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Full text of "Ist der Zionismus tot? -- Nein"

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DAS 


TAGE 
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geleitet von 
Stefan Gro8Bmann und Leopold Schwarzschild 


BERLIN, 19. April 1924 
INHALT: 


| Tagebuch der Zeit. . . 

| Jean Paul: An die Deutschen .. : 

| Leopold Schwarzschild: Die Bilanz Stinnes . 

| Willy Haas: Anatole France .. a 

Tako Schaffner: Auguste Hauschner 

' Stefan GroBmann: Die Dame nach Stinnes 
CheWeizmann: Ist der Zionismus tot? — 

Nein! . . 
| pate: po (Wien): Den Ochs in Todes- 


gst . 
| Paul ‘Kornfeld: ‘Die Berliner Kritiker ; 
i Tagebuch der Wirtschaft. . . 
Glossen .. 


Einzelverkaufspreis 50 Goldpfennige 
Kr. 5000,— Ke. 3,— 


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Am Fliigel: Spoliansky 


Beginn: 9 Uhr Kein Weinzwang 











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schaften von den Exkursionen der Hauschner aus Moabit und aus 
dem Norden. 

Dann war da ein kleines groBaugiges, blonides Madel: die 
Tochter von Gustav Landauer. Jetzt sah ich den langen, iageren 
seelenprediger durch die groBen Zimmer der Hauschnerschen Woh- 
nung stolzieren, hier hat er fiir Frau Hauschner und einen kleinen 
Kreis Vortrage tiber Bergson gehalten, immer etwas geniert und 
nervos, weil iim einige sehr elegante Damen zuh6rten, und immer 
beruhigt, wenn Frau Hauschner selbst, die ernsteste Horerin, auf 
ihn zutrat. Diese Vorlesungen haben Landauer in Zeiten bitterster 
Not tiber Wasser gehalten. Die gute Hauschner, sie war erfinde- 
risch in Methmden, Leute, an die sie glaubte, iiber Wasser zu halten. 

Da stand die kleine Tochter Landauers, und ihre Augen waren 
voll Wasser. 

Kein Mensch hatte zu dieser Einascherung eingeladen. - Man 
mute an fiinf oder sechs Stellen telephonieren, um die Stunde des 
Abschieds zu erfahren. Die Hauschner, die sich seit Wochen von 
allen Freunden zurtickgezogen hatte — kein Mensch wurde vor- 
g@elassen —, wollte ungestdrt sterben und ungestort zur Erde gehen. 
Aber man ist nicht umsonst die Freundin dreier Generationen. Von 
allen Seiten kamen Menschen, die gemeinsam, in Gedanken an die 
Gute, den Kopf senken wollten ... . 

Es ging ganz still zu bei der Gedachtnisfeier der Dame, die 
nach Stinnes kam. Kein aufgeregtes Sciluchzen war zu horen. 
Die Tranen wurden nach innen geweint. 











CH. WEIZMANN IST DER ZIONISMUS TOT? — NEIN! 


Von allen Begriffen, die mit dem jtidischen Problem und mit 
dem Kampf um seine Losung verbunden sind, ist keiner in eine un- 
klarere Kontroverse verwickelt worden, als der ,,politische Zionis- 
mus“. So hitzig und bei®end wurden die Debatten, daB die Dok- 
trin, die dieser Ausdruck so wenig entsprechend reprasentiert, aus 
ihrem Zusammenhang mit Geschichte und Realitat herausgerissen 
wurde — wie ein Satz aus seinem Zusammenhang. — und eine Art 
Ding an sich geworden ist, ein in sich geschlcssenes System von 
Ideen oder, noch besser, eine Zauberformel, die imstande sein soll, 
-eine wundervolle Umformung der Beziehung Palastinas zum jt- 
dischen Volke zu bewirken. 

Fiir uns gibt es nur Zionismus — und ,;Kulturzionismus“, 
»praktischer Zionismus“, ,,politischer Zionismus“ sind nur bequeme 
Redeformen, willkiirliche Erklarungsversuche und Hilfsmittel der 
Diskussion. Vom politischen Zionismus als von etwas zu sprechen, 
das der Zionist entweder annehmen oder verwerfen kann, ist so als 
sprache man davon, die Erlaubnis dazu zu erteilen, daB zwei und 
zwei vier macht. Der politische Zionismus ist nicht etwas, das 


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auBerhalb des Prozesses des Aufbaues einer Heimat in Pa- 


lastina liegt, und das diesem Prozesse hinzugefiigt oder ihm vor- 
enthalten werden kann. Er ist in jedem Schritt enthalten, der unter- 
nommen wird. Jede positive Handlung zur Schaffung eines ju- 
dischen Zentrums in Palastina ist politisch. Kurz geiaBt: Politischer 
Zionismus ist das Schafien von Tatsachen, die einer juidischen Sied- 
lung in Palastina giinstig. sind. Und die Tatsache, die einer jii- 
dischen Siedlung in Palastina am gunstigsten ist, ist das Vorhanden- 
sein einer jiidischen Siedlung in Palastina. Je gréBer die juidische 
Siedlung, je groBer die Leichtigkeit ist, mit der sie wachsen kann, 
um so geringer der auBere Widerstand gegen ihr Wachstum; je 
kleiner die jtidische Siedlung in Palastina ist, je s@rwieriger ihr 
Wachstum, um so hartnackiger der AuBere Widerstand. 

Man schafft nicht politischen Zionismus, wenn man ihn bejaht, 
ebensowenig wie man ihn vernichtet, wenn man ihn verneint. Leute, 
die diesen Ausdruck niemals gehért haben und andere, die ihn be- 
kampft haben, waren trotz allem politische Zionisten. Jene ersten 
Pioniere, die vor fast einem halben Jahrhundert nach Palastina 
kamen und die ersten modernen Kolonien griindeten, die die Grund- 
Steine der noch kleinen aber blithenden judischen Siedlung gelegt 
haben, waren in Wirklichkeit die Griinder des politischen Zionis- 
mus. Sie schufen Positionen, sie lieferten die Probe fiir die Aus- 
tuhrbarkeit des Planes, sie gaben den liberzeugendsten Beweis, da6 
ein Wille hinter unserer Forderung steht. Die Welt respektiert die 
Siedlungen in Palastina mehr, als alle Proteste der Juden. 

Diejenigen, die glauben, oder so tun als ob sie glaubten, da6 
irgend eine Art Systems erdacht werden kann, durch das Palastina 
dem jiidischen Volke , eegeben“ werden kann, sprechen von einem 


Zionismus, der nicht politisch, sondern metaphysisch ist. Ein Land . 


ist kein Ding, das zu einem Paket verpackt ist und auf Wunsch ge- 
liefert wird. England kann Palastina ebensowenig den Juden ge- 
ben, als es ihnen Geschichte und Kultur geben kann. Aber was 
England tun kann — und es macht ernste Anstrengungen dazu — 
ist, Bedingungen schaffen, bei denen die Juden zwar Palastina nicht 
»nehmen“, bei denen sie aber durch einen naturlichen und or- 
ganischen ProzeB wieder hineinwachsen kénnen. 

Wenn der Wiederaufbau der jidischen Heimat iiberhaupt eine 
Bedeutung haben soll, so mu8 sich dies vor allem in der Haltung 
zeigen, die das jiidische Volk gegeniiber jenen Nationen einnimmt, 
in deren Mitte diese Heimat errichtet wird. Freundschatt mit den 
Arabern ist nicht nur eine Sache der Bequemlichkeit und Zweck- 
maBigkeit, sie ist ein Kardinalgrundsatz; sie ist ein wesentlicher Teil 
der jiidischen Ausblicke in die Zukunit, ein geistiger Traum, den die 
judische Heimat verwirklichen soll. Wenn wir die bésartigen 
Kniffe und Tricks der Realpolitik“, die mit so geringem Rechte 
diesen Namen tragt, verwertfen, so geschieht dies nicht blo8 wegen 
ihrer ausgesprochenen Stupiditat und Unwirksamkeit, sondern vor 


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allem weil unsere ganze Geschichte ein lebendiger Protest dagegen 


ist. Auch ist die jitdisch-arabische Zusammenarbeit kein neuer 
Plan. Dies Ideal hat bereits seine glanzende Geschichte. Es ist — 
in Anbetracht des Verlaufs der Geschichte, besonders der judischen 
— gar nicht so lange her, daB Juden und Araber von Granada bis 
Bagdad Hand in Hand gearbeitet haben, indem sie eine der leuch- 
tendsten Zivilisationen begriindeten und verbreiteteny Als das 
itbrige Europa noch im dunklen Schlaf des Mittelalters versenkt 


‘war, war Spanien, Mesopotamien und Nordafrika hell erleuchtet 


von einer groBen arabisch-jiidischen Kultur. Diese Kultur ist nie 
erloschen, sie lebte verwandelt und verkleinert weiter in der 
Renaissance, zu der sie verschwenderisch beigetragen hat, ihr un- 
erkanntes Fortwirken bildet auch heute einen Teil unserer west- 
lichen Zivilisation. 

Und nun moéchte ich es klar aussprechen, da die ursprung- 
liche Aufforderung zur Griindung einer jiidischen Heimat in Pa- 
lastina ein rein geistiges Geprage hatte. Der Zionismus 
kann das jiidische Weltproblem nicht sofort losen, er kann es nur 
bis zu einem gewissen Grade lindern. Wenn, Palastina heute leer 
ware, wenn es jahrlich 50000 Einwanderer aufnehmen konnte 
(nebenbei: diese beiden Bedingungen schlieBen einander aus, ein 
leeres Palastinakoénnte die Juden nicht schneller aufnehmen, als das 
Palastina, wie es jetzt ist), es wiirde doch kaum gelingen, das Pro- 
blem der 8 Millionen Juden zu lésen, die den Launen und Kaprizen 
der sie umschlieBenden unfreundlichen Nationen preisgegeben sind. 
Und eben dadurch bekommt das Fliichtlingsproblem in seiner Be- 
ziehung zu Palastina ein anderes Aussehen. Unser Gesuch an die 
Welt des Westens, den verfolgten Juden die Tore zu 6ffnen, verliert 
viel von seiner Ueberzeugungskraft, wenn jener Teil des Problems, 
den wir selbst in Handen haben, ungeldst bleibt. Wenn wir so viel 


_ Fliichtlinge nach Palastina senden, als das Land aufnehmen kann, 


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haben wir einen doppelten Anspruch auf die Sympathie der Welt. 

Man darf natiirlich nicht vom ,Senden“ der Juden nach Pa- 
lastina-sprechen, als ob es sich um ein einfaches arithmetisches Pro- 
blem handelte. Die nach Palastina ,,gesandten Juden“ konnen dort 
nicht beliebio lang ausgehalten werden bis es gelingt, sie auf ge- 
sunde Weise in das Wirtschaftsleben des Landes einzugliedern. Fur 
jeden Juden, der nach Palastina kommen will, mussen Vor- 
bereitungen getroffen werden. In den letzten drei Jahren haben wir 
iiber dreiBigtausend Juden nach Palastina geschickt. Weitere Zehn- 
tausende warten auf die giinstige Gelegenheit, hinzugelangen. Sie 
kénnen nicht kunterbunt und aufs Geratewohl zugelassen werden, 
damit nicht am Ende die Auswanderung aus Palastina der Einwan- 
derung die Wage halt. Und unter Vorbereitungen verstehen wir 
selbstverstandlich das Wachstum und die Entwicklung der Hilfs- 
quellen des Landes und die Einreihung der Neuangekommenen in 
das Wirtschaftsleben. Geld ist fiir diese Aufgabe nétig, aber wir 


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brauchen ebenso Sinn fiir organischen Aufbau. Die Drosselung a 


der Einwanderung nach Palastina hat nichts mit politischen Rtick- 
sichten zu tun. Wenn die Mittel vorhanden waren, kénnten wir 
die Einwanderung verdoppeln und verdreifachen, wobei wir aber 
cinsehen miissen, daB uns selbst unbeschrankte Mittel nicht in den 
Stand setzen konnten, hunderttausend Juden im Jahr nach Palastina 
zu verschiffen. Fiir ein kleines Land wie Palastina ist eben Zeit 
notig, um 15—20000 Neuankémmlinge zu verdauen und zu assi- 


milieren. Es ware falsch, die letzten MOglichkeiten des zionistischen 


Experimentes nur in den Grenzen Palastinas zu suchen. Die be- 
sondere Lage Palastinas befahigt es, eine Rolle von au®erordent- 
licher Wichtigkeit im nahen Osten zu spielen, — eine Rolle, die es 
bereits zu spielen begonnen hat. Die Entwicklung Palastinas ist 
der Schliissel zur Entwicklung des ungeheueren Landes, das, einst 
das fruchtbarste der Welt, jetzt von den Zentren der Zivilisation 
abgeschnitten und der Verwahricsung und dem Verfall preisgegeben 
ist. Unglickseligerweise ist Hunger ungeduldig, und die unge- 
heuren Hilfsquellen des mesopotamischen Hinterlandes werden ver- 
nachlassigt, weil sie nicht an einem Tage zur Entfaltung gebracht 
werden kénnen. Jetzt sind immerhin die ersten Schritte zu dieser 
Entwicklung schon gemacht worden. Die Herstellung einer Ver- 
bindung zwischen Bagdad und Haifa zeigt dies greifbar. Die Be- 
lorderung der Post in sieben Stunden zwischen diesen. beiden 
Punkten, die frither durch eine beschwerliche Reise von dreieinhalb 
Wochen voneinander getrennt waren, die ganz nahe Aussicht auf 
eine Bahnstrecke, die Frachten hin und zuriick in drei Tagen befor- 
dern wird, — beides ist Symbol und Verwirklichung. Die Inan- 
griffnahme diser Projekte wurde nur méglich durch die Erweckung 
Palastinas durch jiidischen Unternehmungsgeist, und jiidischer 
Unternehmungsgeist, ist vieleicht dazu bestimmt, eine auBerordent- 
lich wichtige Rolle in dem wirtschaftlichen Wiederaufbau des nahen 
Ostens zu spielen. * 

Aber ich mu8 wiciderholen, daB die Frage der judischen Fliicht- 
linge, wenn sie auch den zionistischen Anstrengungen einen An- 
sporn gegeben hat, weder jetzt noch jemals frither das erste Motiv 
des Zionismus gebildet hat. Es lag etwas Pcsitiveres hinter den 
ersten Regungen der Bewegung — und dieses Etwas wurde zu- 
sammenhangender und selbstbewuBter, als die Bewegung Bedeutung 
und Kraft gewann. Der Zionismus beabsichtigt mehr als die rein 
negative Tatigkeit einer Milderung des Leidens, mehr als Philan- 
tropie, Palastina war den Zionisten niemals nur eine letzte verzwei- 
felte Mégiichkeit, den Verfolgungen der Welt zu entrinnen. 

Eine Zivilisation ist etwas Ganzes und. Insichgeschlossenes. 
Das Jiidische Dorf im Tale Jizreel, die Jiidische Gemeinschafts- 
kolonie im Schatten des Berges Hermon, die jiidischen Kaufleute von 
Tel Aviv und Jerusalem, die jungen Manner und Frauen, die StraBen 
bauen und Siimpfe trocken legen, sie sind vor allem der Baustoff fiir 


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die neue jitdische Kultur. Diese Leute, die in ihrer eigenen Welt ar- 
beiten, von reinen und unverdorbenen Anfangen empor, sie sind ge- 
eignet, einen jetzt vergessenen Wert zu schaffen — die rein jiidische 
Kultur. In allen anderen Landern, in allen anderen Kolonien fugt 
der Jude nur etwas hinzu, paBt etwas an. Er hat nirgends die Frei- 
heit, er selbst zu sein, er muB das sein, was ihm eine andere schion 
bestehende Zivilisation zu sein erlaubt. Beim besten Willen in der 
Welt kann eine Nation, welche die Juden aufnimmt, den schiweig- 
samen Druck nicht aufheben, den ihre Zivilisation und Kultur aut 
die Individualitat des Juden ausitbt. Aber in Palastina kann der 
Jude zum ersten Mal nach seiner Diaspora wieder in direkte Be- 
zi¢hung zu seinem Grundwesen treten. Niemand steht hier zwischen 
ibm und den ersten Grundlagen seines Lebens. Er hat den Boden 
zuruckgewonnen in jeder Bedeutung, des Wortes; vielleicht ware 
es noch’ besser zu sagen: die Erde. 

. Es ist miBig, dariiber nachzusinnen, welche Formen das jjii- 
dische Leben in Palastina in zwei oder drei Generationen annehmen 
wird. Zu sagen, dab der Jude dies oder jenes der Welt als Frucht 
der Wiedererweckung des palastinisch-jiidischen Lebens geben wird, 
hieBe in eine fehlerhafte Freigebigkeit verfallen. Wir mitssen es 
frei heraussagen, daB wir das Ende des Experimentes nicht 
voraussagen kOnnen. Wir kénnen bloB sagen, da® seine 
Anfange auBerordentlich verheiBend sind, daB sich alle Umstande 
vereinen, um uns von dem Werte unserer Mithen zu iiberzeugen; 
dafs die Lebenskraft und der Reichitum des jiidischen Volkes die 
Furcht ausschlieBt, daB das Endresultat ein Gemeinplatz oder gar 
zwecklos sein kénnte. Wenn man den Juden die Méglichkeit gibt, 
er selbst zu sein, so wird er der Welt sicherlich nicht schlechter 
dienen, als wenn er gezungen wird, jeder andere zu sein nur nicht 
er selbst. Und diese Wiederherstellung seiner Welt schlieBt auch 


die Rehabilitation seines Rufes in seinen eigenen Augen und in den 


Augen der Welt in sich. 














ALFRED POLGAR (Wien) DER OCHS IN TODESANGST 


Im allgemeinen — sagen die praktischen Metzger — diirfte 


-gelten, daB Schlachtvieh keine Todesangst empfinde. Besonders 


fir Hornvieh treffe dies zu. Das Huhn, wenn die Kéchin es so ge- 
wi8 zwischen die Fauste nimmt, das Schwein, zum Block gescitleift: 
sie mo6gen ahnen, was ihnen bevorsteht. Aber Hornvieh ist eben 
Hornvieh. Dumpi, dumm, damlich. Wehen des Todesfittichs spiirt 
es nicht, und Schatten des Fittichs kann es nicht sehen, weil der 
giitige Mensch dem Ochsen die Augen verbindet, ehe er ihm die 
Keule auf das Stirnblatt schmettert. So ist er schon einmal, der 
Mensch. 

Also Schlachtvieh hat keine Ahnung, was kommt. Zu Kriegs- 


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beginn ist der Beweis en masse erbracht worden. Da sah man es 
frohbriillend durch die StraBien ziehen und die Stirnen, der Keule 
verfallen, hoch tragen. 

Es leben aber auch Fleischhauer, die behaupten, dann und 
wann geschehe es, daB das dumme Vieh in articulo mortis sich be- 
nehme, als empfinde es Todesangst. Die meisten Ochsen betreten ~ 
den Platz, an dem die entscheidende erste Handlung, die sie aus 
Lebewesen in einen Komplex von EBportionen verwandelt, an ihnen 
vollzogen wird, ruhigen Herzens, ohne Zeichen von Gemiitsbe- 
wegung. Der Schlag trifft sie, und sie sterben eines schonen Todes. 
Bei einem oder dem andern Vieh jedoch trifft solche Erfahrung 
nicht zu: es geberdet sich, als hatte es Beklemmungen, Ahnungen, 
Vorgeftihle. ; 

In der pikanten Stadt Budapest hat sich jiingst derartiges er- 
eignet. Ich las dariiber im I[lustrierten Blatt, das auch von der 
Endphase des Vorfalls eine photographische Aufnahme zeigt. 

Jener Ochs, jener Besonder-Ochs, von dem die Budapester 
Nachricht erzahlt, wurde, zwei Schritt vorm Schaffott — schon 
schneuzte sich, Luft und Klarheit seinem Hirn erblasend, der Hin- 
richter in die rot quadrillierte Schiirze — von Todesangst befallen. 
Er zitterte, achzte, stiirzte in die Knie, als wollte er um Gnade 
bitten. Vuielleicht erblaGte er auch, aber man sieht es einem Ochsen 
nicht an, wenn er erblaBt. Funktion des Lachens und Erbleichens 
ist den Tieren versagt: diese 4uBeren Zeichen der Heiterkeit und 
der Angst sind Reservatrecht des Menschen, des schamlosen Diinn- 
hauters. 

Ehe man dem Ochsen noch den Standpunkt als Schlachtvieh 
klarmachen konnte, hatte er sich losgerissen, tobte den Weg, den 
er gekommen, zuriick, iiberrannte Hindernisse, durchbrach Tore, — 
lief auf die StraBe. Er lief zehn Kilometer weit, und die Menschen . 
sprangen zur Seite und briillten wie Ochsen, die Wachleute hoben 
die Hand und lieBen sie resigniert wieder sinken, in den Gast- 
hausern stiirzten die Leute kauend, Gabel in der Faust, ans Fenster, 
und ein zufallig des Wegs schlendernder Dichter sah Feuer aus den 
Niistern des rasenden Tieres sprithen. Zehn Kilometer weit lief 
der Ochs, der Schonheiten Budapests nicht achtend. Endlich wurde 
er mide und suchte Unterschlupf, denkt euch — in einem Keller! . 
Welche Folgerichtigkeit des Fluchtgedankens! Hinab, unter die 
Erde, ins Dunkle, Abseitige, schwer zu Durchspahende. Sie fanden 
ihn natirlich doch, ,,ganzlich erschépft, wie der Bericht meldet. 
Er lag auf der Seite, geschlossenen Auges und lie8 mit sich ge- 
schehen, was die andern wollten. Um die Vorderbeine kam ein 
Seil, um die Hinterbeine kam ein Seil; so schleiften sie ihn aus 
seinem Versteck ins Freie. Dann gruppierten sie sich um den Ge- 
fangenen, ein Mann hielt straff das rechte Seil, einer straff das linke 
Seil, einer, ein kurzer Kerl mit Schirmkappe, dickem Schnurrbart 
und Arbeitsschtirze, setzte dem Hingestreckten den Stiefel auf die 


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