos habemus patrem, habemus ponti- 
ficem, habemus advocatum, qui te excedit honestate, excedit scientia. 
Huie clerici iniqui, clerici tui adversantur, eius doctrinae contradicunt; 
hune quasi sacrilegum detestantur et respuunt verentes, quod eorum 
scelera denudaret prophetico spiritu et haeresim suam et corporis inconti- 
nentiam privilegio condemnaret litterarum. Sed haec omnia sine dilatione 
in eorum capita redundabunt, qui sancto Dei vocem coelestis praedi- 
cationis nescimus qua confisi audacia interdicere praesumpserunt. 

2) Ebd. im ersten Abschnitt des Berichtes heisst es: Cuius schis- 
mate, factionibus, privatis largitionibus plerique clericorum excaecati 
plebeculae declamationibus alimenta ministrabant tribunal praeparantes, 
unde coneionator ille turbas alloqueretur obsequentium sibi populorum. 
Caeterum, dum orationem haberet ad populum eisdem clerieis ad pedes 
eius residentibus et flentibus, tali resonabat oraculo, ac si daemonum 
legiones uno hiatu eius ore murmur exprimerent. Verumtamen mirum 
in modum facundus erat. — Die beiden Kleriker, deren Bekehrung im 
Briefe II, 24 (B. 119 £. M. 242) bezeugt wird, entstammten nach dem Inhalt 
des Schreibens nicht der Diözese Hildeberts (bemerke auch die Worte 
dehince ad nos transierunt — nicht redierunt),. Ein Bekehrter war jeden- 
falls auch der junge Kleriker, der, wie der Biograph erzählt, nachher den 
Lehrer durch seine Enthüllungen blossstellte. Diese sind natürlich, wie 
die Anklagen des klerikalen Schreibers überhaupt, mit Vorsicht aufzu- 
nehmen. 


Zölibat und Simonie. 61 


In der Tat, die Tendenzen dieses „Pseudoeremiten“ Heinrich 
bargen Gefahren in sich, nicht nur für die Kirche, sondern 
für die Gesellschaft. Wenn er selbst die Armut und Bedürfnis- 
losigkeit zur Schau trug und reiche Gaben zur Unterstützung 
anderer entgegennahm, wenn er unzüchtige Weiber ihre Kleider 
und Haare verbrennen hiess, wenn er lehrte, dass die Ehen 
ohne gegenseitige Mitgift, ohne Rücksicht auf Stand und 
Sittlichkeit der Personen geschlossen werden sollten, dann fühlt 
man aus diesem Gemisch von Gutem und Bedenklichem die 
Ideen eines kommunistischen Sozialismus und klerikaler Armut 
heraus, wie sie mehreren seitdem entstandenen Sekten des 
Mittelalters eigneten. Auch damit wird denn wohl das Ver- 
halten seiner Anhänger gegen den höheren Klerus zusammen- 
hängen !). Dieser warf dem seltsamen Reformator in einem 
öffentlich verlesenen und uns wörtlich überlieferten Briefe vor, 
dass er vieles gegen den katholischen Glauben geredet, was 
ein treuer Christ zu wiederholen sich scheue, zudem aber, dass 
er die Kleriker selbst als Häretiker bezeichnet habe. So nannte 
man nun damals auch die Antizölibatäre, und man darf an- 
nehmen, dass es dem Prediger gerade durch den Hinweis auf 
diese Eigenschaft leichter wurde, die Masse zu fanatisieren ?). 
Konnte er doch hiermit sogar auf die kirchliche Gesetzgebung 
sich berufen, die dem Volke befahl, dem Gottesdienste solcher 
Priester fernzubleiben; von diesem passiven Widerstand das 
Volk bis zum Angriff zu bringen, dazu bedurfte es nur eines 


) Dass späterhin gerade die Textilarbeiter als seine eifrigsten 
Anhänger erscheinen (Vacandard, Les origines de l’heresie albigeoise, 
Seite 76 — vgl. Seite 53) deutet ebenfalls auf eine Bekämpfung der be- 
stehenden sozialen Ordnung hin. Die — wenn auch geringere — Hin- 
neigung besser gestellter Volksklassen zu den neuen Lehren zeigt aber 
wieder, dass Heinrich an kirchliche Missstände anknüpfen konnte und 
anzuknüpfen verstand. 

?) Auch die Zusammenstellung von haeresis und corporis incon- 
tinentia in dem oben Seite 60 Anm. 1 mitgeteilten Passus des Berichtes 
deutet darauf hin. 


62 Erstes Kapitel. 


einigermassen feurigen Agitators!). Und das war Heinrich 
in Le Mans, das blieb er in seinem späteren Leben ?). Er 
setzte nämlich seine Tätigkeit anderswo, namentlich in Süd- 
frankreich, derartig fort, dass er auf der Synode zu Pisa 1135, 
lange Zeit nach seinem Wirken in Le Mans, veranlasst wurde, 
in ein Kloster einzutreten. Und nochmals ging er ans Werk, 
mit dem Erfolge, dass die Christen vielfach den Gottesdienst 
und die Priester verachteten®). Ohne Zweifel ist ihm der 
Appell der Päpste und Synoden an das Volk in seinem Kampfe 
gegen die einer jeden Reform oder doch einer solchen, wie 


!) Ueber „die Erhebung des Volkes gegen simonistische und ver- 
heiratete Priester“ siehe Mirbt, Publizistik, Seite 447 ff. (264 ff. 338 ££.). 
Derselbe stellt sich (454 ff.) auch in dieser Frage auf die Seite der Anti- 
gregorianer. Wer ermessen hat, wie fest der Klerus gerade durch die 
Verehelichung an die vom Feudalismus durchsetzte Welt gekettet, und 
wie sehr er dadurch einer nach Befreiung aus diesen Banden strebenden 
Kirche entfremdet und hinderlich bleiben musste, wie wenig ferner von 
der „geordneten Gerichtsbarkeit“ in dieser Hinsicht zu erwarten war, 
dessen relatives Urteil wird doch, welches immer sein absoluter Stand- 
punkt sein mag, nicht so einseitig lauten. Dass es zu Exzessen kam, ist 
ja erklärlich, dass aber Gregor VII. die einfachen Laien zu Gewalttaten 
autorisiert hätte (449 mit Note 5), hat auch Mirbt nicht bewiesen. 

2) Wie sich Hildebert des Mannes entledigte, siehe oben Seite 33 £. 
— Sein Urteil über denselben findet sich in dem schon zitierten Briefe 
II, 24: Henricus is erat, magnus diaboli laqueus et celebris armiger 
Antichristi. Huic et habitu religionem et verbis litteraturam simulanti 
tamdiu praescripti fratres adhaeserunt, donec eis et turpitudo in vita et 
error innotuit in doctrina.... Post multas autem tribulationes Deo auxi- 
liante serpens ille crepuit apud nos patefacta pariter et ignominia vitae 
et veneno doctrinae. Man möchte auch den Brief II, 23, in welchem 
ein Gegner der Heiligenverehrung bekämpft wird, auf jenen Heinrich 
beziehen. Bezüglich der ignominia vitae vgl. oben Seite 60 Anm. 2. 
Uebrigens lag ja die Sittenlosigkeit der kommunistischen Tendenz nicht 
fern und zeigt sie sich auch in den ähnlichen mittelalterlichen Sekten 
vielfach mit ihr verbunden. 

») A. P. Mab. 323. Vgl. aber dazu und zur Lebensgeschichte 
Heinrichs überhaupt Hefele (eg. V, 428 fi.; Knöpfler bei Wetzer 
und Welte V, 1714 fi.; Hauck bei Herzog VI, 606 f.; Vacandard, 
Les origines de l’heresie albigeoise, Seite 67 ff. 


Zölibat und Simonie. 63 


er sie meinte, widerstrebenden Kleriker zu statten gekommen, 
und so wurde allerdings die von der Kirche selbst gelieferte 
Waffe in der Hand eines rücksichtslosen Schwärmers gefährlich. 

Ob nicht Hildebert ihn gerade auch für seinen Klerus hatte 
kommen lassen? Dann mussten ihn die Folgen des Schrittes 
in der Anwendung von ausserordentlichen Mitteln zur Besserung 
des Klerus noch vorsichtiger machen, als er es wohl ohnedies 
schon war; denn das Volk wollte noch lange Zeit hindurch 
des liebgewonnenen Predigers nicht vergessen. Anderseits 
darf nicht angenommen werden, dass unser Bischof den in 
Frage stehenden Missständen freien Lauf gelassen habe; zu 
den schon erwähnten werden sich im folgenden noch weitere 
Indizien für das Gegenteil ergeben. Mag aber auch die Un- 
vollständigkeit der Sammlung seiner Werke wie der sonstigen 
Quellen ein zweifelloses Urteil verbieten, so darf doch mit 
Rücksicht auf die sonstige Handlungsweise Hildeberts die Ver- 
mutung ausgesprochen werden, dass er die betreffenden Gesetze 
nicht in ihrer ganzen Strenge angewendet hat. Bei der Lage 
der Dinge wird er es für angebracht gehalten haben, die Be- 
seitigung eines so weit verbreiteten und so tief wurzelnden 
Uebels vorläufig mehr dem Wirken pastoraler Klugheit und 
dem Fortschritt der Kultur und namentlich der Erziehung 
des Klerus anzuvertrauen, das Schwert aber, das die kirchliche 
(sesetzgebung ihm darbot, ausgenommen die schlimmsten Fälle, 
in der Scheide zu lassen). Wenn Ivos Briefe in diesem 
Punkte reichhaltiger sind ?), so erklärt sich dies genügend 
daraus, dass seine Bedeutung auf juristischem Gebiete eine 
grössere und die Sammlung seiner Briefe eine weniger unvoll- 
ständige ist; übrigens betreffen seine hierher gehörigen Schreiben 
fast nur Aebte und Kanoniker, bei dem niederen Klerus hat 
auch er wohl eine strenge Durchführung der Gesetze gescheut?). 


!) Vgl. oben Seite 34 ff. u. 56 f£. 

2) Foucault 110 £:. 

®) Man beachte übrigens, dass sich etwaige Anstrengungen und 
Verwicklungen dieser Art mehr als andere (z. B. bezüglich der Domkapitel) 


64 Erstes Kapitel, 


Andere gingen gewaltsamer vor, wie z. B. Erzbischof Gottfried 
von Rouen, der ehemalige Gegenkandidat Hildeberts bei der 
Wahl von 1096. Sein heiliger, aber gar zu temperament- 
voller Zorn veranlasste auf einer Synode von 1119 heftigen 
Widerstand der Priester, und als er diesen mit Gewalt zu 
brechen suchte, kam es zu wahren Greuelszenen !). Die Ver- 
fassung des normannischen Klerus war allerdings wohl dazu 
angetan, den an die günstigeren Zustände von Le Mans Ge- 
wöhnten in Harnisch zu bringen, aber besser ist er auf diesem 
Wege schwerlich gefahren, als Hildebert auf dem seinigen. 

3. Es gibt also keine klaren Beweise dafür, dass Hilde- 
bert die seit Leo IX. nach und nach verschärften Hauptgesetze 
gegen Ehe und Konkubinat der Geistlichen ?) zur Anwendung 


in der Regel ausschliesslich innerhalb der Diözese abgespielt und deshalb 
naturgemäss zu schriftlichen Aufzeichnungen weniger Anlass gegeben 
haben werden. 

1) Hefele Cg. V, 357; Ord. Vit. XII, 25 (L. IV, 406 f£t.). 

?) Hefele IV, 722 fi. schweigt von der Verkündigung des Zöli- 
batsgesetzes auf der Synode von Reims (1049), welche Hildebert bezeugt 
(oben Seite 58). Es wäre aber geradezu unverständlich, wenn Leo IX. 
die bereits auf der voraufgegangenen Synode zu Rom (ebd. 718 f£.), auch 
wohl zu Pavia (ebd. 721) promulgierten Bestimmungen in Reims unter- 
drückt hätte; auch für die unmittelbar nach der Reimser gehaltene Papst- 
synode von Mainz werden sie uns bezeugt (ebd. 734). Vgl. Mansi XIX, 
745 £;5 Hinschius KR. I, 151. Leo IX. hat jedenfalls nur die alten 
Verordnungen erneuert. — Hefele Cg. IV, 824. 8357. V, 24 f. (Rom 1059, 
c. 3. 1063, c. 3. 1074, c. 3. 4: Suspension von Einkünften und gottes- 
dienstlichen Funktionen, Verbot der Teilnahme an solchen für das Volk); 
vgl. ebd. IV, 841 (Tours und Vienne 1060, c. 6). — V, 195. 223 (Melfi 
1089, ec. 12. Clermont 1095, c. 9: völlige Absetzung). — 289. 356 (Troyes 
1107, e. 4. Reims 1119, c. 5: Ausschluss von der Kommunion bei Hart- 
näckigkeit). — 380 (Lat. 1123, c. 7: Nichtigkeit der von höheren Klerikern 
attentierten Ehen — hier nach allmählicher Entwicklung ziemlich deut- 
lich, aber in allen Zweifel ausschliessenden Worten erst zu Pisa 1135 
und im Lateran 1139 [ebd. 431. 441] ausgesprochen). — Die Gesetzgebung 
Englands war anfänglich milder (ebd. 110 von 1076), später nicht mehr 
(ebd. 268, c. 4—6 von 1102. 291 f£., c. 1—10 von 1108), sogar die Infamie 
wurde hier verhängt. — Vgl. Mirbt, Publizistik, Seite 263 ff. ; 338 £. (Note). 


Zölibat und Simonie. 65 


gebracht. Dieser Gesetzgebung zur Seite ging nun aber eine 
andere, durch welche die Zölibatsverletzung indirekt getroffen 
und bekämpft werden sollte, diejenige nämlich, welche sich 
auf die Söhne der Kleriker bezog!). Und hier, wo die 
Priesterehe in bedenklicherem Masse die Freiheit der Kirche 
gefährdete, und wo sie gleichsam sich zu verewigen drohte, 
da kannte auch das Rechtsbewusstsein unseres Bischofs keine 
Nachsicht mehr, die Vererbung der Benefizien vom Vater auf 
den Sohn und die Aufnahme von Priestersöhnen in den Welt- 
klerus hat er entschieden verboten und zu verhindern gesucht. 
Zeugnis hierfür ist die Provinzialsynode von Nantes, die er 
als Erzbischof von Tours im Jahre 1127 gehalten hat ?). Die 
Bretagne war es hauptsächlich, deren Wohl und Wehe hier 
zur Verhandlung stand. Von „den vielfachen und grauenhaften 
(Gesetzwidrigkeiten“, in welchen dieser Teil der Kirchenprovinz 
sich hervortat, wurden einige auf dem genannten Konzil be- 
sonders verurteilt, darunter die beiden obengenannten : Söhne 
von Priestern sollten nicht mehr geweiht werden, wenn sie 
nicht vorher Regularkanoniker oder Mönche würden, den bereits 
früher geweihten aber wurde die Befugnis entzogen, an den- 
jenigen Kirchen zu dienen, an welchen ihre Väter früher 
gedient). — Was der Erzbischof unter den Bretonen, den 
weniger zivilisierten, energisch angriff, hat er gewiss anderswo 
in seinem Wirkungskreise nicht unbehelligt gelassen. Durch 
die obigen Vorschriften sollten die schlimmsten Wirkungen 
der Zölibatsverletzungen hintangehalten werden. Sowohl das 
Aergernis wie auch die Gefahr der Pfründenvererbung war 
am grössten, wenn Vater und Sohn an derselben Kirche an- 


!) Siehe darüber Hinschius KR. II, 476 ft. 

?) Brief Hildeberts II, 30 (B. 132 f. M. 253 £.); dazu die Ant- 
wort des Papstes II, 31. 

®) Ordinari filios sacerdotum, nisi prius canonici regulares aut 
monachi fierent, assensu communi nobiscum synodus interdixit. His autem 
quos iam ordinatos constabat, abolendae successionis intuitu, in ecclesüs, 
in quibus patres eorum ministraverant, ministrandi abstulimus facultatem, 


Barth, Hildebert von Lavardın. 5 


66 Erstes Kapitel. 


gestellt waren. Ganz sicher aber fühlte man sich vor Priester- 
söhnen und ihren Erbansprüchen erst dann, wenn sie in ein 
Kloster eintraten. Die fraglichen Bestimmungen wurden auf 
die unehelich Geborenen ausgedehnt !) und sind im wesent- 
lichen geltendes Recht. 

Das erste der beiden Dekrete, auf Gregor VII. zurück- 
gehend, mochte dem Erzbischof von den Synoden von Poitiers 
und Clermont her vertraut sein, zudem fand er es sowohl im 
Decretum wie in der Panormia Ivos ?). Von den früher mehr- 
fach beliebten weitergehenden Verordnungen, dass Söhne von 
Klerikern vom Klerus gänzlich, und wenn sie ihm schon an- 
gehörten, von höheren Weihen und Prälaturen sollten aus- 
geschlossen sein), hat er mit gutem Bedacht Abstand ge- 
nommen. — Als Gesetz Urbans ging die Bestimmung, wie 
sie auch Hildebert gegeben, in Gratians Decretum über, und 
auf dem zehnten allgemeinen Konzil wurde sie wiederholt. 
Dagegen nahm Gregor IX. die Ausschliessung der Kleriker- 
söhne von „Prälationen“ wieder in seine Dekretalen auf, auch 
ein Monitum, das er einem Nachfolger Hildeberts übersandte, 
weil in der Provinz Tours ohne päpstliche Dispens vielfach 
Söhne von Priestern zu Dignitäten und Personaten sowie zu 
Kuratbenefizien befördert würden !)! 

In der zweiten der genannten Synodalbestimmungen ging 

') Siehe Seite 27. 

2) Friedberg I, 219, Note 1 zuc. 1, Dist. LVI; Hefele Cg.V, 
116, c. 8. 224, c. 25; der letztere stimmt mit dem Kanon 14 von Melfi 
1089 überein: ebd. 195; Ivo D, VL, 410 = P. III, 51. 

®) Hefele Cg. IV, 691 (Bourges 1031, c. 8); V, 116 (Poitiers 1078, 
e. 8). 127 (Gerona 1078. c. 4). In der Panormia (III, 53) fand Hilde-. 
bert auch das Beispiel der Milde verzeichnet, die in den Tagen seiner 
Jugend Papst Alexander II. in dieser Beziehung an einem seiner Vor- 
gänger auf dem Stuhle von Le Mans geübt; es handelt sich um den 
Bischof Arnald: A. P., Mab. 307; Friedberg I, 223, Note 112. 116 zu 
c. 12, Dist. LVI. — Vgl. Ivos Prolog, M. CLXI, 55 oben. 

#) c. 1, Dist. LVI. — Hefele Cg. V, 442, c.21. — c. 1X (de filiis 
presbyterorum) I, 17 = c. 8 der Synode von Poitiers 1078 — c. 18 dess. Tit. 


Zölibat und Simonie. 67 


Hildebert über die bisherige Gesetzgebung hinaus. Es genügte 
ihm nicht, dass Söhne von Klerikern ihren Vätern „nicht im 
Amte folgen, die Benefizien ihrer Väter nicht beibehalten, deren 
Kirchen nicht erben durften“ !), sondern mit Rücksicht auf die 
Beseitigung einer solchen Nachfolge — so bemerkt er selbst 
— wurde es überhaupt untersagt, dass der Sohn an einer 
Kirche diene, wo der Vater früher gedient ?). Dieses strengere 
Verbot findet sich in der späteren partikulären und allgemeinen 
(Gesetzgebung wieder, und man tat noch einen weiteren Schritt, 
indem man auf dem zwölften ökumenischen Konzil die gleich- 
zeitige Anstellung von Vater und Sohn bei derselben Kirche 
unter Strafe stellte und sogar für ungültig erklärte; anderseits 
wird seit Innocenz III. betont, dass nur bei unmittelbarer 
Folge und bei dauernder Anstellung der Ausschluss gelten 
soll®). Dem Wortlaut nach hat Hildebert diese Beschränkungen 
nicht gewollt und bleiben die sonst strengeren Verordnungen 
des Tridentinum und des geltenden Rechts bezüglich der un- 
ehelichen Priesterkinder insoweit noch hinter der seinigen 
zurück, als nach ihm der Vater kein Benefizium im eigent- 
lichen Sinne gehabt zu haben braucht. Ob allerdings eine 
solche Ausdehnung des Verbots beabsichtigt war, ist nicht mit 
Sicherheit festzustellen, insbesondere mag sich der Zweifel er- 
heben, ob der dem Papste mitgeteilte Text der gefassten Be- 
schlüsse an der betreffenden Stelle ein vollständiger ist. Die 
klare und bestimmte Formulierung spricht aber dafür, und die 
Nichterblichkeit der Kirchenämter war, wie sich aus diesem 


') Hefele Cg. V, 127 (Gerona 1078, c. 3.5). 268 (London 1102, 
c. 7). 356 (Reims 1119, c. 4). So auch noch ebd. 685 f. (Avranches 1172, 
c. 2). 1057 (London 1237, ce. 17). 

2) Von Absetzung (Imbart de la Tour, Les älections, Seite 480) 
ist aber nicht die Rede. 

3) Hefele Ög. V, 753 (Rouen 1190, c.6); c.2fi.X (de fil. presb.) 
I, 175 — Hefele Cg. V, 892 (c. 31) = c. 16 X ob. Tit.; Vereinigung 
beider Bestimmungen Hefele Cg. V, 951 (Trier 1227, c. 9; — ec. 7X 
ob. Tit. 


68 Erstes Kapitel. 


und dem in der Sammlung vorhergehenden Briefe ergibt, für 
Hildebert ein so wichtiges Prinzip, dass es nicht auffallend 
gefunden werden kann, wenn er sich hier zu einem radikalen 
Vorgehen bekennt }). 

Es unterliegt somit keinem Zweifel, dass unser Bischof 
die Zölibatsgesetze für notwendig erachtet und soviel als mög- 
lich gehandhabt hat; sollte er in der Anwendung der Haupt- 
gesetze zurückhaltend gewesen sein, dann erschien ihm dies, 
wohl nicht mit Unrecht, durch die Zeitverhältnisse geboten; 
an indirekter Bekämpfung der Uebelstände hat er es jeden- 
falls nicht fehlen lassen ?). 

4. Der Simonie gegenüber?) ist Hildebert viel weniger 
zur Milde geneigt gewesen. Vor der Habsucht und dem Ehr- 
geiz, die sich darin offenbarten und befriedigten, glaubte schon 
der Lehrer als vor der Quelle alles Uebels seine Schüler, die 
angehenden Kleriker, eindringlich warnen zu sollen®), und 
noch eindringlicher warnt der Bischof davor einen Amtsbruder, 
der in Gefahr war oder gewesen war, dem Laster der Simonie 
anheimzufallen 5). Juristisch erheblicher aber ist ein Brief, 
der sich mit einem der Jurisdiktion Hildeberts unterworfenen 
Fall des simonistischen Amtserwerbs beschäftigt ®). Seinen 
tiefen Widerwillen gegen das Vergehen bekundet er auch hier, 
indem er es für eine gänzlich unheilbare Krankheit ausgibt; 


) Vgl. unten 2. Kap. I, 1. 3 (gegen Ende). 

2) Hierzu siehe noch ebenda 2. 

®) Hierüber siehe Hinschius KR. V, 161 fi.; Imbart de la 
Tour, Les &lections, Seite 378 ff.; Mirbt, Publizistik, Seite 343 ff. 

#) Siehe die schon früher behandelten Gedichte B. 1329 ff. 1353 ff. 
M. 1402 ff. 1423 #. 

5) Brief I, 8 (B. 18 ff. M. 156 fi). Hier handelt es sich offenbar 
schon um Simonie. Eine in der damaligen Literatur häufig wieder- 
kehrende Stelle des zweiten Kanons von Chalcedon wird auch in diesem 
Briefe verwendet: qui sub pretio redigunt impretiabilem Spiritus gratiam. 
Der Brief ist gerichtet an Bischof Gottfried von Chartres, den Nachfolger 
Ivos: Dieudonne& 167 £. 

6) U, 48 (B. 156 f. M. 273 £.). 


Zölibat und Simonie. 69 


darum bleibt ihm nichts anderes übrig, als die Strenge des 
(fesetzes walten zu lassen und den Betreffenden von dem 
simonistisch erworbenen Diakonat und dem später (ohne Simonie) 
empfangenen Presbyterat zu entheben. 

5. Unter den vielen Formen der Simonie, welche nach 
und nach die Gesetzgebung statuiert hat, wurden zur Zeit der 
Reform diejenigen am meisten ins Auge gefasst, welche mit 
dem Empfang der Weihen, Aemter und Benefizien zusammen- 
hingen. Die hier geübte Simonie war naturgemäss das Vor- 
spiel für die anderen Formen, sie war die bequeme Pforte für 
den schlechten Klerus, das grösste Hindernis der Reform. Sie 
war zu einer weitverbreiteten gefahrvollen Seuche geworden 
und wurde als solche aufs rücksichtsloseste verfolgt. 

Bemerkenswert ist zunächst, was Hildebert über die Wir- 
kung dieser Art von Simonie erklärt. Es ist ihm nicht zweifel- 
haft, dass der Bestrafte trotz der beim Erwerb des Diakonats 
geübten Simonie die Priesterweihe, wohl aber, ob er die 
Diakonatsweihe gültig empfangen hat!). Sein Zweifel beruht 
vielleicht schon auf dem von ihm zitierten zweiten Kanon von 
Chalcedon, nach welchem der simonistisch Ordinierte der Würde 
und des Amtes „ledig“ sein soll, die er simonistisch erhalten ?). 
Die Verordnungen der Reformkonzilien konnten ihn in seinem 
Zweifel bestärken. Zwar hatte die von ihm selbst erwähnte 
Reimser Synode nur den Kanon von Ohalcedon wiederholt und, 
gemäss Hildeberts Ausdruck, die Simonisten ihrer ungehörig 
erworbenen Würden entsetzt’). Aber schon zu damaliger 


') A sacerdotio quoque canonica eum suspendit auctoritas, quo 
vel nondum vel male factus diaconus evolavit. Quomodo enim stabit 
aedificium, cui nullum suppositum est fundamentum. Agitur itaque de 
periculo tuo, si patiaris praescriptum fratrem vel in sacerdotio ministrare, 
quod revera male accepit, vel in diaconatu, quem fortasse non accepit. — 
Hieraus ergibt sich übrigens, dass auch für Hildebert der Diakonat dog- 
matisch nicht conditio sine qua non des Presbyterates war. 

?) ... sed sit alienus et dignitatis et sollieitudinis eius, quam per 
pecunias intravit. 

®) Hefele Cg. IV, 729. — Hildebert Vita s. Hugonis, B. 917. 


70 Erstes Kapitel. 


Zeit wurde über die Gültigkeitsfrage gestritten, selbst in Bezug 
auf den Fall, dass die Weihe gratis von einem Simonisten 
erteilt war, und zu Piacenza z. B. hiess es, dass die betreffen- 
den Weihen „irritae“ seien; dasselbe hatte bereits eine grego- 
rianische Synode im Jahre 1078 erklärt 4. Nun war allerdings 
der Sinn des Wortes irritus kein unzweideutiger ?), und darum 
blieb eben ein Zweifel bestehen; zu Gerona aber wurde z. B, 
im Jahre 1078 verordnet, dass simonistisch und deshalb un- 
gültig geweihte Kleriker von neuem geweiht werden müssten °), 
Ebensowenig gab das Decretum Ivos auf diese Frage eine 
sichere Antwort. Ist darin auch gewöhnlich nur von Ab- 
setzung, Anathem u. dergl. die Rede, so wird doch auch wieder 
gesagt, dass der Geweihte nicht sei, was er durch die Weihe 
werden wollte, und dass die Ordinationen falsch seien *). Ivo 
selbst allerdings, der gleichfalls mit grossem Eifer der Simonie 
entgegentrat, war von der Gültigkeit der Weihen überzeugt, 
und in der Panormia fehlen demgemäss die anders lautenden 
oder doch missverständlichen Stellen ?). Gratian entscheidet 
später die Frage der Gültigkeit, die auch ihm aus einer Reihe 
von Texten sich aufdrängt, auf Grund eingehender Unter- 
suchung im bejahenden Sinne ®). 

So beweist auch Hildebert, dass man damals dem die 
Sakramentenspendung der Simonisten und ähnlich gebrand- 
markten Kleriker betreffenden Probleme noch unentschieden 
gegenüberstand. Die Publizistik der Zeit bezeugt es in reich- 
lichem Masse, und man wird sich darüber bei ruhiger Er- 
wägung gar nicht wundern. Eine Unterscheidung, welche 


A. S. 637, Nr. 8 (oben Seite 58 Anm. 1). Dort bezeichnet auch er das 
Verbrechen als Häresie, wie es damals allgemein geschah. 

\,Hiefelei0r. IV, 758.:8.54V,,217. 10, 22432 Va 1241 1 

?) Ebenda IV, 548, 691. 789 u. a. Vgl. unten Seite 72 Anm. 1. 

2 Ehenda V, 125.011. 

*) Hauptstellen V, 75 und weiter. — V, 75. 95. 31. 

?) Foucault 106 ff. — Brief Ivos 224 (M. 228 £.). — P. III, 116 ff. 
6) Zu ©. I, g. 1: Pars II ff., besonders Pars XII (Friedberg I, 
362 ff. 396). 


Zölibat und Simonie. 71 


heute dem unterrichteten Kinde geläufig ist, diejenige von 
Ungültigkeit und von „Unwürdigkeit“ (Unerlaubtheit) der 
Spendung oder des Empfanges eines Sakramentes und die 
andere von Weihe- und von Jurisdiktionsgewalt konnten gar 
wohl einer Periode, die einer selbständigen Wissenschaft 
kaum fähig war und unzweideutige, übereinstimmende Urteile 
früherer Kirchenlehrer nicht vorfand, noch unklar bleiben. 
Vollends aber den Päpsten ist aus dieser Unsicherheit kein 
Vorwurf zu machen, da es damals so wenig wie sonst ihre 
Aufgabe war, eine wissenschaftlich noch nicht geklärte Frage 
apodiktisch zu lösen. Dies haben sie denn auch mit ihren hie 
und da gegebenen, anscheinend sich nicht gleichbleibenden 
Entscheidungen nicht gewollt. . Radikal — und doch dog- 
matisch nicht definitiv — gefasst, verfolgen dieselben offenbar 
das Ziel, ein grundverderbliches und gefährliches Uebel theo- 
retisch möglichst scharf zu treffen und die Unvereinbarkeit 
desselben mit der Verwaltung eines kirchlichen Amtes mög- 
lichst energisch zum Ausdruck zu bringen. Anderseits musste 
doch wieder, schon wegen der ungeheuren Verbreitung dieser 
Krankheit, eine gewisse Nachsicht bezüglich der Durchführung 
auch in den Entscheidungen selbst zur Geltung kommen, 
besonders für diejenigen Fälle, wo eine aktive Simonie nicht 
vorlag. Eine dogmatische Definition im Sinne der völligen 
Nullität der Weihen hätte eine solche Nachsicht ausgeschlossen ; 
der dogmatische Zweifel hat deshalb auf Hildeberts Urteil 
sicher eingewirkt. Die Päpste haben sich also damit begnügt, 
die rechtliche Unwirksamkeit der ordnungswidrig erteilten 
Weihen zu dekretieren; die endgültige Lösung der dogma- 
tischen Frage hat erst die Scholastik gebracht. Die Papst- 
und Konzilienverordnungen der vorscholastischen Zeit besagen 
somit grundsätzlich nur, dass die Ordinationen der betreffenden 
Bischöfe, weil sie in Ausübung einer ihnen nicht zustehenden, 
also nicht vorhandenen Jurisdiktionsgewalt geschehen, recht- 
lich wirkungslos sind, d. h. den Ordinierten keinerlei Rechte 
verleihen; was dagegen die charismatischen Wirkungen der 


72 Erstes Kapitel. 


zwar unerlaubter aber doch gültiger Weise erfolgenden Aus- 
übung der Weihegewalt angeht, so bestimmen sie darüber 
nichts }). 


!) Zu der hier behandelten Frage im ganzen siehe Mirbt, Publi- 
zistik, Seite 372 ff. Sein Versuch, die Gesetzgebung der Päpste auf die 
Alternative der völligen Nichtigkeit festzunageln (432 ff.), muss auch von 
demjenigen, der an diesem Resultate uninteressiert ist (440), als gänzlich 
misslungen betrachtet werden. Die ganze Darstellung ist getragen von 
dem Fehler, dass die wesentlich verschiedenen Begriffe der charismatischen 
und der rechtlichen Unwirksamkeit nicht auseinandergehalten werden. 
Nur die letztere liegt (und das gilt nicht nur für das elfte Jahrhundert, 
sondern auch für die frühere Zeit) insbesondere in dem von der Gesetz- 
sebung gebrauchten Ausdruck irritus unbedingt, während derselbe gegen- 
über der ersteren an und für sich neutral ist und nur auf Grund von 
besonderen Umständen oder anderen Bemerkungen dafür in Anspruch 
genommen werden kann. Wenn nun wirkliche Reordinationen vor- 
gekommen sind, so bezeugen dieselben nur die zugegebenen zeitweiligen 
Zweifel bezüglich der charismatischen Wirkung jener Weihen; denn dass 
schon ein solcher Zweifel gewissenhafte Männer zu (bedingten) Reordi- 
nationen veranlassen musste, ergibt sich aus den entsetzlichen Folgen der 
etwaigen Nichtigkeit, wie sie Petrus Damiani schildert (ebd. 389 £.), 
und die doch auch anderen nicht verborgen bleiben konnten. Demgemäss 
darf man sogar aus dem Umstande, dass die Reordination in der Regel 
bei Wiederzulassung unterblieb, erschliessen, dass im allgemeinen die 
Zweifel nicht für genügend begründet galten. Jedenfalls aber kommt 
die historische Kritik über eine Feststellung von Zweifeln einzelner Päpste 
nicht hinaus, und von einer „Stabilität der Päpste im Irrtum, in der 
Häresie“ (445) kann auch nicht entfernt die Rede sein. — Von Einzelheiten 
seien aus Mirbt nur drei herausgehoben. Wer seine eigene Ausführung über 
Nikolaus 1I. (435) liest, wird nicht verstehen, wie er diesem Papste die 
Ueberzeugung von der Ungültigkeit der Weihen imputieren kann (440 
oben und unten); der vigor canonici rigoris bedeutet doch keine Glaubens- 
lehre und die Enthebung vom Amte keine Nichtigkeit des ordo! Gre- 
gors VII. Irrtum wäre erwiesen, wenn er behauptet hätte, dass „die Weihe 
des Priesters keine göttliche Gnade mitteilt“ (440 f.); aber wie ist es 
möglich, dies aus der Stelle Reg. IV, 2 herauszulesen (ebd. 436): ut autem 
maledicti (aus einem Zitat der H. Schrift) et excommunicati possint bene- 
dicere et divinam gratiam, quam non timent operibus denegare, alicui 
largiri, in nullius sanctorum patrum praecepto potest inveniri (Jaffe 244)? 
Dieser Satz betrifft doch schon in der Form nur eine Frage der Dis- 


Zölibat und Simonie. 73 


6. Ivo lässt die Wiedereinsetzung eines wegen Simonie 
Bestraften auf Grund von Reue und Busse ohne weiteres zu !); 
auch in dieser Beziehung scheint Hildebert einer strengeren 
Ansicht gehuldigt zu haben. Ausgehend von der Ueberzeugung, 
dass die Heilung dieser Krankheit sehr schwer, ja geradezu 
unmöglich sei, weist er dem verantwortlichen Archidiakon 
gegenüber, der einer angeblichen Bekehrung wegen zur Nach- 
sicht geneigt sein mochte, den Gedanken an eine Restitution 
des Schuldigen, eine Wiederzulassung zum Diakonats- oder 
Presbyteratsdienst zurück ?) und fühlt sich dabei anscheinend 
in Uebereinstimmung mit den kirchlichen Vorschriften. Das 
Decretum und die Panormia liessen ihn freilich durch ihre 
Widersprüche auch lier im Stich °). 

Für seine Strafsentenz und seine ganze Auffassung 
zitiert Hildebert den auch von Ivo aufgenommenen *) und über- 
haupt den damaligen Verordnungen zu Grunde gelegten Kanon 


ziplin und im Zusammenhang besagt er erst recht nichts anderes: Es 
kann nach altem Rechte denjenigen Bischöfen, die mit dem Könige ver- 
kehren, nicht gestattet werden, zu segnen und Gnade zu spenden; d. h. 
(gemäss dem Vorhergehenden) ich kann sie und den König selbst nicht 
absolvieren, sondern nur diejenigen, die sich von ihm losgesagt haben. 
Die Worte geben also nicht bloss, wie Mirbt selbst auffallenderweise trotz 
seiner obigen Deutung gesteht (441), keine Handhabe zu einem abschlies- 
senden Urteil über Gregors in Frage stehende Ansicht, sondern nicht 
einmal den geringsten Anhalt zu einer diesbezüglichen Vermutung. Von 
Papst Urban II. (437 £.) ist zuzugeben, dass er im Anfang seines Ponti- 
fikates einen Einzelfall vom Ungültigkeitsstandpunkt aus behandelt hat. 
Kurz darauf offenbarte sich aber sein Zweifel, und auf der Synode von 
Piacenza wurde gerade die Kategorie, zu welcher jener Einzelfall gehörte, 
ausgenommen; das hier für andere Kategorien statuierte irritum esse 
aber ist nach vorstehenden Bemerkungen aufzufassen. 

!) Brief 224 (M. 223 £.). 

2) Nam de eius reformatione quid loquar, cum morbus huiusmodi 
nullum penitus inveniatur invenire remedium? Vgl. dazu Brief I, 8 
(B. 20 oben. M. 157). 

3) Vgl. z. B. D. V, 79. 115 mit 127; P. III, 125. 126 mit 122. 

ED VaLIS = BOILEN 118, 


74 Erstes Kapitel. 


von Ohalcedon. Weil dieser aber dem Wortlaut gemäss nur 
den Verlust des simonistisch erworbenen Grades verhängt, so 
ergänzt er ihn einmal durch einen anderen, nicht aus Ivos 
Sammlungen stammenden, jede Beschränkung ausschliessenden 
Text!) und ferner durch die logische Bemerkung, dass mit 
dem Fundament auch das darauf errichtete Gebäude falle. — 
Hat nun Hildebert den Kleriker auch von dem Dienste in 
den übrigen, dem Diakonat voraufgehenden Weihegraden ent- 
fernen wollen? Dem strengen Geiste des Briefes und dem 
ersten der von ihm angeführten canones gemäss möchte man 
die Frage bejahen, der sonstige Wortlaut des Schreibens aber 
lässt es kaum zu. Mag auch der chalcedonische Kanon im 
Sinne der Deposition zu interpretieren und gewöhnlich so inter- 
pretiert worden sein, mag also bis auf Gratian und darüber 
hinaus die Deposition als regelrechte Strafe des simonistischen 
Weiheerwerbs gegolten haben ?), so kann doch nicht geleugnet 
werden, dass Hildeberts Auffassung wahrscheinlich eine andere 
war, dass die Worte a diaconatu et supra im engsten Sinne 
zu nehmen sind. Ob man dann in dieser Strafe partielle 
Deposition oder partielle Suspension oder Zurückversetzung 
auf eine tiefere Weihestufe zu erkennen hat), bleibe dahin- 
gestellt. 

Es lässt sich übrigens nicht bestreiten, dass eine derartige 
Entscheidung an den Wortlaut sowohl des genannten Haupt- 


!) Unde et in decretis Nicolai capitulo sexto ita reperies: Nullus 
episcopus sacros ordines vendat a maiore usque ad minorem, quia simo- 
niacum est. Quod si quis fecerit, et venditor et emptor omni ecclesiastico 
privetur officio. 

2\.Lvo-D. V4.76. 78:79. 115.u: 2.5 PB. TIL 9116. und weiterzzes116l 
125. 126, ©. I, q. 1.— München II, 303; Hinschius KR. V, 161 ft. 
(nebst 51 ft.). 

3) Gegen Hinschius KR. V, 54 f. 64, Note 4. 68. 65 und die 
Note 6. 7 zitierten anderen Stellen. Für die erste Annahme spricht 
submovemus, für die zweite suspendit, bei der dritten muss man auf die 
gewöhnliche Benennung der dem Betreflenden verbleibenden Stellung hier 
verzichten. 


7Zölibat und Simonie. 75 


kanons!), wie einiger anderen in die Sammlungen übergegangenen 
Texte ?) anknüpfen konnte. Auch entsprach sie, sowie seine 
Stellung zur Restitutionsfrage, ganz einem Kanon der Synode 
von Tours 1060, so dass man glauben möchte, Hildebert habe 
ihn vor Augen gehabt®). Ferner ist die Simonie tatsächlich 
auch sonst in dieser Weise geahndet worden, selbst zur Zeit 
der Reform‘), und für die Zölibatsverletzung wurde früher 
verschiedentlich in (Gesetzen jene Zurückversetzung ange- 
ordnet). 

Bei Gratian ist eine Aenderung des bis dahin geltenden 
Rechtes nicht zu konstatieren. Gregor IX. milderte die Strafe 
in diejenige der suspensio 1. s. von dem simonistisch empfangenen 
ordo, mit der Massgabe, dass der Ordinierte nicht durch Busse, 
sondern nur durch apostolische Dispensation davon befreit 
wurde; dem würde das Urteil Hildeberts entsprechen. Später 
erfolgte dann wieder eine Ausdehnung der Suspensation auf 
alle empfangenen ordines ®). 

Wo hohe Güter in Frage stehen und eine unerbittliche 
!) Siehe Seite 69 Anm. 2. 

DEORD EVEN Sn LIT 51202 VolXe.7 2100ER COLT gl, 

®) Hefele Cg. IV, 840 f. (vgl. ebd. V, 440, Lat. 1139, c. 1. 2); 
Mansi XIX, 926 f.: Sancti Spiritus auctoritate, ut credimus, in Chalce- 
donensi synodo sententia de simoniaeis prolata sic ab omnibus observatur, 
quatenus, quicumque deinceps pecunia aut aliqua inconveniente conven- 
tione saeculari aut quolibet modo contra canonicam censuram episcopatum 
aut abbatiam aut archidiaconatum seu archipresbyteratum aut aliquam 
dignitatem ecclesiasticam sive aligquem gradum aut ministerium vel bene- 
ficium, quod non nisi clericis habere sanctorum patrum sancivit auc- 
toritas, dare vel accipere quolibet modo canonibus contrario tentaverit, 
et dans a proprio decidat gradu et dignitate et accipiens ministerium 
seu beneficium male usurpatum nunquam recuperaturus amittat. Be- 
merke auch den Ausdruck Hildeberts in der Vita S. Hugonis (oben 
Seite 58 Anm. 1): de male comparatis expulsi sunt dignitatibus. 

*) 2.B. Hinschius KR. V, 54, Note 3; Hefele Cg. V, 45. 

5) Z2.B. Hinschius KR. IV, 729. 809. V, 65. 

6) C. I, q. 1, besonders c. 1—12. 107 ff. — München II, 305 £.; 
Hinschius KR. V, 167:£..711. 


16 Erstes Kapitel. 


Strenge den Verhältnissen gemäss tunlich erscheint, da finden 
wir unseren Bischof auf seinem Posten als einen entschiedenen 
Vertreter des kirchlichen Rechts — das zeigt uns sein Ver- 
fahren gegen Simonisten wie gegen Priestersöhne. 


1y. 


Zum Schlusse dieses Kapitels möge noch dargelegt 
werden, was Hildebert von seinem Rechtsbewusstsein in Bezug 
auf die Beseitigung der vorbehandelten Hindernisse zu er- 
kennen gibt!). In der vergangenen Epoche der Zerfahren- 
heit aller rechtlichen Verhältnisse hatte dieses Problem nur 
wenigen Männern der Kirche Schwierigkeiten bereitet. In der 
Regel „beseitigte* man die Hindernisse dadurch, dass man 
anstandslos über sie hinwegging. Dagegen musste mit dem 
Erwachen und Fortschreiten des Reformgedankens die Frage 
so brennend werden wie je. Denn ein solcher Gedanke hat 
mit nichten die Kraft, die Beobachtung der Gesetze alsbald 
zu einer ausnahmslosen Regel zu machen. Vielmehr bieten 
gerade dann auf lange Zeit die Ausnahmen der Regel eine 
empfindliche Konkurrenz, und ein vernünftiges Streben wird 
dazu gedrängt, dieselben in ein juristisches Cewand zu kleiden. 
Nun war aber hinwiederum zu einer ruhigen und intensiven 
wissenschaftlichen Arbeit, wie sie die korrekte und voll- 
ständige Lösung der genannten Aufgabe forderte, eine Periode 
allseitiger Verwirrung und Aufregung so ungeeignet als mög- 
lich. Wir werden uns also nicht wundern, wenn uns bei 
Hildebert so wenig wie bei anderen Juristen seiner Zeit eine 
ausgebildete, präzise und lückenlose Lehre entgegentritt. Führer 
war auch in dieser Hinsicht Ivo von Chartres; er hat bezüg- 
lich der hier zu besprechenden Gegenmittel gegen Amts- 
hindernisse nicht nur in seinen Briefen die damals massgeben- 
den Grundsätze in ihrer Anwendung auf Einzelfälle aufgezeigt, 


') Im allgemeinen vgl. hierzu namentlich Stiegler, Dispensation, 
insbesondere von Seite 111 an (II. Teil). 


Beseitigung der Amtshindernisse. 77 


sondern auch bezüglich des wichtigsten derselben, der Dis- 
pensation, eine verhältnismässig umfangreiche Abhandlung ver- 
fasst, die für lange Zeit das Meisterwerk der Theorie und 
die Richtschnur der Praxis geblieben ist. Aber selbst in 
seinen Ausführungen suchen wir z. B. vergeblich eine klare 
und feste Begriffsbestimmung, eine Trennung der verschieden- 
artigen Elemente, die man bis dahin als „Dispensation“ oder 
unter ähnlichen, wechselnden Bezeichnungen zusammengefasst 
hatte, eine Belehrung über die Grenze der bischöflichen Be- 
freiungsbefugnisse gegenüber den päpstlichen. Das sind freilich 
Punkte, die man auch bei Gratian nur in sehr geringem Maasse 
weiter entwickelt findet }). Umsoweniger kann man von Hilde- 
bert eine exakte und ganz zufriedenstellende Beantwortung 
der hierher gehörigen Fragen erwarten. Dennoch sind für 
eine rechtshistorische Behandlung derselben die Ergebnisse 
nicht wertlos, zu welchen uns die nachfolgende Untersuchung 
führen wird. 

1. Es wurde schon genügend hervorgehoben, dass für die 
Erlaubtheit der Ordination von seiten eines fremden Bischofs 
und dauernder Uebernahme eines Amtes in anderer Diözese 
ein förmlicher Emanzipationsakt desjenigen Bischofs erforder- 
lich sei, der dem zu Entlassenden die letzte Weihe erteilt 
hatte 2). Die Dimissorialbriefe haben mit dem Aufkommen 
der absoluten Ordinationen ihren ehemaligen Charakter all- 
mählich eingebüsst und ihn nicht wiedererhalten. Wie die 
Ordination nicht mehr notwendig eine Filiation, Unterwerfung 
unter eine besondere Gewalt des Ordinierenden mit sich bringt, 
so übertragen sie nur noch die Gewalt zu weihen, während 
die Entlassung aus dem Diözesanverbande, aus dem Gehorsam 
des Bischofs, auf anderem Wege, durch die sogenannte Exkardi- 
nation erfolgt °). 

2. Auch darauf ist schon hingewiesen worden, dass Hilde- 

) Stiegler a. a. O., Seite 123 ff, 361 fl. 


2) Oben Seite 26 f. 39 f. 
») Hinschius KR. II, 492. 


78 Erstes Kapitel. 


bert wie Ivo zur Beseitigung des defectus famae den Reini- 
gungseid mit Eidhelfern verlangt !); hierüber ist aber jetzt noch 
ausführlicher zu handeln. — Das mitgeteilte Responsum Ivos 
und das Verfahren Hildeberts entsprechen dem, was wir auch 
anderswoher bezüglich dieses Prozessinstitutes wissen. Nach- 
dem es in merovingischer Zeit aus dem germanischen Rechte 
von der fränkischen Kirche aufgenommen worden war, ent- 
wickelte es sich, in einigen Punkten vom germanischen Rechte 
abweichend, allmählich dahin, dass der Reinigungseid (als 
subsidiäres Beweismittel) anfangs ohne Helfer, später mit 
solchen geleistet werden musste (nicht bloss konnte), falls 
eine Anklage oder ein Gerücht vorlag und ein voller Beweis 
nicht. erbracht, der Verdacht aber auch nicht ganz beseitigt 
war; wurde im Fall der Anklage ein Beweis nicht einmal 
angetreten, so war die Pflicht der Eidesleistung nicht unbedingt 
gegeben; überhaupt verblieb natürlicherweise dem Ermessen des 
Richters ein ziemlich weiter Spielraum, und insbesondere hatte 
er die Zahl der Eidhelfer nach Lage der Sache festzusetzen. 
So gestaltete sich, und zwar um 1100 bereits in der ganzen 
Kirche, das Verfahren gegen Geistliche; für Laien wurde da- 
gegen vielfach noch das rein germanische Recht gehandhabt ?). 

In der Sache, welche unser Bischof zu beurteilen hatte, 
waren wohl als Voraussetzungen des Verfahrens Anklage und 
(serücht miteinander verbunden, denn ein Verdacht lag sehr 
nahe, weil der Misshandelte ein Gegner des Dekans und seiner 
Brüder, die Täter aber eben die Brüder und einige Freunde 
Radulfs waren. Verhandelt wurde jedoch im Akkusationsprozess, 
weil von dem Verletzten die Anklage auf Anstiftung und Bei- 
hilfe gegen den Dekan und einen anderen Kanoniker erhoben 
worden war. In dem Termin, zu welchem Hildebert einen 
Bischof seiner Provinz und verschiedene andere tüchtige Per- 
sonen zugezogen hatte — man wird an ein Synodalgericht zu 


!) Oben Seite 31 f. 
2 Hınschausak R.V.933SPH EV S407r 


Beseitigung der Amtshindernisse. 79 


denken haben!) —, liess der Ankläger Nikolaus durch seinen 
Vertreter die Beschuldigung wiederholen, aber gleichzeitig 
erklären, dass er ein Urteil nicht annehmen werde, ver- 
mutlich wegen Befangenheit des Richters, da Hildebert dem 
von ıhm ernannten, vom König und den Gegnern gehassten 
Dekan gewogen war. Hildebert sah in dem Benehmen des 
Anklägers ein Verschleppungsmanöver und liess der Verhand- 
lung ihren Gang. Zunächst erklärte der Dekan, er sei an 
dem Verbrechen nicht einmal mit seinem Wunsch und Willen, 
geschweige denn mit Rat und Anstiftung beteiligt. Um seine 
Unschuld zu zeigen, sei er erschienen, bereit, sich jedem 
kanonisch gefällten Urteil zu unterwerfen. Und ob nun der 
Ankläger das Urteil nur verschieben oder ganz vermeiden 
wolle, jedenfalls erbiete er sich der Kirche und seinem Erz- 
bischof zu der vom kirchlichen Rechte vorgeschriebenen Pur- 
gation. In demselben Sinne äusserte sich der andere Kapitular; 
die Angeklagten erkannten also die oben behandelte Ver- 
pflichtung an. Hierauf wurde die Frage gestellt, ob Nikolaus 
Zeugen gegen dieselben beibringen könne, und als solche nicht 
gefunden noch benannt wurden, erging das Urteil, Radulf und 
Herbert hätten, zwar nicht gegenüber dem auf Verschleppung 
ausgehenden Ankläger, wohl aber gegenüber der Kirche mit 
sechs Eidhelfern ihres Ordo sich von dem Verdacht zu reinigen. 
Und so wurde, ohne Rücksicht auf die Anklage, der Reini- 


!) Brief Hildeberts II, 37 (B. 141. M. 261): Praeterea innotuit 
(beatitudini vestrae) judicio adfuisse venerabilem Cenomanorum ponti- 
ficem, abbates quoque quam plures aliosque religiosos et sapientes viros, 
quorum omnium ad hoc prona fuit sedulitas, ut non mollirent ex licentia 
judieis sententiam, sed sequerentur canonicae rigorem disciplinae. — 
Ob die Geladenen nur beratende oder auch beschliessende Stimme hatten, 
lässt sich hieraus und auch aus Brief II, 36 nicht ganz sicher entscheiden, 
das erstere ist aber wahrscheinlicher. Durch die Anwesenheit des Bi- 
schofs von Le Mans bekommt die Versammlung sogar den Anstrich einer 
Provinzialsynode; vielleicht hat die Gesetzgebung hier noch eingewirkt, 
welche in Absetzungsfällen die Zuziehung mehrerer Bischöfe verlangte 
(Hinschius KR. V, 279). 


30 Erstes Kapitel. 


gungseid geleistet !). Es ist also über die Anklage in diesem 
Termin allem Anschein nach trotz des rein dilatorischen Cha- 
rakters der erhobenen Einrede nicht entschieden, die Anordnung 
des Reinigungseides demnach nur auf Grund eines bezich- 
tigenden Gerüchtes erlassen worden; man könnte sagen, das 
Anklageverfahren wurde in ein Inquisitionsverfahren über- 
geleitet ?). So blieb es dem Ankläger unbenommen, die Sache 
weiter zu verfolgen. Der defectus famae war erledigt, die 
Möglichkeit einer Verurteilung wegen des Deliktes und einer 
daraufhin zu verhängenden Amtsentsetzung aber formell noch 
nicht ausgeschlossen, und so haben wir uns auch hier mit dem 
Fortgang dieser Angelegenheit zu befassen. 

Derselbe schliesst sich an das Eingreifen des Papstes 
Honorius an?). Auf die Nachricht hin, dass infolge der 
traurigen Ereignisse die Zwietracht in das Domkapitel ein- 
gedrungen und sogar der Gottesdienst ausgesetzt worden sei, 
beorderte er seinen Legaten Bischof Gerard von Angoulöme, 
sich der Sache im Interesse des Friedens anzunehmen. Unter 
dessen Leitung wird sie nunmehr vor einem förmlichen Pro- 
vinzialkonzil *) zu Tours verhandelt und bis zu einem Urteil 
geführt, und zwar ging man wiederum zunächst in der Form 


!) Briefe Hildeberts II, 36. 37. 33 (B. 139 ff. M. 259 ff.). II, 36 
(B. 140. M. 259) ist natürlich zu lesen: moratoriam quaerente dilationem, 
dagegen II, 37 (B. 141. M. 261): delationis materiam non inveniunt. 
Vgl. Dieudonne 231. 

?) Siehe die Zitate Seite 31 Anm. 2. 

®) Brief H, 37 (B. 141 f. M. 261) berichtet darüber. 

*) Auch der Bischof von Rennes nahm diesmal teil, und sämtliche 
Bischöfe hatten mit dem Legaten beschliessende Stimme: Placuit igitur 
tam legato quam Cenomanensi et Rhedonensi episcopis pariterque par- 
vitati nostrae, in accusatione decani sive Bidonis neminem illorum 
deinceps admitti, qui, si quid adversus eos haberent, jussi proferre 
siluerunt. Der Bischof von Angers, welcher auf dieser Konferenz ver- 
misst wird, stand damals mit seinem Metropoliten nicht in gutem Ein- 
vernehmen (Dieudonn& 155 f. 148), die Bischöfe der Bretagne aber 
kamen nicht in Betracht (oben Seite 5). 


Beseitigung der Amtshindernisse. ST 


des Akkusationsprozesses vor !). Wenn Hildebert schreibt, es sei 
dem Verletzten und den Freunden des Dekans Gehör gegeben 
worden, nicht also diesem selbst, so wird man annehmen 
müssen, dass diesmal die eigentlichen Täter, nicht die angeb- 
lichen Teilnehmer die Angeklagten waren. Nachdem die beiden 
Teile ihre Vorträge gehalten, erging dem Brauche der Provinz 
gemäss ein Urteil, das aber von Nikolaus sofort angefochten 
und mit der Berufung an den Papst beantwortet wurde. Des- 
halb kam es, so schreibt Hildebert an den Papst, zwischen 
diesen Parteien nicht zu einer den Prozess erledigenden Dis- 
kussion ?). Vermutlich war jenes Urteil ein bedingtes End- 
urteil, worin dem Ankläger der Beweis für seine Behaup- 
tung auferlegt wurde. In einem anderen, dieselbe Sache be- 
treffenden Briefe an den Papst wirft nämlich Hildebert die 
Frage der Beweislast auf und hält unter Hinweis auf eine 
entsprechende, von Papst Kalixt II. veranlasste Entscheidung 
der 1124 gefeierten Synode von Ühartres dafür, dass im 
angegebenen Sinne zu verfahren sei?). Nikolaus war also 


!) Letzteres ist hier zwar nicht schon, wie bei Schilderung des 
früheren Verfahrens, aus den von Hildebert gebrauchten Ausdrücken zu 
ersehen (siehe die folg. Anm.), liegt aber an sich sehr nahe und geht auch 
wohl aus dem Berichte hervor. 

?) Ubi cum data esset Nicolao et amicis decani audientia, singuli, 
prout quisque pulsabatur, suam exsecuti sunt actionem. Deinde prolatum 
juxta consuetudinem provinciae judicium; conquestus in eo se gravari 
Nicolaus apostolici examinis vigilantiam appellavit. Inde factum est, 
ut tune inter Nicolaum et eos, de quibus appellaverat Nicolaus, res indi- 
scussa remaneret. 

?) Sunt autem qui dieunt, quod ipsi demembrato adversus male- 
factores incumbat probare injuriam. Qui autem ita sentiunt, illi adhaerent 
judicio, quod ÜÖarnotense concilium auctoritate litterarum Calixti papae 
de Cenomanensi vicecomite et Lisiardo promulgavit; quo judicatum est 
ipsum vicecomitem proclamantem, quod homines Lisiardi de maceria 
cujusdam ecclesiae, cui ipse vicecomes egressus de captione consurgens 
ad ecclesiam inhaeserat, — hier fehlt die Ergänzung zu quod homines — 
debere contactu calidi ferri probare se violentia hominum Lisiardi a 
maceria abstractum. Wie weit sich die „Autorisation“ des Papstes 

Barth, Hildebert von Lavardin. 6 


82 Erstes Kapitel. 


hiermit nicht zufrieden. — Nun aber der Dekan und sein 
Genosse? Gegen sie richtete sich ja die Erbitterung und 
Feindseligkeit der Gegner in erster Linie, und von der Wieder- 
herstellung ihres Ansehens hing der Friede im Kapitel ab. 
Die Synode kam deshalb auch auf sie noch einmal zurück. 
Kraft apostolischer Autorität forderte der Legat die Kanoniker 
auf, etwaige Beschwerden, die sie gegen Radulf oder einen 
anderen zu haben glaubten, nunmehr vorzubringen, einem jeden 
solle sein Recht werden; und dasselbe Ersuchen wurde mit 
spezieller Beziehung auf den Dekan und seinen Leidensgenossen 
Bido wiederholt. Dies war ein Verfahren, das im Laufe des 
Jahrhunderts bei bezichtigenden Gerüchten wegen der pri- 
mären Stellung des Anklageprozesses zur Regel wurde !). Als 
niemand sich meldete, erkannte die Synode dahin, dass alle 
diejenigen, die hier hätten reden können, durch ihr Schweigen 
für die Zukunft sich des Anklagerechtes bezüglich jener beiden 
Personen begeben hätten; den letztern wurde also damit gegen- 
über den Betrefienden eine wirksame exceptio gegeben. So 
war denn in der Sache des Nikolaus schon zum zweiten Male 
ein Urteil gefällt, sagt Hildebert, und er erwartete nicht, dass 
sein Dekan derselben wegen noch einmal werde belästigt 
werden ?). 


erstreckte, ob auch auf das Gottesurteil, kann hieraus nicht entnommen 
werden; noch zweifelhafter ist es, ob die Synode von Tours diese Art des 
Beweises einem Geistlichen zugemutet hat. Vgl. den folg. Abschnitt. — 
‚Jene Entscheidung aber zeigt eine interessante Vereinigung von römischem 
und germanischem Recht. Der Ankläger hat zu beweisen, und wenn ihm 
dies nicht gelingt, dann wird nicht etwa dem Angeklagten zugemutet, 
sich durch Ordal zu reinigen, sondern der Ankläger mag ihn, wenn er 
Lust hat, auf diesem Wege überführen. Im germanischen Prozesse „hatte 
der Kläger den Vorzug des Beweises, wenn er, soweit die Sache dazu 
angetan war, die Entscheidung durch Gottesurteil forderte. Im übrigen 
war... der Beklagte näher zum Beweise“. (Schröder, Deutsche Rechts- 
geschichte, Seite 359.) 

!) Hinschius KR. V, 348 £. 

2) A. a. ©. (II, 37): Ita bis jam decisa Nicolai adversus decanum 
et Bidonem querimonia legatus canonicos diligenter hortatus est ad paeis 


Beseitigung der Amtshindernisse. 83 


Und doch sollte es geschehen. Aus demselben Briefe, 
dem wir die Kenntnis der soeben dargestellten Entwicklung 
unserer Angelegenheit verdanken, erfahren wir, dass Radulf 
eine Romreise hat antreten müssen, um sich vor dem Papst 
zu verantworten !). Vergebens hatte Hildebert versucht, ihm 
dies zu ersparen, nachdem der ebenfalls geladene Vertreter 
der Gegenpartei gestorben war ?). Obgleich also der Dekan 


unitatem reverti. Vgl. S. 80 Anm. 4, welche den unmittelbar vorher- 
gehenden Satz enthält. Es hat demnach auch der zuletzt beschriebene 
Vorgang als ein gerichtliches (Inquisitions-)Verfahren zu gelten. 

!) Brief Hildeberts II, 37 (Anfang). 

?) Brief Hildeberts II, 35 (B. 139. M. 259, Schluss): De cetero 
nolumus sanctitatem vestram ignorare Stephanum de Monte Sorello prae- 
sentem exuisse vitam, Radulphum tamen decanum, cui ad agendum cum 
praefato Stephano vestra sublimitas diem dederat, ad apostolorum limina 
fatigandum, nisi misericordia vestra ei parcendum et laborem trans- 
alpinandi relaxandum decreverit. Super hac igitur petitione quid sanctitati 
vestrae placuerit, nobis et ei tamquam humillimo filio vestro vestris 
litteris significare dignemini. Vgl. Brief III, 38 (M. 312), wo Hildebert 
zu gleicher Zeit einen römischen Bekannten bittet, im obigen Sinne 
Fürsprache einzulegen; dazu Dieudonn& 132 f. — Ich halte jenen 
Stephan von Montsoreau nicht mit Dieudonne& (218) für einen Freund 
Hildeberts und Sachwalter Radulfs, weil ich keinen genügenden Grund 
finde, dem agere cum aliquo die gewöhnliche technische Bedeutung hier 
abzusprechen. Denn der Brief III, 10 (B. 176 f. M. 289) kann ebenso 
gut an einen anderen Stephan gerichtet sein, und warum möchte wohl 
der Papst darüber bestimmt haben, wen der Dekan sich zum Begleiter 
und Verteidiger nehmen solle (II, 35)? — Mit Hilfe des Briefes II, 35 
lassen sich die Ereignisse zeitlich einigermassen festlegen. Derselbe ist 
nämlich seinem Hauptinhalte gemäss bald nach dem Tode des Bischofs 
Baldrich von Dol, d. i. nach dem 5. Januar 1131 (Gallia Chr. XIV, 1049) 
geschrieben; zu derselben Zeit also III, 38. Nachdem die von Hildebert 
erbetene Antwort des Papstes eingetroffen war, trat Radulf seine Reise 
an, und Hildebert schrieb um diese Zeit an Honorius II. zu nochmaliger 
Information II, 37, in dessen Anfang er die Abreise des Dekans mitteilt; 
gleichzeitig hiermit wird II, 39 sein, allem Anschein nach ein Empfeh- 
lungsschreiben für die Reise. Da nun der Papst am 13. Februar 1130 
starb, was Hildebert vor Ende Februar erfahren haben wird, so muss 
IH, 37 (und 39) in diesem Monat geschrieben sein. Früher als II, 35 
sind II, 36. 38 anzusetzen. 


34 Erstes Kapitel. 


den Reinigungseid geleistet und obgleich die Synode die an- 
wesenden Kanoniker, demnach auch den verletzten Nikolaus, 
des diesbezüglichen Anklagerechtes verlustig erklärt hatte, 
gelang es, die Ladung des Dekans vor den obersten Richter 
durchzusetzen, wahrscheinlich im Zusammenhang mit der von 
Nikolaus in dem anderen Prozesse eingelegten Berufung !). 
Dass unser Bischof hierüber ungehalten war, ist nicht zu 
bezweifeln, denn er hatte, soviel wir sehen können, das Seinige 
getan, um der Würde des kirchlichen Amtes, welches Radulf 
besass, gerecht zu werden, und wenn nicht besondere, unserer 
Wahrnehmung unzugängliche Umstände es rechtfertigten, war 
das Verfahren des Papstes zu Gunsten unbotmässiger und 
reformfeindlicher Kleriker?) in diesem Falle weder als ge- 
setzlich notwendig, noch als zweckmässig anzuerkennen. 
Einer Missbilligung desselben hat denn auch unser Bischof 
schon in seiner Bitte um Erlass der Reise, sodann in Worten 
der Besorgnis um das Leben des trotzdem wieder Geladenen 
Ausdruck gegeben ?). Unbeweisbar aber ist die naheliegende 
und bisher gern wiederholte Behauptung, dass dieses Vor- 
gehen gegen Radulf für Hildebert der nächste Anlass zu dem 
berühmten Beschwerdebrief an Honorius*) gewesen sei. Bei- 
nahe klagt er den Papst an, das Schicksal Radulfs (seine 
Ermordung nämlich) verschuldet zu haben, meint Dieu- 
donn&?°). Aber schon die Zeitbestimmungen stehen dem ent- 
gegen®), und dass der fragliche Brief vom Tode Radults, 
ja von seiner ganzen Angelegenheit gar nichts verrät, oder auch 
nur andeutet, macht jene Annahme geradezu unmöglich. Ein 
Appellant, der einer verdienten Strafe entgehen möchte — 
solche hat der Brief im Auge —, kommt ja in dieser An- 


') Mangels anderweitiger Nachricht ist nur diese Annahme genügend 
begründet. 

?) Siehe unten 2. Kap. I, 4. 

3) Brief II, 37 (Anfang). 

*) IL, 41 (B. 146 fi. M. 265 ff). Vgl. unten 6, 

5) Seite 105. 6) Siehe oben Seite 83 Anm. 2. 


Beseitigung der Amtshindernisse. 85 


gelegenheit nicht in Betracht, die von Nikolaus eingelegte 
Berufung aber ist von Hildebert so wenig wie von der ganzen 
Synode beanstandet worden, und dass er etwa auch wegen 
Radulfs angeblicher Teilnahme noch appelliert hätte, wissen 
wir nicht. — Ob und inwieweit ein weiteres Verfahren statt- 
gefunden hat, wird nicht berichtet. Dem Papst Honorius 
wurde es höchstwahrscheinlich durch den Tod erlassen, und 
unter den Wirren des folgenden Schismas wird die Sache für 
Rom im Sande verlaufen sein. Was uns aus dem Schlussakt 
ihrer Geschichte hier interessiert, ist die kaum zu bezweifelnde 
Tatsache, dass der Papst sich in Ueberspannung der ober- 
richterlichen oder doch der oberhirtlichen Amtspflicht eines 
juristisch erledigten und auch moralisch genügend behandelten 
Prozesses aus dem Gebiete der Irregularitäten annimmt, und 
dass ein gewissenhafter Bischof nicht zwar dagegen protestiert, 
aber doch sich ungehalten zeigt. In dieser Richtung wird uns 
Hildebert noch einen bedeutenden Schritt weiter führen, nach- 
dem wir uns dem Dispensationswesen werden zugewendet haben. 

3. Die Anwendung des Reinigungseides im geistlichen 
(ericht hört seit dem 16. Jahrhundert allmählich auf). 
Neben ihm stand im germanischen Rechte, aber in noch 
höherem Grade subsidiär gehandhabt, als Mittel der Pur- 
gation das Gottesurteil. Auch diesem vermochte das kirch- 
liche Verfahren trotz hie und da auftretenden Widerspruches 
sich nicht zu entziehen?). Die Zeit Hildeberts steht noch in 
seinem Banne, und da wir es bei unserem Bischof im Zu- 
sammenhang mit einer gegen ihn selbst erhobenen Beschul- 
digung antreffen, so muss es an dieser Stelle kurz behandelt 
werden. 

Zur Zeit der Kämpfe zwischen Wilhelm dem Roten von 
England und Graf Helias von Maine wurde Hildebert von dem 
ersteren, nicht auf Grund einer förmlichen Anklage, sondern auf 


9.Hinschius, KR. VI, 71. 
2) Hinschius KR. V, 345; Vacandard, Les ordalies. 


86 | Erstes Kapitel. 


blosse unbegründete „Delation* hin, vom Könige aufgefordert, 
sich durch die Probe mit glühendem Eisen von dem Verdachte 
der Begünstigung des Feindes zu reinigen. Zu einer gesetz- 
mässigen Purgation hatte er sich bereit erklärt; dass die vom 
Könige verlangte eine gesetzmässige nicht sei, wusste er zwar, 
doch zweifelte er, ob er wegen der Wichtigkeit der Sache 
nicht dennoch seiner Forderung nachkommen solle, und er be- 
fragte darüber den Bischof von Chartres. Das Gutachten 
Ivos lautete dahin, dass Hildebert durchaus nicht dem an ihn 
gestellten Ansinnen entsprechen dürfe; denn es widerstreite 
dem — durch die bekannten Reskripte der Päpste Nikolaus I., 
Alexanders Il. und Stephans V. belegten — kanonischen 
Recht und sei auch nicht gewohnheitsrechtlich für den Prozess 
in kirchlichen Sachen rezipiert; Hildebert würde ein schlimmes 
Beispiel geben, wenn er sich dem Ordal unterzöge‘). Der 
rechtsgelehrte Bischof beschränkt also für seine Zeit den Aus- 
schluss des (rottesurteils auf den Prozess gegen Geistliche ?) 


!) Brief Ivos II, 74 (M. 95 £f.). Quantum ex tenore litterarum 
tuarum perpendi, ad suggestionem aemulorum tuorum de proditione Ceno- 
mannicae urbis nuper facta insimulare te molitur regis Anglorum metuenda 
severitas, nulla adversum te legitima accusatione prolata, sed pravorum 
delatione conjecturarum divinatione palliata; et cum paratus sis ad per- 
ficiendam purgationem legitimam, non aliter vult te huius proditionis 
immunem credere, nisi igniti ferri examinatione demonstres innocentiam 
tuam. Oonsulis itaque humilitatem meam, utrum tibi bene conscius pro 
conservanda integritate famae tuae et recuperanda regis gratia debeas 
voluntati eius acquiescere an quaelibet adversa pati, ut non recedas ab 
ordine: breviter itaque tibi respondeo consulens, ut non transgrediaris 
terminos antiquos, terminos, quos posuerunt patres tu. Aliter namque 
innocentiam defendere est innocentiam perdere. Monomachiam enim et 
ferri calidi examinationem nec consuetudo ecclesiastica in discutiendis 
causis ecclesiasticis recipit nec canonica auctoritas instituit... Tu itaque 
his et aliis auctoritatibus Patrum undique munitus viriliter age et ne 
de (?) te aliis praebeas exemplum futuris et praesentibus nociturum. — 
Vgl. unten im 3. Kapitel I. Die Verbindung des Vorwurfs und des auf- 
erlegten Gottesurteils mit dem defectus famae wird also hier von Hilde- 
bert selber hergestellt. 

”) Unter die causae eccelesiasticae hat man hier jedenfalls auch 


- 


Beseitigung der Amtshindernisse. 87 


und den des geistlichen Gerichts; für diesen scheint er aber 
in unserem Briefe ein ausnahmsloses Verbot der Ördalien 
statuieren zu wollen. Dass seiner Entscheidung, wenn sie so 
aufzufassen wäre, die gleichzeitige Praxis nicht zur Seite ge- 
standen hätte, lassen schon seine eigenen anderweitigen Aeusse- 
rungen in dieser Frage erkennen. Für Kleriker zwar findet 
sich bei ihm kein anderer Bescheid; auch gilt ihm stets der 
Zweikampf ausgeschlossen ven der geistlichen Gerichtsbarkeit, 
weil derselbe kaum je oder nie ohne Blutvergiessen von statten 
gehe, der geistliche Richter aber einen auf Blutvergiessen ab- 
zielenden Prozess nicht betreiben dürfe!). Zu den einseitigen 
Ordalien dagegen will er in verschiedenen Gutachten den Laien 
auch vor dem kirchlichen Forum zugelassen, ja sogar ver- 
pflichtet wissen, vorausgesetzt, dass er nicht überführt ist, 
und dass menschliches Zeugnis gänzlich fehlt; auch die Mög- 
lichkeit des Reinigungseides mit Eidhelfern schliesst das Gottes- 
urteil aus, dieses ist also nur als subsidiäres Beweismittel im 
strengsten Sinne zu verwenden. Nur dann, aber dann auch 
durchaus kommt ihm Beweiskraft zu, meint Ivo, während er 
im übrigen von manchem falschen Ergebnis erfahren haben 
will?). Anders als in diesem äussersten Falle das Zeugnis 


diejenigen zu rechnen, welche gegen Geistliche vor weltlichem Gericht 
verhandelt wurden. Gerade der Prozess Hildeberts ist m. E. eine solche 
gewesen. Wir haben dabei nicht an die Ausübung einer ordentlichen 
geistlichen Gerichtsbarkeit unter Mitwirkung des Königs nach fränkischem 
Muster (Hinschius KR. V, 409 ff. und vorher) zu denken, sondern an 
einen Fall der arbiträren Strafgerichtsbarkeit, deren sich die Könige 
gegen Bischöfe bei Verletzung von Vasallitätspflichten u. dergl. gern 
bedienten (Hinschius KR. V, 411 ff.). 

) Brief 247 (M. 254): Quod audientes valde mirati sumus, cum 
monomachia vix aut nunquam sine sanguinis effusione transigi valeat, 
judicium vero sanguinis servanda Patrum auctoritas clericos agitare pro- 
hibeat et Romana Ecclesia in legem eam non assumat. — Brief 168 
(M. 171): judicatumque est, quia haec causa sine monomachia terminari 
non poterat et judicium sanguinis nobis agitare non licebat, ut utraque 
pars irent in curiam comitissae. 

?) Ich fasse also die betreffende Stelle des Briefes 205 anders auf 


38 Erstes Kapitel. 


Gottes verlangen, hiesse eben sündhafterweise Gott ver- 
suchen; insbesondere weist er eine Verwendung der Ördalien 
ausserhalb des ordentlichen gerichtlichen Verfahrens energisch 
ab !). 

Die Ansicht Ivos ist also dahin zu präzisieren: Ein Geist- 
licher darf sich niemals irgend einem Gottesurteil unterziehen; 
der Zweikampf gehört ausschliesslich vor das weltliche Ge- 
richt; die übrigen damals gebräuchlichen Ordale sind auch vom 
geistlichen Richter, aber nur als durchaus subsidiäre Beweis- 
mittel, zuzulassen und anzuordnen. — Die Päpste haben eine 
derartige Praxis zum mindesten geduldet, zuweilen ist sogar 
ihre Toleranz, insbesondere diejenige des Papstes Kalixt II., 


als Vacandard, Les ordalies, Seite 186. Vgl. die folge. Anm. Prae- 
terea gestattet allerdings einen Zweifel; ich übersetze es mit „übrigens“, 

!) Briefe 168. 183. 205. 232. 247. 249. 252. 280, insbesondere die 
bei Hinschius KR, V, 345 Note 3 mitgeteilten Stellen. Mit Rücksicht 
auf ordnungswidrige Anwendung: Brief 205 (M. 210): Simili modo caute- 
rıum militis nullum tibi certum praebet argumentum, cum per exami- 
nationem ferri candentis occulto Dei judicio multos videamus nocentes 
liberatos, multos innocentes saepe damnatos. Praeterea cum talis exami- 
natio sit in Deum tentatio, non est mirum, si divino auxilio deseritur, 
cum incaute et sine judiciali sententia ab aliquo suscipitur. Unde b. 
Augustinus... ita dieit: Quando habet homo quid faciat, non debet 
tentare Deum suum. (Dieses Wort zitiert Ivo wiederholt für den rein 
subsidiären Charakter des Gottesurteils.) Vgl. Brief 252 (M. 258): Tunc 
enim tentat homo Deum suum, quando potposito ordine judiciario per 
examinationem candentis ferri vel aquae ferventis divinum requirit testi- 
monium. — Ueber die sonstige Beweiskraft Brief 232 (M. 235): Audivi 
enim quod vir ille, de quo agitur, de objecto crimine examinatione igniti 
ferri se purgaverit et a laesione ignis illaesus repertus sit. Quod si ita 
est et hoc in sacramento purgationis suae posuit, quod nunquam cum 
matre uxoris suae una caro fuerit, contra divinum testimonium nullum 
ulterius investigandum intelligo esse judicium. Mit dem Ordal war also 
der Eid verbunden und es galt als wichtig, dass das Beweisthema nicht 
verfehlt war. — Der erste und der letzte der in dieser Anmerkung zitierten 
Sätze können übrigens auch so miteinander in Einklang gebracht werden, 
dass man diesen von der formellen, jenen von der materiellen Beweis- 
kraft versteht. Vgl. die vorige Anmerkung. — Vgl. Fournier, Yves 
de Chartres in Rev. q. h. XIX, 75 ft. 


Beseitigung der Amtshindernisse. 89 


von einer positiven Approbation kaum mehr zu unterscheiden. 
Die Praxis der mittelalterlichen Partikularkonzilien ging be- 
kanntlich hie und da noch weiter. Auch der h. Bernard hat 
das Gottesurteil als solches nicht bekämpft )). 

Hildebert hat sich ohne Zweifel nach der Weisung Ivos 
gerichtet und auch wohl dessen Auffassung überhaupt ge- 
teilt ?). Jedenfalls ist es ein Irrtum, dass er die Gottesurteile 
wenigstens vom Standpunkt einer höheren Intelligenz in ein- 
zelnen Fällen verworfen habe?). In einem hierfür zitierten 
Schreiben gilt seine Missbilligung nicht der Feuerprobe als 
solcher, sondern einer wegen rechtlicher Unerheblichkeit des 
Beweisthemas ganz überflüssigen Anordnung derselben *); ein 
anderes aber betrifft nicht das Gottesurteil, sondern die davon 
wesentlich verschiedene Tortur°’). Wir sehen also nicht, dass 


!) Vacandard a.a.0.; vgl. oben Seite 81 Anm. 3. — Bemerkens- 
wert ist, dass auf dem Konzil von Reims 1119 der Ritter (miles) vom 
Ördalzwang ausgenommen wird, offenbar im Anschluss an die früher 
gebräuchliche Ausnahme des nobilis homo vel ingenuus (Vacandard 
188. 191). 

2) Vielleicht bezeugt der an Hildebert gerichtete Brief Ivos 232 
(M. 235, siehe Seite 88 Anm. 1) einen Fall, wo jener die Feuerprobe 
angeordnet hat. In seinem eignen Schreiben II, 36 (B. 140. M. 260) gibt 
er ein Erkenntnis der Synode von Chartres 1124 auf Feuerprobe ohne 
Bemerkung wieder. Siehe Seite 831 Anm. 3 und den zugehörigen Text. 

») Dieudonn& 264 f. 

*) Brief II, 1 (B. 79. M. 207): Ex abundanti itaque fuit, ad con- 
tactum calidi ferri praefatam deducere puellam tamquam talı probaturam 
examine cum priore viro nulla se coeundi miscuisse consortia. Etenim 
frustra lex adducitur, quae ad urgentis causae decisionem minime suffra- 
gatur. (Richtig auch Dieudonne 262 oben.) Die Frage war, ob ein 
Hindernis bestehe für die Ehe zwischen der Betreffenden und dem Bruder 
ihres verstorbenen Mannes, und Hildebert hat ausgeführt, dass ein solches 
auch dann vorliege, wenn die frühere Ehe nicht konsummiert war. — 
Allenfalls könnte man in dem tamquam probaturam eine abfällige 
Beurteilung des Ordals als solchen finden wollen; dieser Sinn ist indes 
dem Wort durchaus nicht immer, nicht einmal regelmässig eigen. 

5) Brief II, 52 (B. 160 f. M. 277); siehe. oben Seite 27 f. Dieu- 
donn& ist zu dieser Vermengung zweier grundverschiedenen Institute 


90 Erstes Kapitel. 


Hildebert in diesem Punkte aufgeklärter gewesen als Ivo. Dass 
dieser den Ordalen im ganzen nicht sehr gewogen war, fühlt 
man allerdings aus seinen Briefen heraus. Die grundsätzliche 
Bekämpfung derselben, schon in früherer Zeit von einzelnen 
gewagt, lag offenbar damals wieder in der Luft; im Laufe 
des zwölften Jahrhunderts griff sie immer weiter um sich, 
und das dreizehnte Jahrhundert sah jenes Ueberbleibsel einer 
heidnischen Vorzeit auch in den weltlichen Gerichten mehr 
und mehr verschwinden !). — Für die Behebung von Amts- 
hindernissen und Irregularitäten kam aber schon zu Ivos Zeit, 
in Frankreich wenigstens, das Gottesurteil wohl kaum noch 
in Betracht; Hildeberts. Zweifel, der etwas anderes zu lehren 
scheint, entsprang ja nur einer übergrossen Besorgnis um das 
Wohl seiner Kirche und einer übermässigen Berücksichtigung 
der politischen Lage. 

4. Wir haben ferner einige Fälle von Amtshindernissen 
kennen gelernt, in denen Hildebert eine Mitwirkung des 
Papstes verlangt. Bezüglich der oben behandelten Notwehr- 
tötung schreibt er ?): „Wenn etwas derartiges in meiner Diö- 
zese geschehen wäre, so würde ich den Schuldigen zum apo- 
stolischen Stuhle geschickt haben, um von dessen Einsicht für 
mich selbst Belehrung zu erhalten und dem Täter eine zuver- 
lässigere Entscheidung über die Frage seiner Restitution zu 
verschaffen.“ Die Worte erkennen dem Papste das Recht zu, 
in diesem Fall über den Sinn des Gesetzes zu entscheiden oder 
davon zu dispensieren, und Hildebert will also, so schliessen 
wir, dass eine päpstliche Entscheidung eingeholt werde, wenn 
ein allgemeines Straf- oder Irregularitätsgesetz, dessen Sinn 
nicht feststeht, zu Gunsten des Schuldigen interpretiert oder 


vielleicht durch die einer falschen Vorstellung entspringenden Worte des 
Papstes Stephan V. geführt worden, welche Ivo in seinem Briefe an 
Hildebert 74 (M. 96) zitiert: Ferri candentis vel aquae ferventis exami- 
natione confessionem extorqueri a quolibet sacri non censuerunt canones. 
') Hinschius KR, V, 349. 
”) Brief II, 43 (B. 150. M. 268). Siehe oben Seite 36 ff. 


Beseitigung der Amtshindernisse. 91 


bei einem solchen dispensiert werden soll; doch gilt dieser 
Schluss nur für Gesetze von solcher Wichtigkeit, wie es das 
fragliche in den Augen Hildeberts war. Für ein Recht des 
Bischofs wagt sich Hildebert unter solchen Umständen nicht 
auszusprechen !). Ivo und andere Zeitgenossen Hildeberts 
scheinen nicht so streng gedacht zu haben ?). 

Päpstliche Dispensation verlangt er ferner, wenn einer 
Erhebung zum Bischof Hindernisse entgegenstehen’). Das 
bezeugt zunächst sein Verhalten in der Angelegenheit seiner 
eigenen Translation ®). 

Ehemals genügte in Frankreich die Zustimmung der Pro- 
vinzialsynode für die Versetzung eines Bischofs, und zuweilen 
mag sie von den Fürsten auch ohne Rücksicht auf dieses Er- 
fordernis vorgenommen worden sein. Im Laufe des neunten 
Jahrhunderts bildete sich dann der Grundsatz heraus, dass jede 
Translation der Zustimmung des Papstes bedürfe, und wenn 
derselbe in den Wirren des zehnten Jahrhunderts nicht streng 
beobachtet wurde, so hat ihn die Reformbewegung wieder zur 
Geltung und zum Siege gebracht. Ivo und Ordericus Vitalis 


!) A. a. O.: De reformatione ieitur sacerdotis mihi rem intuenti 
nihil aliud quam quod supra dietum est videtur (siehe oben a. a. O.). 
Quod si etiam liceat, non tamen expedit, quoniam et exemplo offendit 
et uleiscendi securitatem addueit. Si autem simile quid in parochia mihi 
commissa contigisset etc. Es ist also ein Irrtum, wenn Stiegler.a.a.O., 
Seite 206 schreibt: „Die Antwort Hildeberts ist sehr instruktiv. Er sagt 
ausdrücklich licet, dass es also in der Macht des Bischofs stände, eine 
derartige Dispens zu gewähren; eine andere Frage sei aber das expedit. 
Hierüber würde er seinerseits sich selbst nie zu entscheiden getrauen.... 
er würde den Delinquenten einfach an den Papst schicken... Nach 
dieser Auffassung haben also die Bischöfe das Recht, von fraglicher 
Irregularität zu dispensieren.“ 

?) Stiegler a.a. O., Seite 205 f. 

’) Siehe dazu im allgemeinen Imbart de la Tour, Les &lections, 
Seite 476 ff. (302 ff. 135 ff.), insbesondere 506 ff. 

*) Im allgemeinen HinschiusKR. III, 305 f.; Stieglera.a. O,, 
Seite 51 f.; oben Seite 41. — Zu Hildeberts Translation siehe unten 
3. Kap. IV. 


99 Erstes Kapitel. 


stellen es wie eine unbestrittene Wahrheit hin, dass die Päpste 
es sind, welche die durch „apostolische und kanonische Vor- 
schriften“ verbotenen Translationen der Bischöfe auf dem 
Wege der Dispensation zum grösseren Nutzen der Kirche 
gestatten). Als Bischof Gualo von Beauvais, der die Ver- 
waltung dieses Bistums anzutreten vom König verhindert wurde, 
in Paris gewählt worden war, schrieb Ivo zu Gunsten der 
Translation an die beiden in Betracht kommenden Erzbischöfe 
von Reims und Sens und an den Papst; seine Rechtsanschau- 
ung ergibt sich aus dem folgenden Satz): „Weil die Trans- 
lationen der Bischöfe bei dringender Notwendigkeit auf An- 
ordnung des Metropoliten und mit Dispensation des Papstes 
zu geschehen haben, so bitten wir Euch, indem wir zu der 
Wahl unsere Zustimmung erteilen, derselben Eurerseits statt- 
zugeben und den Papst zu ersuchen, dass er den genannten 
Bischof durch Euch transferieren lasse, weil derselbe seinen 
eignen Sitz nicht einzunehmen vermöge.“ Recht deutlich 
gibt übrigens der Jurist von Chartres hier zu verstehen, dass 
die Mitwirkung des Papstes diejenige der anderen Faktoren, 
der Wähler, der Metropoliten und der Komprovinzialbischöfe 


!) Prolog Ivos M. CLXT, 54 unten; diese Stelle ist im Texte wieder- 
gegeben. — Ord. Vit. XII, 23 (L. V, 79): ... episcopus secundum 
decreta canonum de propria sede ad aliam ecelesiam nisi auctoritate 
Romani Pontificis promoveri nequit. — Vgl. Dietatus papae: Greg. VII. 
Reg. II, 55a (Jaffe 175): Quod illi liceat de sede ad sedem, necessitate 
cogente, episcopos transmutare. — Dass Pseudo-Isidor diese Entwicklung 
verursacht habe, ist sicher zu viel behauptet, man wird aber nicht leugnen 
können, dass er sie gestärkt hat. Die beiden extremen Standpunkte bei 
Hinschius KR. III, 307 ff. und Imbart de la Tour, Les &lections, 
Seite 142 ff. 171 f. 309. 

?) Brief 146 (M. 151 £.). — Sed quia translationes episcoporum neces- 
sitate urgente metropolitani auctoritate et summi pontifieis dispensatione 
fieri oportet, nos, quantum in nobis est, eidem electioni assensum prae- 
bentes paternitati vestrae suggerimus, quatenus eidem electioni astipu- 
lando a domno papa postuletis, ut praedictum episcopum per manum 
vestram transferri praecipiat, cum propriam sedem obtinere non valeat. — 
Siehe zu dieser Angelegenheit Foucault 101 ff. 


Beseitigung der Amtshindernisse. 95 


eo 


nicht aufhebt noch behindert oder beschränkt, sondern viel- 
mehr voraussetzt. 

Trotz dieser Entschiedenheit der Doktrin sind jedenfalls 
noch nicht alle Bischöfe so gewissenhaft gewesen wie Hilde- 
bert. Was Ordericus Vitalis in Bezug auf seine Translation 
an zwei Stellen hervorhebt, sagt er nicht hinsichtlich der Ver- 
setzung Rainalds von Angers nach Paris, die um dieselbe Zeit 
erfolgte und an demselben Orte erzählt wird!). Da der ge- 
nannte Geschichtschreiber auf die Beobachtung des fraglichen 
(Gebotes augenscheinlich Wert legt, so kann man zweifeln, ob 
der weniger strenge Rainald sie für nötig gehalten hat. 

Dieselbe Vorschrift kannte Hildebert auch bei anderen 
Unregelmässigkeiten einer Bischofswahl. Rainald von Martigne 
ermangelte, wie wir schon sahen, des erforderlichen Alters 
wie der Weihen; auch war die Wahl keine geordnete ge- 
wesen ?). Unmittelbar vor dem trotz allen Widerstandes fest- 
gesetzten Weihetermin tat Hildebert noch einen letzten Schritt, 
um eine schroffe Verletzung der kirchlichen Gesetze zu ver- 
hindern, er mahnte den Gewählten ?), doch wenigstens vorher 
die päpstliche Dispensation nachzusuchen und bis zu ihrer Er- 
teilung die Weihe auszuschlagen; so habe er eher die Nach- 
sicht des Richters zu erwarten, als wenn er zu den vorhandenen 
Ungehörigkeiten noch eine neue hinzufüge und dasjenige auf 
dem Wege der Anmassung an sich reisse, was er von der 
Barmherzigkeit *) erheischen müsste. Rainald und seine Könner 
aber hielten es für besser, mit einer vollendeten Tatsache vor 
den Richter hinzutreten, und die Gegner haben wohl von 
weiteren Anstrengungen abgesehen, den alten Marbod seine 


DERTLFA2TTIV, IIND IV, 465 FRI, 251). Vgl: Gallia'Chr. XIV, 
567; IX, 82. — Ueber Rainald siehe oben Seite 41 ff., unten 3. Kap. II. 

?) Vgl. Stiegler a.a.O., Seite 206 ff. 

®) Brief II, 6 (B. 85. M. 213). 

*) Misericordia im Sinne von Dispens, hier im Gegensatz zu aucto- 
ritas, sonst gewöhnlich zu iudicium (Gesetz, Strafe): z. B. Brief Hilde- 
berts II, 41 (B. 147. M, 266); Prolog Ivos M. CLXI, 47. 


94 Erstes Kapitel. 


traurige Rolle zu Ende spielen lassen. Man könnte immerhin 
aus diesen Ereignissen entnehmen, dass das Recht des Papstes, 
in solchen Fällen in die Bischofswahlen einzugreifen, noch 
nicht allgemein anerkannt gewesen und das ehemalige Recht 
des Metropoliten und der Komprovinzialbischöfe von der Partei 
Rainalds aufrecht erhalten worden sei. Die letztere handelte 
indes sichtlich nicht bona fide, denn der Erzbischof von Tours 
war zeitweilig entschlossen, den Gegnern nachzugeben und die 
Sache dem Papst zu unterbreiten, Marbod aber suchte, nach- 
dem es seinem Drängen gelungen war, den Erzbischof wieder 
umzustimmen, alsbald nach der Weihe in Rom mit flehent- 
lichen Bitten die Bestätigung nach, die im allgemeinen, bei 
ordnungsmässigen Bischofswahlen, noch nicht üblich war. Im- 
merhin aber ist es beachtenswert, dass unser Bischof mit so 
grosser Entschiedenheit dem päpstlichen Dispensationsrecht in 
Sachen der Bistumsbesetzung diejenige Stelle anweist, die ihm 
in der Folge unbestritten verblieb: Die Dispensation steht in 
derartigen Fällen nicht dem Metropoliten noch der Provinzial- 
synode zu, und sie ist vor der vollendenden Tat, vor der Weihe, 
nicht erst nach derselben zu erbitten!). Uebersehen wir aber 
nicht, dass dies nicht etwa bezüglich jedes einzelnen der in 
Frage stehenden Hindernisse behauptet wird — insoweit müssen 
wir auf Gewissheit verzichten ?). 


!) Wir haben hier den besten Beweis dafür, dass Hildebert mit 
Unrecht für die Behauptung, es seien bis zu jener Zeit die Dispensationen 
ad faciendum unbekannt gewesen, als Zeuge angerufen wird. Vgl. dazu 
Stiegler a. a. O., Seite 62, bezüglich jener Ansicht überhaupt ebd. 
Seite 40 ff. 

?) Einen ähnlichen Kampf führt Hildebert zu Gunsten der Ehe- 
hindernisse der Blutsverwandtschaft und der Schwägerschaft. Auch hier 
steht er auf seiten der grösseren Strenge, plädiert aber anscheinend 
nicht für ein ausschliessliches Dispensationsrecht des Papstes, sondern für 
absolute Indispensabilität, d. h. für die Auffassung der alten Schule. 
Seine Gegner sind hier der Erzbischof und die Bischöfe der Provinz 
Rouen. Siehe die Briefe II, 1. 2. 14 (B. 77 ff. 95 f. M. 207 £. 221 £.), 
und zum letzten Stiegler a. a. O., Seite 280 f. (mit dem doppelten 


Beseitigung der Amtshindernisse. 95 


Für ein allgemeines, unbeschränktes (selbstverständlich 
an das natürliche und das rein göttliche Recht gebundenes) 
Dispensationsrecht des Papstes tritt unser Bischof bei Gelegen- 


Irrtum, dass auch Le Mans zu der genannten Kirchenprovinz gehöre, und 
dass Hildebert an und für sich in der Sache nicht kompetent gewesen 
sei: das Domizil des einen Teiles lag in seiner Diözese — vgl. Dieu- 
donn& 166). Wegen der nahen Beziehung dieser Frage zu der unsrigen 
seien die wichtigsten Stellen der zitierten Briefe hier mitgeteilt. II, 1: 
Inter quos enim tale matrimonium contrahitur, nequaquam tolerantur 
dispensatione Ecclesiae, sed justitiae censura puniuntur. II, 2 (bezüg- 
lich desselben Falles): Relinquitur igitur sollieitudini tuae (Bischof von 
Seez) vel initiandis obviare nuptiis vel rescindere initiatas. Es handelt 
sich um die Vermählung einer Witwe mit dem Bruder des verstorbenen 
Mannes unter der von Hildebert angenommenen Voraussetzung, dass die 
gelöste Ehe nicht konsummiert war. Nebenbei behauptet er, dass auch ohne 
eigentliche copula der früheren Ehe schon das impedimentum affınitatis 
(nicht bloss das der publica honestas oder quasi-affinitas) und folglich 
die Möglichkeit des Incestes vorliegen könne. — II, 14: Petenti assensum 
dissensum nuntiavi, nullius dispensationis intuitu permittens consanguineos 
aut affines inhibitarum foedera contrahere nuptiarum. Huic autem con- 
nubio usque ad dissidium resistere illius erit sollieitudinis, ad cuius paro- 
chiam nupta demigrasse cognoscitur. So entscheidet Hildebert unbeküm- 
mert um den vom Petenten vorgebrachten wichtigen Dispensgrund, die 
Beilegung einer Feindschaft zwischen ihm und dem zum Gemahl seiner 
Tochter ausersehenen Grafen von Mortain; der Zweck könne nicht das 
Mittel heiligen. — Sollte Hildebert auch ein päpstliches Dispensationsrecht 
hiermit ausgeschlossen haben ? ‚Jedenfalls hat er nicht immer so unbe- 
dingt ablehnend sich verhalten, wie er hier sich ausdrückt. Vielleicht 
hat er auch seine Meinung mit der Zeit geändert, da er doch von den 
schon vorgekommenen päpstlichen Dispensationen wird erfahren haben. 
Wir sehen ihn nämlich später der Verwandtenehe zwischen Gottfried 
von Anjou und Mathilde von England durchaus geneigt, obgleich kurz 
vorher die in demselben Konsanguinitätsverhältnis geschlossene Ehe 
zwischen Wilhelm Cliton, einem Neffen Heinrichs von England, und einer 
Tochter Fulkos unter harten Kämpfen getrennt worden war (Brief Hilde- 
berts II, 46; Dieudonne 84 fi. 105 f.; unten im 2. Kap. I, 4, im 
3. Kap. IV; bezüglich des Datums der Briefe II, 1. 2. 14 siehe Dieu- 
donn& 165 fi... Uebrigens kann auch der Gradunterschied der Ver- 
wandtschaft für Hildebert in Betracht gekommen sein, und endlich konnte 
die Macht der Verhältnisse, namentlich der politischen, auch den mit 


96 Erstes Kapitel. 


heit der Wirren unter Papst Paschal IH. in die Schranken; 
er lehrt in dieser Hinsicht dasselbe wie Ivo von ÜChartres, 
Bernhard von Olairvaux und die päpstlichen Schriftsteller der 
Zeit). 

5. Dass es für Hildebert auch ein bischöfliches Dispen- 
sationsrecht gab, ist klar. Wie anders wäre er z. B. über die 
Verletzung der Cölibatsgesetze hinweggekommen, die wir prä- 
sumieren mussten, wie anders über die Pfründenkumulation, 
deren Vorhandensein wir konstatierten? Dieselbe Annahme 
werden wir bezüglich des Verbotes der Laieninvestitur für die 
niederen Kirchenämter zu machen haben. Wie er es mit der 
Simonie gehalten, ob er sich ihr gegenüber für inkompetent 
erachtete, ist zweifelhaft 2). 

Das Dispensationsrecht des einzelnen Bischofs erstreckte 
sich in seinen Augen natürlich nur auf die einem solchen unter- 
stellten Beamten, aber, wie wir schon sahen und noch sehen 
werden, auch auf sie nur mit Ausschluss der hervorragend 


einem starken Rechtsbewusstsein begabten Bischof zur Durchbrechung 
der überstrengen Prinzipien geradezu zwingen. (Vgl. Hildeberts Ver- 
halten im Paschalstreit unten 3. Kap. III, 2.). Auch wurden ja Dispensen 
bis zu jener Zeit grundsätzlich nur im Interesse der Allgemeinheit ge- 
währt (Stiegler a. a. O., Seite 67 ff... — Zur Geschichte der Ehe- 
dispensationen siehe Stiegler a. a. O., Seite 229 ff. 

!) Näheres unten 3. Kap. Ill, 2. Hier finden wir das „Dispen- 
sationsrecht“ in dem umfassenden Sinne verstanden, Abrogations-, De- 
rogations- und Privilegierungsrecht, auch Absolutions- und Begnadigungs- 
recht mitumfassend. Vgl. Stiegler a. a. O., Seite 62 (mit stark ent- 
stelltem Zitat). 138 f. 326 (321 ff.). 

?) Oben Seite 59 ff. 46 ff. 73 ff.; unten im 2. Kap. I, 2. Die Synode 
von Piacenza hatte gerade für die Kumulation von Kanonikaten die 
bischöfliche Macht beschränken wollen: Mansi XX, 806, ce. 15 =c.2 
Dist. LXX.: Licet enim episcopi dispositione unus diversis praeesse possit 
ecclesiis, canonicus tamen praebendarius, nisi unius ecclesiae, in qua con- 
scriptus est, esse non debet. Dass dadurch die Dispensationsbefugnis 
ausgeschlossen worden sei, kann man indes nicht sagen. — Zu den 
berührten Hindernissen im allgemeinen siehe Stiegler a. a. O., Seite 


145 fi. 220 ff. 


Beseitigung der Amtshindernisse. 97 


wichtigen Gesetze!). Dass er es in dieser Beschränkung 
nicht bestreiten wollte, zeigt wohl schon die Art und Weise, 
wie er den Fall der Notwehrtötung behandelt. Auch darf 
man unter dem rector ecclesiae und dispensator des genannten 
Paschalbriefes den Bischof mitverstehen ?). Bestimmter lautet 
es, wenn er das Recht des Bischofs, misericordiam et judiecium 
Domino simul cantare, dem Papste gegenüber verteidigt), 
Beziehen sich auch die fraglichen Briefe in erster Linie auf 
Befreiung von Strafen, so ist doch die Verallgemeinerung des 
Sinnes in der Gesamtauffassung jener Zeit vom Institut der 
„Dispensation* begründet. Und kommt es dem Bischof auch 
hauptsächlich darauf an, seine Strafgewalt vor der Einmischung 
der Kurie zu schützen, so will er doch offenbar sagen, dass 
in gewöhnlichen Fällen der Bischof darüber zu befinden habe, 
ob die Strenge der Gerechtigkeit anzuwenden sei oder nicht. 

6. Aus dem vorhin genannten historischen Grunde haben 
wir den Beschwerden Hildeberts wegen des Missbrauchs 
der Appellationen auch an dieser Stelle eine ausführliche 
Besprechung zu widmen. Der eine von den beiden Briefen, 
in welchen er seine Rechte dem Papst Honorius gegenüber 
wahrnimmt, ist geeignet, hier wiedergegeben zu werden ®): 
„Wie ein Sohn über den vielgeliebten Vater, so beklage ich 
mich im stillen über Euch, weil ich infolge meines Gehorsams 
gegen Euch meinen Gegnern zu einem Gegenstande des Spottes 
geworden bin und ihrer Verhöhnung ausgesetzt derartig er- 
niedrigt werde, als hätte ich die Macht, über meine Kirche zu 


!) Oben Seite 90 f£. 

?2) So Stiegler a. a. O., Seite 330. Siehe ebd. Seite 327 ff. über 
die damalige Theorie des bischöflichen Dispensationsrechtes überhaupt 
und Seite 330 ff. über das Verhältnis desselben zum päpstlichen; eine 
definitive Stellungnahme zu diesen Ausführungen behalte ich mir für 
eine andere Gelegenheit vor. 

®) Brief II, 41 (B. 147. M. 266): Non erit qui Saulum saevientem 
percutiat, qui Moysi animadversionem imitetur, qui gestet gladium Phinees, 
qui misericordiam et judicium Domino simul cantare praevaleat. 

4) II, 47 (B.155 f. M. 273). 

Barth, Hildebert von Layardin. 7 


98 Erstes Kapitel. 


verfügen, ganz und gar verloren. Und das rührt zweifelsohne 
daher, dass Ihr die vom kirchlichen Recht gewährleistete und 
allen Bischöfen zuerkannnte Befugnis, Gesetzwidrigkeiten 
innerhalb des Domkapitels abzuhelfen, mir genommen habt. 
Dazu kam noch etwas, was mich und alle, die es vernahmen, 
höchlichst wundert, dass Ihr nämlich befohlen, es solle den von 
mir Exkommunizierten nicht nur das kirchliche Benefizium, 
das sie um ihrer Schuld willen verloren hatten, zurückgegeben, 
sondern sogar die Gemeinschaft des Altares und der priester- 
liche Dienst ohne Genugtuung, ohne Gehör, ohne Absolution 
wieder zugestanden werden. Wenngleich sehr ungern, bin ich 
doch Euren Befehlen nachgekommen, ungeachtet des Apostel- 
wortes: Was hat Christus mit Belial, was der Tempel Gottes 
mit den Idolen gemein? Jetzt bitte ich aber auch meinen 
Vater unter Tränen flehentlich und verlange von Ihm, gleich- 
sam zu Seinen Füssen liegend, Ihr wollet nicht meiner Körper- 
schwäche noch Geistesnöten zugesellen, sondern nunmehr 
anordnen, dass ich die Gewalt, über mein Kapitel nach kirch- 
lichem Rechte zu verfügen, ungeschmälert bewahre.* Das ist 
bei aller Ehrerbietigkeit ein ganz energischer Appell an das 
Rechts- und Autoritätsgefühl des Oberhauptes der Kirche. 
Unser Bischof glaubt sich in seinem Rechte, über die Kapitels- 
stellen zu disponieren, schwer gekränkt; wenn er auch das 
höhere und umfassendere Recht des Papstes grundsätzlich nicht 
leugnet !), vielmehr tatsächlich anerkennt, so missbilligt 
er doch entschieden die Ueberschreitung der Grenzen, die für 
die Ausübung des Rechtes auch dem Papste durch die Ver- 
fassung und das sonstige Recht der Kirche gesteckt sind, 
Mangels anderweitigen Materials sind wir nicht in der Lage, 
feststellen zu können, in welchem Masse etwa diese Klage 
durch die Empfindlichkeit des Schreibers subjektiv gefärbt und 
der Papst durch besondere Umstände entschuldigt sein mag. 


!) Vgl. Brief H, 22 (B. 112. M. 236) den Satz: Universalis epi- 
scopus omnium habet leges et jura rescindere. 


Beseitigung der Amtshindernisse. 99 


Man geht wohl nicht fehl, wenn man die fraglichen Ereignisse 
mit den Kapitelsstreitigkeiten in Beziehung bringt, an denen 
König Ludwig VI. beteiligt war, und die Vermutung, dass 
Honorius den Wünschen des letzteren Rechnung getragen, liegt 
dann nahe!). Eine so tief in das Rechtsgebiet eindringende 
Rücksichtnahme ist aber schwerlich zu billigen, und abgesehen 
von diesem sachlichen Fehler war schon die Form des päpst- 
lichen Eingreifens, das einer radikalen und schonungslosen 
Vernichtung des bischöflichen Urteils gleichgekommen zu sein 
scheint, für Hildebert Grund genug, sich zu beklagen °). 
Dass auf solche Weise seiner Autorität geschadet werde, hebt 
er neben der Verletzung seines guten Rechtes in diesem Briefe 
kräftig hervor, in dem späteren, der dem Missbrauch des 
Appellationsrechtes im allgemeinen zu Leibe rückt, betont er 
dagegen die Gefährdung der Sitten, die jener Missbrauch not- 
wendig im Gefolge habe°). 

Das zweite Schreiben geht also über das erste in so weit 
hinaus, als es sich nicht auf diejenigen Fälle beschränkt, in 
denen geradezu das Verfügungsrecht des Bischofs hinsichtlich 
der Kirchenämter berührt wird. Hildebert bekämpft darin 


!) Es ist uns keine andere Situation im Leben Hildeberts bekannt, 
zu welcher dieses Schreiben passen könnte, als die unten im 2. Kap. 1], 4 
dargestellte. „Domkapitel“ ist hier die einzig mögliche Uebersetzung 
von capellania. 

2) Anscheinend bezeugt der Brief II, 37 (B. 140 f. M. 260 Anfang), 
der nach meiner Berechnung später als II, 47 und 41 geschrieben ist 
(siehe oben Seite 83 Anm. 2 und die unten folgende), eine Besserung wenig- 
stens in der Form: Factum est, beatissime pater, quod a nobis dignatio 
vestra postulavit. Etenim Bracerio praebendam, quam enormitate de- 
licetorum amiserat, apostolicus restituit interventus. Vielleicht war aber 
auch dieser Delinguent exkommunizıert oder ab officio suspendiert und 
somit auch sachlich vom Papst das Anstössigste vermieden. 

°®) II, 41 (B. 146 ff. M. 265 f£.). Eine Vergleichung des Inhaltes der 
beiden Briefe legt die von mir angenommene Reihenfolge der Briefe 
näher als die von Dieudonn& 214 behauptete. Ueber die Veranlassung 
dieser Briefe vgl. noch oben Seite 84. 


100 Erstes Kapitel. 


hauptsächlich die Annahme solcher Appellationen seitens der 
Päpste, welche nur bezwecken, eine Entscheidung hinaus- 
zuschieben und die verdiente Strafe hintanzuhalten. Er ver- 
langt deshalb vom Papste, dass die Zulassung des Rechts- 
mittels beschränkt bleibe auf den Umfang, den sie bis dahin 
gehabt, dass also die „Neuheit“, alle möglichen Berufungen 
in Rom entgegenzunehmen, nicht weiter Platz greifen möge. 
Sein Versuch, aus einigen alten canones das Appellationsrecht 
näher zu begrenzen, muss freilich als misslungen betrachtet 
werden, für die Hauptsache aber, dass nämlich die Berufung 
rein dilatorischer Absicht oder dem ausschliesslichen Zwecke, 
gebührender Strafe zu entgehen, nicht dienen dürfe, findet er 
ein entsprechendes Zitat‘). Und zutreffend ist auch die 
Begründung. Die Scheu vor dem Verbrechen wird abnehmen, 
der Eifer der Bischöfe aber wird erlahmen, ohne dass man 
ihnen deshalb Vorwürfe machen könnte; Zucht und Sitte 
werden demnach durch eine so verkehrte Handhabung des 
Appellationsrechts untergraben, und die Bedrängten finden kein 
Recht ??). 


') Audivi autem alias appellationes esse, sed moratorias nec alicui 
recipiendas, de quibus in sacris legibus his legimus verbis: „Quicunque 
non confidentia justae causae sed causa afferendae morae, ne contra eum 
sententia proferatur, appellaverit, vel si de facto suo confessus, ne addi- 
catur, appellare voluerit, huiusmodi appellationes non recipiuntur.* — 
Die beiden anderen Stellen gestatten die Appellation an einen anderen 
Richter bei Befangenheit oder feindseliger Gesinnung des ordentlichen 
und bei Befürchtung tumultuarischer Gewalt. Dazu besagt aber der 
zweite Text ausdrücklich, dass die Appellation an den Papst auf diese 
Fälle nicht beschränkt ist: Nullus sacerdotum causam suam alieno com- 
mittat judicio, nisi ad sedem apostolicam fuerit appellatum, sed unus- 
quisque comprovinciales judices et notos habeat, nisi... Hildebert 
hätte sich mit dem Hinweis auf das gallische Gewohnheitsrecht in dieser 
Frage begnügen müssen. Vgl. Hinschius KR. V, 281 (289) ff. Zu den 
Texten siehe oben Seite 14, Nr. 34. 35. 36. 

?) Zusammenfassend der Schlusssatz: Moratorias autem appella- 
tiones et superfluas omnino a vestra elongandas esse audientia. Non 
sustinendum plantari in horto Domini toxicum mortis, toxicum, quo sub- 


Beseitigung der Amtshindernisse. 101 


Ein halbes Jahrhundert früher schickte einmal der Legat 
Hugo von Die eine ähnliche Klage nach Rom: Gregor möge 
dafür sorgen, dass es ihm, dem Legaten, nicht länger zu 
Schimpf und Schande vorgehalten werden könne, dass von ihm 
verurteilte Simonisten oder andere Verbrecher so gern nach 
Rom laufen und dort statt strengerer Gerechtigkeit Barm- 
herzigkeit finden; auch hier wird auf die Förderung hinge- 
wiesen, welche dadurch der böse Wille erfahre‘). So sehr 
wir geneigt sein mögen, dem Römischen Stuhle Recht zu geben, 
wenn er in der Anfangshitze des Reformkampfes es für gut 
fand, den Eifer eines verhältnismässig jungen Mannes, der 
zudem nur seine Stelle vertrat, nicht allwegs zu sanktionieren, 
anders werden wir urteilen, wenn in beruhigter Zeit einem 
altersgrauen, nicht übereifrigen Bischof, der unter dem Papste 
doch eine eigene Jurisdiktion zu üben hat und in schwierigen 
Verhältnissen ganz besonders der Autorität bedarf, ohne 
dringende Notwendigkeit dasselbe widerfährt. Unter ausser- 
ordentlichen Verhältnissen gezwungen, für das Wohl der Kirche 
in die Herrschaftssphäre der lokalen Gewalten zu Gunsten 
wie zu Ungunsten derselben überzugreifen, hatten die Päpste 
sich nach und nach zu sehr hieran gewöhnt, um später die 
Fehler eines derartigen Systems zu vermeiden. Hildebert 
wehrt sich dagegen mit dem klaren Bewusstsein einer über 
den eigenen Wirkungskreis weit hinausreichenden Verantwort- 
lichkeit, indem er eingangs seines grösseren Briefes erklärt: 
„Notgedrungen schreibe ich, befürchtend, es möchte von dem- 
selben Pfeile, der mich verletzte, die Gesundheit der Kirche 
angegriffen werden“?). In der Tat hat es die folgenden 
Jahrhunderte hindurch zu einer ungesunden Entwicklung der 


ventus afflietorum morietur, quo pontificalis vigor elanguebit, quo justi- 
tiae parcimonia in nihilum revertetur, incrementum autem suscipiet 
ubertas delictorum. Siehe auch oben Seite 58 Anm. 3. 
!) Bericht über die Synode von Poitiers 1078 bei Mansi XX, 497 £. 
?) II, 41 (B. 146. M. 265): Etenim necessitate scripsi, eodem, quo 
laesus sum, jaculo laedi metuens Ecclesiae sospitatem. 


102 Erstes Kapitel. 


kirchlichen Verhältnisse beträchtlich beigetragen, dass die 
Päpste es nicht verstanden, gegenüber der bischöflichen Juris- 
diktion überhaupt, und bezüglich der Kirchenämter insbeson- 
dere eine Zurückhaltung zu beobachten, wie sie ihnen aus 
der Feder treuer Anhänger empfohlen wurde; denn Hildebert 
stand unter ihnen mit seinen Klagen nicht allein }). 


Hildebert nahm es, wie uns das hier zu beschliessende 
Kapitel unserer Erörterungen zeigte, mit den Bedingungen 
und Hindernissen des Erwerbes und der Ausübung der Aemter 
recht genau, und es liegt auf der Hand, dass er in der Sphäre 
seines Einflusses hervorragend dazu mitgewirkt hat, die Achtung 
vor den diesbezüglichen Gesetzen zu erhöhen?). Hildebert 
war aber kein Pedant, Gesetz ging ihm nicht über Vernunft, 
und wenn z. B. die Sache Rainalds von den Gegnern desselben 
nicht auf die Spitze getrieben wurde, so ist dies wohl zum 
grössten Teil der Mässigung und der Klugheit unseres Bischofs 
zuzuschreiben, der das Recht mit aller Energie vertritt, aber 
mit der Verfolgung innehält, wo ein Schisma oder sonstiges 
Unheil zu drohen und höheres Interesse nicht allzu sehr ge- 
fährdet scheint. Auch war ihm nicht der Buchstabe des 
(sesetzes, sondern der Geist desselben Richtschnur des Ver- 
haltens, hier also die hohe Vorstellung von der Würde und 
Wichtigkeit des Priestertums. Das leuchtet aus allem hervor, 
was uns in diesem Abschnitt begegnet ist; das erklärt ins- 
besondere die Beharrlichkeit, womit er gegen die Erhebung 
Rainalds sich sträubte. Darum sind ihm auch Tugend und 
Wissenschaft die wichtigsten Erfordernisse des geistlichen 
Standes; setzte er sich doch zu ihren Gunsten, scheint es, 
hie und da selbst über das Gesetz, den Wortlaut des Gesetzes 
wenigstens, hinweg’). 

') Vgl. über die ähnlichen Klagen anderer, insbesondere Ivos und 
Bernhards, Stiegler a. a. O., Seite 345 ff. 

?) Vgl. Brief Gottfrieds von Vendöme III, 13 (M. CLVIL, 120 £.). 

®) Oben Seite 49 f£. 


Die allgemeinen Amtshindernisse. 103 


Zu verschiedenen Malen lässt Hildebert in seinen Schriften 
diesem Paare, Tugend und Wissenschaft, als einem bevor- 
zugten Ehre zu teil werden‘). Hier finde noch ein Lobpreis 
seine Stelle, den er ihm in der Person des Bischofs Roger 
von Salisbury, der kürzlich von König Heinrich auf diesen 
Stuhl erhoben worden war, gespendet hat?). „Deine Sitten- 
reinheit wurde mit der Bischofswürde gekrönt — einen passen- 
deren Lohn und einen passenderen Gegenstand für heiligen 
Eifer gibt es nicht. Wahrlich ein trefflicher Akt des könig- 
lichen Willens, der der Kirche Christi nichts Besseres schenken 
konnte, als Dich, von dessen Wissenschaft die Untergebenen 
Förderung zu erhoffen haben, um dessen Schutzes willen die 
Tugend jubelt. Im Hinblick auf solche Eigenschaften wollte 
ich für unseren Guido mich bittend an Dich wenden.“ Darauf 
gibt er diesem das Zeugnis eines hochgebildeten und tugend- 
haften Lehrers. Und für den Fall, dass der so gepriesene 
Kirchenfürst zu wenig von den Vorzügen besitzen sollte, die 
ihm hier nachgesagt wurden, oder dass er sich in Gefahr 
befinden sollte, dieselben geringer zu schätzen, als der Lob- 
spender es für einen Bischof wünschte, vernimmt er zum 
Schluss ein ernstes Mene Tekel: „Lebe wohl und vergiss nicht, 
dass der Tod dem Fürstenhof so nahe ist, wie der Hütte!“ 

In der Tat, wie ein Ruf zur Reform, auch seiner eigenen 
Sitten, muss dieses feinsinnig abgefasste Billet dem Adressaten 
vorgekommen sein. Denn das Leben eines Weltmannes auf- 
zugeben, daran hatte der Günstling und Kanzler Heinrichs I. 
wohl kaum gedacht, seitdem ihn dieser (1102) zu der hohen 
geistlichen Würde berufen. Aber auch Hildebert hat ihn nicht 
davon bekehrt®). Jenseits des Meeres war es denn auch 


2 N) 2. B. oben Seite 26 f.; Brief Hildeberts II, 29 (B. 129. M. 250): 
Numgquid oblaturus est gratum Deo sacrificium, cui altaria cubile desti- 
nat, cui sacerdotium natales spondent, non mores, parentela, non scientia ? 
Braet II, 12 (B292/£2 M..219 R.). 
3) Siehe über ihn Dietionary of national biography XLIX (London 
1897), 103 ff. 


104 Erstes Kapitel. 


ein anderer, der unseres Bischofs aufrichtige und tiefere Zu- 
neigung besass, Anselm von Canterbury !). Nicht so eisern 
und nicht so im Zentrum der Bewegung ist Hildebert ge- 
standen, wie dieser Mönch von Bec, durch dessen Strenge auch 
Roger von Salisbury als investierter Königsbischof fünf Jahre 
lang der Weihe entbehrte; das folgende Kapitel wird uns aber 
zeigen, dass auch Hildebert in schwerem, langem Kampfe 
nicht die Waffen streckte. In seiner Hugobiographie gibt 
Hildebert die Legende von der Vision eines Abtes wieder, 
in welcher Engel die beiden Männer, Hugo und Anselm, ver- 
eint zum Himmel tragen. An einer anderen Stelle nennt 
er sie magna duo luminaria Anglorum ?). Solche Männer 
stehen auch ihm als Leuchten vor Augen, sie waren seine 
Lehrer und Freunde), zu ihnen haben wir mit Ivo Hilde- 
bert zu stellen. Ein Wunder wäre es bei dem derzeitigen 
Stande der Zivilisation, hätte das Wirken solcher Männer, 
deren es doch viele gab, schon alsobald das Antlitz der Erde 
gänzlich erneuert, ein Wunder aber wäre es nicht minder, 
hätte ihr Wort und Beispiel nicht ihr Leben um Generationen, 
ja um Jahrhunderte überdauert. Es konnte nicht geschehen, 
dass der Festungsring, mit welchem die Kirche ihren Klerus 
durch die den Besitz der Aemter betreffenden Gesetze zu um- 


!) Siehe die Briefe Hildeberts I, 2. IL, 9. 13. III, 31 (? vgl. 
Dieudonn& 170 f.) und den Brief Anselms unter den Briefen Hildeberts 
IL, 11. Der Kuriosität halber sei hier erwähnt, dass Haur&au (Hist. litt. 
d. M. VI, 119) aus dem erstgenannten Briefe (B. 4. M. 143), der das 
Geschenk eines Fächers begleitete, ein Anzeichen für Leichtfertigkeit des 
Verfassers hernimmt. Den Adressaten, auf den der Brief dann doch 
auch ein schlechtes Licht werfen würde, scheint Haureau damals nicht 
gekannt zu haben („ev&que ou prötre“). Der unschuldige, im Brief mora- 
lisch gedeutete Zweck des Fächers, die Insekten von den Opfergaben fern- 
zuhalten, entspricht allerdings nicht modernem, um so mehr aber mittel- 
alterlichem Brauch (siehe die Note zu dem Brief). 

2) B. 942. 920. Anselm starb am 21., Hugo am 28. April 1109; 
Hugo führte die Cluniacenser in England ein (Wetzer und Welte I, 
891. VI, 382. 376). — Vgl. Gilo, bei L’Huillier Seite 616 f. 588. 

®) Ueber Hildeberts Verhältnis zu Hugo siehe oben Seite 24. 


Die allgemeinen Amtshindernisse. 105 


geben trachtete, schon jetzt, soweit dies überhaupt auf 
Erden möglich, sich geschlossen, dass insbesondere Simonie 
und Unenthaltsamkeit sich ferngehalten hätten. Ja manche 
Errungenschaften sollten, und zwar nicht wenig durch die 
Schuld der Oberhirten und des obersten von ihnen, wieder ver- 
loren gehen. Aber ein guter Teil derselben ist geblieben, und 
dazu gehört vor allem das, woran die späteren Reformen zu 
grösseren Erfolgen anknüpfen konnten: das Rechtsbewusstsein 
hinsichtlich jener Schranken ging nie wieder so, wie in früherer 
Zeit, verloren. 


Zweites Kapitel. 


Besetzung der niederen Kirchenämter und der 
Kapitelstellen. 


Das Recht der kirchlichen Stellenbesetzung soll nunmehr 
unter dem Gesichtspunkte spezialisiert werden, dass wir uns 
vergegenwärtigen, von welchen Faktoren der Erwerb der 
Stellen abhängig war. In dieser Betrachtung gehen wir sach- 
gemäss vom Bischof aus, indem wir auf der einen Seite uns 
fragen, wie er selbst zu seinem Amte gelangt, und auf der 
anderen Seite, von wem und inwieweit er in der Vergebung 
der ihm untergeordneten Stellen beschränkt wird. Mit der 
letzteren Frage ist der Gegenstand des zweiten Kapitels be- 
zeichnet !). 

Von Stellen, die dem Bischof untergeben sind, kommen 
für die damalige Zeit in Betracht diejenigen der Dom- und 
sonstigen Stiftherren, der Archidiakonen, der Archipresbyter 
und Dekane, der Pfarrer, ihrer Stellvertreter und Gehilfen, 
die Aemter des nichtpriesterlichen Klerus, endlich die Kloster- 
ämter. Von den der Priesterweihe voraufgehenden Stufen der 
klerikalen Ordnung hatten schon damals höchstens die zwei 
oder drei obersten noch eine selbständige Bedeutung ?). Viel- 
leicht gab es unter Hildebert für den Diakonat noch ein eigenes 


!) Ueber die Organisation der Diözese im Mittelalter und die damit 
zusammenhängenden Fragen im allgemeinen siehe Fournier, Les offi- 
eialitös, Introduction; Luchaire, Manuel, I. partie. 

?) Vgl. oben Seite 45 f. und Seite 43 Anm. 1; Hinschius KR.L,4 ft. 


Bischof und Stellenbesetzung. 107 


Amt!). Auch zum Subdiakonate hat er allem Anschein nach 
nicht ohne Titel ordiniert; in dem hierfür vorliegenden Falle 
bleibt aber die im ersteren nicht so nahe liegende Möglichkeit 
zu berücksichtigen, dass der Betrefiende auf eine Kapitelsstelle 
geweiht worden ist?). Zu einer solchen war ja in der Regel 
nicht ohne weiteres die Priesterweihe erforderlich?). Dem 
Bischof, regelmässig auch den Archidiakonen untergeordnete 
Aufsichts- und Vollzugsorgane von Bezirken, die mehrere 
Pfarreien umfassten, hat es unter dem Namen von Dechanten 
(decani) oder Archipresbytern auch in den Wirkungskreisen 
Hildeberts gegeben*). Mit den Gehilfen und Vertretern der 
Pfarrer und anderen Amtsträger werden wir uns, weil Hilde- 
bert uns keinen Anlass dazu bietet, nicht eigens befassen, ob- 
gleich es von grossem Interesse wäre, gerade die wichtige und 
vielfach traurige Rolle, welche die Stellvertretung unter den 
damaligen Verhältnissen, namentlich infolge von Pfründen- 
kumulation und von Unfähigkeit oder Gewissenlosigkeit der 
zunächst Verpflichteten, gespielt hat, etwas näher beleuchten 
zu können. 

Was die Faktoren angeht, deren Einfluss die Gewalt des 
Bischofs zu beschränken vermochte, so waren es teils laikale, 
teils klerikale.e Mit Recht zwar denkt man für die Zeiten 
Hildeberts zunächst und hauptsächlich an die ersteren; mit 
ihnen lag ja damals die ganze Kirche im Kampf. Jedoch in 
den einzelnen Kirchen gab es auch Reibungen zwischen den 
verschiedenen Gruppen des Klerus, Kämpfe des Bischofs 
namentlich gegen Kapitel und Klöster. Wir haben also das 
bezeichnete Thema naturgemäss in zwei Hauptteilen zu be- 
handeln. 


1) Brief II, 48 scheint dies vorauszusetzen, da in ihm einem Archi- 
diakon verboten wird, einen Simonisten im Diakonate dienen zu lassen; 
siehe oben Seite 69 Anm. 1. 

?) Siehe oben Seite 26 f. 39 £. 

3) Hinschius, KR. II, 66 ff. 

#) Vgl. ebd. H, 269 f. 


108 Zweites Kapitel. 


Um uns in die folgenden Darlegungen einzuführen, er- 
innern wir uns noch der Entwicklung, welche das gegenseitige 
Verhältnis von Bischof und Diözesanklerus im Laufe der Jahr- 
hunderte durchgemacht hat!!) Es ist eine Entwicklung fort- 
schreitender Dezentralisation. Von der anfänglichen Ge- 
meinschaft des Bischofs und des Presbyteriums hatte schon zu 
römischer Zeit auch in Gallien mancherorts ein Landklerus 
sich abgetrennt und stellenweise eine gewisse Selbständigkeit 
erlangt. Mit dem Eindringen der Germanen setzte eine die- 
selbe Richtung verfolgende neue und stärkere Bewegung auf 
dem Grunde des Eigenkirchenrechtes ein, die um die Wende 
des achten Jahrhunderts bei dem jetzt zahlreichen Landklerus 
zum Abschluss gelangte. Unterdessen aber hatte sie auch schon 
den Stadtklerus erfasst und selbst die Verbindung des Bischofs 
mit dem Klerus der bischöflichen Kirche gefährdet. Da fand 
die letztere noch einen Halt in der von einzelnen Bischöfen 
ins Werk gesetzten, dann von den Karolingern geförderten 
Ausbreitung des gemeinschaftlichen Lebens, das auch früher 
schon vereinzelt, wie z. B. seit der Mitte des sechsten Jahr- 
hunderts zu Tours — fraglich, in welchem Umfange hier — 
bestanden hatte ?), jetzt aber unter der Ohrodegangschen und 
Aachener Regel (von ca. 760 bezw. 816—817 an) fast all- 
gemein zur Durchführung gelangte. Indes schon in der Mitte 
des neunten Jahrhunderts begann mit den ersten Anfängen 
religiösen Niederganges auch bei diesem Werke der Reform 
eine Rückwärtsbewegung und damit ein weiterer Fortschritt 
der Dezentralisation, indem zunächst der Bischof und das 
Kapitel, dann die einzelnen Kapitelstellen sich voneinander 
schieden. Ueber der allmählichen Ausdehnung dieser neuen 
Verhältnisse vergingen drei Jahrhunderte und mehr, und als 
gegen Ende des elften Jahrhunderts ihr Sieg beinahe vollendet 


') Siehe dazu Schneider, Domkapitel; Hinschius, KR. II, 49 ff.; 
Stutz, Geschichte (resumierend z. B. Seite 320 ff.). 

?) Gallia Chr. XIV, 20; Schneider 27; Hinschius, KR. 
II, 51 mit Note 2. 


Die Rechte der Laien. 109 


schien, da griff ein neuer Reformgeist ein, um der alten vita 
communis, womöglich sogar in strengerer Gestalt, zu frischem 
Leben zu verhelfen, Damit wäre wenigstens ein letzter Rest 
der ursprünglichen Einheit gerettet gewesen. Ja nicht bloss 
die Domkapitel sollten sich in dieser Weise reformieren, über- 
all, wo nichtmönchischer Klerus in grösserer Zahl vereinigt 
war, da sollte er sich einer solchen Regel unterwerfen. Und 
in der Tat, die neue Ordnung schritt von Sieg zu Sieg. 
Augustiner, Regularkanoniker von St. Viktor, Prämonstratenser 
erlangten weite Verbreitung und hohes Ansehen, und man 
hätte glauben mögen, das Verlangen der Lateransynode von 
1059, es sollten an allen Kirchen die dem Zölibat ergebenen 
Geistlichen ein gemeinschaftliches Leben führen, eile seiner 
Verwirklichung entgegen }). 

Der Gang der Dinge, wie wir ihn jetzt bis auf die Zeit 
Hildeberts verfolgt haben, betraf zwar in erster Linie die 
Vermögensverwaltung; diese hat aber die sonstige Verwaltung 
und insbesondere auch, wie wir des näheren sehen werden, die 
Stellenbesetzung stets in ihren Bann gezogen. Hildebert fand 
in seinen Wirkungskreisen, wie sich ebenfalls aus unseren 
Einzeluntersuchungen ergeben wird, das oben geschilderte 
letzte Stadium des Dezentralisationsprozesses, und zwar in 
einem gewissen Fluss begriffen, vor, aber er hat unseres Wis- 
sens nicht versucht, durch das erwähnte Mittel der Reaktion 
den Fluss zu hemmen und zurückzuleiten. Wie weit er ohne 
dessen Anwendung gekommen ist, was ihn davon abgehalten 
haben mag und mit welchem Rechte, das mögen uns die beiden 
Teile dieses Kapitels in etwa zeigen. 


ie 


Für die Wiedererweckung des religiösen und kirchlichen 
Lebens, wie sie die Reform anstrebte, bildete die Uebermacht 
des höheren Laientums, welche die mittelalterliche Entwick- 


) Hefele, Cg. IV, 824, c. 4. — Näheres unten II, 5. 


110 Zweites Kapitel. 


lung gezeitigt hatte, wohl das erheblichste Hindernis. Gegen 
sie richtete sich darum vor allem die nunmehr zu betrachtende 
Reformgesetzgebung; sie ging aus auf tunlichste Beschrän- 
kung, womöglich Beseitigung des Einflusses der Laien. Ein 
solcher machte sich in verschiedenem Grade geltend; von einer 
mehr oder weniger mächtigen Einwirkung auf die Besetzung 
ging er bis zur eigentlichen Uebertragung des Amtes. Zur 
Zeit Hildeberts war die Laienherrschaft über die Kirchen in 
Frankreich so weit vorgeschritten, dass die Könige, Herzöge, 
Grafen und andere Herren sich in Bezug auf die Bistümer 
und Abteien sowohl wie auf Pfarrkirchen und Kapellen nebst 
deren ganzem Zubehör an Gütern und Rechten, geistlichen 
und weltlichen, als Eigentümer im vollen Umfange des Wortes 
fühlten und benahmen. Es gehört zu den bedeutendsten Re- 
sultaten der Forschung auf dem Gebiete der Kirchenrechts- 
geschichte, dass man immer klarer einsieht, wie nahe die 
mittelalterliche Feudalwirtschaft daran war, auf dem Grunde 
dieses Eigenkirchenrechts die Kirche völlig in sich aufzusaugen, 
zu verweltlichen, zu vernichten !). So musste denn der kirch- 
liche Angriff auch gegen dieses Eigenrecht als das Fundament 
des gefährlichen Systems gerichtet werden. Und wenn man 
sieht, wie fest auf diesem Fundamente jene fast schranken- 
lose Laienherrschaft bestand, wie unzertrennlich wiederum mit 
ihr die Korruption des Klerus und des ganzen Christentums 
verknüpft war, so kann man kaum umhin, die traurigen 
Kämpfe als unvermeidlich, zur Rettung der Kirche und des 
Christentums notwendig anzusehen’). 


!) Hierfür kommen in Betracht die Schriften von Imbart de la 
Tour und Stutz. 

?) Vgl. zu diesen allgemeinen Ausführungen und zum folgenden 
Mirbt, Publizistik, Seite 463 ff. Es soll nicht bestritten werden, dass 
die Gesetzgebung in folgerichtigem Fortschritt, wenn auch im einzelnen 
nicht ganz, wie Mirbt (474 ff. 491 ff. 512) will, vorwärts ging. Es darf 
aber auch nicht übersehen werden, dass jeder weitere Schritt von der 
Erfolglosigkeit eines früheren und von der ablehnenden Haltung des 


Die Rechte der Laien. ja 


1. Bevor der Standpunkt Hildeberts im einzelnen näher 
dargelegt wird, sei er im Anschluss an ein sehr bedeutsames 


weitaus grösseren Teiles der in Betracht kommenden Laienschaft, sowie 
eines erheblichen Teiles des Klerus mitbedingt war, dass insbesondere 
das Ausbleiben einer wirksamen Hülfe der Fürsten und anderer Grossen 
zur Durchführung der eigentlichen Reformgesetze die Päpste weiter- 
drängte. Die Beaufsichtigung der Bischofswahlen von seiten des römischen 
Stuhles war bei solcher Lage der Dinge ein unentbehrliches Mittel der 
Reform, und das Streben der Reformpäpste nach Erhöhung ihres Ein- 
flusses in dieser Hinsicht wie im allgemeinen lässt sich verstehen, ohne 
dass man sie ihnen als geschickt verdeckten Selbstzweck unterschiebt 
(499 fi). Man darf dann freilich nicht mit Mirbt (536 fi. 618 ff.) die 
so dringend notwendige, im Ausgangs- wie im Zielpunkte der Bewegung 
so klar dastehende religiöse Erneuerung der Christenheit für einen hinter- 
listig in den Vordergrund gerückten Vorwand halten und muss wissen, 
dass die von Mirbt schlechthin, auch für die Kirche, als Kern des Streites 
ausgegebene Finanz- und politische Frage für letztere gerade vom Ge- 
sichtspunkte der religiösen Erneuerung aus eine, ja die Lebensfrage war. 
Weil dieser Zusammenhang den Mittelalterlichen klar vor Augen lag, 
so ist es keineswegs „wunderbar“, dass die positiven Ziele der ganzen 
Agitation (im Mirbtschen Sinne) von den Gegnern teils so spät, teils gar 
nicht erkannt, d. h. als durch ein „Netz von Intriguen“ verschleierte ent- 
hüllt worden sind (538). — Mirbt meint mit Bezug auf Gregor VIL.: „Weil 
das kirchenpolitische Element seines Programms in religiöser Färbung 
auftrat und meist in Fragen des praktisch-kirchlichen Lebens verhüllt 
dargeboten wurde, war es die Religion und die Kirche, für welche sie 
(die Massen) stritten.“ Man wird der Wahrheit näher kommen, wenn 
man sagt: Weil das kirchenpolitische Element seines Programms aus 
religiöser Wurzel erwachsen, sowie religiösen Zielen unterworfen war und 
somit naturgemäss in Fragen des praktischen kirchlichen Lebens dar- 
geboten wurde, war es die Religion und die Kirche, für welche sie 
stritten. Ob eine christlich-religiöse Erneuerung in anderem als katho- 
lischem Sinne auch ohne Befreiung der Kirche aus den Banden des 
Feudalismus möglich gewesen wäre, kommt — man mag darüber von 
einem absoluten Standpunkt urteilen, wie man will — jedenfalls für die 
Beurteilung jener Päpste und ihrer Zeitgenossen nicht in Betracht. Ebenso- 
wenig steht hier zur Erörterung die Frage, inwieweit etwa spätere Päpste 
hierarchischen Motiven gehuldigt und die errungene Macht und Freiheit 
missbraucht haben. Und es versteht sich von selbst, dass auch schon in 
den ersten Stadien der Bewegung einzelne Förderer derselben nicht von 


112 Zweites Kapitel. 


Schreiben des Bischofs!) in seinen das einzelne beherrschenden 
Prinzipien gekennzeichnet. Ein solches ist ihm vor allem die 
Freiheit der Kirche. Letztere fasst er hinsichtlich der Aemter- 
besetzung unter dem Begriff der electio, und deshalb führt er 
alle Aemterbesetzung auf „Wahl“ (im weiteren Sinne) zurück, 
„Es täuscht sich,“ so sagt er, „wer da behauptet, nur die 
Bischöfe seien zu wählen. Wahl gilt im Alten wie im Neuen 
Bunde für jede Würde des Heiligtums.“ Und nun beweist er 
dies aus der heiligen Schrift des Alten und Neuen Testamentes. 
Gott selbst erwählte Moses, Moses aber auf Befehl Gottes die 
zweiundsiebzig Aeltesten. Und aus dem Stamme Levi wurden 
die Diener des Zeltes nicht nach Erbrecht, sondern nach ge- 
setzlichen Regeln bestimmt?). Christus hat die Apostel und 
die zweiundsiebzig Jünger erwählt, und niemand zweifelt daran, 
dass die sieben Diakonen von den Aposteln erwählt sind. „Für 
sie und ihre Nachfolger also zeigt sich darin die kirchliche 
Berufungsform vorgeschrieben, und diese bei Erwählung und 
Weihung der Hohenpriester und der einfachen Priester und 
auch der Diakonen nicht zu beobachten, wäre eine verhängnis- 
volle, zum Ruin hinführende Beförderung, Aber auch die 
übrigen Grade des Klerus bis zum geringsten herab sind ge- 
mäss kanonischen Regeln nach dem Gutdünken der Bischöfe 
zu verteilen... Dem Bischof allein ist diese Gewalt von 
Christus übertragen ... und was wird auch der Bischof noch 
in der ihm anvertrauten Kirche vermögen, wenn in ihr der 
Kleriker nach fremder Willkür bestellt wird? ... Wen sollte 


den edelsten Beweggründen geleitet wurden. — Man darf wohl hoffen, 
dass Einseitigkeiten, wie diejenigen Mirbts, bei der Richtung, welche der 
historischen Arbeit hinsichtlich dieser Fragen in neuester Zeit gewiesen 
worden ist, für die Zukunft überwunden werden. 

‘) Brief II, 29 (B. 127 ff, M. 249 ff.). Ueber die Zeit der Abfassung 
siehe die überfolg. Anm. am Schluss. 

?) Grade das Alte Testament wurde von antipäpstlichen Publizisten 
gern im gegenteiligen Sinne angerufen. Siehe bei Mirbt 479. 516; 
vgl. dagegen ebd. 483, 486. 522. 523 f 


Die Rechte der Laien im allgemeinen. 113 


es nicht empören, dass in der Kirche Christi der Laie herrscht 
und dadurch, dass er den Kanoniker .... einsetzt (hierum 
handelt es sich im gegebenen Fall), die Freiheit des Bischofs 
aufhebt !* — Dafür, dass das positive Recht den Laien die Ver- 
fügung über kirchliche Angelegenheiten versagt, führt Hilde- 
bert unter dem Namen des Papstes und Martyrers Stephan 
eine längere Textstelle an, deren erster Teil die Laien im all- 
gemeinen, „mögen sie auch noch so fromm sein,“ und deren 
zweiter die Laienfürsten insbesondere von derartigen Befug- 
nissen ausschliesst!). Sodann wendet er sich mit verschiedenen 
Texten gegen die Vorschützung eines Gewohnheitsrechts, in- 


!) B. 129. M. 250 f.: Attamen quod laicis ad disponendas res eccle- 
siasticas nullum paraverit auctoritas accessum, Stephanus papa et 
martyr his ostendit verbis: „Laicis, quamvis religiosi sint, nulli tamen 
de ecclesiastieis facultatibus aliquid disponendi legitur unquam attributa 
facultas, neque deinceps fieri permittimus. Si quis ergo prin- 
cipum laicorum dispositionem seu dominationem rerum sive possessionum 
ecclesiasticarum sibi vindicaverit, ut sacrilegus judicetur. Clerici vero 
seu monachi, qui eas per illorum potestatem susceperint, 
excommunicationi subjiciantur.“ Ganz findet sich dieser Text 
in keiner der gedruckten Sammlungen, welche Hildebert benutzt haben 
könnte. Auch der erste, in den Streitschriften häufiger zitierte Teil geht 
nicht auf Ivo zurück (D. XVI, 36 = Burch. XV, 35 — vgl. oben Seite 12 £. 
Nr. 25). Dagegen stimmt er, abgesehen von den gesperrten Worten, 
welche fehlen, genau mit den Worten des Papstes Stephan (2. Brief XII) 
bei Pseudo-Isidor überein (Hinschius, Deecr., Seite 186 — Varianten 
sint statt sunt, nulli statt nullo).. Mit Ausnahme der gesperrten Sätze 
entspricht der ganze Text dem Inhalt, aber nicht dem Wortlaut nach 
einem Passus der Synodalverordnungen des Lateranense 1123 (Mansi 
XXI, 282. 302; M. G. h, Legum t. II [Hann. 1837] pars alt., Seite 182), 
jedoch ohne dass hier für den zweiten Teil die Berufung auf Papst 
Stephan ersichtlich wäre. Endlich aber finden wir die Sätze, einschliess- 
lich eines Seite 115 Anm. 1 zu besprechenden vollständig wieder 
in vier auf einander unmittelbar folgenden Sätzen der Lateransynode 
März 1110: Siehe Hefele Cg. V, 297, ec. 5—8; Mansi XXI, 8£, 


(Abweichungen: prineipum vel aliorum laicorum dispositionem seu dona- 


tionem .,. subjaceant.) Nur der erste davon wird eingeleitet mit den 
Worten: Item Stephanus martyr scribit. Hildebert hat sich also durch 
die Aufeinanderfolge in Irrtum führen lassen. — Der erste Satz begegnet 


Barth, Hildebert von Lavardin. 


114 Zweites Kapitel. 


sofern ein solches niemals der „Vernunft und Wahrheit, dem 
Gesetz und der Auktorität“ vorgehen dürfe. Dies war der 
Grundsatz, mit welchem die Vertreter der Reform die Tat- 
sache aus dem Wege räumten, dass ihren Bestrebungen histo- 
risch gewordene Rechtsverhältnisse entgegenstanden )). Miss- 
bräuche, welche Vorgänger eines Bischofs haben einreissen 
lassen, ist der Nachfolger auszurotten verpflichtet, auch das 
wird wieder mit zwei Stellen belegt?). Und wenn jemand dies 


uns z. B. auch schon in den Diözesanstatuten des Erzbischofs Herard von 
Tours vom Jahre 858; siehe Gallia Chr. XIV (Instr.) 43, cap. LXIV. 
Betreffs seines Ursprunges- und abgeleiteter Quellen siehe Friedberg 
(I, 807 £) zu c.24 C. XVI. q. 7, Note 237 ff; Text des Synodalkanons 
(Rom 502) auch bei Mommsen in M. G., Auct. ant. XII (Berlin 1894), 447. 

Man könnte auf Grund des Vorstehenden annehmen wollen, dass 
unser Brief nicht lange nach der genannten Synode geschrieben sei. Indes 
kann die Zeitbestimmung Dieudonnäs (Seite 149. 160 £.: 1119—1125, 
richtiger 1118—1125) nicht beanstandet werden, und der Brief beweist 
somit, dass Hildebert die kirchlichen Rechtsverordnungen sammelte. 

!) Ueber die Bedeutung der consuetudo spricht sich Hildebert 
an drei Stellen aus, in den Briefen II, 15. 23. 29. An allen stützt er 
seine Auffassung durch eine Reihe von Texten aus Augustinus, Cyprian 
und Isidor (siehe oben Seite 10 ff. Nr. 11—14, 18—21, 26—30), in welchen 
es heisst, dass die Gewohnheit nicht gelte gegen veritas, auctoritas, lex 
und ratio. Demgemäss stellt er in der Regel den fraglichen Gebräuchen 
die Aussprüche der H. Schrift, der Kirchenväter und Päpste, sowie auch 
Vernunftgründe entgegen. /Positiv erklärt er im Briefe II, 15 (B. 115 f. 
M. 239), wo er für einen dogmatischen Satz selbst die consuetudo anruft, 
er ziehe durchaus nicht die letztere der Wahrheit vor, wo sie aber mit 
der Wahrheit harmoniere, sei sie zu verehren und zu bewahren. Die 
consuetudo ist ihm also grundsätzlich zunächst nur subsidiäres Recht, 
weil sie ja dem in den geschriebenen Rechtsquellen nachweisbaren Recht 
nicht widerstreiten darf, sodann aber muss sie auch in dieser Beschränkung: 
noch die Kontrolle der Vernunft sich gefallen lassen. — Vgl. bei Mirbt 
485. 486. 509. 510 f. 529. 

?\ B. 131. M. 252: Non enim immunis est a malefacto, quisquis 
antecessoris sul malefactum, cum possit, non corrigit. De hoc enim 
Hilarius papa sic ait: „Quod quis commisit illicitum aut a decessoribus 
suis invenit admissum, si proprium vult vitare periculum, damnabit.“ 
Item idem: „Nos in nullo volumus severitatem excercere; sed qui in 


Die Rechte der Laien im allgemeinen. 115 


gewaltsam zu verhindern sucht? Dann ist der Betreffende 
nach einem anderen Texte als sacrilegus zu behandeln )). 

Die Freiheit der Kirche ist also für unseren Bischof 
leitender Grundsatz in seinen Rechtsanschauungen hinsichtlich 
des Erwerbes der kirchlichen Aemter. Denn es war ja die 
amtliche Freiheit des Bischofs, deren Aufhebung er beklagte, 
die Freiheit der Kirche also, die Freiheit, die er in harten 
Tagen dadurch zu verletzen fürchtete, dass er als Gefangener 


causis Dei vel contumacia vel aliguo excessu deliquerit, aut ipse, quod 
perperam praedecessor eius fecit, abolere noluerit, in se, quidquid in alio 
non resecavit, inveniet.“ Dies ist nicht der von Hinschius (Deer. 
Seite 630, IV) wiedergegebene verderbte und verstümmelte Text der coll. 
Hisp. Dagegen weicht der bei Thiel I, 161 gedruckte Originaltext des 
Synodaldekretes (vgl. Mansi VII, 961), wenn man die demselben bei- 
gefügten Varianten berücksichtigt und von ganz unwesentlichen Ver- 
schiedenheiten absieht (illiceite — periculum vult vitare — severitatem 
ultionis — in causis Dei contumacia vel in aliquo excessu — in alium 
non resecarit), nur an einer Stelle erheblich ab (bei Thiel fehlt prae- 
decessor eius), und da dürfte Hildebert das Richtige haben. Wenn 
aber sein Zitat (unter Weglassung von enim, das übrigens auch bei 
Mansi fehlt) die im Original zusammenhängenden Sätze durch item idem 
getrennt darbietet, so legt das immerhin doch wieder die Vermutung 
nahe, dass er es einer Sammlung entnommen hat, in welcher diese 
Trennung schon vollzogen war; wenigstens findet sich in seinen Briefen 
für eine gänzlich unmotivierte Scheidung von Stücken, die in seiner Vor- 
lage nicht geschieden sind, sonst, soweit ich dies kontrollieren konnte, 
kein Beispiel (siehe oben Seite 10 ff.). Vielleicht war indes jene Samm- 
lung seine eigene, denn die Coll. III p., an welche man anderenfalls am 
ersten denken möchte, scheint die bezeichneten Eigentümlichkeiten des 
Hildebertschen Zitats nicht zu haben: siehe Friedberg (I, 1283 £.) zu 
c. 3 C. XXXV, q. 9 (der unsere Stelle enthält), Note 13. 

") B. 131. M. 252 f.: Porro, si quis eradicantem manum vestram 
vel contumacia vel quolibet ausu (quod absit!) reprimere tentaverit, ipse 
debitam sacrilegii experietur ultionem. De huiusmodi namque papa Ste- 
phanus his scribit verbis: „Sunt quidam, qui vel violentia vel favore 
non permittunt ecclesias regulariter ordinari. Hos etiam decernimus ut 
sacrilegos judicandos.“ Dieses Stück kehrt bei Gratian c.125C.Iq.1 
als ein Dictum Paschals II. wieder. Ueber seine Quelle siehe oben 
S. 113 Anm. 1 (die Texte stimmen genau überein). 


116 Zweites Kapitel. 


sich würde loskaufen lassen!). Diese Freiheit stand den edleren 
Geistern der damaligen Reform als wichtigstes kirchenpoliti- 
sches Ziel vor Augen ?), um ihretwillen war auch Gregor VII. 
in den Kampf getreten °), sie war das Ideal der späteren Päpste 
zur Zeit Hildeberts *). Diese Freiheit ist aber Hildebert so 


t) Brief Hildeberts II, 17 (B. 101. M. 226). Näheres unten 
3. Kapitel III, 2. 

2) Vgl. z. B. bei Mirbt 522. 523. Disputatio, M. G. ib. de 
lite II, 666; ferner das wiederholte Eintreten Gottfrieds von Vendöme 
für die drei Existenzbedingungen der Kirche, fides, libertas, castitas, 
ebd. II, 694. 680 unten, 682 Mitte, 685 unten. Es war dies damals 
anscheinend in kirchlichen Kreisen ein geflügeltes Wort; Ordericus Vitalis 
und Wilhelm von Malmesbury schreiben es auch der Synode von Üler- 
mont zu, Mansi XX, 885. 904; nach jenem lautete das erste Dekret 
derselben: Ecclesia sit catholica, casta et libera, catholica in fide et com- 
munione sanctorum, casta ab omni contagione malitiae et libera ab omni 
saeculari potestate. Auch Gregor VII. gebraucht es, z. B. bei Jaffe 
Bibl. II, 574 (ep. coll. 24). 

3) Vgl. Schrörs gegen Knöpfler, Hist. Jahrb. XV (München 1894), 
139 ff. 503f. — Hauck 834 f. bringt eines der beredtsten Zeugnisse 
dafür. Sollte H. dem wahren Bilde Gregors nicht noch etwas näher 
gekommen sein, wenn er die Frage schärfer ins Auge gefasst hätte, in 
welchem Verhältnis dieses Freiheitsstreben bei Gregor steht zu jenem 
Herrschafts- und Weltmachtstreben, das H. bei jeder Gelegenheit aufs 
schärfste hervorhebt (z. B. S. 758: „die höchste, ja die einzige Aufgabe“; 
762. 804. 822: „Um die päpstliche Obergewalt über alle Reiche dieser 
Welt zu beweisen...“; 823: „Nie vorher hat Gregor mit so scharfer 
Klarheit ausgesprochen, um was er kämpfte: um die Herrschaft des 
Papsttumes und um sie allein. Alles andere verschwand ihm neben 
diesem Ziele.“ 824. 838. 858 f. 873. 877. 879. 883. 884). 

*) Als auf dem Konzil von Reims 1119 dem allgemeinen Investi- 
turverbot, das auch die niederen Kirchen betraf, von seiten vieler Laien 
und einzelner Kleriker widersprochen worden war, hielt der Papst am 
folgenden Tage eine feierliche Ansprache, in welcher er zum Schluss 
erklärte: ...cum heri proposuimus quaedam pro libertate ecclesiae, 
scandalizati sunt quidam infideles. Unde et nos cum auctoritate aposto- 
lica dieimus: Si infidelis discedit, discedat et det locum fidelibus, quae 
ecclesiastica sunt et libertati ecclesiae necessaria, pertractare; siehe 
Hesso Scholasticus bei Mansi XXI, 249 f. — Für Urban und Paschal 
siehe z.B. Hauck III, 878 £. 883 £. 891. 


Die Rechte der Laien im allgemeinen, 14,7 


wenig wie den massgebenden Reformatoren Selbstzweck ge- 
wesen, sie war auch ihm ein notwendiges Mittel zur Be- 
schaffung eines zuverlässigen, berufstreuen, moralisch tüchtigen 
Klerus, also ein notwendiges Mittel der Reform!). Das stellen 
weitere Bemerkungen in unserem Briefe ausser Zweifel; be- 
rücksichtigen diese auch im Wortlaut den speziellen Uebel- 
stand, so haben sie doch für alle ähnlichen Beschränkungen 
der kirchlichen Freiheit die nämliche Berechtigung. „Was 
werden da noch die kirchlichen Gesetze gelten, wo man zum 
Kanoniker geboren, nicht berufen wird, wo die Ehe den Aus- 
schlag gibt und nicht das Verdienst, die Abkunft, nicht die 
Gnade, die Welt und nicht der Himmel? Wird Se Gott 
ein angenehmes Opfer darbringen, dem die Eltern den Altar, 
das Priestertum versprechen, nicht die Tugend, nicht die 
Wissenschaft, der weltliche Vater, nicht der geistliche, der 
Bischof?“ Eine vortreffliche Illustration zu diesen Fragen 
bildet eine uns erhaltene Predigt, in welcher Hildebert seinen 
Priestern vorhält, wie sie ihren Beruf aufzufassen, wie sie ihn 
an sich selbst, gegenüber Gott und an der ihnen anvertrauten 
Herde auszuüben haben ?). Dass aber unser Bischof keine 
andere Sprache redet als die der Kirche seiner Zeit, dafür 
sei hier nur ein an seine Worte anklingender Satz zitiert, mit 
welchem die Synoden von Clermont 1130 und von Rom 1139 
eben auch das Walten des Erbrechts im kirchlichen Stellen- 
wesen verwerfen: „Es unterliegt keinem Zweifel, dass für 
kirchliche Würden nicht das Blut, sondern das Verdienst in 
Betracht kommt, und dass die Kirche Gottes niemals dem 
Erbrecht oder dem Fleische gemäss die Nachfolge entschieden 


) Vgl. oben Seite 110 ff. Anm. 2. 

?) Predigt 88 (B. 661 fi., M. 751 ff.). Unter den von B. als Schriften 
Hildeberts herausgegebenen Sermonen ist dieser einer der vier, die sich 
allein als zweifellos echt erwiesen haben. Siehe Haur6au, Notice sur 
les sermons attribu&s & Hildebert de Lavardin: Notices et extraits des 
manuscrits, 32 II (Paris 1888), 107 ff. (166). — Vgl. z. B. Gottfried 
von Vendöme, M.G. lib. de lite II, 683 oben. 


118 Zweites Kapitel. 


wissen will, sondern zu ihrer Leitung und zur Verwaltung 
ihrer Aemter ehrbare, weise und fromme Personen verlangt!).“ 

Folgen wir dem Verfechter der kirchlichen Freiheit auch 
noch auf jene Höhe hinauf, von welcher aus er unsere ganze 
Frage angreift! Er beginnt seine Erörterung mit dem Hin- 
weis auf die theologische Wahrheit, der das diesbezügliche 
Recht als seiner Quelle entspringt, auf jene Wahrheit, dass 
das kirchliche Amt, zur Vermittlung der Gnaden gestiftet, 
nur aus Gnade, aus göttlicher Berufung erlangt werden darf. 
„Die Gnade aber fehlt, wo Erbrecht das Wort führt. Und 
darum heisst es die Kirche verlassen, nicht in sie eintreten, 
wenn man durch Erbschaft Kanoniker wird ... Wehe ihnen, 
wenn der ewige Richter-sie lehren wird, dass sie nicht vom 
Altare, sondern vom Raube gelebt! Denn ein verkappter Raub 
ist es, das, was der Wahl anheimgegeben sein soll, als eine 
Erbschaft an sich zu ziehen?).“ Damit ist der übernatürliche 
Grund für die Reformbestrebungen aufgewiesen, der aber, wenn 
man will, auf die durchaus natürliche Wahrheit zurückgeführt 
werden mag, dass das Geistliche nicht gedeihen kann, wenn 
es in dem Masse, wie damals, sich mit dem Irdischen ver- 
quickt. Im Grunde ist hier selbstverständlich das ganze Eigen- 
kirchenrecht verworfen; dies geschieht aber am Schluss noch 
etwas deutlicher, und es wird gleichzeitig zu verstehen gegeben, 
dass unter der Herrschaft jenes Rechtes der Kirche mit dem 


) Mansi XXI, 439 (XI). 530 (XVI). — Vgl.auch bei Mirbt 487. 
509 £. 511. 

?) Vgl. den häufigen Hinweis der damaligen Schriftsteller auf den 
Dieb und Räuber des Evangeliums, z. B. Gottfried von Vendöme, 
M. G. lib. de lite II, 684 f.: Quicumque igitur alio modo (als durch 
Wahl und Konsekration allein) quasi sub nomine pontificis ecclesiam vel 
potestatem ecelesiasticam sibi vindicare praesumit, hic jam non per ostium 
intrat, sed aliunde ascendit, ut merito non inter episcopos computetur 
sed inter fures et latrones connumeretur. Vgl. aber ebd. 686 oben (im 
Anschluss an die. Worte der H. Schrift Joh. X, 10): Nam ad hoc venit, 
ut furetur .et rapiat et mactet. Der Gesichtspunkt ist also ein anderer 
als bei Hildebert. 


Die Rechte der Laien im allgemeinen. 119 


genannten übernatürlichen Prinzip das zum Bestehen des Baues 
unentbehrliche Fundament verloren geht!). 

Wie sehr dem Bischof die von ihm verfochtene Freiheit 
am Herzen lag, geht auch daraus hervor, dass er in dem be- 
sprochenen Briefe die Verteidigung derselben, soviel wir sehen 
können, ganz aus eignem Antrieb und aus zufälliger Ver- 
anlassung übernimmt, indem er aus reiner Liebe, wie er ver- 
sichert, dem betreffenden Bischof und seinen Kanonikern mit 
grossem Ernste ins Gewissen redet. — Insofern nun hier eine 
einzelne freiheitswidrige Unsitte gebrandmarkt werden soll, 
nämlich die unten näher zu beleuchtende Erblichkeit der Ka- 
nonikate, ist es nicht statthaft, aus der allgemein gehaltenen 
Beweisführung ohne weiteres ebenso allgemeine Schlussfolge- 
rungen zu ziehen; es ist noch im einzelnen zu untersuchen, 
ob Hildebert wirklich jede Laienbeteiligung in kirchlichen 
Dingen für rechtlich unstatthaft ausgeben, und ob er insbeson- 
dere auch den Fürsten eine solche Beteiligung versagt wissen 
will. Diese Frage haben wir in den folgenden Abschnitten 
für die dem Bischof unterstehenden Kirchenämter zu beant- 
worten, für diejenigen also, die nach Hildeberts Grundsatz der 
Bischof allein zu vergeben hat. Bemerken wir dazu sofort, 
wie schon die obige Beweisführung an einer Stelle die Ver- 
mutung nahelegt, dass Hildebert für seine electio nicht unter 


) B. 131. M. 252: Hoc timore timere, fratres, mementote, qui, dum 
facitis forensem de Ecclesia possessionem, debitum de gratia construitis 
aedificium, cui nullum suppositum est fundamentum. Super arenam, 
fratres charissimi, aedificatis. Vestrum hoc aedificium Veritatis testimonio 
ruinam pollicetur [Luc. VI, 49]. Der Gnadenbau der Kirche und der 
Gnadenbau der Seele werden hier miteinander in Parallele gestellt; 
wer dem ersteren (durch Beförderung der Laienherrschaft) das Funda- 
ment entzieht, entzieht es auch dem letzteren. „Aus der Kirche ein 
Laienbesitztum machen“ trifft für das Eigenkirchenrecht im höchsten 
Grade zu, sollte es auch nicht gerade damit bezeichnet sein. Sollte statt 
debitum etwa desitum (= destitutum) zu lesen sein ? — Vgl. den bei Gott- 
fried von Vendöme des öfteren ausgesprochenen Gedanken: Episcopus 
sine electione est quasi arbor sine radice, z. B.M. G., lib. de lite II, 684. 


120 Zweites Kapitel. 


allen Umständen eine absolute Freiheit in Anspruch nimmt, 
dort nämlich, wo sie der ersten Diakonen gedenkt!). Es wäre 
zwar auch hier wieder verkehrt, aus der Begründung auf den 
Sinn der These mit Bestimmtheit schliessen zu wollen, aber 
wir werden auch noch aus anderem Grunde im folgenden zu 
der Annahme uns genötigt sehen, dass Hildebert sich eines 
Vorschlagsrechtes Dritter, wie es bei der Einsetzung der sieben 
Diakonen geübt wurde, nicht hat erwehren können, dass also 
ein solches der Freiheit, der electio, wie er sie sich dachte, 
wohl nicht widersprach. 

2. Zum einzelnen übergehend fassen wir das Kirchenregi- 
ment der Laien zunächst da ins Auge, wo es am frühesten 
fast unbeschränkt gewaltet, von wo aus es allmählich die Kirche 
an den Rand des Abgrundes gebracht hat?). Das System des 
Eigenkirchenrechtes, so genannt, weil es auf das Privateigen- 
tum an Kirchen sich gründete, ging aus von jenen Kirchen, 
welche germanische Grundherren auf ihren Gütern für ihre 
Untergebenen errichteten und mit beweglichem und unbeweg- 
lichem Zubehör ausstatteten; es erstreckte sich dann weiter auf 
die von Klöstern und Bistümern erworbenen oder auf eigenem 
(Grund und Boden errichteten, endlich auch auf die den Bi- 
schöfen verbleibenden öffentlichen Kirchen. Die Kirche war 
in diesem System nichts anderes als eine Sache, unterlag dem 
unbeschränkten Eigentum, der Verwaltung, Nutzung und Herr- 
schaft des betreffenden Herrn und dem wirtschaftlichen Ver- 
kehr, wie jedes andere Stück des grundherrlichen Vermögens. 


!) Siehe oben Seite 112. Die sieben Diakonen wurden ja von den 
Aposteln nach Apg. VI, 1 ff. auf Vorschlag der „Jünger“ (Gläubigen) 
eingesetzt; Leder 5. 10. ff. 373 ff. 

?) Zum folgenden vgl. Imbart de la Tour, Les paroisses, beson- 
ders Revue hist. LXVIII, 1 ff., und Hinschius KR. II, 618 ff., speziell 
über das Eigenkirchenrecht die einschlägigen, in unserem Literaturver- 
zeichnis aufgeführten Schriften von Stutz und dessen kritische Studie 
in den Göttingischen Gelehrten Anzeigen 1904, Nr. 1,8. 1 ff.; Werming- 
host L, 33. 


Die Rechte der Laien bei niederen Stellen. 121 


Der Grundherr sorgte also auch für den geistlichen Dienst 
und stellte, wenn er selbst nicht Priester war, einen solchen 
an, indem er ihm die Kirche zum Pekulium oder, falls er ein 
Freier war, zur Pacht oder Leihe in irgend einer Form, sei 
es zu Prekarie oder zu Benefizium oder sogar, in Frankreich 
wenigstens, zu Lehen gab, ihn vermittels symbolischer Zeichen 
investierte und zur Entrichtung einer Antrittsgabe sowie 
ständiger Leistungen verpflichtete; im Falle des Lehens kam 
noch die Leistung der Mannschaft und des Lehenseides hinzu. — 
Bedeutsam ist nun, dass gerade die Zahl der Laienkirchen 
im Frankenreiche sehr gross war, und dass unter ihnen wie- 
derum, weil die Ausbildung des Pfarrsystems mitten in die 
Entwicklung dieses Laienkirchenwesens hineinfällt, sehr viele 
Pfarrkirchen sich befanden )). 

Für die niedere Geistlichkeit und damit für die Kirche 
selbst barg das System natürlich eine ungeheure Gefahr. Ab- 
hängig von dem Grundherrn, früher meistens, auch in nach- 
karolingischer Zeit noch oft genug aus seinen unfreien Unter- 
tanen genommen, mehr oder weniger eigenmächtig von ihm 
angestellt, wenig gebildet, der Herrschaft seines Bischofs fast 
ganz entzogen, dazu wohl meistens trotz des Reichtums mancher 
Kirchen in schlechten Vermögensverhältnissen befindlich, zu 
mannigfaltigen, auch niedrigen Dienstleistungen verpflichtet, 
kannte ein Priester kaum andere Sorgen mehr, als die Gnade 
des Brotherrn und damit seinen und seiner Familie Unterhalt 
durch Erfüllung seiner Benefizial- oder Lehenspflicht sich zu 
bewahren und die Kirche oder Kirchen — Kumulation war 
nicht selten — zu vererben. Wer dachte da noch an den 
Zölibat, wer machte sich etwas aus der Simonie! Ein Glück, 
dass im zehnten Jahrhundert, wo dieser Zustand seinem Höhe- 


!) Zum letzten Satze siehe Stutz, Geschichte, Seite 194 ff. — Auf 
solche Weise gerieten jedenfalls auch manche Archipresbyteralkirchen in 
Laienhand. Im folgenden wird davon Abstand genommen, die verschie- 
denen Kategorien der niederen Geistlichkeit zu unterscheiden, weil die 
Geschichte Hildeberts keine Anknüpfungspunkte dafür bietet. 


122 Zweites Kapitel. 


punkte zuging, wo die karolingische Reform im Sande verlief, 
in den Klöstern eine neue Reform sich Bahn brach, dass so 
ein Teil des niederen Klerus wenigstens, derjenige nämlich, 
der im Dienste dieser Klöster und vom gleichen Geiste er- 
füllter Bischöfe stand, noch in etwa seinem Berufe treu zu 
bleiben gehalten war. Ohne Zweifel traf dies hier und da 
auch unter der Herrschaft von Laien noch zu. 

Dass dieses Eigenkirchentum mit seiner Stellenvergebung 
von seiten der Laien etwas durchaus Unhaltbares sei, eine un- 
erträgliche Gefahr für die Integrität der Kirche in sich berge, 
davon war man an massgebender Stelle schon früh überzeugt?). 
Auf demselben Konzil, auf welchem durch Neuordnung der 
Papstwahl die Befreiung der Kirche energisch eingeleitet wurde, 
erging das Dekret, dass kein Kleriker oder Priester auf irgend 
eine Weise durch Laien eine Kirche erhalten dürfe, sei es 
umsonst, sei es um Geld?). Grundsätzlich war hierin das ganze 
Eigenkirchenrecht getroffen, doch hat man das Verbot auf 
Bischofskirchen und Abteien nicht bezogen. Deutlicher noch 
als der Wortlaut dieses Kanons beweist das die Fassung, welche 


') Gegen einzelne Auswüchse richteten sich bereits die Synoden von 
Reims 1049 (c. 3-6: Hefele Cg. IV, 731), Toulouse 1056 (c. 8. 9, ebd. 
789), Vienne und Tours 1060 (c. 7. 8, ebd. 841). 

?®) Hefele, Cg. IV, 824, c. 6 (Mansi XIX, 898 c. VI). So auch 
ebd. 857 (Rom 1063, c.6; Mansi XIX, 1025, c. VI... Vgl. ebd. V, 119. 
124 (Rom 1078). 141 (Rom 1080) und Stutz, Die Eigenkirche 8.41. Die 
Behauptung von Andreas Heusler, Deutsche Verfassungsgeschichte, 
3. 146, das gregorianische Verbot der Laieninvestitur habe bei den Reichs- 
kirchen Halt gemacht und nicht auch die niederen der weltlichen Investi- 
tur unterliegenden Kirchen einbezogen, widerspricht also direkt den histo- 
rischen Tatsachen. Von einem „klaren Prinzip der kanonischen Wahl“ 
kann ferner doch nur in Bezug auf Bischöfe und Aebte die Rede sein, 
und es für sie geltend zu machen, hat Gregor sich keineswegs gehütet. 
Den Kirchenvorstehern aber die Investitur zu verbieten, konnte niemand 
in den Sinn kommen, weil es sich nur darum handelte, die Kirche aus 
der Gewalt der Laien zu befreien. Uebrigens hat gerade Gregor auch 
den Geistlichen verboten, Kirchen- und Kirchengüter wie Privateigentum 
als Lehen zu vergeben; siehe Hefele Cg. V, 119. 


Die Rechte der Laien bei niederen Stellen. 123 


er auf den von einem Legaten veranstalteten Synoden von 
Vienne und Tours (1060) erhalten hat: Niemand darf ohne 
Zustimmung des zuständigen Bischofs eine grosse oder kleine 
Kirche von einem Laien auf irgend eine Weise annehmen }). 
Auch in anderer Hinsicht ist die beschränkende Klausel inter- 
essant; dem Legaten dürfte man bedeutet haben, dass es un- 
möglich sei, ein so fest gewurzeltes Unkraut sofort ganz aus- 
zurotten, und dass es ratsam sei, sich vorläufig mit dem Er- 
reichbaren zu begnügen. 

Dieses den Zeitumständen nach zunächst Erreichbare war 
im grossen und ganzen das Recht, das im achten und neunten 
Jahrhundert die fränkische Reform geschaffen hatte?). Sie 
hatte das Eigenkirchenrecht grundsätzlich nicht beseitigt. Sie 
hatte aber u. a. eine ordentliche Dotierung der Kirchen und 
der Geistlichen sowie zu deren Anstellung und Absetzung den 
Konsens des Bischofs verlangt, die Anstellung von Unfreien 
verboten; sie hatte dem Bischof das Recht der Aufsicht über 
Kirchen und Geistliche vorbehalten und den letzteren den 
Besuch der Diözesansynoden eingeschärft. — Zu einer theo- 

!) Ebd. IV, 841f.c.4 (vgl. Mansi XIX, 926 f. c. IV). — Wenn Mirbt, 
Publizistik, Seite 475 behauptet, dass in einem anderen Kanon dieser 
Synoden (oben Seite 75 Anm. 3) die Ausdehnung des Verbotes auf den 
Episkopat ausdrücklich vollzogen worden sei, so ist dies weder bewiesen 
noch beweisbar. Die Vorschrift gibt sich selbst als eine Interpretation 
des bekannten Kanons von Ühalcedon gegen die Simonie. Mit den 
Worten „aut aliqua inconveniente conventione saeculari“ erinnert sie 
an die seit Jahrhunderten geläufige Unterscheidung von munus a manu, 
a lingua, ab obsequio, und in „quolibet modo contra canonicam censu- 
ram“ kann ebensowenig ein ausdrücklicher Hinweis auf die Investitur 
gefunden werden; die Nennung des „episcopatus“ aber stammt aus dem 
Kanon von Chalcedon. Somit haben die Synoden von Vienne und Tours 
nichts Neues bestimmt, und es liegt kein Anzeichen dafür vor, dass sie 
die Investitur als solche zu den simonistischen Vergehen rechneten, wie 
es der eine oder andere Schriftsteller getan hat. 

2) Ueber die fränkische Reform siehe Stutz bei Holtzendorff- 
Kohler IL, 830, bei Herzog-Hauck XV, 15 f.; Die Eigenkirche, S. 21 f.; 
ausführlich: Geschichte, $$ 16. 17, Seite 216 ff. 


124 Zweites Kapitel. 


retischen Anerkennung des Eigenkirchenrechts der Laien kam 
es nun freilich im Verlauf der gregorianischen Reform nicht 
mehr). Dass man aber zu einer gewissen Resignation in 
dieser Hinsicht sich verstehen musste, bringt z. B. die Legaten- 
synode von Gerona in Spanien (1078) klar zum Ausdruck: 
Wir wissen zwar, dass Kirchen den Laien nicht zustehen; 
wo sie ihnen aber nicht total genommen werden können, da 
versagen wir den Laien doch durchaus die Mess- oder Altar- 
oblationen und die Erstlingsgaben ?). Ein Zugeständnis an 
die tatsächlichen Verhältnisse lag auch bereits in der oben 
aufgezeigten Duldung eines beschränkten Verfügungsrechtes °), 
die auch später noch hie und da offiziell bekundet wurde, 
z. B. in einem Kanon von Poitiers *) und in einem von Melfi 
(1089): Kein Laie darf seine Zehnten oder eine Kirche 
noch irgend etwas, was kirchlichen Rechtes ist, ohne Zu- 
stimmung des Bischofs oder Konzession des Papstes an Klöster 
oder Kanoniker vergeben). Man sah offenbar ein, dass ohne 
diese Nachgiebigkeit manche derartigen Traditionen zum Scha- 


!) Es wurde vielmehr als solches wie in seinen Folgeerscheinungen 
immer wieder verworfen: Hefele Cg. V, 47 (Rom 1075). 115 (Poitiers 1078, 
e.1 fl). 119 (Rom 1078). 127 (Gerona 1078, c. 3—6). 174 ff. (Rom 1083?, 
« 1.2. 3. 5. 9. 10. 31.32). 195 (Melfi. 1089, ec. 8. 9. 11£.). 223 (Glermont 
1095, e. 15. 17. 19. 20). 244 (Nimes 1096, c. 6—8). 289 (Troyes, 1107, c. 1). 
356 (Reims 1119, c. 4). 330 (Rom 1123, c. 8. 9). 410 (Clermont 1130, c. 6. 11). 
419 (Reims 1131, c. 10). 441 f. (Rom 1139, c. 10. 16. 25). — Vgl. 614 
(Tours 1163, c. 3). 1038 f. (Arles 1234 und 1236, ce. 12). 

2) Ebd. V, 128 ec. 13; Mansi XX, 520 ce. XIII: Scimus quidem 
laicis ecclesias non competere; sed ubi illae ex toto auferri non possint, 
saltem oblationes missarum aut altarium seu primitias laieis omnino pro- 
hibemus. De coemeteriis autem et sepultura et baptisteriis exactionem 
fieri omnino prohibemus. Hier wird also die später bei Laien beliebte, 
aber kirchlich verpönte Unterscheidung von ecclesia und altare nahegelegt. 

3) Siehe oben S. 123. 

sHeteleOsEVrL10,CH6; 

5) Mansi XX, 723, c. V (Hefele Cg. V, 195, c.5 — vgl. « 6), 
Schluss: Quod si quis episcopus improbitatis et avaritiae causa consentire 
noluerit, Romano Pontifici nuntietur et cum ejus licentia, quod offeren- 


| 


Die Rechte der Laien bei niederen Stellen. 125 


den der Reformbestrebungen unterbleiben würden. Ganz ent- 
sprechend wurde den Laien die Verleihung von Kirchenämtern 
und Benefizien zwar grundsätzlich schlechthin verboten !), ander- 
seits wieder unter der Voraussetzung gestattet, dass der Bischof 
seine Zustimmung erteilte?). 

Ein verständiger Reformator musste sich damit begnügen, 
zunächst ein so gemildertes Recht zu verwirklichen, mochte 
auch sein eigentliches Ziel darüber hinaus gelegen sein. Mehr 
brauchen wirdemnach auch von unserem Bischof nichtzuerwarten. 
Dass er wenigstens nach diesem näheren Ziele mit aller Kraft 
gestrebt, muss schon aus dem, was wir bisher uns vorgeführt, 
geschlossen werden, und der weitere Inhalt dieses Kapitels 
wird es bestätigen. Wäre es nicht ein zu auffallender Wider- 
spruch zwischen Grundsatz °) und Verhalten, wenn er in seinem 
Wirkungskreise den oben besprochenen Missständen untätig 
zugeschaut hätte? Auch sein Verfahren gegen den simonisti- 
schen Priester lässt Besseres erwarten. Ferner wissen wir 
bereits, wie er als Erzbischof von Tours der in der Bretagne 
neben anderen „schauderhaften Gesetzwidrigkeiten* herrschen- 


dum est, offeratur. Zweck der Verordnung war also, das willkürliche 
Verfügungsrecht der Laien zu beseitigen und die Jurisdiktionsgewalt des 
Bischofs hinsichtlich aller Kirchen der Diözese wieder zu voller Wirk- 
samkeit zu bringen. Durch den Zusatz wurde natürlich nicht ausge- 
schlossen, dass der Bischof die betreffenden Kirchen auf Grund eines 
früheren Rechtsverhältnisses für sich in Anspruch nahm, sei es, dass sie 
schon im bischöflichen Eigenrecht gestanden, oder dass sie als öffentliche 
Kirchen usurpiert worden waren. Siehe z. B. Urkunde Hildeberts bei den 
Benediktinern von Solesmes, Seite 43 Nr. XXXILI — Vgl. noch Hefele 
Cg. V, 399 (London 1127, e. 11): Niemand darf Kirchen oder Zehnten 
oder andere kirchliche Benefizien geben oder annehmen ohne Zustim- 
mung des Bischofs. 

!) Hefele Cg. V, 174 (Rom 1083?, c. 2). 244 (Nimes 1096, c. 8). 

?®) Ebd. V, 223 (Clermont 1095, ce. 18). Hierher gehören die Stellen, 
wo vom Annehmen oder Verleihen einer Kirche die Rede ist, wie z.B. 
oben Seite 123 zu Anm. 1 und Hefele Cg. V, 714 (Lat. 1179, c. 14). 
Vgl. ebd. Cg. V, 381, c. 22. 

3) Oben Seite 111 ff. 


126 Zweites Kapitel. 


den, „das Heiligtum des Herrn verunehrenden Erbnachfolge“ 
entgegentrat. Hier hat man sicher in erster Linie an die 
Vererbung von Landkirchen zu denken, und man darf an- 
nehmen, dass eine solche in den anderen Teilen der Kirchen- 
provinz Tours zu den Seltenheiten gehörte!). Sodann liegt in 
dieser Richtung das Streben Hildeberts, Laienkirchen in 
geistliche Hände zu bringen, an Klöster, Stifter, Kapitel 
oder den Bischof selbst: auf dieser Seite war Missbrauch des 
Eigenrechtes weniger zu befürchten und leichter zu ahnden, 
war leichter die bischöfliche Superiorität zu wahren. Durch 
Usurpation oder durch Hingabe zu Benefizium oder Lehen von 
seiten der Könige oder auch der Bischöfe an Laien waren im 
Laufe der Zeit sehr viele ursprünglich öffentliche Kirchen unter 
die Gewalt von Laien und unter die Herrschaft des Eigen- 
kirchenrechts geraten. Man sieht daher vielfach zur Zeit der 
Reform die Bischöfe bemüht, dieselben wiederzugewinnen, auch 
freiwillig werden sie hie und da zurückerstattet. Zudem aber 
brachte die Freigebigkeit des Mittelalters, hin und wieder ein 
anderer (rund, sowie der Geist der Reform es mit sich, dass 
auch solche Kirchen, die von Anfang an in Laienhand ge- 
wesen waren, an geistliche Eigentümer übergingen. 

Der Biograph Hildeberts hebt es mit Emphase hervor, 
dass durch die Bemühungen und die Wachsamkeit seines Bi- 
schofs sehr viele Kirchen in das „dominium“ der Mutterkirche 
zurückkehrten, dem sie einst von Laien gewaltsamerweise waren 
entzogen worden. Vierzehn Kirchen nennt er und eine Ka- 
pelle, die infolgedessen von Hildebert für den Unterhalt der 
Kanoniker bestimmt werden konnten, und von drei anderen, 
deren völlige Restitution nicht durchzusetzen war, erhielten sie 
in Zukunft einen jährlichen Zins ?). 


!) Oben Seite 68 ff. 65 ff. Auf die Erbfolge in den Kapiteln be- 
zieht sich eine andere Bestimmung derselben Synode von Nantes. Darüber 
siehe den folgenden Abschnitt (3). — Ein Beispiel von Nachsicht am 
Schlusse dieses Abschnittes (2). 

®) B. XLIV, M. 100 £., Mab. 319 Sp. 1: Huius etiam ope et vigi- 


Die Rechte der Laien bei niederen Stellen. 197 


Eine Reihe von Dokumenten aus der Zeit und den Wir- 
kungskreisen Hildeberts beurkunden den erzwungenen oder frei- 
willig gewährten Uebergang von Kirchen und Kapellen aus 
Laienhand in geistliche Gewalt, insbesondere an klösterliche 
Genossenschaften. Sie entwerfen hier und da von dem Schick- 
sal solcher Kirchen ein interessantes Bild und vermögen des- 
halb das Eigenkirchenrecht sehr gut zu illustrieren. Geben 
sie auch über den Anteil des Bischofs an der Besetzung der 
betreffenden Kirchenämter direkt keinen Aufschluss, so dürften 
sie doch indirekt auch diese Frage beleuchten !). 


lanti studio plurimae ecclesiae, quas laicorum violentia de jure ecclesiae 
nostrae olim subtraxerat, ad eiusdem ecclesiae dominium revocatae et 
ad victum canonicorum ipso disponente atque concedente deputatae 
sunt... Erant autem in ipsa parochia quaedam aliae ecclesiae, de 
quibus non poterat eas ex integro in dominium matris ecclesiae revocare; 
statuit, ut inde annis singulis census nostris redderetur canonicis... 
Ad mensam suam ecelesiam Sancti Simeonis de Passeio et ecclesiam de 
Celsiaco, quae sunt episcopii, retinuit. — Von Nachfolgern Hildeberts, 
Guido und Wilhelm, wird dann Aehnliches berichtet: A. P., Mab. 323. 
331. — Selbstverständlich hat hierbei der Wunsch, die Vermögensver- 
hältnisse der durch Kriege arg geschädigten Kirche wie des Klerus auf- 
zubessern, mitgewirkt: vgl. unten I, 3. So hat denn auch schon Bi- 
schof Gervasius gegen Mitte des 11. Jahrh. einzelne Kirchen revindiziert 
(Mab. 305), ohne dass dies auf Reformbestrebungen fraglicher Art zurück- 
zuführen wäre. Vgl. unten ], 5. 

t) Folgende Urkunden kommen in Betracht: Bei Migne Seite 311 ff. 
(Beaugendre app.) die Nummern I (= Piolin III, 695 ff. Nr. LXIX a — 
verkürzt), II, III, wozu inhaltlich die bei M. 1783 f. nachgetragene Ur- 
kunde gehört, V, VIII (= Piolin III, 684 f. Nr. LXTD), XI, XII  Piolin 
III, 684 Nr. LX); bei Piolin III, 689 Nr. LXIIL (mit LXIL und LXIV), 
697 f. Nr. LXIXb, 699 Nr. LXX; in Gallia Chr. XIV (Instr.) 83 
Nr. LXIV; bei Charles et Menjot d’Elbenne, Sp. 85 Nr, 132, 
Sp. 128 Nr. 202, Sp. 150 f. Nr. 248, Sp. 174 Nr. 295, Sp. 209 ff. Nr. 350 f., 
Sp. 259 ff. Nr. 449 f., Sp. 302 Nr. 524, Sp. 332 f. Nr. 579, Sp. 418 Nr. 736, 
Sp. 419 Nr. 738, Sp. 435 f. Nr. 767; bei den Benediktinern von Sol. 
Seite 43 f. 46 f. 48 Nr. XXXII f. XXXVIIO. XL; (die Echtheit dieser 
letzten Urkunde [auch bei Piolin III, 682 f. Nr. LVIII] wird m. E. ohne 
Grund von den Benediktinern bezweifelt in Note 1. Denn Hildebert sagt 
selbst, dass er mit diesem Schreiben als Erzbischof das früher von ihm als 


128 Zweites Kapitel. 


Was den allgemeinen Inhalt der fraglichen Urkunden 
angeht, so besagen sie bei einer ordnungsmässigen Tradition 
der Regel nach, dass der Bischof das von Laien geschenkte 
Gotteshaus mit Zubehör dem beschenkten Kloster gibt und 
konzediert, oder dass es durch seine Hand verliehen wird. 
Sodann werden der Mutterkirche von Le Mans die ihr zu- 
kommenden Rechte vorbehalten. Zuweilen wird auch der 
Ansprüche des Archidiakons, des Archipresbyters und des 
Priesters der betreffenden Kirche gedacht. — Die Stellung 
des Priesters erscheint, abgesehen von den Fällen, wo er als 
Eigentümer oder Miteigentümer in Betracht kommt, als die- 
jenige des Benefiziars, vielleicht auch des Lehensmannes, gegen- 
über dem weltlichen oder geistlichen Herrn der Kirche. Der 
Bischof achtet unter Umständen darauf, dass dem Priester das 
ihm Zukommende gesichert wird, aber nicht minder wahrt er 
sich selbst und anderen Vorgesetzten dasjenige, was ihnen be- 
züglich des Priesters gebührt. Ohne Zweifel ist dabei an Ab- 
gaben zu denken, aber nicht allein, und dass auch ein gewisses 
Verfügungsrecht hinsichtlich der Stellen darunter verstanden 
werde, scheint immerhin nahe zu liegen?). 

Einige Einzelheiten verdienen näher betrachtet zu 
werden. 

Zu seiner Mitwirkung wird der Bischof in der Regel von 
dem beschenkten Kloster angeregt ?). Bezeichnend ist aber, wie 
Hildebert neben seiner Freude über derartige Schenkungen 


Bischof gleichlautend, hoc eodem scripti tenore, beurkundete Geschenk 
bestätige; er hat eben nur diese Bestätigung dem früheren Schriftstück 
beigefügt, und so braucht es nicht aufzufallen, wenn der jetzt nicht mehr 
lebende Abt Odo noch als Adressat genannt ist. Dass aber Hildebert 
sich nie des Siegels bedient hätte, ist ein Irrtum; siehe z. B. bei M. die 
Nrn. II, III, IV, XII, XIII). — Vgl. noch Dieudonn&S$. 11 Nr. 23 und 
S..18 12. Nr.442, 

!) Siehe unten in diesem Kapitel II, 2. 

?) Eigens hervorgehoben finden wir dies in der für Marmoutier- 
Tours bestimmten Urkunde bei M. Nr. XIII und in der für St. Albinus 
in Angers ausgestellten, die im Texte ausführlicher besprochen wird. 


Die Rechte der Laien bei niederen Stellen. 139 


gelegentlich die Notwendigkeit seines Konsenses hervorhebt. 
„Ihr (die Mönche von St. Albin-Angers) bittet uns inständig, 
die Laienschenkung durch unsere auktoritatire Genehmigung 
zu bekräftigen. Daran tuet Ihr gut, und Ihr erfüllet damit 
eine Pflicht, indem Ihr Gott und uns die Ehre gebt, auf dass 
Ihr nicht dasteht, als drängtet Ihr Euch verwegen in die 
unserer Hirtensorge anvertraute Herde ein, zumal da jene 
Kirche (St. Audoänus bei Le Mans) von unseren Vorfahren, 
Bischöfen von Le Mans, unzweifelhaft gegründet und dem Ge- 
brauch der Mönche gewidmet gilt. So begrüssen wir es denn 
als ein glückliches Ereignis unserer Zeit, wenn wir dasjenige, 
was im Wechsel des Schicksals den Mönchen entrissen worden 
war, nunmehr ihrem frommen Eifer zurückgegeben sehen“). 
Zwei Momente gestalten diesen Fall des Jahres 1098 aller- 
dings zu einem eigenartigen, die Zugehörigkeit des beschenkten 
Klosters zu einer anderen Diözese und die Gründung der frag- 
lichen Kirche seitens eines Bischofs von Le Mans. Sie sind 
aber offensichtlich nicht als begründende, sondern als bestär- 
kende Voraussetzungen der Notwendigkeit bischöflicher Zu- 
stimmung anzuführen, während das wesentliche Moment durch 
die Oharakterisierung des Geschenkes als eines „laikalen“ 
prägnant bezeichnet ist. Das Kloster würde sich, will der 
Bischof sagen, derselben Anmassung schuldig gemacht haben, 
wie die Laien, welche jene Kirche „unzählige Jahre lang 
kraft Erbrechts besessen hatten“, wenn es ohne weiteres in 
deren Rechtsnachfolge eingetreten wäre. 

Seltener geht die Initiative von den schenkenden Laien- 
herren aus. Auch in einem solchen Falle (1127) betont Hilde- 
bert, dass die betreffende Schenkung, durch seine Hand an 
die Religiosen von Fontaine les Blanches ergangen, so „richtig 
und ordnungsgemäss geschehen“ sei?). Von besonderer Wichtig- 


!) Urkunde Hildeberts bei M. Nr. I. Vgl. dazu Piolin III, 
695 f. Nr. LXIXa; Gallia Chr. XIV, 440. 353. 
?) Urkunde Hildeberts in Gallia Chr. XIV (Instr.) 83 Nr. LXTV: 
... donum, quod... Deo et ecclesiae de Fontanis (einem Kloster) in manu 
Barth, Hildebert von Layardin. 9 


130 Zweites Kapitel. 


keit war es natürlich, wenn gerade hervorragende Herren, wie 
die von Mayenne und der Graf, sich zu einer solchen Aner- 
kennung der kirchlichen Auktorität herbeiliessen !). 

Eher war die Inanspruchnahme des Bischofs von seiten 
des Geschenkgebers dann zu erwarten, wenn dieser zufällig, 
etwa infolge von Erbschaft oder von Vindikation oder auch 
von Tradition, ein Geistlicher war, eine Gelegenheit, die man 
gern benutzt haben wird, um eine Laienkirche in Sicherheit 
zu bringen. So tradiert 1120 in Hildeberts Hand ein Kleriker 
seiner Diözese, Robert Pavo, die ihm gehörige Pfarrkirche 
St. Maria von Mayenne, um sie durch ihn dem Kloster Mar- 
moutier zu schenken, und zwar „aus Furcht für seine Seele 
und die seiner Nachfolger, falls die Kirche nach seinem Hin- 
scheiden in Laienhände zurückkehren sollte, denen sie mit 
Gottes Hilfe und gemäss der Forderung der Gerechtigkeit 
entzogen worden war“. Und wiederum konstatiert der Bischof, 
der Kleriker sei ihn angegangen in dem Bewusstsein, dass ein 
derartiges Geschenk nur vermittels bischöflicher Konzession 
und Auktorität gemacht werden dürfe ?). Die Form ist hier 


mea fecerunt, donum, inquam, recte et ordine factum, concedo. Von 
einer Kirche ist bei Bezeichnung des Gegenstandes ausdrücklich nicht 
die Rede. 

!) Urkunde Hildeberts von 1120 bei M. Nr. VIII: Convocatus 
ergo ab eodem Iuhello (de Meduana), consultus etiam et rogatus ab eius 
matre et sorore, sed et castri baronibus exoratus, ut capellam suam de 
eodem castro cum omnibus appendiciis eius et capellam de Saccio simi- 
liter cum ei pertinentibus Majori Monasterio et monachis S. Martini con- 
cederem et firmarem; bei Piolin Nr. LXX: Fulco comes et Aremburgis 
comitissa per manum nostram et per consilium nostrum ecclesiam de 
sancto Frambaldo.... ecclesiae Beatae Mariae de Bello Loco... (das 
Prädikat fehlt). 

?) Urkunde Hildeberts von 1120 bei M. Nr. III: Recognoscens 
autem huiusmodi donum non debere fieri nisi per concessionem ponti- 
ficalem et auctoritatem, nostram adiit praesentiam humiliter... petens 
et multum rogans, ut ecclesiam illam praedictis fratribus et loco conce- 
derem et confirmarem, simul et ea, quae habebat in ecclesia de Parriniaco. 
Tradens igitur ipse eam per quendam cultellum in manu mea et dimittens, 


Die Rechte der Laien bei niederen Stellen. 131 


ausdrücklich als die einer doppelten Tradition gekennzeichnet, 
nämlich des Robert an den Bischof und des Bischofs an die 
Mönche; der Umstand, dass der Besitzer der Laienkirche in 
diesem Falle ein Kleriker war, hat es offenbar erleichtert, die- 
jenige Rechtsform zu verwenden, die der strengen Auffassung 
entsprach, und die wir unten im fünften Abschnitt als die 
kirchlich-offizielle werden kennen lernen. Wir finden sie aber 
unter Hildebert auch von Laien angewendet. So spricht nach 


cum ceteris de Parriniaco, — darauf Wechsel des Subjekts — concedentibus 
et auctorizantibus ipso eodem Roberto et praedicetis personis F(ulcherio) 
archidiacono et P(agano) decano ego quidem Hildebertus ... dedi et 
concessi eam B. Martini Majori Monasterio et fratribus eiusdem loci, 
revestiens eos per praedictum cultellum, quem in manu domni Fromundi 
prioris posui, salvo quidem jure nostrae Cenomanensis ecclesiae. Der 
Vorgang bewegt sich in bekannten Formen germanischen Rechts: „Tra- 
dition* an den Bischof mit Investitur und Auflassung, von seiten des 
Bischofs „Konzession“ an das Kloster mit Revestitur, aber ohne Auf- 
lassung. Im Sinne des Laieneigentümers würde man hier den Bischof 
als blossen Vermittler, als Salmann zu betrachten haben, vom Standpunkt 
der Reformgesetzgebung aber als Lehensherrn, der das Lehen vom einen 
unter Auflassung zurückempfängt und dem anderen überträgt — ohne 
Auflassung, weil er sich ja seiner rechtlichen Obergewalt nicht entäussern 
will. Bei einem kirchlich nicht beanstandeten Lehensverhältnis bedurfte 
es aber nicht einer solchen Vermittlung, sondern nur der Zustimmung; 
siehe z.B. bei Charles et Menjot d’Elbenne Sp. 24 f. Nr. XXIV. — 
Dass Robert ein Kleriker war, konnte die Kirche noch nicht ihres Cha- 
rakters als einer Laienkirche entkleiden, weil sie der Regel gemäss, schon 
auf dem Wege der Erbschaft, wieder in das Eigentum von Laien gelangen 
musste, so lange nicht Robert sein Eigentum förmlich aufgegeben hatte. 
Und das hatte er noch nicht getan, denn es heisst vorher: Iste quidem 
Robertus habebat et possidebat ecclesiam Sanctae Mariae parochialem 
in burgo castri Meduanae sitam, pro qua timens periculum animarum, 
tam suae quam sibi succedentium, si post suum decessum ad laicalem 
reverteretur [possessionem ?], unde Deo auxiliante et justitia exigente 
exempta fuerat. Um vor solchem Schicksal behütet zu sein, musste die 
Kirche eben Eigentum des Bischofs oder einer geistlichen Korporation 
werden, denn ohne Eigentümer konnte man sich eine Kirche nicht denken, 
und den Bischof ohne weiteres als solchen anzuerkennen, fiel niemandem 
ein. Weil nun aber der Laie und darum auch sein klerikaler Nach- 


132 Zweites Kapitel. 


einer Urkunde ein Wiscelinus de Vallibus vor dem ihn als 
schwachen Greis besuchenden Bischof die Bitte aus, es möge 
der ebenfalls gegenwärtige Abt von St. Vincenz von seiner 
(Hildeberts) Hand und Konzession die Kirche St. Maria de 
Curte Dominica empfangen, die er in seiner Jugend dem 
Kloster St. Vincenz geschenkt. Und der Bischof nimmt ver- 
mittels des Abtsstabes das Geschenk von Wiscelinus an und 
tradiert es an den Abt). 


folger nach kirchlichem Rechte nicht rechtmässiger Eigentümer war, so 
konnte er nicht rechtmässig verfügen; das konnte vielmehr nur derjenige, 
der vom kirchlichen Standpunkte allein als Eigentümer aller nicht geist- 
lichen Korporationen zustehenden Kirchen anzusehen war, der Bischof. 
Trotzdem aber wird in dieser und auch in der im folgenden Absatz des 
Textes behandelten Urkunde (wo ein Laie an der Stelle unseres Klerikers 
steht), auch der weltlichen Anschauung Rücksicht gewährt, indem der Auf- 
lassende bei der nachfolgenden Schenkung konzedierend und auktorisie- 
rend mitwirkt. Das dient zugleich der Sicherheit des Beschenkten. Viel- 
leicht wirkt dabei auch die Auffassung mit, welche in der zweiten, etwas 
früher abgefassten Urkunde anscheinend vertreten wird, dass nämlich 
zwischen der Kirche als solcher (nebst den rein kirchlichen Einkünften) 
und ihren Benefizien, d. h. Temporalien zu unterscheiden sei. — Man 
vergesse übrigens nicht, dass die hier zur Erklärung in Gemässheit des 
gewöhnlichen Rechtsbewusstseins verwendete privatrechtliche Auffas- 
sung der Verhältnisse dem streng kirchlichen Standpunkt auch dann 
nicht entsprach, wenn der Bischof als Lehnsherr angesehen wurde; 
vgl. unten II 1. 

!) Bei Charles et Menjot d’Elbenne Sp. 150 f. Nr. 248. 
Diese Urkunde darf auch wohl als Beweis dafür dienen, dass man die 
fragliche Form, wie die Mitwirkung des Bischofs überhaupt, manchmal 
der grösseren Sicherheit halber liebte. Denn das „Contingit“ des Be- 
suches von Abt und Bischof wird man umsoweniger im Sinne eines 
Zufalls aufzufassen haben, als sich die in solchen Urkunden häufig wieder- 
kehrende Erscheinung des querköpfigen Verwandten, der die Schenkung 
umzuwerfen sucht und nachträglich abgefunden werden muss, auch hier 
einstellt; die bischöfliche Exkommunikation muss ihre Wirkung tun. 
Zu diesem Zweck der Sicherung kommt das Verfahren auch bei Schen- 
kungen von nicht direkt kirchlichem Charakter vor, sowohl unter Hilde- 
bert (s. ebd. Sp. 59 f. Nr. 83), wie unter seinem Vorgänger und seinem 
Nachfolger (ebd. Sp. 239 Nr. 406, Sp. 261 Nr. 451). In einer derartigen 


Die Rechte der Laien bei niederen Stellen. 133 


Noch einen weiteren Fortschritt im Kampfe gegen das 
Eigenkirchenrecht der Laien könnte eine andere Urkunde Hilde- 
berts zu Gunsten von Marmoutier bezeichnen; sie gehört dem 
Jahre 1118 an. Auf Bitten der Mönche gibt und konzediert 
er denselben die Kirche von Louvign& nebst sämtlichem Zu- 
behör oder vielmehr (heisst es weiter), was in ihr Fulko 
de Marboeto besessen und ihnen, soweit es ihn anzugehen 
schien, zu schenken beschlossen und konzediert hatte. Hilde- 
bert also gibt und konzediert diese Kirche in Gegenwart und 
unter Konzession seines Archidiakons Fulcherius und des ge- 
nannten Fulko selbst, „der die von ihm innegehaltene Kirche 
oder vielmehr deren Benefizien ebenda in unsere Hand zurück- 
gab und, dass dieselben den Mönchen verliehen würden, erbat 
und konzedierte“ !). Fraglich könnte hier scheinen, ob das 
Eigenrecht der Laien an Kirchen als solchen überhaupt oder 
nur dasjenige des Fulko aus besonderen Gründen, weil etwa 
von einem anderen ein Miteigentum in Anspruch genommen 
wurde, bezweifelt, d. h. geleugnet wird. Der letztzitierte Passus 
gestattet aber wohl kaum eine andere Interpretation, als dass 
Hildebert zwischen der Kirche und ihren Temporalien bei nie- 
deren Kirchen gerade so unterscheiden will, wie es für die 
höheren damals von verschiedenen Seiten befürwortet und einige 
Jahre später zwischen Staat und Kirche vereinbart wurde ?). 


Urkunde aus der Zeit von 1158—1185 heisst es: Postea vero, ut haec 
firmius starent, ante Willelmum episcopum Cenomanensem iterum facta 
fuerunt... ubi ipse Hugo donum supradictarum rerum posuit in manu 
episcopi et episcopus in manu abbatis (ebd. Sp. 198 Nr. 330). Unter 
diesem Gesichtspunkt lehnt sich die Form an die öfter vorkommende 
Uebung an, den Herrn als sponsor, fidejussor für eingegangene Verbind- 
lichkeiten zu stellen. Siehe z. B. ebd. Sp. 295 Nr. 509 (1093—1102): 
Proinde legalitatem suam in manu domini sui Gaufridi decani Brittonis 
secundum ordines suos loco abbatis dedit, ut pro hoc fiducialius daret 
intelligi se nobis hoc pactum semper legaliter servaturum. Vgl. ebd. 
Sp. 175 Nr. 298, Sp. 376 Nr. 651. 

') Urkunde HildebertsbeiM.Nr.1I. Vgl. Dieudonn&S.12 Nr. 30. 

?) Vgl. 8.132 Anm. 2 (zu $S. 130) u. Stutz bei Herzog-Hauck XV, 17. 


134 Zweites Kapitel. 


Die Urkunden bezeugen also vor allem, dass Hildebert 
den darin berichteten Eigentümerwechsel gern sah!), und wir 
werden sogleich Beweise dafür kennen lernen, dass er zum 
Schutze geistlichen Eigentumes an Kirchen auch eine starke 
Hand zu führen sich nicht scheute. Sie bezeugen aber weiter, 
dass er auf die Beobachtung der Schranken Wert legte, welche 
die kirchliche Gesetzgebung dem Verfügungsrechte der Laien 
zu Gunsten der bischöflichen Gewalt gesetzt hatte; er betrach- 
tete seine Mitwirkung bei den fraglichen Verfügungen als ein 
striktes Recht, das Nachsuchen seiner Genehmigung als eine 
Pflicht. ‘Wie er aber hier die strengere Resignationsform zwar 
anwendete, wo es keine Schwierigkeiten mit sich brachte, aber 
nicht hartnäckig urgierte, so werden wir auch hinsichtlich des 
Zwangsverfahrens gegen solche Laien, welche die Herausgabe 
von Kirchen verweigerten, ein weises Masshalten an ihm wahr- 
nehmen. 

Zunächst sei bemerkt, dass wir von einem Zwangsver- 
fahren überhaupt nur solche Beispiele finden, in denen ein 
unbedingt rechtswidriges Zurückhalten von fremdem Gut, nicht 
etwa bloss Zuwiderhandeln gegen die ein Laieneigenrecht ne- 
gierenden Reformdekrete in Frage kommt. 

Einen gewissen derartigen Streit lohnt es sich mit den 
Worten der betrefienden Klosternotiz zu erzählen, weil sie 
eine Reihe von rechtlichen Momenten deutlich hervortreten 


!) Bemerkenswert ist auch eine Notitia bei Charles et Menjot 
d’Elbenne Sp. 260 Nr. 450. Die Mönche von St. Vincenz bitten 
Hildebert, ihnen ein Cömeterium an einem von Laiengewalt noch nicht 
ganz freien Orte zu weihen. Qui respondet hocfieri non posse, nisi eadem 
olca ab omnibus consuetudinibus et ab omni vicaria libera fieret. Erst 
nachdem diese Freiheit von dem Berechtigten zugestanden ist, erteilt der 
Bischof die Weihe. — Umsomehr wird H. hinsichtlich der Kirchen dem- 
gemäss, soweit es angängig war, verfahren haben. So wird von den- 
selben Mönchen einem Laienherrn die Erbauung einer Kapelle in einer 
ihrer Pfarren und der Besitz ihres „presbyterium“ mit Genehmigung 
Hildeberts nur unter der Bedingung erlaubt, dass die Kapelle nach dem 
Tode dieses Herrn an das Kloster fällt: ebd. Sp. 418 Nr. 736. 


Die Rechte der Laien bei niederen Stellen. 135 


lässt!). „Im Jahre 1102 hat Waldinus, Herr von Malicornant, 
über die Mönche von St. Albinus grosses Leid gebracht, indem 
er behauptete, dass ihre Kirche in Artesiacus nebst allem dor- 
tigen Besitztum aus einer Schenkung seiner Vorfahren stamme 
und sie deshalb bezüglich dieser Stücke seiner Oberherrlichkeit 
sich unterwerfen müssten ?). Als die Mönche hierauf nicht 
eingingen, weil sie das genannte Gut nach dem Zeugnisse ur- 
alter Dokumente auf Grund einer Verleihung (de beneficio) 
der Könige von Frankreich besassen, nahm er dies zum An- 
lass, ohne jegliche Interpellation des Bischofs, gegen alle Ge- 
rechtigkeit, zu deren Feststellung sich doch die Mönche vor 
dem Gerichte des Grafen ?) erboten, in ihre Häuser einzu- 
brechen, das Rindvieh und den ganzen Vermögensbestand von 
Artesiacus zu überfallen, auszurauben und zu verschleudern. 
Hierüber beschwerten sich die Mönche bei Bischof Hildebert 
von Le Mans. Dieser berief zunächst kanonischer Vorschrift 
gemäss Waldinus zu sich und ermahnte ihn, den Mönchen von 
St. Albinus Recht widerfahren zu lassen, zuletzt aber, da jener 
die Sache in die Länge zog und sich sträubte, verhängte er 
über ihn gerechtesterweise die Exkommunikation. Nach vielen 
Quertreibereien und Verzögerungen, vermittels deren er der 
Erledigung des Prozesses und gerechter Entscheidung aus dem 
Wege zu gehen suchte, fand er sich endlich einmal mit Abt 
Girard von St. Albin zum Zwecke gerichtlichen Verhandelns 


!) Bei Piolin III, 697 ff. Nr. LXIXb und LXIXc. Der Streit 
begann im Jahre 1102; wie lange er gedauert, ist aus den Aufzeichnungen 
nicht zu ersehen, es ist also mindestens sehr zweifelhaft, ob die Da- 
tierung Dieudonnes S. 10 Nr. 12 ganz richtig ist. 

2)... ea de se recognoscere deberent. (Natürlich kam es ihm auf 
Einkünfte an.) Er machte also den Grundsatz des frühmittelalterlichen 
Rechtes geltend, dass es vom Willen des Schenkers abhänge, inwieweit 
er sich seiner Rechte begeben habe, und behauptete den Vorbehalt eines 
gewissen Obereigentums. (Vgl. Schröder, Rechtsgeschichte, Seite 281 ff.) 

») Dass dieses unter der „curia“ zu verstehen sei, darf man wohl 
aus der späteren Erwähnung eines am Hofe des Grafen Helias statt- 
gehabten Termines erschliessen. 


136 Zweites Kapitel. 


in Fissa ein und legte vor den Bischöfen Hildebert von 
Le Mans und Rainald von Angers und vielen anderen Per- 
sonen seinen oben bezeichneten Anspruch dar. Dass aber 
dieser Anspruch zu Unrecht erhoben werde, bewies Abt Girard 
in treffender Weise dadurch, dass er eine sehr alte Urkunde 
präsentierte, welche das fragliche Geschenk als ein von den 
Königen Frankreichs dem heiligen Albinus verliehenes be- 
zeugte!). Auch erklärte er sich bereit, die Echtheit der Ur- 
kunde (welche der Gegner also wohl bezweifelte) durch die 
Feuerprobe zu erweisen, gemäss der Entscheidung, welche 
früher gefällt worden war, als er bezüglich derselben Ange- 
legenheit mit Waldinus zu Le Mans am Hofe des Grafen 
Helias verhandelte. Aber auch damals weigerte sich Waldi- 
nus, das Gottesurteil anzunehmen ?). In Anbetracht dieser seiner 
ablehnenden Haltung urteilten die Richter’), er müsse dem 
Abte Girard alles, was er ungerechterweise entwendet, zurück- 


!) Das folgende ist der Nr. LXIXc bei Piolin zu entnehmen, 
welche von den Worten „ipsius etiam cartae probationem“ an offenbar 
die Fortsetzung der Nr. LXIXb bildet; durch irgend einen Zufall muss 
unsere Geschichte so auseinandergerissen worden sein. 

?) Ueber das Gottesurteil siehe oben Seite 85 ff. — Als ein Bei- 
spiel oder Beweis dafür, dass auch vor dem kirchlichen Forum Kleriker 
zum Gottesurteil zugelassen worden, kann unser Bericht in keinem Falle 
verwendet werden, weil ja das Anerbieten ausdrücklich auf eine Ent- 
scheidung des weltlichen Gerichtes gegründet wird und die Verwirk- 
lichung desselben nicht in Frage kommt. Es wäre aber schon auffallend 
genug, wenn das weltliche Gericht dem Abte die Feuerprobe zugemutet 
hätte. Die Ausdrucksweise spricht indes vielmehr dafür, dass Waldinus 
sich dem Ordal unterziehen sollte. 

®) Der Bericht sagt (bei Piolin) judices et episcopi. Wenn et 
nicht wegfallen muss, dann ist es jedenfalls nicht so zu verstehen, dass 
die Richter andere als die Bischöfe gewesen wären. Davon findet sich 
in dem ganzen Berichte keine Spur, und unmittelbar vorher ist gegen- 
sätzlich das Gericht des Grafen erwähnt, das doch ausser dem bischöf- 
lichen allein in Betracht kommen könnte. Dass ein kirchliches Gericht 
hier urteilt, ergibt sich auch aus der folgenden Begründung des Urteils, 
dem Hinweis auf die Kompetenz des Bischofs, und aus der Bemerkung, 
dass Waldinus (der sich dem Urteil des Grafen nicht gebeugt hatte) von 


Die Rechte der Laien bei niederen Stellen. 137 


erstatten, namentlich deshalb, weil er den Bischof, dessen Kom- 
petenz die Kirche unterlag, nicht angegangen, sondern ohne 
Anrufung und Entscheidung desselben in das Besitztum des 
heiligen Albinus eingedrungen sei. Da sonach Waldinus nicht 
hörte, was ihm lieb gewesen wäre, widersprach er dem Urteil 
und ging erzürnt davon. Nicht lange darauf aber von der 
kirchlichen Gerechtigkeit bezwungen, seine Tat bereuend, lud 
er den Abt Girard von St. Albin zu sich nach Malicornant, 
antwortete ihm alles aus, was er unter dem genannten Vor- 
wande in Anspruch genommen hatte und gab ihm gegenüber 
jeglichen Anspruch bezüglich Artesiacus auf, er selbst, seine 
Gattin und sein Sohn Warinus, in der Erkenntnis, dass sie 
nichts verlören vor Gott, wenn eine Schenkung, die sie für 
eine eigene oder eine ihrer Vorfahren hielten, als eine solche 
anderer Personen gelte. Mit Rücksicht auf diese demütige 
(Grenugtuung, und auf dass er in Zukunft seinem Versprechen 
gemäss ein treuer Freund des heiligen Albinus und seiner 
Mönche bleibe, überliess Girardus mit Beirat seiner Mönche 
dem Waldinus die ganze (bewegliche) Beute, die er sich an- 
geeignet hatte. 

Es fehlt also nicht an Belegen dafür, dass Hildebert auch 
die schärfsten Mittel des kirchlichen Strafrechts nicht scheute, 
wo es galt, die Kirchen vor den Händen der Laien zu schützen, 
und wo die Rechts- und Sachlage eine derartige war, dass 
man von energischem Eingreifen sich Erfolg versprechen 
konnte!). Dass er unter Umständen sich auch mit weniger 


der „kirchlichen Gerechtigkeit“ bezwungen wurde. — Auch für uns 
ist dieser Sieg der geistlichen Gerichtsbarkeit bemerkenswert. Anderseits 
aber sehen wir, dass man kirchlicherseits auch die weltliche nicht schlecht- 
hin ablehnte; welche der beiden Parteien sie in Anspruch genommen 
hat, ist aus dem Bericht nicht zu ersehen. 

!) Ein weiteres Zeugnis dafür gibt ein Fulcoius de Thaneia in einer 
auch von Hildebert unterzeichneten Urkunde bei den Benediktinern 
von Solesmes Nr. XXXVIII. Er war lange Zeit exkommuniziert, weil 
er eine Kirche nebst anderem Besitztum, das er früher dem Kloster 
St. Peter von La Couture (als Mitberechtigter) „konzediert“ hatte, ge- 


138 Zweites Kapitel. 


als einer vollkommenen Rückerstattung begnügte, sagte uns 
ja bereits im Hinblick auf die der Kathedrale abhanden ge- 
kommenen Kirchen der Biograph !). Selbstverständlich war 
die Exkommunikation sein letztes Mittel ?). Aber Hildebert 
scheint in der Rücksichtnahme auf die Laienherren oder in der 
Nachsicht für ihre eigenkirchlichen Spekulationen weiter ge- 
‚gangen zu sein, als es anderen lieb war. 

Was wir uns hierzu an erster Stelle noch wollen erzählen 
lassen, ist allerdings nicht unverdächtig, weil der Erzähler ein- 
seitig inspiriert ist und zwar von der angeblich benachteiligten 
Partei; aber der Ausgang der Sache gibt ihm doch im wesent- 
lichen Recht, und wir werden dem wahren Sachverhalt viel- 
leicht nahe kommen, wenn wir den Bericht zu ergänzen ver- 
suchen?). Das Verhalten Hildeberts ist umso bedeutsamer, 
je mächtiger und selbstbewusster der von ihm nicht genügend 
respektierte Gegner war, das Kloster Marmoutier von Tours. 
Dieses hatte seit sieben Jahren eine gewisse Kirche durch 
Uebernahme von seiten einer anderen (Kollegiat- oder Kloster-) 
Kirche, die sich ihrerseits auf eine Schenkung des Bischofs 
(Gervasius von Le Mans (1036—1055) berufen konnte, im 
Besitz, als Gaufrid von Mayenne sich derselben bemächtigte, 
um sie einem seiner Ministerialen zu geben. Wenn Gaufrid 
von Mayenne kein Räuber war, dann betrachtete er sich als 
Eigentümer der Kirche, oder wie Waldinus als Obereigen- 


waltsam sich anzueignen suchte und dem Bischof nicht gehorchen wollte; 
endlich schloss er mit den Mönchen Frieden, erhielt aber für seine Ver- 
zichtleistung (worauf derartige Angriffe gewöhnlich hinausgingen) ein 
Entgelt. — Siehe ferner bei Charles et Menjotd’Elbenne Sp. 70 f. 
Nr. 103, Sp. 128 Nr. 202, Sp. 130. Nr. 206,’ Sp. 150 f. Nr. 248,59.202 
Nr. 524; bei Migne (und Beaugendre) Dipl. V. VI (M. 317 f. — 
Briefe Hildeberts). Hierher mag auch noch gehören Nr. XXXVI (S. 45) 
bei den Benediktinern von Solesmes. 

!) Siehe oben Seite 126. 

?) Siehe z. B. bei Charles et Menjot d’Elbenne Sp. 174 
Nr. 295; beidenBenediktinern von Solesmes Seite 46 f. Nr. XXX VIII. 

®) Siehe bei Mart&ene-Durand, Thesaurus IV, 127 ff. 


Die Rechte der Laien bei niederen Stellen. 139 


tümer, etwa deshalb, weil er eine ehemalige Uebergabe an 
Gervasius nicht als wahre oder nicht als vollkommene Schenkung 
anerkannte; unser Autor hält es denn auch für geboten, auf 
den Ablauf einer vierzigjährigen Ersitzungsfrist hinzuweisen. 
Wiederholte Klagen der Mönche an der bischöflichen Kurie 
sollen nichts gefruchtet haben, aber auf erneute Klage bei 
Hildebert erklärten die Kleriker von Le Mans, die Sache sei 
unter dessen Vorgänger verhandelt und abgeurteilt worden, 
freilich in Abwesenheit des Abtes von Marmoutier und unter 
Widerspruch des Priors der früheren Besitzerin, also offenbar 
zu Ungunsten des Klosters. Die Kleriker weigerten sich aber, 
heisst es, den Inhalt des Urteils anzugeben, und anderseits 
war Hildebert nicht zu nochmaliger Verhandlung zu bewegen. 
Darnach sollte man beim Bischof wie bei den Klerikern ein 
Versteckenspielen vermuten! Die Mönche wendeten sich nun an 
den Papst, und dieser befahl dem Bischof brieflich, entweder den 
Mönchen den Besitz der Kirche wiederzuverschaffen oder aber 
in Gegenwart des Bischofs von Chartres das ergangene Urteil 
zu revidieren und, wenn es gerecht sei, zu bestätigen. Un- 
willig antwortete der Bischof darauf, er sei nicht gesonnen, 
sich der Kontrolle eines Mitbischofs zu unterwerfen und werde 
die Rückgabe der Kirche bewirken. Die Erfüllung dieses 
Versprechens zog sich wieder in die Länge — jedenfalls suchte 
Hildebert auf gütlichem Wege zum Ziele zu gelangen. Da 
erschien in der Gegend ein nicht so bedachtsamer Eiferer der 
Reform, um als päpstlicher Legat eine Kreuzzugssynode zu 
halten, der bekannte Bruno von Segnit). Bei ihm beschwerten 
sich die Mönche, Bruno brachte gelegentlich einer Begegnung 
mit Hildebert in Marmoutier die Angelegenheit zur Sprache 
und ordnete an, dass sie nach Ladung beider Parteien in seiner, 


!) Siehe über ihn Mirbt bei Herzog-Hauck III (1897), 514 f.; 
Publizistik, Seite 384 ff.; Sackur in Lib. de lite II, 543 ff. Die frag- 
liche Synode ist diejenige von Poitiers 1106: Hefele Og. V, 284 f.; 
Mansi XX, 1205 ff., wo auch (1207 £.) die hier wiedergegebene Er- 
zählung abgedruckt ist. 


140 Zweites Kapitel. 


des Legaten, Gegenwart zu Le Mans verhandelt werden solle. 
In diesem Termin nun weigerte sich der anwesende Gegner 
Haimerich, der jetzige Besitzer der Kirche, mit Berufung auf 
ein Urteil des Bischofs Ho&l, in neue Verhandlungen einzu- 
treten, der Legat aber fand angeblich, dass ein Urteil von 
Ho&öl nicht gefällt worden sei, sprach den Mönchen die Kirche 
vorläufig zu und ersuchte Haimerich, nach vierzig Tagen auf der 
bevorstehenden Synode von Poitiers das endgültige Urteil ent- 
gegenzunehmen. Haimerich antwortete mit entschiedener Wei- 
gerung, und nun erklärte Bruno sofort in Gegenwart und mit 
Zustimmung Hildeberts definitiv zu Recht, dass er keinerlei 
Anspruch auf jene Kirche habe, und dass dieselbe der Kirche 
St. Guingualoeus, der sie durch die Schenkung des Bischofs 
Gervasius gehörte, zurückzugeben sei. Als darauf der Ver- 
urteilte noch bei seiner Weigerung beharrte und gar mit seinen 
Gönnern die Mönche bedrohte, stellte ihm der Legat für 
den Fall des Zuwiderhandelns die synodale Exkommunikation 
in Aussicht und verpflichtete den Bischof wie den Grafen 
Helias, mit den Mitteln der geistlichen und weltlichen Gewalt 
gegen ihn einzuschreiten. Auf der Synode bestätigte er das 
Urteil und befahl dem Bischof Hildebert mündlich und schrift- 
lich, sich die Aufrechterhaltung desselben angelegen sein zu 
lassen und Haimerich nötigenfalls zu exkommunizieren. — Wir 
können nicht entscheiden, ob und inwieweit hier Hildebert ge- 
fehlt hat, aber sollte nicht die Lösung der Zweifel, welche 
diese Darstellung des Streites übrig lässt, darin zu finden sein, 
dass in Wirklichkeit ein ursprüngliches und nicht nachweisbar 
aufgegebenes Recht des Hauses Mayenne konstatiert war, wo- 
für die beiden Bischöfe Ho&l und Hildebert trotz prinzipieller 
Abneigung ein gewisses Verständnis hatten, der auf die radi- 
kalen Grundsätze der Reform eingeschworene Legat aber 
nicht? In jedem Falle beweist hier Hildebert, dass er nicht 
unter allen Umständen rücksichtslos gegen die Laien vorging. 
In der Tat war es ein undankbares Geschäft, zu Gunsten 
reicher und auf ihre Selbständigkeit oft übermässig eifersüch- 


Die Rechte der Laien bei niederen Stellen. 141 


tiger Klöster mit den Herren sich zu verfeinden, deren Wohl- 
wollen für seine Kirche und selbst für seine Reformbestrebungen 
von grossem Werte war, und die ohne dringende Notwendig- 
keit mit den äussersten Mitteln anzugreifen, einer geordneten 
Seelsorge nicht förderlich erscheinen konnte). 

Auf ähnliche Weise wie die Vorwürfe des Klosters Mar- 
moutier hat sich unser Bischof auch den Tadel des Abtes Gott- 
fried von Vendöme zugezogen. Dieser war ohne Zweifel einer 
der tüchtigsten und ehrwürdigsten Männer seiner Zeit, aber 
einer der streitlustigsten nicht minder ?). Nicht mancher unter 
all den Herren geistlichen und weltlichen Standes, mit denen 
er als Abt des exempten Klosters St. Trinitas in Berührung 
kam, ist von bitteren Ergüssen seines unbeugsamen Rechts- 
und Unabhängigkeitsbewusstseins verschont geblieben, auch 
sein Freund Hildebert nicht, und dieser soll nicht davon frei- 
gesprochen werden, dem Abte zuweilen auch zu berechtigter 
Unzufriedenheit Anlass geboten zu haben ?). Der Streitobjekte 
waren verschiedene, ein besonders wichtiges aber die Kirche 
von Savigny, die mitsamt dem bei ihr vorhandenen beweglichen 
und unbeweglichen Vermögen von der Gräfin von Vendöme 
weggenommen worden war. Schon oft habe er sich bei Hilde- 
bert über die letztere beklagt, jetzt sei er von dem Archi- 
presbyter Petrus zur Verhandlung der Sache an die bischöf- 
liche Kurie geladen worden. Dagegen erhebt er die exceptio 


!) Wie er unter anderen Umständen auch dieses Kloster gegen Laien 
unterstützte, siehe Dieudonn& 179 f. (dazu unten I, 5). — Gott- 
fried von Vendöme schreibt einmal (Brief II, 22 M. CLVIL, 89) sar- 
kastisch: De monachis Majoris, ut dieitur, Monasterii, quos B. Martini 
humilitas superbos et eius paupertas pecuniosos fecit, saepius conquesti 
adhuc conquerimur. 

2) Siehe über ihn Mirbt bei Herzog-Hauck VII (1899) 37 £.; 
Sackur inM. G. lib. de lite IL, 676 #.; Compain, der ihn aber viel- 
fach zu seinen Ungunsten einseitig beurteilt; unten im 3. Kapitel II. III. 

°) Siehe die Briefe Gottfrieds an Hildebert im 3. Buche der 
Sammlung; zum folgenden die Briefe III, 15. 16. 19. 21. 22. I, 3 bei 
Migne CLVII, 121 ff. 37 £.; vgl. Compain 200 f. 106 ff.; Dieudonne& 64. 


142 Zweites Kapitel. 


spolii; er müsse zunächst dem kanonischen Recht gemäss wieder 
in den Besitz der geraubten Sachen gelangt sein. Nebenbei 
versetzt er dem Bischof einige Hiebe: der genannte Archi- 
presbyter habe ihm das verlangte Geleit verweigert, eines 
solchen aber könne er, wo so viele ihm feindlich gesinnt seien 
und Hildebert selbst in seinem Machtbereiche sich nicht sicher 
fühle, nicht entraten. Nach Le Mans werde er ohnedies nicht 
kommen, weil Hildebert ihm einmal wegen der Grösse seines 
Trosses unliebsame Bemerkungen gemacht. Und auch andere 
ungehörige Worte, indisciplinata verba, sagt Gottfried, habe er 
„einem Weibe zu lieb“, nicht aus Gerechtigkeitsgefühl gegen 
ihn geschleudert; es waren also wohl Worte gewesen, aus 
denen hervorging, dass der Bischof von Le Mans nicht ohne 
weiteres das Recht auf der Seite eines Abtes fand, wenn ein 
solcher, und wäre es selbst der Kardinalabt von Vendöme, 
einen Laien, wäre dieser auch ein Weib, des Unrechts zeihen 
zu müssen glaubte. Dergleichen konnte Gottfried nicht gut 
über sich ergehen lassen. Erklärt er doch in einem anderen 
Briefe, er sei bereit, zu dem angesetzten Termine zu er- 
scheinen, obgleich es ihm unangemessen erscheine, dass einem 
Vicarius der römischen Kirche weniger Glauben geschenkt 
werde, als den Worten der Gräfin. Mit diesem Vikar war 
freilich nicht er selbst gemeint. Gottfried hätte es offenbar 
lieber gesehen, wenn Hildebert sofort auf seine Behauptungen 
hin mit dem geistlichen Schwerte gegen die Gräfin losgegangen 
wäre, dieser mag dagegen in Anbetracht der lästigen Aus- 
flüchte und des ewigen Haderns nicht einmal für die Ansetzung 
einer kontradiktorischen Verhandlung, die er, trotz des Grund- 
satzes der Eigenrechtsunfähigkeit der Laien in Bezug auf 
Kirchen, nicht für überflüssig hielt, den gewünschten Eifer 
entfaltet haben. Kurz, auch diese Sache kam vor einen 
päpstlichen Kardinallegaten, und die Gräfin gab in Gegenwart 
desselben die Kirche von Savigny und alles, was sie dem 
Kloster genommen, zurück. So wenigstens berichtet der Abt 
dem Bischof, aber er fügt hinzu, sie spreche jetzt wieder 


Die Rechte der Laien bei niederen Stellen. 143 


anders, und warnt ihn davor, sich von ihr täuschen und zu 
einer Handlung gegen die römische Kirche verleiten zu lassen; 
geschehe dies doch, so werde er sich gezwungen sehen, an 
den römischen Stuhl zu appellieren. In diesen Zusammenhang 
gehört wohl die eben erwähnte Zusage seines Erscheinens, 
und wir ersehen dann daraus, dass Hildebert weder durch die 
vorweggenommene Kennzeichnung eines etwaigen Zuwider- 
handelns noch durch die Drohung von seinem Grundsatze, 
beide Teile zu hören, auch den Laien gegen den Kleriker, sich 
hat abbringen lassen. Hat die Gräfin etwa jetzt eingewendet, 
sie habe nur der vom Abte angebrachten exceptio spolii ge- 
nügen wollen, um eine Verhandlung der Hauptsache zu er- 
möglichen? Wir wissen es nicht. Wir kennen nur noch den 
Ausgang des Streites. Wenn auch die Gräfin unterlegen ist, 
so dürfte doch Hildeberts Verhalten die Auslegung verdienen, 
dass ihm Rechte der Laien, auch da, wo die Reformgrundsätze 
sie in Frage stellten, ebensosehr am Herzen lagen, wie die des 
Klerus, und dass er vor allem das Vertrauen auf einen solchen 
Gerechtigkeitssinn der kirchlichen Behörde in der Laienwelt 
zu erhalten und zu fördern bestrebt war. Denn aus Furcht 
oder Liebedienerei das Recht zu beugen, zu verweigern oder 
zu verzögern, war er nicht feige und charakterlos genug, wie 
andere Beispiele seiner Regierungstätigkeit vollauf beweisen. 
Dagegen mag er aus besseren Gründen manchmal länger, als 
es dem Gegner lieb war, auf freiwilliges Einlenken des Schul- 
digen gewartet haben. 

(Gerade in einer Zeit, wo unter den Herren so viele 
Räuber und namentlich Kirchenräuber sich befanden, war es 
sehr wichtig, von diesen die besser Gearteten zu unterscheiden 
und demgemäss zu behandeln. Ihres Schutzes und ihrer Hilfe 
bedurfte man, um sich der Thomas von Marla, Hugo von 
Puiset '), Oliverius de Ponte u. a. noch einigermassen zu er- 
wehren. So führte gegen den letztgenannten und einige andere 


!) Siehe über diese Luchaire, Louis VI, Seite LXIX f. 


144 Zweites Kapitel. 


Raubritter der Herzog der Bretagne, Conan, sein Schwert, 
und ermöglichte es dem Erzbischof Hildebert, mit dem er zur 
Bekämpfung von Missbräuchen Hand in Hand ging), die von 
jenem profanierte Kirche der Abtei von Redon feierlich zu 
rekonziliieren ?). Und wie viel der König selbst, Ludwig VL, 
gegen diese grossen und kleinen Anarchisten zu kämpfen hatte, 
ist bekannt°). Könige und Herzöge aber waren auf die an- 
deren Grossen und Herren angewiesen, und es war darum 
gefährlich, solche, wenn sie vermeintliche Rechte verteidigten, 
alsbald zu Räubern zu stempeln; oft genug hiess das so viel, 
als sie dazu machen, sie in das Lager der skrupellosen Kir- 
chenräuber hinübertreiben. Und diese Gefahr war mit einer 
rücksichtslosen Verwerfung des Eigenrechtes der Laien hin- 
sichtlich der niederen Kirchen innerlich verbunden. Oder sollte 
sich etwa das auf jahrhundertelanger Uebung und auf der 
kirchlichen Billigung*) beruhende allgemeine Rechtsbewusstsein 
an einem solchen Gegenakt alsbald orientiert und darnach 
korrigiert haben? Man würde im Gegenteil ein jenem Grund- 
satz entsprechendes Verfahren als Raub empfunden und gleiches 
mit gleichem vergolten haben. Es war also eine Forderung 


!) Brief Hildeberts II, 30 (B. 132 £. M. 253 £.). 

?) Siehe hierüber bei Aur&lien de Courson Seite 298 ff. 392 £. 
394 f. Nr. CCCXLVII. app. LXX. LXXII. Was die von Dieudonn& 
98 Note 3 beanstandeten Daten der beiden ersten Urkunden betrifft, so 
ist zunächst zu bemerken, dass die erste den 23. Oktober 1127, die zweite 
den 24. Oktober 1126 nennt, nicht umgekehrt, wie D. hier versehentlich 
behauptet (richtig Seite 99). Da nun nach Angabe der beiden Urkunden 
der erstere Tag ein Sonntag, der letztere ein Montag war und dies nur 
für 1127 zutrifft, so steht das Jahr wohl auch ohne weitere Kombina- 
tionen fest, und die Angabe der von 1131 datierten dritten Urkunde, 
Oliverius habe sich nach Verlauf von fünf Jahren zu neuen Räubereien 
verleiten lassen, ist, sofern man sie auf die erste Bekehrung zurück- 
zubeziehen hat, als ungenau zu bezeichnen (nicht minder allerdings die- 
jenige Dieudonnes Seite 98: apres deux ans). Gallia Chr. XIV, 80. 
951 stimmt mit sich selber nicht überein. 

®) Luchaire, Louis VI, Seite LXV f£t. 

4) Stutz, Geschichte, Seite 259 ff. 


Die Rechte der Laien bei niederen Stellen. 145 


der einfachsten Klugheit, das der Notwehr entsprungene Re- 
formprinzip nur allmählich ins Leben zu bringen, und Hilde- 
bert verstand seine Zeit, wenn er zwar einerseits die Laien- 
kirchen zu vermindern und unter seiner Aufsicht zu halten 
suchte, anderseits aber über die gemilderten Regeln nicht 
hinausging und die Gefühle der Laien nach Möglichkeit schonte. 

Die Handlungsweise Hildeberts entsprach sodann durch- 
aus dem Interesse der kirchlichen Gerichtsbarkeit. Es war 
ein Erfolg der klerikalen Reaktion, wenn sich die Laienwelt 
in diesen Eigenrechtsprozessen mit Klöstern, Bischöfen und 
anderen Geistlichen die kirchliche Gerichtsbarkeit gefallen liess 
und dem kirchlichen Urteil Folge leistete. Zwar zeigen ein- 
zelne Fälle, wie derjenige des Waldinus, dass auch der Wider- 
spruchsgeist nach beiden Richtungen sich geltend machte, dass 
unter Umständen auch die kirchlichen Behörden den weltlichen 
Richter nicht entbehren konnten, aber es handelte sich dabei 
nicht um eine grundsätzliche Bestreitung der Kompetenz. 
Vielmehr bestand im allgemeinen die z. B. von der Gräfin 
Euphrosine von Vendöme ausdrücklich erklärte Bereitwillig- 
keit, beim geistlichen Richter Recht zu nehmen !). Dies war 
gewiss noch keine volle Verwirklichung des späteren Grund- 
satzes, dass alle Patronatssachen der kirchlichen Jurisdiktion 
zu unterwerfen seien ?), aber es war doch ein grosser Schritt 
auf dem Wege dahin, gleichviel, ob der geistliche Charakter 
der einen Partei oder derjenige des Streitgegenstandes dabei 
hauptsächlich massgebend wirkte. Auch von diesem Gesichts- 
punkte gebot die Klugheit, die anerkannte Gewalt mit Vor- 
sicht und ohne Parteilichkeit, unter grösstmöglicher Schonung 
der eingewurzelten Rechtsauffassung zu handhaben, weil sonst 
die Gewalt einem mit der Zeit sie untergrabenden Misskredit 
verfallen musste. 


!) Brief Gottfrieds III, 16 M. OLVI, 122. — Ein anderes Bei- 
spiel aus der Zeit Hildeberts siehe bei Charles et Menjot d’Elbenne 
Sp. 85 Nr. 132, 

?) Siehe unten I, 5. 

Barth, Hildebert von Lavardin. 10 


146 Zweites Kapitel. 


Fassen wir das Resultat unserer Untersuchungen zusam- 
men, so hat Hildebert sich ohne Zweifel sehr bemüht, das 
Institut der Laienkirchen durch Verminderung ihrer Zahl zu 
schwächen. Er hat sich aber der Mittel kirchlichen Zwanges 
enthalten, wo nicht ungerechte Verweigerung einer offenbar 
geschuldeten Rückgabe vorlag. Hinsichtlich der Form der Tra- 
dition hat er nicht auf der im strengsten Sinne allein recht- 
mässigen, einer vermittelnden missio in manum episcopi, be- 
standen, sondern mit der Einholung seines Konsenses zu der 
Beurkundung vorlieb genommen, ja für besonders schwierige 
Fälle wird er auch darauf verzichtet und etwa mit einer münd- 
lichen oder mit einer der betreffenden Korporation im voraus 
erteilten allgemeinen Zustimmung sich begnügt haben '). Man 
musste eben zufrieden sein, wenn die Laien überhaupt gut- 
willig die Kirchen abgaben, und wenn sie sich einigermassen 
um kirchliche Forderungen kümmerten. 

Und die Besetzung der fraglichen Stellen? Direkt 
darauf bezügliche Nachrichten finden sich nur ganz verein- 
zelt. — Es wurde bereits in diesem Zusammenhang hingewie- 
sen auf das im ersten Kapitel näher behandelte Vorgehen Hilde- 
berts gegen den schlimmsten Auswuchs des Eigenkirchenrechts, 
die Erbnachfolge in die kirchlichen Stellen ?). Sonderbarerweise 
ist nun gerade ein Fall auf uns gekommen, in welchem Hilde- 
bert diesem verhassten Uebelstande gegenüber seine Augen 


!) Die letztgenannte Methode findet sich sonst, wenigstens später, 
bezeugt; siehe unten I, 5. Jedenfalls kann man daraus, dass unter den 
Urkunden aus der Zeit Hildeberts in den verschiedenen Sammlungen 
auch die eine oder andere vorkommt, welche die an und für sich erforder- 
liche Zustimmung des Bischofs nicht erwähnt, noch nicht schliessen, dass 
sie bei den betreffenden Rechtsgeschäften wirklich gefehlt hat; denn 
ausser den erwähnten Möglichkeiten gibt es auch noch diese, dass die 
bischöfliche Konzessionsurkunde neben der anderen existierte (wie es in 
sonstigen Fällen feststeht) und nicht erhalten ist. Jedoch soll keineswegs 
bestritten werden, dass man hier und da die fragliche Vorschrift un- 
berücksichtigt gelassen haben mag. 

?) Oben Seite 65 ff. 


Die Rechte der Laien bei niederen Stellen. 147 


schliessen musste !). Der oben beschriebenen Schenkung des 
Klerikers Robert Pavo scheint gerade von seiten des Pfarrers 
der übertragenen Kirche anfänglich ein Hindernis in den Weg 
getreten zu sein. Wenigstens findet sich derselbe erst lange 
nachher, „zerknirscht durch Liebe zu Gott und zum heiligen 
Martinus“, im Kloster ein, um die Zuwendung auch seiner- 
seits anzuerkennen und sein Amt für die Zukunft aus der 
Hand des Abtes entgegenzunehmen. Dabei muss nicht nur 
ihm selbst das seinem früheren Vertragsverhältnis entsprechende 
Einkommen zugesichert werden, sondern der Abt erklärt auch, 
falls unser Presbyter Johannes einen Sohn oder Neffen (Enkel?) 
habe, der Kleriker sei und nach dem Tode des Vaters des 
priesterlichen Amtes walte, solle derselbe die Kirche mit 
Zubehör, sei er aber Laie, einen Teil des kirchlichen Besitz- 
tums von den Mönchen für Lebenszeit zur Leihe behalten. 
Ersteres Zugeständnis scheint zwar nach dem Wortlaut noch 
von dem Willen des Bischofs abhängig bleiben zu sollen ?), 
aber es ist auch so noch charakteristisch für die Zeit (zwischen 
1120 und 1125), dass Hildebert, der kurz darauf in der Bre- 
tagne eine so energische Kundgebung gegen die Vererbung 
der Benefizien erlässt, sich hier genötigt sieht, einer bedingten 
Stipulation derselben zuzustimmen. Vielleicht bestand das oben 
vermutete Hindernis gerade darin, dass unser Bischof dem 
Pfarrer und seinen Wünschen nicht gewogen war, dieser aber 
infolgedessen die Ausführung der Schenkung zu hintertreiben 
suchte und in seinem Widerstande von laikalen Verwandten 
Roberts oder von dessen Besitzvorgängern bestärkt und unter- 


") Urkunde Hildeberts bei M. 1783 f. Vgl. oben Seite 130 £. 

2) M. 1783: Porro dominus abbas concessit eidem Joanni, quod, 
si haberet filium vel nepotem clericum, qui post mortem patris presbyte- 
ratus fungeretur officio, ille per consilium episcopi vel [= et] pro amore 
Joannis praedictam ecclesiam cum terris ac domibus sive ceteris aedi- 
fieiis ad eam pertinentibus de monachis in vita tenebit. Am nächsten 
liegt freilich der Sinn, dass der Bischof sein consilium (hier wohl so viel 
als consensus) bereits gegeben hat. Ob der Presbyter im Klerikate sich 
verheiratet hat oder früher, ist nicht ersichtlich. 


148 Zweites Kapitel. 


stützt wurde. Auch Robert selbst wird ihn nicht haben auf- 
geben wollen, und so mag die Schenkung ernstlich gefährdet 
gewesen sein. Immerhin hat man auch bei diesen Abmachungen 
die Zustimmung des Bischofs für erforderlich gehalten Y. 
Noch ein anderer Fall beweist, wie gerade die Nichts- 
nutzigkeit des niederen Klerus das Zusammenwirken von Laien 
und Bischof zur Reform manchmal durchkreuzte °). Im Jahre 
1100 schenken unter Zustimmung Hildeberts Wilhelm Chesnel 
und seine @emahlin den ihnen zustehenden Anteil an der Peters- 
kirche von Avez&°) dem Kloster St. Albin in Angers. Der 
Kleriker Haimerich, Wilhelms Bruder, ist zwar unter den 
Konzedenten, nimmt aber nach dem Tode des Bruders den 


!) Ohne grundsatzwidrige Zugeständnisse ging es naturgemäss häufig 
nicht ab. Vgl. z. B. bei Charles et Menjot d’Elbenne Sp. 418 
Nr. 736, wo dem Erbauer einer Kapelle mit Genehmigung Hildeberts für 
die Zeit seines Lebens das „presbyterium“ überlassen wird, mit der Ver- 
pflichtung, „seinen“ Presbyter zu unterhalten. Nach seinem Tode soll 
die Kapelle an das Kloster St. Vincenz fallen. — Auf eine andere Ur- 
kunde, ebd. Sp. 88 ff. Nr. 139, sei hier noch hingewiesen, in welcher das 
Verhältnis des angestellten Priesters zu seinem Herrn bei Gelegenheit 
der Tradition zum Ausdruck kommt (die Konzessionsurkunde des über- 
geordneten Lehensherrn wird ebd. Sp. 91f. Nr. 142 wiedergegeben): 
Ein Avesgaudus übergibt dem Kloster St. Vincenz unter anderem alles, 
was er in gewissen Kirchen besitzt, medietatem scilicet primitiarum 
omnium ac decimarum, totumque cimiterium et presbyterium. An dem- 
selben Tage, dem 1. Mai 1100, überreicht er die Schlüssel der Kirchen 
dem Abt Rannulf, et per baculum suum, so beurkundet er weiter, de 
ipsis ecclesiis eundem revestivi presbyterumque meum, Oggerium nomine, 
et omnes successores suos sub jugo et potestate ipsius et monachorum 
perenniter esse permisi. Bischof Hildebert wird als regierend erwähnt; 
bezüglich des Fehlens seiner Konzession siehe oben Seite 146. 

?) Urkunden bei Piolin III, 686 fi. Nr. LXII bis LXIV. 

®) ,„.. ecclesiam sancti Petri de Avesiaco, sicut eam ipsi tunc habe- 
bant: id est medietatem totius ecclesiae cum dominio suo et presbyte- 
ragium cum appendiciis suis, cum terris, cum pratis, cum decimis, cum 
offerturis et totam sepulturam, decimam quoque trium molendinorum et 
piscium, qui ibi capti fuerint, et dimidium cimiterium, ad burgum facien- 
dum... ebd. Seite 686 Nr. LXI. 


Die Rechte der Laien bei niederen Stellen. 149 


Mönchen alles wieder ab, und während der frühere Presbyter 
ebenfalls dem Geschenke Wilhelms beigetreten war, lässt jetzt 
ein anderer sich von dem Gewalttäter beleihen. Beide aber, 
Haimerich und sein Presbyter, bekehren sich kurz vor dem Tode 
und restituieren. Der Priester behält für sich und seine beiden 
klerikalen Söhne etwas zum Unterhalte auf Lebenszeit, nicht 
aber, soviel man sehen kann, die Kirche. 

Bei den Ansprüchen und Anstrengungen der Laien hin- 
sichtlich des Einflusses auf die Stellenbesetzung war die Trieb- 
feder sehr häufig Verwandtensorge um ein gutes Unterkommen 
klerikaler Angehörigen. Auch dafür ein Beispiel aus Hilde- 
berts Regierung! Ein gewisser Gosbert beansprucht mit einem 
Neffen das „Presbyterium* einer Kirche auf Grund Erbrechts, 
und sie bewegen den Abt Rannulf (vermutlich noch zur Zeit 
des Bischofs Ho&l), den die Stelle verwaltenden Priester zu 
vertreiben und an seiner Statt den Bruder des Gosbert, Ful- 
coius, einzusetzen. Der folgende Abt, Wilhelm, aber ladet 
Gosbert und seinen Neffen vor die Kurie Hildeberts, und dort 
verzichten sie, gegen eine Abfindung, auf das Presbyterium. 
Fulcoius soll die Stelle für seine Lebenszeit behalten, dann 
aber niemand mehr aus seinem Geschlecht sie erbrechtlich 
besitzen !). Die Kirche selbst gehörte dem Kloster St. Vincenz. 
Trotzdem hatte die Familie des G@osbert, wahrscheinlich kraft 
Lehenrechtes, die Nutzung der Priesterstelle und die Verleihung 
derselben an ein Familienmitglied (unter Ausschaltung des 
Bischofs) beansprucht. Wir sehen hier Hildebert an der Be- 
seitigung solcher Erbansprüche mitarbeiten; weit deutlicher 
noch wird sich uns dies bei der Behandlung der Kapitelstellen 
als sein Ziel offenbaren. 

Eine ganz ähnliche Begebenheit aus Hildeberts Episkopat 
wird in einer Urkunde des späteren Bischofs Wilhelm bezeugt ?). 
Ein gewisser Nihard erklärt nämlich zweimal unter Eid, sein 


!) Bei Charles et Menjot d’Elbenne Sp. 85 Nr. 132. 
2) Ebd. Seite 3805 f. Nr. CCCCXCIL, Urkunde von 1167. 


150 Zweites Kapitel. 


Vater Drogo und dessen Vorfahren hätten an vier (benannten) 
Kirchen das Präsentationsrecht gehabt, Drogo habe dasselbe 
in die Hand des Bischofs Hildebert „resigniert“, dieser aber 
habe zweien von dessen Söhnen, klerikalen Brüdern des Nihard, 
die Ausübung des Rechtes für ihre Lebenszeit zugestanden. 
Bischof Wilhelm lässt dies gelten und bewilligt später sogar, — 
trotz der Befürchtung, es möchten am Ende wieder Erban- 
sprüche erhoben werden, — um weiteren Streitigkeiten vor- 
zubeugen, auf Bitten des Nihard auch dessen drei Söhnen, 
Kanonikern von St. Martin in Tours, auf Lebenszeit dasselbe. 
Was ist nun aber von jener Behauptung eines alten Präsen- 
tationsrechtes zu halten, die der genannte Bischof offenbar nicht 
kontrollieren konnte? Zunächst würde sie, in die Rechtssprache 
früherer Zeit übersetzt, dahin zu ändern sein, dass Drogo seinem 
beanspruchten Eigenrechte oder „Presbyterium“ entsagt, jedoch 
die Ausübung und Nutzung desselben, insbesondere auch ein 
Vorschlagsrecht seinen Söhnen vorbehalten habe. Diese Tat- 
sache, als richtig vorausgesetzt, schliesst doch immerhin noch 
nicht die Möglichkeit aus, dass Drogo früher etwas mehr als 
Präsentation betätigte; Nihard spricht eben, oder die Urkunde 
lässt ihn sprechen nach den Anschauungen einer späteren Zeit. 
Dann aber hätte Hildebert die Präsentationspflicht ausbedungen, 
und dies ist wahrscheinlicher, als dass er sie schon vorgefunden. 
Nun kommt aber noch hinzu, dass die Familie Drogo Malamusca 
mit der Wahrheit und Gerechtigkeit nicht so sehr .befreundet 
gewesen zu sein scheint, wie mit den kirchlichen Pfründen. 
Bischof Wilhelm hätte sich an einen Streit erinnern können, 
der etwa 23 Jahre früher, im Anfange seiner Regierung, zwi- 
schen einem Drogo Malamusca und dem Kloster La Couture 
geschwebt hatte und vor einem Provinzialkonzil zu Tours 
dadurch entschieden worden war, dass Drogo seinen offenbar 
schwach begründeten Anspruch auf eine Medarduskirche zu- 
rückzog !). Die Sache interessiert uns hier auch deshalb, weil 


!) Urkunde des Erzbischofs Hugo von Tours, bei den Benedik- 


Die Rechte der Laien bei niederen Stellen. 151 


er die Kirche von Bischof Hildebert wollte zu Geschenk 
erhalten haben; die Mönche dagegen behaupteten und be- 
wiesen einen mehr als 30jährigen ruhigen Besitz und eine 
bereits unter dem ersten Nachfolger Hildeberts, Bischof Guido, 
erfolgte Entscheidung. Sodann ist es vielleicht auch dieselbe 
Drogo-Familie, von welcher Hildebert selbst in einem Schrei- 
ben an den genannten Nachfolger Guido bezeugt, dass er sie 
wegen eines am Kloster St. Vincenz begangenen Raubes hatte 
zensurieren müssen, und dass die Erben des Täters in dem 
Unrecht fortgesetzt beharrten!). — So lässt sich denn das 
Zeugnis Nihards nicht ohne Vorbehalt verwerten. Die Be- 
eidigung verleiht ihm aber wenigstens Wahrscheinlichkeit, und 
mit den angeführten Modifikationen passt es ausgezeichnet in 
die allgemeine Entwicklung sowohl wie in die Geschichte 
Hildeberts hinein. 

Die Tatsachen, die wir für das Verhältnis der Laien zum 
Stellenbesetzungswesen hier beibringen konnten, beweisen jeden- 
falls, wie eng auch unter Hildeberts Regiment die Bekämpfung 
des Eigenkirchenrechts mit einer Bekämpfung unkirchlicher 
Stellenbesetzung zusammenhing. Wenngleich es nun gerade 
Beispiele dafür sind, dass er zuweilen Ungehörigkeiten an- 
erkennen und zeitweilig dulden musste, so geht doch aus dem 
Zusammenhang der Dinge deutlich genug hervor, dass ihm an 
der Unterdrückung der Missstände und an der Erlangung des 
erforderlichen Einflusses auf die Anstellung der Geistlichen im 
allgemeinen sehr gelegen war. DBetreffs derjenigen Kirchen, 
die in Laienhänden verblieben, können wir freilich in dieser 
Beziehung auf keinerlei Dokumente verweisen. Es kann auch 
nicht zweifelhaft sein, dass noch manche Laien ihre Unab- 
hängigkeit vom Bischof in der Verleihung von Kirchenstellen 
zu behaupten suchten; dies beweisen die mitgeteilten Beispiele 
eigenmächtigen Verfahrens, und es scheint noch um die Mitte 
tinern von Solesmes Seite 59 Nr. LIX. Ueber die Abfassungszeit siehe 


Note daselbst: c. 1144. 
!) Brief Hildeberts bei (B. und) M. 318 unter den Dipl. Nr. VI. 


152 Zweites Kapitel. 


des 12. Jahrhunderts in Le Mans sich so verhalten zu haben !). 
Man darf aber sicherlich mit Rücksicht auf den höheren Zweck 
der betrachteten Reformmassregeln Hildeberts und im Hinblick 
auf die in den nächsten Jahrzehnten eintretende Herrschaft der 
Präsentationspflicht die Vermutung aussprechen, dass er auch 
für ihre Durchführung, wie für die übrigen Punkte der ehe- 
maligen fränkischen Reform, seinen Einfluss verwendet hat). 

Dass er nicht weiter vorgedrungen ist, lässt sich, wie ein- 
gangs dieser Untersuchung angedeutet wurde, schon aus der 
allgemeinen Entwicklung dieser Dinge vermuten. Zwar hat 
man, nachdem man bereits begonnen, das Hauptgewicht auf 
die Bistümer und Abteien zu legen, ausser dem simonistischen 
Erwerb von Kirchen und’Aemtern auch das ganze Eigenkirchen- 
wesen mit allen seinen Auswüchsen auf den Synoden immer 
wieder angegriffen °), aber noch im Jahre 1119 zu Reims sah 
sich Papst Oalixt II. gezwungen, das Verbot der Laieninvestitur 
auf die Bistümer und Abteien zu beschränken, weil einige 
Kleriker und viele Laien einer Ausdehnung desselben auf alle 
Kirchen und kirchlichen Einkünfte andauernd heftig wider- 
sprachen; „denselben schien es nämlich, dass der Papst unter 
diesem Kapitel (in seinem ursprünglichen Wortlaut) die Zehnten 
und sonstigen Kirchenbenefizien, welche die Laien von alters 
her besassen, vermindern oder beseitigen wolle“ *). Man hatte 


!) Urkunde des Bischofs Wilhelm vom Jahre 1150 (oder Anfang 
1151): Liber Albus Seite 73 Nr. OXXIX. Sie wird unten I, 5 etwas 
eingehender besprochen. 

?) So zeigt er sich auch auf ein angemessenes Einkommen der 
Priester bedacht: Urkunde Hildeberts bei den Benediktinern von 
Solesmes, Seite 48 Nr. XL: Praeterea memoratam sic eleemosynam fieri 
concedo, ut, quod sacerdos in praefata ecclesia tempore praedecessoris 
nostri Hoelli obtinuit, sine diminutione obtineat et quiete. Die Kirche 
war jetzt dem Kloster La Couture geschenkt. (Es ist freilich nicht sicher, 
dass diese Klausel den Bischof zum Urheber hat; sie schliesst sich aber 
unmittelbar an den Vorbehalt zu Gunsten der Mutterkirche an). — Ueber 
Diözesansynoden siehe das folgende. 

®) Siehe oben Seite 124 Anm. 1. 

*) Hefele Cg. V, 355 f.; Hesso Scholasticus bei Mansi XXI, 


Die Rechte der Laien bei niederen Stellen. 153 


eben vorläufig von einer konsequenten Durchführung der 
früheren Dekrete abgesehen, weil sie zu schwierig und zu 
gefährlich war. — Auf den Erfolg der Reformtätigkeit für die 
Kreise des niederen Klerus fällt damit allerdings ein etwas 
ungünstiges Licht, und wenn es auch als eine Unterschätzung 
des Resultates jener 50jährigen Kämpfe und einer 200jährigen 
Bewegung bezeichnet werden muss, bezüglich des niederen 
Klerus schlechthin von einem geringen Nutzen zu reden, so 
war doch an eine nachhaltige und umfangreiche Wirkung bei 
Fortdauer jener Laienherrschaft nicht zu denken. Daraus be- 
greift es sich aber auch, dass die Kirche seitdem mit uner- 
müdlicher Zähigkeit nach Abstreifung dieser Herrschaft ge- 
trachtet hat. 

Es war demnach die Schuld der Zeit, wenn Hildebert in 
diesem Punkte wie in einem anderen mit ihm eng zusammen- 
hängenden, der Zölibatsverletzung !), darauf verzichtete, die 


249. (Der Kanon lautete ursprünglich: Investituram omnium ecclesiarum 
et ecclesiasticarum possessionum per manum laicam fieri modis omnibus 
prohibemus.) Siehe auch oben Seite 116 Anm. 4. Zur Interpretation 
dieser Stelle vgl. Hauck III, 918 Note 1; eine Unklarheit und ein Ver- 
schweigen der Hauptsache liegt nicht vor, weil mit der Bestreitung des 
Investiturrechtes, wie sie in dem betr. Satze geschah, die Bestreitung des 
Eigenrechtes in der Tat von selbst gegeben war. — Daneben machte aber 
der Papst den Bischöfen und allen Klerikern die Beseitigung erblichen 
Besitzes innerhalb der Kirche zur Pflicht. Ein Hinweis daraufin Gallia 
Chr. XIV (Instr.), 81 Nr. LXII: Quoniam Remensi concilio, ac generali 
a domino nostro venerabili papa Calixto universis sanctae Ecclesiae 
praelatis hereditariam possessionem in sancta Dei Ecclesia extirpare in- 
junctum est, talibus obedire praeceptis dignum praebui assensum. Qua- 
propter ego Donoaldus (Aletensis episcopus) ... notum fieri volo, quod 
ecclesiam S. Mariae de Combornio, quam depravatores Ecclesiae a pro- 
genie in progeniem diu tenuerant, et quam ad ultimum Hingaudus, pres- 
byter eiusdem ecclesiae, divina gratia inspirante in nostras manus dimisit, 
Guillelmo abbati et congregationi S. Martini Majoris Monasterii dono 
et in perpetuum habendam concedo cum omnibus rebus, quae ad eandem 
ecclesiam pertinent, salvo jure Aletensis ecclesiae. Vgl. Mansi XXI, 
286, c. IV (Hefele, Cg.V, 356, c. 4). 
!) Siehe oben Seite 58 ff. 


154 Zweites Kapitel. 


kirchlichen Grundsätze mit radikalen Mitteln sofort und ganz 
zu verwirklichen; ein dies erstrebendes Bemühen wäre ein 
vergebliches gewesen. Er durfte zufrieden sein, wenn es ihm 
gelang, eine Reihe von Laienkirchen in geistliche Hände zu 
bringen, auf die Besetzung der Pfarrämter den unbedingt not- 
wendigen Einfluss zu gewinnen und den Klerus der Laien- 
kirchen einigermassen unter seiner Aufsicht zu halten, ins- 
besondere auf Diözesansynoden ihn mit den Geistlichen der 
bischöflichen und der Klosterkirchen zu versammeln !). Das 
wird er einesteils durch Energie, andernteils durch gutes Ein- 
vernehmen mit den weltlichen Herren erstrebt und im grossen 
ganzen wirklich erreicht haben. Wenn sich auf seinen Diö- 
zesansynoden fünfhundert Kleriker und mehr zusammenfanden, 
wie er von einer einzelnen, allerdings unter ungewöhnlichen 
Umständen gehaltenen, selbst berichtet?), dann stand er diesem 
Klerus gegenüber nicht ohnmächtig da. Und in welchem 
(reiste er seinen Einfluss verwendete, dafür hat uns ein glück- 
liches Geschick ein sprechendes Beispiel aufbewahrt. Die schon 
erwähnte Synodalpredigt schildert das Berufsleben des Priesters 
in seiner dreifachen Eigenschaft als eines Christen, eines 
ÖOpferers und eines Hirten der Form wie dem Inhalt nach so 
einfach und doch so vollendet, dass sie gar wohl geeignet war, 


!) Damit kam er dem Geiste der kirchlichen Gesetzgebung nach, 
wie er z. B. in einem Paschal II. zugeschriebenen Dekret sich kundgibt: 
Sicut Domini vestimentum scissum non est, sed de eo sortiti sunt, ita 
nec ecclesia scindi debet, quia in unitate tota consistit. In potestatem 
ergo proprii episcopi ecclesiae reducantur et ab ipso, sicut sacris canonibus 
cautum est, ordinentur. Alioquin et ecclesiae ipsae et clerici earundem 
divinis destituantur officiis (Mansi XX, 1072 f. = e. 19 C. XVI q. 7). 

?) Brief Hildeberts an König Wilhelm II. von England bei Dieu- 
donn& 207. — An derselben Stelle lesen wir, dass diese Diözesan- 
synoden regelmässig stattfanden; das gleiche wird schon von einer Pfingst- 
synode Hoels bezeugt: A. P. Mab. 311, Sp. 2 unten. In späteren Urkunden 
erscheinen Pfingsten und Allerheiligen als Synodaltermine, Pfingsten 
auch in einer Urkunde aus Hildeberts Zeit, bei Charles et Menjot 
d’Elbenne Sp. 63 £f. Nr. 88. 


Die Rechte der Laien bei niederen Stellen. 155 


das Programm einer inneren Reform des Klerus zu bilden. 
Diejenige Stelle der Rede, welche unserer gegenwärtigen Be- 
trachtung am nächsten liegt, sei hier mitgeteilt: „Die Hirten 
haben nicht zu suchen, was ihrer ist, sondern was Jesu Christi, 
nicht zeitlichen Gewinn, sondern das Heil der Seelen. Hören 
wir, was von denen, die sich selber weiden, die Schafe dagegen 
vernachlässigen, der heilige Geist durch den Propheten spricht: 
‚Ihr verzehret die Milch und kleidet euch mit der Wolle, aber 
was schwach ist, habt ihr nicht gestärkt, was krank, nicht 
gekräftigt, was verloren, nicht gesucht; was stark war, habt 
ihr geschwächt, und zerstreut sind meine Schafe, weil sie 
keinen Hirten haben.‘ ... Die Milch der Schafe ist dasjenige, 
was den Vorgesetzten die Untergebenen zum Unterhalt ge- 
währen. Sie gewähren Zehnten und Erstlinge, Opfergaben, 
Almosen für Verstorbene. ... Wolle aber bezeichnet die Ehre, 
welche von Untergebenen den Vorgesetzten erwiesen wird.... 
Das also ist es, was die Hirten suchen, die sich selber weiden 
und die Schafe vernachlässigen, der Gewinn des Unterhaltes 
und der Genuss von Gunst und Lob. Doch Ihr erwidert 
vielleicht: Sollen denn nicht vom Altare leben, die ihm dienen? 
Wer pflanzt einen Weinberg und isst nicht von seiner Frucht? 
Wer verschliesst dem dreschenden Ochsen das Maul? Der 
Arbeiter ist doch seines Lohnes wert. Gewiss, Ihr dürft die 
Milch der Schafe trinken, dürft auch mit ihrer Wolle Euch 
kleiden, aber nur denjenigen ist dies gestattet, welche, auf 
solche Weise des Lebens Notdurft sich verschaffend, die Be- 
dürftigkeit der Schafe nicht unbeachtet lassen. Denn wenn 
Ihr das schwache Schaf nicht stärket, das kranke nicht kräftiget, 
das irrende nicht suchet, dann trinket Ihr die Milch der Schafe 
zu Eurem Verderben, weil Ihr Euch selber weidet und die Schafe 
verachtet“!). Und das war es eben, was sich mit dem herr- 
schenden System als geradezu unvermeidliches Uebel verband; 


!) Predigt 88 (B. 661 ff., M. 751 ff.), der im Texte wiedergegebene 
Passus B. 665 f., M. 754 f. Vgl. oben Seite 117 Anm. 2. 


156 Zweites Kapitel. 


die Seelsorge war in weiten Kreisen zu einem Gewerbe ge- 
worden, bei dem der Verdienst und allenfalls eine gewisse 
Ehre die erste oder gar die einzige Rolle spielten. 

So mochte denn Hildebert gleich Ivo!) der inneren Be- 
freiung seines Klerus Zeit und Mühe mit mehr Hoffnung auf 
gute Früchte widmen, als er sie bei dem anderen Versuche, 
die Gewalt der Laien ganz zu brechen, hätte hegen können; 
so, wie auch besonders durch eine sorgfältige Heranbildung 
des Nachwuchses, für die er als Lehrer das erforderliche Ver- 
ständnis sich angeeignet hatte ?), mochte er in erheblichem 
Masse dazu beitragen, seinen Klerus für eine äussere Be- 
freiung reif zu machen, was derselbe ohne Zweifel damals zu 
einem grossen Teile noch nicht war. Dass Ivo mehr verwirk- 
licht hätte, ist nicht bekannt und nicht wahrscheinlich; viel- 
leicht bezieht sich die zuweilen von ihm erhobene Klage über 
Unfruchtbarkeit seiner sorgenvollen Mühen?) gerade zumeist auf 
die Reform des niederen Klerus. Beide Bischöfe haben sicher 
das Ihrige getan, um die herrschenden, historisch gewordenen 
Zustände „mit der Vernunft und Wahrheit, mit Gesetz und 
Auktorität* in Einklang zu bringen), aber in dem Grade, wie 
die strengeren Reformgesetze es verlangten, konnten sie es 
beim besten Willen noch nicht; das war die Aufgabe der Zu- 
kunft. Den Klerus wenigstens soweit aus den Fesseln des 
Eigenkirchenrechts zu befreien, wie es die karolingische Ge- 
setzgebung bereits sich vorgesetzt, das wird, wie Hildeberts 
und Ivos, auch vieler anderen Bischöfe unablässiges und nicht 


!) Foucault 20 f. 

?) Vgl. oben Seite 34 fl. 56 f. 68. 102 f. 

®) Z.B. Brief 12 (M. 24 £.) 67 (M. 86). 110 (M. 128£.). Dass auch 
er die betr. kirchlichen Vorschriften nicht ausser acht liess, zeigt z. B. 
Brief 219 (M. 222 £.): ... praedietus adolescens infestus est mihi, quod 
eum non permitto contra canones et conciliorum edicta per manum laicam 
in quadam ecclesia presbyterium usurpare et presbyteri oblationes pres- 
bytero ablatas suis usibus mancipare. 

#) Siehe oben Seite 113 f. 


Die Rechte der Laien bei Kapitelstellen. 157 


vergebliches Streben gewesen sein, und dadurch wurden der 
weiteren Gesetzgebung die Wege geebnet. 

„Die Lehensmannschaft der Kleriker und ihre persönliche 
Untertänigkeit zu verbieten, der Pfarrei die Nutzung ihrer 
Einkünfte und ihrer Zehnten wieder zu verschaffen und damit 
ihr Patrimonium wieder herzustellen, dem Grundherrn jegliches 
Eigentumsrecht zu versagen, mit einem Worte, auch diesen 
kirchlichen Organismus zu befreien wie das Bistum, wie das 
Kloster, wie das Papsttum selbst, das musste der Sinn, das 
Resultat der Reformbeschlüsse werden. So reformiert wird die 
Pfarrei das religiöse und das soziale Leben wieder aufblühen 
sehen“ !). Und daran hatten noch manche Nachfolger Hilde- 
berts und Ivos zu arbeiten. 

3. Auf einem anderen Felde der Reformtätigkeit tritt das 
Wirken der beiden Bischöfe für das Auge der Nachwelt mehr 
hervor. Die Kapitel, denen wir uns jetzt zuwenden wollen ?), 
waren zu mächtige und zu streitlustige Korporationen ge- 
worden, als dass hier im Falle eines Widerstandes so leicht 
wie bei den Pfarrgeistlichen der Kampf gleichsam im einzelnen 
und im stillen sich hätte abspielen können. Auch durfte bei 
ihrer hohen, den Augen einer grossen Oeffentlichkeit aus- 
gesetzten Stellung, die sie zu einem Vorbild für viele andere 
machte, und vor allem wegen ihres überwiegenden Einflusses 
bei der Bischofswahl ein Aufschieben entschiedenen Vorgehens 
weniger angebracht erscheinen. Die Gesetzgebung hat sich 
zwar damals mit den Kapiteln und ihren Mitgliedern nur selten 
eigens befasst?), sie vielmehr den allgemeinen Regeln unter- 


!) Imbart de la Tour: Rev. hist. LXVIIL, 51. 

2) Hierzu Hinschius KR. II, 49 ff. 613 ffl.; Schneider, Dom- 
kapitel; Luchaire, Manuel, Seite 51 ff. 272 ff. 505 ff.; Luchaire bei 
Lavisse III, 251 ff.; Hüffer, Forschungen; Bernheim, Wormser Kon- 
kordat 71£. 

>) Z. B. Hefele Cg. IV, 789 (Toulouse 1056, c. 8: Auch eine Propstei 
darf der Laie nicht für sich behalten). V, 410. 442 (Clermont 1130, c. 11 
= Rom 1139, c. 16: Ausschluss des Erbrechts für Präbenden und Propsteien). 
410. 441 (ebd. c. 5 bezw, 9: Verbot des juristischen und medizinischen 


158 Zweites Kapitel. 


worfen, wie sie denn auch den allgemeinen Uebeln verfallen 
waren. 

Dieser Verfall aber wurde besonders den Laien zur Schuld 
gegeben, und gegen ihren Einfluss waren demgemäss auch hier 
die Reformbestrebungen in vorzüglichem Masse gerichtet. So 
lange mit der sonstigen Verwaltung auch die des Vermögens 
bei der bischöflichen Kirche an die Hand des Bischofs ge- 
bunden war, hatte es für. Laien keinen Wert, auf die inneren 
Verhältnisse der Kapitel, insbesondere auf die Besetzung der 
Stellen einzuwirken, es sei denn dadurch, dass man sich un- 
berufener Weise in diese Stellen hineindrängte, um vom 
Bischof unterhalten zu werden. Als aber mit der Trennung 
des Kapitelvermögens von dem bischöflichen und mit dem Aus- 
einandergehen der einzelnen Pfründen das Kapitel als solches 
ein selbständiger Vermögensherr und jeder Kanoniker ein 
Benefiziat desselben wurde, als im Zusammenhang damit auch 
die kirchliche und politische Macht der Kapitel und ihrer Vor- 
steher wuchs, da wurde es den Laien von Rechts wegen mög- 
lich und zugleich sehr wichtig, von aussen her sich in die 
Kapitelsverhältnisse einzumischen !). 

So standen denn im 11. Jahrhundert auch die Kapitel unter 
dem Zeichen des herrschenden Benefizial- und Lehenswesens: 
Laien vergabten und vererbten vielfach die Präbenden, auch 
hielten sie solche manchmal selber inne, indem sie den Dienst, 
wenn überhaupt, durch Vikare versahen; oder es wurde das 
eine oder andere Familienmitglied zum geistlichen Stande be- 
stimmt, um in einem Kapitel die nötige Versorgung zu finden; 
dass unter diesen Umständen auch Ehe oder Konkubinat und 
damit wieder Erbnachfolge nichts Unerhörtes waren, kann 
nicht verwundern?). Schlechte Bischöfe trugen zur Ver- 


Studiums für regulierte Kanoniker). 222. 380. 419 (Clermont 1095, c. 3; 
Lat. 1123, c. 6; Reims 1131, c. 4: Propst, Dekan, Archidiakon müssen 
Priester oder Diakon sein). 

!) Ueber diese Entwicklung vgl. oben Seite 108 f. 

?) Vgl. die vorletzte Anmerkung. 


Die Rechte der Laien bei Kapitelstellen. 159 


wüstung der Kapitel bei, den guten aber war es oft genug nicht 
möglich, Abhilfe zu schaffen. Standen auch die Domkapitel 
und ihre Mitglieder zum Bischof in dem Verhältnis von Bene- 
fiziaten oder von Vasallen !), so suchten sie doch, wie die Va- 
sallen im allgemeinen, ihre Stellung zu dem ehemals, unter der 
Herrschaft des gemeinschaftlichen Lebens, ziemlich unum- 
schränkt gebietenden Herrn, immer selbständiger zu machen 
und unbequemen Eingriffen in ihre Rechts- und Lebenssphäre 
nach Möglichkeit zu entgehen. 

Dennoch gelang es mancherorts, auch in Frankreich, der 
Laienmacht einen Riegel vorzuschieben und eine Reform zu 
bewirken durch das radikale Mittel der Wiedereinführung 
eines gemeinsamen Lebens. Von diesen Bemühungen und 
ihren Erfolgen war bereits in der Einleitung dieses Kapitels 
die Rede. Aber es fehlte auch nicht, namentlich bei den 
Domkapiteln, an Misserfolgen. Zu den berühmtesten der letz- 
teren gehört derjenige des Bischofs Stephan von Paris gegen- 
über dem dortigen Kapitel von Notre Dame, das er nach und 
nach mit Regularkanonikern von St. Viktor zu besetzen ge- 
dachte. König Ludwig trat, um seinen Einfluss im Kapitel 
zu wahren, den Kanonikern zur Seite, und der Kampf endigte 
damit, dass das Kapitel blieb, wie es war; die Ermordung des 
Priors Thomas von St. Viktor im Jahre 1133 war eine Ant- 
wort auf dieses und ähnliches Bestreben ?). Es ist leicht zu 
begreifen, dass sich Kanoniker, Laien und Fürsten zum Wider- 
stand vereinigten. Darum versicherten sich andere Bischöfe, 
wie diejenigen von Cahors und Seez, zeitig des Einverständ- 
nisses weltlicher Herren; der erstere verschaffte sich die Zu- 
stimmung des Grafen Wilhelm von Toulouse, der letztere 
handelte im Einvernehmen mit König Heinrich von England ’°). 


!) Imbart de la Tour, les &lections, Seite 334. 
?)\ Luchaire bei Lavisse III, 256 fl. Derselbe, Louis VI, Seite 
CXLV. CLXXV ft. 
3) D’Achery, Spicilegium, III, 415 f. (Vgl. Gallia Chr. I [Instr.], 
831); Gallia Chr. XI (Instr.), 160 £. 


160 Zweites Kapitel. 


Ivo und Hildebert sind vorsichtig gewesen, dennoch 
blieben auch ihnen die ärgsten Erfahrungen nicht erspart. 
Gern hätte ohne Zweifel der Bischof von Chartres als be- 
geisterter Anhänger der Stiftsreform auch sein Domkapitel 
regularisiert, er erkannte aber früh genug, dass sein Bemühen 
ein vergebliches sein würde. Stiess er doch ohnedies schon 
auf die grössten Schwierigkeiten, wenn er Reformversuche 
machte, wenn er z. B. Männer seines Vertrauens in das Kapitel 
aufnehmen wollte, da die Kanoniker meinten, er dürfe dies 
nicht, ohne mit ihnen beraten zu haben !). Sie wollten augen- 
scheinlich unter sich bleiben, Leuten anderer Gesinnung und 
anderen Standes den Zugang zu ihren Reihen verschliessen, 
am liebsten hätten sie wohl das Kapitel nach und nach dem 
Adel reserviert. Auf dem Wege zu diesem Ziel trafen sie 
aber einen Gegner, der ihnen gewachsen war, und dieser 
Gegner war eine Frau?). Um sich vor dem Eindringen ge- 
wisser halbfreier Genossen in Zukunft zu schützen, die von 
weltlichen Grossen mit Kapitelspfründen bedacht wurden, be- 
schlossen sie, derartige „conditionari“°) nicht mehr zuzu- 
lassen, und durch eine eidliche Bekräftigung glaubten sie 
diesen Beschluss zu einem unumstösslichen zu machen. Ivo 
stand ibnen, obgleich sie ihn vor der Beschlussfassung nicht 
befragt hatten, bei *), ohne Zweifel, weil er durch ihr Vorgehen 
einen Teil des ungehörigen weltlichen Einflusses auf die Be- 
setzung der Kapitelsstellen beseitigt wähnte; er bewirkte auch 
die päpstliche Bestätigung. Indes Adele von Blois, eine ihres 
Vaters, Wilhelms des Eroberers, würdige Frau, von den Zeit- 
genossen viel gepriesen°), war nicht gesonnen, dieses in ihren 


Foucault, 37 fi. 31f.. Vgl. unten II 1. 

2) Ebd. 25 fl.; Luchaire, Louis VI, Seite 13 f. Nr. 23. 

3) So nennt die Ausgeschlossenen Ivos Brief 147 (M. 152) und das 
päpstliche Dekret. In den Briefen 126 und 133 (M. 138. 143) heissen 
sie auch vulgo nati vel quilibet alii de extranea familia geniti und liberti. 

4) Brief Ivos 126. 

5) Ueber Hildeberts diesbezügliche Briefe und Gedichte siehe Dieu- 


Die Rechte der Laien bei Kapitelstellen. 161 


Augen eigenmächtige und für sie beleidigende Verfahren still- 
schweigend zu billigen, während sie vielleicht auf dem Wege 
freundlicher Unterhandlungen berechtigten Wünschen statt- 
gegeben hätte. Sie stellte dem Eide der Kanoniker einen 
eigenen entgegen, nicht ruhen zu wollen, bis ihr Genugtuung 
geworden sei. Und in der Tat, vermittels fortgesetzter Re- 
pressalien, allen Bitten und Drohungen trotzend, triumphierte 
sie endlich über das Kapitel samt dem Bischof und dem 
Papst: die conditionarii der Gräfin und die fiscalini des Königs 
wurden von dem Beschlusse ausgenommen. Die stolzen Kapi- 
tulare, die zum Teil sogar die Leistung der Mannschaft von 
ihren Genossen forderten), hatten von seiten eines stolzen 
Weibes die verdiente Demütigung erfahren, und der Bischof 
musste erkennen, dass es gleich schwer war, nach aussen 
wie innerhalb des Kapitels die Freiheit der bischöflichen Kol- 
lation zu wahren?). — Worauf der König und die Gräfin 
ihre Ansprüche stützten, das war kaum etwas anderes als 
der Umstand, dass sie oder ihre Vorfahren zu dem Ver- 
mögen des Kapitels beigesteuert hatten. Bischof und Kapitel 
standen unstreitig auf dem Böden der Reform, wenn sie einer 
schrankenlosen Verwirklichung solcher Ansprüche entgegen- 
traten, und erst recht, wenn sie das Domstift unfreien Ele- 
menten verschliessen wollten; unklug und ungehörig aber stellt 
sich uns die Art und Weise des Vorgehens dar, verdächtig 


donne 198 ff. 203 ff.; Haurdau, Melanges, Seite 130. 204 f. Näheres 
gehört in die Darstellung der litterarischen Bedeutung Hildeberts. 
!) Foucault 29 £.; unten II, 1. Aus dem Briefe Paschals vom 
23. Nov. 1103 (bei Lepinois et Merlet I, 112) geht auch hervor, dass 
die Kleriker infolge der Eidesangelegenheit untereinander in grossen Hader 
geraten waren. 
®) In einem Konflikt des Bischofs mit einem Teile des Kapitels 
wegen Stellenbesetzung griff der König zu Gunsten des ersteren, in einem 
Streit des Bischofs und Kapitels mit den Pröpsten wegen Art und Weise 
der Verwaltung zu Gunsten der letzteren ein (siehe unten II, 1); ein 
anderes Mal suchte er vergebens dem Bischof in einer Stellenbesetzungs- 
frage seinen Willen aufzudrängen: Luchaire, Louis VI, Seite CLXXIILf, 
Barth, Hildebert von Lavardin. 11 


162 Zweites Kapitel. 


erscheint auch im bezeichneten Sinne die Tendenz des Kapitels, 
dessen ausschlaggebender Teil in dieser Zeit, wie sich noch 
näher zeigen wird, keineswegs in einer lauteren Reform- 
gesinnung mit seinem Bischof eins war. 

Das Härteste für einen Bischof war es, wenn, wie wir 
es sogleich in Hildeberts und später in Ivos Geschichte finden 
werden, widerspenstige Kleriker mit einem weltlichen Macht- 
haber sich verbündeten und sich auf ihn stützten. Wir nehmen 
an dieser Stelle einen Brief des Propstes Fulko von Ühartres 
an König Ludwig VI. vorweg, der eine solche Lage mög- 
lichst interessant beleuchtet; auf den Gegenstand des Streites 
kommt es vorläufig nicht an. „Wisset, mein teuerster Herr,“ 
so klagt der genannte Dignitar, „dass alles, was Ihr unserem 
Bischof zu unseren Gunsten geschrieben habt, nicht für uns, 
sondern gegen uns ausgeschlagen, und dass wegen Eures Er- 
suchens sein Verhalten gegen uns noch schlimmer geworden 
ist, als es vorher war. Nachdem er uns einen Verhandlungs- 
termin gesetzt hatte, wusste er es ın der Zwischenzeit zu be- 
wirken, dass ein Kardinal ihm verbot, mit uns zu verhandeln. 
Er klagte uns nämlich bei demselben dafür an, dass wir uns 
an den König gewendet, den König also veranlasst hätten, 
sich in Angelegenheiten unserer Kirche einzumischen. Somit 
gereicht es uns jetzt zum Schaden, Euch gebeten, zu Eurer 
Hilfe und Eurem Rate unsere Zuflucht genommen zu haben. 
Denn jetzt hat er uns Recht verweigert und verweigert es 
noch, statt dessen sucht er uns wider Willen nach Rom zu 
bringen und ladet uns dorthin. Das aber sollt Ihr wissen, 
dass es viele Privilegien (Verordnungen) in unserer Kirche 
gibt, die mit Zustimmung und unter der Auktorität des Königs 
und der Königin der Franken erlassen wurden; in diesem 
neuesten aber geschieht Eurer nicht einmal irgendwie Erwäh- 
nung, und darin lässt sich eine Schädigung und ein Schimpf 
für Eure Krone erblicken. Lebt wohl. Was immer er 
Euch zutragen mag, wisset in Wahrheit, dass er nur Böses 
sinnt, und dass er lieber sieht, wenn alles zum Schlimmeren, als 


Die Rechte der Laien bei Kapitelstellen. 163 


wenn es zum Besseren und zu ruhigen Verhältnissen sich ent- 
wickelt“ N. 

Hiermit dürften die allgemeinen Zustände, in welche 
Hildeberts Bemühungen um die Reform der Kapitel hinein- 
fallen, genügend gekennzeichnet sein. Hildebert ist als scho- 
larum magister und Archidiakon selbst Mitglied des Dom- 
kapitels gewesen und hat als solches Gelegenheit gehabt, die 
Widerwärtigkeiten kennen zu lernen, die ein Streit zwischen 
dem Bischof und dem Kapitel oder einem Teile desselben 
verursachen konnte ?); diese furchtbaren Wirren werden nur 
dadurch erklärlich, dass die Interessen der Kapitulare aufs 
engste mit denjenigen der hohen Laienwelt verwachsen waren 
und die letztere einen bedeutenden Einfluss auf die ersteren 
auszuüben vermochte. Aehnliches nun, wie seinem Vorgänger 
durch übereifrige Parteinahme für die normannischen Ober- 
herren, begegnete ihm in den ersten Jahren seines Episkopates, 
wie wir im dritten Kapitel des näheren zu erörtern haben, in- 
folge seines Strebens nach Unabhängigkeit und Unparteilichkeit. 
Einige Kanoniker standen ihm zeitweilig feindlich gegenüber 
und bereiteten ihm so viele Bitterkeiten, dass er schon nach 
einigen Jahren die Neigung verspürte, der übernommenen 
Bürde sich zu entledigen?). Die gemeinsamen Leiden der 
Kriegsjahre unter Wilhelm dem Roten von England werden 
aber schon dahin gewirkt haben, Bischof und Kapitel einander 
näher zu bringen; als dann nach des Königs plötzlichem Tode, 
der noch dazu als ein Gottesurteil über seine reform- und 


ı) Bei Merlet S.450 Nr. V; bei Souchet, Migne CLXTIJ, 484 f., 
wo aber der Brief ganz irrtümlich behandelt ist. Vgl. unten II, 1. — 
Ein anderes Mal muss er dem Papste gegenüber die Behauptung einiger 
Kleriker zurückweisen, dass er unter Zuhilfenahme des Königs den 
Kanonikern Unrecht getan; siehe Brief Ivos 219 (M. 223. 224): Quibus 
verbis liquet, quia de his, quae eis contuli, nihil omnino imminentia regiae 
potestatis abstuli nec regem ad dispensationes ecclesiasticas vel causas 
inyitayi vel admisi. 

2) AYP,, Mab. 310 fi; Piolin III, 3418. 

®) Brief Hildeberts III, 7 (B. 175. M, 288); dazu Dieudonne& 186. 


164 Zweites Kapitel. 


rechtswidrige Willkürherrschaft angesehen wurde !), Ruhe und 
Sicherheit zurückkehrten, als Hildebert in seiner Hirtensorge 
den Wünschen aller Rechtschaffenen entsprach, blieb für In- 
trigen böswilliger Kanoniker kein Raum mehr, und es scheint 
in dem gegenseitigen Verhältnis fernerhin ein ungetrübter 
Friede gewaltet zu haben. Fast könnte man glauben, es habe 
der Bischof mit allzu grosser Freigebigkeit das Wohlwollen 
der Kanoniker erkauft, denn die Zuwendungen, von denen 
bereits oben die Rede war?), werden ausdrücklich auf seine 
freie Verfügung zurückgeführt, dazu werden noch einige andere 
an derselben Stelle von dem Biographen erwähnt. Indes ist 
zunächst zu berücksichtigen, dass auch die Güter des Kapitels 
unter den Verwüstungen des letzten Krieges und früherer 
Wirren stark gelitten hatten), sodann liegt die Frage nahe, 
ob nicht Hildebert mit seinen Spenden Höheres erstrebte?). Sie 
dienten dem Frieden und waren geeignet, das Kapitel von den 
Laien und ihrer Freigebigkeit unabhängiger zu machen, sie 
trugen also dazu bei, einem erzieherisch-reformatorischen 
Wirken auch hier den Boden zu bereiten. Jedenfalls war sein 
ganzes, uneigennütziges und friedliebendes Verhalten dazu an- 
getan, die Kanoniker für jene Reformprinzipien einzunehmen, 


') A. P., B. XXXVLII unten (M. 92 unten; Mab. 314 Sp. 2 unten); 
Hildebert, Vita Hugonis, bei B. 920. Vgl. Hugo von Cluny an 
König Philipp I. von Frankreich (Migne CLIX, 930): Moveat etiam vos 
ac perterreat contemporalium vicinorumque vestrorum, Wilhelmi dico, 
Anglorum regis, et Henrici imperatoris lamentabilis casus plangendusque 
interitus. 

?) Seite 126. 

®) Brief Hildeberts H, 8 (B. 87 £. M. 215 £.). — A. P., Mab. 303. 
812 Sp. 2. (Vgl. 305.) — Auch eine Urkunde des Bischofs Gervasius deutet 
an, dass sein Kapitel ziemlich arm ist: Liber Albus Seite 95 ff. 
Nr. CLXXVIL (1040— 1047). 

*) Vermittels ihrer hätte er z. B., wenn etwa auch in seinem Kapitel 
die für simonistisch erachteten Aufnahmegebühren erhoben wurden, die 
sein Amtsbruder in Chartres noch vergebens bekämpfte (Gallia Chr. 
VIN, 1129. 1134; unten II, 4), deren Fortfall auf friedlichem Wege 
erwirken können, 


Die Rechte der Laien bei Kapitelstellen. 165 


die er anderen Kapiteln gegenüber geltend machte und dem- 
nach bei seinem eigenen nicht ausser acht lassen konnte. 
Diese Grundsätze kennen wir bereits. Was wir oben im 
ersten Abschnitt aus einem Briefe als allgemeingültig für die 
Stellung unseres Bischofs zur Laienherrschaft herausgehoben 
haben !), ist in dem Schreiben auf das Domkapitel von Uler- 
mont angewendet. Hier haben wir nur noch den fraglichen spe- 
ziellen Uebelstand etwas eingehender zu würdigen. Hildebert 
hat erfahren, dass an der genannten Kathedralkirche Kanoni- 
kate gewohnheitsmässig nach Erbfolgerecht besetzt werden und 
benutzt eine gerade sich bietende Gelegenheit, um dem Bischof 
wie dem Kapitel sein Erstaunen und seine Missbilligung frei- 
mütig und recht ernst zu äussern. Was ist nun der eigent- 
liche Gegenstand des Tadels? Nach dem uns bekannten In- 
halt des Schreibens haben wir ihn durch die zwei Momente 
näher zu charakterisieren, dass gegebenen Falles der Betref- 
fende von den Eltern, womöglich schon bei der Geburt, zum 
Kanoniker und zum Priester?) vorausbestimmt wird, und dass 
durch dieses Verfahren eine Art von Laienherrschaft über die 
Kirche zur Ausübung gelangt. Die Sachlage ist also diese: 
Eine Reihe von Präbenden werden auf Grund von Stiftungen 
aus dem Eigentume reicher, angesehener Familien als Bene- 
fizien vergeben; die Eigentümer erheben aber eben wegen 
ihres erblich sich fortpflanzenden Eigentumes den Anspruch, 
einzelne Kapitelstellen selbst zu besetzen, und um nun die 
betreffenden Güter für ihre eigenen Familien nutzbar zu er- 
halten, statten sie immer wieder Mitglieder derselben, in der 
Regel wohl die jüngsten Söhne, damit aus. Oder aber es 
handelte sich um Stiftungen, die unter dem Vorbehalte ge- 
macht waren, dass die Inhaber der Präbenden aus den Familien 
der Stifter zu nehmen oder von ihnen zu designieren seien), 


!) Seite 111 ff. 

?) Manche Kanoniker liessen es nicht bis zum Priestertum kommen 
(vgl. oben Seite 43 ff.); Hildebert berücksichtigt aber das Regelrechte. 

®) Vgl. Imbart de la Tour, Les &leetions, Seite 529. 


166 Zweites Kapitel. 


Das betreffende Familienmitglied wird demnach häufig ohne 
Beruf dem Schicksal, ein Kleriker zu werden, verfallen sein. 
Dass sich infolgedessen mit der Vererbung des Benefiziums 
oder des Anspruchs auch noch die andere Erblichkeit, der 
Uebergang des Kanonikates vom Vater auf den Sohn, ver- 
knüpfte, kann wohl nicht bezweifelt werden. 

Das ist es, was Hildebert in der Ferne so energisch ver- 
urteilt, er hat also gewiss eine solche Beschränkung seiner 
Freiheit oder eine ähnliche in seiner Nähe nicht geduldet. 
Uebrigens liefert uns einen weiteren Beweis dafür die schon 
erwähnte Synode von Nantes!). Dass nämlich auch in der 
Bretagne die Erblichkeit der Kanonikate in dem eben ent- 
wickelten Sinne zu beklagen war, dürfte gerade der oben be- 
handelte Brief, den Hildebert als Bischof von Le Mans ge- 
schrieben hat, zur Sicherheit erheben, indem er zu dem 
Synodalbericht die Erklärung liefert: „Es wurde,“ so lautet 
der letztere, „mit gebührender Strenge verboten, dass man 
Präbenden und irgendwelche kirchlichen Dignitäten durch Erb- 
schaft erhalte“). Ganz entsprechend, nur allgemeiner, heisst 
es auf den Synoden zu Ölermont 1130 und im Lateran 1139: 
Niemand darf kraft Erbrechts Ansprüche auf Kirchen, Prä- 
benden, Propsteien, Kaplaneien oder irgendwelche Kirchen- 
ämter erheben’). 

Es lässt sich in der Tat unschwer begreifen, dass ein 
Bischof derartige Gewohnheiten „der Vernunft und der Wahr- 
heit“ widersprechend fand und „dem Gesetze, der Auktorität“ 
gegenüber nicht als rechtsgültig anerkennen wollte. Hildebert 


!) Oben Seite 65 £. 

?) Brief Hildeberts H, 30 (B. 133. M. 254). Fortsetzung der 
oben Seite 65 Anm. 3 mitgeteilten Stelle: Praebendas et quaslibet eccle- 
siae dignitates rigore quo decuit inhibitum est hereditate obtineri. Es 
handelt sich also in diesem und dem vorhergehenden Satz um durchaus 
verschiedene Dinge, was ich bei Berichten über diese Synode (auch bei 
Hefele Cg. V, 400) nirgendwo beachtet finde. 

Ö) Hefele Cg. V,410c.11.442c.16. Dazu gehört als Einleitung der 
S. 117 f. angeführte Satz. — Bezüglich der niederen Stellen s. oben S, 146 ff. 


Die Rechte der Laien bei Kapitelstellen. 167 


weist ja darauf hin, wie verderblich es für den Klerus und die 
Kirche sein muss, wenn dem Bischof in dieser Weise die 
Hände gebunden sind!). Und wenn man sieht, mit welchem 
Feuereifer er hier auftritt, dann muss man glauben, dass er 
die ganze Gefahr geschaut hat, die von dieser Seite wieder 
der Kirche drohte, dass er die Entwicklung ahnte, deren An- 
sätze dort gegeben waren ’?). 

4. Hatte der Bischof das Prinzip der freien bischöflichen 
„Wahl“ hochhalten können, ohne dass dadurch der Friede 
sichtlich gestört worden wäre, so sollte dieses Glück dem 
Metropoliten nicht beschieden sein. An dem harten Kopfe 
Ludwigs des Dicken, der nunmehr sein unmittelbarer Herr 
geworden war, prallten seine Grundsätze ab, und Pfeile des 
Zornes kamen dafür auf den greisen Priester zurück). Als 
Hildebert den erzbischöflichen Stuhl bestieg, waren die Stellen 
des Dekans und eines Archidiakons im Kapitel frei. Un- 
gefähr nach einem Jahre befahl ihm der König, zwei von 
ihm benannte Männer in dieselben einzusetzen *). Hildebert 


!) Siehe oben Seite 112£. 116 £. 

?) Darüber siehe unten I, 5. . 

3) Brief Hildeberts II, 34 (B. 137 f. M. 257 £.): Inveni eum plus, 
quam deceret christum Domini, obduratum... Ne sagittas suas in sene 
compleat sacerdoti. — Zum folgenden siehe die Briefe Hildeberts II, 
34. 33. 40. 36. 88. 35. III, 38. II, 37. 39. 46. Ueber die Reihenfolge 
siehe oben Seite 83 Anm. 2, unten S. 172 Anm. 1. II, 35 ist bald nach 
dem 5. Januar 1130 (nicht 1131) geschrieben. 

*) Gallia Chr. XIV, 144 wird behauptet, Gilbertus, als Dekan zum 
Erzbischof befördert, habe in der Dekanie einen Nachfolger unbekannten 
Namens gehabt, der nach Briefen Hildeberts gegen 1125 gestorben seı. 
Bei Hildebert heisst es nur (Brief II, 34, B. 137 M. 257): ... archi- 
diaconatum in ea et decaniam personis vacantes inveni. Deinde peracto 
fere in eadem metropoli anno regis litteras accepi. Von Erzbischof 
Gilbertus (1118—1125) aber bezeugt eine Urkunde unbestimmten Datums 
bei L. de Grandmaison I, 96 Nr. XLIII: qui et ipse tunc temporis 
decaniam in manu sua tenebat. Für die Existenz eines anderen Dekans 
in dieser Zeit liegen also anscheinend noch keinerlei Beweise vor. — 
Vielleicht beruhte das Aufschieben der Besetzung gerade auf der Furcht 
vor Eingriffen des Königs oder auf bereits vorhandenen Schwierigkeiten, 


168 Zweites Kapitel. 


musste von seinem Rechtsstandpunkt sich dessen weigern und 
dem König die Befugnis, so zu verfügen, absprechen !); er 
bemühte sich aber, durch eine persönliche Unterredung die 
Angelegenheit in Güte zu regeln. Ludwig VI. beharrte auf 
seinem Willen, liess sich indes dazu herbei, einer richterlichen 
Entscheidung Raum zu geben. Dieselbe war nach statt- 
gehabter Verhandlung noch nicht gefällt, als der König dem 
Erzbischof und danach den anderen Beteiligten kundtat, dass 
die Einkünfte der beiden Dignitäten bis auf weiteres dem 
Fiskus verfallen seien. Keinerlei Vorstellungen vermochten 
ihn umzustimmen; Hildebert und die Seinigen durften nicht 
mehr wagen, das Gebiet des Königs zu betreten. Es war dem 
greisen Kirchenfürsten ein grosses Leid, in ein solches Ver- 
hältnis zu seinem Herrscher geraten zu sein; einen wehmütigen 
Ruf um friedliche Vermittlung lässt er noch an einen nach 
England durchreisenden Legaten ergehen ?), trostlos klagt er, 
dass auch diese wie andere Hilfe ihm versagt blieb, und so 
erhofft er endlich Hilfe nur noch von Gott; seiner Gnade will 
er sich würdig machen, dann werde er die Gnade des Königs 
entweder leicht wiedererlangen oder aber mit Nutzen ent- 
behren. Man fühlt es aus den Briefen?) heraus, wie sehr der 
Konflikt seine Seele ergreift, der zwischen der Liebe zum 
König und zum Frieden einerseits und der Hochschätzung 
kirchlicher Freiheit anderseits in ihr sich erhoben; die letztere 
siegte, aber noch grössere Opfer hat sie gekostet. 

Hildebert verfügte über die beiden Stellen nach seinem 
Sinn. „In dem Bewusstsein, dass man Gott mehr gehorchen 
muss, als den Menschen,“ so schreibt er an den Papst, „habe 
ich Männer vorgezogen und erwählt, von denen zu erwar- 
ten stand, dass sie in Besorgung der kirchlichen Geschäfte 


') Brief Hildeberts II, 33 (B. 143. M. 262):... quia dignitates 
ecclesiasticas nec ex regis praecepto disposui nec ei disponendi facultatem 
indulsi. 

2) Brief IE B34(B 7157 DE MED ZEN 

®) II, 34 und 33. 


Die Rechte der Laien bei Kapitelstellen. 16% 


des Tages Last und Hitze tragen würden“). Das Kapitel 
gab sich mit der Wahl des Erzbischofs zufrieden. Als aber 
der Dekan Radulphus gegenüber einigen jungen Herren sein 
Disziplinarrecht auszuüben wagte, war es um den Frieden ge- 
schehen. Die gemassregelten Kanoniker verbündeten sich mit 
dem gegen Radulf erbitterten König; auf der Rückreise von 
dessen Hof aber wurde einer derselben von Brüdern und 
Freunden des Dekans verstümmelt. Grosse Aufregung und 
Zwiespalt im Kapitel, Aussetzung des Gottesdienstes war die 
Folge davon, und auch der Graf legte sich energisch ins 
Mittel?). Radulf wurde nebst einem anderen Kanoniker der 
Teilnahme an dem Verbrechen bezichtigt und deshalb vor das 
geistliche Gericht gezogen; obgleich beide sich von der un- 
bewiesenen Beschuldigung mit Eideshelfern reinigten ?), musste 
der Dekan doch endlich noch auf Betreiben der Gegner eine 
Romreise unternehmen und wurde unterwegs ermordet‘) — 
eine Tragödie mit Verstümmelungs- und Mordszenen war also 


1) 1I, 38 (B. 143. M. 262); vgl. Matth. XX, 12. Der betreffende: 
Archidiakon ist nicht der in einer Urkunde von 1127 (Gallia Chr. XIV 
Instr., 83 Nr. LXIV) mit dem Dekan Radulf als Zeuge genannte Alve- 
redus; vgl. beiL. de Grandmaisonl, 96. In einer Urkunde desselben 
Jahres erscheint Radulf als Dekan und Archidiakon nach Gallia Chr. 
XIV, 144. 

®) So ist, wie der unmittelbar folgende Satz ergibt, zu verstehen, 
was Hildebert II, 36 (B. 140. M. 260) schreibt: comitemque multi- 
plieiter exorare, quatenus de illis rectitudinem suscipiamus (B.s Konjektur 
will nos zum Subjekt machen). Der Graf hat wohl nicht ohne Weisung 
seines Herrn gehandelt. 

3) Vgl. oben Seite 78 fi. 

#) Dieudonn& 105. Ich bemerke hierzu, dass weder D. noch 
andere diese Tatsache berichtende Autoren, z. B. Gallia Chr. XIV, 
79. 144 f.; Beaugendre XXXI (M. 83), es für nötig halten, eine Quelle 
dafür anzugeben, und dass ich mich nicht erinnere, in dem von mir 
reichlich herangezogenen Quellenmaterial die Nachricht bestätigt gefun- 
den zu haben. Möglicherweise liegt also eine auf Kombination der Be- 
fürchtung Hildeberts (Brief II, 37) mit anderen Zeitereignissen beruhende 
Einbildung vor, die dann einer vom anderen übernommen hat. Wenn 
nicht, dann war dies der erste von drei Morden, die mit der Kapitels- 


170 Zweites Kapitel. 


auch für Hildebert trotz seiner Mässigung eine Frucht des 
Reformeifers bezüglich der Kapitel !). 

Und auch jetzt war der König noch nicht versöhnt. 
Zwar hatte er im Jahre 1129 zur Krönung seines Sohnes 
Philipp, die am 14. April zu Reims vollzogen wurde ?), auch 
den Erzbischof geladen, und dieser war mit der Hoffnung er- 
schienen, den Erbitterten durch seinen Gehorsam zu besänf- 
tigen; Ludwig aber sah darin wahrscheinlich nichts anderes 
als einen geschuldeten Liehensdienst °). Das Schicksal Radulfs 
war ein furchtbarer Schlag für den beinahe 75jährigen Priester- 
greis und machte ihn zu einiger Nachgiebigkeit geneigt. Er 
konnte denn auch endlich dem König Heinrich von England 
melden“), dass der Friede seiner Kirche wiedergegeben, er 
selbst mit Ludwig versöhnt, das vier Jahre lang vorenthaltene 
Kirchengut zurückerstattet sei; er hatte aber diesen Frieden 
mit einer schweren Leistung sich erkaufen müssen. Dass der 
englische König selbst die Beilegung des Streites vermittelt 
habe, geht aus diesem Briefe keineswegs hervor?) und ist 


reform zusammenhängen. Ausser dem oben Seite 159 erwähnten fällt in 
das Jahr 1133 noch die Ermordung des Subdekans Archembald von Orleans: 
Luchaire, Louis VI, Seite OXLV f. CLXXVIII; Hefele Cg. V, 424. 

!) Als reformwidrig werden die Gegner Radulfs charakterisiert: 
Brief Hildeberts II, 37 (Anfang): de quibus dubium est, magisne attri- 
verint famam suam malefactis an maledictis alienam (bezüglich der Lesart 
siehe Dieudonn& 230 £f.); II, 38: qui sub virga erant propter turpia 
eorum verba et reprimendorum enormitates operum; II, 39: Quotquot 
in eum convenerunt, filii saeculi sunt quaerentes ei potius incommodare 
quam Ecclesiae provenire vel justitiae. Den Dekan aber hatte Hildebert 
offenbar wegen seines Reformeifers für diese Stellung erwählt. Vgl. II, 47 
(B. 156, M. 273):... corrigendi enormitatem capellaniae meae canonicam 
et tradıtam omnibus episcopis potestatem abstulistis. 

?) Luchaire, Louis VI, Seite 200, Nr. 432 ft. 

3) Brief Hildeberts II, 40 (B. 145. M. 264). Hildebert selbst 
schreibt cui postulatum debebamus obsequium, ein Wort, das nicht im 
Sinne eines Lehensdienstes gedeutet werden kann. 

*) Brief II, 46 (B. 154 f. M. 272). 

°) Hätte Heinrich I. zu der am Schluss des Briefes mitgeteilten 


Die Rechte der Laien bei Kapitelstellen. 171 


angesichts der Gegnerschaft der beiden Herrscher!) nicht 
wahrscheinlich. Etwas anderes aber besagt der Schluss des 
Briefes: Hildebert bittet seinen hohen Freund um Beihilfe 
zur Ausführung der schweren Bedingung, die ihm gestellt ist, 
d. h. um das nötige Geld. Möglich ist sodann, dass Heinrich 
beim Papste Innocenz gelegentlich der Zusammenkunft in 
Chartres?) für den schwer geprüften anhänglichen Freund 
seines Hauses sich verwandte. Dass Hildebert selbst mit 
diesem sein Anliegen besprechen wollte, dürfte aus einem 
Briefe sich ergeben, den er um den Anfang des Jahres 1131 
geschrieben hat). Im Januar konnte er dem Papste, den an- 
zuerkennen er, wie König Heinrich, zeitweilig gezögert*), dem 
aber jetzt die grosse Mehrheit des Abendlandes anhing, in der 
Nähe seiner Bischofsstadt begegnen), und in einem der fol- 


Beilegung des Streites irgend etwas Wirksames getan, so würde ganz 
gewiss ein Ausdruck des Dankes nicht fehlen. Es scheint, dass man dies 
nur aus einer oberflächlichen Beachtung unseres Briefes heraus bisher 
erzählt hat (so Dieudonn& 105 nach Haureau, Hist. litt. du Maine 
VI, 139 mit B. XXXI; Gallia Chr. XIV, 79), denn eine andere Quelle, 
der die Ansicht entspringen könnte, gibt es meines Wissens nicht. 

!) Luchaire, Louis VI, Seite OXIV f£.; Derselbe bei Lavisse IIH, 


?) Am 13. Januar 1131: Jaffe Reg. I, 846. 
®) I, 19 (B. 60. M. 192): Exspectamus autem Innocentium papam, 
in cuius audientia nos et innocentiam tuam et querimoniam nostram di- 
gesturi de utraque finem amicum justitiae expetemus. (Siehe Dieudonn& 
226; derselbe irrt aber, wenn er hier einen doppelten Akkusativ zu 
sehen glaubt; amicum justitiae ist adjektivisches Attribut zu finem). Es 
könnte scheinen, dass querimonia nostra auch die Angelegenheit der 
Adressatin betrifft, de utraque legt aber näher, dass es sich um zwei 
verschiedene Sachen handelt. Die Abfassungszeit ergibt sich aus dem 
Schluss des Briefes in Verbindung damit, dass der Papst im Januar in 
dortiger Gegend sich aufhielt (Jaff& Reg. I, 846): Porro post primam 
Quadragesimae septimanam tuum nobis nuntium destinabis, per quem et 
tuam nos voluntatem et tu nostrum possis agnoscere responsum, 

4) Brief des hi. Bernhard an Hildebert, unter den Briefen des 
letzteren II, 44 (B. 150 ff. M. 268 ff... Vgl. Dieudonn& 106 ft. 
5) Jaffe, Reg. I, 846. 


172 Zweites Kapitel. 


genden Monate muss dann die Erledigung des Streites erfolgt 
sein, wie er sie dem noch in der Normandie weilenden König 
vom Krankenlager aus mitteilt"). Dieser hat ihn in seiner 
Not gewiss nicht im Stich gelassen. Hatte er doch, wie Hilde- 
bert bezeugt, ungebeten und ohne dass ein besonderes Be- 
dürfnis vorlag, ihm reiche Wohltaten gespendet. Musste er 
doch jetzt auch ganz besonders zu dankbarer Freigebigkeit ge- 
neigt sein, wo, schwerlich ohne des Erzbischofs Bemühen, 
die Versöhnung zwischen den getrennten Gatten, der zur 
Thronfolgerin in England ausersehenen ehemaligen Kaiserin 
Mathilde und dem auch über Touraine und Maine gebietenden 
Grafen Gottfried von Anjou, vollendet oder wenigstens ge- 
sichert war?) und ein vereinigtes England-Frankreich ihm 
schon vor Augen stehen mochte. So verlaufen die Fäden 
dieses Streites in dem Gewebe der hohen Staats- und Kirchen- 
politik. Dem kurzen Rest von Hildeberts erzbischöflicher 
Wirksamkeit war wieder Ruhe beschieden, und, hatte er auch 
Opfer bringen müssen, hatten auch die Leiden der fünf Jahre 
mehr als das Alter ihn gebeugt, so verklärte doch seine letzten 
Tage der Sieg der ihm so teuren Freiheit”) und der wieder- 
errungene Friede seiner Kirche. 

Es ist nicht der egoistische Eigenwille eines stolzen 
Kirchenfürsten, der sich in diesem harten Streite durchsetzt, 


!) In diesem Briefe (II, 46) bedauert Hildebert, nicht wenigstens 
so weit wiederhergestellt zu sein, dass er den König besuchen könnte, 
er weiss ihn also noch diesseits des Meeres. Nach dem 1. August er- 
schien Heinrich wieder in England (Chron. Angelo-Sax. z. J. 1131) und 
feierte am 8. September den Reichstag von Northampton, auf welchem 
die Wiedervereinigung seiner Tochter Mathilde mit Gottfried von Anjou 
beschlossen, die freudige Frage des Bischofs also bestätigt wurde (Henrici 
archid. Huntingdon. Hist. VII, bei Migne CXCV, 954). Der Satz Porro de 
his bezieht sich vielleicht auf das Verhältnis Heinrichs und Hildeberts 
zu Innocenz, das erst um die Jahreswende sich geklärt zu haben scheint. 

?) Siehe die vorige Anmerkung. 

®) Luchaire, Louis VI, Seite CLXXV scheint zu behaupten, Hilde- 
bert habe, abgesehen von der Geldleistung, noch zu den peinlichsten Kon- 


Die Rechte der Laien bei Kapitelstellen. 173 


sondern die das Gewissen erfassende Ueberzeugung von einem 
wesentlichen, die Integrität seiner und der ganzen Kirche be- 
dingenden Recht); nur dafür kämpft ein Mann wie Hildebert 
einen seine ganze Seele aufwühlenden fünfjährigen Kampf 
gegen das von ihm geliebte und hochgeachtete Oberhaupt des 
Staates. Der König musste davon abgeschreckt werden, „die 
kirchlichen Gesetze zu vereiteln, gegen die Satzungen der 
hl. Väter sich zu erheben“ ?). Hildebert führt dieselben dieses 
Mal in seinen Briefen nicht auf, bei dem königlichen Gerichts- 
hof aber mag er dasjenige vorgebracht haben, was wir bereits 
in einem anderen Schreiben ihn zitieren sahen’). Was hatte 
nun der König dem entgegenzuhalten? Es steht uns für die 
ganze Sache nur Hildeberts Bericht zur Verfügung, und da 
dieser sich über die Motive, Grundsätze und Erwiderungen des 
Gegners ausschweigt, so sind wir auf mehr oder minder 
sichere Schlüsse angewiesen. Zunächst ist zu vermuten, dass 
Ludwig VI. sich auf eine Uebung seiner Vorgänger stützen 
konnte, mag auch dieselbe nicht gerade eine stetige und die 
Form einer direkten Benennung der Person nicht die gewöhn- 
liche gewesen sein. Man findet nämlich in den Briefen Hilde- 
berts keine Andeutung davon, dass Ludwig etwas ganz Neues, 
Ungewöhnliches getan, und eine solche müsste man gegebenen 
Falles doch erwarten. Auch war der tatsächliche Grund, mit 
dem der König weiterhin sein Verfahren gerechtfertigt haben 


zessionen sich verstehen müssen. Nichts deutet in dem Briefe II, 46, der 
einzigen Quelle für diese Frage, darauf hin; das „gravamen ingens, unter 
dem er in die Gunst des Königs zurückkehrte“, ist ohne allen Zweifel iden- 
tisch mit dem „certum et taxatum obsequium, das den König ihm wohl- 
wollend stimmte“. Zum Datum (ebd. 8. 219 Nr. 473) vel. oben 8. 171 £. 

!) Brief Hildeberts II, 34: Quo audito nolui in causa Dei contra 
Deum parere potestati, sciens melius esse Deo magis quam hominibus 
obedire. II, 33: Es galt opponere murum pro domo Israel. Der König 
musste angehalten werden, ne persequeretur cineres ecclesiae jam se- 
pultae (vgl. II, 34). 

?) Briefe II, 33. 34. 

3) Oben Seite 112 ff. 


174 Zweites Kapitel. 


wird, früher schon ebensogut vorhanden und für ein ähnliches 
Verfahren massgebend gewesen: Die Einkünfte, die der König 
nachher konfiszieren liess, standen in seiner Gewalt, d. h. die 
betreffenden Güter waren Güter des Reiches oder wurden als 
solche betrachtet, und der König war demgemäss ihr Herr 
und Eigentümer!). Wie bei den Pfarrkirchen, so hielt sich 
also auch hier im Verfolg des Eigenkirchenrechts der Eigen- 
tümer zur Stellenbesetzung, wenigstens zur Designation befugt. 
Dass eine solche Gewohnheit nicht mehr zu Recht bestehen 
könne, dafür brauchte Hildebert nur auf das letzte Lateran- 
konzil (1123) zu verweisen?), und es kann ihm nicht schwer 
geworden sein, zu zeigen, dass sie auch in diesem Einzelfalle mit 
der „Vernunft und Wahrheit“, mit den höchsten Interessen 
seiner Kirche und der christlichen Gesellschaft nicht zu ver- 


!) Brief Hildeberts II, 34: Es wird befohlen, ne fructus possessio- 
num Turonensis ecclesiae, quos regis potestas attingit, ad praefatam de- 
ferrentur ecclesiam, sed fisco deinceps adscripti regiis usibus deservirent. 
Demgemäss wurde (schon vorher) dem Erzbischof jegliches Verfügungs- 
recht entzogen: ... rex mihi per seipsum prohibuit, ne quidquam de 
praedictarum reditibus dignitatum aut praesumerem aut ordinarem. — 
Leider ist eine zweifellose Interpretation der ersteren Stelle nicht mög- 
lich. Jedenfalls hat man attingit aus dem Munde des nuntius gesprochen 
zu denken. Ist quos richtig, oder ist etwa quas zu lesen? Bedeutet der 
Satz quos—attingit, dass der König überhaupt über das Betr. (Öber-) 
Gewalt hat, oder dass er es jetzt mit Beschlag belegt? Sachlich unter- 
liegt die im Text enthaltene Darlegung des Verhältnisses keinem Zweifel, 
wenn auch die Worte Hildeberts anders sollten zu deuten sein. — Die 
betreffenden Güter selbst wurden eingezogen und in königliche Verwal- 
tung genommen: Brief II, 33 (B. 143. M. 262): Quippe quandam b. Mau- 
ricii (so hiess die Kathedrale) curtem praefatae abstulit ecclesiae et, 
quod constat esse sanctuarli, fisco adscripsit. Dieser Hof wird II, 46 als 
praepositura der Kirche bezeichnet. — Man sieht nicht, dass im all- 
gemeinen zu jener Zeit bei Verleihung der Regalien ein Unterschied 
gemacht wird zwischen dem aus Reichsgut stammenden und dem sonstigen 
Vermögen der Kirchen: Imbart de la Tour, Les elections, Seite 448 f. 
Ob es hier geschieht, ist fraglich. — Ueber das königliche Eigenrecht 
siehe ebd. 335 f£., insbesondere 338 ff. 451. 

?) Hefele Cg. V, 380, c. 8. 9; vgl. oben Seite 113. 


Die Rechte der Laien bei Kapitelstellen. 175 


einigen sei; denn die Günstlinge des Königs gehörten zweifels- 
ohne nicht zu denjenigen, von welchen man erwarten konnte, 
dass sie „des Tages Last und Hitze tragen“ würden !)?). 

Bei einer solchen Sach- und Rechtslage wäre es für die 
königlichen Richter, die zum Teile wenigstens auch geistlichen 
Standes waren, allzu gefährlich gewesen, ein verurteilendes 
Erkenntnis auszusprechen, zumal gegen einen Hildebert von 
Tours, und so mag es wohl eine Verlegenheitstat gewesen sein, 
wenn Ludwig an die Stelle eines Rechtsspruches den Macht- 
spruch setzte?). Wenn wir aber zwischen den Zeilen lesen 
dürfen, so hat ihm Hildebert einen Vorwand dargeboten, der 
den Gewaltakt vom staatlichen Standpunkt aus rechtfertigen 
konnte. Die Eindringlichkeit nämlich, womit der Erzbischof 
dem päpstlichen Legaten unter Benennung von Zeugen be- 
teuert, dass er den Willen gehabt, sich dem Urteil der Richter, 
obgleich dieselben über ihn zu richten nicht befugt gewesen, 
zu unterwerfen, lässt erkennen, dass ihm das Gegenteil vor- 
geworfen worden ist, und zwar wahrscheinlich deshalb, weil 
er es nötig gefunden, zur Wahrung seines kirchlichen Stand- 
punktes die Unzuständigkeit der Richter für die Frage der 
kirchlichen Aemterbesetzung zu konstatieren oder doch gut 
verständlich anzudeuten *). Hildebert hat gewiss dem Legaten 
nicht eine Unwahrheit geschrieben, aber ebenso gewiss war er 
nur deshalb bereit gewesen, das Urteil auszuführen, weil er 


!) Siehe oben Seite 113 f. 168 £. 

°®) Hat Hildebert sich vielleicht auch nicht gescheut, das königliche 
Eigenrecht schlechthin zu bestreiten, wie er es anscheinend in einem 
seiner Briefe tun will? (II, 38, siehe oben Seite 174 Anm. 1). Man hat 
indes den zweiten Teil des Satzes von den Einkünften allein zu ver- 
stehen (vgl. ebd. aus Brief II, 34). 

®) Brief Hildeberts II, 34: Dehine audita utriusque partis causa, 
cum ego adhuc debitum exspectarem iudicium, rex mihi per seipsum pro- 
hibuit ... 

*) Ebd. Arguar mendacii, nisi venerabilis Andegavorum episcopus,, 
nisi non [?com oder et?] plures cum eo sacerdotes mihi testimonium 
perhibuerint, quod paratus fuerim iudiecium exsequi, quod eorum subdidi 


176 Zweites Kapitel. 


die Ueberzeugung hatte, dass die Richter nicht wagen würden, 
ein unkanonisches Urteil zu fällen — „bereit, einem kanoni- 
schen Urteil mich zu unterwerfen“, schreibt er deshalb genauer 
von sich am gleichen Orte kurz vorher. 

Der König aber sah ein, dass er sich mit dem begnügen 
müsse, was ihm das beanspruchte Recht zu einem direkt wert- 
vollen machte, mit den Einkünften der Stellen. — Denn wie 
in allen seinen Streitigkeiten mit der Kirche, so war es ihm 
auch in den die Kapitel betreffenden weniger um die Kirchen- 
herrschaft als solche zu tun, die er seiner Gesinnung gemäss 
wohl gern den kompetenten Behörden überlassen hätte. Er 
wollte dieselbe hauptsächlich deshalb nicht preisgeben, weil sie 
ihm die Hauptquelle der Hilfsmittel sicherte, deren er zu seiner 
Regierung, namentlich zur Bekämpfung der kleinen und grossen 
Herren und Räuber seines Landes bedurfte ). Deshalb inter- 
essierte er sich so sehr für die Kanoniker von Notre Dame 
zu Paris?), für die Pröpste von Chartres, deren er sich eben- 
falls gegen ihren Bischof annahm), und für die Dignitäten 
von Tours. Ob er nun die von ihm benannten Kandidaten für 
ihre Dienste belohnen wollte, ob er sich durch sie eines Teiles 
der Einkünfte zu versichern gedachte, oder ob beides sein 
Zweck war, jedenfalls war es der materielle Wert der Digni- 
täten, worauf es ihm vor allem ankam *), und diesen hat er 
sich denn auch vier Jahre lang vorbehalten und dann mit einer 


me iudicio, qui de me non habebant iudicare. Der König fasste dagegen 
sein Verhalten als eine Verletzung der Vasallitätspflichten auf und machte 
demgemäss von seiner arbiträren Strafgewalt Gebrauch. Vgl. oben 
Seite 86 Anm. 2. 

!) Vgl. Luchaire, Louis VI, Seite CLXXI f. 

?) Siehe oben Seite 159. 

®) Foucault 33f.; Luchaire, Louis VI, Seite OCLXXII £. 

*) Dass die Dekanie einen nicht unerheblichen materiellen Wert 
repräsentierte, beweisen z. B. die gegen und unter Erzbischof Radulf I. 
1078 erhobenen Anklagen auf simonistischen Erwerb derselben, in denen 
ebenfalls der König eine Rolle spielte, — mag es auch zweifelhaft bleiben, 
inwieweit diese Anklagen auf Wahrheit beruhten: Gallia Chr. XIV, 66 £. 


Die Rechte der Laien bei Kapitelstellen. 177 


schweren Summe wieder abkaufen lassen. In der Sache selbst 
aber, die er durch seine Hartnäckigkeit auch noch zu retten 
gehofft, ist er unterlegen, und diese Niederlage hat eine grössere 
Bedeutung, als ihr bisher beigemessen wurde. Es war ein 
bemerkenswerter Erfolg der Reformbestrebungen, wenn ein 
königlicher Gerichtshof es nicht mehr wagen durfte, seinem 
Herrn im Widerspruche gegen die Reformgesetze Recht zu 
geben, und wenn dieser sich genötigt sah, vor dem unüber- 
windlichen Widerstande eines Bischofs die Waffen zu strecken. 
Der Vorwurf grausam schaltender Gewalt und willkürlicher 
Höflingsherrschaft, den letzterer dem mächtigen Minister des 
Königs ins Gesicht zu schleudern wagte!), erhielt gleichsam 
im Erfolge seine Sanktion, und dieser Erfolg war ein schwerer 
Schlag für das Königtum und seine Kirchenherrschaft, für das 
im Norden Frankreichs noch nicht gar lange konsolidierte, von 
Hildebert bekämpfte Eigenkirchenrecht hinsichtlich der Bis-+ 
tümer ?). 

Wir könnten an sich geneigt sein, hier unserem Bischof 
die Besonnenheit gegenüber weltlichen Grossen wieder abzu- 
sprechen, die wir im vorigen Abschnitt ihm zuerkannten. Nur 
wenn wir den geschilderten Ereignissen die gebührende Stelle 
in der Gesamtheit der kirchenpolitischen Streitigkeiten jener 
Zeit anweisen, sind wir davor behütet. Diese Stelle aber 
zeigt uns kaum etwas besser als der soeben angerufene Brief 
Hildeberts an Stephan von Garlande?), der nur aus den be- 


!) Brief Hildeberts I, 16 (B.51. M. 184): De familiaritate prin- 
cipum glorianti facultas oblata est, qua tam .multis unus subvenias, 
quantis obesse decrevit aut potestas saeviens aut palatinae licentia clien- 
telae. Auch in dieser Verkleidung war der Vorwurf deutlich genug, 
und es ist wohl ziemlich sicher, dass der Brief aus Anlass des geschil- 
derten Streites geschrieben ist; warum sollte auch sonst der Adressat 
ob des Briefes von vornherein erbleichen? (Anfang). — Vgl. Dieu- 
donne 136 f. 218. 

?) Siehe Imbart de la Tour, Les &lections, Seite 338 ff. 

3) Ueber ihn siehe Luchaire, Louis VI, Seite XLIII f£.; Bern- 
hard von Clairvaux, Brief 78 bei Migne CLXXXII, 169 fi. 

Barth, Hildebert von Lavardin. 12 


178 Zweites Kapitel. 


schriebenen Reformkämpfen von Tours heraus verstanden wer- 
den kann und deshalb an diesem Orte wiedergegeben sei: 
„Einen heftigen Angriff wirst Du erwarten, einer Philippika 
mit bleicher Furcht entgegensehen; pflegen doch so die Schul- 
digen zu fürchten, was sie verdienen. Doch nein! Wie ein 
Arzt, so komme ich zu Dir, nicht gegen Dein Leben, nur 
gegen die Schändlichkeiten Deines Lebens richten sich meine 
Pfeile.“ Darauf eine ruhige Belehrung, wozu Gott seine 
Gnaden, Tugenden und Tugendmittel verleiht und über den 
Missbrauch derselben. Und dann die Anwendung auf den 
Sünder: „Bis jetzt war es verborgen der Mutter Natur, dass 
ein einziges Wesen zu so vielen Verbrechen genüge; staunend 
wird sie sich fragen, aus welcher Hülle dieses Abbild aller 
Furien hervorgegangen sei. Täglich begegnet in Dir ein Nero 
unseren Blicken, täglich ein Tarquinius, ein Polymestor. Was 
mag das Volk wohl mehr an Dir verabscheuen, die Prah- 
lerei des Thraso oder die Grausamkeit des Dionysius? Wer 
immer die Natur durch Schandtaten, die Gesetze durch Ver- 
achtung unterdrückte, hat Dich als Erben seiner Schmach 
hinterlassen. Was immer den guten Sitten, der Ehrbarkeit, 
den heiligen Satzungen zuwidergeht, ist Dir so lieb, dass Du 
Strafe zu verdienen glaubst, so oft Du Strafwürdiges nicht 
begehst.* Und zum Schluss der Hinweis auf das ewige Ge- 
richt, bei dem er keinen Verteidiger finden wird, weil es 
keinen Heiligen gibt, den er nicht (in seiner Kirche) ver- 
letzte. — Hildebert betrachtet die Geschichte seiner Leiden 
als eines der schwärzesten Blätter in der Geschichte dieses 
Mannes; so offenbar ist dieser Brief entstanden. Und dass 
in der Tat der Angriff auf eines der wichtigsten Reformprin- 
zipien an einem der ersten Stühle des Reiches gegen einen 
der bedeutendsten und klügsten, dabei gemässigten Vertreter 
der Reform zu den verwegensten und notwendig folgenschwer- 
sten Wagnissen des rücksichtslosen Kleriker-Staatsministers 
gehörte, ist nicht zu bestreiten. Hildeberts Niederlage wäre 
eine schlimme Niederlage der Reform gewesen, sein Sieg war 


Die Rechte der Laien: Entwicklung. 179 


ihr Sieg und ein Sieg von nicht geringer Bedeutung. Das 
Verhalten unseres Bischofs zeugt darum nicht von Mangel an 
Mässigung und Klugheit, sondern davon, wie furchtbar ernst 
es ihm war mit der Freiheit bischöflicher Stellenbesetzung, 
und wie gut er die entscheidende Wichtigkeit seines Einzel- 
falles für die Allgemeinheit der Reform erkannte. 

Seine trotzdem auch in diesem Kampfe noch hervortretende 
Besonnenheit, Vaterlandsliebe und Liebe zum Herrscher strahlt 
dann in umso hellerem Licht. 

Des letzteren Majestät hält Hildebert hoch, so scharf er 
ihn bekämpfen muss, und er weist die Anwendung einer herben 
Strenge ab, so sehr er auch nach Hilfe verlangt. Ermahnung 
und Belehrung, nicht Strafe und Härte soll den König davon 
abbringen, Recht und Kirche in einem greisen Bischof zu ver- 
folgen. „So weit hat in dieser Bedrängnis der Zorn mich nicht 
bewältigt, dass ich heftige Beschwerde gegen den Gesalbten 
des Herrn erheben oder seinen Frieden mit starker Hand und 
mit dem Arm der Kirche mir erstreiten möchte. Verdächtig 
ist der Friede, zu welchem hohe Mächte nicht durch Liebe, 
sondern durch Gewalt gelangen; leicht wird er wieder zerstört 
und die letzten Dinge werden dann nicht selten schlimmer als 
die ersten“. Darum überlässt er es dem König der Könige, 
das Herz seines Königs zu erweichen. — So schreibt er in einem 
Briefe, dessen Adressaten wir nicht kennen !), und dement- 
sprechend handelt er in seinem Appell an den päpstlichen 
Legaten ?). 

Es findet demnach auch in diesem Punkte unser zweiter 
Abschnitt seine volle Bestätigung durch den vierten. 

5. Gemäss dem, was wir von Hildeberts Verhalten gegen- 
über den Laien erfuhren, können wir wohl mit Recht von einem 
Kampfe unseres Bischofs gegen das Eigenrecht der Laien an 
Kirchen und kirchlichem Gute und gegen seine Folgen reden. 


) 11, 33 (B. 186. M. 256 f.). 
2) ]I, 34 (B. 137 f. M. 257 £.). 


180 Zweites Kapitel. 


Zur Vollständigkeit des Bildes würde noch gehören, dass wir 
auch das von den Laien vielfach in Anspruch genommene 
Recht der Besetzung von Stifts- und Klosterstellen im Zu- 
sammenhang mit einem Eigenklösterrecht behandelten ). Die 
Geschichte Hildeberts bietet uns indes zu wenig Material für 
dieses Thema. Wir wissen nur, dass er die Klöster im allge- 
meinen gegen rechtswidrige Anmassungen der Laien in Schutz 
nahm ?). 

Wollen wir nun aber Hildebert in dem genannten Kampf 


!) Ein Beispiel aus dem Wirkungskreise Hildeberts: Benediktiner 
von Solesmes, Seite 39 f. Nr. XXIX — Seite 40 heisst es: Nullum habuere 
unquam abbatem (die Kanoniker von Sable) praeter solum Sablolii castelli 
principem, qui videlicet, si illorum quis obiret, praebendam defuncti, cui 
volebat princeps, nullo contradicente donabat aut etiam vendebat. Noch 
vor Hildeberts Zeit fühlte sich der Herr von Sable durch die Sitten- 
losigkeit der Kanoniker gedrängt, die Kollegiatkirche der Abtei Mar- 
moutier zu schenken, und so Mönche an die Stelle der Kanoniker treten 
zu lassen; es waren allerdings nur vier Präbenden. 

?) Es war, davon konnte uns ein früherer Abschnitt (2) überzeugen, 
keine leere Form, wenn er z. B. im Eingang einer dem Kloster St. Vincenz 
von Le Mans seinen Besitz an Kirchen bestätigenden Urkunde vom 
Jahre 1106 folgendes sagt (Dipl. XI bei M. 321 £.): Quantis quibusve studiis 
monasteriorum quietem tueri habeat religiosorum devotio pontificum, 
veneranda nobis patrum sanctorum tradidit antiquitas. Eorum exemplis 
indignus ego Üenomanensis ecclesiae sacerdos Ildebertus et provocatus 
et accensus fratribus, qui in monasterio Sancti Vincentii Domino deser- 
viunt, adversus quorundam improbitates tranquillitatem deerevi provi- 
dendam. Ne qua igitur impudenter calumniantium molestia in praefatum 
quidquam moliatur monasterium, quarundam ecclesiarum beneficia, quae 
ei fideles contulerant laici, in perpetuum possidenda et concedimus et in 
praesenti pagina firmamus. 

Eine Urkunde des Radulfus, Vicomte und Herrn von Beaumont, 
berichtet von der Gründung einer Abtei St. Nikolaus. Darin erzählt 
R., er habe seine Schwester zur Aebtissin instituiert. Nachher aber heisst 
es, er habe sich und seinen Erben nichts vorbehalten als die Teilnahme 
am Gottesdienst und ein Anniversar. Piolin II, 679. (Nr. LII). Die 
Jahresbezeichnung (1109) wird schwerlich zutreffen, da Helias, der Vor- 
gänger des hier als Graf von Le Mans bezeichneten Fulko, 1110 ge- 
storben ist. 


Die Rechte der Laien: Entwicklung. 13; 


den richtigen Platz anweisen, so dürfen wir uns nicht damit 
begnügen, ihn zu der Reform und ihren Vertretern im all- 
gemeinen in Beziehung gesetzt zu haben. Wir müssen wenig- 
stens versuchen, auch in den engeren Rahmen der Geschichte 
seiner Diözese und seiner Kirchenprovinz die von ihm 
geübte Reformtätigkeit richtig einzufügen. 

Schon für die erstere bedeutete sein Verfahren nicht etwas 
ganz Neues. Als Archidiakon war Hildebert zu mehreren 
Malen Zeuge ganz entsprechender Vorgänge gewesen. Huber- 
tus Ribola und seine Gemahlin Gersendis hatten unter Mit- 
wirkung (consilio et assensu) des Bischofs Hoel an St. Peter 
von La Couture eine Kirche geschenkt nebst allem, was dazu 
gehörte !). Graf Helias hatte das Geschenk einer Kapelle auf 
dem Altar desselben Klosters niedergelegt, sanktionierte es 
aber nachher in der Weise, dass er es in die Hand des Bischofs 
Ho&l übergab und dieser dann erst dem Abt es konzedierte ?). 
Der Sohn eines vicecomes hatte eine Kirche „seines Rech- 
tes“ mit Zubehör durch die Hand des Bischofs dem Kloster 
St. Vincenz gegeben in der Weise, dass er das Geschenk ver- 
mittels des „vergoldeten* Bischofsstabes zugleich in die Hand 
des Bischofs und in die des Abtes legte?). Zwei Vermutungen 


!) Urkunden bei den Benediktinern von Solesmes, Seite 34 ff. 
Nr. XXIII £. (Piolin III, 667 f. Nr. XXX VIII). In der zweiten ist von 
einer admonitio episcopi die Rede. 

2) Ebd. Seite 86 Nr. XXV (Piolin III, 681 Nr. LVa). — Siehe 
auch ebd. Seite 32 Nr. XXI, worin Hugo, Sohn des Patricius von Cahors, 
die (in zwei vorhergehenden Urkunden genannten) Schenkungen seines 
Vaters erneuert (vgl. Piolin III, 666 f. Nr. XXX VII). Dort heisst es: Hoc 
donum annuit Hoellus, Cenomanensis episcopus et episcopali auctoritate 
signum crucis imponendo corroboravit, consilio et ammonitione cuius jam 
dietus Patricius praefatam ecclesiam cum presbyterio et cum his, quae 
ecclesiae pertinent, monachis dederat. Als Zeuge wird hier, wie die drei 
anderen ohne Titel, auch ein Gauldebertus genannt, der mit unserem 
Hildebert identisch sein könnte. 

®; Bei Charles et Menjot d’Elbenne Sp. 419 Nr. 738. Also 
eine Zusammenziehung der gewöhnlichen Form! 


182 Zweites Kapitel. 


legen sich hier nahe: dass schon Ho&l in die Bewegung ein- 
getreten war, der wir Hildebert dienen sahen, und dass Graf 
Helias von Le Mans sie begünstigte !). Beides lässt sich aus an- 
deren Urkunden bestätigen. Des öfteren heisst es, dass eine Re- 
stitution oder eine Schenkung kirchlichen Charakters auf den 
Rat oder die Mahnung des Bischofs erfolgt sei ?), und an einer 
Stelle wird hervorgehoben, dass Graf Helias den schenkenden 
Laien und den Abt des beschenkten Klosters bewog, ihren Akt 
vom Bischof bestätigen zu lassen, nachdem er selbst ihn be- 
stätigt hatte). So fühlte sich also Hildebert zu seinem Streben 
ohne Zweifel von dem Vorgänger angeregt, von dem welt- 
lichen Gebieter darin unterstützt; in die Fussstapfen des Helias 
scheint sein Nachfolger eingetreten zu sein). — Noch eine 
weitere Vermutung darf gewagt werden. Nur ein Teil der in 
die Regierung Hoöls fallenden Urkunden legt für die Existenz 
der fraglichen Bewegung Zeugnis ab °); sollte nicht der Anfang 
der letzteren mit dem Erlass des angeführten Gesetzes Urbans Il. 
vom Jahre 1089) und mit dem damals eingeleiteten neuen 
Vorgehen gegen das niedere Eigenkirchenrecht in Verbindung 
stehen? Aus den Urkunden selbst ist dies nicht mit Gewiss- 
heit zu entnehmen, Anzeichen bieten sie uns aber doch dafür. 


!) Ueber den letzteren siehe Piolin III, 551f.; D’Art dev.l.d. 
XIII, 97 £. 

?) Siehe ausser den in den vorigen Anmerkungen genannten Ur- 
kunden noch bei Piolin III, 676 Nr. XLIX. 

®) Urkunde bei den Benediktinern von Solesmes, Seite 37 f. 
Nr. XXVII: Eius praeterea animo, ratione et consilio idem Hugo (de 
Cadurciis), qui de supradicto vico donum fecit, et domnus Juellus, qui eo 
tempore praedictis monachis abbas praeerat, in praesentia domni Hoelli 
tunc temporis Cenomanensis episcopi convenerunt; qui huic operi gratu- 
lanter annuens hoc sigilli sul munimine roboravit. 

*) Siehe oben 8. 129 £. 

5) Vgl. z. B. die Urkunden bei den Benediktinern von Solesmes, 
Seite 30 ff.; bei Piolin III, 668 f. Nr. XXXIX. 671 f. Nr. XLIV. 673 £. 
Nr. XLVI. 674 £. Nr. XLVII; bei Cauvin LXXV E£. 

6) Oben Seite 124. 


Die Rechte der Laien: Entwicklung. 183 


Mehrere Dokumente bezeugen, dass die Gegenwart Urbans 
in Le Mans (1096) zu Akten der fraglichen Art Veranlas- 
sung gab!). Ein anderes sehr interessantes Schriftstück be- 
richtet, wie einem vornehmen Herrn, mit Berufung auf eine 
von Papst Urban kürzlich verhängte Exkommunikation, wegen 
Inanspruchnahme kirchlichen Gutes von einem Priester der 
Diözese Le Mans die verlangten Sterbesakramente verweigert 
wurden ?). Gemeint ist hier anscheinend Kanon 6 der Synode 
von Nimes (Juli 1096) °). Man mag darum geneigt sein, alle 
hierher gehörigen Belege für den Anschluss der Praxis von 
Le Mans an die Gesetzgebung Urbans in die letzte Zeit des 


!) Urkunden bei Piolin II, 676 £. Nr. XLIX £. 

?) Ebd. Seite 674 f. Nr. XLVII. Es heisst darin:... cum a pre- 
sbytero villae illius, Gaufrido nomine, poenitentiam et viaticum postularet, 
indicavit ei presbyter non posse eum recipi ad sacramenta ecclesiae, 
quoniam, cum laicus esset, in oblationibus ecclesiastieis portionem possi- 
deret et quidem tum papa Urbanus super huiusmodi homines recentem 
dederat excommunicationem (der Indikativ dederat darf nicht dahin 
urgiert werden, dass der Priester selbst nicht darauf hingewiesen habe). 
Deshalb schenkt der Ritter jenen Anteil einem Kloster, nimmt ihn nach 
seiner Genesung wieder, gibt ihn aber auf den Rat von Freunden zurück. — 
Einer Mitwirkung des Bischofs bei diesen Traditionen wird nicht ge- 
dacht. Die Ueberschrift der Urkunde lautet bei Piolin: L’ev&que Hoel 
fait refuser les sacrements & Foulques Fissard, qui retenait une partie de 
l’eglise de Malicorne appartenant & St. Aubin. Die betreffende Kirche, 
dem heil. Silvester geweiht, gehörte allerdings der Abtei St. Albin, das 
schloss aber nicht aus, dass F. einen Anteil an den Oblationen erbrecht- 
lich besass; in der Urkunde heisst es einfach: habebat partem quandam 
in ecelesia de Malicornant, und der Priester beruft sich nur auf die 
Reformgesetzgebung. Eine Beteiligung des Bischofs Ho&@l ist aus dem 
Dokumente nicht ersichtlich, jedoch wird ein derartiges Verhalten der 
Priester auf allgemeine bischöfliche Instruktion zurückzuführen sein. 
Vielleicht fällt die Begebenheit bereits in die Zeit der Vakanz (Ho&l 
starb am 29. Juli 1096). 


3) Hefele Cg. V, 244 c. 6. Es ist aber zu vermuten, dass eine solche 
Vorschrift auch auf der im März desselben Jahres von Urban zu Tours 
gehaltenen Synode erging (ebd. 242), und darauf konnte man sich in 
dieser Gegend noch eher berufen, 


184 Zweites Kapitel. 


Bischofs Hoel, die Jahre 1095, wo er mit Hildebert nach Rom 
reiste, und 1096 zu verlegen !); wurde doch auch zu Olermont 
1095 der Kanon von Melfi (1089), der den Klöstern und Stiftern 
Kirchengüter ohne Zustimmung des Bischofs anzunehmen 
‚untersagt, für die Vergangenheit ausser Kraft gesetzt). Es 
steht aber nichts im Wege, etwas weiter zurückzugehen. 
Dagegen wird man vergeblich in den vorhergehenden Jahr- 
zehnten für Le Mans und Tours nach solchen Zeugnissen 
suchen ?), Wo dann eine Mitwirkung des Bischofs vermerkt 
ist, handelt es sich entweder um eine solche rein formaler 
Natur, um Firmation der Urkunde oder Zeugenschaft, oder 
aber um eine Betätigung lehnrechtlicher ÖOberherrlichkeit ®). 
Wenn Bischof Gervasius (1036—1055) von sich bezeugt und 
von ihm bezeugt wird, dass er Laienkirchen zu Gunsten von 
Klöstern und des Kapitels revindiziert hat, so ist es trotz der 
reformerischen Gesinnung dieses Prälaten doch wenigstens 
zweifelhaft, ob sein Eifer mit einer prinzipiellen Bestreitung 
oder Beschränkung des Besitz- und Verfügungsrechtes der 
Laien zusammenhängt’). Die Spuren einer Befolgung der 


) Siehe oben Seite 23. 

?) Hefele Cg. V, 225. 

®) Durchgesehen wurden die Urkunden in Gallia Chr. XIV (Instr.), 
bei Cauvin, bei Piolin III, beiden Benediktinern von Solesmes, im 
Liber Albus, beiCharles et Menjot d’Elbenne, beiL. de Grand- 
maison, bei Aur&lien de Courson. 

4) Die letztere übte natürlich der Bischof wie jeder andere Lehns- 
herr aus, wo tatsächlich ein lehnrechtliches Verhältnis vorlag. So wurde 
bei Tradition von Kirchen und Kirchengut nie vergessen, die Zustimmung 
des weltlichen Lehnsherrn einzuholen. 

°) Urkunden des Gervasius: Liber Albus, Seite 97 (Nr. CLXXVII); 
Piolin HI, 646 f. (Nr. XVIII). Vgl. oben S. 127 Anm. 2 (zu 8. 126). — 
Ueber diesen Bischof, der später (1055—1067) Erzbischof von Reims war, 
siehe Piolin III, 137 ff. Er stand zu Cluny und den Reformpäpsten 
in guten Beziehungen (ebd. 198 f. 213 ff. 218 #.), er bemühte sich um die 
Regularisation des Klerus (ebd. 195 f. 222 f.), er förderte die Klöster, 
bereicherte sie und sein Kapitel, namentlich gerade mit von Laien usur- 
pierten und jetzt zurückerstatteten Kirchen und Kirchengütern (ebd. z.B. 


Die Rechte der Laien: Entwicklung. 185 


betreffenden Reformvorschriften von Rom und Tours!) sind 
für die Zeit bis 1090 jedenfalls zu selten ?) und zu unbestimmt, 
als dass man an einen erheblichen Einfluss dieser Vorschriften 
denken könnte. 

Viel früher als in Le Mans und Tours begegnet uns das 
neue Verfahren an einer anderen Stelle der Kirchenprovinz; 
die dortigen Ereignisse sind auch deshalb der Erörterung wert, 
weil sie uns bezüglich des prinzipiellen Standpunktes der 
Männer dieser Richtung grössere Klarheit verschaffen. Der 
Eifer für den Rückerwerb rechtswidrig angeeigneter Laien- 
kirchen oder für Uebertragung von Gotteshäusern seitens der 
Laien an kirchliche Institute überhaupt ist natürlich an sich 


146 f. 192. 197 ff). Indes fehlt es doch an genügenden Beweisen dafür, 
dass er, zumal vor dem Laterankonzil von 1059, dem fraglichen Grund- 
satz gehuldigt. Gibt es auch die eine oder andere Urkunde, bei der 
man über die Bedeutung der bischöflichen Zustimmung oder Konzes- 
sion zweifeln kann (im Liber Albus Seite 101 f. Nr. CLXXXII; bei 
Charles et Menjot d’Elbenne Sp. 216 Nr. 363; bei Mart£ene- 
Durand, Thesaurus I, 158 [Cauvin LXXII]), so ist doch auch hin- 
widerum die Rede von altaria, quae (Guido de Valle) ex dono Gervasiüi 
praesulis tenuerat (Liber Albus Seite 102 Nr. CLXXXIM). 

!) Siehe oben Seite 122 £. 

2) Eine eigentümliche Verbindung des weltlichen Rechtes mit der 
Reformvorschrift wird man vielleicht in folgender Stelle aus einem Urteil 
des Erzbischofs Radulf I. von Tours und des Bischofs Arnald von Le Mans 
erblicken, das ungefähr dem Jahre 1080 angehören muss (der 1079 
errichtete Primat von Lyon wird erwähnt; Bischof Arnald starb 1081: 
Gallia Chr. XIV, 374) und bei den Benediktinern von Solesmes 
S. 25 f. Nr. XVI sich findet (dieselben scheinen Zweifel an der Echtheit 
zu hegen, man sieht aber keinen Grund): Öetera omnia ad ipsam ecclesiam 
pertinentia, quae dominus huius castelli retinuit in manu sua, et de 
quibus non possunt probare monachi vel scripto vel testibus donum sibi 
factum fuisse vel conventionem, judicamus, quod ipse vel heres suus 
lieenter ea potuit dare pro anima sua vel cuicumque voluit, etmo- 
nachi S. Martini, quibus dedit habere ea, debent et tenere sine ulla 
calumnia, sitameninde habent episcopi auctoritatem. (Dieselbe 
Bedingung wird im folgenden Satze noch einmal zum Ausdruck ge- 
bracht.) Allem Anschein nach soll aber cuicumgue voluit durch pro 
anima sua beschränkt sein. 


186 Zweites Kapitel. 


noch kein genügender Beweis für eine rechtsgrundsätzliche 
Verwerfung des Eigenkirchenrechts der Laien als solchen. 
Ohne dass von dieser etwas ersichtlich wäre, kommen der- 
gleichen Massnahmen auch in früheren Zeiten vor. Wenn 
nun Hildebert auf die Frage, was er von jenem Laienrecht prin- 
zipiell gehalten, an keiner Stelle eine unzweideutige Antwort 
gibt, so hängt allerdings sein Benehmen in diesem Punkte mit 
den allgemeinen Reformgrundsätzen zu eng zusammen und 
erhält auch aus seinen eigenen im ersten Abschnitt mitgeteilten 
allgemeinen Ausführungen eine zu deutliche Interpretation, 
als dass wir hinsichtlich seines Standpunktes noch ernstliche 
Ziweifel hegen könnten: Der Grundsatz, dass ein Laie in kirch- 
lichen Dingen keinerlei Verfügungsrecht besitze, vertrug sich 
nach der Rechtsauffassung jener Zeit in der Tat nicht mit 
dem anderen, dass er Eigentümer einer Kirche sein könne }). 
Dennoch möchten wir das Licht nicht gern entbehren, das aus 
einigen Urkunden der Diözese Nantes auch auf das Ver- 
fahren Hildeberts und seinesgleichen fällt. 

Sehr klar und energisch tritt der prinzipielle Standpunkt 
der Kirche hier schon früh bei dem Bischof Quiriakus von 
Nantes hervor. Eine Urkunde desselben aus dem Jahre 1064 
ist für unser Thema so wertvoll, dass wir nicht umhin können, 
uns eingehend mit ihr zu befassen ?). Der Bischof bekundet: 
„Nachdem wir im Bistum Nantes dem ehrwürdigen Bischof 
Airardus gefolgt sind, ist kaum eine Kirche in der ganzen 
Diözese von Unterwerfung unter Laiengewalt frei, obgleich 
der genannte Bischof, solange er lebte, in seinem Episkopate 
allen Einfluss von Laien in der Kraft des heiligen Geistes zu 
beseitigen versucht hat.“ Also, schon der Vorgänger des 
@Quiriakus hat mit den Laienrechten aufräumen wollen. Kein 
Wunder! Airardus war im Jahre 1049 von Leo IX. aus einem 
römischen Kloster auf diesen Bischofsstuhl der Bretagne ver- 


!) Siehe oben Seite 113. 
2,Gallıa OhrzX1V(instr 1 71 (Nrain. 


Die Rechte der Laien: Entwicklung. 187 


setzt worden. Er fand aber deswegen und auch wegen seiner 
Verwaltung Widerstand bei Klerus und Volk; man wählte 1052 
den Quiriakus, der jedoch erst 1060 oder 1061 geweiht werden 
konnte ). Quiriakus hat von seinem Geiste geerbt, denn er 
fährt fort: „Wir aber, voll Mitleid mit der heiligen Kirche, 
die so grossem Elend verfallen war, gaben uns mit allem Eifer 
daran, dieser so masslosen Raubsucht ein Ende zu bereiten, 
fanden indes hierbei sehr viele Gegner. Als wir nun im dritten 
Jahre nach unserer Ordination, in der Verfolgung solcher 
Gottesräuber begriffen, unsere Diözese bereisten, kamen wir 
nach Prugniacum und fanden dort die Nonnen von St. Maria 
zu Angers auf Grund einer Schenkung und Konzession von 
Laien, des (uefferus nämlich und seiner Brüder, im Besitze 
einer Kirche. Auf die Kunde hiervon liessen wir sowohl die dort 
weilenden Nonnen wie auch diejenigen, auf deren Schenkung 
sie sich beriefen, zu uns kommen und erklärten ihnen, dass wir 
nimmer im Heiligtume Gottes eine solche Pest dulden, noch 
für eine Kirche, die auf Grund einer Schenkung weltlicher 
Gewalt innegehalten werde, die Feier des Gottesdienstes ge- 
statten würden.“ Vergebens rechtfertigten die Laienschenker 
sich damit, dass ihre Eltern an jenem Orte verfallenes Mauer- 
werk wiederhergestellt und dass sie selber und die Mutter 
nach dem Tode ihres Vaters die Kirche nebst Zubehör als 
Mitgift ihrer Schwester dem Kloster St. Marien in Angers 
übergeben hätten; sie seien also, meinten sie, hinsichtlich dieser 
Kirche dem Bischof oder der Kirche von Nantes durchaus 
nicht untertan. Der Bischof blieb dabei, dass die Schenkung 
nicht „legitim“ sei und ein Gottes würdiger Dienst dort nicht 
gefeiert werden könne. Nun berieten sich die Schenker mit 
den Nonnen und unterwarfen sich dem Bischof. Sie liessen 
zunächst die Kirche mit ihrem Zubehör in die Hand des Bi- 


!) Ebd. XIV, 810. Wenn Airardus urkundlich noch 1064 als Bi- 
schof vorkommt, muss er in diesem Jahre (unserer Urkunde gemäss) ge- 
storben sein. 


188 Zweites Kapitel. 


schofs und in die Gewalt der Kirche von Nantes auf, und 
baten dann den ersteren, das Gotteshaus zu konsekrieren und 
es seinerseits mit allem Zubehör, unter Vorbehalt jedes be- 
liebigen servitium, dem Kloster St. Maria von Angers zu 
schenken. Und das geschah, indem für die Kirche von Nantes 
ein jährlicher „Kompensations“-Zins ausbedungen wurde. So 
blieb es klar, wer als der Eigentümer der Kirche zu betrachten 
sei. — Die Behauptung eines Eigenkirchenrechtes 
der Laien auf der einen, seine Leugnung auf der 
anderen Seite kann kaum deutlicher zum Ausdruck ge- 
langen, als es in dieser Urkunde geschieht. 

Der Zufall will es, dass wir bei späterer Gelegenheit die 
Rechtsauffassung und Praxis der Kirche von Nantes unserem 
Bischof auch unmittelbar vor Augen treten sehen. Dort wirkte 
das Beispiel der Airardus und Quiriakus fort, Benediktus und 
Briccius, Komprovinzialen Hildeberts !), scheinen mit Energie 
dieselben Pfade verfolgt zu haben. Eine Urkunde des ersteren 
vom Jahre 1105, die bei Gelegenheit einer Provinzialsynode 
auch von Hildebert unterzeichnet wurde ?), erzählt folgendes: 
„Es war ein reicher und mächtiger Herr mit Namen Harscoid, 
der die vorgenannte Kirche (St. Medardus bei Nantes) kraft 
Erbrechts besass. Endlich von Reue erfasst, leistete er auf 
das, was er ungerechterweise und gegen Gottes Anordnung 
eine Zeitlang innegehabt hatte, auf die Kirche, das Cömeterium 
und den dritten Teil des Zehnten in meine Hand Verzicht, 
indem er mich demütig bat, die Kirche mit Klerikern zu be- 
setzen, die nach der Regel des h. Augustinus lebten.“ Also auch 
hier die Verwerfung des erblichen Eigenrechts und die Auf- 
lassungsform! Von irgend einem besonderen Unrechtsgrunde 
findet sich in der Urkunde keine Spur °). 


) Gallia Chr. XIV, 812. 

2) Mart&ene-Durand, Thesaurus I, 315 f. 

®) Für ein gleiches Verhalten des Bischofs Briccius spricht eine 
Andeutung in einer Urkunde von 1116 bei Aur&lien de Courson, 
Seite 891 f, (Nr. LXIX):... cum indoluissem ex seditionibus, quae fiebant 


Die Rechte der Laien: Entwicklung. 189 


Bemerken wir diesen Aeusserungen gegenüber, 
dass Hildebert nie in so schroffer Weise die Ver- 
werfung des Eigenkirchenrechtes der Laien als 
solchen hervorkehrt! 

Aber die Wirklichkeit wird sich wahrscheinlich auch für 
die Dözese Nantes bald stärker erwiesen haben, als das vor- 
gestellte Ideal. Bei Quiriakus selbst scheint eine Schwenkung 
vom Lateranense (1059) zum Turonense (1060) sich vollzogen 
zu haben }). Denn ein späteres Dokument?) fasst seine Ver- 
waltungsmaxime in die Worte zusammen: „Wenn ihnen (den 
betreffenden Mönchen) hierzu (zu dem vorher Aufgezählten) 
ein Laie etwas aus seinem Rechte verkauft oder schenkt, 
wie es billig ist, so soll dies mit gegenwärtiger Konzession 
von uns gestattet sein; wenn aber aus dem Eigentum der 
h. Apostel Petrus und Paulus (der Patrone der bischöflichen 
Kirche) — und dazu gehören ihm offenbar alle Kirchen —, 
so muss es mit unserem Rate, Willen und Beistand, sowie mit 
demjenigen der uns untergebenen Kanoniker geschehen.“ Das 
heisst: zu gewöhnlichen Veräusserungen an die Mönche gibt er 
seine Zustimmung ein für allemal, zu Veräusserungen von 
Kirchen und ihrem Zubehör ist sie nebst seiner persönlichen 
Mitwirkung in jedem einzelnen Falle zu erbitten ?). Auf eine 
vorherige Restitution hat er also anscheinend verzichtet. Uebri- 


crebro in Beene insula inter eos, qui jure hereditario sanctuarium Dei 
obtinere nitebantur. — Ueber das weitere Schicksal der Medarduskirche 
Siehe Gallia Chr. XIV (Instr.), 1748 (Nr V)x Mansi’XXI,3#;; 
Martöne-Durand.a.a.O. I, 318 f. Im Zusammenhang mit der 
Frage der Regularisation kommen wir darauf am Schlusse des Kapitels 
zurück. Hier interessiert uns, dass bei der weiteren Uebertragung an 
Marmoutier der frühere Besitzer wieder zugezogen wird, um zu „kon- 
zedieren* (vgl. oben Seite 132 Anm. 2 zu 8. 130), und dass die Kanoniker 
sich endlich fügen, nachdem ihnen vorgestellt worden ist, die Kirche 
könne sonst wieder in Laiengewalt zurückgeraten. 

!) Siehe oben Seite 122 £. 

2, Gallia Chr. XIV (Instr.), 173 £. (Nr. III) von c. 1070. 

3) Man könnte auch an die Unterscheidung von ecclesia und altare 


190 Zweites Kapitel. 


gens kommen, wie unter Hildebert in Le Mans, so auch in der 
späteren Geschichte des Bistums Nantes beide Formen vor !). 

Vielleicht sind die übrigen Bistümer der Bretagne, 
trotzdem die Synode von Nantes (c. 1127) noch eine grosse Ver- 
breitung der priesterlichen Erbnachfolge konstatieren muss ?), 
nicht ganz hinter ihrer ältesten Schwesterkirche zurückge- 
blieben ?). Herzog Conan war hier, wie Helias in Le Mans, 
ein entschiedener Förderer der kirchlichen Reform, eine Stütze 
des Erzbischofs, wie Helias des Bischofs Hildebert *). Hier, 
auf der so viel in der Geschichte hervorgetretenen Halbinsel 
seiner Provinz, sah sich der Metropolit den beiden schlimmsten 
und furchtbarsten Ausläufern der Kirchenlaisierung gegenüber- 
gestellt, dem fast organisierten Kirchenraubrittertum auf der 
einen, der fast zur Regel gewordenen erblichen Sukzession in 
die Kirchenämter, die er selbst als einen geistlichen Raub 
charakterisiert hat’), auf der anderen Seite. Mit den Miss- 


denken. Sie liegt aber nicht nahe genug, um ohne weitere Beweise an- 
genommen werden zu dürfen. 

!) Siehe z.B. und vgl. miteinander die Urkunden bei Aurelien 
de Courson, Seite 266 ff. (Nr. CCOXIV), 265 f. (Nr. CCCXIII) und 249 f. 
(Nr. COXCVII), 329 £. (Nr. CCCLXXIV), zugleich Beispiele der successio 
hereditaria! — Interessant ist die Nachricht, dass der gestrenge Bischof 
Quiriakus auch mit den Privilegien der exempten Abtei St. Salvator von 
Redon sich nicht befreunden konnte, in einem diesbezüglichen Streite 
aber auf einer Synode unter dem Vorsitz Gregors VII. unterlag: ebd. 
331 £. (Nr. CCCLXXV]); vgl. 231 ff. (Nr. COLXXXV). Es scheint freilich 
nicht gerade leicht gewesen zu sein, mit einer solchen Selbstherrlichkeit 
auf Friedensfuss zu bleiben; dem Bischof Morvanus von Vannes z.B. 
wollte es auch nicht recht gelingen: ebd. 313 f. (Nr. CCCLXII). Quiriakus 
wird aber auch bei den Laien mit seinem ersten Eifer nicht weit ge- 
kommen sein. 

?) Siehe oben Seite 65. 

°) Siehe z. B. bei Aur&lien de Courson 8. 233 f. (Nr. COCLXXXVI, 
Urkunde von 1062—1080:... annuente Raginaldo episcopo, qui tunc 
temporis episcopium Sancti Maclovii regebat — Lehnrecht?) und oben 
Seite 153 Anm. 3 (152) die Urkunde des Bischofs Donoald von Aleth. 

*) Siehe oben Seite 143 f. u, 182. 

5) Siehe oben Seite 118. 


Die Rechte der Laien: Entwicklung. 191 


ständen an den niederen Kirchenstellen trafen, wie wir schon 
sahen, ähnliche an den Kapiteln zusammen !). Hier galt es 
also einen schweren Kampf. Unter dem Beistand der welt- 
lichen Gewalt und der meisten Komprovinzialbischöfe konnte 
er ihn auf der Synode von Nantes beginnen, ob er ihn mit 
der erforderlichen Kraft und mit Erfolg hat fortsetzen können, 
wissen wir nicht; sein hohes Alter, die Wirren in Tours, das 
gespannte Verhältnis zwischen Tours und Dol?), dies alles 
hat vermutlich einer nachhaltigen Arbeit im Wege gestanden. 

Wir dürfen es uns nicht versagen, noch einen Blick auch 
zu werfen über die Grenzen der Provinz Tours hinaus, nach 
Chartres, wo wir schon des öfteren mit Nutzen unsere Fragen 
angehende Beobachtungen machen konnten; zu den das Mit- 
wirken des Bischofs bei Veräusserungen von Kirchen und 
Kirchengut der Laien betreffenden Aufstellungen werden wir 
dort den Schlussstein finden. Aber noch nicht unter Ivos Regi- 
ment. Seine Prinzipien waren keine anderen als diejenigen 
der Reform, aber seine Praxis scheint eine zurückhaltende 
gewesen zu sein. Der Gegensatz zwischen ihm und seinem 
Nachfolger tritt in dem Urkundenbuch von St. Peter’) zu 
auffällig hervor, als dass wir an ihm zweifeln könnten. Nur 
ein einziges Mal ist bei den Rechtsgeschäften der fraglichen 
Art von einer Zustimmung des Bischofs Ivo die Rede, und 
da ist es ein Domkanoniker, der sie nachsucht *). Kaum aber ist 
Gaufrid als Geweihter von Rom zurückgekehrt, so zeigt sich 
das Reformprinzip in seiner ganzen Schärfe’). „Ich besass,* 
so berichtet ein Eigenkirchherr, „die Hälfte einer Kirche und 


!) Siehe oben Seite 165. 166. 

2) Hierüber siehe im 3. Kapitel IV, 2. 

°) Cartulaire de l’abbaye de Saint-P£re de Chartres. Die betreffen- 
den Urkunden zu ersehen aus dem Index chronologicus, I, CCCL ft. 

4-11, 593 £, (Nr. XCIX), 

>) II, 565 f. (Nr. LXI). Die Rückkehr Gaufrids nach geschehener 
Konsekration wird gemeldet im päpstlichen Schreiben vom 5. April 1116 
Lepinois et Merlet I, 124 £. (Nr. XXXVI £.). 


192 Zweites Kapitel. 


der zu ihr gehörigen Einkünfte. Oft hatte ich es von weisen 
Männern gehört und endlich auch, von Gott erleuchtet, als wahr 
erkannt, dass Laien zu Unrecht und zum Schaden ihres Seelen- 
heiles kirchliche Sachen innehaben, die nur der Kirche Diener 
haben dürfen, und so wollte ich sie denn auch aufgeben und 
den Mönchen von St. Peter in Chartres übertragen. Da 
weigerten sich diese, die Kirche aus meiner Hand zu emp- 
fangen, behauptend, dass weder ihnen es gestattet sei, sie von 
mir anzunehmen, noch mir, sie ihnen zu geben oder sie zu 
behalten. Als ich nun fragte, was ich denn tun solle, da 
ich sie nicht behalten und auch nicht zu Gottes Ehre ver- 
schenken konnte, antworteten-sie mir, wenn ich auf gute Weise 
ihrer los werden wolle, 'solle ich zum Bischof gehen, die Kirche 
mit Genugtuung dafür, dass ich sie unerlaubterweise behalten, 
ihm zurückgeben und dann, wenn ich wolle, ihn bitten, sie 
ihnen zu schenken; denn nur von ihm würden sie dieselbe 
entgegennehmen.“ So geschieht’s, und dann kommen der Herr, 
seine Gattin und seine Söhne noch in das Kapitel von St. Peter, 
um dort zusammen das Geschenk, wie es der Bischof schon 
verliehen hatte, zu „konzedieren“ !). — Für Ivo lässt sich aus 
diesem Zeugnis entnehmen, dass er das Eigenkirchenrecht der 
Laien bekämpfte, ohne auf den durch dessen Verneinung be- 
dingten juristischen Formalitäten zu bestehen. Dass er für 
das Stellenbesetzungsrecht entsprechende Folgerungen 
20g, bezeugt er uns selbst ?). 

An der hier so klar zum Ausdruck gebrachten Regel hielt 
Bischof Gaufrid fest°); ihr musste auch der Graf, nachdem 
der Papst sie sanktioniert hatte, sich beugen. Vernehmen wir 
den Grafen Tetbald selbst aus einer Urkunde des Jahres 1128 t), 


') Zu dieser Konzession siehe oben Seite 132 Anm. 2 (130). 

2?) Siehe oben Seite 156 Anm. 3. 

’) Siehe z.B. in dem genannten Urkundenbuche noch II, 501 f£. 
(Nr. XLV von 1119—1124). Auch II, 613 £. (Nr. OXXV von c. 1116), 
wo essich um Zehnten handelt, ist ohne Zweifel schon hierher zu rechnen, 

*) Bei L&pinois et Merlet I, 131 ff. (Nr. XLII). 


Die Rechte der Laien: Entwicklung. 193 


deren Gegenstand wohl auch ein Brief des Erzbischofs Hilde- 
bert, geschrieben im Interesse der mit dem Grafen streitenden 
Mönche, betrifft !). Seine Mutter Adele, so erzählt er, habe 
einst dem Kloster Marmoutier von Tours die Kirche nebst 
den Präbenden von St. Martinus de Valle bei Chartres mit 
der Massgabe zugeteilt, dass an die Stelle der dortigen Ka- 
noniker nach und nach Mönche treten sollten ?). Die Mutter 
habe mit dem Rate und durch die Hand des Bischofs den 
Mönchen die Kirche übertragen; das Geschenk sei auch von 
Papst und Bischof bestätigt worden, es habe aber aus gewissen 
Gründen eine Investitur der Mönche damals nicht sogleich 
erfolgen können; das Rechtsgeschäft entbehrte noch seiner 
dinglichen Vollendung. Allem Anschein nach ist also damals 
schon, unter Ivo, die uns bekannte strengere Form der Tradition 
eingehalten worden; somit wüssten wir nunmehr diesen Bischof 
mit Hildebert auch darin einig, dass ihm rücksichtlich der 
Beobachtung bestimmter Formen bei den fraglichen Rechts- 
geschäften die Umstände, namentlich die Gesinnung 
der Personen massgebend waren?°). Wichtiger aber ist, 
was später geschah. Papst Paschal and Bischof Ivo starben, 
Gräfin Adele ging in ein Kloster, der Sohn wurde Graf. Auf 
häufiges und inständiges Bitten der Mutter lässt sich Tetbald 
endlich dazu herbei, die Angelegenheit ins reine zu bringen, 


!) Bei Dieudonn& 179 f. Hildebert bittet einen vom Grafen und 
Bischof Gaufrid als Ratgeber ausersehenen Abt, die Sache mit solcher 
Umsicht zu behandeln, dass Marmoutier weder für die Gegenwart Schaden 
zu erleiden, noch für die Zukunft solchen zu befürchten habe. Von einem 
eigentlichen Schiedsrichter ist nicht die Rede; es heisst nur, dass die 
Mönche der Zuziehung eines Abtes zur Beratung Beifall gezollt haben. — 
Der Brief zeigt, dass auch der Bischof von Chartres aus irgend einem 
Grunde nicht oder wenigstens nicht ganz auf seiten der Mönche stand. 

2) Bischof Ivo habe damals die kanonische Notwendigkeit dieser 
Umwandlung behauptet, weil die Kollegiatkirche ursprünglich ein 
Kloster gewesen sei. Jedenfalls kam es dem Bischof auch darauf an, 
die Kirche aus Laienhänden zu befreien, 

3) Vgl. oben Seite 146. 

Barth, Hildebert von Lavardin. 13 


194 Zweites Kapitel. 


fragt aber zunächst den Papst Honorius, wie er sich darin zu ver- 
halten habe. Er solle, wird ihm zur Antwort, wie es die Vernunft 
verlange, Kirche und Präbenden in die Hände des Bischofs Gau- 
frid von Chartres auflassen, damit alsdann die Mönche sie aus der 
Hand des Bischofs empfangen, und der Papst, wenn dies noch nötig 
sein sollte, seine (von Tetbald gewünschte) Bestätigung geben 
könne. Hier erscheint somit die fragliche Form als die vom 
Apostolischen Stuhl gewollte, die eigentlich offizielle, dem 
Prinzip allein entsprechende !). Das kommt im selben Jahre 
auf einer normannischen Synode so zum Ausdruck: Die 
Mönche und Aebte dürfen von Laien Kirchen oder Zehnten 
nicht annehmen, vielmehr müssen die Laien, was sie an solchen 
usurpiert haben, dem Bischof zurückgeben, und von diesem 
mögen es dann dem Wunsche der bisherigen Besitzer gemäss 
die Mönche empfangen ?). 

Treten wir nun an der Hand der gräflichen Urkunde noch 
einen kurzen Gang an, um einen UDeberblick über die 
weitere Entwicklung der Dinge zu gewinnen! Denn 
auch dies ist erforderlich, um die Wirksamkeit Hildeberts 
nieht unter oder über Gebühr zu schätzen. 

Wir stellen zunächst das eine Ergebnis der es 
Urkunde und den einen Ausgangspunkt der weiteren Entwick- 
lung damit fest, dass wir sagen: die Kirche verharrt bei ihrem 
Grundsatz, dass die Laien bezüglich der Gotteshäuser und 
ihres Zubehörs ein Eigentums- und . Verfügungsrecht nicht 
haben können °). 


!) Der genannte Bischof weilte damals in Rom und hat ohne Zweifel 
bei dieser Entscheidung mitgewirkt. 

?) Hefele V, 403 (Rouen 1128, c. 3). Auch hier wird wieder, 
wie 1095 zu Clermont (siehe oben Seite 184 zu Anm. 2) für die Vergangen- 
heit päpstliche Indulgenz erteilt; sed vel ulterius aliquid huiusmodi sine 
praesulis, in cuius dioecesi est, licentia usurpare non praesumant: Mansi 
XXI, 876 c. III. Die Synode fand im Einvernehmen mit König Hein- 
rich von England unter dem Vorsitz eines päpstlichen Legaten statt. 

®) Dass diese Auffassung auch in der Normandie, d. h. in einem 


Die Rechte der Laien: Entwicklung. 195 


Wie aber verhält sich nunmehr der Graf? Was der Papst 
befohlen, geschieht, aber Tetbald macht seine Vorbehalte. Er 
verzichtet nicht auf die Obhut über die äusseren Angelegen- 
heiten der Kirche und die Gewohnheitsrechte, welche er bis 
dahin in dieser Hinsicht übte; ja, wenn die Mönche einmal 
die Präbenden selbst verlieren sollten, so werde er auch diese 
wieder für sich behalten, wie er sie früher gehabt; so ver- 
sicherte er seiner Beurkundung gemäss vor den Anwesenden !), 


der rückständigsten Gebiete Platz griff, kommt z. B. in einer Urkunde 
des Bischofs Arnold von Lisieux zum Ausdruck, deren Abfassungszeit 
allerdings nicht näher bestimmt werden kann (1141—1181): Le&pinois 
et Merlet I, 149 f. (Nr. LI). Sie bestätigt dem Domkapitel von Chartres 
seinen in diesem Bistum gelegenen Besitz und unterscheidet darunter 
(S. 150): In quibus sane certum est quaedam, de jure saeculari in jus 
ecclesiasticum largitione principum concessa, devotione consecrata lauda- 
bili, in defensionem ecclesiae tamquam res ecclesiasticas pertransisse. 
Quaedam vero sunt, quae ab ipsa fidei christianae fundatione specialius 
ad jus ecclesiasticum pertinere noscuntur. Beides wird dem Kapitel 
bestätigt. Ex quibus quaedam quae omni jure necesse est ecclesiastica 
reputari propriis duximus exprimenda vocabulis: nämlich vier Kirchen 
und eine Kapelle. 

Wie es mit dem Laienregiment und seinen Folgen in der Normandie 
zur Zeit der eben erwähnten Synode noch bestellt war, darüber siehe den 
Brief des Papstes Innocenz Il. an den Erzbischof Hugo von Rouen vom 
26. Juli 1131, bei Migne CLXXIX, 99 ff. Nr. LI. Dort heisst es u. a.: 
In provincia Northmanniae.... multa mala, prout accepimus, pullulant, 
quae in aliis locis vel omnino non fuerunt vel sunt desuetudine obum- 
brata... in episcopatu Rothomagensi quidam laici jura sibi episcopalia 
usurpare, altarium oblationes auferre, ecclesiasticos reditus occupare, qui- 
dam etiam, quod monstruosum est, se archidiaconos nominare praesu- 
munt... Quod si quisquam laicus aviditate rerum ecclesiasticarum hoc 
sibi nomen vindicat, non debet archidiaconus sed archidiabolus appellari. 
Dann wird das Verbot der erbrechtlichen Nachfolge in Kirchenstellen 
betont und weiterhin auf eine Reihe von Vorschriften aufmerksam ge- 
macht, welche den Eintritt in den klerikalen Stand und in kirchliche 
Aemter betreffen; siehe noch unten II, 4. 

!) Seite 132:... praebendas illas in manum episcopi refutavi, sed 
custodiam rerum exteriorum ipsius ecclesiae et consuetudines, quas in 
ipsis exterioribus rebus et hominibus eatenus habueram, non dimisi, quin 


196 Zweites Kapitel. 


und auf die Gegenwart eines päpstlichen Legaten, des Bischofs 
Mathäus von Alba, scheint er mehr um seiner Vorbehalte, als 
um des Geschenkes willen grossen Wert gelegt zu haben. 
Kleiden wir das von Tetbald vollzogene Rechtsgeschäft 
in etwas andere Worte! Das inhaltleere Eigentum an der 
Kirche gibt er schlechthin auf, das Eigentum an den Prä- 
benden nur unter auflösender Bedingung, dagegen wahrt er 
sich ein Herrschaftsrecht von fast demselben Wertinhalt, den 
früher das verpönte Eigenrecht in sich schloss; er überlässt den 
Mönchen die Besetzung und Verwaltung der Pfründen, die 
Aufsicht über deren Inhaber, die Sorge für den geistlichen 
Dienst, das damit verbundene Unterhaltseinkommen, sichert 
sich aber selber alle früher bezogenen Einkünfte und die 
Ueberwachung der äusseren Verwaltung. Dass zu den vor- 
behaltenen Gewohnheiten auch das Präsentationsrecht gehörte, 
ist nicht unmöglich, aber nicht notwendig, weil der Graf in 
diesem Falle nicht gerade viel darum zu geben brauchte. 
Bei gewöhnlichen Kirchen lag die Sache anders. Hier war 
schon um der regelmässigen Einkünfte willen die Persönlich- 
keit des Stelleninhabers für den Herrn nicht gleichgültig, so- 
dann aber mussten ihm namentlich die Ansprüche auf den 
Nachlass des gestorbenen Geistlichen und auf die Einkünfte 
während der Vakanz es geraten erscheinen lassen, Erledigung 
und Neubesetzung der Stelle nicht aus den Augen zu verlieren. 
Handelte es sich aber um Stellen, die von einem Kloster mit 
Mönchen besetzt wurden, so kamen beide Gründe regelmässig 
nicht in Betracht. Mit diesen beiden Gründen für den Wert 
des Präsentationsrechts, vornehmlich aber mit dem zweiten 
hängt es wohl auch zusammen, wenn unser Tetbald sich so 
lange gegen die Ausführung des mütterlichen Willens gesträubt 
hat, und wenn er die Wiederherstellung des jetzt bezüglich 
der Präbenden von ihm aufgegebenen Rechtszustandes für den 
etiam ipsas praebendas, si aliquando ipsi monachi quoquo modo, quod 


absit, perdiderint, me, ut antea tenueram, deinceps retenturum coram 
assistentibus asserui, 


Die Rechte der Laien: Entwicklung. 197 


Fall verlangt, dass die Mönche den Besitz derselben nicht 
behalten sollten. In dieser Klausel verrät sich augenscheinlich 
ein Widerstreben gegen völlige Aufgabe des Eigenrechts; Tet- 
bald hat es bis jetzt behauptet und behält es für eine gewisse 
Zukunftseventualität sich vor, zwar nicht das Eigentum an der 
Kirche selbst — das ging nicht leicht mehr an — aber das 
Eigentum an ihren Temporalien. Die Herren von Chartres 
waren auf Spolien- und Regalienrecht, wie wir noch des näheren 
im dritten Kapitel sehen werden, gar sehr erpicht. Tetbald 
muss, da nun einmal eine Klosterobedienz aus seiner Kollegiat- 
kirche werden soll, auf dergleichen verzichten, und sein Eigen- 
recht an den Pfründen geht eben auf das Kloster über; die 
sonstigen Einkünfte sind ihm allenfalls auch ohne Eigenrecht 
sicher genug. Sollte aber einmal Marmoutier auf irgend eine 
Weise der Präbenden verlustig gehen (vielleicht ist er selbst 
von böser Absicht nicht frei), dann will er die Präbenden 
auch wieder so besitzen, wie er sie bisher besessen hat, d. h. 
zweifelsohne mit dem Rechte des Eigentümers. Spolien- und 
Regalienrecht, die Einziehung der Vakanzeinkünfte vor allem, 
dünken ihm nicht so leicht lösbar vom Eigentum der Tem- 
poralien, darum soll dieses in dem fraglichen Falle an ihn 
zurückkehren, nicht etwa auf den Bischof oder auf die be- 
treffende Kirche übergehen !). 

Damit haben wir nun den zweiten Ausgangspunkt der 
ferneren Eigenrechtsgeschichte gewonnen ?), Wenn von einem 


I) Bezüglich des oben angenommenen Zusammenhangs des Spolien- 
und des Regalienrechts mit der Eigenkirchenidee sei hier nur auf Stutz 
in den Gött. gelehrten Anzeigen, 1904, Seite 12 ff. Note 3 und bei Herzog- 
Hauck XVI, 536 f£., auf Hinschius in der Savigny-Stiftung G. A. XVII, 
143 f. verwiesen. Friedberg steht, wie der Stutzschen Eigenkirchen- 
theorie im ganzen (s. Stutz a. a. O., Seite 74 ff. Note 1), so dieser De- 
Auktion insbesondere ablehnend gegenüber (KR. 560 f. Note 27, 565 Note 5) 
und behauptet namentlich, dass sich von einem Analogon des Regalien- 
rechtes bei dem Grundherrn gar nichts finde. 

®) Vgl. dazu Stutz bei Herzog-Hauck XV, 17 ff.; HinschiusKR. 
II, 628 ff 


198 Zweites Kapitel. 


Eigentumsrecht der Laien an den Kirchen immer weniger 
die Rede ist, so sind dieselben doch sehr darauf bedacht, dass 
womöglich im übrigen alles im früheren Geleise bleibe. 

Zu diesem Zweck sucht man vor allem das Eigen- 
kirchenrecht durch das Eigenrecht an den Tempo- 
ralien zu ersetzen und auf Grund dessen einen grossen 
Teil der Einkünfte auch weiterhin der Kirche vorzuenthalten. 
Das war ein Ausweg, der an die schon lang gekannte Unter- 
scheidung von ecclesia und altare anknüpfte‘), der im Kon- 
kordat von Worms für die höheren Kirchen festgelegt, aber 
schon viel früher gerade für die niederen von gregorianischer 
Seite als ein Notbehelf.angedeutet wurde ?). Hildebert hat 
ihn offenbar schon längere Zeit vor dem Abschluss des ge- 
nannten staatskirchlichen Vertrages auch in letzterer Beziehung 
als den besten Weg zur Lösung der Konfliktsfragen betrachtet 
und benutzt°). Dass es auf diese Weise gelang, die Laien 
zur Anerkennung wichtiger Rechte der Kirche zu bewegen, 
dafür kann wohl eine Urkunde von Le Mans aus dem Jahre 
1188 Zeugnis ablegen, die den im Anschluss an die Urkunde 
von Chartres gezeichneten Stand der Dinge als auch dort vor- 
handen erweist*). Burkard von Lavardin, Graf von Vendöme, 
„gibt eine seiner Präbenden in der Kirche St. Genesius von 
Lavardin der Abtei St. Georg vom Walde (de Nemore)“. In 
dieser vom Domkapitel von Le Mans ausgestellten Urkunde 
werden somit Präbenden einer Kollegiatstiftskirche rückhaltlos 
als Präbenden des Grafen bezeichnet, der auch über eine der- 


!) Siehe Stutz bei Herzog-Hauck XV, 17. Vgl. z. B. eine Urkunde 
des Bischofs Gervasius bei Mart&ene-Durand, Thesaurus I, 158 (Cauvin 
LXXI). 

?) Siehe oben Seite 124. Vgl. Mansi XX, 924 c. V (Rouen 1096). 

?) Siehe oben Seite 133 und über den entsprechenden Zustand in 
deutschen Gebieten Stutz, Das habsburgische Urbar, besonders S. 229 ff. 
und dort Zitierte. Vielleicht ist auch in den Worten des Bischofs von 
Lisieux, oben Seite 195 Anm. 3 (zu 194) ein Hinweis darauf zu erblicken. 

*) Liber Albus, Seite 106 f. (Nr. CLXXXVI von 1138 oder Anfang 
1189). 


Die Rechte der Laien: Entwicklung. 199 


selben wie ein Eigentümer selbständig, allerdings mit Zustim- 
mung der kompetenten kirchlichen Behörden verfügt. Be- 
merkenswert ist aber, dass hier der Bischof Reginald sowie 
der zuständige Archidiakon und Archipresbyter mit Reservaten 
ebenso energisch ihre Bestätigung versehen, wie oben der Graf 


von Chartres seine Tradition, — und zwar speziell in Bezug 
auf die Stellenbesetzung und mit Berufung auf den bis dahin 
vorhandenen Rechtszustand.. „Der Kanoniker nämlich“, so 


heisst es nach einer allgemeinen Vorbehaltsklausel, „dem die 
Pfründe vom Abt zugewiesen werden wird, ist durch die 
Hand des Abtes, des Archipresbyters und des Archidiakons 
in gehöriger Ordnung zu präsentieren und dann durch den 
Bischof in der Kirche zu instituieren. Und weiterhin werden 
derselbige Bischof und seine Ministerialen (offenbar Archi- 
diakon und Archipresbyter) bezüglich der Präbende wie des 
Kanonikers dieselbe Fülle der Jurisdiktion, Gewalt, Gerechtig- 
keiten, sowie alles andere in der ganzen Vollständigkeit haben, 
wie sie es vorher bezüglich der Präbende und des Säkular- 
kanonikers hatten.“ Es scheint fast, als habe man befürchtet, 
unter dem zukünftigen geistlichen Herrn von den Rechten zu 
verlieren, deren man unter der Laienherrschaft sicher war. 
Es konnte demnach bei diesem Temporalienrecht der Laien 
zu einem für die Kirche erträglichen Rechtsverhältnis kommen. 

Aus der Urkunde von Le Mans lässt sich mit ziemlicher 
Sicherheit entnehmen, dass auch der Graf hinsichtlich der 
Stellenbesetzung nicht mehr und nicht weniger als das Präsen- 
tationsrecht übte. Soweit wurde die Kirchenherrschaft der 
Laien doch nach und nach für die grosse Mehrzahl der Kirchen 
zurückgedrängt. Ja, bei dem fortgesetzten Kampfe gewann 
jenes Recht dank seiner Anerkennung durch die Kirche für die 
Laien selbst an Bedeutung. Das genannte Temporalienrecht 
war ihnen ja, wie jeglicher Anspruch auf kirchliche Einkünfte, 
längst kirchlicherseits bestritten !), und so blieb am Ende nur das 


!) Siehe z.B. Hefele Cg. V, 115 £. (Poitiers 1078, c. 3). 155 (Lille- 


200 Zweites Kapitel. 


Präsentationsrecht übrig als ein Recht, an das man sich un- 
gehindert klammern konnte. Das letztere war von einer nicht 
geringen materiellen Bedeutung, weil die Sicherung und das 
Mass der Patronatseinkünfte nicht wenig von der Persönlich- 
keit des grundsätzlich unabsetzbaren Stelleninhabers bedingt 
war; sodann aber blieb nach Aufgabe des Eigentums an den 
Kirchen eine gewisse Gewalt über den Vertreter der Kirche 
gleichsam der letzte Halt für die früher in der Lostrennung 
vom Kircheneigentum nicht denkbaren dinglichen Rechte. Ins- 
besondere war es denjenigen Laien unentbehrlich, die auf rein 
kirchliche, vom Stelleninhaber zu vereinnahmende Gefälle nicht 
verzichten wollten, zumal es die Handhabe sein konnte, um 
Verwandte in die Stellen hineinzubringen. Daraus erklärt sich 
uns jetzt das gegen Schluss des zweiten Abschnitts dargestellte 
krampfhafte Festhalten der Familie Malamusca (in der Diözese 
Le Mans) an dem Präsentationsrecht; denn ihr kam es selbst- 
verständlich nur auf die Nutzungen an). Daraus versteht 
man auch umso eher, wie Papst Alexander III. die Patronats- 
streitigkeiten, ohne nennenswerten Widerspruch zu finden, 
den geistlichen Sachen zuordnen konnte. 

Endlich ist noch darauf hinzuweisen, dass es auch an 
solchen Laien nicht fehlte, die ganz in alten Bahnen wandelten. 
Das beweist z. B. ein Kanon der elften allgemeinen Synode 
(1179): „Laien, welche ohne Rücksicht auf das Recht des 
Bischofs an Kirchen Kleriker anstellen und absetzen, Kirchen- 
gut willkürlich verteilen, Kirchen und deren Leute mit Ab- 
gaben belasten, verfallen in Zukunft dem Anathem; der Priester 
oder Kleriker aber, der von einem Laien ohne die gesetzliche 
Mitwirkung des Bischofs eine Kirche annimmt, wird exkom- 
muniziert und im Falle der Hartnäckigkeit vom kirchlichen 
Amt und Ordo abgesetzt?).“ So verwegen, heisst es, seien 


bonne 1080). 223 (Clermont 1095, c. 20). 244 (Nimes 1096, c. 6). 380 
(Lateran 1123, c. 9). 410 (Clermont 1130, c. 11). 442 (Lateran 1139, c. 16). 
!) Oben Seite 149. 
?) Mansi XXI, 226 c. XIV; Hefele Cg. V, 714 e. 14. 


Die Rechte der Laien: Entwicklung. 201 


gewisse Laien geworden. Die Arbeit Hildeberts und seines- 
gleichen war bei weitem noch nicht vollendet. 

Dies bezeugt uns auch der Vorgänger des genannten Bischofs 
Reginald von Le Mans, Wilhelm I., mit welchem wir nunmehr 
auf eine kurze Betrachtung der weiteren kirchlichen Re- 
formarbeit eingehen wollen. Er hat seine lange Regierungs- 
zeit (1144—1187)) redlich dazu benutzt, die Tätigkeit Hilde- 
berts fortsetzend das Laienkirchenrecht noch um ein gutes 
Stück mehr zurückzudrängen. Ein Dokument des Jahres 1150, 
welches die Ueberlassung einer Laienkirche und ihrer Einkünfte 
„in die Hand des Bischofs“ und deren Weiterschenkung an 
das Kapitel beurkundet ?), beginnt er mit folgenden Worten: 
„Gemäss dem Zeugniss Apostolischer Auktorität unterliegen 
die Laien, welche Priester in den Kirchen einzusetzen sich 
anmassen und Zehnten wie die sonstigen kirchlichen Einkünfte 
für sich zu verwenden sich nicht scheuen, dem Anathem.“ 
Mit Rücksicht auf dieses Apostolische Dekret haben der be- 
treffende Grundherr, seine Gattin und Söhne gehandelt. — Im 
Jahre 1186, gegen Ende seines Episkopates, kann der Bischof 
berichten, dass er elf (ganze oder halbe) aus Laienhand er- 
worbene Kirchen dem Kapitel überwiesen hat). Wir haben 
also im Fortgange des „Investiturstreites“ zunächst das Streben 
nach weiterer Verminderung der Laienkirchen zu konstatieren.*) 

Unter Bischof Wilhelm tritt aber für Le Mans der Kampf 
gegen das Laienkirchenrecht in ein neues Stadium ein. So- 


uGallıa Chr. XIV, 3834. Piolims IV, 07.1. 

?) Liber Albus, Seite 73 Nr. OXXIX (von 1150 oder Anfang 1151); 
vgl. Seite 288 Nr. COCCLXV. 

») Ebd, S. 69 f. Nr. CXXII (von 1186 oder Jan. 1187). 

*) Bezüglich Wilhelms und des früheren Bischofs Guido siehe auch 
oben Seite 127 Anm. 2 (von 126), bei Cauvin XC; bezüglich Guidos 
vgl. beiden Benediktinern v. Sol. S. 52 Nr. XLVI. 54 Nr. LI. 65 £. 
Nr. LXIX mit 79 Nr. LXXX VI; bezüglich Wilhelms ebd. 76 Nr. LXXXIIL 
— Vgl. für Chartres Brief des Papstes Alexander III. an den dortigen 
Bischof Wilhelm, bei Lepinois et Merlet I, 178 Nr. LXXVIII (vom 
11. April 1168 oder 1169). Hieraus, wie aus vereinzelten anderen Bei- 


202 Zweites Kapitel. 


weit die Laien nicht die Kirchen mit ihrem Zubehör frei- 
willig oder gezwungen aufgaben, behaupteten sie, wie wir 
schon sahen, zwar nicht mehr das Eigentum an der Kirche 
selbst, aber doch den Anspruch auf bisherige Einkünfte. Ob- 
gleich nun das ehemalige selbständige Stellenbesetzungsrecht 
zu einem Präsentationsrecht sich abschwächte und so das Haupt- 
ärgernis anscheinend mehr und mehr zurücktrat, beginnt doch 
jetzt, etwa um die Mitte des 12. Jahrhunderts, auch die Be- 
fehdung jenes Nutzungsrechtes mit grösserem Nachdruck ge- 
führt zu werden, wenigstens soweit es die Zehnten, Primi- 
zien und sonstige Oblationen kirchlichen Charakters betraf, 
und sie nimmt dieselben Formen an, in denen sich der fort- 
dauernde Kampf um die Kirchen selbst bewegte. Den neuen 
dürfen wir für Le Mans in der bereits zitierten Urkunde von 
1150 inauguriert sehen. Von einem neuen Prinzip war natür- 
lich diese Bewegung nicht getragen. So wie das Eigenkirchen- 
recht von jeher dem Eigentümer auch sämtliche Einkünfte der 
Kirche zusprach, so wurden ihm die letzteren vom Beginne 
der Reform an mit der Kirche selber aberkannt. Die Zehnten 
z. B. kommen grundsätzlich nur den Kirchen zu, sie müssen 
also „von den Laien zurückgegeben werden, auch wenn sie 
dieselben von einem König oder Bischof erhalten haben“ }). 
„Kein Laie darf eine Kirche oder ein kirchliches Benefizium 
besitzen, d. h. er darf die Opfergaben nicht nehmen, für Be- 
gräbnis oder Taufe keine Gebühren erheben, überhaupt, was 
zu einem feudum presbyterale gehört, sowie auch den dritten 
Teil des Zehnten nicht für sich behalten.“ Wer es tut, wird 


spielen dieser Art, ersehen wir, dass die Bischöfe es dann und wann für 
gut hielten, sich wiedergewonnene Laienkirchen auch vom Papste „kon- 
firmieren“ zu lassen. — Im Anschluss an den in Betracht kommenden 
Fall von Befreiung einer Kirche schreibt der Papst: Quod utique nos 
gratum acceptumque tenentes sollicitudinem tuam in hac parte non modi- 
cum commendamus. 

!) Hefele Cg. V, 125 (Rom 1078, c. 6). 441 (Lat. 1139, c. 10). 
Vgl. z. B. 223 (Clermont 1095, c. 19). 263 (Poitiers 1100, c. 14: Kein 
Laie darf an den kirchlichen Oblationen partizipieren). 


Die Rechte der Laien: Entwicklung. 203 


„von allem Verkehr mit den Gläubigen ausgeschlossen“ ). Und 
die Konsequenz davon: „Kein Kleriker oder Mönch oder Laie 
(darf von einem Laien eine kirchliche Sache (oder eine Kirche) 
erhalten, sondern nur vom Bischof?).“ Der Laie hat kein 
Recht, darüber zu verfügen, streng genommen bleibt ihm also 
auch hier, wenn er etwa dergleichen übertragen, selbst ver- 
schenken will, nichts übrig, als es zunächst dem Bischof zu 
restituieren und es dann von diesem tradieren zu lassen. Aber 
auch hier kommt man im Interesse der Kirche von der stren- 
gen Form auf eine mildere zurück, man begnügt sich mit der 
Zustimmung des Bischofs (oder Papstes) ?). Und es lässt sich 
bei Uebernahme von kirchlichen Einkünften so gut, wie bei 
Uebernahme von Kirchen und Kirchengütern, sehr häufig nicht 
vermeiden, dass man die Laien entschädigt. 

Das Ströben der kirchlichen Organe, der geistlichen Re 
porationen und des Klerus überhaupt, die Zehnten und son- 
stigen kirchlichen Einkünfte nach jenen Grundsätzen den Laien 
zu nehmen, spiegelt sich in den Urkunden namentlich seit der 
Mitte des 12. Jahrhunderts wieder. Immer häufiger werden 
durch dieses und das folgende Jahrhundert hindurch die „Re- 
demptionen“ und „Resignationen“ solchen Inhalts, — Bischof 
Wilhelm T. von Le Mans scheint sich auch nach dieser Rich- 
tung hervorgetan zu haben; der Hinweis auf die kanonische 
Unrechtmässigkeit des fraglichen Laienanspruchs kehrt bei 
ihm sowohl in direkter Behauptung wie auch in Anwendung 
der strengen Auflassungsform bei Traditionen des öfteren 
wieder.*) Die Bestrebungen Wilhelms dauern unter seinen 


1) Ebd. 174 (Rom 1083? c. 1). 244 (Nimes 1096, c. 6). Vgl. 128 
(Gerona 1078, c. 13); Mansi XX, 924 (Rouen 1096 c. V). 

2) Ebd. 175 (Rom 1083?, c. 10). Vgl. 115 (Poitiers 1073, e. 1). 

3) Ebd. 195 (Melfi 1089, c. 5. 6). 381 (Lat. 1123, c. 22). 399 (Lon- 
don 1127, c. 11). 

4) Siehe z.B. bei den Benediktinern von Solesmes, Seite 91 f. 
Nr. CV; oben S. 201 Anm. 2. — Vgl. für Chartres Urkunde des Bischofs 
Reginald von 1207, bei Lepinois et Merlet II, 37 f. Nr. CLXXVIIT; 


204 Zweites Kapitel. 


Nachfolgern fort!). In der Folge belässt man es aber mehr 
und mehr auch in Le Mans bei der milderen Form, dem bi- 
schöflichen Konsens ?), und dieser oder an seiner Statt der 
päpstliche wird auch einzelnen Korporationen oder Personen 
von vornherein für alle vorkommenden Fälle erteilt ?). 

Die Zeit bis auf Alexander III. und das Laterankonzil 
von 1179 weist also zwei Phasen der Weiterentwicklung auf. 
In der ersten verschwindet allmählich der Anspruch der Laien 
auf strenges Eigentum an den Kirchen, ebenso der Anspruch 
auf selbständige Besetzung der Stellen. Viele Laienkirchen 
gehen in geistliche Hände über, bei den anderen wird es zur 
Regel, dass sich der Patron mit den (im Gegensatz zum Eigen- 
tum allein noch wertvollen) Nutzungsrechten begnügt, die 
sich gleichsam um das Präsentationsrecht als neuen geistlichen 


für Seez (Normandie) Urkunde des Bischofs Lisiardus von c. 1200 
bei den Benediktinern von Solesmes, Seite 143 f. (Nr. CLXXXI — 
fraglich, auf wessen Anregung hier die Resignation stattfindet). — Dass 
man diese Strenge vielfach nicht anwenden konnte, und dass viele Laien 
ruhig im Besitze der Zehnten etc. verblieben, versteht sich von selbst. 

!) Ueber Gottfried von Laval z. B. (1231— 1234) siehe Piolin IV, 343. 

?) Siehe z. B. Liber Albus, Seite 32 f. (Nr. LXII und LXV von 
1224—1226). Aber auch die andere Form kommt noch zur Anwendung, 
z. B. ebd. 8.29 f. (Nr. LVII von 1211). Später begnügt man sich damit, 
dass die betreffenden Traditionen vom bischöflichen Offizial beurkundet 
werden. 

>) Z. B. Urkunden des Bischofs Gottfried I. für das Domkapitel: 
Liber Albus, Seite 49 Nr. XCIV f. von 1231 und 1234; der Päpste 
Honorius IV. und Gregors IX. für St. Peter von La Couture: Bene- 
diktiner von Solesmes, Seite 189 Nr. CCLVI (vom 20. April 1218). 
261 Nr. CCCXVIL (vom 5. Juli 1233). — Vgl. Gallia Chr. XIV, 114 
bezüglich einer solchen Konzession des Erzbischofs Burchard von Tours 
vom Jahre 1289; Urkunde des Bischofs Rotrodus von Evreux für das 
Domkapitel und St. Peter v. Chartres: L&pinois et Merlet ], 164 ff. 
Nr, LXV (von 1157 — hier hat vermutlich die Entfernung dazu bei- 
getragen, dieses Verfahren schon früh anzuwenden), — Dass übrigens 
auch in früherer Zeit die Uebertragung von Zehnten häufig vorkam, 
zeigt das Cartularium von St. Vincenz (hrsg. von Charles et Menjot 
d’Flbenne); eine Mitwirkung des Bischofs wird nicht erwähnt. 


Die Rechte der Laien: Entwicklung. 205 


Mittelpunkt konzentrieren. In der zweiten Phase wird aber 
auch der Bezug der Nutzungsrechte schwer bedroht, auch diese 
kommen, namentlich diejenigen von kirchlichem Charakter, 
vielfach in geistliche Hand. — In diese Periode fällt die neue 
Gesetzgebung hinein.!) Welche Bedeutung ist ihr zuzu- 
schreiben? Zunächst ist sie nicht, wie die ehemalige Fort- 
dekretierung des Eigenrechtes, eine Negation bestehenden 
Brauchs, sondern nur die theoretische Festlegung von Grund- 
sätzen, die in der Uebung schon, wenn auch nicht ganz allgemein, 
vorhanden waren: das bedeutungslos gewordene Eigenrecht 
wird zu einem von der Kirche zugestandenen Patronatrecht, 
das Stellenbesetzungs- zu einem Vorschlagsrechte degradiert; 
das dem allgemeinen Bewusstsein bereits mehr oder minder 
eingeprägte Ueberwiegen des geistlichen Elementes in diesem 
Inbegriff von Rechten wird durch Festlegung der kirchlichen 
Zuständigkeit sanktioniert ?). Die Gesetzgebung erinnert also 
zunächst daran, dass schon die bisherige Reformbewegung auch 
im Bereiche der niederen Kirchen von nicht unbedeutenden Er- 
folgen begleitet war. Sie garantierte aber gleichzeitig neue 
Erfolge, indem sie dem schon begonnenen Kampfe gegen das 
Laiennutzungsrecht weitere feste Stützen verlieh. 

Wenn so die Laienrechte bei einer Menge von Kirchen 
beseitigt, bei vielen weniger lästig wurden, so wurden doch 
wieder manche andere laikaler Botmässigkeit unterworfen und 
blieb die letztere auch nicht selten so unbequem und gefähr- 
lich, wie zuvor. Letzteres konnte schon das so gern behaup- 
tete Eigenrecht bezüglich der Temporalien, auch das Präsen- 
tationsrecht für sich allein bewirken, mehr noch musste es der 


!) Siehe hierüber Hinschius KR.II, 628 ff.; Stutz, Die Eigen- 
kirche, Seite 42 f£.; bei Herzog-Hauck XV, 17 £. 

2) Bei Patronatsstreitigkeiten zwischen Laien scheint allerdings 
dieses Prinzip auch im 12, und 13. Jahrhundert nicht zur Geltung ge- 
kommen zu sein, und hieran wird dann in Frankreich die Reaktion, von 
der sogleich noch mit einem Worte die Rede sein soll, angeknüpft 
haben. 


206 Zweites Kapitel. 


Fall sein, wenn beide Rechte zusammen ausgebeutet wurden. 
Hierdurch blieb oder kam an vielen Stellen, bei niederen Kir- 
chen sowohl wie bei Kapiteln, ein wahres Laien-Familien- 
regiment in Schwung. 

Man wird sich nicht wundern, wenn manche Laien dem 
kirchlichen Vorgehen gegenüber ein auch früher schon ge- 
bräuchliches Mittel doppelt gern ergreifen, um der Familie 
die reichen Einkünfte zu erhalten. Sie bedienen sich des Prä- 
sentationsrechtes, um immer wieder Mitglieder der Familie, 
die dann nur zu oft einzig zu diesem Zwecke Kleriker werden, 
auf die einträglichen Stellen zu bringen. Diese anderswoher 
für die fragliche Zeit genügend bekannte Praxis!) lag zu nahe 
und war zu verlockend, als dass sie nicht auch in der Heimat 
Hildeberts sich eingenistet hätte ?). Er selbst hat derartige 
Missbräuche schon gekannt??). 


!) Stutz bei Herzog XV, 18. 244; Derselbe, Das Münster zu 
Freiburg, Seite 10 ff. 

?) Die Urkunde des Bischofs Wilhelm von Avranches (von 1194), 
bei den Benediktinern von Solesmes, Seite 134 (Nr. CLX VI) könnte 
hierher gehören, und dann würde sie eine allgemeinere Uebung dieser Art, 
für die betreffende Gegend wenigstens, voraussetzen lassen. Ihr Inhalt 
ist dieser: Dem Bischof einer Diözese der Normandie werden, wie er selbst 
beurkundet, für eine Kirche seines Sprengels, im Kloster der Diözese 
Le Mans St. Peter von La Couture, dem die Kirche gehört, von dessen 
Abt zwei Priester präsentiert, und er „recipiert“ sie. Nach dem Tode 
des einen soll der andere allein die Kirche innehaben, nach dem Tode 
des anderen hat das Klosterkapitel wieder die Präsentation. Und nun 
müssen die beiden vor Abt und Kapitel in Gegenwart des Bischofs 
schwören, dass sie niemanden aus ihrem Geschlechte ordinieren lassen 
werden, der vermöge seiner Ordination irgend etwas von Rechten in der 
betreffenden Kirche würde reklamieren können. Eine befriedigende Er- 
klärung für diesen Schwur wäre diese: Die betreffende Kirche ist auf 
irgend einem Wege von der Familie, der die beiden Priester angehören, 
auf das Kloster übergegangen; die letzteren haben aber auf Grund ihrer 
Abstammung sich die Anstellung an der Kirche zu verschaffen gewusst, 
und waren vermutlich nicht die ersten ihres Geschlechtes, denen dies 
gelang. Man befürchtet darum, dass ihr Beispiel Nachahmung finden 
und die betreffende Stelle in der Familie geradezu erblich werden möchte. 


Die Rechte der Laien: Entwicklung. 2307 


Wir wissen insbesondere, dass ihm die Bretagne auch in 
dieser Beziehung Sorge bereitete, und so haben wir ihn dort, 
mit der Feder auch anderswo, gegen den behandelten Missstand 
kämpfen gesehen !). Ausdrücklich wird derselbe von ihm aller- 
dings nur für „Präbenden“ bezeugt, und damals blieb ja auch 
der Eigenherr einer niederen Kirche noch ziemlich unbehelligt, 
wenn er einen erbärmlich besoldeten Priester wirtschaften liess 
und die Einkünfte für sich bezog; gegen Ende des Jahrhunderts 
konnte es aber schon angebracht erscheinen, ein Familienmitglied 
behufs Sicherung dieser Einkünfte weihen zu lassen und als 
„Rektor“ der Kirche zu präsentieren; der etwa statt seiner er- 
forderliche Arbeitsmann war dann eben sein Vikar. Wenn dieses 
System in „fortgeschrittenen* @egenden bei Kapitelsstellen 
schon früher gang und gäbe war, so mag es darauf beruhen, 
dass man den Präbendaren höherer Kirchen gegenüber um 
ihrer Stellung willen das Aussaugen der Pfründen nicht so gut 
und vollständig bewerkstelligen konnte, wie bei den niederen 
Kirchen; auch kam ja dort das „Ehrgefühl* der Herren- 
familien besser auf seine Rechnung, und in der Regel lohnte 
es sich mehr, an solcher Stelle den Kleriker zu spielen ?). So 


Nach dieser Auslegung wäre also das angegebene Verfahren von den 
Laien selbst dann geübt worden, wenn kein bestehender Rechtstitel seine 
Ungehörigkeit verdecken konnte; um wie viel mehr wohl da, wo das 
Präsentationsrecht ihm zum Vorwand dienen konnte! Vielleicht behaup- 
tete die betreffende Familie ursprünglich, wie eine andere unter Hilde- 
bert (s. folg. Anm.), den Besitz des „Presbyterium“. Vielleicht befürch- 
teten die Mönche auch noch eine Erbnachfolge im engeren Sinne. 

a) Siehe oben Seite 149. — Nicht selten werden (auch früher schon) 
von den tradierenden Laien die betreffenden Kirchenstellen für Söhne oder 
andere Angehörige vorbehalten. Z.B. Piolin III, 676 f. Nr. L; Liber 
Albus 8.73 f. Nr. OXXX; vgl. oben Seite 149 ff. — Vgl. auch Liber 
Albus Seite 129 Nr. CCOXIL. 

!) Oben Seite 165 ff. 

?) Uebrigens ist es nicht ausgeschlossen, dass unter den Priestern 
der Bretagne, die ihre Stellen auf Söhne vererbten, auch Eigenkirch- 
herren sich befanden (siehe oben Seite 65). 


208 Zweites Kapitel. 


griff denn später auch ganz besonders in den Kapiteln diese 
Uebung um sich. Das unaufhaltsame Vorwärtsdrängen der 
Reform hat, scheint es, dazu beigetragen. Wie sehr auch 
die hohe Laienwelt gegen eine Aenderung der Dinge sich 
sträuben mochte, sie sah sich doch je länger je mehr darin 
behindert, so, wie bisher, die Kirche von aussen zu beherr- 
schen; sie ging deshalb in erhöhtem Masse darauf aus, sich 
im Innern der Kirche festzusetzen, in die einflussreichen Stellen 
einzudringen und sich auf diese Weise wieder die Vorteile 
und die Macht zu sichern, deren sie immer mehr beraubt zu 
werden fürchten musste. Die Domkapitel vor allem werden 
so in wachsendem Masse Domänen des Adels und von hier 
aus, da die Wahl des Bischofs in der Folgezeit ausschliesslich 
dem Kapitel anbeimfällt, auch vielfach die Bischofsstühle selbst. 
Den bezeichnendsten Ausdruck findet diese Entwicklung darin, 
dass mehr und mehr in den Kapiteln die adlige Geburt, hier 
und da sogar ein höherer Grad des Adels zu einer Bedingung 
der Aufnahme wird !). — Dass dadurch die alten Uebelstände 
wieder Eingang fanden, weiß man?). Darin bestand die 
Gefahr, von der wir oben meinten, dass Hildebert sie geahnt °), 
darin das Mittel, mit dem die DLaienwelt noch über ein halbes 
Jahrtausend die Kirche in ihren Armen gefangen und den 
Fortschritt der Verinnerlichung des kirchlichen Lebens auf- 
hielt. Auch dieser Gefahr hat die Kirche schon früh und be- 
ständig durch eine Reihe von Mitteln, z. B. durch Verbot oder 


!) Siehe zu dieser Entwicklung Hinschius KR. II, 67 f.; Imbart 
de la Tour, Les &lections, Seite 513 ff. (528 £.); Hüffer, Forschungen, 
Beite 291 fi. (Abschn. VIILf£.); Kothe 6 f. 

°) Hiermit mag auch die rückläufige Bewegung zusammenhängen, 
wovon auf einer Synode von Saumur im Jahre 1315 gesagt wird, dass 
sie den Kirchen der Provinz Tours grossen Schaden zugefügt habe: 
Kirchliche Würdenträger unterstellen der Kirche gehörige Güter (und 
Rechte, auch Kirchen) den Laien als Patronen und Vögten und schützen 
sich gegen das diesbezügliche Verbot durch den Vorwand, die Güter etc. 
von Laien erhalten zu haben. Hefele, Ce. VI, 571c.1 mit 151 ce. 22. 

3) Oben Seite 167. 


Die Rechte der Laien: Entwicklung. 209 


durch Beschränkung des Mietlings-, Kumulations- und Stell- 
vertretungswesens entgegengewirkt !). Die völlige Erlösung 
sollte ihr freilich erst durch gewisse Gewaltakte des Laientums 
selber, d. h. der Staaten kommen. 

Es mag als eine dritte Phase der Entwicklung bezeichnet 
werden, wenn jetzt manche Laien der Fortsetzung des Inve- 
stiturstreites mit der vorhin gekennzeichneten Ausbeutung des 
Präsentationsrechtes begegneten. Daneben blieb es natürlich 
auch ohnedies an vielen Kirchen unter den neuen Titeln Pa- 
tronat und Präsentation auf Jahrhunderte hin beim alten. Da- 
mit, dass die Ideale der Reform im Bereiche dieses neuen 
Laienkirchentums verwirklicht worden wären, ist nach Ablauf 
des zwölften Jahrhunderts immer weniger zu rechnen, umso 
weniger, je mehr die „Herren“ des Laienstandes und des 
Klerus sich aus denselben Familienkreisen rekrutierten, und 
je mehr auch im Bereiche der den geistlichen Korpora- 
tionen unterstehenden Gotteshäuser, weiterhin selbst in den 
höheren Regionen der Kirche und unter den Auspizien der 
höchsten Stelle ein System von Missbräuchen sich verbreitete. 
In welchem Verhältnis sich Licht und Schatten geltend mach- 
ten, wäre freilich durch eine Menge von Einzeluntersuchungen 
erst zu konstatieren. 

Die auf Beschneidung des Laienpatronates gerichteten 
Bestrebungen der Kirche nahmen indes ihren Fortgang, und 
blieben auch fernerhin nicht erfolglos. Selbst von Frankreich 
darf dies gesagt werden, mag dort auch eine gallikanische 
Reaktion der geistlichen Gerichtsbarkeit in den Weg getreten 
sein ?). Um aber die Ausübung jenes Rechtes endgültig und 
allgemein in eine idealere Richtung hineinzudrängen, und um 


1) Z2.B. Hefele Cg. V, 176 (Rom 1083? c. 31). 419 (Reims 1131, 
c. 8). 441 (Lateran 1139, c. 10). 686 (Avranches 1172, c. 4). Bei den Be- 
stimmungen der ersten Art hatte man in frühester Zeit wohl insbeson- 
dere das Mieten von Priestern durch die Laienherren selbst im Auge. — 
Zur Pfründenkumulation siehe oben Seite 46 ft. 
?) Hinschius KR, II, 632. 
Barth, Hildebert von Lavardin 14 


210 Zweites Kapitel. 


die Kirchenstellen für Unberufene weniger begehrenswert zu 
machen, bedurfte es noch anderer Umwälzungen als des 
Gnadenstosses, den Alexander III. einem lebensmüden Eigen- 
tumsrecht versetzte, solcher nämlich, welche die für Patro- 
natsherren mit ihrem Recht und für Kapitulare mit ihren 
Stellungen verbundenen materiellen Vorteile beseitigten oder 
auf ein Minimum reduzierten. In dieser Beziehung hat eben 
erst die neuere und neueste Zeit, zwar unter dem (juristisch 
notwendigen) Widerspruch der Kirche, aber doch zu ihrem 
Heile aufgeräumt. 

Wir dürfen schliessen: Die Geschichte gibt unserem 
Hildebert und seinen gleichgesinnten Zeitgenossen Recht. Es 
wäre ein Kampf für eine Utopie gewesen, hätte man damals 
versucht, die niederen Kirchen und die Domkapitel im vollsten 
Sinne des Wortes zu befreien, insbesondere die Besetzung der 
Stellen von jeglichem Einfluss der Laienwelt loszumachen. 
Das ist auch heute noch nicht erreicht, und wird schwerlich 
je zu erreichen sein. Der Mittelweg, den Hildebert verfolgte, 
war dieser: Freiheit der bischöflichen Kollation ist sein Prin- 
zip; aber die Freiheit, wie er sie will, ist keine absolutistische. 
Unverträglich ist mit ihr allerdings ein Verfahren der Laien, 
das den Bischof geradezu matt setzt, wenn also z. B. im 
Aemterrecht der Diözese Erblichkeit von irgend einer Art 
zur Geltung gebracht wird, oder wenn der Fürst die Stellen, 
und gar die wichtigsten nach seinem Gutdünken, ohne Rück- 
sicht auf die Wünsche des Bischofs und die Bedürfnisse der 
Kirche besetzt haben will. In dergleichen Fällen gibt es für 
Hildebert keine Brücke zwischen Freiheit und Beschränkung. 
Sonst aber hat er eine solche ohne Zweifel nicht verschmäht; 
wie bei Verfügungen der Laien über Kirchen und Kirchengut, 
so wird er auch bei Besetzung von Stellen gewöhnlich einen 
Mittelweg gegangen sein; denn verzichtet hat er auf den ihm 
gebührenden Einfluss ohne Zweifel nicht, auf der andern 
Seite aber bemerken wir zu wenig von diesbezüglichen 
Kämpfen, die doch eine unausbleibliche Folge seiner Hart- 


Die Rechte der Laien: Entwicklung. 911 


näckigkeit gewesen wären. Wohl hat er hier und da gestrit- 
ten, und glücklicher als mancher andere. Hat er im all- 
gemeinen mehr Milde walten lassen als dieser oder jener 
seiner Zeitgenossen, so hat er deshalb kaum weniger erreicht. 
Und wollte man fragen, ob es bloss erzwungene Klugheit 
war, die ihn bestimmte, oder ob die Einsicht mitwirkte, dass 
eine völlige Beseitigung des Laieneinflusses nicht erreicht zu 
werden brauchte, dass auch der kirchliche Freiheitsdrang, die 
Sonderung von Klerus und Laientum übertrieben werden könne, 
so legt sein Hinweis auf die apostolische Diakonenwahl ?) die 
letztere Alternative nahe, und sein Verhalten gegen die Laien 
lässt die ihr entsprechende Aufrichtigkeit nicht vermissen. 

Wir müssen davon überzeugt sein, dass Hildebert mit 
Erfolg danach getrachtet hat, einen reformwidrigen und die 
Rechte des Bischofs aufhebenden oder masslos beschränkenden 
Laieneinfluss bei seinen Domkapiteln und niederen Kirchen 
hintanzuhalten. Inwieweit nun gerade durch seine Sorge 
eine Besserung bestehender Verhältnisse eingetreten, und in- 
wieweit dadurch ein guter Geist unter der Geistlichkeit be- 
fördert worden ist, lässt sich natürlich des näheren nicht 
mehr ermessen. Dass es auch nach seinem Episkopat im 
höheren Klerus an Weltmenschen nicht fehlte, die mit den 
Laien liebäugelten und deren Macht in kirchlichen Dingen 
sich gern gefallen liessen, wenn sie ihrem Ehrgeiz förderlich 
war, wird eine später mitzuteilende interessante Reflexion zur 
folgenden Bischofswahl uns zeigen ?). Noch selbstverständ- 
licher als dies ist ein entsprechender Zustand des niederen 
Klerus. Für Tours aber und den übrigen Teil der Kirchen- 
provinz soll dergleichen in Anbetracht der kurzen Wirksam- 
keit Hildeberts und der sie begleitenden Wirren am wenigsten 
bestritten werden. Sicher ist indessen, dass er einer der her- 
vorragendsten und klügsten unter den Prälaten Frankreichs 


!) Siehe oben Seite 112. 119 f. 
2) Unten im 3. Kapitel V, 2. 


212 Zweites Kapitel. 


war, die den Mut hatten, die Befreiung des Klerus überhaupt 
und der Kapitel insbesondere energisch zu betreiben, und wenn 
in der Folge in Le Mans unter tüchtigen Bischöfen ein tüch- 
tiger Klerus im Domkapitel auf lange Zeit die Oberhand be- 
hielt, dann hat unstreitig Hildebert nicht wenig dazu beige- 
tragen !). 

Eine noch grössere Zuverlässigkeit hätte ja immerhin auf 
den ersten Blick ein Kapitel versprochen, das mit regulierten 
Kanonikern besetzt, und ein Pfarrklerus, der ebenfalls unter 
einer Regel vereinigt war. Wer aber will es unserem Bischof 
verdenken, wenn er vor einem Unternehmen zurückschrak, 
das anderswo so viel Verwirrung und Zwietracht veranlasste, 
das so viel Mühen und Verdriesslichkeiten mit sich brachte 
und durchaus nicht immer zu einem günstigen Ausgang 
führte ?)! Vielleicht hat jedoch Hildebert auch genügend weiten 
Blick gehabt, um zu erkennen, dass dieses Unternehmen nicht 
bloss vorläufig schwierig und gefährlich, sondern auf die Dauer 
nicht lebensfähig sei. Ja, es mag ihm nicht einmal für seine 
eigene Zeit als ein durchschlagendes Mittel gegolten haben, 
um den Einfluss der Laien auf die Besetzung der Stellen zu 
brechen. Denn das Vermögen, die Selbständigkeit und die 
angesehene Stellung der Kapitel blieben ja dieselben, also 
auch ihre Anziehungskraft für adlige Familien; und das Eigen- 
kirchenrecht mit seinen auch für Kapitelspfründen wirksamen 
Folgen hatte damals durchaus noch nicht zu herrschen auf- 
gehört. Im äussersten Falle aber blieb den Herrenfamilien 
eben der Ausweg offen, den sie in der Bretagne und in Oler- 
mont längst beschritten hatten, und vor dem sie auch bei einem 
Regularkapitel nicht zurückzuschrecken brauchten; denn was 
bedeutete am Ende die Regel! Hier hing im letzten Grunde, 
wie bei den Säkularkapiteln, doch wieder alles von dem guten 
Willen der Laien und des Bischofs ab. 


1) Siehe unten II, 4. 
°) Vgl. oben Seite 159. — Wir kommen unten II, 5 auf das Re- 
gularisationsproblem noch einmal zurück. 


Rechte klerikaler Organe im allgemeinen. 913 


Mochten also gute Bischöfe einerseits, wie wir es im Le 
Mans des 12. und 13. Jahrhunderts beobachten, im Sinne 
Hildeberts fortfahren, Kirchen und kirchliche Einkünfte in 
energisch-klugem Vorgehen ihrer eigentlichen Bestimmung zu- 
zuführen, so konnte die Aussenherrschaft der Laienwelt über 
die Kirche mehr und mehr aufein vernünftiges Mass beschränkt 
werden. Mochten sie aber auch nicht vergessen, im Geiste 
desselben Hildebert dem höheren und niederen Klerus die 
rechte Stellung anzüweisen, die rechte Geistesverfassung zu 
verschaffen oder zu sichern und so die noch schlimmere Innen- 
herrschaft des Laientums und die damit verbundene Verwelt- 
lichung zu beseitigen und zu verhindern! 


Il. 


Die zweite Frage, welche wir in diesem Kapitel uns zu 
stellen haben, ist die, ob und inwieweit Hildebert das Prinzip 
der freien „Wahl“, das er in seinem Brief nach Olermont zu 
Gunsten des Bischofs proklamierte !), gegenüber etwaigen An- 
sprüchen klerikaler Instanzen hat durchführen wollen und 
können ?). 

Die Zeiten, wo der Diözesanklerus im Verhältnis zum 
Bischof als völlig unselbständig galt, waren längst vorüber, 
Schon in römischer Zeit hatten auch in Gallien im Anschluss 
an die Abtrennung eines Landklerus von dem Presbyterium 
des Bischofs Ansätze zu einer dementsprechenden Rechtsbildung 
sich hier und da hervorgewagt°); unter der Herrschaft der 
germanischen Kultur aber hatte diese Rechtsbildung sich so 
eigenartig und in solchem Umfange vollzogen, dass man für 


') Siehe oben Seite 111 ft. 

?) Zum Folgenden und zu den allgemeinen Ausführungen dieses 
ganzen Teiles (II) vgl. Werminghoff I, 74ff. 8$ 21. 22; Luchaire, 
Manuel, I. partie; Fournier, Les offhicialites, Introduction; Schneider, 
Domkapitel; Hinschius KR, II; Stutz, Geschichte, besonders S. 320 ff. 

3) Stutz ebd. Seite 66 ff. 


214 Zweites Kapitel. 


diese Periode gerade im Hinblick auf das Recht der Diözese 
von einem germanischen Kirchenrechte reden kann !). 

Wir haben diese Bewegung im vorigen Abschnitt an den 
niederen Kirchen verfolgt. Die Vorsteher derselben waren zwar 
abhängig von ihren weltlichen Herren, als Benefiziaten nahmen 
sie aber an deren Selbständigkeit gegenüber dem Bischof teil, 
als solche hatten sie auch über das Schicksal der ihnen anver- 
trauten und etwa sonst noch (als Vorstehern einer Haupt- 
kirche) unterworfenen Kirchen und Kirchenstellen mitzu- 
bestimmen. Das lehrten uns schon einige Beispiele aus dem 
Wirkungskreise Hildeberts 2). Aus der ursprünglichen Ein- 
heitskirche, welche durch Bischof und Presbyterium repräsen- 
tiert war, schieden auf diese Weise zunächst die Landkirchen 
mit ihrem Klerus aus; das betreffende Kirchenrecht gaben die 
Karolinger?), als wichtigtste Reste der früheren Zentrali- 
sation und bischöflichen Allgewalt blieben das Mitwirkungs- 
recht des Bischofs bei Anstellung und Absetzung, die Visi- 
tation und die Diözesansynode. 

Der Stadtklerus folgte nach. Schon die Chrodegangsche 
Regel zieht ihn nur noch wenig in das gemeinsame Leben 
des bischöflichen Klerus hinein. Er schloss sich zu eigenen 
Gemeinschaften, Kollegiatkapiteln, zusammen, wie sie bereits 
die Aachener Regel voraussetzt und gleich den Domkapiteln 


') Stutz, Die Eigenkirche, Seite 7—14, 27—32, bei Holtzen- 
dorff II, 828 &. — An dem Ausdruck „germanisches Kirchenrecht“ 
nimmt Hinschius (Savigny-Stiftung, G. A. XVII [1896], 144) einigen 
Anstoss, meines Erachtens mit Unrecht. Für die Geschichte des Kirchen- 
rechts kann, wie für die allgemeine Kirchengeschichte, nur die Kultur, 
deren Charakter eben in erster Linie auf den Gang der Kirchengeschichte 
einwirkt, das Einteilungsprinzip abgeben. Wie man also hier die Periode 
der christlich-römischen, der christlich-germanischen Kultur u. s. w. zu 
unterscheiden hat, so auch in der Geschichte des Kirchenrechts, und 
etwas anderes will doch der Name „germanisches Kirchenrecht“ nicht 
besagen. 

?) Oben Seite 146 ff. 

3) Siehe oben Seite 123 £. 


Rechte klerikaler Organe im allgemeinen. 215 


zu ordnen unternimmt, und auch diese wurden bald auf Grund 
der Eigenkirchenidee, sei es „Herren“ im vollen Sinne, sei es 
Mediatherren als Benefiziaten, sei es (und das war wohl die 
Regel) beides zugleich. Ihr Verhältnis zum Bischof wurde 
dem der Laienherren analog; blieb auch ihre Selbständigkeit 
zunächst noch in gewissen Schranken, so erwächte doch leicht 
der Drang nach Freiheit, die denn auch vielfach in grösserem 
oder geringerem Masse erreicht wurde und namentlich zu der 
mehr und mehr beliebten unmittelbaren Unterstellung unter 
den römischen Stuhl sich zuspitzte. Die Besetzung der Vor- 
steherämter und sonstiger Stellen spielte hierbei natürlich eine 
grosse Rolle; die Entwicklung der Kollegiatkapitel entspricht 
in dieser Beziehung derjenigen der Klöster. 

Uebrigens wirkte bei Stadtklerus und Mönchtum der Ein- 
heitsgedanke länger und stärker nach; ihre Vertreter blieben 
bis in das 13. Jahrhundert hinein an den wichtigeren An- 
gelegenheiten der Diözese und namentlich an der Bischofswahl 
beteiligt, ein Rechtszustand, den wir auch unter Hildebert noch 
vorfinden !). In so weit bestand also neben dem Domkapitel das 
alte Presbyterium noch fort. Die frühere vita communis des 
Kathedralklerus hatte es in seiner Existenz und seiner recht- 
lichen Bedeutung grundsätzlich unangetastet gelassen, wie denn 
auch dieser selbst im juristischen Sinne nichts dadurch gewann, 
weder eine eigene Existenz noch dem Bischof oder anderen 
gegenüber eine besondere rechtliche Beziehung. Tatsächlich 
lief allerdings die enge Verbindung des Klerus der bischöflichen 
Kirche mit dem Vorsteher derselben auf ein solches Ziel hinaus. 
Wurde auch der Kathedralklerus nach längerer Zeit aus diesem 
‚Verbande entlassen, dann musste die Grundlage für die recht- 
liche Sonderexistenz und die Sonderansprüche der späteren 
Domkapitel gefestigt sein. 

Das ist an manchen Orten die Lage der Dinge schon zur 
Zeit Hildeberts. Die „Domkapitel“ (erst jetzt ist dieser Name 


') Für die Bischofswahl vgl. unten im 3. Kapitel II. 


216 Zweites Kapitel. 


am Platz) sind zunächst in vermögensrechtlicher Hinsicht selb- 
ständig geworden, mochten sie sich auch mit grösseren oder 
kleineren Teilen ihres Vermögens oder selbst mit dem ganzen 
zum Bischof (wie auch zu anderen Herren) noch im Verhältnis 
der Benefizialität oder der Vassallität befinden. Eine solche 
privatrechtliche Verselbständigung zog aber damals eine ge- 
wisse öffentlich-rechtliche unfehlbar nach sich. Autonomie, 
Disziplinargewalt, selbständiges Versammlungs- und Beschlies- 
sungsrecht, Mitwirkung bei Besetzung der Kapitelstellen wurden 
in steigendem Masse erstrebt und durchgesetzt. Die Anteil- 
nahme an der Diözesanregierung wurde in wachsendem Um- 
fange ein Vorrecht des Kapitels. Wenn für die wichtigsten 
Angelegenheiten der letzteren auch andere Kleriker, wie schon 
bemerkt, und sogar Laien noch zugezogen wurden, so war 
doch in den häufiger vorkommenden Fällen die Erteilung des 
„consilium“ oder des „consensus“ naturgemäss nur mehr Sache 
des Kapitels oder einzelner Mitglieder desselben. War ın 
einigen Bistümern sowohl die Absonderung der mensa capituli 
von der mensa episcopi noch eine etwas unvollkommene als 
auch dementsprechend die Herrschaft des Bischofs über das 
Kapitel eine noch ziemlich unbeschränkte, so war doch in 
manchen anderen die Entwicklung schon weiter gediehen !). 

Um in die eigentliche Aufgabe der folgenden Abschnitte 
einzutreten, haben wir noch einen Blick auf die innere Ver- 
fassung der Kapitel zu werfen. Es fragt sich ja, inwieweit 
dieselben an der Besetzung der Kapitelstellen selbst und an 
der Besetzung anderer Stellen beteiligt waren, und dafür 
ist folgendes zu beachten. Wo die Auflösung des gemein- 
schaftlichen Lebens über die Anfänge hinausgelangt war, da 
erhielten die Kanoniker nicht mehr bloss Präbenden in dem 
ursprünglichen Sinne dieses Wortes, d. h. sie bezogen nicht 
mehr bloss aus dem gemeinsamen Einkommen einen gewissen 
Betrag, sondern sie waren auch im Besitze gewisser Güter 


!) Vgl. Hinschius KR. II, 148 ff. 


Rechte klerikaler Organe im allgemeinen. 217 


oder Rechte an Gütern, deren Nutzungen ihnen zustanden, sie 
waren also Präbendare, Pfründner in dem geläufigen Sinne 
als Benefiziaten des Kapitels oder anderer, namentlich des 
Bischofs ). Gewann dadurch die Stellung eines jeden Ka- 
nonikers, so in erhöhtem Masse diejenige der Dignitare, deren 
Pfründen selbstverständlich die wichtigsten waren und dem- 
gemäss, wie wir schon sahen ?), auch die Augen der Könige 
auf sich lenkten. Ja, in der Zeit Hildeberts hatten einige 
Kapitel, wenigstens die von Paris und Ohartres, schon die 
Scheidung von Lehensherren und Lehensleuten in ihrem eigenen 
Schosse vollzogen; Papst Paschal II. verbot es’). Umgekehrt 
waren oder wurden gerade die Dignitare auch Lehensleute des 
Bischofs, z. B. in Chartres und Tours ®). — Von Vorstands- 
ämtern waren bekanntlich schon im ehemaligen Presbyterium 
diejenigen der Archipresbyter und Archidiakonen (auch in 
Frankreich schon sehr früh) vorhanden. Zur Zeit der vita 
communis kamen alsdann die bedeutendsten der anderen Aemter 
auf, die wir später als mit eigentlicher Jurisdiktion begabte 
Dignitäten wiederfinden. Auch diese Aemter zeigten schon 
zur Zeit Hildeberts hier und da in bedenklichem Masse die 
Neigung, sich auf Kosten des bischöflichen mit Rechten zu 
bereichern und von ihm möglichst unabhängig zu werden; 
aber auch den Kapiteln wurden sie bisweilen gefährlich. So 
erheben sich denn auch für uns die besonderen Fragen, ob 
und inwieweit der Bischof in der Bestellung dieser Beamten 
beschränkt war und von ihnen selbst in der Besetzung anderer 
Stellen beschränkt wurde. 


!) Ueber die Ausdrücke Benefizium, Pfründe u. s. w. siehe Stutz, 
Geschichte, Seite 321 f. Note 79; Lehen und Pfründe, Seite 213 f. Note 1. 

?) Oben 1, 4 Seite 167 ft. 

®) Bei Gu&rard I, XCIX; bei Löpinois et MerletI, 112 
Nr. XXVII (Jaffe, Regesta I, 755 Nr. 6420). 

*) Imbart de la Tour, Les &Elections, Seite 334; Brief Ivos 182 
(M. 183); bei Lepinois et Merlet II, 4 (Nr. OXLIV); bei L. de 
Grandmaison I], 309 fi. 


218 Zweites Kapitel. 


1. Die bisherigen Erörterungen konnten uns zeigen, wie 
wichtig es für einen Bischof war, vor allem dem Domkapitel 
gegenüber, von dem er ohnehin bei der Regierung seiner 
Diözese nicht wenig abhängig war, und dessen Macht mit der 
seinigen mehr und mehr zu konkurrieren drohte, die Besetzung 
der Stellen wenigstens, und in erster Linie derjenigen des 
Kapitels selber in der Hand zu behalten, und wir werden es 
begreiflich finden, wenn ein weitschauender und selbstbewusster 
Bischof mit Eifersucht darüber wachte. Ein solcher war ohne 
Zweifel Ivo. Der Bischof von COhartres befand sich noch in 
der Lage, der Zustimmung seines Kapitels zur Besetzung der 
Stellen desselben, insbesondere der Dignitäten nicht zu be- 
dürfen. Die Kanoniker aber, deren hochfahrenden Sinn wir 
bereits kennen lernten, von denen wir insbesondere erfuhren, 
dass sie, selbst Mannen des Bischofs, innerhalb des Kapitels 
eine feudale Ueber- und Unterordnung eingerichtet hatten !), 
trachteten mit allem Eifer danach, ein Mitwirkungsrecht zu 
konstituieren, und so kam es des öfteren zum Kampf). In 
einem dieser Fälle wurde auch unserem Hildebert eine Rolle 
zugedacht°). Als Ivo den Posten des Subdekans einem ge- 
wissen Fulko verlieh, bildete sich gegen ihn ein förmliches 
Komplott, wobei der Dekan mit einem Neffen, der Kantor 
mit einem Bruder die Rädelsführer waren, eine Anzahl junger 


I) Siehe die vorigen Anmerkungen und oben Seite 160 ff. 

?) Oben Seite 160 Anm. 1. Für das Recht des Bischofs, die ein- 
fachen Kanonikate ohne Zustimmung des Kapitels zu besetzen, zeugt 
der Brief Ivos 227 (M. 231), der aber gleichzeitig beweist, wie sehr 
tatsächlich die bischöfliche Freiheit beschränkt sein konnte. (Der dortige 
Hinweis des Herausgebers auf Brief 182 ist ein Irrtum). Vergleiche die 
nachher in diesem Abschnitt (1) zu berührende spätere Entwicklung. — 
In Chartres gab es im 13. Jahrhundert 17 Dignitare: Dekan, Subdekan, 
Cantor, Succentor, Camerarius, Cancellarius, 6 Archidiakonen, 4 Pröpste, 
Capicerius (siehe bei L&pinois et Merlet II, 280). Im wesentlichen 
scheint dies auch für die Zeit Ivos schon zuzutreffen. 

®) Zum folgenden vgl. Luchaire, Louis VI, Seite OLXXUI £. 
Alf. (Nr.77); Foucault 31 ft 


Rechte der Domkapitel bei Kapitelstellen. 219 


Leute sich beteiligten und offenbar auch Laien ihre Hand im 
Spiele hatten. Während der Investiturzeremonien erhoben die 
Aufrührer lärmenden Widerspruch, und als der Bischof im 
Bewusstsein seines Rechtes fortfahren wollte, drangen sie unter 
wüstem Geschrei auf ihn ein und entrissen ihm das Buch. — 
Fulko war „ein gestrenger und in kirchlichen Geschäften kaum 
zu entbehrender Kleriker“. Den Hauptgegenstand des An- 
stosses bildete also vermutlich die Person des von Ivo Er- 
korenen, geäussert aber wurde nur der Vorwurf, dass der 
Bischof die Kanoniker habe zu Rate ziehen müssen. Obgleich 
es keinem Zweifel unterlag, dass eine solche Uebung bisher 
in Chartres nicht bestanden hatte und unter Ivo, auch bei 
Erhebung der Ankläger selbst, nicht betätigt worden war, 
erklärte sich doch der Bischof bereit, die Entscheidung des 
Streites einem von den Gegnern zu wählenden Schiedsgericht 
oder dem Metropoliten zu überlassen und ersuchte um dieselbe 
auf ihren Wunsch den letzteren, Erzbischof Daimbert von 
Sens t). Und sonderbar, die Kapitulare bitten den Bischof 
Hildebert, ihnen Beistand zu leisten ?) — ob sie hofften, er 


!) Dem Briefe Ivos an ihn (Nr. 182 M. 183) ist das Voraufgehende 
entnommen. Ivo hebt hervor, dass die Betreffenden seine Vassallen 
waren: Ipsi igitur, quamvis mei homines essent et per manum et per 
sacramentum... 

?) Ihr Brief an diesen bei Merlet 446 Nr. I. H., Dei gratia Ceno- 
manensium pastori E(rnaldus), sanctae Carnotensis ecclesiae decanus, et 
H. praecentor et H{ugo) praepositus cum maxima parte ejusdem ecclesiae 
capituli ad vitae pascua gregem sibi commissum conducere. — Quoniam 
paternitatis vestrae disceretio nostrae petitioni serenum praebuit assensum, 
gaudemus et cum gratiarum actione adventum vestrumque patrocinium 
expectamus, in vestri consilii providentia magnopere confidentes. Sed 
illud nos quam plurimum offendit, quod Oluniacum ire proposuistis: non 
enim dubitamus, cum praesentia vestra multum prosit, quin absentia 
vestra, quod absit, summum et irreparabile incommodum nostrae causae 
inferat. Obsecramus ergo vestram benignitatem, quatenus gratia nostri 
et ecclesiae nostrae reconciliandae iter propositum in aliud tempus diffe- 
ratis nobisque praesentia vestra, quam subtrahit absentia spem pacis 
restituat. Vobis autem notum fieri volumus quod Senonensis archiepiscopus 


220 Zweites Kapitel. 


werde um der bekannten Wahlaffäre willen !) den Widersachern 
Ivos sich geneigt erweisen? Indes sie unterlagen. Als sie 
darauf, um ihrem Eigenwillen dennoch genug zu tun, durch 
Schikane dem Subdekan die Stelle zu verleiden suchten, 
griff König Ludwig ein und verlangte in gemessenen und 
drohenden Worten die Erledigung des Streites „zur Ehre und 
zum Vorteil“ des Befeindeten, den er als seinen Kleriker und 
Freund bezeichnet, und dem er die königliche Kurie für die 
Geltendmachung seines Rechtes zur Verfügung stellt. Dies 
konnte natürlich bei Leuten derartigen Charakters seine Wir- 
kung nicht verfehlen; denn hier drohte hinter den Worten die 
Macht, und der königlichen Macht konnte man sich vielleicht 
bei besserer Gelegenheit auch gegen den Bischof bedienen ?). 

Hildebert hatte den Wunsch der Kanoniker zuerst mit 
einer Zusage beantwortet, später aber die Absicht kundgegeben, 
nach Oluny zu reisen. Wie er sich dem erneuten Drängen 
der Enttäuschten gegenüber verhalten hat, wissen wir nicht. 


se venturum Stampas triduo post Laetare Jerusalem ad causae discus- 
sionem nobis relegavit. Iter ergo praefatum interim differatis, obsecramus, 
et ad pacem restituendam vestrae bonitatis adsit discretio. Valete. — 
Ivo hatte den Erzbischof a. a. ©. gebeten, den Termin in die Mitte der 
Quadragesima zu legen; die Sache scheint c. 1109 sich abgespielt zu 
haben: Luchairea.a. 0. Seite 42 (vgl. Sieber 11). Die beabsichtigte 
Reise Hildeberts würde dann mit dem herannahenden Tode Hugos von 
Cluny zusammenhängen können: Hildebert, Vita s. Hugonis bei B. 938. 

!) Siehe oben Seite 54 ff. 

?) Brief des Königs Ludwig an Ivo und das Kapitel von Chartres 
bei Merlet 447 Nr. II. Vgl. Brief Ivos (an Paschal II.) 204 (M. 209). 
In den Noten Souchets dazu (ebd. 484) wird auch der Brief des Königs 
mitgeteilt. Der ihm angefügte Brief eines Propstes Fulko an den König 
ist aber sicherlich das Werk eines anderen dieses Namens und bezieht 
sich auf eine ganz andere, weiter unten zu behandelnde Angelegenheit 
(vgl. Merlet Seite 450, Note 1); er zeigt, welcher Intrigen gegen den 
Bischof solche Leute fähig waren (siehe diesen Brief oben Seite 162 £.). — 
Dass Ivo selbst sich in der Angelegenheit auch an den König gewendet 
habe (Luchaire 42), ist nicht bezeugt und bei seinem sonst bewiesenen 
gegenteiligen Grundsatz nicht wahrscheinlich (vgl. oben Seite 162 £.) 


Rechte der Domkapitel bei Kapitelstellen. 293] 


Selbst wenn die Rechtslage zweifelhaft gewesen wäre, würde 
er wahrscheinlich nicht leicht für die Kanoniker eingetreten 
sein, weil er dadurch sich selbst im eigenen Domkapitel 
Schwierigkeiten hätte bereiten können. Denn das Recht von 
Chartres war auch noch dasjenige von Le Mans. Hingegen ent- 
sprach dem Anspruch der Gegner Ivos der Besetzungsmodus 
von Tours, über den ein Zeugnis aus Hildeberts eigener 
Feder uns unterrichtet. Bezüglich der Kollation der beiden 
Dignitäten, welche den Gegenstand des bekannten Streites von 
Tours gebildet haben, sagt nämlich Hildebert selbst im An- 
schluss an die früher mitgeteilten Worte: „Dem einen verlieh 
ich den Archidiakonat, dem anderen die Dekanie. Niemand 
gab’s, der demjenigen, den ich zum Dekan promoviert habe, 
damals, wo er promoviert worden ist, etwas in den Weg ge- 
legt hätte, noch auch als er installiert worden ist“ !), Die 
Stelle enthebt uns indes nicht jedem Zweifel. Sie unterscheidet 
die beiden Momente in der Besetzung einer Kapitelswürde, 
und aus den parallelen Worten eines anderen Briefes ergibt 
sich, dass die Verleihung in capitulo, also bei versammeltem 
Kapitel vor sich ging’). Wenn die Verleihung hier als Pro- 
motion bezeichnet wird, so liegt es am nächsten, an die Be- 
förderung aus einem geringeren Kanonikat zu denken; mag 
es also auch nicht ganz ausgeschlossen sein, dass der Beförderte 
vorher nicht Mitglied des Kapitels war, so können wir die 
Notiz doch für die Frage nach dem Recht, das hinsichtlich 
der Aufnahme ins Kapitel, hinsichtlich der Besetzung ein- 
facher Kanonikate zu Tours in Geltung war, nicht nutzbar 


!) Brief HildebertsII, 38 (B. 143. M. 262). Vgl. oben Seite 168 £, 

?) Brief Hildeberts II, 37 (B. 141. M. 260): Eidem tamen decano 
sic data est a nobis in capitulo decania, sie ipse substitutus in sede, ut 
huic eius promotioni nemo prorsus aut verbo resisteret aut opere con- 
trairet. — Die Vorschrift, die Verleihung von Kanonikaten im Kapitel 
vorzunehmen, wurde nach Urkunden des 13. Jahrhunderts in Chartres 
streng gehandhabt: bei Lepinois et Merlet II, 738 Nr. COXIX (von 
1215). 156 f. Nr. CCCXV (von 1254). 


222 Zweites Kapitel. 


machen. Sodann ist nur die Rede von Dekanie und Archi- 
diakonat, über die anderen Dignitäten !). erfahren wir also 
nichts, und wenn auch wohl das diesbezügliche Recht in Tours 
noch nicht so ausgebildet war, dass man eine Verschiedenheit 
leicht präsumieren dürfte, so könnte es doch immerhin sein, 
dass gerade die beiden genannten Dignitäten eine Ausnahme 
bildeten, die Dekanie als höchste Stelle des Kapitels ?), der 


!) Als Dignitare werden genannt der Dekan, der Archidiakon von 
Tours, der Thesaurar, der Cantor, der Cancellar, zwei andere Archi- 
diakonen, der Archipresbyter von Tours: Gallia Chr. XIV, 3. Der 
letztgenannte fehlt in dem Verzeichnis der homines feodales domini 
archiepiscopi Turonensis; siehe bei L. de Grandmaison I, 309 ft. 
Diese beiden Verzeichnisse betreffen aber eine spätere Zeit, so dass 
man wenigstens hinsichtlich der beiden Landarchidiakonate für die 
Zeit Hildeberts zweifeln kann; der oben in Frage stehende und von 
Hildebert (Brief II, 34 B. 137 M. 257) als Dignität bezeichnete Archi- 
diakonat wird derjenige von Tours gewesen sein. Zur Zeit Hildeberts 
bestand aber noch das von Bartholomäus II. 1175 — siehe Gallia Chr. 
XIV, 93 — mit der Cancellarie vereinigte scholarum magisterium, ohne 
Zweifel als Dignität. In einer Urkunde aus der Zeit seines Vorgängers 
(1118—1124) ist denn auch von den sieben „priores S. Mauricii“ die Rede, 
bei L. de Grandmaison I, 95 Nr. XLII. 

?) Das war sie in Tours sowohl wie in Le Mans, in Chartres und 
Paris, wie u. a. die Urkunden zeigen; siehe für die beiden letzteren 
Kapitel L&pinois et Merlet I, LXXVII; Gu&rard I, C; für Tours 
weiter unten. Bekanntlich war vielfach der erste Dignitar ein Propst. — 
Der Dekan von Tours war mit Disziplinargewalt ausgestattet: Brief 
Hildeberts II, 38 (B. 143. M. 262): Sequenti autem tempore contigit, 
ut quosdam canonicorum, qui sub virga erant propter turpia eorum verba 
et reprimendorum enormitates operum, decanus ex officio decaniae eccle- 
siastica corrigeret disciplina. Vgl. Il, 37 (B. 141. M. 260): Agenti decano 
aliquamdiu impensa est et integritas obedientiae et facultas disciplinae. 
Also ex officio decaniae, nicht ex mandato episcopi, so wird man zu inter- 
pretieren haben. In so weit trifft daher nicht zu, was Sägmüller, Die 
Entwicklung des Archipresbyterates, Seite 15 sagt: Seine (des Dekans) 
Aufgabe bestand, wie freilich erst aus dem 13. Jahrhundert 
angehörigen Quellen zu entnehmen ist, in der Aufrechterhal- 
tung der Disziplin, der Sorge für Beobachtung der Statuten und Ord- 
nung im Gottesdienst. — Dass für die Dekanie von Tours die Priester- 


Rechte der Domkapitel bei Kapitelstellen. 228 


Archidiakonat als wichtigster Posten in der Diözesanverwaltung. 
Endlich könnte man sogar daran verzweifeln wollen, auch nur 
bezüglich der letzteren volle Gewissheit zu erhalten. Die Ka- 
noniker haben weder bei der einen noch bei der anderen Ge- 
legenheit dem Dekan Schwierigkeiten bereitet: sie konnten es 
also! Allerdings, faktisch waren sie nicht daran verhindert, 
dass sie aber dazu juristisch befugt gewesen wären, wird nicht 
gesagt, noch kann es aus dem Gesagten erschlossen werden. 
Hätten sie etwa der Erhebung positiv zugestimmt auf Grund 
eines bestehenden Rechts, dann hatte der Schreiber ein hervor- 
ragendes Interesse daran, dies ausdrücklich zu erklären; hätten 
sie auch nur einen Anspruch darauf gehabt, mit juristischer 
Wirksamkeit Einwendungen zu erheben, so möchte man auch 
dies aus dem Interesse des sich beklagenden Bischofs heraus 
deutlicher vermerkt finden. Mit Rücksicht darauf aber, dass 
die Verleihung „in capitulo“ stattzufinden hatte, wird man den 


weihe gefordert wurde, wird eigens hervorgehoben in einem Briefe des 
Legaten Hugo von Die an Gregor VII: quam ex consuetudine eius 
ecclesiae, nisi qui jam sacerdos fuisset vel jam futurus sacerdos esset, 
habere non posset: Gallia Chr. XIV, 66 (zur Synode von Poitiers 
1078). Die Priesterweihe war für den Dekan der gottesdienstlichen Funk- 
tionen wegen erforderlich, die ihm als dem Nachfolger des ehemaligen 
Archipresbyters oblagen (vgl. Sägmüller a.a. 0. Seite 14 f.). Es wurde 
denn auch in der Reformzeit vielfach eingeschärft, so auf den Synoden 
von Clermont 1095, Troyes 1107, Toulouse 1119, Rom 1123 u. s. w. 
(vgl. Hinschius KR II, 95), siehe Hefele COg. V, 222 c. 3, 289 c. 2, 
345 c.2, 380 e.6. Zur Zeit der Synode von Poitiers 1078, auf welcher 
die erwähnten Angelegenheiten des Erzbischofs Radulf verhandelt wur- 
den, scheint aber die genannte Bestimmung einem päpstlichen Legaten 
noch nicht selbstverständlich gewesen zu sein. Dagegen wurde für den 
Archipresbyter auf der genannten Versammlung die Priesterweihe ge- 
fordert; siehe ebd. 116 e. 7. — Die hervorragende Stellung eines Dekans. 
kommt auch darin zum Ausdruck, dass er im Eingang von Kapitels- 
urkunden schon eigens genannt wird (NN. Decanus et commune capitulum, 
z.B. Liber Albus Seite 61, Nr. CX), was bald zur Regel wird; aber 
eine Selbständigkeit, wie sie später, im 13. Jahrhundert, das Bestehen 
einer eigenen Dekanatskurie und eines Offizials derselben beweist, kennt. 
diese Zeit noch nicht. (Ebd. Seite 285 f. 360. 389 f.; 259. 260 f. 284. 380). 


224 Zweites Kapitel. 


Rechtszustand am richtigsten in die Formel kleiden: Sie hatten 
das Recht, gehört, aber nicht das Recht, erhört zu werden; 
oder, sie hatten das Recht des unverbindlichen consilium, nicht 
aber des notwendigen consensus. Und um auch die letzte Mög- 
lichkeit nicht ausser acht zu lassen: dafür, dass Hildebert 
ein Recht des Kapitels in dieser Sache verletzt hätte, finden 
wir in dem ganzen Verlauf der betreffenden Streitigkeiten 
nicht den geringsten Beleg !). 

Für die Untersuchung des fraglichen Rechtszustandes im 
Kapitel von Le Mans ziehen wir zunächst eine schon früher 
in anderer Hinsicht verwertete Mitteilung heran ?). Dem Nach- 
folger Hildeberts, Guido, warfen die Kapitulare vor, er und 
seine Vorgänger hätten anderswo bereits angestellte Kleriker 
auch noch in ihr Kapitel aufgenommen und dadurch die Ver- 
nachlässigung des Gottesdienstes veranlasst. Diese Anklage 
wäre ja auf die Kanoniker selbst zurückgefallen, wenn ihnen 
ein Mitwirkungsrecht in den betreffenden Fällen zugestanden 
hätte; auch wird ihnen für die Zukunft ein solches nur in 
denjenigen Fällen gegeben, wo die gerügte Kumulation in 
Frage kommt. Nun zeugt zwar unser Passus nicht direkt für 
alle Kanonikate, aber eine Scheidung ist doch in keiner Weise 
angedeutet. Hinsichtlich der Installation erfahren wir hier, dass 
sie vom Dekan vorgenommen wurde. 

Dass auch die Beförderung zu Dignitäten?) in der Hand 


!) Haben wir auch nur Berichte Hildeberts, so würde man doch 
gegebenen Falles Andeutungen dafür finden, dass ihm Vorwürfe gemacht 
worden wären. 

?) Oben Seite 49 f. 

®) Es waren am Ende des 18. Jahrhunderts Dekanie, Cantorie, die 
‚des Scholasticus, des Archidiaconus major und der fünf Archidiaconi 
minores. Andere, wie Propstei, Cancellarie und Custodie waren in jüngerer 
Zeit beseitigt worden. So Gallia Chr. XIV, 338. Zur Zeit Hildeberts 
gab es von den kleinen Archidiakonaten nur zwei, und es ist nicht sicher, 
dass sie zu den Dignitäten gehörten; darüber unten II, 3. Einen Propst- 
Dignitar gab es noch nicht, wie sich unten des näheren zeigen wird, 
Eine Subdekanie, die wir im Kapitel von Chartres fanden (oben $. 218 ff. 


Rechte der Domkapitel bei Kapitelstellen. 225 


des Bischofs lag, geht aus anderen Nachrichten hervor. Die 
eine derselben betrifft Vorgänge der Regierungszeit Hoels und 
zeigt, dass in Le Mans die Dekanie vom Bischof frei besetzt 
wurde !). Infolge seines ostentativen Festhaltens an der nor- 
mannischen Herrschaft über Maine war Ho&@l mit einem Teile 
seiner Kleriker, der zu den gegnerischen Prätendenten hielt, 
verfeindet. Als nun der tüchtige Dekan Wicherius von seinem 
Amte zurücktrat, um Mönch zu werden — vielleicht war auch 
er mit dem Verhalten seines Bischofs nicht zufrieden —, er- 
nannte Ho&l seinen eigenen zwölfjährigen Bruder, einen noch 
ungebildeten Knaben, zu dessen Nachfolger. Sein Biograph 
sucht zwar die Schuld an dieser vorschriftswidrigen Handlung 
auf einige böswillige Ratgeber abzuschieben ?). Vermutlich 


hatte weder das Domkapitel von Le Mans noch das von Tours. Wenn 
also der Brief Hildeberts III, 17 (B. 181 f. M. 293) nach einer dieser 
beiden Städte gerichtet ist (siehe Dieudonn& 157), so muss der Adressat, 
Subdekan A., Mitglied eines Kollegiatkapitels gewesen sein (St. Martin 
von Tours z. B. hatte einen Subdekan unter den Dignitaren, siehe u. a. 
bei L. de Grandmaison I, 73 Nr. XXXV). Es ist aber nicht ein- 
zusehen, warum nicht ein anderer Ort, z. B. Chartres in Betracht kommen 
könnte. Dieudonne hat den Brief falsch verstanden: A. hat nicht als 
Stellvertreter Hildeberts gehandelt, sondern die von ihm Beherbergten 
wie Stellvertreter Hildeberts angesehen, worauf dieser erklärt: Recordari 
tamen non potui, quid egerim tibi vel alicui propter te, quo ministrare 
mihi deberes aut alicui propter me. Darum ist auch gegen Dieudonne 
wie gegen Beaugendre zu behaupten, dass Hildebert den Brief ebensogut 
als Erzbischof von Tours geschrieben haben kann, wie als Bischof von 
Le Mans; selbst ein Subdekan von Tours könnte ja seine Gastfreund- 
schaft an einem anderen Orte betätigt haben. Hinwiderum darf es 
nicht als sicher behauptet werden, dass der Brief in Tours geschrieben 
ist. Denn welcher Casus ist Turonis? Da es nicht Genitiv ist, so kann 
man zwischen Akkusativ und Ablativ schwanken; ich erinnere mich keines 
anderen Beispiels aus Hildebert, das eine Entscheidung ermöglichte; die 
grössere Wahrscheinlichkeit steht aber jedenfalls für den Ablativ (von 
Turoni) — oder sollte etwa Turones zu lesen sein? 

1) A. P. Mab. 310 Sp. 2 unten bis 312 Sp. 1 oben; Piolin III, 350 ft. 

®) A. a. 0. Seite 310, Sp. 2.: Quidam, quae sua sunt, non quae 
Jesu Christi, quaerentium, cum dudum viri venerabilis laudibus inviderent 

Barth, Hildebert von Layardin. 15 


226 Zweites Kapitel. 


sollte dieselbe aber ein politischer Schachzug und ein Mittel 
sein, das Kapitel desto leichter zu meistern. Jedenfalls gab 
es kein geeigneteres Mittel, das unbeschränkte bischöfliche 
Besetzungsrecht zu kompromittieren, als einen solchen Schlag 
in das Gesicht der kirchlichen Reform, der denn auch die 
meisten Kleriker empörte. Indes die Gegner waren zu un- 
geschickt und zu roh, um diesen unverständlichen Missgrift 
für das Kapitel und seine Rechtsstellung diplomatisch auszu- 
beuten. Im Einverständnis mit dem Grafen Hugo setzten sie 
ohne weiteres einen anderen an des Knaben Stelle, und zwar 
einen Neften des früheren Bischofs Gervasius. Die Persönlich- 
keit war allerdings sowohl des Oheims wie mehrerer mit dem 
Herzog Robert verbündeten Brüder wegen geeignet, auch Nor- 
mannenfreunde einzunehmen ?), die Besetzungsfrage aber war 
jetzt zu einer Machtfrage gestempelt, und man bemühte sich, 
dies durch ein möglichst rücksichtsloses Benehmen gegen An- 
gehörige und Anhänger des geflohenen Bischofs zu bekräftigen. 
Die natürliche Folge war, dass Gervasius, als der Bischof nach 
längeren Wirren die Gemüter wieder für sich gewonnen und 
mit dem Grafen und dem Klerus seinen Frieden gemacht 
hatte, ebenso einseitig abgesetzt wurde, wie er eingesetzt 
worden war?). Die Collatio libera des Bischofs war damit 
für die Dekanie gerettet und Hildebert hat sie nicht auf- 
gegeben. — Eine weitere, alsbald in etwas anderem Zusammen- 


nec in eius actibus facile possent occasionem calumniae reperire, sub 
specie verae amicitiae persuaserunt ei, ut fraterculum duodennem, qui 
necdum perfecte litterarum elementa didicerat, in eius loco constitueret 
et contra ecelesiastica instituta inductum prudentibus puerulum senioribus 
anteferret. Quod factum cum clericorum plurimos offendisset, Hilgotum 
tamen maxime, qui etiam omnia eius benefacta consueverat depravare. 

!) Ebd.:... quae res equidem facilem obtinuit effeetum tum amore 
illustris avunculi, tum quia fratres eius eo tempore nimia familiaritate 
principis uterentur. Vgl. Piolin III, 211 ff. (Gervasius und die Normannen). 

?) Ebd. 312 Sp. 1: Gervasium tamen...., qui contra decreta eccle- 
siastica decani nomen et honorem usurpaverat, ab ipsius ecclesiae socie- 
tate in perpetuum esse fecit exsortem. 


Rechte der Domkapitel bei Kapitelstellen. 2397 


had 


hang zu besprechende Notiz zeigt auch die Archidiakonats- 
stellen diesem freien Verleihungsrechte unterworfen. 

Das Ergebnis der einzelnen hier beigebrachten Nachrichten 
darf man ruhig dahin verallgemeinern, dass in Ohartres, Tours 
und Le Mans der Bischof noch ganz oder doch beinahe ganz 
frei war in der Besetzung der Kapitelstellen. Alle diese Nach- 
richten zeigen aber auch, dass man sich in einem Uebergangs- 
stadium befindet, und dass dem besagten Rechtszustande keine 
lange Dauer zu versprechen ist. In Ohartres sieht schon der 
Nachfolger Ivos, Bischof Gaufrid (1116—1148), sich genötigt, 
um des lieben Friedens willen den Kanonikern das immer 
wieder einmütig von ihnen in Anspruch genommene Recht 
einer freien Wahl des Dekans für die Zukunft zu konzedieren !). 
In Le Mans erkennt es im Jahre 1214 der neu erwählte Bi- 
schof Nikolaus auf Grund von Mitteilungen, die man ihm ge- 
macht, als von seinen Vorgängern überkommenes Recht an, 
dass der Dekan vom Kapitel frei gewählt und dem Bischof 
präsentiert, von diesem „admittiert“, mit der Seelsorge betraut 
und unter Leistung der Mannschaft installiert werde ?). Auch 
dem Kapitel von Tours stand später die Wahl des Dekans 
und dreier Lizentiatenkanoniker zu’). Im übrigen spricht man 
zwar auch weiterhin von dem Kollationsrecht des Bischofs 
schlechthin, wie weit dasselbe aber tatsächlich beschränkt sein 


!) Bei Lepinois et Merlet I, 126 Nr. XXXVIIL (1116—1148). 

2) Liber Albus Seite 21 f. Nr. XLIf. (1214—1216); vgl. S. 112 £. 
Nr. CXCIV von 1233. 

®) Gallia Chr. XIV, 3. Wenn in einer Urkunde unbestimmten 
Datums, bei L. de Grandmaison I, 35f. Nr. XXIV, die Kollation 
der Dekanie, des Archidiakonates von Tours, der Thesaurarie, der beiden 
anderen Archidiakonate, der Oantorie, der Cancellarie und der Pöniten- 
tiarie als für den Bischof völlig freie hezeichnet wird, so scheint in 
Tours das Wahlrecht zur Dekanie später eingetreten zu sein, als in 
Chartres und Le Mans; denn die Urkunde gehört jedenfalls nicht einem 
früheren als dem 13. Jahrhundert an. — Bezüglich der Pfründenver- 
leihung in Tours siehe noch ebd. I, 28 ff. Nr. XIX f£.; II, 226 fi. 
Nr. COLXXXIX). 


228 Zweites Kapitel. 


konnte, zeigen die für das Domkapitel von Chartres im 
13. Jahrhundert geltenden Regeln ): Dem Bischof stand die 
„freie“, jedoch auf eine zu Gunsten des Kapitels laufende Devo- 
lutionsfrist beschränkte Ernennung der Kanoniker zu. Das 
Kapitel hatte aber den vom Bischof zunächst vorgestellten 
Kandidaten durch seine vier ersten Dignitare auf Fähigkeit und 
Würdigkeit zu prüfen, und erst, wenn diese vom versammelten 
Kapitel bejaht waren, erfolgte die bischöfliche Kollation. Hieran 
schloss sich eine Eidesleistung des Ernannten hinsichtlich der 
eigenen Geburts- und Standesintegrität und der simoniefreien 
Erlangung der Stelle, und eine weitere auf die Regeln des 
Kapitels. Dann wurde er installiert. Auch die Dignitäten 
besetzte der Bischof „frei“, aber mit Ausnahme der Dekanie, 
für welche das Kapitel Wahlrecht besass. — Auf einen solchen 
oder einen für den Bischof ungünstigeren Rechtszustand wird in 
den meisten Bistümern die Entwicklung hinausgekommen sein, 
auch in Le Mans, wo man, wie der letzte Abschnitt uns zeigen 
wird, den Nachbar gern zum Vorbild nahm ?). 

Hat Hildebert dieser Entwicklung Vorschub geleistet? 
Eine nunmehr zu erörternde Stelle scheint dafür zu sprechen. 
Es sind Worte des Biographen Hildeberts, die wir hier im 
Auge haben, und sie erheischen zur Feststellung sowohl ihres 
unmittelbaren Sinnes wie ihrer indirekten Bedeutung für das 
Stellenbesetzungsrecht eine eingehendere Betrachtung. Die 
Stelle lautet so: „Präposituren der (Kathedral-)Kirche (also 


!) Lepinois et Merlet I, LXXIILf; vgl. I, 95 £. Nr. COXXXVL. 
268 Nr. CCCXCIL. 280 f.; oben Seite 221 Anm. 2. 

?) Bezüglich des Eides siehe Liber Albus Seite 126 f. Nr. CCIX. — 
In Angers führte die Exemption des Kapitels von der Gewalt des Bischofs 
und seine unmittelbare Unterwerfung unter die des Erzbischofs dazu, 
dass dem letzteren auch die Bestätigung der Wahl des Dekans und die 
„Institution“ desselben zustand: Gallia Chr. XIV, 543; bei L. de 
Grandmaison II, 218 Nr. CCLXXXV (von 1446). 235 ff. Nr. COXCILI f. 
(von 1462). — Die Formen der Ergänzung des Kapitels wurden im all- 
gemeinen mehr und mehr mannigfaltig. Hinschius KR II, 613 ff.; 
Schneider 106 fi. 


Rechte der Domkapitel bei Kapitelstellen. 329 


des Bistums), welche aus Gnade des Bischofs nach Art der 
Archidiakonate (den) Kanonikern in der bischöflichen Kammer 
verliehen wurden, überliess er unserem Kapitel derart, dass sie 
in Obedienzen verwandelt wurden und niemand sie ohne Zu- 
stimmung des ganzen Kapitels innehaben konnte“ '). Hilde- 
bert hat also gewisse Dependenzen der Domkirche, welche 
bisher gleich den Archidiakonaten vom Bischof frei an Ka- 
noniker vergeben wurden, zu Dependenzen des Kapitels um- 
gewandelt und damit auch ihre Vergebung von diesem ab- 
hängig gemacht. So verstanden enthält der Passus zunächst 
ein Zeugnis dafür, dass die Archidiakonate des Bistums Le 
Mans früher und auch fernerhin der freien Kollation des Bi- 
schofs unterlagen und regelmässig mit Kanonikern besetzt 
wurden ?). Weiter aber ist trotz aller Unbestimmtheit des 
Berichtes klar, dass es nicht Dom- oder Stiftspropsteien im 
gewöhnlichen Sinne waren, die so dem Domkapitel überlassen 
wurden), sondern kleinere, im Eigentum der bischöflichen 
Kirche stehende, wohl mit „Propsteikirchen“ verbundene Herr- 
schaftsbezirke, die schon vorher dem Unterhalte der Kanoniker 
dienten *), nun aber geradezu zu Besitzungen des Kapitels ge- 


1) A. P, B. XLIV; M.100; Mab. 319 Sp. 1: Praeposituras etiam 
ecclesiae, quae ex dono episcopi canonicis, sicut archidiaconatus, in camera 
pontificali conferebantur, nostro dimisit capitulo, ita ut ipsae in obedien- 
tias verterentur, nec aliquis eas tenere potuisset nisi assensu totius capituli. 

2) Dass die Diözese mehrere Archidiakonen hatte, ergibt sich aus 
Urkunden, z. B. B. app. VI; M. 319. 321, Nr. VIII. X., auch aus A. P., 
B. XL oben (M. 95 oben; Mab. 316 Sp. 1 oben): suis iniunxit archi- 
diaconis. Uebrigens war dies damals schon das Gewöhnliche: Hinschius 
KR. Il, 189 ff. Wenn es sich in obiger Stelle nur um einen Archi- 
diakonat, etwa den des archidiaconus maior, handelte, so würde dies wohl 
irgendwie angedeutet sein. Vgl. Hinschius KR II, 191 f.; unten II, 3, 

») So missversteht die Stelle Dieudonn& 83: D’abord, il decida 
que les dignites de l’eglise seraient A l’avenir decerndes seulement en 
seance pleniere, afın d’Eviter les manoeuvres sourdes et les compromissions. 

*) Dass nicht eine blosse Verwaltung gemeint sein kann, ist aus 
dem Wortlaut wie aus der Natur der Sache und den damaligen Ver- 
hältnissen zu erschliessen. 


230 Zweites Kapitel. 


macht wurden !), so dass dieses über ihre Verwaltung und Ver- 
wendung verfügte. Es bedeutet also diese Massregel zunächst 
einen Akt ökonomischer Klugheit, denn eine haushälterische 
Verwaltung der Präposituren war am ersten verbürgt, wenn 
das ganze Kapitel daran interessiert war. 

Suchen wir nun des näheren festzustellen, was die Schen- 
kungsnotiz uns sagt! Vor allem erweist sie uns das Kapi- 
tel von Le Mans unzweifelhaft als selbständiges Vermögens- 
subjekt°). Sie klärt uns aber nicht darüber auf, ob auch 


!) Dem Wortlaut gemäss ist wohl anzunehmen, dass die Hingabe 
zu Eigentum, nicht bloss zu Lehen oder Benefizium erfolgte. 

2) So werden unter den Kirchen, von welchen am selben Orte 
alsbald die Rede ist, solche, die ad victum canonicorum bestimmt sind, 
und solche, die der Bischof ad mensam suam als zum episcopium gehörige 
zurückbehält, unterschieden (siehe oben 8. 126 f. Anm. 2). Ebd. (B.XLIIL £. 
M. 99 oben, Mab. 318 Sp. 1) heisst es von einer Schenkung des Grafen Fulko 
und seiner Gattin: Huius sane donationis medietas episcopalem spectabit 
mensam, alia vero in usum cedet canonicorum. Daraus ergab sich insbeson- 
dere das eigene Verfügungsrecht des Kapitels, wie es in Urkunden dieser 
Zeit hervortritt, z. B. Liber Albus Seite 108 £f. Nr. OXC. 65 f. Nr. CXVI. 
61 Nr. CX. — Wann die Scheidung hier eingetreten ist, lässt sich nicht 
sicher konstatieren. Die potestas und dominatio canonicorum in Bezug 
auf Vermögensgegenstände kennt aber schon der Bischof Mainardus in 
einer von ihm gemachten und beurkundeten Schenkung c. 969, ebd. 59 f, 
Nr. CVIIL; vgl. 68 £. Nr. OXX. Vgl. ferner das Vermächtnis des Bischofs 
Gervasius aus der Mitte des 11. Jahrhunderts ebd. 95 ff. Nr. CLXXVIL, 

Unten II, 2 wird dargelegt werden, dass noch ein beträchtlicher 
Teil des Diözesanvermögens nebst der „Mutterkirche“ als Gemeinschafts- 
gut von Bischof und Kapitel galt (Liber Albus Seite 61 Nr. COX: patri- 
monium nostrae matris ecclesiae).. Ja, in sehr wichtigen Verfügungs- 
fragen, wie in der Frage der von Wilhelm dem Roten verlangten Nieder- 
reissung der Kathedraltürme, zog Hildebert die Diözesansynode zu Rate; 
das Interesse des gesamten Klerus war hier allerdings vielmehr ein ideales 
als ein vermögensrechtliches (Brief Hildeberts bei Dieudonne 207; 
unten 3. Kapitel I, 1). — Wie hier das ganze ehemalige Presbyterium, 
so tritt bei anderen ausserordentlichen Anlässen noch der gesamte Stadt- 
klerus in die Erscheinung. Das scheint z. B. der Fall zu sein beim Auf- 
treten des „Häretikers“ Heinrich (oben Seite 59 ff.). Dort handelt „der 
Klerus“ an des Bischofs Stelle (zu dessen ordentlichen Vertretern die 


Rechte der Domkapitel bei Kapitelstellen. 331 


innerhalb des Kapitels die Teilung des Vermögens schon so 
weit vorgeschritten war, dass die Besetzung eines Kanonikates 
regelmässig auf den Titel eines bestimmten Benefiziums er- 
folgte. In Tours scheint dies wenigstens bezüglich der beiden 
bei dem Kapitelsstreit in Frage kommenden Dignitäten der 
Fall gewesen zu sein, denn der König verbot ja dem Erz- 
bischof ausdrücklich, „über die Einkünfte der genannten Di- 
gnitäten* irgendwie zu verfügen und beschlagnahmte gewisse 
Güter !). In Le Mans dagegen, wo nach einer Reihe un- 


Archidiakonen berufen sind, unten II, 3), aber ausdrücklich in seinem 
Namen (siehe den Brief des Klerus an Heinrich in A. P. [M. 95 f.]); der 
Stadtklerus (wenn auch nicht als solcher im Gegensatz zum Landklerus) 
nimmt also eine Vertretungsmacht, und zwar eine von selbst gegebene, 
für ausserordentliche Angelegenheiten in Anspruch. (Vgl. über die Bi- 
schofswahl unten 3. Kapitel. Das Kapitel als solches hat offenbar 
damals auf die Diözese sich erstreckende selbständige Befugnisse von 
besonderer Bedeutung noch nicht gehabt. Es war z. B. kein selbständiges, 
sondern ein stellvertretendes Gericht, wenn die Kanoniker, Dekan, Kantor, 
ein Archidiakon und mehrere andere vereinigt einmal in der Kurie des 
Bischofs Recht sprachen (bei Charles et Menjot d’Elbenne Sp. 176 
Nr. 299; vgl. aus der Zeit Hoäls ebd. Sp. 168 Nr. 283, wo es Hildebert 
selbst und ein anderer Archidiakon mit dem Dekan und allen Kanonikern 
tun); es war nicht von besonderer Bedeutung, wenn das Kapitel neben 
dem Bischof einem Kloster seinen Diözesanbesitz bestätigte (ebd. Sp. 62 £. 
Nr. 87; Liber Albus Seite 65 f. Nr. OXVI, 61 Nr. CX). Dagegen 
stand ihm in wichtigeren Diözesangeschäften, auch abgesehen von den 
das oben erwähnte Gemeinschaftsvermögen betreffenden, ein Mitwirkungs- 
recht zu, sei es dem Kapitel als ganzem, z. B. bei Charles et Menjot 
@’Elbenne Sp. 63 f. Nr. 88, Sp. 210 £f. Nr. 351, sei es einzelnen Digni- 
taren, z. B. bei Migne Seite 318 f. Nr. VII. Ebd. Nr. VIII heisst 
es: ... ego cum personis ecclesiae nostrae, quibus id pertinere videbatur, 
decerevimus tam justis petitionibus assentire, und nachher: ... assentien- 
tibus et confirmantibus, ut supra dietum est, quibus ex nostra parte id 
pertinere videbatur; es unterzeichnen mit dem Bischof der Dekan, der 
Kantor nnd drei Archidiakonen (dazu, wie es scheint, ein einfacher Ka- 
noniker). — In eignen Angelegenheiten endlich wird das Kapitel schon 
mit gewissen Rechten ausgestattet gewesen sein. 

1) Siehe oben Seite 174 Anm. 1. Das Verbot hätte wenig Sinn 
gehabt, wenn nicht die betreffenden Einkünfte in gewissen Gütern radi- 


2532 Zweites Kapitel. 


sicherer Jahrzehnte erst zur Zeit Hildeberts ein ausreichendes, 
von dem Vermögen der Mutterkirche geschiedenes Kapitels- 


ziert gewesen wären. Dennoch kann diese Auslegung nicht als eine 
zweifellose gegeben werden. — Was die Trennung eines Kapitelvermögens 
von dem bischöflichen angeht, so ist dieselbe nach einer Urkunde des 
Kaisers Karl des Dicken von 886 in Tours schon um dieselbe Zeit er- 
folgt wie in Köln (vgl. Hüffer, Forschungen, Seite 271 ff). In dieser 
Urkunde (Gallia Chr. XIV Instr., 51 ff. Nr. XXXV]) heisst es (S. 51): 
Adelardus, sanctae sedis Turonicae archiepiscopus, et humillimus grex 
suae congregationis, videlicet B. Mauricii ac sociorum eius, adiit sereni- 
tatem culminis nostri offerens obtutibus imperialis nostrae dignitatis prae- 
cepta, per quae eisdem fratribus quasdam villas in eisdem praeceptis 
nominatim praescriptas Carolus patruus noster, quondam imperator 
augustus, et filius eius Ludovicus ad eorum subsidium confirmaverunt, 
ferentes insuper prae manibus privilegia domini Benedicti videlicet papae 
atque episcoporum, quorum potestate sibi coelitus permissa eadem prae- 
cepta praenominati patrui nostri et Ludovici roborata habentur, ut, more 
aliarum ecclesiarum, decanus permissus [?praemissi?P] 
episcopi ac seniores clerici eiusdem congregationis B. Mau- 
ricii res omnes sibi munere regio vel a quibuslibet fide- 
libus concessas cum universitate sibi pertinentium pro 
primo ordine integerrime possideant, ita ut nullius pote- 
state episcopus quicquam exinde de eorum dominio vel 
possessione praesumat auferre nec per praepositi sui ordi- 
nationem contraria praesumptione disponere attentet; 
super quae imperialem nostram dignitatem humili supplicatione deprecati 
sunt, ut imperiali more praeceptum patrui nostri Caroli atque praece- 
ptum Ludovici filii sui super omnibus eorundem fratrum rebus denuo 
corroborare dignaremur. Das geschieht, und dann wird hinzugefügt (S. 52): 
Insuper etiam censemus, ut canonici in suis mansionibus vel areis intra 
claustra positis licentiam habeant propriis alumnis vel confratribus dandi 
ac vendendi quibuscumque voluerint claustra canonicorum. Es ist frag- 
lich, aus welcher der dem Kaiser vorgezeigten Urkunden die hervor- 
gehobene Stelle stammt; vier kommen in Betracht, nämlich diejenigen 
Karls des Kahlen, Ludwigs des Stammlers, Benedikts III. und der 
Bischöfe. Das more aliarum ecclesiarum lässt uns nach dem, was wir 
bisher von diesen Dingen wissen, nicht sehr weit vom Datum der Urkunde 
zurückgehen. Auch die Ausdrücke congregatio episcopi, decanus und 
praepositus episcopi deuten darauf hin, dass die Zeiten der vita communis 
noch nicht der Vergangenheit angehören, daß vielmehr die Verbindung 
zwischen dem Bischof und den Kanonikern noch eine ziemlich enge ist 


Rechte der Domkapitel bei Kapitelstellen. 238 


vermögen sich wieder gebildet haben wird !), möchte man ge- 
mäss unserer Stelle am liebsten ein Uebergangsstadium von der 
Art annehmen, dass zwar die Aufnahme in das Kapitel noch 
nicht mit Rücksicht auf eine feste Pfründe geschah, die Güter 
des Kapitels aber doch schon zu einem, wenn auch kleinen 
Teil in irgendeiner Form von Leihe einzelnen Kanonikern an- 
gewiesen wurden ?). In solche Verhältnisse würde sich die 
fragliche Nachricht folgendermassen einfügen lassen: Früher 
wählte allein der Bischof zur Verwaltung und Nutzung der frag- 
lichen „Propsteien“ die geeigneten Kanoniker aus, jetzt tat 
es das Kapitel — allein? Der „Assens des ganzen Kapitels“ 
kann nach damaligem Sprachgebrauche in diesem Sinne ver- 
standen werden, und wenn die Aufnahme in das Kapitel, ge- 


mögen auch einzelne Vermögensstücke oder selbst die meisten aus der 
Gemeinschaft ausgeschieden sein. Im Zusammenhang mit dieser Schei- 
dung aber wird es stehen, dass der Dekan schon mehr als Vorsteher des 
Domklerus, der Propst mehr als Vertreter des Bischofs ihm gegenüber 
erscheint; er mag noch Verwalter eines gemeinsam gebliebenen Ver- 
mögens sein. (So sind immerhin die in der Urkunde angedeuteten Ver- 
hältnisse miteinander im Einklang, während man gerade wegen des Zeug- 
nisses für eine so frühe weitere Verbreitung der Vermögensselbstän- 
digkeit von Kapiteln an der Echtheit des Dokumentes zweifeln könnte). — 
Die erste Einrichtung einer Art von vita communis glaubt man in einer 
Verordnung des Bischofs Baldus (c. 550) erblicken zu können: Gallia 
Chr. XIV, 20. — Für Paris siehe Gu6rard LXIILf. (1. Teilung 829). 

Dass unter Hildebert das Kapitel von Tours in eigenen Angelegen- 
heiten bereits gewisse selbständige Befugnisse hatte, geht schon aus der 
Stellung seines Dekans hervor, siehe oben Seite 222 f. Anm. 2. In Bezug 
auf Diözesanangelegenheiten wird dies auch hier noch nicht in erheblichem 
Masse der Fall gewesen sein. 

!) Siehe oben Seite 164. 

?) Wenn in einer schon öfter angezogenen Nachricht aus der Zeit 
des folgenden Bischofs, Guido, von Benefizien der Kirche und ihrer 
missbräuchlichen Ausbeutung von seiten nicht residierender Kleriker die 
Rede ist (oben Seite 49), so ist das Wort hier nicht im rein technischen 
Sinne zu verstehen, wenigstens nicht in dem Sinne, dass jeder einzelne 
der Betreffenden sein eigenes Benefizium gehabt hätte. — Eine durch- 
gehende Teilung hat, wie wir sehen werden, erst später stattgefunden. 


234 Zweites Kapitel. 


trennt von der Besetzung jener Posten, durch den Bischof 
vollzogen wurde, wie wir oben glaubten annehmen zu müssen, 
ist auch von seiten des Stellenrechtes gegen diese Auffassung 
nichts einzuwenden. Denn Dignitäten sind die Präposituren 
Hildeberts keinesfalls gewesen. Mochten also die Kanoniker 
sich ihre Leute auswählen und ihnen die geeigneten Vor- 
schriften machen, dem Bischof brauchte es dann keine Sorge 
zu bereiten, dass er über die Besetzung dieser Verwaltungs- 
stellen nicht mehr frei verfügen konnte, und dass die Güter 
den Besitzer wechselten }). 

Die hierdurch herbeigeführte Einrichtung entsprach der- 
jenigen, welche in den.Obedienzen der Klöster schon länger 
vorhanden war?). Zu Verwaltern mochten auch weiterhin 
Kanoniker oder aber andere Personen bestellt werden. Diese 
Verwalter werden dann jetzt wie früher einen bestimmten 
Teil der Einkünfte zu ihrem Unterhalt bezogen haben, muss- 
ten aber jedenfalls einen anderen Teil, vielleicht die Haupt- 
masse, an das Kapitel abgeben. Wir finden diese Einrichtung 
wieder bei dem Stifte St. Martin von Tours, und wir kennen 
den Eid, den dort die Praepositi, die auch zur Rechenschafts- 
ablage verpflichtet waren, dem Kapitel zu leisten hatten; fer- 
ner im Domkapitel von Paris, das seine Praepositi ebenfalls 
in möglichst strenger Abhängigkeit zu halten suchte?). Die 
Verwaltung des Kapitelvermögens war so in geeigneter Weise 


') In einzelnen Urkunden begegnet uns ein praepositus, von dem 
wir annehmen können, dass er in der oben bezeichneten Stellung der 
Domkirche angehörte: bei Charles et Menjot d’Elbenne Sp. 24 f. 
Nr. 24. Sp. 115 f. Nr. 185. — In einer Urkunde von Tours aus der Zeit des 
Erzbischofs Gilbert (1118 bis 1125), bei L. de Grandmaison I, 96 £. 
Nr. XLIII, werden vier praepositi genannt, die man (in ähnlichem Sinne) 
der Kathedrale wird zurechnen müssen; vgl. oben Seite 232 f. Anm. und 
Seite 174 Anm. 1. ‚ 

?) Stutz bei Holtzendorfi-Kohler II, 831; Du Cange zum Wort 
Obedientia VI, 3 Sp. 1 unten. 

?) Du Cange zum Wort Praepositura, VI, 462 Sp. 3; bei Gu6rard 
(Paris) I, OXXXVIL ff. SS 45—49; vgl. Foucault 33 f. 


Rechte der Domkapitel bei Kapitelstellen. 235 


auf eine grössere Anzahl von Personen verteilt. Wo solche 
Stellungen lebenslängliche und vom Kapitel als ganzem zu 
wenig abhängig waren, da mussten sie die Neigung haben, 
zu Dignitäten sich zu entwickeln oder auch ohnedies dem Ka- 
pitel sowohl wie dem Bischof gefährlich zu werden. Das ge- 
schah z. B. in Chartres!). 

Wir möchten auch hier das Gegenbild der dortigen „fort- 
schrittlicheren“ Zustände nicht entbehren ?), wie es in neuen 
Kämpfen Ivos sich zeichnet. Diesmal hatte er das Kapitel 
auf seiner Seite und den König gegen sich, weil sein Vor-' 
gehen dem ersteren zu materiellem Vorteil gereichte, während 
der andere sich geschädigt glaubte. Auch das Kapitel von 
Chartres kannte eine durchgehende Teilung der Präbenden 
noch nicht und hatte in seinem (von dem bischöflichen ge- 
trennten) Vermögen eine Anzahl von Propsteien; die Ver- 
walter derselben waren aber zur Zeit Ivos bereits zu ziemlich 
mächtigen Herren und gewissenlosen Ausbeutern ihres Amtes 
herangereift. Bei der von ihnen vorzunehmenden Verteilung 
der Einkünfte beschnitten sie zu ihren Gunsten die Anteile 
der übrigen Kanoniker, die Leute ihrer Herrschaftsbezirke 
pfiegten sie auf mannigfache Weise zu bedrücken; ja, während 


) In dem Kollegiatstift St. Martin von Tours wurde ein praepositus 
vom Dekan „präsentiert“, vom Kapitel „rezipiert*: Du Cange a.a. 0. — 
In Reims hatte der praepositus maior des Domkapitels (ein Dignitar) das 
vom Erzbischof unabhängige Recht, unter Mitwirkung der Kanoniker die 
Präposituren, wie alle Benefizien der Servientes, der Kleriker sowohl wie 
der Laien, zu vergeben: Gallia Chr. X. Instr., 34; Hinschius KR 
II, 145 Note 1. — Das Capitulum Candatense und sein Vorsteher, der 
Capicerius, streiten gegen den praepositus, der anscheinend als erster 
Dignitar gelten möchte, wegen dieses seines Anspruches auf höhere 
Stellung und wegen seiner Willkür und seines Eigennutzes in der Ver- 
waltung und seiner Pflicht, einen Eid zu leisten: bei L. de Grand- 
maison I, 288 ff. (1291—1312). 

?) Zum folgenden L&pinois et Merlet I, XCVI ff. nebst: den 
dort zitierten sonstigen Stellen; Briefe Ivos 265. 271 (M. 269 f. 274 f.). 
Vgl. Foucault 33 f£.; Luchaire, Louis VI, Seite OLXXIV. 93 
(Nr. 181). 100 £. (Nr. 201 u. 202). 


236 Zweites Kapitel. 


im ganzen das Vermögen des Kapitels noch ein gemeinschaft- 
liches war, hatten sie eine teilweise Trennung auf eigene 
Faust zur Durchführung gebracht !). Gegen diese Missstände 
erliess Ivo auf Bitten der Kanoniker ein Dekret ?). Vielleicht 
stammten die Musterpröpste noch aus der Zeit des vorigen, 
schlecht beleumundeten Bischofs Gottfried ?), vielleicht übte 
auch der König bei der Besetzung dieser Stellen, natürlich 
nicht ohne entsprechenden Gewinn, seinen Einfluss aus. Wäh- 
rend nämlich der Papst durch Breve vom 28. Oktober 1114 
den bischöflichen Erlass bestätigte *), wussten zwei der Prae- 
positi den König davon zu überzeugen, dass nicht nur ihre, 
sondern auch seine Vorrechte auf dem Spiele ständen), und 
so drohte dieser, die Güter der Kleriker für sich einzuziehen, 
wo immer er könne, falls jenes Dekret nicht rückgängig ge- 
macht werde. Es nützte nichts, dass Ivo in einem Schreiben 
an den König‘) auf die ungerechte Habsucht und das selbst 
an Laien verabscheuungswürdige Benehmen gegen Arme hin- 
wies, dessen die Pröpste sich schuldig gemacht, dass er jeg- 
liche Absicht, wirkliche Rechte der Verwalter anzutasten, be- 
stritt, dass er Ludwig dringend bat, den Frieden der Kirche 
nicht zu stören und etwaige Milderung des Dekretes von künf- 
tigen Verhandlungen mit dem Papste, der jetzt allein noch zu- 
ständig sei, zu erwarten. So liess er denn den Brief des Königs 
Paschal II. vorlegen und ersuchte ihn, das „Privileg“ nochmals 
zu bestätigen, die widerspenstigen Pröpste entsprechend zu be- 


') Siehe Brief Ivos 271 (M. 274) und seine Urkunde nebst der des 
Papstes, bei Löpinois et Merlet I, 120. 121 (Nr. XXXIIL £.) über 
die „Prekarien“. Wir kommen unten II, 4 darauf zurück. 

?) Siehe die vorige Anmerkung. 

?) Ueber ihn Gallia Chr. VIII, 1124 ff.; Brief Ivos 8 (M. 18 £.): 

4) Vgl. Jaffe, Regesta I, 753 Nr. 6403. 

5) Brief Ivos 271 (M. 274): Regiae potestati ad diminutionem sui 
regni hoc privilegium factum esse suggesserunt. Dies geschieht in einem 
Brief des Propstes Fulko an den König, den wir bereits kennen; siehe 
oben Seite 162 f. und Seite 220 Anm. 2. 

6) Brief Ivos 265 (M. 269 f.). 


Rechte der Domkapitel bei Kapitelstellen. 937 


ge 


strafen, den von König und Graf zugleich befeindeten Vertreter 
des Klerus aber zu schützen !). Wir kennen keine andere Ant- 
wort des Papstes, als die kurz wiederholte Bestätigung der 
fraglichen „Konstitutionen“, welche die von Paschal II. nach 
Chartres gerichtete Empfehlung des neuen Bischofs Gottfried 
(vom 5. April 1116) in einem Schlusssatze enthält?). Ivo 
war also unterdessen gestorben. Vermutlich ist sein Wille 
durchgedrungen, denn sein Erlass wird in Verbindung mit 
einem ähnlichen (anscheinend nicht erhaltenen) seines Nach- 
folgers von dem diesem sukzedierenden Bischof Goslin als mass- 
gebend erwähnt’). Der letztere, ehedem selbst Propst, suchte 
den Schutz der Kanoniker und ihrer Untergebenen dadurch 
zu verstärken, dass er sowohl diesen „rustici* als auch den 
majores ecclesiae, den Unterbeamten der Propsteien, die regel- 
mässig zu wiederholende Leistung eines Eides auferlegte, der 
sich auf die beklagten Missbräuche bezog *). Indes die Pröpste 
waren unverbesserlich, und Ruhe kam nicht eher, bis dass 
ihnen durch den die Administration der Diözese führenden Erz- 
bischof von Sens und päpstlichen Legaten Wilhelm die Ver- 
waltung der Kapitelsgüter entzogen war. Pröpste gab es 
zwar auch weiterhin in der Eigenschaft von Dignitaren, sie 
waren aber nicht mit den früheren Befugnissen ausgestattet. 
Die Verwaltung der Kapitelsgüter hat man dadurch auf die 
einzelnen Kanoniker übertragen, dass die Güter selbst in Prä- 
benden gesondert und von Zeit zu Zeit unter die Kanoniker 
nach festen Regeln verteilt wurden. Diese Reform vollzog 
sich in den letzten Dezennien des 12. Jahrhunderts. 

Ivo hat es gewiss nicht selbst verschuldet, wenn die Prae- 
positi bereits so anmassungsvolle Herren geworden waren, 
dass sie sich eine Beschränkung ihrer eigennützig missbrauchten 
Tätigkeit von seiten des Bischofs nicht gefallen liessen, er 


1) Brief Ivos 271 (M. 274 £.). 

®) Bei Lepinois et Merlet I, 125 (Nr. XXXV]). 
®) Ebd. I, 155 (Nr. LVI). 

+) Ebd. I, 157 ff. (Nr. LVIO); vgl. 156. 


238 Zweites Kapitel. 


durfte auch energisch eintreten für das bischöfliche Recht, 
wenn die Kanoniker bei jeder Verleihung einer Dignität ge- 
fragt sein wollten; aber er hätte doch wohl gut daran getan, 
bei der Bestimmung der Pröpste, die als Dignitare jedenfalls 
auch dem freien Kollationsrecht des Bischofs unterstanden ?), 
das Kapitel mitwirken zu lassen. Hildebert fand recht- 
zeitig ein Mittel, um vorläufig wenigstens die bekannten Miss- 
bräuche bei seinen Präposituren möglichst zu verhüten und 
zugleich dem Kapitel sein Wohlwollen zu bezeugen, ohne doch 
seinen wesentlichen Rechten etwas zu vergeben. Unabhängiger 
wurde dadurch das Kapitel nicht, solange der Bischof die Ver- 
leihung der Kanonikate und Dignitäten selbst sich wahrte. 
Ob freilich auch auf die Dauer Missstände ausblieben, hing 
jetzt vor allem von der Klugheit und Achtsamkeit des Kapi- 
tels und nicht wenig von der Gewissenhaftigkeit der einzelnen 
Kanoniker ab. Diese Vorbedingungen mögen auch in Le 
Mans nicht immer in dem erforderlichen Grade vorhanden 
und vereinigt geblieben sein, so dass auch dort am Ennde des 
Jahrhunderts „Verminderung der Einkünfte, Schaden der 
Kirche, Brachliegen der kirchlichen Ländereien* gegen die 
alte Ordnung, der aus einer Teilung der Güter bei anderen 


gallischen Kirchen angeblich erspriessende Nutzen — sicher- 
lich hat hier, wie in anderer Beziehung, besonders das Vor- 
bild der Kirche von Chartres gewirkt?) — für eine neue 


Ordnung ins Feld geführt werden konnte. Die Teilung der 
Güter wurde denn auch vom Bischof und vom Papste dem 
Kapitel gewährt, trotz beharrlichen Widerstandes einer 
Minorität unter Führung des Dekans, der hinsichtlich des zu 
erwartenden Erfolges ernstliche Zweifel zu hegen erklärte). 
Uebrigens spielten ja bei dieser Fortentwicklung der Dezen- 
tralisation zu viele andere Motive mit, sodann ist auch von 


!) Siehe oben Seite 218 ff. 

?) Vgl. unten II, 5. 

») Liber Albus Seite 128 f. Nr. CCXII (vom 13. Februar 1197); 
Piolin IV, 212 f. 


Rechte der Domkapitel bei Kapitelstellen. 239 


den Gesamtverhältnissen der Güterverwaltung im Kapitel von 
Le Mans noch zu wenig bekannt, als dass man bestimmte 
Beziehungen zwischen dieser Massregel und derjenigen Hilde- 
berts zu konstruieren unternehmen könnte). 

Mit den in diesem Abschnitt behandelten Verhältnissen 
von Chartres, namentlich mit dem eigenmächtigen Auftreten 
der Kapitulare stehen eine Reihe von Ungehörigkeiten in Ver- 
bindung, die wir ihrer allgemeineren Bedeutung wegen in 
anderem Zusammenhang näher zu berücksichtigen haben ?). 
Hier sei schon erwähnt, dass einzelne Kanoniker sich in den 
Weihen nicht befördern liessen, dass man mit gewissen Gütern 
des Kapitels, die „persönlich“ vergeben wurden (Prekarien) 
eine Art von Handel trieb, dass die höheren Dignitare sich 
von den in ein Kanonikat oder eine Dignität Eintretenden 
(rebühren entrichten liessen und geradezu Lehensherrschaft- 
für sich beanspruchten ?).. Wir werden sehen, wie der Römische 
Stuhl gegen diese Dinge vorging. Nur seine Weisung bezüg- 
lich des letzten Punktes soll hier noch ihre Stelle finden. 
Paschal I. schrieb an das Kapitel (den 23. November 1103): 
„Was den Lehenseid angeht, den dort einige Kleriker anderen 
leisten, so verlangen Wir für die Zukunft dessen Unterbleiben 
und erklären für nichtig, was in dieser Beziehung früher 
geschehen ist, weil die Ehre der Kirche dadurch verwundet 
wird. Denn das himmlische Jerusalem ist ein freies, und 
es ist aller Gläubigen Mutter; von Jesus Christus aber 
wurde es zu dieser Freiheit erhoben“ %). Mit solchen Wor- 
ten wurde offenbar das Lehensband grundsätzlich und 
allgemein für die kirchliche Ordnung verurteilt, 
also auch für das Verhältnis zwischen dem Bischof und dem 
ihm untergebenen Klerus. Das entsprach ohne Zweifel dem 


!) Vgl. Hinschius KR II, 58. 

?) Siehe unten II, 4. 

3) Siehe oben Seite 164 Anm. 4; 218. 

#) Bei Lepinois et Merlet I, 112 (Nr. XX VII). 


240 Zweites Kapitel. 


Geiste des kirchlichen Rechts und der Reform). Und doch 
drängte sich das Lehensrecht dem allgemeinen Bewusstsein 
so mächtig auf, dass selbst ein Ivo nicht Anstand nahm, 
Kanoniker als seine „Mannen“ zu betrachten ?). 

Ivo behauptet in einem Brief an den Legaten Richard, dass 
die ihm gegenüber getadelte Simonie und manches andere gleich 
Verwerfliche fast in der ganzen gallikanischen Kirche herrsche. 
Das würde noch für die ersten Jahre des 12. Jahrhunderts 
zu gelten haben. Inwieweit das Domkapitel Hildeberts hiervon 
getroffen wird, ist schwer zu sagen. Von den eben erwähnten 
Uebelständen finden wir in seinen Schriften und in seiner Ge- 
schichte nichts vermerkt. Auch ein Lehensverhältnis zwischen 
dem Bischof und Klerikern ist zwar später in Le Mans be- 
kannt’), tritt aber bei ihm nicht hervor. 


) Diesen Sinn hat wohl auch schon ein Verbot der römischen Synode 
im März 1078, soweit es gegen „Kleriker und alle Personen“ sich richtet: 
In laicos quoque cuiuscumque dignitatis data est sententia anathematis, 
sive clericos necnon in omnes personas, quicumgque contra sacrorum cano- 
num decreta episcopatus, abbatias, praeposituras, qualescumque ecclesias, 
decimas vel quascumque dignitates ecclesiasticas cuilibet clerico seu cui- 
cumque personae juxta usurpationem suam antiquam in beneficium dare 
et quod Domino Deo prius canonica et legitima traditione in proprie- 
tatem et servitium legaliter delegatum est, hoc quasi proprium quiddam 
et hereditarium laica et non consecrata manu (hier denkt der Autor wieder 
besonders an die Laien) consecratis Deo altaris et ecclesiasticae dispen- 
sationis ministris procurandum et ordinandum contradere seu praestare 
omnino praesumpserint (Bertholdi Ann., bei Pertz, M.G.h.VII,SS.V,308£.). 

?) Siehe oben 8.219 A.1. Umgekehrt sträubten sich z. B. die Mönche 
von Marmoutier mit aller Macht dagegen, dass ihr Abt dem Erzbischof 
das Obedienzversprechen durch Handreichung bekräftigen sollte, vermut- 
lich im Hinblick auf die Lehensmannschaft: Briefe Ivos 234 £. (M. 236 ff.). 
Hier scheint Ivo allerdings nichts derartiges darin zu finden, und man 
muss überhaupt beachten, dass beim Gebrauch lehensrechtlicher Formen 
in rein kirchenrechtlichen Verhältnissen das Bewusstsein von der eigent- 
lichen und ursprünglichen Bedeutung sehr häufig gefehlt haben wird. 
Auch Hildebert hat anscheinend im obigen Falle den Mönchen zur Nach- 
giebigkeit geraten. 

3?) Siehe oben Seite 227. 


Rechte der kirchl. Korporationen bei Eigenkirchen. 241 


2. Im Anschluss an die besprochene Schenkung Hilde- 
berts ist nun aber noch eine andere Frage aufzuwerfen. Zu 
dem Vermögen eines Kapitels, dem gemeinsamen sowohl wie 
dem in Pfründen zu vergebenden, konnten ja auch Kirchen ge- 
hören, und so wurde es möglich, dass der Bischof von seiten 
des ganzen Kapitels oder einzelner Kapitulare in der Besetzung 
solcher Kirchenstellen mehr oder minder beschränkt war; 
das System des Eigenkirchenrechts (in welchem die 
Rechte der Eigenherren auf die Beliehenen übergingen) griff 
auch hier Platz. So steht z. B. in dem Sündenregister der 
Pröpste von Chartres auch, dass sie ohne Erlaubnis des Kapi- 
tels Priester in den Kirchen anstellten!). Ob von jenen Prä- 
posituren in Le Mans die eine oder andere mit einer Kirche 
versehen war, wird uns nun freilich nicht gesagt, wir wissen 
aber bereits von einer anderen Zuwendung Hildeberts an das 
Kapitel, die an demselben Orte rühmend vermerkt wird, und 
deren Gegenstand gerade eine Reihe von Kirchen bildeten ?). 

Von diesen berichtet der Biograph nur, dass sie aus den 
Händen der Laien in das Eigentum der Mutterkirche zurück- 
gebracht und dann zum Unterhalte der Kanoniker bestimmt 
wurden. Es fragt sich zunächst, was unser Schriftsteller unter 
dominium (jus) ecclesiae nostrae, matris ecclesiae versteht. In 
späterer Zeit, wo man grundsätzlich eine Eigentumsgemein- 
schaft zwischen Bischof und Kapitel nicht mehr kannte, wür- 
den diese Ausdrücke mit Gewissheit zu Gunsten des Kapitels 
zu deuten sein; unter Hildebert aber war die Trennung noch 
nicht eine so absolute, und man fühlt aus dieser Stelle und 
ähnlichen heraus, dass man sich die Mutterkirche mit dem, 
was nicht ausdrücklich zwischen Bischof und Kapitel geteilt 
war, noch als gemeinsames Eigentum beider dachte). Daher 


!) Bei Lepinois et Merlet I, 119 (Nr. XXXII). 
?) Siehe oben Seite 126 £. 
®) Vgl. z. B. oben Seite 228 ff. — Beiderseitiges oder gemeinschaft- 
liches Handeln war natürlich vor allem nötig, wenn über derartiges 
Eigentum verfügt werden sollte, z. B. bei den Benediktinern von 
Barth, Hildebert von Lavardin. 16 


242 Zweites Kapitel. 


hier die Betonung der bischöflichen „Disposition und Kon- 
zession“, deren es ja nicht bedurft hätte, wenn die Kirchen 
bekanntermassen früher als Kapitelskirchen abhanden gekom- 
men oder jetzt (wie später geschehen sein würde) als solche 
präsumiert worden wären. Man kann weiterhin zweifeln, ob 
eine Ueberlassung so günstiger Art, wie die kurz vorher ge- 
meldete und von uns soeben behandelte, auch hier gemeint ist, 
und ob nicht vielmehr diese Kirchen jetzt dem Kapitel oder 
einzelnen Kapitularen, wie früher jene Propsteien, zur Leihe 
gegeben wurden. Anderseits war die völlige Ueberlassung von 
Kirchen, die den Laienherren abgenommen wurden, an Stifter 
und Klöster so gang und gäbe, dass sie auch bei Hildebert 
nicht aufzufallen braucht; das Eigenkirchenrecht wurde eben 
nur bei den Laien verpönt, dagegen bei geistlichen Genossen- 
schaften sanktioniert und baute bei ihnen sich aus zur Inkor- 
poration ). In jedem Falle aber haben wir damit zu rechnen, 
dass Hildebert in der Besetzung der betreffenden Kirchen auch 
jetzt nicht „frei“ wurde, vielmehr das Kapitel oder die Kapi- 
tulare auch als Beliehene die zum Kirchendienste anzustellen- 
den Geistlichen mitbestimmten; dies war den Zeitverhält- 
nissen gemäss die unmittelbare Folge seiner Liberalität. Dass 
er aber, selbst eine Eigentumsübertragung angenommen, das 
Besetzungsrecht dem Beschenkten ganz überlassen hätte, würde 
schon den die Gewalt des Bischofs betonenden allgemeinen 
Reformprinzipien und den uns bekannten Grundsätzen Hilde- 
berts?), dann aber auch dem widersprechen, was wir später 
von seinem Verhalten gegen die Archidiakonen uns vorzu- 
führen haben. Leider sind wir nun nicht in der Lage, uns 


Solesmes Seite 43 f. Nr. XXXIII f. (hier auch für beide Teile eine 
Abfindungssumme vorbehalten); bei Charles et Menjot d’Elbenne 
Sp. 24 f. Nr. XXIV; bei Migne CLXXIJ, 311 £. Nr. I (Beaugendre 
app. D); Liber Albus Seite 65 f. Nr. CXVI. 

') Stutz, Die Eigenkirche, Seite 25; bei Herzog-Hauck XV, 244; 
bei Holtzendorfi-Kohler II, 856. 

°) Siehe oben Seite 112. 


Rechte der kirchl. Korporationen bei Eigenkirchen. 245 


aus Angaben Hildeberts selbst oder anderer direkt über die 
fraglichen Verhältnisse Gewissheit verschaffen zu können, wir 
wollen aber wenigstens versuchen, vermittels sonstiger Tatsachen 
in etwa Einblick darin zu gewinnen, 

Die ersten klaren Hinweise auf eine Präsentationspflicht 
des Kapitels begegnen uns unter Bischof Wilhelm I. In einer 
der Zeit von 1142 bis 1162 zugeschriebenen Urkunde „gibt 
und konzediert“ derselbe dem Kapitel eine Kirche „mit der 
Massgabe“, dass bei Erledigung der Stelle der Nachfolger vom 
Kapitel gewählt, von ihm durch den Kapitelsdekan dem Archi- 
presbyter, von diesem dem Archidiakon und vom Archidiakon 
dem Bischof oder seinem Nachfolger zu präsentieren ist !). Man 
könnte nun gerade wegen der Ausdrücklichkeit dieses Vor- 
behaltes vermuten, dass in demselben nicht die Regel wieder- 
gegeben sei. Dem wäre aber dann ein anderes schon erwähntes 
Dokument von 1150 entgegenzuhalten, das, gegenüber einem 
früheren (vielleicht nur Konzept gebliebenen) als Erweiterung 
sich gebend, die Präsentation wie etwas Selbstverständliches 
nebensächlich erwähnt?). Und dazu kommt eine Konzession 
des Bischofs Nikolaus von gleicher Art aus dem Jahre 1214, 


!) Liber Albus Seite 70 Nr. CXXII, 

Wenn nun in der darauf folgenden Urkunde von 1220 das Recht 
des Kapitels ein jus instituendi genannt wird, so ist der Ausdruck hier, 
wo es nur auf das Verhältnis des Kapitels zu seinem Presbyter ankommt, 
wohl in allgemeiner Bedeutung gebraucht, zumal da es in Bezug auf 
dieselbe Kirche in einer Urkunde von 1251 (ebd. Seite 153 Nr. CCLIII) 
heisst: retento tamen nobis et successoribus nostris episcopali jure in 
omnibus sicut ante. — In der Urkunde von 1220 heisst es von der frag- 
lichen Kirche, dass sie ad capitulum Cenomanense tamquam ad verum 
patronum ex collatione antedicti episcopi (Guillelmi beatae memoriae) 
pertinere, zur Zeit des Bischofs Wilhelm selbst spricht das Kapitel noch 
von seinem dominium (gegen 1160, siehe ebd. Seite 129 Nr. CCXHI). — 
Die Kirche gehört zu den ad donationem praefati capituli pertinentes, 
die Kleriker dieser Kirchen leisten das sacramentum fidelitatis und zahlen 
eine jährliche pensio als Ersatz für den dem Kapitel zustehenden Anteil 
an den Oblationen gewisser hohen Feste (Urkunde von 1220). 

?) Ebd. Seite 73 f. Nr. CXXX mit der vorhergehenden. 


244 Zweites Kapitel. 


worin die Präsentationspflicht ebenso behandelt und als Uebung 
der Kirche von Le Mans bezeichnet wird !). Trotzdem aber 
stehen wir nicht vor einem einheitlichen Brauche dieser 
Kirche in dem Sinne, dass das Kapitel für alle ihm unter- 
stehenden Kirchen den anzustellenden Geistlichen dem Bischof 
hätte präsentieren müssen. 

In einer unten näher zu besprechenden Neuordnung der 
hier in Frage stehenden Besetzungsverhältnisse, die zwischen 
1197 und 1230 beschlossen worden sein muss, wird unter- 
schieden zwischen alten und neuen Kirchen ?): Nur für die 
letzteren hat der Bischof die Institution und wird ihm der 
Erwählte durch den Archidiakon oder Archipresbyter prä- 
sentiert; für die ersteren dagegen und die zur Kathedral- 
kirche gehörigen „Kapellanien* wird der im Kapitel De- 
signierte ohne weiteres durch den Dekan investiert. Welche 
Kirchen aber galten als neue, welche als alte °)? Das ist nicht 
klar. Auf Vermutungen angewiesen, werden wir wohl am 


!) Ebd. Seite 85 Nr. CLIII: ... dietum capitulum, ad quod dictae 
ecclesiae patronatus pertinere dignoscitur, servata consuetudine Ceno- 
manensis ecclesiae circa praesentationem, ad dictam ecclesiam Beati 
Dionysii nobis et nostris successoribus vicarium praesentabit. Die Kirche 
wird dieser Urkunde gemäss mit dem Kapitel noch enger verbunden; 
trotzdem soll die Präsentationspflicht bestehen bleiben. 

2) Ebd. Seite 127 Nr. CCX. Die Herausgeber haben keine Zeit- 
bestimmung beigefügt. Die von mir angesetzten Termini sind einerseits 
das Jahr, in welchem die Teilung der Kapitelsgüter (ohne die diese 
neue Verordnung nicht wohl gedacht werden kann) vom Papste zugegeben 
wurde (siehe oben Seite 238), anderseits das Jahr, in welchem die Auf- 
hebung des Archipresbyterats beurkundet ist (siehe unten II, 3). 

3) Bei Cauvin XCI findet sich eine „Conventio inter episcopum 
et capitulum de quibusdam ecclesiis anno 1313“, welche folgendermaßen 
beginnt: Jurisdietio ecclesiarum, quae antiquae vocantur ecclesiae, et 
personarum... ad decanum et capitulum solum et in solidum pertinet... 
Nomina praedietarum ecclesiarum, quae antiquae [vocari?] consueverunt: 
Darauf folgen eine Reihe von Namen. Vielleicht ließe sich auf Grund 
genauer Einzeluntersuchung die obige Frage etwas bestimmter beant- 
worten. 


Rechte der kirchl. Korporationen bei Eigenkirchen. 245 


besten unter den letzteren diejenigen verstehen, die dem Ka- 
pitel von jeher zu Eigentum gehörten, ihm aber zum Teil 
entrissen und seit den Tagen der Reform restituiert worden 
waren, unter den ersteren also diejenigen, die ihm durch 
jüngere Traditionsakte unter gesetzlicher Mitwirkung der Bi- 
schöfe zugefallen waren. Die Bischöfe behielten sich fast immer 
ihre Rechte vor, und zu diesen hat man wohl in der Regel 
dasjenige der Institution von Geistlichen zu rechnen !). Wel- 
cher Art waren aber nun die Kirchen, die Hildebert dem 
Kapitel überliess? Auch das ist vielleicht nicht zweifellos fest- 
zustellen. Wenn indes, wie vorhin konstatiert wurde, das do- 
minium der Mutterkirche als gemeinsames Eigentum von Bi- 
schof und Kapitel zu verstehen ist, so konnten die Kirchen, 
welche dazu gehörten, nicht als „alte“ Kirchen in Anspruch 
genommen werden und sind darum vermutlich vom Bischof 
auch nicht ohne Vorbehalt konzediert worden. 

Die Neuerung nun, welche das genannte Kapitelsstatut 
einführte, bestand darin, dass zur Vermeidung von langen 
Vakanzen, wie sie bis dahin zuweilen wegen der grossen Zahl 
und des Dissenses der Beteiligten ?) bei den Kapitelskirchen 
vorgekommen waren, (vielleicht noch mehr zur Befriedigung 
des allgemeinen Strebens nach Sondervermögen) auch diese 
Kirchen jetzt nach Präbenden geteilt wurden, so dass nunmehr 
jeder Kanoniker das Patronatsrecht auszuüben hatte); hier- 


!) Einzelne Verleihungsurkunden: Liber Albus 8. 75 Nr. OXXXIV 
(1160—1165). 339 Nr. DLI (c. 1186). 


2)... propter multitudinem et dissensionem petentium ist schwerlich 
zu lesen, etwa praesentantium (pntantium). 
®)... unanimiter statuimus, quod ipsae ecclesiae divisae sint per 


praebendas, ita quod quislibet canonicus, dum foraneus non sit, eccle- 
siam sive ecclesias suae praebendae assignatas dabit tamquam patronus 
clerico, non alii quam de choro nostro et qui nullum habeat ecclesiasticum 
beneficium; qui etiam praesentatus a patrono in capitulo per decanum, 
sicuti moris est, in antiquis ecclesiis non differetur investiri; in novis 
vero, quia ad episcopum spectat institutio, per archidiaconum sive archi- 
presbyterum non differetur, qui electus fuerit, praesentari, dum tamen 


x 


246 Zweites Kapitel. 


bei werden die nicht residierenden Kanoniker durch drei von 
dem Dekan bezw. (bei neuen Kirchen) dem Archidiakon oder 
Archipresbyter zu benennende Kanoniker, einen Priester, einen 
Diakon und einen Subdiakon ersetzt. Die Kapellanien der 
Kathedrale blieben natürlich gemeinsam und wurden den alten 
Kirchen der nicht residierenden Kapitulare gleichgehalten !). 
Sämtliche Benefizien waren aus dem Kapitelsklerus zu besetzen 
und zwar obne Kumulation ?). Diese Bestimmungen besagen 
für unseren nächsten Zweck, dass zur Zeit Hildeberts die Be- 
setzungen oder Präsentationen durch Kapitelsbeschluss erfolgten, 
weil eine Teilung der besprochenen Art noch nicht stattgefunden 
hatte. | 

Noch ein anderes Produkt der späteren Entwicklung muss 
berührt und zu dem hier behandelten Punkte in Beziehung 
gesetzt werden. Ein Uebel, das unter dem ersten Nachfolger 
Hildeberts beklagt wurde und der von den Kapitularen ge- 
gebenen Erklärung gemäss wohl unter Hildebert selbst bereits zu 
beklagen war, die Vernachlässigung des Gottesdienstes °), scheint 


idonea persona sit et causa rationabilis non obsistat. — Vgl. zu diesem 
Erlass Piolin IV, 217£. 
!) ...necnon et de capellaniis in corpore ecclesiae nostrae statutis 


sive in posterum statuendis. Wenn dieselben identisch wären mit den 
alsbald zu behandelnden, dem „servitium ecclesiae nostrae“ gewidmeten, 
d.h. pleno jure inkorporierten Kirchen, dann läge in dem Satz des Textes 
ein Widerspruch zu anderweitiger Feststellung (siehe weiter unten). Allen- 
falls kann der Wortlaut auch so gedeutet werden, dass die Kapellanien 
ebenfalls zu teilen wären. Vgl. unten Seite 248 Anm. 5. 

?) Am Schlusse dieser Urkunde heisst es: Hoc autem statutum est 
salvo omni jure decani in deportationibus, procurationibus et justitiis 
sacerdotum in antiquis ecclesiis et in aliis, si qua alia sunt spectantia 
ad decanum (vgl. z. B. ebd. Seite 215 Nr. COCXLVII). De familiis vero 
sacerdotum, sicuti esse solet. Quod si de jure patronatus super aliqua 
ecclesia emerserit quaestio, canonicus, ad cuius praebendam spectabit 
ecclesia, negotium procurabit per eplisco]pa(n)tum, sicuti consuetudo est 
in aliis negotiis capituli. Extra eplisco]pa(n)tum vero in expensis capituli. 
sicuti in ceteris est consuetum. 

®) Siehe oben Seite 49. 


Rechte der kirchl. Korporationen bei Eigenkirchen. 247 
gegen Ende des Jahrhunderts immer fühlbarer geworden zu sein 
und veranlasste unter anderem zahlreiche Stiftungen zu Gunsten 
des „servitium ecclesiae“ (wie es regelmässig heisst), die nur 
denjenigen zu gute kamen, welche den liturgischen Dienst ver- 
sehen halfen‘). Auch Kirchen wurden dafür hingegeben, und 
solche Kirchen erhielten eine besondere rechtliche Stellung ?). 
Sie traten zum Kapitel in eine nähere Beziehung, als die 
Patronatskirchen gewöhnlicher Art, sie dienten zu seinem 
„eigenen Gebrauch“, die Gesamtheit der Einkünfte gehörte 
nicht, wie sonst grundsätzlich, dem selbständigen, zu gewissen 
Abgaben und zur Leistung des Fidelitätseides gegenüber dem 
Patron verpflichteten Verwalter der Kirche ?), sondern dem 
Kapitel, das seinerseits die Kirche durch einen von ihm zu 
besoldenden Vikar verwaltete. Wegen dieses Unterschiedes 
mussten gewöhnliche Patronatskirchen, wenn sie in jenes engere 
Verhältnis zum Kapitel treten sollten, durch einen neuen Rechts- 
akt in Kapitelskirchen engeren Sinnes umgewandelt werden. 
Für die Zeit Hildeberts darf man nun zwar an eine derartige 
prinzipielle Unterscheidung noch nicht denken, aber tatsäch- 
lich war dieser Unterschied in den herrschenden Eigenrechts- 
verhältnissen schon gegeben. Der Ausdruck, dass die fraglichen 


1) Liber Albus Seite 79 Nr. CXLIV mit 48 Nr. XCIL£.; 80 fi. 
Nr. OXLVI#; 83f. Nr. CLIL; 92 Nr. OLXVIIL; 7128” Nr, COXT, ferner 
Nr. CCXXIV. COXXXIV. Vgl. ebd. S. 129 f. Nr. OCXIV ff. — Schon 
Bischof Gervasius erklärt in einer Schenkungsurkunde, ebd. S. 96 f. 
Nr. CLXX VII (1040— 1047): Claustro vero nondum praeparato et quamdiu 
simul non comedatis, praedietae oblationes non dividantur vagantibus 
clericis, sed ecclesiae tantummodo servitoribus assiduis vel episcopi capel- 
lanis canonicis et Sancto Vincentio, ut in dominica die recipiant in ca- 
pitulo praecedentis hebdomadae oblationes hi, qui in eadem assidue ser- 
vierunt... Videant nempe fratres, ne tempore sterilitatis minus servitium 
sit ecclesiae quam fertilitatis!' Zu dem letzten Satz vergleiche oben 
Seite 49. 

?) Siehe Liber Albus Seite 85 Nr. CLIII (vgl. oben Seite 244 
mit Anm. 1); 150 £. Nr. CCL (mit 215 Nr. CCCXLVID; 153 Nr. CCLIII 
(vgl. oben Seite 243 mit Anm. ]). 

3) Siehe oben Seite 243 Anm. 1, 


248 Zweites Kapitel. 


[ 


Kirchen für den Unterhalt der Kanoniker bestimmt wurden !), 
könnte nun, verglichen mit dem obigen „zu eigenem Gebrauch“ ?) 
zu einer festen Entscheidung verleiten, es würde aber damit 
mehr behauptet werden, als sich beweisen lässt. Die Beteili- 
gung des Bischofs an der Stellenbesetzung wurde übrigens von 
der hier erörterten Verschiedenheit der Inkorporationen nicht 
berührt. Man könnte das Gegenteil erwarten, wenn man weiss, 
dass auf dem zwölften allgemeinen Konzil (1215) den Regularen 
nur für die Kirchen, die ihnen nicht pleno jure gehörten, die 
Präsentation geboten wurde°); denn um eine Inkorporation 
zu vollem Rechte handelt es sich ohne Zweifel bei den Ka- 
pitelskirchen in engerem Sinn. Aber wir finden, dass in Le 
Mans gerade auch bei ihr der Bischof ausdrücklich die Prä- 
sentationspflicht, und zwar als eine gewohnheitsrechtliche, zur 
Bedingung macht #) ). 

Es ist zu bedauern, dass wir keine Urkunden besitzen, in 
denen das Rechtsverhältnis des Kapitels zu unserem Bischof 
hinsichtlich der ihm gehörigen Kirchen zum Ausdruck käme. 
Für die Klöster sind wir besser gestellt, und wir müssten uns 
verpflichtet halten, ihnen einen eigenen Abschnitt zu widmen, 
wenn das Stellenbesetzungsrecht in den verhältnismässig zahl- 
reichen Urkunden Berücksichtigung fände ©). Das ist aber mit 


!) Oben Seite 126 f. Anm. 2. 

?) Liber Albus Seite 85 Nr. CLIIL 

®) Hefele Cg. V, 898.61, Mansi XXII, 1047. 

*) Siehe oben Seite 244 Anm. 1; Liber Albus Seite 153 Nr. OCLIII 
vgl. mit 70 Nr. OXXIII (oben Seite 243 Anm. 1). 

5) Vgl. für Chartres noch bei L&pinois et Merlet I, 205 £. 
Nr. XCVI; um diese Zeit (1180—1183) wurde also dort auch für die 
altaria extra chorum vel in cryptis dem Bischof vom Capicerius präsentiert 
(für einen Altar hatte der Dekan anscheinend die selbständige Kollation) ; 
später aber wird vom Capicerius dem Subdekan präsentiert und dieser 
konferiert; siehe ebd. II, 270 (Nr. CCOXCIII.) Vgl. ob. S. 246 mit A. 1. 

°) Zu den oben Seite 127 f. Anm. 1 aufgeführten seien hier noch 
folgende Urkunden genannt: bei Migne Seite 315 ff. Nr. IV, 8. 318 £. 
Nr. VIL, S. 322 f. Nr. XII; bei Charles et Menjot d’Elbenne Sp. 168 


Rechte der kirchl. Korporationen bei Eigenkirchen. 24% 


Ausnahme der wenigen bereits mitgeteilten Einzelheiten gar 
nicht der Fall). Es wird deshalb genügen, hier zur Be- 


Nr. 283 (= Veterum Scriptorum collectio I, 562), Sp. 417 Nr. 734; bei 
Piolin III, 683 f. Nr. LIX. 

!) Siehe oben Seite 146 ff. — Auch über das Verhältnis des Bischofs 
zur Besetzung von Kloster- und Stiftsstellen ist aus der Geschichte Hilde- 
berts zu wenig bekannt, als dass eine Behandlung dieser Frage gefor- 
dert werden könnte. Ueber den Streit zwischen Marmoutier und dem 
Erzbischof von Tours bezüglich der Ansprüche des letzteren gegenüber 
einem neugewählten Abt, wo Hildebert zu vermitteln suchte, siehe 
Gallia Chr. XIV, 75. 77. 213. 216; Briefe Ivos 234 f. (M. 236 ff.); 
bei L. de Grandmaison I, 92 ff. Nr. XLIII. Die Mönche wollten 
von einer eigentlichen „Professio* des Abtes sowie von Schriftlichkeit 
des Öbedienzversprechens und Bekräftigung desselben durch Hand- 
reichung (bei Gelegenheit der Benediktion) nichts wissen (vgl. oben S. 240 
Anm. 2); Erzbischof Gilbert begnügte sich denn auch mit dem ein- 
fachen Obedienzversprechen. Ausser Hildebert bemühten sich in der 
Sache Rainald von Angers und Ivo von Chartres. Vergleiche den Streit 
zwischen Ivo von Chartres und Gottfried von Vendöme: Compain 153 ff.; 
Lib. de lite II, 699 f£. — Hildebert tadelt UI, 51 (B. 159 f. M. 275 ff.) 
einen Kloster- oder Stiftsvorsteher, der sein Haus wegen Mangel an 
Disziplin eigenmächtig verlassen und einen Prokurator bestellt hatte. 
Wie es Anmassung sei, eine Seelenleitung unberufen zu übernehmen, so 
dürfe sie nach kanonischem Recht nur von demjenigen niedergelegt wer- 
den, den eine Schuld dazu verurteile.. Die mit Einwilligung des recht- 
mässigen Oberen und der Beteiligten erfolgende Resignation soll damit 
nicht verworfen werden. Denn Hildebert bemerkt weiter, es habe bei 
den Brüdern grosses Aergernis erregt, dass er sie unbefragt verlasse und 
ihnen wider ihren Willen einen Stellvertreter aufdränge. Der letztere 
werde wohl in besserer Erkenntnis Verzicht leisten, er selbst aber habe 
durch sein Fortgehen wider alles Recht gehandelt. Insbesondere hätte 
er zunächst beim Bischof seine Klagen vorbringen müssen. Zum Schlusse 
heisst es: Memineris igitur summa cum festinatione ad commissum tibi 
gregem reverti, sub districto judice puniendus, si vel parere vel, quae 
post discessum tuum perperam facta sunt, corrigere distuleris. (Warum 
hier Judex zu schreiben, also an den göttlichen Richter zu denken wäre, 
wüsste ich nicht; Hildebert hat doch sattsam hervorgehoben, dass der 
Adressat rechtswidrig gehandelt habe und handle) Man sieht, dass 
Hildebert auch bei diesen Aemtern seine Rechte wahrnahm. — Endlich 
sei noch eine Stelle aus der Konfirmationsurkunde Lucius 11. für das 


250 Zweites Kapitel. 


leuchtung des über die Kapitelskirchen Gesagten noch einiges 
die Klosterkirchen Betreffende im Anschluss an die Urkunden 
Hildeberts beizufügen. Wir wissen bereits, dass er mit unver- 
kennbarer Befriedigung Laienkirchen in klösterlichen Besitz 
zurückkehren oder übergehen sah. Erwähnt sei dazu, dass er 
auch selbst die eine oder andere Kirche an ein Kloster, sogar 
an das auswärtige und selbstherrliche Marmoutier abgab Y). Es 
scheint aber, dass er nicht gerade gewillt war, die Klöster 
übermässig und zu Ungunsten der Mutterkirche zu bereichern. 
Dem Kloster St. Peter von La Couture machte er z. B. sechs 
ehemals der Kathedrale von Laien weggenommene und jetzt an 
das Kloster abgetretene Kirchen eine Zeitlang im Bunde mit 
dem Kapitel streitig). Ob indes auch andere als materielle 
Interessen, insbesondere offenbar die des Kapitels, ihn dazu 
bewogen, verrät er uns nicht. — Was die schon früher er- 
wähnten Vorbehalte ?) angeht, so fehlt ein solcher zu Gunsten 
der Mutterkirche von Le Mans selten; gewöhnlich ist er ganz 


Kloster von Evron vom 4. Nov. 1144 zitiert (Cauvin LXXX): Pravam 
vero illam consuetudinem, ex qua archidiaconi vel clerici in substitutione 
abbatis vestri monasterii centum solidos a vobis exigunt, omnimodis abo- 
lemus et, ne quis eos de cetero dare vel exigere audeat, auctoritate apo- 
stolica prohibemus. Obeunte vero te, nunc eiusdem loci abbate, vel 
tuorum quolibet [successorum ?] nullus ibi qualibet subreptionis astutia 
vel violentia praeponatur, sed liceat vobis communi consilio vel partis 
consilio sanioris secundum Dei timorem et beati Benedicti regulam absque 
ullius contradictione abbatem eligere. Der zweite Satz enthält im 
wesentlichen eine ziemlich häufig gebrauchte Formel. Ob der im ersten 
gerügte Brauch auch von Hildebert geduldet wurde, ist fraglich. Zu 
seiner Zeit war das Kloster sehr verwahrlost: Brief Hildeberts II, 25 
(B. 120 £. M. 243 £.). Hildebert übt auch dort, insbesondere dem zucht- 
losen Abt gegenüber, seine Aufsichtsrechte aus, zieht aber bei der Frucht- 
losigkeit seiner Bemühungen den päpstlichen Legaten, Bischof Gerard 
von Angoul&öme, hinzu. 

!) Bei Migne Seite 313 f. Nr. VII. 322 f. Nr. XII. 

?) Bei den Benediktinern von Solesmes 8. 48 f. Nr. XXXIILf. — 
Vgl. Ivo gegen Marmoutier, Briefe 267 £. (M. 271 ££.). 274 (M. 276 £.). 

3) Siehe oben Seite 128. 


Rechte der kirchl. Korporationen bei Eigenkirchen. 251 


allgemein gehalten, vereinzelt, aber gerade bei allgemeinen Be- 
stätigungen, ist von Gewohnheiten und Einkünften die Rede, die 
das Bistum an den betreffenden Kirchen und ihren Priestern 
besitzt), oder es wird dem Bischof, dem Archidiakon und 
dem Archipresbyter zugleich reserviert, was ihnen an Synodal-, 
Visitations- und sonstigen Einkünften, sowie hinsichtlich der 
tuitio presbyterorum, der Obhut über die Priester zusteht ?). 
Man sieht, in erster Linie ist der Inhalt dieser Reservationen, 
soweit sie spezifiziert sind, ein materieller, und von Stellen- 
besetzung kann man darin kaum etwas angedeutet finden. 
Damit ist natürlich nicht bewiesen, dass sie für die Klöster 
eine freie gewesen ist. So findet man z. B. im Urkunden- 
buche des Klosters St. Peter von La Couture, ohne dass ein 
dahin gerichteter Vorbehalt nachzuweisen wäre, ein Dokument 
des zweiten Nachfolgers Hildeberts, Hugo, gemäss welchem 
derselbe auf Anregung und Präsentation des Abtes Ursio, mit 
Zustimmung und Präsentation des Archidiakons Alberich, dem 
Priester Giraudus eine Martinuskirche verliehen hat ?). — Ander- 
wärts finden wir die Präsentationspflicht der Klöster zur Zeit 
Hildeberts und später vor. Der Bischof Donoald von Aleth (in 
der Bretagne) bedingt sie sich 1124 für die Kirche St. Maclovius 
gegenüber Marmoutier als üblich aus‘). Abt Wilhelm von 


!) Bei Piolin III, 685 Nr. LIX. 

?) Bei Migne Seite 322 Nr. XI. — Siehe noch z. B. ebd. 311 ff. 
Nr. I; bei den Benediktinern von Solesmes Seite 48 Nr. XL. 

3) Beiden Benediktinern von Solesmes Seite 58 f. Nr. LVIH. — 
Anstellungen von seiten des Klosters „auf Bitten“ des Bischofs zeigen 
zwar, dass der Bischof gebunden war, schliessen aber natürlich die sonstige 
Mitwirkung des Bischofs nicht aus; siehe bei Piolin III, 676 f. Nr. L 
aus Hoöls Zeit, bei den Benediktinern von Solesmes Seite 65 f. 
Nr. LXIX in Bezug auf Guido. 

4) Gallia Chr. XIV Instr., 82 Nr. LXIII: Der Bischof „konzediert 
und konfirmiert“ dem Kloster (von neuem wegen einiger neuen Erwer- 
bungen) das fragliche Besitztum, ut liceat eis omni tempore jam dietam 
ecelesiam cum sibi pertinentibus, ut dietum est, eiusdem castri capellis 
et eius possessiones universas sive beneficia pro libitu sive arbitrio suo, 


252 Zweites Kapitel. 


Tyron reserviert sie zwischen 1119 und 1147 zu Gunsten des 
Diözesanbischofs (von Chartres) für eine seinem Kloster und 
dem Domkapitel gemeinschaftlich gehörige Kirche ). 1145 be- 
urkundet sie der Bischof Ulgerius von Angers als einem Kol- 
legiatstift seiner Diözese auf Grund Vergleiches mit St. Peter 
von La Couture zustehendes Recht ?). Der Bischof von Evreux 
konzediert 1157 die Präsentation der an gewissen Kirchen seiner 
Diözese anzustellenden Priester dem Kapitel und St. Peter von 
Chartres?). Als päpstlicher Delegat erkennt der Bischof Johannes 
von Poitiers im Jahre 1171 zu Recht, dass für eine gewisse- 
Kirche der Diözese Angers ein Priester von Abt und Kloster- 
kapitel von La Couture dem zuständigen Archipresbyter, Archi- 
diakon und Bischof gemäss altem Gewohnheitsrechte präsentiert 
worden und demgemäss dem genannten Kloster das Wahl- und 
Präsentationsrecht für die fragliche Kirche zuzusprechen sei), 
Und um die Reihe mit einer höheren und allgemeineren Ver- 
fügung zu schliessen, so bestätigt eine Protektionsurkunde 


prout agendum viderint, quiete disponere vel ordinare; capellanos ibi 
suos, quotiens opus fuerit, ponere vel removere, salvo jure in justitia 
episcopali et ceteris, si quae habet in ea huiusmodi Aletensis mater ecclesia. 
Porro capellanum suum, illum videlicet, quem in B. Maclovii parochiali 
ecclesia deserviturum elegerint, mihi vel successoribus meis episcopis, cum 
ab eisdem monachis electus fuerit, ex more facient praesen- 
tari. Somit wird für Geistliche, die bei anderen, der Pfarrkirche unter- 
stehenden Gotteshäusern angestellt wurden, die Präsentationspflicht nicht 
bestanden haben. 

!) Bei Lepinois et MerletI, 128 Nr. XL: Presbyter etiam com- 
muniter eligetur et substituetur salvo jure episcopi et archidiaconi tam 
in hoc quam in ceteris. Das ist wohl nicht anders, als oben angenommen. 
wurde, zu verstehen. 

2?) Bei den Benediktinern von Solesmes Seite 61 Nr. LXII: 

.. ut canonici Sancti Magnobodi eligerent sacerdotem illius ecclesiae- 
et praesentarent et ponerent. 

3) Bei L&pinois et MerletI, 165 Nr. LXV: Porro decedentibus: 
presbyteris praesentationem subrogandorum ecclesiae Beatae Mariae et 
Sancti Petri concessimus. 

*) Bei den Benediktinern von Solesmes Seite 96 f. Nr. CXIII. 


Rechte der kirchl. Korporationen bei Eigenkirchen. 353 


Gregors IX. vom 5. Juli 1233 dem letztgenannten Kloster das 
Recht, für die Pfarrkirchen, die es habe, Kleriker zu erwählen 
und dem Bischof zu präsentieren, denen der Bischof, falls sie 
geeignet seien, die Seelsorge zu übertragen habe, mit der Mass- 
gabe, dass sie diesem bezüglich der Spiritualien, den Mönchen 
aber bezüglich der Temporalien verantwortlich seien !). 

Die letzte Urkunde bezeugt natürlich für sich nur den 
Willen der Kirche, und wir dürfen nicht übersehen, dass dem- 
selben die Wirklichkeit im 12. Jahrhundert und darüber hinaus 
durchaus nicht überall entsprach. Das bezeugt die wiederholte 
Einschärfung der fraglichen Präsentationspflicht von seiten 
der Päpste und Synoden. An die Verordnung des Lateran- 
konzils von 1215 wurden wir bereits erinnert ?). Eine Synode 
von Reims (1157) kennzeichnet ein beliebtes Verfahren durch 
folgende Verordnung: Wenn Aebte es für gut finden, ihnen 
unterstehende Kanoniker an ihren Kirchen dienen zu lassen, 
dann darf dies nicht geschehen, ohne dass sie dieselben dem 
Bischof präsentieren; wenn der Bischof einen solchen nehmen 
will, so hat ihn der Abt frei und emanzipiert (also aus dem 
Korporationsverband entlassen) dem Bischof zu übergeben, 
und hat er dann die Cura empfangen, so kann ihn der Abt 
nicht ohne Erlaubnis des Bischofs seinem Dienste entheben und 
zurückberufen °). Innozenz II. aber bestätigt eine Sentenz der 


) Ebd. 262 Nr. CCCXVIL. Also auch hier sind nur die Pfarr- 
kirchen genannt. 

2) Siehe oben Seite 248. 

3) Mansi XXI, 845 c. VI (Hefele Og. V, 569 c. 6). Man wider- 
strebt also noch der incorporatio plena, und man will vor allem nicht, 
dass durch eine solche die Präsentationspflicht umgangen werde. Vgl. oben 
Seite 246 ff. Vgl. auch eine der Synode von Ülermont zugeschriebene 
Bestimmung, bei Mansi XX, 819 f.: In ecclesiis, ubi monachi habitant, 
populus per monachum non regatur, sed capellanus, qui populum regat, 
ab episcopo per consilium monachorum instituatur, ita tamen, ut ex solius 
episcopi arbitrio tam ordinatio, quam depositio et totius vitae pendeat 
‚conversatio. — So findet auch die Betätigung der Regularkanoniker in 
‚der Seelsorge zur Zeit Ivos auf seiten der Bischöfe Widerstand; siehe 
Ivos Briefe 69 (M. 88 £.) 213 (M. 216 £.). 


254 Zweites Kapitel. 


Päpste Urban I. und Kalixt II., wonach ebenfalls Aebte in 
den ihnen unterstehenden Parochialkirchen ohne Beirat der 
Bischöfe keine Priester einsetzen dürfen, vielmehr die Bischöfe 
mit Zustimmung der Aebte den Priestern die Pfarrseelsorge 
übertragen und diese dann den Bischöfen bezüglich der Seel- 
sorge verantwortlich und bezüglich der betreffenden Temporalien 
den Aebten unterworfen sein sollen ). In der Tat befindet 
sich ein solcher Erlass schon unter den canones von Olermont 
(1095) und von Nimes (1096); vielleicht hat ihn auch das. 
zwischen die beiden genannten fallende Konzil von Tours ver- 
öffentlicht. Dabei wird ausdrücklich bemerkt, dass diese Be- 
stimmung in der Zukunft gelten soll, nachdem manche Mönche 
in der Vergangenheit die Rechte des Bischofs verletzt haben ?). 
Diese Beschlüsse sind der Aufmerksamkeit unseres Hildebert, 
auch wenn er den Synoden nicht beigewohnt haben sollte, 
sicherlich nicht entgangen. 

Auf denselben Versammlungen, und zwar in engem Zu- 
sammenhang mit der genannten Verordnung, ergingen andere 
Vorschriften, denen wir unser Augenmerk noch etwas genauer 
zuwenden müssen°). Sie verbieten als simonistisch die in 
Gallien übliche sogenannte redemptio altaris, welche darin 
bestand, dass Klöster oder Stifter die ihnen für bestimmte Per- 


') Brief Innocenz II. bei Migne CLXXIX, 627 Nr. DLXII. Vgl. 
Hefele, Cg. V, 331, Lateran 1123, c. 22: Die Priester an den Pfarr- 
kirchen müssen von den Bischöfen bestellt werden und sind ihnen wegen 
der Seelsorge verantwortlich (et de iis, quae ad episcopum pertinent; 
Mansi XXI, 285 c. XVILI). — Zur Zeit Hildeberts gelangte der juristische 
Begriff der Präsentation zur vollen Ausbildung. Vgl. oben Seite 251 f. 
Anm. 4, die vorige und die folgende. 

?) Hefele Cg. V, 224 c. 33. 244 c. 1. 242; MansiXX, 902c. IV. 
933 c. I. Vgl. dazu oben Seite 253 Anm. 3; Seite 252 f. die Verordnung 
Gregors IX. Die genannten Synoden müssen noch mit den Ausdrücken 
der älteren Zeit das Präsentationsrecht beziehungsweise die Präsentations- 
pflicht umschreiben (statuimus, ne in parochialibus ecclesiis, quas tenent, 
absque episcoporum consilio presbyteros collocent). 

®) Hefele Og, V, 222 0,7; 243 £.c. 1; Mansi XX, 902 c. LUL (vgl, 
903 unten). 933 ce. I. 


Rechte der kirchl. Korporationen bei Eigenkirchen. 355 


sonen verliehenen Kirchen oder Zehnten nach dem Tode dieser 
Personen vom Bischof wieder „loskaufen“, d. h. also beim 
Wechsel des Stelleninhabers jedesmal eine Abgabe entrichten 
mussten!). Grundsätzlich sollten diese „Altäre* nach dem Tode 
der betreffenden Personen an den Bischof zurückfallen ?), hatten 
aber Kommunitäten seit dreissig oder mehr Jahren auf Grund 
einer redemptio den Besitz gehabt, so sollten sie für alle Zu- 
kunft ohne Belästigung in demselben verbleiben, ebenso wenn 
ihnen der Besitz der Kirchen urkundlich bestätigt war. Mit 
anderen Worten, diese „Altäre“, die offenbar an und für sich 
bischöflichen Rechtes waren, sollten damit zu Eigentum der 


!) Mansi XX, 933: ... ut ecclesiae vel decimae, quae vulgari 
vocabulo apud eos (in Galliarum partibus) altaria nuncupantur, monasteriis 
datae saepius ab episcopis sub palliata avarıtia venundentur, mortuis 
nimirum seu mutatis clericis, quas personas vocant, Es handelt sich 
offenbar um „Altäre“, die den Klöstern nicht zu Eigenrecht, sondern zur 
Leihe von den Bischöfen zugestanden waren, womit aber nicht gesagt 
ist, dass auch die betreffenden ecclesiae, d. h. das Kirchengut mit Aus- 
nahme dessen, was zu den priesterlichen und rein kirchlichen Einkünften 
gehörte, nur Benefizien, nicht Eigentum der Genossenschaften waren. 
Die sonst den Eigenkirchherren zukommende Investiturgebühr (vgl. Stutz, 
Die Eigenkirche, Seite 30) wollten die Bischöfe durch die Beleihung 
nicht verlieren; sie war ihnen also, solange die betreffenden Kirchen nicht 
der incorporatio plena verfielen, bei jedem Wechsel des Stelleninhabers. 
geschuldet. Sie war entweder von diesem selbst, wie wir es für frühere 
Zeit bezeugt finden werden, zu entrichten, oder, was hier verurteilt 
wird, von der Genossenschaft. 

2) Ebd. 817 c. VII: Ut altaria congregationibus canonicorum vel 
monachorum per personas data mortuis personis libera redeant in manus 
episcoporum, nisi fuerint illis per eorum scripta vel privilegia confirmata. 
Hefele hat Recht, wenn er (Cg. V, 222 c. 7) diese Vorschrift mit der 
anderen, hier in Frage stehenden zusammenstellt. Wie der Zusatz quas 
personas vocant zeigt (siehe die vorige Anm.) sind in beiden dieselben 
Gegenstände gemeint, d. h. „Altäre“, für welche die Genossenschaften 
dem Bischof gegenüber gewissermassen Vertreter der „Personen“ sind, 
an welche sie dieselben weiterzugeben haben. Während aber in der einen 
Vorschrift der Standpunkt der Genossenschaften zur Geltung kommt, 
dringt in der anderen ein Vorbehalt der Bischöfe durch. 


256 Zweites Kapitel. 


6 


betreffenden Klöster oder Stifter geworden sein). Man kann 
sich denken, dass die Bischöfe mit dieser ohne Zweifel sehr 
umfassenden Enteignung nicht zufrieden waren?). Sie setzten 
jedoch in materieller Hinsicht nur noch die Klausel durch, dass 
ihnen der übliche Jahreszins zu entrichten sei. Dazu kommt 
die obige Rückfallvorschrift. Aber auch vom Gesichtspunkte 
der Stellenbesetzung machten sie Bedenken geltend, und so 
wurde wenigstens für Pfarrkirchen, wie oben berichtet, die 
Präsentationspflicht eingeschärft °). 

Zu denjenigen, welche sich von der Richtigkeit einer 
solchen Ordnung der Dinge nicht überzeugen konnten, gehörte 
in erster Reihe Ivo von Chartres.. Wohl erschien ihm der 
Brauch als ein schlechter, aber für geradezu simonistisch hat 
er ihn nicht erachtet, und in einer Lösung der Schwierigkeiten, 


!) Das war ein weiterer Schritt zur vollständigen Inkorporation ; 
‚denn für die Klöster lag es sehr nahe, die ihnen unbeschränkt zustehenden 
„Altäre“ bloss durch Stellvertreter verwalten zu lassen, und die Bischöfe 
hatten nur noch von idealen Gesichtspunkten aus ein Interesse daran, 
es zu verhindern; Beispiele jenes Verfahrens waren auch schon damals 
zu verzeichnen und wurden verpönt; siehe oben Seite 253 Anm. 3. — 
Formell mag der Erlass der fraglichen Abgabe mit einer völligen Ueber- 
lieferung der altaria nicht identisch gewesen sein. Auch früher findet 
sich beides nebeneinander: In einer Urkunde z.B. (bei Cauvin LXXII) 
konzediert Bischof Gervasius dem Dreifaltigkeitskloster von Vendöme 
das altare einer von Graf Gaufred und seiner Gemahlin Agnes erbauten 
Kapelle, anderswo überträgt er, wie wir noch sehen werden, dem Kloster 
St. Vincenz die relevationes, die nichts anderes sind als die redemptiones. 
Im Ergebnis wird indes der Unterschied ein unbedeutender gewesen, 
in beiderlei Fällen wird es auf ein Eigenkirchenrecht der Beschenkten 
im vollsten Sinne des Wortes hinausgekommen sein. 

?) Dass die Frage umstritten worden ist, beweist schon das im Texte 
dargelegte Verhältnis der verschiedenen Vorschriften zueinander, sodann 
aber die alsbald zu verfolgende Wirkung derselben. Gemäss dem in der 
vorigen Anmerkung Gesagten kann man somit reden von einer schon in 
Clermont 1095 zu Tage tretenden Bekämpfung der sich anbahnenden 
incorporatio plena von seiten der Bischöfe. Vgl. oben Seite 253 mit 
Anm. 3. 

3) Siehe oben Seite 254. 


Rechte der kirchl. Korporationen bei Eigenkirchen. 257 


wie der Papst sie für gut hielt, erblickte er eine ungerecht- 
fertigte Bereicherung der Klöster. Diese Auffassung finden wir 
in einem Schreiben zum Ausdruck gebracht, das er schon bald 
nach dem Antritt des Episkopates, im Jahre 1191, an Urban II. 
gerichtet hat!). Darin beklagt er es als die am wenigsten 
erträgliche und verbesserliche der vielen in seiner Diözese be- 
stehenden Unordnungen, dass diejenigen, die dem Altare nicht 
dienen, von ihm leben, dass andere als diejenigen, die den 
kirchlichen Dienst versehen, die Einkünfte der kirchlichen 
Stellen beziehen. Das war ja in der Tat die Grundlage des 
ganzen damaligen reformbedürftigen Rechtszustandes, deshalb 
auch am schwierigsten zu beseitigen. Wenn der Bischof sich 
daran gab, mit Mahnen, Tadeln, Exkommunizieren dieses „Sa- 
krileg“ zu bekämpfen, dann erklärten die Betreffenden, die Altäre 
auf den Namen der Amtspersonen von ihm loskaufen zu wollen, 
wie es unter seinen Vorgängern geschehen war. Sie wollten 
also bei Gelegenheit des Personenwechsels auf solche Weise 
die grundsätzliche Freiheit der „Altäre“ bezw. das Recht des 
Bischofs auf dieselben anerkennen, um dann natürlich die Ein- 
künfte, soweit nicht der Unterhalt des Stelleninhabers davon 
zu bestreiten war, auch weiterhin für sich zu beziehen. Ivo 
glaubt, dass die so tief eingewurzelte Uebung am Ende noch 
geduldet werden könne, denn er erbittet sich darüber Rat, im 
Falle der Verneinung Hilfe ?). Der Papst aber wird schwerlich 


!) Brief 12 (M. 25). Er ist seinem Inhalt gemäss nach der Synode 
von Etampes geschrieben, auf welcher gegen die vom Papste 1090 voll- 
zogene Ordination Ivos protestiert wurde, und zwar noch im selben Jahre, 
also 1091. Vgl. Hefele Cg. V,202; Jaffe, Regesta I, 667 Nr. 5438 (4059). 

?) Multa enim inordinata fieri video in domo Dei, quae me torquent, 
maxime quod apud nos, qui altari non serviunt, de altari vivunt. A quo 
sacrilegio cum eos absterrere velim monendo, increpando, excommuni- 
cando, altaria a me redimere volunt sub nomine personae, sicut a prae- 
decessoribus meis ex prava consuetudine redemerunt. In quo maxime 
indigeo consilio vestro, si id tolerabile vobis videtur, vel auxilio, si id 
intolerabile judicatur. Cetera quidem tolerabilia vel corrigibilia mihi in 
parochia nostra videntur, si hoc consilio vestro et auxilio ad ordinem 

Barth, Hildebert von Lavardin. 17 


258 Zweites Kapitel. 


für das in Frankreich vorbildliche Chartres gestattet haben, 
was er einige Jahre später auf französischem Boden so be- 
stimmt und ausnahmslos verbot. 

Die grosse Mehrzahl der gallischen Bischöfe scheint indes 
das Synodaldekret nicht allzu streng genommen und insbesondere 
es unter Vermeidung der verpönten Namen, wie „redemptio“, 
umgangen zu haben. Zu diesen gehörte auch Ivo, denn an 
ihn und an Rannulf von Saintes ist ein uns erhaltenes Breve 
Paschals U. vom 14. März 1100 gerichtet, worin derselbe unter 
Berufung auf ihre Teilnahme an der Synode von Ülermont 
jenem unredlichen Verbergen einer verbotenen Sache unter 
anderen Namen entgegentritt. Am Schlusse heisst es, dass die 
Ausführungen des Schreibens auch für die übrigen gallischen 
Bischöfe gelten !). Sie stehen also offenbar recht zahlreich in 
diesem Widerstreben zusammen. 


redigi cogeretur. Was also Ivo an diesem Uebel verabscheut, ist der 
Umstand, dass der Altar mit den zu ihm gehörigen Einkünften ein Be- 
reicherungsmittel ist für diejenigen, die mit dem Altardienst selber nichts 
zu schaffen haben. Dem wurde ja nun dadurch einigermassen abgeholfen, 
dass von Zeit zu Zeit gleichsam zum Ersatz für diese den Berechtigten 
entzogenen Einnahmen eine grössere Summe an den Bischof entrichtet 
werden musste; indem dies auf den Namen der Amtspersonen und bei 
Gelegenheit der Stellenbesetzung geschah, erschien der Zahlende, das 
leistende Kloster z. B., als Vertreter der betreffenden Priester, gewisser- 
massen als deren Rendant oder Verwalter, der einen Teil der zu erwar- 
tenden Einnahmen für jene an die Mutterkirche abzugeben hatte. Dass 
dabei der Verwalter nach Art eines Zöllners noch immer ein gutes Ge- 
schäft machte, war ja nicht in der Ordnung, Name und Anstrich eines 
Kaufes machte das Verfahren erst recht zu einer Unsitte; sie konnte 
jedoch erträglicher erscheinen als der Kampf gegen so hartnäckige 
„Uebeltäter“. Diesen nun aber ihre Beute ganz zu überlassen und so die 
Unsitte in ihrem einen Bestandteil zu beseitigen, in dem anderen mit er- 
heblichem Zuschlag zu sanktionieren, daran dachte Ivo offenbar nicht, als 
er den Papst interpellierte. — Die allgemeinen Ausdrücke, welche Ivo ge- 
braucht, und die Kennzeichnung dieses Missstandes als des schlimmsten 
legen übrigens die Vermutungnahe, dass auch die Laien daran beteiligt waren. 

) Bei Migne CLVII, 119 f. Note 214; bei Mansi XX, 908, vgl. 
Jaffe, Regesta I, 705 Nr. 5820 (4351). 


Rechte der kirchl. Korporationen bei Eigenkirchen. 259 


Wir vermuten, dass auch Hildebert von dem päpstlicher- 
seits verurteilten Benehmen nicht freizusprechen ist, nicht nur 
für die dem Papstbrief voraufgehende, sondern auch für die 
folgende Zeit. In einer Urkunde von 1111, worin er dem 
Kloster St. Albinus von Angers die ihm gehörigen Kirchen der 
Diözese bestätigt, bezeichnet er es als eine besondere Gunst, 
dass er ihnen die bei Gelegenheit des Personenwechsels zu 
entrichtenden Abgaben für die Folge erlässt). Der Name 


') BeiPiolin III, 683 £. Nr. LIX: Quibus id etiam ex uberiore gratia 
indulgemus, ut salvis his consuetudinibus et reditibus, quae in praefatis 
ecclesiis vel in eorum sacerdotibus possidebat mater ecclesia, mutationes 
personarum, quas relevationes appellamus, ab eis deinceps excludantur. — 
Relevatio bedeutet offenbar nichts anderes als redemptio, es ist die 
Summe, die bei jedem „Personenwechsel“ dem Bischof als dem Lehensherr 
des „Altares“ zusteht. Solange die Priester die zunächst Nutzungsberech- 
tigten waren, hatten sie auch die entsprechende Pflicht. Der Bischof 
konnte dann seinen Anspruch auf das Kloster übertragen, wie es z.B, 
Gervasius zu Gunsten von St. Vincenz tat; s. bei Oharles et Menjot 
d’Elbenne Sp. 17 Nr. 13 (1035—1055): ecclesiarum omnium, quas coe- 
nobitae loci illius tunc habebant vel habituri erant, synodales exactiones, 
eircuitiones, relevationes omnes, excepto illius forisfacti vadimonio, ubi 
ecclesiae convenit reconciliatio, ab episcopali jure et dominio in mona- 
chorum jus et dominium libera auctoritate transtulit et habere concessit. 
Note 1 a.a. OÖ. bemerkt dazu: Du Cange a reproduit ce texte fort obseur 
dans son Glossaire; il estime que Relevationes doit vraisemblablement 
s’entendre dans le sens de procuratio, refectio, jus partus. Eine Schwierig- 
keit würde bei meiner Auffassung höchstens darin bestehen, dass omnes 
eine Mehrheit von Arten der relevatio anzuzeigen und die Klausel mit 
excepto eine dieser Arten zu nennen scheint. Ich beziehe indes omnes 
wegen der Mehrzahl von Kirchen auf alle drei genannten Abgabenklassen 
und halte dafür, dass aus dem „Vorbehalt“ auf ein bestimmtes Verhält- 
nis seines Inhaltes zu dem Vorhergehenden nicht geschlossen werden 
kann. Zu bemerken ist noch, dass in dieser Stelle die Scheidung von 
ecclesia und altare, obgleich das letztere nicht genannt wird, ziemlich 
klar hervortritt. Die ecelesiae gehören dem Kloster, und der Bischof hat 
Ansprüche nur bezüglich der altaria, d.h. bezüglich dessen, was direkt 
den Priester oder das geistliche Amt angeht. — Bischof Avesgaud, der 
Vorgänger des Gervasius, gibt (Anf. 11. Jahrh.) mit Zustimmung seiner 
Archidiakonen den Mönchen von St. Peter von la Couture „suorum rele- 


260 Zweites Kapitel. 


redemptio ist vermieden, aber es kann schwerlich etwas anderes 
unter den mutationes personarum, quas relevationes appellamus, 
verstanden werden. Dann aber besagt der Wortlaut, dass der 
„Altarloskauf“ bis dahin für St. Albin noch nicht beseitigt war, 
und derselbe Wortlaut legt nahe, dass er für die Zukunft noch 
nicht für alle Klöster aufgehoben wurde. Um indes zu einer 
zweifelsfreien Auslegung gelangen zu können, müssten wir mit 
den Umständen dieser Urkunde in etwa vertraut sein. "So 
ist auch nicht sicher zu erkennen, in welchen Zeitabschnitten 


vationes et recompensationes altarium“ d. h. mehrerer hier aufgezählten 
„Altäre“, unter der Bedingung, dass sie jährlich an gewissen Festen der 
Domkirche sich beteiligen: Liber Albus Seite 100 f. Nr. CLXXXI. — 
Statt des abstrakten relevatio kommt auch das konkrete relevamentum 
vor. So z. B. in folgenden Dokumenten bei Charles et Menjot 
d’Elbenne: Sp. 128 Nr. 202 (1103—1109): Ein Hugo de Lupi Saltu 
und seine Frau schenken dem Kloster St. Vincenz das relevamentum 
altaris ecclesiae de Soldiaco (man beachte diese klare Unterscheidung von 
ecclesia und altare!), welches zur Erbschaft der Frau gehörte. Idem 
namque Hugo excommunicatus erat et tota familia sua pro praeda mona- 
chorum de Soldiaco, quam pro eodem relevamento rapuerat. Er hatte 
also das r. für sich beansprucht und nach Verweigerung desselben sich 
schadlos gehalten. Von der dafür verhängten Exkommunikation wird 
er mit seinen Angehörigen nunmehr „jussu Hildeberti episcopi“ absolviert. 
Etwas früher hatte schon ein Hubertus de Francavilla das „relevamentum 
ecclesiae de Soldiaco“ beansprucht, aber mit einem Geldbetrage sich ab- 
finden lassen, siehe ebd. Sp. 131£. Nr. 209 (Ende des 11. Jahrhunderts; 
vermutlich liegt hier nur eine etwas weniger präzise Bezeichnung der- 
selben Sache vor, denkbar wäre aber, dass auch von der ecclesia im 
Unterschiede von dem altare eine solche Abgabe erhoben wurde). Auch 
Laien machten also derartige Ansprüche, obgleich die Kirche selbst 
einem Kloster gehörte, auf Grund eines Obereigentums oder eines „Presby- 
teriums“ (vgl. oben S. 149) noch geltend. Umsomehr werden sie das r. 
bezogen haben, und zwar bis in die Zeiten Hildeberts auch wohl un- 
gestört, wenn sie die Kirchen in unbeschränktem Eigenrecht besassen. 
Vgl. Stutz, Die Eigenkirche, Seite 30. Der Charakter der redemptio als 
einer im Grunde lehenrechtlichen Abgabe kann demnach nicht zweifelhaft 
sein, fraglich ist aber, ob Hild. sie noch als solche ansah. — Uebrigens 
muss sich auch gemäss den beiden letztzitierten Urkunden der oben be- 
hauptete Wechsel des Verpflichteten wohl bereits vollzogen haben. 


Rechte der kirchl. Korporationen bei Eigenkirchen. 261 


die Abgabe zu erlegen war. Wenn Hildebert es als ausser- 
ordentliche Gnade bezeichnet, dass die betreffenden Kirchen 
dem Kloster ohne die fragliche Verpflichtung überlassen blieben, 
so stimmt er darin mit Ivo überein. 

Andere Bischöfe liessen sich zu einer solchen Freigebig- 
keit nicht so leicht herbei. Ulgerius von Angers (1125—1149), 
auch ein Eiferer gegen das Laieneigenrecht ?), trotzte fast ein 
Jahrzehnt lang dem Kardinalabt von Vendöme sowohl wie 
dem ihn unterstützenden Legaten Girard von Angoul&me, ja 
dem Römischen Stuhle selber, und unterwarf sich am Ende, 
nach dem Tode des Abtes Gottfried, nur einem Vergleich, der 
ihm einen Teil des Beanspruchten zuerkannte ?). Bischof 
Rainald, sein Vorgänger, scheint „Altäre“, welche früher gegen 
Redemption dem Dreifaltigkeitskloster von Vendöme verliehen 
wurden, demselben ohne diese Abgabe konzediert zu haben ’°). 
Mit einem solchen Verhalten des Bischofs von Angers dürfte 
dann auch dasjenige des Bischofs Hildebert gegenüber dem 
dortigen Kloster St. Albinus zusammenhängen. Ulgerius da- 
gegen, von seinem Archidiakon Richard eifrig unterstützt *), 
machte die ehemaligen bischöflichen Rechte geltend und hielt 
die betreffenden Kirchen und Einkünfte (Altäre) hartnäckig in 
seiner Gewalt, als die Mönche die Entrichtung einer Abgabe 
verweigerten. Vergebens trat der genannte Apostolische Legat 
wiederholt für die letzteren ein’). Gegenüber den ihm vor- 
gehaltenen Exemptionsprivilegien °) berief sich der Bischof für 


!) Siehe über ihn Gallia Chr. XIV, 567 f. 

2) Zum folgenden vgl. Compain 184 ff.; Histoire litt&raire 
XI, 204 #. XII, 303; Briefe Gottfrieds von Vendöme I, 15. 31. 27. 
III, 12 (bei Migne CLVII). 

3) Brief Gottfrieds I, 31 (M. 70f.). Ich sehe wenigstens nicht, 
warum Hist. litt. XI, 187. XII, 303 das Gegenteil behauptet. 

4) Briefe Gottfrieds I, 31 (M. 70). 27 (M. 68). 

5) Brief Gottfrieds I, 27 (M. 67 £.) 

6) Brief Gottfrieds I, 15 (M. 56). Der Brief des Papstes wurde 
von U. zuerst nicht gelesen, später nicht zurückgegeben. (Compain 187 
Note 2 tut ihm unrecht). 


262 Zweites Kapitel. 


die Pflichtmässigkeit eines jährlichen Zinses auf das Konzil 
von OClermont, während Gottfried als ehemaliger Teilnehmer 
die Tatsache einer solchen Bestimmung entschieden in Ab- 
rede stellte); und mit Recht, denn unter dem dort den Bi- 
schöfen vorbehaltenen üblichen Jahreszins durfte sicherlich 
nicht eine die Redemptionssumme ersetzende neue Abgabe ver- 
standen werden ?). Ulgerius aber beantwortete deren Ver- 
weigerung sogar mit Verhängung des Interdiktes über die 
Kirchen der Mönche ?). Auch Gottfrieds Appell an den Papst 
blieb ohne Erfolg. Der Bischof aber scheint, nachdem Honorius 
schon zum zweiten Male Restitution von ihm verlangt, für seine 
Verteidigung die Fürbitte Hildeberts gefunden zu haben; denn 
im Januar 1150 empfiehlt dieser der Güte des Papstes eine 
Sache des Bischofs von Angers, in welcher derselbe nach 
seiner, Hildeberts, Ansicht nicht fremdes Gut beanspruche, 
sondern der Kirche das ihr Zukommende vindiziere *). Somit 
hätte Hildebert seinen früheren Standpunkt nicht verlassen. 
Honorius starb bald darauf. Innozenz II. wiederholte am 
1. November 1131 die Aufforderung zur Restitution ’), nach 


!) Brief Gottfrieds III, 12 (113 f.). Vgl. oben Seite 256. 

2, Vgl. Hist. litt. XI, 204 fi; Mansi XX, 903 unten; oben 
Seite 259 Anm. 1 das zweite Zitat. Es ist der bekannte Synodalzins. 

3) Brief Gottfrieds I, 27 (M. 68). 

*) Brief des Papstes Honorius bei Pflugk-Harttungl, 132 Nr. 149, 
Jaffe Reg. I, 836 Nr. 7346); Brief Hildeberts II, 35 (B. 139 M. 259): 
Praeterea praefatis precibus addendum decrevi, quatenus Andegavensis 
episcopus, homo Dei et exemplar christianae religionis, in causa sua vos 
benignum inveniat, in qua credimus eum non aliena quaerere, sed ecclesiae, 
quod suum est, vindicare. Ueber das Datum dieses Briefes siehe oben 
Seite 83 Anm. 2; er ist bald nach dem 5. Januar 1130 (nicht 1131) 
geschrieben, der genannte Brief des Papstes würde demgemäss dem 
20. Oktober 1129 (nicht 1126) zuzuweisen sein, falls nämlich meine im 
Texte ausgesprochene Vermutung zutrifft und Ulgerius auf jenes Breve 
alsbald reagiert hat. — Hist. litt. XII, 303 heisst es, Honorius habe 
den Erzbischof von Tours und den Bischof von Le Mans beauftragt, die 
Sache beizulegen (terminer); ich finde von einem solchen Auftrag nichts. 

5) Bei Pflugk-Harttung 1, 140 £. Nr. 162. 


Rechte der kirchl. Korporationen bei Eigenkirchen. 363 


dem Tode Gottfrieds aber vermittelte er den oben erwähnten 
Vergleich, gemäss welchem die Einkünfte der betreffenden 
Kirchen geteilt wurden. 

Eine oberflächliche Betrachtungsweise würde sich vielleicht 
dabei bescheiden, den Widerstand der Bischöfe gegen die Auf- 
hebung des Altarloskaufs mit dem Ausfall einer erklecklichen 
Einnahme zu begründen. Die Stellungnahme von Männern wie 
Ivound Hildebert würde jedoch von vornherein zum wenigsten 
dagegen sprechen, dass Habsucht hier in der Regel die Haupt- 
rolle gespielt hätte; die Finanzverhältnisse eines Bistums konnten 
sehr wohl zu gewichtigen Bedenken gegen jene Massregel An- 
lass bieten. Dass aber auch von idealerem Standpunkt aus 
Einwendungen erhoben werden durften, wurde bereits mehr- 
fach angemerkt, hier sei es zusammenfassend in wenigen Worten 
dargelegt. — Der Anspruch der Bischöfe auf die Redemptionen 
beruhte im Grunde auf der Unterscheidung der Temporalien 
und der Spiritualien einer Kirche und auf dem Grundsatz, dass 
wenigstens die letzteren dem Bischof unterstehen müssten. 
Durch eine für das altare regelmässig zu erlegende Abgabe 
wurde dieser Grundsatz immer wieder anerkannt, durch ihre 
Beseitigung wurde er der Verdunkelung anheimgegeben. Man 
suchte sie deshalb dadurch zu ersetzen, dass man auf Synoden 
und in Urkunden immer wieder erklärte, die Priester der 
Kloster-Pfarrkirchen seien dem Abt bezüglich der Temporalien, 
dem Bischof aber bezüglich der Spiritualien verantwortlich }). 
Das ist jedenfalls auf Einwürfe der Bischöfe zurückzuführen. 
Der Wert des gebotenen Ersatzes wird ihnen indes um so frag- 
licher geschienen haben, als die Klöster bereits begonnen 
hatten, an den ganz in ıhrem Eigentum stehenden Kirchen 


!) Siehe noch z. B. die Bestätigungsurkunde des Papstes Lucius 
vom 4. Nov. 1144 für das Kloster Evron (bei Cauvin LXXX): Sanximus 
etiam, ut presbyteri, qui parochialibus vestris ecclesiis deserviunt, juxta 
decretum praedecessoris nostri bonae memoriae Urbani papae, de cura 
plebis episcopo rationem reddant, vobis autem pro rebus temporalibus 
debitam subjectionem exhibeant. 


264 Zweites Kapitel. 


ihre eigenen Leute anzustellen. Dieses Verfahren wurde zwar 
verboten, kam aber nach und nach zum Siege, und man weiss, 
wie viel Abbruch es der kirchlichen Disziplin getan hat. 

Die ursprünglichen redemptiones altarıum oder releva- 
tiones hatten sodann auch einen direkten Wert für das bischöf- 
liche Stellenbesetzungsrecht, weil sie eine Mitwirkung des 
Bischofs bei der Neubesetzung nahelegten; auch aus diesem 
Gesichtspunkt wurden sie offenbar von vielen Bischöfen den 
Klöstern und den Päpsten gegenüber verteidigt, und das ver- 
anlasste die Einschärfung der Präsentationspflicht. Von den 
zum Ersatz beanspruchten jährlichen Abgaben lässt sich ein 
gleiches natürlich nicht behaupten, eine unmittelbare Be- 
ziehung zur Stellenbesetzung ist hier nicht mehr gegeben. 
Ebensowenig aber ist es etwas rein Materielles, was nun übrig 
bleibt; es ist immer noch, wie eine Urkunde Hildeberts in 
Bezug auf eine andere Abgabe sagt, ein Zeichen der schuldigen 
Unterwürfigkeit !), und ein solches war bei dem starken Streben 
der Klöster und Stifter nach fortschreitender Selbständigkeit 
von nicht zu unterschätzendem Wert. Ja, ein Mann wie Gott- 
fried von Vendöme, der für die Privilegien seiner Abtei einen 
ewigen Krieg nach allen Seiten geführt hat), macht es be- 
greiflich, dass es einem selbstbewussten Bischof geradezu als 
eine Pflicht sich aufdrängen konnte, von bischöflichen Rechten 
zu retten, was nur immer sich noch retten liess. 

Für all dies hatte sicher auch Hildebert Verständnis, wie 
sehr er für seine Person ein friedliches Uebereinkommen langen 
Streitigkeiten vorziehen mochte, und so stand er in solchem 


') Bei Migne Seite 313 Nr. I (Beaugendre app.): 5 solidi jährlichen 
Zinses sollen die Mönche von St. Albin an das Kapitel von Le Mans für 
die aus Laienhand an sie übergegangene, ursprünglich aber von einem 
Bischof von Le Mans gegründete und Mönchen gewidmete Kirche be- 
zahlen in signum debitae subjectionis, d. h. als cathedraticum oder 
synodaticum. 

?) Vgl. z. B. dessen Streitigkeiten mit seinem Diözesanbischof Iva 
von Chartres, Compain 157 ft. 


en 


Rechte der kirchl. Korporationen bei Eigenkirchen. 265 


Falle dem Bischof von Angers bei, dem er in anderen Sachen 
die Pflicht des Gehorsams mit aller Entschiedenheit vorzuhalten 
sich genötigt sah'!). 

Verlassen wir den Punkt nicht, ohne uns zu erinnern, 
dass bei Laienkirchen der Unterschied von Spiritualien und 
Temporalien zu einem Auskunftsmittel wurde, kirchliches und 
weltliches Recht miteinander zu versöhnen. Dass nun in der 
eben geschilderten Entwicklung dieser Unterschied zwar ju- 
ristisch festgelegt, aber tatsächlich geschwächt wurde, dürfte 
auch für in Laienhänden verbliebene Kirchen ungünstig ge- 
wirkt und namentlich das dort zur Uebung kommende Familien- 
regiment mit seinen Rektoren und Vikaren gefördert haben ?). 

Und nun nehmen wir alles zusammen, was wir hier 
von Eigenrechtsgeschichte der Korporationen um die aus 
Hildeberts Wirken uns bekannten Tatsachen vereinigt haben, 
und vergegenwärtigen wir uns seinen sonst bewiesenen, ohne 
Zweifel durch die Begegnungen mit dem Papst Urban und 
dessen Wirken in Frankreich mächtig angeregten Reformeifer, 
so dürfen wir wohl zu der Annahme geneigt sein, dass er 
auch in dem hier behandelten Punkte des Stellenrechtes nicht 
ausserhalb der Reformrichtung gestanden hat; denn in dem 
Wahne, dass es einer Aussicht über die Besetzung der den 
Kapiteln und Klöstern unterworfenen Kirchen nicht bedürfe, 
konnte er nicht befangen, der Notwendigkeit aber, von dieser 
Seite den Laien das gute Beispiel geben zu lassen, musste er 
sich bewusst sein. Zwar könnten auch hier wieder, wie oben 
in der Erörterung seines Verhaltens gegen die Laien, einzelne 


!) Siehe Brief Hildeberts II, 20 (B. 104 ff. M. 229 fi.); dazu 
Dieudonn& 155 f. Worin der Ungehorsam des Bischofs bestand, ist 
nicht ersichtlich; vielleicht handelt es sich um die von Compain 
Seite 187 if. besprochene Angelegenheit, vielleicht um den Streit mit 
Fonteyraud, worüber Hist. litt. XI, 303 berichtet, aber nicht (wie 
Dieudonn& will) um dieselbe Sache, wie im Briefe II, 35 (oben Seite 262 
Anm. 4). 

2) Siehe oben S$. 206. 


266 Zweites Kapitel. 


Tatsachen die Vorstellung einer gewissen Schwäche erwecken, 
als wäre ihm etwa von solchen Gefühlen ein übergrosses 
Entgegenkommen gegen das Domkapitel von Le Mans !), gegen 
das Kloster St. Peter von La Couture ?), gegen das für seine 
Unabhängigkeit eifernde Stift St. Martin von Tours, für wel- 
ches er als Bischof sogar wegen vom Papst gerüster An- 
massungen sich bei diesem verwandte’), eingegeben worden. 
Halten wir aber diesen wieder andere Tatsachen entgegen, wie 
er z. B. das Kloster Evron und seinen schlechten Abt mit allen 
Mitteln, zuletzt durch einen Appell an den päpstlichen Legaten 
zu reformieren sucht *), wie er den unverbesserlichen Zuständen 
von St. Georg im Walde durch dessen Unterwerfung unter 
Marmoutier ein Ende macht), wie er einen Abt, der, an der 
Besserung seiner Untergebenen verzweifelnd, sein Kloster eigen- 
mächtig verlassen hat, energisch zurückruft °), wie er dem Kapitel 
von Tours den eifrigen Radulf zum Zuchtmeister gibt, diesen 
gegen alle Anfeindungen verteidigt °) und auch selbst gewisse un- 
gesittete Kanoniker mit den schärfsten Strafen belegt °), dann kön- 
nen wir wiederum inihm den klugen Vermittler von Strenge und 
Milde, von bischöflicher Freiheit und historisch gewordenen Rech- 
ten anderer nicht verkennen. Dem Zeitgeist hat er ohne Zwei- 


!) Siehe oben Seite 228 ff. 241 fi. Dass solche Massregeln am 
Ende auch die Selbständigkeit des Kapitels fördern konnten, soll nicht 
geleugnet werden. Vgl. aber oben Seite 164. 

?) Siehe oben Seite 250: Er riet dem Kapitel, nachzugeben. 

®) Brief Hildeberts II, 32, dazu Dieudonne 179. 142f. Dass 
H. auch zwischen dem Grafen Helias und den Kanonikern vermittelt 
habe, mag immerhin in etwa wahrscheinlich sein, kann aber doch daraus, 
dass er mit dem Erzbischof und anderen bei der in seiner Diözese ab- 
gegebenen Erklärung des Grafen zugegen war, noch nicht erschlossen wer- 
den: Dieudonn& 143 — Gallia Chr. XIV, 175 und Instr. 80 Nr. LX. 

#) Brief Hildeberts Il, 25 (B. 120 f. M. 243 £.); oben S. 250 
Anm. 1 (zu 249). 

5) Urkunde bei Migne Seite 318 f. Nr. VII; vgl. unten IJ, 5. 

6) Brief IL, 51 (B. 159 f. M. 275 f£.); oben S. 249 Ann. ]. 

?) Siehe oben Seite 168 ff. 

8) Brief Hildeberts II, 47 (B. 168 f. M. 273). 


N  G 


EEE NEN." SR We 


Rechte der Archidiakonen, Archipresbyter und Dekane. 267 


fel auch im Verhältnis zum Domkapitel, zu Stiftern und Klö- 
stern, selbst bei der Stellenbesetzung, seinen Tribut bezahlen 
müssen, aber man wird behaupten dürfen, dass es nicht den 
Reformbestrebungen zum Schaden geschehen ist. 

3. Die ältesten Dignitäten der Diözese waren Archidia- 
konat und Archipresbyterat‘!). Man weiss, dass die Ent- 
wicklung des einen und des anderen dieser beiden Institute 
eine ganz verschiedene war. Während der Archipresbyterat 
durch die Ausbreitung der kirchlichen Organisation über das 
anfänglich von den Städten ganz abhängige platte Land sich 
alsbald auf eine grössere Zahl von Inhabern verteilte ?), trat dies 
beim Archidiakonat viel später und in viel geringerem Grade 
ein ?), und zwar erst nachdem er an Bedeutung für die einheit- 
liche Verwaltung der ganzen Diözese den ersteren weit überholt 
hatte. In einer Erzählung des Sulpieius Severus sieht man 


!) Ausser den oben Seite 213 Anm. 2 genannten siehe die betr. 
Schriften von A. Schröder und Sägmüller; Leder, besonders 
300 #., 305 ff.; Imbart de la Tour, Les paroisses. 

Wenn in den Urkunden des Bischofs Domnolus von Le Mans, 
dessen Regierung ungefähr das vierte Fünftel des sechsten Jahrhunderts 
füllt, keine andere Unterscheidung als diejenige der Priester und Dia- 
konen hervortritt, so darf man daraus nicht schliessen, dass damals jene 
beiden Aemter in Le Mans noch nicht bestanden hätten (Gallia Ohr. 
XIV, 417; vgl. ebd. Instr. 104 Nr. V). Man unterschied eben nur den 
ordo. So nennt auch das Testament des Bischofs Perpetuus von Tours 
vom Jahre 475 nur Priester, Diakonen und Kleriker (ebd. Instr. 1 ff. 
Nr. I), und doch ist aus Sulpicius Severus der Archidiakon des h. Mar- 
tinus bekannt, dem höchst wahrscheinlich ein Archipresbyter gesenüber- 
stand (vgl. Leder 307 Note 10). Die Legende wird demgemäss hin- 
sichtlich der Zeit sich von der Wahrheit kaum erheblich entfernen, wenn 
sie dem h. Julian als Missionsbischof von Le Mans in den Personen 
seiner beiden Nachfolger einen Archidiakon und einen Archipresbyter 
zur Seite stellt (A. P., Mab. 241, 2. Sp. unten); nur müsste man den ge- 
nannten Apostel jener Gegenden in das vierte Jahrhundert, nicht in das 
erste oder zweite verweisen (Gallia Chr. XIV, 339). 

2) Vgl. Sägmüller 32 ft. 

®) Vgl. Hinschius KR IL, 186 (Schröder 56) über vereinzelte 
Landarchidiakonate vor dem 8. Jahrhundert. 


268 Zweites Kapitel. 


den Archidiakon von Tours noch, seinem Ursprung nahe, als 
Leiter der Diakonen der Armenfürsorge und der äusseren Ord- 
nung des Gottesdienstes sich widmen !). Hierzu kam dann im 
Laufe des 5. und 6. Jahrhunderts mehr und mehr von 
eigentlichen Verwaltungsgeschäften des Bischofs ?); diese 
traten weiterhin ganz ın den Vordergrund, und so steht der 
Archidiakon in dem klassischen Zeugnis des 9. Jahrhunderts, 
den Kapiteln Hinkmars, als der erste und angesehenste Be- 
amte der Diözese da, als der mit einer Reihe wichtiger Juris- 
diktionsbefugnisse ausgestattete Vermittler zwischen ihm und 
dem übrigen Klerus der Diözese, abgesehen von dem Dom- 
kapitel?). Im Domkapitel blieb er fast überall einer der ersten 
Dignitare, während der Archipresbyter seltener mehr darin zu 
finden ist; dessen Amt ist aufgegangen in demjenigen des 
Kapiteldekans*). Ja, auch innerhalb der Diözese wird zeit- 
weilig sein Name nicht oder wenig mehr genannt, nachdem 
durch die grosse Vermehrung der Pfarreien die Einführung von 


!) Leder 307 Note 10. 

?) Das Testament des Bischofs Bertramnus (Bertichramnus) von Le 
Mans (vom Jahre 615, Gallia Chr. XIV Instr., 104 ff.) zeigt den noch 
in vertraulichem Verhältnis zum Bischof stehenden Archidiakon (dul- 
ceissime archidiacone, qui eo tempore fueris — sancte archidiacone — rogo 
filium meum archidiaconum) als Testamentsvollstrecker (a. a. O. Sp. 114. 
119. 121. Nach der Vakanz steht die Oberaufsicht dem Bischof zu; 
ihm befiehlt der Erblasser an: ut in omnibus voluntatis meae arbitrium 
impleas, vel dum te Deus superstitem esse voluerit, custodire intendas 
omnia). Mit Recht schliesst daraus Leder (341), dass der Archidiakon wohl 
der der kirchlichen Vermögensverwaltung nächststehende Beamte war. — 
Nach Gallia Chr. XIV, 354 vertrat der Archidiakon Chirmirus seinen 
Bischof Herlemund I. (Anfang des 8. Jahrhunderts), sowohl wenn er ab- 
wesend, als wenn er zugegen war. 

3) Teber den Amtscharakter des Archidiakonats und Archipre- 
sbyterats in dieser und der früheren Zeit siehe Leder 315fl.; Säg- 
müller 25f. 45 f. (vgl. Werminghoff I, 80), 

*) Sägmüller 14 ff. Anders vielfach in Italien; siehe Sägmüller 
16 (vgl. z. B. Liber Albus Seite 114 Nr. OXCVII von c, 1214 aus 
Mailand); der Archipresbyter steht an der Spitze der Domkapitel. 


Rechte der Archidiakonen, Archipresbyter und Dekane. 2369 


Dekanen oder Dechanten, einer neuen Mittelinstanz zwischen 
Bischof und Landklerus, sich als notwendig erwiesen hatte. 
Archipresbyter erscheinen aber später wieder häufiger !). 

Bis zum Anfang des 12. Jahrhunderts hat sich der Archi- 
dıakonat noch weiter extensiv, intensiv und territorial konsolidiert. 
Beine Rechte haben sich innerhalb des Umfanges der bischöflichen 
Jurisdiktion noch vermehrt, sie haben sich in immer weiterem 
Umfange zu ordentlicher Regierungsgewalt verstärkt, sie haben 
sich unter Verteilung auf eine Mehrheit von Personen mit be- 
stimmten engeren Bezirken verbunden ?). So erscheint uns 
der Archidiakon bei Hildebert. Mit Emphase kennzeichnet 
dieser ihn als Auge am Leibe der Kirche °). Er selbst verwaltete 
unter seinem Vorgänger fünf Jahre lang das Amt des archi- 
diaconus major *), und er erzählt uns aus dieser Zeit, dass er 


1) Ebd. 48 fi. (vel. 69 fi. 73 8.). 

2) Vgl. für Paris Gu&rard 1], CIL£.; für Chartres L&epinois et 
Merlet I, LXXXIILf. L ff. (etwas spätere Zeit). 

3) Brief Hildeberts II, 29 (B. 127. M. 249): ... quem ultro 
fecistis non quodlibet membrum corporis ecclesiae, sed oculum. Ein 
altes und häufig gebrauchtes Bild; siehe z. B. bei Leder 320 £. ein 
bezeichnendes Zitat aus Isidor von Pelusium (c. 400) und unten ein 
‚solches aus Fulbert von Chartres. 

4) Brief Hildeberts III, 21 (B. 186 M. 297): Recordor praeterea, 
‘quod per quinque annos archidiaconus fuerim, antequam praesul. Dass 
er a. major gewesen, legt schon das oben im Text Folgende nahe. Zudem 
geht er in den Urkunden stets den anderen Archidiakonen, zuweilen so- 
gar dem Dekan vor (auch die Stellung zum Kantor wechselt), und wenn 
auch im allgemeinen aus solcher Förmlichkeit nicht auf den Rang ge- 
schlossen werden darf, so ist doch der obige Schluss erlaubt: Piolin 
III, 676. Nr. XLIX£.; Charles et Menjot d’Elbenne Sp. 168 
Nr. 283. Sp. 419 Nr. 738; Benediktiner von Solesmes Seite 35 £. 
Nr. XXIV £f.; Liber Albus Seite 108 f. Nr. CXC. — Die Stellung des 
Kantors oder Präzentors und des ersten Archidiakons zu einander ist auch 
in den Urkunden aus Hildeberts Regierungszeit in Le Mans eine ver- 
schiedene. Seit dem Ende des 12. Jahrhunderts erscheint der erstere 
als Stellvertreter des Dekans, indem die Urkunden zuweilen von Prä- 
zentor und Kapitel (gewöhnlich von Dekan und Kapitel) ausgestellt 
werden; die erste, die mir m. W. begegnete, ist datiert von 1183 und 


270 Zweites Kapitel. 


den Bischof auf einer Romreise begleitete und in dessen Gegen- 
wart von dem Erzabt in Cluny ausgezeichnet wurde !). Seiner- 
seits betraute er als Bischof die Archidiakonen für Zeiten 
der Abwesenheit mit seiner Vertretung ?), wie er auch in seinen 
Briefen zuweilen an Archidiakonen als Stellvertreter ihrer Bi- 
schöfe sich wendet’). Seine Urkunden beweisen, dass z. B. 
bei Verfügungen über Kirchen niemals die Mitwirkung des zu- 
ständigen Archidiakons fehlte*), und dass demselben gewisse 


sagt am Schluss: Nicolaus, decanus ecclesiae Cenomanensis, tunc in 
scholis Parisius morabatur: Liber Albus Seite 106 Nr. CLXXXVI. 
Es ergab sich übrigens aus der singulären Stellung der Archidiakonen, 
dass nicht einer von ihnen’ die Vertretung des Dekans erhielt. So geht 
auch in dem Verzeichnis der homines feodales des Erzbischofs von Tours 
der Archidiakon von Tours dem Thesaurar voran (siehe bei L. de Grand- 
maison I, 310), dennoch stand der letztere in Kapitelssachen wie der 
Kantor von Le Mans. 

1) Hildebert, Vita S. Hugonis bei B. 922 f.; A. S. 639 Nr. 19. 

?) A. P., B. XL (M. 95. Mab. 316, Sp. 1): Et quamyis Romanum 
iter assumpsisset, tamen inter cetera suis injunxit archidiaconis, ut illi 
pseudoeremitae Henrico (hoc enim nomine vocabatur haereticus) paci- 
fieum ingressum et licentiam sermocinandi ad populum permitterent. 
Ueber diesen Gegenstand siehe oben Seite 59 ff. Man darf wohl sagen, 
dass in dieser Stelle der Archidiakon als der geborene Vertreter des 
Bischofs erscheint; dass die Vertretung zu seinen Amtsrechten gehörte, 
ist für diese Zeit nicht zu bezweifeln: Vgl. Leder 351 ff.; Schröder 
91 ff. Die Geschichte des genannten Heinrich zeigte uns aber auch, dass 
in ausserordentlichen Verhältnissen das Kapitel oder vielmehr noch „der 
Klerus“ der Stadt als Vertretung des Bischofs tätig wurde, siehe oben 
Seite 230 f. Anm. 2. 

®) Briefe Hildeberts II, 1 mit 2 (B. 77 f. M, 207 2). IIE236 
(M. 310). Im letzteren ist allerdings der Archidiakon mit ‘einem Kom- 
provinzialbischof des Vertretenen vereinigt; vgl. Gallia Chr. XIV, 565. 

*) Es kommen hier die schon früher aufgeführten Urkunden in Be- 
tracht, siehe oben Seite 248 f. Anm. 6. Allenthalben begegnet der Archi- 
diakon als anwesender Zeuge. Manchmal aber wird seine Genehmigung 
auch im Kontext der Urkunde vermerkt, z. B. bei Migne Seite 314 
Nr. IL. 318 £. Nr. VII; bei den Benediktinern von Solesmes Seite 43 
Nr. XXXII. 48. Nr. XL. 


Rechte der Archidiakonen, Archipresbyter und Dekane. DIT 


Rechte und Einkünfte vorbehalten blieben ). Was die Zahl 
betrifft, so geht sie in den Urkunden von Le Mans bis auf 
drei ?), die Abgrenzung von Bezirken ergibt sich aus jener 
Stelle der Biographie, wo die Archidiakonate den Verwaltungs- 
bezirken der Präposituren verglichen werden ®). Dort wird 
auch, wie bereits bemerkt, das freie Anstellungsrecht des Bi- 
schofs und die Ernennung der Archidiakonen aus der Zahl 
der Kanoniker bezeugt*). Dignitare sind sie mit Ausnahme 
des an der Domkirche angesteilten archidiaconus major in 
ihrer Eigenschaft als Archidiakonen damals wahrscheinlich nicht 
gewesen, wohl aber scheint es öfter, wie auch anderswo, vor- 
gekommen zu sein, dass das Amt mit einer Dignität ver- 
bunden wurde’). 


') Bei Migne Seite 321f. Nr. XI; über einen beigelegten dies- 
bezüglichen Streit zwischen einem Archidiakon und St. Vincenz siehe 
bei Charles et Menjot d’Elbenne Sp. 63 f. Nr. 88. 

2) Bei Migne Seite 313 Nr. I. 319 Nr. VIH (B. app.). Vgl. oben 
Seite 229 Anm. 2. Diese Dreizahl findet sich auch schon in einer Ur- 
kunde von 1009, nach welcher Bischof Avesgaud mit Zustimmung seiner 
Archidiakonen Gervasius, Ivo und Wilhelm handelt: Liber Albus 
Seite 100 f. Nr. CLXXXI. (Die Jahreszahl steht nicht ganz fest). 

3) Oben Seite 229 Anm. 1. Vgl. bei den Benediktinern von 
Solesmes Seite 48 Nr. XL: Hugo, eiusdem ecclesiae archidiaconus et 
archipresbyter. 

*) Für Tours siehe oben Seite 221 ff. 

5) Vgl. oben Seite 221 Anm. 1 und Seite 224 Anm. 3. — Dekan 
Radulf von Tours scheint zeitweilig auch Archidiakon gewesen zu sein, 
s. oben Seite 169 Anm. 1. In Le Mans war 1120 ein Paganus Dekan und 
Archidiakon; siehe bei Migne Seite 315 Nr. III (B. app.). Aus einer 
solchen Verbindung wird es sich auch erklären, dass die oben An- 
merkung 2 zitierte Urkunde von 1009 in den Unterschriften nur einen der 
drei genannten als Archidiakon zeigt, nämlich Ivo, während ein Wil- 
helm als Dekan, ein Gervasius als Thesaurar signiert. — Es kam auch 
vor, dass Bischöfe die Rechte von Archidiakonen in Anspruch nahmen ; 
siehe bei Aur&lien de Courson Seite 299 (Nr. COCXLVII): Briccius 
Nannetensis episcopus, qui se fingebat abbatiae (S. Salvatoris) archi- 
diaconum, partem de offerenda quaerere praesumpsit. Dies geschah bei 
Gelegenheit einer von Erzbischof Hildebert und seinen Suffraganen dort 


272 Zweites Kapitel. 


Die Archidiakonen sind über die im Vorhergehenden ge- 
zeichnete Selbständigkeit im Mittelalter noch weit hinaus- 
gekommen. Es ist indes erst die der Periode Hildeberts fol- 
gende Zeit vom 12. bis 13. Jahrhundert, welche sie zu Konkur- 
venten und gefährlichen Rivalen der Bischöfe werden sah !). 
Missbräuchliche Uebergriffe sind allerdings schon früher be- 
gangen worden. Andeutung von solchen kann man in den 
Kapiteln Hinkmars bemerken ?). Fulbert von Chartres und sein 
Metropolit erheben gegen einen Archidiakon Lysiardus von 
Paris den Vorwurf, er sei seinem Bischof statt eines Auges 
eine Geschwulst fürs Auge geworden, den Armen statt des 
Verwalters ein Räuber,-den Unwissenden statt des Lehrers ein 
Irreleiter, weil er den Bischof hochfahrend beschimpfe, weil 
er Zehnten und Oblationen ohne Wissen und Willen desselben 
weltlichen Zwecken dienstbar mache, weil er durch solches 
Benehmen den von ihm zu Belehrenden statt des guten ein 
schlechtes Beispiel gebe. Sie erinnern an den von ihm ge- 
leisteten „Fidelitätseid“, — ein solcher ist auch wohl zur Zeit 
Hildeberts beliebt gewesen ®), — den er so verletze, dass er 
weder im Herzen noch in Worten und Werken sich als treu er- 
weise. Sie schliessen ihn deshalb vorläufig (so weit es in ihrer 
Macht stehe) aus von der „Gemeinschaft“, drohen für den Fall, 
dass er sich nicht bessere und nicht Genugtuung leiste, mit der 
synodalen Exkommunikation und warnen den Klerus von Paris 
vor dem Verkehr mit ihm und seinem Anhang*). — Und ein 


vorgenommenen Konsekration. Einer von den Mönchen ihnen angebotenen 
sofortigen gerichtlichen Verhandlung gingen der genannte Bischof und die 
ähnliche Ansprüche erhebenden Kanoniker von Vannes aus dem Wege, 
et sic victi atque pro praesumptione ab archiepiscopo increpati tacuerunt. 

"\"Hinschius KR, II.193 #5; vol 2 B. Glasschröder 

®) Hinschius KR. I, 188 mit Note 9. 

®) Wenn es sich um den Lehenseid handelt, was nicht ausgemacht 
ist, so sieht man aus den begleitenden Worten, wie derselbe kirchlicher- 
seits eine Auslegung finden konnte, die das Anstössige vermied. Vgl. 
oben S. 240 Anm. 2. 

*) Brief Fulberts bei Migne CXULI, 247 f. Nr. XCVIL. 


Rechte der Archidiakonen, Archipresbyter und Dekane. 273 


' Jahrhundert später, im Jahre 1127, muss der Bischof Stephan 
von Paris von dreı Beauftragten des Papstes gegen seinen Ar- 
chidiakon Theobald bezüglich seiner bischöflichen Rechte in 
Schutz genommen werden !). Die Bestimmungen der betreffen- 
den Urkunde seien hier angeführt, weil sie gerade diejenigen 
Punkte aufweisen, an welchen die bischöfliche Verwaltung von 
den Ansprüchen der Archidiakonen im Beginne ihres rivali- 
sierenden Auftretens gefährdet wurde; man sieht insbesondere 
das vergebliche Bemühen, sie wenigstens in wichtigeren Dingen 
noch von der speziellen Delegation des Bischofs abhängig zu 
halten. Der Bischof darf hiernach noch in drei genannten 
Fällen ohne Mitwirkung des Archidiakons Kollekten in der 
Diözese anordnen, aber auch dann nicht, ohne ihn vorher zu be- 
nachrichtigen; nur in diesen Fällen hat der Archidiakon keinen 
Anteil an dem Einkommenden, bei allen anderen gemeinsamen 
Kollekten erhält er ein Drittel. Seinerseits darf er in der 
ganzen Diözese keine Kollekte ohne den Bischof veranstalten; 
im übrigen aber hat es ihm der Bischof nicht zu verwehren, 
wenn er auf Bitten oder ohnedies Geschenke erhält. Der Bi- 
schof verzichtet auf eine gewisse Art von Abgaben, die der 
Archidiakon schuldet. Er gesteht ihm zu, Kleriker und Laien, 
die ihm, dem Archidiakon (oder einem anderen) eine Unge- 
rechtigkeit zufügen, im Auftrage des Bischofs dann selbst 
richten zu dürfen, wenn der Bischof nicht am Orte zugegen 
oder nicht gewillt ist, die Sache vor sein Forum zu ziehen. 
Offizielles Angehen, insbesondere gerichtliche Ladung der Diö- 
zesanen von seiten des Bischofs erfolgt in der Regel durch 
die Vermittlung des Archidiakons; eine im Falle der Nichtach- 
tung vom Bischof über sie verhängte Exkommunikation hat der 
Archidiakon zu berücksichtigen. Dieser selbst darf Kleriker 
nur als Beauftragter des Bischofs exkommunizieren oder ab- 
solvieren. Bei Priestern benötigt er der bischöflichen Erlaub- 
nis schon zur Auferlegung von Bussen und zur Rekonziliation; 


2) Bei Guerard ]J, 28£. Nr. VILL 
Barth, Hildebert von Lavardin. i 18 


274 Zweites Kapitel. 


suspendieren ab officio darf er sie nie, wenn der Bischof in 
der Diözese ist, deponieren überhaupt nicht. Bei Anwesenheit 
des Bischofs in der Provinz hat er nicht das Recht zu or- 
dinieren, es sei denn, dass der Bischof Mandat und Siegel 
dazu gibt; bei mindestens dreimonatlicher Abwesenheit des 
Ordinarius hat er es auf Grund eines Mandates im Falle 
der Not. Unter denselben Voraussetzungen darf er auch va- 
kante Stellen besetzen. Im übrigen wird ihm die Anstellung von 
Priestern untersagt; der Bischof aber soll dieselbe vornehmen 
durch den Archidiakon als „Minister“ in dem Sinne, dass er selbst 
dem Priester die cura animarum erteilt und dann durch den 
'Archidiakon ihm die Kirche und ihr Besitztum anweist. — Diese 
letzten Anordnungen interessieren uns natürlich hier am meisten. 
Sie haben offenbar den Archidiakonen nicht lange im Wege 
gestanden, da schon im Jahre 1188 ein päpstliches Reskript 
darüber Klage führt, dass sie manchmal bis zu einem halben 
Jahre, ja zuweilen ein ganzes Jahr lang die Versorgung der 
Kirchenstellen hintertreiben; deshalb wird dem Bischof „konze- 
diert“, in solchen Fällen böswilliger Hinderung seinerseits die 
Leitung der betreffenden Kirchen geeigneten Personen zu über- 
tragen ). — Auch auf Theobald scheint die Entscheidung 
der pästlichen Delegaten keinen nachhaltigen Eindruck ge- 
macht zu haben. Nach einem Schreiben von Pariser Aebten 
und Klerikern an Papst Innozenz II. gebärdete er sich in 
seinem Archidiakonat, während der Bischof selbst darin weilte, 
bei einer gewissen Gelegenheit ganz wie ein Bischof, verhängte 
eigenmächtig Exkommunikation und Interdikt. In einer Ver- 


!) Ebd. I, 30 Nr. X. Die Archidiakonen handeln danach obven- 
tionum cupiditate detenti, die Vakanzen brachten ihnen also eine Ver- 
mehrung der Einkünfte. Der Papst beruft sich auf die Bestimmung des 
Lateranense von 1179 (Hefele Cg. V, 713 c. 8), dass kirchliche Aemter 
binnen sechs Monaten zu verleihen sind. — Uebrigens schliesst unsere 
Urkunde nicht aus, dass die Archidiakonen nur zu präsentieren hatten. 
Durch Aufschub der Präsentation konnten sie ja die Besetzung ver- 
hindern. 


Rechte der Archidiakonen, Archipresbyter und Dekane. 275 


sammlung von Aebten und Klerikern trat er dann als Ankläger 
gegen seinen Bischof auf, der die von ihm verhängten Sen- 
tenzen aufgehoben hatte; abgewiesen appellierte er an den 
Papst ?). 

Paris stand auch zur Zeit Hildeberts schon an der Spitze 
des „Fortschritts“, Chartres hatte offenbar im allgemeinen den 
Ehrgeiz, ihm an der zweiten Stelle zu folgen. Wir finden 
indes nicht, dass Ivo mit seinen Archidiakonen bedeutsame 
Streitigkeiten hätte durchmachen müssen ?). — Den Archi- 
diakonen von Tours werden auch schon für den Anfang des 
10. Jahrhunderts einmal schlimme Dinge nachgesagt’); aber 
weder hier noch in Le Mans hat Hildebert unseres Wissens 
besondere Kämpfe mit ihnen auszufechten gehabt. Sie hatten 
also wohl hier (und das mag von der Mehrzahl der Diözesen 
gelten) noch keine Anstalten gemacht, gefährliche Nebenbuhler 
des Bischofs zu werden. Oder sollte er ihnen mehr, als gut 
war, verstattet haben? Gerade zur Frage des Stellenbesetzungs- 
rechtes liegt uns ein Beweis des Gegenteils vor. Wir kennen 
bereits das Schreiben an den Archidiakon Wilhelm betreffs 
des simonistisch Geweihten *). Dort heisst es: „Es geht also 
auf Deine Gefahr, wenn Du den Genannten im Priestertume ... 
oder im Diakonate dienen lässt.“ Man möchte vielleicht auf 
den ersten Blick aus dieser oberhirtlichen Warnung nichts 


!) Bei Migne CLXXIX, 664 f. Nr. V. Zum Schluss heisst es: 
Unde ... exoramus, quatenus sic in isto tantae praesumptionis temeri- 
tatem compescatis, ut ceteri archidiaconi fimeant nec episcopo praesente 
et inconsulto totum episcopatum eius interdicere et ora omnium sacer- 
dotum claudere audeant; et cum jam multum praesumpserint, hoc in- 
auditum, hoc insolitum usque ad tempora vestra facere ausi [non ?] sunt. 

®) In einem Briefe Ivos (Add. 1 M. 287 £.) wünscht er durch ein 
Privileg des Papstes Paschal das Kloster St. Peter von Chartres befreit 
zu sehen ab angariis et gravaminibus, quae sua quaerentes archidiaconi 
ibi facere moliuntur. 

») Gallia Chr. XIV, 49. — Für Le Mans siehe oben S. 250 
Anm.1 zu 249. 

4) Siehe oben Seite 68 f£., insbesondere Seite 69 Anm. 1. 


276 Zweites Kapitel. 


anderes herauslesen als einen Hinweis auf die Verantwortung, 
die das Gewissen des Archidiakons auf sich laden würde. „Ich 
kann Dich zwar nicht daran hindern, aber Du wirst es vor 
Gott zu verantworten haben.“ Von dem Juristen Hildebert 
darf man indes erwarten, dass er auch in diesem Passus des 
kanonistisch gehaltenen Schreibens juristisch verstanden sein 
will, zumal wenn in demselben Briefe das Wort „Gefahr“ noch 
einmal, und da unstreitig im juristischen Sinne vorkommt )). 
Der Archidiakon hat also, wenn er das Dekret des Vorgesetzten 
nicht ausführt, die kirchliche Strafe, ja den Verlust der Stel- 
lung zu gewärtigen, und der Bischof ist weit davon entfernt, 
sich seinem Beamten gegenüber machtlos zu fühlen; mag dieser 
auch an der Besetzung der ihm unterstehenden Kirchenämter 
beteiligt sein, so ist er doch in der Ausübung seines Rechtes 
einer energisch gehandhabten Aufsicht unterworfen. 

Weicher Art der Anteil des Archidiakons an der Stellen- 
besetzung unter Hildebert war, ist nirgendwo direkt überliefert; 
der eben zitierte Brief aber würde sich durchaus ungezwungen 
als Antwort auf ein Vorschlagsschreiben des Adressaten erklären 
lassen, und damit würden wir das Recht des Archidiakons, sach- 
lich wenigstens, entsprechend dem zu bestimmen haben, was 
wir sogleich für etwas spätere Zeit bezeugt finden werden ?). 

Als Präsentanten erscheinen später an denselben Stellen, 
entweder mit oder unter den Archidiakonen oder allein sich 
betätigend die Archipresbyter?). Auch unter Hildebert nah- 


!) Brief HildebertsII, 48 (B. 157 M. 274). Aus dem zweiten Kanon 
des Konzils von Ohalcedon: Si quis episcoporum accepta pecunia ordina- 
tionem fecerit, ... si convictus fuerit, ipse quidem subeat gradus sui 
periculum. 

?) Vgl. oben Seite 243. 244, wonach der Archidiakon die Präsentation 
des Kapitels oder Klosters vermittelt, aber offenbar als selbstberechtigter 
Vermittler. — Formell mag das Präsentationsrecht noch nicht ganz aus- 
gebildet, insbesondere mag der Bischof an eine Präsentation noch nicht 
so streng wie später juristisch gebunden gewesen sein, als Hildebert jenen 
Brief schrieb. Vgl. oben Seite 254 Anm. 1. 

%) Vgl. oben Seite 243. 244. 


en 


u 


EEE 


2 Je en ee 


Zi Zi u ee a ee 


Rechte der Archidiakonen, Archipresbyter und Dekane. 7 


men sie eine dementsprechend angesehene Stellung ein. Der 
eine oder andere von ihnen ist gleichzeitig Kanoniker !), und 
es scheint, dass der Archipresbyterat der Stadt Le Mans mit 
der Dekanie des Kapitels ständig verbunden war?). Auch 
kam es vor, dass Archipresbyterat und Archidiakonat in einer 
Hand sich vereinigten®). Als Kommissar des Bischofs ladet 
ein Archipresbyter, wahrscheinlich derjenige, dem die in Streit 
befindliche Kirche von Savigny unterstand, sogar den Kar- 
dinalabt von Vendöme zur gerichtlichen Verhandlung *). Ver- 
einzelt findet sich in den Urkunden Hildeberts, aber auch hier 
gerade bei einer allgemeinen Bestätigung von Klosterkirchen, 
wie für die Archidiakonen, die Vorbehaltsklausel bezüglich 
dessen, was ihnen an Einkünften und in Beaufsichtigung der 
Priester zusteht). — Ueber die Besetzung seiner Archipresby- 
terate selber sind wir nicht unterrichtet; den mit der Dekanie 
vereinigten hatte natürlich der Bischof in der Hand. 

In der Diözese Le Mans gab es nun aber auch Land- 
dekane‘). Ein solcher wird z. B. in einer Urkunde aus der 
letzten Zeit des Bischofs Ho&l neben dem Archidiakon Hilde- 
bert als Zeuge erwähnt und zwar in seiner Eigenschaft als 


') So Guido, der Nachfolger Hildeberts in Le Mans (siehe oben 
Seite 50) und Gervasius, der „Sohn“ des Bischofs Hildebert (siehe Dieu- 
donn& 45 und oben Seite 54). 

?) Siehe unten Seite 279 f. 

3) Siehe oben Seite 271 Anm. 3. 

*#) Siehe oben Seite 141. 

5) Bei Migne Seite 322 Nr. XI; so auch in späteren Urkun- 
den. — Eine „Konzession“ des Archipresbyters bei Verfügungen über 
Kirchen u. dergl. erinnere ich mich nicht in Urkunden Hildeberts ver- 
merkt gefunden zu haben, ausgenommen einen Fall, wo der Archipre- 
sbyter der Kirche zugleich ihr Archidiakon ist, bei den Benediktinern 
von Solesmes Seite 48 Nr. XL; aus späterer Zeit dagegen siehe z. B. 
Liber Albus Seite 73 Nr. CXXIX (von 1150 oder Anf. 1151). 106 £. 
Nr. CLXXXVI (von 1188 oder Anf. 1189); vgl. auch die Anmerkung zum 
Schluss des folgenden Absatzes. 

6) Ueber die Entwicklung der Landdekanate siehe Sägmüller; 
Hinschius KR LI, 261 ff. 


278 Zweites Kapitel. 


Dekan der Kirche, welche der Akt betraf!). Diese wurde, so 
besagt das nachträglich zur Zeit der Anwesenheit Urbans II. 
darüber ausgefertigte Dokument, von einem gewissen Joscel- 
linus, der ihre unrechtmässige Inbesitznahme von seiten seines 
Bruders Hugo verschuldet hatte, an das Kapitel St. Peter von 
La Cour restituiert, wobei das letztere auf Fürbitte des Bischofs 
die Priesterstelle dem Sohne des Restituierenden anvertraute. 
Wenn nun die Zeugenschaft Hildeberts und des Dekans Gau- 
frid gerade dafür angerufen wird, dass bezüglich der in unserer 
Notitia referierend dargestellten Angelegenheit auch eine hand- 
schriftlich unterzeichnete Urkunde eben für den instituierten 
Kleriker Hubert und das Kapitel aufgenommen worden sei, so 
fühlt man sich versucht, die Mitwirkung der beiden Zeugen 
mit der Amtsübertragung selbst in Beziehung zu bringen. In 
Ermangelung weiterer Belege für eine dementsprechende Tätig- 
keit der Landdekane in der Diözese Le Mans lassen wir diese 
Frage dahingestellt ?). 

Sind nun etwa diese Dekane identisch mit den Archipre- 
sbytern®)? Dagegen spricht die Tatsache, dass beide uns 
später als nebeneinander existierende Diözesanbeamte begegnen. 
Nehmen wir zum Beweise dafür noch ein Schriftstück des Jahres 
1250 vor, das uns zugleich über die anderen hier erörterten 
Diözesanverhältnisse noch einigermassen orientiert. Es ist die 
Urkunde des Bischofs und des Kapitels über die Aufhebung 
der Archipresbyterate und eine dadurch bedingte Aenderung 
der bestehenden Ordnung. Bischof Gaufrid von Laval (1231 


') Bei Piolin III, 676 f. Nr. L. — Siehe ferner (auch aus der Zeit 
Hildeberts) bei Charles et Menjot d’Elbenne Sp. 174 Nr. 295; 
Sp. 257 Nr. 443; Sp. 259 f. Nr. 449; Sp. 417 Nr. 734. 

?) Um 1200 beurkundet das Kapitel von Le Mans, dass für eine 
gewisse „Leprosenkapellanie“ die Priester der betreffenden, von ihm zu 
besetzenden Mutterkirche den Geistlichen wählen und investieren, dass 
aber bei Versäumung einer gewissen Frist Wahl und Institution an das 
Kapitel und dann an den Bischof devolviert, Liber Albus Seite 27 
Nr. LIII. Vgl. auch oben Seite 147. 149. 

3) Vgl. Sägmüller 46 ff. 


Rechte der Archidiakonen, Archipresbyter und Dekane. 379 


bis 1234), der sie bestätigte und vom Papste bestätigen liess, 
teilt uns diese Verfügung seines zum Erzbischof von Rouen 
erhobenen Vorgängers Mauricius mit, und sagt, sie sei mit Zu- 
stimmung des Kapitels, der Aebte, Landdekane, Prioren und 
Priester der Diözese ergangen; die Verfügung selbst beruft 
sich zudem auf den Rat von klugen und rechtserfahrenen 
Männern !). Sie lautet dahin, dass nach Beseitigung der Archi- 
presbyterate sechs Archidiakonate bestehen sollen ausser dem- 
jenigen, der den ehemaligen Archipresbyterat Le Mans umfasse 
und ein Annex der Kapitelsdekanie bilde. Sie bestimmt sodann 
den Umfang der sechs Archidiakonate, indem sie die alten 
Archipresbyterate und Dekanate in dieselben einordnet. Die 
letzteren gehörten diesen Bestimmungen gemäss wenigstens teil- 
weise zu den Bezirken der Archipresbyter, wie diese wiederum 
sicher zum Teil den alten Archidiakonaten unterstanden; mehr 
ist nicht zu ersehen. Alle Archidiakonen müssen in Zukunft 
mit der Uebernahme dieses Amtes die Priesterweihe sich geben 
lassen ?). Nur nicht der archidiaconus major, der aber inner- 
halb eines Jahres die Diakonatsweihe zu empfangen und für 
das Beichthören und für andere bei Gelegenheit der Visitation 
zu erfüllende Pflichten einen zuverlässigen Priester sich bei- 
zugesellen hat; sein Bezirk soll in Zukunft der archidiaconatus 
Sagonensis sein. Bis dahin scheint den letzteren der damalige 
Dekan gehabt zu haben; wenigstens soll er ihn neben dem 
Archipresbyterat Le Mans behalten, bis der archidiaconus major 
dafür erwählt wird, der ebenfalls vorläufig in seinem bis- 
herigen Stande verbleibt?). Ueberhaupt „soll die Konstitution 


Y) Liber Albus S. 136 fi. Nr. COXXXIL; bei Cauvin LXXXV ft. 
Vgl. Piolin IV, 276 ff. Erzbischof Juhellus erteilt Bestätigung (G allia 
Chr. XIV, 104), ebenso Papst Gregor IX. (ebd. 397; vgl. Potthast, 
Regesta II, 2103 Nr. 8864a [26215)). 

?) Das ging über die gemeinrechtliche Regel hinaus, denn sie for- 
derte für den Archidiakon die Diakonatsweihe; siehe Hefele Cg. V 
Register zum Worte Archidiakon. Die sechs Archidiakonen wurden 
offenbar als Nachfolger der Archipresbyter angesehen. 

®) Dass die Verbindung der Dekänie mit diesem oder einem an- 


280 Zweites Kapitel. 


in Kraft treten ohne Präjudiz für die gegenwärtigen Kanoniker, 
so also, dass sie weder Stimme im Kapitel und Sitz im Chore 
noch irgend ein anderes ihrer früheren Rechte verlieren“. Da- 
raus geht wohl hervor, dass in der Folge die Archidiakonen 
(wie die früheren Archipresbyter) nicht mehr alle aus den Ka- 
nonikern genommen zu werden brauchten. 

Im ganzen bedeutete diese Massregel zunächt eine Ver- 
einfachung der Verhältnisse. Sie hatte aber wohl auch eine 
gegen die Archidiakonen und die Archipresbyter gerichtete 
Tendenz und zur Folge eine Schwächung der ersteren und eine 
Kräftigung der bischöflichen Macht !). Sowohl wenn sie un- 
mittelbar dem Bischof unterstanden, wie im Bunde mit über- 
geordneten Archidiakonen konnten die aus historischer, vom 
Bischof wenig beeinflusster Entwicklung hervorgegangenen, 
darum leicht selbständigen Archipresbyter dem Bischof unbe- 
quem werden ?), und die Archidiakonen repräsentierten bei der 
Dreizahl der Bezirke jeder für sich eine grössere Macht als 
bei der Siebenzahl, zumal wenn die sechs archidiaconi minores 
nun auch noch den ehemaligen Archipresbytern gleichgehalten 
wurden. Dagegen verdankten die Dekane von jeher, in Frank- 
reich wenigstens, ihr Dasein bischöflicher Initiative; sie blieben 
deshalb auch eher in Bezug auf Zahl, Residenzkirche und 
Tätigkeit abhängig vom Bischof’). Auch für die Erlangung des 


deren Archidiakonat eine ständige Einrichtung gewesen sei, geht weder 
aus unserer Stelle noch aus Gallia Chr. XIV, 424 hervor, wo (in einem 
Breve Cölestins III.) von dem Dekan und Archidiakon Nikolaus die Rede 
ist; vgl. auch oben Seite 169 Anm. 1. 

!) Somit entbehrt es nicht eines triftigen Grundes, wenn eine 
Zustimmung der Archidiakonen und Archipresbyter nicht erwähnt wird. 

?) In Tours, wo die fünf Archipresbyterate mit drei Archidiako- 
naten bestehen blieben (siehe z. B. bei L. de Grandmaison ]J, 5 fl. 
Nr. III. 38 f£. Nr. XX VII. 54 ff. Nr. XXVIII ff), beanspruchten z. B. 
die dem Kapitel angehörenden Archipresbyter auch als solche die ihnen 
als Kapitularen zukommende Exemption, der Papst aber verwarf ihr 
Begehren; siehe ebd. II, 247 ff. Nr. COXCVI von 1387. 

>) Särmüller 58 ff. 


Rechte der Archidiakonen, Archipresbyter und Dekane. *281 


Amtes wird dies zu präsumieren, wenigstens wird sie nicht so 
leicht der Willkür von Eigenkirchherren verfallen sein, und 
nur das Präsentationsrecht der Archidiakonen wird in der Regel 
auf die Stellen Anwendung gefunden haben. 

Für dieses Recht zeigen sich allerdings die aufstrebenden 
Archidiakonen von Chartres und das mit ihnen interessierte 
Kapitel gegen Ende des zwölften Jahrhunderts nicht wenig 
besorgt. Sie erwirken sich vom Papste Cölestin III. ein Re- 
skript, in welchem die Verminderung der archidiakonalen Rechte, 
namentlich das Ignorieren ihres Institutions- oder Präsentations- 
rechtes, und zwar in erster Linie bezüglich der Dekanate, 
strengstens verboten und etwaige Zuwiderhandlungen, sofern 
sie ohne den Assens des Kapitels geschehen, für nichtig erklärt 
werden). Wogegen diese Aktion gerichtet war, ist umso 
klarer, als der damalige Bischof Reginald vom Kollationsrechte 
suspendiert werden musste ?). — Diese Urkunde wird uns in 
der Annahme bestärken, dass in Le Mans ebenfalls im zwölften 
Jahrhundert, und wohl auch schon zur Zeit Hildeberts die 
Dekanate einem Vorschlagsrecht der Archidiakonen unterlagen, 
Schwierigkeiten sind ihm aber unter den damaligen Verhält- 
nissen bei seiner Energie und Klugheit sicherlich aus dieser 
Beschränkung nicht erwachsen. 

Hingewiesen sei hier noch darauf, dass in dem genannten 
Papstschreiben für Chartres am Ende des zwölften Jahrhunderts 
der Anteil des Archidiakons an der Stellenbesetzung allgemein 
als Institutions- und als Präsentationsrecht unterschieden wird. 
Wenn nun oben für dieselbe Zeit das entsprechende Recht des 
Kapitels von Le Mans in derselben Weise bestimmt werden 
musste), so mag für die Archidiakonen, deren Rechte sich 
in enger Beziehung zu denjenigen des Kapitels entwickelten, 


!) Bei Lepinois et Merlet I, 249 f. Nr. OXXIX vom 20. Juni 
1195. 

2) Ebd. II, 12 ff. Nr. CL vom 11. November 1201. 

3) Oben Seite 244 f. 


282 Zweites Kapitel. 


ein gleiches zu gelten haben), und wie jenen, so könnten wir 
dann auch diesen Rechtszustand vermutungsweise in die Zeit 
Hildeberts zurückdatieren. Wir hätten aber dann für diese 
Zeit weder das Präsentationsrecht als ein solches in streng 
juristischem Sinne noch das Institutionsrecht als ein in dem 
Grade wie später selbständiges zu fassen ?). 

4, Gehen wir noch in Kürze die übrigen Instanzen 
durch, die in Angelegenheiten der bischöflichen Stellenbesetzung 
tätig werden konnten; es wären dies die Synoden, der Metro- 
polit und der Papst nebst seinen Legaten. 

Wir müssten uns hier zunächst mit etwaigen Einzelfällen 
des Eingreifens der genannten kirchlichen Organe in die Diö- 
zesanstellenbesetzung und mit etwaigen Aeusserungen Hilde- 
berts oder seinem sonstigen Verhalten zu einer solchen Praxis 
befassen. Direkt hierher gehörige Beispiele dieser Art sind 
aber aus der Geschichte Hildeberts kaum zu verzeichnen, und 
darum sei nur zurückverwiesen auf das immerhin mittelbar mit 
dieser Frage zusammenhängende Verhalten unseres Bischofs 
in den bekannten Kapitelswirren von Tours’). Wie er dort 
den beiden Synoden, dem päpstlichen Legaten und dem Papste 
das Recht zuerkannte, in der Frage der Entziehung oder Be- 
lassung von Aemtern mitzusprechen, so würde er sicher bei 
ähnlichen Schwierigkeiten auch in der Verleihungsfrage ihrer 
Mitwirkung Raum gegeben haben*). Was den Papst betrifft, 
so verwies er ja an ihn den Bischof von Clermont, welcher 
zweifelte, ob er den in der Notwehr zum Totschläger ge- 
wordenen Priester wieder für den Altardienst zulassen dürfe ?). 


') Vgl. für Tours bei L. de Grandmaison I, 300 fi. Nr. OXL 
von 1324, ebenfalls ein Beispiel vollen Kollationsrechtes. 

?) Vgl. oben Seite 254 Anm. 1. 

°) Oben Seite 167 f. 78 ff. 

‘) Vgl. ferner sein Verhalten in der Sache des Klosters Marmoutier 
gegen Gaufrid von Mayenne und in derjenigen des Abtes von Vendöme 
gegen die Gräfin Euphrosyne, oben 8. 138 ff. 141 ff. 

>) Oben Seite 90 £, 


Rechte des Papstes, der Synoden, des Metropoliten. 283 


Und wenn er beim ‘Fehlen der rechtlichen Idoneität eines 
Bistumskandidaten so sehr das Eingreifen des Papstes befür- 
wortet !), so kann er einem solchen Verfahren auch für den 
Fall nicht abgeneigt gewesen sein, dass etwa ein Bischof in 
der Stellenbesetzung die kirchlichen Vorschriften übertrat. 
Wie leicht aber dieses Einschreiten dem Papste Ver- 
anlassung bot, zu Gunsten seiner eigenen Gewalt über das 
Notwendige hinauszugehen, wie es die Auktorität des Bischofs 
untergraben musste, wie leicht es demoralisierend wirken konnte, 
werden wir später an einem Beispiel der Diözese Chartres sehen. 
Diese Gefahren liess indes auch unser Bischof, so sehr er im 
Interesse der Reform den Einfluss des Römischen Stuhles zu 
fördern suchte, nicht aus den Augen. Sie sind es, derentwegen 
er sich gegen die ihm selbst von seiten des Apostolischen 
Stuhles widerfahrenen Beeinträchtigungen so nachdrücklich 
verwahrt. Er weist mit der geziemenden Ehrfurcht die päpst- 
liche Bistumsregierung in die eine gesunde Entwicklung der 
kirchlichen Verhältnisse bedingenden Schranken zurück, und 
wenn es sich auch nicht direkt, soviel wir sehen können, um 
Angriffe auf das bischöfliche Stellenbesetzungsrecht handelte, 
so fasst doch Hildebert die Handlungen des Papstes gerade unter 
dem Gesichtspunkt auf, dass er als Bischof in dem Rechte, über 
die ihm unterstellten Aemter zu verfügen, beschränkt wurde’). 


!) Oben Seite 93 £. 

?) Oben Seite 97 ff. — Brief Ivos 210 (M. 214 £.) betrifft noch näher 
das Stellenbesetzungsrecht und sagt vom Papst: ... Radulfum Briban- 
tensem archidiaconum (Diözese Cambray) sine audientia, sine judicio 
suo archidiaconatu spoliastis, qui cum Romana ecclesia semper fuit; 
Galfridum vero sedis apostolicae impugnatorem eodem archidiaconatu 
investistis. Dazu heisst es im Eingang: Quia dispensationis apostolicae 
consideratio non omnibus aeque placet, vel non omnibus aeque nota est, 
murmurant aliguando adversus bonum dispensatorem, qui non auderent 
murmurare adversus justum judicem. Dispensationes ergo vestrae ita 
librandae essent, ut si male meritis impendunt misericordiam, bene 
meritis non inferant violentiam. Ivo selbst stellt also das Recht des 
Papstes nicht in Frage, er deutet aber an, dass nicht alle so denken. 


284 Zweites Kapitel. 


Die fragliche Tätigkeit der synodalen und der päpstlichen 
Gewalt kam zur Zeit Hildeberts hauptsächlich als gesetz- 
geberische in Betracht, und in so fern hätten wir an dieser 
Stelle noch einmal an die Synode von Nantes zu erinnern !). 
Sie zeigt sich in der Rolle, die den Provinzialsynoden nach 
dieser Seite damals als die bei weitem wichtigste verblieb: die 
allgemeinen Reformgesetze in ihrer Anwendung auf die Pro- 
vinzen für diese zu publizieren und einzuschärfen ?). — Hildebert 
bat den Papst, die Synodalbeschlüsse zu bestätigen und die 
Suffraganen zur Ausführung derselben zu ermahnen’). 

Dass Hildeberts Verhalten in der Stellenbesetzung im 


1) Oben Seite 65 fi. 166. 

®) Hinschius KR. III, 485 ii. Dem entsprechend wird auch die 
Hauptaufgabe der Diözesansynoden gewesen sein, die Hildebert gehalten 
hat. Vgl. oben Seite 154 ff. 

®) Brief Hildeberts II, 30 (B. 133 M. 254): Haec igitur vobis, 
sancte pater, significanda censuimus, quatenus acta canonice vestra con- 
firmare dignetur auctoritas et datis ad episcopos litteris communiter 
exhortari omnes, ut, quae cum eis facienda sanximus in Christo et do- 
cenda, ipsi quoque cum Christo facere studeant et docere. Dieses Ge- 
such schliesst natürlich die Anerkennung ein, daß dem Papste das Recht 
zustehe, über die „Kanonizität des Geschehenen“ rechtskräftig zu ur- 
teilen und in diesem Sinne die Beschlüsse der Provinzialsynoden zu be- 
stätigen oder zu verwerfen, es ist aber weder aus diesem Briefe noch 
aus dem Breve des Papstes (II, 31) ersichtlich, daß auf einer der beiden 
Seiten das Bewußtsein einer Pflicht, die Bestätigung einzuholen, vor- 
handen gewesen wäre. 

Siehe zu diesem Konzil auch Mansi XXI, 351 ff. (der die beiden 
Briefe enthält). Er schreibt es auf Grund einer sonst nicht verbürgten 
Notiz der Gallia Chr. dem Jahre 1127 zu; so auch Hefele Ce. V, 
400. Mit Dieudonn& 96 habe auch ich mich dieser Meinung oben 
Seite 65 u. s. angeschlossen, bemerke aber ebenfalls (s. D. Note 5), daß 
sie nicht fest gestützt ist. Vielleicht beruht sie einzig auf der (unbegrün- 
deten) Ansicht, daß die Konsekrationsfeier von Redon (D. 99; oben 
Seite 144) mit der Synode von Nantes zeitlich verbunden gewesen sei. — 
Vgl. auch Gallia Chr. XIV, 79 mit Notel. Auch Jaffe Reg. I, 833 
Nr. 7313 (5267) enthält keinen Grund dafür, dass der Brief des Papstes 
vom 20. Mai dem Jahre 1128 zuzuschreiben wäre. 


Rechte des Papstes, der Synoden, des Metropoliten. 285 


allgemeinen von den Ideen getragen war, die ihm in der 
Reformgesetzgebung der Päpste und Konzilien entgegentraten, 
dass dafür die Anordnungen und Ratschläge massgebend waren, 
die er ohne Zweifel bei persönlichem Zusammentreffen mit den 
Päpsten und ihren Vertretern empfangen hat, darüber lassen 
unsere bisherigen Einzeluntersuchungen keinen Zweifel. Eben- 
sowenig aber darüber, dass seine Gewissenhaftigkeit keine 
rücksichtslose war, dass er neben der „Einfalt der Taube* 
nicht die „Klugheit der Schlange“ verachtete. Mit dem, was 
wir im gegenwärtigen Kapitel uns vorgeführt, haben wir in 
dieser Hinsicht den Inhalt unseres ersten Kapitels zu vereini- 
gen. Um aber das Bild, das wir dort schon in Anknüpfung 
an die allgemeinen Amtshindernisse zu entwerfen suchten von 
dem Zustande der Diözesen Hildeberts und der Kirchenprovinz 
Tours und von dem Wirken, wie es ein Hildebert bei solchen 
Zuständen in der Unterordnung unter den Papst und seine 
Vertreter sich zur Aufgabe machen musste, noch in etwa zu 
vervollständigen, ziehen wir auch hier wieder gleichzeitige Vor- 
kommnisse der Nachbardiözese Chartres und dann die etwas 
späteren Verhältnisse zur Aushilfe heran. 

Gegen Ende des Jahres 1102 erhielt Bischof Ivo in Ge- 
stalt eines apostolischen Schreibens ein Verzeichnis von Miss- 
ständen zugestellt, von denen es heisst, dass sie in den Kirchen 
der dortigen Gegend sich entwickelt hätten und namentlich in 
derjenigen von Chartres herrschten). Der Papst verbietet, 
dass jemand sich anderen zukommendes Einkommen erschleiche, 
dass die als Juniorate bezeichneten Priesterbenefizien in andere 
Hände kommen, dass gedungene Priester oder Diakonen die 
Messe zelebrieren oder das Evangelium singen, dass für Pfrün- 
den oder kirchliche Benefizien irgend ein Entgelt verlangt werde. 
Er befiehlt, dass diejenigen, die sich ohne kanonische Ent- 
schuldigung nicht promovieren lassen, in der Ordnung den 


1) Bei Lepinois et Merlet I, 110 f. Nr. XXVIL (11. November 
1102). 


286 Zweites Kapitel. 


Jüngeren nachzustehen haben !), dass die Bestimmungen seiner 
Vorgänger über Konkubinensöhne beobachtet werden?). Be- 
züglich gewisser der Domkirche benachbarten Häuser °) und be- 
züglich der sogenannten Prekarien bestätigt er Verordnungen 
des Bischofs *). 

Der Brief ging vorzüglich die Kanoniker an. Ein Teil 
derselben nahm ihn freudig entgegen, ja sie bekräftigten die 
Vorschriften, nachdem sie ihnen einige andere, die Ehre und 
Freiheit ihrer Kirche betreffende beigefügt hatten, mit ihrem 
Eid und verlangten, dass der Bischof sie vom Papste der 


grösseren Festigkeit halber in dieser Form bestätigen lasse, 


was auch geschah ). Diese Kapitulare hatten klugerweise die 
päpstlichen Forderungen mit Punkten verquickt, die zu dem 


!) Hierzu heisst es: Secundum capitulum Carthaginiense et secun- 
dum institutum papae Gelasii plus accipiat presbyter quam diaconus, 
diaconus quam subdiaconus, et, qui studiosus militat, tardioribus plus 
stipendiorum accipiat. 

2) Siehe oben Seite 27. Gemeint sind wohl auch die Vorschriften 
über Priestersöhne; siehe oben Seite 65 f. 

°®) Illam sane excommunicationem, quam de domibus, quae ecclesiae 
tuae contiguae fuerant, pro eiusdem ecclesiae utilitate dietasti, nos as- 
sertionis nostrae auctoritate firmamus. Näheres in einem Briefe UrbansIIIl, 
an den Bischof Reginald vom 18. Februar 1186 oder 1187, bei L&pi- 
nois et Merlet I, 213f. Nr. CV; der Papst verbietet hier die Ver- 
gebung „kanonikaler Häuser“ an Gesindel verschiedener Art von seiten 
der kraft Erbrechts darüber verfügenden Laien und macht es diesen zur 
Pflicht, die betreffenden Häuser entweder selbst „mit ehrbarer Familie“ 
zu bewohnen oder womöglich nur an Kleriker und Regularen zu über- 
lassen. 

*) Dazu kommen noch folgende Punkte: Praecipimus etiam, ut 
clerici, qui negotia ecclesiastica ad saeculares potestates deferentes eccle- 
siam gravant, infames habeantur, donee condigne satisfaciant. (Vgl. 
oben Seite 162 £.) — Ut ornamenta ecclesiae nemo vendat aut distrahat, 
nisi pro ea necessitate, quam canones permittunt. Et qui aliter fecerit, 
sacrilegii reus et canonum contemptor habeatur. (Vgl. dazu ein Dekret 
Hildeberts, bestätigt von seinen Nachfolgern Guido und Hugo von 
Le Mans, Liber Albus Seite 130 Nr, CCXVIIL ff. (M. 320 Nr. IX). 

5) Briefe Ivos 117 (M. 132 £.). 126 (M. 138). 


Rechte des Papstes, der Synoden, des Metropoliten. 07 


bekannten Streite mit der Gräfin Adele führten '); letztere 
werden manchen von ihnen die Hauptsache gewesen sein und 
für den anderen Teil der Kanoniker den Hauptvorwand eines 
offenen Widerstrebens gebildet haben. 

Mit dieser Korrespondenz hängt ein Schreiben des Bischofs 
an den apostolischen Legaten Bischof Richard von Alba zu- 
sammen, das in verschiedener Beziehung für uns von Interesse 
ist?). Der Legat hat Ivo getadelt, weil er in seiner Kirche 
simonistisches Treiben dulde; der Bischof antwortet ihm mit 
einer auch anderswo hervortretenden Empfindlichkeit, deret- 
wegen seine Behauptungen wohl als etwas übertrieben anzu- 
sehen sind, die aber ihrer Richtigkeit im wesentlichen keinen 
Abbruch tut. Er stellt zunächst die Angeber als hinterlistige, 
doppelzüngige „Brüder“, die zum Teil selbst des ihm vorge- 
worfenen oder anderer Verbrechen schuldig seien, in ungün- 
stiges Licht). Sodann drückt er seine Verwunderung darüber 
aus, dass nur eines und dies nur in der Kirche von Chartres 
getadelt werde, da doch dieses und vieles andere gleich Ver- 
dammenswürdige fast in der ganzen gallikanischen Kirche 
herrsche. In Kirchen seiner Mitbrüder und Mitbischöfe erhöben 
viele schlimme Gewohnheiten noch ihr Haupt, die zur Zeit 
seiner Regierung in der Kirche von Chartres mit Gottes Hilfe 
unterdrückt worden seien. Und dazu gehöre vor allem die ihm 
von jeher verhasste Simonie. Wenn er sie noch nicht mit 
Stumpf und Stiel habe ausrotten können, so möge man be- 
denken, dass dies auch der römischen Kirche, die doch von 
den ersten Anfängen der Kirche an dafür gearbeitet habe, bis- 


!) Vgl. oben Seite 160 ff. 

2) Brief Ivos 133 (M. 141 ff.). 

3) Des öfteren muss sich Ivo beim Papste gegen ungerechte Be- 
schuldigungen von seiten ihm untergebener Kleriker verteidigen. So 
tritt er auch für andere Bischöfe ein, die sich in ähnlicher Lage be- 
finden, z. B. für den der Simonie bezichtigten Bischof Hubert von 
Senlis: Briefe Ivos 244 (M. 251). 258 (M. 263). Nach unserem Briefe 
sind aber die Denunzianten auch Bischöfe gewesen. 


288 Zweites Kapitel. 


her noch nicht, nicht einmal in ihrem eigenen Schosse gelungen 
sei. Gerade auf deren Palastbeamte beriefen sich seine Kleriker, 
der Dekan, der Kantor und andere, wo sie noch gegen seinen 
Willen nach alter Gewohnheit von denjenigen, die Kanoniker 
würden, etwas verlangten. Komme dergleichen auf gerichtlichem 
Wege zu seinen Ohren und werde es bewiesen, dann halte 
er sich an die Strenge der Gesetze, Ungewisses aber überlasse 
er dem ewigen Richter. Möchten also seine Genossen nicht 
so leichthin urteilen, oder, wenn sie nun einmal aufs Holzhauen 
schlechthin ausgingen, wenigstens darauf achten, dass nicht bei 
ungemässigtem Schlag das Eisen dem Hammer entfahre und 
einen von den Söhnen der Propheten töte. — Diese Warnung 
galt natürlich auch dem Legaten, und Ivo fügt im Hinblick 
darauf, dass derselbe seinen Klerus nach Blois in den Macht- 
bereich der Leute der Gräfin, zur Verhandlung über die Im- 
munität ihres Kapitelshauses geladen, noch eine andere hinzu, 
nämlich, den Anschein zu meiden, als schätze er, der Legat, 
die Person des Armen gering, aber hoch das Antlitz des Mäch- 
tigen. So glaubt er die Ehre des Sendenden in der des Ge- 
sandten schützen zu müssen !). 

Bemerkenswert ist zunächst die Verschiedenheit in dem 
Verhalten Ivos gegen den Papst und gegen seinen Vertreter. 
Der Grund liegt nicht etwa in dem Unterschied der Stellung 
des einen und des anderen, sondern darin, dass der eine ruhig 
und objektiv seinen Willen kundgibt, während der andere an- 
scheinend sich verkehrterweise gegen den Bischof wie gegen 
einen Hauptübeltäter hat einnehmen lassen und mehr verlangt, 
als vernünftigerweise verlangt werden kann. Wo sich der Papst 
etwas ähnliches zu schulden kommen lässt, muss auch er die 
Empfindlichkeit Ivos fühlen und seinen Tadel sich gefallen 


!) Daraus, daß es am Schlusse von der Gräfin heisst: Quae statutum 
Carnotensis ecclesiae de non admittendis ad clerum libertis adversus 
suam factum esse conqueritur honestatem, geht hervor, dass die Korre- 
spondenz Ivos mit dem Kardinal zeitlich nicht weit von derjenigen mit 
dem Papste getrennt war. S. oben S. 160 ff.; Luchaire, Louis VI, 8. 13£. 


Rechte des Papstes, der Synoden, des Metropoliten. 389 


" lassen !). Dass er auf Uebelstände aufmerksam gemacht und dass 
_ deren Beseitigung gefordert wird, missbilligt der Bischof nicht, 
aber es muss mit der erforderlichen Kenntnis der Personen 
und Verhältnisse geschehen. Deshalb konnte Paschal I. ihn 
auch dafür eintreten sehen, dass als päpstlicher Legat für 
Frankreich ein im Lande selbst residierender Würdenträger 
fungiere ?). — Die Parallele in Hildeberts Benehmen gegen den 
Römischen Stuhl lest sich hier von selber nahe. 

Ivo hält dem päpstlichen Legaten vor, er habe einer 
Menge von Missständen in seiner Diözese mit Erfolg entgegen- 
gewirkt. Er lehrt uns indes selbst, dieses ohne Zweifel be- 
rechtigte Zeugnis auf ein gewisses Mass beschränken. Schon 
in dem vorliegenden Briefe gibt er zu, dass er manches einem 
höheren Richter anheimstellen muss, dem Papste gegenüber 
erkennt er die getadelten Ungehörigkeiten schweigend an und 
gesteht er, dass verschiedene seiner Kleriker, auf sich selbst 
bedacht, um ihres Rufes und ihres Vorteils wıllen an Reformen 
nicht Gefallen finden °). Anderswo sagt er, allerdings in einem 
früheren Briefe, noch deutlicher, dass er vieles dulde, vieles 
übersehe *) — so denken wir ja auch von Hildebert. 

Gehen wir ein wenig ins einzelne! Die Sitte der ersten Ka- 
pitelsdignitare, von solchen, die zu einem Kanonikat zuge- 
lassen oder zu einer Dignität befördert wurden, Gebühren zu 
erheben, leugnet Ivo auch vor dem Legaten keineswegs ab; ihr 
wurde erst unter dem folgenden Bischof im Jahre 1119 förm- 
lich entsagt’). — Die meisten der übrigen päpstlichen Vor- 
würfe, wie man sie auch im einzelnen verstehen mag, kommen 
darauf hinaus, dass ein Teil des Klerus, namentlich des höheren, 


!) Briefe Ivos 67 (M. 85 ff.). 110 (M. 128). 210 (M. 214 £.). 219 
(M. 223). 

2) Brief Ivos 109 (M. 127 £.). 

3) Brief Ivos 117 (M. 132 £.). 

4) Brief Ivos 12 (M. 25). 

5) Siehe bei L&pinois et Merlet I, 126 ff. Nr. XXXIX vom 
2. November 1119 (Bestätigung Kalixts II.). 

Barth, Hildebert von Lavardin. 19 


290 Zweites Kapitel. 
sich allerlei das Stellenrecht berührende Manipulationen zu 
schulden kommen lässt, die ihm die Vernachlässigung seiner 
geistlichen und sonstigen Pflichten zu Gunsten eines bequemen 
und den einen oder anderen Passionen ergebenen Lebens, wo- 
möglich ohne Verminderung oder gar mit Erhöhung der Ein- 
künfte und der Ehrenstellung, gestatten. So das Aufschieben 
oder gänzliche Vermeiden der höheren Weihen, das Mieten von 
Priestern und Diakonen zur Stellvertretung oder zur Ersparung 
ständiger Benefiziare, die Ueberlassung von Priesterstellen an 
Nichtpriester. Gerade der Handel mit den Prekarien wird 
diese Dinge gefördert haben, weil er Kirchen und Kapellen, 
insbesondere auch die genannten Juniorate einzelnen Kanonikern 
in die Hände spielte und damit der Willkür in Versorgung 
dieser Stellen Tür und Tor öffnete‘). Es ist daher leicht zu 
begreifen, dass Ivo dem Prekarienunfug scharf zu Leibe rückte ?); 
charakteristisch ist aber, wie er dabei wiederholt die Auktorität 
des Papstes zur Hilfe nimmt. Er scheint damit Erfolg ge- 
habt zu haben, wie auch in Bekämpfung der Pfründenkumu- 
lation;' was diese angeht, so bittet Ivo einmal den Papst Pa- 
schal, nicht nachzugeben, falls ein Kleriker von Chartres eine 
zweite Würdenstellung sich zu erschleichen versuche, damit die 
einmal beseitigte verderbliche Uebung sich nicht wieder er- 


!) Brief Ivos 271 (M. 274): De precariis vero, quas jam bis in 
Carnotensi ecclesia vetuistis, similiter obnixe precamur, ut nunguam 
mutetur vestra sententia, sed magis confirmetur; quia, quando perso- 
naliter accipiebantur, oriebantur inde illicita emptio et venditio inter 
accipientes et non accipientes et foeda contentio, irae, rixae, aemulatio- 
nes, inimieitiae et multa illicita, quae radieitus evellenda esse ab ecclesia 
sancire debet vestra excellentia. Vgl. die folgende Anmerkung. 

°) Siehe sein vom Papste am 28. Oktober 1114 bestätigtes Dekret 
gegen die Pröpste (vgl. oben Seite 235 ff.), bei L&epinois et Merlet 
I, 120 (121): Concessimus etiam, quod beneficia ecclesiae, quae precariae 
dieuntur et factae erant prenariae, quia, quod omnium erat, quatuor 
vendebant, in communes redigerentur usus. Darauf folgt eine Aufzählung 
der betreffenden Benefizien, wozu „alle Juniorate“ gehören. — Vgl. die 
vorige Anmerkung. 


Rechte des Papstes, der Synoden, des Metropoliten. 291 


neuere !). — Trotzdem blieb ein grosser Teil der Kanoniker 
nach wie vor ohne Verständnis für den Beruf, und als der 
Bischof versuchte, durch materielle Zuschüsse den Eifer anzu- 
fachen, den höhere Beweggründe nicht hervorzubringen ver- 
mochten, da musste er erfahren, dass ältere Kleriker das Emp- 
fangene verkauften, jüngere es im Würfelspiel verbrauchten, 
und dass man wichtigeren Dienst versäumte, wenn man für 
den weniger wichtigen die Zugabe erhielt. So hat er denn 
derartigen Reformationsmitteln bei seinem Kapitel entsagt, aber 
wir sehen, er hat nichts unversucht gelassen, um die Ver- 
ordnungen der Kirche auch hier durchzuführen ?). 

Es unterliegt nach alledem gar keinem Zweifel, dass Ivo 
nicht nur im Sinne päpstlicher Monita gearbeitet, sondern der- 
artige Eingriffe der römischen Kurie gern gesehen und sich 
sogar erbeten hat?). Umsomehr suchte er dort Anweisung 
und Hilfe, wenn es ihm zweifelhaft war, ob er gut daran tue, 
eine wichtige Vorschrift durchzuführen oder nicht, z. B. das 


I) Brief Ivos 274 (M. 277). 

?) Brief Ivos 219 (M. 223 £.). Vergleiche für Hildebert oben S. 164. 
— Schlimmer als in Chartres und anderswo waren die kirchlichen Zu- 
stände in der Normandie. (Vgl. im 3. Kapitel II, 3. V, 2.) Das zeigt 
der Brief des Papstes Innozenz II. an den Erzbischof Hugo von Rouen 
vom 26. Juli 1131, bei Migne CLXXIX, 99 ff. Nr. LI. Siehe daraus 
oben Seite 195 Anm. 3 zu 194. Ausser dem dort bezüglich der Laien- 
herrschaft Mitgeteilten berührt der Brief die Notwendigkeit eines be- 
stimmten Titels zur Ordination, das Verbot des Stellenwechsels und des 
Mietlingsunwesens, das Versäumen der Synoden auf Grund von „consue- 
tudo“, die Weihen- und Stellenerschleichung, die impedimenta natalium, 
status, morum, scientiae. Man beachte aber den Eingang, wonach es 
(zum Teile wenigstens) sich um Uebelstände handelt, die anderswo über- 
haupt nicht bestanden haben oder verschwunden sind; das mag etwas 
zu viel gesagt sein, aber es traf doch sicherlich einigermassen zu. 

®) Siehe insbesondere noch Brief Ivos 110 (M. 129) an Paschal, wo 
er sich auch grundsätzlich in dieser Richtung ausspricht:... quae corri- 
genda sunt, corrigatis et quae utiliter statuenda, firmiter statuatis. Quam- 
vis enim, quod ratio suadet, vel quod usus approbat vel episcopalis 
moderatio disponit, per se satis vigere videatur, tamen charius (clarius?), 
fit et quasi quadam luce irradiatur, cum id, quod prohibendum vel prae- 


292 Zweites Kapitel. 


Verbot des sogenannten Altarloskaufs '). — Dieses Eingreifen 
der Päpste bildet auch weiterhin im 12. bis 13. Jahrhundert 
ein hervorstechendes Moment der Bistums- und gerade der 
Stellenbesetzungsgeschichte von Chartres. Das ist zum Teil 
mit der Bedeutung dieser Kirche zu begründen ?), zum Teil 
mit besonderen Verhältnissen der Diözese im letzten Drittel 
des 12. Jahrhunderts und im Anfang des folgenden, welche 
eine engere Verbindung zwischen Kapitel und Papst, und zwar 
zum Nachteil der bischöflichen Gewalt, zur Folge hatten. Von 
1168—1176 hatte die Diözese keinen eigenen Bischof, son- 
dern war mit dem Erzbistum Sens in einer Hand vereinigt; 
von 1182—1217 regierte der unzuverlässige Reginaldus°). 
Unter besonders kräftiger Anregung und Hilfe der Päpste 
vollzogen sich die bereits kurz dargelegten Reformen in der 
Güterverwaltung des Kapitels‘) und wurde wenigstens die 
Aufmerksamkeit auf andere Uebelstände, wie Vernachlässigung 
des Gottesdienstes und der Residenzpflicht, Pfründenkumulation 
und Nähe verrufener Häuser rege erhalten °). 

Zu den einschneidendsten Beschränkungen des bischöflichen 
Stellenbesetzungsrechtes sah sich das Papsttum um die Wende 
des 12. zum 13. Jahrhundert gegenüber dem genannten Bischof 
Reginald genötigt. Ein päpstlicher Legat suspendierte den- 
selben von der Kollation der Benefizien, weil er lange öffent- 


cipiendum est, decreto apostolico roboratur. Einen mehr juristischen 
Zweck des Nachsuchens päpstlicher Bestätigung insbesondere gibt er im 
Briefe 126 (M. 138) an: ... ne cui minori clavi solvere liceret, quod 
sub principali clavi seratum esse cognosceret; vgl. 117 (M. 132) u. App. 1 
(M. 288). 

!) Oben Seite 254 ff. 

?) Vgl., was Papst Alexander III. an das Kapitel schreibt, bei 
Le&pinois et Merlet I, 177 (Nr. LXXVID: ... ecclesiam vestram, 
quae inter minores regni Francorum computari non solet. 

°) Gallia Chr, VII, 1145 f. 1152 £. 

4) Oben Seite 237. 

’) Siehe bei L&pinois et Merlet I, 175 Nr. LXXIII. 177 Nr. 
LXXVII. 199 Nr. XCI. 213 f. Nr. CV (siehe oben Seite 286 Anm. 3). 


Rechte des Papstes, der Synoden, des Metropoliten. 293 


lich beschuldigt wurde, sie an Ungeeignete und in ungehöriger 
Weise, insbesondere nicht unentgeltlich, zu verleihen. Etwas 
später beauftragte der Papst den benachbarten Bischof von 
Paris und einen Abt, die vakanten Benefizien, soweit sie dem 
bischöflichen Kollationsrecht unterlagen, zu vergeben, die von 
dem Bischof nach der Suspension instituierten Stelleninhaber 
durch geeignetere zu ersetzen, endlich einem gewissen Magister 
eine demnächst in Chartres sich erledigende Pfründe zu kon- 
ferieren. Letzteres tat der Papst dann selbst, nachdem ein 
Pfründner auf einer Romreise gestorben war. Durch Breve 
vom 11. November 1201 zeigt Innozenz III. dem Kapitel von 
ÖOhartres an, er habe den Bischof in sein Recht wieder ein- 
gesetzt, aber mit der Massgabe, dass ihm der Dekan und der 
Scholastikus von Orleans zusammen oder wenigstens einzeln in 
den Fällen der Ausübung jenes Rechtes als Berater zu dienen 
hätten. Dieselben dürften ihm indes keine Schwierigkeiten 
bereiten, wenn er würdige Personen beleihen wolle, denn die 
Gewalt des Bischofs solle durch diese Massregel nicht verletzt, 
sondern vielmehr unterstützt werden. Die vor Ankunft des 
päpstlichen Schreibens von den früheren Delegierten im Rahmen 
ihrer Befugnis vergebenen Benefizien sollen den Betreffenden 
verbleiben, dagegen werden die bei Ankunft des Schreibens 
erledisten und noch nicht angewiesenen Stellen der päpstlichen 
Provision reserviert '). — Solche Ereignisse konnten natürlich 
nicht ohne schwere Folgen bleiben ?). 

In Le Mans war die Entwicklung dieser Dinge eine andere. 
Auch dort machte die Reformbedürftigkeit des Stellenwesens 
im Laufe des 12. und des folgenden Jahrhunderts in steigen- 
dem Masse sich geltend ®), aber es sind die Bischöfe, welche, 
meist in gutem Einvernehmen mit der Kapitelsmehrheit, die 
Reformen betreiben. Das wissen wir bereits von Guido (1126 


Per id ae La l2ft NT CR. 
2) Darüber siehe unten II, 5. 
®) Vgl. oben Seite 238. 


294 Zweites Kapitel. 


bis 1135) bezüglich der Pfründenkumulation '). Es gilt sodann 
von dem uns auch bereits bekannten Bischof Wilhelm ?) (1144 
bis 1187). Im Zusammenwirken mit seinem Kanoniker und Archi- 
diakon Eustachius sorgte er z. B., um dem Mangel an Priestern 
und den Folgen der häufigen Abwesenheit des Hebdomadars 
abzuhelfen, für die Stiftung einer Präbende, zu deren Besitz 
der Empfang der Priesterweihe Bedingung war; mehrere Päpste 
erteilten dazu ihre Bestätigung’). Eine gleiche Stiftung erfolgte 
unter Hamelinus mit der Klausel, dass die Bestandteile der 
Pfründe stets ungetrennt zusammenbleiben müssten *). Dieser 
Bischof (1190—1214) hat eine grössere Anzahl von Reformen 
bewerkstelligt °). Die Teilung der Kapitelsgüter wurde schon 
erwähnt; wegen des Widerstandes einiger Kanoniker erbat der 
Bischof dafür die päpstliche Autorisation °). Für das Einhalten 
einer achtmonatlichen Residenz und eine regere Teilnahme am 
liturgischen Dienste sollten mehrere Verordnungen wirken, durch 
welche die Bezüge der Nichtresidierenden und Nichtteilnehmen- 
den gegenüber denen der Pflichttreuen stark gemindert er- 
scheinen; auf den Rat eines päpstlichen Legaten wurden ge- 
wisse Ausnahmen davon statuiert ‘). Eine ältere Vorschrift 
über Verwendung der Pfründeneinkünfte des einer Erledigung 


t) Oben Seite 49 f. — Ueber ihn Gallia Chr. XIV, 381 £. 
Piolinsı wel 

®) Oben Seite 201 ff. — Ueber ihn Gallia Chr. XIV, 383 ff.; 
Piolin IV, 67 fi. 

®) Liber Albus Seite 81 ff. Nr. COXLVIIL ft. 

*) Eba. Seite 83 f. Nr. CLI. — Vielfach wurde bekanntlich in den 
Kapitelsstatuten für eine bestimmte Zahl von Kanonikaten die Priester- 
weihe als Vorbedingung gefordert (Hinschius KRIL, 74; Schneider 
75 f. Nr. 54); in Chartres für 13 (siehe bei L&pinois et MerletII, 166 
Nr. CCCXXV von 1257. 268 Nr. CCCXCII) den Dekan des Kapitels 
und den Abt von St. Vall&e nicht mitgerechnet. 

°) Siehe über ihn Gallia Chr. XIV, 389 ff.; Piolin IV, 209 f. 

6) Oben Seite 238. 

‘) Liber Albus Seite 124 ff. Nr. CCVIL £. 79 Nr. CXLIV (vgl. 
48 Nr. XCIL£.). Vgl. 129 f. Nr. CCXIV f. 


Rechte des Papstes, der Synoden, des Metropoliten. 295 


folgenden Jahres zu Gunsten der Kirche erhielt Ausdehnung 
auf alle möglichen Gründe der Erledigung !). Eine weitere 
Vorschrift nahm die zum Kathedralklerus, aber nicht zu den 
Kanonikern gehörigen Priester ihres ordo wegen in die Kapitel- 
sitze auf °). Für die ganze Diözese wurde verboten die Plura- 
lität von Benefizien bei Suffizienz des einzelnen, auch die Ver- 
einigung einer Kirche zu eigenem Recht mit einer gepachteten, 
die Kollation von Kirchen an solche, die noch nicht das 
21. Lebensjahr vollendet, und die gleichzeitige Beleihung von 
zwei Personen mit selbständiger Berechtigung des Ueberleben- 
den. Die letzten Bestimmungen erliess Hamelinus in Gemein- 
schaft mit dem aus dem Kapitel von Le Mans hervorgegangenen 
Erzbischof Gaufrid von Tours, und dessen Nachfolger Johannes 
bestätigte sie auf einer Synode von Rennes; zwei päpstliche 
Legaten bestätigten sie ebenfalls, der zweite erweiterte sie sogar 
dahin, dass er jede Kumulation von Seelsorgbenefizien und 
ferner die Umgehung der Residenzpflicht durch Bestellung von 
Vikaren strengstens untersagte°). Auch die Zulassung der 
Kathedralpriester zu den Plätzen der Kanoniker führt das 
Kapitel auf eine Ermahnung des genannten Erzbischofs Gau- 
frid zurück *). — Der zweite Nachfolger des Hamelinus, Mau- 


?) Ebd. Seite 79 Nr. CXLIII. Vgl., was der Biograph von Hilde- 
bert berichtet (B. XLIV.M. 100): Statuit enim in capitulo matris ecelesiae 
cunctis canonieis assensum praebentibus, quatenus pro anima uniuscuiusque 
canonici a die obitus sui usque ad anniversarium praebendae, quam 
vivens obtinuerat, ex integro reditus per quingue et quinque sol. distri- 
buerentur sacerdotibus ecclesiae, qui minime sunt canonici; ipsi nempe 
missam, horas, vigilias defunctorum singulis diebus totius anni curriculo 
bini et bini per XXX dies pro eiusdem fratris anima Domino Deo nostro 
in nostra matre ecclesia honeste et regulariter decantarent. Et si reditus 
praebendae huiusmodi excederet [excederent?] eleemosynam, illud incre- 
mentum pauperibus et aedificationi Cenomanis [Cenomanensis ?] ecclesiae 
conferatur. 

2, Liber Albus Seite 132 Nr. CCXXIL. 

3) Ebd. Seite 110 f. Nr. CXCL£. 

4) Ebd., siehe die betreffende Anm. — Ueber Gaufrid von Tours 
siehe Gallia Chr. XIV, 99 £.; Piolin IV, 280 f. 


296 Zweites Kapitel. 


ricius (1216—1231 — vor ihm liegt die kurze Regierung des 
Bischofs Nikolaus, 1214—1216), gepriesen als ein Mann von 
solcher Frömmigkeit, wie seit fünf Jahrhunderten keiner den 
Stuhl von Le Mans inne gehabt, war Fortsetzer der Reformen !). 
Die wichtigsten derselben, welche die Einteilung der Diözese, 
die Rechte und Pflichten der Archidiakonen betrafen, wurden 
früher besprochen; ihnen wurde die Bestätigung des Metro- 
politen Juhellus zu teil ?). Diejenige eines Apostolischen Legaten 
erhielt das Dekret, laut welchem den ım Alter von 21 Jahren, 
aber noch in den niederen Weihen stehenden Kapitularen nach 
Leistung des Fidelitätseides Stimme im Kapitel, Pflicht und 
Würde der übrigen Kanoniker, aber vor Eintritt in die höheren 
Weihen nicht der ihren Besitzern vorbehaltene Platz zukommen 
sollte®). Darin glaubte man die richtige Mittelstellung für 
die promotionsscheuen Kanoniker gefunden zu haben, denen 
wir oben in dem Briefe Paschals II. an Ivo schon begegneten %). 
Bischof Mauricius wurde 1231 noch Erzbischof von Rouen. 

Wir verfolgen die Reihe dieser würdigen Kirchenfürsten 
nicht weiter; Gottfried von Loudun (1234—1255) wurde Legat 
Gregors IX. für Frankreich °). Nicht alle diese Bischöfe sind, 
wie u. a. der letztgenannte, aus dem Kapitel von Le Mans hervor- 
gegangen, aber sie waren doch dessen Erwählte und arbeiteten 
meist im Einvernehmen mit ihm °%). Und andere tüchtige Prä- 
laten derselben Zeit waren vorher seine Mitglieder gewesen. 
So konnten die Kanoniker sich der genannten Reformbischöfe 
von Tours, Gaufridus und Juhellus, welch letzterer noch den 
berühmtesten Sitz des Reiches, den Stuhl von Reims, bestieg, 


') Ueber ihn Gallia Chr. XIV, 394 ff.; Piolin IV, 265 £. 

2) Siehe oben Seite 278 ft. 

®) Liber Albus Seite 131 f. Nr. CCXXI. 155 Nr. CCLVII. — 
Siehe noch ebd. Seite 80 Nr. COXLVI. 

4) Oben Seite 285 f. 

> Piolın 1 V,u350: 

°) Letzteres beweisen die angeführten Urkunden; siehe insbesondere 
Liber Albus Seite 124 f. Nr. CCVII, wo der Bischof das Entgegen- 
kommen des Kapitels hervorhebt. 


Rechte des Papstes, der Synoden, des Metropoliten. 297 


sowie des in gleichem Sinne tätigen Bischofs Wilhelm von 
Angers (1202—1240) als einstiger Genossen rühmen '), und im 
Jahre 1236 wurde einer der ihrigen, der fromme Haimerich, 
Primas von Lyon — um später in den strengen Orden von 
Grammont einzutreten ?). Es war also wohl trotz bestehender 
Mängel kein eitles Wort, wenn Bischof Wilhelm II. (1255 bis 
1258), die dem Gottesdienst der Kathedrale gewidmeten Ein- 
künfte erhöhend, auf die Verdienste ihres Klerus, seine Wissen- 
schaft und Tugend hinwies °®): Die Ideale Hildeberts *) standen 
ein Jahrhundert nach seinem Tode bei einem erheblichen Teile 
seines Kapitels in Ehren, und seine Nachfolger waren auf beides 
bedacht geblieben, die Laien in ihre Schranken zu weisen’) 
und den Klerus zu bessern. 

Unter solchen Umständen konnten Reformbestrebungen 
angeregt und verfolgt werden, ohne dass es der Mitwirkung 
des Römischen Stuhles in auffälligem Masse bedurfte. Das 
möchte wohl im vorigen durch Gegenüberstellung von Chartres 
und Le Mans genügend dargelegt worden sein. Aber dieser 
Gegensatz scheint bereits zur Zeit Ivos und Hildeberts bestanden 
zu haben. Urteilt man nach dem, was wir von beiden wissen, 
so hat zwar der eine wie der andere gegen unliebsame Ein- 
mischungen der Kurie protestiert, aber Hildebert dieselbe 
weniger in Anspruch genommen als der Bischof von Chartres. 
Die Gründe dafür haben dann hauptsächlich in den Verhält- 
nissen gelegen, z. B. darin, dass Ivo einem widerspenstigen 
Kapitel gegenüberstand und manche denunziationslüsterne Feinde 
hatte; denn in den Grundsätzen stimmten beide, wie wir schon 
bis jetzt hinreichend sehen konnten, zu sehr überein. Möglich 
trotzdem, dass unser Bischof etwas weniger geneigt war, in 
Schwierigkeiten den Papst zur Hilfe zu rufen, und lieber sich 


SaRr0lan1V,.9502974 83 Ga1l1a Chr? XIV2 105. 
#Pr1olın. IV 851T 

®) Liber Albus Seite 150 f. Nr. CCL (215 Nr. CCCOXLVH). 
4) Oben Seite. 102 fi. 

5) Oben Seite 201 ff. 


298 Zweites Kapitel. 


selbständig entschied, sei es auch zum Dulden oder Tun des 
streng genommen nicht Gestatteten. So konnten wir z. B. 
nicht finden, dass er der Pfründenkumulation genügend wider- 
standen habe !), so scheint er es auch mit dem sogenannten 
Altarloskauf leichter genommen zu haben, als Ivo ?). 

Bei dem Ueberblick über die spätere Reformperiode von 
Le Mans konnte es uns auffallen, dass die Erzbischöfe von 
Tours in den betreffenden Diözesanangelegenheiten mitwirkten. 
Ein Aufsichtsrecht stand den Metropoliten in derartigen Dingen 
ohne Zweifel zu’), und wenn sie das Bedürfnis hatten, es 
zu Gunsten von Reformen zu betätigen, wird man sie gern 
dafür in Anspruch genommen haben. Gerade deshalb aber, 
weil sie sich dieser Richtung gegenüber in der wichtigsten Zeit 
vielfach feindlich oder wenigstens zurückhaltend benahmen, so 
dass päpstliche Legaten und die Päpste selbst ihre Aufgabe 
in die Hand nehmen mussten, ging ihr Einfluss und ihre ganze 
Rechtsstellung zurück *). So ist auch unter Hildeberts Regierung 
zu Le Mans von irgend welcher erheblichen Beteiligung seiner 
Metropoliten an den Ereignissen der Diözese nichts zu be- 
merken. Hildebert selbst hat zwar einzelne Gelegenheiten ge- 
funden und benutzt, seine Auktorität geltend zu machen °), aber 
für das Stellenbesetzungsrecht kommen dieselben nicht ersicht- 
lich in Betracht. Einen Beweis von ausgeprägtem Metropoli- 
tanrechtsbewusstsein gab gerade in jener späteren Reformperiode 
und in Bezug auf Le Mans der Erzbischof Bartholomäus II. 
von Tours (1174—1206)°). Vielleicht im Einverständnis mit 
Bischof Hamelinus bestätigte er 1205 ein von diesem oder 


!) Oben Seite 49 ff. 

2) Oben Seite 254 ff. 

°®) Siehe Hinschius KR II, 15. 

“) Vgl. Imbart de la Tour, Les &lections, Seite 476 (506) ff. 

5) Briefe Hildeberts II, 20 (B. 104 ff. M. 229 ff. — siehe oben 
Seite 265 A. 1.); M. 318 Nr. VI; bei Aur&lien de Courson Seite 299 
(Nr. CCCXLVII — siehe oben Seite 271 f. Anm. 5). 

°) Siehe über ihn Gallia Chr. XIV, 92 £. 


Rechte klerikaler Organe: Entwicklung. 299 


vielmehr von einem päpstlichen Legaten dem Kapitel von Le 
Mans verliehenes Privileg nur unter nachdrücklichem Vorbehalt 
der Metropolitanrechte und unter Hervorhebung der Obedienz- 
und Reverenzpflichten einer Suffragankirche). Aber gerade 
in dieser selben Zeit, unter den Erzbischöfen Johannes (1208 
bis 1228) und Juhellus (1229—1245), den Bischöfen Mauricius 
(1216—1231) und Gaufrid II. (1234—1255) kam es zu hart- 
näckigen Jurisdiktionsstreitigkeiten, die mit dem Siege der 
Bischöfe endisten ?). 

5. Am Schlussabschnitte dieses Kapitels angekommen, der 
die Darstellung des Fortschritts, den die vorbehandelten Rechts- 
verhältnisse durchgemacht haben, noch in etwa ergänzen soll, 
fassen wir die schon erwähnte Tatsache etwas näher ins Auge, 
dass Hildebert, soviel bekannt ist, wenig getan hat, um die von 
der Kirche gewünschte und im allgemeinen ziemlich rege be- 
triebene Regularisation des Klerus, insbesondere der Kapitel, 
in seinen Diözesen zu verwirklichen ®). Sicher wissen wir nur 
von einem einzigen Falle der Einführung regulierter Kanoniker, 
und da handelt es sich um die Gründung einer Abtei von 
Augustinerchorherren an einem gerade zu diesem Zweck ge- 
schenkten Ort, in Beaulieu *). Ein zweites Beispiel ist vielleicht 
der misslungene Versuch Hildeberts, das Stift St. Georg vom 
Walde zu reformieren ’). Womit soll man diese Zurückhaltung 
bei einem der Reform ergebenen Bischof erklären? An äusseren 
Anregungen hat es ihm wahrlich nicht gefehlt. Es war ein 
ehemaliger Bischof von Le Mans, der von dort transferierte 
Erzbischof Gervasius von Reims, der nach dem Vorgange des 
lateranensischen Klerus zuerst oder doch als einer der ersten 


!) Liber Albus Seite 119 f. Nr. CCIII, dazu unten II, 5. 

2) Piolin IV, 272 ff. 354 £. 

3) Vgl. oben Seite 108 f. 158 f. 212. 214 fi. 228 ff. Vgl. noch zu dieser 
Bewegung, insbesondere für Deutschland und Gerhoh von Reichersberg: 
Ribbeck 7 f. 13. 41. 

4) Gallia Chr. XIV, 512; bei Piolin III, 699 Nr. LXX, vgl. 597 ft. 

5) Bei Migne Seite 318 f. Nr. VII. 


300 Zweites Kapitel. 


in Frankreich die sogenannte Regel des h. Augustinus auf den 
Leuchter erhob, indem er gegen 1067 das von ihm wieder- 
hergestellte Kloster St. Denis von Reims derselben unterwarf '). 
Ja, in Angriff genommen hatte er die Ausführung einer Reform 
auf der Basis jener oder einer ähnlichen Regel schon beim 
Domkapitel von Le Mans, also um ein bedeutendes früher ?). 
Es war ferner Ivo von Chartres, also ein Vorbild unseres 
Bischofs, der als Prior von St. Quentin zu Beauvais seit c. 1078 
Regularkanoniker nach reformierter Regel rühmlichst leitete, 
diese Leitung auch als Bischof im Interesse der guten Sache 
noch eine Zeitlang beibehielt, zu jeder Zeit um die Verbrei- 
tung dieses Institutes sich viel bemühte und auch sein Dom- 
kapitel zu regularisieren wenigstens lebhaft wünschte). Es 
war endlich ein von ihm hochgeschätzter und ihm befreundeter 


!) Bei Marlot Ill, 382 #. 703 ff. Vgl. Piolin III, 222 £., Jaffe 
Reg. I, 581 Nr. 4632. 

?), Liber Albus Seite 96 f. (Nr. CLXXVII): Concedo quoque 
vobis illam aulam patris mei ... cum omnibus areis indominicatis ..., 
cum nemore ad construendas claustri offieinas, quod ad aedificandum 
elaborare nitor, ut ibi Domino regulariter et canonice studeatis mili- 
tare .... Claustro vero nondum praeparato et quamdiu simul non come- 
datis ete., siehe oben Seite 247 Anm. 1. Vgl., wie im Eingang der Ur- 
kunde die väterliche Liebe und Sorge des Bischofs für seine Kanoniker 
zum Ausdruck kommt. Die Urkunde wird in der Ausgabe des Liber 
Albus der Zeit von 1040—1047 zugeschrieben. — Vgl. Piolin III, 195 ff. 
Ebd. 440 wird eine Stelle des Biographen dahin ausgelegt, dass Hilde- 
bert die Absicht des Gervasius wieder aufgenommen (aber auch der 
Schwierigkeiten wegen nicht durchgesetzt) habe. Die Worte sind indes 
zu unbestimmt, um diesen Schluss zu rechtfertigen: ... dici non potest, 
quam studiose, quam strenue exteriorum ministrationibus insistebat (den 
Gegensatz bildet sein eigenes inneres Leben) et ea, quae antecessorum suo- 
rum negligentia vel destructa fuerant vel omissa, infatigabili studio instau- 
rare satagebat. Continuo namque domum capituli, quae ibi ex multo tem- 
pore nulla penitus habebatur, laudabili opere coepit a fundamentis 
construere... multaque alia facere disponebat, nisi magnis supervenien- 
tibus tribulationibus fuisset impeditus. 

®) Foucault5f.39 ff.; Lavisse II! 253; Briefe Ivos 69 (M. 88 £.). 
213 (M. 216 f.). 219 (M. 223 ff.) ; wahrscheinlich gehört auch 274 (M. 276 f.) 


Rechte klerikaler Organe: Entwicklung. 301 


Lehrer, Wilhelm von Champeaux !), später Bischof von Chalons- 
sur-Marne, der bald nach seinem im Jahre 1108 erfolgten 
Austritt aus der Domschule von Paris das verfallene Kloster 
St. Victor in ein Augustinerchorherrenstift verwandelte; von 
dort aber ging noch zu Hildeberts Zeit die Neugründung oder 
Reformierung einer grossen Zahl von Klöstern aus, nach einer 
Regel, die mit dem h. Augustinus auch den h. Benediktus zu 
Ehren kommen liess?). Davon endlich, dass auch der Prä- 
monstratenserorden vom h. Norbert noch 12 Jahre vor dem Tode 
unseres Bischofs gegründet wurde, möge abgesehen werden’). 

Das Angeführte dürfte die oben gestellte Frage nach einer 
Erklärung für Hildeberts Verhalten hinreichend rechtfertigen. 
Nun wurde schon früher bezüglich der Domkapitel auf die 
grossen Schwierigkeiten hingewiesen, welche der Wiederher- 
stellung des gemeinschaftlichen Lebens von seiten der freiheits- 
liebenden Kanoniker und ihrer Freunde unter den Laien be- 
reitet werden konnten‘). Daher waren es der Domkapitel 
wohl verhältnismässig wenige, bei welchen sie gelang’). Aber 
auch sonst scheinen Enttäuschungen nicht selten gewesen zu 


hierher. — Vgl. bei D’Achery, Spicilegium III, 415: Illis ergo atten- 
dentibus diversas congregationes istius ordinis (regularium canonicorım) 
refulsit ecclesia Beati Quintini Belvacensis. — In dem Briefe Ivos 219 
(M. 223) heisst es: Cum enim in quampluribus canonicorum Carnoten- 
sium desuevisset disciplinae regularis observantia, ut de negligentibus 
facerem diligentes, de somnolentis vigiles, de tardis assiduos ad frequen- 
tandas horas canonicas, deliberavi apud me, ut darem eis dimidiam prae- 
posituram, ut inde fieret quotidianus panis, quem acciperent assidui, amit- 
terent tardi, ut, ad quas (quod) eos panis interni dulcedo non movebat, 
panis corporei refectio provocaret, quamvis eorum annua praebenda eis 
ad hoc sufficiens esse deberet. 

!) Brief Hildeberts1,1(B.1 ff. M. 141 ff.), dazuDieudonne 241 ff. 

®) Heimbucher bei Wetzer und Welte XII, 913 ff. 

3) Wurm ebd. X, 267 ff. 

#) Oben Seite 159. 

5) Hinschius KR II, 57 f. Note 7 nennt von französischen Besancon, 
Cahors, Avignon, Seez. — In der Provinz Tours erhielt das Kapitel von 
Aleth unter Johannes von Chätillon (1144—1163) die Regel der Vikto- 


302 Zweites Kapitel. 


sein. Wir rechneten schon oben dahin die Erfahrungen, welche 
Hildebert mit dem Kollegiatstift St. Georg vom Walde machen 
musste. Nachdem er den dortigen Klerikern längere Zeit zu 
einer von ihnen angeblich erstrebten Reformierung mit Rat 
und Tat vergebens beigestanden, blieb ihm am Ende nichts 
anderes übrig, als die Kirche an die Abtei Marmoutier behufs 
Einführung der Mönchsdisziplin abzutreten '). Ganz dieselben 
Schicksale sah er seinen Amtshbruder Benedikt von Nantes an 
einem Stift von St. Medardus erleben. Im Jahre 1105 war 
er Zeuge davon, wie diese Kirche der Augustinerregel gewidmet 
wurde ?); vier Jahre später, auf der Synode von Loudun am 
18. Oktober 1109, vernahm er schon, wie sie nach einem 
schnell eingetretenen und trotz aller Mahnungen und Drohungen 
unaufhaltsamen Verfall der Regel ebenfalls den Benediktinern 
von Marmoutier überlassen wurde. Auf Bitte der vier Kanoniker 
sah man aber vorläufig noch von ihrer Verabschiedung und 
von Inbesitznahme des Klosters ab, bis dass sie im folgenden 
Jahre selbst um Einverleibung baten ?). — Solcher Erfahrungen 
mögen unserem Bischof noch mehr vor Augen getreten sein, 
und man darf ihm dann zutrauen, dass er die Entwicklung in 
den meisten der alten Kapitel und im Säkularklerus überhaupt 
für zu weit fortgeschritten, das in den letzten Zügen liegende, 
an den meisten Orten schon erstorbene Institut der vita com- 
munis für zu altersschwach erkannte, um an seine Wieder- 
belebung in weitem Umfang und auf lange Dauer zu glauben. 
Das 13. bis 14. Jahrhundert trug in der Tat diesen mit vieler 
Mühe anscheinend zu neuer Jugend geführten Sprössling einer 
früheren Reform für immer zu Grabe ®). 

Betrachten wir aber die Frage noch näher vom Gesichts- 


riner; 1319 wurde es von Papst Johannes XXII. wieder säkularisiert, 
nach Gallia Chr. XIV, 995 £. 
!) Siehe bei Migne Seite 318 f. Nr. VII. Vgl. PiolinIII, 590 £. 
?) Bei Martene-Durand, Thesaurus I, 315 £. 
°) Ebd. 1,318 ff; Mansi XXI, 3ff.; GalliaChr.XIV Instr., 174£.Nr.V. 
*) Hinschius KRTI, 58. 


Rechte klerikaler Organe: Entwicklung. 303 


punkte des Stellenrechts! Unter den Gründungen Ivos erweckt 
diejenige ein besonderes Interesse, die er nach langem Sehnen 
und Planen bei Chartres selbst mit Hilfe seines Domkapitels 
im Jahre 1100 zu stande brachte). Es mag ihn dabei in 
etwa der Wunsch geleitet haben, der bei Gelegenheit einer 
Neugründung der gleichen Art in Toul zum Ausdruck kommt: 
die drei Stufen eines vollkommeneren religiösen Lebens, des 
Säkular- und des Regularkanonikats und des Mönchtums in 
seiner Bischofstadt vereinigt zu sehen ?). Vor allem aber wird 
er davon eine günstige Einwirkung auf sein Domkapitel, wohl 
gar eine allmähliche Gewinnung desselben für ein ähnliches, 
dem Privateigentum entsagendes Leben erhofft haben; trat doch 
das Johannesstift mit dem Kapitel in eine sehr enge Verbin- 
dung, indem es für alle Zeiten den Anspruch auf eine Dom- 
pfründe, ferner auf die Einkünfte eines vollen Jahres nach 
Erledigung jeder Pfründe erhielt. Die Besetzung des Vor- 
steheramtes wurde hier nun folgendermassen geordnet: Die 
Brüder wählen sich ihren Abt aus ihrer, oder in Ermangelung 
einer geeigneten Persönlichkeit aus einer anderen Regularen- 
kongregation und ziehen zu dieser Wahl einige Personen von 
gesundem Urteil hinzu. Der Gewählte ist im versammelten 
Kathedralkapitel zu präsentieren und empfängt vom Bischof 
das Amt. Vergleichen wir damit die Vorschrift, welche von 
Marmoutier für das einverleibte Medarduskloster der Diözese 
Nantes aufgestellt wird! Unter dem Beirat der Mitglieder des- 
selben setzt der Abt von Marmoutier den Prior der Kirche und 
ihrer Obedienzen ein und ab, und zwar erwählt er diese Vor- 
steher aus den dortigen Konventualen; so sei die Uebung bei 
den Dependenzen von Marmoutier ’). Hiernach möchte es uns 


!) Bei L&epinois et MerletI, 100 ff. Nr. XXIII. Die Kardinäle 
Johannes und Benediktus, welche am 30. September 1100 zu Valence 
und am 18. November zu Poitiers Synoden abhielten (Hefele, Üg.V, 
261), waren bei dem Akte zugegen. 

?\ Gallia Chr. XIII Instr., 474 (Nr. XXVI). 

®) Mart&ne-Durand, Thesaurus I, 320. 


304 Zweites Kapitel. 


scheinen, dass Hildebert vom Gesichtspunkte der Stellenbesetzung 
einen schlechten Tausch machte, als er sein Kollegiatstift in 
einen Mönchskonvent verwandelte. Wäre dem so, dann hätte 
er eben im Interesse der Reform ein Opfer gebracht, denn Mar- 
moutier, der Kluniazenserrichtung angehörig, war damals in 
jener Gegend Hauptherd der Klosterreform ). Es ist jedoch 
sehr fraglich, ob die besagte Voraussetzung der Wirklichkeit 
entspricht. Der Bericht von Marmoutier berücksichtigt ja nur 
das Verhältnis zwischen der Abteı und dem Priorat, lässt also 
die Frage nach der Mitwirkung des Bischofs offen; dessen Recht 
wird nicht überall dasselbe gewesen sein. Die Konstitution 
Ivos aber behandelt den Abt von St. Johannes als Mitglied 
des Kapitels; denn es heisst darin sofort, er habe gleich den 
anderen Kanonikern in der Kathedrale die Funktionen des 
Hebdomadars zu versehen. — In Wirklichkeit nahmen die 
Regularkapitel naturgemäss das Wesen und das Reglement der 
Mönchskonvente an, das bei deren Abgeschlossenheit vielfach, 
wenigstens in dieser Zeit noch, für den Bischof ungünstiger 
war, als das der Säkularkapitel und als die Rechtslage der 
nicht vereinigten Geistlichkeit. Da gab es also eine Bestellung 
der Dignitare und der Dependenzenvorsteher zum mindesten 
nicht ohne erhebliche Mitwirkung der Konventualen, und da 
war insbesondere die Neigung, sich der Macht des Bischofs 
durch Exemption ganz zu entziehen. Und nun bedenke man, 


) Gallia Chr. XIV, 194f. — In Urkunden von St. Vincenz 
wird öfter hervorgehoben, dass dessen Abt Wilhelm, seit etwa 1106 
Nachfolger Rannulfs, vorher Mönch von Marmoutier war. So insbeson- 
dere bei Charles et Menjot d’Elbenne Sp. 85 Nr. 132, wo er zu 
seinem Vorgänger in einen gewissen Gegensatz gestellt wird: Cum autem 
Dei misericordia alium abbatem domnum Willelmum, videlicet Majoris 
Monasterii monachum, nobis praestitisset et ille rem istam inordinate 
factam cognovisset ... Es handelt sich um die oben Seite 149 mit- 
geteilte Angelegenheit. Dieser Abt, nicht sein gleichnamiger Nachfolger 
war es jedenfalls, der mit unserem Bischof in enger Beziehung stand; 
siehe Brief Hildeberts I, 22 (B. 66 ff. M. 197 ff.) und Dieudonn& 
177 £.249 ff. Vgl. Gallia Chr. XIV, 459 f. — Vgl. ob. 8. 250. 180 A. 1. 


Rechte klerikaler Organe: Entwicklung. 305 


wie viele Kirchen die zahlreichen Klöster und Stifter damals 
an sich zogen, wie gross somit die Gefahr war, dass die 
Stellenbesetzung in immer weiterem Umfang den kirchlichen 
Genossenschaften anheimfiel, der Kampf gegen die Laienrechte 
also jenen und nicht der bischöflichen Gewalt zu statten kam !)! 

Bei einer solchen Sachlage konnte auch Vorsicht und Klug- 
heit einen Bischof davon abhalten, sich allzu sehr um eine 
weitere Regularisierung des Klerus zu bemühen, die Zahl der 
Genossenschaften zu vermehren und ihren inneren Zusammen- 
halt zu festigen, erst recht aber, wenn er dazu an einen nach- 
haltigen Erfolg des Unternehmens nicht glaubte. Dass durch 
eine so veranlasste Zurückhaltung der Reform der Domkapitel 
Eintrag geschehen wäre, hat uns die Geschichte derjenigen von 
Le Mans und Tours nicht bewiesen, und auch für den übrigen 
Weltklerus konnte das verschmähte Mittel durch erhöhte Ge- 
wissenhaftigkeit und intensivere Arbeit der Bischöfe und ihrer 
Beamten so gut wie ersetzt werden. Jedenfalls aber muss 
behauptet werden, dass die Regularkapitel die Weiterentwick- 
lung des Stellenbesetzungswesens der Diözesen zu verderblichen 
Extremen nicht verhindert haben und auch in grösserer An- 
zahl nicht verhindert haben würden. 

Dieser Weiterentwicklung, die in den drei Momenten 
einer übermässigen Beteiligung des Papsttums, allzugrosser 
Selbständigkeit der Domkapitel und anderer Genossenschaften 
und im Inkorporationswesen sich kennzeichnet, sind wir noch 
einige Aufmerksamkeit schuldig. 

Bezüglich der Uebertreibung des päpstlichen Rechtes, in 
die Diözesanstellenbesetzung einzugreifen, können wir uns hier 
mit dem einfachen Hinweis auf die aus der allgemeinen Ge- 
schichte genugsam bekannte Tatsache und auf das im vorigen 
Abschnitt hierzu Ausgeführte begnügen. Man weiss, welche 


) Aus solchen Verhältnissen heraus wird man auch die Abneigung 
von Bischöfen, Regularkanoniker in der Seelsorge wirken zu lassen, er- 
klären müssen; Ivo bezeugt und bekämpft sie in den Briefen 69 (M. 88.) 
213 (M. 216 f£.). — Vgl. oben Seite 253 £. 

Barth, Hildebert von Layardin. 20 


306 Zweites Kapitel. 


Rolle die Reservationen, Exspektanzen, Kumulationen und An- 
naten in der Folgezeit gespielt haben. Man vergesse nur nicht, 
dass der Ursprung dieser Eingriffe in den Reformbestrebungen 
zu suchen ist, und dass sie auch später sehr häufig als ein 
Gegenmittel gegen die Exklusivität der Kapitel und gegen die 
Gewissenlosigkeit der durch die päpstlichen Rechte Beschränk- 
ten heilsam wirkten. Eine der Aufhebung gleichkommende 
Reduktion erfuhr diese Art von unmittelbarer Teilnahme des 
Römischen Stuhles an der Diözesanregierung bekanntlich durch 
die den jüngsten Säkularisationen nachfolgende Neugestaltung 
des Stellenbesetzungswesens. 

Die Herrschsucht der Domkapitel!) hat in der Geschichte 
von Le Mans ein zu wichtiges Denkmal hinterlassen, als dass 
wir auch an ihr so schnell vorübergehen könnten. Wir haben 
der Vorbildlichkeit des Kapitels von Chartres für das von Le 
Mans bereits gedacht, hier tritt sie uns im hellsten Lichte 
entgegen. Um die Wende des 11. zum 12. Jahrhundert 
ist ein Brief des ersteren an das letztere geschrieben ?), aus 
welchem hervorgeht, dass die Kanoniker von Le Mans durch 
eine Deputation sich an ihre Mitbrüder von Chartres gewendet 
haben, um die dem dortigen Kapitel zustehenden Rechte des 
näheren kennen zu lernen. Die Kapitulare von Chartres er- 
klären ihrerseits, von den Nachahmungsgelüsten des Nachbar- 
kapitels sehr angenehm berührt zu sein und der ihnen gestellten 
Aufgabe mit umso grösserem Eifer sich entledigt zu haben, 
je enger sie sich den Adressaten von jeher und für alle Zeit in 
Freundschaft verbunden fühlen. Schreiben wir davon auch etwas 
der Höflichkeitsphrase zu gute, so empfindet man doch, wie 
stolz die Herren von Chartres auf ihre Rechtsstellung und deren 
Vorbildlichkeit waren. Das zeigt auch der Schluss des Briefes, 
die Mahnung an die Brüder, ihren Bischof Hamelinus, der sie 


!) Vgl. Hinschius KR II, 143 ff. 

?) Bei L&epinois et Merlet II, 3f£. (vel. ebd. I, CXIVf.); 
Liber Albus Seite 121 ff. Nr. CCVI. Die Texte stimmen nicht voll- 
ständig überein, insbesondere ist der von Chartres am Schluss verstümmelt. 


Rechte klerikaler Organe: Entwicklung. 307 


und ihre Kirche mit so unschätzbarer Freiheit beschenke, über 
alle ihre Wohltäter nächst dem Begründer ihrer Kirche (so- 
fern sie etwa glauben sollten, diesen vorziehen zu 
müssen) mit der glühendsten Ergebenheit zu lieben. Damit 
war der Gipfel des Dünkels erstiegen, nur ist es zweifelhaft, 
von welchem der beiden Korrespondenten, weil der hervor- 
gehobene Passus nur in dem Cartularıum von Le Mans, nicht 
in demjenigen von Chartres zu finden ist; wir werden indes 
den Schreibern des Briefes kein Unrecht tun, wenn wir ihnen 
die Worte eher zutrauen als den Adressaten. 

Und jetzt der Inhalt! Er bedeutet eine weitgehende Exemp- 
tion des Kapitels von der Jurisdiktion des Bischofs und eine 
weitgehende Unterwerfung der Diözese unter die Gewalt des 
Kapitels. „Der Bischof ist Richter unserer Gemeinschaft 
gegenüber Auswärtigen, und die Gemeinschaft Richter der 
einzelnen, so dass auch der geringste Kanoniker unserer Kirche, 
von der Jurisdiktion des Bischofs gänzlich frei und immun, dem 
Kapitel als seinem Herrn steht und fällt.“ Entsprechendes 
gilt von allen Klerikern de choro und allen übrigen Unter- 
gebenen des Kapitels oder der einzelnen Kanoniker. Nur bei 
Justizverweigerung von seiten des Kapitels kann der Bischof 
einschreiten; ausserdem können die Inhaber von Personaten 
auf Grund der Fidelität, zu der sie unter dem den Personaten 
anhaftenden Mannschaftsverhältnis von alters her sich zu ver- 
pflichten hatten !), vom Bischof im Kapitelshause und unter 
Kontrolle der übrigen personae zur Rechenschaft gezogen 
werden. Und sogar in Sachen des Kapitels oder eines einzel- 
nen Kanonikers oder Kathedralklerikers gegen andere Personen 
oder Kommunitäten der Diözese, wobei die Aufsichtsrechte der 
Domkirche in Betracht kommen, hat der Bischof zu schweigen; 
sie sind vom Archidiakon an das Kapitel zu verweisen, und 
dessen Urteile sind von dem Archidiakon, dem Dekan und 
Presbyter zu exequieren. In Verfolgung von ihm widerfahrenem 


1) Siehe oben Seite 217. 239 £. 


308 Zweites Kapitel. 


Unrecht darf sich das Kapitel selbständig des Interdiktes 
bedienen, insbesondere darf es dasselbe wegen eines Vergehens 
des Grafen oder seiner Beamten über die Kathedrale und die 
Stadt Chartres verhängen. Dagegen ist der Bischof weder zur 
Verhängung des Interdiktes über Stadt und Kathedrale, noch vor 
vollendeter Genugtuung zur Modifikation irgend einer vom Ka- 
pitel gefällten Strafsentenz berechtigt. „In Bezug auf die dem 
Kapitel unterworfenen Kirchen sowie deren Diener und Pfarr- 
angehörige haben Bischof und Archidiakon keinerlei Gewalt, 
sondern es fungieren die in Pfründnergemeinschaft daran 
beteiligten Kanoniker!) als Archidiakonen, während Appel- 
lationen u. dgl. an das Kapitel statt des Bischofs gehen.“ Für 
die Handlungen ausschliesslich bischöflichen Rechts, wie Ordi- 
nation und Kirchenweihe, ist in der Regel der eigene Bischof 
zu requirieren; wenn er abwesend ist oder ablehnt, ein anderer. 
Der Bischof endlich muss sich gewohnheitsrechtlich durch einen 
vor der Konsekration im Kapitel zu leistenden Eid zur treuen 
Beobachtung aller geschriebenen und ungeschriebenen Uebungen 
und Privilegien dem Kapitel verpflichten. Verfehlt er sich da- 
gegen oder auch der Archidiakon, so kann das Kapitel die Ka- 
thedrale dem Interdikt unterwerfen, ausserdem aber den Archi- 
dıakon selbst bestrafen, den Bischof durch den höheren Richter 
bestrafen lassen ?). 

Wann und wie sind diese Rechte und Freiheiten entstanden? 
Die Herausgeber des Domurkundenbuches von Chartres unter- 
suchen diese Frage°). Sie zeigen, dass unter Fulbert und Ivo 


') Die oben Seite 237 erwähnte Reform bezüglich der Kapitels- 
güter erfolgte so, dass immer zwei und mehr Pfründner für die Ver- 
waltung und namentlich die Ausübung der Gerichtsbarkeit sich ver- 
einigten; siehe bei L&epinois et Merlet ], 188 (Nr. LXXXV]). 

?) Zum Schlusse heisst es, man habe einiges von den Gewohnheiten, 
das vielleicht für die Adressaten interessant sei, aus vielen dringenden Grün- 
den hier nicht aufgezeichnet, man sei aber bereit, es bei anderer Gelegenheit 
auf erneutes Ersuchen hin mitzuteilen. — Weitere Punkte aus späterer 
Zeit siehe bei L&pinois et Merlet I, OXVL £.; vgl. II, 268 Nr. CCCXCIII. 

2). EbQ. L CXVUIE, 


Rechte klerikaler Organe: Entwicklung. 309 


noch nicht davon die Rede sein kann. „Kurz“, so fassen sie 
das über letzteren Ausgeführte zusammen, „alle Briefe und 
Verordnungen dieses grossen Prälaten tun dar, dass er sich 
bei jeder Gelegenheit als den Vorsteher und Hüter seiner Ka- 
noniker betrachtete, und dass er direkt in ihre Disziplinar- 
angelegenheiten sich einmischte, dass er sie unterstützte in 
Streitigkeiten mit Auswärtigen, aber ihren Widerstand zu 
brechen wusste, wenn sie an seiner bischöflichen Auktorität 
sich vergriffen.“ Ebenso habe es sich unter seinen Nachfol- 
gern verhalten bis auf Reginald von Moucon (1182—-1217). 
Erst nach Befreiung vom Joch der Pröpste, nach diesem ersten 
Erfolge hätten die Kanoniker wahrscheinlich Schritt für Schritt 
die Uebungen und Freiheiten der Kirche von Chartres zu 
Tage gefördert, unterstützt von einigen Päpsten des 12. 
und 13. Jahrhunderts. — Im ganzen hat uns das bisher 
aus den Ereignissen von Chartres Beigebrachte diese Sätze 
bestätigt. Zu betonen ist aber, dass das Streben nach neuen 
Rechten schon unter Ivo ein sehr kräftiges war!), dass es 
unter Gaufrid einen bedeutsamen Sieg in dem Rechte der De- 
kanswahl errungen?) und in den das Jahrhundert erfüllenden 
Kämpfen gegen die Pröpste sich weiter erprobt und bewährt 
hat’). Vor allem darf nicht die Rolle übersehen werden, die 
dem Bischof Reginald in dieser Entwicklungsgeschichte anzu- 
weisen ist. Sein tadelnswertes Benehmen und die von ihm 
heraufbeschworene päpstliche Bevormundung *) bedeutete für 
die Ausbildung von Kapitelsprivilegien eine äusserst günstige Ge- 
legenheit, und diese hat sich das Kapitel nicht entgehen lassen. 
Beweis dafür ist schon das päpstliche Dekret, das es zur Wah- 
rung der Rechte seiner Archidiakonen sich verschaffte’). Beweis 
dafür ist weiter ein aus demselben Monat (vom 2. Juni 1195) 


!) Siehe oben Seite 218 ff. 
?) Siehe oben Seite 227 f. 
®) Siehe oben Seite 235 ff. 
4) Siehe oben Seite 292 f. 
5) Siehe oben Seite 231. 


310 Zweites Kapitel. 


stammendes Breve, worin den Kapitularen für die von ihnen 
behauptete Pflicht des Bischofs, den oben bezeichneten Eid zu 
leisten, die päpstliche Bestätigung zu teil wird, und zwar unter 
einer Klausel, welche das Urteil darüber, ob etwas Uebung 
oder Privilegium ist, dem Kapitel anheimgiebt!). Wie weit 
die Gewohnheiten selbst in diesem Jahre schon umschrieben 
waren, besagt der Brief nicht’), die „forma ecclesiae Carno- 
tensis“, deren Inhalt wir durchgegangen sind, wurde aber um 
die Wende des Jahrhunderts in Le Mans „rezipiert“ °). Dass 
Cölestin III. sich hier vorsichtig und für die Stellung des 
Bischofs besorgt erwiesen habe, kann jedenfalls nicht be- 
hauptet werden %). 

Auch bei der Uebertragung der in Chartres formulierten 
Uebungen nach Le Mans ist der Apostolische Stuhl beteiligt. 
An seinen Legaten wendet sich das Kapitel mit der Bitte, 
seinem Wunsche bei dem Bischof Gehör zu verschaffen, ja 


!) Lepinois et Merlet I, 246 Nr. OXXV; vgl. die vorher- 
gehende Urkunde; vgl. auch Seite 248 f. Nr. COXXVIII vom 19. Juni 
1195, wo der Papst den Erzbischof und den Archidiakon von Sens auf 
Bitten eines Kanonikers von Chartres für den Schutz der Kapitelsrechte 
bestellt. 

2) Wenn die in der vorigen Anmerkung zuletzt genannte Urkunde 
sagt: „Cum ... antiquae et rationabiles consuetudines eiusdem ecclesiae, 
ad quas observandas venerabilis frater noster Carnotensis episcopus jura- 
mento tenetur, approbata ipsius juramenti forma a nobis fuerint plenius 
confirmatae, so scheint dem Papste der Inhalt jener Gewohnheiten in 
irgend einer Form vorgelegen zu haben. 

®) Vgl. die Ueberschrift der forma Carnotensis im Liber Albus 
Seite 121. 

*) Der Exemption von bischöflicher Gewalt erfreuten sich in der 
Kirchenprovinz Tours das Regular-Domkapitel von St. Maclovius (Aleth, — 
siehe Gallia Chr. XIV, 995 £.; oben Seite 301 f. Anm. 5) und das Dom- 
kapitel von Angers, das aber nicht direkt dem Papste, sondern dem 
Erzbischof von Tours unterstand (siehe Gallia Chr. XIV, 543; bei 
L. deGrandmaisonII, 217 ff. Nr. COLXXXV f£. 235 ff. Nr. COXCII £., 
Urkunden des 15. Jahrhunderts), auch das Domkapitel von Tours (siehe 
ebd. II, 247 fi. Nr. COXCVI. 260 ff. Nr. CCCH). 


Rechte klerikaler Organe: Entwicklung. 311 


selbst eigenmächtig die Verleihung des Rechtes auszusprechen. 
Der Legat Octavianus erklärt indes, er habe es für richtiger 
gehalten, im Einvernehmen mit dem Bischof zu handeln, und 
so gewährt er das Verlangte mit dessen Bewilligung; dazu 
gibt der Papst seine Bestätigung. Wenn der Legat bemerkt, 
er habe mit dem Bischof recht eindringlich in der Sache 
geredet und denselben so gütig und freudig geneigt gefunden, 
dass er ihn, den Legaten, mit der Verleihung betraut habe, 
so möchte man den Umständen gemäss in diesen Worten die 
höfliche Umdeutung einer weniger höflichen Antwort des 
Bischofs erblicken. Hamelinus entschloss sich indes doch auch 
noch zu einer Beurkundung der fraglichen Konzession, wobei 
er erklärt, auf den Rat des Legaten den Bitten des Kapitels 
willfahrt zu haben, und er begründet den Schritt damit, dass 
er von Amts wegen, zu Zwecken der Visitation, manchmal länger 
als gut der Bischofsstadt fern zu bleiben genötigt sei!). Die 
Rezeption der forma Carnotensis ecclesiae wird übrigens in dem 
Sinne konzediert, dass das Kapitel die kanonische Justiz im 
Bereiche der ganzen Diözese über alle diejenigen soll ausüben 
dürfen, die sich gegen die Kapitulare, ihr Gebiet und ihre 
Leute vergehen’). In diesen Worten ist offenbar nur ein ein- 
zelner Bestandteil jener Kollektion von Chartres enthalten; nur 
diesen bezeichnet auch die Bestätigung des Papstes und des 
Erzbischofs Bartholomäus, welch letzterer zudem noch aus- 
drücklich sich selbst und seiner Kirche alle Rechte vorbehält?). 


!) Siehe Liber Albus Seite 118 ff. Nr. CCL ff. 
?) Ein ähnliches Privileg hatte das eximierte Kollegiatkapitel 
St. Martin von Tours: siehe bei L. de Grandmaison II, 197 fl. 
Nr. CCLXXII (Urkunde Bonifazius VIII. vom 19. Oktober 1295). Erz- 
bischof und Kathedralkapitel werden von seiner Gewalt ausdrücklich 
ausgenommen. So wurden durch päpstliche Verordnung vom 1. No- 
vember 1283 gegen die Gewalt des Domkapitels von Chartres König, 
Königin und Königssöhne, sowie Erzbischöfe (der Ueberschrift gemäss 
auch Bischöfe) geschützt: bei Lepinois et Merlet II, 226 £. 

?) Dass er in Gegenwart des Kapitels einen „Fidelitätseid“ ge- 
leistet habe, beurkundet Bischof Hamelinus mit der Begründung, cum 


312 Zweites Kapitel. 


Die Entstehungsgeschichte dieses dem Bischof von Le Mans 
abgerungenen Privilegs zeigt also wiederum einerseits, wie weit 
das Kapitel von Chartres dem von Le Mans in den Unabhängig- 
keitsbestrebungen vorausgeeilt war, und anderseits, wie viel 
mehr Selbstbewusstsein auf den Stühlen von Le Mans und 
Tours noch vorhanden war im Vergleich zu dem von Chartres. 
Jene Kirchenfürsten begriffen, dass es bei dem jetzt G@eforderten 
nicht sein Bewenden haben werde und setzten deshalb schon 
diesem Begehren ihren Widerstand entgegen. Es war der 
Anfang der Misshelligkeiten zwischen Bischof und Kapitel, die 
in diesem und den folgenden Jahrhunderten häufig wieder- 
kehren‘). Nicht minder in Tours und anderswo?) und erst 
recht in Chartres. Der "Archidiakonen, deren Machtentfaltung 
mit derjenigen der Kapitel bei ihrer engen Verbindung mit 
denselben gleichen Schritt hielt, wussten die Bischöfe durch 
Bestellung anderer Vertreter sich zu erwehren®), den Kapiteln 
gegenüber misslang infolge bestimmter Vorschriften der Päpste 
der mit ähnlichen Mitteln angestellte Versuch verschiedener 
Bischöfe, ihr Joch abzuschütteln %). Freilich war die Macht 
der Kapitel in mancher Hinsicht eine Wohltat und geradezu 
eine Notwendigkeit in den Jahrhunderten, wo auf Grund könig- 
licher und päpstlicher Ernennung vielfach land- und leute- 
fremde Bischöfe ein- und ausflogen, die Residenzpflicht ver- 
nachlässigten und weltlichen Geschäften oblagen°). Mit Genug- 


episcopi Cenomanenses ecclesiae suae Cenomanensi fidelitatem jurare 
teneantur, sicut ex veterum relatione didieimus: Liber Albus Seite 21 
Nr. XXXIX (vgl. die folgende Urkunde). Dieser Eid hatte wohl noch 
nicht den Charakter desjenigen, den die Kanoniker von Chartres ihren 
Bischöfen auferlegten; er konnte sich aber dazu ausbilden. 

!) Siehe Gallia Chr. XIV z. B. 404. 406. 409. 410. 

2) Ebd. 118. 122£. 131; 543; bei L.de Grandmaison I], 20f. 
Nr. XV; I, 247 ff. Nr. COXCVI. 260 ff. Nr. CCCII. 

®) Hinschius KR. II, 201 £. 

*) Ebd. II, 60 £. 

5) Vgl. auch Hüffer, Forschungen, Seite 318 f.: „Aber stets muss 
es als ein Vorzug der geistlichen Staaten anerkannt werden, dass in 


Rechte klerikaler Organe: Entwicklung. 313 


tuung aber muss es dennoch erfüllen, wenn ein Kapitel wie das 
von Chartres, nachdem es unmögliche Zustände durch seine 
Anmassungen herbeigeführt und des öfteren auf Grund der 
ihm zu Gebote stehenden Titel über den Bischof gesiegt hatte, 
endlich und endgültig im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts 
vor dem französischen Parlamentshof unterlag. Das glänzende 
Plaidoyer des gegnerischen Anwalts Talon zerhieb zwar den 
Knoten, wenn es zu Gunsten der ursprünglichen und göttlich- 
rechtlichen Bischofsgewalt die behaupteten Exemptionsrechte 
für nichtig oder für bloss delegierte Rechte ausgab, aber wie 
anders sollte man den unerträglichen Zustand beseitigen? Eines 
verblieb dem stolzen Kapitel, und das führt uns sogleich zu 
einem letzten Punkt: Das Präsentationsrecht des Patrons‘). 
Eine gänzlich andere wurde allgemein die Stellung der Dom- 
kapitel gegenüber dem Bischof, als am Ende des folgenden 
Jahrhunderts ihre weltliche Macht zu Grunde ging. 

Auch die von den Bischöfen und Päpsten der Reformzeit 
im allgemeinen so gern geförderten Inkorporationen ?) gereich- 
ten der Kirche und der Gesellschaft bei weitem nicht allwegs 
zum Segen. Wohl muss auch hier einer einseitigen Auffassung 
entgegengetreten werden. Es war gewiss zu den Zeiten, wo 
das bischöfliche Regiment vielfach so sehr im argen lag, für 


ihnen die unbeschränkte Gewalt des Fürsten niemals in so hohem Grade 
und unter so gehässigen Formen sich entwickeln konnte als in den 
meisten übrigen Territorien unseres Vaterlandes, Man wird bei ge- 
nauerer Betrachtung nicht verkennen, dass in den geistlichen Monarchien 
sehr kräftige Elemente einer weltlichen Aristokratie zur Geltung ge- 
langten.“ In modifiziertem Sinne gilt dies auch für die französischen 
Verhältnisse. 

!) Lepinois et Merlet I, CXX ff. — Anderen Kapiteln erging 
es übrigens geradeso, z. B. dem von Angers (Gallia Chr. XIV, 543). 
Siehe Hinschius II, 151. 

?) Das Wort ist gemäss den früheren Auseinandersetzungen für 
unsere Periode noch nicht im formell juristischen Sinne zu nehmen. — 
Ueber anfänglichen Widerstand der französischen Bischöfe gegen die 
vollständige Inkorporation siehe oben 8. 258 A.1. 256 A.2. 263 £. 


314 Zweites Kapitel. 


manche Kirchen und Gemeinden ein Glück, unter der Herr- 
schaft eines Stiftes oder Klosters zu stehen. Wann aber und 
wo ein solches Stift oder Kloster sich selbst nicht zu beherr- 
schen verstand und nur oder in erster Linie darauf ausging 
oder darauf angewiesen war, die ihm gehörigen Kirchen und 
Pfarren auszusaugen, da konnte und musste ebenso grosses 
Verderbnis eintreten, wie es früher und auch gleichzeitig noch 
unter Laienherrschaft zu beklagen war. Einen und wohl den 
folgenschwersten der so gezeitigten Uebelstände berücksich- 
tigten z. B. mehrere Bischöfe von Le Mans um die Mitte 
des 13. Jahrhunderts, indem sie die Bezüge der an inkor- 
porierten Kirchen anzustellenden Priester von vornherein genau 
bestimmten oder zu bestimmen sich vorbehielten !). Mietlinge, 
im eigentlichen wie im übertragenen Sinne dieses Wortes, 
waren nur allzu häufig auch die von geistlichen Genossen- 
schaften berufenen Kleriker. Das Tridentinum war auch in 
diesem Punkte auf Abhilfe bedacht, aber eine gründliche 
brachte wiederum erst die Zeit, dıe mit der Säkularisation von 
kirchlichem Gut einer grossen Menge von Inkorporationen das 
verdiente Ende bereitete ?). 


!) Siehe Liber Albus Seite 153 Nr. CCLIII (von 1251): retento 
etiam, quod ad consilium nostrum provideatur de proventibus ecclesiae 
de Charne vicario ibidem constituendo (vgl. die darauf folgende päpstliche 
Bestätigung vom 10. Februar 1257); ebd. 150 f. Nr. CCL (von 1255/6 — 
215 Nr. CCCXLVII), wo die „portio“ näher bestimmt und dann bei- 
gefügt wird: Nos autem de voluntate praedieti capituli nobis reservavi- 
mus potestatem augmentandi dietam portionem usque ad valorem 50 li- 
brarum annui reditus, si tamen non valuerit, prout est ordinata. — Schon 
aus früherer Zeit datieren manche Urkunden, in denen diesbezügliche 
Streitigkeiten und Vergleiche zwischen Genossenschaften und den von 
ihnen angestellten Geistlichen bezeugt werden; siehe z. B. bei den 
Benediktinern von Solesmes Seite 54 Nr. L (von c. 1135). 65 f. Nr. LXIX 
(von 1152) mit 79 Nr. LXXXVII (von 1165). 78 Nr. LXXXVI (von 1164). 
Ueber eine vielleicht hierher gehörige Urkunde Hildeberts siehe oben 
Seite 152 Anm. 2. — Ueber den Vorbehalt bischöflicher taxatio in 
deutschen Inkorporationsurkunden Hinschius KRIJ, 448 £. 

?) Vgl. Stutz bei Holtzendorff II, 856 £.; bei Herzog XV, 244 f. 


Gesamtergebnis. old 


6. So bedeutete denn der Anfang der neuesten Zeit den 
Untergang oder doch eine wesentliche Aenderung von manchem, 
was germanisches Recht in die Rechtsverhältnisse der Diözese 
hineingebracht. Wir wiesen verschiedentlich sowohl in dem 
jetzt zu beschliessenden wie in dem andern Teile des Kapitels 
darauf hin. Wenn wir am Schluss des letzteren sagen konnten, 
dass die fernere Geschichte das Verhalten Hildeberts und seiner 
Nachfolger gegenüber den Laien im ganzen rechtfertige, so 
können wir dies auch hier behaupten, in so fern namentlich, 
als die Bischöfe von Le Mans vom 12. bis zum 13. Jahr- 
hundert sowohl die Auswüchse des Eigenkirchenrechts wie 
auch extreme Folgen der Reformbewegung hintanzuhalten sich 
bemühten. Sie waren darauf bedacht, sowohl den Einfluss der 
Laien wie den der klerikalen Organe in den Schranken zu 
halten, die ihnen im Interesse einer geordneten Ausübung der 
bischöflichen Gewalt gewiesen werden mussten. 

Das System des Eigenkirchenrechts ging als solches nach 
und nach in Trümmer. Dass aber damit nicht etwa sein ganzer 
Inhalt verloren, das germanische Kirchenrecht nicht etwa 
erloschen war, ist jüngst mit der wünschenswerten Entschieden- 
heit hervorgehoben worden !). Eine Reihe von bestehenden 
Instituten des Kirchenrechts sind ihm zu verdanken, das die 
Verhältnisse der Diözese ordnende Recht ging aus ihm hervor ?). 
Und wenn es zu begrüssen ist, dass die Uebermacht oder allzu 
grosse Unabhängigkeit der verschiedenen den Bischof beschrän- 
kenden Elemente der Diözese zurückging, so nicht minder, 
dass ein entsprechendes Mass von Selbständigkeit ihnen erhalten 


blieb). — Es scheint, dass Hildebert gerade dadurch in der 


!) Stutz, Die Eigenkirche, Seite 7 ff. 44 f. 

?) Ebd. 24 fl. 

®) Umstritten ist in dieser Hinsicht bekanntlich die Stellung des 
Pfarrers. Siehe z. B. Hinschius KR II, 295 f. Wenn sich in ihm 
ein guter Teil der Gewalt des germanischen Eigenkirchherrn mit der- 
jenigen seines Geistlichen vereinigt hat, so wird man ihm vom histori- 
schen Standpunkt die ordinaria potestas externa nicht absprechen können. 


316 Zweites Kapitel. 


Diözese, der er ein Menschenalter hindurch seine Kräfte wid- 
men konnte, den kirchlichen Frieden aufrecht zu erhalten ver- 
mochte, dass er in der Wahrung eigener und in der Achtung 
fremder, sowohl klerikaler wie laikaler Rechte auf einem guten 
Mittelwege ging. Auf diesem Wege mag es ihm bis zu einem 
gewissen Grade wenigstens gelungen sein, das Ideal der Reform 
zu verwirklichen: alle Kirchen wieder unter die Gewalt des 
Bischofs zurückzubringen und so die im Gewand des Herrn 
versinnbildete Einheit wiederherzustellen !). Wenigstens so 
weit wird er es verwirklicht haben, dass man von Kirchen und 
Geistlichen, die der Jurisdiktion des Bischofs schlechthin ent- 
zogen waren, im allgemeinen nicht mehr reden konnte, und 
dass seine und seiner Nachfolger Bemühungen um eine innere 
Umwandlung des Klerus und der Diözese in den äusseren Ver- 
hältnissen keine unüberwindlichen Hindernisse mehr fanden. — 
Dies darf man rückhaltlos gelten lassen als das Ergebnis von 
Hildeberts Episkopat, und zwar als das Ergebnis eines Kom- 
promisszustandes, nach welchem unser Bischof zweifellos in 
seiner Diözesanregierung gestrebt hat. Die Grundlage dieses 
Kompromisszustandes war die Unterscheidung der Spiritualien 
und Temporalien. Er gelangt zum Ausdruck vor allem darin, 
dass bei Verfügungen von Laien, bezw. bei Erwerbungen von 
kirchlichen Korporationen das Recht der Vertragschliessenden 
in Bezug auf die beneficia der Kirchen (im Unterschiede von den 
Kirchen selbst) ausdrücklich anerkannt ?) und die „kanonische 


Dass man es auch vom Standpunkt des heutigen Rechts nicht kann, 
wird m. E. mit Recht behauptet, z. B. von Scherer (ER I, 633 £.); 
in der Begründung, welche auszuführen hier nicht der Platz ist, gehe 
ich noch weiter als er. Diese Ansicht ist weit davon entfernt, zensu- 
riert oder gar für bäretisch erklärt zu sein; wenn Friedberg (KR 
Seite 192 mit Note 7) die Verwerfung der zweiten Proposition der Synode 
von Pistoja in diesem Sinne interpretiert, so ist diese Deutung zu sonder- 
bar, als dass sie auf etwas anderem als einem unglücklichen Versehen 
beruhen könnte, 

!) Siehe oben Seite 154 Anm. 1. 

°) Siehe oben Seite 133. Vgl. Seite 180 Anm. 2: ... quarundam 


Gesamtergebnis. 317 


Konzession der Bischöfe“ (im Unterschiede von einer förmlichen 
Restitution) als erforderlich und genügend erachtet wird }). 
Ist schon darin angedeutet, dass er sowohl den Laien wie den 
Korporationen gegenüber die Herrschaft über die Spiritualien 
sich so viel als möglich vorbehielt, so fanden wir es in den 
verschiedenen Abschnitten dieses Kapitels genügend bestätigt ?). 
— Wir sahen, dass die Kirche diesen Rechtszustand zu Gunsten 
der Klöster vollauf anerkannte und gesetzlich festlegte. Rück- 
sichtlich der Laien verstand sie sich hierzu nicht, und nur ungern 
duldete sie ihn. Und doch war er, wie der Verlauf des In- 
vestiturstreits und die weitere Entwicklung gezeigt hat, die 
einzige Basis, auf welcher sich eine Uebereinstimmung von 
Recht und Uebung und ein friedliches Verhältnis zwischen den 
Kirchen und den weltlichen Grossen unter den obwaltenden 
kirchlichen Vermögensverhältnissen erzielen liess. 


ecclesiarum beneficia, quae ei fideles contulerant laici, in perpetuum 
possidenda et concedimus et in praesenti pagina firmamus. Dieser Ver- 
gleich lässt es als berechtigt erscheinen, den fraglichen Grundsatz als 
einen solchen Hildeberts schon für 1106 bezeugt zu erklären. Wenn die 
Unterscheidung in anderen, auch späteren Urkunden nicht hervortritt, so 
kann daraus kein gegenteiliger Schluss gezogen werden; denn weshalb 
müsste man verlangen, sie bei jeder Gelegenheit betont zu finden? 

!) Siehe oben Seite 146. 193 £.; bei Migne Seite 317 Nr. IV (Be- 
stätigungsurkunde für das Kloster von Evron vom Jahre 1125): Praeterea, 
quascungue possessiones, quaecunque praedia fratres Ebronenses legitima 
possessione hactenus obtinuerunt vel in futurum canonica concessione 
pontificum acquirere poterunt, eodem tenore fratribus praedictis conce- 
dimus. 

?) Gleichsam ein Mittelding zwischen Spiritualien und Temporalien 
könnte man die kirchlichen Einkünfte im engeren Sinne nennen, wie 
Oblationen, Primizien, Zehnten (vgl. darüber Schmidlin 151. 153 f.; 
Rudorff 23 ff). Auch bezüglich ihrer wird H. sein Aufsichtsrecht nach 
Möglichkeit geübt haben, 


Drittes Kapitel. 


Besetzung der Bistümer. 


Das Eigenkirchenrecht blieb nicht auf die niederen Kirchen- 
stellen beschränkt, es ging von diesen auf die höheren über, 
zog auch die Abteien und die Bistümer in seinen Bann'). Für 
Frankreich kann noch viel weniger als für (das ostrheinische) 
Deutschland von einer Ursprünglichkeit der Eigenrechtsidee 
bezüglich der Bistümer die Rede sein, weil dort nicht, wie hier, 
die Kirche von den germanischen Fürsten erst gegründet, viel- 
mehr fest begründet vorgefunden wurde. Aber auch in Deutsch- 
land wurde jene Idee erst später auf die Bistümer übertragen, 
indem sie sich an die in steigendem Masse von den Fürsten 
in Anspruch genommenen Rechte anschloss, die ursprünglich 
nur schutzherrlichen und öffentlichrechtlichen Charakters waren 
und von der Kirche mehr im Sinne von Pflichten als von 
Rechten hingenommen wurden. Diese Auffassung der Kirche 
wurde allerdings zur reinen Illusion, als die Fürsten fast ganz 
allein und unbeschränkt über die Bistümer verfügten, wie es 
allmählich mehr und mehr seit den letzten Zeiten der Mero- 
winger Uebung wurde, und die Theorie, dass ihre Macht nur 


!) Zu diesem Kapitel siehe Imbart de la Tour, Les &lections; 
Luchaire, Manuel, Seite 191.272 8.505 1.; Flach Il, 2035ER 
(Kap. II $4); Stutz, Die Eigenkirche, Seite 32 ff.; Hinschius KR I], 
512 (541) ff.; Makower 13 ff. 235 ff. 284 ff. 310 fi. 366 fi.; Böhmer; 
Phillips-Vering KR VII, bes. $$ 465 fl.; Bernheim, Zur Ge- 
schichte des W. ©.; Werminghoff I, 179 f£. (88 33 ff); Hauck III, 
753 ff. Die Abteien lassen wir ausser Betracht, weil die Geschichte 
Hildeberts zu wenig Anlass bietet, sie zu berücksichtigen. 


Besetzung der Bistümer im allgemeinen. 319 


auf Konzessionen der Kirche beruhe, verhinderte sie nicht, 
dieselbe im Namen der königlichen Gewalt selbständig zu be- 
tätigen. Der religiöse Charakter des mittelalterlichen König- 
tums, tief in dem Bewusstsein der Germanen wurzelnd, war 
erst recht dazu geeignet, dessen kirchliche Herrschaft trotz 
mancher Proteste zu befestigen. Im 10. Jahrhundert bildete 
sich dann diese Herrschaft zum vollen Eigentumsrechte aus. 
Das Bistum wird auf Grund des Eigenrechts als Ganzes, also 
mit Einschluss der bischöflichen Jurisdiktion, vom Fürsten 
vergeben mittels der symbolisch, seit dem 11. Jahrhundert meist 
durch Stab und Ring !), zum Ausdruck gelangenden, bald als 
Investitur bezeichneten Einsetzung und gegen Leistung eines 
dem Vasalleneid entsprechenden Treueides. 

Ganz und in den äussersten Konsequenzen kommt diese 
Auffassung allerdings nur in Frankreich und zwar hauptsäch- 
lich im südlichen Frankreich zum Durchbruch, anderswo wurde 
die Entwicklung durch die Dazwischenkunft der kirchlichen 
Reaktion vor ihrem Ende abgeschnitten. Die gallische Kirche 
befand sich in einer ganz anderen Lage als die deutsche. 
Schon auf Grund ihres Ursprungs dem Königtum viel weniger 
verbunden, wurde oder blieb sie weiterhin auch nicht entfernt 
so mächtig in weltlichem Besitz. Infolgedessen fielen die Bis- 
tümer, während in Deutschland zwischen ihnen und den welt- 
lichen Herrschaften ein Gegensatz zu Gunsten des Königtums 
bestehen blieb, den früher als in Deutschland emporgekommenen 
Feudalherren, Herzögen, Grafen und selbst Vizegrafen anheim, 
die selbstverständlich eher als ein gesalbtes und weitgebieten- 
des Könistum dazu gelangen mussten, die Bistumskirchen mit 
den Pfarrkirchen auf eine Stufe zu stellen, ein öffentliches 
Recht in ein privates zu verkehren. Seit dem Ende der 
Karolingerzeit (des 10. Jahrhunderts) ist dieser Zustand, die 
Scheidung der Bistümer in königliche und in anderen Herren 


) Imbart de la Tour 343 ff. über die Verschiedenheit des Sym- 
bols nach Zeit und Ort; vgl. Phillips-Vering KR VIII, 349 f. 


320 Drittes Kapitel. 
unterworfene, vorhanden). Die ersteren waren solche des 
Nordens und Burgunds; nur die vier Metropolen Reims, Sens, 
Tours und Bourges und siebzehn Bistümer unterstanden zur 
Zeit der Reform dem König’). In diesen wie auch in Aqui- 
tanien und in der Normandie war man noch nicht so weit 
sekommen, die Bistümer zu verkaufen, zur Mitgift zu geben, 
zu vererben, im Miteigentumsverhältnis mehrerer Personen zu 
besitzen, wie dies im Süden geschah. Aber die Eigentumsidee 
ist auch hier in Kraft’): Ueberall wird das Bistum als 
Ganzes vergeben in der Investitur, gegen Mannschaft und Eid, 
mögen letztere auch nicht überall gleich streng verstanden 
werden. Dass in einem solchen System eine freie Wahl der 
Bischöfe keinen Platz fand, bedarf kaum der Erwähnung; viel- 
fach hatte eine Wahl überhaupt nicht statt, und wo man des 
Anspruches, den Bischof zu wählen, so unbedeutend er sein 
mochte, noch einigermassen sicher sein wollte, musste man ihn 
sich durch Privileg des Fürsten garantieren lassen. 
Grundsätzlich vollzog sich in Frankreich die Besetzung 
eines bischöflichen Stuhles noch in folgenden Schritten: a) Ver- 
treter des Klerus benachrichtigen den Fürsten und den Metro- 
politen von der eingetretenen Vakanz. b) Der Fürst und der 
Metropolit ernennen einen Visitator, der die Wahl vorzu- 
bereiten und zu leiten hat. c) Fürst und Metropolit gestatten 
die Wahl. d) Klerus und Volk vollziehen die Wahl. e) Fürst, 
Metropolit und Provinzialsynode bestätigen die Wahl nach vor- 
aufgegangener Prüfung; der Einfluss des Metropoliten ist dabei 
bald grösser, bald geringer. f) Der Metropolit und die Pro- 
vinzialbischöfe weihen den Bischof, letztere, oft unter dem 
Vorrang eines von ihnen, den Metropoliten. &) Den Metro- 
politen bestätigt der Papst; er erteilt ihm das Pallium %). 


') Imbartdela Tour, 259 f. Vgl. WerminghoffI, 188 £. 208 £. 

?) Imbart de la Tour, 439 (222 ff. 241 ff.). 

Drbdsss, 

*) Ebd. 1 ff. (1. u. 2. Kapitel); vgl. Phillips-Vering KR VIII, 
338 fl. 


Besetzung der Bistümer im allgemeinen. 321 


Aber was bedeutete alles andere, wenn die Fürsten darauf 
ausgingen, ihren Willen durchzusetzen! Dieser Wille war gewiss 
nicht immer, aber nur allzu häufig ein egoistischer, nicht auf 
das Wohl der Kirche und das Heil der Seelen gerichtet. Die 
Bistümer ihren eigenen Angehörigen oder Verwandten zu ver- 
schaffen, sie stets wieder innerhalb der Familie zu vergeben, 
war vielfach ihr Wunsch; wo dies nicht, da wenigstens das 
andere, ihren Interessen ergebene Personen damit auszustatten. 
Kauf und Verkauf der Gunst und der Stellen selbst wurde 
auch für diese Ordnung der Hierarchie zur Gewohnheit, 
der Zölibat wurde auch da manchmal missachtet, sogar die 
direkte Vererbung der Stellen bricht in die Reihen des Epis- 
kopates, in der Bretagne wenigstens, ein. Diesem und all 
dem anderen damit verbundenen Unwesen war selbst dann 
kaum mehr zu steuern, wenn eine Wahl noch zugelassen wurde; 
denn auch die Wahlversammlung war ein Kind der Zeit und 
ihrer Korruption. „Klerus und Volk“ war nicht mehr wie 
ursprünglich eine grosse Gesamtheit von Freien. Was da wählt, 
das sind beim Klerus sowohl wie bei den Laien die grossen 
Herren; in ıhrem Banne steht das bloss zustimmende Volk, 
sie selbst aber befinden sich durch soziale oder öffentlichrecht- 
liche Beziehungen oder auch durch Bestechung in demjenigen 
noch grösserer Herren oder des Kandidaten. Nicht überall 
war es gleich schlimm mit der Bischofswahl bestellt, nicht 
überall kam es zur Einigkeit des Bösen, hie und da gab’s eine 
Einigkeit im Guten. Drohte aber die Wahlversammlung un- 
bequem zu werden, dann war der Herr des Bistums in der 
Regel mächtig genug, um ihr Zustandekommen oder ihre freie 
Meinungs- und Willensäusserung zu verhindern ?). 

Was vermochte eine Reform, die nicht hier einsetzte, in 
den Zentren des kirchlichen Lebens? Die Klöster reformierten 
sich, was nützte das allein der Welt; wie aber den Weltklerus 
reformieren, ohne an den Spitzen zu beginnen? Nachdem also 


!, Imbart de la Tour 360 fi. 
Barth, Hildebert von Lavardin. ; 21 


322 Drittes Kapitel. 


ud 


der neue Geist mit Hilfe der Kaiser den päpstlichen Stuhl erobert 
hatte, galt es, die Bischöfe mit ihm zu erfüllen, worauf schon 
einzelne vorläufige Versuche hingezielt hatten). Sobald in den 
Tagen von Reims (1049) auch für Frankreich die Grundgesetze 
der Reform wieder festgelegt wurden, fingen die Bischofsstühle 
an, für ihre unwürdigen Inhaber zu wanken, und ein Vierteljahr- 
hundert hindurch suchte man die Reform des Episkopates zu 
fördern, ohne die Laienherrschaft kräftig anzugreifen. Nicht 
als ob man die Quelle der herrschenden Uebel verkannt hätte: 
schon zu Reims begann man damit, die Wahl von Klerus und 
Volk als ein, wenn auch schwaches, Gegengewicht gegen die 
übermächtige Fürstengewalt wieder in ihr Recht einzusetzen ?), 
und der Kampf gegen die Simonie war ja auch in erster Linie 
ein Kampf gegen das Laientum und sein Eigenkirchenrecht, 
Ja, in der Theorie zeigte man Lust, die Laieninvestitur selbst 
unter die simonistischen Vergehen einzureihen). Zehn Jahre 
nach der Reimser Synode, auf der lateranensischen, wo auch 
die Papstwahl neu geordnet wurde, erhob man es schon zum 
Prinzip, dass ein Laie keine Kirche zu vergeben habe). Der 
geringe Erfolg der sonstigen Bestrebungen, der Widerstand 
der Fürsten gegen sie führte dann endlich zu einem all- 
gemeinen Verbot der Investitur und wieder zwei Jahrzehnte 


!) Ebd. 370 ff.: Gerbert von Reims, Fulbert von Chartres, Abbo 
von Fleury. 

2) Hefele Cg. IV, 731 (Reims 1049, c. 1). Die römische Fasten- 
synode von 1080 (ebd. V, 142, c. 6) betont die Freiheit der Wahl so- 
wie die Rechte des Metropoliten oder des Papstes (Ernennung des Visi- 
tators, Zustimmung, Devolution); vgl. ebd. 290 (Troyes 1107). Die Lateran- 
synode von 1123 (ebd. 379, c. 3) verbietet die Konsekration eines nicht 
kanonisch Gewählten. Gegen Heusler siehe oben Seite 122 Anm. 2. 

®) Hinschius KR V, 164. Dass die Gesetzgebung darauf ein- 
gegangen sei, kann nicht bewiesen werden. Vgl. oben Seite 123 Anm. 1: 
Man beachte auch, dass der fragliche erste und die beiden folgenden 
canones der Synode von Tours offenbar nur gegen Handlungen klerikaler 
Personen gerichtet sind. 

4) Siehe oben Seite 130 f. 


Besetzung der Bistümer im allgemeinen. 323 


später zum Verbot des Vassalleneides; war schon hierdurch 
das beanspruchte Eigenrecht geleugnet, so geschah dies auch 
noch ausdrücklich, und es unterliegt keinem Zweifel, dass 
man entschlossen war, die Laienherrschaft mit ihrer Wurzel 
zu entfernen). Der Kampf für die freie Wahl aber war mit 
dem Kampfe gegen das Eigenkirchenrecht, wie schon einmal 
im 9. Jahrhundert, verbunden ?). 

Für Deutschland und Italien erhielt der furchtbare Streit 
sein vorläufiges Ende durch das Konkordat von Worms, für 
England der viel kürzere und weit weniger heftige durch den 
Vertrag von 1107. Auch in Frankreich hat es gewaltige Auf- 
regungen gegeben, eine wahre Masseninquisition wurde von 
den päpstlichen Legaten wegen Simonie und anderer Vergehen, 
seit 1077 auch wegen Investitur auf den Synoden vorgenom- 
men, für und gegen Angeklagte wurde mit reinen und un- 
reinen Mitteln gekämpft unter dem Klerus, den Herren, dem 
Volk, so dass es schon damals in vielen Fällen sehr schwer 
war und heute nicht viel leichter ist, die Wahrheit hinsicht- 
lich der Anklagen zu ermitteln. Die Päpste sahen sich nicht 
selten veranlasst, die Urteile der Legaten aufzuheben oder zu 
mildern; jedoch auch so war das Verfahren noch energisch 
genug, um im Verlaufe der Pontifikate Gregors und Urbans 
trotz des Widerstandes des Königs und einzelner Fürsten, auch 
eines Teiles des Klerus, allmählich den Sieg ausser Frage zu 
stellen. Ein sehr wichtiges Moment war in der französischen 
Bewegung das Schicksal des Erzbischofs Manasses von Reims’); 
sein nach fast zehnjährigem Streit besiegelter Sturz, ein Er- 
folg der Reformpartei am ersten Sitze des Reichs, war vor- 


!) Hefele (g. V, 46 ff. (Rom 1075, Fastensynode) 223 (Clermont 
1095, c. 17). 119 (Lat. 1078, Fastensynode); oben Seite 240 Anm. 1. — 
Dass es Gregor um den Erwerb der Investitur zu tun war (Heusler 146 f.) 
lässt sich nicht beweisen. Wir werden noch des näheren sehen, dass die 
Päpste dieser Zeit sie nur ausnahmsweise beanspruchten und übten, 

2), Imbart de la Tour 185 ff. — Oben Seite 322 Anm. 2. 

®) Siehe hierüber Wiedemann. 


324 Drittes Kapitel. 


bedeutend für das ganze Land. Eines förmlichen Vertrages 
hat es hier nicht bedurft, um einen erträglichen Zustand her- 
beizuführen, dank insbesondere dem geringeren Umfang des 
Kirchengutes, der geringeren politischen Bedeutung des Epi- 
skopates und dem Umstand, dass die staatskirchliche Macht 
nicht in der Hand des Einen lag, wie damals in Deutschland 
und in Frankreich später. 


it 


Dies also ist das vorläufige Resultat der Entwicklung. 
Mitten in der Entwicklung steht Hildebert. Soeben hatte 
Kaiser Heinrich IV. von der Höhe des Glückes herabzusinken 
begonnen, Papst Urban seinen Triumphzug durch Frankreich 
vollendet !), als Hildebert zum Bischof von Le Mans gewählt 
wurde. 

Das Bistum hörte gegen 1040 auf, ein königliches zu 
sein, indem der König es dem Grafen von Anjou auf Bitten des 
Bischofs Gervasius, der sich dadurch Schutz verschaffen wollte, 
auf Lebenszeit überliess; es kehrte aber nicht an den König 
zurück ?). Dann stritten um das Bistum wie um die Graf- 
schaft mit einzelnen Prätendenten die Grafen von Anjou und 
die Herzöge der Normandie ?). Nach dem Tode Arnalds (7 1081) 
gelang es Wilhelm dem Eroberer, seinen Anspruch durchzu- 
setzen, einen Bischof von seinen Gnaden zum Nachfolger zu 
machen. Die Geschichte dieser „Wahl“ wird gern wiederholt *) 
zur Ulustration des damaligen Kirchenregiments der Fürsten: 
Der König wollte die Würde seinem Kaplan Samson übertragen, 
dieser schlug aus, empfahl aber den Bretonen Ho&l; nach 
einigem durch dessen unscheinbare Gestalt veranlassten Zögern 
übergab der König dem Genannten den Episkopat und teilte 


) Hefele Cg. V, 210 £.; Hauck II, 861 ff. 877 £t. 
?) Imbart de la Tour 274; Piolin III, 204 ff. 

®) A. P., Mab. 807 f£.; Piolin III, 205 u. =. 

*) Nach Ordericus Vit. IV, 11 (Le P. II, 248 £.). 


Erhebung Hildeberts zum Bischof von Le Mans. 295 


seinen Beschluss dem Klerus mit. — Mochte Ho&l auch ein 
würdiger Priester sein, wie denn Wilhelm I. in der 
Regel auf Würdigkeit bedacht war, mag er auch deshalb bei 
einem grossen Teile der Bevölkerung beliebt gewesen und 
„einstimmig gewählt“ worden sein '), so hat doch ihm und seiner 
Kirche die Abhängigkeit von den Normannen viele Wider- 
wärtigkeiten bereitet?), und es kann nicht wundernehmen, 
wenn man bei der nächsten Bischofswahl daraus entsprechende 
Folgerungen zog °). 

1. Hoel starb am 28. Juli 1096*%), und der Archidiakon 
Hildebert wurde mit allgemeiner Zustimmung von Klerus und 
Volk, wie sein Biograph berichtet °), zum Nachfolger gewählt. 
Nach einem anderen Berichte hat indes die Wahl sich nicht so 
einfach vollzogen °). Dieses Mal hatte der Graf Helias von Maine 
sie zu machen gedacht und den Dekan der Kirche, Gottfried, 
auserkoren, der sich auch bereits der neuen Würde ganz sicher 
fühlte. Der Klerus aber, d. h. ein grosser Teil desselben, 
überraschte die Anhänger Gottfrieds, indem er Hildebert wählte, 


) A. P, Mab. 309 Sp. 2. 

2) Ebd. 309 ff. Ein Versuch des Grafen Hugo, sein Eigenrecht über 
den Episkopat zu konstituieren, misslang. Ho&l weigerte sich, das „donum 
episcopatus“ aus seiner Hand entgegenzunehmen: ebd. 310 Sp. 2. — 
Vgl. Piolin II, 345 fi. 

®) Zum folgenden vgl. Dieudonn& Al ff.; Piolin II, 431. 

egallaacUhrXTVN 877. 

5) B. XXXVI; M. 89; Mab. 313 Sp. 2. Etwas weiter spricht er 
aber von Klerikern, die seine Wahl nicht gern gesehen hätten: Quidam 
autem ex clericis a principio promotioni praesulis invidentes et dolos tota 
die contra eum meditantes illum apud regem graviter accusabant. 

©) Ordericus Vit. X, 7 (Le P. IV, 41): Helias autem comes Gois- 
fredum Britonem, decanum eiusdem (Cenomannorum) ecclesiae, ad epi- 
scopatum elegit; sed praeveniens clerus Hildebertum de Lavarceio, archi- 
diaconem, in cathedra pontificali residere compulit et altae vocis cum 
jubilatione tripudians cantavit Te Deum laudamus et cetera, quae usus 
in electione praesulis exposeit ecclesiasticus. @Quod Helias ut comperiit, 
valde iratus resistere voluit; sed clericis dicentibus illi: Electionem tuam 
ecclesiasticae praeferre non debes electioni, reveritus, quia Deum timebat, 


326 Drittes Kapitel. 


auf den Thron setzte und die sonstigen Förmlichkeiten vor- 
nahm. Auch das Volk war dem ersteren nicht gewogen. 

Die andere Partei beruhigte sich indes nicht ohne weiteres 
und rief zunächst eine geistliche Macht zur Hilfe, den berühm- 
ten Bischof von Chartres. Abgesehen von den Vorwürfen, 
die wir schon kennen, bemängelten die Gegner ihm gegenüber, 
dass die Wahl ohne Beratung mit ihnen und ohne ihre Zu- 
stimmung erfolgt sei. Ivo teilte dem Erwählten alles ihm 
Hinterbrachte mit und legte ihm nahe, falls es wahr sei, auf 
die Beförderung als eine für ihn wie für das Volk bedenkliche 
zu verzichten. Ob Hildebert dem Bischof antwortete, wissen 
wir nicht, er verharrte aber in seiner Stellung, und die Geg- 
ner scheinen ihre Anklagen nicht an einem Orte vertreten zu 
haben, wo sie einer gründlichen Prüfung wären unterzogen 
worden !). 

Graf Helias stimmte auf Zureden des Klerus der Wahl 
bei, um ein Schisma zu vermeiden, so berichtet Ordericus im 
Anschluss an die Darstellung der Wahl. Aber auch er scheint 
sich nicht sofort mit dem Geschehenen abgefunden zu haben. 
War er in seiner Wahl mit König Wilhelm II. eines Sinnes 
gewesen? Man behauptet dies ohne genügenden Beweis ?), 
denn dass Gottfried vierzehn Jahre später von König Heinrich 
zum Erzbischof von Rouen erhoben wurde, besagt noch nicht, 
dass er auch bei Wilhelm II. schon persona grata war und 
könnte z. B. auch auf eine Empfehlung Hildeberts zurückzu- 
führen sein. Anderes scheint sogar jener Meinung zu wider- 


siluit; et ne lethale in membris ecclesiae schisma fieret, canonicis con- 
sensit. — Goisfredus quippe de praesulatu jam securus erat jamque 
copiosas agapes pro sublimatione sui praeparaverat. Paratae quidem 
dapes ab avidis commessoribus consumptae sunt, sed ipsum Cenomanni 
episcopum habere penitus recusaverunt. Is Judicail, pontificis Aletae, 
frater fuit et post obitum Guillelmi, Rotomagensis archiepiscopi, Roto- 
magensibus XVII annis praefuit. 

') Brief Ivos 277 (M. 279). Die Gegner sind hier quidam de 
mäjoribus Cenomannensis ecclesiae. — Vgl. oben Seite 53 ff. 

?) Dieudonn& 41; Piolin III, 482. 


Erhebung Hildeberts zum Bischof von Le Mans. 327 


sprechen. Schon bald nach dem Tode des Eroberers hatte 
Helias Anstrengungen gemacht, die Grafschaft an sich zu 
reissen, und vor kurzem hatte er sie seinem Verwandten Hugo, 
dem er als näher Berechtigtem zunächst dazu verholfen, sie 
abgekauft. Um die normannische Partei zu schwächen, hatte 
er sogar den Bischof Hoäl, der dem Herzog Robert ergeben 
blieb, zeitweilig gefangen gehalten. Letzerer war zu schwach 
und zu träge, um für die stets aufrührerische Grafschaft 
Opfer zu bringen und begnügte sich damit, dass er der Treue 
des Bischofs sicher war und so wenigstens das Bistum in 
seinem „dominium‘ zu behalten hoffen konnte!), König Wil- 
helm II. aber, an die Stelle seines nach Palästina fahrenden 
Bruders getreten, drohte weniger ruhig zu sein?), und man 
sollte glauben, Helias wäre jetzt umsomehr darauf bedacht 
gewesen, einen Normannenfreund vom Bischofssitze fern zu 
halten. Indes auch er hatte gelobt, ins heilige Land zu 
ziehen, war also genötigt, auf lange Zeit seine Grafschaft zu 
verlassen; deshalb mag es ihm empfehlenswert geschienen 
haben, sich, Wilhelm soviel als möglich gefällig zu erweisen, 
demnach einen Kandidaten zu begünstigen, der als Dekan des 
letzten Bischofs und als Bretone den Normannen mindestens 
nicht missliebig war. Dann muss ihm in der Tat die Er- 
hebung Hildeberts, der sich so wenig durch seine Herkunft 
wie durch irgend etwas anderes dem König empfahl, als eine 
Durchkreuzung seiner Politik anfänglich unbequem gewesen 
sein und ihm die Missachtung seines Willens doppelt fühlbar 
gemacht haben. Wenn er sich später fügte, so hat wohl der 
Eindruck oder die Erfährung, dass er von seiten des Königs 
keine Schonung zu gewärtigen habe, seine kirchliche, fromme 
Gesinnung, die Ordericus hervorhebt, dabei unterstützt, und er 


ı) A. P., Mab. 310 Sp. 1 und 2. — Wie schlecht sich die Ceno- 
mannenser in eine normannische Herrschaft zu fügen vermochten, zeigen 
die „Actus“ der verschiedenen Bischöfe. Vgl. Ordericus Vit. VII, 10 
(Le P. III, 194). 

26 Orderieus Vit.X, Ar (Le P. IV, :16)5:VILL, 11 (Le P, III, 330). 


328 Drittes Kapitel. 


wird seinen Widerstand erst aufgegeben haben, nachdem ihn 
eine Zusammenkunft mit König Wilhelm in Rouen gelehrt, 
was dieser gegen ihn im Schilde führte !). Weihnachten 1096 
konnte Hildebert in Gegenwart des Grafen von seinem Metro- 
politen die Weihe empfangen’). 

Dafür, dass man ihn in dieser Angelegenheit beiseite ge- 
schoben, wie auch für das selbstbewusste Auftreten des Grafen, 
der ihm in einer Unterredung zu Rouen den Handschuh hin- 


IE EDd X, n(besps Veh). 

2) Dieudonne 9. 110 f; Gallia Chr. XIV, 877 £.; B. XLVIII 
(M. 107). Das Tagesdatum steht fest nach einer Urkunde bei Charles 
et Menjot d’Elbenne Sp. 209 f. Nr. 350: .... in eadem die, qua 
idem Ildebertus a praedicto archipraesule (Radulpho Turonensi) in sede 
sua positus est, qui scilicet natalis Domini erat. Darin ist aber nicht 
gesagt (wie D. 110 behauptet), dass St. Vincenz der Ort der Inthroni- 
sation gewesen sei. — Bei B. u. M. a. a. O. teilt Loyaute aus dem 
Chartularium Prulliacense eine Urkunde mit, in welcher zunächst der 
Graf Helias das von seinem Bruder Gosbert der Klosterkirche St. Peter 
von Prulliacum gemachte Geschenk einer Kirche auf Bitten des Abtes 
von St. Peter in die consecrationis domni Ildeberti episcopi nostri in 
capitulo S. Juliani Turonensis ecclesiae martyris „Kkonzediert“, und zwar in 
Gegenwart Hildeberts selbst, des Dekans Goffridus, des Präzentors Ful- 
chradus, des Archidiakons Goffridus ... und des ganzen Konvents von 
St. Julian. Weiterhin bekundet dann der Graf Goffridus von Vendöme, 
dass er und sein Sohn Goffridus die von ihren Verwandten Gosbert und 
Helias vollzogene Schenkung auch ihrerseits vollziehen (donamus et con- 
donamus). Schluss: Haec donatio facta est anno 1098. (Helias dagegen 
sagt vorher: Hanc concessionem feci coram...). 

Dieudonn& will nun auf Grund der verschiedenen Nachrichten 
die Inthronisation und Konsekration unseres Bischofs von einander trennen 
und letztere ins Jahr 1098 und nach Tours verlegen, während die erstere 
Weihnachten 1096 in St. Vincenz von Le Mans geschehen wäre. Es ist 
an und für sich schon unwahrscheinlich, dass der Erzbischof die In- 
thronisation vornimmt, die Weihe aber (wegen der Gefangenschaft des 
Grafen und des Krieges) aufschiebt. Auch widerspricht es der Angabe 
der A. P. (siehe die folgende Anm.), wonach der Krieg erst wegen 
der Ordination des Bischofs und nach derselben ausgebrochen sei, eine 
etwas einseitige Auffassung, aber in der Zeitbestimmung nicht ohne 
weiteres abzuweisen; die Ordination ist jedenfalls identisch mit der Kon- 


Erhebung Hildeberts zum Bischof von Le Mans. 329 


warf, rächte sich der König!). Im Verlaufe der Feindselig- 
keiten wurde Helias gefangen genommen, Maine verwüstet 
und insbesondere auch Besitztum des Bischofs zerstört. Ein 
Friede, der durch des letzteren Vermittlung zu stande kam, 
dauerte nicht lange, weil der Graf sich nicht entschliessen 
konnte, Le Mans preiszugeben; die Stadt wurde aber, nach- 
dem die normannische Besatzung bereits in grosse Bedrängnis 
geraten war, vom König wieder genommen. Und nun ver- 
suchten die Wahlgegner Hildeberts noch einen Schlag zu füh- 
ren, indem sie ihn beim König verräterischer Mitwissenschaft 
bezüglich des letzten Ueberfalls beschuldigten. Dieser ver- 
langte vom Bischof, er solle durch ein Gottesurteil von dem 
Verdacht sich reinigen, die Türme der Kirche aber, die dem 
belagernden Grafen Dienste geleistet hatten, abbrechen lassen, 
und als er beides verweigerte, nötigte er ihn, nach England 
zu reisen. Dort suchte er ihn durch Versprechen reicher Ge- 


sekration. — Augenscheinlich ist die bei B. und M. a. a. O. wiedergegebene 
Urkunde aus zwei zeitlich auseinanderfallenden Teilen zusammengesetzt, 
so dass sich die Jahreszahl nur auf die zweite Beurkundung bezieht. 
D. hat also (110) ganz unberechtigterweise das 1098 von dem Ende des 
Ganzen an das Ende des ersten Teiles hinaufgerückt. Das Ereignis der 
ersten Beurkundung hatte statt in dem Kapitel des Martyrers der Kirche 
von Tours mit Namen Julian, also wohl in dem Kloster Sankt Julian 
in Tours, wo die erwählten Erzbischöfe ihre Weihe empfingen (siehe bei 
L. de Grandmaison I, 14 Nr. VIII); dass die Konsekration Hildeberts 
dort gefeiert wurde, bleibt im Zusammenhang der Stelle zweifelhaft, 
ist aber sehr wahrscheinlich. — Da die Wahl [anscheinend] bald nach 
dem Tode Ho&els vorgenommen wurde, so werden immerhin mehrere 
Monate zwischen ihr und der Weihe verflossen sein, und da Wilhelm II. 
im September 1096 in die Normandie kam, so wird in jener Zwischen- 
zeit die erwähnte Unterredung zwischen ihm und Graf Helias in Rouen 
stattgefunden haben. 

!) A. P. bei B. XXX VII M. 90: Eo namque tempore inter regem 
Anglorum et Heliam comitem bellum gravissimum exortum est, pro eo 
scilicet, quod idem rex Öenomanensem episcopatum calumniabatur ideoque 
ordinationi episcopi moliebatur obsistere.e Cum autem eum ordinatum 
audisset, inimicitiarum [inimicitias?], quas dudum mente conceperat, 
manifestis bellorum incursibus patefecit. Vgl. die vorige Anmerkung. 


330 Drittes Kapitel. 


schenke, die er seiner Kirche machen wollte, zum Nachgeben 
zu bewegen und liess ihn auf seine Bitte, dies mit dem Kle- 
rus erwägen zu dürfen, nach Le Mans zurückkehren. Unter 
Ausdrücken des Bedauerns und des Flehens teilte Hildebert 
von hier aus dem König das Ergebnis der Synodalberatung, 
die Verwerfung seines Vorschlags, mit‘). Der Tod des Ge- 
fürchteten erlöste dann den Bischof aus seiner Bedrängnis 
und scheint ihm auch, wenigstens allmählich, den Frieden mit 
dem gegnerischen Klerus geschenkt zu haben ?). — Es waren 
harte Schläge, die das Schicksal in den ersten Jahren des 
Episkopates auf den bis dahin, wie es scheint, vom Glück 
Begünstigten fallen liess. Dass sie dem feinsinnigen Manne 
zu poetischem Ausdruck seiner Erlebnisse und Stimmungen 
Anlass gaben, konnte nicht fehlen. In einer Elegie von 
45 Distichen, die man als ein wahrhaft dichterisches Erzeugnis 
des Mittelalters anerkannt hat, zeigt er sich auch mit Fortuna 
versöhnt, insofern er als Gottes Fügung alles mit Gleichmut 
entgegennehmen will, was sie ihm bringt?). Als Wirkung 
einer so geklärten Gemütsverfassung, wenn auch zugleich als 
Zeichen einer gewissen Mutlosigkeit gegenüber den durch die 
Feindschaft einzelner Kleriker herbeigeführten Zuständen, ist es 
zu verstehen, wenn er jetzt zeitweilig den Gedanken heste, 
sein Amt niederzulegen. Papst Paschal brachte ihn davon 
zurück *). 

2. Wir haben nunmehr obige Erzählung zu analysieren 
hinsichtlich derjenigen Momente, die für die Erhebung Hilde- 


ı) Dieudonn& 206 ft. 

?) Siehe oben Seite 163 £. 

®) B. 1344 ff. M. 1418 ff. Nr. LXXV; Haureau, Melanges, S. 80 ff. 
Nr. XLII. Das Exil ist nichts anderes als der Zwangsaufenthalt in Eng- 
land, Cenomannorum consul ist König Wilhelm als Graf von Le Mans; 
vgl. Brief Hildeberts II, 8 (B. 87 £. M. 215 £.). — Ein anderes Ge- 
dicht aus dieser Zeit: B. 1368 M. 1445 Nr. VII; Haureau S$. 135 ff. 
Nr. LXXXVI. 

4) Siehe oben Seite 163. 


Erhebung Hildeberts zum Bischof von Le Mans. 331 


berts zum Bischof von Le Mans juristisch bedeutsam sind. Von 
den gewöhnlichen Vorbereitungen der Wahl erfahren wir 
nichts, insbesondere nichts von einer fürstlichen Autorisation 
_ derselben; auch ist es nicht ausdrücklich gesagt, dass eine 
regelrecht berufene Wahlversammlung stattgefunden hat. Nichts 
spricht indes dafür, dass etwas Wesentliches unterblieben wäre, 
das Eigentümliche wird vielmehr darin bestanden haben, dass 
die Mehrheit des Klerus der von vielen erwarteten Wahl des 
Dekans sich unvermuteterweise widersetzte und ohne weitere 
Beratung diejenige Hildeberts proklamierte, die dann alsbald 
die Zustimmung des Volkes fand. 

Betrachten wir den Wahlakt selbst etwas näher! Wir 
sind in der Lage, die vier Bestandteile einer mittelalterlichen 
electio dabei unterscheiden zu können: Beratung, eigentliche 
Wahl, Inthronisation und Beistimmung des Volkes!). Die 
klerikalen Gegner Hildeberts bemängelten die Wahl, weil die- 
selbe nicht unter ihrem Beirat noch Konsens geschehen sei ?). 
Darnach hat entweder ene allgemeine Vorbesprechung 
(tractatio ?) gar nicht stattgefunden, oder, was wahrschein- 
licher ist, die andere Partei hat bei Gelegenheit einer Gesamt- 
beratung ihren Kandidaten nicht benannt. Wenn sie sich auf 
einen solchen überhaupt schon geeinigt hatte, dann war ihr 
dieses Schweigen nicht zu verdenken, weil unter den obwalten- 
den Umständen die unausbleiblichen Gegenanstrengungen der 
Fürstenpartei ihr Ziel kaum hätten verfehlen können. Auf 
keinen Fall war durch diesen Teil des Einwandes die Gültig- 
keit der Wahl in Frage gestellt; denn ein wesentliches Element 
der electio war die Beratung nicht. — Wesentlich war aber 
die eigentliche Wahl, und sie sollte im Prinzip eine ein- 


!) Siehe hierüber Grauert im H. J. I (Münster 1830), 502 ff. Vgl. 
Imbart de la Tour, Les &lections, Seite 2 ff. ($$ I. ID. 

2) Brief Ivos 277 (M. 279): Addunt quoque huic calumniae prae- 
taxatae personae (quidam de majoribus Cenomannensis ecclesiae), quod 
nec earum consilio fueris electus nec consensu. 

®) Grauert 516 ft. 


3932 Drittes Kapitel. 


mütige sein; für den Fall des Zwiespalts gab es damals noch 
keine unzweideutige Regel. Auf diesen Teil des Wahlaktes 
bezieht sich nun offenbar die Behauptung der Gegner, sie hätten 
ihren „Konsens“ nicht gegeben !). Somit hat dieses Element 
der electio sicher nicht gefehlt, auch waren die Unzufriedenen 
dabei zugegen; aber die Anhänger Hildeberts kamen ihnen in 
der Proklamation des Kandidaten zuvor, und sie beschränkten 
sich darauf, dem unvermuteten Rufe ihre Beistimmung zu ver- 
sagen; nicht einmal zu einem ausdrücklichen Widerspruch, ge- 
schweige denn zur Proklamation des Gegenkandidaten scheint 
es gekommen zu sein. Offenbar stimmte eine grosse Mehrheit 
des Klerus in das: Eligo Hildebertum ein, und dann ging es 
alsbald zum dritten, ebenfalls wesentlichen Teil, zur Inthroni- 
sation 2). Nachdem so dem Gewählten, um in späteren Aus- 
drücken zu reden, nicht nur das jus ad rem, sondern auch das 
jus in re gesichert war (vorbehaltlich der höheren Bestätigung °), 
gab man auch dem Volke Gelegenheit, seinen Beifall zu äussern), 


1) Vgl. Grauert 534 ff. 

?) Ebd. 549 fi. Oben Seite 325 Anm. 6. 

®) Dass man das ius in re kirchlich durch die Konsekration er- 
langte (Friedberg KR. 337 Note 7), trifft auch für Deutschland nur in 
so weit zu, als erst bei dieser, nicht bereits vorher, eine Inthronisation 
oder ein sonstiger kirchlicher Investiturakt stattfand. (Für die Zeit vor 
der gregorianischen Reform wird man für diese Fälle ruhig die fürstliche 
Investitur auch kirchlich als die einzige Voraussetzung des ius in re an- 
erkennen müssen, da der Bischof nach ihrem Empfang als Inhaber der 
Jurisdiktionsbefugnisse galt) Man muss das ius in re selbst und die 
Bestätigung desselben von einander unterscheiden; das Recht war mit 
der Inthronisation auch als dingliches bereits vorhanden, wenngleich es 
noch in der Schwebe blieb. (Die Konsekration als solche ist ja nur 
Voraussetzung der Weihegewalt.) 

*) Das deutet Ordericus Vitalis an (siehe oben 8. 326 A. 6 zu 325) 
und berichtet ausdrücklich der Biograph (A. P. bei B. XXXVIM. 89): 
propter scientiae et honestatis suae meritum communi cleri plebisque 
assensu in eius loco substitutus est. Es liegt auch nicht der mindeste 
Grund vor, daran zu zweifeln. Dieudonn& 42 Note 1 bemerkt aber 
schon gegen Piolin, dass die Mitwirkung des Volkes keineswegs eine 


Erhebung Hildeberts zum Bischof von Le Mans. 333 


und der Wahlakt war vollendet. — Den Freunden des Dekans 
blieb nur noch übrig, entweder sich, die Widerstrebenden, als 
die pars sanior auszugeben (nur dann konnte der Mangel ihres 
Konsenses von Bedeutung sein !), oder aber die Wählbarkeit 
des Gewählten zu bestreiten. Das erstere scheint trotz der 
oben mitgeteilten Einwendung nicht geschehen zu sein. Ivo 
wenigstens deutet es nicht an, und während er sonst bei ihm 
erheblich dünkenden Behauptungen mit der Angabe von Be- 
legen nicht spart, weiss er hier mit keiner Stelle zu dienen. 
Die Protestierenden hatten also wohl selbst nicht das Vertrauen, 
diesem Punkte auch nur den Schein einer Stichhaltigkeit 
verleihen zu können. Bessere Aussicht schien ihnen der Ver- 
such zu gewähren, Hildebert als einem tief gefallenen Sünder 
die Wählbarkeit abzusprechen. Ivo hält ihm vor, dass jemand, 
der nach Empfang einer höheren Weihe „gefallen“ sei (wie es 
von ihm als Archidiakon behauptet wurde) nicht einmal in dem 
ordo weiter dienen dürfe, in welchem dies geschah, geschweige 
denn, dass ihm zu einem höheren aufzusteigen gestattet wäre. 
Hierfür zitiert er ihm eine Gesetzesstelle, zwei andere Stellen 
dafür, dass ein solcher nicht geeignet sei, als Mittler zwischen 
Gott und den Menschen aufzutreten. „Wenn das alles sich 
so verhält,“ heisst es zuletzt, „dann ist es gefährlich für Dich 
und wird Dir meines Erachtens unermessliche Mühsal bereiten. 
Darum sorge für Dich nach dem Zeugnis Deines Gewissens, 
auf dass Du entweder in Ehren und Ruhe das Begonnene voll- 
endest, oder, auf Dein Heil bedacht, freiwillig entsagest.“ Fast 
mit denselben Worten hat Hildebert einige Jahre später einem 
anderen Erwählten seine Vorhaltungen gemacht, um ihn vom 
Eintritt in das verantwortungsvolle Amt zurückzuhalten ?). Der 


überwiegende gewesen ist. Vgl. das Verhalten Hildeberts gegenüber der 
tumultuarischen Wahl von Angers, unten II, 1. Ueber die juristische Be- 
deutung dieser Mitwirkung des (reliquus clerus et) populus vgl. Grauert 
a. a. O., besonders 539 ff, (IV und V) und unten II, 1. 

ı) Vgl. z. B. oben Seite 250 Anm. 1 zu 249. 

2) Siehe unten II, 1; Brief Hildeberts II,5 (B. 83 f. M. 211 ff.) 


394 Drittes Kapitel. 


Eifer, den er dabei dem Kandidaten wie dem Erzbischof gegen- 
über an den Tag legt, ohne eine Spur von Reue über eigene 
frühere Fehltritte zu bezeigen, und ohne dass man so grobe 
Vergehen, wie sie iım zur Last gelegt worden waren, dem 
anderen offen vorgeworfen hätte, würde sich sonderbar aus- 
nehmen, wenn Hildebert bei seiner eigenen Erhebung über die 
schwersten Bedenken sich hätte hinwegzusetzen gehabt. Trotz- 
dem konnten die Ankläger hoffen, bei manchen Leuten Glauben 
zu finden und so Schwierigkeiten hervorzurufen. Denn Hilde- 
bert pflegte ohne Zweifel mit gebildeten Frauen seiner Zeit 
schöngeistigen Verkehr (sogar die oben erwähnte Verbannungs- 
zeit bringt ein Beispiel dafür) !), und das genügte unter den 
damaligen Verhältnissen vollauf, um Verdächtigungen schlimm- 
ster Art in weiten Kreisen Raum zu gewähren. 

Die Kanoniker konnten auf doppeltem Wege versuchen, 
ihren Einwürfen eine den Wahlakt vernichtende Wirkung zu 
verschaffen. Sie konnten versuchen, dadurch entweder den 
Gewählten zum Rücktritt zu bewegen, oder die höhere Instanz 
zur Verweigerung der Konfirmation. Der erstere Weg wurde 
durch Ivos Vermittlung eingeschlagen, ob auch der zweite, ist 
nicht bekannt. Die für den Einspruch der Dignitare zuständige 
Instanz wäre nicht der Bischof einer anderen Kirchenprovinz, 
sondern der eigene Metropolit und die Provinzialsynode ge- 
wesen ?).. Wenn wir keine Spur davon finden, dass sie an- 
gegangen wurden, so ist das freilich kein genügender Beweis 
für das Gegenteil, noch weniger dafür, dass der Protest un- 
begründet war. KRadulf II. von Tours?) war ohne Zweifel 
nicht so streng wie Ivo; dieser äussert sich um dieselbe Zeit 
sehr geringschätzend und vorwurfsvoll in anderer ebenfalls eine 
Stellenbesetzung betreffender Sache über jenen *), Hildebert 


) Haur&au, Melanges, Seite 135 ff. Nr. LXXXVI; B, 1368 
M. 1445 Nr. VII. 

?2) Vol. Grauert 561 ff.; Imbart de la Tour 21 ft. 

?) Siehe über ihn Gallia Chr. XIV, 70 ff. 

*) Siehe ebd. 74; Foucault 96 ff. 


en ze 2 p 


Erhebung Hildeberts zum Bischor von Le Mans. 335 


selbst muss ihn einige Jahre später in solcher Angelegenheit 
tadeln !); auch lag es dem Erzbischof als Untergebenem des 
französischen Königs und des Grafen von Anjou näher, nor- 
mannische Interessen zu hintertreiben, als sie zu fördern. Immer- 
hin macht in der Gesamtheit der Umstände das gänzliche 
Fehlen einer Andeutung geschehener Schritte und eines Zeichens 
für die Wahrheit der erhobenen Beschuldigungen es durchaus 
unwahrscheinlich, dass der Metropolit oder die Provinzialsynode 
mit Einwürfen der Gegner sich hat zu befassen gehabt. — 
Dass wir auch im übrigen von einer Teilnahme der Kompro- 
vinzialbischöfe nichts erfahren, dass wir insbesondere nicht 
wissen, welche von ihnen der Weihe assistierten, fällt natürlich 
nicht auf, da nur noch die Beobachtung der gewöhnlichen 
Regeln in Betracht kommt. — Die amtliche Betätigung des 
Erzbischofs Radulf wird an drei Stellen mit drei verschiedenen 
Ausdrücken bezeichnet ?). Einmal ist von der Ordination die 
Rede, ein anderes Mal von der Konsekration, an der dritten 
Stelle heisst es, dass Hildebert von dem Erzbischof auf seinen 
Stuhl erhoben wurde (in sede sua positus est). „Konsekration“ 
ist der regelmässigen Ausdrucksweise gemäss die eigentliche 
Weihe, „Ordination“ bezeichnet etwas weiter die vom Metro- 
politen und der Provinzialsynode vorzunehmende Vollendung 
des Wahlaktes im ganzen, die letzterwähnte Wendung deutet 
auf eine hiermit verbundene (zweite) Inthronisation ?). Die 
förmliche Bestätigung von seiten des Metropoliten (und auch 
von seiten der Komprovinzialbischöfe) konnte natürlich geraume 
Zeit vor der Weihe erfolgen *), und es ist nicht ausgeschlossen, 
dass dann auch die Inthronisation schon früher stattfand; es 
wurde aber bereits anmerkungsweise gezeigt’), dass wir keinen 
Grund haben, dies im Falle Hildeberts anzunehmen. Der Ort 


1) Siehe unten II, 1. 

2) Siehe oben Seite 328 f. Anm. 2 bezw. 1. 
N-YVel.Imbart de la Tour 28. 31. 

4) Vgl. unten II, 1. 

5) Oben Seite 328 Anm. 2. 


396 Drittes Kapitel. 


der Feier war Tours, was wohl auch zu dieser Zeit noch der 
Regel entsprach ?). 

Das Wichtigste war, dass der Versuch des einen weltlichen 
Herrn, Druck auf die Wähler auszuüben, misslang, und dass der 
Wunsch des anderen, um seine Zustimmung oder gar um seinen 
Vorschlag gebeten zu werden, unberücksichtigt blieb. Dagegen 
ist die Bestätigung des Grafen wenigstens abgewartet worden; 
wenn dieser aber ein Schisma befürchtete, dann wusste er, dass 
die Partei Hildeberts das Recht des Gewählten nicht von seinem 
Einverständnis abhängig machte. — Die Wahl war also eine 
freie. Einer Investitur geschieht keine Erwähnung, auch eines 
Eides nicht. Nachdem soeben Urban II. zu Clermont beides ver- 
boten hatte, wird Hildebert auch beides — unter dem Schutze 
der Verwirrung — umgangen haben. Man könnte zwar ver- 
sucht sein, zu denken, er habe damals, als er die Freilassung 
des Grafen erwirkte, auch seinem eigenen Lehensverhältnisse 
zum König Genüge getan, so sehr findet man ihn nachher 
darauf bedacht, in den Grenzen seiner kirchlichen Rechte und 
Pflichten doch auch den treuen Untertan hervorzukehren. Die 
Gerichtsbarkeit des Königs lässt er sich gefallen, wenn er 
auch das Gottesurteil nach Befragung Ivos ausschlägt?); er 
folgt ihm in die Verbannung, er nennt sich in dem erwähnten 
Briefe seinen servus et fidelis, der bereit ist, alles nach dem 
Willen seines Herrn zu tun und zu leiden. Und auf seine 
ewige Treue könne der König sich so fest verlassen, als wenn 
er sie unter seinen Augen auf die heiligen Mysterien beeidigte. 
Gerade in den letzten Worten liegt der Beweis dafür, dass er 
tatsächlich einen Treueid nicht geleistet hat, geschweige denn 
den Eid des Lehensmannes Hand in Hand. Und gleichzeitig 


!) Siehe ebd.; vgl. unten II, 1, Imbart de la Tour 27. 

?) Brief Hildeberts II, 8 (B. 83 M. 216): Quia etenim turres 
ecclesiae nostrae dejicere nolumus, transmarinis subjiciendi judiciis coacti 
sumus injurias pelagi sustinere. — Bezüglich des Gottesurteils siehe oben 
Seite 85 ff., bezüglich der Gerichtsbarkeit des Königs über Bischöfe vgl. 
Seite 86 Anm. 2 und Seite 175 f. nebst Anm. 4. 


Die Erhebung Hildeberts zum Bischof von Le Mans. 337 


behauptet er, sich überzeugt zu haben, dass der König sich 
darüber freue und es seinem Willen entspreche, wenn der 
Bischof recht handle und in allem die Satzungen seines heili- 
gen Standes bewahre — heisst das nicht im Sinne Hildeberts 
einem solchen Gewalthaber gegenüber, dass er fest entschlossen 
sel, wie bisher, so auch in Zukunft die kirchlichen Gesetze 
hochzuhalten und unverbrüchlich zu beobachten, und dass der 
König froh sein solle, ihrer Pflicht so ergebene Untertanen 
zu haben !)? Zufällig wird diese Interpretation in einem andern 
Briefe bestätigt, der die Leiden dieser Jahre schildert ?): „Es 
führte zu weit, wenn ich erzählen wollte, mit wie hartnäckiger 
Tyrannei der König von England gegen uns gewütet hat, der, 
aller Mässigung eines Königs bar, sich vorgesetzt, nicht eher 
dem Bischof Ruhe zu gewähren, bis er den Bischof zum Gottes- 
räuber gemacht“, an seiner Kirche nämlich, deren Türme er 
niederreissen sollte®). — Auch in dem Verhalten Hildeberts 
gegen den Nachfolger Wilhelms, Heinrich I., zeigt sich die- 


!) Dieudonn& 207 f.: Nulla igitur voluntate resistendi domino 
meo commotus, nulla suorum benefactorum oblivione detentus, sed sola 
necessitate et angustiis, quae mihi multo majores quam dici possit emi- 
nent, coactus iterum atque iterum rogo, ut audire me dignetur, lacrimas 
meas aspiciat, velit servum suum et fidelem suum non amittere auctori- 
tatem ordinis sui, quem multis cognovi indiciis et laetari et velle me 
bene agere et per omnia sacri ordinis instituta conservare. Proinde 
quid me vel facere vel pati voluerit dominus meus, eligat, mandet, pro 
certo habens et, tamquam si sub oculis suis sub sacrosancta mysteria 
jurarem, ratum credens, quia, quidquid vel facturus sit in me vel jus- 
surus de me vel missurus me, numquam fidelitati eius renuntiabo. 

2) Brief Hildeberts II, 8 (B. 88 M. 216). 

3) Vgl. folgende Verse des oben Seite 330 Anm. 3 erwähnten Ge- 
dichtes: 


Accessit damnis novus ille gravisque tyrannus 
Quo Cenomannorum consule jus perüt; 
Cujus avos puduit scelerum genuisse patronum 
Fortunaeque parem mobilitate, dolis. 
Ille pudor patriae me non impune tuentem 
Justitiae leges expulit a patria. 
Barth, Hildebert von Lavardin. 22 


338 Drittes Kapitel. 


selbe Ergebenheit an den Herrscher, dazu persönliche Freund- 
schaft, jedoch keine Spur eines geleisteten Hides oder einer ge- 
schehenen Belehnung. — Der Graf von Maine aber hatte darin 
sicherlich nicht den Vorzug. 

Wir gehen also nicht fehl, wenn wir die Besetzung des 
Stuhles von Le Mans im Jahre 1096 als eine in jeder Hinsicht 
der kirchlichen Gesetzgebung entsprechende bezeichnen und das 
Charakteristische darin finden, dass sie, ausgenommen die (nicht 
als unbedingt erforderlich anerkannte) Konfirmation der Wahl, 
der Mitwirkung der weltlichen Gewalt vollständig entzogen war. 

Dadurch unterschied sie sich zunächst von den früheren 
Bischofserhebungen dieser Stadt. Diejenige Ho&ls’ wurde be- 
reits dargestellt; er war natürlich vor der Weihe investiert !). 
Der König verlieh ihm Seelsorge und weltliches Recht, Klerus 
und Volk hatten also nichts weiteres zu tun, als für eine so 
einfache „Wahl“ Gott den Herrn zu loben. Dieser Bischof 
wandelte aber augenscheinlich den Weg seines Vorgängers 
Arnald, dessen Abstammung von einem Priester wohl nicht 
der entscheidende Grund war, weshalb ein Teil des Klerus 


Die Art und Weise, wie Hildebert in seinem Briefe an den König 
diesen behandelt, war jedenfalls die einzige, die einen Wilhelm den Roten 
allenfalls noch besänftigen und neue schwere Drangsale von dem Vater- 
lande des Bischofs abhalten konnte. Sie war in so fern nicht unauf- 
richtig, als die zum Ausdruck kommende Untertanengesinnung durchaus 
der Wahrheit entsprach. Die in den anderen Stellen enthaltene, dem 
allgemeinen Urteil entsprechende Kritik der königlichen Regierung war 
damit nicht unvereinbar. Sie war selbstverständlich nicht bestimmt, zu 
Lebzeiten des Königs veröffentlicht zu werden. Vgl. das Verhalten Hilde- 
berts gegenüber König Ludwig und seinem Minister, oben Seite 177 £. 

1) Siehe oben Seite 324 f. Ordericus Vit. IV, 11 (LeP. II, 250): 

. nominatumque clericum statim ad se accersiit eique curam et 
saeculare jus Cenomannensis episcopatus commisit. Decretum regis clero 
insinuatum est, et praefati clerici bonae vitae testimonium ab his, qui 
noverunt, ventilatum est. Pro tam pura et simpliei electione devota 
laus a fidelibus Deo reddita est et eleetus pastor ad caulas ovium suarum 
ab episcopis et reliquis fidelibus, quibus hoc a rege jussum fuerat, hono- 
rifice perductus est. Vgl. Piolin III, 334 ff. 


Die Erhebung Hildeberts zum Bischof von Le Mans. 339 


seiner Erhebung widerstrebte und der Erzbischof von Tours 
anfangs die Konsekration verweigerte !); musste doch Ho&l des 
Grafen Fulko von Anjou wegen, der den Normannen und ihrem 
Freunde nicht hold war, in Rouen geweiht werden). So war 
ferner Wulgrinus ein Geschöpf des Grafen von Anjou°). Bis auf 
ihn wird wenigstens noch stets eine Wahl erwähnt, die frühere 
Periode aber, die Herrschaft der französischen Könige, lässt 
auch die Wahl durch Klerus und Volk vermissen *). — Um 
zu beurteilen, wie bedeutsam die Reaktion von 1096 für die 
engere Heimat Hildeberts gewesen ist, vergleiche man die Ge- 
schichte der vorhergehenden Episkopate mit dem seinigen. Die 
Ruhe, die nach dem Tode Wilhelms II. den letzteren vor den 
anderen auszeichnet, ist gewiss in nicht geringem Masse darin 
begründet, dass Hildebert als Unparteiischer zwischen den 
Gegnern stehen und so nach beiden Seiten im Sinne des Friedens 
wirken konnte. Dann liegt es aber auch nahe, dass eine hierauf 
gerichtete Berechnung die Partei Hildeberts und ihn selbst bei 
ihrem Vorgehen stark bestimmte und ihnen die kirchliche Ge- 
setzgebung umso wertvoller machte’). Und zu behaupten, 
dass Hildebert die treibende Kraft in dieser Bewegung war, 


2) A. Ps, Mab. 307 (f); N. A. VII, 160; Piolin III, 270 £. Hoel 
war ein Verwandter Arnalds; siehe ebd. 336. 

2) A. P., Mab. 309 Sp. 2 oben; Piolin III, 338 f. Vgl. aus früherer 
Zeit Gallia Chr. XIV, 354. 

SP 1olın 111,0252T. 

*#) A.P. und Piolin vorher. Vgl. Imbart de la Tour 244 f. Es 
wird zwar nicht ausdrücklich bezeugt, dass eine Wahl nicht stattgefunden 
habe, mit Rücksicht auf das sonst hervortretende Benehmen der Fürsten 
darf es aber aus dem Schweigen geschlossen werden. Wenn Bischöfe 
von Le Mans in dieser Zeit so schlecht gesittet waren, dann ist dies 
wohl auch zu einem guten Teil auf das unbeschränkte Besetzungsrecht 
des Königs zurückzuführen. 

5) Daneben mag für die Kleriker auch das heftige Temperament 
des Dekans in Anschlag gekommen sein. Ordericus Vit. schreibt von 
ihm XII, 25 (Le P. IV, 407): Praefatus enim praesul erat Brito, in multis 
indiscretus, tenax et iracundus, vultu gestuque severus, in increpatione 
austerus, procax et verbositate plenus. Vgl. oben Seite 64. 


340 Drittes Kapitel. 


ohne seine eigene Beförderung eigennützig zu erstreben, dürfte 
wohl trotz des Mangels einer positiven Nachricht nicht zu 
kühn sein; wir kennen niemand ausser ihm, der zum Führer 
wäre geeignet gewesen. 

Wie das in der Erhebung Hildeberts verwirklichte Zu- 
rücktreten staatlicher Gewalt zu gleichzeitiger und noch spä- 
terer Praxis und Theorie sich verhielt, werden die folgenden 
Abschnitte lehren. 

Wir haben bisher öfter konstatieren können, dass Hilde- 
bert in seinen Reformbestrebungen Rücksichten der Klugheit 
und des Entgegenkommens auch zu Gunsten der Laien walten 
liess; er hat scheinbar derartigen Erwägungen nicht nach- 
gegeben, als er sich bei seiner eigenen Erhebung von der 
früheren Praxis in einem Masse emanzipierte, wie es damals 
noch ganz selten vorkam. Beachten wir aber, dass die Verhält- 
nisse, unter denen er Bischof wurde, ausserordentliche waren! 
Drei Herren kamen für die Grafschaft und das Bistum in Be- 
tracht, der König von Frankreich, der Herzog von der Nor- 
mandie (zugleich König von England) und der Graf; die beiden 
letzteren lagen fortwährend im Streit, und ausserdem lauerte 
auf den Zankapfel noch der Graf von Anjou!). Da konnte 
es einem Bischof leicht gelingen, die kirchlichen Vorschriften 
durchzusetzen, und dies so viel als möglich zu tun, war doch 
bei aller Mässigung das Streben Hildeberts. Sodann verliert ja 
unser Bischof auch hier trotz dieses Strebens den Frieden nicht 
aus dem Auge. Ihn geht er alsbald mit Graf Helias ein, 
zwischen diesem und dem König sucht er ihn zu vermitteln, 
für sich selbst trachtet er danach, mit letzterem in gutem Ein- 
vernehmen zu bleiben, und endlich hat er den König Heinrich, 
den Grafen und den ganzen Klerus für sich gewonnen. Zu 
untersuchen bleibt aber noch, ob Hildebert unter weniger gün- 
stigen Umständen auch diesen Rechnung getragen, oder ob 
er vielmehr die vollste Freiheit nach der Strenge der Gesetze 


) Dieudonne 50 ff.; vgl. oben Seite 324. 


Bistümerbesetzungen um 1100. 341 


bei Besetzung der Bistümer wenigstens unter allen Umständen 
gewollt und bis aufs äusserste verteidigt hat. 

Mit Rücksicht auf die Vergangenheit von Le Mans und 
auf die Zustände, welche auch am Ende des 11. Jahrhun- 
derts noch an vielen Orten herrschten, könnte man ein Ge- 
dicht, das nur vermutungsweise Hildebert selber zuzuschreiben 
ist, ebensogut auf seinen eigenen Regierungsantritt deuten !). 
Für viele Kirchen sei Friede, Freiheit und Ehrerbietung dahin, 
Krieg und Raub, Knechtschaft, Verachtung an deren Stelle 
getreten. Früher von heiligen Vätern regiert, seien sie die 
Opfer von Simonisten und Tyrannen geworden, die nach Gunst 
der Könige und Fürsten jagen, ihnen Gesetzesverletzung ge- 
statten, Milch und Wolle der Schafe einheimsen und diese 
selbst den Wölfen preisgeben, die sittliche Ordnung verkehren. 
„Dank daher Dir, Christus, dass Du uns mit diesem Vater 
beglückst, der die Kirche zu regieren, die Zügel des Rechtes 
zu handhaben gesonnen ist, der gelernt hat ein Hirte, nicht 
ein Mietling zu sein...“ °). Hat Hildebert selbst die Verse 
verfasst, so geschah es zum Regierungsantritt Hoäls, von dem 
in sittlicher und seelsorglicher Hinsicht Gutes zu gewärtigen 
war; Hildebert zeigt dann darin, wie er von der Aufgabe eines 
Bischofs dachte, und die Umstände seiner eigenen Erhebung 
berechtigten mehr als diejenigen früherer Wahlen die Hoff- 
nung, dass er solcher Aufgabe gerecht werden wolle und könne. 


II. 
Wenn die Darstellung der Wahlvorgänge, die den Gegen- 


stand des eben abgeschlossenen Teiles bildeten, im wesentlichen, 
wie wir annehmen müssen, den Tatsachen entspricht, dann ist 
der Episkopat Hildeberts in dieser Hinsicht für jene Zeit und 
Gegend als eine von verhältnismässig wenigen Ausnahmen zu 


») B. 1355 M. 1430 Nr. OXI; Haure&au, Melanges, Seite 113 ff. 
Nr. LVII. Die Deutung auf eine Papstwahl ist wohl auszuschliessen. 
?) Vgl. die Synodalpredigt Hildeberts oben Seite 154 f. 


342 Drittes Kapitel. 


betrachten. Sowohl um dies zu zeigen, als auch um die Grund- 
sätze Hildeberts für sich und in ihrem Verhältnis zu den An- 
schauungen der Zeit etwas genauer kennen zu lernen, beschäf- 
tigen wir uns zunächst eingehend mit einer Bischofswahl, bei 
welcher unser Bischof eine wichtige Rolle spielte, um alsdann 
französische sowie englisch-normannische Zustände und An- 
schauungen zum Vergleich heranzuziehen. 

1. Im Jahre 1101 resignierte der Bischof Gottfried von 
Angers!). Der nachfolgenden Erhebung Rainalds von Mar- 
tign& haben wir bereits einige Erörterungen gewidmet ?), haupt- 
sächlich in so fern, als dem Kandidaten das Fehlen des erforder- 
lichen Alters und der erforderlichen Weihen vorgehalten wurde. 
Was diese Erhebung in den Augen Hildeberts und Gottfrieds 
von Vendöme verwerflich machte, war vor allem anderen die 
Regellosigkeit der Wahl und die gräfliche Investitur. Ausser 
Gottfried werden noch einige andere Aebte als Gegner Rainalds 
genannt; ferner standen auf dieser Seite der Dekan, der sich 
aus Furcht dem Wahlakt fernhielt, der Kantor, mehrere Archi- 
diakonen, kurz, wie der Dekan behauptete, der grössere Teil 
des Kapitels, und, wie später Marbod, durch schlimme Er- 
fahrungen ernüchtert, eingestand, die besten Kleriker. Mag 
immerhin die Leidenschaft übertrieben haben: ob die pars maior 
et sanior für Reinald gestimmt hatte, war jedenfalls sehr zweifel- 
haft, und noch zweifelhafter, ob diejenigen, die es getan, aus 
Ueberzeugung gehandelt hatten ’°). 


!) Gallia Chr. XIV, 564. — Zum folgenden siehe die Briefe 
Hildeberts I, 4. 5.6 (B. 82ff. M. 210 f£.), die Briefe Gottfrieds 
von Vendöme III, 11 (M. 112 f£.; M. G., lib. de lite II, 683 ff. an Rainald) 
V,4. IV, 8. 9. IIL, 14. 13 bei Migne CLVII und den Brief Marbods I. 
(B. 1387 fi. M. 1465 ff., besonders 1391 f., 1469 £). Vgl. Haureau: 
Revue des deux mondes LXXXVIII (1870), 548 #.; Compain 189 ff. 

?) Oben Seite 41 ff., 93 ff. 

°) In Bezug auf die pars maior spricht sich Hildebert nur 
referierend aus, II, 4: Asserit etiam decanus cantorem, archidiaconos et 
maiorem capituli partem, quantum licuerit, obelamasse simulque talibus 
ausis assensum subtraxisse pro ratione, se ipsum praesentiam pro timore. — 


Bistümerbesetzungen um 1100: Angers 1101. 343 


Den Nachdruck legen Hildebert und Gottfried darauf, dass 
ein Volkstumult die Wahl begleitete, und dass der Pöbel über den 
Klerus triumphierte; die Mitwirkung des Volkes ging also nach 
ihrer Auffassung über das gehörige Mass hinaus). Die Ordi- 
nation eines Bischofs, sagt Gottfried, vollziehe sich in Wahl 
und Weihe, beides habe durch die Stellvertreter Christi zu ge- 
schehen, und dies seien bei der Wahl die Kleriker, bei der 
Weihe die Bischöfe; alle anderen könnten nur einen Bischof 
erbitten, nicht aber wählen oder weihen. Und ein Bischof 


Brief Gottfrieds, Lib. de lite II, 683: At mihi soli, sicut arbitror, pro 
crimine non debet ascribi, quod Stephano decano vestro et personis, quae 
affuerunt, potest potius imputari. Omnes utique contradixerunt illam, 
quam vestram fuisse dicitis electionem et reprobaverunt. Einzelheiten 
über Vergewaltigung des Klerus und über die Flucht des Dekans und 
eines Archidiakons (G., d. i. Wilhelm) Seite 684 oben. — Marbod 
{B. 1391 £. M. 1469): Nec tamen elapsus (aus der Gefangenschaft) destiti, 
ut tune putabam constanter, ut nunc intelligo pertinaciter, urgere pro- 
positum et contra optimos clericorum, qui pluribus ex causis absque suo 
assensu, a vulgo factam improbabant electionem, quoniam et infra annos 
et extra ordines per tumultum populi magis fieta esset quam facta, pro- 
motionis tuae causas asserere. 

t) Brief Hildeberts II, 4 (B. 82 M. 211): Sed testantur, qui 
adfuerunt, quod ad juvenem infra sacros ordines et annos inventum nec 
a clero electum seditiosus turbatae turbae clamor pontificalem extorserit 
electionem. I, 5 (Anfang): Quippe non elegit te clerus, sed minae popu- 
lares intrusere renitenti. — Gottfried (Forts. der vor. Stelle): Nec 
immerito; nam illis invitis et non petentibus arreptus fuistis a vulgo, et 
quod ibi factum est, hoc praesumptuosa et perniciosa fecit seditio. Es 
folgt Einzelschilderung, dann: (Nos autem, quae vidimus et audivimus, nec 
possumus nec debemus non loqui). In illa siquidem actione, imo vulgi 
conspiratione, quam pro electione reputatis, lex velut inter arma siluit, 
vox divina locum non habuit. Totum ibi levitas vindicavit et vanitas, 
ubi mima quaedam et mulier publica, quae vos garruliter acclamabat, 
amplius potuit, quam plebis maturitas vel clericalis honestas potuerit, ... 
(Bonus Maurilius, quem vestrum praedecessorem fuisse gloriamini, beato 
eligente Martino et praesignante Spiritu sancto electus est et consecratus, 
vos autem vulgo furente et spreta canonica electione estis creatus). Gegen 
Schluss sagt er von ihm: qui non vocatus a Deo praeponitur, sed violenter 
intrusus a vulgo. Marbods Zeugnis siehe in der vorigen Anmerkung. 


344 Drittes Kapitel. 


ohne kanonische Wahl sei ein Baum ohne Wurzel. — Mehr 
juristisch erfasst Hildebert die Sache, indem er erklärt, dass 
das Volk nach den Gesetzen nicht dem Klerus voranzugehen, 
sondern ihm, dem wählenden, zustimmend zu folgen habe !). 
Die Texte, die er hierfür zitiert, besagen dies freilich nicht 
so deutlich, wie er vorgibt, sie sprechen von einem Konsens 
der beiden Faktoren und stellen den Klerus voran; es war 
aber ganz natürlich, dass diesem von jeher in der Regel ein 
gewisser Vorrang zugestanden wurde, und zu jener Zeit ging 
die Entwicklung schon deutlich darauf hinaus, dem Kapitel 
ausschliesslich die Bischofswahl zu reservieren ?). Dass bei ihm 
die Entscheidung liegen und anderen nur noch eine beratende 
Stimme zukommen sollte, deutet Hildebert an, wenn er in dem 
einen Briefe, der dem Erzbischof rücksichtslos die Rechtslage 
vorhalten will, nur das negative Votum der Kapitelsmehrheit 
in Betracht zieht, in dem anderen aber, wo er durch Er- 
wähnung der Kapitulare erbittern könnte, neben dem Klerus 
im allgemeinen nur der Aebte eigens gedenkt°?). Das wichtigste 


) U, 5. Nam de electione quid loquar, in qua populo minime 
licet clerum praecedere, sed assensu persequi eligentem! Serutare scri- 
pturas et in hoc ei negotio primum locum reservatum invenies. Darauf 
folgen die zwei oben Seite 10 f. Nr. 7. 8 bezeichneten Stellen. Sie 
lauten: Nullus invitis detur episcopus, verum cleri plebis et ordinis con- 
sensus et desiderium requiratur. — Cum de summi sacerdotis electione 
tractabitur, ille omnibus praeponatur, quem cleri plebisque consensus 
concorditer postulaverint. Dann heisst es sofort weiter: Vides itaque, 
frater mi, quantus in te conjuret auctoritatum concursus, quam multa te 
pulsent capitula. Das klingt bei zwei Stellen sonderbar; sollte der Ab- 
schreiber andere unterschlagen haben? Zu der zweiten Stelle siehe 
Grauert im H. J. 1 (1880), 517. 521. Gerade durch die der Wahl 
voraufgehende tractatio musste der Einfluss des Volkes mehr und mehr 
zurücktreten. 

2 Imbart de’la-Pour-522. 

®) Siehe oben Seite 342 Anm. 3. Die Archidiakonen gehörten jeden- 
falls auch zum Kapitel. II, 5 Schluss: Pro eo (Christo) religiosos ab- 
bates et integri personas nominis audivi stare adversum te. Siehe ferner 
aus beiden Briefen oben Seite 343 Anm, 1. 


Bistümerbesetzungen um 1100: Angers 1101. 345 


Erfordernis aber ist ihm offenbar, dass die Wahl eine freie 
sei, frei von jeglichem Druck der Laienwelt. Eine Wahl, wie 
sie in Angers vor sich ging, gilt ihm als ein „unerhörtes Ver- 
gehen“, er wundert sich sehr, wie kirchlich gesinnte Personen 
ihr haben beitreten können und bezeichnet dies als eine die 
Auktorität untergrabende Zustimmung. 

Stellen wir zum Vergleich mit der im ersten Teil geschil- 
derten Wahl von Le Mans noch einige Einzelheiten klar! — 
Eine regelrechte tractatio ist in Angers wenigstens vorbereitet 
worden. Für den 30. Juni (1101) war sie angesetzt; ein- 
geladen wurden zu ihr Nachbarbischöfe und Aebte sowie 
Männer, anscheinend Laien, von hervorragender Religiosität; 
soweit als möglich sollte die Wahlangelegenheit zur Erledigung 
gebracht werden. Wir erfahren dies aus dem Einladungs- 
schreiben, das der Dekan Stephanus, der Kantor Hubert und 
der Archidiakon Wilhelm an den Abt Gottfried von Vendöme 
gerichtet haben !). Dieser fürchtete sich, dem Wunsche der 
Kanoniker Folge zu leisten ?), suchte aber in Briefen an 
mehrere Beteiligte der Erhebung Rainalds energisch entgegen- 
zuwirken®). Hat die tractatio stattgefunden, dann ist ihr 
Hauptergebnis wohl die Verwerfung dieses Kandidaten ge- 


!) Mabillon, Ann. O.S.B., V, 411: Volumus enim, Deo juvante, 
de electione pontificali in crastino S. Petri cum vicinis episcopis et 
abbatibus et religiosissimis viris colloqui et tractare et, quantum 
poterimus, diffinire. Gottfried wird eingeladen sicut discretissimus pater, 
sicut catholicus, sicut Romanae ecclesiae filius, um consilium und auxilium 
zu gewähren; ob auch auf Grund einer, etwa durch die Besitzungen 
seines Klosters bedingten, Zugehörigkeit zur Diözese Angers, ist nicht 
ersichtlich. 

2?) Brief Gottfrieds V, 4 (M. 189): Ego quidem vestrae vocationi 
satis libenter acquievissem, nisi sub hac occasione, quod dicere nolo, 
subire timuissem. Vgl. das Schicksal Marbods. 

3) IV, 8 (M. 152 ff.) an die Aebte Wilhelm von St. Florentius und 
Bernard von St. Sergius, IV, 9 (M. 155 f.) an den ersteren und an den 
Archidiakon Wilhelm. Diese letzteren beiden hat er anscheinend für 
wankend gehalten. 


346 Drittes Kapitel. 


wesen. — Indes, was in Le Mans die Partei Hildeberts unter 
den Klerikern getan hatte, das, und noch mehr, tat hier das 
Volk: es kümmerte sich nicht um den Willen des gegnerischen 
Klerus, es ging sogar über dessen Widerspruch zur Tages- 
ordnung über und „wählte“ seinen Rainald. Dass es dabei 
nicht ordnungsmässig herging, und dass die Menge nicht von 
reformatorischen Instinkten geleitet war, ist schon zu glauben; 
sicher ist auch, dass der Einfluss grosser Herren dazu ein 
Erkleckliches beitrug; wie es mit der dem Kandidaten vor- 
geworfenen Simonie sich verhält, mag dahingestellt bleiben }). 
Dass sich die breite Masse des Volkes vielfach weit mehr als 
in der vorhergehenden Zeit für die Bischofswahlen interessierte 
und sie beeinflusste, ist übrigens zu einem guten Teil auf ein 
dahin gerichtetes Streben Gregors VII. zurückzuführen ?). Das 
sollte sein und war vielfach ein Mittel der Reform; es diente 
aber bei der von den Verhältnissen der Vorzeit sehr verschie- 
denen sozialen Lage der grossen Menge des Volks wohl ebenso 
häufig, wie z. B. hier, den Gegnern als den Freunden der 
Reform. — Als Nachbarbischöfe der Provinz, an welche die 
Einladung zur tractatio ergangen sein könnte, kommen die von 
Nantes, Rennes, Le Mans sowie der Erzbischof von Tours in 
Betracht. Was wir erfahren, ist folgendes: Marbod von Rennes 
wurde auf der Reise zum Wahlort „unter den Auspizien der 
Wahl“ als Förderer Rainalds auf Anstiften des Dekans Stephan 
gefangen gesetzt; damit wird es zusammenhängen, dass der 


!) Brief Gottfrieds IV, 8 (M. 154 £.): Illum utique ultra modum 
malitiosum esse a puero, fama referente didicimus et ex parte per nos 
cognovimus. Et quia hunc ad augmentum iniquitatum suarum contra 
sanctam Ecclesiam arte Simonis Magi niti audivimus, utile valde est, 
imo necessarium, quatenus auctoritate Simonis Petri ei in faciem resi- 
stamus. Die Adressaten sollen mit ihm sich energisch bemühen, ut tam 
saeva pestis, quae per saepe dictum haereticae pravitatis ministrum in 
partibus nostris diabolica suggestione emersit, vernichtet werde. Von der 
Investitur, die Gottfried später auch als eine Art von Simonie bezeichnet, 
ist in diesem Briefe nicht die Rede. 

?) Imbart de la Tour 4% £. 


Bistümerbesetzungen um 1100: Angers 1101. 347 


Dekan an der Wahl nicht teilzunehmen wagte !). Radulf von 
Tours gab ihr seine Zustimmung ?), Hildebert versagte sie ?). 

Des letzteren Tadel bezüglich des Assenses zur Wahl traf 
natürlich in erster Linie den Erzbischof, an den das betreffende 
Schreiben gerichtet war. Derselbe hatte das Faveo gesprochen 
und nunmehr Hildebert zur Konsekration geladen *). Hildebert 
entschuldigt den Erzbischof Radulf einigermassen damit, dass 
er sich habe einschüchtern lassen — offenbar durch die Stellung- 
nahme der weltlichen Gewalt; dies spricht er zwar nicht offen 
aus°), aber was hätte der Pöbel von Angers gegen den Erz- 
bischof von Tours vermocht? Der Graf dagegen regierte auch 


) Marbod erzählt (B. 1391 f. M. 1469): Nam et carcerem et catenas, 
dum ad te in auspiciis tuae electionis vocatus festino, tui causa passus 
sum machinamento eius, qui tibi nunc placet, Stephani, quasi tunc jam 
praesagiente et praemonente fortuna, ut ab infausto coepto desisterem. 
Et non tantum verborum, sed et factorum ludibria multa sustinui; siqui- 
dem rerum mearum jacturam gravis mihi proprii corporis contumelia 
levem fecit. Abt Gottfried kam in den Verdacht, an diesem Ueberfall 
schuld zu sein; in seinem Briefe III, 14 beteuert er seine Unschuld 
gegenüber Hildebert, der ihm Vorhaltungen gemacht und ihm Vorsicht 
und Masshalten empfohlen zu haben scheint. 

2) Brief Hildeberts II, 4 (M. 211): Quis non miraretur religio- 
sarum prudentiam personarum in assensum novi declinasse piaculi? Pace 
vestra loquar. Inexcusabilis esset ille subversor auctoritatis assensus, si 
eum necessaria dispensatione non putaremus extortum. Dieser Assens 
wurde also nicht erst bei Gelegenheit der Konsekration erteilt, die 
Hildebert noch zu verhindern sucht. 

3) Brief Gottfrieds III, 14 (M. 121): Quoniam illicitae electioni 
non consensistis, bonitati vestrae gratias refero; quod mecum nemo facere 
recusat, qui Deum diligit corde perfecto. Auch das ist offenbar nicht 
lange nach der Wahl geschehen; vgl. die vorletzte Anm. am Schluss be- 
züglich des sonstigen Inhalts dieses Briefes. 

#) Brief Hildeberts II, 4 (B. S2 M. 210 £.): Petitio vestra, qua 
vocamur ad electi vestri consecrationem, facilem apud nos inveniret assen- 
sum, si eam ratio tueretur. 

5) II, 4. Nisi enim fallor, timori cessistis, non rationi, nihilque 
aliud fuit dicere faveo, quam Caesarem appello. Letzteres soll wohl 
nur, wie das folgende, besagen, dass er in augenblicklicher Furcht durch 
seine Bestätigung einer drohenden Gefahr hat entgehen wollen (wie der 


348 Drittes Kapitel. 


über Touraine. Dass derselbe bereits bei der Wahl eine Rolle 
spielte, ist nicht festzustellen, aber es ist wahrscheinlich; denn 
die „Faktoren Rainalds* — factores vestri, sagt Gottfried — 
wären sonst kaum so kühn gewesen. Rainald erhielt denn auch 
von ihm die Investitur vermittels des Hirtenstabes, und zwar, 
wie der Abt betont, nicht im geheimen, sondern „zu noch 
grösserer Verletzung der Kirche“ öffentlich, selbstverständlich 
vor der Weihe‘). 

Gerade in der Sache des Bischofs von Angers gibt nun 
Gottfried von Vendöme, allerdings erst längere Zeit nachher 
(1116—1118)?), seine ursprüngliche Investiturtheorie kund, 
die eine vollkommen extreme ist. Ihm gilt die Investitur zu- 
nächst als eine Art von Simonie und schon von diesem Ge- 
sichtspunkt als Häresie, dann aber auch in so fern, als durch 
sie apostolischem, vom h. Geiste eingegebenem Verbot zuwider 
geistliche Gewalt von Laien geübt werde®). — Hildebert war 


h. Paulus durch seine Appellation vor den Wutausbrüchen der Juden 
sich schützen wollte). 

!) Brief Gottfrieds, Lib. de lite II, 685: Investituram, quam de 
manu laica accepistis per pastoralem virgam, silere non debeo nec loqui 
sine dolore; quod ad majorem injuriam sanctae ecclesiae in occulto 
factum non fuit sed publice... Ibi enim inprimis omnis ecclesiasticus ordo 
confunditur, quando hoc, quod unicuique a solo suo consecratore in ecclesia 
cum orationibus, quae ibi conveniunt, dari debet, a saeculari potestate 
prius aceipitur. 

?) Siehe oben Seite 44 Anm. 1. — Sackur, N. A. XVII, 340 f.; 
XVII, 672. 

3) Lib. delite II, 685 f. Investitura enim, de qua loquimur, sacra- 
mentum est, id est sacrum signum, quo princeps ecclesiae, episcopus 
scilicet, a ceteris hominibus secernitur pariter atque dignoscitur, et quo 
super christianum gregem cura pastoralis ei tribuitur. Hanc investituram 
ab illo solo suscipere debet, a quo et consecrationem habet. Illum siqui- 
dem prius oportet consecrari, deinde vero tamquam ducem ecclesiae sacris 
insignibus decorari. Si quis autem cuilibet saeculari potestati ista licere 
putat, errat; quod si defendere nititur, apostolorum doctrinam et sancti 
Spiritus sensum annullare desiderat, unde haereticus esse nullatenus du- 
bitatur. Vorher führt er nämlich das Verbot einer Laieninvestitur auf 


Bistümerbesetzungen um 1100: Angers 1101. 349 


dagegen ohne Zweifel nicht dieser Meinung und legte deshalb 
weniger auf die Investitur als solche den Ton, über die er in 
seinen Briefen schweigt, als auf den Einfluss weltlicher Gewalt, 
der dann in ihr zu Tage trat, wenn schon die Wahl unter 
dem Eindruck der erforderlichen Investitur sich vollzog und 
die Weihe als notwendige Folge der Investitur betrachtet und 
behandelt wurde !). Weil nun im vorliegenden Falle mancherlei 


die Apostel zurück: Cum igitur laico et investitura et omnis etiam dispo- 
nendarum ecclesiasticarum rerum facultas a Spiritu sancto, qui in apostolis 
loquebatur, negata sit penitus et interdieta, qui investituram a laico 
suscipit, non jam contra apostolos tantum, immo contra dominum aposto- 
lorum, quod sanctum est, canibus exponit. Noch einige Sätze vorher stellt 
er eine andere auffallende Behauptung auf: Qui autem cognoscere voluerit 
quid ... ecclesia de investitura senserit, ... legat in primo capitulo 
illius concilii, quod tempore Gregorii VII. papae factum est, et ibi omnes 
clericos, qui de manu laici investituram suscipiunt, haereticos vocatos 
et ideo damnatos esse et excommunicatos inveniet. Immerhin will er 
anscheinend nicht die Investitur an und für sich, also wegen einer 
direkten und notwendigen Beziehung zum eigentlichen Sakrament der 
Weihe, als etwas Häretisches hinstellen; das zeigt auch der etwas später 
folgende Satz: Laicis quidem sacramenta ab ecclesia suscipere licet, non 
ecclesiae quaelibet sacramenta dare; annulus autem et virga, quando ab 
illis dantur, a quibus dari debent, et quando et ubi et gquomodo debent, 
sacramenta ecclesiae sunt, sicut sal et aqua et quaedam alia, sine quibus 
hominum et ecclesiarum consecrationes fieri non possunt; er fühlt offen- 
bar, dass jene Zeichen nicht unbedingt einen solchen Wert zu haben 
brauchen, dass es, wie Ivo längst derartigen Aufstellungen gegenüber 
betont hatte, auf die dabei vorhandene Intention ankommt. — Den simo- 
nistischen Charakter der Investitur sucht er an der dem letztzitierten 
Satz unmittelbar voraufgehenden Stelle zu beweisen: Haec praeterea 
haeresis de investitura, si recte perspiciatur, etiam haeresis simoniaca esse 
viva et vera ratione probatur. Nam quae saecularis potestas sibi vindi- 
care nititur investituram, nisi ut per hoc aut pecuniam extorqueat aut, 
quod est gravius, sibi inordinate subiectam efficiat pontificis personam ? 
Jedenfalls gehe der Laie dabei auf irdischen Gewinn aus. 

1) Auch Gottfried zieht im Anschluss an das in der vorigen Anm. 
zuletzt Zitierte den Verlust der kirchlichen Freiheit in Betracht. Hac 
itaque non tam humana quam diabolica malignitate ecclesia catholicam 
fidem, libertatem et castitatem amittit, sine quibus nulla ratione sub- 
sistit. — Vgl. oben Seite 115 f£. 


350 Drittes Kapitel. 


der Einsetzung des Investierten widerriet, so suchte er den 
Erzbischof zu überreden, dass er wenigstens noch im ent- 
scheidenden Augenblick der Rücksicht auf die weltliche Ge- 
walt entsage und im standhaften Entschluss, die Folgen eines 
Widerstandes nunmehr auf sich zu nehmen, die Konsekration 
verweigere!). Hildeberts Stern ist demnach auch in diesem 
Problem die Freiheit der Kirche, und er dürfte also (in Ueber- 
einstimmung mit Ivo) eine nach der Weihe zu erteilende In- 
vestitur im Sinne einer Konzession der hegalien nicht unbedingt 
verworfen haben, ja nicht einmal eine voraufgehende, sofern 
die Freiheit der Wahl und der Weihe dabei gewahrt blieb. 
Ob er allerdings eine” solche der kirchlichen Gesetzgebung 
schlechthin entsprechend erachtete, ist fraglich. 

Unser Bischof schlug die Teilnahme an der Weihe, zu 
der er dem geltenden Recht gemäss geladen worden war, in 
seinem Schreiben an den Erzbischof aus ?). Anfänglich beab- 
sichtigte er, oder war er wenigstens nicht abgeneigt, der La- 
dung Radulfs Folge zu leisten, um in Tours persönlich seine 
Ansicht zu verfechten und die Weihe zu verhindern. Davon 
aber hielt ihn Gottfried dringend ab aus Furcht, er möchte 
sich bereden lassen und abtrünnig werden). So begnügte sich 
denn Hildebert mit seinem schriftlichen Protest. Eine Zeitlang 


) Brief HildebertsIJI, 4. (M. 211): Paulus enim, quando oportuit, 
passus est pro Christo, Christus pro mundo. Si placuit exemplum fugae 
(vgl. oben Seite 347 f. Anm. 5), placeat exemplum constantiae. Timoris 
lapsum veritatis suppleat assertio. Non cadit turpiter, quisquis post casum 
fortius congreditur. Siehe noch oben Seite 44 Anm. 2. 

?) Ebd. Schluss: Frustra, inquam, exspectabitis me, quia manus 
imponetis sine me; vgl. oben Seite 347 Anm. 4. Brief GottfriedsIIL 11, 
Lib. de lite II, 683...: Hinc Ildebertus, vir religiosus, qui post metropoli- 
tanum in provincia primus erat episcopus, non tacuit; qui a vestra con- 
secratione, licet a suo metropolitano vocatus, seipsum absentavit et ex- 
secrationem esse potius quam consecrationem apostolica et evangelica 
veritate praedieavit. Diese Aeusserung steht in den uns erhaltenen 
Briefen Hildeberts zu dieser Sache nicht. 

°) Brief Gottfrieds Ill, 13 (M. 120 £.). Es ist nicht ausgeschlossen, 
dass es sich hier um eine frühere Einladung handelt. Gottfried erklärt 


re 


Bistümerbesetzungen um 1100: Angers 1101. 351 


schien es, als ob derselbe in Verbindung mit dem sonstigen 
Widerspruch gegen Rainalds Wahl durchdringen sollte; der 
Erzbischof war entschlossen, die päpstliche Entscheidung ab- 
zuwarten. Da legte sich der Bischof von Rennes, der schon 
Gefangenschaft, Vermögensverlust und körperliche Unbilden 
um seiner Parteinahme willen hatte erdulden müssen, für Rai- 
nald ins Mittel, andere Freunde desselben werden ein Uebriges 
getan haben, und die Weihe fand statt‘). Als schon die 
Bischöfe zu deren Vornahme sich versammelt hatten, erhielt 
Rainald ein letztes Schreiben, worin er von Hildebert inständig 
gebeten wurde, jetzt noch durch Ablehnung der Weihe einen 
guten Willen zu bezeugen und der dispensierenden Barmherzig- 
keit des Papstes sich würdig zu erweisen’). Da die Bischöfe 
der Bretagne sich um diese Wahl anscheinend nicht näher 
bekümmert haben, so stand Hildebert unter den Komprovinzial- 
bischöfen mit seinem Protest wohl allein, Radulf und Marbod 
gaben demnach den Ausschlag. Der letztere beeilte sich 
nach der Konsekration, die päpstliche Bestätigung einzuholen, 
die anscheinend nicht ohne Schwierigkeit gegeben wurde°). 


sich bereit, zu einem sicheren Orte mitzureisen, nicht aber nach Tours. 
Er bittet Hildebert zu einer Besprechung auf den nächsten Freitag nach 
Castrum Ledae oder Carcerem. 

!) Brief MarbodsI(B. 1391 f.; M. 1469 £.): (Forts. von 8. 343 A. 3 
zu 342) Cesserat jam contradicentibus ipse metropolitanus, et quia ratione 
superabatur, rem judicio papae non tam decidendam quam rescindendam 
reservare decreverat. Ego tamen multo conatu, multo discursu, magnis 
precibus tandem apud ipsum, ut consecrareris, obtinui. Idem cum Ste- 
phanus cum quibusdam, quos omnes tibi postmodum meam (ut fertur) 
pactus dejectionem ex infestissimis amicos fecisti, iniquum esse clamaret, 
ego stulte quidem et improvide sed nimio tuo [tui?] favore seductus 
meipsum devovi: in me, inquiens, sit ista iniquitas ... Et utinam me 
statim, ut a nobis conseceratus es etinthronizatus, quemadmodum 
mente conceperas, honoribus spoliasses nec dissimulandum deliberasses 
ad tempus, quousque opera mea usus fuisses ad exhauriendum, quod 
Romae restabat, periculum! 

2) Brief Hildeberts II, 6. 

®) Marbod spricht a. a. O. von einer Gefahr, die in Rom zu be- 


352 Drittes Kapitel. 


Wenn Gottfried von Vendöme in seinem Brief an Rainald be- 
haupten will, der Papst sei von der Unregelmässigkeit der 
Wahl und von der Investitur nicht unterrichtet gewesen !), so 
entbehrt es der Wahrscheinlichkeit, dass Marbod ganz davon 
geschwiegen oder gar der Papst sich nicht danach erkundigt 
hätte, die volle Wahrheit aber wird er nicht erfahren haben. 

Die Wirren von Angers endigten mit einer allgemeinen 
Versöhnung. Wir sahen bereits an einer früheren Stelle ?) 
Hildebert wieder in freundlichem Verkehr mit Rainald sowohl 
wie mit Marbod; mehrere Briefe unseres Bischofs an ersteren 
zeugen ebenfalls von einem freundschaftlichen Verhältnis°): 
unter Gottfrieds Briefen- ist uns derjenige erhalten, in welchem 
er den Bischof von Angers auffordert, mit ihm durch Friedens- 
schluss das Beispiel christlicher Liebe zu Gottes Wohlgefallen 
der anvertrauten Herde zu geben, in einer Reihe von weiteren 
Briefen redet er den ehemals so bitter Befehdeten ebenso über- 
schwenglich liebevoll und hochschätzend an, ohne dass es 
jedoch zu einem dauernd vertrauensvollen Verkehr gekommen 
wäre; insbesondere fühlte er sich, wie wir wissen, nach längerer 
Zeit einmal veranlasst, die früher erhobenen Vorwürfe sehr 
eingehend und nachhaltig zu bekräftigen*). Mit Marbod hat 
sich Gottfried ebenfalls versöhnt°). Endlich erscheinen auch 
Rainald und Marbod, von deren Entzweiung früher die Rede 


stehen war, von Tränen, die er dort vergossen hat. Siehe die vorige 
Anm. zum Schluss. Weiter schreibt er: Postquam ergo reversi sumus et 
teconfirmatum...sensisti... (M. 1470 unten): Reversus ergo Roma, 
accepta videlicet faciendi, quod jam feceras, potestate (d. h. wohl, die 
in der Konfirmation der Provinzialbischöfe und in der Weihe empfangene 
Gewalt auszuüben)... 

') Lib. de lite II, 686: Er stellt diesen Defekten die oben S. 66 ff. 
behandelten als solche entgegen, die der Papst erfahren und nachgelassen 
habe. 

?) Oben Seite 47 £. 

?) Briefe Hildeberts II, 19. 26; 119.313, 

#) Briefe Gottfrieds II, 5; 1f£.; 11 (M. 105 ft). 

5) Brief Gottfrieds V, 6 (M. 190). 


Bistümerbesetzungen um 1100: Angers 1101. 353 


war, wieder einander befreundet, und zwar so gut, dass der 
letztere im Jahre 1109 zeitweilig die Vertretung des abwesen- 
den Bischofs führen durfte !). Dieser erfreuliche Schluss wurde 
ohne Zweifel dadurch erleichtert, dass die Gegner der Wahl 
nach der Weihe ihren Widerstand aufgaben, und nicht am 
wenigsten dem friedlichen Charakter Hildeberts wird dieser 
Gang der Dinge zu verdanken sein. Es war vorläufig das 
Nötige geschehen, wenn auch vergeblich, um den Prinzipien, 
dem strengen Recht zum Siege zu verhelfen; sollte der Ge- 
weihte sich nicht bewähren, so konnte später noch sein Sturz 
bewerkstelligt werden. Rainald aber bewährte sich wenigstens 
in so weit, dass man mit ihm zufrieden sein durfte, und um die 
Zeit, wo Hildebert den Stuhl des h. Martinus bestieg, berief 
man ihn nach Reims ’?). 

Von Gottfried wird unserem Hildebert das Zeugnis erteilt, 
er habe dadurch, dass er für die Freiheit der Kirche mannhaft 
gegen deren Gegner aufgestanden sei, sich Gott und Gottes 
Freunden teuer gemacht und den Ruf seines Namens nicht 
wenig verbreitet”). Obgleich er dies schrieb, um den Bischof 
zur Beharrlichkeit zu ermuntern, so ist doch nicht zu be- 
zweifeln, dass ein so energisches Eintreten für die Gesetze der 
Kirche eine weitere nicht zu unterschätzende Befestigung der- 
selben zur Folge hatte. Aber auch die Partei der Vermittlung 
konnte von einem solchen Vorgehen gewinnen, diejenige Partei, 
welche im allgemeinen die sich widerstreitenden Interessen zu 
vereinigen bestrebt war, und im einzelnen einen erbitterten und 
rücksichtslosen Kampf vermieden wissen wollte, wo nicht in- 
dispensable Normen oder unveräusserliche Interessen auf dem 
Spiele standen. Führen wir "uns die Grundsätze ihres Haupt- 
vertreters hier in Kürze vor! 


!) B. 1389 £. Note a; M. 1467 £. Note 57. — Gallia Chr. XIV, 747. 
?, Vgl. Gallia Chr. IX, 84. — Ordericus Vit. XII, 42 (Le P. IV, 
465). Dieser schreibt allerdings, nachdem er den gestorbenen Erzbischof 
Radulf von Reims sehr gelobt, von Rainald: in pluribus priori dispar. 
3) Brief Gottfrieds III, 13 (M. 120 £.). 
Barth, Hildebert von Lavardin. i 23 


354 Drittes Kapitel. 


2. Wir haben es schon früher als hochbedeutsames Moment 
aus der Wahlgeschichte von Angers herausgehoben, dass Hilde- 
bert so scharf die Rechte des päpstlichen Stuhles, insbesondere 
sein Recht vorgängiger Dispensation betont !). Ivo von Char- 
tres möge uns aus der Geschichte seiner eigenen Erhebung 
zu diesem Punkte einige Ergänzungen bieten ?). Im Jahre 
1090 wurde er zum Nachfolger Gaufrids erwählt, der vom 
Papste zur Niederlegung seines Amtes genötigt worden war. 
Der Metropolit jedoch, Richer von Sens, wollte den letzteren 
nicht fallen lassen und Ivo nicht bestätigen und weihen. Dieser 
begab sich, um die Sache zur Entscheidung zu bringen, nach 
Rom und kehrte als konfirmierter und konsekrierter Bischof 
zurück ?). Entsprechende Weisungen Urbans II. machten vor- 
läufig auf den Erzbischof keinen Eindruck. Er versagte der 
vom Papste und den Kardinälen gespendeten Weihe seine An- 
erkennung, beschuldigte den Bischof, die Rechte Gaufrids wie 
diejenigen des Metropoliten verletzt zu haben und lud ihn zu 
einer Prozinzialsynode nach Etampes; drei Bischöfe standen 
auf seiten ihres Erzbischofs. In Etampes sprach man vor- 
sichtiger und zugleich wirkungsvoller davon, dass Ivo durch 
die Annahme der römischen Weihe die königliche Majestät 


') Siehe oben Seite 93 £. 

2) Siehe dazu bei Lepinoiset Merlet], 96 f. Nr. XIX f. (Jaffe 
Reg. I, 667 Nr. 5438 £.); BriefeIvos 8 (M. 18 fi.) 12 (M. 25) 22 (M. 34 £.); 
vgl..@allia-Chr. VILLE 11957: Hetele, C8.Y, 202 

») Siehe besonders Ivos Brief 8 (M. 20): Quod aliunde me expe- 
tisse benedictionem calumniamini, veritate teste verum dicam, quia nec 
episcopatum nec benedictionem episcopalem a vobis petii nec a quoquam. 
Sed cum clericorum primo ingenio, postea violentia regi fuissem praesen- 
tatus et inde cum virga pastorali a rege mihi intrusa ad ecelesiam Car- 
notensem adductus, ceumque clerieis petentibus et pulsantibus nullum 
diem consecrationis meae velletis praefigere, interea consilium mihi fuit 
electioni eorum non omnimode assensum praebere, donec certus fierem 
et de Gaufridi depositione et summi pontificis voluntate. Ad quem cum 
pervenissem, ad petitionem ecclesiae Carnotensis apostolica auctoritate 
sum constrictus et ita in episcopum consecratus. 


| 
| 
| 


Bistümerbesetzungen um 1100: Grundsätze Ivos. 355 


gekränkt habe; zwar hatte der König ihn vorher investieren 
können, man hatte aber gesorgt, dass er nicht lange des Bi- 
schofs Freund geblieben war. Auf der Synode machte man 
Anstalten, Ivo ab-, und Gaufrid wieder einzusetzen; angesichts 
der Appellation Ivos an den päpstlichen Stuhl und seiner Be- 
rufung auf dessen Dekrete, wagte man aber nicht, die Sache 
weiter zu treiben). Also auch hier wird ein Widerstand 
gegen die von der Reform verteidigten päpstlichen Präroga- 
tiven zwar versucht, aber nicht ernstlich durchgeführt; die 
Gelegenheit wäre, wie gewöhnlich, auch allzu ungünstig ge- 
wesen, denn Gaufrid war notorisch ein grosser Sünder, Ivo 
ein Mann von unbestrittener Fähigkeit, Tatkraft und Tugend. 
Es war das Unglück der Metropoliten, dass so manche von 
ihnen gerade dann ihr Selbstbewusstsein hervorkehrten und 
ihre Rechtsstellung zu verteidigen suchten, wenn am wenigsten 
Ehre einzulegen war?). In diesem Falle wurde die Rolle 
dadurch eine doppelt klägliche, dass der Angegriffene schon 
investiert war. — Ivo begründet seine Handlungsweise, das 
Recht des Papstes, ihn zu weihen, und die juristische Unfähig- 
keit des Erzbischofs, das Geschehene umzustossen, in seinem 
Schreiben an den letzteren: So gut der Papst den einen ab- 
setzen durfte, so gut durfte er den anderen an dessen Stelle 
setzen ?). Die römische Kirche hat wurzelhaft und gänzlich 
unbeschränkt das Recht, die Konsekration der Metropoliten 


!) Brief Ivos 12 (M. 25): Cum itaque conarentur Gaufridum depo- 
situm contra decretum vestrum (vgl. bei Lepinois et Merleta.a.O.) 
in statum pristinum reformare et in me depositionis sententiam proferre, 
sedem apostolicam appellavi et decretis apostolicis, quamvis ea non nisi 
in futurum timerent, a sua praesumptione revocavi; appellationem tamen 
nec prosequi taxaverunt nec plenam pacem mecum habere voluerunt. 

2) Vgl. oben Seite 298 £. 

®) Brief 8 (M. 18): Huie injuriae meae graviorem superadditis, 
quod demembratorem metropolitanae sedis non apte satis appellatis... 
Cni ergo sine vestra contradictione (d.h. ohne dass Ihr zu widersprechen 
berechtigt waret) licuit quod nocebat exeidere, quae ratio impedit, ut 
one ni liceat quod profuturum sperabat inserere ? 


396 Drittes Kapitel. 


wie der übrigen Bischöfe zu bestätigen oder unwirksam zu 
machen, Verordnungen und Urteile des Metropoliten zu retrak- 
tieren, während ihren eigenen niemals von einer untergeord- 
neten Instanz die Rechtskraft genommen werden kann !). Dafür 
zitiert er lange Stellen aus Gelasius und Gregorius. Der Papst, 
will also Ivo sagen, hat die Obergewalt über das, was in erster 
Linie Aufgabe des Metropoliten ist, er kann somit unter Um- 
ständen auch ohne und gegen den Erzbischof in solchen Dingen 
verfügen, ohne dass seine Verfügung von anderer Seite geän- 
dert werden dürfte. Natürlich soll damit nicht ein willkür- 
liches Durchbrechen der kirchlichen Verfassung befürwortet 
oder auch nur als rechtmässig ausgegeben, es soll nur für 
Fälle wie den Ivos selbst die juristische Grundlage aufgewiesen 
werden ?). 

Im Jahre 1097 schrieb Ivo den berühmten Brief an 
den Legaten Hugo von Lyon, in welchem er zum ersten 
Male seine Gedanken über die Fürstenrechte bei Besetzung der 
bischöflichen Stühle zum Ausdruck brachte, jene Gedanken, die 
in der Entwicklung des Investiturproblems einen so grossen 
Fortschritt bedeuten ?). Er hatte selbst, wie schon erwähnt, die 
Investitur empfangen, und die Gewalt, die dabei angewendet 


1) Ebd. Seite 19:... benedictionem per manus impositionem papae 
datam et cardinalium Romanae ecclesiae non simplieiter benedictionem 
sed „qualemcumque“ hostili irrisione appellastis; cum ad ipsam princi- 
paliter et generalissime pertineat, tam metropolitanorum quam ceterorum 
episcoporum consecrationem confirmare vel infirmare, constitutiones vestras 
et judicia retractare, suas vero inconcussas retinere et nullius inferioris 
judicio retractandas vel corrigendas concedere, = 

?) Ein ähnlicher Fall ereignete sich wieder in Chartres nach dem 
Tode Ivos. Der gewählte Gaufrid begab sich wegen der Feindseligkeit 
des Grafen Theobald nach Rom und wurde (1116) von Paschal II., aber 
unter dem Einverständnis des Erzbischofs Daimbert, geweiht; siehe bei 
Lepinois et Merlet I, 124 ff. Nr. XXXVL£. (Jaffe Reg. I, 762 £. 
Nr. 6518 £.). 

?) Brief Ivos 60 (M. 70 ££.). Siehe aber M. G. lib. de lite II, 640 ff. 
Vgl. Esmein 147 fi. 


Bistümerbesetzungen um 1100: Grundsätze Ivos. 35% 


wurde, ist wohl keine unwiderstehliche gewesen). Der ge- 
nannte Legat erhob nun gegen den anfangs Januar 1097 zum 
Erzbischof von Sens erwählten Daimbert unter anderem auch 
den Vorwurf, dass er sich habe investieren lassen, und obgleich 
Ivo erklärt, hiervon nichts erfahren zu haben, nimmt er doch, 
offenbar im Hinblick auf die fortgesetzte Uebertretung des 
Gesetzes von seiten des Königs Philipp, Anlass, die Rechte der 
Krone zu verteidigen ?). Er unterscheidet zwischen der „körper- 
lichen Investitur“ und der „Konzession“ des Bistums und meint, 
die letztere sei von Urban so wenig verboten worden, wie dies 
früher geschehen, auch sei es an und für sich ganz gleichgültig, 
welches Symbol dabei gebraucht werde, weil die Könige auf 
keinen Fall beabsichtigten, etwas Geistliches zu übertragen; 
deshalb habe die Investitur keine sakramentale Bedeutung, sie 
wolle nur die Zustimmung des Königs zum Ausdruck bringen 
oder den weltlichen Besitz, den die Kirchen den Königen ver- 
dankten, den Gewählten konzedieren. Sicherlich aber komme 
hier kein ewiges Gesetz in Frage, von welchem nicht könnte 
dispensiert werden, und solche Dispensationen zu erteilen sei 
entschieden am Platze, um Schlimmeres zu verhüten und an- 


!) Brief Ivos 22 (M. 34): Quoniam praecedente divina gratia de 
stercore pauper usque ad solium principum per manum vestram elevatus 
sum, fateor me post Deum pro posse meo cuncta vobis debere, quae 
vestro congruunt honori et saluti. 

?) Die massgebenden Sätze sind folgende (Seite 644 f.): Quod tamen 
si factum esset, cum hoc nullam vim sacramenti gerat in constituendo 
episcopo, vel admissum vel omissum quid fidei, quid sacrae religioni 
officiat, ignoramus, cum post canonicam electionem reges ipsos apostolica 
auctoritate a concessione episcopatuum prohibitos minime videamus. ... 
Domnus quoque papa Urbanus reges tantum a corporali investitura ex- 
cludit, quantum intelleximus, non ab electione, in quantum sunt caput 
populi vel concessione, quamvis octava synodus solum prohibeat eos 
interesse electioni, non concessioni. Quae concessio sive fiat manu, sive 
fiat nutu, sive lingua, sive virga, quid refert, cum reges nihil spirituale 
se dare intendant, sed tantum ant votis petentium annuere, ant villas 
ecclesiasticas et alia bona exteriora, quae de munificentia regum obtinent 
ecclesiae, ipsis electis concedere ? 


398 Drittes Kapitel. 


gesichts so vieler schreienden Uebelstände das Gerede zu ver- 
meiden, die Diener der römischen Kirche bemühten sich, 
Mücken zu seihen, indes sie Kamele verschluckten. — Hugo 
von Lyon konnte mit Recht in dieser Auffassung einen Wider- 
spruch gegen das Investiturdekret erblicken, denn bisher hatten 
weder die Fürsten noch die Päpste daran gedacht, in der Frage 
der Investitur das Geistliche vom Weltlichen zu trennen, und 
den ersteren die Konzession im Sinne Ivos zu gestatten war 
nicht die Absicht Urbans gewesen !). Aus der Luft gegriffen 
war allerdings die Behauptung Ivos nicht, denn auf derselben 
Synode von Ülermont, deren Investiturkanon hier gemeint 
ist, wurde die Unterscheidung von Temporalien und Spiri- 
tualien zu Gunsten der kirchlichen Korporationen von Urban 
für gut befunden; hier handelte es sich jedoch nur um niedere 
Kirchen, bei denen die Eigenrechtsidee, die bei den höheren 
erst seit kürzerer Zeit sich zu verbreiten suchte, schon seit Jahr- 
hunderten in Blüte stand ?). — Der Papst war sehr ungehalten, 
als er durch den Legaten Ivos Schreiben in die Hände bekam, 
man ersieht aber aus der daraufhin von letzterem an ihn ge- 
richteten Klage nicht, dass sein Missfallen die Interpretation des 
Investiturdekretes betraf, und jedenfalls nahm Ivo nichts davon 
zurück °?). — Etwas zaghafter berührt er, aber nur nebenbei, 
die Frage, ob den Fürsten eine Einmischung in die Wahlen 
zu gestatten sei. Urban scheine auch davon den König als Haupt 


!) Brief Hugos18 (M. CLVII, 250 £.). — Die Unterscheidung Ivos 
war zwar in der Theorie nicht mehr ganz neu (siehe Hauck III, 914). 
Dass sie aber in das allgemeine Bewusstsein noch nicht eingedrungen, 
geschweige denn von jeher in demselben gegeben war, darüber ist man 
sich heute einig. Die Bemerkungen Schums über eine diesbezügliche 
mala fides Roms und seiner Anhänger (Seite 11 f. 119. 123 bezw. 201 f£. 
309. 313) sind gänzlich unbegründet. 

?) Siehe oben Seite 254. 316 f. Bei niederen Kirchen mochte man 
wohl aus dem angegebenen Grunde leichter auch den Laien gegenüber 
wenigstens zur Duldung einer jenem Grundsatz entsprechenden Praxis 
sich entschliessen können; siehe oben Seite 198. 

3) Brief Ivos 67 (M. 55 £.). 


ee et. 


Bistümerbesetzungen um 1100: Grundsätze Ivos. 359 


des Volkes nicht ausgeschlossen zu haben, indes, fügt er klein- 
laut hinzu, das habe schon das achte allgemeine Konzil getan; 
und nachdem er zu Gunsten der „Konzession* die Tradition in 
einer langen Reihe von Texten angerufen, kann er sie nicht 
jetzt zu Gunsten einer Wahlbeteiligung verwerfen. Eine „Zu- 
stimmung“ des Königs glaubt er allerdings mit der Investitur, 
wie wir sahen, verbunden, aber auch nicht als ein bestimmtes 
Recht }). 

Einige Jahre später aber machte er von derselben Syn- 
odalbestimmung sehr energisch Gebrauch, als ein ihm ge- 
nehmer, in Beauvais gewählter Kandidat vom Könige zurück- 
gewiesen wurde*). Jetzt ist es ohne alle Umschweife „gemäss 
der achten Synode, welche die römische Kirche anerkennt und 
verehrt, dem König nicht erlaubt, sich in die Wahlen der 
Bischöfe einzumischen oder sie auf irgend eine Weise zu be- 
hindern ... Demgemäss möge zunächst Gott in seiner Kirche 
dasjenige zuteil werden, was Gottes und erst dann dem Könige, 
was ihm von Gott zuerkannt ist.“ Das heisst, der Erzbischof 
von Reims soll schleunigst den Erwählten weihen, wenn er 
auch noch nicht investiert ist. Indes der König wich nicht 
zurück und Gualo wurde nicht Bischof von Beauvais, kam 
wenigstens nicht dazu, die Leitung des Bistums tatsächlich zu 
übernehmen. — Ein Widerspruch zum vorigen Briefe kann in 
den Ausführungen Ivos weder, wie sich aus dem obigen er- 
gibt, hinsichtlich der Wahl noch hinsichtlich der Investitur 
gefunden werden. Er hatte auch dort das Recht des Königs 
durchaus nicht so behandelt, als ob es vor der Weihe zur Aus- 
übung gelangen müsste, als ob nicht unter Umständen auch 
gegen den Willen desselben ein Bischof konsekriert werden 


ı) Vgl. Hauck IH, 914 f.; Rudorff 23£. 

?) Brief Ivos 102 (M. 120 ff). Vgl. Esmein 169 f£.; Foucault 
101 ££.; Luchaire, Louis VI, Seite CLXI ff.; Seite 10. 16 ff. Nr. 17. 23 £. 
Die Abhandlung von Bernard Monod, L’election de Beauvais de 1100 & 
1104, Paris 1904 (extr. des M&m. de la soc. acad. de l’Oise XIX) war 
mir nicht zugänglich. 


360 Drittes Kapitel. 


dürfte. Dass der König einen gewissen Anspruch darauf habe, 
die Regalien zu konzedieren, setzt auch der zweite Brief deut- 
lich voraus; wenn er dagegen hier dem Könige zu trotzen für 
gut hält, so liegt es daran, dass der überaus traurige Zustand 
der Kirche von Beauvais, auf den er hinweist, eine längere 
Rücksichtnahme verbot ?). 

Wie hat Ivo sich zum Vassalleneid gestellt? Als mit der 
Thronbesteigung Ludwigs VI. der Tag gekommen schien, den 
langwierigen Reimser Nachfolgestreit, in welchem Philipp I. 
einen gewissen Gervasius gegen den rechtmässig gewählten 
Radulf unterstützte, zu Gunsten des letzteren zu beendigen, 
ging Radulf bei dem Drängen der Grossen im Einverständnis 
mit Ivo darauf ein, die früher allgemein übliche Lehnspflicht 
auch seinerseits zu erfüllen. Ivo benachrichtigt davon den 
Papst °) und bittet ihn flehentlich, in Anbetracht der schwierigen 
Lage das Gesetz der Liebe walten zu lassen und Nachsicht zu 
üben; den Bedürfnissen Rechnung zu tragen, fordere die Tra- 
dition, wo die Völker darniederliegen, müsse von der Strenge 
der Gesetze etwas nachgelassen werden, damit eine aufrichtige 
Liebe an die Heilung schlimmerer Schäden sich hingeben könne, 
Hier bewegt also den Bischof der „erbarmungswürdige“ Zustand 
einer Kirche, umgekehrt wie im zweiten Beispiel, ein Auge 
zuzudrücken und etwas zu gestatten, was, wie es in dem Briefe 
heisst, unter den Vorgängern Ludwigs alle Erzbischöfe von 
Reims und auch die übrigen Bischöfe, selbst gutgesinnte und 
heilige, getan®). Und dies geschah im Jahre 1108, zwölf Jahre 


!) Dass er unter verschiedenen Umständen verschiedene Momente 
in den Vordergrund schiebt, beruht auf allgemeiner Uebung; es geht 
nicht an, den einen oder anderen Brief für sich allein auszulegen und 
ohne zwingende Gründe Widersprüche zu konstruieren. 

?) Brief Ivos 190 (M. 196). Vgl. Esmein 157 ff.; Luchaire, 
Louis VI, Seite OLXVI ff. und die dort zit. Nrn. der Annalen. 

») Dass der Lehenseid tatsächlich doch nicht mehr so feststand, 
wie es hier aus dem Munde der Grossen behauptet wird, liest man 
zwischen den Zeilen. Ivo würde sonst auch kaum so sehr viel Auf- 
hebens davon machen, zumal noch kurz vorher dem König von England 


Bistümerbesetzungen um 1100: Grundsätze Ivos. 361 


nach Hildeberts Wahl! Mit dem oben wiedergegebenen Beweg- 
grund der Milde kommt Ivo auf den ersterwähnten Brief zurück, 
und bis zum Ende seines Lebens bleibt ein Leitstern seines 
Wirkens auf kirchenpolitischem Gebiet die ebenfalls dort schon 
verkündigte Wahrheit, dass ohne die Eintracht zwischen Kirche 
und Staat Ordnung und Sicherheit in der menschlichen Gesell- 
schaft nicht bestehen können !). 

Um dieser Eintracht willen glaubte also Ivo die Gesetze 
dem tatsächlichen Verhalten des Königs, soviel als notwendig 
erschien, anpassen und unter besonderen Umständen Dispen- 
sation davon eintreten lassen zu sollen. Diese Eintracht zwi- 
schen Kirche und weltlicher Gewalt wird auch Hildebert neben 
anderem im Sinne gehabt haben, wenn er bei Anfechtung der 
Wahl von Angers die Investitur aus dem Spiele liess und nach 
der Weihe keine weiteren Schritte tat. Dass er die Konzessions- 
theorie des Nachbarbischofs bei den hohen Kirchenämtern für 
richtig gehalten hat, darf aus seinem entsprechenden Verhalten 
bezüglich der unteren Stellen geschlossen werden ?). Die Lage 
der Dinge drängte zu einem solchen Kompromiss. Die Investitur 
war in der Tat auch in Frankreich um diese Zeit noch fast 
allgemein in Uebung, so gut wie in Deutschland und in Eng- 


der Lehenseid zugestanden worden war. Nicht zu bezweifeln ist, dass 
die Erzbischöfe von Reims sich noch nicht hatten befreien können, und 
hier am ersten Stuhl des Reiches musste es naturgemäss am schwersten 
sein, die Aenderung einzuführen. Im ganzen aber wird es ein Stadium 
des Uebergangs sein, in welches das Ereignis des Briefes hineinfällt, 
und es ist nachdrücklich zu betonen, dass dasselbe als ein durchaus un- 
gesetzliches gekennzeichnet wird. 

!, Lib. de lite II, 645: ... regnum et sacerdotium, sine quorum 
concordia res humanae nec incolumes esse possunt nec tutae. Vgl. einen 
entsprechenden Satz in einer Urkunde („pragmatischen Sanktion“) des 
Königs Ludwig VI. zu Gunsten der Kirche von Chartres: Non enim res 
humanae aliter tutae et incolumes esse possunt, nisi cum in unum con- 
veniunt ad earum defensionem et jus regium et auctoritas sancta ponti- 
ficum (bei L&epinois et Merlet I], 115 Nr. XXX). 

?) Siehe oben Seite 198. 316 f. 


362 Drittes Kapitel. 


land. Hier brach im Beginne des Jahrhunderts der berühmte 
Konflikt zwischen Heinrich I. und Anselm von Canterbury aus, 
der einige Jahre später mit der Aufgabe der Investitur und der 
Beibehaltung des Lehenseides endigte. Das politische Verhält- 
nis von Le Mans zum englisch-normannischen Reich 
erheischt es, dass wir auch den dortigen Zuständen und Ereig- 
nissen noch einige Worte widmen. 

3. Von dem staatskirchlichen Regiment Wilhelms des 
Eroberers gibt die oben dargestellte Einsetzung Hoels in Le 
Mans ein treues Bild!). So übte er es in jeder Beziehung 
und überall, in England sowohl wie in der Normandie. Der 
König war aber im übrigen ein eifriger Beförderer der Reform- 
bestrebungen, und das bewirkte nicht nur, dass der gutgesinnte 
Klerus, insbesondere der Primas, Lanfranc, bei seiner Kirchen- 
herrschaft sich wohl fühlte, sondern auch, dass der Römische 
Stuhl ihn schonend behandelte ?). Es brauchte indes nicht, 
wie man gesagt hat’), der Papst in Gregor VII. grösser zu 
sein als der kirchliche Reformator, es genügte vielmehr ein 
einigermassen weiter Blick des letzteren, um zu verhindern, 
dass er bei solchen Verhältnissen sich ganz beruhigte. Das 
zeigte sich alsbald nach Wilhelms I. Tod (1087). 

Seine beiden Söhne, Wilhelm II. der Rote, König von 
England, und Robert, Herzog von der Normandie, bemühten 
sich gleichsam um die Wette, Karrikaturen ihres Vaters zu 
werden. Der eine in sittlicher und religiöser Beziehung roh 
und frivol, der andere schwach, träg und liederlich, hatten sie 
beide für ernste Reformen kein Verständnis, wollten aber beide 
von der kirchlichen Stellung ihres Vorgängers nichts opfern ®). 
Der erste Teil dieses Kapitels hat uns Beweise dafür aus der 


!) Oben Seite 324 f. 338. 

2) Böhmer I. Teil, insbesondere Kap. IV Seite 126 ff.; Hergen- 
röther Kg. II, 372 f. und dort Zitierte; Hefele Cg. V, 34 ff. 153 ff. 208 
und die betreffenden Synoden. 

») Böhmer 129. 

4) Böhmer 140 fi. 


Bistümerbesetzungen um 1100: England-Normandie. 363 


Geschichte von Le Mans erbracht !). So sanken denn seit 1087 
die kirchlichen Zustände wieder tief herab. Dieser Umschwung 
im Benehmen der Herrscher trug natürlich schon für sich allein 
dazu bei, die Stimmung im Lande zu Gunsten der kirchlichen 
Freiheit und des Papsttums, dem gegenüber man bis dahin eine 
merkliche Zurückhaltung beobachtet hatte, zu ändern; die Not- 
wendigkeit eines unabhängigen Klerus für eine kirchliche 
Reform konnte sich einer Generation von Menschen nicht deut- 
licher erweisen, als dadurch, dass sie selbst einen Gegensatz 
an sich erfuhr, wie er hier sich darbot. Mochte darum auch 
das Herrschertum sich weiterhin bemühen, sein Kirchenregiment 
aufrecht-, die Freiheitsbestrebungen niederzuhalten, so konnte 
es doch nicht ausbleiben, dass Vertreter der letzteren in der 
Normandie und in England nach und nach viel tiefere Ein- 
drücke hervorriefen als ehedem. 

Für einen Wilhelm II. und seine Ideale war es darum eine 
schwache Stunde, als er 1095 in Krankheitsnöten sich ent- 
schloss, den seit 1089 zu Gunsten der königlichen Kasse un- 
besetzt gebliebenen Stuhl des Erzbistums Canterbury mit dem 
Abt Anselm von Bec zu besetzen. Zu einem Investiturstreit 
kam es zwar unter diesem König noch nicht, aber die An- 
sprüche, selbst und allein in England Papst zu sein (weder 
Urban noch Wibert hatte er anerkannt) und dem Primas die 
Einholung des Palliums verwehren zu können, gab er schon 
notgedrungen auf, und dass er dabei zwischen Rom und Anselm 
den Intriganten spielte, half ihm nichts; die Romreise des Erz- 
bischofs beantwortete er zwar mit der Einziehung des Erzstiftes, 
aber diesen Schritt als einen endgültigen zu behandeln wagte 
er auch nicht. Der Tod Urbans bereitete ihm nur eine kurze 
Freude, denn er selbst starb nicht lange darauf, am 2. August 
1100 2). — Auch in dem französischen Teile seiner Herrschaft 


1) Bezüglich Roberts siehe oben Seite 327. 

2) Böhmer 148 ff.; Hergenröther Kg. II, 373; Hefele Cg. V, 
208 ff. 252 fi. 255 ff. 260. Ueber den Tod Wilhelms vgl, oben Seite 163 £. 
Hildebert erzählt an dem dort genannten Orte, wie Hugo von Cluny in 


364 Drittes Kapitel. 


war die kirchliche Bewegung im Zunehmen begriffen. Die 
Verbindung mit Rom wurde eine etwas regere. Auf der Synode 
von Rouen im Februar 1096 wurden, was in England noch 
nicht geschah, die gegen das kirchliche Laienregiment gerich- 
teten Beschlüsse von Clermont wenigstens in so weit publiziert, 
als sie die niederen Kirchen und deren Geistlichkeit betrafen: 
Laien dürfen danach an den rein kirchlichen Einkünften 
keinen Anteil haben und ein servitium oder eine Abgabe nicht 
über das zu Wilhelms I. Zeit Bestimmte hinaus verlangen; sie 
dürfen keine Priester ein- oder absetzen ohne Zustimmung des 
Bischofs, keine bischöflichen consuetudines oder auf die Seel- 
sorge bezügliche „Justiz“ sich anmassen, und Priester dürfen 
nicht Lehensmannen von Laien sein!) Mit der allgemeinen 
Beobachtung dieser Vorschriften hatte es freilich noch seine 
gute Weile?). Die entsprechenden Bestimmungen für den 
höheren Klerus wurden vorläufig auch hier noch ganz unter- 
schlagen. 

In demselben Jahre, in welchem diese Kirchenversamm- 
lung stattfand, trat Hildebert unter den uns bekannten Um- 
ständen sein Amt an. Dies war ohne Zweifel für die norman- 
nische Herrschaft ein noch viel bedeutsameres und unbequemeres 
Ereignis, als für die französische. Es lässt sich begreifen, dass 
es den König, der die Stellvertretung seines Bruders Robert 
übernommen hatte, in gewaltige Aufregung versetzte, und dass 


Gegenwart Anselms den Tod des Königs vorhersagte ; während seine Vor- 
lage den Schuss eines Jagdgenossen, dem jener zum Opfer fiel, ausdrück- 
lich auf einen unglücklichen Zufall zurückführt (siehe bei L’Huillier 
Seite 538 f.), lässt Hildebert die Frage offen. 

!) Böhmer 144f.156; Mansi XX, 924 ff. c. V—VIII; der letzte 
enthält sogar die den Reformern geläufige Begründung: quia indignum 
est, ut manus Deo consecratae et per sacram unctionem sanctificatae 
mittantur inter manus non consecratas, quia est aut homicida vel adulter 
aut cuiuslibet criminalis peccati obnoxius. Es wird hinzugefügt: Sed si 
feudum a laico sacerdos tenuerit, quod ad ecclesiam non pertineat, talem 
faciat ei fidelitatem, quod securus sit. 

?) Vgl. oben Seite 195 Anm. 3 (zu 194). 291 Anm. 2. 


Bistümerbesetzungen um 1100: England-Normandie. 365 


er grossen Wert darauf legte, diesen Bischof vor aller Welt 
zu demütigen; die Unsicherheit des dortigen territorialen Be- 
sitzes für das normannische Herrscherhaus gestaltete die An- 
gelegenheit noch bedenklicher. Aber der König erhöhte die 
Folgenschwere derselben um ein weiteres, mdem er Hildebert 
an seinen Hof nach England lud. Einen Vertreter der Reform 
von dieser Bildung, Urbanität und Liebenswürdigkeit zum eng- 
lischen Episkopat in nähere Beziehungen zu bringen, musste, 
wenn der Verbannte nicht seinen Grundsätzen abtrünnig wurde, 
dahin ausschlagen, das Ansehen und den Einfluss des anderen 
Verbannten, Anselms, zu steigern, auch ohne dass Hildebert 
direkt darauf hinwirkte. In der Tat zeigt eine Reihe von 
Briefen unseren Bischof verschiedenen Männern von jenseits 
des Meeres nahe verbunden, insbesondere Anselm befreundet ?), 
und Hildebert ist, wie wir soeben aus der Wahlgeschichte 
von Angers und schon früher aus dem Streit von Tours?) er- 
sahen, seinen Grundsätzen im Kampfe gegen Fürsten treu ge- 
blieben. 

Heinrich I., der beste von den Söhnen des Eroberers, wie- 
wohl bei weitem nicht ihm gleich °), blieb nicht lange mit dem 
zurückberufenen Primas im Einvernehmen *). Noch im Jahre 
1100 kam es zwischen beiden zum Konflikt, indem Anselm 
sowohl für seine Person wie für andere Prälaten dem König 
das Recht auf Investitur und Lehenseid versagte.e Nunmehr 
tritt auch Ivo von Chartres-in die Schranken. Schon bald 
nach dem Regierungswechsel hatte er auf den König im Sinne 
des Friedens zwischen regnum und sacerdotium und im Sinne 


!) Siehe Dieudonn& S. 149 Nr. 32 ff. S.169 f.; oben S. 103 ff. 

2) Oben Seite 167 ff. 

®) Ivo (Brief 106 M. 124 f.) wünscht, dass er dem Vater gleiche: 
... Divinam interpellamus clementiam, quatenus paternos mores, pater- 
nam vos faciat imitari honorificentiam, ut in nullo vestra sublimitas ab 
eorum nobilitate degeneret et in nullo ab eorum frugalitate declinet. 

*) Siehe darüber Böhmer 157 f£.; Hergenröther Kg. II, 373 £.; 
Hefele Cg. V, 264 f. 267 f. 270. 274 ff. 


366 Drittes Kapitel. 


einer Ersetzung der Eigenherrschaftsidee durch die Protektions- 
idee einzuwirken gesucht). Mit Anselm pflog er während 
dessen zweiter Verbannung (seit 1103) engen Verkehr, und im 
Bunde mit der Gräfin Adele von Blois, der Schwester des 
Königs, hat er ohne Zweifel an der Vermittlung des Friedens 
mitgearbeitet ?). In den Jahren 1105 bis 1107 kam es bekannt- 
lich zu dem Vertrag, der den Verzicht auf die Investitur und 
die Beibehaltung des Lehenseides zwar in der Form nur vor- 
läufig, im Ergebnis aber auf die Dauer festlegte. Auch in der 
Normandie kam er faktisch zur Geltung’). — Es ist fast un- 
denkbar, dass Hildebert nicht irgendwie an diesen Dingen, die 
sich so nahe bei seinem Wirkungskreise abspielten, beteiligt 
wäre). Für die Rolle eines Vermittlers zwischen dem König 
und dem Primas war er freilich weniger geeignet als Ivo, 
wenn er, wie wir annehmen müssen, Investitur und Lehenseid 
für sich selbst nicht gekannt hat. — Dass er sich etwa jetzt 
ım Anschluss an das Konkordat oder später im Anschluss 
an die vertragsmässige Anerkennung der Lehensherrlichkeit 
Heinrichs über Maine (1113)°) zur Leistung des Lehenseides 
verstanden hätte, ist auch ausgeschlossen; der Vertrag von 
1107 trat ja formell nur für England in Kraft, und die 
Freiheit vom Lehenseid erscheint später geradezu als Privileg 
der Kirche von Le Mans‘). Trotzdem muss das Verhältnis 
des Bischofs zum König ein gutes, ja mehr und mehr herz- 
liches geworden sein‘). Mit dessen Schwester, der Gräfin 
von Blois, stand er schon seit c. 1100 in freundschaftlicher 


!) Brief Ivos 106 (M. 125 — näheres unten IV, 2): Servum servorum 
Dei vos esse intelligite non dominum, protectorem non possessorem. 

?) Vgl. Böhmer 163 Note 1. 

») Böhmer 271 £. 

“) Auch mit der Gräfin von Blois stand er in Verbindung; siehe 
Dieudonn& S. 202 Nr. 78 ff. S. 203 ft. 

°) Luchaire, Louis VI, Seite 81 Nr. 158. 

°) Siehe unten V, 2. 

”) Zum folgenden Dieudonne S. 177 Nr. 71ff. 8.198 ff. 202 £. 


Bistümerbesetzungen um 1100: England-Normandie. 367 


Beziehung, die er vor wie nach ihrem Eintritt in ein Kloster 
zur Mitteilung von Lebensregeln benutzte. Aehnlich stellt er 
sich (wir wissen aber nicht, seit welcher Zeit) zu der dem 
König im Jahre 1100 angetrauten ersten Gattin Mathilde, wie 
auch zu der zweiten, seit 1121 ıhm vermählten Adelheid. Was 
den König selbst angeht, so datiert das erste Schreiben Hilde- 
berts an ihn, das uns erhalten ist, allerdings erst aus dem 
Jahre 1120; es ist entstanden aus Anlass des schweren Schiff- 
bruchs, bei dem der König ausser anderen Verwandten seinen 
einzigen Sohn verlor. Der vertrauliche Ton zeugt von einem 
lange bestehenden engeren Bande; für spätere Jahre fanden 
wir diese Freundschaft bei anderer Gelegenheit bezeugt !). 
Aller Wahrscheinlichkeit nach geht sie in sehr frühe Zeit 
zurück. Nicht ohne Hildeberts Rat wird Graf Helias in den 
Kämpfen zwischen dem König und seinem Bruder Robert von 
der Normandie, die in der Schlacht von Tinchebray (1107) ihr 
Ende fanden, so energisch und entscheidend mitgewirkt haben ?), 
und wenn wir im folgenden Teile sehen, dass Hildebert in den 
Jahren 1111 bis 1113 sich über Heinrich I. zu beklagen hatte, 
so werden wir doch auch ein bedeutsames Anzeichen dafür 
finden, dass er schon vorher mit seinem Denken und Fühlen 
dem englischen Königshause in Familienangelegenheiten und 
auch in kirchenpolitischen Dingen nahe stand. 

Zum Schluss noch eine Bemerkung über das Verhältnis 
des erwähnten Investiturvertrages zu den Ideen Ivos (und Hilde- 
berts). Eine gewisse Verwandtschaft gibt sich auf den ersten 
Blick zu erkennen: Die Investitur musste aufgegeben werden, 
weil sie, wenn irgendwo, dann in England die Uebertragung 
des geistlichen Amtes einzuschliessen schien; der Lehenseid 
blieb, weil der Amtsträger bezüglich der Regalien dem König 
verpflichtet galt. Diese Unterscheidung war übrigens in Eng- 
land zu Gunsten der königlichen Gewalt bereits viel früher, 1088, 


!) Oben Seite 170 ff. 
2) Vgl. Dieudonn& 65. 


368 Drittes Kapitel. 


in einem Einzelfall und ohne Beziehung zur Investiturfrage ver- 
fochten worden, und zwar von Lanfranc, dem Vorgänger An- 
selms'). Wenn nun schon ein persönliches Mitwirken Ivos 
zum Zustandekommen des Vertrages als wahrscheinlich gelten 
muss, dann ist sein ideeller Einfluss so gut wie sicher. Denn 
der Yorker Anonymus, der im Hinblick auf die englischen 
Investiturstreitigkeiten über das Verhältnis der weltlichen und 
geistlichen Gewalt geschrieben hat, kennt den oben besprochenen 
Brief Ivos an Hugo von Lyon und verwertet ihn. Freilich 
seine Grundauffassung ist dennoch eine andere, nämlich die, 
dass der König als solcher, kraft höherer Gewalt, berechtigt sei, 
das geistliche Amt zu verleihen ?). Auch Hugo von Fleury, 
der gleichfalls Geistliches und Weltliches trennen will, bleibt 
noch auf halbem Wege stehen und zeigt eine Vorliebe für das 
Ernennungsrecht des Königs ?). Dieser Haltung der Publizisten 
entsprach das kirchenpolitische Verfahren des Königs auch in 
der folgenden Zeit; er wusste sich den entscheidenden Einfluss 
auf die Besetzung der Stellen in den meisten Fällen, sowohl 
in der Normandie wie in England, noch zu wahren. So blieb 
denn auch in anderen Reformgegenständen das englisch-norman- 
nische noch lange ein rückständiges Gebiet *). Trotzdem drang 
der Geist der kirchlichen Bestrebungen und der Einfluss Roms 
allmählich tiefer ein; der Geist, der in den mehrfach radi- 
kalen Anschauungen des Yorker Anonymus sich kundgab ), 


verlor mehr und mehr, auch unter Heinrich I. schon, an 
Boden ®). 


') Böhmer 173f. Er vermutet, dass Ivo als Schüler Lanfranes 
derartige Gedanken schon in Bec vortragen hörte. 

A)EDde Dossmeilieler): 

°») Ebd. 164 ff. B. hält daran fest, dass er mit Rücksicht auf eng- 
lische Verhältnisse geschrieben hat und zwar vermutlich vor dem Ab- 
schluss des Konkordats. 

*) Vgl. oben Seite 364 Anm. 2; 8. 64. 

5) Ueber ihn Böhmer, 177 fi.; über einige andere publizistische 
Werke ebd. 168 ff. 

°) Ebd. 270 ff. (1.2). — Vgl. unten V, 4. 


Entwicklung der Investiturfrage von 1111—1123. 369 


IkIE 


Wir sahen im zweiten Teile bestätigt, was schon der 
erste ergab. Hildebert will eine den kirchlichen Bestimmungen 
entsprechende Wahl), und eine Wahl, bei welcher der Klerus 
entscheidet, das Volk nur seine Zustimmung gibt; er will ins- 
besondere, dass der weltliche Machthaber bei der Besetzung 
des Bischofstuhles in keiner Weise den Ausschlag gebe. Was 
Investitur und Lehenseid betrifft, so hat er sich selbst zwar 
allem Anschein nach denselben entzogen und wünscht die 
Beobachtung der diesbezüglichen Vorschriften, er misst den 
letzteren aber nicht eine so absolute Unverletzlichkeit bei, dass 
er sie unter allen Umständen würde durchführen wollen. End- 
lich lässt er auch bezüglich einzelner Wahl- und Wählbarkeits- 
bestimmungen, wenn nicht sicher die höchsten Güter gefährdet 
sind, lieber Gnade für Recht ergehen, als dass er den Konflikt 
auch mit den letzten Hülfsmitteln auszufechten sucht. 

Folgen wir Hildebert jetzt in jene kritische Periode des 
Investiturstreites, wo derselbe durch die Nachgiebigkeit Pa- 
schals II. zu Gunsten der Investitur endigen zu sollen und ein 
Menschenalter der aufregendsten und opferreichsten Kämpfe 


!) Siehe oben Seite 322 Anm. 2. Vor allem die Bestimmung der 
Fastensynode von 1080 kommt in Betracht, bei Mansi XX, 533 c. VI: 
Quoties defuncto pastore alicuius ecclesiae alius est ei canonice subro- 
gandus, instantia visitatoris episcopi, qui ei ab apostolica vel metro- 
politana sede directus est, clerus et populus, remota omni saeculari am- 
bitione, timore atque gratia, apostolicae sedis vel metropolitani sui 
consensu pastorem sibi secundum Deum eligat. Quod si corruptus aliquo 
vitio aliter agere praesumpserit, electionis perperam factae omni fructu 
carebit et de cetero nullam electionis potestatem habebit, electionis vero 
potestas omnis in deliberatione sedis apostolicae sive metropolitani sui 
consistat. Si enim is, ad quem consecratio pertinet, non rite consecrando 
teste beato Leone gratiam benedictionis amittit, consequenter is, qui ad 
pravam electionem declinaverit, eligendi potestate privatur. Vgl. Ru- 
dorffSf. 

Barth, Hildebert von Lavardin. 24 


370 Drittes Kapitel. 


des Geistes und der Waffen für die Kirche ungünstig verlaufen 
zu sein schien ). 

Der Papst hatte am 12. April 1111 naclr zweimonatlicher 
Gefangenschaft, um weiteres Unheil zu verhüten, dem Kaiser 
Heinrich das Recht der Investitur wieder zuerkannt und die 
Besetzung der Bistümer dahin geordnet, dass zwar stets eine 
Wahl durch Klerus und Volk geschehen müsse — frei, ohne 
Simonie und Gewalt, dieselbe aber der Zustimmung des Königs 
bedürfe; dass es den Bischöfen gestattet sei, die vom König 
Investierten zu konsekrieren, aber niemand einem von Klerus 
und Volk ohne Zustimmung des Königs Gewählten und von 
ihm nicht Investierten die Weihe erteilen dürfe. Begründet 
war das Zugeständnis damit, dass die Bischöfe mit bedeuten- 
den Regalien ausgestattet und deshalb zur Beschützung und 
Festigung des Reiches berufen, und dass die bei den Wahlen 
gewöhnlich statthabenden Streitigkeiten durch den König bei- 
zulegen seien. An der Macht der Verhältnisse, die den Wider- 
stand des Kaisers und der Fürsten als einen unüberwindlichen 
erscheinen liess, war das Investiturverbot für den Augenblick 
hinsichtlich des deutschen Reiches gescheitert; sein wunder 
Punkt, den durch Herausgabe der Regalien zu beseitigen der 
Papst vergebens versucht, hatte es zu Fall gebracht. 

1. In Frankreich gab es wohl kaum einen kirchlichen 
Würdenträger von Bedeutung, der diesen Schritt des Papstes 
ganz rückhaltlos gebilligt hätte, manche traten ihm bald in 
scharfer Weise entgegen. Wie in Rom die an dem Vertrage 
nicht beteiligten Kardinäle ohne Wissen und Willen des Papstes 
sich versammelt und gegen ihn verhandelt hatten‘), so wurde 
in Frankreich von den Eiferern eine Nationalsynode zu dem- 
selben Zweck geplant; der Erzbischof von Lyon berief als 
Primas die Metropoliten von Sens, Tours und Rouen mit ihren 


') Zum folgenden siehe Hefele Cg. V, 297 ff.; Giesebrecht III, 
805 ff. (Nr.2 ff); Hauck II, 897 ff.; Schum; die Schriften Bern- 
heims und Rudorffs. 

) Hefele Ca.zV, 314. 


Entwicklung der Investiturfrage von 1111—1123. 371 


Suffraganen nach Anse. Es scheint, dass dieses Vorhaben an 
dem Widerstand der meisten Bischöfe gescheitert ist, denn 
von einem Zustandekommen der Synode weiss man nichts, 
wogegen ein die Teilnahme verweigerndes Schreiben geladener 
Bischöfe uns erhalten ist )). 

Diesen Brief an Joscerannus von Lyon hat Ivo im Namen 
der Bischöfe seiner Kirchenprovinz verfasst, und er kann uns 
also dazu dienen, die kirchenpolitischen Ansichten des Bischofs 
weiter zu verfolgen. Ivo äussert sich sowohl über die In- 
vestitur an sich als auch über die Handlungsweise des Papstes 
und über das Verhalten, welches die Untergebenen nunmehr 
zu beobachten haben. Wir führen uns seine Grundsätze vor, 
indem wir den Inhalt des genannten Briefes aus einem anderen 
ergänzen, den der Bischof von Chartres, um sein Gutachten 
gebeten, in derselben Angelegenheit und um dieselbe Zeit dem 
Abte Heinrich von St. Jean d’Angeli geschrieben hat ?). 

Vor allem hält er im Gegensatz zu der Lehre italienischer 
und französischer Eiferer daran fest, dass die Laieninvestitur 
nichts Häretisches sei: einer Häresie würde nur dann der Laie 
sich schuldig machen, wenn er sich einbildete und beanspruchte, 
mit Ueberreichung des Stabes ein Sakrament oder einen Be- 
standteil des Sakramentes zu spenden. In Wirklichkeit aber 
handle es sich um eine immerhin sakrilegische Anmassung 
fremden Rechts. Deshalb verlangt auch er allerdings, dass 
die Einrichtung womöglich, sofern es nämlich ohne Gefährdung 
der kirchlichen Einheit angehe, von Grund aus beseitigt werde, 
und verurteilt er die Meinung derjenigen, welche sie verteidigen, 
als schismatisch. Solange aber von einem radikalen Vorgehen 
eine Kirchenspaltung zu befürchten sei, müsse man sich mit 
einfachem Protest begnügen. Der Heiligkeit der Sakramente 
geschehe dadurch, selbst bei Sakrilegikern und Schismatikern, 


!) Hierzu und zum folgenden vgl. (Sackur) M. G., lib. de lite II, 
647 8.; Esmein 161 ft. 

2) Briefe Ivos 233 (M. 235 f.). 236 (M. 238 ff.). Den zweiten zitiere 
ich nach lib. de lite II, 649 ff. 


372 Drittes Kapitel. 


kein Eintrag, weil ihre Gültigkeit durch eine derartige Verfas- 


sung der Spender oder Empfänger nicht berührt werde !). — 
Verurteilt Ivo damit nicht seine frühere Meinung? ?) Es wäre 
ja möglich, dass er jetzt, nachdem das Verbot sich befestigt 
und stellenweise Erfolg gezeitigt hatte, eine Beschränkung 
desselben, wie er sie vorher vertreten, für übel angebracht 
gehalten hätte, wir sind aber zu diesem Zugeständnis nicht 
genötigt und darum nicht berechtigt. Er nimmt hier die In- 
vestitur in dem Sinne, wie sie soeben Heinrich V. gestattet wor- 
den war, d. h. als integrierendes, die Konsekration bedingendes 
Moment der Bistumskollation und zu erteilen unter Anwendung 
von Ring und Stab. Dass es sich dabei nicht um die auch 
von ihm verurteilte investitura corporalis handle, war nicht 
bloss mit keinem Worte angedeutet, sondern im Gegenteil 


!) Auch hier seien die massgebenden Sätze wiedergegeben; siehe 
Seite 654: Si quis vero laicus ad hanc prorumpit insaniam, ut in datione 
et acceptione virgae putet se posse tribuere sacramentum vel rem sacra- 
menti ecclesiastici, illum prorsus iudicamus haereticum, non propter 
manualem investituram, sed propter praesumptionem diabolicam. Si vero 
congrua volumus rebus nomina dare, possumus dicere, quia manualis illa 
investitura per laicos facta alieni juris est pervasio et sacrilega prae- 
sumptio; quae pro libertate ecclesiae et honestate, salvo pacis vinculo 
si fieri potest, funditus abscindenda est. Ubi ergo sine schismate auferri 
potest, auferatur; ubi sine schismate auferri non potest, cum discreta 
reclamatione differatur. Nihil enim tali pervasione demitur sacramentis 
ecclesiasticis, quominus sancta sint, quia apud quoscumque sunt, ipsa sunt, 
sive apud eos, qui intus, sive apud eos, qui foris sunt. Der letzte Satz 
steht nicht etwa in irgend einer Beziehung zu der Frage, ob die In- 
vestitur als solche das Sakrament der Weihe ergreife und etwas Häre- 
tisches sei; er tritt vielmehr dem Einwand entgegen, dass man durch 
Duldung der „sakrilegischen“ Investitur die Gültigkeit der von Investier- 
ten zu empfangenden oder zu spendenden Sakramente gefährde; diesen 
Einwurf hatte Ivo umso eher zu berücksichtigen, als er zugab (Brief 233 
M. 236): Quocumque autem nomine talis pervasio proprie vocetur, eorum 
sententiam, qui investituram defendere volunt, schismaticum judico. (Man 
bemerke auch hier die vorsichtige Ausdrucksweise, welche die Möglich- 
keit der bona fides offen lässt.) Vgl. oben $. 69 ff. 

?) Siehe oben Seite 356 ff. 


Entwicklung der Investiturfrage von 1111—1123. 373 


möglichst unwahrscheinlich gemacht, indem auf die Regalien 
wohl zur Motivierung des Privilegs aber keineswegs als auf den 
ausschliesslichen Gegenstand der kaiserlichen Verleihung hin- 
gewiesen wurde. Er konnte daher jetzt umsoweniger seine 
früher vorgetragene Hypothese benutzen, als sein Brief nicht 
nur in eigenem Namen geschrieben und nicht nur für den 
Primas von Lyon, sondern für eine grosse und mächtige Partei 
bestimmt war. In jenem anderen Sinne aber hatte er die 
Investitur nie für gesetzlich erlaubt gehalten oder hingestellt. 
Er hatte sie in Schutz genommen, soweit sie nichts anderes 
bedeutete als eine Konzession der Regalien oder auch eine Zu- 
stimmung des Königs, aber einer freien, dem Wohl der Kirche 
entsprechenden Besetzung der Bischofstühle nicht im Wege 
stand, und in so fern verwirft er sie auch jetzt nicht; den Ge- 
brauch von Ring und Stab hatte er in so fern für gleichgültig 
erklärt, als er dem Akte einen sakramentalen Charakter nicht 
verleihe, weshalb er unter Umständen trotz des entgegen- 
stehenden Gesetzes geduldet werden könne, und nichts beweist, 
dass er jetzt anders dachte !). 

Verurteilt er aber etwa den Papst? Die Erteilung eines 
Privilegs vermag er zwar nicht zu billigen, weil damit ja auch 
die Möglichkeit zu protestieren aufgegeben war, aber er ent- 
schuldigt sie, weil sie durch die Angst vor noch schlimmerer 
Bedrückung des Volkes abgenötigt war, und weil Paschal nach 
wie vor gemäss einem Schreiben an Ivo in der Verwerfung der 
Investitur verharrte. Einverstanden ist er dagegen mit der 
Nachsicht als solcher, d. h. damit, dass der Papst vorläufig 
noch die Laieninvestitur hingehen lässt und den Kaiser nicht 
bestraft. Er billigt stillschweigende Dispensationen, nicht aber 
positive Privilegien — diese Zusammenfassung kommt wohl 
dem Gesamtinhalt des einen wie des anderen Briefes am 


1!) Vielfach nimmt man an, dass Ivo von seinen früheren Grund- 
sätzen abgefallen sei. Mir scheint, dass diese Ansicht vor einer die 
Umstände genügend berücksichtigenden Interpretation der verschiedenen 
Aeusserungen nicht standhält. 


374 Drittes Kapitel. 


nächsten. Am Schlusse der Verteidigung geht er zwar im 
Eifer noch etwas weiter: „Deshalb klagen wir ihn nicht bloss 
nicht an wegen dieses Vergehens, sondern billigen es vielmehr 
vom Standpunkt der Vernunft, wenn er sich bei der drohen- 
den Bedrängnis des Volkes in väterlicher Liebe so grossen 
Gefahren mit eigener Verwundung entgegenwerfen wollte, um 
schlimmeren Krankheiten mit aufrichtiger Sorge abhelfen zu 
können* — aber es bleibt doch ein Vergehen und eine Ver- 
wundung!!) Und wiederum, in den letzten Worten, der Lieb- 
lingsgedanke des Bischofs, dass man über der Investitur die 
schlimmeren Uebel nicht vergessen dürfe. 

Wie sollen sich nun die Bischöfe verhalten? Unter keiner 
Bedingung steht es ihnen zu, den Papst zu richten, weil der- 
selbe menschlichen Richtern nicht unterworfen ist?).. Man 
würde ferner die Pietät verletzen, wenn man ıhn auch nur 
durch öffentlichen Tadel blossstellen wollte; höchstens solle 
man ihn in liebevoller Weise ermahnen, sich selbst zu richten 
und seine Tat rückgängig zu machen. Auch dem stehe nichts 
im Wege, auf einer Provinzialsynode zu beraten und unbe- 
schadet der Ehrfurcht gegen die römische Kirche Massregeln 
zu ergreifen, die den Frieden nicht stören könnten ?). — Da- 
gegen weigerten sich die Absender des Briefes, zu einem Konzil 
zu erscheinen, von dem eine solche Mässigung kaum zu erwarten 
war, und sie begründeten ihre Absage juristisch vor allem damit, 
dass der Erzbischof von Lyon auch als Primas nicht befugt sei, 
die Bischöfe anderer Provinzen zu einer Synode zu laden. 


!) Seite 650 f. 653. Das Recht des Papstes, Gesetze zu ändern und 
davon zu dispensieren, setzt er deutlich voraus. Siehe auch 653: Nec 
ipse primus nec solus factus est dispensator dominicorum praeceptorum... ., 
worauf zwei frühere Beispiele von Aufhebung ehemals erlassener Gesetze 
folgen. Vgl. oben Seite 76 £. 

?, Seite 652 (oben): Ad hoc non videtur nobis utile consilium ad 
illa concilia convenire, in quibus non possumus eas personas, contra quas 
agitur, condemnare vel judicare, quia nec nostro nec ullius hominum 
probantur subiacere iudicio. Vgl. den Brief 233; oben Seite 356 Anm. 1. 

?) Seite 650. 652. 654; M. 236. 


Entwicklung der Investiturfrage von 1111—1123. 375 


Die Antwort des Erzbischofs zeigt, dass man auf der 
anderen Seite den Kampf gegen Heinrich V. für unbedingt und 
alsbald notwendig hielt und es für Häresie ansah, die Erlaubt- 
heit der Laieninvestitur anzunehmen oder zu verteidigen !). 
Darnach wäre also Ivo nicht viel weniger als ein Häretiker 
gewesen, wie denn auch Paschal II. von Anhängern dieser 
Partei indirekt als solcher ausgegeben wurde ?). Zu den fran- 
zösischen Prälaten, die dem Papste solches zu verstehen gaben, 
gehörte vielleicht auch der Kardinal Gottfried von Vendöme, 
den wir bereits als Verfechter einer extremen Auffassung 
kennen lernten ®). So sehr er dem Apostolischen Stuhl ergeben 
war und blieb, so sehr er das G@ebahren eines Girard von 
Angoulöme verwarf, so fand er doch in seinem Herzen bittere 
Worte für den Papst, weil er vor dem drohenden Tode, sei es 
dem eigenen, sei es dem seiner Untergebenen, sich zurück- 
gezogen und durch seine Zustimmung zur Häresie der Investitur 
die Kirche in ihrem Glauben, ihrer Reinheit und Freiheit schwer 
geschädigt habe. Es mag zweifelhaft bleiben, ob er den Brief *) 
in dieser Fassung abgesendet hat?). 

2. Eine ideale Anschauung war es, die dem Papst aus 
derartigen Urteilen sich offenbarte, und es waren meist tadel- 
lose Männer, die sie vertraten. Durfte er auch die Ungeduldigen 
und Uebereifrigen in ihre Schranken weisen, so konnte er sich 
doch nicht verhehlen, dass die Opposition zu einem guten Teil 
berechtigt war, und dass er auf Mittel und Wege sinnen müsse, 
um die Unzufriedenheit zu stillen. So kennzeichnete er, wenn 
auch sanftmütig, in einem Schreiben vom 5. Juli 1111 das 
Verfahren jener Kardinäle, die unter Führung der Bischöfe 


) Lib. de lite II, 654 fl. = M. 243 fi. 

2) Siehe z. B. Hefele Üg. V, 333. 

3) Oben Seite 348 f. — Zur Haltung Gottfrieds siehe Sackur in 
M.G., Lib. de lite II, 676 ., im N. A. XVII, 829 ff. XVII, 666 fi.; 
Schum 93 ff. bezw. 283 ff.; unten 3. 

*) Lib. de lite Il, 680 fi. (M. 42 ff.) 

5) N. A. XVIII, 668. 


376 Drittes Kapitel. 


Johannes von Tuskulum und Leo von Velletri eigenmächtig 
zu einer Synode zusammengetreten waren, als unkanonisch und 
übereifrig, versicherte aber zugleich, dass er darauf bedacht 
sei, den begangenen Fehler wieder gut zu machen!). So suchte 
er den Uebermut Brunos von Segni dadurch zu dämpfen, dass 
er ihm die Abtei Monte Cassino entzog ?), an mehrere fran- 
zösische Bischöfe aber schrieb er, dass er nur der Gewalt ge- 
wichen sei und auch weiterhin dasjenige verbiete, was er früher 
verboten habe °). Er war sich also klar darüber, dass er das dem 
Kaiser bewilligte Investiturprivileg in irgend einer Form ausser 
Kraft setzen müsse, es galt aber, dies zu tun, ohne dass es 
nötig wurde, seinen Schwur zu verletzen: er hatte eidlich ver- 
sprochen, den Kaiser und sein Reich wegen der Investitur und 
der erlittenen Unbilden nicht zu behelligen. Sei es nun, dass 
er daran verzweifelte, diese Schwierigkeit lösen zu können, sei 
es, dass er des fortgesetzten Drängens müde war, Paschal ent- 
schloss sich zu resignieren. Er zog sich, allem, auch dem 
Amte entsagend, auf die Insel Ponza zurück. Von dort aber 
holt ihn des Volkes Stimme und das Flehen der Kardinäle 
wieder auf den Apostolischen Stuhl, er ergreift von neuem die 
Zügel der Regierung, beruft eine Synode, auf welcher alles 
geordnet werden und es dem Urteil des Klerus und des Volkes 
anheimgegeben sein soll, was in Bezug auf die Investitur und 
das Privileg in Zukunft gelten, und ob er in seiner Stellung 
verbleiben wird oder nicht. 

Hier erscheint auf dem Plane unser Hildebert, mit dessen 
Worten wir die letzten Begebenheiten erzählten*). Bald nach 


') Watterich II, 69 £. — Aemulatio ist wohl im Sinne des Papstes 
mit Uebereifer richtig übersetzt. 

2) Hefele Cg. V, 315. 

®) Lib. de lite II, 650 nebst Note 7. 

*) Lib. de lite II, 671. — Dass diese Schilderung der Ereignisse 
auf Rücktrittsgedanken Paschals zu deuten ist, kann keinem Zweifel 
unterliegen; vgl. Hauck III, 905 mit Note 9. — Zum folgenden siehe 
M. G., Lib. de lite II, 667 ff. (Sackur). 


Entwicklung der Investiturfrage von 1111—1123. 377 


der Gefangennahme des Papstes war ihm seitens eines poetisch 
veranlagten Freundes, der zu den Untertanen Heinrichs V. ge- 
hörte, ein das erschütternde Unglück in beredten Ausdrücken 
behandelndes Schreiben zugegangen !). Dasselbe setzte ihn in 
Verlegenheit, weil es Heinrich V. und seine Leute schonungslos 
verurteilte ?). „Siehe, der Blutzeugen Purpur schmückt von 
neuem in ihrem Alter die Kirche, und wiedererstanden voll- 
endet der 'Taumel einer glaubensfeindlichen Grausamkeit an 
den Ruinen der zu Grabe gehenden Welt im teuren Tod der 
Gotteskinder ihr Werk. Eine Würgerbande°) wütet unter 
Christi Volk, und gegen Gottesfurcht zückt Gottlosigkeit das 
‚rächende‘ Schwert *). Zur Beute wird die Stadt der Römer, 
und des Apostelfürsten erhabenen Sitz schänden die blutigen 


1) Lib. de lite II, 668 £. = Brief II, 21 (B. 107 f. M. 232 £.) unter 
den Briefen Hildeberts. 

?) Vgl. den um dieselbe Zeit, zwischen 12. Februar und 12. April 1111, 
verfassten und in demselben Geist gehaltenen Rhythmus de captivitate 
Paschalis papae, ebd. 673 ff. (Dass dem König Jura offerunt monachi 
Et cardinales clerici [Str. 10], davon kann natürlich nicht die Rede sein, 
Es waren offenbar blos Tura; vgl. Disputatio, ebd. 660 unten.) 

®) Dass unter dem funestus satelles Heinrich V. zu verstehen sei 
(Sackur), glaube ich nicht. Der satelles ist im Gefolge des Fürsten. 
In einem Liede des Prudentius, dessen fragliche Stelle im Brevier am 
Fest der Unschuldigen Kinder vorkommt und (als Verherrlichung des 
ersten christlichen Martyriums) dem Verfasser vorgeschwebt zu haben 
scheint, wird er von Herodes entsandt: Audit tyrannus anxius Adesse 
regum principem ,.. Exclamat amens nuntio: Successor instat, pellimur, 
Satelles i, ferrum rape, Perfunde cunas sanguine ... Unus tot inter funera 
impune Christus tollitur. Dass auch in unserem Briefe das Wort in 
kollektivem Sinne zu fassen sei, liegt in dem poetischen Charakter des 
ganzen Schreibens begründet. Auch im übrigen wird zwar wohl die 
Begleitung des Königs, nicht aber dieser selbst mit Schimpfworten be- 
dacht. Anders der in der vor. Anm. genannte Rhythmus, in welchem 
übrigens auch auf Herodes in erster Linie hingewiesen wird (Str. 4 u. 14). 

*) Vgl. Ambrosius in Ps. OXVIIL (CXIX, Vers 161), sermo XXI, 
in der 5. Lesung des Comm. unius Martyris Brev. Rom: Vere frustra 
impugnatur, qui apud impios et infidos impietatis arcessitur, cum fidei 
sit magister, 


378 Drittes Kapitel. 


Räubereien der Sachsen. Der Papst wird als Gefangener fort- 
geführt, zertreten unter den Füssen der Ungerechten die Tiara. 
Verlassen trauert der Heilige Stuhl, und, der die Völker alle 
und die Zungen dienten, Roma kommt unter Tribut. Unreine 
Hunde haben die Kirche Gottes besudelt, und der germanischen 
Barbaren rohes Geschlecht erdrosselt die Diener des göttlichen 
Gesetzes oder hält sie gefangen.“ Die Ergreifung des Ober- 
hirten bedeutet eine grosse Gefahr für die Kirche. „Den 
Stärkeren hat der Feind geschlagen, um später desto leichter 
über die Untergebenen zu triumphieren. Hinweggehauen ist 
das Haupt, werden die übrigen Glieder nicht verdorren? Der 
Führer des Heeres Christi liegt in Banden, wird der Krieger 
noch unerschrocken standhalten? Guter Jesus, wo wäre die 
Wahrheit Deiner Verheissung, wenn Du nicht bei Deiner Kirche 
bliebest in Ewigkeit? Oder was nützte Dein Gebet, wenn der 
Glaube Petri wankte? Stärke, Christus, stärke den Glauben 
der Kirche, für die Du gebetet, bleibe bei uns, wie Du ge- 
sagt.“ Man sieht, gewaltig war der Eindruck, den das Er- 
eignis auf den Verfasser — und sicherlich auf die ganze 
Christenheit — machte, und er war, so scheint es, nicht ohne 
Sorge davor, dass Paschal nachgeben und dadurch zum „Hä- 
retiker“ werden und die ganze Kirche ins Wanken bringen 
könnte !). Seine Sorge erstreckt sich aber in etwa gerade auf 
den Freund, wie das folgende zeigt. „So sei denn Du recht 
ernstlich im Gebete darauf bedacht, dass nicht auch wir von 
Satan umgarnt werden. Denn derjenige, den Du noch gestern 
in Lobsprüchen feiertest, dem Du in heiliger Liebe Dich er- 
geben zeigtest, erstrahlt, wenn man so sagen darf, in einem 
doppelten Wunder vor aller Welt; oder, wenn’s Dir nicht miss- 
fällt, er ist in zwei Schandtaten verstrickt, wie sie selbst unter 
Heiden unerhört sind. Denn wen gäbe es ausser ihm, der 


!) Die feierlichsten Momente im Leben Jesu, die für seine Be- 
ziehung zur Kirche bedeutungsvollsten zieht er heran: Matth. XX'VIII, 20; 
DuoräXILEsl WII ORSXYV IL 


Entwicklung der Investiturfrage von 1111—1123. 379 


seinen geistlichen Vater und den leiblichen gleicherweise mit 
Hinterlist hätte in seine Gewalt gebracht? !) Er ist’s, der die 
Herrengebote der einen wie der anderen Tafel übertrat,“ der 
ersten nämlich dadurch, dass er in der Gefangennahme des 
Papstes „sich gegen Gott und seine Kirche erhob. Glücklich 
Papst Paschalis und aller Ergebenheit und Liebe würdig, der 
so die apostolische Regierung inne hatte, dass er zugleich im 
Leiden Nachfolger der Apostel werden durfte! Glücklich der 
Gefangene Jesu Christi?) — mag man ihm Füsse und Hände 
fesseln, das Wort des Herrn ist dennoch nimmer gebunden). 
Wer aber zu diesem Haupt ein Glied sein will, muss sich 
dem Haupt verbunden wissen. Denn den Kindern gereicht 
es zur Schmach, wenn dem Vater Unrecht geschieht, und dieses 
Hauptes Glied, dieses Vaters Sohn, dieses Vorgesetzten Unter- 
gebener ist nicht, wer nicht mit ihm fühlt, nicht mit ihm leidet 
oder wer gar höhnt“ ®). 

Es war offenbar ein begeisterter Verehrer der Kirche und 
des Papsttums, der so zu unserem Bischof sprach, und was 
er in dieser Eigenschaft vorbrachte, fand im Herzen Hilde- 
berts echten Widerhall; ausser seiner Antwort bezeugt dies 
ein Gedicht auf das christliche Rom, das, gewöhnlich zusammen- 
gestellt mit einem anderen auf das antike Rom, eine gewisse 
Berühmtheit erlangt hat°). Wenn aber jener, wie es scheint, 
hinsichtlich der Investitur extremer Auffassung huldigte, so 
stimmten die beiden Freunde darin nicht überein. Was end- 
lich die scharfen Invektiven gegen Heinrich und die Deutschen 


!) Dieser Gedanke wird von den Gegnern Heinrichs bekanntlich 
auch sonst verwertet; vgl. z.B. Disputatio, Lib. de lite II, 665 unten, 
wo das flagitium am Papste noch durch die Erpressung einer Rechts- 
verletzung gesteigert erscheint. 

2) So nennt sich Paulus: Eph. IH, 1 (vgl. IV, 1); Philemon 1.9. 

29 Tım211,°9. 

*) Zu den Ausführungen über Paschal vgl. die Strophen 27 f. des 
erwähnten Rhythmus. 

5) B. 1334 f. M. 1409 £. Nr. LXIIIf. Vgl. Haur&au, Melanges, 
Seite 59 ff.; Baumgartner IV, 381. 


380 Drittes Kapitel. 


betrifft, so ist nicht ersichtlich, ob der Verfasser überhaupt 
dazu neigte oder erst durch die jüngsten Vorgänge dazu ver- 
anlasst worden war. Hildebert konnte, die Tatsächlichkeit der 
letzteren vorausgesetzt, der Verurteilung dieser Dinge nicht 
widersprechen, und er hat zu anderer Zeit ganz unverhohlen 
ein entsprechendes Urteil gefällt: 


Glückliche Stadt, wärst du nur endlich der Herrscher entledigt, 
Oder für Glauben und Recht hätten die Herrscher Gefühl!?!) 


Jetzt aber mochte er sich nicht darüber äussern, insbesondere 
nicht den Kaiser, dem er zugetan war, verdammen. Vor kurzem 
noch hatte er ja, wie der Freund bezeugt, sein Lob gesungen, 
höchstwahrscheinlich aus Anlass der im Jahre 1110 gefeierten 
Verlobung Heinrichs mit Mathilde, der Tochter des englischen 
Königs’). Auf dieses Ereignis ging wohl überhaupt die ganze, 
sonst kaum erklärliche Zuneigung des westfranzösischen Bischofs 
zum deutschen König zurück, und das Verhältnis Hildeberts 
zum englischen Hof’) war dabei somit von erheblichem Ein- 
fluss. Indes stand seine kirchenpolitische Auffassung und Ge- 
sinnung mit dieser persönlichen Ergebenheit, wie wir bald 
sehen werden, nicht im Widerspruch. — Das Antwortschreiben 
unseres Bischofs, das über seine eben gekennzeichnete Stim- 
mung berichtet *), leitet sich durch das Geständnis ein, es sei 


!) Es ist das letzte Distichon des Gedichtes auf das antike Rom: 
Urbs felix, si vel dominis urbs illa careret, Vel dominis esset turpe carere 
fide! Uebersetzung bei Baumgartner. Vgl. Dieudonne 121. Hau- 
r&au (66) und Baumgartner (IV, 382 Note 1) bringen noch irrtümlich 
den oben wiedergegebenen Brief mit dem Gedichte in Zusammenhang, 
indem sie auch ersteren von Hildebert verfasst glauben. Dagegen waren 
die Verhältnisse zur Zeit der ersten Romreise des Bischofs Hildebert (1100 
bis 1101) in der Tat durchaus geeignet, ihm jene Worte in den Mund 
zu legen (vgl. Dieudonn& 60); für diese Zeit braucht auch der „Mangel 
an fides“, sofern man darunter Häresie und Schisma verstehen will, 
nicht auf die Investitur bezogen zu werden. 

?) Giesebrecht III, 800 £. 

®) Siehe oben Seite 366 f. 

*) Lib. de lite II, 669 fi. = II, 22 (B. 109 ff. M. 233 £f.). 


Entwicklung der Investiturfrage von 1111—1123. 381 


ihm niemals eine Widerwärtigkeit so willkommen gewesen, als 
diejenige, die ihn vorläufig der Pflicht, dem Freunde zu er- 
widern, überhob. Von der Bedrängnis, die sich hiernach so 
rechtzeitig eingestellt hatte, wird zwar in diesem Briefe nichts 
näheres verraten, aber es war vermutlich keine andere, als 
die Gefangenschaft Hildeberts in Nogent-le-Rotrou!). Und 
gerade diese wurde ihm zu einer Gelegenheit, seine staats- 
kirchenrechtliche Stellung zu präzisieren, und zwar in den 
Punkten, die seinem Verhalten im Paschalstreit zu Grunde 
liegen ?). 

Graf Helias von Maine war im Jahre 1110 gestorben, 
sein Schwiegersohn Fulko von Anjou hatte das Erbe ange- 
treten. Wieder erhob sich der Streit um die Herrschaft über 
Maine; Fulko verweigerte die Leistung des Vasalleneides ge- 
genüber dem englischen König und bekämpfte ihn, von einem 
Teile der cenomannensischen Grossen unterstützt, im Bunde mit 
Ludwig VI. von Frankreich. Heinrich I. blieb Sieger; im An- 
fang des Jahres 1113 leistete ihm Fulko den Lehenseid und 
verlobte seine Tochter Mathilde einem Sohne des Königs, 


!) An der genannten Stelle heisst es: sortis adversae asperitas, 
nachher: Ex imminentis tandem occasione tristitiae materiam nactus, 
ita domesticis angariatus iniuriis, ut de criminibus conqueri non vacaret, 
interim obtuli tibi pro responsione silentium; endlich: Cum ergo fatorum 
vel paulisper iniuriae siluerunt et inter angustias licuit respirare et veritas 
ipsa suam quoque peragit actionem (letzteres bezüglich des Papstes): et 
iustitiae simul morem gerimus et Deo, et te quoque, quem forsitan exacer- 
bavimus, complacemus. Aus dem letzten Satze mag man schliessen, dass 
er aus seiner Gefangenschaft noch nicht entlassen ist. Aber warum 
spricht er sich nicht deutlicher aus? Diejenigen, in deren Gewalt er sich 
befand, waren Bundesgenossen des Königs von England, und dieser selbst 
tat vorerst nichts, um seine Freilassung zu bewirken; unter solchen Um- 
ständen durfte es dem Freunde des Königs und seines zukünftigen 
Schwiegersohnes, des Kaisers, wohl gut erscheinen, zu schweigen. 

?) Zum folgenden siehe Luchaire, Louis VI, Seite CIV f. OXV 
und die dort angegebenen Nrn.; Luchaire bei Lavisse IIT, 298. 321 f£.; 
L’art de verifier 1. d. XIU, 177 fi.; A. P. bei B. XXXIX, bei M. 94; 
Briefe Hildeberts II, 17.18 (B. 99 ff. M. 225 £.): vgl. Dieudonn& 68 fi. 


3823 Drittes Kapitel. 


Wilhelm Adeling!). Ende März schloss auch Ludwig der 
Dicke mit Heinrich Frieden und konzedierte ihm die Lehnsherr- 
lichkeit von Bretagne, Maine und Bellesme. Das letzte erhielt 
Heinrichs Schwiegersohn Rotrocus, Graf von Perche. 

Dieser Rotrocus war im Laufe des Krieges von den Feinden 
gefangen genommen und in einen Turm von Le Mans geworfen 
worden. Für sein Leben fürchtend (so gab er wenigstens vor), 
liess er den Bischof zu sich kommen, beichtete ihm, traf seine 
letzten Anordnungen und bat ihn endlich, sein Testament per- 
sönlich als Zeuge seines letzten Willens und zur Sicherung 
der Unverletzlichkeit desselben seiner Mutter zu überbringen. 
Hildebert vertraute ihm, und er mochte wohl keinen Grund haben, 
von ihm, dem Sohne eines ehrenwerten Vaters, dem Kreuz- 
ritter von Jerusalem und Spanien, dem Gründer der Abtei Tiron, 
Verrat zu fürchten 2). In Nogent le Rotrou entledigte sich 
der Bischof seines Auftrags. Am ersten Tage liebenswürdig 
empfangen, wurde er auf Anstiften des Seneschalls Hubert 
Capreolus am zweiten mit seinem Kapitelsdekan Hugo, den 
man einer Mitwirkung zu dem Missgeschick des Grafen beschul- 
digte?), und mit dem Kantor Fulchard im Staatskerker ge- 
fangen gesetzt. Was einst dem Bischof Ho&l als Anhänger der 
Normannen die Feinde des englischen Königs bereitet hatten *), 
verhängten diesmal über Hildebert, den Unparteiischen, dessen 
Freunde. Trotz mehrfacher Gegenbemühungen von verschie- 
denen Seiten musste er in der Gefangenschaft längere Zeit ver- 
bleiben; zwei Briefe, die er während derselben schrieb, sind die 
Hauptquelle der Episode). 

!) Letzterer kam bei dem schweren Schiffbruch von 1120 um; siehe 
Dieudonn& 84, 209. 283 f. (Trostbrief Hildeberts an König Hein- 
rich I, 12 {bei B. 38 ff. M. 172 f.). 

?) L’art dev. 1. d. XII, 175 f£. Später (1140) gründete er die 
Abtei La Trappe. Ueber Tiron siehe bei Wetzer und Welte II, 340; 
Ördericus Vit. VIII, 27 (Le P. III, 447 ££.). 

°) Hildeberts Unschuldsbeteurung im Anfang von II, 17 lässt ver- 


muten, dass man auch ihn selbst in Verdacht gesetzt hat. 
EAN BOMabestı! 5) Siehe oben S, 381 Anm. 2. 


Entwicklung der Investiturfrage von 1111—1123. 383 


Man kann sich versucht fühlen, diesen Erlebnissen unseres 
Bischofs eine komische Seite abgewinnen zu wollen — Hilde- 
bert behandelt sie mit einem erhabenen Ernst, stellt sie in 
das Licht der tiefsten religiösen Gedanken und verflicht sie in 
seinen Betrachtungen mit den wichtigsten Problemen seiner 
Zeit. Nicht nur in einem Brief an den dem Gefangenschafts- 
ort benachbarten Bischof von Seez behandelt er sein Los, 
sondern auch in einer Enzyklika an alle Bischöfe, Priester und 
sämtliche Kinder der Kirche. Die drei Personen in der Gott- 
heit ruft er zum Zeugnis seiner Wahrhaftigkeit an), und es 
passt zu seiner feierlichen Stimmung, wenn er, wie eine ältere 
Handschrift feststellt, sein bekanntes Gedicht über das Glau- 
bensgeheimnis der Trinität in dieser Zeit verfasste ?). Mit 
dem h. Paulus nennt er sich, wie sein Freund den Papst, Ge- 
fangenen Jesu Christi; er führt einen Vergleich seiner Schick- 
sale mit Leidensmomenten des Heilands des näheren aus; 
er sagt, Christus leide in ihm, der Gesalbte Gottes sei von 
neuem den Soldaten ausgeliefert, von neuem mit vielfacher 
Wache umringt. In ihm leidet Christus und die Kirche: 
„Gegen Christus streckt Malchus, gegen die Gefässe des Tem- 
pels Balthasar straflos die Hände aus; niemand gibt’s, den 
der Eifer für das Haus des Herrn verzehrte.“ Es ist die vom 
Völkerapostel so kernig und klar gegebene Vorstellung von 
der Gemeinschaft Christi und seiner Kirche in einem mysti- 
schen Leibe, die sich hier bei Hildebert lebendig zeigt, es ist 
ein Echo der Worte: „Der ich mich jetzt freue in meinen 
Leiden für Euch und ausfülle den Mangel der Drangsale Christi 
in meinem Fleische für seinen Leib, welcher ist die Kirche“ °). 

!) Im Eingang des Briefes II, 17. 

2, B. 1337 f£.M. 1411 ff.; Haur6au, Melanges, S. 72 fi. (75); Baum- 
gartner IV, 444 f. Es ist nicht ganz ausgeschlossen, dass ein Schreiber 
mit Rücksicht auf die erwähnte Anrufung der Dreifaltigkeit die Nach- 
richt erfand, aber diese Annahme liegt doch ziemlich fern. 

») Kol. I, 24; Simar, Die Theologie des h. Paulus (Freiburg i. B. 
1883), Seite 233 ff.; Gierke IH, 108 ff. — Den Ausdruck der Freude 
siehe im Eingang von II, 17. 


384 Drittes Kapitel. 


Es braucht hier nicht weiter erörtert zu werden, wie 
jene Vorstellung die mittelalterliche Auffassung vom Wesen 
der Gesellschaft beherrschte, wie auch das gegenseitige Ver- 
hältnis von Kirche und Staat aus der Idee heraus näher be- 
stimmt wurde, dass die Gesellschaft als Christi mystischer Leib 
eine nach zwei Richtungen sich betätigende Einheit bilde ?). 
So auch bei Hildebert. In dem zeitlich vorangehenden Briefe 
an den Bischof von Seez?) findet er Gelegenheit, seine Ge- 
danken darüber andeutungsweise zu offenbaren. Er bittet den 
Mitbruder, ihn wenigstens geistigerweise heimzusuchen, durch 
Gebet, durch Mitgefühl, aber auch dadurch, dass er von dem 
ihm anvertrauten geistlichen Schwerte gegen den Missetäter 
Hubertus Gebrauch mache; denn das Schwert der weltlichen 
Herrschaft werde nicht für ihn gezogen. „Du siehst, dass 
hier die Obrigkeit das Schwert umsonst trägt). Es ist in 
der Scheide verborgen, von Fellen toter Tiere bedeckt.“ Dar- 
auf die schon oben zitierten Worte über Malchus und Balthasar. 
„So ist es also besser, auf Gott zu hoffen, als auf die Fürsten“ ®). 
Der Fürst, der hier hätte handeln sollen, war natürlich kein 
anderer als der König von England, Herzog der Normandie, 
und Hildebert scheute sich also nicht, über die Pflichtver- 
säumnis Heinrichs I. zu klagen bei einem Bischof, der jenem 
amtlich viel näher stand als er; und er scheute sich nicht, 
diesen Bischof um etwas anzugehen, wovon er sich sagen 
musste, dass es dem König nicht genehm sein werde, um die 
Exkommunikation des dapifer comitis, der zu dapes diaboli 
geworden sei?). Dass unseren Bischof an solchen Aeusse- 


!) Gierke III, 5l5ff., Werminghoff I, 142. 

?) Brief II, 18 muss früher geschrieben sein als II, 17, weil jener 
nicht die mindeste Andeutung von Schritten enthält, die nach diesem 
für Hildebert geschehen sind. 

ROM RI A, 

*) Psalm CXVI (CXVID), 9. 

?) Der Ort der Gefangenschaft gehörte übrigens nicht zur Diözese 
Seez, sondern zu Chartres; die Herrschaft des Rotrocus erstreckte sich 
aber zu einem grossen Teil über den Bezirk der ersteren. 


Entwicklung der Investiturfrage von 1111—1123. 385 


rungen und Zumutungen sein freundschaftliches Verhältnis 
zum englischen Hof nicht hinderte, wird uns nach allem, was 
wir von ihm wissen, nicht wunder nehmen, und wenn er den 
normannischen Amtsgenossen zum Schlusse bittet, sich seiner 
in dieser Bedrängnis so anzunehmen, wie er selber es von ihm 
wünschen würde, so werden wir glauben, dass er, Hildebert, in 
der Tat gegebenenfalles dementsprechend verfahren hätte. 
Mit seinen hier kundgegebenen Grundsätzen stand Hildebert 
durchaus auf dem Boden der Zeit: darüber, dass das weltliche 
Schwert, wenn nötig überhaupt, geschweige denn in einer die 
weltliche Gewalt zunächst berührenden Angelegenheit, zum 
Schutz der Kirche und ihrer Diener gegen Unrecht zu ge- 
brauchen sei, war man sich einig; wurde diese Pflicht ver- 
säumt, so war die kirchliche Gewalt natürlich doppelt berechtigt 
und verpflichtet, einzuschreiten. Interessanter wird aber die 
Sache für uns dadurch, dass unser Bischof sich bewogen fühlte, 
seine Zweischwertertheorie einleitend zu erläutern. „Recht 
suchst Du uns heim, wenn Du mit Petrus den Malchus schlägst, 
der hier Christus verfolgt. Nicht den Lehrer mache ich, sondern 
den Suchenden; wie Hieronymus zu Eustachius sagt: Es ist 
töricht, etwas zu lehren, was der Belehrte schon weiss. So 
hast auch Du gelesen und verstanden, dass zwei Schwerter 
beim Abendmahl vorhanden waren!). Das eine zückte Petrus 
gegen Malchus, als dieser gegen Christus die Hände aus- 
streckte. Von dem anderen liest man nicht, dass es gezogen 
worden sei. Angemessenerweise aber fand sich das eine wie 
das andere bei den Jüngern Christi, weil auch jetzt noch beide 
sich finden bei Gliedern des Leibes Christi. Denn ein Glied 
Christi ist der König, ein Glied Christi der Priester. Zu einem 
Wissenden rede ich; Du kennst das Schwert des Königs, Du 
kennst das Schwert des Priesters. Das Schwert des Königs 
ist die Strafe des weltlichen Gerichts (censura curiae), das 
Schwert des Priesters die Strenge der kirchlichen Disziplin 


!) Siehe Luc. XXII, 36 ff. 49 f.; Matth. XXVI, 51; Joh. Ne 10. 
Barth, Hildebert von Lavardin. 


386 Drittes Kapitel. 


(ecclesiasticae rigor disciplinae) !). Diese bezeichnete der Evan- 
gelist (das hast Du gelesen) mit den Worten: Herr, siehe, hier 
sind zwei Schwerter. — Wäre nun jemand, der mit dem 
Schwert der königlichen Gewalt (gladio regni) mich befreite, 
so verlangte ich nicht, dass das priesterliche Schwert für mich 
gezogen werde. Jedoch Du siehst, dass die weltliche Obrigkeit 
(potestas) hier umsonst das Schwert trägt.“ Der dann folgende 
Schluss dieser Ausführungen ist uns bekannt’). 

Eine regelrechte, wenn auch knappe Erörterung jener 
Lieblingsstellen der mittelalterlichen Staatskirchenrechtstheo- 
retiker und Publizisten. Dass sie auf eine besondere Seite des 
Staats- und Kirchenregiments beschränkt wird, tut nichts zur 
Sache. Bemerkenswert ist sie besonders deshalb, weil sie von 
der spezifisch kirchlich genannten Erklärung abweicht?). Im 
Besitz der beiden Schwerter befinden sich die „Jünger Christi“. 
Dass nicht „Apostel“ gesagt wird, möge unvermerkt bleiben, weil 
diese auch in der H. Schrift durchgängig unter jener Bezeichnung 
auftreten. Wichtig aber ist, dass nicht der Apostel Petrus 
ihre Rolle spielt, dieser vielmehr hier offenbar nur als Träger 
des kirchlichen Schwertes gedacht wird. Dementsprechend 
stehen in der Parallele (zu den Jüngern) König und Priester 
und zwar als Glieder des Leibes Christi. Somit meint Hildebert 
die „Jünger Ohristi* nicht etwa als Vertreter des Priester- 
tums, sondern als Vertreter der ganzen Kirche, der christlichen 
Gesellschaft. Das steht freilich nicht ohne weiteres fest. Er 
nennt in dem vorliegenden Brief den Bischof christus Dei*), 


!) Vgl. Brief Hildeberts II, 52 (B. 160 M. 277). 

2) Oben Seite 384. 

®) Vgl. Gierke III, 523. — Zu den folgenden Ausführungen im all- 
gemeinen Gierke IH, 502 £. ($ 11); Grauert, H. J. IX (München 1888), 
127 £.; Sägmüller, Theol. Quartalschrift LXXX, 50 f£.; Michael], 
268 ff. III, 264 ff; Hauck, Der Gedanke der päpstlichen Weltherr- 
schaft; Werminghoff I, 140 ff. Vgl. auch Ribbeck 35 ff.; Böhmer 
164 ff. 225 f.; Schmidlin, insbesondere den zweiten Abschnitt, S. 105 ff. 

*) Visitet ergo christus Dei (der Bischof von Seez) vyinctum Jesu 


Entwicklung der Investiturfrage von 1111—1123. 387 


anderswo nennt er so den einfachen Priester !), endlich ver- 
leiht er diesen Ehrennamen auch dem König?). Gehört nun 
etwa Hildebert zu jenen, die dem König geradezu einen spe- 
zifisch geistlichen Charakter zuerkennen®), und ist demnach 
unter dem Leibe Christi doch nur der durch besondere Weihe 
ausgezeichnete Teil der Kirche zu verstehen? Letzteres wäre 
indes in keiner Weise zu begründen, und so kann auch zur 
Bejahung des ersteren der Gebrauch von christus Dei nicht 
genügen. „Gesalbter Gottes“ kennzeichnet bei Hildebert die 
Königsherrschaft als ein durch kirchliche Salbung bestärktes 
Gottesgnadentum, wie sie seit Jahrhunderten im Geiste der 
christlich-germanischen Welt sich darstellte‘). Wenn aber dem- 
nach Königtum und Priestertum nach Hildebert keineswegs als 
gleichartige Gewalten zu fassen sind, so gelten sie ihm doch 
anderseits beide als Gewalten von besonderem Ursprung und 
Zweck, als von @ott zur Herrschaft berufene Glieder des Leibes 
Christi, wir sind also davor behütet, seine Worte im Sinne einer 
Art von Volkssouveränität zu deuten°). — Uebrigens können 
wir aus den Darlegungen unseres Bischofs keinen Grund dafür 
entnehmen, dass er über staatskirchenrechtliche Einzelfragen 
sich hätte äussern wollen; dem Zusammenhang gemäss war 
es ihm nur darum zu tun, seinen dem Bischof dargelegten 
Anspruch an die weltliche und die kirchliche Gewalt zu be- 
gründen. Es ist also in Bezug auf weitergehende Schlüsse 
Vorsicht geboten. So auch, wenn wir aus seinen Worten er- 
kennen wollen, wie er sich das gegenseitige Verhältnis von 


Christi. So wird auch der Papst von ihm genannt: Lib. de lite II, 
670 2.11. 

!) Brief Hildeberts I, 52 (B. 161. M. 277). 

2) Briefe Hildeberts II, 33. 34 (B. 136 ff. M. 256. 257: christus 
Domini). 

®) Vgl. Mirbt 547; Böhmer 226 ff. 234 ff. 

4) Gierke III, 557 ff, Flach III, 236 ff. bezw. 432 ff. 

5) Er will nicht etwa sagen, dem Könige und dem Priester komme 
die Gewalt als Gliedern der Gemeinschaft auf Grund einer Uebertragung 
von seiten der letzteren zu. Vgl. Gierke III, 568 f. 


3838 Drittes Kapitel. 


„Staat und Kirche“, von Königtum und Priestertum gedacht hat. 
So viel ist indessen klar, dass seine Zweischwertertheorie, wie 
er sie hier zum Ausdruck bringt, keine Andeutung einer grund- 
sätzlichen Abhängigkeit des ersteren vom letzteren enthält. 
Wenn nun auch sonst nicht, insbesondere nicht bei ' seinen 
Streitigkeiten mit Königen und bei seiner Beteiligung am Pa- 
schalstreit, dergleichen zu Tage tritt, so darf man wohl be- 
haupten, dass er die Unabhängigkeit, die er für die Kirche, 
für das Priestertum in Anspruch nahm, dem Königtum, dem 
Staate nicht versagte. Jene Voraussetzung aber trifft zu. 
Und wenn Hildebert trotzdem selbstverständlich die Ueber- 
zeugung des Mittelalters teilte, dass der König als Mitglied 
der Kirche in kirchlichen Dingen der Jurisdiktion und nament- 
lich der Strafgewalt derselben unterliege, so wissen wir doch 
schon, dass er einer Anwendung der letzteren durchaus nicht 
hold war und von einer dadurch herbeigeführten Unterwerfung 
nicht viel Gutes hielt !). 

Man hat behauptet, seit Gregor VII. seien die Päpste und 
ihre Anhänger sich darin einig gewesen, dass sie alle die welt- 
liche so gut wie die geistliche Gewalt ihrer Substanz nach 
dem Stuhle Petri zuschrieben, während sie eine Trennung erst 
durch die vom göttlichen Recht befohlene Verteilung der Admini- 
stration beider Gewalten eintreten liessen ?). Danach müsste 
Hildebert entweder auch diese Ansicht vertreten haben oder 
kein Anhänger der Päpste sein. Für die eine Alternative, die 
erstere, findet sich nirgendwo eine Spur, seine Zweischwerter- 
theorie steht ihr sogar entgegen. Hildebert aber für einen 
Gegner des Papsttums zu halten, ist nur, und zwar hauptsäch- 
lich auf Grund von unechtem Material und im übrigen auf Grund 
von zweifellos falscher Deutung des echten, ein Missgeschick 
der Magdeburger Zenturiatoren und einzelner, insbesondere 
gallikanischer Nachfolger derselben gewesen®).. Wir kennen 

!) Siehe insbesondere oben Seite 167 (177) fi. 325 ff. 342 ff. 


®) Gierke III, 522 Note 13. 
°®) Histoire litt. XI, 310 f. 387 £. 406; Dieudonn& 120. 


Entwicklung der Investiturfrage von 1111—1123. 389 


den Bischof zwar als einen ehrlichen Tadler zu weit gehenden 
Eingreifens in bischöfliche Verfügungen !), aber abgesehen von 
dieser, wenngleich erfreulichen und gewiss nicht unwichtigen, 
so doch immerhin durchaus untergeordneten Seite seiner Stel- 
lung nur als energischen Förderer der dem Papsttum günstigen 
Rechtsentwicklung ?). Das gilt insbesondere auch hinsichtlich 
des Verhältnisses von Kirche und Staat, wenn man als Haupt- 
ziel des kirchlichen Strebens nicht die hin und wieder und je 
länger je mehr betonte, im Grunde aber stets als Mittel zum 
Zweck gewollte Oberherrschaft der Kirche, sondern ihre volle 
Freiheit gegenüber dem Staate gelten lässt. Gerade das so 
vollkommene Aufgehen der mittelalterlichen Gesellschaftstheorie 
in der genannten Einheitsidee führte leicht dazu, dass in der 
Hitze des Kampfes einzelne Päpste und Verteidiger der Kirche, 
philosophisch und mystisch veranlagte Köpfe, auch olınedies 
deren Vorrang ins Extreme steigerten; denn es stand einer 
begrifflichen Trennung und Verselbständigung der beiden Ge- 
walten im Wege und liess das Unnatürliche jener Uebertreibung 
den Einzelnen wie der Allgemeinheit auch nicht entfernt in 
dem Masse zum Bewusstsein kommen, wie es später emp- 
funden werden konnte, nachdem der Begriff der Staats- 
souveränität zu dem geläufigsten des öffentlichen Rechts ge- 
worden war°). Wenn Hildebert nicht in den Fehler verfiel, 
so wirkten eine Reihe von Umständen, sein ruhig abwägender 
Verstand, sein gesunder, harmonisch gebildeter Charakter, sein 
für die Wirklichkeit der Dinge sichtlich gut geschulter Blick, 
seine persönlichen Beziehungen dahin zusammen, nicht aber liegt 
es etwa daran, dass seine Richtung eine eigenartige gewesen 
wäre. Die Idee der Verbandseinheit war, wie wir sahen, durch- 
aus auch die seinige, und dass die kirchliche Freiheit ihm als 


1) Siehe oben Seite 283. 

2) Siehe oben Seite 282 f. 351; unten 422 fi. 

3) Siehe z.B. Schmidlin, besonders Seite 139 ff. Ein Otto von 
Freising beweist, wie ideal auch das Extrem bei einem Mittelalterlichen 
gemeint sein, und wie edel es sich ausnehmen konnte. 


390 Drittes Kapitel. 


Ideal vor Augen stand, ja als Grundlage des Stellenbesetzungs- 
rechtes galt, hat er uns auch schon einmal ausführlich bekun- 
det!), in seiner Gefangenschaftsgeschichte tritt es nochmals in 
sehr bemerkenswerter Weise hervor. 

Der Bischof von Seez hat sich ohne Zweifel nicht dazu 
verstanden, dem Wunsche unseres Hildebert nachzukommen. 
Von einem anderen dagegen weiss letzterer in seiner En- 
zyklika zu berichten, dass er an dem (hier als Haupt der 
Pharisäer, ja als Bestie bezeichneten) schlimmen Seneschall die 
Mittel der christlichen Liebe nutzlos erschöpfte und zuletzt 
ihn bannte. Das tat Ivo von Ohartres. Er war ja eigentlich 
an erster Stelle dazu berufen, weil Nogent in seiner Diözese 
lag; auch hatte er nichts zu fürchten, konnte vielmehr zu- 
gleich im Interesse seines Königs handeln. Vor allem aber 
mochte er sich der Zeit erinnern, wo er selbst als Opfer des 
Berufs Gefangener des Vicomte von Chartres war, der die 
Gesinnung seines Herrn und Königs ebensogut verstand wie 
Hubertus Capreolus die des englischen Herrschers ?); damals 
hatte Ivo nach seiner Befreiung dem Vorgänger Hildeberts für 
seine Gebetshilfe danken zu müssen geglaubt°). Nur Fürbitte 
bei Gott verlangt auch unser Bischof noch in seinem Rund- 
schreiben, nachdem sowohl das Vorgehen seines Amtsbruders 
als auch verschiedene Versuche von Aebten und Mönchen *) 
und endlich sogar Erklärungen des Grafen wirkungslos ge- 
blieben waren’). Man stellte Bedingungen. Schon in dem 


!) Oben Seite 111 ft. 

2) Foucault 145 ft. 

®) Brief Ivos 21 (M. 34). 

) Die auf letztere bezügliche Stelle des Briefes hat Dieudonn& 
(72) gänzlich missverstanden: Les clercs de la region lapiderent le prelat 
dechu de leur condol&ances hypocrites. Der Stein ist Hubert, an dem 
die abbates et consummati anachoritae nominis ihre Mühe verloren (an- 
gespielt wird auf das Gleichnis vom Säemann, nicht auf den mosaischen 
Felsen). 

5) Von diesem heisst es: Is primo in corde et corde locutus tandem 
dimitti me et satisfieri ecclesiae nuntiavit ete. Hildebert glaubt also, 


Entwicklung der Investiturfrage von 1111—1123. 391 


Briefe an den Bischof von Seez berichtet Hildebert, man 
fordere von ihm etwas, was man nicht fordern könne!). Was 
war es? Auch aus der politischen Lage liesse sich vermuten, 
dass er Heinrich I. den Lehenseid leisten sollte; wir haben aber 
keinen festen Anhaltspunkt dafür. Dagegen ist in dem Rund- 
schreiben zum Schluss von der Möglichkeit eines Loskaufs die 
Rede. Wie Ivo einst seine Untergebenen, Kleriker und Laien, 
vor einem Befreiungskampfe gegen den vicecomes energisch 
warnte), so weist Hildebert einen Loskauf von der Hand. 
Ob darunter die Erlegung eines Lösegeldes, oder die Aus- 
lieferung des Grafen oder etwas anderes zu verstehen ist, wir 
wissen es nicht; was aber unseren Bischof dagegen einnimmt, 
das ist eben die Gefährdung der kirchlichen Freiheit: „Einmal 
losgekauft durch Christi Blut, will ich nicht zum zweiten Male 
losgekauft werden. Zudem wäre schmachvoll eine Erlösung, 
bei welcher die Freiheit der Kirche verloren ginge, Knecht- 
schaft eingetauscht würde. Denn es kann nicht ausbleiben, 
dass die Glieder zu Sklaven werden, wenn man das Haupt 
unter das Joch des Tributes erniedrigt. Es kann nicht aus- 
bleiben, dass der Kleriker losgekauft werden muss, wenn man 
glaubt, den Bischof loskaufen zu müssen. Es kann nicht aus- 
bleiben, dass die Untergebenen zittern, wenn, wie der Dichter 
sagt, derjenige, den man zum Beschützer nimmt, selbst des 
Patrones bedarf. Jedenfalls schätze ich das Leben nicht so 
hoch, dass ich ein so kurzes, dazu losgekauftes lieben könnte. 


dass der Graf nur anfangs auf die Nachricht vom Geschehenen hin in 
seiner Redlichkeit schwankte (vgl. Psalm XI [XII], 3), und es wäre ja 
psychologisch zu verstehen, dass derselbe bei sonst aufrichtiger Gesinnung 
und trotz Unschuld an der Handlungsweise seines Untergebenen sich 
versucht fühlte, diese Wendung der Dinge für sich auszunutzen. Der 
Gedanke, dass die Kriegslist von ihm ausgegangen sei, liegt allerdings 
sehr nahe, er findet aber in der Erzählung Hildeberts, auf die allein wir 
angewiesen sind, keine Stütze. 

!) Noveris... ab eo exigi, quod constat non deberi. 

2) Brief Ivos 20 (M. 33 £.). 


392 Drittes Kapitel. 


Lieber will ich es in Gefahr wissen, als um seinetwillen die 
allgemeine Freiheit zertreten. Möge der Kirche mein Tod zum 
Nutzen gereichen, der ich nicht nützte, solange ich im Leben 
ihr Leiter war. Ein Bischof soll, wenn er nicht für sie leben 
konnte, so doch wenigstens sterben für die Gesamtheit !).“ 
Wo es zum Konflikt zwischen einem solchen der Kirche 
angeboren gedachten Anspruch, wie demjenigen auf Freiheit, 
und vom König erhobenen Ansprüchen kam, da konnte natür- 
lich auch ein Hildebert nicht anders, als den letzteren zur 
Unterwürfigkeit verpflichten. Dies steht aber zu dem Gedan- 
ken, dass der Staat auf seinem Gebiete sich der Unabhängig- 
keit erfreue, noch nicht im Widerspruch. Einen solchen Wider- 
spruch enthält auch nicht der Grundsatz, dass der Staat über- 
haupt nach christlichen oder, was im Mittelalter genau das- 
selbe heisst, nach kirchlichen Prinzipien ‚zu regieren sei. 
Zweifellos konnte man von hier aus dazu kommen, die Idee 
einer kirchlichen Oberherrschaft im oben bezeichneten Sinne ?), 
einer geistlichen, päpstlichen Weltherrschaft zu konstruieren, 
man darf dies aber nicht ohne weiteres von einem Vertreter 
jenes Grundsatzes behaupten. Dieses Unrecht ist z. B. auch 


!) Wie hier für die Unverletzlichkeit der kirchlichen Personen, so 
zeigt Hildebert in einem anderen Briefe an den Bischof Serlo von 
Seez (II, 7B.85 M. 213 £.) ein unbeugsames Rechtsbewusstsein in Bezug 
auf die Unverletzlichkeit der kirchlichen Sachen, wie sie im Asylrecht 
zum Ausdruck kam. Er ermahnte den Bischof bei der Verteidigung 
dieses Rechtes, das in einem Einzelfall verletzt worden war, nicht auf 
halbem Wege stehen zu bleiben und gibt am Schlusse folgende Ansicht 
kund: Nos quoque consuetudinem sequentes, quae nec rationem impugnat 
nec legem (vgl. oben S. 114 Anm. 1), his etiam, qui violata fidei pro- 
missae reverentia (so muss gelesen werden, nicht violenta — der Be- 
treffende hatte nämlich ein solches Versprechen gegeben, nicht ohne 
Erlaubnis die Gefangenschaft zu verlassen) ad sinum matris ecclesiae 
confugiunt, integram egrediendi vindicamus libertatem, aut raptores 
ecclesiastica punimus disciplina. Qui scilicet raptores si adversus liberatos 
laesae fidei causam moverint, neminem omnino liberatorum ecclesiastica 
respondere justitia compellit. 

?) Oben Seite 388. 


Entwicklung der Investiturfrage von 1111—1123. 395 


Ivo widerfahren ), An Heirich I. von England schrieb 
er kurz nach dessen Thronbesteigung Folgendes ?). „Weil 
nur dann die Entwicklung der Dinge gut von statten gehen 
kann, wenn Königtum und Priestertum dasselbe Ziel erstreben, 
so bitten und ermahnen wir Eure Hoheit, dem Worte Gottes 
in dem Euch anvertrauten Reiche freien Lauf zu lassen und 
stets zu bedenken, dass das irdische Reich dem der Kirche an- 
vertrauten himmlischen Reiche unterworfen bleiben muss.“ 
Das himmlische Reich, das Wort Gottes, die Gnadenordnung, 
das christliche Gesetz wird hier begrifflich von der Kirche 
unterschieden. „Denn wie das Sinnliche der Vernunft unter- 
worfen sein muss, so die irdische Gewalt dem kirchlichen 
Regiment; und soviel der Leib wert ist, wenn er nicht von der 
Seele regiert wird, so viel die irdische Gewalt, wenn sie nicht 
Leben?) und Leitung empfängt vom kirchlichen Gesetz; und 
wie das Reich des Leibes in Frieden ist, wenn das Fleisch 
nicht mehr dem Geiste wiıdersteht, so wird in Frieden das 
Reich der Welt bewahrt, wenn es nicht mehr zum Wider- 
stande gegen Gottes Reich sich erhebt.* Hier wird lediglich 
der Gedanke des ersten Satzes, dass die weltliche Regierung 
den Regeln des Evangeliums entsprechen muss, begründet, da- 
bei sachlich das abstrakte Reich Gottes mit dem konkreten, 
das göttliche Gesetz mit dem kirchlichen identifiziert. Da- 
nach versteht sich auch das Folgende: „Indem Ihr dies er- 
wägt, mögt Ihr erkennen, dass Ihr der Diener unter den 
Dienern Gottes seid, nicht der Herr, der Beschützer, nicht der 
Besitzer *), dass Ihr sein müsst der von Gott gepflanzten Zedern 


!) Gierke III, 526 mit Note 20; vgl. den Eingang des betreffenden 
Absatzes. 

2) Brief Ivos 106 (M. 125). 

>) Der Vergleich ergibt, dass forma in dem Worte informetur im 
scholastischen Sinne als Gegensatz von materia zu fassen ist. 

*) Hoc cogitando servum servorum Dei vos esse intelligite, non 
dominum, protectorem, non possessorem. Servus servorum Dei heisst 
bekanntlich so viel als „der geringste unter den Dienern Gottes“, es ist 


394 Drittes Kapitel. 


eine, worin die Sperlinge ihre Nester bauen, d. h. unter deren 
Schutz in Ruhe Frucht finden und gehütet werden die Armen 
Christi; denn ihr Gebet für die Wohlfahrt Eures Reiches und 
für Euer Heil wird, je ruhiger, desto verständiger, je verstän- 
diger desto wirksamer sein.“ Abgesehen davon, dass servus 
servorum Dei die ständige Selbstauszeichnung der Päpste war, 
kann dem ganzen Zusammenhang nach auch aus diesem Satze 
nicht entfernt gefolgert werden, das Ivo sich „das rechtliche 
Verhältnis von regnum und sacerdotium als volle Unterord- 
nung des ersteren vorstellt“. Geradezu ausgeschlossen wird 
diese Deutung dadurch, dass Ivo kurz vorher ganz unzwei- 
deutig mit dem h. Augustinus erklärt hatte, Eigentumsver- 
hältnisse gründeten sich einzig auf staatliches Recht, und des- 
halb könne die Konzession der Regalien von seiten der Könige 
kirchlich nicht verboten sein; in diesem Punkte ordnete er 
also z. B. den Klerus dem Regnum unter !). — Ivo und Hilde- 
bert haben demnach ohne Zweifel den König als ein Glied 
am Leibe Christi den Gesetzen des Hauptes und damit in dem 
Umfange, in welchem mit diesen die Gesetze der Kirche iden- 
tisch galten, auch den letzteren gegenüber gehorsamspflichtig 
geglaubt. Aber nichts beweist, dass sie für die Kirche, d.h. 
das Sacerdotium eine weltliche Oberherrschaft in Anspruch 
genommen, dem Stuhle Petri also die Substanz der weltlichen 
Herrschaft zugesprochen haben. — Kirche und Kirche muss 
man im Mittelalter sorgfältig unterscheiden. Kirche war die 
christliche Gesellschaft als Verbandseinheit, als Leib Christi 


also immerhin fraglich, ob ein so scharfer Gegensatz, wie ihn Gierke 
a. a. OÖ. zum Ausdruck bringt (Ihr seid nicht dominus, sondern servus 
servorum Dei), gewollt ist. Das Beispiel und die Mahnung Christi (Matth. 
XX, 26 f.), sowie das Beispiel der Päpste legten einen anderen Sinn 
doch nahe genug und das folgende spricht auch dafür. Jedenfalls aber 
kann die Unterordnung im Zusammenhang nur als eine solche gemeint 
sein, wie sie den Dienern Gottes als Lehrern und Hütern des gött- 
lichen Wortes und Gesetzes gebühre. 
') Lib. de lite II, 645; dazu oben Seite 356 ff. 


Entwicklung der Investiturfrage von 1111—1123. 395 


gedacht, und darin waren „Kirche und Staat“, Regnum und 
Sacerdotium aufs innigste miteinander vereinigt; Kirche war 
ferner die geistliche Ordnung im Gegensatz zur weltlichen und 
endlich noch spezieller das Priestertum im Gegensatz zum 
Königtum: Verwechslungen führen notwendig zur Verwirrung. 

Auf die Anschauung von Männern, die nicht zu Extremen !) 
neigten, insbesondere von solchen, die mehrseitig gebildet waren 
und Weltkenntnis besassen, aber nicht als Männer der Tat 
oder der Publizistik allzusehr in die kirchenpolitischen Fehden 
verwickelt waren, wird man mehr als früher achten müssen, 
um richtig zu bestimmen, was die gewöhnliche Ansicht kirch- 
licher Kreise über das Verhältnis von Staat und Kirche ge- 
wesen ist. 

Wir haben nunmehr die Grundlage gewonnen, auf 
welcher die Stellung Hildeberts zu den Paschalwirren beruht. 
„Pontificis est, si non vivere, mori saltem universis“. Dieser 
Schluss seiner in eigner Sache erlassenen Enzyklika ?) nimmt 
sich ganz so aus, als sei er im Hinblick auf den Papst ge- 
schrieben. Mochte auch unser Bischof Heinrich V. gewogen 
sein, mochte er von dem Verhältnis zwischen Staat und Kirche 
eine andere Vorstellung haben als der eine oder andere 
Eiferer, mochte er insbesondere die kirchenpolitischen Ver- 
hältnisse Deutschlands in ihrer Verschiedenheit von den fran- 
zösischen richtiger, den deutschen König deshalb milder be- 
urteilen als manche seiner Landsleute, so wird er es doch für 
einen Fehler, für eine Schädigung auch der notwendigen kirch- 
lichen Freiheit gehalten haben, sich so weitgehende Zugeständ- 
nisse, gar in einer Gefangenschaft, abringen zu lassen. All- 
mählich aber änderte sich die Lage der Dinge so, dass es 


!) Siehe bei Böhmer 234 ff. ein Beispiel, wohl das interessanteste, 
dafür, wie man gegenüber einem extremen Gregorianismus mit dem ein- 
fachsten Mittel, mit der Inanspruchnahme des priesterlichen Charakters 
für das Königtum, sich helfen konnte, um das andere Extrem zu be- 
gründen. 


2) Brief Hildeberts II, 17 (B. 101. M. 226). 


396 Drittes Kapitel. 


wichtiger erscheinen konnte, den Papst gegen Feinde im eigene 
Lager zu verteidigen, als Heinrich V. anzugreifen. Dam 
stand Hildebert vor einer Aufgabe, die mehr nach seine: 
Herzen war, und so beantwortete er jetzt den unbequeme, 
Brief des auswärtigen Freundes. | 

Dieses Antwortschreiben !) darf nach Form und Inha 
für das Mittelalter wohl als ein humanistisches Meisterstüc 
bezeichnet werden. Es ist hie und da, aber durchaus nich 
seiner Bedeutung entsprechend, verwertet und reichlich miss 
verstanden worden; wir sind daher genötigt, es ausführ 
licher zu behandeln. Der Inhalt der Einleitung wurde schon be 
rührt ?). Hildebert bekennt, warum er bisher geschwiegen ha, 
und sagt: „Jetzt, wo die ganze Wahrheit zu Tage kommt, wı 
in der Entwicklung der Dinge und dem Benehmen des Papste: 
die Integrität der canones, die Herrschaft der Gerechtigkei 
und. eine Schule der Tugenden sich zum Lichte durchringt 
wäre es unbillis, wenn ich nicht antwortete, wäre es Miss- 
gunst, wenn ich mit meinem Lob zurückhielte.“ Und nach einem 
kurzen Blick auf die geschehenen Gewalttaten, mit deren Schil- 
derung der Adressat auch ihn zu Tränen gerührt habe, bestimmt 
er dann sein Thema dahin: „Es ist mir nunmehr verstattet, mit 
Dir zusammen den Papst Paschalis zu verherrlichen, ohne doch 
diejenigen anzuklagen, die ich liebe“ — Und nun eignet er 
das Lob des bis zum Martertume pflichtgetreuen Papstes sich an, | 
um sofort Jesus Christus zu preisen, der seinen Kriegern in 
dieser grossen Gefahr einen tapferen Kämpen und tüchtigen. 
Führer gegeben habe, und der in diesem Kampfe gleich Josue 
die Sonne nicht werde untergehen lassen, bis der Sieg über die 
Laster davongetragen sei. (Er fasst also auch hier den Streit 


‘) Brief Hildeberts II, 22 (B. 109. M. 233 f.); M. G., lib. de lite IT, 
669 ff. (Vgl. oben Seite 376 ff). Ich zitiere im folgenden nach der letzteren 
Ausgabe, auf deren Fehler ich aufmerksam machen werde, soweit sie das 
Verständnis des Inhaltes beeinträchtigen. 

?) Oben Seite 379 #. Die Einleitung erstreckt sich bis Zeile 28 
(Seite 669). 


Entwicklung der Investiturfrage von 1111—1123. 397 


für die Freiheit der Kirche als einen Kampf für christliche 
Tugend und Sittlichkeit ?). Diese Verherrlichung Paschals ver- 
teidigt er sodann nach zwei Seiten, einmal gegen gewisse 
höhnische Einwürfe, sodann im allgemeinen gegen diejenigen, 
die den nachgiebigen Papst tadeln zu müssen glauben ?2). Eine 
bitter und missgünstig urteilende Menge höhnt darüber, dass 
man denjenigen als „tapferen Kämpen“ zu den Gestirnen er- 
hebe, den man vor einer ernstlichen Schlacht erzittern, auf 
Uebergabe hinarbeiten, mit dem Feinde ein Gesetz und Recht 
verletzendes Bündnis schliessen, endlich sogar die Fahne ver- 
lassen, fliehen und sich verbergen sah ?). „Dergleichen Wider- 
wärtigkeiten und noch schlimmeren wird der Gesalbte des 
Herrn unzweifelhaft sich auszusetzen haben, und er wird alles 
starkmütig ertragen *). Wir aber — und nun folgt ein Appell 
an den Freund, dem er zwischen den Zeilen auch seinerseits 
einen sanften Vorhalt wegen des übereilten Urteils machen 
will —, wir aber, die wir uns als seine Söhne bekennen (und 
zur Schande gereicht es ja, wie du sagst, den Söhnen, wenn 
den Vätern Unrecht geschieht), wollen eilen, ihm zu helfen, 
indem wir uns selbst für ihn den Gefahren entgegenstellen.“ 
Freilich im Munde des anderen hatte das Wort von den Söh- 
nen einen anderen Sinn gehabt’), er mochte sehen, wie es 
ihm jetzt gefiel. Auf welche Weise aber wollen sie jenen 
Schmähungen begegnen? „Gleichsam dem Herkules die Keule 
aus den Händen reissend, wollen wir mit ihren eigenen Waffen 


!) Vgl. oben Seite 116 f. 

2) Die beiden Teile müssen auseinandergehalten werden; der Ab- 
schnitt ist zu machen Seite 671 Zeile 19. 

3) Seite 670 oben. Das zweite Anführungszeichen gehört nicht zu 
erubescant Zeile 17, sondern zu Machabaeum Zeile 11. Die letzten Sätze 
sind nur dann verständlich, wenn folgendermassen interpungiert wird: 
Hoc persuadere poteris ignoranti; mihi, quem viri fortiter (ironisch) facta 
non fugiunt, de Achaz (nicht Achab, siehe 2 Paral. XXVIII, 19 ff.) 
nunquam efficies Machabaeum. 

4) Ein Ausrufungszeichen (S. 670 Z. 13) hat hier keinen Sinn. 

5) Siehe oben Seite 379. 


398 Drittes Kapitel. 


die Feinde der Gerechtigkeit zurückwerfen, damit sie um so 
ärger beschämt werden und um so ehrerbietiger erröten, je 
kräftiger sie mit ihren eignen vorteilhaften Mitteln geschlagen 
sind.“ Dabei erstrebt er doch mit heiligem Ernste, sie zu 
überzeugen. Indem er nun gleich ihnen Paschal als Feldherrn 
zu beurteilen unternimmt, zeigt er zunächst, dass derselbe 
höchst ehrenhaft handelte, wenn er sich persönlich in die Ge- 
walt des Feindes begab, um andere zu retten '). „Wer hätte 
jemals einen Offizier der Feigheit beschuldigt, der zuerst in 
Gefangenschaft ging, und dazu noch für die Soldaten sich 
töten zu lassen bereit war?“ Alsdann stellt er wiederum die 
zum Besten der Gesamtheit erfolgte Nachgiebigkeit des Pap- 
stes unter den Gesichtspunkt einer grossen Klugheit und Vor- 
sorge des Strategen, der zur Vermeidung unmittelbar bevor- 
stehender Zertretung der Seinigen augenblicklicher Not ge- 
horcht, um nach Wiederherstellung aller Mittel in den Kampf 
von neuem einzutreten. „Wie vermöchte klüger, wie um- 
sichtiger Feldherrnsorge zu handeln? Wer wird denjenigen 
der Unklugheit zeihen, der die feindlichen Heerscharen in einer 
Weise entwaffnete und entfernte, dass von den ihm Anver- 
trauten nicht der Geringste zu Grunde ging?“ — Der Vorwurf, 
dass unser Bischof in der Nachgiebigkeit Paschals nur eine 
Kriegslist sehen wollte, bei der derselbe von vornherein nie 
an die aufrichtige Wahrung des Versprochenen gedacht habe“, 
und dass er „einem so wenig rühmlichen Verfahren widerlich 
hohe Lobsprüche spende“ ?), erledigt sich durch die einzig 
mögliche Interpretation der fraglichen Sätze von selbst. Weder 
das eine noch das andere geht aus dieser oder aus irgend einer 
anderen Stelle des Briefes hervor. Er gibt nur ein argumentum 
ad hominem, stellt sich auf den Standpunkt der über Paschals 


') Wenn er in diesem Zusammenhang von der respublica Jesu 
Christi redet, so. ist daraus natürlich für seine staatskirchenrechtliche 
Auffassung nichts zu entnehmen. 

?) Schum 100 (bezw. 290) f. Note 1; vgl. 98 (bezw. 288) Note 1, 
wo auch der ganze Zusammenhang falsch gedeutet wird. 


Entwicklung der Investiturfrage von 1111—1123. 399 


„Feldherrntüchtigkeit* höhnenden Gegner und will sie, wie er 
möglichst deutlich vorausschickt, mit ihren eigenen Waffen 
schlagen. Wenn das Verhalten des Papstes nach Kriegsregeln 
ausgelegt werden soll, so können jene, die über ihn höhnen, 
am ersten mit ihm zufrieden sein; sie brauchen nur den tat- 
sächlichen Fortgang der Dinge als von vornherein beabsichtigt 
zu nehmen !). — Dass man im Ernste auch über diese weitere 
Entwicklung zu schmähen wagen sollte, darüber, dass der 
Papst, nachdem er sein Zugeständnis gleichsam testamentarisch 
rückgängig gemacht hat, auf alles verzichtend in die Verban- 
nung ging, oder gar darüber, dass er, auf den Apostolischen 
Stuhl zurückgeholt, alles einer synodalen Entscheidung zu über- 
lassen entschlossen ist, weist Hildebert in rhetorischen Fragen 
als absurd zurück. 

Hierauf geht er dazu über, im allgemeinen und von sei- 
nem eigenen Standpunkt diejenigen zurechtzuweisen, die den 
Papst verurteilt haben, oder gar gegen ihn vorgehen wollen. 
„Jadle, aber nicht eher, bis Du den Ausgang der Sache hast 
prüfen können; klage an, aber erst dann, wenn Du reiflich er- 
wogen, ob er vom Rechten abgewichen ist. Und auch dann 
nur im Geiste der Sanftmut?).“ Ist er nun vom Rechten abge- 
wichen? Das bestreitet Hildebert auf Grund der uns von Ivo 
her bekannten Dispensationstheorie. „Vieles muss nach Ort 
und Zeit und nach den einzelnen Personen verschieden gehand- 
habt werden. Der Leiter der Kirche wird zuweilen etwas 


!) Hildeberts eigene, ernste Auffassung bildet den von fremdem 
Kleide umhüllten Kern: Paschal war in der Tat bereit, sein Leben zu 
opfern (Hinweis auf Joh. XII, 25. XV, 13); wenn er es nicht tat, so 
trieb ihn die Sorge um das ihm anvertraute Volk (Hinweis auf Joh. 
XVII, 12); wenn er in Erkenntnis des begangenen Fehlers wieder vor- 
geht, so werden die Folgen bessere sein, als wenn er dem ihn vergewal- 
tigenden König getrotzt hätte. (Auch im folgenden weist er wieder auf 
eine den Heiland betreffende Schriftstelle hin: Hebr. IX, 16 f.). Ledig- 
lich jene Absichten des Papstes und dann die günstigen Folgen seines 
Benehmens werden von Hildebert begrüsst ; so auch im Schluss des Briefes. 

2) Demgemäss ist Seite 671 Zeile 22 zu interpungieren, 


400 Drittes Kapitel. 


übersehen oder auch selber etwas tun, was er eigentlich zum 
Gegenstand einer Anklage machen müsste. Wenn er das Un- 
heil einer Spaltung drohen sieht, wird er die Bestimmungen 
der Gesetze verändern. Von der Strafe muss abgesehen wer- 
den, wo Gefahr ist, dass die Einheit sich löst, die Liebe 
verletzt, der Friede gestört wird... Du kannst in der Regel 
nicht wissen !), wo es für den Verwalter geraten ist, zu ver- 
bieten oder zu übersehen, zu befehlen oder nachzulassen. Der 
getreue und kluge Knecht hat zur rechten Zeit den Mitknechten 
das Getreide nach Mass zu geben. Nach Mass aber wird das 
Getreide gegeben, wenn ein und dieselbe Liebe den Starken 
versagt, was sie den Schwachen zugesteht, wenn sie die From- 
men plagt und die Bösen duldet, wenn sie, was sie jetzt aus 
Strenge befiehlt, etwas später aus Nachsicht erlässt.“ (Dazu 
die bekannte Berufung auf den h. Paulus.) „Du weisst nicht, 
Bruder, Du weisst nicht, wie sorgsam, wie angelegentlich die 
Väter etwas tun, worüber Du Dich wundern, was Du tadeln, 
was Du verurteilen magst“. (Darum lass ab davon, wie auch 
die canones Dich lehren). „Wovon wir nicht wissen, in welcher 
Gesinnung es geschieht, das legen wir zum Besseren aus!“ — 
Die bisherigen Aeusserungen sollen anscheinend von einem jeden 
Bischof gelten?). Bezüglich des Papstes heisst es hierauf in 
einem kurzen Satz: „Der universale Bischof hat die Befug- 
nis, Gesetze und Rechte aller aufzuheben °).“ Mit wenigen 
Worten fertigt unser Bischof endlich noch diejenigen ab, die 
es wagen, nach einem gerichtlichen Urteil zu rufen. „Du 
Mensch, Du Asche, eine Ameise vor Gott, fürchtest Dich nicht, 
den Löwen zu wecken?“ Für solche kennt er nur schleunige 
Reue und Bekehrung. 


‘) Im Anschluss an das Vorhergehende ist höchst wahrscheinlich 
2.27 Nescis zu lesen, vielleicht aber Neseitur. 

?) Für „canonum scita mutabit“ (S. 671 Z. 24) trifft dies allerdings 
nicht zu, wenn man es im Sinne einer eigentlichen Aenderung allge- 
meiner Gesetze nehmen will. 

°) Ueber das Dispensationswesen etc. siehe oben Seite 76 f. 90 ff. 


Entwicklung der Investiturfrage von 1111—1123. 401 


Wofür diese lange und ernste Verteidigung der päpstlichen 
Konzession, wenn Hildebert letztere für eine Kriegslist gehal- 
ten und als solche hoch gepriesen hätte? Und wie möchte 
sich erst der Schluss des Briefes damit vertragen! Hildebert 
fasst seine Darlegungen kurz zusammen: „Gefangen wurde 
der Feldherr des christlichen Heeres, als er bewaffnet den 
Feinden entgegengetreten war. Wer für die Wahrheit eifert, 
der sche